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Futakuchi-onna Zeichnung von Jeremie Michels. In der Mitte des Bildes steht eine asiatisch aussehende Frau. Sie hat dem Zuschauer den Rücken zugewandt und trägt einen dunkelroten Kimono. Sie hält sich einen schwarz-goldenen Fächer vors Gesicht. An ihrem Hinterkopf - zwischen langen, schwarzen Haaren - ist ein riesiger Mund zu sehen. Einige umliegende Haarsträhnen halten tentakelartig eine Schüssel mit Reis und Stäbchen fest. Der Mund ist weit geöffnet, als wolle er den Reis essen.
Futakuchi-onna (2021)

Futakuchi-onna

Die Futakuchi-onna ist ein bekannter Yōkai aus Japan. Verschiedenste Erzählungen über die seltsamen Frauen sind im ganzen Land verbreitet.

Die Geschichte:

„Es ist schon wieder Essen verschwunden“, grummelte mein Verlobter Hiroto beim Frühstück.

„Hmm? Ja, die Ratten scheinen das Gift nicht zu fressen. Vielleicht sollten wir einen anderen Köder ausprobieren?“, schlug ich vor.

Noch einen anderen Köder?“, fragte Hiroto. Er wirkte gereizt. „Die neuen Köder sollen sogar geruch- und geschmacklos sein. Wie sollen Ratten das Essen dann unterscheiden? Außerdem wissen wir ja noch nicht einmal, ob es Ratten sind. Ich habe jedenfalls noch keine im Haus gesehen. Und trotzdem frisst irgendetwas unsere Lebensmittel weg – oder irgendjemand.“

Ich horchte auf. „Irgendjemand?“, fragte ich schockiert, als ich für einen Moment meine Fassung verlor. „Du denkst doch nicht ernsthaft, dass jemand bei uns einbricht, um unsere Essensreste oder unseren Reis zu stehlen!?“ Hatte er irgendetwas gemerkt …?

„Ach ich weiß auch nicht“, gestand er. „Aber es kann doch nicht sein, dass einfach so Lebensmittel aus unserer Küche verschwinden.“

Alles hatte vor etwa zwei Wochen angefangen, als meinem Verlobten aufgefallen war, dass wir jede Woche mehr Essen einkauften, als wir zu zweit verbrauchen konnten. Trotzdem waren unsere Schränke vor dem Einkaufen immer fast leer, obwohl wir fast nie etwas wegwarfen.

Seitdem war ich sehr viel vorsichtiger geworden. Ich hatte die Theorie mit den Ratten eingeworfen und fortan nach dem Kochen darauf geachtet, die Sachen so hinzustellen, dass unsere Schränke möglichst voll aussahen.

Trotzdem entging meinem Verlobten nicht, wie schnell unsere Vorräte wieder leer waren – zumal ich immer nur sehr wenig aß.

So begann eine Art Katz und Maus Spiel: Ich versuchte, ihn zu beschwichtigen, mir Ausreden auszudenken und von unserem hohen Lebensmittelverbrauch abzulenken, während er umso genauer darauf achtete. Gleichzeitig lächelte ich immerzu. Ich tat auf naive, glückliche Verlobte.

Heute war es nicht anders. Ich lächelte den ganzen Morgen, bis er schließlich zur Arbeit musste.

Als er das Haus verlassen hatte, war ich hingegen nicht die einzige, die erleichtert darüber war, dass er jetzt einige Stunden fort sein würde.

„Endlich ist er weg. Ich sterbe fast vor Hunger … Wenn es so weitergeht, kannst du mich nicht mehr lange vor ihm verstecken“, ertönte eine Stimme hinter mir. Beziehungsweise klang es nur so, als sei die Stimme hinter mir …

Ich löste meinen Zopf, während ich in die Küche ging, woraufhin ein großer Mund an meinem Hinterkopf sichtbar wurde.

Ich selbst konnte ihn natürlich nicht sehen. Um ehrlich zu sein, hatte ich ihn erst ein einziges Mal betrachtet, als ich mit einem Handspiegel im Badezimmer stand … Es war kein schöner Anblick gewesen:

Der Mund war sehr viel größer als mein richtiger. Er besaß große, menschliche Zähne, dicke Lippen und einen eigenen Rachen mit Zunge.

