Die Buckley Family mag nicht die bekannteste urbane Legende sein, aber sie spielt zu Halloween, weshalb ich sie für diesen Blogbeitrag herausgesucht habe. Wisst ihr, wie das grausige Portrait der Buckley Family entstanden ist?
Happy Halloween und viel Spaß beim Gruseln!
Triggerwarnungen (Achtung Spoiler!)
– Blut
– Erwähnung von Kannibalismus
Inhalt
Die Geschichte:
Susan und John Buckley. Ja. Ich kannte die beiden. Die Geschwister wohnten bei mir gleich um die Ecke. Sie waren schon immer etwas eigen, aber das hatte ich ihnen nicht zugetraut. Zu Anfang konnte, oder eher wollte, ich gar nicht begreifen, was die beiden getan hatten.
Dabei hatte alles so harmlos angefangen. Mein Bruder Clarence und ich spielten oft im Müll. Ganz in der Nähe unseres Hauses war eine Schrottdeponie. Da konnte man wirklich tolle Dinge finden. Zumal unsere Eltern nicht das Geld hatten, um uns teures Spielzeug zu kaufen. Und so suchten wir uns unsere ganz eigenen Schätze auf der Deponie zusammen.
Neulich erst hatten wir eine Schaufensterpuppe gefunden. Sie bestand aus mit bemaltem Pappmaché bedecktem Draht, wie wir deutlich an einem Loch in ihrer Seite erkennen konnten. Lediglich ihre Augen waren aus Glas, was sie ungewöhnlich menschlich aussehen ließ, und ihre verfilzten Haare wirkten echt. Jedenfalls hatten wir sie voller Stolz von der Deponie geschleppt, um sie unseren Freunden zu präsentieren. Darunter auch Susan und John Buckley.
Der Zeitpunkt hätte nicht besser sein können. Es war etwa eine Woche vor Halloween. Mit unserer eigenen Schaufensterpuppe waren wir der Mittelpunkt unserer gesamten Nachbarschaft. Zumindest der Kinder. Wir saßen alle auf dem Schulhof versammelt, die Puppe zwischen Clarence und mir, und berieten, was wir am besten mit der lebensgroßen Frauengestalt anfangen sollten.
„Wir können sie verkleiden“, schlug Clarence vor. „Irgendetwas Gruseliges. Wir stellen sie an die Straße, damit möglichst viele Leute sie sehen!“
Wir anderen waren hellauf begeistert.
„Ich kann ein altes Kleid besorgen“, sagte Ethel enthusiastisch. „Meine Mama hat viele alte Kleider. Bestimmt kann sie uns eines davon leihen!“
Sofort redeten alle durcheinander. Jeder hatte seine eigene Vorstellung, welche Art Kleid am besten zu der Puppe oder Halloween passen würde.
„Ich finde, die Puppe braucht einen Namen“, merkte Bessie zwischen dem wilden Durcheinandergerede an. Sie war die Jüngste von uns, sprach so leise, dass ich sie wahrscheinlich überhört hätte, würde sie nicht direkt neben mir sitzen.
„Das ist eine tolle Idee, Bessie“, erklärte ich laut. Die anderen verstummten. Immerhin war es Clarences und meine Puppe, da wollten sie sich wahrscheinlich einschmeicheln. „Wir müssen ihr einen Namen geben!“
Bessie lächelte mich dankbar an. Aber ob sie noch etwas sagte, bekam ich nicht mehr mit. Immerhin hatte bereits eine neue Diskussion um einen passenden Namen begonnen.
Nachdem jeder seine Vorschläge gemacht hatte – unter den Favoriten waren Namen wie Margaret, Grace oder Clara – war es an Clarence und mir, das letzte Wort zu sprechen. Wir entschieden uns für Grace.
„Grace. Das gefällt mir“, sagte ich. „Grace, die Halloweenpuppe.“
„Wir sollten Grace köpfen.“
Stille. Jetzt sahen alle Susan Buckley an, die den Vorschlag gemacht hatte.
„Sie köpfen?“, wiederholte ich ungläubig. Noch war ich mir nicht sicher, ob ich sie nicht falsch verstanden hatte.
