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Die Yule Lads

Die Yule Lads sind der erste Teil meines diesjährigen Weihnachtsspecials. Dieses Mal habe ich mir jedoch etwas Besonderes für euch ausgedacht: Die Weihnachtslegenden gehören alle zusammen, sodass ich, statt drei einzelne Geschichten zu schreiben, eine längere Geschichte in drei Teile bzw. Beiträge aufteile.

Da das Bild für diesen Beitrag sehr viel aufwändiger ist und mir momentan die Zeit dafür fehlt, werde ich es später nachreichen.

Die Geschichte:

Mit zwei Mandarinen in der einen und der Türklinke in der anderen Hand stand ich im dunklen Flur vor dem Kinderzimmer. Ich hatte mein Ohr an das Holz gedrückt, während ich angestrengt lauschte. Von drinnen war kein Mucks zu hören.

Vorsichtig drückte ich die Klinke hinunter, bevor ich die Tür leise öffnete. Jetzt begann der schwierige Part: Ich musste die Fensterbank erreichen, ohne die Kinder zu wecken …

Ihr werdet euch jetzt sicherlich fragen, was ich hier tue. Eine erwachsene Frau, die nachts quer durch ein Kinderzimmer schleicht, um das Fenster zu erreichen … Doch hier in Island kennen fast alle Eltern zur Weihnachtszeit diese Situation – es war die Zeit der Yule Lads.

Jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit – ab dem 12. Dezember, um genau zu sein – besuchten die Yule Lads nachts heimlich die Häuser und Wohnungen in Island. Täglich kam einer der 13 Trollbrüder vorbei, um den Kindern eine Kleinigkeit in die Schuhe zu legen, die sie auf ihre Fensterbänke gestellt hatten.

Natürlich brachen keine echten Trolle in die Häuser ein, um Kinder zu beschenken. Stattdessen übernahmen wir Eltern den Part für sie, ähnlich wie beim Nikolaus.

Nachdem ich im Schein des Nachtlichts vorsichtig um einige Spielzeugautos, eine Barbie und einen Wäschehaufen geschlichen war, hatte ich endlich die Fensterbank erreicht, auf der die Schuhe standen.

Peinlich darauf bedacht, keine der beiden Mandarinen fallenzulassen, legte ich sie nacheinander vorsichtig in die Schuhe.

Gerade, als ich mich wieder umdrehen wollte, ertönte von draußen plötzlich Lärm. Es waren die Schafe des Nachbarn, die irgendetwas aufgeschreckt haben musste.

So schnell und leise ich konnte, hastete ich zurück zur Tür. Mit einem letzten flüchtigen Blick versicherte ich mich, dass die Kinder nicht wach geworden waren. Dann schloss ich die Tür hinter mir.

Erst jetzt bemerkte ich, wie sehr mein Herz raste. Es kam mir eher so vor, als wäre ich fast bei einem Einbruch erwischt worden und nicht von meinem Sohn Björn und meiner Nichte Elva dabei, wie ich ihnen heimlich Süßigkeiten geschenkt hatte.

Schade, dass mein Bruder Stéfan – Elvas Vater – erst zu Weihnachten hier sein konnte. Sonst hätten wir uns mit den Nächten abwechseln können, so wie mein Exmann und ich es die letzten Jahre getan hatten. Andererseits genoss ich den Nervenkitzel auch irgendwie.

Zurück in meinem Zimmer hörte ich, wie die Schafe draußen noch immer aufgeregt blökten. Ich starrte aus dem Fenster, konnte in der Dunkelheit jedoch nichts Ungewöhnliches erkennen.

Bestimmt nur irgendein Tier‘, dachte ich, während ich mich bettfertig machte.

Ich dachte nicht einmal darüber nach, dass Schafschreck – der erste der dreizehn Yule Lads – seinen Namen nicht umsonst bekommen hatte. Wie die meisten seiner Brüder soll er nach einem Streich benannt worden sein, den er den Menschen jedes Jahr spielte. Doch diese Geschichten waren schon alt. Inzwischen waren die Yule Lads zu einer Art freundlicher Weihnachtsmänner geworden. Außerdem waren sie ja nicht einmal real …

Am nächsten Morgen öffnete ich die Tür zum Kinderzimmer, um Björn für die Schule zu wecken, als mir auch schon ein aufgeregtes Bündel namens Elva entgegen sprang.

„Tante Freyja, Tante Freyja!“, schrie sie aufgeregt, während sie auf einem Stück Mandarine kaute. „Björn hat letzte Nacht eine Kartoffel von den Yule Lads bekommen!“

„Ist das so?“, fragte ich mit hochgezogener Augenbraue, während ich mich Björn zuwandte.

Er wirkte enttäuscht, als er demonstrativ die Kartoffel hochhielt. Wo war seine Mandarine?

Wenn ein Kind unartig war – so heißt es –, schenken die Yule Lads ihm statt Süßigkeiten, Spielzeug oder anderen Sachen, über die es sich freuen würde, eine Kartoffel.

„Dann ist Björn wohl unartig gewesen“, ergänzte ich, während ich ihm mit meinem Blick versuchte zu fragen, was das solle.

Ja, Björn war dieses Jahr schon ziemlich aufmüpfig gewesen. Er hatte sich den einen oder anderen Scherz erlaubt und konnte dabei richtig fies werden, aber er kam eben in die Pubertät. Außerdem spielte meine Trennung von seinem Vater dabei sicherlich eine Rolle.

