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The Flying Head Zeichnung von Jeremie Michels. Man sieht einen gewaltigen menschenähnlichen Kopf mit tiefroten Augen, buschigen Augenbrauen und einem wütend aufgerissenen, mit spitzen Zähnen besetzten Mund. Lange, schwarze Haare hängen wirr um ihn herum, während aus seiner Seite braune Flügel ragen. An der Unterseite, wo der Hals hätte sein müssen, befinden sich zwei menschenähnliche Hände, mit langen, spitzen Fingernägeln.
The Flying Head (2020)

The Flying Head

Meine Flying Head Geschichte ist die bisher längste Geschichte, die ich auf meinem Blog veröffentlicht habe. Insgesamt ist sie (ohne den „Die Legende“-Teil) 12 Normseiten lang und hat auch entsprechend lange gedauert. Ich hoffe, sie gefällt euch, auch wenn ich in naher Zukunft wohl nicht noch einmal eine solch umfangreiche Kurzgeschichte schreiben werde.

Die Geschichte:

„Was ist eigentlich mit euren Feldern passiert?“, fragte Tá:wit beim Abendessen. „Waren das irgendwelche Tiere?“

„Das haben wir zuerst auch gedacht“, antwortete Mom. Sie klang ruhig, ich wusste jedoch, wie sehr sie das Thema aufwühlte. „Wir haben uns sogar einen Wachhund zugelegt, der die nächtlichen Unruhestifter vertreiben sollte.“ Jetzt starrte sie geistesabwesend auf ihren Teller.

„Ich hab gar keinen Hund gesehen“, erwiderte Tá:wit verwundert und sah sich um, als erwarte er den Hund in der Küche.

„Er ist weg“, sagte ich schnell. Ich wollte nicht, dass Mom es ihm erklären musste. „Wir haben am nächsten Tag nur noch seine Kette gefunden. Eins der Glieder ist wohl durchgebrochen. Wahrscheinlich ist der Hund weggelaufen …“

„Das stimmt nicht, Nathan! Und das weißt du genau!“, fuhr Mom mich an. „Dieses Ding hat ihn gefressen! Du hast die Schreie doch auch gehört!“

„Welches Ding? Welche Schreie?“, fragte Tá:wit. Er sah mit fragendem Blick zwischen Mom und mir hin und her.

Ich sah, wie Moms Hand zitterte, während sie den Löffel zum Mund führte.

„Lass uns später darüber reden“, erwiderte ich, um uns auf andere Gedanken zu bringen. „Wie war die Fahrt?“

Es dauerte nicht lange, bis wir uns mit dem neuen Thema ablenken konnten. Ich wusste, dass Mom sich Sorgen machte – wie sollten Farmer Geld verdienen, wenn ihre Felder leergefressen wurden? Außerdem war da noch die Sache mit Onkel Mike …

Als wir mit dem Essen fertig waren, gingen Tá:wit und ich auf mein Zimmer. Er war erschöpft von der langen Bahnfahrt, weswegen wir seinen Schlafsack und die Matratze herausholten. Wir legten sie direkt neben mein Bett, wie wir es als Kinder schon immer getan hatten. Seitdem hatte sich jedoch einiges geändert.

Damals hatte er sich ‚David‘ genannt, trug unauffällige Kleidung und kurze Haare. Er redete nie über seine Herkunft. Ich erinnerte mich sogar an ein Gespräch, in dem er sagte, wie gerne er weiß wäre, wie unfair er es fand, dass man ihn nur wegen seiner Vorfahren anders behandelte …

Heute am Bahnhof hätte ich ihn hingegen kaum wiedererkannt. Seine langen schwarzen Haare waren geflochten. Er trug traditionellen Schmuck. Er war stolz auf seine Herkunft, wirkte zufrieden – ganz anders als früher.

„Also? Was wolltest du beim Essen nicht sagen?“, fragte er schließlich.