„Denkt doch mal drüber nach,“ das war ihr Bruder John. „Wir können ihren Kopf neben sie legen. Oder vielleicht hält sie ihn auch in der Hand. Das sieht bestimmt gruselig aus!“
„Zum Fürchten“, bestätigte Susan. „Genau das Richtige für Halloween.“
Wir anderen Kinder sahen einander an. Noch immer hatte keiner von ihnen ein Wort gesagt, aber ich sah einige zustimmend nicken.
„Also gut“, erklärte Clarence, „wenn niemand eine bessere Idee hat, köpfen wir Grace.“
„Aber kein Blut!“, mahnte Ethel. „Es gibt Schläge, wenn ich eins von Mamas Kleidern dreckig mache!“
Wir anderen nickten zustimmend. Wir alle wussten, wie es war, von unseren Eltern verprügelt zu werden. So war damals halt die Erziehung. Außerdem wären wir mit fast allem einverstanden, wenn es hieß, dass wir ein passendes Kostüm für die Puppe finden würden.
—
Die folgenden Tage waren wir voll und ganz mit den Vorbereitungen beschäftigt. Ethel hatte mit ihrer Mutter geredet. Sie war einverstanden, uns an Halloween, sofern es nicht regnete, ein altes schwarzes Kleid zu borgen. Jetzt fehlte nur noch die Enthauptung.
Eigentlich hatten wir vorgehabt, den Kopf der Puppe kurzerhand abzutrennen. Wir wollten keine große Sache daraus machen. Susan und John Buckley hatten jedoch andere Pläne.
Wenn ich so darüber nachdachte, hätte ich schon damals merken müssen, dass mit den beiden etwas nicht stimmte. Sie wollten die Enthauptung ausspielen, ein richtiges Ritual daraus machen. „Das wird sicher lustig!“, hatte Susan gemeint. Außerdem würde es hervorragend zur Halloweenstimmung passen.
Wir Anderen standen ihrem Plan mit gemischten Gefühlen gegenüber. Aber wir waren Kinder. Es war nur ein Spiel, wenn auch etwas makaberer als unsere sonstigen Spiele. Also trafen wir uns zu Sonnenuntergang an einem Feld. Heimlich. Abseits der Blicke irgendwelcher Erwachsener.
Noch vor einem Monat hatten hier hohe Maisstauden gestanden, aber jetzt waren die Pflanzenstummel auf dem Feld genauso tot und leblos wie Grace, die mir an diesem Abend besonders schwer in den Armen lag. Es fühlte sich seltsam an, eine Puppe, mit der wir die letzten Tage so viel Spaß gehabt hatten, wie eine Verbrecherin hinzurichten. Und auch das graue Wetter passte sich perfekt meiner Gefühlslage an.
Wind peitschte mir ins Gesicht. Es war kalt und ungemütlich, während Clarence und ich uns mit Grace dem Treffpunkt näherten. In der Ferne sah ich, dass wir nicht die Ersten waren. Obwohl wir fast eine Viertelstunde zu früh waren, warteten Susan und John Buckley bereits auf uns. Susan hielt eine kleine Axt in der Hand.
„Albert. Clarence. Da seid ihr ja“, begrüßte sie uns. Sie stand mit geradem Rücken fast reglos da, beobachtete uns mit erhobenem Kinn. „Wie ich sehe, habt ihr die Verurteilte mitgebracht. Gut. Bringt sie zu uns.“
Für einen kurzen Augenblick fühlte es sich wirklich so an, als würde ich Susan einen echten Menschen überlassen, als ich ihr die Puppe hinhielt. Sie ergriff sie unter den Armen und legte sie vorsichtig ins Gras, ehe sie sich auf einen flach abgesägten Baumstumpf setzte. Jetzt legte sie Graces Kopf in ihrem Schoß. Graces Glasaugen sahen mich an, als würden sie um Hilfe flehen. Ich sah weg.
