Startseite » Der Nöck

Der Nöck Zeichnung von Jeremie Michels. Das Bild zeigt einen attraktiven und muskulösen jungen Mann, der nackt bis zur Hüfte im Wasser steht und den Betrachter mit seinen braunen Augen direkt ansieht. Er spielt auf einer kleinen Harfe, die er in den Armen hält. Seine kurzen braunen Haare sind etwas wirr.
Der Nöck (2021)

Der Nöck

Ein Nöck ist eine männliche Nixe. Wie bei meinem Beitrag über die Nixen versprochen, habe ich dem Nöck einen eigenen Beitrag gewidmet.

Die Geschichte:

Schweigend saß Mama neben mir. Wir hatten seit fast zwei Stunden kein Wort mehr miteinander gesprochen. Stattdessen blickten wir gedankenverloren über den See, der vor uns lag, und lauschten den Vögeln und dem Rauschen der Bäume, die sich sanft im Wind wiegten. Aber bitte denkt jetzt nicht, dass unser langes Schweigen ungewöhnlich sei. Schließlich musste man beim Angeln leise sein, um die Fische nicht zu verscheuchen.

Heute schien das Anglerglück jedoch nicht auf unserer Seite zu sein. Seit wir hier saßen, hatten wir gerade einmal einen einzigen Fisch gefangen. Das war das Risiko, wenn man in unbekannten Gewässern fischte.

Trotzdem ließen Mama und ich uns unser Angelwochenende dadurch nicht versauen. Wir liebten das Angeln, egal, ob wir viel fingen oder nicht. Schlechte Tage gehörten einfach dazu.

Vielleicht würden wir uns morgen nach einem neuen Gewässer umsehen, aber für heute würden wir hierbleiben, an diesem idyllischen See, umgeben von unberührter Natur.

Ich lehnte mich für einen Moment zurück, schloss die Augen und atmete die frische Waldluft tief ein.

Plötzlich war ein leises Plätschern aus dem Wasser vor uns zu hören.

Noch ehe ich meine Augen öffnen konnte, schrie Mama auf. „Hey! Wir angeln hier. Sie können hier nicht schwimmen!“

Als ich den Mann im Wasser sah, sprang ich auf. Wo war er hergekommen? Wir konnten fast den ganzen See überblicken. Wieso war uns der Mann jetzt erst aufgefallen, als er in der Mitte des Sees war?

Der Mann hingegen ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Er hob entschuldigend einen Arm. „Oh, Verzeihung. Wartet, ich komme rüber.“

Dann schwamm er ans Seeufer weiter links, wo er zwischen einigen Schilfen verschwand.

„Ist der bekloppt?“, fragte ich. „Er muss uns doch gesehen haben. Bestimmt hat er alle Fische vertrieben!“

„Ach, Jannik, lass nur. Guck mal, da kommt er schon.“

Sie hatte recht. Der Mann trug ein lockeres, beiges Oberteil und eine braune Stoffhose, als er mit einer kleinen Harfe in den Händen barfuß auf uns zu schlenderte. Seine Kleidung tropfte an den Ärmeln.

Mama stand sofort auf. „Entschuldigen Sie. Ich wollte Sie nicht anfahren. Ich habe mich bloß so erschrocken, als ich Sie gesehen habe. Wissen Sie, man hat uns gesagt, dass das hier ein Angelsee sei.“

„Oh, nein. Es gibt hier viele Angelseen, aber dieser See gehört mir“, erwiderte er mit einem herzlichen Lächeln.

„P-Privatbesitz?“, stammelte Mama. „Tut uns wirklich leid, das wussten wir nicht.“ Sie machte sich daran, ihre Angel einzuholen, und deutete mir an, dasselbe mit meiner zu tun.

„Wartet. Bitte“, hielt der Mann uns auf. „Ihr könnt hier gerne angeln. Wisst ihr, es ist schön, etwas Gesellschaft zu haben.“

Gesellschaft? Der Mann kam doch sicher nicht so weit raus in die Natur, weil er gerne Gesellschaft hatte.

Mama schien sich keine Gedanken darüber zu machen. „Danke, sehr freundlich“, sagte sie. Dann fiel ihr Blick auf seine Harfe. „Sind Sie Musiker?“

„Nein, das nicht. Aber ich spiele ganz gerne mal ein, zwei Noten.“

Ohne auf eine Aufforderung zu warten, begann er an den Saiten zu zupfen. Eine liebliche Melodie erklang. Sie hallte über den gesamten See.

