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Mimi-nashi Hōichi Zeichnung von Jeremie Michels. Auf dem Bild kniet ein nackter Mann, auf dessen Körper überall chinesische Schriftzeichen geschrieben stehen. Seine Körperhaltung ist ruhig, sein Gesichtsausdruck jedoch leicht schmerzverzerrt. Er besitzt keine Ohren mehr, stattdessen läuft Blut aus den Stellen, wo die Ohren hätten sein müssen. Der Mann ist am Weinen.
Mimi-nashi Hōichi (2020)

Mimi-nashi Hōichi – Hōichi der Ohrlose

Mimi-nashi Hōichi ist eine bekannte japanische Legende. Da die Legende einen festen Ablauf hat, der mir nur wenig Freiraum lässt, habe ich sie lediglich in meinen eigenen Worten nacherzählt und bin etwas mehr ins Detail gegangen.

Die Geschichte:

Ich erzähle euch heute von einer alten japanischen Legende: Mimi-nashi Hōichi – Hōichi der Ohrlose.

Vor vielen hundert Jahren lebte ein blinder Mann in Japan, der die Biwa – ein japanisches Saiteninstrument – meisterhaft spielen konnte. Man sagt, sein Spiel war so gut, dass er sogar Geister zum Weinen brachte.

Trotzdem war Hōichi kein reicher Mann. Er lebte in einem Tempel in Shimonoseki in Japan und besaß kaum mehr als seine Biwa und seine Kleidung. Auch verdiente er kein Geld, da er wegen seiner Blindheit nicht arbeiten konnte und er seine Künste der Biwa nie zur Schau stellte. Er spielte immer nur für die Bewohner des Tempels und für sich selbst.

So war es auch an jenem Abend, an dem diese Legende beginnt: Es war bereits dunkel, als Hōichi auf der Veranda saß. Die Klänge seiner Biwa wurden bis zur Straße hinübergetragen, wo viele Passanten einen Moment lang innehielten, um der wunderschönen Melodie zu lauschen. Häufig gingen sie mit einem Lächeln auf den Lippen weiter. Den Tempel betreten, um zu sehen, wer diese atemberaubende Musik spielte, tat hingegen fast nie jemand.

Umso überraschter war Hōichi, als er hörte, wie sich schwere Schritte näherten. Er konnte das Klappern einer Rüstung hören. Wahrscheinlich ein Soldat.

„Verzeiht, wenn ich Euch nicht ansehe. Ich bin blind“, entschuldigte sich Hōichi. „Wenn Ihr den Priester sucht, der ist heute Abend fort. Er wird erst spät in der Nacht wiederkommen.“

„Ihr! Musiker! Seid Ihr Hōichi?“, fragte der Fremde in strengem Ton.

Hōichi erschauderte. Er war nur selten einem Samurai begegnet, doch den fordernden, fast schon befehlenden Tonfall würde er überall wiedererkennen. „Der bin ich. Doch woher kennt Ihr meinen Namen?“, erwiderte Hōichi überrascht. War er in Schwierigkeiten?

Der Samurai ignorierte ihn. „Mein Meister – ein einflussreicher Mann – hat von Eurem Talent gehört. Er hat mich geschickt, damit ich Euch zu ihm bringe. Ihr sollt ihm das Lied der Seeschlacht von Dan-no-ura vorspielen.“

Ungläubig wandte Hōichi sein Gesicht in die Richtung, aus der die Stimme kam. Er sollte vor einem einflussreichen Mann seine Biwa spielen? Das war eine große Chance für ihn. Wenn dem Meister seine Vorführung gefiel …

„Also? Was ist? Kommt Ihr mit mir?“, hakte der Samurai nach.

Hōichi wollte die Geduld des Samurai nicht weiter strapazieren. Er sprang auf, nahm seine Biwa und zog sich seine Schuhe an. Er ahnte nicht einmal, dass etwas nicht stimmte …

Sobald er von der Veranda getreten war, packte der Samurai auch schon seinen Arm. Er führte ihn schnellen Schrittes vom Tempelgelände – lediglich bei den Treppen am Eingang gewährte er dem blinden Hōichi etwas mehr Zeit. Doch sobald er beim unteren Treppenabsatz angekommen war, eilte der Samurai mit ihm weiter durch die Straßen.

