Startseite » Der verschwundene Anhalter

„Der verschwundene Anhalter“ Zeichnung von Jeremie Michels. Man sieht eine junge Frau mit kurzen braunen Haaren von hinten. Sie trägt eine Lederjacke, darunter ein rotes T-Shirt und eine dunkelblaue Jeans. Da sie über die Schulter zum Betrachter sieht, erkennt man außerdem schwarzen Eyeliner und ein Nasenpiercing. Den linken Arm hält sie halb gestreckt, während sie den Daumen gehoben hat, als würde sie auf ein Auto warten, dass sie auf ein Auto warten, dass sie mitnehmen kann.
Der verschwundene Anhalter (2020)

Der verschwundene Anhalter

„Der verschwundene Anhalter“ ist eine der bekanntesten urbanen Legenden, die es gibt. Daher ist sie unter den vielen Legenden, die Anhalter beinhalten, wohl die beliebteste.

Die Geschichte:

„Hey, können Sie mich mitnehmen?“, fragte die junge Frau, als ich mein Autofenster heruntergerollt hatte. Sie sah aus der Nähe noch jünger aus, als ich dachte – vielleicht 15 oder 16.

Ihr Auftreten war ziemlich rebellisch. Immerhin hatte sie dem Auto vor mir Beleidigungen hinterhergebrüllt und ihm den Mittelfinger entgegengestreckt. Zudem trug sie dunklen Lippenstift, schwarzen Eyeliner, hatte ein Nasenpiercing, kurze braune Haare und trug zerrissene Jeans.

Zuerst hatte ich überlegt, ebenfalls an ihr vorbei zu fahren. Aber wer weiß, was für Typen sich zu dieser späten Uhrzeit hier herumtrieben. Der nächste, der durch den Wald fuhr, hatte vielleicht ganz andere Dinge mit ihr vor, als sie nach Hause zu bringen.

„Klar“, sagte ich nach einem kurzen Zögern. „Wo wollen Sie denn hin?“

„Pine Street 37. Wissen Sie, wo das ist? Wenn es nicht auf Ihrem Weg liegt, können Sie mich auch gerne nur ein Stück mitnehmen“, erwiderte sie, während sie die Tür öffnete.

„Das passt. Sind vielleicht fünf Minuten Umweg.“

„Voll korrekt, Mann!“, antwortete sie, während sie einstieg. „Ich heiße übrigens Liz.“

„Josh“, erwiderte ich und hielt ihr meine Hand entgegen. Sie ignorierte sie.

‚Na toll, da rede ich einmal mit einer Teenagerin und schon bin ich uncool‘, dachte ich, während ich meine Hand zögernd wegnahm, um den Motor zu starten.

Als wir weiterfuhren, breitete sich eine unbehagliche Stille im Auto aus, die nur durch Liz‘ gelegentliches Schmatzen auf ihrem Kaugummi und den monotonen Fahrgeräuschen unterbrochen wurden.

Ich sah immer wieder verstohlen zu ihr hinüber. Was ein so junges Mädchen wohl mitten in der Nacht in einem Wald zu suchen hatte?

An sich wirkte sie ziemlich cool. Ihre Art erinnerte mich an meine Schwester, zu der ich als Kind immer aufgesehen hatte. Aber irgendetwas an ihr war anders. Ich weiß nicht genau, wie ich es beschreiben sollte. Es war eine Art „Kälte“. Ich meine hier keine Kaltherzigkeit, sondern etwas anderes. Zu dem Zeitpunkt kam ich jedoch nicht darauf.

„Was?“, fuhr Liz mich leicht genervt an.

Ich zuckte zusammen. Sie wirkte angespannt. Sie musste meine Blicke bemerkt haben.

„Oh … Nichts … Tut mir leid!“, stammelte ich. „Ich hab mich nur gewundert, was eine Teenagerin nachts in den Wald treibt …“

„Ah“, sagte sie knapp und schien sich etwas zu entspannen. „Ich hatte einen Autounfall.“

Jetzt sah ich sie mit großen Augen an, musste mich aber schnell wieder der Straße zuwenden, damit uns nicht das gleiche Schicksal ereilte. Auf eine Erklärung wartete ich jedoch vergebens. Stattdessen fragte Liz nur: „Darf ich?“, und schaltete ohne eine Antwort abzuwarten das Radio ein. Sie stellte auf einen Rock-Sender um.