Wenn er Essen in sich hineinschaufelte – wozu er inzwischen übergegangen war –, nutzte er meine Haare als eine Art Greifarme.

„Iss nicht zu viel aus dem Kühlschrank!“, mahnte ich. „Sonst merkt Hiroto, dass es keine Ratten sein können!“

Der Mund ignorierte mich. „Ach, das hat er doch eh schon gemerkt. Du wirst dir eine neue Ausrede einfallen lassen müssen!“, erwiderte er mit vollem Mund.

Ich seufzte. Wenigstens würde der Mund mir dabei helfen können. Wenn er erst einmal gegessen hatte, war er um einiges erträglicher. Ich würde es niemals zugeben, aber manchmal kam er mir fast wie ein Freund vor.

Andererseits änderte es nichts daran, wie unmöglich er sich verhielt, wenn er Hunger hatte. Er drohte mir, beleidigte mich.

Außerdem war da noch dieses absolut widerwärtige Gefühl, wenn er aß … Die großen Portionen, die sich nur halb zerkaut als dickflüssige Masse langsam von meinem Hinterkopf bis in meinen Hals und weiter in meinen Magen schoben …

Inzwischen liefen mir dabei zwar keine Tränen mehr über die Wangen, aber es würde mindestens noch einige Jahre dauern, bis ich mich daran gewöhnt hatte. In den vergangenen drei Jahren war es mir jedenfalls nicht gelungen. So lange war es her, dass der Mund plötzlich an meinem Hinterkopf aufgetaucht war.

Angefangen hatte alles mit meiner Essstörung. Während meiner Jugend wurde ich ständig dafür geärgert, dass ich dicker war, als die anderen, bis ich irgendwann anfing, immer weniger zu essen.

Die Komplimente, dass ich abgenommen hätte, bestärkten mich in meinem Vorhaben. Das einzige, was mich davon abhielt, tagelang zu fasten, und mich dazu brachte, wenigstens eine halbe Portion des Mittagessens zu mir zu nehmen, waren meine Eltern. Als ich jedoch ausgezogen war, konnte ich meiner Magersucht freien Lauf lassen, bis ich schließlich starke Kopfschmerzen bekam. Es hatte sich angefühlt, als würde mein Schädel sich spalten – und in gewisser Weise hatte er das ja auch.

Ich hatte meinem Körper zu lange das Essen verweigert, ihn ausgehungert, sodass er sich einen anderen Weg suchte, Nahrung zu sich zu nehmen … Ich war zu einem Monster geworden!

Als der Mund endlich mit Essen fertig war, räumte ich die Küche auf. Dann setzte ich mich ins Wohnzimmer, um einen neuen Plan für Hiroto auszuarbeiten – jedoch ohne meine Haare wieder zu einem Zopf zu binden, damit ich den Mund weiterhin gut verstehen konnte. Immerhin hatte er manchmal echt gute Einfälle.

Unsere Überlegungen dauerten mehrere Stunden. Eine Idee schien wirrer als die andere. Wir waren uns fast nur gegenseitig am Widersprechen. Dann hatte der Mund einen Einfall.

„So ein Quatsch“, protestierte ich. „Als würde es einem nicht auffallen, wenn ein fremder Mann im eigenen Haus leben würde!“

„Glaub mir doch, Yuzuki! Es lief eine Doku darüber, als du letztens vor dem Fernseher eingeschlafen warst!“, erwiderte der Mund.

„Ach, das hast du bloß geträumt!“, keifte ich zurück.

Das war völlig hirnrissig. Vielleicht lief ein Horrorfilm, aber doch keine Doku!

Trotzdem nahm ich mein Handy heraus, um danach im Internet zu suchen – jedoch eher, um dem Mund zu beweisen, wie bescheuert die Idee war.

Als die ersten Artikel auf meinem Handy auftauchten, traute ich meinen Augen kaum. Meine Kinnlade klappte herunter.

