Und schon sind wir bei Kapitel 6 und somit dem letzen Teil der Leseprobe meines geplanten Romans „Luna und die Vergeltung der Geister“.
Viel Spaß beim Gruseln!
Inhalt
Kapitel 6:
Sonntag, 05. November 2017
Am nächsten Tag saß ich mit Noah gemeinsam am Küchentisch. Wir aßen Rührei, das ich auf die Schnelle zubereitet hatte. Wie auch schon beim Abendessen schienen wir beide nicht wirklich zu wissen, was wir sagen sollten. Also aßen wir schweigend. Die Küche war von nichts anderem erfüllt als dem Geklirr von Besteck und leisen Kaugeräuschen.
„Ich fahr heut Nachmittag in die Stadt“, erklärte Noah, als wir aufgegessen hatten. Er stellte unsere Teller in die Spülmaschine. „Sag davor aber gerne Bescheid, wenn du Hilfe beim Auspacken brauchst.“
Ich nickte bloß.
Ohne ein weiteres Wort zu sagen, verließ Noah daraufhin die Küche und ging in sein Zimmer.
Ich seufzte, während auch ich aufstand. Keine Ahnung, ob es an ihm oder an mir lag, aber wenn wir einander gegenüberstanden, wusste ich nie, was ich sagen sollte. Mit Natalie wäre mir das nie passiert. Wir fanden immer irgendein Gesprächsthema. Hoffentlich würde es besser werden, wenn Noah und ich einander besser kannten.
Anschließend ging auch ich wieder auf mein Zimmer. Ich hatte mir vorgenommen, heute mit dem Auspacken fertig zu werden. Es gab mir etwas zu tun und lenkte meinen Kopf von allem ab, was die letzten Tage passiert war. Also nahm ich mir systematisch meine Kisten vor. Ich richtete mich in dem kleinen Zimmer so wohnlich ein, wie ich nur konnte.
Ich legte meinen Stapel ungelesener Bücher, der in den letzten Monaten eher gewachsen als geschrumpft war, nach Genres geordnet auf die Fensterbank, stellte ein Foto meiner Eltern daneben und legte meine bunte Strickdecke, die meine Oma mir mal zu Weihnachten geschenkt hatte, über den beigen Sessel. Zu guter Letzt klebte ich noch einige Zeichnungen, auf die ich besonders stolz war, in die weiße Wand neben das Fenster, damit sie nicht ganz so trostlos aussah.
Noahs Hilfe brauchte ich lediglich beim Badezimmer, während wir absprachen, wo ich meine Sachen unterbringen durfte. Als ich die wenigen Schminkartikel, die ich besaß, in das Fach neben dem Waschbecken stellte, musste ich schmunzeln. Dort standen bereits schwarzer Nagellack, Eyeliner und diverse Sachen zum Abschminken. Natürlich wusste ich bereits, dass Noah ab und an Eyeliner trug, und auch mit schwarzem Nagellack hatte ich ihn schon das eine oder andere Mal gesehen. Trotzdem war es irgendwie ungewohnt, Schminke bei einem Mann zu finden.
Während ich gerade dabei war, ein frisches Handtuch an den Haken an der Wand zu hängen, den Noah mir zugewiesen hatte, klopfte er vorsichtig an den Holzrahmen. Ich drehte mich zu ihm um.
„Ich fahr jetzt los“, erklärte er. „In spätestens einer Stunde sollte ich wieder da sein, also lass bitte das Haus stehen, ja?“
Ich zwang mich zu einem Grinsen. „Ich kann nichts versprechen“, antwortete ich.
Zu meiner Überraschung erwiderte Noah das Grinsen. Es war sanft, eher schon ein Schmunzeln, aber es war ehrlich – echt. Anschließend drehte er sich wortlos um und verschwand Richtung Eingangstür.
‚Na also‘, dachte ich. ‚Das war doch schon mal ein Anfang.‘
—
Nachdem ich die letzte Kiste leergeräumt hatte, ging ich zurück in mein Zimmer. Dort setzte ich mich in den Sessel. Noah war bereits weg.
Auf einmal kam ich mir sehr einsam vor. Ich war ganz allein in diesem fremden Haus. Ob Noah wohl auch oft einsam war? Vielleicht hatte ja damals Zoe bei ihm gewohnt. Immerhin waren sie über zwei Jahre zusammen gewesen.
Andererseits deutete nichts im Haus auf sie hin. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass Noah all ihre Sachen weggeworfen hatte, nachdem sie gestorben war.
Plötzlich schoss mir wieder Zoes verzerrtes Gesicht in den Kopf. Ich musste an Noahs Worte denken. Wie war das? Ich solle mich von verschwommenen oder verblasst wirkenden Geistern fernhalten, weil sie wirklich gefährlich werden könnten. Sie besäßen kaum noch Menschlichkeit und seien oft aggressiv.