Trotzdem fragte ich mich, warum er eine Kartoffel in seinen eigenen Schuh legen sollte. Zumindest war die einzig logische Erklärung, dass er sie selbst hineingelegt hatte – Elva traute ich es jedenfalls nicht zu.

Den ganzen Morgen brannte ich darauf, ihn danach zu fragen, doch leider wich Elva – die noch an die Yule Lads glaubte – uns nicht von der Seite. War ihm bloß langweilig gewesen? Oder gehörte das zu einem ausgefuchsten Plan?

Schließlich saßen wir zu dritt am Frühstückstisch.

„Habt ihr letzte Nacht auch die Schafe gehört?“, fragte Björn mit einem Mund voller Nutellabrot.

Ich nahm einen großen Schluck Kaffee, bevor ich antwortete. „Ja, sie waren ziemlich aufgeregt. Irgendetwas muss sie wohl erschreckt haben. Aber Schafe können sehr schreckhaft sein. Macht euch darüber keine Sorgen.“

„Und wenn es Schafschreck war?“, fragte Björn, als würde er noch an die Yule Lads glauben.

War das sein Plan? Wollte er Elva einen Schrecken einjagen? Oder wollte er sie bloß unterhalten?

„Schafschreck?“, fragte ich. „Aber die Yule Lads spielen den Menschen doch keine Streiche mehr. Das war früher mal …“

„Wohl!“, schrie Elva mich jetzt an. „Papa hat gesagt, dass sie das heute immer noch machen!“

Ich seufzte. Das sah meinem Bruder ähnlich. Stéfan war immer für einen Scherz zu haben. Er musste nur aufpassen, dass er dabei nicht zu weit ging – genau wie Björn, wenn er so weiter machte.

Als ich mit Björn im Auto saß, um ihn zur Schule zu fahren, waren wir endlich allein. Er starrte gedankenverloren aus dem Fenster.

„Also …“, begann ich. „Was sollte das mit der Kartoffel?“

Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Björn mich einige Zeit musterte. „Was meinst du? Du hast die Kartoffel doch in den Schuh gelegt. Du glaubst doch nicht wirklich, dass ich noch an die Yule Lads glaube, oder?!“

Ich?“, erwiderte ich verwirrt. „Hab ich dir jemals eine Kartoffel in die Schuhe gesteckt?“

Björn verschränkte die Arme und starrte beleidigt aus dem Fenster. „Wie du meinst. Dann war es eben doch ein Yule Lad!“

Ich überlegte, etwas zu erwidern. Andererseits wollte ich keinen Streit anfangen. Vielleicht sollte ich mich einfach darauf einlassen, ein kleines Spiel draus machen. Das würde ihm sicherlich helfen, sich etwas von der ungewohnten Situation ohne seinen Vater abzulenken.

Die letzten paar Minuten, die wir im Auto saßen, schwiegen wir. Nachdem ich Björn an der Schule abgesetzt hatte, fuhr ich zurück nach Hause, um zu arbeiten. Elva beschäftigte sich währenddessen alleine in Björns Zimmer.

Den restlichen Tag geschah nichts Außergewöhnliches. Ich verbrachte den Vormittag damit, E-Mails zu schreiben und Anrufe zu tätigen. Nur einmal nahm ich mir eine kurze Auszeit, weil Elva etwas von mir wollte.

Als ich Björn schließlich von der Schule abholte, schien er den Morgen völlig vergessen zu haben. Er berichtete mir aufgeregt von seinem Schultag und wie er in der Mathearbeit von letzter Woche eine 8,5 – in deutschen Noten grob eine 2 – bekommen hatte.

„Na dann werden dir die Yule Lads morgen ganz bestimmt keine Kartoffel schenken“, sagte ich, während ich ihm zuzwinkerte.

Er funkelte mich jedoch nur wütend an, ohne weiter darauf einzugehen.

Mehr hatten wir an dem Tag nicht über die Yule Lads geredet. Selbst am Abend, als ich mir Zeit für die Kinder nahm – wir spielten Brettspiele – kam das Thema nicht zur Sprache.

Ich dachte bereits, dass Björn aufgegeben hätte. Als ich die beiden ins Bett brachte, rechnete ich fest damit, dass das mit der Kartoffel ein einmaliger Scherz gewesen sei. Doch obwohl ich nachts wieder in das Kinderzimmer schlich, um etwas in die Schuhe zu legen – diesmal waren es einige Süßigkeiten – hielt mir Björn am nächsten Morgen wieder eine Kartoffel entgegen.

Den ganzen Morgen über wirkte er beleidigt. Er legte ein tragisches Schauspiel hin, als wäre er das Opfer. Sogar, als wir wieder im Auto saßen, hatte er nichts Besseres zu tun, als mich zu beschuldigen.

Aber was sollte ich tun? Als Mutter hatte ich gelernt, mit so etwas umzugehen. Trotzdem machte ich mir auf der Rückfahrt allerlei Gedanken.

Er war sicherlich enttäuscht, dass wir Weihnachten dieses Jahr ohne seinen Vater feiern würden. Das war seine „Rache“. Doch was konnte ich dafür? Ich hatte mir keine neue Freundin gesucht, um meine Frau mit ihr zu betrügen …

Ich seufzte. ‚Er ist eben noch ein Kind‘, dachte ich und schluckte meinen Ärger herunter. Zu Hause würde ich mich in die Arbeit stürzen, um mir keine weiteren Gedanken darüber machen zu müssen!

Doch ganz so einfach wollte das Universum es mir nicht machen. Als ich auf unserem Grundstück ankam, lungerte eine alte Frau auf unserer Einfahrt herum. Sie sah aus wie eine Landstreicherin – ungepflegt und mit dreckiger Kleidung.

