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Gelert der Hund Zeichnung von Jeremie Michels. Auf dem Bild sitzt ein irischer Wolfshund, der den Zuschauer direkt ansieht, die Zunge heraushängen lässt und mit dem Schwanz wedelt. Von seiner Zunge tropft Blut, das auch seine Schnauze umgibt, Außerdem hat er blutige Pfoten und einige andere blutige Flecken im Fell. Wenn man genau hinsieht, erkennt man einen blutigen Kratzer an der Schulter und einen Bissabdruck am Vorderbein.
Gelert der Hund (2021)

Gelert der Hund

Gelert der Hund ist eine englische Legende über einen Hund. Im Vergleich zu den meisten Legenden, über die ich hier schreibe, ist sie jedoch nicht gruselig. Ich hoffe, dass sie euch trotzdem gefällt.

Triggerwarnungen (Achung Spoiler!)

– Blut
– Trauer
– Tod eines Hundes

Die Geschichte:

Wisst ihr, wie das kleine Dorf Beddgelert in Nordwales zu seinem Namen gekommen ist? Nein? Dann lasst mich euch die Geschichte erzählen.

Es ist schon lange her. Im 13. Jahrhundert hatte Llywelyn ab Iorwerth, der Fürst von Nordwales, einen Palast in Beddgelert. Damals trug das Dorf noch einen anderen Namen, der inzwischen in Vergessenheit geraten ist.

Der Fürst war oft in dem Palast, wenn er jagen wollte. Die Landschaft um Beddgelert war wunderschön und reich mit Wild. Und immer hatte er seinen treuen Jagdhund Gelert dabei.

Llywelyn hatte Gelert als Welpen bekommen. Es heißt, der König habe ihm den Hund zu seiner Hochzeit geschenkt. Llywelyn hatte ihn selbst aufgezogen und trainiert, wodurch der Hund einer seiner treusten Gefährten und Freunde geworden war. Der Fürst liebte Gelert. Und Gelert liebte den Fürsten.

Trotzdem wusste Llywelyn, dass er streng sein musste, um Gelert nicht zu verhätscheln. Er war schließlich ein Jagdhund, kein Schoßhund. Dazu gehörte auch, dass Gelert am Tag vor der Jagd nur am Morgen fressen durfte. Während der Jagd durfte sein Körper nicht mit dem Verdauen beschäftigt sein, sondern sollte all seine Ressourcen zum Rennen und Jagen parat halten. Als Jagdhund sollte Gelert sich sein nächstes Mahl verdienen. Er musste hungrig sein.

So war es auch an jenem schicksalhaften Tag, als Llywelyn zu seiner Jagd aufbrechen wollte. Er rief nach Gelert und wartete. Normalerweise hätte es keine zehn Sekunden gedauert, bis Llywelyn das vertraute Klackern der Krallen auf dem Boden gehört hätte, bis Gelert freudig hecheln auf sein Herrchen zu gerannt wäre. Doch an jenem Tag blieb es still.

Llywelyn wunderte sich. Er rief erneut, so laut, dass seine Stimme durch den Palast hallte, doch von Gelert fehlte jede Spur.

Der Fürst durchschritt flüchtig die Gänge, rief immer wieder nach dem Jagdhund, aber er zeigte sich nicht. Da die Zeit knapp wurde – Llywelyn wollte die frühen Morgenstunden ausnutzen, solange das Wild noch aktiv war – entschloss er schließlich schweren Herzens, ohne Gelert aufzubrechen.

Es war die erste Jagd, bei der Gelert nicht dabei war. Und was für eine Jagd es war. Der Fürst schoss den größten Hirsch, den er je erlegt hatte. Er war stolz auf sich und seine Jagdhunde. Das Einzige, was er bedauerte, war, dass Gelert nicht bei ihm war, um seinen Triumph mit ihm zu feiern.

Nicht nur, dass Gelert nicht die anderen Jagdhunde angeführt hatte, als sie den Hirsch aufscheuchten oder dass er nicht dabei war, als Llywelyn dem Tier genau zwischen die Rippen ins Herz schoss, der Fürst würde die Abwesenheit nicht dulden dürfen. Er musste streng sein, sich eine harte, aber faire Strafe überlegen müssen.

