Startseite » Nukekubi

Nukekubi Zeichnung von Jeremie Michels. Man sieht den schwebenden Kopf einer Japanerin, die den Beobachter genau ansieht. Ihr offener Mund ist blutverschmiert. Außerdem hängt ein Fetzen Klebeband an ihrer Wange, der vorher ihren Mund bedeckt zu haben schien.
Nukekubi (2020)

Nukekubi

Die Geschichte zu den Nukekubi hat mich etwas mehr Zeit gekostet, als es mir lieb war. Außerdem ist es die bisher längste Geschichte geworden, die sogar The Flying Head überholt hat. Ich hoffe, sie gefällt euch trotzdem!

Die Geschichte

„Hinata, es gibt Essen!“, rief ich.

Mein Mann Makoto war bereits dabei, den Tisch zu decken.

„Hinata?“, rief ich erneut, da sie nicht antwortete.

Wieder nichts.

„Ich geh sie holen“, sagte ich.

„Hinata!“ Ich klopfte an ihre Tür. „Kannst du nicht hören?“, rief ich. Dann betrat ich ihr Zimmer.

Ich hätte gedacht, dass sie Kopfhörer in den Ohren hatte, dass sie mich nicht hören konnte. Sie stand jedoch lediglich vor dem Spiegel und hielt sich den Hals.

„Hinata?“, fragte ich verwirrt.

Als sie mich durch den Spiegel ansah, bemerkte ich, dass ihre Augen feucht waren.

„Hee, was ist los?“, fragte ich besorgt und tat einige Schritte auf sie zu.

Als sie ihre Hände von ihrem Hals nahm, entblößte sie mehrere kleine rote Linien, die wie Schrammen aussahen.

Wie angewurzelt blieb ich stehen. Ich wusste genau, dass das keine Schrammen waren. Wie sehr hatte ich diesen Tag gefürchtet …

„Mama?“, jammerte Hinata. „Ich will nicht sterben …“ Die ersten Tränen rannen über ihre Wangen.

„Das … das wirst du nicht!“, sagte ich mit brüchiger Stimme. Ich schloss sie fest in die Arme.

„Aber denk doch an meine Mutter“, erwiderte sie. „Meine leibliche Mutter.“

Junko – Hinatas leibliche Mutter – war eine wunderschöne Frau gewesen. Makoto hatte sie sehr geliebt. Doch auf ihr lastete ein fürchterlicher Fluch.

Sie war etwas, das wir ‚Nukekubi‘ nennen – ‚verschwundener Hals‘. Und genau das ist es, was sie jahrelang mit sich herumgeschleppt hatte:

Jede Nacht verschwand ihr Hals, woraufhin sich ihr Kopf schwebend auf die Suche nach frischem Blut gemacht hatte, das er trinken konnte.

Ich weiß, wie unglaubwürdig das klingen muss. Doch so unwirklich es auch klingt, so real war es für meinen Mann gewesen.

„Nein!“, sagte ich entschlossen. „Ich werde nicht zulassen, dass er dir dasselbe antut!“

Flüchtig sah ich mich im Zimmer um. „Hier!“, sagte ich. Ich nahm einen dünnen Schal von ihrem Kleiderständer und legte ihn ihr um. „Versteck die Male. Papa darf sie nicht sehen!“

Dann trocknete sie ihre Tränen und wir gingen ins Wohnzimmer.

Während wir aßen, sagte niemand etwas. Hinata und ich waren zu sehr in Gedanken und Makoto war noch nie der gesprächigste Typ gewesen.

Als wir schließlich mit dem Essen fertig waren, lehnte sich Makoto in seinem Stuhl zurück. Er sah Hinata mit einem merkwürdigen Blick an.

„Sag mal, wieso trägst du bei dem Wetter einen Schal? Das ist doch viel zu warm!“, sagte er.

Ich erstarrte. Doch Hinata blieb locker. „Aber Papa, das ist ein Sommerschal. Die sind gerade voll in Mode“, erwiderte sie, ohne mit der Wimper zu zucken.

Ich war überrascht, dass sie sich nichts anmerken ließ. Nicht einmal ich hatte etwas bemerkt, obwohl ich genau wusste, wie aufgewühlt sie innerlich sein musste.

