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Shiryō Zeichnung von Jeremie Michels. Man sieht ein kleines asiatisches Mädchen mit einem blutigen grauen Kleid, einem gebrochenem rechten Arm und einem großen Messer in der linken Hand. Sie sieht den Betrachter wütend an.
Shiryō (2019)

Shiryō – die Totengeister (überarbeitet)

Den Beitrag über die Shiryō habe ich auf Wunsch einer Leserin überarbeitet. Wie ihr sicherlich gemerkt habt, überarbeite ich zur Zeit jede zweite Woche einen alten Artikel. Solltet ihr einen Wunsch haben, welche Geschichte ich als nächstes überarbeiten soll, schreibt mir gerne eine Nachricht auf den sozialen Medien oder schickt mir eine E-Mail!

Die Geschichte:

Als ich vom Tod meiner kleinen Schwester erfuhr, dachte ich, dass das der schlimmste Tag meines Lebens werden sollte. Wie falsch ich damit liegen sollte, erfuhr ich jedoch keine 48 Stunden später – zu dem Zeitpunkt, als meine Schwester zurückkam.

Sakura war erst elf gewesen, als sie gestern auf ihrem Fahrrad von einem LKW erwischt wurde. Sie starb noch, bevor der Krankenwagen vor Ort war.

Seitdem ich davon erfahren hatte, wünschte ich mir so sehr, dass ich noch ein letztes Mal mit ihr reden, mich von ihr verabschieden könne. Als dieser Wunsch jedoch in Erfüllung ging, verlief es anders, als ich es mir vorgestellt hatte.

Es war mitten in der Nacht, als ich von Sakura sanfter Stimme geweckt wurde. „Kaito. Kaito, wach auf. Du musst mit mir kommen!“, sagte sie, während sie an meinem Handgelenk zerrte.

Obwohl ihre Berührung eiskalt war und ich seit ihrem Unfall nur noch an sie denken konnte, realisierte ich im Halbschlaf nicht, dass etwas nicht stimmte.

„Sakura, geh zurück ins Bett. Es war nur ein Albtraum“, murmelte ich. Dann drehte ich mich um.

Plötzlich bemerkte ich es. Ich riss die Augen auf und setzte mich schlagartig auf.

Unsicher sah ich mich um. Die Leuchtreklame, die am Haus gegenüber hing, erhellte das ganze Zimmer, doch von Sakura fehlte jede Spur.

Nachdem ich aufgestanden war und mich umgesehen hatte – ich sah sogar unter dem Bett nach –, musste ich mir eingestehen, dass ich sie mir nur eingebildet hatte.

Ich ging ins Bad, um mir das Gesicht zu waschen. Dann starrte ich in den Spiegel. Ich sah scheiße aus. Aber was konnte ich auch erwarten? Ich hatte gerade meine tote Schwester gehört. Ihre Stimme klang so echt, so …

„Wieso siehst du so traurig aus? Wenn du mit mir gehst, musst du mich nie wieder vermissen.“

Erschrocken zuckte ich zusammen. Sofort riss ich den Kopf zur Seite. Dort neben der Dusche stand Sakura … Ich hatte sie mir doch nicht eingebildet!

Meine kleine Schwester war jedoch fürchterlich entstellt. Überall hatte sie blutige Schürfwunden, ihre schwarzen Haare waren zerzaust und ihr rechter Arm sah gebrochen aus – er hing in einer völlig unnatürlichen Haltung von ihrer Schulter herab.

Tausende Fragen schossen mir in den Kopf. Doch bevor ich etwas sagen konnte, kam sie mir zuvor. „Also was ist? Kommst du mit mir?“

Ich sah sie irritiert an. „Wohin?“, fragte ich.

„Ins Jenseits“, erwiderte sie, als wäre das völlig selbstverständlich.

Mit einer Mischung aus Verwirrung und Entsetzen starrte ich sie an. „Das … Das kann ich nicht“, erwiderte ich zögernd. Wieso sollte sie so etwas von mir verlangen?

„Bitte Kaito! Ich trau mich nicht alleine!“, flehte sie, als bitte sie mich bloß um einen kleinen Gefallen.

„Aber … Ich will nicht sterben. Denk doch am Mama und Papa. Sollen sie mich auch noch verlieren?“, fragte ich. Ich spürte, wie Verzweiflung in mir aufstieg.

Sakura hingegen wirkte verärgert. „Ich verstehe“, sagte sie kalt. Dann war sie plötzlich verschwunden.

