Willkommen zum vorletzten Kapitel der Leseprobe von „Luna und die Vergeltung der Geister“.
Viel Spaß beim Lesen!
Kapitel 5:
Samstag, 04. November 2017
Tränen verschleierten meine Sicht, während ich Natalie nachsah. Am liebsten wäre ich ihr nachgelaufen, hätte versucht, ihr alles zu erklären, aber tief in meinem Inneren wusste ich, dass das sinnlos wäre. Sie hatte ihren Standpunkt klargemacht: Sie glaubte nicht an Geister und sie würde auch nicht ohne weiteres damit anfangen.
Ich schluckte schwer. Warum musste das ausgerechnet mir passieren? Es hatte nicht einmal eine Woche gedauert, bis ich meinen festen Freund und jetzt auch noch meine beste Freundin verloren hatte. Und bei Jenny und Lisa brauchte ich mich wohl auch nicht mehr blicken lassen. Ich war wieder eine Außenseiterin, genau wie früher.
Mit einem Kloß im Hals wandte ich mich wieder Zoe zu. Ich versuchte, normal zu sprechen, merkte jedoch, wie meine Stimme bereits beim ersten Wort zitterte. „Du sagtest, du brauchst meine Hilfe?“
Aber Zoe antwortete nicht. Mit leerem Blick starrte sie mich an. Oder starrte sie durch mich hindurch? Dann begann sie zu flackern. Sie erinnerte mich an eine kaputte Glühbirne, wie sie verblasste, wieder deutlicher sichtbar wurde, für den Bruchteil einer Sekunde ganz verschwand, nur um dann wieder aufzutauchen. „Ich … wollte das nicht“, sprach sie. Sie redete aber mehr mit sich selbst als mit mir. Ihre Stimme wurde dabei von einem Hall begleitet, als würden zwei verschiedene Zoes aus ihrem Mund sprechen. „Wollte niemandem schaden … Es ist meine Schuld. Alles meine Schuld!“
Im nächsten Moment stieß sie einen markerschütternden Schrei aus. Durch den Hall klang er völlig unmenschlich, trieb mir eine Gänsehaut über den Rücken. Gleichzeitig verzerrte sich Zoes Gesicht zu einer grausamen Fratze. Es sah aus, als wäre es verschmiert worden, als hätte man mit einem feuchten Finger über eine Bleistiftzeichnung gewischt. Dann war sie verschwunden.
Panisch sah ich mich um. Mein Atem ging schnell und unregelmäßig. Von Zoe fehlte jede Spur. Auch merkte ich jetzt, wie sehr mein Herz raste. Was zur Hölle war da gerade passiert?
Ich weiß noch, wie mir speiübel wurde. Wahrscheinlich war Zoes Anfall der Tropfen gewesen, der mein Fass zum Überlaufen brachte. Im nächsten klaren Moment saß ich mit angezogenen Knien auf der Parkbank und weinte. Ich hatte alles verloren, das mir wichtig war.
„Luna?“, hörte ich Noah meinen Namen rufen. Er kam sofort angerannt, als er mich sah. „Was ist passiert?“
Ich versuchte zu sprechen, ihm von Zoe zu erzählen, aber ich bekam kein verständliches Wort über die Lippen. Also schüttelte ich den Kopf, bevor ich mein Gesicht in meinen Knien vergrub.
Noah streichelte mir sanft über den Rücken. Er hatte sich neben mich gesetzt. Trotz allem überraschte mich seine Fürsorglichkeit. So hatte ich ihn gar nicht eingeschätzt.
Nach einer Weile hatte ich mich so weit gefasst, dass ich wieder Sprechen konnte. Ich wischte mir mit meinem Ärmel die Tränen aus dem Gesicht. „’tschuldigung,“, sagte ich knapp.
Noah musterte mich besorgt. „Was ist denn passiert?“ Er zog eine Packung Taschentücher aus einer seiner zahlreichen Hosentaschen. Ich nahm sie dankend an.