Der restliche Abend verlief ohne besondere Vorkommnisse. Als Makoto schließlich ins Bett ging und mich fragte, ob ich mitkommen würde, tat ich so, als müsse ich auf die Toilette. In Wirklichkeit schlich ich mich jedoch in Hinatas Zimmer.

„Schhhh!“, sagte ich, als sie mich bemerkte.

Sie sagte nichts.

„Wir müssen einige Vorkehrungen treffen“, sagte ich leise.

Ich fühlte, wie sich ein Kloß in meinem Hals bildete. Was ich vorhatte, würde ihr nicht gefallen. Es gefiel mir selbst ja nicht einmal.

„Ich denke, du weißt, dass Nukekubi laute Schreie von sich geben sollen und schlafende Menschen angreifen …“

Hinata hatte einen gequälten Blick, während sie nickte.

„Daher denke ich, dass es das Beste ist, wenn ich die Tür verriegele und dich am Schreien hindere.“

„Was meinst du damit?“, fragte Hinata im Flüsterton.

Ich lächelte leicht gequält, während ich eine Rolle Panzerband aus meiner Bademanteltasche zog.

Hinata mustere sie mit vor Schreck weit aufgerissenen Augen.

Vorsichtig legte ich meine Hand an ihre Wange. Tränen schossen mir in die Augen. „Ist das in Ordnung für dich?“, fragte ich.

Es kam mir vor, als wären mehrere Minuten vergangen, in denen sie das Klebeband bloß anstarrte, bevor sie endlich nickte.

Es fühlte sich unbeschreiblich grausam an, das Panzerband abzuschneiden und ihr über den Mund zu kleben. Ich musste mich zusammenreißen, um nicht an Ort und Stelle in Tränen auszubrechen.

„Wir finden bald eine bessere Lösung. Versprochen!“, sagte ich. Dann schaltete ich das Licht aus, ging aus dem Zimmer und verschloss die Tür hinter mir.

Als ich zurück ins Bett ging, war Makoto bereits eingeschlafen. Er lag seelenruhig da und schnarchte leise vor sich hin, während ich neben ihm lag und das Bild meiner Tochter, die mit Klebeband geknebelt in ihrem Bett lag, nicht mehr aus dem Kopf bekam.

Wäre ich alleine gewesen, hätte ich mich wohl die halbe Nacht unruhig im Bett gewälzt. Doch ich wollte nicht, dass mein Mann Verdacht schöpfte.

Ihr könnt euch meinen Schock daher sicher vorstellen, als aus dem Flur plötzlich ein lautes Knallen zu hören war. Wamm!

Ich saß kerzengerade im Bett, starrte unruhig zwischen meinem Mann und dem Flur hin und her. Wamm!

War das Hinata? Hatte sie sich bereits in der ersten Nacht verwandelt?! Das Klebeband sollte doch bloß eine Vorsichtsmaßnahme sein. Nie hätte ich gedacht, dass wir es jetzt schon gebraucht hätten!

Wamm!

Makoto drehte sich auf die Seite. Wie versteinert starrte ich ihn an. Wie fest schlief er? Würde das Gepolter ihn wecken?

Wie in Zeitlupe schälte ich mich aus der Bettdecke. Ich stieg vorsichtig aus dem Bett. Dann schlich ich auf Zehenspitzen zur offenen Tür. Hoffentlich würde sie den Lärm etwas dämpfen.

Wamm!

Während ich die Tür vorsichtig schloss, rechnete ich durchgehend damit, dass sie ein lautes Quietschen von sich geben würde. Zu meiner Erleichterung ließ sich jedoch geräuschlos schließen.

„Ai?“, ertönte hinter mir plötzlich mein Name.

Wie versteinert stand ich da, als könne Makoto mich nicht sehen, wenn ich mich nicht bewegte.

„Ai, was ist los?“, fragte er.

Wamm!

Jetzt hörte ich, wie Makoto aufstand. „Was war das?“

„Ach, bleib ruhig liegen. Das sind nur die Nachbarn“, improvisierte ich. Es war keine gute Ausrede, doch bevor ich darüber nachdenken konnte, war sie schon ausgesprochen.

