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Nishi Zeichnung von Jeremie Michels. Man sieht ein junges Mädchen mit dunkler Haut und schwarzen Haaren in der Dunkelheit stehen. Sie trägt ein orangenes Kleid. Sie hat einem den Rücken zugewandt und hält einen Teddybären in ihrer rechten Hand. In der Ferne sieht man eine dunkle Silhouette mit roten Augen. Über der Silhouette steht in roter unheimlicher Schrift "Ananya! Ananya!"
Nishi (2020)

Nishi – Die Stimmen der Nacht

Ein Nishi ist ein indischer Geist, der besonders häufig in Bengalen gesichtet bzw. gehört werden soll. Er kommt jedoch nur heraus, wenn Dunkelheit herrscht.

Die Geschichte:

Es war bereits dunkel. Wie jeden Abend zog ich durch die leeren Straßen. Ich durchsuchte die dunklen Gassen und den Stadtpark – wenn man die halbvertrockneten Bäume, den Kiesweg und die paar Bänke denn so nennen konnte – und hielt nach Straßenkindern und jungen Mädchen Ausschau.

Ich bin aber kein Perverser, falls ihr das jetzt denken solltet. Nein. Ich suchte nach meiner Tochter – meiner Ananya. Innerlich wusste ich, was mit ihr geschehen war. Ich wusste, dass sie nicht mehr am Leben war. Aber solange man ihre Leiche nicht gefunden hatte, würde ich es mir niemals eingestehen!

Und so suchte ich seit Jahren Abend für Abend – manchmal bis tief in die Nacht hinein – nach meinem kleinen Mädchen.

„Naveen! Naveen!“, rief plötzlich eine Stimme meinen Namen. Ich kannte die Stimme. Es war die Stimme meines besten Freundes.

Trotzdem drehte ich mich nicht um. Ich blieb stehen und wartete. Ich wartete auf ein drittes Mal, dass er meinen Namen rief. Doch sein Ruf blieb aus.

Wütend schüttelte ich den Kopf. Wie häufig würde der Nishi es denn noch versuchen? Erst hatte er mir meine Tochter genommen und dann kam er zurück und wollte mehr.

Er rief in der Stimme meiner Familie, in den Stimmen meiner Freunde, sogar meine Nachbarn imitierte er, um mich in die Falle zu locken. Wenn ich darauf reagieren sollte – so heißt es –, würde ich die Kontrolle über meinen Körper verlieren. Ich würde dem Nishi folgen, bis er mich schließlich tötete. Das war ihre Masche. Diese bösen Geister waren unglaublich mächtig.

Doch die Nishi haben eine entscheidende Schwäche: So perfekt sie auch Stimmen imitieren konnten, sie konnten nie häufiger als zweimal rufen.

Und so hatten viele Bewohner unserer Stadt sich angewöhnt, immer zu warten, bis man das dritte Mal gerufen wurde, bevor man reagierte. Trotzdem verschwanden immer wieder neue Leute. Männer, Frauen, Senioren, Kinder. Die Nishi waren nicht wählerisch. Wenn man den Legenden glaubte, mussten sie regelmäßig töten, da sie sonst nicht überleben konnten.

Ich weiß nicht, ob Ananya damals der erste Fall war oder ob ihr Verschwinden bloß genug Aufsehen erregt hatte, um die Bewohner der Stadt auf den Nishi aufmerksam zu machen. Seither hatten viele Leute versucht, etwas gegen den Geist zu unternehmen. Ich wusste von Gebeten, Opfergaben, Priestern, Schamanen und sogar Gläserrücken. Nichts hatte etwas bewirkt. Und so begannen die Leute, aus der Stadt wegzuziehen oder nachts ihre Häuser nicht mehr zu verlassen.

Früher waren Begegnungen mit dem Nishi selten, weil er seine Angriffe auf die vielen Leute verteilen konnte. Doch inzwischen rief er mich fast jede Woche – manchmal sogar mehrfach. Wahrscheinlich kämpfte er bereits um sein Überleben, während seine Opfer immer weniger und aufmerksamer wurden.

Dass die Angriffe des Nishi nicht nur häufiger, sondern auch hinterhältiger wurden, merke ich bereits am nächsten Abend. Wie immer fuhr ich direkt nach der Arbeit nach Hause, zog mich um und begab mich in die Stadtmitte – dorthin, wo Ananya damals verschwunden war.

Wie jeden Tag leerten sich die Straßen bei Dämmerung. Mit einem mulmigen Gefühl sah ich zu der dünnen Mondsichel, die sich schwach am Himmel zeigte. Es war bald Neumond.