Nachdem ich meine Nase geputzt hatte, wischte ich mir noch einmal mit dem Ärmel über die Wangen. Ich musste völlig fertig aussehen. Trotzdem hatte Noah eine Erklärung verdient. „Zoe war hier“, sagte ich mit noch immer brüchiger Stimme. Ich bemühte mich, deutlich zu sprechen, während ich ihm von meinem Streit mit Natalie erzählte und ihm erklärte, was mit Zoe passiert war.
„Hast du eine Ahnung, worum Zoe mich bitten wollte?“, fragte ich. Ich sah noch immer ihr verzerrtes Gesicht vor mir. War es meine Schuld gewesen, dass sie so durchgedreht war? Ich würde jedenfalls alles daransetzen, es wieder geradezubiegen.
Noah schüttelte den Kopf. „Tut mir leid. Das wird sie dir sagen müssen. Sofern sie das überhaupt kann. Ihr Zustand macht mir wirklich Sorgen. Ich habe noch nie mitbekommen, dass ein Geist sich derart verändert hat. Vielleicht erinnerst du dich, dass ich dir gesagt habe, du sollst dich von verschwommenen oder verblasst wirkenden Geistern fernhalten? Das liegt daran, weil sie wirklich gefährlich werden können. Normalerweise mache ich einen großen Bogen um sie. Und das solltest du auch tun. Sie besitzen kaum noch Menschlichkeit. Außerdem sind sie oft sehr aggressiv.“
Ich musste schlucken. Sofort schossen mir diverse Szenarien aus Horrorfilmen in den Kopf. „Du denkst, dass Zoe gefährlich ist? Verändert ihr Zustand sie irgendwie?“ Sie hatte am Ende ja nicht einmal mehr zusammenhängende Sätze gebildet.
Aber Noah antwortete nicht. Sein Blick war in die Ferne gewandert, an einen Ort, den nur er kannte.
Am liebsten hätte ich gefragt, was ihm durch den Kopf ging, aber ich wollte nicht unhöflich sein. Immerhin kannten wir einander kaum. Ich sollte seine Freundlichkeit also nicht mit Freundschaft verwechseln.
Als die Stille langsam unangenehm wurde, räusperte ich mich. Jetzt sah Noah mich wieder an.
„Meinst du, dass wir nach Zoe suchen sollten?“, fragte ich.
Schlagartig kehrte Noahs gleichgültiger Gesichtsausdruck zurück. Es war, als hätte er sämtliche Emotionen, die eben noch über sein Gesicht gewandert waren, einfach abgeschaltet. Er zuckte mit den Schultern, als sei es ihm egal. „Sie treibt sich eh meist auf dem Campus herum“, sagte er dann. „Wenn irgendetwas passiert, bekommen wir es schon mit.“
Das konnte nicht sein Ernst sein. „Und wenn sie jemanden angreift?“, fragte ich. Hatte er nicht eben noch angedeutet, dass sie vielleicht gefährlich sei?
Aber Noah wich meiner Frage aus. „Ach. Sie kommt bestimmt bald zu dir, um sich zu entschuldigen. So ist sie nun einmal.“
„Und dann?“, fragte ich. Ich hatte keine Ahnung, wie ich mit ihr umgehen sollte, wie ich mit irgendeinem Geist umgehen sollte.
Wieder zuckte er mit den Schultern. „Erklär ihr einfach, dass alles in Ordnung ist.“
Ich setzte bereits dazu an, etwas zu erwidern, aber Noah wechselte schnell das Thema.
„Aber sag mal … Deine Mitbewohnerin wirft dich raus? Kann sie das denn so einfach?“
Ich verzog den Mund. Daran hatte ich gar nicht mehr gedacht. „Die Wohnung gehört ihren Eltern“, erklärte ich. „Sie hat mir bloß erlaubt, bei ihr zu wohnen. Bis eben jedenfalls. Es gibt keinen Mietvertrag.“
„Also kann sie dich rausschmeißen“, schlussfolgerte Noah. „Hast du irgendwen, bei dem du unterkommen kannst?“
Ich stieß ein verzweifeltes Lachen aus. „Bei wem denn? Meine Freunde halten mich für einen Psycho, meine Eltern wohnen zu weit weg und mein Ex-Freund kann mich mal.“ Meine Unterlippe zitterte. „Vielleicht kann ich ein paar Tage bei Jenny und Lisa unterkommen. Aber sofern du nicht rein zufällig nach einer neuen Mitbewohnerin suchst …“ Ich beendete den Satz nicht. Stattdessen schenkte ich Noah ein schiefes Lächeln, während ich krampfhaft versuchte, meine Tränen zurückzuhalten.
