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Ningyo Zeichnung von Jeremie Michels. Das Bild zeigt eine Ningyo, ein Wesen mit dem etwas unförmigen Kopf einer asiatischen Frau und dem Körper eines Fisches. Die Ningyo schwimmt von rechts nach links, während sie mit offenem Mund vor sich hinstarrt. Ihre langen schwarzen Haare schweben wild im Wasser und bedecken einen Teil ihres rot-braunen Fischkörpers.
Ningo (2022)

Die Ningyo – Wirf sie zurück ins Wasser!

Die Ningyo ist ein japanisches Wesen, das zum Teil Fisch und zum Teil Mensch ist. Trotzdem unterscheiden sie sich starkt von den westlichen Meerjungfrauen. Warum das so ist, erfahrt ihr in diesem Beitrag.

(Ich muss übrigens gestehen, dass ich nur wenig Ahnung vom Fischen habe. Natürlich habe ich versucht, mich so gut es geht zu informieren, habe über das Fischen mit Netzen jedoch nur sehr wenig Infos gefunden. Daher hoffe ich einfach mal, dass ich nicht allzu viel Müll geschrieben habe und euch die Geschichte trotzdem gefällt! 😅)

Viel Spaß beim Gruseln!

Triggerwarnungen

– Blut
– Naturkatastrophe

Die Geschichte:

Ich stand an der Reling und sah mit einem Lächeln aufs Meer hinaus. Die Sonne glitzerte in den sanft rauschenden Wellen, die das Boot in ein langsames, gemütliches Schaukeln versetzten. Es war ein herrlicher Spätsommerabend knapp vor der japanischen Küste.

„André, hilf Naoto mit dem Netz!“, rief Hiroshi von hinten. Er hatte einen befehlenden, fast überheblichen Tonfall, der mir normalerweise nicht gepasst hätte, aber immerhin bezahlte er mich dafür, dass ich ihm diese Woche beim Fischen half.

Während ich also zu ihnen eilte, stand Hiroshi halb im Cockpit und sah mich an. Sein strenger Blick wurde von seinen Falten und den teilweise grauen Haaren untermalt. Naoto hingegen hatte freundliche, dunkle Augen und ein sanftes Gesicht, auch wenn er es gerade vor Anstrengung verzog.

Ich beeilte mich, ihm zu helfen, das gut gefüllte Fischernetz an Bord zu ziehen. Schnell stieg mir der Geruch von Fisch in die Nase, als das zappelnde Netz vor uns lag. Zwar quoll es nicht über vor Fischen, aber es war ein guter Fang.

Hiroshi machte sich sofort daran, die Ausbeute zu inspizieren. Mit geschickten Fingern leerte er das Netz in eine Plastikwanne, durchwühlte die Fische, als wären sie Erde, in der ein Schatz vergraben ist, … und kippte anschließend den gesamten Fang unter lautem Platschen und Plätschern zurück ins Meer.

Zu Anfang hatte ich ihm noch entsetzt dabei zugesehen, aber inzwischen hatte ich mich daran gewöhnt. Immerhin machte er das schon die ganze Woche so. Zugegeben: Am Montagvormittag hatte er sich noch bemüht, nur die großen Fische zu behalten. Die kleineren – auch die, die bei Weitem groß genug waren, um sie zu verkaufen – warf er allesamt ins Meer zurück. Aber bereits am selben Abend verwarf er seine Prinzipien und kippte alle Fische, ganz egal wie groß oder klein sie waren, in seine große Kühlbox.

Sobald die Kühlbox voll war, fuhren wir aber nicht zum Hafen. Nein, wir fischten einfach weiter und warfen den Fang zurück ins Meer. Hiroshi sah dann zwar jedes Mal die gesamte Ausbeute durch, aber war nie zufrieden. Es kam mir fast vor, als würde er irgendetwas suchen. Als ich ihn jedoch danach gefragt hatte, hatte er nur schroff gemeint, dass ich sein Angelverhalten nicht in Frage stellen solle und er mich gut bezahle. Anschließend war das Gespräch für ihn beendet.