Aber was bedeutete das für Zoe? Würde sie jemanden angreifen? Und wenn ja, wie weit würde sie gehen? Könnte es passieren, dass sie jemanden … Daran wollte ich gar nicht denken! Wäre ich dann nicht sogar teilweise daran schuld? Immerhin war ich mitverantwortlich für ihren Zustand.
Ich nahm mir fest vor, Noah zu fragen, ob wir sie nicht doch lieber suchen sollten, wenn er zurück war.
Doch während ich so in dem Sessel saß, spann ich den Gedanken weiter. Was war, wenn Noah mich wieder davon abhalten würde? Er schien jedenfalls irgendein Problem damit zu haben, mit Zoe zu reden. Vielleicht tat es ihm zu sehr weh. Aber was war, wenn genau das seine Entscheidungsfähigkeit trübte? Wenn Zoe wirklich gefährlich war? Wenn es die klügere Entscheidung wäre, sie zu suchen?
Andererseits kannte er Zoe sehr gut. Vielleicht war sie ja harmlos. Trotz ihres Zustands. Wieder schoss mir ihr verzerrtes Gesicht in den Kopf. Nein! Ich konnte hier nicht einfach nur rumsitzen und nichts tun, während mit Zoe irgendetwas nicht stimmte. Vielleicht würde es sogar das Eis zwischen Noah und mir brechen, wenn ich ihr half.
Fest entschlossen stand ich auf und griff nach meinem Handy. Ich zögerte. Seit dem Vorfall auf dem Friedhof konnte ich damit nicht mehr telefonieren. Ich könnte niemanden um Hilfe rufen. Aber selbst, wenn es nicht kaputt wäre, wen konnte ich schon anrufen? Immerhin hatte ich nicht einmal Noahs Nummer. Ich legte das Handy auf meinen Nachttisch und nahm mir vor, es morgen vor der Uni zur Reparatur zu geben.
Anschließend ging ich in die Küche. Während ich hastig zwei Scheiben Brot aß, schrieb ich Noah einen Zettel – nur zur Sicherheit und damit er sich keine Sorgen machte – und legte ihn in den Flur. Falls ich gegen Mitternacht noch nicht wieder da sei, solle er mich auf dem Campus suchen kommen.
—
Es dämmerte bereits, während ich zur Uni radelte. Die Luft war eisig, weshalb mir der Fahrtwind kalt ins Gesicht schlug. An sich mochte ich das Gefühl, dennoch bereute ich es, keine Mütze mitgenommen zu haben.
Die Stadt wirkte friedlich um diese Uhrzeit. Ich begegnete fast niemandem, während ich zwischen Reihen aus Wohnhäusern hindurch fuhr, zu schnell, um mir die Architektur genauer anzusehen. Ich erkannte nur, dass in vielen Häusern Licht brannte. Gleichzeitig sorgten hier draußen die Straßenlaternen für eine angenehme Beleuchtung.
Während ich fuhr, wanderten meine Gedanken wieder zu Zoe. Was sollte ich eigentlich tun, wenn ich sie tatsächlich finden würde? Konnte ich mich normal mit ihr unterhalten? Oder würde sie in ihrem Zustand nicht mit sich reden lassen? Jetzt erst wurde mir wieder bewusst, wie wenig Ahnung ich von Geistern hatte. Wie sollte ich reagieren, falls sie mich angreift? Konnte man sich gegen Geister verteidigen? Oder würde ich wie bei dem Totengräber weglaufen können?
Ich machte mir so meine Gedanken, als ich plötzlich ein rasselndes Geräusch unter mir hörte.
„Scheiße“, stieß ich aus.
Wieso musste ausgerechnet jetzt meine Kette rausspringen? Nicht, dass es ein großes Problem war. Es würde nicht lange dauern, bis ich sie wieder eingefädelt hatte. Auch hatte ich keine großen Probleme damit, mir die Finger schmutzig zu machen. Trotzdem war es nervig. Ich stieg ab, stellte mein Fahrrad auf den Ständer und ging daneben in die Hocke.
Gerade, als ich nach der Kette greifen wollte, nahm ich eine Bewegung aus dem Augenwinkel wahr. Mein Herz machte einen Hüpfer, während ich versuchte, möglichst selbstbewusst aufzusehen.
Erleichtert atmete ich auf: Es war ein Mädchen, etwa in meinem Alter. Ich kannte sie zwar nicht, hatte sie jedoch schon einige Male auf dem Campus gesehen. Von ihr schien jedenfalls keine Gefahr auszugehen.