Geschichten von Leuten, die in fremden Häusern gelebt haben. 10 Menschen, die heimlich in den Häusern anderer wohnten. Obdachlose lebt ein Jahr heimlich in fremder Wohnung.

Natürlich blieb ich skeptisch. Ich begann, mehr als nur die Überschriften zu lesen. Einige der Geschichten waren nicht bewiesen – Horrorgeschichten und urbane Legenden –, andere hingegen waren wahr. Und es gab noch sehr viel mehr solcher Artikel!

„Na also. Glaubst du mir jetzt?“, fragte der Mund. Mir entging nicht die Genugtuung in seiner Stimme.

Ich beachtete ihn nicht. Stattdessen arbeitete mein Hirn bereits auf Hochtouren daran, wie ich meinen Verlobten von meiner Theorie überzeugen konnte. Es würde vielleicht ein wenig dauern, doch auch er würde sich schließlich ans Internet wenden. Er würde dieselben Artikel finden, wie ich.

Ich lachte leise auf. Was war bloß aus mir geworden? Früher hatte ich Hiroto wirklich geliebt. Doch seit wir zusammengezogen waren und ich jede Sekunde aufpassen musste, dass ich mir nichts anmerken ließ, waren da nur noch ich und mein Geheimnis. Auch, wenn ich es mir nur ungern eingestand: Für Liebe oder unsere Beziehung gab es in meinem Kopf keinen Platz mehr.

Anmerken ließ ich es mir jedoch nicht. Ich bezweifelte, dass Hiroto auch nur den Hauch einer Ahnung hatte, dass mit mir etwas nicht stimmte – und ich würde alles daran setzen, dass es so bleibt.

Also bereitete ich wie jeden Tag gegen Nachmittag das Essen vor. Ich plante es immer so ein, dass mein Verlobter eine warme Mahlzeit hatte, wenn er von der Arbeit nach Hause kam. Ich selbst aß hingegen nur wenig – gerade genug, dass Hiroto sich nicht wunderte, warum ich nicht verhungerte.

Und so war es auch heute. Hiroto erzählte mir von seinem Arbeitstag, während wir aßen. Ich hörte nur mit halbem Ohr zu. Stattdessen wartete ich auf die perfekte Gelegenheit, den ersten Schritt meines Plans einzuleiten.

Hiroto hatte ein großes Stück Fisch in den Mund genommen, wodurch er eine kurze Sprechpause einlegen musste. Das war meine Chance!

Gespielt nervös rutschte ich auf meinem Stuhl hin und her. Dann räusperte ich mich. „Du? Hiroto?“, fragte ich unschuldig. „Als du heute Morgen gesagt hast, dass irgendjemand unsere Vorräte essen könnte … Nun ja. Ich habe nachgedacht … Du erinnerst dich doch bestimmt an diesen Film, Parasite. Da hat doch auch ein Mann heimlich im Haus der Familie gewohnt und sich an ihrem Essen bedient …“

Hiroto schluckte seinen Bissen herunter. „Aber Yuzuki. Du glaubst doch nicht wirklich, dass ein Fremder in unserem Haus wohnen könnte, ohne das wir es bemerken. Das war nur ein Film!“, versuchte er, mich zu beruhigen.

Ich lachte nervös, während ich eine leicht gequälte Mine aufsetzte. „Du hast recht. Tut mir leid. Das war nur so eine dumme Idee …“ Dann wurde ich wieder sehr still, tat so, als würde ich nachdenken, mir Gedanken über meine Theorie machen.

Der erste Schritt war getan: Ich hatte die Saat dieser wirren Idee in Hirotos Kopf gepflanzt. Jetzt musste ich nur noch darauf warten, dass sie aufblühte. Ich hätte jedoch niemals damit gerechnet, dass mein Plan zu gut funktionieren würde.

Bereits am nächsten Morgen sprach mich Hiroto erneut darauf an. Er habe sich Gedanken darüber gemacht und im Internet recherchiert, als ich schon im Bett war. Ich musste mir ein Lächeln verkneifen, als er mir auf seinem Laptop die Artikel zeigte, die ich gestern noch selbst gelesen hatte.