Hōichi stolperte mehr, als das er ging. Der Samurai schien es jedenfalls sehr eilig zu haben – er nahm keine Rücksicht auf ihn.

Als sie an ihrem Ziel angekommen waren, wunderte sich Hōichi. Er wusste grob, wo sie waren. Zwar waren sie so schnell gegangen, dass Hōichi nicht genau sagen konnte, welches Haus sie betraten, aber er kannte er in dieser Gegend kein größeres Anwesen.

Seine Gedanken wurden jedoch bald von der leichten Nervosität verbannt, die sich jetzt in ihm ausbreitete. Die zahlreichen Stimmen, auf die sie zuschritten, verrieten ihm, dass sein Publikum nicht nur aus dem Meister bestehen würde.

Während der Samurai ihn zu einem Kissen führte, auf das er sich knien sollte, versuchte Hōichi auszumachen, wie viele Zuhörer er haben würde. Es waren dutzende, wenn nicht hunderte unterschiedliche Stimmen, begleitet von dem Geraschel edler Gewänder und dem Klappern der Rüstung des Samurai. Vor so vielen Menschen hatte Hōichi noch nie gespielt.

Als er auf dem Kissen kniete und seine Biwa zum Spielen bereit in die jetzt zittrigen Hände nahm, hörte er, wie der Samurai sich verbeugte. Es folgten schwere Schritte, die sich schnell entfernten, bis das Klappern der Rüstung schließlich in der Ferne verstummte.

„Ihr wisst, was Ihr spielen sollt?“, fragte eine feste, fast unhöfliche Stimme, die Hōichis Aufmerksamkeit sofort wieder auf sein Publikum lenkte. Sie klang genauso streng, wie die des Samurai, hatte jedoch einen erhabenen, fast schon eingebildeten Unterton.

„Das Lied der Seeschlacht von Dan-no-ura“, sagte Hōichi mit brüchiger Stimme. Es klang mehr nach einer Frage, als nach einer Antwort.

„Gut, dann fangt an“, forderte der Meister. Er machte dabei eine abfällige Handbewegung, die Hōichi zwar nicht sehen, aber sich sehr gut denken konnte.

Nervös räusperte sich Hōichi. Er hielt seine Biwa fest umklammert, zwang sich jedoch, seinen Griff zu lockern und ruhig zu atmen.

Dann begann er, an den Saiten zu zupfen. Und als seine Stimme sich zu der Melodie gesellte, verstummten auch das letzte Gemurmel im Raum. Die Aufmerksamkeit lag jetzt voll und ganz bei ihm.

Wenn Hōichi seine Biwa spielte, fühlte man sich, als würde man in eine andere Welt gezogen. Sie waren nicht mehr in dem Raum, sondern standen jetzt auf den Schiffen der Seeschlacht. Sie konnten die Schreie und das wilde Durcheinander hören, Pfeile surrten durch die Luft, Wellen schwappten gegen die Schiffe und Waffen und Rüstungen klirrten.

Noch nie hatten die Anwesenden eine solche Darbietung gehört. Als Hōichi schließlich den Höhepunkt der Schlacht besang, bei dem der sechsjährige Kaiser starb und seine Leute vor Schande massenhaft Selbstmord begingen, war Hōichi über die Reaktion seines Publikums überrascht: Viele, wenn nicht alle seiner Zuhörer brachen in Tränen aus. Während des gesamten restlichen Stücks war Hōichi von dem Heulen und Schluchzen unzähliger Männer und Frauen umgeben.

Dann, als Hōichi fertig war, kehrte langsam wieder Ruhe ein.

