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Grýla Zeichnung von Jeremie Michels. Das Bild zeigt eine sehr hässliche alte Frau, die einen Sack über die Schulter geworfen hat. In den Sack scheint sich etwas zu Bewegen. Die Frau selbst trägt ein lumpiges grauses Kleid, hat filzige graue Haare und die Zehennägel an ihren nackten Füßen sind lang und gelblich. Außerdem hat sie viele Altersflecke, eine krumme Nase mit Warze und grinst den Betrachter mit gelblichen Zähnen und mehreren Zahnlücken an. Aus ihrem Kinn sprießen einige Härchen.
Grýla (2020)

Grýla

Grýla ist der zweite Teil meines isländischen Weihnachtsspecials. Die Geschichte ist die Fortsetzung meiner Geschichte über die Yule Lads. Wenn ihr euch also für meine Geschichten interessiert, würde ich euch empfehlen, den Beitrag zuerst zu lesen.

Die Geschichte:

Den ersten Teil dieser Geschichte findet ihr Hier.

„Du hast was!?“, fragte ich entsetzt.

„Ich wollte dem Vogel doch nicht wehtun!“, erwiderte Björn verzweifelt.

„Ja klar. Du hast die Steine nach den Vögeln geworfen, weil du ihnen nicht wehtun wolltest!“, sagte ich sarkastisch, während ich mir die Schläfen massierte.

Björn war völlig fertig mit der Welt. Er sah aus, als würde er jede Sekunde anfangen, loszuheulen.

„Hee“, sagte ich schnell. „Ich wollte nicht laut werden … Aber so etwas macht man nicht. Du darfst das nie wieder tun, verstanden?“

Björn nickte. Jetzt konnte er seine Tränen nicht mehr zurückhalten. Ich nahm ihn fest in meine Arme, während er bitterlich weinte.

Es waren keine acht Stunden vergangen, seit Türzuschläger uns terrorisiert hatte. Keine acht Stunden, seit ich erfahren hatte, dass es Trolle wie Grýla oder die Yule Lads wirklich gab. Keine acht Stunden, seit ich wusste, dass Björn in Lebensgefahr schwebte.

Ich hatte keine Zeit verstreichen lassen. Sofort am nächsten Morgen hatte ich mich mit Björn hingesetzt. Er sollte mir von allem erzählen, was er dieses Jahr getan hatte, dass die Yule Lads oder Grýla als „unartig“ bezeichnen könnten. Im Gegenzug hatte ich versprochen, nicht böse zu werden – ein Versprechen, von dem ich nicht gedacht hätte, dass es mir so viel Willenskraft abverlangen würde.

Neben den nicht ganz so schlimmen Sachen, wie vor dem Schlafen gehen keine Zähne zu putzen, nachts heimlich unter der Bettdecke Videospiele zu spielen oder vor dem Essen zu naschen, hatte er nämlich noch einige schlimmere Dinge angestellt: Er hatte heimlich mit einigen anderen Jungs aus seiner Klasse eine Zigarette probiert, Steine nach Vögeln geworfen und sich dazu überreden lassen Jónína – eine Mitschülerin – so sehr zu ärgern, dass es bereits an Mobbing grenzte.

Ich wusste selbst, wie schlimm Gruppenzwang sein konnte. Trotzdem war ich davon ausgegangen, dass ich ihn besser erzogen hätte.

Zum Glück sah er jetzt aber ein, dass er Fehler gemacht hatte. Insgeheim schien er es schon die ganze Zeit gewusst zu haben. Jedenfalls versprach er mir, sich zu bessern. Er bat mich sogar darum, ihm eine Tafel Schokolade zur Schule mitzugeben, die er Jónína als Entschuldigung geben konnte – eine Bitte, der ich ohne zu zögern nachkam. Jedenfalls schien er entschlossen, seine Weste reinzuwaschen.