Noah musterte mich für einen sehr langen Moment. Dann sah er den Weg entlang, als beobachte er irgendetwas in der Ferne, während ein kühler Wind um unsere Ohren säuselte. Schließlich sah er wieder zu mir. „Wieso eigentlich nicht?“, fragte er.
Ungläubig starrte ich ihn an. Als ich merkte, dass mein Mund offenstand, schloss ich ihn schnell. „Meinst du das ernst?“
„Klar“, erwiderte er in seinem gleichgültigen Tonfall. „Warum nicht? So kann ich wenigstens ein Auge auf dich haben, ehe du noch mehr Geister aufhetzt. Außerdem ist das Haus eh zu groß für eine Person.“
Meine Augen weiteten sich. „Haus?“, fragte ich. Ich hatte das mit der WG ja nicht einmal ernst gemeint, aber dass er dann auch noch ganz allein in einem Haus wohnt … Er oder zumindest seine Eltern schienen jedenfalls keine finanziellen Schwierigkeiten zu haben.
„Es gibt ein Gästezimmer“, erklärte Noah. „Ich müsste vielleicht einmal durchsaugen, aber an sich könntest du direkt einziehen. Also natürlich nur, wenn du willst.“
Die Situation kam mir unwirklich vor. Passierte das gerade wirklich?
„Die meisten Möbel gehören Natalie oder ihren Eltern“, hörte ich mich sagen. „Wenn ich mich beeil, könnte ich heute Abend schon alles gepackt haben. Allerdings habe ich kein Auto.“
Wieder dieses gleichgültige Schulterzucken. „Das ist kein Problem. Wenn du willst, hol ich die Sachen bei dir ab. Heute Abend also?“
—
Auf dem Weg nach Hause drehte sich in meinem Kopf alles. Noah und ich hatten vereinbart, dass er meine Sachen gegen 18 Uhr bei mir abholen solle und ich anschließend mit dem Fahrrad zu seinem Haus fahre. Ich hatte jedoch keine Ahnung, wie ich das alles Natalie erklären sollte.
Als ich ankam, war sie jedenfalls nicht da. Also kramte ich die Umzugskartons hervor, die ich erst im Frühling für den Umzug in Natalies Wohnung gebracht hatte. Als ich auf einem von ihnen die Aufschrift ‚Lunas Zimmer‘ las, hielt ich inne.
Ein Lächeln huschte über mein Gesicht. Wie nervös Natalie und ich gewesen waren, als wir bei unseren Eltern ausgezogen waren. Wir hatten solche Panik gehabt. Aber bereits unsere erste Nacht in der neuen Wohnung hatte sich angefühlt, als würden wir eine Übernachtungsparty feiern, die niemals enden solle.
Und jetzt? Mein Lächeln erstarb. Jetzt musste ich mich mit den Toten herumschlagen, während die Lebenden sich von mir abwandten. Die schönen Erinnerungen ertranken in einem Anflug von Verzweiflung.
Mit einer Mischung aus Trauer und Wut packte ich die Kartons und stapfte mit ihnen in mein Zimmer. Ich begann sofort, sie einzuräumen. Als ich Finns Blume auf dem Schreibtisch sah, sank meine Stimmung noch weiter. Ich überlegte kurz, sie in den Müll zu schmeißen, aber das fühlte sich nicht richtig an. Immerhin war sie ein Lebewesen. Ich nahm meinen Zeichenblock, das Skizzenbuch, die Stifte und die Geodreiecke vom Schreibtisch. Zum Schluss brachte ich mein aktuelles Projekt für die Uni – die sitzenden Tongebäude –, das ich vorsichtig in einem Schuhkarton verstaut hatte, in den Flur. Die Blume ließ ich hingegen stehen. Sollte Natalie doch entscheiden, was sie mit ihr machen würde.