Es dauerte jedoch noch einen Moment, der Hōichi wie eine Ewigkeit vorkam, bis der Meister wieder seine Stimme erhob. Obwohl man noch immer die Überlegenheit darin hören konnte, klang es ganz deutlich so, als habe auch er die eine oder andere Träne vergossen. „Noch nie, in all meinen Jahren, habe ich eine solche Darbietung gesehen. Ich verspreche Euch, dass Ihr einen entsprechenden Lohn erhalten werdet. Vorher müsst Ihr jedoch zwei Dinge für mich tun: Ich wünsche, dass Ihr die folgenden sechs Nächte zurückkommt, bis ich mich auf meine Heimreise mache. Außerdem dürft Ihr niemandem von unseren Treffen erzählen. Man soll nicht wissen, dass ich in der Stadt bin!“

Er fragte nicht einmal nach, ob Hōichi einverstanden sei. Nein, beide Männer wussten, dass seine Worte Pflicht waren. Hōichi musste sich daran halten. Ganz davon abgesehen wollte er sich daran halten. Eine solche Gelegenheit bot sich nur einmal im Leben.

„Nun gut. Ihr dürft gehen“, verabschiedete sich der Meister schroff. „Begleitet ihn zurück zum Tempel!“

Als die Rüstung des Samurai bei der Verbeugung direkt neben Hōichi klapperte, zuckte er erschrocken zusammen. Er hatte nicht einmal mitbekommen, wie der Samurai zurück in den Raum gekommen war – und das, obwohl er eigentlich immer auf die Geräusche um sich herum achtete. Außerdem war die Rüstung beim Gehen nicht gerade leise …

Doch Hōichi hatte keine Zeit, darüber nachzudenken. Er beeilte sich, aufzustehen und dem Raum mit dem Samurai zu verlassen, um die Geduld des Meisters nicht unnötig herauszufordern.

Sie nahmen denselben Weg, den sie gekommen waren. Als die beiden den Tempel erreichten, begleitete der Samurai Hōichi zurück bis zur Veranda, wo er ihn abgeholt hatte.

„Ich werde morgen Abend wieder hier sein“, verkündete der Samurai. „Und denkt daran: Ihr dürft niemandem von den Treffen erzählen!“

Dann verabschiedete er sich, bevor er wieder mit schnellen Schritten verschwand.

Hōichi ging sofort zu Bett, doch es dauerte eine ganze Weile, bis er endlich einschlief.

Am nächsten Tag war Hōichi sehr aufgeregt. Trotzdem ließ er sich nichts anmerken. Als es schließlich spät wurde, setzte er sich wieder auf die Veranda und spielte. Der Samurai ließ nicht lange auf sich warten.

Wie auch in der Nacht zuvor, brachte er Hōichi in schnellem Schritt zu seinem Meister, wo er wieder das Lied der Seeschlacht von Dan-no-ura spielen sollte – es schien dem Meister und den anderen Anwesenden sehr viel zu bedeuten. Erneut brachen beim Höhepunkt überall um Hōichi herum Leute in Tränen aus.

Nachdem er seine Vorstellung beendet hatte, brachte der Samurai ihn wieder zurück zum Tempel, wo man bereits nach ihm suchte.

Hōichi hatte bereits befürchtet, dass seine nächtlichen Ausflüge nicht unbemerkt bleiben würden, doch hätte er nicht damit gerechnet, dass sie bereits in der zweiten Nacht entdeckt wurden.

Kurz nachdem Hōichi sich von dem Samurai verabschiedet hatte, kam auch schon der Priester auf ihn zugeeilt.

„Hōichi, alter Freund, wo wart Ihr denn zu solch später Stunde?“, fragte er. Bestürzung und Sorge klang in seiner Stimme mit.

Doch so sehr Hōichi es auch sagen wollte, erinnerte er sich an sein Versprechen, das er dem Meister gegeben hatte. Er durfte niemandem davon erzählen. „Macht euch keine Sorgen um mich. Ich habe private Angelegenheiten, um die ich mich kümmern muss.“

Der Priester fragte Hōichi, was er damit meinte. Doch Hōichi blieb standhaft. Über seine Lippen kam kein einziges Wort von dem Treffen.

Daher fasste der Priester am nächsten Tag den Entschluss, dass zwei Diener Hōichi folgen sollten, falls er in der folgenden Nacht wieder fortgehen würde. Er tat dies jedoch nicht aus Neugierde oder weil er Hōichi nicht traute, sondern aus Furcht, dass Hōichi etwas passieren könnte – er ahnte jedoch nicht, wie schlimm es um Hōichi wirklich stand.