„Lassen Sie das! Sie verscheuchen noch die ganzen Fische!“, protestierte ich.

Mama warf mir einen giftigen Blick zu, als wolle sie mir sagen: ‚Der Mann lässt uns in seinem See angeln, also zeig ihm gefälligst etwas Respekt.‘

Ich rollte mit den Augen, während ich mich genervt in meinen Stuhl fallen ließ. Es gefiel mir nicht, dass unser Angelausflug eine solche Wendung nahm. Ich wollte doch bloß in Ruhe angeln.

„Ach, keine Sorge, mein Junge. Meine Musik wird die Fische schon nicht stören“, sagte der Mann mit einem liebevollen, fast väterlichen Tonfall. Was glaubte er eigentlich, wer er ist?

Doch ehe ich zu einer schnippischen Antwort ansetzen konnte, fiel mein Blick auf meine Angel. Sie zuckte leicht. Ungläubig sprang ich auf. Tatsächlich. Es hatte ein Fisch angebissen.

Aber das war nicht alles: Noch ehe ich den Fisch eingeholt hatte, fing auch Mamas Angel an zu zucken.

Ich warf dem Mann, der noch immer seine Harfe spielte, einen ungläubigen Blick zu. Er zwinkerte.

Und es sollte nicht bei den beiden Fischen bleiben. In der nächsten Stunde fingen wir über zehn weitere Fische, während der Mann die ganze Zeit spielte.

Meine anfängliche Begeisterung hatte sich inzwischen zu Unbehagen gewandelt. Ich sah den Mann misstrauisch an. Hatte er etwas damit zu tun?

„Was soll ich sagen? Die Fische lieben meine Musik“, scherzte er – zumindest hoffte ich, dass es ein Scherz war.

„Das kann man aber auch verstehen. Sie können so wunderbar spielen“, lobte Mama ihn. Kam ihr das gar nicht komisch vor?

„Oh, bitte. Bei solch einem tollen und attraktiven Publikum muss man sich doch inspiriert fühlen“, schleimte der Mann.

Mama lachte, als fühle sie sich geschmeichelt. Flirteten die beiden gerade miteinander?!

„Wir haben genug Fisch“, erklärte ich. „Die Kühlbox ist randvoll.“

Mama sah erst überrascht mich, dann die Kühlbox an. „Mein Sohn hat recht. Das reicht wohl für heute“, stimmte sie zu. „Aber vielleicht können wir ja morgen wiederkommen?“

Ich machte große Augen. „Nein Mama, ich meinte, der Fisch reicht wohl fürs ganze Wochenende.“

Jetzt warf Mama mir einen leicht genervten Blick zu. „Beachten Sie ihn gar nicht. Wir haben einen netten Mann gefunden, der uns die Fische abkauft. Wenn Sie die Gesellschaft mögen, kommen wir also gerne wieder.“

Wieso sagte sie ihm das? Fisch ohne Genehmigung zu verkaufen war nicht erlaubt. Und jetzt erzählte sie einem wildfremden Mann davon.

Der Mann lachte bloß. „Keine Sorge. Euer Geheimnis ist bei mir sicher.“ Wieder zwinkerte er mir zu. „Ich würde mich freuen, wenn ihr Morgen wiederkommt.“

Mama strahlte. Dann verabschiedeten wir uns und machten uns auf den Rückweg.

Nachdem wir einige Minuten gegangen waren, erhob ich schließlich das Wort. „Willst du wirklich morgen wieder dahingehen? Irgendwie war mir der Mann unheimlich.“

„Was meinst du?“, fragte Mama. Es war ihr also nicht aufgefallen.

„Na ja, alles. Wo kam er überhaupt her? Ist er bis in die Mitte des Sees getaucht, bevor er an die Oberfläche gekommen ist? Und hast du seine Kleidung gesehen? Sie hat gar nicht aufgehört zu tropfen.“

„Er war halt nass vom Schwimmen“, versuchte sie, mich zu beschwichtigen.

„Und der See? Meinst du wirklich, dass er ihm gehört? Welcher Mann besitzt schon einen See mitten im Nirgendwo? Und dann ist da noch die Harfe.“

„Die Musik war schön, nicht?“, fragte sie verträumt.

Hörte sie mir überhaupt zu?