Dann folgte jedoch die Lücke in meinem Plan – der Fehler, die einzige Variable, die ich nicht bedacht hatte: Dass mein Verlobter mich aus ganzem Herzen liebte. Dass er sich Sorgen um mich machte.

„Ich habe es schon mit der Arbeit geklärt. Ich bleibe heute zu Hause. Vielleicht auch die nächsten Tage. Das sehen wir dann“, erklärte er.

„Aber Hiroto“, versuchte ich zu widersprechen, „Das musst du nicht. Wirklich nicht. Deine Arbeit ist doch wichtiger …“

Doch es brachte nichts. Hirotos Beschluss stand fest.

„Und was, wenn es doch stimmt? Wenn ein Perverser oder ein Verrückter sich in unserem Haus versteckt? Solange auch nur der Hauch einer Chance besteht, dass an deiner Theorie etwas dran ist, lasse ich dich hier ganz sicher nicht allein!“

Was dann folgte, waren einige der schlimmsten Tage meines Lebens. Noch nie hatte ich meinen zweiten Mund so hungern lassen.

Am ersten Tag konnte ich ihn noch beschwichtigen. Wir hatten die Hoffnung, dass Hiroto am nächsten Tag wieder zur Arbeit fahren würde. Aber natürlich wäre das zur einfach gewesen.

„Ach, mach dir darum keine Sorgen. Ich habe noch genug Urlaubstage“, erklärte er, nachdem ich gefragt hatte, ob er sich eine berufliche Auszeit überhaupt leisten könne. „Und selbst, wenn es tatsächlich nur Ratten sein sollten … Dann verbringe ich halt ein paar schöne Tage mit meiner wunderschönen Verlobten!“

Ich strahlte ihn an. Ein unehrliches Strahlen. Aber das konnte Hiroto ja nicht wissen. Innerlich hatte ich jedenfalls einen halben Nervenzusammenbruch. Wie sollte ich den Mund ausreichend füttern, wenn ich nicht alleine war? Er wurde bereits unerträglich, wenn er 24 Stunden nichts zu Essen bekam. Wie wäre es erst bei mehreren Tagen?

Zu meinem Leid sollte ich es bald herausfinden. Am zweiten Tag konnte er sich noch einigermaßen zurückhalten. Klar, er beleidigte mich, wann immer ich alleine war. Jedes Mal, wenn ich auf Toilette verschwand, durfte ich mir geflüsterte Beschuldigungen und Schimpftiraden anhören. Doch dass ich ihm immer wieder Essen zusteckte, das ich heimlich aus der Küche entwand, schien ihn etwas zu beschwichtigen.

Wirklich schlimm wurde es jedoch bereits am dritten Tag, als der Hunger deutlich an ihm zu nagen schien. Normalerweise war er sehr vorsichtig. Er hatte mir zwar schon häufig gedroht, meinen Verlobten auf sich aufmerksam zu machen, wenn er kein Essen bekam, doch insgeheim schien er davor genauso viel Angst zu haben, wie ich.

Jetzt wurde er jedoch langsam sehr unvorsichtig. Er flüsterte mir zu, selbst wenn Hiroto im Raum war und verwickelte mich in Gespräche, wann immer mein Verlobter das Zimmer verließ.

„Du kannst doch den Zopf lösen, wenn du gleich kochst“, schlug der Mund vor. „Ich bediene mich dann selbst …“

„Nein. Das ist zu riskant!“, flüsterte ich. „Hiroto rennt durchs ganze Haus. Er könnte dich sehen!“

Der Mund brummte beleidigt.

Dann begannen die Kopfschmerzen. Ein stechender Schmerz explodierte an meinem Hinterkopf, genau an der Stelle, an der sich der Mund befand. Er machte das mit Absicht!

„Ahh! Lass das!“, presste ich unter Schmerzen hervor. „Wir sitzen hier im selben Boot! Pass auf, ich mach dir einen Vorschlag: Wenn wir das hier durchgestanden haben, kaufen wir dir ganz viel von dieser Matcha-Schokolade, die du so liebst. Einverstanden?“

„Mit wem sprichst du?“

Ich erstarrte. Auch die Schmerzen an meinem Hinterkopf stoppten abrupt. Hiroto stand in der Wohnzimmertür.

