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Jorōgumo
Jorōgumo (2019)

Jorōgumo

Da ich bald Geburtstag habe, habe ich mich für die Legende der Jorōgumo entschieden. Die Geschichte ist mal wieder etwas anders, als normalerweise, aber ich hoffe, dass sie euch trotzdem gefällt!

Die Geschichte:

Ich habe lange gewartet … So lange gewartet, bis zu meinem vierhundertsten Geburtstag – und heute, war es soweit. Wenn eine Jorōgumo wie ich 400 Jahre alt wurde, war das etwas ganz Besonderes. Es würde mein Leben verändern!

Voller Vorfreude sah ich mich in meinem neuen Zuhause um. Ich hatte es bereits vor einigen Monaten entdeckt. Es hatte eine gute Lage in Stadtnähe und war schon seit Ewigkeiten unbewohnt.

Neugierig sah ich mich um. Im Hausinneren lag der Staub so hoch, dass er meinen jüngeren Schwestern wohl bis zu den Knien gereicht hätte, aber ich war in den letzten Wochen so stark gewachsen, dass meine acht Beine problemlos über ihn hinweggehen konnten.

Von Außen war das Haus gut in Schuss. Es würde mich nicht viel Arbeit kosten, es wieder bewohnt aussehen zu lassen. Die perfekte Falle für meine neue Nahrung!

Ich muss gestehen, dass ich bereits aufgeregt war. Seit Jahrhunderten aß ich fast ausschließlich Insekten. Mal eine Motte, mal Fliegen und manchmal sogar nur Mücken. Ich war es leid!

Wenn ich Glück hatte, verfingen sich Vögel oder Fledermäuse in meinem Netz. Sie zerstörten es zwar und wenn sie schnell genug waren, konnten sie sich wieder befreien, dafür waren sie aber umso köstlicher.

Viele meiner jüngeren Schwestern hingegen, waren nie in den Genuss von echtem Fleisch gekommen. Sie fürchteten die scharfen Klauen, die spitzen Schnäbel oder auch nur die Größe ihrer potentiellen Opfer. Sie waren einfach zu schwach!

Andererseits hatte ich auch viele von ihnen sterben sehen. Es war selten, dass sie so alt wurden, wie ich – was mich zum Thema zurückbringt: Ich wurde vor genau 400 Jahren geboren, als die Sonne den Morgenhimmel rot einfärbte.

Voller gespannter Erwartung warf ich einen Blick aus dem Fenster. Der Himmel fing bereits an, eine hellgraue Farbe anzunehmen. Meine Verwandlung stand kurz bevor!

Wenn es so weit war, durfte ich jedoch nichts überstürzen. Ich durfte meine Aufregung nicht meinen Verstand benebeln lassen. Menschen waren schlauer als Vögel, Fledermäuse oder Insekten. Sie würden mir nicht so einfach in die Falle gehen – keine so einfache Beute abgeben.

Wenn mein Körper sich erst verändert hatte, würden Insekten oder auch Vögel mir nicht mehr ausreichen. Es würde nicht mehr genügen, mein Netz zu spannen und zu warten. Dann müsste ich nicht nur eine geschickte Fallenstellerin und eiskalte Killerin sein, sondern auch eine Jägerin!

Ein erneuter Blick aus dem Fenster verriet mir, dass der Himmel begonnen hatte, sich rot zu färben. Es musste jetzt jede Sekunde soweit sein!

Ich zitterte am gesamten Körper. Es war jedoch nicht vor Aufregung. Niemand hatte mir gesagt, dass der Schmerz so stark sein würde.

Meine acht Beine fühlten sich an, als würden sie eines nach dem anderen ausgerissen werden. Sie rückten näher zueinander, begannen zu verschmelzen, sich zu umschlingen. Die Spitzen fransten auseinander und begannen Finger zu formen.

Mein Hinterleib brach entzwei, formte sich zu einem Unterkörper und zwei Beinen.

Überall platzte meine Haut ab und verwandelte sich zu Stoff, der sich dicht um meinen Körper schmiegte.

