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Jackalope Zeichnung von Jeremie Michels. Das Bild zeigt einen Jackalope, einen Hasen mit Hirschgeweih. Er sitzt zwischen zwei Bäumen im Gras, während er von einem Feuer außerhalb des Bildes beleuchtet wird.
Jackalope (2023)

Jackalope

Der Jackalope ist ein Kryptid, über den ich bereits 2020 schreiben wollte. Einen Großteil der Recherche hatte ich bereits fertig, einige Aspekte der Legende waren jedoch so absurd, dass ich sie damals abgebrochen habe. In dem Sinne möchte ich euch an dieser Stelle vorwarnen, dass dieser Beitrag etwas … speziell wird.

Viel Spaß beim Lesen!

Triggerwarnungen

– Blut

– Tod eines Tieres

Die Geschichte:

Es war ein angenehmer Sommerabend. Obwohl es bereits dämmerte, war es noch immer warm genug für mein kurzärmliges Hemd. Ich saß allein auf einem der beiden gefällten Baumstämme am Waldrand, während vor mir ein gemütliches Lagerfeuer knisterte. Zu meiner Linken stand ein kleines Reiseradio, das die gemütliche Atmosphäre mit Countrymusik begleitete.

Einzig das Betäubungsgewehr auf meinem Schoß ließ erahnen, dass ich nicht bloß ein alter Mann war, der sich einen gemütlichen Abend am Feuer machte. Na ja, und vielleicht das kleine Schälchen mit Whiskey, das einige Meter entfernt im Gras stand – gerade hell genug erleuchtet, dass ich es problemlos im Auge behalten konnte.

Das war nämlich kein Hausfrauentrick gegen Mücken oder Ähnliches, wie man jetzt vielleicht vermuten mochte. Auch gab es keinen anderen vernünftigen Grund dafür – zumindest nicht, wenn man die meisten Leute fragte: Ich war auf der Suche nach einem Jackalope.

Ja. Ja, ich weiß, was ihr jetzt denkt: „Ein Jackalope? Diese kleinen Häschen mit Hirschgeweih? Owen, das kann nicht dein Ernst sein!“

Die meisten Menschen würden euch zustimmen. Sie hielten Jackalopes für Fabelwesen. Und was soll ich sagen? Ich kann es ihnen nicht verübeln. Wer glaubte schon an einen nahezu übernatürlichen Hasen, der nicht nur menschliche Stimmen imitieren konnte, sondern seine Imitationsgabe auch noch ausgerechnet dafür nutzen soll, Lagerfeuerlieder mitzusingen? Außerdem sollen sie Whiskey lieben, sich aus unerfindlichen Gründen nur bei Gewitter fortpflanzen und schneller als ein Gepard laufen können. Egal welche Gerüchte man über sie hörte, eines klang abgedrehter als das nächste.

Und trotzdem saß ich hier und versuchte, einen Jackalope zu fangen, weil ich wusste, dass es sie gab. Immerhin hatte ich schon einmal einen echten gesehen.

Das Ganze war inzwischen fast zwanzig Jahre her. Damals hatte ich oft gejagt, um mir was dazu zu verdienen. Hauptsächlich, um meinen Alkoholkonsum zu finanzieren, aber das ist eine andere Geschichte.

Jedenfalls war ich abends auf Hasenjagd gewesen, als mir ein Tier vor die Flinte gelaufen war, an dessen Existenz ich damals selbst noch nicht geglaubt hatte: ein Jackalope.

Mir war erst bewusst geworden, was ich da gerade erschossen hatte, als er bereits tot vor mir gelegen hatte. Dieses kleine unscheinbare Häschen mit seinem kleinen perfekten Geweih, das wie eine Miniaturausgabe eines Hirschgeweihs aussah.

Ich … Ich hätte berühmt werden können. Sämtliche Zeitungen des Landes hätten über mich berichtet. Immerhin hatte ich den biologischen Beweis in Händen gehalten, dass Jackalopes, einer der beliebtesten Kryptide der Vereinigten Staaten, tatsächlich existierten.

