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Die Kelpies Zeichnung von Jeremie Michels. Der Betrachter sieht ein schwarzes Pferd, das fast das gesamte Bild ausfüllt. Es steht so, dass man es größtenteils von der Seite sieht. Lediglich der Kopf ist zum Beobachter gedreht, sodass es einen direkt ansieht. Seine Augen haben jedoch keine Farbe, keine Iris, keine Pupille. Sie sind komplett weiß und sehen fast so aus, als würden sie leuchten. Seine Mähne und sein Schweif sehen strähnig aus, als wären sie nass oder fettig.
Kelpie (2020)

Die Kelpies

Der Wunsch, einen Beitrag über Kelpies zu schreiben, kam von einem meiner Leser. Solltet ihr einen Wunsch haben, über welche urbane Legende, welches Wesen oder welchen Geist ich einen Beitrag verfassen soll, könnt ihr mir gerne einen Kommentar schreiben (auch wenn ich natürlich nicht versprechen kann, dass tatsächlich ein Beitrag darüber kommen wird).

Die Geschichte:

„Schnell Ailie, komm! Das Einhorn rennt zum Fluss!“, rief Grace mir zu, während wir dem imaginären Wesen hinterherrannten.

Wir spielten, dass wir zwei Prinzessinnen seien, die aus ihren Schlössern geflohen waren, um einen bösen Drachenprinzen aufzuhalten. Jetzt verfolgten wir gerade ein Einhorn, das uns helfen würde.

Manchmal hatte ich Angst, dass Grace meine Spiele albern fand. Dass sie zu alt wurde. Aber obwohl sie häufig etwas Zeit brauchte, bis sie richtig mitmachte, hatte sie als meine große Schwester noch nie nein gesagt.

Als wir uns einem kleinen Waldstück näherten, das zwischen uns und dem Fluss lag, wurde ich langsamer.

„Grace, warte!“, rief ich. „Mama hat gesagt, dass ich nicht zum Fluss darf. Die Strömung ist zu stark!“

Sie drehte sich zu mir um. „Ach komm. Wir gehen ja nicht in den Fluss“, erwiderte sie. „Das Einhorn ist hier entlang!“ Dann rannte sie weiter.

Ich zögerte. Was, wenn Mama irgendwie davon Wind bekam? Würde sie mit mir schimpfen? Andererseits wollte ich keine Spielverderberin sein. Ich biss die Zähne zusammen und rannte Grace nach.

Während wir uns in dem kleinen Waldstück durch einige Büsche kämpften, wurde das Rauschen des Flusses immer lauter. Dann blieb Grace plötzlich stehen.

„Hörst du das?“, fragte sie leise. „Da hat eben ein Pferd gewiehert!“

Ich dachte, dass sie sich auf unser Spiel bezog, und lauschte angestrengt. „Da! Wieder ein Wiehern! Das Einhorn muss ganz in der Nähe sein!“, sagte ich aufgeregt nach einigen Sekunden Stille.

„Nein, Ailie! Das meinte ich nicht!“, fuhr sie mich an, als hätte ich etwas Falsches gesagt. „Ich habe eben wirklich ein Pferd gehört!“

Dann hörte ich es auch: Über das Rauschen des Flusses hinweg, war jetzt ein klares, deutliches Wiehern zu hören!

Neugierig schlich Grace weiter. Ich hielt mich direkt hinter ihr.

Als wir die letzten Äste beiseitegeschoben hatten und aus dem Gebüsch getreten waren, sahen wir es: Ein wunderschönes schwarzes Pferd stolzierte den Fluss entlang, bevor es stehenblieb, um zu grasen.

„Sieh mal! Ein echtes Einhorn!“, flüsterte Grace mir zu.

Sofort schüttelte ich den Kopf. „Nein! Es hat gar kein Horn. Außerdem sind Einhörner rosa!“

Grace schmunzelte. „Wollen wir trotzdem näher rangehen?“, fragte sie.

Jetzt glotzte ich sie mit großen Augen an. „Mama hat verboten, dass ich zu fremden Tieren gehe!“, mahnte ich Grace.

