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Aswang
Aswang (2019)

Aswang

Die Recherche über den Aswang war deutlich schwieriger, als ich gedacht hatte. Im Internet findet man so viel Halbwissen und Falschinformation, dass ich extra eine Filipina angeschrieben habe, nur um sicherzugehen, dass ich nichts Falsches erzähle (und ich hätte so einiges falsch gehabt)!

Ich hoffe, dass sich keine weiteren Fehler eingeschlichen haben, und wünsche euch viel Spaß bei meiner Geschichte:

Die Geschichte:

Mein Großvater hat mir häufig von den alten philippinischen Legenden erzählt, als er noch lebte. Er war vernarrt in die Erzählungen und Geschichten und behauptete, einige Kreaturen sogar selbst gesehen zu haben.

Früher hatte ich ihn dafür gehasst. Als ich ein Kind war, waren seine Geschichten mehr als nur einmal der Grund für meine Albträume. Hätte ich ihm doch nur besser zugehört …

Ich hatte nie an die Legenden geglaubt. Die einzigen Monster, an die ich glaubte, waren Menschen, nicht aber die Kreaturen aus den Erzählungen. Doch das änderte sich an dem Tag, an dem eines dieser Monster mein Leben zerstörte!

Ich hatte Spätschicht und wollte nur noch nach Hause zu Aira – meiner schwangeren Frau. Da ich nicht weit vom Büro entfernt wohnte, fuhr ich häufig mit dem Fahrrad, besonders, wenn das Wetter so herrlich war, wie heute.

Es war eine sternenklare Nacht. Ein warmer Wind schlug mir ins Gesicht und ich genoss die Abendluft.

Verträumt sah ich die leeren, schwach beleuchteten Straßen entlang und fühlte mich zum ersten Mal an diesem Tag richtig wohl. Ich beobachtete eine Motte, die um eine Laterne herumflatterte und musste lächeln.

Morgen war endlich Wochenende und ich konnte zwei ganze Tage nur mit meiner Frau verbringen. Ob sie wieder den Fisch machte, den ich so sehr liebte? Vielleicht würde sie ja … Ein Knurren riss mich aus meinen Gedanken. Ich war gerade dabei, um eine Ecke zu biegen, als plötzlich dieses Wesen vor mir stand.

Es sah wie eine Art Hund aus, nur größer. Sein Fell sah ungepflegt aus und er wirkte irgendwie ungesund. Hatte er vielleicht Tollwut oder irgendeine andere Krankheit?

Der Hund stand in einer kauernden Haltung da und knurrte mich an. Ein Speichelfaden lief aus seinem Maul und zog sich fast bis zum Boden hinunter.

Ich bewegte mich keinen Millimeter. Mein ganzes Leben hatte ich in Städten gewohnt und musste mir deswegen nie Gedanken darüber machen, wie man mit wilden Tieren umzugehen hatte. Ich war mit der Situation komplett überfordert.

Was sollte ich tun? Sollte ich langsam rückwärts gehen? Würde ich dem Tier damit Schwäche zeigen und es zum Angriff bringen? Sollte ich ruhig bleiben und nichts tun?

Dann begann das Tier langsam, sich zu verwandeln. Zuerst dachte ich, meine Augen spielten mir einen Streich. Es sah so aus, als würde es Stück für Stück sein Fell verlieren.

Je länger ich zu dem Hund starrte, desto mehr weiteten sich meine Augen: Das war kein Hund!

Die Vorderbeine begannen, kräftiger zu werden, und es wurden langsam Arme mit langen, dünnen, klauenartigen Händen daraus. Die Hinterbeine wurden dicker und länger, während sich ihre untere Hälfte in Füße verwandelte.

Inzwischen hatte das Wesen eine annähernd menschliche Gestalt. Es hatte sein Fell verloren – stattdessen hatte es jetzt eine graue, fleckige Haut – und die Schnauze war fast vollkommen zurückgegangen. Dafür hatte sich eine unnatürlich lange Zunge entwickelt.

Meine Instinkte schrien danach, fortzulaufen, doch meine Faszination, Überraschung und Ungläubigkeit brachten mich dazu, einfach nur dazustehen und die Verwandlung zu beobachten.

Erst, als der Gestank nach Verwesung meine Nase erreichte, gab ich nach. Er war so intensiv, dass ich würgen musste und zurücktaumelte. Fast verlor ich das Gleichgewicht.

Ohne weiter darüber nachzudenken, riss ich mein Fahrrad herum und trat in die Pedale. Klauenartige Füße folgten mir mit schnellen Schritten.

Ich traute mich nicht einmal, mich umzudrehen und nachzusehen, ob ich einen Vorsprung hatte, bis ich plötzlich keine Schritte mehr hörte. Ich warf einen flüchtigen Blick über meine Schulter. Da stand das Wesen und sah zu einem der Häuser. Es schien irgendetwas in dem Garten oder durch eines der Fenster zu beobachten, wandte mir dann aber wieder seinen Blick zu und nahm wieder die Verfolgung auf.