Aber stattdessen hatte man mich bloß belächelt. Als Dorfalki wurde ich nicht ernstgenommen. Die Leute dachten, ich hätte dem Hasen das Geweih aufgeklebt, um ihn für ein paar Dollar mehr zu verkaufen. Als ich den Tierarzt darum bat, den Jackalope genauer zu untersuchen, hatte er mich ausgelacht. Und sogar Shirley, meine eigene Schwester, hatte bloß enttäuscht mit dem Kopf geschüttelt.

Ich habe nicht mehr viele Erinnerungen an jenen Abend. Ich weiß nur noch, dass ich mich aus Frust fast besinnungslos gesoffen hatte.

Und am nächsten Tag? Am nächsten Tag hatte ich einen schlampig ausgestopften Jackalope in meiner Werkstatt vorgefunden, den man nun tatsächlich nicht mehr von den zahlreichen Fälschungen unterscheiden konnte, die es in der Gegend gibt.

Oh, wie ich mich dafür gehasst hatte, meinen einzigen Beweis im Suff zerstört zu haben.

Seitdem hatte ich nur noch ein Ziel im Leben: Ich wollte den Leuten und ganz besonders meiner Schwester beweisen, dass ich nicht gelogen hatte. Dass der Jackalope echt gewesen war. Ich war trocken geworden. Hatte mit unzähligen Experten geredet, ganze Bibliotheken und Internetarchive gewälzt. Wie viele Nächte hatte ich hier draußen, in der Nähe unserer Farm auf meinem Baumstamm gesessen … Trotzdem hatte ich nie wieder einen echten Jackalope gesehen.

Aber ich habe die Hoffnung niemals aufgegeben. Also saß ich, wie schon unzählige Male zuvor, wieder genau hier am Waldrand, wo ich vor all den Jahren meinen ersten Jackalope geschossen hatte.

Ich war gerade dazu übergegangen, gedankenverloren in die Flammen zu starren, während ich „Country Roads, Take Me Home“ auf meinem Knie mittrommelte, als sich unter das Lied plötzlich ein leises Rascheln mischte. Dann ein Knacken.

Sofort fixierte ich die Whiskey-Schale mit meinen Augen, während sich mein Griff um das Betäubungsgewehr verstärkte. Konnte es sein …?

„Owen? Owen, bist du das?“, erklang eine Frauenstimme hinter mir.

Mein gesamter Körper versteifte sich. Mist! Das war meine Schwester Shirley.

Es dauerte nicht lange, bis sie mich erreicht hatte. „Wolltest du nicht jagen gehen?“, fragte sie verdutzt. Ich sah ihr an, dass es sie kränkte, dass ich scheinbar den Abend lieber allein am Lagerfeuer als mit ihr auf der Farm verbringen wollte. Immerhin war sie nur zwei Wochen zu Besuch.

„Das tu ich doch …“, erwiderte ich ehrlich, wenn auch ausweichend.

Trotzdem wusste ich bereits jetzt, dass Shirley mich ertappt hatte. Es dauerte nicht lange, bis ihr wandernder Blick auf die kleine Schale mit Whiskey traf.

Sie ging einige Schritte darauf zu. Dann bückte sie sich. Sie schnupperte. Im nächsten Moment erklang ein schweres Seufzen und sie warf mir einen enttäuschten Blick zu, der Mom alle Ehre gemacht hätte.

„Oh, Owen. Bitte nicht!“, flehte sie. „Wir haben das doch schon Dutzende Male durchgekaut. Es gibt keine Jackalopes!“

Ich warf ihr einen Blick zu, der ihr zu verstehen geben sollte, dass ich keine Lust hatte, darüber zu reden. Shirley hielt ihm stand. Als sie jedoch Luft holte, um etwas zu erwidern, kam ich ihr zuvor.

„Entweder du lässt es darauf beruhen und verbringst mit deinem großen Bruder einen gemütlichen Abend am Lagerfeuer“, mahnte ich, während ich einladend auf den zweiten Baumstamm deutete, „oder du darfst hier gleich allein sitzen.“

Das wirkte. Shirleys Mund klappte zu, ehe sie sich wortlos setzte.