Nachdem ich aus dem Auto gestiegen war, konnte ich sie besser erkennen. Sofort schoss mir ein neuer Gedanke in den Kopf, für den ich mich etwas schämte: ‚O Gott, ist die hässlich. Arme Frau …

Sie schien mich bereits erwartet zu haben. Doch anstatt mich um Kleidung oder eine kleine Spende zu bitten, stellte sie eine sehr seltsame Frage: „Sind Sie die Mutter von Björn?“

Perplex starrte ich sie an. Woher kannte sie meinen Sohn? „Hat er etwas angestellt?“, erwiderte ich.

Die Frau schnaubte. „Eine ganze Menge. Er war ziemlich unartig. Und genau deswegen bin ich hier. Sie wissen doch, wer ich bin?“

Ich wusste jedenfalls, nach wem sie aussah … Hier in Island gab es eine uralte Legende über eine Trollfrau – Grýla, die Mutter der Yule Lads. Eine unansehnliche alte Frau …

Im Gegensatz zu ihren Söhnen spielte sie jedoch nicht bloß harmlose Streiche. Sie kam zur Weihnachtszeit in die Städte und Dörfer, um unartige Kinder zu stehlen, die sie später fressen würde.

Ich konnte mich noch genau erinnern, wie viel Angst ich als Kind vor ihr hatte.

Aber obwohl ich mir fast sicher war, dass sie ein Grýla-Kostüm trug, traute ich mich nicht, es auszusprechen. Ihre knollige Nase, die Warzen, die strähnigen Haare … es sah alles so verdammt echt aus. Was, wenn es bloß ein Zufall war?

Während ich noch nach einer passenden Antwort suchte, fuhr die Frau plötzlich fort:

„Nun? Was ist? Haben wir eine Abmachung? Sie sind Ihr unartiges Kind los und ich bekomme eine leckere Mahlzeit …“

Also doch! Die Frau war tatsächlich als Grýla verkleidet. Aber obwohl ich zugeben muss, dass ihr Kostüm sehr beeindruckend war, machte mir etwas anderes mehr zu schaffen:

„Denken Sie nicht, dass es etwas geschmacklos ist, um die Häuser zu ziehen und Eltern zu fragen, ob Sie ihre Kinder töten dürfen?“, fragte ich.

Doch „Grýla“ schien bereits mit der Antwort gerechnet zu haben. Sie ging an mir vorbei, während sie eine wegwerfende Bewegung mit der Hand machte.

Ich sah ihr noch eine Weile verwundert nach, während sie wegging – viel zu schnell für eine angeblich so alte Frau.

Der restliche Tag verlief dafür zum Glück wieder ruhiger. Auch wenn Björn immer noch beleidigt zu sein schien, redete er wenigstens wieder mit mir. Im Gegenzug vermied ich es, die Yule Lads oder irgendetwas, das auch nur annähernd mit dem Thema zu tun hatte, anzusprechen.

Am Abend jedoch wartete eine weitere Überraschung auf mich: Als ich ins Kinderzimmer schlich, um wieder etwas in den Schuhen zu verstecken, blickten mich zwei große Augen an. Ich starte zurück.

‚Björn! Wieso bist du noch wach?‘, formte ich mit meinen Lippen, ohne einen Ton von mir zu geben. Dann sah ich zu Elva. Sie schien zu schlafen.

Björn hingegen deutete genervt auf die Schuhe, als wolle er mir sagen: „Jetzt mach schon!“

Ein Schwall Wut stieg in mir auf. Ich schluckte ihn hinunter. Dann ging ich zu den Schuhen und legte demonstrativ die Süßigkeiten hinein, während Björn mich genau beobachtete. Jetzt konnte er mir wenigstens nicht mehr vorwerfen, eine Kartoffel hineingelegt zu haben.

Trotzdem schien es Björn nicht zufriedenzustellen. Als ich ihm mit den Händen symbolisierte, dass er weiterschlafen solle, legte er sich zwar wieder hin, die Augen behielt er jedoch offen.

Wieder auf dem Flur seufzte ich schwer. Wenn morgen nicht Samstag gewesen wäre, hätte er einiges zu hören bekommen, aber zur Vorweihnachtszeit wollte ich mal nicht so sein.

Ich ging davon aus, dass er am nächsten Morgen recht lange schlafen würde, doch kurz nachdem Elva aufgestanden war, kam auch Björn zu uns ins Wohnzimmer. Er redete jedoch nicht viel, sondern starrte bloß vor sich hin. Ich schob es auf die Müdigkeit.

„Björn hat schon wieder eine Kartoffel bekommen“, erklärte Elva.

Ich zog vielsagend die Augenbrauen hoch, während ich Björn ansah. „Na, das wird schon seine Gründe haben“, sagte ich.

„Aber wenn er so unartig war, heißt das dann nicht, dass Grýla ihn holen kommt?“, fragte Elva. In ihrer Stimme lag ein leichtes zittern. Nervös sah sie sich im Raum um, als fühle sie sich beobachtet.

Ich musste sofort an die Frau von gestern denken. Bemerkte dann aber, wie Elva mich mit großen Augen verängstigt ansah. „Ach Quatsch“, sagte ich schnell. „Darüber brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Grýla holt nur die wirklich unartigen Kinder. Und du kennst deinen Cousin doch!“ Ich wuschelte meinem Sohn durch die Haare.

„Ich hab ihn gesehen“, warf Björn leise ein. Es waren die ersten Worte, die er heute sagte.