Jetzt standen vier randvolle Umzugskartons, die fast meinen gesamten Besitz enthielten, feinsäuberlich gestapelt im Flur. Gerade, als ich mit dem fünften und letzten Karton im Badezimmer verschwunden war, hörte ich, wie sich die Wohnungstür öffnete. Für ein paar Sekunden herrschte völlige Stille. Dann ertönten schnelle Schritte.
„Luna!?“, kam Natalies Stimme aus dem Flur. Sie klang halb verwirrt, halb entsetzt. Sie rannte in mein Zimmer, wo ihr Tonfall ins Wütende umschlug. „Luna? Was soll das bitte werden, wenn es fertig ist?“ Jetzt stand sie mit verschränkten Armen in der Badezimmertür.
„Du hast doch gesagt, dass ich ausziehen und mir eine neue beste Freundin suchen soll“, sagte ich trocken. Ich unterdrückte sämtliche Gefühle, die gerade in mir hochkamen.
Natalie blinzelte. Ein paar Mal öffnete und schloss sie ihren Mund, ohne dass ein Laut daraus hervorkam. „Ich meinte damit, dass du dir einen Psychiater suchen musst, nicht, dass du tatsächlich ausziehen sollst!“, schrie sie mir entgegen.
Ich lächelte traurig. „Der könnte mir aber nicht helfen“, sagte ich. Ich sah Natalie fest in die Augen. „Kein Psychiater dieser Welt kann verhindern, dass ich Geister sehen kann.“
Natalies Mund zitterte. Ihre Augen wurden feucht. Aber was konnte ich tun? Sie wollte mir nicht glauben. Sie wollte mir ja nicht einmal zuhören. Und ich konnte, nach allem, was ich gestern erfahren hatte, nicht mehr zu einem Psychiater gehen. Die einzige Person, die mir helfen konnte, mit meinem Problem klarzukommen, war Noah.
Plötzlich rannte Natalie in den Flur zurück. „Ich wünschte, wir hätten diese scheiß Idee mit dem Ouija-Brett niemals gehabt!“, schrie sie mit weinerlicher Stimme.
Ich biss die Zähne zusammen. „Das wünschte ich auch!“, rief ich ihr nach. Aber ich denke nicht, dass sie mich noch gehört hat. Sie hatte die Wohnungstür bereits hinter sich zugeknallt.
—
Um kurz vor sechs stand ich mit meinen fünf Umzugskartons und dem Uni-Projekt an der Straße. Doch während ich auf Noah wartete, überkamen mich erste Zweifel. Sollte ich wirklich mit einem völlig fremden Mann zusammenziehen? Ich kannte Noah doch kaum. Was, wenn er gar nicht so nett war, wie er tat? Andererseits hatte er nie etwas Verdächtiges getan. Die Nacht auf dem Friedhof, der Umzug … Die seltsamen Ideen waren alle von mir gekommen.
Außerdem musste ich an Natalie denken. Sie war meine beste Freundin. Es gab kaum einen Menschen, der mir so nahestand. Und das wollte ich jetzt alles wegwerfen? Vielleicht sollte ich doch einfach zu der Psychiaterin gehen. Ich könnte so tun, als würde es helfen.
Aber was würde das bringen? Ich würde eine Lüge leben. Zumal ich bezweifelte, dass ich mich dann weiterhin mit Noah treffen konnte, obwohl ich doch noch so viel von ihm zu lernen hatte.
Nein. Es war besser so. Ich friemelte Natalies Wohnungsschlüssel von meinem Schlüsselbund. Aber vor den Briefkästen zögerte ich erneut. Schönfeld/Fink – dort stand mein Nachname, direkt hinter Natalies. Das war unsere Wohnung. Unser Zuhause.
Ich schüttelte den Kopf. Nein. Es war unser Zuhause gewesen, bis Natalie mich rausgeschmissen hat. Jetzt war es nur noch ihr Zuhause. Und wer weiß, vielleicht würde ich ja irgendwann wieder bei ihr einziehen, wenn sie mir endlich glauben würde. Entschlossen warf ich den Schlüssel unter lautem Geklimper in den Briefkasten.