Die nächsten Minuten schwiegen wir einander an. Ich hörte nichts als die Musik, das Knacken und Knistern des Feuers und einen gelegentlichen Windstoß, der durch die Blätter fegte.

Dann endlich traute sich Shirley, etwas zu sagen. „Warum ausgerechnet hier?“, fragte sie. „50 Meter weiter hätte ich dich vom Küchenfenster aus nicht mehr sehen können. Wolltest du, dass ich dich finde?“

Ich unterdrückte ein Seufzen. Shirley spielte mal wieder Psychologin. Bestimmt malte sie sich im Kopf bereits mehrere Szenarien aus, von denen mindestens eines einen stillen Hilferuf beinhaltete. Daher gab ich ihr diesmal die ganze Wahrheit. „Genau hier habe ich damals meinen ersten Jackalope gesehen“, sagte ich stumpf.

Shirley blinzelte einige Male verdutzt. Damit hatte sie nicht gerechnet. „Deinen ersten Jackalope? Oh, Owen. Du weißt genau, dass du damals nur betrunken warst. Es war der Alkohol, der …“

Ein weiterer strenger Blick, den ich so genervt aussehen ließ, wie ich nur konnte, brachte sie zum Schweigen. Sie wusste genau, dass ich kein Problem damit hatte, einfach aufzustehen und zu gehen, wenn sie mich zu sehr reizte. Es hatte auch Vorteile, als sturer alter Mann bekannt zu sein.

Wieder folgten einige Minuten des Schweigens. Obwohl wir sonst keinerlei Probleme hatten, ein Gesprächsthema zu finden, zogen sich unsere Gespräche diesen Abend wie Kaugummi. Wir beide wussten nicht so wirklich, worüber wir reden sollten, ohne dem anderen wieder auf die Füße zu treten.

Je mehr Minuten jedoch vergingen, desto lockerer wurden wir. Nach etwa einer Stunde waren wir zu unserem gewohnten Gesprächstempo zurückgekehrt. Wir redeten über die Arbeit, die Familie und über Gott und die Welt. Schließlich sangen wir sogar mit ausgelassener Stimmung die Countrysongs aus dem Radio mit. Es waren genau die Lieder, die wir beide aus unserer Kindheit kannten.

Daher vergaß ich für einen Moment meine Sorgen. Ich dachte nicht länger an die Jackalopes. Der Schale mit dem Whiskey schenkte ich schon gar keine Aufmerksamkeit mehr.

Als wir jedoch gerade lauthals den Refrain von „I’m My Own Grandpa“ mitsangen, mischte sich unter das Lied aus dem Radio noch etwas anderes: Eine vierte Stimme, die weder dem Sänger noch meiner Schwester oder mir gehörte.

Shirley bemerkte es auch. Mitten im Satz „It sounds funny, I know, but it really is so“, verstummten wir überrascht. Die fremde Stimme hingegen sang fröhlich weiter.

Es war eine Männerstimme, nicht so tief wie meine, aber definitiv tiefer als Shirleys. Im Nachhinein betrachtet war es genau die Art von Stimme, die den Jackalopes nachgesagt wird. Trotzdem dachte ich in dem Moment nicht im Traum daran, dass tatsächlich einer der sagenumwobenen Hasen das Lied mitsingen könne. Zumal das eines der Gerüchte über den Jackalope war, von denen ich niemals gedacht hätte, dass es wahr sein konnte. Zumindest, bis mein Blick auf die kleine Whiskeyschale fiel.

Dort sah ich ihn. Er sah genauso aus, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Das hellbraune Fell wurde nur spärlich vom Feuer erleuchtet. Was ich jedoch deutlich sehen konnte, war das kleine Geweih, das zwischen seinen langen Ohren saß. Genau wie bei dem Jackalope damals war es perfekt ausgebildet und hätte jeden noch so stolzen Hirsch vor Neid erblassen lassen.

Meine Ungläubigkeit wich Erleichterung. Ich spürte, wie meine Augen feucht wurden. Endlich! Ich hatte fast nicht mehr geglaubt, dass dieser Tag jemals kommen würde.