Nachdem ich Björn frohen Mutes zur Schule gefahren hatte, sackte meine Stimmung jedoch langsam wieder ab. Ich konnte mich nicht vernünftig auf meine Arbeit konzentrieren und schaffte kaum etwas.

Außerdem war Elva – meine fünfjährige Nichte, die mein Bruder Stéfan vor etwas über einer Woche aus Arbeitsgründen bei mir abgesetzt hatte – inzwischen wach geworden, sodass ich mich zusammenreißen musste, um mir nichts anmerken zu lassen. Für sie war letzte Nacht, als der Yule Lad Türzuschläger mit den Türen geknallt hatte, zwar ein kleiner Schock gewesen, aber im Gegensatz zu Björn und mir, war ihr Weltbild nicht vollkommen zerstört worden, als sie herausgefunden hatte, dass die Yule Lads tatsächlich existierten – immerhin war sie in einem Alter, in dem man ohnehin noch an sie glaubte.

Und so quälte ich mich mit falschem Lächeln durch die Stunden, bis es endlich an der Zeit war, Björn von der Schule abzuholen.

„Und? Wie ist es gelaufen?“, fragte ich sofort, als er ins Auto gestiegen war. „Hast du dich bei Jónína entschuldigt?“

„Ja“, antwortete er ruhig. „Nina saß in der großen Pause alleine draußen. Also hab ich mich zu ihr gesetzt und ihr die Schokolade angeboten. Sie ist eigentlich ziemlich cool. Ich weiß gar nicht, warum die anderen sie immer ärgern.“

„Nina?“, fragte ich neugierig. Hatte er ihr schon einen Spitznamen gegeben?

„So nennen sie all ihre Freunde“, erklärte er.

Trotz der ernsten Lage strahlte ich jetzt übers ganze Gesicht, während ich Björn stolz durch die Haare wuschelte. Das waren endlich mal gute Nachrichten! Ich wusste doch, dass Björn nicht der Typ war, der andere gerne ärgerte.

Wenn Björn das Verhalten durchhielt, war ich zuversichtlich, dass er für Grýla zu Weihnachten uninteressant geworden war.

Außerdem hatte ich noch ein Ass im Ärmel: Jeder Yule Lad hatte eine eigene kleine Macke, einen Streich, den er jedes Jahr spielte. Die meisten Streiche drehten sich dabei um Essen. Es hieß, dass Grýla eine so miserable Köchin war, dass ihre Kinder froh waren, etwas anderes zwischen die Zähne zu bekommen. Und genau das würden wir ihnen geben. Wenn Björn sich bei ihnen beliebt machte, hatten wir mit Sicherheit nichts mehr zu befürchten.

Als ich Björn und Elva von meinem Plan erzählte, waren sie begeistert – Björn, weil er sich dann weniger Sorgen um Grýla machen musste und Elva, weil sie sich darüber freute, den Yule Lads zu helfen.

Keine fünf Minuten später saßen wir im Auto auf dem Weg zum Supermarkt. Wir kauften Skyr – eine isländische Quarkspeise, die ein wenig an Joghurt erinnert – für Skyrgierschlund, verschiedene Würstchen für Wurststibizer, einen Präsentkorb mit Essen für Fensterglotzer – ein Yule Lad, der heimlich durch Fenster späht, um etwas zum Stehlen zu suchen – und Fleisch für Fleischhaken.

Lediglich für Türspaltenschnüffler und Kerzenschnorrer kauften wir nichts. Ich würde sehen, dass ich mit den Kindern Laufabrauð – Türspaltenschnüfflers Leibspeise – backen und für Kerzenschnorrer einige essbare Talgkerzen im Internet bestellen würde.

Den restlichen Tag bemühte sich Björn, alles zu tun, was ein artiges Kind tun würde: Er räumte sein Zimmer auf, stellte nach dem Essen unsere Teller weg und putzte sogar ohne Aufforderung Zähne.