„Oh, er spricht!“, scherzte ich. „Wen hast du gesehen?“

„Knirps“, erwiderte er. Ein Wort, das mir für einen Moment die Sprache verschlug.

Knirps war der dritte Yule Lad. Er war dafür bekannt, Reste aus Bratpfannen zu kratzen und zu verspeisen – eine Tätigkeit, die in unserem Haus mit wenig Erfolg gekrönt sein dürfte. Immerhin ließ ich nie schmutziges Geschirr stehen!

Dann wurde mir klar, was Björn da gerade andeutete: Wenn die Yule Lads real seien, wäre Grýla es auch.

Aber wieso sagte er das? Elva glaubte doch eh noch an die Yule Lads. Wozu musste er ihr dann „beweisen“, dass es sie gab? Hatte er noch mehr Streiche geplant, mit denen er Elva Angst machen wollte?

Wenn es so war, würde ich ihn jedenfalls nicht damit durchkommen lassen! Ich konnte zwar nicht zugeben, dass die Yule Lads nicht real waren, aber ich konnte dafür sorgen, dass Björn dieses „Spiel“ verlieren würde. Ich würde beweisen, dass er die Kartoffeln selbst in seine Schuhe legte!

Noch am selben Tag erarbeitete ich einen Plan: Ich würde Björn am Abend ein Spielzeug in den Schuh legen – ein kleines Spielzeugauto, das ihm noch in seiner Sammlung fehlte. Eigentlich wollte ich es ihm erst in einigen Tagen schenken, aber das Auto würde er wenigstens nicht essen können, um es durch eine Kartoffel zu ersetzen. Außerdem war er viel zu ungeduldig, um es eine Zeit lang zu verstecken. Ich war mir sicher, ihn bereits morgen in seinem Zimmer damit spielen zu sehen.

Aber das war noch nicht alles. Es war immer besser, auf mehrere Pferde gleichzeitig zu setzen. Ich würde zusätzlich einen benutzen Holzlöffel ins Wohnzimmer legen. Löffellecker – der Yule Lad, der diese Nacht vorbeikommen würde – könne einen solchen Leckerbissen sicherlich nicht liegen lassen. Und sollte Björn so schlau sein, nach dreckigen Löffeln zu suchen, würde er sicherlich nicht im Wohnzimmer nachsehen … Zumindest dachte ich das.

Doch obwohl ich meinen Plan genau so durchführte, ging er nicht auf. Am nächsten Morgen stand nicht nur Björn wieder mit einer Kartoffel vor mir – von dem Auto fehlte jede Spur –, sondern auch der Löffel im Wohnzimmer war plötzlich sauber, als hätte ein hungriger Yule Lad ihn abgeleckt … oder ein hungriger Björn.

Es war jedoch nicht nur so, dass mein Plan nicht aufging, er ging sogar nach hinten los. Elva erinnerte sich noch gut daran, wie ich meinte, dass die Yule Lads keine Streiche mehr spielen würden. Mit dem Löffel hatte ich jedoch das genaue Gegenteil bewiesen. Und wenn ich mich dabei schon irrte, wieso dann nicht auch bei Grýla …?

Also verschob ich meine Prioritäten. Statt weiterhin beweisen zu wollen, dass die Yule Lads uns keine Streiche spielten, entschied ich, Elva von dem Gedanken abzulenken und Björn gleichzeitig davon abzuhalten, sich neuen Unfug auszudenken. Ich bot den beiden an, dass wir heute zusammen Weihnachtsplätzchen backen.

Björn und Elva waren hellauf begeistert. Keine viertel Stunde später standen wir im Wohnzimmer – die Küche war etwas zu klein, um dort zu dritt zu backen –, mixten die Zutaten, kneteten den Teig und alberten herum, während wir Weihnachtslieder über mein Smartphone hörten. Wir waren am Singen, am Backen, am Lachen. Die Welt war wieder in Ordnung.

Doch wie heißt es so schön? Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben. Leider begann besagter Abend in Island sehr früh. Zur Weihnachtszeit hatten wir hier gerade einmal vier Stunden Tageslicht. Und sobald die Sonne untergegangen war, begann die Zeit der Yule Lads.

Ich war gerade in der Küche dabei, die noch ungebackenen Plätzchen in den Ofen zu schieben, als ich Elva im Wohnzimmer plötzlich schreien hörte. Erst rief sie irgendetwas Unverständliches, bevor sie bitterlich zu weinen anfing.

Sofort stürmte ich zurück ins Wohnzimmer. Elva stand schluchzend am Esstisch, wo sie die Schüssel in der Hand hielt, die ich ihr zum Auskratzen der Teigreste gegeben hatte. Björn hingegen stand daneben und sah etwas hilflos aus.

„Was ist passiert?“, fragte ich erschrocken.

„Ich weiß nicht. Es hat an der Tür geklopft. Wir haben nachgesehen und als wir zurück zum Tisch gegangen sind, hat Elva plötzlich angefangen, zu weinen“, erklärte Björn.

Ich sah ihn ratlos an. Es hatte an der Tür geklopft? Dann wandte ich mich sofort zu Elva. Ich hockte mich vor sie, wo ich beruhigend meine Hände auf ihre Schultern legte. „Elva, Spatz, was ist denn?“, fragte ich ruhig.

„I-ich hab die Sch-Schüssel nur kurz wegge-gegestellt und jetzt ist kein Teig mehr drin!“, schluchzte sie mir entgegen. Zur Demonstration zeigte sie mir die leere Teigschüssel. Sie sah aus, als wäre sie hastig leergekratzt worden.