Im nächsten Moment blinzelte ich die Freudentränen weg. ‚Reiß dich zusammen, verdammt!‘, mahnte ich mich in Gedanken.

Wieder festigte ich den Griff um das Betäubungsgewehr. Wie automatisch bewegte sich mein Finger zum Abzug, während ich in Zeitlupe den Lauf auf den Hasen ausrichtete. Nur noch wenige Zentimeter, dann wäre er genau im Schussfeld.

Plötzlich sah ich aus dem Augenwinkel eine andere Bewegung: Shirley. Sie hatte gesehen, dass ich das Gewehr auf etwas richtete. Statt jedoch ruhig sitzenzubleiben, riss sie überrascht den Kopf rum.

Der Jackalope bemerkte die schnelle Bewegung sofort. Er unterbrach seinen Gesang, stieß stattdessen einen schrillen Schrei aus und wirbelte herum.

Ich hingegen ließ keine weitere Sekunde verstreichen. So schnell ich konnte, zielte ich auf das Tier und schoss. Ein Klirren verriet mir, dass ich die kleine Whiskeyschale getroffen hatte.

„Scheiße!“, stieß ich aus, während ich aufsprang. Gleichzeitig lud ich mein Betäubungsgewehr nach und schaltete mit einem leisen Klick die selbst eingebaute Taschenlampe ein.

„W-w-war das …?“, stammelte Shirley bloß ungläubig.

„Ja, verdammt!“, schrie ich sie an, während ich mich bereits daran machte, den Jackalope zu verfolgen. „Und du hast ihn verscheucht!“

Ich schlug mich durch die Äste und Blätter, die mir den Weg versperrten, während ich dem Jackalope nachhetzte. Ich hatte keine Ahnung, wie viel er von dem Whiskey getrunken hatte. Wenn es zu wenig war, hätte ich keine Chance, ihn einzuholen. Anders sah es jedoch aus, wenn er bereits betrunken war. Dann sollen Jackalopes nämlich deutlich träger sein.

Das alles änderte allerdings nichts daran, dass ich ihn bereits aus den Augen verloren hatte. Als ich schließlich eine Lichtung erreichte, auf der ich gut fünfzig Meter weit gucken konnte, verlangsamte ich meine Schritte.

Obwohl ich völlig aus der Puste war, bemühte ich mich, ruhig zu atmen. Gleichzeitig leuchtete ich die Lichtung ab, aber ich fand absolut gar nichts, was auf den Jackalope hindeutete. Kein plattgetretenes Gras, keine abgeknickten Äste oder umgerannten Sträucher.

Dafür bemerkte ich etwas anderes: ein lautes Geraschel hinter mir. Sofort fuhr ich herum, zielte dabei mit dem Gewehr auf den Boden, bereit, sofort abzudrücken.

„Ich bin’s! Ich bin’s!“, schrie Shirley panisch, während sie beschwichtigend die Hände hob. In ihrer linken Hand hielt sie ihr Smartphone, dessen Taschenlampenfunktion eingeschaltet war.

„Was tust du?“, fragte ich, während ich das Gewehr sinken ließ.

„Na was wohl? Ich helfe dir“, erwiderte sie wie selbstverständlich. „Das ist das Mindeste, was ich tun kann, nachdem ich dir all die Jahre nicht geglaubt habe.“

Ich schnaufte. „Dafür ist es jetzt eh zu spät. Der Jackalope ist weg.“

Shirley ignorierte die Aussage. Stattdessen begann sie, genau wie ich eben, den Boden abzuleuchten. Im Gegensatz zu mir schien sie jedoch mehr zu erkennen. Zumindest steuerte sie mit vorsichtigen Schritten einen alten vermoderten Schuppen an.

Ich kannte das alte Gebäude, hatte es aber nicht weiter beachtet. Um ehrlich zu sein, wusste ich nicht einmal, was der Schuppen früher mal gewesen war. Jetzt war er jedenfalls nicht mehr als eine morsche Holzruine im Wald, kaum größer als ein kleiner Gartenschuppen.