Ich spürte jeden Muskel, jeden Knochen, der sich zu bilden begann – und es tat weh.

Doch das alles war nichts im Vergleich zu meinem Gesicht: Meine acht Augen begannen, sich in meinem Kopf zu bewegen. Zwei von ihnen platzen auf und verschmolzen mit der hellen Haut, die sich jetzt bildete. Die anderen sechs Augen verbanden sich zu zwei größeren Augen.

Mein Schädel begann zu brechen und sich zu verändern. In der Mitte meines Gesichts bildete sich eine Beule – Knochen und Knorpel formten eine feine Nase.

Ein Riss bildete sich, der tiefer und tiefer in meinen Kopf hinein schnitt und sich zu Mund, Lippen und Rachen formte.

Zuletzt löste sich meine letzte spinnenhafte Haut stellenweise ab und franste aus. Ich hätte gedacht, dass ich nicht spüren würde, wie sich die Haare bildeten, doch stattdessen fühlte es sich an, als würde meine Haut wieder und wieder und wieder zerreißen, bis sie schließlich ihr Gefühl verlor.

Erschöpft blieb ich am Boden liegen. Ich sah schwer atmend an mir herab. Mein Blick fiel auf einen bunten Kimono und zarte, nackte Füße.

Als ich schließlich aufstand, war die Sonne bereits aufgegangen.

So schwach wie jetzt hatte ich mich noch nie gefühlt. Ich hatte geplant, erst das Haus vorzubereiten, bevor ich mich auf die Jagd machte. Aber in meinem Zustand war das nicht möglich. Ich brauchte dringend Nahrung!

Mit zittrigen Knien ging ich zu einem Spiegel. Das Laufen fühlte sich seltsam an. Aber ich müsste mich schnell daran gewöhnen, wie ein Mensch zu gehen, wenn ich überleben wollte.

Beim Spiegel angekommen, wischte ich vorsichtig den Staub vom Glas und blickte hinein. Ich zögerte.

Die Frau, die mir entgegenblickte und noch immer zitterte, war wunderschön.

Meine Haut war bleich, sah aber trotzdem gesund aus. Leichte Schminke zierte meine Augen, Wangen und Lippen, aber es sah natürlich aus. Meine schwarzen Haare hingen wie Seide von meinem Kopf herunter und schmiegten sich um meinen Hals.

Ich brauchte mir keine Gedanken zu machen. Mit diesem Aussehen würde mir jeder Mann folgen – egal wohin.

Ein Lächeln zog sich über mein Gesicht. Es sah süß und lieblich aus, obwohl ich Kälte und Gehässigkeit in mir spürte. Doch es war auch eine gewisse Freude dabei. Noch heute würde ich meinen ersten Menschen essen!

Ich bin eine Jägerin, eine Fallenstellerin, eine Killerin. Ich bin eine Jorōgumo!

Die Legende:

Jorōgumo ist der japanische Name einer Spinnenart und eines Yōkai.

Zu Deutsch bedeutet Jorōgumo so viel wie „bezirzende Frau“. Es heißt jedoch, dass diese Bedeutung erst später hinzugefügt wurde, um die ursprüngliche Bedeutung „prostituierte Spinne“ zu verstecken.

Diese beiden Namen fassen den Yōkai sehr gut zusammen, da es sich um eine Spinne handeln soll, die sich in eine wunderschöne Frau verwandeln kann, um auf Menschenjagd zu gehen.

Aussehen:

Jorōgumo sind Spinnen der Art Nephila pilipes und sehen in nicht verwandelter Form daher auch aus wie diese.

Wenn sie sich jedoch verwandeln, werden sie zu einer wunderschönen Frau, etwa im Alter von 20 Jahren.

Zu der Kleidung gibt es keine genaueren Angaben, in den meisten Zeichnungen tragen Jorōgumo jedoch einen bunten Kimono.

In alternative Darstellung der Jorōgumo besitzen sie den Oberkörper einer Frau und den Unterkörper einer Spinne oder aber andere Merkmale, wie z.B. Spinnenbeine, die scheinbar aus ihrem Rücken wachsen.