„Das war bestimmt Topfschaber!“, warf Björn ein.

Fassungslos sah ich ihn an. Das hatte er nicht ernsthaft getan … Er hatte nicht Elva zum Weinen gebracht, nur um so zu tun, als wäre ein dummer Yule Lad hier gewesen!

„Wenn du denkst, dass du einfach so deine Cousine zum Weinen bringen kannst, um die Schuld auf einen Troll zu schieben, dann hast du dich geschnitten, junger Mann. Du gehst jetzt sofort auf dein Zimmer!“, schimpfte ich.

„Aber ich war das nicht! Das war Topfschaber!“, protestierte Björn.

Ich glaubte ihm kein Wort. Stattdessen zeigte ich in Richtung Tür. „Keine Diskussionen!“

„Du bist so doof!“, schrie Björn mich an, als wäre das eine schlimme Beleidigung. Dann rannte er wütend aus dem Wohnzimmer.

Kurz hatte ich Gewissensbisse, doch dann sah ich Elva an, der noch immer Tränen über die Wangen kullerten. Nein! Genug ist genug! Sobald seine Scherze anderen wehtaten, ging er eindeutig zu weit!

„So. Wir beide gehen jetzt in die Küche und gucken, wie weit die Plätzchen sind, ja?“, wandte ich mich an Elva.

Es dauerte nicht lange, bis sie die leere Teigschüssel wieder vergessen hatte.

Nur Björn schmollte noch den ganzen Abend. Sogar beim Abendessen sprach er kein Wort. Stattdessen aß er eine trockene Scheibe Brot und erlaubte mir nicht einmal, Butter darauf zu schmieren.

An diesem Abend ging ich mit Bauchschmerzen ins Bett. Wenn Björn sich nicht jede Nacht selbst eine Kartoffel in den Schuh legen würde, hätte ich ernsthaft darüber nachgedacht, es selbst zu tun … Aber wem machte ich etwas vor? Das hätte ich niemals übers Herz gebracht.

Selbst am nächsten Morgen war Björn weiterhin beleidigt. Er legte seine Kartoffel stumm auf den Küchentisch, ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen.

Im Auto – als Elva nicht mehr zuhören konnte – stellte ich ihn erneut zur Rede.

„Ach Björn, du musst doch einsehen, dass das gestern zu weit ging. Gegen harmlose Scherze hab ich ja nichts, aber deiner Cousine einfach ihren Teig wegnehmen …?“

Björn starrte schmollend aus dem Fenster.

„Ich versteh ja, dass dieses Weihnachten komisch ist, weil Papa und ich uns zerstritten haben“, fuhr ich fort. „Aber ich gebe mir doch wirklich Mühe. Wieso musst du es unnötig kompliziert machen?“

„Das tu ich doch gar nicht!“, protestierte Björn. „Ich kann nichts dafür, dass du mir nicht glaubst!“

Ich seufzte schwer. „Björn, ich hab in meinem Leben schon 34 Weihnachten miterlebt, und nicht ein einziges Mal hat mir irgendein Yule Lad einen Streich gespielt. Ich weiß, dass es keine Trolle gibt. Was willst du also damit beweisen?“

Doch Björn gab nicht nach. „Du verstehst es einfach nicht!“, schrie er. Er sprang aus dem Auto, noch ehe ich vollständig vor der Schule zum Stehen gekommen war.

Wieder seufzte ich schwer. Lag es an mir? Hatte ich irgendetwas falsch gemacht? Vielleicht hätte ich mit ihm mehr über die Trennung reden müssen, damit er es besser verstand …

Doch daran konnte ich jetzt nichts mehr ändern. Woran ich jedoch etwas ändern konnte, war daran, dass Björn Elva weiter verängstigte – und dafür war heute genau der richtige Tag:

Der Yule Lad, der heute die Städte und Dörfer besuchen würde, war Essnapflecker. Zugegeben, Essnäpfe wurden nur noch selten benutzt, aber wenn ich Björn und Elva überzeugen konnte, dass er auch leere Teller nach dem Essen sauberlecken würde, könnte es klappen …

Und so wartete ich den gesamten Tag auf das Abendessen – ich war sogar etwas aufgeregt.

Die Suppe auf den tiefen Tellern eignete sich perfekt, um von einem Troll ausgeleckt, oder besser gesagt nicht ausgeleckt zu werden.

„Darf ich?“, fragte ich Björn, als er aufgegessen hatte. Auf seinem Teller lagen noch die meisten Reste.

„Was soll das werden?“, fragte Björn verwirrt, als ich seinen Teller direkt neben meinen Platz auf den Boden stellte.

Ich konnte mir ein triumphierendes Lächeln nicht verkneifen. „Nun … wir wissen doch alle, welcher Yule Lad heute dran ist. Ich denke kaum, dass Essnapflecker sich so einen Leckerbissen entgehen lassen wurde … Zumindest, wenn die Yule Lads dieses Jahr wirklich so aktiv sind, wie du behauptest.“

Dann machte ich jedoch einen entscheidenden Fehler: Ich war zu siegessicher. Ich war so felsenfest davon überzeugt, dass der Teller später noch immer am Boden stehen würde, dass ich ihn kaum noch beachtete. Ich hatte ihn bereits völlig vergessen, als Björn mich nach einem Toilettengang darauf hinwies.

„Mama …“, sagte er zögernd. „Der Teller ist weg …“ Er zeigte auf die Stelle, an die ich den Suppenteller gestellt hatte.

