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Yamauba Zeichnung von Jeremie Michels. Man sieht eine alte Frau, die am Boden kauert. Sie hat wirre, weißte Haare und einen wahnsinnigen Blick, mit dem sie den Betrachter direkt anstarrt. Ihr äußerst breiter Mund, in dem nur noch wenige Zähne sind, ist zu einem Lächeln verzerrt. Ihre Kleidung ist ausgegraut und lumpig. Außerdem scheint Blut an ihrem Mund, Hals und ihren Händen zu sein.
Yamauba (2020)

Yamauba

Yamauba sind Wesen des japanischen Volksglaubens, die in den Bergen leben und auf verirrte Wanderer hoffen.

Die Geschichte:

„Ich muss dich warnen“, begann ich. „Was ich dir jetzt erzähle, ist keine schöne Geschichte. Sie ist sogar etwas gruselig, aber ich denke, du solltest sie hören.

Es ist bereits viele, viele Jahre her, dass ein Mädchen sich in den Bergen verlaufen hat. Nennen wir sie Yōko. Das ist nicht ihr richtiger Name, aber der ist auch nicht so wichtig.

Yōko war nur knapp älter als dein großer Bruder. Fünfzehn, um genau zu sein – sie war also größer und kräftiger als du. Doch trotzdem ist sie in Gefahr geraten.

Bei einem Klassenausflug in den Bergen wurde Yōko von einigen anderen Mädchen geärgert, weswegen sie in den Wald gelaufen ist. Eigentlich wollte sie nur einen Moment alleine sein, doch weil sie ein Stadtkind war, das nie gelernt hatte, sich in Wäldern zu orientieren, hatte sie sich bald verirrt. Nicht einmal die Steigung des Berges half ihr dabei, zum Weg zurückzufinden.

Sie brüllte die Namen ihrer Freunde, den Namen ihrer Lehrerin, sie schrie sogar um Hilfe. Doch niemand konnte sie hören.

Je mehr sie versuchte, zu ihrer Klasse zurückzufinden, desto weiter verirrte sie sich. Als es dann zu allem Überdruss auch noch zu Regnen begann, setzte Yōko sich unter einen Baum und weinte. Sie weinte, weil ihre Freundinnen sie geärgert hatten, weinte, weil sie ihre Klasse verloren hatte, und sie weinte, weil sie jetzt völlig durchnässt war.

Doch dann tauchte plötzlich – wie aus dem Nichts – diese Frau auf, während es wie durch ein Wunder schlagartig zu regnen aufhörte.

‚Aber Kleines, wieso weinst du denn?‘, hatte die Frau gefragt. Sie hatte die wärmste und freundlichste Stimme, die du dir nur vorstellen kannst.

Sie wirkte sehr alt und ich fühlte … Yōko fühlte sich sofort geborgen. Sie erinnerte sie an ihre Oma.

‚Ich wurde von meiner Klasse getrennt‘, jammerte Yōko.

‚Und du bist ja auch völlig durchnässt‘, merkte die alte Frau an. ‚Komm mit. Ich hab hier in der Nähe eine Hütte. Da kannst du dich aufwärmen!‘

Yōko zögerte nicht lange. Sie wusste, dass sie nicht mit Fremden gehen sollte, aber die Frau wirkte so unschuldig. Außerdem war sie so alt, dass Yōko bezweifelte, dass von ihr eine Gefahr ausging.

Und die Frau hatte nicht gelogen: Sie hatte eine Hütte in der Nähe. Es war eine schöne Holzhütte, in deren warmen und trockenen Inneren man sich sofort geborgen fühlte.

Die alte Frau gab Yōko eine warme Decke, in die sie sich einwickeln konnte. Es war eine beige Wolldecke, die mit kleinen, niedlichen Häschen bestickt war. Dann hängte sie Yōkos nasse Kleidung über den Kamin und machte ihr einen Tee. Gemeinsam warteten sie, bis die Kleidung trocken war.

Doch die Kleidung wurde nicht trocken. Es war, als würde ein dunkler Zauber auf ihr liegen, der sie gegen das Feuer immun machte. Normalerweise hätte es über dem warmen Kamin nur Minuten dauern dürfen, doch in diesem Fall war es anders.

Stattdessen erzählte die alte Frau Geschichten aus ihrem Leben und fragte Yōko nach der Schule, ihren Freunden, ihren Eltern, sodass sie völlig das Zeitgefühl verlor.

