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Deer Woman Zeichnung von Jeremie Michels. Man sieht eine amerikanische Ureinwohnerin in einem schlichten, braunen Kleid an einem Baum lehnen. Sie lächelt den Betrachter schüchtern an, während sie mit ihrer rechten Hand mit einer Haarsträhne spielt. Ein Bein ist angewinkelt, sodass der Fuß am Baum lehnt, das andere steht am Boden. Man sieht am unteren Ende des Kleides ein Rehhuf statt eines Fußes unter dem Kleid hervorlugen.
Deer Woman (2020)

Deer Woman – die indianische Rehfrau

Bei der Deer Woman handelt es sich um eine indianische Legende. Daher bitte ich darum, diese Legende mit etwas Vorsicht zu genießen. Ich habe nur wenige Informationen dazu im Internet gefunden und weiß daher nicht, ob alles 100%ig stimmt oder authentisch ist.

Die Geschichte:

Ich hörte die laute Musik schon aus einiger Entfernung. Die Vorfreude packte mich. Ich beschleunigte meine Schritte.

Meine letzte Party war schon einige Jahre her. Ich freute mich aber nicht auf die Feier – zumindest nicht nur – sondern auf bittersüße Rache.

Als ich näher kam, verlangsamte ich meinen Gang. Ich setzte mein süßestes Lächeln auf. Dann zog ich mein Kleid gerade, sodass meine Beine vollständig bedeckt waren. Wenn irgendjemand sah, dass ich Hufe statt Füßen besaß, war alles vorbei. Dann könnte ich diesen Abend niemanden töten.

Ich war ein Wesen, das die amerikanischen Ureinwohner unter dem Namen Deer Woman – also Rehfrau – kannten. Ich erinnere mich gut an die Geschichten über uns, die die Ältesten meinen Brüdern erzählt hatten. Früher hatte ich Angst vor uns. Ich wusste aber auch noch nicht, dass einige Männer die wahren Monster waren!

Damals war ich noch so unbeschwert. Ich war noch nicht nackt und geschändet im Wald zurückgelassen worden, war noch nicht gestorben, war noch keine Deer Woman.

Als ich auf den Parkplatz trat, war die Musik schon fast überwältigend. Sie klang künstlich und hatte nichts von der Musik meines Volkes. Überall standen Scheinwerfer, die buntes Licht in die Masse warfen. Feierlichkeiten waren früher auch einmal etwas anderes gewesen … Aber egal, ich hatte eine Aufgabe.

Es dauerte nicht lange, bis ich ihn entdeckte. Es waren jedoch nicht nur seine typischen Gesichtszüge und seine Hautfarbe, die ihn verrieten, sondern auch seine Ausstrahlung. Ich hatte ein Gespür für Männer wie ihn entwickelt. Zweifellos konnte ich auch von unzähligen Weißen sagen, dass sie untreu waren. Ich spürte es. Doch es fühlte sich irgendwie anders an. Als wäre es nicht meine Aufgabe.

Einige meiner Schwestern – andere Deer Women – sahen dort keinen Unterschied. Doch ich war mir sicher, dass die Weißen mit ihren viel schlimmeren Verbrechen eine andere Bestrafung verdienten, die wir ihnen niemals bieten könnten … und so blieb ich bei meinen Leuten, den Ureinwohnern Amerikas.

Mein Opfer stand zusammen mit einigen Weißen. Lässig lehnte er an einem blauen Cabrio und hielt locker eine Flasche Bier in der Hand.

Seine Freunde beäugten mich, als ich mich näherte. „Hey Andy, ist das ne Freundin von dir?“, fragte einer von ihnen mein Opfer.

Andy – wie er scheinbar hieß – warf mir einen neugierigen Blick zu. Dann wandte er sich wieder zu seinem Freund. „Ey du Rassist, nur weil sie auch eine native American ist, heißt das nicht, dass ich sie kenne!“ Dann lachten sie alle und tranken weiter.

Mich beachteten sie erst wieder, als ich direkt vor ihrer Gruppe stehen blieb.

„Können wir dir helfen?“, fragte einer von ihnen.

Ich lächelte ihn an. „Tut mir leid, es ist nur so selten, dass ich einen meiner Brüder sehe.“

„Brüder? Wenn ich das schön höre … Oder kennt ihr euch doch?“, fragte ein anderer.

Ich warf ihm einen giftigen Blick zu, bevor ich mich wieder fangen konnte.

„Ach, halt die Klappe, Jeff! Wir wollen doch nicht direkt die erste hübsche Frau des Abends vergraulen“, sagte Andy und kam einen Schritt auf mich zu. Dann hielt er mir die Hand hin.

Ich lachte gespielt über seinen geschmacklosen Scherz und ergriff seine Hand.