„Ich meinte, wie plötzlich so viele Fische angebissen haben, als er angefangen hat, zu spielen.“

„Ach, das lässt sich doch alles erklären. Der See ist bestimmt randvoll mit Fischen, weil er Privatbesitz ist und niemand dort angeln geht. Die Fische haben erst gebissen, als der Mann gespielt hat, weil er vorher im Wasser war. Er hat die Fische vertrieben.“

„Für zwei Stunden? Du kannst doch nicht ernsthaft denken, dass er solange im Wasser war, ohne dass wir ihn bemerkt haben?!“, protestierte ich.

Aber Mama zuckte nur mit den Schultern. „Du machst dir zu viele Gedanken. Freu dich doch einfach. Immerhin haben wir heute Abend was Leckeres zu essen und gleichzeitig noch ein paar Euro verdient.“ Damit war das Gespräch für sie beendet.

Doch obwohl wir den restlichen Tag nicht mehr über den seltsamen Mann sprachen, bekam ich ihn nicht mehr aus dem Kopf. Es waren aber nicht einmal die seltsamen Vorfälle, die mich störten. Vielmehr war es seine übertriebene Freundlichkeit. Vielleicht war es auch bloß der Gedanke, dass Mama mit ihm geflirtet hatte. Die Vorstellung, dass sie Papa untreu werden würde, wollte jedenfalls nicht in meinen Kopf gehen. Zum Glück würden wir übermorgen wieder nach Hause fahren.

Am nächsten Tag war Mama vor mir wach. Sie ließ mich ausschlafen, bis wir gegen 11 Uhr schließlich wieder zum Angeln aufbrachen.

„Bist du sicher, dass wir wieder zu demselben See wollen?“, versuchte ich es ein letztes Mal. „Es gibt hier doch noch genug andere Seen. Wie wäre es mit etwas Abwechslung?“

„Und den netten Mann sollen wir auf uns warten lassen? Nein. Wir haben, gesagt, dass wir heute wieder an seinen See gehen, also gehen wir auch an seinen See.“

‚DU hast gesagt, dass wir wieder an seinen See gehen‘, korrigierte ich sie gedanklich. Ich sprach den Gedanken aber nicht aus. Stattdessen biss ich meine Zähne zusammen und folgte ihr. Spätestens heute Nachmittag hätte ich es hinter mir.

Als wir uns dem See näherten, hörten wir bereits die Klänge einer Harfe in der Ferne.

„Er ist schon da“, erklärte Mama überflüssigerweise. Sie klang aufgeregt.

Ich hingegen war weitaus weniger begeistert. Trotzdem beeilte ich mich, ihrem beschleunigten Schritt zu folgen.

„Ah, hallo. Ich dachte mir schon, dass ich dich heute wiedersehe“, begrüßte er Mama. Mich ignorierte er.

Ich verzog das Gesicht zu einer Fratze. Genau so stellte ich mir einen bösen Stiefvater vor.

Dann fiel mein Blick auf seine Kleidung. Genau wie gestern tropfte sie. War er wieder schwimmen gewesen?

Ich beachtete es nicht weiter. Um ehrlich zu sein versuchte ich, ihm und seinem Geflirte mit Mama so wenig Aufmerksamkeit zu schenken, wie ich konnte. Zum Glück dauerte es nicht lange, bis er wieder zu spielen anfing und wir in ein Schweigen übergingen.

Genau wie gestern bissen die Fische wie verrückt. Wieder dauerte es nicht lange, bis unsere Kühltruhe voll war. Der Mann erlaubte uns sogar, die Truhe wegzubringen und noch einmal wiederzukommen.

„Das ist wirklich sehr nett von Ihnen. Jannik, möchtest du die Kühltruhe wegbringen? Ich bleibe solange hier und passe auf die Angeln auf“, schlug Mama vor.

Aber ich würde sie ganz sicher nicht mit diesem fremden Mann allein lassen. „Ich weißt nicht, ob ich den Weg kenne“, log ich. „Kannst du nicht mitkommen? Ich möchte mich nicht verlaufen.“

Sie sah entschuldigend zu dem Mann, der jetzt aufhörte, zu spielen.

„Ach, das ist schon in Ordnung“, sagte er. „Ich bin mir sicher, dass wir noch genug Zeit haben, einander besser kennenzulernen.“

Wut stieg in mir auf, als er das sagte. Als würde er sie anbaggern wollen.

