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Onryō Zeichnung von Jeremie Michels. Eine asiatisch aussehende Frau in einem blutverschmierten, weißen Kimono steht in der Mitte des Bildes. Ein Windzug kommt von rechts und weht ihre Haare und ihren Kimono zur Seite. Sie sieht den Beobachter direkt an und hat den Mund zu einem wütenden Schrei geöffnet.
Onryō (2020)

Onryō – die japanischen Rachegeister

Onryō ist eine Oberkategorie für viele japanische Geister, über die ich bereits geschrieben habe. Daher finde ich es sinnvoll, diesen Oberbegriff in einem eigenen Beitrag zu behandeln.

Die Geschichte:

Habt ihr schon einmal einen Geist gesehen? Manche Leute sagen, dass einige Menschen empfänglicher dafür seien, als andere.

Seit ich klein bin, lebte ich in unserem Haus. Es war ein sehr altes Haus. Mein Vater betonte immer, wie es schon seit vielen Generationen im Besitz der Familie war.

Dafür hatte ich hier aber auch schon häufig seltsame Dinge erlebt. Manchmal hörte man nachts auf dem Flur Schritte, Türen öffneten und schlossen sich, ohne, dass es einen Luftzug gab, Klopfen und Jammern hallte manchmal durchs Haus.

Papa meinte immer, dass es dafür rationale Erklärungen gäbe, aber wie erklärte man dann die Leute, die ich sah? Die Gestalten, die nachts durch die Räume schlichen? Die Frau, die letzten Winter in unserem Wohnzimmer saß und plötzlich verschwunden war?

Klar, Papa hatte immer eine Erklärung parat. Ich hätte eine große Fantasie, wäre müde gewesen, würde sie mir einbilden.

Doch ich konnte das nicht glauben. Ich wollte das nicht glauben. Wenn ich keine Geister sehen konnte, hätte ich auch keine Möglichkeit, sie wiederzusehen.

Der Unfall war jetzt schon einige Jahre her. Papa tat immer so, als wäre er stark, wäre über sie hinweggekommen, doch ich wusste, dass auch er manchmal weinte. Wusste, dass er in seinen Träumen manchmal den Unfall genauso neu durchlebte, wie ich.

Mama saß damals auf dem Beifahrersitz im Auto. Ihr Handy hatte wegen eines defekten Akkus plötzlich Feuer gefangen. Ehe wir realisiert hatten, was geschah, stand bereits ihre Jack und kurz darauf ihr gesamter Sitz in Flammen. Papa hatte versucht, das Feuer zu löschen. Er hatte nicht aufgepasst.

Die Eisenstange, die kurz darauf die Windschutzscheibe durchbohrte und in Mamas Gesicht gerammt wurde, hatte niemand von uns kommen sehen. Der einzige Trost, den wir hatten, war, dass sie ein schnelles Ende gefunden hatte. Dass sie nicht am lebendigen Leibe verbrannt war.

Seit jenem Tag wünscht ich mir so sehr, sie wiederzusehen. Ich wollte noch einmal mit ihr sprechen, sie noch einmal in den Arm nehmen, mich endlich von ihr verabschieden.

Ich hatte immer davon geträumt, jedoch nie gedacht, dass es eines Tages wirklich passieren würde.

Es war schon spät, als ich von Sport nach Hause kam. Nachdem ich meine Tasche in den Flur gestellt und mir die Schuhe ausgezogen hatte, schlenderte ich ins Wohnzimmer. Sofort schlug mir der herrliche Geruch von gebratener Ente entgegen.

Papa kochte selten Ente. Als Mama noch bei uns war, war es immer ihr Lieblingsessen gewesen. Seitdem sie bei dem Geruch nicht mehr in der Küche standen, wurden Papa und ich davon immer furchtbar sentimental.

Auch ich schwelgte bereits wieder in Erinnerungen. Als ich die Küche betrat, konnte ich Mama fast schon sehen, wie sie am Ofen stand und die kross werdende Ente beobachtete … Nein! Nicht nur fast. Ich sah sie tatsächlich am Ofen stehen!

„M-Mama?“, hauchte ich ungläubig. Meine Augen füllten sich mit Tränen.

Ich ging einige Schritte auf sie zu, blieb dann jedoch abrupt stehen. Sie war nicht alleine in der Küche …

Fassungslos starrte ich den Mann an, der mit weit aufgerissenem Mund und Augen auf den Fliesen lag. Um seinen Körper herum hatte sich eine rote Pfütze gebildet. In seinem Bauch steckten drei lange Messer.

„Papa?“, hauchte ich ungläubig. Meine Freudentränen erstarbem. „Was ist passiert?“, richtete ich mich jetzt wieder an Mama.

„Er hat es verdient“, hauchte sie leise.

Noch immer saß der Schock tief in meinen Knochen. „Wie meinst du das?“, fragte ich.

