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Luna und die Vergeltung der Geister – Kapitel 2:

Wie versprochen gibt es heute das zweite Kapitel von meinem geplanten Roman „Luna und die Vergeltung der Geister“. Viel Spaß!

Kapitel 2:

Mittwoch, 01. November 2017

Heute wäre ich am liebsten den ganzen Tag zuhause geblieben, um nichts zu tun. Eigentlich sprach auch nichts dagegen – die einzige Vorlesung, die ich mittwochs hatte, war freiwillig –, wenn Natalie nicht gegen Nachmittag meinen festen Freund angerufen hätte. Finn war sofort vorbeigekommen, als Natalie meinte, dass es mir nicht gut gehe.

Er hatte mich in den Arm genommen, während ich ihm erzählte, was gestern bei der Séance passiert war. Finn hatte beruhigend auf mich eingeredet und es irgendwie geschafft, mich zu einem Spaziergang zu überreden, nachdem er mir versprochen hatte, dass wir vor Anbruch der Dunkelheit wieder zuhause seien.

Auf der Straße sog ich die kühle Herbstluft durch die Nase ein. Es roch hauptsächlich nach Laub. Nur ein einziges Mal kam der Geruch von Abgasen auf, als ein Auto an uns vorbeifuhr. Aber das war für Kleinstadt nichts Ungewöhnliches. Auf den Straßen war nie viel los, es fuhren nur vereinzelte Autos, und kleinere Menschenansammlungen gab es nur an den Bushaltestellen und Bahnhöfen. An der Uni hielt sich das hartnäckige Gerücht, dass Kleinstadt nur Kleinstadt hieß, weil es so unbedeutend war, dass es keinen eigenen Namen brauchte. Lediglich die Uni und die vielen Studierenden störten das Klischee.

Der Spaziergang war eine gute Idee von Finn gewesen. Nicht nur, dass die frische Luft mir guttat, ich schaffte es sogar, mich einigermaßen abzulenken. Seit ich mit dem Architekturstudium begonnen hatte, fiel mir auf, dass ich immer mehr auf die Bauart der Häuser um mich achtete. Und so machte ich mir einen Spaß daraus, zu erraten, wann die Häuser, an denen wir vorbeigingen, wohl errichtet wurden. Ich erkannte auf den ersten Blick, dass die meisten Häuser gegen Mitte bis Ende des 20. Jahrhunderts gebaut worden sein mussten. Nur wenige wirkten älter und noch weniger neuer.

Als ich meinen Blick von einem Haus löste, dessen Fassade zum Teil aus Verputz, zum Teil aus Klinkersteinen bestand, fiel mir auf, dass wir uns dem Stadtpark näherten. Ich musste lächeln. Ich liebte den Stadtpark von Kleinstadt. Denn so sehr mich Architektur auch begeisterte, so sehr liebte ich auch die Natur.

Wenn man den Park betrat, war man von einer Wand aus Bäumen und Büschen umgeben. Man konnte kaum noch etwas von der Straße oder den Häusern sehen. Stattdessen kam man sich vor, als wäre man an einem ruhigen, ländlichen Ort gelandet. Im Sommer war ich häufig zum Zeichnen hergekommen.

Jetzt, wo die Bäume dabei waren, ihre Blätter zu verlieren, blitzte stellenweise etwas von der Stadt durch die Äste hindurch. Dafür stellten die bunten Blätter ein frohes Farbenspiel zur Schau. Ein Windstoß ließ sie tanzen.

Finn legte einen Arm um mich. „Sag mal …“, begann er. „Ist nach eurer Geisterbeschwörung eigentlich noch irgendwas passiert? Oder warum warst du vorhin so komisch?“

Ich drückte mich enger an Finn. Es war, als wäre mir jetzt erst aufgefallen, wie kalt der Herbstwind war. „Was meinst du?“, fragte ich.

„Na ja. Es ist ja nicht normal, dass man Frauen sieht, die gar nicht da sind.

Ich drückte mich von ihm weg, um ihn anzufunkeln. „Ich hab dir doch gesagt, dass das nur der Schock war!“ Das war etwas schroffer als beabsichtigt. Aber es ärgerte mich, dass er mich ausgerechnet jetzt daran erinnern musste.