Nachdem er sich vergewissert hatte, dass ich alleine im Raum war, sah er mich leicht besorgt an.

Ich lachte nervös. „Mit mir selbst“, gestand ich. Flüchtig sah ich mich um. Dann fiel mein Blick auf meine Laptoptasche, die an den Tisch gelehnt neben mir stand. „Der Henkel an meiner Laptoptasche ist gerade gerissen …“

Es war bereits vor einigen Tagen passiert. Hoffentlich hatte Hiroto es noch nicht bemerkt.

„Ach Yuzuki“, Hiroto schmunzelte. „Es gibt doch wirklich schlimmere Sachen, über die man sich aufregen kann. Bestell dir einfach eine Neue. Hier. Du kannst meinen Account nehmen. Ich bin noch angemeldet.“

Ich lächelte mein wärmstes, dankbarstes Lächeln, als ich meinem Verlobten das Handy abnahm, das er mir entgegenhielt. Das war ja gerade noch einmal gutgegangen.

Als ich auf Hirotos Handy blickte, wartete jedoch bereits die nächste unschöne Überraschung auf mich: ‚Zuletzt bestellter Artikel: Home Security Überwachungskamera Set‘.

„Hiroto?“, fragte ich laut.

Mein Verlobter kam sofort zurück ins Wohnzimmer. „Hmm?“

„Du hast Überwachungskameras bestellt?“, fragte ich, während ich ihm das Display entgegenhielt.

„Ach so, ja. Ich hätte es dir eh gleich beim Essen erzählt. Wenn die erstmal hängen, musst du dir keine Sorgen mehr machen. Dann sehen wir, ob sich jemand in unserem Haus herumtreibt. Und selbst wenn nicht, können wir dann wenigstens nachvollziehen, wohin unser Essen verschwindet!“

Es kam mir vor, als hätte man einen Vorhang um mich gezogen. Sämtliche Geräusche wurden plötzlich dumpf. Meine Sicht leicht verschwommen. Mein ganzer Körper fühlte sich sehr schwer an.

Ich merkte kaum, wie ich die nächstbeste Laptoptasche im Internet bestellte, Hiroto sein Handy zurückgab und in der Küche verschwand, um das Essen vorzubereiten. Meine Hände bewegten sich wie von selbst.

Wenn Hiroto tatsächlich Kameras im Haus aufhängen sollte, hatte ich keine Möglichkeit mehr, mein Geheimnis zu bewahren. Ich würde meinen zweiten Mund nicht mehr vor ihm verstecken können …

Und selbst, wenn ich eine Lösung finden würde, wie ich den Mund wenigstens ab und an füttern könnte, würde es trotzdem viele Tage des Fastens geben. Ich hatte die letzten Tage selbst erlebt, wie anstrengend und unausstehlich er werden konnte, wenn er wirklich Hunger hatte. Und da hatte ich ihm wenigstens ab und an noch eine Kleinigkeit zustecken können. Wenn er jedoch gar kein Essen mehr bekommen würde …

Plötzlich blieb mein Blick an etwas hängen, das auf dem Küchentisch lag. Es war einer der Köder mit dem geruch- und geschmacklosen Rattengift …

Der Plan war genial. Niemand würde mich verdächtigen. In unserer Küche lag überall Rattengift herum. Es wäre ein tragischer Unfall.

Außerdem hatte ich kein Motiv. Hiroto hatte kein Testament verfasst. Vor der Hochzeit stand mir nicht ein Yen seines Geldes zu. Dann hätte ich alles verloren, wäre die trauernde Verlobte …

Ich wünschte, ich könnte sagen, dass ich über Alternativen nachgedacht hätte. Ich hätte mich von ihm trennen können, darüber streiten, dass ich keine Kameras im eigenen Haus möchte, mir eine Ausrede einfallen lassen können, wieso ich das Essen entwendete. Doch das tat ich nicht.