Ich biss mir auf die Lippe. „Es geht um meinen Onkel … Mike“, begann ich zögernd. „Er und Dad waren nachts draußen, um das, was auch immer unsere Felder verwüstet, zu vertreiben oder zu erlegen. Mike ist nicht nach Hause zurückgekehrt …“

„Dein Onkel ist verschwunden? Hat dein Dad was gesehen?“, fragte Tá:wit schockiert.

„Vielleicht. Ich weiß es nicht. Er redet nicht darüber. Aber er scheint vor irgendetwas panische Angst zu haben. Seitdem schließt er jeden Abend die Haustür ab und hat uns verboten, nachts die Lichter einzuschalten …“

Tá:wit schwieg. Er schien zu merken, wie sehr mich das Thema mitnahm.

Während ich die weiße Decke dabei beobachtete, wie sie beim schwindenden Licht immer grauer wurde, bemerkte ich, dass die Vorkommnisse Tá:wit beschäftigten.

Na toll. Ich hatte mich darüber gefreut, dass er mich von dem ganzen Mist ablenken würde, nicht, dass ich ihn mit hineinzog …! Vielleicht konnte ich das Thema ja in eine andere Richtung lenken.

„Wie siehts eigentlich bei dir aus?“, fragte ich. „Wir haben uns ewig nicht gesehen. Hast du einen festen Freund oder jemanden in Aussicht?“

Ich hörte, wie Tá:wit sich in seinem Schlafsack auf die Seite drehte. Er lachte kurz. „Leider nicht. Es gab zwar einige Typen, aber die meisten wollten bloß mit einem native American schlafen … Als ob das irgendwie besonders wäre. Das letzte Mal, dass es ernster wurde, ist schon ewig her. Und bei dir?“

„Geht mir ähnlich … Meine letzte Freundin hat vor fast zwei Jahren mit mir Schluss gemacht. Sie hat mich mit meiner Cousine in der Stadt gesehen und dachte …“

Ein schriller Schrei drang durch das Fenster zu uns herein und schnitt mir das Wort ab. Obwohl er sehr weit entfernt klang, spürte ich ihn bis tief ins Mark.

Im Halbdunkel sah ich, dass Tá:wit sich aufgesetzt hatte.

„Ist das …?“, flüsterte er.

„Jap. Das sind die Schreie, von denen Mom vorhin geredet hat. Wir hören sie fast jede Nacht“, flüsterte ich zurück. „Mal sind sie weiter weg, mal näher.“

Wie auf Kommando schnitt ein erneuter, viel lauterer Schrei durch die Dunkelheit.

Schemenhaft erkannte ich Tá:wits Silhouette, wie er sich aus dem Schlafsack pellte und zum Fenster schlich. Ich folgte ihm, sodass wir kurz darauf dicht an dicht am Fenster hockten und durch einen Spalt in der Jalousie spähten.

Draußen war es inzwischen dunkel geworden. Unsere einzige Lichtquelle war der Mond.

„Da! Hast du das gesehen?“, zischte Tá:wit mir zu.

Angestrengt starrte ich in die Dunkelheit. Einige Pflanzen wogen sich seicht im Wind. Ansonsten sah ich gar nichts.

„Was meinst du?“, flüsterte ich.

„Da ist etwas im Himmel! Es hat sich eben aufs Feld gestürzt und ist sofort wieder nach oben gestiegen!“

Mit zusammengekniffenen Augen versuchte ich, irgendetwas zu erkennen. Ich suchte nach einer Bewegung, die nicht von den Pflanzen kam. Dann bemerkte ich zwei kleine rot leuchtende Punkte, die über dem Feld schwebten.

Ein erneuter Schrei ließ mich einen Satz zurück machen. Er war so laut, als wäre das, was ihn ausstieß, direkt vor der Scheibe gewesen.

Jetzt sah ich, dass auch Tá:wit sich nach hinten hatte fallenlassen, um vom Fenster wegzukommen.

„Keine Sorge. Morgen früh ist es wieder vorbei. Und das Haus wurde bisher auch in Ruhe gelassen“, versuchte ich, ihn zu beruhigen.