„Es wird langsam spät. Wir sollten allmählich umkehren“, warf Naoto ein, nachdem die Plastikwanne wieder leer war. „Ich hab meiner Frau versprochen, dass wir heute Abend gemeinsam essen.“

Hiroshi musterte ihn, als habe er ihm vor die Füße gespuckt, ehe er einen flüchtigen Blick zur Sonne warf, die sich langsam dem Horizont näherte. Schließlich erwiderte er: „Na, meinetwegen. Eine halbe Stunde machen wir noch. Danach können wir zurück zum Hafen.“

Naoto nickte knapp. Anschließend verschwand Hiroshi im halb offenen Cockpit, startete den Motor, der sofort leise zu summen begann, und das Boot fuhr weiter.

Ich wusste nicht, ob er irgendeinem System folgte, während wir durch das offene Meer fuhren, oder ob Hiroshi ziellos durch die Gegend tuckerte, bis sein komisches Gerät irgendetwas anzeigte. Es war eine Art Tablet, das fest neben dem Lenkrad verbaut war. Soweit ich es verstanden hatte, zeigte es ihm, wo sich unter uns Fischschwärme und größere Fische befanden.

Gelegentlich piepte das Tablet. Das war immer der Moment, wo Hiroshi es aufgeregt ansah. Kurz darauf sah er entweder enttäuscht wieder nach vorn, oder aber er drehte am Lenkrad, steuerte das Boot an eine bestimmte Stelle und befahlt Naoto, das Netz auszuwerfen – ein Befehl, dem Naoto in Windeseile nachkommen musste.

So ging das schon die ganze Woche. Die meiste Zeit kam ich mir dabei völlig nutzlos vor. Naoto wurde von Hiroshi wohl angeheuert, weil er Ahnung vom Fischen hatte. Im Notfall könnte er sogar das Boot steuern. Ich hingegen war die größte Landratte, die man sich vorstellen konnte. Abgesehen von meinen Muskeln hatte ich nichts, was mich für den Job qualifizierte. Vielleicht war ich als Weißer auch bloß aus der Masse hervorgestochen, weswegen Hiroshi mich angesprochen hatte. Ein anderer Grund wollte mir jedenfalls nicht einfallen.

Aber was es auch war, ich war froh, hier zu sein. Immerhin wurde ich gut bezahlt, obwohl ich kaum mehr tat, als auf dem Boot zu sitzen und das Meer zu genießen – abgesehen von dem gelegentlichen Einholen des Netzes, heißt das natürlich. Und so störte mich auch Hiroshis Verhalten nicht, als er auch den Inhalt der beiden letzten Netze, die wir vor unserem Heimweg auswarfen, ohne mit der Wimper zu zucken ins Meer zurückwarf.

„Also gut, Männer“, sagte er mürrisch. „Wir machen uns auf den Rückweg. Hoffentlich haben wir morgen mehr Erfolg.“

Naoto und ich warfen einander einen verwirrten Blick zu. Ich kannte mich zwar nicht so gut mit Fischen aus, aber soweit ich es beurteilen konnte, war unser Anglerglück die letzten Tage nahezu überirdisch gewesen. Es war kaum ein Tag vergangen, an dem unsere kleine Kühltruhe am Abend nicht randvoll war.

Ehe ich Hiroshi jedoch darauf ansprechen konnte, war er bereits im Cockpit verschwunden. Aber wahrscheinlich hätte er eh wieder nur ausweichend darauf reagiert.

Wenn er uns doch wenigstens sagen würde, wonach er suchte. Ich mochte keine Ahnung von der See und Fischen haben, aber Naotos Wissen reichte für uns beide aus!

In den nächsten Minuten, in denen die ersten Gebäude in der Ferne auftauchten und langsam größer wurden, beobachtete ich den Himmel. Die Sonne war bereits untergegangen und färbte den Horizont nun in ein warmes, feuriges Rot. Ein gutes Zeichen: Immerhin deutete Abendrot auf gutes Wetter hin.

Doch während ich mich schon darauf freute, bald in meiner kleinen, warmen Wohnung zu sitzen und gemeinsam mit meinem Kater Mr. Fluff fernzusehen, hörte ich plötzlich ein vertrautes Piepen. Es war das komische Tablet, das beim Fischefinden half. Kurz darauf folgte ein ungläubig gemurmeltes „Ich wusste nicht, dass sie so groß werden“ und ein lauteres „Naoto! Mach das Netz bereit! Wir wagen einen letzten Wurf!“

Der Enthusiasmus in Hiroshis Stimme überraschte mich. Und wie ich an Naotos Reaktion sah – er sprang sofort auf und griff, ohne zu murren, nach dem Netz –, ging es ihm ähnlich. Was auch immer Hiroshi auf seinem Fischradar gesehen hatte, vielleicht war es ja das, wonach er suchte.