Am Abend, als Hōichi wieder auf der Veranda spielte, beobachteten die zwei Diener ihn. Sie blieben dabei auf Abstand, damit der blinde Mann sie nicht entdeckte.

Als Hōichi plötzlich mitten im Lied abbrach, sahen die beiden sich verwundert an. Wieso hat er aufgehört? Es war fast so, als hätte ihn jemand unterbrochen. Doch dort war niemand.

Dann sprang Hōichi hastig auf. Er zog sich seine Schuhe an, griff nach seiner Biwa und verließ in schnellem Schritt das Gelände.

Die Diener folgten ihm sofort. Sie wunderten sich, wie schnell er ging. Es sah fast so aus, als würde ihn jemand führen, doch Hōichi war alleine.

Als Hōichi dann auch noch abbog und auf dem örtlichen Friedhof verschwand, begannen sie, sich ernsthaft Sorgen zu machen. Er zog sogar seine Schuhe aus, ging noch ein wenig weiter und kniete sich dann in den Dreck. Was war nur los? Hatte Hōichi den Verstand verloren?

Doch in dem Moment, als Hōichi anfing zu spielen, wurde den Dienern alles klar. Überall um ihn herum flammten kleine Lichter auf. Es waren jedoch keine Feuer oder Laternen, die dort leuchteten, sondern die Seelen der Toten.

Die Diener wussten sofort, was zu tun war. Sie stürmten zu Hōichi, packten den blinden Mann bei den Armen und zogen ihn hoch.

Erst versuchte Hōichi noch, weiter zu spielen, doch die Diener gingen zu grob mit ihm um.

„Hōichi, Ihr müsst sofort mit uns kommen!“

„Wie könnt ihr es wagen, mich zu unterbrechen? Wisst ihr nicht, dass ich vor einem wichtigen Mann spiele?“, protestierte Hōichi, als er ihre Stimmen wiedererkannt hatte.

„Hōichi, Ihr versteht nicht … hier ist weder Mann noch Frau. Alles, was uns umgibt, sind Gräber und die Seelen der Toten!“

Hōichi war verwirrt. Seine Gedanken überschlugen sich. Dafür hörte er auf, sich zu wehren. Er folgte den beiden Dienern vom Friedhof – lediglich für seine Schuhe machten sie Halt. Dann rannten sie durch die dunklen Straßen, die nur von schwachen Laternen erleuchtet waren, bis sie den Tempel erreicht hatten.

Noch in der Nacht weckten sie den Priester und erzählten, was sie gesehen hatten. Hōichi und der Priester hörten gebannt zu. Dann erzählte Hōichi seine Version der Geschichte.

Der Priester wartete geduldig, bis alle ihre Ausführungen beendet hatten.

„Ihr habt das Richtige getan, als Ihr Hōichi unterbrochen habt. Ich danke euch!“, bedankte sich der Priester bei den beiden Dienern. Dann erklärte er seine Theorie, was auf dem Friedhof geschehen war: „Ihr müsst wissen, dass auf dem örtlichen Friedhof viele Opfer der Seeschlacht von Dan-no-ura liegen. Ich denke, das ist der Grund, warum sie solch ein Interesse an dem Lied gezeigt haben – sie sind ruhelose Geister der Schlacht. Diese Seelen haben viel Kummer erlebt. Früher oder später hätten die Treffen Hōichi wahrscheinlich das Leben gekostet.“

Hōichi schluckte. Hätte er geahnt, in welcher Gefahr er schwebte …

„Aber keine Sorge, alter Freund“, beruhigte ihn der Priester, als habe er seine Gedanken gelesen. „Es gibt eine Möglichkeit, Euch gegen die Geister zu schützen.“

Der Priester trug Hōichi auf, so viel Schlaf nachzuholen, wie er konnte. Er müsse am nächsten Abend wach sein. Trotzdem hatte Hōichi Schwierigkeiten, auch nur ein Auge zuzubekommen, sodass er am nächsten Morgen, als der Priester ihn weckte, nur wenige Stunden Schlaf bekommen hatte.