Meine Gedanken blieben stur bei dem Plan hängen, meinen Verlobten zu vergiften. Ich konnte an nichts anderes mehr denken, wie zu Schulzeiten, wenn man sich bei einer Klassenarbeit so sehr in einer Aufgabe verrannte, dass man die anderen gar nicht mehr wahrzunehmen schien.

Und so brachte ich etwa eine halbe Stunde später das fertige Essen ins Wohnzimmer. Ich würde selbst auch etwas von dem vergifteten Curry essen müssen, damit mein Alibi perfekt war. Doch im Gegensatz zu Hiroto aß ich nur sehr wenig. Im Gegensatz zu ihm würde ich überleben …

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Die Legende:

Die Futakuchi-onna (japanisch für „Zweimund-Frau“) sind Frauen, die einen zweiten Mund an ihrem Hinterkopf besitzen. Sie zählen zu den Yōkai.

Aussehen:

Futakuchi-onna lassen sich äußerlich kaum von normalen Frauen unterscheiden – besonders, wenn sie ihre Haare zusammengebunden oder hochgesteckt tragen.

An ihrem Hinterkopf – unter ihren langen schwarzen Haaren versteckt – befindet sich jedoch ein großer Mund mit Zähnen, Zunge und Lippen.

In fast allen Erzählungen sind Futakuchi-onna Japanerinnen.

Entstehung:

Es gibt verschiedene Theorien und Geschichten, wie Futakuchi-onna entstehen können. Häufig ist es ein Fluch oder ein Geist, der von einer vorher normalen Frau Besitz ergreift, woraufhin der zweite Mund entsteht.

So gibt es z. B. Geschichten darüber, wie eine Stiefmutter ihre Stieftochter verhungern ließ, während ihre leibliche Tochter immer genug zu Essen bekam. Einige Wochen nach dem Tod der Stieftochter entstand schließlich ein Mund am Hinterkopf der Stiefmutter, der in der Stimme der Stieftochter nach Essen verlangt hat und scheinbar ständig hungrig war.

Eine andere Geschichte besagt hingegen, dass die Frau eines Holzfällers bei einem Arbeitsunfall seine Axt in den Hinterkopf bekommen hat. Die Frau hat überlebt, aber anstatt zu verheilen, hat sich die Wunde in einen Mund verwandelt.

Andere Theorien sind nur in kleineren Teilen Japans verbreitet. So wird in einigen Regionen gesagt, dass Futakuchi-onna Yamauba oder andere übernatürliche Wesen seien, die ihre Gestalt verändert haben.

Heutzutage erfreut sich besonders eine Theorie an Beliebtheit, laut der eine Futakuchi-onna entstehe, wenn eine Frau – z. B. wegen Magersucht oder um Geld zu sparen – absichtlich sehr wenig isst. Als Konsequenz taucht der Mund an ihrem Hinterkopf auf, um das Essen für sie zu übernehmen.

Geschichten, bei denen eine Frau den zweiten Mund wieder losgeworden ist, gibt es meines Wissens nach keine.

Eigenschaften:

Der Mund am Hinterkopf der Futakuchi-onna verlangt ständig nach Essen. Er redet mit der Frau und flüstert Beleidigungen oder andere Obszönitäten, beginnt laut zu schreien oder verursacht starke Schmerzen, wenn man ihm das Essen verweigert.

Trotzdem schaffen Futakuchi-onna es häufig, im Verborgenen zu leben. Häufig wissen Nachbarn, Freunde oder sogar Familienmitglieder, Ehepartner und Mitbewohner nichts von ihrem Geheimnis.

Sie verbergen den Mund an ihrem Hinterkopf unter ihren Haaren und ziehen sich zurück, wenn sie ihn „füttern“.

Wobei „füttern“ das falsche Wort ist, da der Mund sich selbst ernährt. Er formt die umliegenden Haare zu zwei oder mehr tentakelähnlichen Haarsträhnen, mit denen er sich das Essen – je nach Version zivilisiert mit Stäbchen oder direkt – in den Mund schaufelt. Dabei soll er mindestens doppelt so viel essen, wie ein normaler Mensch.

