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Kuntilanak
Kuntilanak (2020)

Kuntilanak (Pontianak)

Kuntilanak sind die wohl bekanntesten Geister in Indonesien und Malaysien. Wenn ihr wegen des Aussehens jetzt an The Ring oder The Grudge denken musstet, muss ich euch leider enttäuschen. Tatsächlich kommt es sogar in Indonesien und Malaysien wegen des ähnlichen Aussehens der Kuntilanak häufig zu Verwechslungen mit anderen Geistern.

Die Geschichte:

„Ich kann es immer noch nicht fassen, dass du mir nicht gesagt hast, dass du verheiratet bist!“, sagte ich mehr begeistert als beleidigt.

Ich gönnte es meinen Bruder Bejo so sehr. Er hatte früher nie Glück bei Frauen gehabt.

„Wie hat Mutter immer gesagt: Wenn ihr euch gut verhaltet, müsst ihr euch überhaupt keine Sorgen machen. Euer Karma wird euch irgendwann einholen.“, sagte ich. „Ich bin mir sicher, dass deine Frau ganz wundervoll ist!“

„Oh, das ist sie. Aber Mbak Ahma, bitte sei sanft zu ihr. Sie ist sehr schüchtern.“

Mbak ist eine typische indonesische Anrede, mit der man seine Schwester oder eine junge Erwachsene ansprach.

„Wann bin ich denn jemals nicht sanft gewesen?“, fragte ich gespielt beleidigt. Dann stiegen wir aus dem Auto und machten uns auf den Weg zu seinem Haus.

Als Bejo die Haustür aufschloss, war ich hibbelig wie eine Teenagerin, die gleich einen Star treffen würde. Ich versuchte, es mir nicht anmerken zu lassen.

Sari – seine Ehefrau – wartete bereits im Flur auf uns. „Schatz, da bist du ja!“, sagte sie und drückte Bejo einen Kuss auf die Wange, sobald er die Tür hinter uns geschlossen hatte. Dann wandte sie sich mir zu. „Du musst Mbak Ahma sein, dein Bruder hat mir schon wirklich viel von dir erzählt.“ Sie setzte das wohl wärmste und freundlichste Lächeln auf, das ich je gesehen hatte.

Ich erwiderte ihren Handschlag mit meinem freundlichsten Lächeln. Sie war mir sofort sympathisch. Wenn das so bleiben würde, sollte Bejo in all seinen Ausführungen Recht behalten.

Was darauf folgte, war das typische Familiengetue. Wir aßen zusammen Abendbrot, redeten viel und lachten eine ganze Menge. Es kam mir vor, als wären Sari und ich schon lange Freundinnen gewesen – von der Schüchternheit, die Bejo erwähnt hatte, fehlte jede Spur.

Auch nach dem Essen saßen wir noch eine ganze Weile am Tisch und unterhielten uns.

„Mas Bejo“, sagte ich schließlich – Mas ist die Anrede für Brüder und junge erwachsene Männer, „Ich weiß, du hast gesagt, dass ihr keine Hochzeitsgeschenke wollt, aber ich musste wenigstens eine Kleinigkeit besorgen. Es ist immerhin ein besonderer Anlass.“ Ich kramte ein kleines, längliches Päckchen aus meiner Tasche und legte es Sari hin. „Für dich.“

Sie sah ihren Mann mit großen Augen an. Als er zustimmend nickte, bedankte sie sich bei mir und löste vorsichtig den Kleber, ohne das Geschenkpapier zu beschädigen.

Kurze Zeit später hielt sie eine Schachtel mit einer Silberkette, in die ein Edelstein eingelassen war, in den Händen. Sie strahlte. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte ich das Gefühl, Gier in ihren Augen aufblitzen zu sehen – zumindest dachte ich, dass es Gier war –, doch sie wischte meine Gedanken beiseite, indem sie mir sanft die Hand drückte. „Danke, sie ist wunderschön!“

„Ach Mbak Ahma, hätte ich gewusst, dass du uns etwas schenkst, hätte ich doch wenigstens was zum Anstoßen besorgt“, klagte Bejo. „Wisst ihr was, ich gehe noch schnell zum Supermarkt und besorge uns einen Sekt!“

„Aber das ist doch nicht nötig. Ich wollte euch wirklich nur eine kleine Freude bereiten!“, protestierte ich.

Doch Bejo ließ sich nicht davon abbringen.