„Andrew, aber du kannst mich Andy nennen!“, sagte er.

Ich musste mich konzentrieren, nicht mein Gesicht zu verziehen. Nicht einmal seinem gebürtigen Namen blieb er treu! Er glich schon eher einem Bleichgesicht als einem meiner Brüder …

„Nishiime“, erwiderter ich, ohne mir anmerken zu lassen, wie angeekelt ich von ihm war.

Andy stellte mir seine Freunde vor – alle mit fürchterlich weißen Namen, von denen ich mir keinen einzigen merkte. Wozu auch? Sie waren unwichtig. Wichtig war mir nur Andy – und ich machte kein Geheimnis daraus.

Nach einigen Minuten hatte jeder von ihnen verstanden, dass mein Interesse Andy galt. Sie unterließen ihre Anmachsprüche und es dauerte nicht lange, bis Andy mir einen Arm um die Schulter gelegt hatte.

Er beobachtete mich schüchtern, als wolle er meine Reaktion sehen, beobachten, ob er mir zu nahe treten würde. Für einen Moment wirkte er so unschuldig. Ich hatte fast Mitleid.

Ich wusste jedoch, dass er eine Freundin hatte, die er betrog. Wir Deer Women spürten so etwas. Er hatte kein Mitleid verdient! Wäre er treu gewesen, hätte er schließlich nicht in mein Beuteschema gepasst …

Es verging eine ganze Weile, in der nichts Spektakuläres passierte. Andy flirtete mit mir und ich flirtete mit ihm. Wenn er einen Witz erzählt, lachte ich mein natürlichstes Lachen. Unsere Augen trafen sich immer scheinbar zufällig, woraufhin ich lächelte und schüchtern wegsah. Außerdem spielte ich viel mit meinen Haaren herum, während ich mit ihm sprach.

Wie schnell er mir verfiel, war fast schon traurig. Doch es war nicht seine Schuld. Ich hatte viele Jahre Übung und wusste genau, wie ich die Herzen der Männer berühren konnte.

Die einzigen Male, die ich ertappt wurde, bevor ich mit meinem Opfer alleine war, waren vor vielen Jahren ein Tanz, bei dem ich mich so schnell gedreht hatte, dass mein Kleid meine Füße nicht mehr bedeckte oder die Fälle, wenn Männer zu paranoid waren – etwas, das jedoch sehr selten vorkommt, wenn es um Sex geht.

Ersteres konnte mir nicht mehr passieren. Die Musik, die auf heutigen Feiern lief, lud kaum noch zum Tanz ein. Und Letzteres – die Paranoia der Männer – war zusammen mit dem Internet fast vollkommen ausgestorben.

Als Andy mit seiner Hand unauffällig an meinen Hintern fasste, wusste ich, dass es so weit war. Männer waren alle gleich. Früher hatten mich ihre Berührungen noch gestört, mich zu sehr an meinen Tod erinnert, doch heutzutage schürten sie nur meine Wut. Eine Wut, ohne die ich meine Aufgabe wohl nicht immer hätte zu Ende führen können.

Vorsichtig brachte ich meinen Mund an Andys Ohr. „Wie wäre es, wenn wir für ein paar Minuten im Wald verschwinden? Nur du und ich …“, flüsterte ich ihm zu.

Sein knallrotes Gesicht und dämliches Grinsen waren Antwort genug.

„Hey, Leute. Nishiime und ich vertreten uns mal schnell die Beine, wenn ihr versteht“, warf Andy in die Runde.

Zwei Jungs jubelten, ein anderer machte anzügliche Bewegungen mit seiner Hand und seinem Mund. Mir wurde fast schlecht.

Wie konnte Andy mit sowas auch noch angeben? Wo waren nur die Zeiten hin, in denen es noch hieß, dass ein ‚Gentleman genießt und schweigt‘?

Ich führte Andy, der noch immer dämlich am Grinsen war, in den Wald hinein. Der Alkohol und seine Lust hatten ihn völlig benebelt.

Als wir weit genug draußen waren, lehnte ich mich verführerisch an einen Baum. Ich strich mir die Haare über die Schulter, während ich ihn mit großen Augen ansah.

Er stürzte sich fast sofort auf mich und drückte seine Lippen auf die meinen. Sein Atem stank nach dem Feuerwasser.

„W-warte!“, sagte ich panisch. Für einen kurzen Moment fiel ich aus der Rolle. „Was ist mit deiner Freundin?“, fragte ich. Dann fing ich mich wieder.

Verdammt. Wieso sprach ich sie an? Er hatte mir nichts von einer Freundin erzählt!

Doch er bemerkte es nicht einmal. „Meine Freundin ist nicht hier, oder?“ Wieder dieses dämliche Grinsen. Dann küsste er mich erneut.