Ohne nachzudenken, fuhr ich in Richtung Zuhause. Ich wollte einfach nur noch zu Aira, zu unserem Sohn, den sie in ihrem Leib trug, und in die Sicherheit unserer vier Wände.

Es war nicht weit und als ich mich dem Eingang näherte, sprang ich von meinem Fahrrad und ließ es am Wegrand liegen. Ich kramte während des Rennens den Haustürschlüssel hervor, versuchte, meine Hand ruhig zu halten, als ich ihn in das Schloss schob, drehte ihn herum und verschwand im Flur.

Fast sofort, nachdem ich die Tür geschlossen hatte, hörte ich, wie ein schwerer Körper gegen die Tür rammte, und ich zuckte zusammen.

Ohne mich zu bewegen stand ich im Flur und versteckte mich so, dass man mich nicht durch das Fenster sehen konnte. Ich traute mich kaum, zu atmen.

„Joshua? Joshua, bist du das?“, hörte ich meine Frau von oben rufen. Mein Herz rutschte mir in die Hose und ich traute mich nicht, zurückzurufen.

Vorsichtig warf ich einen Blick aus dem Fenster. Von dem seltsamen Wesen war nichts mehr zu sehen.

„Joshua?“, rief Aira erneut. „Ja, ich bin’s“, rief ich zurück und ging zur Treppe. „Du wirst mir nicht glauben, was mir eben …“, das Geräusch von zerspringendem Glas und der markerschütternde Schrei meiner Frau unterbrachen mich.

Ohne zu zögern, rannte ich, so schnell ich konnte, die Treppe hinauf. Sofort schlug mir der Gestank von Verwesung entgegen.

Ich hetzte ins Schlafzimmer, wo Aira inzwischen wegen ihrer Schwangerschaft die meiste Zeit verbrachte, und sah gerade noch, wie etwas aus dem Fenster sprang. Ich wollte schon hinterherrennen und nachsehen, was es war, als mein Blick auf Aira fiel.

„Schatz, oh mein Gott, Schatz!“, schrie ich entsetzt. Sie blutete!

Sofort stürzte ich zu ihr. Ihr ganzer Bauch, das Bett, die Kleidung waren rot von Blut. „Er hat unseren Jungen genommen“, flüsterte Aira. Tränen schossen mir in die Augen. Sie klang so furchtbar schwach!

„Wer? Wer hat unseren Jungen genommen?“, fragte ich, während ich panisch versuchte, die Blutung zu stoppen.

„Aswang“, hauchte Aira. „Aswang? Wer ist Aswang?“, fragte ich. Doch Aira tat bereits ihren letzten Atemzug.

Die Legende:

Der Aswang ist eine Kreatur, die auf den Philippinen vorkommen soll. Dort verbreitet er seit Jahrhunderten Angst und Schrecken und wurde bereits für viele grausame Tode verantwortlich gemacht.

Auf Grund der Ähnlichkeit wird der Aswang sehr häufig mit dem Tik-Tik (Link folgt, sobald ich die Geschichten über ihn geschrieben habe) oder dem Tikwi verwechselt, es sind aber in Wirklichkeit drei verschiedene Kreaturen.

Im Gegensatz zu den Tikwi und Tik-Tik können Aswang auch männlich sein. Jedoch sind sie, egal ob männlich oder weiblich, hässlich. Sie sollen graue, fleckige Haut und milchige Augen haben und nach Verwesung stinken. In einigen Versionen haben sie sehr lange Zungen.

Sie ernähren sich am Liebsten von Kleinkindern, Babys oder sogar Föten, die sie aus den Leibern schwangerer Mütter reißen – oder mit ihrer langen Zunge heraussaugen. Aswang geben sich jedoch auch mit anderen Menschen, z.B. Erwachsenen oder selbst Kranken zufrieden und sollen sogar die Leichen von kürzlich Begrabenen ausbuddeln, falls sie nichts Besseres finden. Meist bleibt keine Spur ihrer Opfer zurück.

Es gibt auch Varianten, die sich zwar ebenfalls von Fleisch ernähren, jedoch hauptsächlich an die Organe – besonders die Leber und das Herz – wollen.

Eine andere Variante des Aswang hingegen saugt bloß das Blut aus dem Körper seiner Opfer, interessiert sich aber nicht für das Fleisch oder die Organe.

Das Hauptmerkmal des Aswangs ist, dass er die Fähigkeit des Gestaltwandelns beherrscht. So sollen Aswang sich in Tiere verwandeln und sich so tarnen können. Manche Leute sagen den Aswang sogar die Fähigkeit nach, sich in normal wirkende Menschen verwandeln zu können und behaupten, sie würden tagsüber als scheinbar normale Personen unter ihnen leben.