Als es schließlich spät wurde, rief ich die Kinder in die Küche. Wir holten die Becher Skyr aus dem Kühlschrank, die wir für Skyrgierschlund – den heutigen Yule Lad – gekauft hatten, entfernten die Deckel und stellten sie auf die Theke. Danach war es Zeit für die Kinder, ins Bett zu gehen – wieder tat Björn das ohne Aufforderung. Ich war froh, dass er die Sache so ernst nahm.

Ich wünschte, ich hätte mich ebenfalls ins Bett legen können. Doch in Island war es Tradition, in der Vorweihnachtszeit seinen Kindern eine Kleinigkeit in die Schuhe zu legen, die sie in ihrem Zimmer auf die Fensterbank gestellt hatten. Ähnlich wie beim Nikolaus tat man anschließend so, als wären es die Yule Lads gewesen.

Leider schienen die Yule Lads jedoch nicht tatsächlich Geschenke zu verteilen. Stattdessen hatten sie bisher nur Björns Schuh leergeräumt, um eine Kartoffel hineinzulegen – ein Zeichen dafür, dass das Kind unartig war.

Doch in dieser Nacht hatte ich seit Tagen erstmals wieder die Hoffnung, dass die Süßigkeiten, die ich in seine Schuhe legte, morgen noch immer da waren. Und so fiel ich diesen Abend in halbwegs ruhige Träume.

„Tante Freyja! Tante Freyja!“, riss mich Elva am nächsten Morgen mit panischer Stimme aus dem Schlaf. „Irgendetwas stimmt mit Björn nicht!“

Schlagartig war ich wach. Ohne eine weitere Sekunde verstreichen zu lassen, sprang ich aus dem Bett und sprintete in sein Zimmer. Hatten die Yule Lads oder Grýla ihm etwas angetan!?

Als ich das Zimmer erreichte, sah ich sofort, was los war: Björn saß mit angezogenen Beinen auf dem Bett, sein Gesicht hinter seinen Knien verborgen. Vor ihm lag eine Kartoffel.

Ich setzte mich zu ihm und streichelte ihm vorsichtig den Rücken. „Das heißt doch nichts“, versuchte ich, ihn zu beruhigen. „Vielleicht wollen die Yule Lads erst einmal gucken, ob das gestern bloß eine Ausnahme war oder ob du dich wirklich gebessert hast. Außerdem haben wir bis Weihnachten doch noch fünf Tage Zeit …“

„Was ist denn los?“, fragte Elva ein wenig verzweifelt.

Ich sah sie an. Erst überlegte ich, mir eine Notlüge auszudenken, aber als ich ihre großen Augen sah, brachte ich es nicht übers Herz. „Dein Cousin hat Angst, dass Grýla ihn holen kommt, weil er dieses Jahr etwas unartig war. Aber das würde ich niemals zulassen! Wir werden Grýla beweisen, dass Björn artig sein kann!“

Ich dachte nicht, dass Elva verstehen würde, was hier wirklich auf dem Spiel stand, dass sie zu jung, zu kindisch wäre. Doch meine Worte schienen irgendeinen Schalter bei ihr umgelegt zu haben. Von dem Moment an, als ich ihr das erzählte, bemühte sie sich, ihrem Cousin dabei tatkräftig zu helfen. Und das wiederum spornte Björn an.

Nach der Schule berichtete er mir, dass er und Nina jetzt nebeneinandersaßen. Er hätte nie gedacht, dass ein Mädchen so nett und gleichzeitig so cool sein konnte. Sie war scheinbar das erste Mädchen, das er getroffen hatte, das Videospiele mochte – und sie schien sich zu freuen, endlich jemanden zu haben, der die Pausen mit ihr verbrachte. Die Mädchen waren ihr zu mädchenhaft, während die Jungs sie nie ernst genommen hatten … Kein Wunder, dass sie als Einzelgängerin ein leichtes Opfer für Mobbing war. Aber das würde sich dank Björn jetzt hoffentlich ändern.