Nishi waren auf die Dunkelheit angewiesen. Der Mond durfte nur wenig Licht spenden oder musste bedeckt sein. Während man bei Vollmond relativ sicher war, häuften sich die Angriffe in den Tagen um Neumond herum drastisch. Mir standen ein paar sehr unruhige Nächte bevor.

Ich ging meine gewohnten Routen ab: Am Spielplatz vorbei, den Ananya so sehr geliebt hatte, auf dem eine einsame Schaukel jetzt leise im Wind quietschte, zu dem alten Schulgebäude, das inzwischen nicht mehr in Betrieb war und mir mit leeren, teilweise kaputten Fenstern entgegen starrte und zum Stadtpark, bei dem Ananya damals verschwunden war – dort, wo der Nishi mich gestern gerufen hatte.

Heute blieb es hier jedoch ruhig. Die trockenen Blätter raschelten im Wind. Irgendwo bellte ein Hund. Ansonsten herrschte Stille.

Leider fehlte auch von Ananya jede Spur. Viele Leute hielten mich für verrückt, dass ich drei Jahre nach ihrem Verschwinden noch immer nach ihr suchte. Nicht einen Tag hatte ich bisher verbracht, an dem ich nicht die mir inzwischen so vertraute Strecke abging.

Doch obwohl es scheinbar sinnlos war, konnte ich nicht aufhören, sie zu suchen. Wenn ich aufhörte, auch nur eine Nacht ausfallen ließ, würde das nicht die letzte sein. Ich würde mir immer häufiger sagen, dass sie diese Nacht sicherlich nicht auftauchen würde, bis meine Hoffnung schließlich verloren war. Und das konnte ich nicht. Ich wollte mir niemals eingestehen müssen, dass mein kleines Mädchen tot war. Das würde ich nicht verkraften …

„Naveen?“, ertönte eine Stimme hinter mir, als ich schon fast zu Hause war.

Mir stockte der Atem. Das hatte er nicht getan!

„Naveen, bist du es wirklich?“, ertönte die Stimme erneut.

Ich kannte die Stimme. Seit vielen Jahren hatte sie mich begleitet, bis meine Frau vor zwei Jahren verstorben war. Die Trauer um Ananya hatte ihr ihre letzte Lebenskraft genommen. Ich dachte, ich würde sie nie wieder hören.

Mein Mundwinkel zuckte, während ich versuchte, meine Tränen zurückzuhalten. Doch schnell merkte ich, wie kleine Tropfen feuchte Linien von meinen Augen bis zu meinem Kinn zogen. Das war nicht fair! Ich vermisste meine Frau. Sie wurde mir so plötzlich genommen … Wieso musste der Nishi ausgerechnet ihre Stimme benutzen?

Nachdem ich die Tränen fortgewischt hatte, ging ich nach Hause. Mein Kopf fühlte sich dumpf und leer an.

Einen schwachen Trost konnte ich darin finden, dass der Nishi heute deutlich näher an den bewohnten Häusern war, als er sich normalerweise traute. Wenn wir Glück hatten, fand er niemanden mehr, der auf ihn hereinfiel. Er würde sterben. Dann wäre der Spuk endlich zu Ende.

Am nächsten Abend nahm ich wieder dieselbe Route. Ich wartete geradezu darauf, die Stimme meiner Frau erneut zu hören. Diesmal würde ich mich nicht davon aus der Fassung bringen lassen. Solle der Nishi mir doch in ihrer Stimme vorheulen, dass er mich vermisse, dass er einsam sei. Verdammt, solle er mir sogar sagen, dass er wisse, wo Ananya sei. Dieses Mal würde ich ihn nicht an mich heranlassen. Es würde mich sicherlich nicht kaltlassen, aber der Schock von gestern war überwunden. Heute Nacht war ich vorbereitet!

Trotzdem muss ich gestehen, dass ich an diesem Abend nicht ganz bei der Sache war. Ich achtete kaum auf die Leute, die mir begegneten, sah sie kaum näher an, um sicherzugehen, dass meine Tochter nicht unter ihnen war. Stattdessen achtete ich viel mehr auf die Geräusche. Jedes Knacken, jedes Rascheln, jeder Schritt, der durch die Straßen hallte, jedes Gespräch in der Ferne, jeder Fernseher, der hinter einem der Fenster ertönte, fiel mir auf. Aber ganz besonders achtete ich auf die Stimmen. Meist waren es nur entfernte Unterhaltungen ohne größere Bedeutung. In der Nähe von Ananyas Schule schnitt jedoch eine sehr klare Stimme durch die Luft.