„Oh“, sagte Mama nur. „Habe ich das gar nicht gesagt? Wir fahren morgen wieder nach Hause. Wir sind hier nur im Urlaub.“

Das bisher so übertrieben freundliche Lächeln des Mannes erstarrte.

„Du hast mich also bloß ausgenutzt?“, fragte er kühl. „Ich gebe dir meinen Fisch. Spiele für dich. Erlaube dir, in meinem See zu angeln …“

„Na hören Sie mal“, unterbrach Mama ihn. „Wir haben uns doch bloß nett unterhalten. Sie können doch nicht ernsthaft erwarten, dass das etwas anderes war. Ich habe einen Ehemann. Wo sonst soll ein so fantastischer Sohn herkommen?“

Der Mann erwiderte nichts. Er starrte Mama bloß mit leerem Gesicht an.

„Okay, Sie können den Fisch behalten. Ich wollte Sie keineswegs beleidigen. Ich gebe Ihnen auch gerne das Geld, das wir für Ihren Fisch bekommen haben.“

Mama kramte ihr Portemonnaie hervor. Doch als sie dem Mann die Scheine entgegenhielt, starrte er sie bloß an, als würde Mama ihm Müll anbieten.

Ich hatte unterdessen unsere Angelausrüstung zusammengeräumt. „Komm Mama, lass uns gehen.“

Sie zögerte noch einen Moment, bis sie das Geld zurücksteckte. Dann hob sie die Kühltruhe und ihre Angel auf. Sie warf dem Mann noch einen flüchtigen Blick zu, bis sie mir schließlich folgte.

Wir kamen jedoch nicht weit. Bereits nach ein paar Metern hörte ich den sanften Klang seiner Harfe. Erst dachte ich, er würde uns ignorieren, bis ich merkte, dass Mama nicht mehr neben mir ging.

Fump. Ein dumpfer Schlag übertönte das Harfenspiel. Überrascht drehte ich mich um. Mama war stehengeblieben. Sie hatte einen völlig entspannten Gesichtsausdruck. Die Kühltruhe und ihre Angel hatte sie ins Gras fallenlassen.

„Mama?“, fragte ich unruhig.

Sie reagierte nicht. Stattdessen drehte sie sich zu dem Mann um, der jetzt bis zur Hüfte im Wasser stand. Er trug keine Kleidung mehr, spielte jedoch noch immer auf seiner Harfe. Ein kaltes Lächeln zog sich über seine Lippen.

„Ein Nöck kann mit seinem Harfenspiel nicht nur Fische anlocken, weißt du?“, sagte er ruhig. Obwohl er dabei Mama eindringlich ansah, hatte ich das Gefühl, dass er mit mir sprach.

Ich wusste zwar nicht, was ein Nöck war, sah aber sofort, was er meinte. Als wäre sie verhext worden, begann Mama, auf den Mann zuzugehen. Selbst, als sie sich dem Ufer näherte, machte sie keine Anstalten, langsamer zu werden.

„Mama, nicht!“, rief ich.

Sie ignorierte mich.

Als sie über den Uferrand trat und mit einem lauten Platschen ins Wasser stürzte, sprintete ich ihr nach. Ich zögerte nicht einmal, bevor ich ihr in den See folgte.

Das Wasser war eiskalt. Meine Kleidung sog sich sofort voll, doch ich ignorierte es.

„Mama! Mama!“, brüllte ich.

Doch sie schien meine Stimme überhaupt nicht wahrzunehmen. Mein einziger Vorteil war, dass sie recht langsam ging.

Beim Rennen wirbelte ich Wasser auf, das überall um mich herum aufspritzte und gleichzeitig meine Bewegungen erschwerte. Mama reichte das Wasser schon bis zur Brust.

Den Mann mit seiner Harfe schien es jedoch nicht zu stören, dass ich ihr näherkam. Im Gegenteil: Es schien ihm völlig egal zu sein.

„Mama! Mama!“, brüllte ich erneut.

Endlich hatte ich sie eingeholt. Ich packte sie mit beiden Armen, um sie zurück ans Ufer zu zerren. Doch sie wehrte sich. Mit Händen, Ellenbogen und Füßen versuchte sie, mich abzuschütteln. Als sie es schließlich schaffte, drehte sie sich zu mir und stieß mich mit einer Grobheit, die ich überhaupt nicht von ihr kannte, von sich.