Aber auch zu Hause legte mein Sohn sich ordentlich ins Zeug – er half beim Abwasch, saugte mit mir zusammen die Zimmer und spielte möglichst viel mit Elva, damit ihr nicht langweilig wurde. Wir fanden sogar zusammen den saubergeleckten Teller wieder, den ich auf den Boden gestellt hatte, um zu beweisen, dass die Yule Lads nicht real waren. Essnapflecker – der Yule Lad, der den Teller an sich gerissen und saubergeleckt hatte – hatte ihn unter dem Sofa versteckt.

Doch trotz all der Bemühungen, und obwohl wir Wurststibizer eine Auswahl an Würstchen als Geschenk machten, die er über Nacht alle an sich nahm, erwachte Björn am nächsten Tag wieder zu einer Kartoffel in seinem Schuh.

Während ich jedoch bestürzt darüber war, schien Björn es als Anreiz zu sehen, sich noch mehr Mühe zu geben. Er unterstütze mich noch mehr im Haushalt, übernahm sogar Aufgaben, die ich ihm niemals zugemutet hätte – das Schneeschippen auf der Auffahrt z. B. –, war jeden Tag der Erste, der die Geschenke für die Yule Lads ansprach, und gab sich besonders viel Mühe bei der Musterung, als das Laufabrauð für Türspaltenschnüffler dran war. Er half sogar Elva dabei, ihr eigenes Muster in ein Laufabrauð zu ritzen, da ich ihr in ihrem Alter noch nicht erlaubte, alleine mit einem Messer zu hantieren.

Aber auch von Nina erzählte er ab und an. Die beiden schienen tatsächlich gute Freunde zu werden.

Doch was auch immer er tat, es genügte den Yule Lads nicht. Und so fanden wir auch am 23. noch eine Kartoffel in seinem Schuh – dem letzten Tag, an dem Björn beweisen konnte, dass er es nicht verdient hatte, von Grýla entführt und bei lebendigem Leibe gekocht zu werden …

Beim gemeinsamen Frühstück herrschte bedrücktes Schweigen. Sogar Elva, die sonst immer so fröhlich war, dass es fast schon nervte, schaute betreten drein.

„Wir gehen heute in die Stadt“, brach ich das Schweigen. „Wenn es den Yule Lads nicht ausreicht, dass Björn sich zu Hause und in der Schule benimmt, zeigen wir ihnen eben, dass uns auch fremde Menschen wichtig sind!“

Elva war begeistert. Björns Stimmung konnte ich damit hingegen nur wenig heben – aber wer konnte es ihm verdenken? Wenn der Plan nicht aufging, könnte sein kurzes Leben morgen schon zu Ende sein …

Ich schob die negativen Gedanken beiseite. Es würde schon alles gut gehen. Es musste alles gut gehen!

In der Stadt angekommen, machten wir uns direkt an die Arbeit. Immerhin wollten wir die vier Stunden Tageslicht, die wir heute hatten, komplett ausnutzen. Wir sammelten sämtlichen Müll auf, den wir finden konnten – bei der Schneedecke kein ganz so einfaches Unterfangen – und verschenkten alte Kleidung und Decken an Bedürftige. Bei einem Obdachlosen bat mich Björn sogar, sein Taschengeld für den Januar vorzeitig zu bekommen, damit er dem Mann eine warme Mahlzeit kaufen konnte.

Als die Sonne langsam unterging, machten wir uns auf den Heimweg. Ich muss gestehen, dass ich ziemlich erschöpft, aber auch ziemlich stolz war. Den Tag hatten wir jedenfalls effektiv genutzt.

Zu Hause angekommen, sagte ich Björn und Elva, dass sie im Wohnzimmer auf mich warten sollten. Ich verschwand unterdessen im Schlafzimmer und holte zwei neue Schlafanzüge – einen roten für Elva und einen dunkelblauen für Björn. Eigentlich hatte ich sie als Yule Lad Geschenk für morgen eingeplant, aber wer wusste, ob Björns Schlafanzug dann nicht doch über Nacht wieder gegen eine Kartoffel ausgetauscht wurde …?