Meine Gedanken kreisten noch eine ganze Weile. Tá:wit wälzte sich unruhig im Schlafsack hin und her.

Da ist etwas im Himmel‘, gingen mir seine Worte durch den Kopf. War das mit Onkel Mike passiert? War etwas aus dem Himmel gestürzt und hatte ihn mit sich gerissen? Und was waren das für leuchtende Punkte gewesen? Hatte ich sie mir bloß eingebildet? Vielleicht eine Reflexion an der Scheibe?

Während die Schreie im Hintergrund noch immer andauerten, merkte ich, wie meine Müdigkeit mich langsam einholte. Dann war ich endlich eingeschlafen.

Am nächsten Morgen wurde ich von Lärm aus dem Erdgeschoss geweckt. Als ich aus dem Bett stieg, um nachzusehen, merkte ich, dass Tá:wit nicht in seinem Schlafsack lag. Ich zog mir eine Hose an und eilte nach unten.

„Du hast ihn gesehen! Du hast ihn also wirklich gesehen!“, schrie Dad Tá:wit an, als ich ins Wohnzimmer kam.

Mom hatte alle Hände voll damit zu tun, Dad in Schach zu halten, während Tá:wit sich wieder und wieder entschuldigte.

„Oh, Nathan! Gut, dass du da bist. Können du und Tá:wit rausgehen, nur, während ich Dad beruhige? Ich hab keine Ahnung, was plötzlich in ihn gefahren ist!“

Noch ehe ich etwas erwidern konnte, griff Tá:wit nach meinem Arm und zog mich in den Flur.

„Ich weiß, was eure Felder verwüstet!“, sagte er triumphierend. „Es gibt eine alte Legende der Irokesen über ein Wesen namens Kanontsistóntie’s – auf Englisch übersetzt heißt das Flying Head.“

„Ein fliegender Kopf?“, fragte ich jetzt völlig verwirrt.

„Der Flying Head ist eine furchteinflößende Kreatur – ein Geist, wenn man einigen Legenden glaubt. Ein gigantischer fliegender Kopf, der dafür bekannt ist, alles zu fressen, was ihm zwischen die Zähne kommt: die Ernte, Vorräte, Tiere, Menschen. Außerdem soll er grausame Schreie ausstoßen und seine Augen sollen genauso leuchten, wie wir es gestern durchs Fenster gesehen haben“, erzählte Tá:wit aufgeregt.

„Aber … Ein riesiger fliegender Kopf? Das glaubst du doch nicht wirklich, oder?“, fragte mit hochgezogener Augenbraue.

„Ich denke mal, dass es Auslegungssache sein könnte. Vielleicht hat das Wesen sie nur an einen Kopf erinnert, aber … dein Dad hat ihn auch gesehen!“

Ich starrte Tá:wit ungläubig an. Ein Flying Head? War es das, was Dad so verstört hatte? Hatte er es deswegen nicht erzählt? Weil er wusste, dass wir ihm nicht glauben würden?

Anschließend bat ich Tá:wit darum, mir alles über die Legende zu erzählen. Wenn wir wussten, womit wir es zu tun hatten, würden wir es vielleicht aufhalten können!

Und wir hatten Glück: Es gab tatsächlich eine Methode, den Flying Head zu vertreiben.

„Sie sind nicht sonderlich schlau“, erklärte Tá:wit. „Es gibt mehrere Legenden, in denen der Protagonist einen Flying Head dazu gebracht hat, heiße Kohlen zu fressen, indem er so getan hat, als wären es zum Beispiel geröstete Eicheln. Bei seinem nie endenden Hunger konnte er nicht widerstehen und hat sich fürchterlich den Mund verbrannt. Es heißt, dass er daraufhin geflohen sei und nie wieder zurückgekehrt ist.“

Ob es für uns jedoch so einfach werden würde? Immerhin starben in den Geschichten meist viele Menschen, bevor man den Flying Head endlich vertreiben konnte. Und um ihm die Kohle schmackhaft zu machen, während sie noch heiß genug ist, müssen wir ganz in seiner Nähe sein …!