„Das alte Ehepaar?“, fragte er jetzt völlig entsetzt. Er rannte an mir vorbei, drückte mich beiseite und rannte in den Flur.

Wamm!

„Das kommt aus Hinatas Zimmer!“, rief er.

Das war der Moment, in dem ich innerlich zusammenbrach. Ich hatte es nicht geschafft, unsere Tochter auch nur eine Nacht lang zu retten. Jetzt wo Makoto wusste, was sie war, würde er sie ebenfalls töten.

Aus dem Flur hörte ich, wie ein Schlüssel in ein Schloss gesteckt wurde. Ich riss die Augen auf. „Makoto, nicht!“, kreischte ich und rannte ihm nach.

Er sah mich gleichermaßen entsetzt und verwirrt an. „Wieso? Was ist? Hast du die Tür abgeschlossen?“

Ich starrte zu Boden. Dann nickte ich langsam. „Ja …“

Das schien Makoto noch mehr zu verwirren. „Aber Ai … Wieso? Was ist da drinnen los?“

Ich spürte, wie meine Augen wieder feucht wurden. „Es … es ist Hinata“, stammelte ich. „Sie ist eine Nukekubi …“

Mein Mann sah mich an, als habe er mich nicht richtig verstanden. Mit offenem Mund sah er zu mir, dann zur Tür, dann wieder zu mir.

Schließlich ließ er sich auf die Knie sinken und begann bitterlich zu weinen. Da ich nicht wusste, was ich sonst tun sollte, setzte ich mich neben ihn. Ich legte meinen Arm um ihn und drückte ihn an mich.

„Wir finden eine Lösung“, sagte ich leise. „Du … du musst sie nicht töten!“

Jetzt sah er mich mit großen Augen an. „Denkst du, ich möchte sie töten? Du warst bei Junko damals nicht dabei. Ich habe alles versucht. Aber irgendwann kommt sie frei. Irgendwann kam sie immer frei. Wir haben viele Jahre lang versucht, sie einzusperren. Und trotzdem ist sie alle paar Monate wieder entkommen und mit dem Gesicht voller Blut aufgewacht. Manchmal haben wir in der Zeitung gelesen, wen sie getötet hat. Doch die meiste Zeit … Sie wollte so nicht mehr weiterleben!“

Würde das Hinata auch passieren? Würde sie entkommen und jemanden umbringen? Aber nein. Das würde ich nicht zulassen!

„Damals warst du mit Junko aber ganz alleine. Jetzt sind wir zu zweit“, versuchte ich, ihn zu überzeugen.

Makoto starrte wie versteinert zu Boden. „Du warst nicht dabei …“, wiederholte er. „Ich schaffe das nicht noch ein zweites Mal.“ Jetzt sah er mich an. In seinen Augen lag eine tiefe Trauer, die ich seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. „Ich fahre zu meinen Eltern. Tu, was auch immer du tun musst. Wofür du dich auch entscheidest, ich stehe hinter dir. Aber zuerst brauche ich etwas Zeit …“

Mit diesen Worten verschwand er im Schlafzimmer. Er zog sich an und kam mit einem Koffer zurück in den Flur.

„Ai, wenn du irgendetwas brauchst … wenn ihr irgendetwas braucht, könnt ihr mich jederzeit anrufen“, sagte er. Dann ging er zur Eingangstür und war verschwunden.

Ich muss gestehen, dass ich wütend war. Wieso ließ Makoto uns jetzt, in einer Situation, mit der er viel mehr Erfahrung hatte, alleine. Andererseits konnte ich es verstehen. Nach Junkos Tod hatte es Jahre gedauert, bis Makoto sich wieder auf Dates eingelassen hatte. Und es dauerte noch länger, bis diese tiefe Traurigkeit aus seinen Augen verschwunden war.

Aber auch wenn ich mich im Stich gelassen fühlte, so würde ich nicht zulassen, dass es Hinata genauso ging. Ich blieb die gesamte Nacht direkt bei ihrer Tür sitzen.

Immer wieder hörte ich, wie sie gegen die Tür oder die Wand rammte. Ich hörte Möbel umstürzen. Einmal hörte ich ein sogar etwas Hölzernes splittern.