„Hier!“, sagte ich. „Für euch. Weil ihr mir in letzter Zeit so viel im Haushalt geholfen habt!“

Es mag vielleicht seltsam klingen, doch die beiden freuten sich riesig über das Geschenk, obwohl es nur Kleidung war. Denn hier in Island war es Tradition, zur Vorweihnachtszeit oder spätestens zu Heiligabend Kleidung zu verschenken, sodass jede Person mindestens ein neues Kleidungsstück zum Anziehen hatte.

Ich war froh, dass wir uns für einen Moment ablenken konnten, einen Moment der Normalität erlebten. Doch nachdem ich die Kinder ins Bett gebracht hatte – für Kerzenschnorrer konnten wir leider nur gewöhnliche Teelichter hinstellen, da die Talgkerzen, die ich im Internet bestellt hatte, nicht rechtzeitig angekommen waren –, kamen meine Sorgen zurück.

Mein einziger Lichtblick war, dass mein Bruder Stéfan, Elvas Vater, ab morgen hier wäre. Dann wäre ich – sollte Grýla tatsächlich auftauchen – wenigstens nicht die einzige Erwachsene im Haus.

Am nächsten Morgen sackte meine Stimmung jedoch vollends ab. Ich hatte so sehr gehofft, dass Björn heute keine Kartoffel mehr geschenkt bekam. Doch als ich sein Zimmer betrat, sahen er und Elva bedrückt drein. Elva hatte nicht einmal ihre Süßigkeiten angerührt, sondern sie neben Björns neuer Kartoffel in ihrem Schuh liegen lassen.

„Ich will nicht, dass Grýla Björn mitnimmt!“, jammerte sie, während sie auf mich zu rannte und sich an mein Beim kuschelte.

Ich wünschte, ich könnte sagen, dass ich sie getröstet hätte, ihr gesagt hätte, dass alles gut werden würde. Doch das konnte ich nicht. Stattdessen stand ich reglos da, während eine Flut aus Hilflosigkeit und Panik meine Gedanken davon spülte.

Erst das Klingeln meines Handys riss mich aus meiner Starre.

„Stéfan“, begrüßte ich meinen Bruder, nachdem ich auf Laut gestellt hatte. „Bitte sag mir, dass du bald hier bist!“

Doch ehe er etwas erwidern konnte, rief Elva dazwischen. „Papa! Björn hat eine Kartoffel geschenkt bekommen!“

„Oh, tatsächlich?“, erwiderte Stéfan gelassen. „Na, dann wird das schon seine Gründe haben. Die Yule Lads verschenken nicht umsonst Kartoffeln!“

Ich wünschte, ich könnte genauso entspannt bleiben, wie er. Aber wen wunderte es? Für ihn waren die Yule Lads nichts weiter, als ein Märchen. Er dachte, dass ich die Kartoffel in den Schuh gelegt hätte …

„Ich habe leider auch ein paar doofe Nachrichten …“, gestand er. „Ich schaffe es heute leider erst am späten Abend, hier wegzukommen … die Arbeit! Es kann sein, dass ich erst nach Mitternacht da bin.“

Mein Herz rutschte mir in die Hose, als er das sagte. Nicht, dass ich einen Mann im Haus bräuchte, um mich zu verteidigen, aber zu zweit hätten wir besser auf Björn aufpassen können …

Stéfan redete noch irgendetwas davon, dass die Kinder sich keine Sorgen um die Geschenke machen sollten. Er habe mit dem Weihnachtsmann geredet, dass wir Weihnachten dieses Jahr einen Tag später feierten. Doch ich hörte ihm nur noch halbherzig zu.

„Also dann, wir sehen uns spätestens morgen. Und feiert bloß nicht ohne mich!“, sagte er.