Erst, als er dabei war, mir mein Kleid auszuziehen, fiel sein Blick auf meine Beine.

Er erstarrte. Sein Hirn schien nicht zu verarbeiten, was er dort sah. „Was zur Hölle?“, lallte er, während er verwirrt zurück stolperte.

Ich genoss den Moment. Jedes Mal reagierten die Typen gleich, wenn sie meine Hufe erblickten.

Ich lächelte mein süßes Lächeln. Doch diesmal war das Lächeln nicht für ihn. Es war nicht für irgendeinen Mann, sondern für mich – und nur für mich! Es war ein Lächeln der bittersüßen Rache.

Hier draußen würde ihn niemand schreien hören …

Die Legende:

Die Deer Woman (englisch für Rehfrau), manchmal auch Deer Lady genannt, ist ein Wesen vieler indianischer Völker Amerikas. Sie ist unter anderem bei den Anishinabe, den Irokesen, den Cherokee, den Sioux, den Ponca, den Omaha sowie vielen, vielen anderen indianischen Völkern bekannt.

Aussehen:

Eine Deer Woman kann je nach Erzählung leicht unterschiedlich aussehen. In den meisten Fällen sind es jedoch wunderschöne indianische Frauen, die Rehhufe statt Füßen besitzen.

Da sie sich häufig in Rehe verwandeln können, können sie auch wie normale Rehe aussehen.

Eigenschaften:

Häufig gelten die Deer Women als gutartige Wesen der Liebe und Fruchtbarkeit, die z.B. Frauen dabei helfen, Kinder zu empfangen.

Es gibt aber auch weniger freundliche Versionen dieser Legende, bei denen eine Deer Woman es meist auf junge Männer abgesehen hat.

Es heißt, dass die Deer Woman unter anderem gerne an Festen und Feiern teilnehme, wo sie ihr nächstes Opfer aussucht. Besonders Männer, die häufig ihre Partnerin wechseln oder sie sogar betrügen, sind betroffen.

Die Deer Woman erscheint ihnen dann als wunderschöne und unwiderstehliche Frau. Sie verführt sie, um sie von den anderen fortzulocken. Anschließend – wenn sie mit ihm alleine ist – bringt sie den Mann um. Häufig wird nicht genauer beschrieben, wie sie dies tut, manchmal heißt es jedoch, dass sie die Männer tottrampeln würde.

Eine weniger brutale Version besagt, dass sie die Männer erst für sich gewinne und ihnen dann das Herz breche. Sie bekommen somit das zu spüren, was sie ihren Partnerinnen angetan haben.

Es heißt, dass die einzige Möglichkeit, dem Fluch einer Deer Woman zu entgehen, sei, dass man rechtzeitig ihre Rehhufe bemerkt. Zudem soll sie – zumindest in den Legenden des Anishinabe – durch Tabak und Gesänge vertrieben werden können.

In manchen Erzählungen nimmt die Deer Woman zudem die Rolle des schwarzen Mannes ein und wird dazu genutzt, Kinder zu erschrecken oder sie durch Angst zum Gehorsam zu zwingen.

Meist handelt es sich bei der Deer Woman um einen Geist. Es gibt jedoch auch Versionen, in denen sie einmal eine Frau war, die durch ein schlimmes Verbrechen wie etwa eine Vergewaltigung umgekommen ist. Nach ihrem Tod wurde sie zu einer Deer Woman, um sich erst bei ihren Tätern und anschließend bei anderen Männern, die Frauen schlecht behandeln, zu rächen.

Wie oder von wem sie in eine Deer Woman verwandelt wird, ist je nach Erzählung und wahrscheinlich Indianervolk unterschiedlich.

Lebensraum/Vorkommen:

Ich habe keine genaueren Angaben zu den Lebensräumen der Deer Women finden können. Da sie jedoch eng mit den Rehen verwandt sind, kommen sie folglich nur in Gebieten vor, in denen es auch Rehe gibt.

Da ihre Legende von indianischen Völkern stammt, ist sie zudem nur in Amerika anzutreffen.

Ursprung:

Die Legenden der Deer Women lassen sich zu vielen verschiedenen Indianervölkern zurückverfolgen.

Da diese Legenden jedoch hauptsächlich von Mund zu Mund über Generationen hinweg weitererzählt wurden, lässt sich nicht mehr genau sagen, wo ihr tatsächlicher Ursprung liegt.


Was haltet ihr von den Deer Women? Findet ihr ihre Methoden gerechtfertigt? Oder findet ihr, dass Fremdgehen für eine solche Strafe in der heutigen Gesellschaft zu normal geworden ist? Schreibt es in die Kommentare!

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