Als Shirley jedoch tatsächlich auf die Tür zuging, statt um den Schuppen herumzulaufen, bemerkte ich, was auch sie gesehen haben musste: Direkt im Holz, knapp unterhalb ihrer Kniehöhe, befanden sich mehrere kleine Kratzer. Nach innen hin war das Holz sogar stellenweise weggesplittert, als wäre etwas Kleines mit mehreren scharfen Spitzen in hoher Geschwindigkeit dagegen geschrammt – ein kleines Geweih zum Beispiel.

Im nächsten Moment sah ich, wie Shirley ihre Hand an die Tür legte. Sie wird doch nicht …?

„Shirley, Vorsicht!“, rief ich, als ich bemerkte, dass sie im Begriff war, die Tür aufzustoßen.

Ich wollte sie davor warnen, dass Jackalopes gefährlich werden konnten. Ihr Geweih diente nicht nur zur Deko, wie man deutlich an der Holztür erkennen konnte. Aber meine Warnung kam zu spät. Genau in dem Moment, als Shirley gegen die Tür drückte und ihr Smartphone hob, um in den Schuppen zu leuchten, ertönte ein erneuter Schrei. Er klang noch panischer und schriller als eben am Lagerfeuer.

Dann schoss der Jackalope bereits aus dem Türspalt hervor. Ich hörte, wie Shirley erschrocken aufkreischte, behielt meine Augen jedoch auf meiner Beute. Diesmal ließ ich mir mehr Zeit, ging sicher, dass ich den Jackalope genau anvisiert hatte. Erst, als er kurz davor war, im Unterholz zu verschwinden, drückte ich ab.

Mit einem leisen Surren sauste der Betäubungspfeil durch die Luft. Ich sah noch, wie er den Jackalope genau in den Hintern traf, ehe das Tier mitsamt Pfeil in einem Gebüsch verschwand.

Innerlich triumphierte ich. Als ich jedoch gerade zu einem Sprint ansetzen wollte, um ihm nachzuhetzen, huschte mein Blick flüchtig zu meiner Schwester. Etwas stimmte nicht. Sie kauerte am Boden, hielt sich das Bein. Dann sah ich das Blut.

„Shirley!“, stieß ich aus, während ich zu ihr rannte.

„Ist gut! Ist gut Owen, renn ihm nach!“, schrie sie mich an.

Ich war versucht, ihrem Befehl zu gehorchen. Das Betäubungsmittel würde nur wenige Minuten brauchen, bis es seine Wirkung entfalten würde. Bis dahin hätte ich bei dem immer langsamer werdenden Jackalope nur mithalten müssen.

Ein zweiter Blick auf Shirleys Bein verriet mir jedoch, dass es nicht bloß ein harmloser Kratzer war. Obwohl sie ihre Hand bereits fest auf die Wunde presste, sah ich, wie noch immer Blut zwischen ihren Fingern durchsickerte.

Also warf ich dem Jackalope einen letzten wehleidigen Blick nach, ehe ich mich provisorisch um Shirleys Wunde kümmerte.

Anschließend trug ich sie zurück zur Farm, von wo aus wir auf direktem Weg weiter zu Dr. Russell fuhren, dem örtlichen Arzt.

Shirley wurde zwar noch am selben Abend ins Krankenhaus gebracht, aber ihre Wunde war wohl weniger schlimm, als ich gedacht hatte. Noch ehe der Krankenwagen vor Ort war, hatte Dr. Russell mir versichert, dass sie außer Lebensgefahr schwebe.

Aber obwohl ich mich sofort wieder auf den Weg zur Lichtung im Wald machte, konnte ich den Jackalope nicht wiederfinden. Wahrscheinlich hatte er es in ein sicheres Versteck geschafft oder schlief irgendwo gut getarnt im Unterholz. Vielleicht hatte die Betäubung inzwischen auch nachgelassen.

So oder so, der Jackalope blieb verschollen. Mein einziger Trost war, dass es jetzt wenigstens einen Menschen gab, der mir glaubte. Und wer weiß? Vielleicht würde ich es mit Shirleys Hilfe ja schaffen, eines Tages tatsächlich einen Jackalope zu fangen.