Dann war das Gespräch nach einem kurzen „Tschüss“ beendet.

Den gesamten restlichen Tag war ich völlig nutzlos. Ich wusste nicht mehr weiter, hatte keine Strategie mehr, wie wir Björn in ein besseres Licht rücken konnten.

Er war in den vergangen Tagen zu einem Vorzeigesohn geworden, doch trotzdem hatte es den Yule Lads nicht gereicht. Alle Aufgaben, die ich ihm heute noch geben konnte, waren reine Beschäftigungstherapie. Sein Zimmer war aufgeräumt, das Haus gesaugt und gewischt und das Weihnachtsessen musste erst morgen vorbereitet werden.

Und so verbrachte ich den Tag damit, die Kinder irgendwie abzulenken, während ich mir Gedanken darüber machte, wie wir die Nacht überstehen sollten.

Als es schließlich so weit war, dass die Kinder ins Bett mussten, bat ich sie darum, diese Nacht in meinem Bett zu schlafen – eine Bitte, der die beiden dankbar nachkamen. Anschließend stellte ich einen Golfschläger, der meinem Exmann gehörte, ans Bett und zwang mich dazu, die Nacht wach zu bleiben. Mehr konnte ich nicht tun, falls Grýla tatsächlich auftauchen würde.

Doch selbst dieser Plan sollte nicht aufgehen. Die Aufregung und Anstrengungen der letzten Tage machten sich langsam bemerkbar, sodass ich trotzdem einschlief.

Ich fiel in unruhige Träume, in denen Björn tatsächlich von Grýla entführt wurde. Sie warf ihn in einen riesigen Topf mit gläsernem Deckel, so groß, dass ich auf dem Deckel stehen konnte. Unter mir, hinter einer undurchdringlichen Glasschicht schwamm Björn in kochendem Wasser. Er trat um sich, schrie und schlug gegen das Glas.

„Mama! Mamaaaa!“, schrie er panisch.

Dann ging er unter, bis ich ihn nicht mehr sehen konnte. Nur seine Schreie waren noch zu hören …

Schweißgebadet wachte ich auf. Es dauerte einen Moment, bis ich realisierte, dass ich in meinem Bett lag. Doch etwas stimmte nicht … Björns Schreie waren nicht zusammen mit dem restlichen Traum verschwunden!

„Björn!“, kreische ich panisch, als ich sah, was los war.

Er klammerte sich an einen Bettpfosten, während eine große, alte und unglaublich hässliche Frau an seinen Beinen zerrte. Es war dieselbe Frau, die mich vorletzte Woche auf meiner Auffahrt gefragt hatte, ob sie Björn mitnehmen dürfe … Grýla!

Ich sprang aus dem Bett, packte den Golfschläger und ging damit auf Grýla los. Sie bückte sich, um Björn in einen großen Sack zu stopfen. Dabei senkte sie ihren Kopf, sodass ihr Hinterkopf und Nacken eine große Angriffsfläche boten – eine Gelegenheit, die ich nicht verstreichen ließ.

Schnell hob ich den Schläger über meinen Kopf und ließ ihn mit voller Wucht in ihren Nacken krachen. Der Aufprall war so hart, dass mir den Schläger aus der Hand flog, doch Grýla zuckte nicht einmal … Trolle waren wohl wirklich aus Stein!

Danach ging alles ganz schnell: Grýla wandte sich mir zu und stieß mich grob von sich weg. Ich wurde durch den halben Raum geschleudert, bis ich krachend in meinem Kleiderschrank landete. Holz splitterte bei dem Aufprall.

Während ich noch versuchte, mich von den zerbrochenen Schranktüren zu befreien, bemerkte ich Elva, die jetzt auf dem Bett stand.

„Papa ist total doof und Tante Freyja ist eine blöde Kuh!“, schrie sie aus voller Lunge.