Finn erwiderte nichts. Stattdessen gingen wir eine Weile schweigend nebeneinanderher.

„’tschuldigung“, sagte ich schließlich. „Ich wollte dich nicht anfahren. Ich weiß doch auch nicht, wen oder was ich da gesehen habe.“

Finn griff nach meiner Schulter, sodass ich stehenbleiben musste. Er sah mich eindringlich an. „Wir wissen doch beide, dass es keine Geister gibt, oder?“

Schnell schüttelte ich den Kopf. „So meinte ich das nicht, aber …“ Zu meinem Ärger merkte ich, wie meine Augen feucht wurden. „Aber andere Leute, die Menschen sehen, die gar nicht da sind … Was, wenn mit mir etwas nicht stimmt?“

Jetzt nahm Finn mich wieder in den Arm. Ich drückte mein Gesicht in den dicken Stoff seiner Jacke.

„Hee“, sagte er. „Lu, du bist nicht verrückt. Warte nur ab, in ein paar Tagen sieht die Welt schon ganz anders aus. Natalie hat bestimmt recht. Das ist nur der Schock.“

Ich antwortete nicht. Stattdessen blieb ich an ihn gedrückt stehen. Durch die Jacke konnte ich sein Deo riechen. Ich atmete den vertrauten Duft tief ein. Erst danach löste ich mich vorsichtig aus der Umarmung, damit wir weitergehen konnten.

Wir verließen den Stadtpark wieder, um uns auf den Heimweg zu machen. Meine Gedanken kreisten. Diesmal gelang es mir nicht, mich mit den Häusern um mich herum abzulenken, also senkte ich schließlich den Kopf.

„Und wenn ich doch verrückt bin?“, fragte ich leise. „Versprichst du mir, dass du dann bei mir bleibst?“

Wieder blieb Finn stehen. Er hob mit seiner Hand mein Kinn, zwang mich, ihm in die Augen zu sehen. „Luna, du bist nicht verrückt. Das weiß ich ganz sicher. Und wenn doch, dann stehen wir das zusammen durch. Versprochen.“

Ich lächelte ihn an. Selbst, wenn ich nicht wusste, was mit mir los war, würde mit Finn an meiner Seite alles gut werden. Ich lehnte mich vor, um ihm einen Kuss zu geben. Ehe sich unsere Lippen jedoch berührten, erklang ein tiefes, lautes Bellen vom Grundstück neben uns. Ein großer schwarzer Hund raste auf den Zaun zu. Panisch kreischte ich auf. Fast wäre ich Finn auf die Arme gesprungen.

Finn hielt mich beschützend fest. Er warf den Kopf nach rechts und links, ehe er wieder meinen Blick suchte. „Was ist? Was hast du?“, fragte er.

Ich starrte ihn verständnislos an. „Du weißt doch, dass ich Angst vor Hunden habe“, erwiderte ich den Tränen nahe.

Das schien Finn jedoch nur noch mehr zu verwirren. Er runzelte die Stirn. „Ja, aber … Welchen Hund meinst du?“

Ich wusste nicht, was er meinte. „Du musst ihn doch gehört haben“, erwiderte ich. Dann drehte ich mich zu dem Grundstück zurück, um auf den Hund zu zeigen. Aber ich ließ meine Hand auf dem halben Weg hängen. Stattdessen suchte ich mit den Augen den Vorgarten ab. Von dem Hund war nirgends etwas zu sehen.

Irritiert ging ich auf das Grundstück zu, vergaß für einen Moment sogar meine Angst. Der Garten war komplett eingezäunt und gut einsehbar. Auch gab es keine größeren Lücken im Zaun. Und selbst wenn der Hund darüber gesprungen wäre, hätte er irgendwo auf der Straße sein müssen. Doch da war er nicht.