Es machte mich fertig, dass ich nicht zu ihr konnte. Ich war völlig machtlos und konnte nichts anderes tun, als auf den Tagesanbruch zu warten.

Als endlich die ersten Sonnenstrahlen zum Fenster hereinfielen, wurde es ruhig in Hinatas Zimmer. Trotzdem zwang ich mich, noch einige Minuten sitzen zu bleiben, bevor ich zu ihr hinein ging.

Hinata war bereits wach. Sie saß auf dem Bett und starrte gedankenverloren in den Raum. Überall lagen Sachen herum. Das Poster ihrer Lieblingsband war von der Wand gerissen, ein billiger Kleiderschrank umgekippt und ihr Kleiderständer, von dem ich gestern noch den Schal genommen hatte, lag zerbrochen am Boden.

„Es ist letzte Nacht passiert, oder?“, fragte sie, ohne aufzusehen.

„Ja“, sagte ich leise und setzte mich zu ihr.

Wir schwiegen einen Moment.

„Tut das weh?“, fragte ich schließlich und deutete auf ihre Stirn.

Verwundert fasste sie sich an die blutige Schramme, die sie nicht bemerkt zu haben schien. Ich holte ihr ein Pflaster.

„Du hast ganz schön gewütet“, erklärte ich, während ich die Wunde versorgte. „Papa ist wach geworden. Ihn hat das ganze ziemlich fertig gemacht. Er hat gesagt, dass er es nicht mitansehen könne und ist zu Oma und Opa gefahren.“

Hinata antwortete nicht. In dem Moment, als ich meinen Arm um sie legte, brach sie in Tränen aus und vergrub ihr Gesicht an meiner Schulter.

„Ich kann mich nicht einmal daran erinnern“, schluchzte sie. „Ich hab mein gesamtes Zimmer auseinandergenommen und kann mich an keine einzige Sekunde davon erinnern! Was, wenn ich jemandem wehtue? Wenn ich irgendwie herauskomme? Ich bin ein Monster! Sogar Papa hat Angst vor mir!“

„Papa hat keine Angst vor dir. Er hat Angst um dich“, korrigierte ich sie. „Er wird etwas Zeit brauchen, aber wenn wir ihm zeigen können, dass wir dich unter Kontrolle haben …“

„Und wie willst du das schaffen?“, unterbrach sie mich. „Wie willst du mich daran hindern, dass ich jemanden angreife? Ich hätte nur die Scheibe einschlagen müssen und …“, ihre Stimme versagte.

Darüber hatte ich mir selbst schon Gedanken gemacht. Ich griff nach ihrem Handgelenk. „Komm mit“, forderte ich sie auf.

Hinata folgte mir ohne Widerworte. Ich führte sie in einen kleinen Abstellraum. Hier standen zwar überall Kartons, Putzmittel, ein Staubsauger und andere Sachen herum, wenn wir den Raum jedoch leerräumten, würde er sich anbieten.

„Er stinkt zwar etwas nach Reinigungsmittel, dafür hat er aber ein Gitter vor dem Fenster“, erklärte ich.

Hinata zeigte nur wenig Reaktion, half mir dann aber dabei, den Raum leerzuräumen.

Anschließend machten wir uns daran, die Wände und den Boden mit allerlei Stoff auszukleiden: Decken, Kissen, sogar Stofftiere. Wir versuchten alles, damit Hinata sich nicht wieder verletzen konnte.

Zu guter Letzt trugen wir Hinatas Bettmatratze in den Raum und legten sie auf den Boden. Es sah nicht sonderlich bequem aus, war aber wohl die sicherste Lösung.

Als wir fertig waren, waren wir beide ziemlich erschöpft. Trotzdem erlaubte ich Hinata nicht, sich alleine auf ihr Zimmer zurückzuziehen. Wir verbrachten den gesamten Tag zusammen, damit wir beide uns gegenseitig ablenken konnten.

Je später es wurde, desto weniger gelang uns das jedoch. Als wir gemeinsam das Abendessen kochten, sprachen wir dabei fast kein Wort.