Die folgenden Minuten waren mir und wahrscheinlich auch den anderen höchst unangenehm. Wir hatten nicht viele Gemeinsamkeiten mit den Buckley-Geschwistern. Ihre Familie war deutlich wohlhabender als unsere. Beziehungsweise ihre Mutter, denn ihr Vater war vor vielen Jahren verstorben. Details kannte ich keine. Die Buckleys trugen gepflegte Kleidung, badeten bestimmt zweimal die Woche und hatten eine vornehme Ausdrucksweise. Clarence und ich hingegen spielten in unserer Freizeit im Müll und waren froh, wenn wir warmes Wasser für unser wöchentliches Bad hatten.
Also schwiegen wir einander an, während Susan geistesabwesend Graces schmuddelige Haare streichelte. Erst, als die anderen Kinder eintrafen, stieg die Stimmung deutlich. Ethel und ein anderes Mädchen kamen bereits lachend angerannt – anscheinend machten sie ein Wettrennen –, Bessie kam im Hopserlauf auf uns zugelaufen und auch die anderen Kinder wirkten ausgelassen und fröhlich. Wir alberten herum, bis schließlich alle da waren.
„Also“, erhob John Buckley die Stimme.
Augenblicklich wurde es still. Wir setzten uns in Reihen wie in der Schule ins Gras, um die Buckleygeschwister anzusehen.
John ließ den Blick über uns schweifen. „Jetzt, da wir alle hier sind, können wir beginnen. Schwesterherz?“
Nun stand Susan auf. Sie hob dabei Grace auf ihre Füße, hielt sie an ihren Armen fest, ohne die Axt aus der Hand zu legen. „Wir haben uns hier versammelt, um die Hinrichtung von Grace durchzuführen, die wegen Verfehlung ihres Zwecks als Kleidungsmodel verurteilt wurde“, verkündigte sie feierlich. Sie sprach dabei laut, als würde sie zu deutlich mehr Leuten als zu unserer kleinen Gruppe sprechen.
Anschließend nahm sie Grace und legte sie sanft, fast liebevoll hin. Ihren Kopf bettete sie dabei auf den Baumstumpf, auf dem sie eben noch gesessen hatte.
Jetzt hockte sie über der Puppe. Meine Augen wanderten zu ihrer Axt, die Susan schlagbereit in der Hand hielt. „Hat jemand etwas gegen die Enthauptung der Angeklagten Grace einzuwenden?“, fragte Susan dramatisch in die Runde. „Wenn ja, dann soll er jetzt sprechen, oder für immer schweigen.“
Wieder wanderte mein Blick zu Graces Augen, die so unheimlich echt aussahen. Sie schien mich anzusehen, mich anzuflehen, etwas zu sagen.
Am liebsten wäre ich aufgesprungen, hätte Susan an ihrem grausamen Schauspiel gehindert. Aber auch, wenn ich als Mitbesitzer der Puppe das gute Recht dazu gehabt hätte, tat ich es nicht. Bevor wir Grace gefunden hatten, waren mein Bruder und ich nie die beliebtesten Kinder gewesen. Ich wollte unseren neugewonnenen Status nicht gefährden. Also schwieg ich.
Als für einige Sekunden niemand etwas gesagt hatte, nickte Susan zufrieden. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, hob sie die Axt. Die Schneide blitzte im schwindenden Licht der untergehenden Sonne auf. Dann rammte Susan die Axt in Graces Hals. Es war ein widerliches Geräusch: eine Mischung aus Rascheln und Knacken, als die Klinge das Pappmaché durchdrang.
Sofort zog Susan die Axt wieder aus Graces Hals. Dabei bogen sich einige der frisch durchtrennten Drähte nach außen, die unter dem Pappmaché lagen. Aber ehe ich sie näher betrachten konnte, rammte Susan die Axt bereits wieder in die Puppe.
Beim dritten Schlag knickte Graces Hals weg. Ihr Körper sackte ab. Der Kopf wurde zur Seite gerissen, hing jetzt fast aufrecht an ihrem letzten Stück Hals.
Susan bog ihn wieder gerade, versuchte mit einem erneuten Schlag, den Hals vollständig zu durchtrennen, aber der Draht war zu hart. Stattdessen knickte ihr Kopf bloß wieder weg. An der Stelle, wo die aufgetrennten Enden aneinanderdrückten, war nun eine deutliche Delle im Pappmaché zu erkennen.