Mit offenem Mund drehte ich mich wieder zu Finn, musterte ihn, als suche ich in seinem Gesicht eine Antwort auf das alles. „Ich versteh das nicht“, sagte ich. „Hier war eben ein Hund. Ein großer schwarzer Hund. Du musst ihn doch gehört haben?“

Plötzlich wirkte Finn genervt. Er steckte die Hände in die Taschen und wandte sich von mir ab. „Das ist nicht witzig“, fuhr er mich an. „Ich mach mir hier wirklich Sorgen um dich und du hast nichts Besseres zu tun, als mich zu testen? Ich hab dir gesagt, dass ich bei dir bleibe. Wieso glaubst du mir das nicht einfach?!“

Jetzt starrte ich ihn an. Ihn testen? Ich wusste nicht einmal, ob ich wütend oder enttäuscht über solch eine Unterstellung sein sollte! Aber Finn ging einfach weiter. Er wartete nicht einmal auf mich. Sofort rannte ich ihm nach. Ja, ich war wütend. Trotzdem wollte ich jetzt auf keinen Fall allein sein.

Den restlichen Weg würdigte Finn mich keines Blickes. Aber ich war ehrlich gesagt gerade zu sehr in Gedanken, um mich darüber zu ärgern. Es war wieder passiert. Es war tatsächlich wieder passiert. Und diesmal war es ganz sicher nicht bloß der Schock. Wieso sah und hörte ich Dinge, die gar nicht existierten?

Nachdem Finn mich zurück zur Wohnung gebracht hatte, drehte er sich direkt wieder zur Tür um, also ergriff ich seine Hand, um ihn aufzuhalten.

Im ersten Moment dachte ich, er würde sich losreißen, dann aber runzelte er wieder die Stirn. „Was ist?“, fragte er. Seine Stimme klang dabei mehr besorgt als verärgert.

Ein Kloß bildete sich in meinem Hals. „Das mit dem Hund war kein Test“, sagte ich kleinlaut. „Ich hab ihn wirklich gesehen.“

Finns nächsten Blick konnte ich nicht so recht deuten. Plötzlich nahm er mich in den Arm. „Hör mal“, sagte er. „Ich muss jetzt wirklich los. Wir sehen uns morgen.“ Anschließend drückte er mir einen flüchtigen Kuss auf die Schläfe, bevor er im Treppenhaus verschwand.

Am liebsten hätte ich ihn aufgehalten, ihm gesagt, dass er bleiben solle, doch der Kloß in meinem Hals war inzwischen so groß, dass er mir die Kehle zuschnürte. Ehe ich auch nur ein Wort über die Lippen gebracht hatte, fiel die Tür hinter Finn ins Schloss.

Jetzt konnte ich meine Tränen nicht länger zurückhalten. Also rannte ich auf mein Zimmer. Ohne etwas zu essen oder Zähne zu putzen, legte ich mich sofort ins Bett, wo ich leise in mein Kopfkissen weinte. Was war nur los mit mir? Noch nie hatte ich mir irgendwelche Dinge oder Geräusche eingebildet. Wo kam das alles so plötzlich her? Lag es vielleicht doch nur an dem Stress? Oder steckte vielleicht mehr dahinter?

Ich hörte, wie sich meine Zimmertür öffnete. „Luna?“ Das war Natalie, die nach mir sehen wollte.

Aber ich hatte keine Lust, ihr zu erklären, was passiert war, wollte ihren mitleidigen Blick nicht sehen, wenn ich ihr von Finn oder dem Hund erzählte. Also tat ich so, als würde ich schlafen. Da ich nicht reagierte, schloss Natalie die Tür wieder hinter sich. Trotzdem ließen meine Gedanken mir keine Ruhe. Und so dauerte es Ewigkeiten, bis ich endlich eingeschlafen war.

Am nächsten Morgen wurde ich von meinem Handywecker geweckt. Aber obwohl ich heute vergleichsweise spät aufstehen konnte – donnerstags musste ich erst um 10 Uhr in der Uni sein – schleppte ich mich wie ein Zombie ins Bad.

Andererseits war die Kombination aus Müdigkeit und einer Vorlesung genau das Richtige, um mich von den vergangenen Tagen abzulenken. Tatsächlich schaffte ich es, bis beide Vorlesungen beendet waren, so zu tun, als wäre alles wieder normal. Um genau zu sein, bis zu genau dem Zeitpunkt, an dem ich sie sah. Als wäre sie eine völlig normale Studentin, schlenderte sie über den Campus. Wahrscheinlich wäre sie mir nicht einmal aufgefallen, wenn ich mich vor der Séance nicht so intensiv mit ihr beschäftigt hätte. Ihr Name war Zoe. Sie hatte sich letztes Jahr das Leben genommen.