Bald war es schließlich so weit, dass Hinata in ihr neues Schlafzimmer gehen musste. Ich brachte sie ins Bett, klebte ihr auf ihre Erlaubnis hin das Klebeband über den Mund und schloss die Tür von außen ab.

In dieser Nacht konnte ich deutlich besser schlafen. Ich war hundemüde von der ganzen Vorbereitung für Hinatas neues Schlafzimmer. Daher dauerte es nicht lange, bis ich trotz aller Sorgen einschlief.

Mitten in der Nacht wurde ich jedoch gewaltsam aus dem Schlaf gerissen. Ein stechender Schmerz fuhr durch meinen Arm.

Desorientiert sah ich mich im Halbdunkel um.

„Hinata?“, fragte ich verwirrt.

Aber nein, das war nicht meine Tochter – zumindest nicht meine gesamte Tochter. Es war bloß ihr Kopf! Der stechende Schmerz kam von einer Wunde an meinem Oberarm. Hinata war gerade dabei, mein Blut zu trinken!

Panisch zog ich meinen Arm weg. Hinata starrte mich an. Das Klebeband, was eigentlich ihren Mund verdeckt hatte, hatte sich gelöst und hing jetzt nur noch an ihrer Wange.

Moment. Das Klebeband! Panisch packte ich den Kopf bei den Haaren und presste ihr meine andere Hand auf den Mund. Wenn die Legenden stimmten, würde der Schrei einer Nukekubi mich vollständig lähmen. Dann würde ich mich nicht mehr gegen sie wehren können!

Hinata biss mit voller Kraft in meine Handfläche. Doch ich ließ den Schmerz über mich ergehen. Ich nahm meine Hand nicht weg.

Vorsichtig schob ich meine Beine aus dem Bett. Ich setzte mich auf, während Hinata sich unter meinem Griff wandte und mich wieder und wieder Biss. Jetzt durfte ich mir keinen Fehler erlauben!

Ich schloss die Augen und nahm einige tiefe Atemzüge. Als ich all meinen Mut zusammen hatte, zog ich Hinata dicht an meinen Körper und schleuderte den Kopf in den Raum.

Während sie sich noch in der Luft fing, sprintete ich zur Schlafzimmertür. Ich riss sie hinter mir zu.

Im selben Moment ertönte ein markerschütternder Schrei aus dem Schlafzimmer. Schnell presste ich mir die Hände an die Ohren.

Im nächsten Moment sah ich, wie etwas an der Türklinke ruckelte. Sie versuchte, die Tür zu öffnen!

Ohne weiter darüber nachzudenken, rannte ich in Hinatas neues Schlafzimmer. Es war noch immer verschlossen. Hinata war also nicht durch die Tür gekommen.

Ich schloss das Zimmer auf. Dann zog den Schlüssel aus dem Schloss, betrat hastig ich den Raum, schaltete das Licht ein und verschloss die Tür von innen.

Für einen Moment blieb ich entsetzt stehen. Dort lag Hinatas Körper auf ihrer Matratze. Sie war nur halb zugedeckt, sodass ich ihren blauen Pyjama sehen konnte. Es sah unwirklich aus. Ohne ihren Kopf wirkte es fast so, als würde eine kopflose Puppe ihre Kleidung tragen.

Dann fiel mein Blick auf das Fenster. Nicht nur, dass sie es geschafft hatte, es zu öffnen. Sie hatte auch das Gitter entfernt. Wahrscheinlich hatte sie es solange gerammt, bis die Schrauben aus der Wand gerissen waren.

Jetzt wurde mir noch etwas anderes schmerzlich bewusst: Hinata hatte mich gebissen. Nur knapp war ich mit dem Leben davon gekommen – und das bereits in der zweiten Nacht ihrer Verwandlung. Was, wenn sie nicht zurück in unser Haus, sondern in das Haus der Nachbarn geflogen wäre?

Makoto hatte recht. Wie sollte Hinata so jemals ein glückliches Leben führen? Irgendwann würde sie einen Weg hinaus finden und schließlich tatsächlich einen Mord begehen. Und selbst, wenn wir das verhindern könnten, würde sie niemals eine Beziehung haben, niemals Kinder kriegen können. War dieses Leben wirklich lebenswert?