Mit offenem Mund starrte ich an die Stelle, wo Sakura bis eben gestanden hatte. War das gerade wirklich passiert? War mir tatsächlich Sakuras Geist erschienen? Die gesamte Situation kam mir surreal vor.

Ich entschied, dass ich nach all dem eh nicht mehr schlafen konnte und schlenderte nachdenklich in die Küche.

Nachdem ich den Wasserkocher eingeschaltet hatte, machte ich mich daran, die Küche aufzuräumen – verständlicherweise hatte ich in letzter Zeit nicht wirklich einen Kopf dafür.

Ich griff nach einem dreckigen Schneidebrett und wollte es gerade in die Spüle legen, als ich plötzlich stockte. Eigentlich hätte darauf ein Küchenmesser liegen müssen …

„Wenn du nicht freiwillig mitwillst, muss ich dich eben zwingen!“, zischte eine vertraute Stimme hinter mir. „Mama und Papa werden das schon verstehen!“

Blitzschnell fuhr ich herum und schaffte es gerade noch, Sakuras Messerhieb auszuweichen.

„Scheiße! Sakura!“, fluchte ich.

Was war bloß los mit ihr? So kannte ich sie gar nicht!

Als ich in ihr wutverzerrtes Gesicht starrte, wusste ich nicht, was ich sagen sollte. Ich wusste ja nicht einmal, ob Reden etwas bringen würde. Also drehte ich mich um und rannte zur Wohnungstür. Ich zog meinen Haustürschlüssel aus dem Schloss und griff bereits nach der Klinke, als ich mich flüchtig umsah. Sakura stand direkt hinter mir – das Messer fest in der Hand!

Noch bevor ich wusste, was ich tat, hatte ich bereits nach meiner Jacke gegriffen und sie ihr entgegengeschleudert. Obwohl die Jacke einfach durch Sakura hindurch fiel, erzielte sie den gewünschten Effekt: Meine Schwester riss schützend die Hände vor ihr Gesicht und ließ dabei das Messer fallen. Es landete mit einem lauten Scheppern am Boden.

Ich wartete nicht darauf, dass Sakura es aufhob, sondern riss die Tür auf. Dann verschwand ich im Treppenhaus. Ohne stehen zu bleiben, stürmte ich die Treppen hinunter und rannte nach draußen.

Fieberhaft überlegte ich, wo ich hingehen sollte. Meine Eltern wohnten zu weit weg. Außerdem wusste ich nicht, ob Sakura mir dorthin folgen würde. Dann hatte ich eine Idee: der Tempel! Nicht nur, dass solch ein heiliger Ort Geister von sich aus fernhalten könnte, Sakura wurde vor einigen Jahren dort ganz in der Nähe von einem großen Hund angegriffen. Sie hasste den Ort!

Auf dem kurzen Weg dorthin, fehlte von Sakura jede Spur. Nach nicht einmal fünf Minuten war ich da.

Ich setzte mich erschöpft auf eine Bank direkt vor dem Tempel. Diese Nacht würde ich kein Auge mehr zutun. Stattdessen saß ich einfach dort und wartete.

Je später es wurde, desto mehr Menschen kamen auf die Straße. Viele sahen mich merkwürdig an – immerhin war ich ein Mann in seinen 20ern, der nur in Unterwäsche auf einer öffentlichen Bank saß –, aber ansprechen tat mich zum Glück niemand. Was hätte ich ihnen auch sagen sollen?

Als endlich die Sonne aufging, traute ich mich schließlich zu meiner Wohnung zurück.

Im Treppenhaus merkte ich, wie meine Angst zurückkam. Mein Puls stieg an und ich begann zu schwitzen, während ich mich meiner Wohnungstür näherte. Einige Zeit lauschte ich an der Tür, bevor ich mich endlich traute, sie aufzuschließen und vorsichtig hinein zu spähen.

In der Wohnung war alles ruhig. Trotzdem blieb ich auf der Hut, während ich mich umsah. Das Küchenmesser lag wieder auf dem Schneidebrett, als wäre nie etwas gewesen. Ich überlegte kurz, es abzuwaschen, bis ich es schließlich doch in den Müll warf – ich wusste, dass es bereits jetzt zu viele schlechte Erinnerungen mit sich brachte.

Als ich mich vergewissert hatte, dass Sakura nirgends herumgeisterte, begann ich, sämtliche Messer, Scheren und sonstige spitze Gegenstände in einen Karton zu werfen. Ich bezweifelte zwar, dass Sakura noch einmal auftauchen würde, wollte aber kein Risiko eingehen. Also versteckte ich sie in meinem Abstellraum im Keller.