Als hätte sie meinen Blick bemerkt, drehte sie sich plötzlich zu mir um. Sie sah mit gerunzelter Stirn durch die Menge, bis unsere Augen sich trafen. Ihr Blick blieb auf mir haften. Sie blinzelte überrascht, als sei ich eine alte Bekannte, die sie zufällig in der Menge entdeckt hatte. Meine Nackenhaare stellten sich auf.

Im nächsten Moment wurde ich ohne jede Vorwarnung von hinten gepackt. Ich kreischte los, sah, wie einige Köpfe sich erschrocken zu mir umdrehten, doch niemand unternahm etwas.

„Seit wann bist du denn so schreckhaft?“, fragte Finn mit einem breiten Grinsen. Sein Gesicht wurde jedoch schlagartig ernst, als er die Panik in meinen Augen erkannte. „Scheiße. Hab ich dich so doll erschreckt? Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen.“

Ich zögerte einen Moment, unsicher, ob ich es für mich behalten solle. Dann aber sagte ich leise: „Ich glaube, das habe ich auch.“

Finn seufzte schwer. „Wenn du wütend bist, weil ich gestern einfach so gegangen bin, dann …“

„Nein!“, fiel ich ihm ins Wort. „Ich habe eben Zoe gesehen!“

Das saß. Finn starrte mich mit großen Augen an. „Zoe?“, fragte er überrascht. „Die Verstorbene, mit der ihr bei eurem kleinen Ouija-Spielchen Kontakt aufnehmen wolltet?“

Ich nickte. Ich wusste selbst, wie es klang. „Werde ich langsam verrückt?“, fragte ich monoton, den Blick auf die Pflastersteine am Boden gerichtet.

Als Finn sich regte, dachte ich, er würde mich in den Arm nehmen wollen. Stattdessen öffnete er jedoch seine Umhängetasche und kramte darin herum. „Ich hab mich mal informiert“, sagte er, während er weiterkramte. Dann holte er eine hellgraue Visitenkarte hervor, die er mir entgegenhielt. „Diese Psychiaterin hat sich auf Leute spezialisiert, die Stimmen hören. Ich dachte, na ja, wieso redest du nicht mal mit ihr? Danach geht es dir bestimmt besser.“

Ich starrte die Karte an. ‚Lydia Beck – Psychiaterin‘ stand darauf. War das sein Ernst? Hielt er mich jetzt für völlig durchgeknallt?

„Du musst ja nicht sofort hingehen, denk nur bitte darüber nach. Schlaf eine Nacht drüber.“ Er steckte die Visitenkarte in meine Jackentasche.

Ich wusste nicht, was ich sagen oder denken sollte. Meine eigenen Gefühle verwirrten mich. Ich war wütend und ängstlich. Zum einen wusste ich, dass er es nur gut meinte. Zum anderen war ich noch immer verletzt, weil er gestern nicht einmal bei mir bleiben wollte. Und dann hatte er mir direkt eine Psychiaterin rausgesucht?

„Ich mein das ja nicht böse“, entschuldigte er sich. „Ich mache mir Sorgen um dich.“ Er schenkte mir sein unschuldigstes Lächeln.

„Ich weiß“, sagte ich knapp. „Aber ich muss jetzt weiter.“ Ich ließ ihn einfach stehen. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, machte ich mich auf den Weg Richtung Fahrräder.

„Ich bin wieder da!“, rief ich, nachdem ich die Wohnungstür hinter mir geschlossen hatte.

„Hey Lu“, kam Natalies Stimme aus der Küche. „Wie war die Uni?“

Mit einem schweren Seufzen ging ich zu ihr. „Ehrlich gesagt ziemlich scheiße. Finn und ich hatten Streit.“

„Oh.“ Natalie nahm mich in den Arm. Ob zur Begrüßung oder zum Trost wusste ich nicht – wahrscheinlich eine Mischung aus beidem. „Willst du drüber reden?“, fragte sie. Sie hielt mir einen Teller mit Spaghetti entgegen, den ich dankend annahm.

„Na ja, es war nicht wirklich ein Streit, aber … Finn will, dass ich zu einem Psychiater gehe“, erklärte ich, während wir uns an den Küchentisch setzten.