Aber sie durften keine Zeit verlieren. Der Priester hatte viel vor sich: Er musste den gesamten Körper von Hōichi mit den Schriftzeichen des Herz-Sutras beschreiben – einem mächtigen buddhistischen Lehrsatz, der Hōichis Körper für die Geister unsichtbar machen sollte.

Es dämmerte bereits, als der Priester endlich fertig war. Er hatte Hōichis Gesicht, seinen kahlen Kopf, die Arme, die Beine, die Brust, den Bauch, den Rücken und alle anderen Regionen seines Körpers beschrieben. Sogar die Fußsohlen und die Augenlider ließ er nicht aus.

Anschließend setzte Hōichi sich wieder auf die Veranda. Wie vom Priester angewiesen, spielte er diese Nacht jedoch nicht, sondern legte seine Biwa neben sich. Auch durfte er keine Geräusche machen, da der Geist des Samurai ihn zwar nicht sehen, aber hören könnte.

Hōichi saß mehrere Stunden völlig still da. Er versuchte, mit aller Kraft wach zu bleiben, war jedoch in einen leichten Schlaf gefallen, als sich schwere Schritte, begleitet von dem vertrauten Klappern der Rüstung, näherten.

Sofort schreckte er hoch. Für einen Moment hielt er die Luft an, zwang sich dann jedoch, langsam zu atmen. Wenn der Samurai zu lange auf ihn warten würde und Hōichi nach Luft schnappen müsse, wäre die ganze Tarnung umsonst gewesen …

Das Klappern wurde lauter. „Hōichi“, brüllte die feste Stimme des Samurai. „Hōichi, wo seid Ihr?“

Der Samurai schritt ungeduldig vor der Veranda entlang. Jetzt war er ganz in der Nähe von Hōichi.

„Hōichi! Ich sehe Eure Biwa. Wo seid Ihr denn?“, rief er.

Hōichi zuckte unter der lauten Stimme zusammen. Das schien die Aufmerksamkeit des Samurai zu erregen. Hatte Hōichi ein Geräusch gemacht? Funktionierte das Sutra vielleicht doch nicht?

Der Samurai beugte sich vor. Hätte er einen Atem gehabt, hätte Hōichi ihn jetzt im Gesicht gespürt.

„Ich verstehe“, sagte der Samurai jetzt nachdenklich. „Euer Körper … er ist verschwunden. Deswegen konntet Ihr mir nicht antworten … Es sind nur Eure Ohren geblieben.“

Hōichis Körper verkrampfte sich. Der Priester hatte seine Ohren vergessen! Auf ihnen befanden sich keine Schriftzeichen!

Der Samurai schien einen Moment lang nachzudenken. Dann murmelte er in einem leisen Selbstgespräch: „Ich werde die Ohren mitnehmen. So kann ich meinem Meister beweisen, dass ich alles in meiner Macht Stehende getan habe, seine Befehle auszuführen.“

Im nächsten Moment fühlte Hōichi kalte Finger aus Stahl an seinen Ohren. Er hatte kaum Zeit, sich darauf vorzubereiten, dachte im letzten Moment noch daran, nicht zu schreien, während der Samurai seine Ohren mit einem kräftigen Ruck abriss.

Warmes Blut, lief aus den Wunden. Es dauerte nicht lange, bis es kleine Pfützen auf der Veranda bildeten. Doch zum Glück hatte sich der Samurai bereits abgewandt, sodass er es nicht sehen konnte, und verschwand langsam in der Ferne.

Am nächsten Morgen – noch ehe die Sonne aufgegangen war –, trat der Priester auf die Veranda. Im Schein einer einzelnen Lampe sah er Hōichi auf den hölzernen Dielen liegen. Zuerst dachte er, der blinde Mann sei bloß eingeschlafen, doch als er zu ihm ging, trat er in eine warme Flüssigkeit … Blut!

„Hōichi! Hōichi!“, brüllte er sofort. Er schüttelte seinen alten Freund, fühlte seinen Puls. Ein Glück, er lebte noch. Aber seine Ohren fehlten! „Oh Hōichi, ich habe vergessen, Eure Ohren zu beschreiben. Es tut mir leid, mein Freund. Es tut mir so leid!“

Der Priester und seine Diener kümmerten sich um den blinden Mann. Sie reinigten seine Wunden und stoppten die Blutung.