Er konnte während des gesamten Ritts zurück an nichts anderes denken.

In dem Moment, als die schwere Palasttür sich öffnete, hörte Llywelyn ein freudiges Aufbellen von drinnen. Er musste sich zwingen, nicht zu lächeln, um dem Hund nicht zu zeigen, dass er sich freute. Doch seine Freude, dass Gelert wohlauf war, war unendlich groß.

Als er seinen Freund jedoch erblickte, erstarrte er. Gelerts Fell war durchnässt von Blut. Seine Pfoten hatten rote Abdrücke hinterlassen und aus seinem Mund tropfte ein Gemisch von Blut und Speichel. Trotzdem schien es Gelert gut zu gehen.

Es dauerte nicht lange, bis der Fürst eins und eins zusammengezählt hatte. Gelert musste einen Bärenhunger gehabt haben. Doch was konnte er gefressen haben, dass er derartig blutüberströmt war? Dem Fürsten fiel nur ein einziges Wesen im ganzen Palast ein, dass wehrlos gegen den Hund gewesen wäre: Sein Sohn, der Thronfolger.

Llywelyns Augen weiteten sich vor Schock. Er zögerte nicht eine Sekunde, bevor er in den Palast stürmte. Während er den Gang entlang rannte, hörte Gelert voller Freude hinter sich herlaufen. Gleichzeitig betete er, dass seine Befürchtung sich nicht bewahrheiten solle. Er stieß die nur angelehnte Tür zum Kinderzimmer auf und erstarrte.

Sein Blick war auf dem Bett des Babys hängengeblieben. Es lag auf der Seite. Der Stoff, das Bettzeug und der Boden, alles war voller Blut. Von dem Baby fehlte jede Spur.

Llywelyns Augen füllten sich mit Tränen. Es kam ihm vor, als wären alle Geräusche um ihn herum leiser geworden, in den Hintergrund gerückt. Für ihn gab es jetzt nur noch das blutüberströmte Bettchen, das verlassen in dem Raum lag.

Sein Sohn war tot. Er würde nie wieder das niedliche Lachen hören. Nie wieder würde sein Geschrei durch die Gänge hallen. Nie wieder würde Llywelyn den kleinen Kopf streicheln können …

Erst, als er etwas Feuchtes an der Hand spürte, wurde er in die Gegenwart zurückgerissen. Er sah herab, wo er Gelert erblickte, der seine Hand leckte.

Jetzt waren Llywelyns Augen auf den Jagdhund gerichtet. „Du! Du hast meinen Erben getötet!“, zischte er. „Ich habe dir vertraut!“

Es ging alles so schnell. Die Wut in ihm kochte über. Er zog sein Schwert, das er noch immer um die Hüfte Trug, aus der Scheide und richtete die Spitze auf Gelert.

„Du hast meinen Erben getötet!“, brüllte er erneut unter Tränen, bevor er seinem treusten Freund die Klinge in die Seite rammte.

Der Tod war schnell und schmerzlos. Gelert brachte nur ein kurzes Aufjaulen hervor, bevor er leblos zusammensackte.

Llywelyn betrachtete den Leichnam. Seine Sicht verschwamm vor Tränen. Er hatte an einem Tag seinen Thronfolger und seinen geliebten Hund verloren – zumindest dachte er das. Doch in diesem Moment, als wäre es eine Antwort auf Gelerts Todesschrei, erklang das schrille Gekreische eines Babys.

Der Fürst wollte seinen Ohren nicht trauen. Er sprintete zu dem umgestürzten Bett, folgte dem Geschrei. Da lag er. Sein Sohn lag völlig unversehrt hinter dem Bett auf dem Boden. Obwohl überall Blut war, hatte der Junge keinen einzigen Kratzer abgekommen.

Was hingegen mehr als nur einen Kratzer hatte, war der tote Wolf, der neben ihm lag. Zwischen dem Fell konnte Llywelyn überall Bissspuren sehen, die auf einen verbitterten Kampf hinwiesen.

Erst jetzt wurde dem Fürsten klar, was für einen schrecklichen Fehler er begangen hatte. Gelert hatte seinen Sohn nicht getötet, er hatte ihn beschützt. Irgendwie war der Wolf in den Palast gekommen. Doch ehe er dem Thronfolger etwas antun konnte, war der treue Jagdhund dazwischengegangen und hatte das Kind verteidigt.