Überrascht sprang ich auf. Björn hatte recht! Der Teller war verschwunden!

„Wie … Wie hast du das gemacht?“, fragte ich halb entsetzt, halb beeindruckt.

Wie hatte er es bloß geschafft, die Schüssel unauffällig verschwinden zu lassen?

„Wie oft muss ich es denn noch sagen?! Ich habe gar nichts gemacht, das war Essnapflecker!“, antwortete Björn genervt.

Ich muss gestehen, dass ich Björns Durchhaltevermögen irgendwie bewunderte … Trotzdem hatte ich gehofft, dass ich seinen Spielchen bis morgen ein Ende hätte bereiten können. Denn morgen war wohl der anstrengendste Yule Lad an der Reihe: Türzuschlägen. Was genau er machen soll, muss ich wohl nicht erklären.

Doch weder am Abend, noch am nächsten Morgen – Björn hatte natürlich wieder eine Kartoffel bekommen – bot sich mir eine Gelegenheit, Björn irgendetwas nachzuweisen.

Also entschied ich, diesmal zu einem strengeren Mittel zu greifen: Ich erklärte Björn im Auto, dass ich heute keine Tür zuschlagen hören wolle, ansonsten bekäme er keine Weihnachtsgeschenke. Natürlich war das gelogen – die Geschenke hatte ich schon lange besorgt –, aber das musste er ja nicht wissen.

„Aber Mama, ich bin das wirklich nicht. Ich hab doch gesagt, dass die Yule Lads echt sind!“, sagte er. Er machte einen entsetzten Eindruck.

Doch auch, wenn ich sofort wieder Gewissensbisse bekam, würde er es sich nach der Drohung zweimal überlegen, ob er eine Tür zuschlagen wollte, um es einem Yule Lad in die Schuhe zu schieben.

Aber natürlich hatte ich mir die ganze Sache wieder zu einfach vorgestellt. Denn heute sollte der Tag werden, an dem ich meinen größten Fehler endlich einsah …

Anfangs war ich noch sehr optimistisch. Nachdem ich am Vormittag recht viel geschafft hatte, bis ich Björn wieder von der Schule abholen musste, herrschte bis Abend noch Stille im Haus – sogar, als die Sonne schon lange untergegangen war.

Als die Kinder schließlich ins Bett mussten, setzte ich mich zufrieden auf meinen Fernsehsessel und legte die Füße hoch. Sollte jetzt tatsächlich noch eine Tür knallen, hätte Björn ganz schöne Schwierigkeiten, mir zu erklären, warum er nicht im Bett lag. Das würde er sich niemals trauen – nicht nach meiner Drohung.

Umso überraschter war ich jedoch, als ein lauter Knall mich auf dem Sessel aufschrecken ließ.

Ich war eingenickt, realisierte aber sofort, was geschehen war: Die Wohnzimmertür war geschlossen – und ich schloss die Wohnzimmertür nie! Ein Türstopper hielt sie sogar davon ab, dass sie von alleine zufallen konnte.

„Na warte!“, grummelte ich, während ich zur Tür rannte.

Als ich sie aufriss, in der Hoffnung, Björn noch wegrennen zu sehen, erwischte ich ihn tatsächlich! Er rannte jedoch nicht weg … Stattdessen kam er zusammen mit Elva aus dem Kinderzimmer. Die beiden sahen müde aus.

„Was war das für ein Knall?“, fragte Elva, während sie sich die Augen rieb.

„Das war eine Tür, oder? Ich hab doch gesagt, dass die Yule Lads echt sind!“, rief Björn. Er schien sich unsicher zu sein, ob er jetzt beleidigt sein sollte, oder Angst um seine Weihnachtsgeschenke hatte.

Meine Gedanken überschlugen sich. Hatte Björn es tatsächlich in so kurzer Zeit geschafft, die Wohnzimmertür zuzuschlagen und zurück in sein Zimmer zu rennen? Und was war mit Elva? Steckten die beiden unter einer Decke?

Noch ehe ich auch nur darüber nachdenken konnte, wie ich reagieren sollte, erschütterte plötzlich ein zweiter Knall das Haus. Diesmal war es die Küchentür. Sie lag direkt in meinem Blickfeld. Björn und Elva hätten sie also unmöglich zuschlagen können!

Aber was war es dann? Ein Einbrecher? Erlaubte sich irgendein Fremder einen Spaß mit uns? Hatte er auch die Kartoffeln in Björns Schuh gelegt? Oder waren es doch die Yule Lads? Aber das konnte nicht sein … oder?

Nachdem ich Björn und Elva angedeutet hatte, zurückzubleiben, ging ich zur Küchentür. Mit zittriger Hand griff ich nach der Klinke. Dann stieß ich die Tür mit einem Ruck auf, während ich nach hinten sprang, um etwas Abstand zu dem potentiellen Einbrecher zu gewinnen … doch die Küche war leer.

Ungläubig trat ich in den kleinen Raum. Ich spähte hinter die Tür, dann in den Kühlschrank – die einzigen Orte, an denen genug Platz war, dass sich jemand dort verstecken konnte. Aber da war niemand. Und die Fenster waren geschlossen. Es konnte also auch kein Durchzug gewesen sein.

Mit einem leichten Schwindelgefühl trat ich in den Flur zurück. Ungläubig starrte ich die Kinder an, während ich gerade noch sehen konnte, dass die Tür hinter ihnen mit voller Wucht zu gedonnert wurde.