Ohne sie weiter zu beachten, widmete ich mich wieder meiner Kette. Als sie jedoch direkt vor mir stehen blieb, hob ich erneut den Kopf. Sie sah mich mit großen Augen an.
„Findest du mich schön?“, fragte sie kleinlaut.
Ich blinzelte überrascht. „Wie bitte?“, fragte ich. Ich hatte mit allem gerechnet, aber nicht damit.
„Findest du mich schön?“, wiederholte sie sich.
Verdutzt sah ich sie an. Nicht nur, dass ich es absolut seltsam fand, mitten in der Nacht von einem fremden Mädchen gefragt zu werden, ob ich sie schön fände, sie trug auch noch einen Schal so weit im Gesicht, dass man kaum noch ihre Nase sehen, geschweige denn ihr Aussehen beurteilen konnte. War das vielleicht ein dummer Scherz oder irgendeine Wette?
„Tut mir leid, ich hab gerade echt keine Zeit für sowas“, erwiderte ich knapp. Dann wandte ich mich wieder meiner herausgesprungenen Kette zu.
„Oh, Verzeihung. Ich wollte dich nicht stören“, erwidertet das Mädchen kleinlaut, ehe sie weiterging. Ich sah ihr noch einen Moment lang nach. Was für eine merkwürdige Person.
—
Eine Viertelstunde, nachdem ich die Fahrradkette wieder eingehängt hatte, erreichte ich die Uni. Der Campus lag dunkel und verlassen vor mir. Es gab zwar einige Lampen, sie spendeten jedoch nur schwaches Licht. Die leeren Fahrradständer sahen aus wie die Rippen eines viel zu langen Oberkörpers. Ich beeilte mich, mein Fahrrad anzuschließen, ehe ich mit schnellen Schritten weiter zum Hauptgebäude ging. Dort hatte ich Zoe das erste Mal gesehen.
Nervös rückte ich meine Brille zurecht. Ohne die zahlreichen Studenten kam mir das Gebäude ungewöhnlich groß vor. Die dunklen Fenster erinnerten mich an leere Augen, die mich gefühllos anstarrten. Bei der Vorstellung schauderte ich.
Schnell wandte ich meinen Blick wieder ab. Ich sah mich um. Außer mir schien niemand hier zu sein. Wenigstens würde mich so niemand hören können.
„Zoe?“, rief ich zaghaft in die Dunkelheit. Fast hätte ich damit gerechnet, dass meine Stimme über den leeren Platz hallen würde. Aber natürlich tat sie das nicht. Dafür hatte ich nicht laut genug gerufen. Stattdessen kam es mir vor, als hätte das Halbdunkel sie verschluckt.
Trotzdem musste ich es weiter versuchen! Ich holte tief Luft. Gerade, als ich ihren Namen lauter rufen wollte, schnitt jedoch ein Schrei durch die Stille. „Ahhhh!“, schrie eine Männerstimme.
Im nächsten Moment bellte ein Hund los. Es war ein tiefes aggressives Bellen. Sofort versteifte sich mein Körper. Mit einem Hund hatte ich nicht gerechnet. Meine Instinkte schrien danach, wegzulaufen. Aber ich kämpfte gegen meine Angst an. Ich musste wissen, was da los war.
Normalerweise war ich nicht so mutig. Besonders nicht, wenn es um Hunde ging. Trotzdem eilte ich mit zittrigen Beinen direkt auf das Gebell zu.
Als ich den Hund in der Ferne sehen konnte, wurde ich langsamer. Direkt neben ihm kauerte ein Bündel aus zerfetzter Kleidung und wirren Haaren. Es kauerte über einem jungen Mann, die Hände fest um seinen Hals gelegt. Der Mann – er war etwa in meinem Alter – wehrte sich mit Leibeskräften. Er schlug und trat um sich. Einige seiner Hiebe gingen mitten durch das kauernde Bündel hindurch. Es bewirkte nichts, war völlig sinnlos. Der Hund hingegen stand einfach nur da und bellte.
Wieder atmete ich tief ein. Diesmal, um meinen Mut zusammenzunehmen. „Hey!“, brüllte ich aus voller Kehle. Meine Stimme klang höher als beabsichtigt, hallte diesmal aber tatsächlich über den Campus.
Es erzielte den gewünschten Effekt: Die kauernde Gestalt ließ von dem jungen Mann ab, während sie sich langsam aufrichtete. Sie wandte mir den Kopf zu.
Als ich ihr Gesicht sah, fühlte ich mich, als würde der Boden unter meinen Füßen absacken. Sie sah übel zugerichtet aus. Am ganzen Körper hatte sie blutige Schrammen. Die Jeans und ihr weißes Sweatshirt waren zerfetzt. Ihr noch immer verwischtes Gesicht war blutig und ihr Hals hatte eine unnatürliche Haltung. Trotzdem gab es keine Zweifel: Die graublauen Augen, die hellbraunen Haare, das verzerrte Gesicht und die mollige Figur – das war eindeutig Zoe!