Schnell drehte Susan Grace auf die andere Seite, sodass die noch intakten Stellen ihres Halses oben lagen. Jetzt sah ich nur noch Graces Hinterkopf. Nach zwei weiteren Schlägen war ihr Kopf endlich ab. Er rollte von dem Stumpf, fiel ins Gras, ehe Susan Grace an den Haaren packte und uns ihren Kopf triumphierend entgegenstreckte.
Wir hielten allesamt den Atem an.
„Es ist vollbracht“, sagte Susan feierlich. Im nächsten Moment ließ sie Graces Kopf mit einem dumpfen Rascheln zurück ins Gras fallen und ging weiter zu ihrem Bruder.
Es dauerte noch einige Sekunden, bis die Anspannung von uns anderen abfiel. Aber dann redeten wir alle durcheinander. Jeder schien eine andere Idee zu haben, wie und vor allem wo wir Grace an Halloween hinstellen sollten. Ursprünglich war der Plan gewesen, sie möglichst zentral in der Nachbarschaft aufzustellen, sodass möglichst viele Leute sie sehen würden. Aber Ethel hatte eine bessere Idee: „Warum bewegen wir Grace nicht an Halloween? Dann kann jeder sie bei sich an der Straße stehen haben.“
Ich nickte begeistert. „Gute Idee. Dann sehen sie bestimmt noch mehr Leute!“
Nun mussten wir nur noch die Zeiten einteilen, wann Grace wo stehen sollte.
„Wann wollt ihr die Puppe bei euch haben?“, wandte sich Clarence an die Buckleygeschwister.
Das war eine wichtige Frage. Die Buckleys wohnten etwas außerhalb. Am besten sollte Grace bei ihnen als Erstes oder als Letztes stehen.
Aber John winkte ab. „Macht ihr das unter euch aus. Wir haben schon genug Spaß mit den Vorbereitungen.“
„Seid ihr sicher?“, hakte mein Bruder nach.
Auch ich war überrascht. So sehr, wie sie das Projekt in den letzten Tagen an sich gerissen hatten, hätte ich gedacht, dass sie mit Fäusten und Zähnen um die besten Zeiten für Grace kämpfen würden. Aber es war, als hätten sie plötzlich das Interesse verloren. Wenn ich so drüber nachdachte, hatten sie sich nicht einmal mehr an unseren Gesprächen beteiligt, seit Graces Kopf ab war.
Und auch die nächsten Tage hatten wir anderen Kinder Grace wieder für uns. Ich verstand es nicht. Natürlich war ich froh, dass die Buckleys die Puppe nicht mehr völlig für sich einnahmen und wir auch mal wieder mit ihr spielen konnten, aber bis zur Hinrichtung waren sie doch so Feuer und Flamme für Grace gewesen. Gefiel ihnen vielleicht das zerfetzte, eingedellte Pappmaché an ihrem Hals nicht? Der Draht, der daraus hervorragte? Hatten sie sich vielleicht einen saubereren Schnitt gewünscht? Ich fand ja, dass es ihr einen besonders unheimlichen Flair verlieh.
—
Wenige Tage später war es endlich so weit. Der 31. Oktober. Halloween. In der Zwischenzeit hatten wir aus Draht von der Schrottdeponie ein Gestell gebaut, damit Grace auch bei Wind nicht umfiel, und einen genauen Zeitplan ausgearbeitet, wann Grace wo stehen sollte.
Jetzt, kurz nach Schulschluss, hatten wir uns wieder verabredet. Sämtliche Kinder aus der Nachbarschaft hatten sich auf dem Spielplatz versammelt. Das heißt … Alle außer Susan und John Buckley. Weiß der Teufel, was mit ihnen los war. Vielleicht hatte ihre Mutter etwas dagegen, wenn sie mit einer Puppe aus dem Müll spielten. War das auch der Grund, warum sie Grace nicht an ihrer Straße stehenhaben wollten? Sollte ihre Mutter es nicht mitbekommen?