Ich überlegte, nachzuhaken, doch wollte nicht aufdringlich sein – immerhin schien es ihr gutzugehen.

Und so fuhren wir die nächsten Minuten schweigend weiter, während wir dem Radio lauschten. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Liz im Takt der Musik mit dem Kopf wippte. Ich musste schmunzeln. Sie hörte erst auf, als wir uns der Pine Street näherten.

„Hier gleich rechts!“, sagte sie.

Nachdem ich abgebogen war, suchte ich die Häuser nach Hausnummern ab. Ich fuhr jetzt sehr langsam. 19, 21, 23 … 31, 33, 35, 37. Wir waren da.

Da die Straße sehr eng war, fuhr ich auf die Auffahrt.

„So, da wären …“, meine Worte blieben mir im Hals stecken, während mein Mund weit offen stand. Wo war Liz? Der Sitz neben mir war leer!

Verwirrt sah ich auf die Rücksitzbank. Nichts. Die Tür stand auch nicht offen, und wenn Liz sie zugeschlagen hätte, hätte ich das doch hören müssen!

Irritiert schnallte ich mich ab und stieg aus dem Wagen. Ich sah die Straße entlang. Sie war nur schwach beleuchtet und es wehte ein sanfter Wind. Hören konnte ich nur einige Grillen.

Ich ging um mein Auto herum, aber nichts. Liz war wie vom Erdboden verschluckt!

Ich entschied, zum Haus zu gehen und mich nach ihr zu erkundigen. Vielleicht hatte sie es ja irgendwie geschafft, unbemerkt ins Haus zu gelangen?

‚Ding Ding!‘, ertönte die Klingel. Drinnen hörte ich einige Geräusche, bis ein älterer Herr schließlich die Tür öffnete.

„Ja? Kann ich helfen?“, fragte er, während er misstrauisch durch den Türspalt spähte.

„Ich … suche ein Mädchen. Sie ist bei mir per Anhalter mitgefahren und wollte zu dieser Adresse. Etwa so groß, kurze braune Haare, leicht rebellisch, Nasenpiercing?“

„Elizabeth?“, fragte der Mann mit geweiteten Augen.

„Ja, das könnte hinkommen, sie hat sich als Liz vorgestellt“, bestätigte ich.

„Das ist unmöglich!“, sagte der Mann plötzlich sehr rau. Er öffnete die Tür und trat bedrohlich einen Schritt auf mich zu. „Finden Sie das lustig?“

Ängstlich wich ich zurück. „Bitte, ich … Sie meinte, dass sie einen Autounfall hatte. Ich will doch nur wissen, ob es ihr gut geht!“

Jetzt taumelte der Mann zurück, als hätte ich ihn geschlagen. Tränen füllten seine Augen. „Woher wissen Sie davon? Kannten Sie meine Tochter?“, fragte er.

„Ihre Tochter? Wenn Sie Liz meinen, ich hab sie im Wald aufgesammelt. Sie hat mir diese Adresse genannt. Ich war nur einen Moment unaufmerksam. Sie muss rausgesprungen sein …“

„Wann war das?“

„Na eben gerade“, erwiderte ich verwirrt. „Sie saß eben noch in meinem Auto.“

Der Mann schob mich beiseite und rannte zur Straße. Er sah sie auf und ab, als würde er nach Liz suchen.

„Was ist denn los?“, fragte ich verwundert. „Ich verstehe nicht!“ Wieso verhielt sich der Mann so seltsam?

Jetzt drehte er sich wieder zu mir. „Liz … meine Tochter. Sie ist genau heute vor einem Jahr bei einem schweren Autounfall gestorben!“

Die Legende:

Der verschwundene Anhalter (original englisch „The vanishing hitchhiker“), auch der Phantom-Anhalter (engl. „the phantom hitchhiker“) genannt, ist eine bekannte urbane Legende, die es in vielen verschiedenen Versionen überall auf der Welt gibt.

Der Anhalter:

Um wen es sich bei dem Anhalter handelt, unterscheidet sich von Geschichte zu Geschichte. Sowohl Alter, als auch Geschlecht und Kleidung kann dabei deutlich variieren.

Wer oder was genau die mysteriösen Anhalter sind, kann sich auch je nach Version unterscheiden. So gibt es viele Versionen, in denen sie Geister sein sollen, aber auch einige wenige, wo der Anhalter eine getarnte Gottheit gewesen sein soll.