Diesmal ließ er den Motor laufen, während Naoto das Netz auswarf. Es bildete platschend einen fast perfekten Kreis auf der Wasseroberfläche, bevor es schnell in der Tiefe verschwand. Aber während Naoto und ich gebannt auf das langsam verschwindende Netz starrten, blieb Hiroshi im Cockpit.

„Verdammt!“, rief er. „Daneben! Holt das Netz ein! Holt es ein!“ Er sprach dabei schnell und ungehalten. Fast klang es, als wäre er wütend auf Naoto, aber ich war mir sicher, dass es nur die Aufregung war.

Sofort sprang ich auf und half Naoto mit dem Netz. Es war nicht sonderlich tief gesunken und hatte keinen einzigen Fisch eingefangen, also war es sehr viel einfacher, es einzuholen.

Anschließend steuerte Hiroshi das Boot einige Meter weiter und befahl uns, das Netz erneut auszuwerfen. Wieder war er nicht zufrieden.

Nachdem Naoto das Netz noch ein drittes und viertes Mal ausgeworfen und wir es eingeholt hatten, merkte ich, wie schwer er inzwischen atmete. Es sah so leicht aus, wie er das Netz warf, aber wenn ich bedachte, wie schwer das verdammte Teil war und weit er es werfen musste …

„Nochmal!“, rief Hiroshi. „Kommt schon, kommt schon! Wir haben sie gleich!“

„Nur eine kurze Pause“, bat Naoto schnaufend. Er stützte sich am Boot ab, während er versuchte, wieder zu Atem zu kommen.

Das passte Hiroshi jedoch nicht. Er stürmte kurzerhand aus dem Cockpit, packte das Netz und warf es selbst ins Meer. Die Kraft und Geschicklichkeit, die er dabei bewies, hätte ich ihm in seinem Alter nicht mehr zugetraut. Zwar flog das Netz bei Weitem nicht so rund wie bei Naotos Würfen, aber man konnte deutlich erkennen, dass es nicht sein erster Netzwurf war.

Ich jedenfalls hatte nicht ansatzweise so gut geworfen, als ich es vorgestern spaßeshalber unter Naotos Anleitung versucht hatte. Mir war nicht ein einziger Fisch ins Netz gegangen. Und wahrscheinlich könnt ihr euch denken, wie begeistert Hiroshi darüber gewesen war. Im Gegensatz dazu sah er aus wie ein Profi.

Noch bevor das Netz das Wasser berührt hatte, stürmte Hiroshi zurück ins Cockpit, um auf sein Tablet zu sehen. Aber das wäre gar nicht nötig gewesen: Kurz nachdem das Netz untergegangen war, spannte sich das Seil, das das Netz mit dem Boot verband. Ein Ruck fuhr durch das Boot, nicht stark genug, um mich aus dem Gleichgewicht zu bringen, aber er war deutlich spürbar. Was auch immer wir im Netz hatten, es wehrte sich mit Leibeskräften.

„Holt es ein!“, schrie Hiroshi, während er aus dem Cockpit gerannt kam. Er packte als Erster das Netz, dann folgten Naoto und ich. Gemeinsam zogen und zerrten wir daran. Stück für Stück, Meter für Meter zogen wir das Netz langsam aber sicher aus dem Wasser, bis es schließlich vor uns an Deck lag.

Als ich den Fisch sah, wie er am Boden im Netz zappelte, war ich erst erstaunt über seine Größe. Er war groß wie eine Robbe. Als ich jedoch näher hinsah, überkam mich das Gefühl von Überraschung, Entsetzen und einem Hauch von Ekel. Sein Körper sah aus, wie der eines ganz normalen Fisches mit Flossen und allem drum und dran, der Kopf jedoch … war menschlich. Er hatte ein Gesicht, einen Hals, kleine Ohren und sogar Haare. Es sah aus, als hätte man einen unförmigen Frauenkopf am Körper eines großen Fisches befestigt.