Aber ehrlich gesagt verschwendete ich nicht allzu viele Gedanken an die beiden. Stattdessen wandte ich meine Aufmerksamkeit Ethel zu, die mit einem breiten Grinsen im Gesicht und dem schwarzen Kleid ihrer Mutter in den Armen über den Bürgersteig auf uns zu geschlendert kam.
„Tada!“, präsentierte sie das Kleid stolz. Es bestand aus dickem Stoff, hatte lange Ärmel und war – abgesehen von einigen Rüschen – relativ schlicht. Es war nicht sonderlich hochwertig. Aber ich konnte verstehen, wenn Ethels Mutter uns Kindern nur ein billiges Kleid überlassen wollte. Außerdem würde es für unsere Zwecke voll und ganz ausreichen.
„Das sieht wirklich toll aus“, lobte ich sie. Jetzt musste es nur noch passen …
Und das tat es. Nachdem wir es vorsichtig über die scharfkantigen Drähte am Hals gefriemelt hatten – wir mussten natürlich darauf achten, dass Ethels Mutter das Kleid unbeschadet zurückbekam –, machten sich die Mädchen aus unserer Gruppe daran, Graces filzige Frisur so gut es ging zurechtzumachen. Wir drapierten sie so, dass sie ihren eigenen Kopf auf den Armen hielt. Das war zwar nicht ganz einfach, aber mit etwas Gewalt ließen sich ihre Arme zum Glück weit genug zurechtbiegen.
Es war perfekt. Als Grace nun in voller Pracht vor uns stand, in ihrem schwarzen Kleid, den eigenen Kopf, dessen zu echt aussehenden Augen im Licht funkelten, mit den geflochtenen Haaren wie ein Neugeborenes in ihren Armen, war ich mir sicher, dass dies ein Halloween werden würde, das keiner von uns so schnell vergessen sollte. Damit sollte ich sogar recht behalten. Jedoch nicht auf die Weise, auf die ich es mir vorgestellt oder auch nur gewünscht hätte …
—
Inzwischen war der Abend recht weit fortgeschritten. Die Sonne war schon lange untergegangen und die jüngsten Kinder mussten bereits wieder zuhause sein, weshalb die etwas älteren wie Ethel, mein Bruder und ich unsere letzten Runden ohne sie weiterzogen.
Dabei kamen uns zwei Frauen mit einem Kind entgegen. Ich kannte den Jungen nicht. Er musste aus einem anderen Teil der Stadt sein.
„Das sah ja wirklich toll aus“, hörte ich eine der Frauen sagen. „Und dieser Halsstumpf …“ Sie schüttelte sich.
Ein Grinsen stahl sich auf mein Gesicht. Sie mussten Grace begegnet sein. Ich hab ja gesagt, die Drähte verliehen ihrem Hals etwas Unheimliches! „Wie ich höre, sind Sie unserer kopflosen Freundin begegnet“, wandte ich mich an die drei.
Die Frau wandte sich zu mir um. Kurz guckte sie überrascht. „Ihr habt bei der Puppe mitgeholfen?“, fragte sie ungläubig.
Mein Grinsen wurde breiter. „Mein Bruder Clarence und ich haben die Puppe gefunden. Aber das Köpfen und Zurechtmachen war eine Gemeinschaftsarbeit von allen Kindern aus der Nachbarschaft.“
„Klasse!“, schaltete sich der kleine Junge ein.
„Bestimmt haben eure Eltern dabei geholfen“, erwiderte die Frau. „Die Puppe sieht so echt aus! Und all das Blut!“
Ich stockte. Blut? Wir hatten uns doch darauf geeinigt, kein Kunstblut zu verwenden. Ethels Eltern würden sie umbringen, wenn das Kleid dreckig geworden war!
„Entschuldigen Sie“, hakte ich nach. „Können Sie mir sagen, wo die Puppe gerade steht?“ Falls jemand die Puppe beschmutzt hatte, musste ich herausfinden, wer das war!
„Nun“, erklärte die zweite Frau. „Das Haus steht etwas abseits. Wir wären fast nicht hingegangen, aber es brannte Licht und Harry hatte darauf bestanden, dass wir hingehen.“
„Und es hat sich gelohnt!“, schrie der Junge.
„Das hat es, Spatz“, erwiderte die erste Frau. Sie wuschelte ihm durch die Haare.