Schweren Herzens schloss ich das Fenster. Während Hinatas Kopf noch immer durch den Flur tobte, setzte ich mich zu ihrem Körper auf die Matratze. Meine Augen füllten sich mit Tränen, als ich mit meiner unverletzten Hand nach ihrer griff. Sie war warm und fühlte sich an, als würde Hinata tatsächlich nur schlafen.

Wieso? Wieso musste dieser fürchterliche Fluch ausgerechnet meine Tochter getroffen haben? Sie hatte doch nichts Falsches getan …

Plötzlich hörte ich, wie sich etwas an der Türklinke zu schaffen machte. Sie wurde mit rüttelnden Bewegungen nach unten gedrückt. Als Hinata schließlich feststellte, dass die Tür abgeschlossen war, ließ sie von der Klinke ab. Sie stieß erneut einen fürchterlichen Schrei aus.

Dann begann sie, wieder und wieder gegen die Tür zu rammen. Es war unerträglich. In meinem Kopf spielten sich Bilder ab, wie ihr Kopf immer wieder gegen die Tür schlug.

Ich rollte mich neben ihrem Körper auf der Matratze zusammen und schloss ihn fest in meine Arme. Es würde das letzte Mal sein, dass ich meine Tochter halten konnte.

Schließlich hörte der Lärm an der Tür auf. Hinata stieß noch einen letzten hasserfüllten Schrei aus, bevor Ruhe einkehrte.

Unruhig sah ich zum Fenster. Es dämmerte bereits, aber war die Sonne auch schon aufgegangen?

Die Antwort auf diese Frage sollte ich keine fünf Sekunden später bekommen: Mit voller Wucht klatschte plötzlich Hinatas Kopf gegen die Scheibe.

Daran hatte ich nicht gedacht. Jetzt, wo das Gitter weg war, würde sie das Fenster sicherlich einschlagen können!

Wieder donnerte sie gegen die Scheibe.

Ich reagierte blitzschnell, rollte Hinatas Körper von der Matratze und stemmte sie gegen die Wand mit dem Fenster. Anschließend presste ich mich mit meinem gesamten Gewicht gegen den Stoff – und das keine Sekunde zu früh: Ich hörte, wie das Glas splitterte.

Dann warf sich auch schon ein wütender Kopf gegen die Matratze. Er war kräftiger, als ich gedacht hätte. Trotzdem hatte ich keine Probleme, die Matratze zu halten.

Plötzlich ertönte jedoch ein lauter, markerschütternder Schrei, der durch die Matratze kaum gedämpft wurde. Mein ganzer Körper spannte sich plötzlich an. Meine Muskeln verkrampften, sodass ich mich nicht mehr bewegen konnte. Die Legenden waren wahr! Ihr Schrei hatte mich gelähmt!

Jetzt war die Gegenwehr noch stärker. Wieder und wieder rammte Hinatas Kopf gegen die Matratze. Zum Glück war mein Körper in so einer Position verkrampft, dass ich noch immer an der Matratze lehnte. Meine Füße rutschten jedoch mit jedem Stoß, der durch die Matratze führ, ein kleines Stückchen weiter. Lange würde ich so nicht mehr stehenbleiben!

Ganz plötzlich hörten die Stöße jedoch auf. Draußen hörte ich einen dumpfen Aufprall.

Es dauerte noch ein wenig, bis ich meinen Körper endlich wieder bewegen konnte. Dann nahm ich vorsichtig die Matratze ein Stück von der Wand und spähte aus dem zerbrochenen Fenster. Die Sonne war aufgegangen. Hinata war tot.

Bleibt auf dem Neusten Stand und folgt mir auf:

Facebook  Twitter  Instagram

Die Legende:

Nukekubi sind Yōkai, die den Rokurokubi sehr ähnlich sind. Im Gegensatz zu den Rokurokubi können sie ihren Hals jedoch nicht mehrere Meter lang strecken, sondern lösen ihren Kopf nachts komplett vom Körper. Außerdem sollen Nukekubi deutlich bösartiger und gefährlicher sein.