„Er hat mir nicht geholfen. Vor all den Jahren hat er mich einfach im Auto zurückgelassen!“, sagte sie mit einem wütenden Unterton.

„Nein. Du warst schon tot … Die Eisenstange …“, stammelte ich verwirrt.

Hatte Mamas Geist Papa wirklich umgebracht?!

Sie schüttelte den Kopf. „Ich war noch nicht tot. Weißt du, wie es sich anfühlt, zu verbrennen?“ Sie drehte sich langsam zu mir.

Sofort fielen mir ihre Brandnarben und die klaffende Wunde im Gesicht auf, wo die Stange sie durchbohrt hatte. Ihr Gesicht sah seltsam verformt aus. Der Schädel schien gebrochen zu sein. Ihr eines Auge schielte unnatürlich zur Seite, während sie mich mit dem anderen fixierte.

„Papa hat mich einfach zurückgelassen“, fuhr sie fort, während sie sich zu ihm bückte. „Genau wie du!“ Mit diesen Worten zog sie ein Messer auf Papas leblosem Körper. Es löste sich mit einem leisen Schmatzen. Dann wandte sie sich wieder mir zu. Frisches Blut tropfte von der Klinge.

Was … Was hatte sie vor? Mama würde mir niemals wehtun! Genau, wie sie Papa niemals wehtun würde …

„Was ist bloß mit dir passiert?“, hauchte ich ungläubig. Sie war nicht mehr die Frau, an die ich mich erinnerte.

„Was mit mir passiert ist? Ich bin lebendig verbrannt, weil meine Familie mir nicht helfen wollte!“, schrie sie mich an.

Sie zitterte jetzt am ganzen Körper, während ihr Kopf unnatürlich hin und her zuckte.

„Das stimmt nicht! Wir waren uns so sicher, dass du bereits tot warst. Wenn wir auch nur einen Funken Hoffnung gehabt hätten, dass du noch lebst … wir hätten dich natürlich sofort gerettet!“, protestierte ich.

Ich wusste nicht, was mehr wehtat: meine Mutter in einem solchen Zustand zu sehen oder von ihr so beschuldigt zu werden!

Da ich nicht wusste, was ich anderes tun sollte, rannte ich weg. Wahrscheinlich wäre es schlauer gewesen, das Haus zu verlassen, doch ich konnte nur an ein Versteck denken, das ich als Kind immer benutzt hatte. Ohne zu merken, was für ein enormer Fehler das war, rannte ich die Treppe rauf.

Ich knallte die Tür am oberen Treppenabsatz zu. Das gab mir hoffentlich genug Zeit, mich zu verstecken. Sofort rannte ich weiter in Papas Arbeitszimmer. Ich zog möglichst leise, aber ohne dabei zu langsam zu werden, seinen Stuhl vom Schreibtisch, warf mich darunter und zog den Stuhl wieder heran. Jetzt müsste man sich schon direkt hinter dem Tisch bücken, um mich zu sehen. Ich hoffte nur, dass Mama das Versteck nicht kannte.

Wamm! Mit einem lauten Knall schlug die Tür am oberen Ende der Treppe auf. Der Knall war so laut, dass ich fast aufgeschrien hätte. Sofort drückte ich mir eine Hand auf den Mund.

Während mein Herz so heftig schlug, als wolle es aus meiner Brust ausbrechen, zwang ich mich, ruhig und langsam zu atmen. Ich durfte jetzt keine Geräusche machen!

Leise Schritte kamen aus dem Flur. Dann herrschte wieder Stille. Mama musste stehen geblieben sein.

Iiiiiieeeek … Erleichtert atmete ich auf. Ich kannte das Quietschen gut: Das war die Tür zu meinem Zimmer. Mama suchte in der falschen Richtung!

„Rin? Wo bist du? Komm raus!“, ertönte ihre Stimme gedämpft aus dem anderen Zimmer.

Das war das erste Mal seit dem Unfall, dass sie meinen Namen gesagt hatte. Im Gedankenspiel war ich diesen Moment schon so häufig durchgegangen, hatte mir vorgestellt, wie sie mich rief. Doch nie war so viel Hass in ihrer Stimme gewesen.

Sie war doch immer noch meine Mutter. Die Frau, die mich dreizehn Jahre lange großgezogen hat. Die Frau, die mich geliebt hat. Wie konnte ihr Tod sie nur so verändert haben? Und was war mit Papa. Er war … tot!

Ich musste meine Tränen zurückhalten. Wenn ich auch nur einen Schluchzer von mir gab, könnte das mein Ende sein!

Inzwischen hörte ich leise, knallende Geräusche aus meinem Zimmer. Mama riss wahrscheinlich gerade wahllos meine Schranktüren auf. Immer wieder hörte ich auch etwas anderes, mal ein Klirren, mal ein Schleifen. Sie musste mein gesamtes Zimmer auseinandernehmen.