Wie jeder normale Fisch öffnete und schloss das Wesen panisch den Mund. Aber seine Augen, seine ungewöhnlich menschlichen Augen starrten wild hin und her. Als es sie einen Moment genau auf mich richtete, stolperte ich einen Schritt zurück, rutschte auf dem nassen Boden weg und landete mit einem leisen Fump auf dem Hintern.

Aber was mich noch mehr verstörte, als das merkwürdige Wesen selbst, war Hiroshis Reaktion. Während er es mit einer Hand durch das Netz an seinem „Hals“ zu Boden drückte, streichelte er mit der anderen Hand ganz zärtlich über seine Schuppen. Er musterte es mit einem liebkosenden Blick, als wäre es sein Kind oder seine Geliebte.

„E-eine Ningyo!“, stieß Naoto aus. Er starrte Hiroshi mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen an.

„Eine Meerjungfrau?“, fragte ich verwirrt. Ich wusste nicht, dass „Ningyo“ nicht nur das japanische Wort für Meerjungfrau war, sondern auch dieses seltsame, mir völlig fremde Wesen beschrieb.

Naoto ignorierte meine Frage. Er sah bloß weiter entsetzt zu dem Wesen. „Du musst sie zurückwerfen! Sofort!“, befahl er.

Hiroshi lächelte ihn an. Da war sie wieder, seine überhebliche Art. „Das werde ich nicht tun“, sagte er ruhig.

Naoto griff nach einer Stange, die an der Bootswand hing, und richtete ein Ende, an dem ein metallener Haken befestigt war, auf Hiroshi.

Der wiederum sah ihn unbeeindruckt an. „André, steh auf und halt mir diesen Irren vom Leib“, sagte er zu mir. „Dann verdopple ich deinen Lohn.“

Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass sein Angebot nicht verlockend klang, dass ich nicht darüber nachgedacht hätte, aber am Ende gewann mein Gewissen. Naoto hatte mir nichts getan. Er war bisher immer superfreundlich gewesen und aus irgendeinem Grund hatte er Angst vor dem Wesen. Ganz bestimmt hatte er keine bösen Absichten, wenn er wollte, dass Hiroshi es zurückwarf.

Als Hiroshi jedoch bemerkte, dass ich mich nicht rührte, eskalierte die Situation vollständig. „Ach, ihr könnt mich mal!“, rief er.

Gleichzeitig tat Naoto einen Schritt auf ihn zu, die Stange weiter auf ihn gerichtet. „Wirf sie zurück, sonst …“

Weiter kam er nicht. Mit geschickten Händen griff Hiroshi plötzlich in seine Jacke und zog eine Pistole hervor, die er auf Naoto richtete. „Sonst was?“ In seinen Augen funkelte Abscheu.

Erschrocken richtete ich mich auf. Jetzt zeigte der Lauf der Waffe auf mich. Ich hatte noch nie zuvor eine echte Pistole gesehen, die auf jemanden gerichtet wurde. Und schon gar nicht auf mich. Ich kann kaum erklären, wie es sich anfühlte. Plötzlich war ich völlig hilflos. Mein Magen fühlte sich an, als hätte er sich verknotet, während meine Beine zu Eis erstarrten und mein Hirn schrie, dass ich weglaufen solle. Aber ich konnte nirgendwo hin.

Naoto ging es ähnlich. Er hob eine Hand, legte bedacht langsam die Stange zu Boden und hob dann auch die andere Hand. Währenddessen trat er vorsichtig einen Schritt zurück.

Hiroshi hingegen blieb ganz ruhig. Während er die Pistole weiter abwechselnd auf uns richtete, kramte er mit seiner freien Hand ein Fischermesser hervor. Als er es schließlich zum Hals des seltsamen Fischwesens führte, trat Naoto wieder einen Schritt nach vorn, die Hände vor sich haltend, um zu zeigen, dass er Hiroshi nichts tun wollte.