Was zur Hölle tat sie da!? Dasselbe schien sich auch Grýla zu fragen, die Elva jetzt mit einem merkwürdigen Blick musterte. Doch Elva legte noch einen drauf:

„Guck mal! Ich spring auf dem Bett! Papa hat mir verboten, auf dem Bett zu hüpfen!“, schrie sie Grýla entgegen, während sie wie wahnsinnig anfing zu hüpfen.

„Elva, lass das!“, kreischte ich.

Wenn sie so weitermacht, würde Grýla sie auch … Doch es war zu spät. Noch ehe ich den Gedanken zu Ende gedacht hatte, war Grýla auf meine Nichte zugegangen, hatte sie gepackt und zu Björn in den Sack geworfen. Dann schwang sie sich den Sack über die Schulter und verschwand im Flur.

„Nein! NEIN!“, brüllte ich ihr nach.

Endlich schaffte ich es, mich aus dem kaputten Schrank zu wühlen. Rote Flecken bildeten sich auf meinem zerrissenen Nachthemd, wo Schranksplitter meine Haut zerstochen hatten, doch ich beachtete die Schmerzen gar nicht. Für mich zählte jetzt nur eine Sache: Ich musste Grýla einholen! Ich musste die Kinder retten!

Hinweis: Die Fortsetzung dieser Geschichte veröffentliche ich voraussichtlich nächste Woche. Wenn ihr sie nicht verpassen wollt, abonniert meinen Newsletter oder folgt mir auf meinen Social Media Kanälen.

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Die Legende:

Grýla ist eine isländische Trollfrau und die Mutter der Yule Lads. Im Gegensatz zu ihren Söhnen ist sie jedoch bösartig und grausam, weswegen sie hauptsächlich als Kinderschreck genutzt wird.

Außerdem ist sie mit dem Troll Leppalúði verheiratet, der jedoch ein ruhiges und zurückgezogenes Leben führt.

Aussehen:

Grýlas Aussehen wurde im Laufe der Jahrhunderte sehr unterschiedlich beschrieben.

So war sie früher sehr grotesk und unmenschlich. Sie soll je nach Erzählung 3 bzw. 300 Köpfe mit je drei Augen, Augen im Hinterkopf, 15 bzw. 40 Schwänze, Ziegenhörner, Hufe, einen Bart oder Ohren, die bis zu den Schultern hängen, besessen haben. Es hieß sogar teilweise, dass ihre Ohren mit ihrer Nase verbunden seien.

Im Laufe der Jahrhunderte wurde Grýlas Aussehen jedoch deutlich menschlicher – wenn auch ihr weiterhin eine enorme Hässlichkeit nachgesagt wird. So soll sie heutzutage wie eine sehr große und alte Frau aussehen. Ihre Haare sollen grau und verfilzt, ihre Zähne schlecht und ihr Gesicht mit Warzen übersäht sein. Sie wird häufig mit einer knolligen oder krummen Nase, einem Buckel und vielen Falten dargestellt.

Selten ist auch heute noch von Hörnern oder Hufen die Rede.

Eigenschaften:

Grýla hat viele Eigenschaften. Neben ihrer Hässlichkeit ist wohl ihr bekanntestes Merkmal, dass sie zu Weihnachten in Häuser einbrechen soll, um unartige Kinder zu entführen.

Es heißt, dass sie die Kinder in einen Sack steckt, um sie bei sich zu Hause zu einer Suppe zu verarbeiten. Andere Varianten besagen z. B., dass sie die Kinder an Ort und Stelle töten oder bei lebendigem Leibe fressen soll.

Früher gab es außerdem Berichte, laut denen sie die Kinder nicht direkt gestohlen, sondern die Eltern erst um Erlaubnis gebeten habe. In den meisten Fällen sollen die Eltern Grýla daraufhin jedoch vertrieben haben.