„Bitte was?“ Natalies Augenbrauen schossen in die Höhe. „Nur, weil du beim Ouija-Spiel diese komische Frau gesehen hast? Da waren wir nun wirklich alle ziemlich durch den Wind!“

Der Kloß in meinem Hals kam zurück. Sollte ich es ihr erzählen? Immerhin war sie meine beste Freundin. Wir hatten keinerlei Geheimnisse voreinander.

Ich kaute den nächsten Bissen bewusst langsam, um mir die passenden Worte zurechtzulegen. „Das mit der Frau war nicht alles“, gestand ich schließlich. „Da war gestern dieser Hund, den Finn weder sehen noch hören konnte. Und heute auf dem Campus habe ich Zoe gesehen.“

Auf Natalies Gesicht lief eine wahre Diashow an Emotionen ab. Überraschung, Entsetzen, Mitleid. „Du hast … Das ist …“ Mehr brachte sie nicht heraus.

Ich wich ihrem Blick aus. Stattdessen starrte ich jetzt mein Essen an. Der Kloß in meinem Hals hatte inzwischen eine schmerzhafte Größe erreicht. Auch spürte ich, wie meine Augen feucht wurden.

Natalie sprang auf, sobald die erste Träne über meine Wange lief. Sie legte ihre Arme um mich und drückte mich sanft an sich. „He“, sagte sie. „Bestimmt gibt es dafür eine logische Erklärung. Aber wenn du dir solche Sorgen machst, geh doch wirklich zu einem Psychiater. Nicht, weil Finn es möchte, sondern für dich. Wahrscheinlich ist es irgendetwas völlig Harmloses. In ein paar Wochen lachen wir darüber.“

Trotz allem hatte ich jetzt ein Lächeln auf den Lippen. „Meinst du?“, brachte ich zwischen zwei Schluchzern hervor.

Natalie nickte. „Und wenn du nicht allein hingehen willst, komm ich gerne mit. Dafür sind Freundinnen doch da.“

Sie wartete noch, bis ich mich wieder beruhigt hatte, ehe sie sich wieder auf ihren Stuhl setzte.

Ich war so froh, Natalie als Freundin zu haben. Früher, bevor ich sie kannte, hatte ich weniger Glück mit meinen Freunden gehabt. Es war mir schon immer schwergefallen, neue Leute kennenzulernen. Selbst in der Schule war ich damals eine Außenseiterin gewesen. Von psychischer bis körperlicher Gewalt hatte ich alles durchgemacht. Es ging so weit, dass ich anfing, die Schule zu schwänzen, nur um nicht wieder gemobbt zu werden. Zumindest, bis ich die Schule gewechselt hatte.

In der neuen Schule wurde ich neben Natalie gesetzt – einem der beliebtesten Mädchen der Klasse. Ich hatte mich nicht einmal getraut, sie anzusprechen. Natalie hingegen hatte einfach drauflos geplaudert. Sie nahm mich in ihre Freundesgruppe auf, als wäre ich schon immer ein Teil von ihnen gewesen. So hatte ich schließlich auch Lisa und Jenny kennengelernt.

Ich kann gar nicht beschreiben, wie dankbar ich ihr dafür war. Sie war der Grund gewesen, warum ich keine Außenseiterin mehr war, warum ich nicht mehr gemobbt wurde.

Ein Klingeln an der Tür riss mich aus den Gedanken.

„Ich geh schon“, sagte ich, weil ich näher an der Tür saß.

Als ich die Wohnungstür öffnete, kam Finn gerade die Treppen heraufgeeilt. Er lächelte schief, als er mich erreichte. Im nächsten Moment hielt er mir einen kleinen Blumentopf mit einer rosaroten Blume und einer roten Schleife um den Keramiktopf entgegen.

Obwohl ich eigentlich wütend auf ihn sein wollte, konnte ich mir ein Lächeln nicht verkneifen. Finn wusste, dass ich keine Schnittblumen mochte. Es störte mich, dass man sie nur züchtete, damit sie abgeschnitten wurden und man ihnen beim Sterben zusehen durfte.