Und auch, wenn ich damals noch Zweifel gehabt hatte, es war die richtige Entscheidung gewesen. Noch konnte ich ja nicht ahnen, wie sehr Noah und ich einander brauchen würden …
Zurück an der Straße hörte ich recht bald Motorengeräusche, die schnell lauter wurden. Es war Noah, der sich in einem kleinen schwarzen Pkw näherte. Ich hatte irgendwie damit gerechnet, dass er ein teureres Auto fahren würde, wenn er schon in einem eigenen Haus wohnte. Aber es war eines dieser Billigautos, wie es viele Studierende fuhren.
Noah stieg sofort aus, um mir beim Einladen zu helfen. Gemeinsam verstauten wir die Kartons im Kofferraum und auf den freien Sitzen. Den Schuhkarton mit meinem Uni-Projekt legte ich in den Beifahrerfußraum, nachdem Noah mir versprochen hatte, dass es heil ankommen würde. Es passte alles gerade so in das kleine Auto.
Anschließend gab Noah mir eine Wegbeschreibung, wie ich mit dem Fahrrad zu ihm kam. Ich hatte Glück: Obwohl ich noch nicht lange in Kleinstadt wohnte, wusste ich sofort, welche Straße er meinte, sodass ich es auch ohne Maps finden würde. Sein Haus lag am Stadtrand, gut 20 Minuten von der Uni entfernt.
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Noahs Haus war ein kleines gemütliches Einfamilienhaus aus Klinkerstein, an dessen Fassade einige Schlingpflanzen empor wucherten. Ansonsten wirkte der Garten mehr oder weniger gepflegt.
Der schwarze Pkw stand bereits auf der gepflasterten Auffahrt, während Noah dabei war, die Umzugskartons ins Haus zu bringen. Also beeilte ich mich, mein Fahrrad neben der Haustür anzuschließen und ihm zur Hilfe zu eilen.
Im Haus selbst trat ich in einen schmalen Flur, von dem aus eine Treppe in den Keller und eine andere nach oben führte. Weiter hinter gingen einige Türen ab.
„Das Gästezimmer liegt hinten links“, erklärte Noah und deutete auf eine der Türen. Anschließend eilte er wieder nach draußen, um den nächsten Karton zu holen.
Mit der Kiste in der Hand blieb ich in der Tür zu meinem neuen Zimmer stehen. Abgesehen von den Umzugskartons standen hier nur ein hoher Kleiderschrank mit Spiegel, der aussah, als wäre er von IKEA, ein nicht bezogenes Einzelbett mit altmodischem Holzrahmen, ein dazu passender Nachttisch und ein kleiner Sessel mit beigem Stoffbezug. Außerdem gab es ein Fenster, von dem aus ich ein kleines Waldstück sehen konnte. Das war also mein neues Zuhause.
Nachdem ich mit Noah die letzten Kartons geholt hatte, gab er mir einen kurzen Rundgang durch das Haus. Die Treppe nach oben führte auf einen Dachboden, der als Abstellkammer diente, während die Treppe in den Keller zu einem Wäscheraum und einer Vorratskammer führte. Anschließend zeigte er mir die anderen Räume: eine kleine Küche mit Esstisch, ein mittelgroßes Wohnzimmer und ein Badezimmer, in dem es sogar eine Badewanne gab. Zum Schluss zeigte er mir sein eigenes Zimmer.
Es erinnerte mich an das Zimmer eines Jugendlichen mit eigenem Fernseher, einem breiten Einzelbett und einem Computer. Seine Möbel – der Schreibtisch, der Kleiderschrank und sein Nachttisch – waren modern und hoben sich deutlich von dem ansonsten eher altmodisch eingerichteten Haus ab. Wahrscheinlich hatte er die anderen Möbel vom Vorbesitzer übernommen und hatte sein eigenes Mobiliar in seinem Schlafzimmer untergebracht.
Nach dem Rundgang begleitete Noah mich zurück in den Flur. Dort fiel mein Blick auf die Tür neben meinem Zimmer. Zu ihr hatte Noah bisher nichts gesagt.
Ich deutete mit dem Finger darauf. „Was ist das für ein Raum?“, fragte ich neugierig.