Aber ich hörte ihrem Gespräch nicht mehr zu. Die Einzigen, die „etwas abseits“ wohnten, waren die Buckleys. Sie hatten Grace also doch zu sich geholt. Es ärgerte mich. Das hätten sie vorher mit uns absprechen müssen! Und was hatte es mit dem Blut auf sich?
„Wir müssen weiter“, verabschiedete ich mich von den dreien. „Ihnen noch einen schönen Abend.“
„Danke“, erwiderte die Frau. „Das wünsche ich euch auch.“
Ich war jedoch schon dabei, mit schnellen Schritten Richtung Buckleyhaus zu gehen. Ethel und Clarence hielten sich dicht hinter mir.
Wir schafften es aber gerade einmal zwei Straßen weiter, ehe wir wieder stehenblieben. Da stand Grace. An dem ursprünglich verabredeten Standpunkt.
Sofort rannten wir zu ihr. Es war bereits dunkel. Die Straße war nicht besonders gut beleuchtet. Und ja, Grace wirkte dadurch noch ein gutes Stück gruseliger. Aber Blut war keines zu sehen. Auch keine rote Farbe oder sonst irgendetwas, was die drei für Blut gehalten haben konnten.
„Meint ihr, die Frau hat gelogen?“, fragte Ethel.
Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Sie sagte, dass die Puppe abseits steht. Bei einem Haus, zu dem sie fast nicht gegangen seien.“
Grace hingegen stand zwar am Stadtrand, war aber noch immer umgeben von unzähligen Häusern. Hatten die Buckleys also eine eigene Puppe? Waren sie deswegen nicht länger an Grace interessiert gewesen? Hatten sie unsere Idee geklaut? Es gab nur eine Möglichkeit, das herauszufinden:
„Wir müssen zu den Buckleys!“, bestimmte ich.
Nur wenige Momente später näherten wir uns ihrem Haus. Es lag dunkel und verlassen vor uns. Welches Licht die drei auch immer gesehen hatten, jetzt war davon nichts mehr zu sehen.
„Vielleicht sind sie schon schlafen gegangen?“, dachte Clarence laut. „Sollen wir lieber morgen zurückkommen?“
Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Wenn Sarah und John unsere Idee geklaut haben, dann möchte ich das jetzt wissen!“
Zum Glück war der Himmel sternenklar. Der Mond spendete uns also ausreichend Licht. Nachdem wir flüchtig das Haus umrundet hatten – von einer kopflosen Puppe war nichts zu sehen –, ging ich weiter zur Haustür. Aber noch ehe ich die Tür erreicht hatte, blieb ich wieder stehen.
„Blut“, sagte ich laut.
Ich konnte die eingetrocknete Pfütze auf dem Stein zu unseren Füßen deutlich im Mondlicht erkennen. Weitere Spritzer der dunklen Flüssigkeit befanden sich an der Hauswand und der Tür.
„Bestimmt das Kunstblut, von dem die Frau geredet hat“, erklärte Clarence. Ich hoffte, dass er recht hatte.
Also trat ich an die Haustür, darauf bedacht, nicht in das Blut zu treten. Es sah eingetrocknet aus, aber ich wollte nichts riskieren. Dann klopfte ich an die Tür.
Stille. Im Haus regte sich nichts.
Also klopfte ich noch einmal. Diesmal lauter.
Wieder nichts.
Kurz wandte ich mich zu Ethel und Clarence um, die wie erstarrt hinter mir standen, ehe ich die unverschlossene Haustür – das war damals normal in unserer Gegend – öffnete. Im Haus war es dunkel.
„Susan? John?“, rief ich. „Ich bin es, Albert. Seid ihr zuhause?“
Noch immer bekam ich keine Antwort. Vielleicht schliefen sie wirklich schon. Oder sie waren noch einmal rausgegangen.
Trotzdem wollte ich noch nicht aufgeben. Ich entdeckte eine Kerosinlampe auf einem Schrank in der Eingangshalle. Ohne zu zögern, ging ich zu ihr und schaltete sie ein.