„Lass ihn. Der Supermarkt ist nur zwei Minuten von hier entfernt“, mischte sich Sari ein.

Ich willigte schließlich ein, woraufhin Sari und ich alleine waren.

„Sag mal, wie habt ihr euch eigentlich kennengelernt?“, fragte ich, um nicht in ein Schweigen zu verfallen.

„Ach, das ist ziemlich kitschig“, antwortete Sari, „Wir sind uns in einer Vollmondnacht auf der Straße begegnet. Wir haben uns sozusagen gesucht und gefunden.“ Saris glockenähnliches Lachen schallte sanft durch das Wohnzimmer. „Kommst du mit in den Flur? Wir haben dort einen Spiegel und ich will die Kette so gerne anprobieren!“

Ich willigte sofort ein, froh darüber, dass ihr die Kette so gut gefiel und ganz besonders froh darüber, was für eine tolle Frau mein Bruder gefunden hatte.

Nachdem sie einige Minuten am Verschluss der Kette herumgefummelt und sie trotzdem nicht umbekommen hatte, bat sie mich schließlich um Hilfe. „Tut mir leid. Ich habe nicht die geschicktesten Finger. Würdest du bitte …?“

„Aber klar!“ Ich stellte mich hinter sie und nahm ihr die Kette aus den Händen. Dann fiel mein Blick auf ein kleines Stück Metall. „Huch? Was ist das denn? Hast du ein Nackenpiercing?“, fragte ich irritiert.

„Was meinst du?“, erwiderte Sari. Ihre Stimme klang so unschuldig, dass ich niemals etwas vermutet hätte …

„Hier hängt irgendein Stück Metall.“ Ich rüttelte leicht daran. „Das steckt richtig fest. Tut das denn gar nicht weh?“

„Nein, es fühlt sich alles ganz normal an“, sagte Sari. „Das ist bestimmt nur ein Splitter oder sowas. Magst du es rausziehen?“

Was auch immer das war, es war sicher klein Splitter. Aber da ich nicht diskutieren wollte, stimmte ich schließlich zu.

Der „Splitter“ saß ziemlich fest. Trotzdem löste er sich Stück für Stück, als ich vorsichtig daran zu ziehen begann. Je weiter ich ihn herauszog, desto größer wurden meine Augen. Ein Zentimeter. Zwei Zentimeter. Drei Zentimeter. Als er draußen war, starrte ich den Nagel in meinen Händen ungläubig an. Wie zur Hölle konnte das nicht wehgetan haben?

Noch immer völlig geschockt sah ich auf. Dann erstarrte ich. Sari hatte angefangen, sich drastisch zu verändern. Ihre Kleidung hatte sich in ein langes, weißes Kleid verwandelt, während ihre hochgesteckten, schwarzen Haare herabfielen und ihr Gesicht bedeckten. Als sie sich schließlich umdrehte, erinnerte sie mich eher an Samara aus The Ring, als an die bildhübsche Frau, die eben noch vor mir gestanden hatte.

Der Geruch nach Blumen, den ich für ein Parfüm gehalten hatte, schlug jetzt um in den grausamen Gestank nach Verwesung.

Ich wusste sofort, womit ich es zu tun hatte: Sari war eine Kuntilanak!

Im nächsten Moment hörte ich Geräusche von der Haustür. Bejo war zurückgekehrt!

„Mas Bejo, renn weg!“, kreischte ich, während ich auf ihn zustürmte.

Er sah erst verdutzt zu mir, dann zu Sari. Seine Augen weiteten sich.

Sari packte nach meinem Arm. Lange Fingernägel schnitten mir tief ins Fleisch, doch ich schaffte es, mich loszureißen.

Ich knallte die Haustür zwischen uns zu und rannte mit Bejo in Richtung seines Autos, das zwei Straßen weiter stand.

„Du hast wirklich kein Glück mit Frauen, oder?!“, zischte ich ihm zu, als wir bei seinem Auto waren.

„Scheiße! Meine Schlüssel stecken noch in der Haustür!“, fluchte Bejo, ohne auf meine Aussage einzugehen.

Das durfte doch wohl nicht wahr sein! Sollten wir etwas zu Fuß fliehen?

Ein lautes, schrilles Lachen ertönte. Bejo und ich duckten uns sofort hinter sein Auto.