Ich konnte mich nicht halten, fiel nach hinten und wurde von der Wucht Unterwasser gedrückt. Hastig kämpfte ich mich zurück an die Oberfläche, schaffte es, mich wieder aufzurichten. Ich wischte mir Seewasser aus dem Gesicht.

Der Mann war inzwischen so tief, dass er schwimmen musste und seine Harfe nicht mehr spielen konnte. Trotzdem war Mama noch immer wie verhext. Sie hatte ihn fast erreicht.

Ich ging in ein panisches Schwimmen über, versuchte, sie noch einmal einzuholen, bevor sie bei dem Mann war. Doch ich war nicht schnell genug. Meine nasse Kleidung zog mich nach unten, sodass ich nicht nur Probleme dabei hatte, an der Oberfläche zu bleiben, sondern auch dabei, voranzukommen.

Im nächsten Moment waren Mama und der Mann verschwunden. Nein. Nicht verschwunden, untergetaucht!

Sofort tauchte ich hinterher. Mamas gelbe Regenjacke, die sie immer beim Angeln trug, konnte ich im dreckigen Wasser deutlich erkennen. Sie sank schnell.

Trotzdem versuchte ich, hinterherzukommen. Doch obwohl meine Kleidung mich herunterzog, kam ich nicht so schnell voran, wie Mama von dem Mann in die Tiefe gezogen wurde. Wie tief war dieser verdammte See?

Das Gelb ihrer Jacke wurde zu einem schmutzigen Orange. Dann zu einem Braun. Und dann war es schließlich verschwunden. Tränen mischten sich mit dem Seewasser um meine Augen.

Schließlich merkte ich, wie mein Sauerstoff knapp wurde. Panisch begann ich, zurück an die Oberfläche zu schwimmen. Ich konnte das Sonnenlicht sehen, doch nährte mich viel zu langsam. Wasser drang in meine Lungen. Ich zwang mich, weiterzuschwimmen. Ich kämpfte jetzt nicht mehr um Mama, sondern um mein eigenes Überleben.

Dann endlich tauchte ich auf. Ich hustete und spuckte Seewasser, während ich in Richtung Ufer schwamm. Endlich bekam ich wieder schlammigen Boden unter den Füßen. Halb schwimmend, halb laufend kämpfe ich mich bis zum Ufer vor.

Mit nassen Händen klammerte ich mich in das Gras und den Boden und zog mich an Land, wo ich erschöpft liegenblieb.

Es dauerte eine Weile, bis ich mich traute, zurückzublicken. Der See war inzwischen wieder völlig ruhig, als wäre nie etwas geschehen. Mama war mit dem Mann in der Tiefe des Sees verschwunden. Ich konnte nur vermuten, dass sie beide ertrunken waren.

Bleibt auf dem Neusten Stand und folgt mir auf:

Facebook  Twitter  Instagram

Die Legende:

Ein Nöck, auch als Nix, Neck oder Nickert bekannt, ist die männliche Form der Nixe. Er gehört zu den Wassermännern der deutschen Mythologie.

Aussehen:

Wie ich bei den Nixen beschrieben haben, besitzen sie die Fähigkeit, ihren Fischschwanz in menschliche Beine zu verwandeln, um an Land zu gehen. Hierzu habe ich bei den Nöcken jedoch nichts finden können. Daher weiß ich leider nicht, ob ein Nöck im Wasser einen Fischschwanz besitzt oder nicht.

An Land sehen sie aber auf jeden Fall menschlich aus. Genauso wie bei den Nixen tragen sie hierbei Kleidung, die am Saum immer nass ist – sofern sie nicht nackt sind.

Außerdem heißt es manchmal, dass sie grüne Zähne oder Fischzähne hätten und eine rote Mütze tragen.

Das generelle Aussehen variiert hingegen je nach Region. So sollen sie mal sehr hässlich aussehen, andere Male recht durchschnittlich und wieder andere Male sollen sie ein schöner Jüngling mit goldenen Locken sein.

Eigenschaften:

Auch die Eigenschaften der Nöcken können von Ort zu Ort variieren. Häufig werden sie aber als bösartig dargestellt.

Die meisten Geschichten handeln davon, dass ein Nöck einem oder mehreren Menschen Schaden zufügt – sei es, dass er Leute ertränkt, ein Dorf überflutet oder Schiffe untergehen lässt.

Besonders häufig wird davon erzählt, dass Nöck Kinder ins Wasser zerren würden, die zu nahe am Ufer spielen.