Eigenschaften:

In Japan werden einigen Spinnenarten übernatürliche Kräfte zugesagt. Die Spinnenart Nephila pilipes (japanisch: Jorōgumo) ist eine von ihnen.

Normalerweise ernähren sich Jorōgumo von Insekten und in selteneren Fällen, wenn die Spinne bereits größer ist, manchmal von Vögeln oder Fledermäusen.

Wird eine Jorōgumo hingegen 400 Jahre alt, entwickelt sie übernatürliche Fähigkeiten:

Sie kann sich nun in eine wunderschöne Frau verwandeln und sich auf die Jagd nach Menschenfleisch machen.

Ihre liebste Beute sind junge Männer, die sie betört und zu sich nach Hause einlädt. In ihren Augen sind sie nichts anderes als Insekten, von denen man sich ernähren kann.

Wenn ein Mann ihr in die Falle geht, wickelt sie ihn in starke Fäden ein, aus denen er nicht entkommen kann.

Zudem besitzen sie ein starkes Gift, dass ihre Opfer Tag für Tag schwächer und schwächer werden lässt, wodurch sie einen langen, qualvollen Tod sterben.

Es heißt auch, dass sie die Fähigkeit besitzen, schwächere Spinnen zu kontrollieren. Unter ihnen sollen auch Spinnen sein, die angeblich Feuer speien können und die Häuser all jener niederbrennen, die der Jorōgumo auf die Schliche kommen.

In einigen Regionen jedoch werden Jorōgumo verehrt. In Kashikobuchi z.B. wird eine Jorōgumo als Gottheit angesehen, die die Leute vor dem Ertrinken schützen soll. Ihr zu Ehren wurde dort sogar ein Monument errichtet.

Lebensraum/Vorkommen:

Jorōgumo sollen sowohl in Höhlen, als auch in Wäldern und Häusern leben, wo sie jahrelang unentdeckt jagen können – auch inmitten von Städten.

Unterdessen stapeln sich die Knochenberge ihrer Opfer mehr und mehr.

Da es sich bei den Jorōgumo um die Gattung Nephila pilipes handelt, kommen sie auch nur in den natürlichen Lebensräumen der Spinnenart vor.

Ursprung:

Es gibt mindestens seit der Edo-Periode (1603 bis 1868) mehrere Geschichten über Jorōgumo.

Zwei dieser Geschichten sind besonders bekannt. Eine von ihnen handelt von einem Holzfäller, der eine Mittagspause an einem Wasserfall machen wollte, als plötzlich Fäden aus dem Wasserfall schießen, die an dem Mann kleben bleiben.

Verwundert wischte der Mann die Fäden an einem Baumstamm neben ihm ab, woraufhin der gesamte Stamm auf den See hinausgerissen wurde und hinter dem Wasserfall verschwand. Daraufhin soll eine Stimme ertönt sein, die „Kashikoi, kashikoi“ (japanisch für „Klever, klever“) sagte.

Daher soll Kashikobuchi (zu deutsch etwa „Kleverer Abgrund“) auch seinen Namen haben.

Die andere Geschichte handelt ebenfalls von einem Holzfäller und hat zwei verschiedene Variationen.

In beiden verliert der Holzfäller seine Axt, da sie in einen See bei einem Wasserfall fällt. Er soll hinterhergetaucht sein und sie von einer wunderschönen Frau am Grund des Sees zurückbekommen haben.

Er musste ihr versprechen, niemals von diesem Vorfall zu sprechen.

Als er jedoch eines Tages sehr betrunken war, brach er dieses Versprechen. Am nächsten Morgen soll er nicht mehr aufgewacht sein, oder von einem Faden nach draußen gezerrt und am nächsten Tag tot am Wasserfall gefunden worden sein.

In der zweiten Variante der Geschichte verliebte sich der Holzfäller in die Frau, die ihm die Axt zurückgegeben hat. Er besuchte sie jeden Tag, wovon er schwächer und schwächer wurde.

Der Oshō (ein buddhistischer Mönch, der einen Tempel leitet) seines Dorfes vermutete, dass er der Jorōgumo des Wasserfalls zum Opfer gefallen war und begleitete ihn.