Den restlichen Tag verbrachten Tá:wit und ich damit, Vorbereitungen zu treffen. Wir suchten einen passenden Ort für unser Vorhaben – wir entschieden uns für eine Lichtung im Wald – und organisierten einen Grill und alles Weitere, um ein sicheres Feuer zu starten. Dabei mussten wir natürlich darauf achten, dass Mom und Dad nichts davon mitbekamen.

Als wir endlich fertig waren, dämmerte es bereits. Wir gingen zum Haus zurück, wo Mom ungeduldig wartete.

„Da seid ihr ja. Ich hab mir Sorgen gemacht!“, schimpfte sie, während sie eilig die Tür hinter uns schloss.

„Jetzt sind wir ja hier. Wir gehen auch direkt ins Bett. Gute Nacht!“, log ich. Erste Gewissensbisse machten sich in mir breit.

Zum Glück merkte Mom uns nichts an. Seit wir nachts keine Lichter mehr einschalteten, war es für uns normal geworden, uns bei Dämmerung bettfertig zu machen.

Als wir oben waren, warteten wir, bis Mom und Dad ins Bett gingen.

Dann schlichen wir, so leise wir konnten, in die Küche, nahmen Fleisch, Gewürze und eine Zwiebel mit und eilten weiter nach draußen.

Als die Tür hinter uns geschlossen war, atmete ich erleichtert auf. Der Anfang war geschafft, doch was jetzt folgte, war der schwierige Teil.

Wir rannten zur Lichtung mit dem vorbereiteten Grill und machten uns direkt an die Arbeit. Ich entfachte das Feuer, während Tá:wit das Fleisch vorbereitete.

Als alles fertig war, stellten wir die Pfanne auf den Grill. Das Fleisch brutzelte und verteilte ein angenehmes Aroma auf der Lichtung, das mir das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ. Die Gewürze und die kleingeschnittene Zwiebel sorgten für die perfekte Note.

Während Tá:wit sich darum kümmerte, dass nichts anbrannte, nahm ich eine Schaufel zur Hand, die wir bereitgelegt hatten und wartete. Unser Plan war es, eine Schaufelladung voll glühender Kohlen in die Pfanne zu kippen, sobald die ersten Schreie ertönten.

„Hörst du das?“, flüsterte Tá:wit mir zu.

Ich lauschte angestrengt. Der Wind raschelte sanft in den Blättern, ansonsten war es völlig still. „Was meinst du? Ich höre nichts.“

„Eben. Bis gerade haben die Vögel noch zur Dämmerung gesungen. Sie haben zu früh und zu plötzlich aufgehört!“

Ich wusste nicht, ob es etwas zu bedeuten hatte, nahm es jedoch als Stichwort, mich bereit zu machen. Gerade hatte ich die Schaufel in Position gebracht, um möglichst schnell die glühenden Kohlen aufnehmen zu können, als auch schon der erste Schrei durch die Nacht hallte.

Jetzt, wo er nicht mehr durch Wände oder eine Scheibe gedämpft war, trieb er mir sofort eine Gänsehaut über den Nacken. Er war so durchdringen, dass ich ihn in meinem gesamten Körper spürte.

Panik breitete sich in mir aus. Ich musste gegen den Drang ankämpfen, wegzulaufen.

Tá:wit war dabei, mit einem Stück Pappe den Fleischgeruch aufzuwirbeln. Wir mussten sichergehen, dass der Flying Head – wenn es denn wirklich einer war – den Geruch wahrnahm.

Erstmals verspürte ich Zweifel. Was, wenn Tá:wit sich geirrt hatte? Was, wenn es etwas völlig anderes war? Wir riskierten hier unser Leben. Und warum? Weil Tá:wit irgendwelche alten Märchen kannte?