Es soll verschiedene Möglichkeiten geben, wie man einen Aswang erkennen kann – falls er sich z.B. tarnen sollte –, aber die am Weiten verbreitetste Methode scheint zu sein, ihm in die Augen zu blicken: Die Spiegelung in seinen Augen soll kopfüber sein.

Solltet ihr jedoch jemals so nah an einem Aswang dran sein, dass ihr sie so erkennt, wird es in den meisten Fällen schon zu spät sein!


Was haltet ihr von der Legende des Aswang? Wie würdet ihr reagieren, wenn ihr einem begegnet?

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5 Kommentare

  1. Monika says:

    Bis jetzt kannte ich noch keine philippinischen Legenden. Aber die Geschichte ist, meiner Meinung nach, sehr spannend geschrieben und auch die Beschreibung des Aswangs ist dir gut gelungen. 😀

    Zu den Fragen:
    ~Was haltet ihr von der Legende des Aswang? Wie würdet ihr reagieren, wenn ihr einem begegnet?
    Ich als Frau bin gerade sehr froh nicht auf den Philippinen leben zu müssen und/oder schwanger zu sein.^^°
    Ansonsten würde ich vermutlich laufen und hoffen, dass es nicht allzu schmerzhaft wird, wenn er mich erwischt.

    Liebe Grüße
    Monika

    • Jeremie Michels says:

      Ich finde es immer sehr spannend, von Legenden aus anderen Kulturen zu erfahren. Besonders im asiatischen Bereich bin ich regelmäßig schockiert und/oder begeistert.

      Ich als Frau bin gerade sehr froh nicht auf den Philippinen leben zu müssen und/oder schwanger zu sein.^^°
      Bei den philippinischen Legenden, die ich bisher kennengelernt habe, wünsche ich keiner einzigen schwangeren Frau, auf den Philippinen zu landen. ^^

      Ansonsten würde ich vermutlich laufen und hoffen, dass es nicht allzu schmerzhaft wird, wenn er mich erwischt.
      Laufen ist immer gut. Wenn man dann aber bedenkt, dass Aswang sehr schnell sein sollen, haben unsportliche Menschen wie ich wohl keine Chance – und wenn man dann auch noch schwanger ist … Wie du schon sagst, man sollte hoffen, dass es nicht zu schmerzhaft wird. :‘D

      • Monika says:

        Ich glaube, einer der Gründe, warum ich asiatische Legenden lieber mag als andere, ist, dass viele der Geister nur erscheinen, wenn man etwas bestimmtes getan oder nicht getan hat. Also als Reaktion/Konsequenz auf das eigene Verhalten.
        Man kann es also eher kontrollieren ihnen zu begegnen.

        Bei amerikanischen Legenden – so kommt es mir zumindest vor – sind die Geister und Wesen eher an Orte gebunden und reagieren auf „Eindringlinge“.

        Ich lasse mich aber gerne umstimmen.^^

        ~Anscheinend gibt es aber nicht so viele Aswang auf den Philippinen, da es ja sonst kaum mehr Nachkommen gäbe. 😀

        ~Sollte ich jemals (schwanger) auf den Philippinen Urlaub machen, schreibe ich vorher mein Testament. Bin nämlich auch keine schnelle Läuferin. XD

        • Jeremie Michels says:

          Ich glaube, einer der Gründe, warum ich asiatische Legenden lieber mag als andere, ist, dass […]
          Ich kenne zwar auch viele asiatische Legenden, bei denen der Geist oder das Monster wahllos alles tötet, aber trotzdem hast du recht. Soweit ich es mitbekommen habe, wurden Legenden in Asien hauptsächlich dafür genutzt, Leute dazu zu bringen, einige Dinge nicht zu tun oder besonders auf andere Dinge zu achten, um nicht in Gefahr zu kommen. In der westlichen Welt hat sich Horror jedoch besonders viel der Unterhaltung wegen oder um Dinge zu erklären, die man sich nicht anders erklären konnte, entwickelt. (Wobei das auch nur eine Vermutung meinerseits ist!)

          ~Anscheinend gibt es aber nicht so viele Aswang auf den Philippinen, da es ja sonst kaum mehr Nachkommen gäbe. 😀
          Vielleicht. Andererseits können sich Aswang ja auch von sehr vielen anderen Dingen ernähren. Es kann also auch sein, dass Föten für Aswang eher eine seltene Delikatesse sind. ^^

          ~Sollte ich jemals (schwanger) auf den Philippinen Urlaub machen, schreibe ich vorher mein Testament.
          Ich würde eher empfehlen, nicht schwanger auf den Philippinen Urlaub zu machen. Aber jedem das seine … xD

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