Dann ging ich zurück in die Wohnung. Es begann eine Zeit des Nachdenkens. Vielleicht hätte ich doch mit Sakura gehen sollen. Ich hatte ihr immerhin versprochen, immer für sie da zu sein, wenn wie mich brauchte. Aber dafür sterben …?

Auch überlegte ich, unseren Eltern davon zu erzählen, doch sie waren wegen Sakuras Tod schon aufgewühlt genug. Ich wollte sie damit nicht auch noch belasten.

Erst gegen Nachmittag merkte ich schließlich, wie müde ich war. Ich beschloss, den verpassten Schlaf nachzuholen. Außerdem wäre ich so nachts wieder wach, falls Sakura doch noch einmal auftauchen sollte.

Dass ich so erschöpft war, dass ich bis tief in die Nacht hinein schlief, hatte ich jedoch nicht erwartet – und so war es bereits dunkel draußen, als ich von einem kalten Gefühl an meinem Bauch wach wurde.

Verwirrt fasste ich an die Stelle. Meine Hand berührte etwas Kaltes. Es fühlte sich an, wie eine kleine Hand …

Sofort blickte ich an mir herunter. Das … das konnt nicht sein! Da war Sakura! Mit ihrer linken Hand hielt sie vorsichtig meinen Bauch und in ihrer rechten war … ein Messer! Es war dasselbe Messer, das ich vorhin in den Müll geworfen hatte! Ich hatte vergessen, es mit den anderen spitzen Gegenständen in den Keller zu bringen!

Sakura hob es empor, ohne auch nur die Mine zu verziehen. Noch ehe ich reagieren konnte, rammte sie es mir mit übernatürlicher Geschwindigkeit in den Bauch. Das Messer verschwand bis zum Griff in mir! Blut schoss aus der Wunde und rann meine Seite herunter, wo es das Laken dunkelrot einfärbte. Doch das alles war nichts gegen den Schmerz …

Ich weiß nicht, ob ich je in meinem Leben einen solchen Schmerz gespürt hatte. Als Sakura das Messer jedoch langsam wieder herauszog, explodierte ein zweiter, noch viel schlimmerer Schmerz in meinem Bauch.

„Jetzt musst du mit mir kommen!“, sagte Sakura leise und stieß mit dem Messer erneut zu.

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Die Legende:

Shiryō (japanisch für „Totengeist“ oder „Seele eines Toten“) sind eine Art von japanischen Geistern und zählen zu den Yōkai.

Sie sind Geister von kürzlich verstorbenen Menschen.

Entstehung:

Laut buddhistischem Glauben dauert es 49 Tage, bis die Seele eines Toten in das Totenreich übergeht. In diesen 49 Tagen sollen die Shiryō entstehen können.

Die Gründe, warum ein Shiryō in Erscheinung tritt, können unterschiedlich sein. Entweder wollen sie sich verabschieden oder eine andere Seele als Begleitung ins Totenreich mit sich nehmen.

Aussehen:

Das Aussehen der Shiryō ist nicht genauer beschrieben. Sie sollen jedoch im Normalfall aussehen, wie zu Lebzeiten.

Ob man die Verletzungen sieht, die sie ggf. beim Tod erlitten haben, ist nicht bekannt.

Eigenschaften:

Da Shiryō Geister von gerade erst verstorbenen Personen sind, erscheinen sie den Angehörigen und Freunden wenige Minuten, Stunden oder Tage nach ihrem Tod.

Die Shiryō haben – wie es häufig bei Geistern der Fall ist – den Wunsch, sich von nahestehenden Personen zu verabschieden.

Manchmal reicht ihnen der Abschied jedoch nicht aus und sie suchen ihre Freunde und Verwandten heim, um sie als Begleitung mit in das Reich der Toten zu nehmen. Sie sollen hierbei zwar meist aus Furcht oder Einsamkeit handeln, doch sind deswegen nicht weniger gefährlich.

Überlebt man die Begegnung mit einem Shiryō und kann entkommen, heißt das noch nicht, dass man vor ihnen sicher ist. Es kann vorkommen, dass sie es in der folgenden Nacht noch einmal versuchen.

Es gibt sogar Geschichten von Shiryō, die 49 Tage lang versucht haben sollen, einen Freund oder Verwandten mit in das Reich der Toten zu holen, bis sie sie endlich in Ruhe gelassen haben.