Wieso konnte es denn nicht aufhören? Wieso konnte es nicht endlich aufhören? Diese Frage sollte ich mir an diesem Abend noch häufiger durch den Kopf gehen.

Als Mama mit meinem Zimmer fertig war, ging sie ins nächste. Wieder rief sie nach mir. „Rin? Rihin? Rin, wo bist du denn? Komm doch raus, mein Schatz!“ Doch der Hass in ihrer Stimme hatte keinen Deut nachgelassen.

Es musste sicherlich eine Stunde vergangen sein, in der Mama Raum für Raum abgesucht hatte. Ich betete zu allen mir bekannten Göttern, dass sie mich nicht finden, das Arbeitszimmer ignorieren würde.

Doch natürlich tat sie das nicht. Direkt nach dem Badezimmer, wo sie hörbar den Duschvorhang heruntergerissen hatte, näherten sich ihre Schritte dem Arbeitszimmer.

„Rin, komm raus! Du brauchst dich nicht vor mir verstecken!“, schrie sie in den Raum.

Ich war wieder den Tränen nahe.

Jetzt begann sie, das Zimmer auseinanderzunehmen. Sie riss Schranktüren auf, warf Zettel und Ordner durch die Gegend. Dann herrschte Stille.

Wieso hörte sie auf? Mein Herz pochte wie wild, während mir vor Anspannung fast schlecht wurde. Was war denn los?

Wamm! Ein kurzer, schriller Aufschrei entfuhr mir, als Mama den ersten Schrank umriss.

Sofort presste ich mir beide Hände fest auf den Mund. Wieder und wieder schimpfte ich mich in Gedanken aus. Wieso konnte ich nicht ruhig bleiben? Ich betete, dass Mama mich nicht gehört hatte.

Dann wurde langsam der Stuhl vor mir weggezogen.

„Hab ich dich“, erklang Mamas Stimme. Jetzt lag in ihr jedoch kein Hass, sondern die Freude über einen bittersüßen Triumph.

Die Legende:

Onryō sind japanische Rachegeister. Egal ob rein fiktive Geister wie Samara/Sadako (The Ring) oder Kayako (The Grudge) oder auch Geister aus japanischen Legenden wie die Kuchisake Onna, Teketeke oder die Shiryō, sie alle zählen zu den Onryō.

Die meisten Onryō zählen zu den Yōkai.

Aussehen:

Das Aussehen der Onryō kann stark variieren. Sie sehen im Normalfall so aus, wie zu Lebzeiten, weswegen die meisten Onryō Japaner sind.

Außerdem weisen sie häufig schwere Wunden oder Verletzungen auf, da Onryō meist auf brutale Weise ums Leben gekommen sind.

Die meisten Erzählungen handeln von weiblichen Onryō, wobei es selten auch männliche geben soll.

Eigenschaften:

Ein Onryō entsteht dadurch, dass die Seele eines Verstorbenen nach seinem Tod aufgrund von Hass, Eifersucht, Wut oder Rache in der Welt der Lebenden verweilt.

Daher sind sie äußerst gefährlich und werden rein von ihren Emotionen getrieben.

Besonders in Japan, aber auch in anderen Ländern überall auf der Welt, werden den Onryō schlimme Verbrechen nachgesagt.

Aber auch, wenn die Onryō grundsätzlich böse sind, gibt es Geschichten, in denen Onryō besänftigt wurden. So wurde z.B. zu ihnen gebetet oder ihnen gar ein Tempel errichtet.

Bei Oiwa – einem der bekanntesten Onryō und einer der beliebten Geistergeschichte Japans – gehen viele Filmproduzenten oder Autoren sogar soweit, ihr Grab in Tokyo zu besuchen, um dort um ihre Erlaubnis zu bitten, ihre Geschichte erzählen zu dürfen.

Trotzdem heißt es, dass Onryō niemals ihren Frieden finden können und – im Gegensatz zu den meisten Geistern der westlichen Welt – dazu verdammt sind, auf ewig in der Welt der Lebenden zu verweilen.

Lebensraum/Vorkommen:

Obwohl die meisten Geschichten, Sichtungen und Berichte von Onryō aus Japan kommen, sollen besonders sehr bekannte Onryō auch bereits in anderen Ländern überall auf der Welt gesichtet worden sein.

Ursprung:

Onryō ist mehr oder weniger ein Sammelbegriff für böse japanische Geister. Daher ist es wohl genauso unmöglich, den Ursprung der Onryō zu benennen, wie zu erklären, wie der Glaube an Geister generell entstanden ist.


Was haltet ihr von den Onryō? Findet ihr sie schlimmer, als die rachsüchtigen Geister Europas oder Amerikas? Was würdet ihr tun, wenn ihr einem Onryō begegnet?

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