„Ach Ailie. Wir sind doch vorsichtig. Außerdem hat Mama nicht immer recht!“

Ich wollte ihr widersprechen, ihr sagen, dass das nicht stimmte. Andererseits wusste ich selbst nicht, warum ein Tier plötzlich böse sein soll, nur, weil es keinen Besitzer hatte. Vielleicht brauchte es ja nur ein paar Freunde!

Während wir auf das Pferd zu schlichen, bewegte Grace sich sehr vorsichtig und langsam. Sie erinnerte mich ein wenig an einen Indianer, den ich aus einer Fernsehserie kannte. Ich versuchte, ihre Schritte so gut es ging, nachzuahmen.

Schließlich waren wir nur noch wenige Meter von dem Pferd entfernt, als es zu Grasen aufhörte. Es hob den Kopf und sah uns direkt an.

„Was … was ist mit seinen Augen?“, frage ich, während ich spürte, wie sich ein unangenehmes Gefühl in meinem Bauch breitmachte. Sie waren schneeweiß. Hatten keine Pupille, keine Iris!

„Hmm, vielleicht ist es blind“, sagte Grace völlig unbekümmert.

Ich bewunderte sie, wie sie so ruhig bleiben konnte. Andererseits wirkte das Pferd auch völlig friedlich.

Es stand einfach nur reglos da und beobachtete uns – sofern es überhaupt sehen konnte.

Ich sah, wie sich sein Bauch bewegte, während es atmete. Die Sonne glänzte in dem Fell und mir fiel auf, dass die Mähne nass an ihm klebte. Es musste eben ein Bad genommen haben.

Als das Pferd dann jedoch auf uns zukam, versteifte ich mich. Und auch Grace schien sich kurz zu erschrecken.

„Ruhig. Ruhig!“, sagte sie leise. Ich wusste jedoch nicht, ob sie mich oder das Pferd meinte.

Dann stand das Tier direkt vor uns. Seine weißen Augen schienen uns direkt anzustarren, während es vorsichtig an Grace schnupperte.

„Siehst du?“, fragte sie leise. „Es ist ganz friedlich.“

Ich beobachtete, wie Wasser von seiner Mähne tropfte und geräuschlos im saftigen Gras verschwand, als ich plötzlich eine Bewegung von Grace wahrnahm. Sie streckte ihre Hand vorsichtig nach dem Pferd aus.

„Grace, nicht!“, flüsterte ich ihr zu. „Mama hat gesagt, dass wir fremde Tiere niemals anfassen dürfen!“

Sie warf mir einen genervten Blick zu, bevor sie sie sich wieder dem Pferd zuwandte.

Ich zitterte vor Anspannung, während sich ihre Hand näher und näher zu dem Tier bewegte. Als sie es schließlich berührte, hielt ich sogar den Atem an.

Dann gefror sie in ihrer Bewegung.

„Was … Was ist das?“, fragte sie. Leichte Panik lag in ihrer Stimme. „Ich kann meine Hand nicht bewegen. Irgendetwas hält sie fest!“

Der kurze Schock, der in meinen Körper fuhr, machte sofort Wut platz. Grace ärgerte mich wieder! Sie wusste genau, dass ich das nicht mag.

„Du bist so doof!“, rief ich. „Ich weiß, dass du mich nur ärgern willst. Wenn du nicht aufhörst, sag ich das Mama!“

„Nein, Ailie! Du verstehst nicht! Meine Hand klebt irgendwie fest!“

„Grace, Stopp!“, schrie ich sie an.

Plötzlich setzte sich das Pferd in Bewegung. Grace packte sofort nach meinem Arm.

Ich wollte mich schon wütend losreißen, als ich in ihr Gesicht blickte. Das war nicht der normale Gesichtsausdruck meiner sonst so ruhigen Schwester. Es auch kein fieses Grinsen auf ihren Lippen, wie sie es immer tat, wenn sie mich ärgerte. Nein. In ihren Augen lag einfach nur Angst.

Als das Pferd einen Schritt auf den Fluss zu tat, wurden sie mit ihm gezogen. Grace krallte sich in meine Schulter.

„Ailie! Hilf mir!“, kreischte sie.

Jetzt packte ich nach ihrem Arm. Wir wurden von dem Pferd mit kräftigen Schritten Richtung Fluss gezogen.

„Grace, jetzt lass endlich das Pferd los!“, kreischte ich panisch.

„Ich versuch es ja!“, kreischte Grace genauso panisch zurück.