„Für dich“, sagte er, während ich die Blume entgegennahm. „Tut mir leid wegen vorhin. Ich hätte vorher mit dir darüber reden sollen.“

„Ist schon gut. Vielleicht bin ich in letzter Zeit etwas empfindlich“, gestand ich. Ich redete mir ein, dass er es ja nur gut gemeint hatte. „Möchtest du reinkommen? Wir haben noch Spaghetti über.“

Am Abend lag ich mit Finn gemeinsam im Bett. Wir hatten uns wieder vertragen, weshalb er spontan entschlossen hatte, bei mir zu übernachten.

Ich musterte meinen Freund. Im Halbdunkel konnte ich kaum mehr als sein Gesicht erkennen. Er lag mir zugewandt, die geschlossenen Augen völlig entspannt. Sein Atem war langsam und gleichmäßig.

Erst jetzt merkte ich, dass ich lächelte. Was machte ich mir eigentlich so viele Gedanken. Ich hatte Natalie und Finn. Was auch immer mit mir los war, sie würden mir helfen, es durchzustehen. Es würde alles gut werden.

Zumindest dachte ich das. Aber seien wir mal ehrlich: Dann würde ich euch meine Geschichte jetzt nicht erzählen. Es war nämlich in genau diesem Moment, dass mich das Gefühl überkam, beobachtet zu werden. Meine Nackenhaare stellten sich auf. Ein kalter Schauer lief über meinen ganzen Körper.

Ich hoffte so sehr, dass ich es mir bloß einbildete, während ich mich zum Zimmer umwandte. Ich ließ meinen Blick durch den dunklen Raum wandern, konnte nur Umrisse erkennen. Da war mein Schreibtisch direkt am Fenster, auf dem ich Finns Blume erkennen konnte, an der Wand daneben mein weißer Kleiderschrank und … ich erstarrte. Ich wollte meinen Blick gerade weiterwandern lassen, da fiel mir eine dunkle Silhouette vor dem Kleiderschrank auf. Im schwachen Laternenlicht, das durch das Fenster fiel, konnte ich den Umriss deutlich erkennen. Fieberhaft dachte ich nach, was das sein konnte, aber eigentlich dürfte dort nichts stehen. Außerdem erinnerte die Form mich an eine Person.

Ich schluckte schwer, während ich meine Hand nach dem Nachttisch ausstreckte. Während meine zittrigen Finger nach dem Kabel tasteten, ließ ich den Blick keine Sekunde von der Gestalt wandern. Dann endlich erfühlte ich den Schalter.

Klick.

Mein Schrei musste das ganze Haus geweckt haben. Ich war so schnell aufgesprungen und aus dem Zimmer gerannt, dass sich vor meinen Augen alles drehte. Mir war übel.

Meine Hände bewegten sich steif, fast roboterhaft, während ich den Wasserhahn aufdrehte. Ich wusch mein Gesicht mit eiskaltem Wasser, ehe ich mich auf dem Waschbecken abstützte, um in den Spiegel zu sehen.

Hatte ich das eben nur geträumt oder verlor ich wirklich den Verstand?

Es klopfte an der Badezimmertür. „Lu? Alles in Ordnung? Ich hab dich schreien gehört“, rief Natalie.

Im nächsten Moment rüttelte jemand an der Tür. „Was ist los?“ Das war Finns Stimme. „Hast du schlecht geträumt? Schließ die Tür auf!“

Ich atmete tief durch. Dann ging ich zur Tür, drehte den Schlüssel im Schloss und zog sie auf. Natalie und Finn starrten mich an. Ich wich ihren Blicken aus. „Zoe stand eben in meinem Zimmer“, sagte ich leise.

„Luna …“, sagte Finn. „Du hast bestimmt nur schlecht geträumt. Komm zurück ins Bett.“

Aber ich schüttelte den Kopf. „Nein. Ich hab das Licht eingeschaltet, bevor ich sie gesehen habe. Das war kein Traum.“

Natalie griff nach meiner Schulter. Sie drückte sie sanft.

Meine Aufmerksamkeit galt jedoch Finn: „Ich kann das nicht mehr“, murmelte er, während er mit schnellen Schritten zurück in mein Zimmer ging.

Natalie und ich sahen einander flüchtig an. Ehe ich Finn nachlaufen konnte, kam er bereits in den Flur zurück. Er war gerade dabei, seinen Pulli anzuziehen. Dann blieb er vor mir stehen und sah mir ernst ins Gesicht.