„Keine Sorge. Wenn sie sehr nahe klingen, sind sie noch weit entfernt. Wir müssen uns erst Sorgen machen, wenn das Lachen leiser wird …“, sagte ich.

„Ich weiß“, flüsterte Bejo.

Gut. Dann wusste er jetzt wenigstens, was seine Frau wirklich war.

Nie hätte ich gedacht, dass ich mal eine echte Kuntilanak sehen würde! Klar, ich kannte die Legenden, aber das …?!

„Jetzt musst du dir wohl wieder eine neue Frau suchen“, sagte ich, um von der Situation abzulenken. Das Gelächter klang noch immer, als wäre es direkt neben meinem Ohr.

„Wieso musstest du den Nagel auch rausziehen?!“, zischte Bejo mir zu.

Ungläubig starrte ich ihn an. Das hatte mich völlig aus der Fassung gebracht. „Du wusstest, dass sie eine Kuntilanak ist?!“

„Du hast es doch selbst gesagt. Ich habe kein Glück mit Frauen. Als ich dann Gerüchte in der Nachbarschaft gehört hatte, dass sich eine Kuntilanak in der Gegend herumtreibt …“

Das meinte Sari also mit ‚gesucht und gefunden‘. Ich seufzte. Wie konnte mein Bruder nur so unfassbar dumm sein?!

„Du hättest einen Priester oder einen Dukun rufen sollen! Was dachtest du denn, was passiert? Wenn ich den Nagel nicht rausgezogen hätte, hätte es irgendwann jemand anderes getan! Wie kannst du denn nur …“

Bejos Hand, die er mir spontan auf den Mund drückte, schnitt mir die Worte ab. Ich wollte sie schon wütend wegreißen, als ich bemerkte, warum er mich zum Schweigen gebracht hatte: Das Lachen wurde immer leiser – die Kuntilanak näherte sich!

Bejo und ich saßen stocksteif da. Sein Atem ging schnell und ruckartig, während ich mich zwang, langsam und möglichst leise zu atmen.

Dann verstummte das Lachen vollkommen. Ich bemerkte eine Bewegung aus dem Augenwinkel. Vorsichtig drehte ich den Kopf zur Seite.

Mein Herz setzte aus: Sari stand direkt neben mir.

Ich schloss die Augen und betete. Hätte ich irgendein richtiges Gebet gekannt, würde ich es jetzt aufgesagt, in der Hoffnung, dass es irgendetwas brachte.

Ein lauter Schrei ließ mich zusammenzucken. Sari hatte sich auf Bejo gestürzt!

Erschrocken öffnete ich die Augen. Ich sah, wie sie ihm mit ihren langen Fingernägeln tiefe Schnitte durch seinen Bauch zog. Dann versenkte sie ihre Finger in ihm.

Mir wurde speiübel. Ohne weiter darüber nachzudenken, sprang ich auf und rannte davon. Bejos Schmerzensschreie begleiteten mich.

Ich konnte ihm nicht mehr helfen. Die Wunden waren schon zu schlimm. Er würde tot sein, bevor ein Krankenwagen hier wäre … Zumindest redete ich mir das ein.

Wieso hatte er auch eine Kuntilanak zur Frau nehmen müssen. Solche verletzten Seelen hatten schon genug gelitten. Aber dann auch noch gegen ihren Willen als Ehefrau festgehalten zu werden …

Während ich seine Schmerzensschreie hörte, musste ich wieder an Mutters Worte denken. Sie hatte recht gehabt. Irgendwann würde sein Karma ihn einholen …

Plötzlich stoppten die Schreie. Tränen rannen mir über die Wangen. Wieso? Wieso musste es nur so zu Ende gehen?

Die Legende:

Kuntilanak (auch Pontianak oder Matianak) sind Geister von schwangeren Frauen, die gewaltsam ums Leben gekommen sind. Sie sind die wohl bekanntesten Geister der indonesischen Folklore, sind jedoch auch auf Malaysien weit verbreitet.

Aussehen:

Die Kuntilanak besitzen ein typisches, fast schon klischeehaftes Aussehen eines Geistes des asiatischen Raums:

Sie tragen ein langes weißen, manchmal schmutziges Kleid und haben lange, glatte, selten auch zerzauste schwarze Haare, die ihnen tief ins Gesicht hängen.

An den Händen haben sie lange, scharfe Fingernägel.