Ethels Schrei war das Erste, was ich hörte. Erschrocken drehte ich mich zu ihr um. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie auf den Boden in der Eingangshalle. Ich folgte ihrem Blick und …
Mrs. Buckley! Ich hatte sie nicht oft gesehen, aber doch oft genug, um sie wiederzuerkennen. Oder besser die Teile von ihr. Ihr Kopf war nicht mehr auf ihren Schultern. Er lag neben ihr, die Augen ausdruckslos, der Halsstumpf blutig.
Mein Magen drehte sich um. Ich musste nach draußen rennen, um mich nicht übergeben zu müssen. Mein Atem ging schnell und stoßweise, während ich die kalte Herbstluft einatmete. Alles drehte sich.
Deswegen waren die beiden Frauen und der Junge so begeistert gewesen. „Die Puppe sieht so echt aus! Und das ganze Blut …“ Sie hatten die echte Mrs. Buckley gesehen, ihren kopflosen Körper für eine Puppe gehalten.
Das musste auch der Grund gewesen sein, warum die Buckleys an der Enthauptung so interessiert gewesen waren, aber danach völlig das Interesse verloren hatten. Es ging ihnen nie um Grace oder Halloween. Sie wollten bloß ihre kranken Fantasien ausleben.
Ich muss euch wahrscheinlich nicht erzählen, dass wir sofort zur Polizei gerannt waren. Nur von Susan und John fehlte jede Spur. Sie mussten geflohen sein, nachdem sie der armen Mrs. Buckley das angetan hatten.
Später berichteten die Zeitungen davon, dass Mrs. Buckleys Leiche halb gegessen gewesen sei. Zum Glück hatte ich sie mir nicht so genau angesehen. Trotzdem fragte ich mich, wie das passiert war. Hatten sie vielleicht einen Hund gehabt, der das getan hatte? Oder hatten Susan und John selbst …?
Außerdem erfuhr ich, dass es eine Fotografie von der Leiche gab. Ein Halloweengänger musste sie gemacht haben, als er bei den Buckleys vorbeigekommen war. Ich habe gehört, dass sie John zeigt, wie er den abgetrennten Kopf seiner Mutter hält, während er neben ihrem Körper steht. Susan steht mit ihrer kleinen Axt auf der anderen Seite. Allerdings habe ich mich nie getraut, das Foto anzusehen. Mir reichten die Bilder, die mein Gedächtnis von jener Nacht behalten hatte.
Ich hoffte nur, dass die Polizei Susan und John bald finden würde …
Die Legende:
Die Buckley Family ist eine urbane Legende, die eng mit einem alten Sepia-Foto verbunden ist. Es zeigt die Geschwister Susan und John Buckley kurz nach dem Mord an ihrer Mutter, deren geköpfter Körper ebenfalls auf dem Bild zu sehen ist.
Täter:
Viel ist über Susan und John Buckley nicht bekannt. Sie tragen altmodische Kleidung – John einen Anzug mit Taschenuhr und Susan ein dunkles Kleid –, sind beide weiß und haben braune oder blonde Haare.
Auf dem Foto hält John den Kopf ihrer Mutter in Richtung Kamera gestreckt, während Susan eine kleine Axt hält. Ihre Gesichtsausdrücke sind dabei völlig emotionslos.
Ablauf:
Angeblich wurde das Foto gegen 1890 aufgenommen. Außerdem wird zusammen mit dem Foto fast immer folgender Text gepostet (die deutsche Übersetzung findet ihr im darauffolgenden Absatz):
„This is the Buckley Family. The children’s names were Susan and John. As a Halloween joke, all the kids in the neighborhood were going to get a dummy and pretend to chop its head off. The Buckley children thought it would be hilarious to actually murder their mother, so when the kids walked up to the door, they got an axe and slaughtered her. Once everyone figured out what they had really done, they called the police, but the kids were long gone by then. The only picture of them was this photo, taken by a Trick or treater. The mother’s body was later found half eaten.“
Zu Deutsch:
„Dies ist die Buckley Familie. Die Namen der Kinder waren Susan und John. Als Halloweenscherz wollten alle Kinder aus der Nachbarschaft eine (Schaufenster-)Puppe organisieren und so tun, als würden sie sie köpfen. Die Buckley-Kinder dachten, es wäre lustig, tatsächlich ihre Mutter zu töten, also nahmen sie eine Axt, als sie zu ihrer Tür gingen und schlachteten sie ab. Als die Leute herausfanden, was sie wirklich getan hatten, riefen sie die Polizei, aber die Kinder waren längst fort. Das einzige Bild von ihnen war dieses Foto, das von einem Süßigkeitensammler gemacht wurde. Der Körper der Mutter wurde später halb-gegessen gefunden.“
Mehr ist über das angebliche Verbrechen nicht bekannt.