Die Lage war ernst. Das war kein Scherz. Das Pferd zerrte uns direkt auf das Wasser zu! Was hatte es bloß vor?!

Grace und ich versuchten mit aller Kraft, uns zu wehren. Wir stemmten unsere Füße in den Boden, doch der Kies, der am Flussufer lag, bot uns keinen Halt. Wir rutschten weiter und weiter auf das Wasser zu, während das Pferd seelenruhig weiterging.

Jetzt hatten wir das Wasser erreicht. Doch das Pferd hielt nicht an, es zog Grace mit sich in die Strömung!

„Grace! Ich kann nicht schwimmen!“, kreischte ich, als ich spürte, wie kaltes Wasser in meine Schuhe lief.

Jetzt wandte sich Grace mir zu. Für einen Moment war es, als würde die Zeit stehen bleiben, während sie mir direkt in die Augen sah.

„Ailie. Es tut mir leid. Ich hab dich lieb“, hauchte sie gerade laut genug, dass ich es über die Strömung hinweg hören konnte. Tränen glänzten in ihren Augen.

Erst wusste ich nicht, was sie meinte, bis sie mich plötzlich an sich zog und mit voller Kraft in Richtung Ufer stieß.

Ich verlor den Halt. Ihr Arm glitt aus meinen Fingern, während ich nach hinten stürzte.

Als ich auf dem Kies aufschlug, fiel ich auf den Rücken, kratzte mir an den Steinen die Arme auf, doch ich konnte meinen Blick nicht von meiner Schwester abwenden.

Das schwarze Pferd mit den weißen Augen war jetzt bis zu den Schultern unter Wasser und es machte keine Anstalten, stehenzubleiben. Grace schlug währenddessen wild um sich. Nein, sie schlug nicht. Sie strampelte. Sie versuchte mit aller Kraft, über Wasser zu bleiben, während ich völlig hilflos am Ufer stand.

Jetzt war das Pferd komplett im Wasser verschwunden. Man konnte nur noch die weißen Augen gespenstisch unter der Wasseroberfläche leuchten sehen, während es tiefer und tiefer sank. Doch meine Aufmerksamkeit lag bei Grace.

Ihre Schreie hallten in meinem Kopf noch nach, nachdem sie bereits verstummt waren. Noch immer konnte ich ihr von Panik verzerrtes Gesicht sehen, das unter der Wasseroberfläche verschwand. Selbst, als es bereits nicht mehr zu sehen war.

„Grace! Grace!“, kreischte ich wie am Spieß.

Doch von meiner Schwester und dem Pferd fehlte inzwischen jede Spur. Sie waren beide Unterwasser verschwunden. Es wirkte jetzt fast so, als wären sie niemals da gewesen …

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Die Legende:

Kelpies sind keltische Wassergeister, die die Fähigkeit der Gestaltwandlung beherrschen. Sie sind häufig als Pferd, teilweise aber auch als Mensch anzutreffen.

Aussehen:

Da Kelpies Gestaltwandler sind, lässt sich ihr Aussehen nicht hundertprozentig festlegen. Häufig sehen sie jedoch wie ein Pferd aus, dessen Fell meistens schwarz, in selteneren Fällen weiß sein soll.

Ein Kelpie unterscheidet sich von einem normalen Pferd dadurch, dass seine Mähne immer klitschnass ist und es komplett weiße Augen besitzen soll.

Selten ist auch davon die Rede, dass es nur zur Hälfte Pferd sei und einen Fischschwanz oder Flossen besitzen würde.

Wenn Kelpies eine menschliche Gestalt annehmen, treten sie häufig als Mann auf, wobei es auch Legenden von als Frauen getarnte Kelpies gibt – diese sind jedoch deutlich seltener.

Bei der menschlichen Form heißt es mal, dass es keinen Unterschied zu richtigen Menschen gäbe, mal heißt es jedoch auch, dass die Kelpies ihre Hufe an den Beinen behalten würden oder sich Wasserpflanzen in ihren Haaren verfangen hätten.

Eigenschaften:

Kelpies sind dafür berüchtigt, Menschen in Flüssen zu ertränken und anschließend zu fressen. Lediglich die Eingeweide sollen sie an die Ufer zurückbringen.