Als Hōichi schließlich wieder auf den Beinen war, verbreitete sich seine Geschichte wie ein Lauffeuer im ganzen Land.

Die Leute kamen von nah und fern, um ihn Biwa spielen zu hören. Den Mann, dessen Spiel so gut war, dass er sogar Geister zum Weinen brachte. Den Mann, den man Mimi-nashi Hōichi nannte – Hōichi der Ohrlose.

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Die Legende:

Mimi-nashi Hōichi (japanisch für „Hōichi der Ohrlose“) ist eine bekannte Geschichte und Legende aus Japan. Sie handelt von einem blinden Biwa-Meister (die Biwa ist ein japanisches Saiteninstrument), der – ohne es zu wissen – vor einem Publikum von Geistern spielt.

Ablauf:

Der Legende nach lebte der blinde Biwa-Meister Hōichi vor vielen hunderten Jahren im Amidaji Tempel in Shimonoseki, Japan.

Eines Nachts, als er alleine auf der Veranda saß und seine Biwa spielte, hörte er einen Mann in schwerer Rüstung zu ihm treten. Er erkannte an seinem Auftreten und seiner Stimme schnell, dass es sich im einen Samurai handelte.

Der Samurai fordert Hōichi auf, mit ihm zu kommen, um für seinen Meister zu spielen. Hōichi leistet keine Widerrede, da man einem Samurai zu damaliger Zeit eher selten einen Wunsch ausschlug.

Im vermeintlichen Anwesen des Meisters angekommen, merkt Hōichi schnell, dass sie nicht alleine sind, er also nicht nur vor dem Meister, sondern noch vor anderen Leuten spielen müsse. Der Meister äußert seinen Wunsch, dass Hōichi das Lied der Seeschlacht von Dan-no-ura spielen soll.

Die Anwesenden sind wie gebannt von Hōichis Darbietung. Zu seiner Überraschung brachen sie allesamt in Tränen aus, als er den Höhepunkt des Liedes erreichte – den Teil der Schlacht, in dem der sechsjährige Kaiser Antoku sein Leben verlor, woraufhin viele der Soldaten aus Schande Selbstmord begangen haben.

Als er fertig ist, lobt der Meister Hōichis Spielkunst. Er habe bereits gehört, wie gut Hōichi sein solle, doch habe nie erwartet, dass er so gut sei. Schließlich fordert er, dass Hōichi die folgenden Nächte wiederkommen solle, bevor der Samurai Hōichi zurück zum Tempel begleitet.

Zurück beim Tempel verabschiedet sich der Samurai und befiehlt Hōichi, niemandem von den nächtlichen Treffen zu erzählen, da die Anwesenheit seines Meisters geheim bleiben müsse.

Doch bereits in der nächsten (in einigen Versionen auch erst in der übernächsten) Nacht, bemerkt der Priester – ein guter Freund von Hōichi – entsetzt, dass Hōichi nicht in seinem Bett liegt. Als Hōichi zurückkehrt, stellt der Priester ihn sofort zur Rede. Hōichi, der von den Treffen nicht erzählen darf, verweigert jedoch eine Antwort.

Aus Sorge trägt der Priester zwei Dienern auf, Hōichi in der folgenden Nacht im Auge zu behalten. Als der Samurai Hōichi wieder abholt, folgen die Diener Hōichi und müssen mit Entsetzen feststellen, dass Hōichi auf einen Friedhof geht. Als er beginnt, seine Biwa zu spielen, zeigen sich plötzlich mehrere Geister, die ihm gebannt zusehen. Den Ernst der Lage erkennend, greifen die Diener sofort ein und zerren den verwirrten Hōichi vom Friedhof. Zurück im Tempel erzählen sie Hōichi und dem Priester, was sie gesehen haben.

Der Priester erklärt daraufhin, dass die Geister wahrscheinlich die rachsüchtigen Geister der Opfer der Seeschlacht von Dan-no-ura seien. Früher oder später würden Hōichis Besuche auf dem Friedhof ihn sein Leben kosten.