Ort des Geschehens:
Der genaue Ort, an dem das Verbrechen begangen worden sein soll, wird nicht näher beschrieben. Man weiß nur, dass es irgendwo in den USA gewesen sein soll.
Ursprung:
Wenn ihr glaubt (oder gehofft habt), dass das Foto hinter der Buckley Family echt ist, muss ich euch an dieser Stelle enttäuschen. Ich habe zwar nicht herausfinden können, von wann das originale Foto ist und wo es genau herkommt, das aus der urbanen Legende bekannte Bild stammt jedoch von dem Künstler Edward Allen.
Das originale Bild könnt ihr euch Hier ansehen.
„Midwestern Matricide“ (englisch für „Muttermord im Mittleren Westen“), wie das Bild mit der geköpften Frau heißt, gehört zu der Reihe „Haunted Memories“ („Heimgesuchte Erinnerungen“), in der Allen alte Fotos bearbeitet und ihnen einen makabren Twist wie Zombies, Vampire, Geister oder eben eine geköpfte Mutter verleiht. Auf dem originalen Bild sind alle drei Personen jedenfalls sehr lebendig und auch von der Axt fehlt jede Spur.
Interessant finde ich auch, dass Edward Allen viele seiner Bilder – darunter auch „Midwestern Matricide“ – so drucken lässt, dass sie je nach Winkel das Original oder seine bearbeitete Version zeigen.
Aber zurück zu der Legende. Ich habe leider nicht herausfinden können, wann oder wie die urbane Legende zu dem Foto entstanden ist. Wahrscheinlich hat jemand „Midwestern Matricide“ gesehen und sich selbst eine kleine Gruselgeschichte dazu ausgedacht, die sich in Form einer Creepypasta rasant im Internet verbreitet hat.
Den ältesten Beitrag, der das Bild mit der erfundenen Geschichte zeigt, den ich gefunden habe, stammt von 2010. Darin ist die Rede, dass der Verfasser die Creepypasta auf Tumblr gefunden habe. Sie muss also irgendwann zwischen 2006, als Edward Allen das Bild geteilt hat, und 2010 entstanden sein.
Außerdem ein kleiner Fun Fact am Rande: Selbst, wenn das Bild echt wäre, könnte der Text dazu nicht stimmen, da darin von einem „Trick or treater“ die Rede ist, also einer Person, die zu Halloween von Haus zu Haus gezogen ist, um Süßigkeiten – oder der Zeit entsprechend eher Nüsse, Obst und Münzen – zu sammeln. Die Tradition des Trick-or-treatens ist jedoch erst 1898 in Kanada und sogar erst im 20. Jahrhundert in den USA aufgekommen, also über ein Jahrzehnt, nachdem das Bild entstanden sein soll.
Die Buckley Family in der Popkultur:
In der modernen Popkultur habe ich neben Edward Allens Bild (das er auf seiner Website verkauft) keine Erwähnungen der Buckley Family finden können. Wahrscheinlich war die urbane Legende bisher nicht bekannt genug, um es in die moderne Popkultur geschafft zu haben.
Falls ihr irgendeinen Film, ein Buch, eine Serie oder Ähnliches kennt, in der die Buckley Family eine Rolle spielt oder die auch nur eine Hommage an das gruselige Bild enthält, würde ich mich wie immer sehr über einen Kommentar freuen.
Was haltet ihr von der Buckley Family? Kanntet ihr das Bild oder die urbane Legende dahinter? Und habt ihr die Geschichte zuerst geglaubt? Schreibt es in die Kommentare!