Hätte Llywelyn Gelert nur kurz unter die Lupe genommen, hätte er erkannt, dass auch sein geliebter Hund, sein Freund, sein Gefährte, Verletzungen von dem Kampf davongetragen hatte. Doch er war geblendet von seiner Angst und seiner Wut. Er erkannte seinen Fehler zu spät.

Es heißt, dass Llywelyn nach jenem tragischen Tag nie wieder gelächelt habe.

Noch ehe der Wolf aus dem Zimmer geräumt war, hatte der Fürst Gelerts Körper liebevoll auf die Arme genommen und ihn nach draußen gebracht. Das Grab hatte er mit seinen eigenen Händen geschaufelt, um seinen Freund ehrenvoll zu bestatten. Und so kam das Dorf zu seinem Namen: Beddgelert – Gelerts Grab.

Ihr mögt euch jetzt vielleicht noch fragen, wie all das passieren konnte. Wieso war Gelert im Palast geblieben, statt mit seinem Herrchen auf die Jagd zu gehen, die er so sehr liebte? Ich stelle mir immer vor, dass er vielleicht etwas gespürt hatte. Er war absichtlich im Schloss geblieben, um den geliebten Sohn seines Meisters zu beschützen – selbst, wenn ihn das sein Leben kosten würde.

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Die Legende:

Gelert der Hund ist eine tragische Legende aus England. Die Sage beschreibt, wie das Dorf Beddgelert (walisisch für „Gelerts Grab“) in Nordwales angeblich zu seinem Namen gekommen sei.

Ablauf:

Auf Gelerts Grab, das auf einem Hügel in Beddgelert liegt, befinden sich zwei Schiefertafeln. Eine von ihnen beschreibt die Legende in Englisch, die andere in Walisisch. Ich habe die Aufschrift für euch sinngemäß übersetzt:

„Im 13. Jahrhundert hatte Llywelyn, Fürst von Nordwales, einen Palast in Beddgelert. Eines Tages ging er ohne Gelert, „den treuen Jagdhund“, der nirgends zu finden war, auf die Jagd. Bei Llywelyns Rückkehr sprang der Jagdschwänzer freudig und blutverschmiert auf sein Herrchen zu. Vom Anblick alarmiert hastete der Fürst zu seinem Sohn, doch fand das Kinderbett seines Säuglings leer vor, das Bettzeug und der Boden mit Blut befleckt.Der Vater war außer sich. Er zog sein Schwert und rammte es dem Jagdhund, von dem er dachte, dass er seinen Erben getötet habe, in die Seite. Der Todesschrei des Hundes wurde mit dem Geschrei eines Kindes beantwortet. Llywelyn folgte dem Geräusch und fand seinen Jungen unversehrt. Neben ihm lag der Körper eines mächtigen Wolfs, den Gelert getötet hatte. Der Fürst, von Reue erfüllt, soll von jenem Tag an nie wieder gelächelt haben. Er begrub Gelert hier. Dieser Ort wird Beddgelert (Gelerts Grab) genannt.“

Ort des Geschehens:

Gelert der Hund spielt in Beddgelert, einem Dorf in Nordwales, England.

Ursprung:

Obwohl die Legende besagt, dass Beddgelert seinen Namen von dem legendären Hund Gelert habe, kommt der Name in Wirklichkeit von einem Heiligen namens Kilart oder Celert, der einst in der Region gelebt hat.

Die Schiefertafeln, auf denen die Legende steht, sind hingegen nur knapp über 200 Jahre alt. Sie wurden Ende des 18. oder Anfang des 19. Jahrhunderts von dem damaligen Grundbesitzer David Pritchard aufgestellt. Er hat die Sage mit dem Ort verknüpft, um mehr Touristen in den Ort zu locken.

Obwohl Llywelyn ab Iorwerth tatsächlich im 13. Jahrhundert gelebt hat, ist es also unwahrscheinlich, dass er wirklich einen Jagdhund namens Gelert hatte.