„Tut mir leid, Luna“, sagte er. „Ich kann einfach nicht mehr. Vor ein paar Tagen war noch alles in Ordnung. Aber jetzt …? Dass du irgendwelche Leute siehst, ist nicht normal!“ Er schloss die Augen und atmete tief durch. „Ich brauch eine Pause. Sag Bescheid, wenn du dir Hilfe gesucht hast.“

Seine Worte waren wie ein Schlag in die Magengrube. Fast hätte ich mich auf den Boden übergeben. Aber ich konnte die Spaghetti bei mir behalten. Stattdessen sah ich Finn dabei zu, wie er sich die Schuhe anzog, die Jacke vom Haken riss und durch die Wohnungstür verschwand – das alles, ohne mich eines einzigen Blickes zu würdigen. Im nächsten Moment schlug die Tür hinter ihm zu.

Tränen schossen mir in die Augen. Natalie, die Finn mit offenem Mund nachstarrte, verschwamm in meinem Sichtfeld. Als sie mich wieder ansah, schloss sie mich sofort in eine feste Umarmung. „Oh, Luna. Das tut mir so leid.“

Keine Ahnung, ob meine Beine mich noch getragen hätten, wenn Natalie mich nicht gestützt hätte. Ich vergrub mein Gesicht in ihrer Schulter und weinte.

In meinem Kopf war alles durcheinander. Was war nur mit Finn los? Das eben war nicht der Mann gewesen, in den ich mich verliebt hatte. Ja, wir waren erst seit zwei Monaten zusammen, aber in der Zeit war alles zwischen uns perfekt gewesen. Ich liebte ihn. Wie konnte er mich da einfach so wegwerfen?

Natalie streichelte über meinen Rücken. „He, das wird schon wieder“, sagte sie. „Finn kriegt sich schon wieder ein. Bestimmt ist er selbst nur überfordert.“

Aber ich wollte das alles nicht hören. Finn war weg. Und es war meine Schuld. Irgendetwas stimmte nicht mit mir.

Ich drückte Natalie noch ein letztes Mal, ehe ich mich von ihr löste. Anschließend wischte ich mir die Tränen aus dem Gesicht. „Ich geh wieder ins Bett“, sagte ich. Meine Stimme zitterte.

Natalie musterte mich besorgt. „Und wenn du wieder jemanden siehst?“, fragte sie.

„Dann ist er nicht real, oder?“ Mit diesen Worten ging ich an ihr vorbei in mein Zimmer. Von Zoe fehlte jede Spur.

Mein nächster Blick fiel auf Finns Blume auf meinem Schreibtisch. Sie stand voller Stolz da, als wolle sie mich an ihn erinnern. Ich ignorierte sie.

Anschließend legte ich mich wieder hin. Ich schaltete die Nachttischlampe aus und drehte mich mit dem Gesicht zur Wand, ehe ich mich leise in den Schlaf weinte.

Es kostete mich eine große Anstrengung, mich am nächsten Tag aus dem Bett zu hieven. Aber da ich keine Pflichtvorlesung verpassen wollte, blieb mir keine andere Wahl. Also schleppte ich mich mit schweren Herzen zur Uni.

Während der Vorlesung starrte ich jedoch die meiste Zeit nur gedankenverloren in die Luft oder kritzelte kleine Zeichnungen an den Rand meines Collegeblocks.

Als die Vorlesung endlich zu Ende war, packte ich meine Sachen zusammen. Während ich meine Jacke überzog, hielt ich jedoch inne. Ich spürte ein kleines hartes Stück Papier in einer der Taschen. Verwundert zog ich es heraus. Es war die Visitenkarte der Psychiaterin, die Finn mir gegeben hatte.

Mit gerunzelter Stirn starrte ich das Kärtchen an. Wenn ich so darüber nachdachte … Was sprach denn dagegen, einmal mit ihr zu reden? Schlimmer machen konnte sie meine Situation ja wohl kaum. Und wenn sie mir tatsächlich helfen konnte? Ich würde jedenfalls alles dafür geben, dass mein Leben wieder normal werden würde, dass Finn und ich uns wieder vertrugen.