Sie sind aber auch für ihre Musik- und Gesangskünste bekannt. So sollen sie wunderschön Harfe spielen und singen können. In einigen Legenden können sie damit sogar Menschen – besonders Mädchen und Frauen – betören und ins Wasser locken. Dort sollen sie sie ertränken oder in manchen Fällen sogar vergewaltigen.

Andere Nöcken sollen Menschen mit Geschenken oder falschen Versprechen ins Wasser locken.

Doch ein Nöck ist nicht immer böse. Es gibt auch zahlreiche Sagen über freundliche Nöcken, die z. B. Menschen helfen oder sie vor dem Ertrinken retten. Trotzdem sollen auch die freundlichen Nöcken meist sehr launisch sein. Man sollte daher darauf achten, einen Nöcken nicht zu verärgern.

So gibt es z. B. eine Legende eines Nöcken, der mit einer menschlichen Frau verheiratet war. Als die Frau ihn verlassen hat, nahm er ihr gemeinsames Kind und riss es entzwei, um mit seiner Hälfte im See zu verschwinden.

Aber auch untereinander können Nixen und Nöcken heiraten. So gibt es zahlreiche Geschichten von Nöcken, die eine Nixenfrau und Kinder haben.

Und natürlich kann sich ein Nöck auch an Land aufhalten. So mischen sie sich manchmal unter die Menschen, um z. B. auf dem Markt Getreide zu verkaufen.

Lebensraum/Vorkommen:

Ähnlich wie Nixen leben Nöcken nicht im Meer, sondern hauptsächlich in Flüssen, Seen, Teichen und Tümpeln. Es soll sogar vorkommen, dass ein Nöck in einem Brunnen lebt.

Außerdem besitzen sie – genau wie die Nixen – in manchen Legenden ein eigenes Haus am Grund des Sees.

Ursprung:

Wie die Legende der Nixen ist auch die Legende der Nöcken schon viele hunderte, wenn nicht tausende Jahre alt.

Sie wurden hauptsächlich als Kinderschreck benutzt, da man den Kindern erzählte, dass ein Nöck sie ins Wasser zerren würde, wenn sie dem Ufer zu nahe kämen. Das hat man hauptsächlich getan, damit die Kinder nicht ins Wasser fallen und im schlimmsten Fall ertrinken, wenn sie sich dem Ufer nähern.

Außerdem hat man Nöcken häufig für Ertrunkene und Überflutungen verantwortlich gemacht. Sie waren u. A. eine Möglichkeit, zu erklären, warum einige Menschen im See oder Fluss untergegangen sind, ihre Leiche jedoch nie an die Wasseroberfläche zurückgekehrt sind – der Nöck habe sie geholt.


Was haltet ihr von dem Nöck? Wie würdet ihr reagieren, wenn ihr einem begegnet? Würdet ihr versuchen, euch mit ihm unterhalten oder würdet ihr euch fernhalten? Schreibt es in die Kommentare!

Wenn ihr mehr solcher Geschichten oder Legenden lesen wollt, abonniert meinen Newsletter oder folgt mir auf Twitter, Facebook oder Instagram!

4 Kommentare

  1. Lilia says:

    Unterhalten! Ich mag es zu schwimmen und ich denke es gäbe eine hohe Chance, dass ich länger bleibe, da ich selten im Urlaub bin, durch Corona logischer Weise gar nicht… Ansonsten wäre ich mir unsicher, es kommt mir halt auf das Auftreten an (ist das ein Satz?). Die Geschichte ist auch wieder gelungen ^^

    • Jeremie Michels says:

      Das ist zumindest sehr mutig. Dann müsstest du jedenfalls darauf achten, ihn nicht zu beleidigen oder zu verärgern. Andererseits kann es auch sein, dass er die Mutter nicht ertränkt, sondern mit in sein Haus oder gar seinen Palast am Grund des Sees genommen hat. In dem Fall weiß man ja gar nicht, wie gut oder schlecht es einem dort unten gefällt. ^^

      Wenn ich von vornherein wüsste, dass es ein Nöck ist, würde ich jedenfalls nur unter dem Vorwand bleiben, dass ich nicht viel Zeit hätte oder direkt zu Anfang sagen, dass ich nur ein Wochenende bleiben kann o. Ä. 🤔

      (Und ja, das ist ein richtiger Satz, glaube ich. 😁)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.