Panik stand ihm ins Gesicht geschrieben, auch wenn ich das seltsame Gefühl hatte, dass sie jetzt nicht mehr der Pistole galt. „B-bitte. Du musst das nicht tun“, flehte er. „Wirf sie einfach zurück. Dann kommt niemand zu Schaden. Ich habe Frau und Kinder!“

Ich weiß nicht, wie ich genug Mut aufbringen konnte, um zu sprechen. Vielleicht war es die Überforderung, vielleicht der Fakt, dass Hiroshi die Pistole nun wieder auf Naoto gerichtet hatte. „Was ist das für ein Ding? Warum sollte jemand zu Schaden kommen?“

Nun sah Hiroshi mich an, hielt die Pistole aber weiter auf Naoto gerichtet. „Das ist eine Ningyo. Ich suche schon seit Jahren nach einer. Und endlich habe ich sie gefunden. Wenn man ihr Fleisch isst, wird man unsterblich! Ich werde wieder jung sein!“

Ich starrte ihn an, dann sah ich wieder zu der Ningyo, die ihren Mund noch immer öffnete und schloss. Öffnete und schloss. Öffnete und schloss. Dann wieder zu Hiroshi. In seinen Augen zeichnete sich keinerlei Wahnsinn ab, während er mich ernst ansah.

„Und zu welchem Preis?“, fuhr Naoto dazwischen. „Wenn du sie nicht zurückwirfst, könnte das Unwetter die ganze Stadt zerstören. Bitte, komm zur Vernunft! Meine Familie …“ Jetzt sah er mich an. „André, bitte. Hilf mir. Wenn man eine Ningyo umbringt oder mitnimmt, hat das verheerende Katastrophen zur Folge. Gemeinsam können wir ihn aufhalten. Gemeinsam können wir …“

Weiter kam er nicht. In genau diesem Moment zog Hiroshi die Klinge durch die Kehle der Ningyo. Blut schoss aus ihrem Hals hervor. Es ergoss sich über das Deck und Hiroshis Hose. Kurz darauf hörte die Ningyo auf, sich zu bewegen.

Als ich, noch immer völlig überfordert von der Situation, wieder zu Naoto blickte, sah ich, dass er auf die Knie gesunken war. Er sah aus wie ein Mann, der gerade seinen Lebenswillen verloren hatte.

Ungläubig starrte ich wieder zu dem toten Fischwesen in Hiroshis Armen. Das konnte doch nicht ihr Ernst sein. Sie waren zwei erwachsene Männer. Wie konnte auch nur einer von ihnen ein Wort dessen glauben, was sie da von sich gaben? Ein magischer Fisch, der unsterblich machte und Katastrophen herbeirief? Hörten sie sich selbst überhaupt zu?!

Ehe ich den Gedanken jedoch laut aussprechen konnte, um die beiden zur Besinnung zu bringen, fegte plötzlich ein heftiger Windstoß über das Deck. Er war so stark, dass er mich straucheln ließ. Kurz darauf folgten die Wellen.

Mehr und mehr geriet unser Schiff ins Wanken, und als ich zum Himmel sah, weiteten sich meine Augen vor Schreck und Unglauben: Dunkle Wolken zogen auf, so schnell, wie ich einen Wetterumschwung noch nie beobachtet hatte. Erneut starrte ich ungläubig die tote Ningyo an. Wie war das möglich?

„Du solltest dich lieber beeilen“, rief Hiroshi über das inzwischen sehr laute Rauschen der Wellen Naoto zu. „Wenn wir rechtzeitig an Land sind, kannst du deine Familie noch aus der Stadt bringen!“

Naoto sah auf. Jetzt blitze ein Funken Hoffnung in seinen Augen. Ohne auch nur eine weitere Sekunde verstreichen zu lassen, sprang er auf und rannte ins Cockpit. Kurz darauf heulte der Motor auf und das Boot raste los.

Noch nie in meinem Leben war ich mir so klein vorgekommen. Nicht nur, dass die Wellen immer größer wurden – unser Boot kam mir mehr und mehr vor wie ein Spielzeugboot im offenen Meer –, ich befand mich mitten in einem Spiel aus Mächten, die ich nicht verstand.

Wasser spritze mir ins Gesicht, traf mich im Mund und in meinen Augen. Sofort schmeckte ich das Salz. Gleichzeitig klammerte ich mich mit aller Kraft an dem Geländer der Bootswand fest. Die Wellen und die Geschwindigkeit des Motorboots waren dabei so heftig, dass ich mehrfach schmerzhaft gegen die Bootswand geschleudert wurde.

Hiroshi hingegen saß, scheinbar den Regeln der Physik trotzend, zufrieden auf dem Boden. Zwar wurde er auch hin und her geschleudert, während er sich und die Ningyo am Seil des Fischernetzes festhielt, aber es schien ihm überhaupt nichts auszumachen.