Erst als es langsam dämmerte, sprang Yōko erschrocken auf. ‚Ich sollte jetzt wirklich los‘, sagte sie. ‚Meine Eltern machen sich bestimmt schon Sorgen!‘

Die alte Frau hinderte sie nicht daran, doch als Yōko ihre Kleidung von Kamin nehmen wollte, war sie noch immer nass – zu nass, um sie anzuziehen, ohne eine Erkältung zu riskieren.

Die Frau schien genau so verwundert zu sein, wie Yōko. Sie konnten sich nicht erklären, wieso die Kleidung nicht trocknen wollte – zumindest tat sie so.

‚Wie wäre es, wenn du hier übernachtest und ich dich morgen bei Tagesanbruch zu den Miethütten bringe, die hier in der Nähe stehen? Der Verwalter dort hat ein Telefon‘, schlug die Frau vor.

Und Yōko traute ihr. Obwohl sie die Frau nicht kannte, war sie sich sicher, dass sie ihr nichts Böses wollte. Dafür war sie viel zu nett, zu fürsorglich. Doch das war die eine Sache, bei der Yōko sich irrte.

Du musst wissen, die alte Frau war keine normale alte Frau. Sie war eine Yamauba – eine Berghexe. Ein Wesen, das dafür bekannt ist, Menschen zu fressen.

Tagsüber verwandeln sie sich mit ihrer Magie in eine unschuldige alte Frau. Doch des Nachts, wenn sie ihre Tarnung nicht mehr brauchen, werden zu einer Bestie. Ihre grauen Haare werden wirr und weiß, ihre Haut blass und schlaff, ihre Augen verlieren ihren Glanz und ihre Kleidung wird ausgebleicht und lumpig.

Doch das Schlimmste an ihnen ist wohl der Mund. Er wird riesig und zieht sich fast von einem Ohr zum anderen. Ich denke, das ist, damit sie ihre Opfer leichter fressen kann.

Yōko lag also auf der Couch in die beige Decke mit den kleinen Häschen gewickelt, während sie versuchte, zu schlafen. Doch sie war zu tief in ihren Gedanken versunken. Was würden ihre Eltern denken? Wie würden sie regieren, wenn sie zurück nach Hause kam? Wären sie erleichtert oder wären sie wütend, weil Yōko weggelaufen war?

Plötzlich hörte Yōko ein Geräusch aus dem Schlafzimmer. Es war eine Art Grunzen oder Stöhnen. Jedenfalls klang es nicht menschlich.

Barfuß schlich sie zu der Tür, die einen Spalt breit offen stand. Als sie hinein spähte, erschrak sie: Was dort auf dem Boden hockte, war nicht die alte Frau von vorhin. Es war ein Bündel aus wirren Haaren, die über ihre Schultern fielen und zerfetzter Kleidung. Ihr Blick war völlig wahnsinnig.

‚Vielleicht sollte ich sie roh essen‘, murmelte die Yamauba vor sich hin. ‚Aber ich hatte schon so lange keinen frischen … saftigen … Menschen mehr. Ich sollte es genießen. Vielleicht sollte ich sie kochen?‘

Dann sprang die Yamauba plötzlich auf und kam in Richtung Tür. Yōko wusste nicht, wo sie hinsollte. Sie durfte keinen Lärm machen. Also rannte sie auf Zehenspitzen zurück zum Sofa und legte sich hin. Gerade noch rechtzeitig. Bereits im nächsten Moment hatte die Frau die Tür erreicht.

Sie stapfte ins Wohnzimmer, blieb neben Yōko stehen. Mit einem langen, dünnen Finger fuhr sie über die Haut von Yōkos Schulter, während Yōko darauf achtete, keinen Mucks von sich zu geben. Sie bemühte sich, langsam zu atmen und so zu tun, als würde sie schlafen, machte sich aber gleichzeitig dazu bereit, sich mit allen Kräften zu wehren, falls die Hexe sie angreifen würde.

Doch zum Glück entschied sie, Yōko nicht sofort zu fressen. Sie ging weiter zur Eingangstür und verschwand draußen in der Dunkelheit der Nacht.

Yōko wartete angespannt, achtete auf jedes Geräusch. Erst, als sie die Schritte nicht mehr hören konnte, sprang sie schließlich auf. Sie schlich zur Tür. Doch als sie sie öffnen wollte, konnte sie sie nicht öffnen. Merkwürdig. Dabei hatte Yōko doch gar nicht gehört, wie die Frau die Tür abgeschlossen hatte.