Ablauf:

Der Anfang ist bei fast jeder Version der „Der verschwundene Anhalter“-Legende identisch. Im Normalfall fährt eine Person (manchmal auch mehrere Personen) abends oder nachts durch die Straßen, als sie einen Anhalter sieht. Sie entscheidet, den Anhalter mitzunehmen, und lässt ihn zu sich ins Auto.

Version 1 – der Anhalter möchte nach Hause:

In dieser Version nennt der Anhalter dem Fahrer eine Adresse, bei der er angeblich wohne. Als der Fahrer das Haus erreicht, ist der Anhalter jedoch spurlos verschwunden, ohne ausgestiegen zu sein.

Der Fahrer kann sich das Verschwinden natürlich nicht erklären. Daher steigt er häufig aus und erkundigt sich bei dem angeblichen Zuhause nach dem Anhalter. Hierbei kommt schließlich heraus, dass es sich bei dem Anhalter um eine bereits verstorbene Person handelt.

Version 2 – der Anhalter nennt die Adresse eines Friedhofs:

Bei dieser Variante nennt der Anhalt ebenfalls eine Adresse, zu der er möchte oder bei der er wohne. Als der Fahrer die Adresse jedoch erreicht, steht dort ein Friedhof.

Der Fahrer ist daraufhin meist verwundert und möchte sich erkunden, ob er zur falschen Adresse gefahren sei, muss jedoch feststellen, dass der Anhalter verschwunden ist.

Häufig wird bei dieser Version auch erwähnt, dass der Fahrer dem Anhalter einen Gegenstand wie etwa eine Jacke oder einen Mantel geliehen habe. Der Gegenstand liegt daraufhin meist auf einem der Grabsteine, unter dem der in Wirklichkeit bereits verstorbene Anhalter begraben liegt.

Version 3 – der Anhalter verschwindet auf halber Strecke:

Bei dieser Version nennt der Anhalter ebenfalls einen Ort oder gibt Weganweisungen. Noch während der Fahrt verschwindet der Anhalter jedoch spurlos.

Zuvor hat er dem Fahrer jedoch meist einen wertvollen Tipp – z.B. bei Problemen in der Familie oder Beziehung – gegeben oder ihn vor einer bevorstehenden Katastrophe gewarnt.

Version 4 – der Anhalter ist eine getarnte Gottheit:

Eine eher seltenere Version besagt, dass der Anhalter in Wirklichkeit eine lokale Gottheit sei, die jene Fahrer belohnt, die sie mitnehmen wollen. Hierbei erhält der Fahrer häufig einen wertvollen Tipp oder ein anderes Geschenk, bevor der Anhalter sich in Luft auflöst.

Ort des Geschehens:

Die „Der verschwundene Anhalter“-Legende ist eine alte und sehr beliebte Legende. Daher ist sie auch sehr weit verbreitet. Fast überall auf der Welt hat man sich bereits die eine oder andere Variante dieser Geschichte erzählt.

Ursprung:

Legenden in der Art von „Der verschwundene Anhalter“ werden bereits seit Jahrhunderten in ähnlichen Varianten erzählt. So gibt es z.B. alte Versionen, bei denen der heutige Anhalter ein Mitfahrer in der Bahn oder ein Anhalter per Kutsche oder Pferd war.

Doch obwohl „Der verschwundene Anhalter“ eine Legende ist, die bereits sehr gut untersucht und erforscht wurde, hat man bisher keinen eindeutigen Ursprung, keine Geschichte, auf der die Legende basiert, finden können. Man geht jedoch davon aus, dass ihr Ursprung irgendwo in Europa liegt.

Einen großen Bekanntheitsschub erhielt die Legende im Jahre 1981, als Jan Harold Brunvand das Buch „The Vanishing Hitchhiker: American Urban Legends and Their Meanings“ veröffentlichte, in dem es u.A. um die Legende ging.


Was haltet ihr von der „Der verschwundene Anhalter-Legende? Glaubt ihr, dass es diese geisterhaften Anhalter wirklich gibt, oder handelt es sich eurer Meinung nach nur um eine wieder und wieder erzählte Legende? Wie würdet ihr reagieren, wenn ein Anhalter plötzlich aus eurem Auto verschwinden würde? Schreibt es in die Kommentare!

Wenn ihr mehr solche Geschichten oder Legenden lesen wollt, abonniert auch gerne meinen Newsletter, oder folgt mir auf TwitterFacebook oder Instagram.

1 Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.