Aus diesem Grund isst die betroffene Frau selbst meist nur sehr wenig oder gar nichts mehr. Wenn also viel Essen im Haus verschwindet, während eine Frau fast gar nichts mehr isst, kann dies ein Anzeichen für die Mitbewohner sein, dass es sich bei der Frau um eine Futakuchi-onna handelt.

Lebensraum/Vorkommen:

Aufgrund der weiten Verbreitung der Legende und der vielfältigen Möglichkeiten, wie Futakuchi-onna entstehen können, gibt es kaum regionale Begrenzungen.

Sie können daher in ganz Japan und theoretisch auch in anderen Ländern vorkommen.

Ursprung:

Auch wenn ich nur wenig über den Ursprung der Legende herausfinden konnte, so gibt es Zeichnungen von Futakuchi-onna, die mindestens ins 19. Jahrhundert zurückreichen. Die Legende könnte aber auch noch deutlich älter sein.

Zudem ist es sehr wahrscheinlich, dass sie als eine Art Warnung entstanden ist oder zumindest als Warnung verbreitet wurde, da sich die meisten Geschichten darum drehen, dass eine Person für ihr Verhalten bestraft wird (zu wenig Essen, um Geld zu sparen oder dünn zu bleiben, dem Stiefkind weniger Aufmerksamkeit schenken, als dem leiblichen Kind, aus Geldgier eine Frau heiraten, die kaum etwas isst etc.).


Was haltet ihr von den Futakuchi-onna? Wenn ihr selbst eine wärt, würdest ihr es auch um jeden Preis geheim halten wollen? Wie würdet ihr reagieren, wenn ein Familienmitglied sich als Futakuchi-onna entpuppen würde? Schreibt es in die Kommentare!

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6 Kommentare

    • Jeremie Michels sagt:

      Okay, auf die Idee bin ich noch nicht gekommen. Das wäre auf jeden Fall ein sehr kreativer und produktiver Ansatz, um mit so einem Fluch umzugehen! 😄

  1. Lilia sagt:

    Wenn ich eine wäre, würde ich wahrscheinlich abhauen, denn wenn ich komplett hunger, dann auch der Mund, in der Wildnis würde das keiner hören… Da wir hier aber nicht im Mittelalter leben, denke ich, dass ich es auch eher geheim halten würde.

    Wenn ein Verwandter eine wäre, würde es mich ziemlich schocken, aber ich würde versuchen ihnen zu helfen.

    Mal wieder eine sehr schöne und ansprechende Geschichte:)

    • Jeremie Michels sagt:

      Aber was hättest du denn davon, abzuhauen? Wenn der Mund hungern würde, würde er dich wahrscheinlich psychisch terrorisieren und bei dir starke Schmerzen verursachen … :s
      (Dazu muss ich sagen, dass ich persönlich wohl versuchen würde, mich mit dem Mund anzufreunden. Wenn man schon den Rest seines Lebens damit auskommen muss, kann man wenigstens das Beste daraus machen! ^^)

      Aber das mit dem Verwandten finde ich sehr lobenswert. Ich würde ihr Geheimnis jedenfalls auch für mich behalten und sie so gut es geht unterstützen! 😀

      Danke. Das Schreiben hat auch sehr viel Spaß gemacht. Es war halt mal etwas anderes! ^^

      • Lilia sagt:

        Ok… Das stimmt, wenn ich abhauen würde, hätte ich da nichts von. Das Problem ist halt, dass ich sehr schlecht in sozialen Kontakte bin und nicht gerade besser im Erklären bin. Was ich meinte wäre, dass ich so zwar Hunger, aber der Mund auch, wenn er was will, muss er sich mit mir anfreunden. Im Prinzip würde ich versuchen ihn zu erpressen…. Schadet mir zwar auch aber gut …… Mein nun abgeendeter Plan ist, dass ich Versuche es jemandem anderes zu erzählen, muss nicht unbedingt ein*e Bekannte*r sein. Ansonsten hätte ich keinen Plan, was ich machen soll…

        • Jeremie Michels sagt:

          Das könnte einen halt sehr entlasten (also es jemandem zu erzählen). Dann bekommt man ggf. Unterstützung von denen und steht nicht mehr ganz so allein da. 🤔

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