Nein! Für Zweifel war es jetzt zu spät!

Der zweite Schrei klang deutlich näher. Mein Magen krampfte sich zusammen, während ich auf Tá:wits Stichwort wartete.

„Jetzt!“, zischte er mir zu.

Sofort rammte ich die Schaufel in die Kohlen, nahm sie auf und füllte sie behutsam in die Pfanne. Dann rannten wir los. Die Schaufel warf ich scheppernd zu Boden.

Wir rannten zu einer alten Eiche, die vor einigen Jahren bei einem schweren Sturm entwurzelt wurde. Sie hatte bei ihrem Sturz einen Krater in die Erde gerissen, in dem Tá:wit und ich uns jetzt versteckten.

Während ich am Boden kauerte, lugte Táwit vorsichtig am Stamm vorbei. Zu gerne hätte ich ihn gefragt, ob er etwas sehen konnte, doch ich traute mich nicht, auch nur einen Mucks von mir zu geben. Und so warteten wir.

Über uns ertönten wieder und wieder Schreie. Sie klangen immer unterschiedlich weit entfernt – mal näher, mal weiter weg.

„Es funktioniert nicht!“, zischte Tá:wit mir zu. „Wir müssen ihn auf die Kohle aufmerksam machen!“

Noch ehe ich etwas erwidern konnte, kletterte er aus dem Krater und rannte geduckt in Richtung Feuer.

„Tá:wit, nicht!“, zischte ich ihm hinterher, wurde jedoch von einem lauten Schrei übertönt – er war direkt über mir.

„Hey, du Mistvieh! Hier bin ich!“, brüllte Tá:wit aus voller Lunge.

Dann näherte sich ein Geräusch, das wie eine Mischung aus Flügelschlägen und dem Flackern einer Fahne im Wind klang.

Meine Neugier übertraf jetzt meine Angst. Vorsichtig spähte ich zu der Feuerstelle hinüber.

Ich schnappte nach Luft. Was dort über der Feuerstelle schwebte, war tatsächlich ein gigantischer Kopf. Er war größer als Tá:wit und bestand fast völlig aus einer hässlichen Fratze. Vogelartige Flügel ragten an der Seite aus langen, wirren, schwarzen Haaren hervor. Sein riesiger Mund stand gierig offen und entblößte spitze Zähne, während ein Speichelfaden zu Boden tropfte. Die rot leuchtenden Augen waren auf Tá:wit geheftet.

„Ich dachte mir schon, dass du meinem Essen nicht widerstehen kannst. Aber wenn du denkst, dass ich teile, hast du dich geschnitten!“, provozierte Tá:wit den Flying Head.

Dieser blickte hungrig zwischen Tá:wit und dem Grill hin und her. Dann öffnete er seinen Mund und stieß einen weiteren Schrei aus, der meine Trommelfelle fast zum Bersten brachte.

Sofort zog ich mich in die Grube zurück. Ich kauerte im Dreck, während ich meine Hände schützend an meine Ohren drückte.

Wie konnten wir nur denken, dass es eine gute Idee war, dieses Monster zu uns zu locken?!

Ich wollte mich gerade wieder aufrichten, als ich einen weiteren Schrei hörte. Diesmal war er jedoch leiser … menschlicher. Das war Tá:wit!

Direkt auf den Schrei folgten ein dumpfer Aufprall und ein markerschütterndes Knacken.

Panisch presste ich mir die Hände fester auf die Ohren. Nein, nein, nein! Das konnte nicht wahr sein! Ich hatte meinen besten Freund gerade erst wiederbekommen, nur, um ihn dann wieder zu verlieren? Diesmal für immer?

Kurz dachte ich darüber nach, ihm zur Hilfe zu eilen, den Helden zu spielen. Doch sofort schoss mir wieder diese grässliche Fratze in den Kopf. Es gab nichts mehr, was ich für Tá:wit tun konnte.

Tränen rollten über meine Wangen. Ob er ihn wohl gerade fraß? Würde Tá:wit leiden?