Lebensraum/Vorkommen:

Shiryō können überall auf der Welt und an jedem Ort vorkommen, sofern eine nahestehende Person einer der Anwesenden kürzlich verstorben ist.

Außerhalb von Japan haben sie meist einen anderen Namen und ggf. leicht andere Eigenschaften.

Ursprung:

Die Legende der Shiryō ist so alt, dass sich der Ursprung nicht mehr ausmachen lässt. Es wird sogar spekuliert, dass es bereits vor Beginn der Aufzeichnungen Geschichten über Shiryō gegeben haben soll.


Was haltet ihr von den Shiryō? Glaubt ihr, dass es wirklich solche Geister gibt, die ihre Freunde oder Verwandten mit sich ins Jenseits nehmen wollen? Schreibt mir eure Meinung in die Kommentare!

Wenn ihr mehr solche Geschichten oder Legenden lesen wollt, abonniert auch gerne meinen Newsletter, oder folgt mir auf Twitter, Facebook oder Instagram!

10 Kommentare

  1. Rabbat07 sagt:

    OK las zu mc Donalds gehen und Gift Bürger bestellen. Falls du dann Rache gedit wirst, kannst du im Blog vomje seits erzählen😂

    • Jeremie Michels sagt:

      Vielen Legenden und angeblichen Zeugenberichten zu Folge, sind Geister nicht 100% bei Verstand. Häufig scheinen sie eher von ihren Emotionen und Gefühlen geleitet zu werden und nicht wirklich über die Konsequenzen nachzudenken. 🤔

  2. NN sagt:

    Ich habe eine Frage:warum will sie die Schwester ermorden und nicht den LKW Fahrer der sie überfahren hatte?
    Und warum steht bei den Kommentaren über diesem Januar und nicht September?

    • Jeremie Michels sagt:

      Sie möchte ihren Bruder ja nicht töten, um sich an ihm zu rächen, sondern, damit er sie ins Jenseits begleitet und sie dort nicht ganz alleine ist. Wenn sie den LKW-Fahrer „mitnehmen“ würde, wäre das wohl nicht die beste Gesellschaft … ^^

      Und ich bin zur Zeit dabei, einige alte Beiträge zu überarbeiten. Dieser Beitrag war z.B. ursprünglich vom 22.07.2019, ich habe bloß am 14. September 2020 die neue Version hochgeladen (auch zu erkennen an dem „(überarbeitet)“ im Titel). 😄

  3. Monika sagt:

    Wieder mal eine tolle Geschichte. 😀
    Und ja ich weiß, ich wiederhole mich, aber ich habe keine Ahnung, wie ich es sonst formulieren soll, dass ich deine Geschichten gerne lese.^^°

    Zu den Fragen:
    ~Was haltet ihr von den Shiryō? Glaubt ihr, dass es wirklich solche Geister gibt, die ihre Freunde oder Verwandten mit sich ins Jenseits nehmen wollen?
    Mir tun die Shiryo sogar etwas leid. Ich habe jetzt natürlich nicht nachrecherchiert aber ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass die Shiryo das alles aus Bosheit machen.
    Ich glaube eher, dass sie einfach aus einer Angst heraus handeln. Immerhin sind sie vor kurzem gestorben und sind nun ganz alleine.

    Liebe Grüße
    Monika

    • Jeremie Michels sagt:

      Dankesehr. Ich gebe mir Mühe! 😀
      Und du brauchst dir keine Sorgen machen, dass ich dir das irgendwann nicht mehr abkaufen würde. Es wird schließlich schon einen Grund geben, warum du all meine Geschichten gelesen hast, und ich denke kaum, dass dich jemand dazu zwingt! ^^

      Mir tun die Shiryo sogar etwas leid. Ich habe jetzt natürlich nicht nachrecherchiert aber ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass die Shiryo das alles aus Bosheit machen.
      Ich glaube eher, dass sie einfach aus einer Angst heraus handeln. Immerhin sind sie vor kurzem gestorben und sind nun ganz alleine.

      Das denke ich auch. Wir trauern doch auch um die Toten und würden vieles dafür geben, eine geliebte Person nicht zu verlieren. Wieso soll es bei den Toten anders sein? Sie würden uns sicherlich auch vermissen, solange wir nicht gemeinsam mit ihnen im Jenseits sind. Wenn sie dann also die Möglichkeit haben, uns mitzunehmen…….

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