Seine Vermutung wurde bestätigt, als ein Faden aus dem Wasser schoss und sich an den Holzfäller haftete. Der Oshō stieß daraufhin einen donnernden Schrei aus und der Faden verschwand.

Von seiner Liebe geblendet, hörte der Holzfäller jedoch nicht auf den Rat des Oshō und suchte den Tengu (einen Schutzgeist) des Berges auf und bat ihn um Erlaubnis, die Jorōgumo des Wasserfalls zu heiraten.

Als jedoch auch der Tengu ihm davon abriet und ihm keine Zustimmung gab, rannte der Holzfäller zurück zum Wasserfall. Er wurde von einem Faden ins Wasser gezogen und dann nie wieder gesehen.

Anmerkung:

Dafür, dass es früher recht viele Jorōgumo Legenden gab, ist es umso seltsamer, dass es heutzutage so gut wie nie vorkommt, dass eine von ihnen gesichtet wird.

Aber wer weiß? Vielleicht hat derzeit einfach noch keine von ihnen ihren vierhundertsten Geburtstag erreicht.


Was haltet ihr von der Legende der Jorōgumo? Denkt ihr, dass solche Monster wirklich existieren oder sind sie bloße Fantasie? Schreibt mir einen Kommentar!

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4 Kommentare

  1. Monika schreibt:

    Eine schmerzhafte Geschichte. Die Beschreibung der Verwandlung ist dir sehr gut gelungen. Hatte alleine vom Lesen schon Schmerzen. DX

    Zu den Fragen:
    ~Was haltet ihr von der Legende der Jorōgumo? Denkt ihr, dass solche Monster wirklich existieren oder sind sie bloße Fantasie?
    Die Legende gefällt mir.^^ Auch die Tatsache, dass sie die Bedeutung des Namens geändert haben, ist genial. Ich frage mich jetzt aber nur, ob Spinnen wirklich so alt werden können und hoffe einfach mal nicht.^^° Wobei ich als Frau anscheinend nicht so viel zu befürchten habe.

    Liebe Grüße
    Monika

    • Jeremie Michels schreibt:

      Eine schmerzhafte Geschichte. Die Beschreibung der Verwandlung ist dir sehr gut gelungen. Hatte alleine vom Lesen schon Schmerzen. DX
      Das freut mich und tut mir gleichzeitig leid. Also danke und Entschuldigung! xD
      Es hat auf jeden Fall richtig Spaß gemacht, mal aus der Sichtweise des Monsters zu schreiben. 😀

      Ich frage mich jetzt aber nur, ob Spinnen wirklich so alt werden können und hoffe einfach mal nicht.^^°
      An sich nicht, nein. Aber vielleicht gibt es ja irgendwelche ganz bestimmten Bedingungen, damit eine Jorōgumo entstehen kann. ^^

      Wobei ich als Frau anscheinend nicht so viel zu befürchten habe.
      Das stimmt. Solche Geschichten sind eher dazu gedacht, dass Männer wenigstens etwas nachdenken und nicht blind jeder Frau trauen, die ihnen Sex anbietet. xD

      • Vatch schreibt:

        Tatsächlich können Vogelspinnen, die man als Haustier hält, unter entsprechender Pflege gerne mal mindestens zwanzig Jahre alt werden.
        Die älteste bekannte Spinne, die es gab, war wohl die 2018 verstorbene „Nummer 16“, eine Falltürspinne, die mit 43 Jahren an einem Wespenstich starb.

        • Jeremie Michels schreibt:

          Und dann ist Nummer 16 nicht einmal altersbedingt gestorben. Wow. Das einige Spinnenarten so alt werden können, wusste ich jedenfalls nicht.
          Obwohl zu den 400 Jahren natürlich noch eeetwas Zeit fehlt. ^^

          Ich hatte damals jedenfalls das durchschnittliche Alter der Nephila pilipes (also der Jorōgumo) gegoogelt und es war – sofern ich mich richtig erinnere – sogar nur im einstelligen Bereich.

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