Wegen ihres ähnlichen Aussehens werden sie häufig mit den Sundel Bolong (Link folgt, sobald ich einen Artikel darüber geschrieben habe) verwechselt, besitzen jedoch keine klaffende Wunde im Rücken.

Außerdem heißt es, dass Kuntilanak auch als wunderschöne, charmante Frau auftreten können, um Männer zu verführen – oder wenn man ihnen einen Nagel in den Nacken oder die Schädeldecke gerammt hat.

Eigenschaften:

Kuntilanak entstehen, wenn eine schwangere Frau auf brutale Weise ums Leben kommt. Daher werden bei solchen Todesfällen häufig Dukun (malaiische Schamanen) gerufen, die verhindern sollen, dass die Verstorbene als Kuntilanak zurückkehrt.

Es heißt, dass Kuntilanak nur oder zumindest sehr häufig bei Vollmond herauskommen, um ihre Opfer zu suchen.

Man sagt, dass sie Männer bevorzugen, obwohl es auch weibliche Opfer geben soll. Ganz besonders gefährdet sind zudem Menschen, auf die die Kuntilanak einen persönlichen Groll hegt.

Ähnlich wie die Tikwi sind Kuntilanak Meister der Täuschung. Wenn man sie sehr laut lachen oder singen hört, heißt das, dass sie noch recht weit entfernt sind. Ist das Lachen oder Singen jedoch leise, sind sie in unmittelbarer Nähe. Wenn sie plötzlich verstummen, sind sie direkt bei einem.

Außerdem sollen Hunde aufheulen, wenn eine Kuntilanak in einiger Entfernung ist. Wenn sie sich nähert, beginnen die Hunde zu jaulen.

Kuntilanak erkennt man zudem an einem Geruch nach Blumen (um genau zu sein, nach der tropischen Frangipani), der jedoch schnell von einem Gestank nach Verwesung abgelöst wird.

Wenn eine Kuntilanak angreift und man sich nicht rechtzeitig verteidigen kann, soll sie mit ihren langen Fingernägeln den Bauch ihres Opfers aufkratzen und seine Organe essen. Es heißt sogar, dass sie einem die Augen aussauge, wenn man diese geöffnet hat.

Es gibt aber auch Methoden, um sich gegen eine Kuntilanak zu verteidigen. Wenn man sie z.B. verletzt, kann man mit Glück genug Zeit gewinnen, zu fliehen.

Alternativ soll man ihr einen Nagel in den Nacken oder in den Scheitel rammen. Daraufhin soll sich die Kuntilanak in eine wunderschöne, charmante Frau verwandeln, die einem als treue Ehefrau dient – zumindest solange, bis der Nagel entfernt wird und sie sich wieder in ihre ursprüngliche Form zurückverwandelt.

Es gibt noch viele andere Mythen, die sich um die Kuntilanak drehen. So sollen sie eng mit Bananenstauden in Verbindung stehen, da ihr Geist oder ihre Seele in ihnen wohnen soll.

Einige sagen auch, dass sie sich in einen Vogel verwandeln können.

Oder aber, dass sie ihre Opfer anhand von Kleidungsstücken finden, die über Nacht draußen hängen, weswegen viele Leute ihre Kleidung vor Anbruch der Dunkelheit ins Haus holen.

Aufgrund regionaler Unterschiede gibt es außerdem noch andere, abweichende Eigenschaften. Die Dinge, die ich aufgelistet habe, waren bei meiner Recherche jedoch die verbreitetsten.

Lebensraum/Vorkommen:

Kuntilanak kommen vor allem in Malaysien und Indonesien vor. Dort sollen sie hauptsächlich in der Nähe von Bananenstauden, sowie in Dörfern und in Sümpfen gesichtet werden.

Ursprung:

Kuntilanak, bzw. Pontianak kommen aus der alten malaiischen Mythologie. Aufgrund der regionalen Unterschiede ist es jedoch schwierig zu sagen, was genau die Ursprungslegenden der Kuntilanak waren.

Sie wurde jedoch auch schon früher als die Geister von auf grausame Weise umgekommenen schwangeren Frauen beschrieben.


Was haltet ihr von den Kuntilanak? Würdet ihr es verstehen, wenn jemand aus Verzweiflung einen solchen Geist dazu zwingt, seine Ehefrau zu werden? Wie würdet ihr reagieren, wenn ihr einer Kuntilanak begegnet?

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