„Papa? Papa!“

Überrascht blieb ich stehen. Ohne darüber nachzudenken fuhr ich herum. „Ananya?“

Zu spät bemerkte ich den hinterhältigen Trick, auf den ich hereingefallen war. Hätte ich nur einen Moment innegehalten, um nachzudenken, wäre mir aufgefallen, dass Ananyas Stimme nach drei Jahren sicherlich nicht mehr so klang, wie ich sie in Erinnerung hatte. Ich hätte angespannt gewartet, ob sie mich ein drittes Mal rief. Doch ich hatte nicht nachgedacht. Meine Reflexe und Emotionen waren mir zuvorgekommen. Ich hatte auf den Nishi reagiert …

Die Legende:

Nishi (bengalisch für „Nacht“), auch Nishi Dak oder Nishir Daak (bengalisch für „Rufen der Nacht“) genannt, sind Geister der indischen Folklore.

Aussehen:

Über das Aussehen der Nishi ist nicht viel bekannt. Es heißt, dass niemand, der je einen Nishi aus der Nähe gesehen hat, überlebt habe.

Daher lassen sich Nishi in der Dunkelheit meist nur als menschenähnliche Silhouette erkennen. Manchmal heißt es auch, dass sie die Silhouette der Person annehmen, deren Stimme sie imitieren.

Eigenschaften:

Nishi sind Geister, die nur bei Nacht auftauchen. Häufig heißt es außerdem, dass es eine sehr dunkle Nacht z.B. bei Neumond oder starker Bewölkung sein muss.

Wenn ein Nishi es auf jemanden abgesehen hat, erkennt man es daran, dass er den Namen seines potentiellen Opfers ruft. Er imitiert dabei die Stimme einer nahestehenden Person, meist eines engen Freundes oder Familienmitglieds.

Es heißt, dass man nicht auf diese Rufe reagieren darf. Wenn man es doch tue, überkomme einen ein hypnoseartiger Zustand, der dafür sorgt, dass man sich dem Nishi nähert oder ihm an einen abgeschiedenen Ort folgt, wo er einen tötet.

Alternativ wird behauptet, dass man zwar volle Kontrolle über seinen Körper habe, der Nishi sich aber immer so weit von einem entfernt bewege, dass man nur seine Silhouette erkennen kann. Bei dieser Version lockt der Nishi sein Opfer ebenfalls an einen abgeschiedenen Ort, um es zu töten.

Es gibt jedoch eine einfache Methode, wie man einen Nishi erkennen kann. Sie können den Namen ihrer Opfer nämlich nur zwei Mal rufen. Wenn man seinen Namen ein drittes Mal hört, weiß man, dass es sich nicht um einen Nishi handelt. Hört man ihn hingegen nur zweimal, sollte man nicht darauf reagieren.

Hauptsächlich bevorzugt Nishi Menschen, die alleine sind.

Viele Leute schwören auch, dass sie einen Nishi in oder um ihr Haus herum gehört haben, z.B. wenn sie im Bett lagen. Das ist jedoch eher ungewöhnlich, da Nishi sich hauptsächlich an abgelegeneren Orten aufhalten sollen.

Nishi töten auch nicht aus reinem Hass oder Boshaftigkeit. Es heißt, dass sie ohne die Morde nicht überleben können.

Lebensraums/Vorkommen:

Da die Nishi indische Geister sind, kommen sie hauptsächlich in Indien vor. Um genau zu sein in Bengalen, also der geographischen Region Indiens, in der hauptsächlich Bengali gesprochen wird.

Auch wenn Nishi durchaus in Städten vorkommen sollen, heißt es, dass sie hauptsächlich dunke, abgeschiedene Orte bevorzugen.

Ursprung:

Ein Nishi soll entstehen, wenn ein Verstorbener nicht ordnungsgemäß beerdigt wurde oder die zur Bestattung gehörenden Rituale vernachlässigt wurden.

Selten heißt es zudem, dass die Opfer der Nishi ebenfalls zu Nishi werden.

Den genauen Ursprung der Nishi Legende habe ich nicht herausfinden können. Es ist jedoch durchaus denkbar, dass die Angst vor der Dunkelheit, sowie Schlafwandel – für den in betroffenen Regionen häufig Nishi verantwortlich gemacht werden – eine Rolle in der Entstehung gespielt haben.


Was haltet ihr von den Nishi? Glaubt ihr, dass es diese geisterhaften Stimmen der Nacht wirklich gibt? Würdet ihr euch umdrehen, wenn eine vertraute Stimme mitten in der Nacht nach euch ruft? Schreibt es in die Kommentare!

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