„Weißt du André, ich hätte mehr von dir erwartet!“ Trotzdem er aus voller Lunge brüllte, ging seine Stimme fast in dem Lärm unter. „Ich dachte, als Weißer würdest du mich verstehen. Ich hätte dir sogar etwas von dem Fleisch abgegeben. Du könntest unsterblich sein, wenn du mir hilfst!“

Ich starrte ihn an, wie er dasaß und mich angrinste … Ich wusste nicht, wie schlimm das Unwetter noch werden würde, aber wir waren nicht das einzige Boot auf dem Meer gewesen. Nicht alle würden es zurückschaffen. Ihr Blut klebte an Hiroshis Händen und da besaß er die Dreistigkeit, mich noch weiter in die Sache hineinziehen zu wollen, als er es ohnehin schon getan hatte?!

Angewidert wandte ich den Blick ab. In dem Chaos aus Wellen sah ich, dass wir uns dem Anleger näherten. Inzwischen waren die Wellen so heftig, dass ich mehr als einmal befürchtete, unser Boot könnte kippen. Trotzdem schafften wir es irgendwie in einem Stück an den Hafen. Naoto versuchte sein Bestes, die Geschwindigkeit zu verringern und das Boot zu drehen. Trotzdem krachten wir mit einem lauten Knall an den Anleger. Ich wurde durchgeschüttelt. Schmerzen zuckten durch meine Finger, als das Metallgeländer durch den Aufprall vibrierte. Trotzdem hielt ich mich eisern fest.

Aber wenn ich darauf gehofft hatte, dass die Wellen am Hafen nicht ganz so schlimm sein würden, hatte ich mich geschnitten. Sie waren so hoch, dass sie immer wieder über den betonierten Anleger schwappten. Das Boot hob und senkte sich mit den Wellen.

Inzwischen stand ich ganz hinten am Boot. Ich müsste nur einen großen Schritt wagen, dann wäre ich an Land. Aber ich traute mich nicht. Vor meinem inneren Auge malten sich Bilder aus, wie ich abrutschte, den Schritt nicht schaffte. Ich würde zwischen das Boot und den Anleger geraten. Vielleicht würden die Wellen mich auch gegen den Beton schleudern. Oder aber ich würde ertrinken.

Plötzlich stürmte Naoto an mir vorbei. Er hatte Anlauf genommen. In dem Moment, als das Boot durch das Wasser nach oben gedrückt wurde, sprang er an Land. Er strauchelte, konnte sich aber auf den Füßen halten.

Ich schluckte schwer. Er hatte es geschafft. Dann konnte ich das auch. Außerdem trieb das Boot langsam aber sicher vom Anleger weg. Wenn ich mich jetzt nicht traute …

Ich zwang mich, mein Hirn abzuschalten. Dann wartete ich die nächste Welle ab und tat es Naoto gleich. Zwar unterschätzte ich, wie tief ich fallen würde, landete erst schmerzhaft auf meinen Füßen und wurde von der Wucht weiter auf meine Knie geschleudert, aber ich hatte es geschafft.

Naoto sah mich mit verzweifeltem Gesicht an, während er mir hoch half. Er hatte abgewartet, ob ich den Sprung schaffen würde. Dann sah er nervös zu den Gebäuden. „Sorry, ich muss …“, rief er über das Rauschen der tosenden Wellen. Ohne eine Antwort abzuwarten, rannte er los.

Eigentlich hatte ich ihm anbieten wollen, ihn mitzunehmen – immerhin war er zu Fuß hier –, aber als ich ihm nachrief, drehte er sich nicht einmal um. Wahrscheinlich konnte er mich nicht mehr hören.

Also war ich auf mich allein gestellt. Zum Glück stand mein Auto direkt am Anleger und ich war nach nur wenigen Schritten da.

Bevor ich jedoch einstieg, warf ich einen flüchtigen Blick zum Boot zurück. Ich weiß nicht wie, aber Hiroshi hatte es ebenfalls an Land geschafft. Die Ningyo lag schlaff in ihrem Netz, während er sie hinter sich herzog. Aber er war verdammt langsam.

„Ich wusste nicht, dass sie so groß werden“, schoss mir seine Stimme in den Kopf.