Doch Yōko hatte keine Zeit, darüber nachzudenken. Sie musste aus der Hütte raus, bevor die Frau wiederkam. Leider konnte man die Fenster nicht öffnen, doch sie bestanden nur aus Holz und Glas.

Yōko zögerte nicht lange, nahm einen Stuhl, der vor einem Fenster stand und zerschmetterte das Glas. Sorgfältig schlug sie die Scherben aus dem Rahmen, um sich nicht zu verletzen, und kletterte nach draußen.

Ohne sich umzusehen, rannte sie in die kalte Nacht – mit nichts bekleidet, als der beigen Decke mit den Häschen darauf. Sie rannte, bis ihre Füße wund waren, und hielt erst an, als sie in der Ferne Lichter sehen konnte. Es waren die Miethütten, von denen die Yamauba geredet hatte.

Wenigstens hatte die alte Frau dabei nicht gelogen. Aber sie hatte bei etwas anderem gelogen: Sie hatte alles in ihrer Macht Stehende getan, damit Yōko ihr vertraut hatte und bei ihr blieb.

Und deshalb, solltest du nie, wirklich niemals einem Fremden vertrauen, egal, wie freundlich oder harmlos er wirkt. Deshalb hat Mama dich vorhin angeschrien, als du mit dem fremden Mann auf dem Parkplatz gesprochen hast, als sie dich abgeholt hat. Sie war nicht böse auf dich. Sie hatte Angst.“

Der kleine Hiro sah mich mit großen Augen an. Er hatte kein einziges Wort gesagt, da seine Eltern im beigebracht hatten, andere nicht zu unterbrechen. Also ließ ich ihm jetzt eine Pause für seine Fragen.

„Du, Oma?“, fragte er. „Hat man die böse Frau verhaftet?“

Ich lächelte, während ich in Gedanken schwelgte. Die Polizisten und einige Freiwillige hatten den gesamten Wald nach ihr abgesucht.

„Nein“, sagte ich. „Die Yamauba war wie vom Erdboden verschluckt. Nicht einmal ihre Hütte hat man gefunden.“

Hiro schwieg. Er schien nachzudenken. Dann öffnete er wieder den Mund. „Also ist die Hexe immer noch da draußen?“

„Ich weiß es nicht“, gestand ich. „Aber keine Sorge. Wenn du nicht mit ihr gehst, kann sie dir nichts anhaben. Und jetzt schlaf. Ich habe dich schon viel zu lange wach gehalten.“

Hiro leistete keine Widerrede. Er legte sich hin und sog die Bettdecke bis zum Kinn. „Gute Nacht, Oma“, sagte er. Dann zögerte er. „Kannst du das Licht im Flur anlassen?“

„Aber natürlich mein Schatz. Gute Nacht!“, erwiderte ich. Dann ging ich auf den Flur.

Ich dachte diese Nacht noch häufiger an meine Nacht in der Waldhütte. Wie die Erwachsenen nach und nach aufgehört hatten, meine verrückte Geschichte zu glauben, bis sie die Suche nach der Yamauba schließlich aufgaben. Doch ich hatte den Beweis: Meine Kleidung von jenem Tag war nie wieder aufgetaucht. Stattdessen besaß ich seither jedoch eine beige Wolldecke, die mit kleinen Hasen bestickt war. Ich hatte mich in all den Jahren nie getraut, sie wegzuwerfen …

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Die Legende:

Yamauba (Japanisch für „Berghexe“) sind als unschuldige alte Frau getarnte Yōkai, die in den Bergen leben und unwissende Wanderer in ihre Hütten oder ihr Häuser locken.

Es wird vermutet, dass sie zu den weiblichen Oni gehören.

Entstehung:

Es heißt, dass Yamauba entstehen können, wenn eine kriminelle Frau in die Wälder oder Berge flieht, um sich dort über längere Zeit zu verstecken.

Andere Versionen besagen, dass Yamauba früher alte Frauen waren, die in die Berge geführt und dort zum Sterben zurückgelassen wurden. Dies soll z.B. während der Hungersnöte der Edo-Periode (1603 bis 1868) häufiger vorgekommen sein.

Aussehen:

Die meiste Zeit über sehen Yamauba wie gewöhnliche alte Frauen aus. Sie werden hierbei oft als freundlich und warmherzig beschrieben.

Dieses Aussehen ist jedoch lediglich eine Täuschung, um Leute dazu zu bringen, der Frau zu vertrauen.