Elva erschreckte sich so doll, dass sie weinend zu mir rannte und sich fest an meinen Oberschenkel presste. Und auch Björn machte panisch einen Satz von der Tür weg.

Ich hingegen zuckte nicht einmal zusammen. Es kam mir vor, als würde ich die Welt durch einen Schleier beobachten. Sämtliche Geräusche kamen mir dumpf vor, während ich versuchte, die Situation zu verarbeiten.

Die Yule Lads waren real. Sie waren es schon immer gewesen. Björn hatte die Wahrheit gesagt: Er hatte sich die Kartoffeln wirklich nicht selbst in die Schuhe gelegt. Ich hatte ihn zu unrecht beschuldigt.

Dann traf mich eine Erkenntnis, die noch viel schlimmer war: Wenn die Yule Lads real waren, war es Grýla auch – und sie schien der Meinung zu sein, dass Björn ziemlich unartig war.

Den zweiten Teil dieser Geschichte findet ihr Hier.

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Die Legende:

Die Yule Lads, eigentlich Jólasveinar (Isländisch für „Weihnachtsjungs“), sind die 13 Söhne der Trollfrau Grýla. Sie suchen zur Weihnachtszeit die Menschen heim, um allerlei Schabernack zu treiben.

Sie beginnen ab dem 12. Dezember einer nach dem anderen Nacht für Nacht aufzutauchen und bleiben je 13 Nächte, sodass am 6. Januar der letzte von ihnen wieder verschwunden ist. Am 24. Dezember sind daher alle 13 Yule Lads versammelt.

Aussehen:

Die Yule Lads wurden früher als besonders hässliche und unansehnliche Wesen beschrieben. Mit der Zeit – als sie Stück für Stück verharmlost wurden – sind sie jedoch deutlich freundlicher und ansehnlicher geworden.

Heutzutage werden die Yule Lads fast ausschließlich als zwergenhaft mit langen grauen oder weißen Bärten und Haaren dargestellt.

Als Kleidung tragen sie häufig traditionelle isländische Kleidung und eine Zipfelmütze.

Eigenschaften:

Heutzutage sind die Yule Lads hauptsächlich dafür bekannt, artigen Kindern zwischen dem 12. und 24. Dezember Süßigkeiten, Spielzeug oder andere Kleinigkeiten in die Schuhe zu legen, während sie unartigen Kindern Kartoffeln – manchmal sogar schimmlige Kartoffeln – in die Schuhe legen.

Es ist in Island Tradition, dass die Kinder in der Vorweihnachtszeit ihre Schuhe über Nacht auf die Fensterbank stellen, woraufhin die Eltern heimlich eine Kleinigkeit in die Schuhe legen. Dass Eltern ihren Kindern Kartoffeln in die Schuhe legen, passiert jedoch eher selten und auch nur, wenn sie ihnen eine Lektion erteilen wollen.

Besonders in früheren Zeiten waren die Yule Lads jedoch weniger freundlich. Sie waren für bösartige Streiche bekannt, die häufig zu ihrem Namen passten – aber auch heute noch sollen sie für ihre harmloseren Streiche bekannt sein.

Die 13 Yule Lads:

Stekkjastaur (12. bis 25. Dezember):

Stekkjastaur (isländisch für „Schafhürden-Trampel“; im Deutschen meist „Pferchpfosten“ oder „Schafschreck“ genannt) ist der erste Yule Lad.

Der Schafschreck ist dafür bekannt, des Nachts Schafe zu erschrecken, soll aber einen sehr steifen und unbeweglichen Körper haben. Es heißt, dass er gerne an den Zitzen der Mutterschafe saugen würde, es wegen seiner steifen Knie jedoch nicht schaffe.

Giljagaur (13. bis 26. Dezember):

Giljagaur (isländisch für „Schluchten-Gaffer“; im Deutschen meist „Schaumschuft“ oder „Schluchtenkobold“ genannt) ist der zweite Yule Lad.

Der Schluchtenkobold soll sich in Schluchten verstecken, bis er sich in den Kuhstall schleichen kann. Dort soll er – so heißt es – entweder die Milch der Kühe trinken oder den Schaum von der bereits gemolkenen Milch absaugen.

Stúfur (14. bis 27. Dezember):

Stúfur (isländisch für „Knirps“; im Deutschen auch „der Kurze“ genannt) ist der dritte Yule Lad.

Knirps soll – wie der Name schon sagt – sehr klein sein. Außerdem soll er nicht gewaschene Bratpfannen stehlen, um die Essensreste von ihnen herunterzukratzen und zu verspeisen.

Þvörusleikir (15. bis 28. Dezember):

Þvörusleikir (isländisch für „Kochlöffellecker“; im Deutschen auch „Löffellecker“ genannt) ist der vierte Yule Lad.

Der Löffellecker soll ungewaschene, hölzerne Kochlöffel – in neueren Erzählungen auch andere ungewaschene Löffel – stehlen und die Reste von ihnen ablecken. Außerdem heißt es, dass er wegen Unterernährung sehr dünn sei.

Pottaskefill (16. bis 29. Dezember):

Pottaskefill (isländisch für „Topfschaber“; im Deutschen auch Kesselkratzer genannt) ist der fünfte Yule Lad.

Der Topfschaber soll – besonders früher –, wenn Eltern ihren Kindern erlaubt haben, die Essensreste aus den Kochtöpfen zu kratzen, an der Tür geklopft haben. Wenn die Kinder hingegangen sind, um nachzusehen, ob dort jemand sei, soll er sich heimlich den Topf geschnappt und ihn selbst ausgekratzt haben.