Das Wort Nukekubi kommt wahrscheinlich von den japanischen Wörtern „Nuke“ (抜け = vermisst, unauffindbar, verschwunden) und „Kubi“ (首 = Kopf, Hals, Nacken). Es bedeutet somit „verschwundener Kopf“ oder „verschwundener Hals“.

Aussehen:

Im Gegensatz zu den Rokurokubi können Nukekubi auch männlich sein. In den meisten Geschichten sind sie jedoch weiblich.

Tagsüber sehen sie wie völlig normale Frauen – oder in seltenen Fällen Männer – aus. An ihrem Hals besitzen sie jedoch rote Male, Symbole oder Linien, an denen man sie identifizieren kann. Aus diesem Grund tragen sie häufig einen hohen Kragen oder Schal, um nicht aufzufallen.

Nachts löst sich ihr Kopf dann von dem schlafenden Körper, um sich schwebend auf die Suche nach Opfern zu machen, bis er am Morgen zum Körper zurückkehrt.

Entstehung:

Ähnlich wie bei den Rokurokubi wird davon ausgegangen, dass es sich bei den Nukekubi um einen Fluch oder eine Strafe handelt.

Man kann also etwas sehr Verwerfliches getan haben, wofür man als Strafe in einen Nukekubi verwandelt wurde oder verflucht worden sein.

Des Weiteren heißt es, dass die Strafe oder der Fluch vererbbar sind. Somit können Kinder einer oder zweier Nukekubi ebenfalls zu Nukekubi werden. Sie sollen sich jedoch erst verwandeln, wenn sie älter werden.

Eigenschaften:

Nukekubi verhalten sich tagsüber völlig unauffällig. Man kann sie daher nur an ihrem Hals erkennen.

Nachts jedoch, wenn sich ihr Kopf von ihrem Körper getrennt hat, werden sie zu blutrünstigen Monstern. Sie suchen sich schlafende Menschen oder Tiere, deren Blut sie trinken oder die sie beißen können – häufig sogar bis zum Tod.

Außerdem sollen sie schrille Schreie ausstoßen, die so furchteinflößend klingen, dass ihre Opfer davon gelähmt werden.

Da sich ihr Kopf vollständig vom Körper löst, können sie sehr große Entfernungen zurücklegen und sich weit entfernt von ihrem Schlafplatz bewegen. Hierin liegt jedoch auch ihre größte Schwäche: Wenn man ihren Körper versteckt, sodass sie ihn bei Tagesanbruch nicht wiederfinden, sterben sie. In dieser Hinsicht sind sie den philippinischen Manananggal oder den thailändischen Krasue sehr ähnlich.

Lebensraum/Vorkommen:

Es gibt keine wirklich örtliche Begrenzung, wo Nukekubi vorkommen können. Da es sich jedoch um eine japanische Legende handelt, finden die Sichtungen fast ausschließlich in Japan statt.

Ursprung:

Woher die Nukekubi genau kommen, ist nicht bekannt. Man weiß nur, dass sie bereits sehr alt sein sollen.

Es wird aber vermutet, dass die sich selbstständig machenden Köpfe symbolisch für das Schlafwandeln stehen könnten.

Andererseits gibt es Theorien, dass es ein symbolischer Bezug auf neugierige Frauen sein könnte, die mit ihrem Kopf oder ihrer Aufmerksamkeit an einem völlig anderen Ort sind.

Außerdem habe ich häufiger gelesen, dass die Legende der Nukekubi aus der Legende der Rokurokubi entstanden sei. (Anmerkung: Diese Aussage scheint jedoch stark umstritten zu sein. Bei meiner Recherche zu den Rokurokubi habe ich z.B. das genaue Gegenteil gelesen – also, dass die Rokurokubi-Legende aus der Nukekubi-Legende entstanden sei.)


Was haltet ihr von den Nukekubi? Glaubt ihr, dass ein solcher Fluch vererbt werden könnte? Wie würdet ihr reagieren, wenn eure Tochter sich in ein solches Wesen verwandelt hätte? Schreibt es mit in die Kommentare!

Wenn ihr mehr solche Geschichten oder Legenden lesen wollt, abonniert auch gerne meinen Newsletter, oder folgt mir auf Twitter, Facebook oder Instagram!

1 Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.