Lediglich mein knurrender Magen hielt mich davon ab, ihre Nummer jetzt sofort in meinem Handy einzutippen, um sie anzurufen. Ich hatte heute Morgen nicht die Kraft gehabt, mir Frühstück zu machen.

‚Gleich nach dem Essen ruf ich sie an‘, dachte ich, während ich mich auf den Weg zur Mensa machte.

Als ich mich gerade mit meinem Tablett an einen freien Tisch gesetzt hatte, kam ein anderer Student auf mich zu. Ich kannte ihn lediglich von den Sachen, die man über ihn sagte. Sein Name war Noah. Er hatte schwarz gefärbte Haare, trug fast ausschließlich dunkle Kleidung – manchmal sogar schwarzen Eyeliner – und hatte Snakebite-Piercings an der Unterlippe.

Zuerst dachte ich noch, er ginge bloß an mir vorbei. Er blieb jedoch direkt vor mir stehen, seine Augen fest auf mich gerichtet. Ich sah ihn mit großen Augen an. Was wollte er von mir? Wenn Finn mich mit ihm sah, würde er mich wohl endgültig abschreiben. Zumindest wusste ich, wie Finn und sogar Natalie über ihn dachten. Ihrer Meinung nach war er der wohl größte Freak auf dem Campus – und das nicht nur wegen seiner Kleidung. Wie gesagt gab es allerlei Gerüchte über ihn. Ich hatte sogar mal gehört, dass er schon einmal jemanden umgebracht habe.

Noah hingegen schien es völlig egal zu sein, was die anderen über ihn dachten. Er ignorierte die blöden Sprüche und schiefen Blicke. Ehrlichgesagt bewunderte ich ihn dafür ein wenig. Aber das durften Finn und Natalie natürlich niemals erfahren.

„Kann ich dir helfen?“, fragte ich schließlich.

Noah sah mir direkt in die Augen. „Stimmen die Gerüchte?“, fragte er. „Kannst du wirklich Geister sehen?“

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9 Kommentare

  1. Rabbat07 says:

    nee tatsächlich leider nicht 😅 hab meiner Lehrerin von der legende erzählt und Sue hat euch irgendein Video auf YouTube rausgesucht, und ihr Name ist auch ganz anders ^^ zumal Sue eh nun in Rente ist

  2. Rabbat07 says:

    gelungenes Kapitel ^^ auch wenn ich lunas Wahl, Finn als festen Freund zu nehmen, etwas.. naja.. ich hätte zumindest von meinem Partner erwartet daß er/sie länger bei mir bleibt bevor die Nerven zu Grunde gehen.. könnte aber vielleicht auch einfach daran liegen das ich selbst mit Halluzinationen zu kämpfen habe und es einfach Wunschdenken sein kônnte..

    • Jeremie Michels says:

      Oh ja. Jeder hasst Finn. 😂 Aber gerade am Anfang der Beziehung hat man ja noch oft eine rosarote Brille auf. Außerdem eignet er sich wunderbar als Stilmittel, um im Verlauf des Manuskripst Lunas psychisches Wachstum zu zeigen. (Oje, ich klinge schon wie die ganzen Deutschlehrer, die in jedes Detail eines Textes ein Stilmittel interpretieren. In diesem Fall hätten sie sogar recht. 😅)

        • Jeremie Michels says:

          Tatsächlich hat schon einmal eine Englischlehrerin meine Geschichte von Jack o’Lantern für ihren Unterricht benutzt (wenn auch nur die Geschichte um Jack o’Lantern, die Lisa in der Geschichte Jenny und Jonas erzählt hat). Also wer weiß … Wenn du nicht gerade die brutalsten Geschichten vorschlägst … 😁

          • Rabbat07 says:

            hmm dein damaliges halowen Special in dieser Uni oder was das war mit den sechs morden oder so xD aber tatsächlich habe ich durch dich jack o lsntern kennengelernt, und die Legende an sich meiner Lehrerin vorgeschlagen, sie hat diese dann als Hörspiel vor der Klasse gezeigt

          • Jeremie Michels says:

            Ohhh! Witzig. Dann hab ich dir meine erste Vertonung zu verdanken? Ich weiß jetzt nicht, ob deine Lehrerin Frau Koschar oder Frau Holzer ist/war, aber die Aufnahme höre ich mir immer noch ab und zu gerne mal an. 😄

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