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Die Legende:

Der Jackalope ist ein Kryptid aus Nordamerika. Sein Name setzt sich aus den Worten „Jackrabbit“ (englisch für „Hase“) und „Antelope“ („Antilope“) zusammen und bezieht sich auf sein Aussehen: einem Hasen mit Geweih.

Auch heute noch kommt es immer wieder zu angeblichen Sichtungen dieser seltsamen Wesen. Inzwischen gibt es jedoch eine wissenschaftliche Erklärung dafür.

Aussehen:

Das Aussehen des Jackalope ist sehr einfach zu beschreiben. Es handelt sich um einen Hasen oder ein Kaninchen, das zusätzlich zu seinen Ohren ein Geweih auf dem Kopf trägt. Es wird allerdings fast ausschließlich als kleines Hirschgeweih, und nicht wie der Name andeutet als Antilopenhörner, beschrieben.

Im Gegensatz zu den Rehen sollen weibliche Jackalopes übrigens ebenfalls ein Geweih haben.

Außerdem besitzen sie in einigen Erzählungen noch weitere ungewöhnliche Merkmale wie z. B. einen Fasanenschweif oder scharfe Reiß- oder Fangzähne.

Eigenschaften:

Der Jackalope ist ein Kryptid, über den es viele Gerüchte gibt. Viele von ihnen sind jedoch mit einem nicht ganz ernst gemeinten Schmunzeln oder Zwinkern zu verstehen.

Einige der Eigenschaften stimmen bei fast allen Aussagen überein. Darunter das Aussehen oder, dass der Jackalope sehr scheu sei. Trotzdem soll das Wesen mit seinem Geweih durchaus gefährlich werden können, wenn es sich bedroht fühlt.

Bei anderen Eigenschaften sind sich die Leute hingegen weniger einig.

So heißt es zwar oft, dass die Jackalopes ungewöhnlich schnell seien, aber während einige behaupten, dass er „nur“ 40 mph (ca. 64 km/h) schnell laufen könne, gehen andere Aussagen auf ganze 90 mph (ca. 145 km/h) hoch. Auch sind sich die Leute uneinig, ob der Jackalope ein Pflanzen- oder Fleischfresser ist.

Neben diesen verhältnismäßig „normalen“ Eigenschaften gibt es jedoch noch andere, die mehr an den Haaren herbeigezogen klingen:

So ist z. B. allgemein bekannt, dass Jackalopes sich nur bei Gewitter paaren würden – der Hauptgrund, warum sie so selten seien.

Auch haben Jackalopes eine außergewöhnliche Stimme. Sie können nahezu alle Geräusche – darunter auch Tier- und Menschenstimmen – nachahmen. Dabei sollen sie sogar die Richtung, aus denen ihre Stimme erklingt, abändern können. Diese Fähigkeit nutzen sie unter anderem, um Verfolger abzulenken, indem sie z. B. in menschlicher Stimme rufen: „Da ist er!“ oder „Er läuft hier entlang!“

Sie nutzen diese Fähigkeit jedoch auch, um Lagerfeuerlieder mitzusingen. Ja, ihr habt richtig gelesen. Warum sie das tun, weiß natürlich niemand.

Eine andere bekannte Eigenschaft ist hingegen ihre Vorliebe für Whiskey. Wer einen Jackalope jagen oder fangen möchte, solle ihm eine Schale mit Whiskey oder einer Whiskey-Milch-Mixtur anbieten. Das hat nicht nur den Vorteil, dass es die Wesen anlocken soll, betrunkene Jackalopes sollen außerdem einfacher zu fangen sein.

Des Weiteren soll Jackalopefleisch nach Hummer schmecken und man soll sie melken können, während sie schlafen – Jackalopes schlafen nämlich auf dem Rücken.

Lebensraum/Vorkommen:

Jackalopes sollen oft in der Nähe von Douglas, Wyoming – der selbsternannten „Jackalope Hauptstadt der Welt“ – gesichtet werden. Aber auch in anderen US-Bundesstaaten, anderen Ländern und sogar auf anderen Kontinenten kommt es immer mal wieder zu angeblichen Sichtungen.

Ursprung:

Für den Ursprung der Jackalope-Legende gibt es mehrere Theorien.