Nein, er hatte nur kurz aufgeschrien. Sicherlich war es schnell gegangen.

Plötzlich drang ein neues Geräusch gedämpft an meine noch immer zugehaltenen Ohren. Diesmal klangen die Schreie der Kreatur anders. Sie waren voller Qualen. Als würden hundert Fingernägel gleichzeitig über eine Tafel kratzen. Dann wurden sie leiser. Sie entfernten sich.

War Tá:wits Plan also doch noch aufgegangen? Hatte der Flying Head die Pfanne mit den heißen Kohlen und dem Fleisch verschlungen?

Wenn das Wesen fort war, hatte Tá:wit unsere Farm gerettet. Doch zu welchem Preis?

Als die Schreie nicht mehr zu hören waren, wagte ich es, die Hände von den Ohren zu nehmen. Wie in Trance stand ich auf, kletterte aus der Grube und ging zurück auf die Lichtung.

Der Grill war umgestoßen, die Pfanne und einigen Kohlen lagen am Boden verteilt. Ich bückte mich, um nach der Schaufel zu greifen. Plötzlich ertönte hinter mir ein Keuchen.

Es war, als hätte man mir einen Eimer Wasser über den Kopf geschüttet. Sofort war ich wieder im Hier und Jetzt, spürte, wie mein Herz erneut zu rasen anfing.

„Wir haben’s geschafft“, ertönte eine gepresste Stimme.

Ich fuhr herum. Da lag Tá:wit, mitten im Unterholz, umgeben von alten Blättern und morschen Ästen.

„Du … du lebst!“, stammelte ich ungläubig.

„Was dachtest du denn? Ich bin gestolpert, als das Ding sich genähert hat. Zum Glück fand es den Grill interessanter als mich …“

Ich konnte es kaum glauben. Er war bloß gestolpert!

Wieder schossen mir Tränen in die Augen – diesmal Freudentränen. Tá:wit hatte unsere Farm gerettet – und er hatte überlebt!

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Die Legende:

The Flying Head (englisch für „Der fliegende Kopf“), manchmal auch „Big Head“ (großer Kopf) oder „The Great Head“ (der große Kopf) genannt, ist eine Legende einiger amerikanischer Ureinwohnerstämme. Besonders bekannt war sie bei den Stämmen der Irokesen und den Wyandot.

In der einheimischen Sprache hat der Flying Head viele Namen. So heißt er beispielsweise Kanontsistóntie’s, Kunenhrayenhnenh (beides bedeutet „fliegender Kopf“ auf Deutsch) oder Dagwanoenyent (Wirbelwind).

Aussehen:

Der Flying Head soll wie ein gigantischer Kopf aussehen, der häufig als größer als jeder Mann beschrieben wird. Manchmal heißt es sogar, dass der Kopf viermal so groß wie ein Mensch sei.

Seine Haut soll sehr alt und faltig, manchmal auch sehr dunkel sein.

Zudem soll der Kopf messerscharfe Zähne, lange, wirre Haare, und feurig leuchtende Augen besitzen. Dort, wo seine Ohren hätten sein müssen, befinden sich angeblich fledermaus- oder vogelartige Flügel.

An seiner Unterseite soll er menschenähnliche Arme mit langen Klauen besitzen.

Entstehung:

Darüber, wie ein Flying Head entsteht, gibt es viele Erzählungen. Manche Leute behaupten, dass es der abgetrennte Kopf eines brutal ermordeten Menschen sei, der sich aus einem Grab oder gar einem Massengrab erhoben und sich in die Kreatur verwandelt haben soll.

Andere Theorien besagen, dass Kannibalismus einen Menschen in einen Flying Head verwandeln könne – wie es auch bei anderen indianischen Legenden wie z.B. dem Wendigo der Fall ist.

In den meisten Geschichten wir jedoch entweder überhaupt nicht auf den Ursprung der Kreatur eingegangen, oder sie wird wie ein eigenständiges Wesen behandelt, das schon immer da war.