Das Motiv der Legende – ein Haustier, das ein Baby vor einem gefährlichen Tier beschützt, dann aber zu unrecht bestraft wird, weil der Besitzer denkt, dass das Haustier das Baby getötet habe – ist hingegen schon deutlich älter.

Sie stammt ursprünglich aus Indien, wo man sich bereits im 1. Jahrhundert die Geschichte „Der Brahmane und der Mungo“ erzählt hat.

In der indischen Legende geht es um eine Mutter, die einen Sohn und einen Mungo (eine kleine Raubtierart) zusammen aufzieht. Als sie eines Tages Wasser aus einem Fluss holt, will eine Schlange ihren Sohn angreifen, doch der Mungo verteidigt ihn und tötet die Schlange. Um der Mutter stolz zu zeigen, was er getan hat, rennt er zu ihr an den Fluss. Die Mutter sieht jedoch nur den Mungo mit seinem blutverschmierten Maul und denkt, dass er ihnen Sohn getötet habe. Sie erschlägt ihn mit ihrem Wasserkrug.

Die Legende hat sich im Laufe der Jahre weit verbreitet, sodass es immer mehr Fassungen davon gab. Im Westen wurde der Mungo schließlich zu einem Hund. Und auch die Schlange wurde je nach Erzählung verändert. In Gelert der Hund wurde sie zu dem Wolf.


Kanntet ihr die Legende von Gelert dem Hund? Und wenn ja, wusstet ihr, dass sie erfunden ist? Wie findet ihr die Legende? Schreibt es in die Kommentare!

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9 Kommentare

  1. Lilia sagt:

    Wie immer gut, aber irgendwie traurig… Allerdings hat die Warnung wegen der Traurigkeit ein wenig die Spannung genommen… Ich meine aber, dass ich so eine ähnliche Geschichte schonmal gehört habe, aber dass die nicht echt war habe ich mit meinen 6-7 Jahren nicht geglaubt… Die Geschichte hatte die gleiche Wirkung wie ein Märchen.

    • Jeremie Michels sagt:

      Soll ich den Satz lieber rausnehmen, dass die Geschichte traurig ist? 🤔
      Ich wollte halt nicht, dass jemand von dem Thema überrumpelt wird (andererseits habe ich dafür ja extra die Triggerwarnungen eingebaut). 🤔🤔

      Aber dass du eine ähnliche Geschichte bereits kanntest, finde ich spannend. Es ist nicht ungewöhnlich, weil das Motiv der Legende sehr weit verbreitet ist. Weißt du noch, worum es in der Geschichte ging? Vllt. welche Tiere darin vorgekommen sind? ^^

      • Lilia sagt:

        Ich würde die Warnung höchstens umformulieren, wie: hat einen erhöhten Traurigkeitsfaktor, oder allgemein eine Triggerwarnung.
        Sie nimmt dann ja nichts vorraus.

        Es ging um eine Jagd, wo es auch ein Hund war, der Zuhause blieb, doch statt dem Kind was fehlt ist es halt sein Kanarienvogel. Dieser ist aus dem Käfig geflogen und der Hund hat Ketchup vor dem Maul. Folge: Hund wird „ausgesetzt“ also eigentlich getötet und Kanarienvogel taucht wieder auf. Doch der Mann kann den Hund nicht wiederfinden.

        • Jeremie Michels sagt:

          Den Nebensatz habe ich jetzt gestrichen. „Trauer“ steht ja eh als Hinweis in den Triggerwarnungen, die man ausklappen kann. ^^

          Also praktisch eine verharmloste, deutlich kinderfreundlichere Variante der Geschichte. Ich wusste ja von meiner Recherche, dass die Geschichte des Brahmanen und des Mungos weit verbreitet sein soll, kannte sie selbst aber nur von meiner Recherche aus dem Internet. Es ist also definitiv interessant, von der Legende „in freier Wildbahn“ zu hören. 🤔

  2. Rabbat07 sagt:

    Vieleicht war der Wolf ja schon vor der jagt im Palast, und gelernt hat dies gerochen. Oder der Wolf war nah am Palast, und er entschied sich das Baby zu beschützen

    • Jeremie Michels sagt:

      Das ist sehr gut möglich. In der Legende wird jedenfalls nicht erklärt, wieso Gelert vor der Jagd nicht auffindbar ist. ^^

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