Askasleikir (17. bis 30. Dezember):

Askasleikir (isländisch für „Essnapflecker“) ist der sechste Yule Lad.

Früher hatte jedes Familienmitglied in Island einen eigenen hölzernen Essnapf mit Deckel – einen sogenannten Askur.

Der Essnapflecker soll sich unter einem Bett versteckt haben, bis eines der Familienmitglieder die Reste aus seinem Askur für den Hund oder die Katze auf den Boden gestellt hat. Dann soll er aus seinem Versteck geflitzt sein und den Askur an sich gerissen haben, um die Reste daraus selbst herauszulecken.

Hurðaskellir (18. bis 31. Dezember):

Hurðaskellir (isländisch für „Türzuschläger“) ist der siebte Yule Lad.

Der Türzuschläger könnte der wohl angsteinflößendste Yule Lad sein. Er soll des Abends durch das Haus gerannt sein und offene Türen zugeschlagen haben, um die Bewohner zu wecken und zu erschrecken.

Skyrgámur (19. Dezember bis 01. Januar):

Skyrgámur (isländisch für „Skyr-Gierschlund“, im Deutschen meist „Quarkgierschlund“ genannt) ist der achte Yule Lad.

Skyr ist eine beliebte, isländische Quarkspeise. Es wurde früher in großen Gefäßen hergestellt. Der Quarkgierschlund soll diese Skyr-Gefäße nachts geplündert haben. Er hat angeblich so viel Skyr gegessen, dass er kurz vorm Platzen war.

Bjúgnakrækir (20. Dezember bis 02. Januar):

Bjúgnakrækir (isländisch für „Wurststibitzer“) ist der neunte Yule Lad.

Früher – als viele Familien noch selbst Würstchen in ihren Häusern geräuchert haben – war der Wurststibitzer dafür bekannt, die Würstchen zu stehlen und zu essen, die gerade geräuchert wurden. Heutzutage wird es häufig so interpretiert, dass er auch andere Würstchen stehle.

Gluggagægir (21. Dezember bis 03. Januar):

Gluggagægir (isländisch für „Fensterglotzer“) ist der zehnte Yule Lad.

Der Fensterglotzer soll nachts um das Haus geschlichen sein, um durch die Fenster hineinzublicken, bis er etwas gefunden hat, das ihm gefällt. Später in der Nacht soll er dann versucht haben, den Gegenstand zu stehlen.

Gáttaþefur (22. Dezember bis 04. Januar):

Gáttaþefur (im Deutschen meist „Türspaltschnüffler“ genannt) ist der elfte Yule Lad.

Der Türspaltenschnüffler soll eine sehr große und empfindliche Nase haben.

Er soll damit an Türen geschnüffelt haben, um herauszufinden, in welchen Zimmern sich Laufabrauð (zu deutsch etwa „Laubbrot“), ein traditionelles isländisches Weihnachtsgebäck, befindet. Anschließend soll er geräuschlos dorthin gerannt sein und das Laufabrauð gestohlen haben.

Ketkrókur (23. Dezember bis 05. Januar):

Ketkrókur (isländisch für „Fleischhaken“; im Deutschen meist „Fleischkraller“ genannt) ist der zwölfte Yule Lad.

Der Fleischkraller war besonders dafür bekannt, mit einem Haken Fleisch durch die Schornsteine zu klauen, da früher häufig Fleisch über den Kamin gehängt wurde, um es zu trocknen. In moderneren Versionen, soll er aber auch versuchen, anderes Fleisch zu stehlen.

Kertasníkir (24. Dezember bis 06. Januar):

Kertasníkir (isländisch für „Kerzenschnorrer“) ist der dreizehnte und letzte Yule Lad.

Der Kerzenschnorrer soll Kinder verfolgt haben, die mit Kerzen in der Hand über den Hof oder durch das Haus gegangen sind, um ihre Kerzen zu stehlen und – da sie früher häufig aus Talg bestanden – zu essen. Das war besonders unheimlich, als Kerzen früher oft die einzige Lichtquelle waren, sodass er die Kinder in völliger Dunkelheit zurückließ.

Seitdem es Taschenlampen und strombetriebenes Licht gibt, ist der Kerzenschnorrer deutlich weniger unheimlich geworden.

Lebensraum/Vorkommen:

In der Zeit, in der die Yule Lads nicht aktiv sind, leben sie bei ihren Eltern Grýla und Leppalúði in einer Höhle in den Bergen.

Sobald sie aktiv werden, sind sie je für 13 Nächte in den Dörfern und Städten zu finden.

Ursprung:

Ursprünglich gab es deutlich mehr Yule Lads, als heutzutage – 82 um genau zu sein. Leider habe ich nicht viel über die „fehlenden“ Yule Lads herausfinden können, außer, dass sie sehr viel grausamer und teilweise gefährlicher als die heutigen Yule Lads waren.

Im 18. und 19. Jahrhundert wurden die Yule Lads jedoch deutlich verharmlost und sind in der Zahl geschrumpft.

Das 1932 veröffentlichte Gedicht „Jólasveinarnir“ von Jóhannes úr Kötlum handelte schließlich nur noch von 13 Yule Lads und ihren recht harmlosen Streichen. Das Gedicht war so beliebt, dass die 13 darin erwähnten Yule Lads schließlich zum heutigen Standard wurden.

Inzwischen werden die Yule Lads, wegen ihrer Angewohnheit, den Kindern kleine Geschenke in die Schuhe zu legen, häufig auch als isländische Weihnachtsmänner bezeichnet.


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