Eigenschaften:

Der Flying Head soll einen unstillbaren Hunger besitzen und alles fressen, was ihm zwischen die Zähne kommt – Obst, Gemüse, gekochtes und rohes Fleisch sowohl von Menschen als auch von Tieren. Sie sind somit nicht in dem Sinne gefährlich, dass sie Menschen fressen, sondern auch, weil sie die Vorräte und die Ernte wegfressen.

Die Angst vor ihnen soll so groß gewesen sein, dass ganze Dörfer geflohen sind, wenn sie seine lauten Schreie in der Ferne gehört haben. Waldtiere sollen vor ihm die Flucht ergreifen, während Hunde und andere Haustiere verrückt spielen.

Die Haut des Flying Heads soll außerdem so robust sein, dass man sie mit keiner Waffe durchdringen konnte – manchmal wird auch sein Haar für seine Unverwundbarkeit verantwortlich gemacht. (Legenden, in denen man den Flying Head z.B an seinen Augen verletzt hat, wie man es aus Legenden von anderen unverwundbaren Wesen kennt, habe ich übrigens keine finden können.)

Zum Glück sollen Flying Heads nicht sonderlich schlau sein. Fast jede Legende über sie endet damit, dass eine Person – meist eine Frau oder ein Mädchen – im Dorf zurückbleibt und so tut, als würde sie Kohlen oder erhitze Steine essen.

Der immerhungrige Flying Head stürzt sich anschließend auf die falsche Mahlzeit, sodass er sich den gesamten Mund verbrennt. Voller Schmerz soll er fliehen und nie mehr zurückgekehrten.

In seltenen Fällen kann der Flying Head sogar sprechen.

Lebensraum/Vorkommen:

Tagsüber verkriechen sich die Flying Heads in Berghöhlen oder unter der Erde. In der Nacht jedoch kommen sie heraus und machen sich auf die Suche nach Nahrung.

Die Ursprungslegende ließ sich mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die Gegend des Staats New York zurückverfolgen.

Ursprung:

Über den Ursprung der Flying Head Legende habe ich sehr wenig herausfinden können.

Einige vage Vermutungen besagen, dass eine Hungersnot, z.B. durch einen sehr kalten Winter ausgelöst, der die Ernte zerstört und die wilden Tiere in andere Gebiete vertrieben hat, der Ursprung sein könnte. Eine offizielle Bestätigung hierzu habe ich jedoch nicht finden können.


Was haltet ihr vom Flying Head? Findet ihr das Wesen völlig absurd oder denkt ihr, dass Leute früher begründet an ihn geglaubt (und ihn gefürchtet) haben? Wie würdet ihr reagiere, wenn ihr seltsame, beängstigende Schreie im Wald hören würdet? Schreibt es mir in die Kommentare!

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4 Kommentare

    • Jeremie Michels says:

      Also „lustig“ ist jetzt nicht das, worauf ich hinaus wollte. Ich versteh aber, was du meinst. xD

      Wobei er sicherlich noch ein Stück lustiger gewesen wäre, wenn ich die Flügel etwas höher gesetzt und nicht ganz so viele Haare davor gezeichnet hätte (sodass man erkannt hätte, dass sie von dort kommen, wo die Ohren hätten sein müssen).
      Als ich mit dem Bild fertig war, war es aber schon nach 2 Uhr morgens und hatte keine Lust mehr, das großartig zu korrigieren (zumal es mir auch so gut genug gefällt) ^^‘

  1. NN says:

    Also hat es ihm das Leben gerettet das er nicht aufgepasst hat.🤦
    Wenn man beim falschen Lehrer in der Schule nicht aufpasst dann R.I.P.

    • Jeremie Michels says:

      Der Sturz hat Tá:wit nicht zwangsläufig das Leben gerettet. Vielleicht empfand der Flying Head das Grillfleisch ja bloß als passende Vorspeise oder der Grill stand einfach näher bei ihm … :’D

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