Also fassen sie einen Plan: Am nächsten Tag verzieren der Priester und die Diener Hōichis gesamten Körper mit den Schriftzeichen eines heiligen buddhistischen Sutras, sodass sie Geister ihn nicht mehr sehen können. Sie bemerken jedoch nicht, dass sie Hōichis Ohren vergessen haben.

Und so sieht der Geist des Samurai nur Hōichis Ohren in der Luft schweben. Im Glauben, Hōichis restlicher Körper sei verschwunden, reißt er ihm die Ohren vom Kopf, um sie seinem Meister als Beweis, dass Hōichi fort sei, mitzubringen. Hōichi, der Höllenqualen leidet, während ihm die Ohren abgerissen werden, darf keinen Ton von sich geben, da der Geist den Betrug sonst bemerken würde.

Am nächsten Tag erkennt der Priester seinen Fehler, als er den blutenden, in einigen Versionen bewusstlosen Hōichi bemerkt. Er entschuldigt sich mehrfach und kümmert sich um seine Wunden.

Hōichis Geschichte hat sich daraufhin wie ein Lauffeuer verbreitet, woraufhin Hōichi als Mimi-nashi Hōichi, Hōichi der Ohrlose, bekannt wird. Von den Geistern hat Hōichi nie wieder etwas gehört.

Ort des Geschehens:

In der am weitesten verbreiteten Version der Legende war der Tempel, in dem Hōichi gelebt haben soll, der Amidaji Tempel in der japanischen Stadt Shimonoseki. Heutzutage wird der Ort Akama-Jingū-Schrein genannt.

Andere Versionen besagen hingegen, dass sich die Legende in einer anderen Stadt, wie z. B. Tokushima oder Nagano zugetragen haben soll.

Ursprung:

Es wird spekuliert, dass Mimi-nashi Hōichi auf dem Leben des Priesters Akashi Kakuichi basiert, der im 14. Jahrhundert in Japan gelebt hat. Er ist im Verlauf seines Lebens erblindet, woraufhin er gelernt hat, die Biwa zu spielen.

Er wurde schnell zu einem sehr einflussreichen Biwa-Meister. Seine Version von „Heike Monogatari“ (japanisch für „Erzählungen von den Heike“) wird als offizielle Version anerkannt. Aus „Heike Monogatari“ stammt auch das Lied der Seeschlacht von Dan-no-ura, das Hōichi für die Geister gespielt haben soll.


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5 Kommentare

  1. NN says:

    Beim Bild würde sich das Blut nicht so verteilen.es würde eigentlich in einer Linie runterfliesen und sich nicht so verteilen.wenn er sich bewegen würde würde es kleine kleckser überall geben oder beschleunigt werden aber immernoch einen Strom.und das Blut würde so schnell trocknen das es nicht so tief fließen würde.

      • Jeremie Michels says:

        Das ist sehr gut möglich, sähe doch aber langweilig aus … 😬
        Auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob es so schnell trocknen würde. Ich hatte schon weniger schlimme Verletzungen an der Hand, bei denen das Blut problemlos bis zum Ellenbogen hinuntergelaufen und zu Boden getropft ist. Wenn man dann auch noch bedenkt, dass die Ohren abgerissen und nicht abgeschnitten wurden, die Wunden also tiefer und unebener sind, würde es mich sogar wundern, wenn das Blut nicht mindestens bis zur Hüfte käme. 🤔

  2. Lilia says:

    Zu den Fragen: Ich mag sowohl Urban als auch alte Legenden gerne, da man immer in eine andere Welt eintaucht.
    Die Legende gefällt mir sehr, da es Mal kein „Ich bringe dich um“-Geist ist. Es ist immer wieder schön über Legenden zu hören, die man noch nicht kennt, da sie hier nicht weit verbreitet sind.

    • Jeremie Michels says:

      Da geht es mir ähnlich. Ich mag (fast) alle Arten von Legenden. ^^
      Aber es gibt tatsächlich sehr viele Legenden von nicht-„Ich bringe dich um“-Geistern. Zugegebener Maßen eignen sich die komplett harmlosen Geister meist nicht wirklich für meinen Blog, aber wenn sie sich so gut wie z. B. La Planchada einbauen lassen, schreibe ich auch wirklich gerne darüber. 😄

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