Für ein kurzen Moment runzelte Noah die Stirn, ehe er schnell den Kopf schüttelte. „Ignorier sie einfach. Ich hab den Schlüssel schon vor Ewigkeiten verloren, aber da drin stehen eh nur ein paar alte Möbel.“
Jetzt runzelte auch ich die Stirn. Aber ehe ich weiter nachhaken konnte, wechselte Noah bereits das Thema.
„Also dann“, sagte er. „Fang ruhig schonmal an, deine Sachen auszupacken. In der Zeit kümmer ich mich ums Abendessen. Ich hoffe, du magst Nudelauflauf?“ Er wartete jedoch keine Antwort ab und machte sich bereits auf den Weg in die Küche.
Ich blieb noch einen Moment im Flur stehen und betrachtete die ominöse Tür. Kurz dachte ich darüber nach, durch das Schlüsselloch zu spähen, aber was würde das für einen Eindruck machen? Noah ließ mich, eine völlig Fremde, in seinem Haus wohnen und als Dank nahm ich nicht einmal Rücksicht auf seine Privatsphäre? Nein. So ein Mensch wollte ich nicht sein!
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Das Abendessen verlief ereignislos. Wir redeten dabei kaum, aber das konnte mir nur recht sein. Mein Kopf war viel zu voll, um über irgendetwas zu sprechen, das über belanglosen Smalltalk hinausging.
Nach dem Essen räumte Noah das Geschirr in eine kleine Spülmaschine, ehe er sich ins Wohnzimmer verzog. Ich hingegen war von dem Tag völlig fertig. Daher beschloss ich, heute früh ins Bett zu gehen.
Nachdem ich Zähne geputzt und Noah eine gute Nacht gewünscht hatte, schloss ich meine Zimmertür hinter mir. Dabei fiel mein Blick auf einen Schlüssel, der im Schloss steckte. Ich zögerte. Eigentlich wollte ich die Tür nicht abschließen. Ich wollte Noah genug trauen, um mich auch ohne verschlossene Tür sicher zu fühlen. Andererseits kannte ich ihn kaum. Und auch, wenn er bisher einen vernünftigen Eindruck gemacht hatte, was war, wenn ich mich in ihm irrte? Was war, wenn Natalie doch recht hatte? Mit einem Anflug von Gewissensbissen griff ich nach dem Schlüssel und drehte ihn im Schloss.
Anschließend ging ich sofort ins Bett. Der Mond schien durch mein Fenster und erhellte den gesamten Raum. Mit einem Seufzen ließ ich meinen Blick über mein neues Zimmer schweifen. Es war deutlich kleiner als das bei Natalie. Auch fehlte hier ein Schreibtisch, an dem ich zeichnen und für die Uni arbeiten konnte.
Andererseits war das Haus bestimmt angenehmer als die Wohnung. Hier musste ich mir wenigstens keine Gedanken über nervige Nachbarn machen oder dem Ehepaar zwei Wohnungen über uns bei gewissen Aktivitäten zuhören, denen sie abends nur zu gerne nachgingen. Trotzdem würde ich Natalie schrecklich vermissen.
Als ich merkte, wie mir wieder Tränen in die Augen stiegen, drehte ich mich mit dem Gesicht zur Wand. Ich hatte richtig gehandelt, da war ich mir sicher. Trotzdem tat es weh. Aber Änderungen waren wohl zu erwarten, wenn man anfängt, Geister zu sehen. Jetzt lag es an mir, das Beste aus diesen Änderungen zu machen.
Das war Kapitel 5. Wie immer würde mich wahnsinnig interessieren, wie euch das Kapitel gefallen hat. Kapitel 6 findet ihr bereits jetzt auf Patreon oder ab nächster Woche hier auf dem Blog!
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wieder ein wunderbar geschriebenes Kapitel ^^ ich mag es wie du auf lunas Gefühle und sorgen eingegangen bist, und ihre verunsichertheit noah gegenüber
Danke. Aus dem Grund hatte ich mich damals für die Ich-Perspektive entschieden, damit ich Lunas Inneres besser darstellen kann. Kaum zu glauben, dass ich vor Luna fast ausschließlich in der dritten Person geschrieben habe. 😳