Anscheinend hatte er sich selbst überschätzt. Das geschah ihm recht. Ich würde ihm jedenfalls nicht helfen.

Auf meinem Nachhauseweg setzte schließlich der Regen ein. Er war so heftig, dass ich unter normalen Umständen angehalten hätte, aber ich durfte keine Zeit verlieren.

Klitschnass kam ich bei meiner Wohnung an. Mr. Fluff wehrte sich mit seinen Krallen, als ich seinen zierlichen Katzenkörper an mein nasses T-Shirt drückte. Ich ignorierte es. Und auch wenn ich wusste, dass es ihm ganz und gar nicht gefiel, wie eng ich ihn an mich presste, während ich nach draußen in den Regen lief, ließ ich nicht zu, dass er sich befreite.

Er wandte sich in meinem Griff, schlug mir sogar seine Zähne ins Fleisch, aber ich hielt ihn ganz fest, bis die Autotür hinter uns geschlossen war. Fast sofort zog er sich beleidigt auf die Rücksitzbank zurück.

„Tut mir leid, kleiner Prinz“, entschuldigte ich mich bei ihm. Aber der Regen prasselte so laut auf das Autodach, dass ich meine eigene Stimme nicht hören konnte. Trotzdem war ich mir sicher, dass er mir eines Tages verzeihen würde – auch wenn er nicht wusste, was ich gerade für ihn getan hatte. Schließlich startete ich meinen Motor.

Von der Katastrophe, die diese Nacht meine Heimatstadt verwüstete und unzählige Menschen das Leben gekostet hatte, hörte ich erst am nächsten Tag im Radio.

Naoto – so erfuhr ich einige Jahre später, als ich ihn zufällig im Supermarkt traf – hatte seine Familie retten können. Genau wie ich hatte er seine Wohnung verloren, aber das hatte uns beide nicht aufgehalten.

Was hingegen Hiroshi anging, habe ich keine Ahnung, was aus ihm geworden ist. Vielleicht hat er es ja tatsächlich geschafft, unsterblich zu werden. Aber wenn ich ehrlich bin, hoffe ich insgeheim, dass er es nie lebend aus der Stadt geschafft hat.

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Die Legende:

Die Ningyo (japanisch für „menschlicher Fisch“ oder „Meerjungfrau“) gelten als japanische Meerjungfrauen, unterscheiden sich jedoch stark von ihren westlichen Verwandten. Sie zählen zu den Yōkai.

Aussehen:

Bei dem Wort Meerjungfrau denken die meisten von euch sicherlich sofort an eine Frau mit einem Fischschwanz statt Beinen. Doch obwohl diese Variante in den neueren Geschichten über Ningyo durchaus vertreten sein kann, sahen die Ningyo in den ursprünglichen Legenden völlig anders aus.

Ningyo sind generell mehr Fisch als Mensch und werden fast immer als hässlich beschrieben.

In den meisten Legenden handelt es sich um einen großen Fisch mit einem menschlichen Kopf – meist dem einer Frau – oder einem menschlichen Gesicht. Ihre Zähne sollen fischähnlich, klein und scharf sein. Außerdem haben sie manchmal Hörner auf dem Kopf.

Auch gibt es Erzählungen, in denen die Ningyo den Oberkörper eines Affen und den Unterkörper eines Fisches haben. Diese Beschreibungen sind aber wahrscheinlich den gefälschten Ningyo-Mumien zu verschulden, die sich im 19. Jahrhundert verbreitet haben. Für ihre Herstellung wurde häufig der Oberkörper eines Affen verwendet.

Was die Größe der Ningyo angeht, habe ich verschiedenste Angaben gelesen. Sie reichten dabei von Kleinkindgröße bis zu einer Länge von 3 Metern.

Eigenschaften:

Die wohl bekannteste Eigenschaft der Ningyo ist ihr Fleisch. Es soll nicht nur sehr gut schmecken, sondern jedem, der es isst, auch ein übernatürlich langes Leben – manche reden sogar von Unsterblichkeit und ewiger Jugend – bescheren.

In Yao Bikuni, einer der bekanntesten Ningyo-Legenden, isst ein junges Mädchen das Fleisch einer Ningyo. Anfangs scheint noch alles normal zu sein, aber als sie erwachsen wird, hört sie plötzlich auf zu altern. Sie lebt ein langes Leben und stirbt erst im Alter von etwa 800 Jahren.