Eine von ihnen sind die Brüder Doug und Ralph Herrick, die in den 1930er Jahren den ersten ausgestopften Jackalope gefälscht und ihm seinen Namen gegeben haben. Nachdem sie das Fabelwesen für ganze 10 $ an das LaBonte Hotel verkauft haben, erfreute es sich solcher Beliebtheit, dass die Brüder bald weitere ausgestopfte Jackalopes angefertigt haben. Irgendwann kamen die ersten Gerüchte über Sichtungen von angeblich echten Jackalopes auf.

Wie es so oft der Fall ist, geriet das Ganze etwas aus dem Ruder, bis der Jackalope schließlich zu einem der berühmtesten Kryptide Amerikas geworden ist.

Inzwischen gibt es sogar die jährlichen Jackalope Days in Douglas, Wyoming, die jedes Jahr im Juni stattfinden, und die Douglas Chamber of Commerce vergibt sogar offizielle Jackalope-Jagdlizenzen. Dass man das Tier nur an einem 31. Juni – einen Tag, den es nicht gibt – jagen darf, scheint dabei niemanden zu stören. Andere Voraussetzungen, von denen ich gelesen habe, sind die Jagd in einer Höhe von über 6.000 Fuß oder ein IQ des Jägers, der zwischen 50 und 72 liegt.

Aber auch, wenn viele Menschen die Herrick-Brüder als Ursprung der Jackalopes akzeptieren, gibt es andere, die sich dabei nicht sicher sind. Immerhin gab es bereits vor Jahrhunderten Zeichnungen und Malereien von Jackalopes – auch wenn sie damals noch „gehörnte Hasen“ genannt wurden.

Aber auch dafür – und für die zahlreichen „echten“ Jackalope Sichtungen – gibt es eine Erklärung: das Shope Papillomavirus.

Das Shope Papillomavirus ist ein Virus, das bestimmte Hasenarten befallen kann und bei ihnen hauptsächlich an den Köpfen hornähnliche Auswüchse verursacht. Mit diesem Virus befallene Hasen können also tatsächlich – besonders, wenn die Auswüchse an der richtigen Stelle wachsen oder man das Tier nur flüchtig sieht – an Jackalopes erinnern.

Und auch in anderen Kulturen gibt es ähnliche Hasen-Kryptide. Darunter der deutsche Wolpertinger oder der schwedische Skvader – beides Hasenarten mit Geweih und Flügeln.

Aber wie auch immer die Legende um den Jackalope entstanden ist, ob als gefälschte Tierart, durch an einem Virus erkrankte Hasen oder eine Mischung aus beidem, Fakt ist, dass der Jackalope sich heutzutage weltweiter Bekannt- und Beliebtheit erfreut. So findet man ihn in allerlei Fernsehserien, Filmen und Videospielen wie z. B. Scooby Doo, My Little Pony, Gravity Falls, Red Dead Redemption oder Don’t Starve.

Was haltet ihr vom Jackalope? Wie hat euch mein Beitrag über diese nicht ganz ernstzunehmende Legende gefallen? Schreibt es in die Kommentare!

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6 Kommentare

  1. Rabbat07 schreibt:

    ebenso wie Jochen errinerte es mich an den wolpertonger, obwohl ich vom jackalope schon früher im Jugendroman „magic Park“ gelesen habe. Interessante biester für eine ke interessante Geschichte ^^

  2. Jochen Schäfer schreibt:

    Hallo Jeremie,

    ich mußte beim Lesen Deiner aktuellen Geschichte auch sofort an das süddeutsche Fabelwesen Wolpertinger denken.

    Gruß
    Jochen

    • Jeremie Michels schreibt:

      Hallo Jochen,

      ja, es gibt schon manchmal erstaunliche Ähnlichkeiten zwischen solchen Legenden. Wieso ausgerechnet Hasen mit Geweih ein solch beliebtes Motiv sind, weiß ich zwar nicht, aber vielleicht kommt in Zukunft ja auch ein Beitrag über den Wolpertinger. (Über den ich abgesehen von Namen und Aussehen zugegeben fast nichts weiß.)

      Gruß
      Jeremie

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