Wenn Grýla gerade keine Kinder jagt, soll sie hingegen mit ihrem Mann Leppalúði und ihren Kindern in ihrer Höhle hausen. Bei ihrer Familie hat eindeutig sie das Sagen.

Sie ist streng, unfreundlich und jähzornig. Daher verwundert es nicht, dass sie vor Leppalúði bereits zwei andere Männer hatte. Aber auch mit Leppalúði soll sie häufig streiten. Er ist jedoch so faul, dass er sich nicht von ihr aus der Ruhe bringen lässt, was wohl der einzige Grund ist, warum die beiden noch immer zusammen sind.

Des Weiteren wird Grýla nachgesagt, dass sie eine miserable Köchin sei, was wohl einer der Gründe ist, wieso die meisten der Yule Lads darauf fixiert sind, den Menschen Essen zu stehlen.

Lebensraum/Vorkommen:

Während es früher noch hieß, dass Grýla in einer einsamen Hütte wohne, heißt es heutzutage, dass sie mit Leppalúði, den Yule Lads und der Yule Katze in einer Höhle leben soll. Lediglich zur Weihnachtszeit kommt sie heraus, um sich auf die Suche nach unartigen Kindern zu machen.

Ursprung:

Erstmals wurde Grýla in schriftlicher Form in der Snorra-Edda erwähnt – einem alten nordischen Buch. In mündlicher Form soll die Legende jedoch bereits deutlich länger existiert haben.

Sie soll seit jeher eine Schreckgestalt und ein Kinderschreck gewesen sein.

Der weihnachtliche Bezug entstand hingegen erst im 17. Jahrhundert, als sie als Mutter der Yule Lads bezeichnet wurde. Der Einfluss ging so weit, dass Grýla schließlich nur noch zu Weihnachten zuschlagen sollte. Das machte sie jedoch nicht weniger grausam.

Im 18. Jahrhundert hatten Kinder sogar so viel Angst vor ihr, dass ein Gesetz erlassen wurde, das verbot, Grýla als Kinderschreck zu nutzen. Dieses Vorhaben war jedoch von wenig Erfolg gekrönt, da die Legende bis heute überdauert hat und sich auch heute noch isländische Kinder vor Grýla fürchten.


Ich hoffe, euch gefällt diese dreiteilige Geschichte. Was haltet ihr von Grýla? Hättet ihr als Kinder Angst vor ihr gehabt? Schreibt es in die Kommentare!

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6 Kommentare

    • Jeremie Michels schreibt:

      Das klingt gut! 😀

      Und dass das Warten nervt, kann ich auch verstehen. Aber ich kann ja schlecht den ganzen Monat gar nichts veröffentlichen, um dann 3 Beiträge auf einmal zu posten … ^^‘

  1. Lilia schreibt:

    Als Kind hätte ich sicherlich große Angst davor gehabt… Ich meine, ich habe mit 8 Monster vs Aliens geschaut(was ab 6 ist) und vor dem Roboter Angst gehabt. Fast 2 Jahre danach hatte ich noch Alpträume…
    Es war sehr viel, aber es ist auch sehr gut 🙂 Mir gefällt es Mal wieder Total:)

    • Jeremie Michels schreibt:

      Das kann ich mir gut vorstellen. Als Kind war ich jedenfalls auch sehr ängstlich. Das hat sich bei mir erst im Teenageralter gelegt. ^^

      Und es freut mich natürlich, dass dir die Geschichte wieder gefällt. Wie findest du den die Aufteilung in 3 Beiträge? Fändest du 3 einzelne Geschichten besser oder stört dich die Länge nicht? 🤔
      (Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich das mit der Länge nicht absichtlich mache. Ich versuche jedenfalls immer, mal wieder etwas kürzere Geschichte zu schreiben, aber es klappt irgendwie nicht. Früher habe ich meist 4 bis 8 Normseiten lange Geschichten geschrieben. In letzter Zeit werden es auch gerne mal 8 bis 14 – letzte Woche waren es sogar 19 … *hust*)

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