Aber während einige die Ningyo wegen dieser Eigenschaft verehren und versuchen, sie zu fangen, werden sie von anderen Fischern gefürchtet. Jeder Mensch, so heißt es, der eine Ningyo fängt und nicht zurückwirft oder eine Ningyo tötet, soll nämlich von einem fürchterlichen Fluch getroffen werden. Ganze Dörfer sollen schon durch plötzlich aufkommende Unwetter überflutet worden sein, nachdem einer der Bewohner eine Ningyo gefangen und mit nach Hause genommen hat.

Und auch, wenn man die Ningyo nicht selbst tötet, sondern nur ihre Leiche am Strand findet, soll das Unglück bringen. So kann eine Ningyo-Leiche Krieg, Naturkatastrophen oder ein ähnliches Unheil ankündigen.

Lebensraum/Vorkommen:

Ningyo leben, wenn man der Verbreitung der Legenden nach urteilt, ausschließlich im Japanischen Meer und dem Pazifischen Ozean. Aber auch, dass sie Flüsse hinaufschwimmen, kann nicht ausgeschlossen werden.

Ursprung:

Die Legende der Ningyo ist eine uralte Legende. Bereits im Nihonshoki, dem zweitältesten Buch der japanischen Geschichte, das im Jahr 720 fertiggestellt wurde, finden sich erste Erwähnungen des Wesens – auch wenn es damals noch nicht „Ningyo“ genannt wurde.

Die erste schriftliche Erwähnung ihres Namens ließ sich erst in dem japanisch-chinesischen Wörterbuch Wamyō Ruijūshō (erschienen im Jahr 937) finden.

Im 19. Jahrhundert tauchten plötzlich unzählige Ningyo-Mumien auf – es waren natürlich Fälschungen –, die der Ningyo zu einer weltweiten Bekanntheit verhalfen. Sie wurden damals sogar unter anderem in europäischen Museen ausgestellt. Und auch heute noch lassen sich in einigen Tempeln und Museen die angeblich mumifizierten Überreste von Ningyo finden.

Was haltet ihr von den Ningyo? Würdet ihr ihr Fleisch essen wollen? Empfindet ihr ewige Jugend eher als Segen oder als Fluch? Schreibt es in die Kommentare!

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13 Kommentare

  1. RosesReallySmellLikePooPoo schreibt:

    Wieder eine Meerjungfrauen Geschichte- auch wenn es keine Meerjungfrauen sind 😉
    Die Legende ist sehr interessant und die Geschichte dazu gefällt mir auch wieder ausnehmend gut.

    Mittlerweile habe ich deinen ganzen Blog durch und bin erstaunt, wieviele japanische Legenden es gibt. Ich weiß zwar, dass viele Horrorfilme oder auch Ideen aus dem asiatischen, eher gesagt japanischen Raum, kommen aber dass es dort so viele Legenden gibt… Eigentlich wollte ich schon immer mal nach Japan (vielleicht zieht es mich genau aus dem Grund unbewusst schon immer dahin) aber nachdem ich so viele Legenden von dir gelesen habe, bin ich mir nicht sicher, ob das wirklich eine so gute Idee ist 😆

    Das Fleisch einer Ningyo würde ich nicht essen. Zum einen, weil ich keinen Fisch mag und zum anderen möchte ich nicht unsterblich sein. Es sind nicht die Jahre, die einem Leben Sinn geben sondern die Momente, in denen man glücklich ist. So oder so ähnlich ist ein Sprichwort.

    Danke auf jeden Fall für dein Dasein, lieber Jeremie. Und deine wunderbaren Geschichten!

    Liebe Grüße.
    Aysin

    • Jeremie Michels schreibt:

      Soweit würde ich jetzt nicht gehen (es gibt immer Platz nach oben, sonst wäre es ja langweilig ^^), aber danke. Ich geb mir Mühe! 😄

    • Jeremie Michels schreibt:

      Immer gerne. Es war zugegeben etwas schweirig, weil ich keine Ahnung von Booten, vom Fischen oder der Seefahrt habe, aber an das Thema will ich mich sowieso irgendwann mal mehr heranwagen (immerhin gibt es unzählige Seefahrtlegenden). 🤔

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