Ihr wahres Aussehen soll das einer hässlichen alten Frau sein. Sie soll zerlumpte, dreckige Kleidung tragen und ihre langen weißen Haare sollen wirr und ungepflegt sein.

Außerdem sollen sie einen sehr großen bzw. breiten Mund haben.

In selteneren Fällen soll sich die Yamauba auch als junge hübsche Frau tarnen oder Hörner und Reißzähne besitzen.

Außerdem habe ich zwei Seiten gefunden, die davon berichten, dass die Yamauba ähnlich die wie die Futakuchi-Onna einen Mund unter ihren Haaren am Hinterkopf hätten. Ich habe jedoch nichts Genaueres hierzu gefunden, was diese Aussage belegen konnte.

Eigenschaften:

Yamauba können sehr vielseitig sein. Meistens werden sie als böse dargestellt, sie können jedoch auch eine gute Seite haben.

So gibt es Geschichten von einer Yamauba, die ein verwaistes Kind großzieht oder einer Yamauba, die eine Theatertruppe verschont, nachdem diese ihr Stück über eine Yamauba vorführen.

Da diese Ausführungen meinen Beitrag jedoch sprengen würden, beziehe ich mich hier nur auf die bösartigen Yamauba, die verirrte und erschöpfte Wanderer in ihre Hütte locken und angreifen sollen.

Sie tarnen sich meist als alte, harmlose und häufig sehr freundliche alte Frau, die den Wanderern eine Unterkunft für die Nacht und etwas zu Essen anbietet. Wenn man ihr Angebot annimmt und tatsächlich in ihrer Hütte schläft, zeigen sie des Nachts jedoch ihr wahres Gesicht.

Entweder sollen sie ihre Gäste töten und verspeisen, oder aber sie sollen – wahrscheinlich ist diese Version erst mit den westlichen Einflüssen entstanden – ihre Gäste gefangen halten, mästen und dann erst verspeisen.

Häufig heißt es außerdem, dass sie starke Magie beherrschen. Abgesehen davon, dass ihre Magie dunkel sein soll, habe ich jedoch nichts darüber herausfinden können, welche Kräfte sie neben ihrer Gestaltwandlung beherrschen.

Trotzdem soll es nicht unmöglich sein, die Begegnung mit einer Yamauba zu überleben. So gibt es Geschichten, in denen sich ihre potentiellen Opfer aus dem Haus schleichen konnten oder die Hexe gar mit kochendem Wasser überschüttet haben, um zu fliehen.

Lebensraum/Vorkommen:

Yamauba leben meist in einer einsamen Hütte in den Bergen, wo sie erschöpften oder verirrten Wanderern leicht Unterschlupf bieten können.

Ursprung:

Legenden und Geschichten über Yamauba existieren bereits mindestens seit dem 12. Jahrhundert. Wodurch genau ihre Legende entstanden ist, konnte ich jedoch nicht herausfinden.

Es heißt im Internet häufiger, dass die Yamauba entstanden seien, als man bei den Hungersnöten in der Edo-Periode alte Menschen in die Berge gelockt und dort zum sterben zurückgelassen hat. Die Menschen sollen dies angeblich getan haben, da sie sonst nicht genau Essen für alle gehabt hätten. Andere Aussagen gehen sogar so weit, dass die Menschen die älteren Menschen getötet und gegessen haben.

Da die Edo-Periode jedoch erst einige hundert Jahre nach den ersten bekannten Erwähnungen der Yamauba begann, kann diese Theorie nicht stimmen.

Heutzutage werden Yamauba übrigens gerne als Kinderschreck genutzt und sind noch immer in der Kultur beliebt.


Was haltet ihr von den Yamauba? Wie hättet ihr reagiert, wenn ihr euch in den Bergen verirrt hättet und eine alte Frau euch ihre Hilfe angeboten hätte? Schreibt es mir in die Kommentare!

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10 Kommentare

  1. Rabbat07 sagt:

    He ich habe den Orientierungssinn eines Kompass unter dem man einen Magneten legt. Das heißt: ich habe überhaupt keinen Orientierungssinn. Könnte daran liegen dass ich ununterbrochen nach unten starre. Vielleicht verwandelt ich mich ja in ein black eyed Chile 😆

  2. Rabbat07 sagt:

    Wo das Wort futakuchi-ona gefallen es… Kannst für schon denken woran ich gerade denke😃tatsächlich ist das eine meiner Lieblings Yokāi.

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