Das war Kapitel 6 und somit das Ende der Leseprobe von „Luna und die Vergeltung der Geister“. Wenn ihr es bis hierhin geschafft habt, habt ihr etwa einen Viertel des Romans gelesen. Wie hat euch die Leseprobe gefallen? Habt ihr Kritik, Anmerkungen oder sonst etwas auf dem Herzen? Schreibt es in die Kommentare!
Wann genau der Roman rauskommt, kann ich leider absolut nicht einschätzen. Erst einmal muss ich ihn fertig überarbeiten, einreichen, hoffen, das irgendwer ihn veröffentlichen möchte und dann dauert es bestimmt noch einmal einige Monate, bis er auf den Markt kommt.
Solltet ihr nicht so lange warten wollen, könnt ihr natürlich meinem Patreon beitreten. Für nur 2 € im Monat bekommt ihr dann die neuen Kapitel, wann immer sie fertig sind, dürft all meine Beiträge eine Woche früher lesen und könnt auf meinem Discord-Server 1 bis 2 mal im Monat bei meinen Live-Lesungen zuhören.
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Lieber Jeremie, ich schwöre dir, ich bin eine der Ersten, die dein Buch kaufen wird! Eigentlich lese ich immer nur creepy pastas auf der offiziellen Seite, bin aber durch Zufall (danke, Google!), auf deinen Blog gestoßen – Und ich muss sagen, ich liebe deine Geschichten, die dazugehörigen Recherchen und zu guter letzt, natürlich auch Lunas kleines Abenteuer mit den durchsichtigen Mitbürgern! Hör nicht auf mit dem was du tust, denn es ist toll 🙂
LG
Christall
Es freut mich, dass dir mein Blog und die Leseprobe gefallen (besonders die Leseprobe, weil Luna mir inzwischen sehr am Herzen liegt). Kommentare wie deiner sind der Grund, warum ich mit all dem hier gar nicht aufhören möchte. Natürlich schreibe ich den Blog auch ein Stück weit für mich selbst (sonst würde ich die viele Zeit, die ich in die Beiträge stecke, wahrscheinlich auch nicht aushalten), aber wenn ich lese, wie sehr einigen Leuten meine Geschichten gefallen, ist das immer ein riesen Motivationsschub. Daher also vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, den Kommentar zu schreiben. Das bedeutet mir echt viel! 😄
Gruß
Jeremie
wunderbares Kapitel 😀
ich wünschte ich könnte den Rest lesen, aber naja, ich gehe mit meinem Geld im Internet sehr geizig um.. mein Vater kann sehen wofür ich mein Geld ausgebe, und da ich nicht der Meinung bin das ihn das was abgeht kaufe ich im Internet nichts ^^‘
aber mir war bei der ersten Erwähnung eines Mädchens dem der Mund aufgeschlitzt wurde schon irgendwie klar das ein Zusammenhang zur kuchisake ona Geschichte besteht, und als ihre Fahrradkette rausgesprungen ist … war mir ziemlich klar was passieren wird ^^ aber nicht wie’s ausgeht, also spannender Teil der Geschichte 😀
Danke. Und ja, das kann ich voll und ganz verstehen. Aber wirklich verpasst hast du auch nichts. Ich habe Kapitel 7 letzten Monat erst auf Patreon veröffentlicht (mir aber vorgenommen, mich von jetzt an mehr auf die Überarbeitung zu konzentrieren). Spätestens, wenn der Roman veröffentlicht wird, kannst du ihn ja dann lesen. Dann biete ich wahrscheinlich auch signierte Exemplare an, wenn man das Buch direkt über mich kauft. 😄
Es freut mich auf jeden Fall, dass dir die Leseprobe gefallen hat. Und ja, auch hier habe ich auf meinem Blog ein kleines Easter Egg für meinen Roman eingebaut (es war tatsächlich auch für mich eine interessante Übung, eine Szene noch einmal aus einer anderen Perspektive zu schreiben). ^^
privat über dich bestellen? dann ne Signatur? notiert
Dazu mach ich dann auf jeden Fall eine Ankündigung. Auch wenn das durchaus noch ein Jahr (oder noch länger) dauern könnte. 😅
Hmmm oki ^^ nächstes Jahr ziehe ich sowieso evtl aus ^^ dann aber wahrscheinlich in ein betreutes wohnen, find ich nicht so geil, aber Mama besteht drauf… und wenn ich das tun muss um meine Tierpfleger Ausbildung zu bekommen..
Das klingt doch aber nach einem Plan. 😄 (Mehr Plan als ich in deinem Alter hatte. ^^‘)