Um ihre Opfer in den Fluss zu locken, können sie unterschiedliche Methoden und Eigenschaften nutzen.

Wenn ein Kelpie sich als Pferd zeigt, tut es häufig so, als wäre es besonders zutraulich und zahm. Es bietet müden Wanderern oder Leuten, die einen Fluss überqueren wollen, an, auf ihren Rücken zu steigen.

Lässt man sich darauf ein, ist man jedoch so gut wie tot, weil man nicht mehr in der Lage ist, von dem Kelpie abzuspringen. Hat man ein Kelpie erst einmal angefasst, soll man seine Hand nämlich nicht mehr lösen können. Als Erklärung hierfür wird häufig Magie oder ein klebriges Sekret genannt, dass die Kelpies absondern.

Kelpies können daher einfach in den Fluss zurück spazieren und ihre Reiter ohne große Anstrengungen ertränken.

Da Kelpies Wassergeister sind, sind sie im Wasser sehr wendig und flink. Es heißt sogar, dass sie im Wasser noch schneller rennen können, als an Land.

Hat ein Kelpie hingegen die Gestalt eines Menschen angenommen, verändert sich sein Verhalten drastisch. Zwar ist es weiterhin meist bösartig, ändert jedoch seine Taktik.

Wenn ein Kelpie menschliche Gestalt annimmt, zeigt es sich in den meisten Fällen als attraktiver oder hilfsbereiter Mann. Es tut entweder so, als würde es einem helfen wollen – so gibt es eine Legende, in der ein großer, kräftiger Mann anbietet, einen Reisenden über einen Fluss zu tragen, dessen Brücke eingestürzt ist – oder aber es versucht, eine Frau zu verführen und in den Fluss zu locken.

In diesen Fällen folgen die Personen den Kelpies also freiwillig in den Fluss, bevor sie ertränkt werden.

Die gestaltwandlerischen Fähigkeiten sind jedoch nicht alles, was man den Kelpies nachsagt. So soll in Pferdegestalt ihr Schweif mit einem lauten Knall, der an das Donnern eines Gewitters erinnert, auf das Wasser schlagen.

Außerdem sollen sie die Fähigkeit besitzen, eine Flut herbeizubeschwören, mit der sie Leute in den Fluss reißen.

Die Kelpies haben jedoch nicht nur schlechte Seiten. Neben den wenigen Legenden, die von gutartigen Kelpies handeln, soll es auch die Möglichkeit geben, ein Kelpie einzufangen und als Nutztier zu halten. Sie sind dabei besonders wertvoll, da ein Kelpie die Kraft von zehn normalen Pferden besitzen soll.

Wie man ein Kelpie zähmen kann, ist umstritten. Häufig heißt es jedoch, dass man es schaffen müsse, das Kelpie aufzuzäumen – ihm also Zaumzeug anlegen. Selten wird auch behauptet, dass es sich um ein bestimmtes Zaumzeug handeln muss oder das Zaumzeug z.B. mit einem Kreuz versehen sein muss.

Eine andere Theorie besagt, dass Kelpie bereits Zaumzeug tragen würden und man es schaffen müsse, ihnen das Zaumzeug abzunehmen.

Als einzige andere Möglichkeit, ein Kelpie zu stoppen, muss man es wahrscheinlich töten. Dies kann man angeblich nur erreichen, indem man es mit einer Silberkugel erschießt.

Lebensraum/Vorkommen:

Auch wenn es im Internet häufig heißt, dass Kelpies in allen Gewässern Schottlands vorkommen würden – darunter auch viele Seen wie z.B. Loch Ness – scheint es sich hierbei um eine Verwechslung mit dem recht ähnlichen mythologischen Wasserpferd Each Uisge zu handeln.

Tatsächlich sollen Kelpies nämlich nur in der Nähe von fließenden Gewässern vorkommen, während Each Uisge Seen und das Meer bewohnen.

Ursprung:

Es gibt Vermutungen, die besagen, dass der keltische Glaube an Wasserpferde generell aus ehemaligen Ritualen hervorgegangen sei, bei denen Menschen als Opfer für die Wassergötter dargebracht wurden.

In späteren Zeiten spielte ein gewisser Lehreffekt sicherlich eine größere Rolle.

So soll die Legende der Kelpies z.B. Kinder davon abbringen, sich Gewässern oder wilden Tieren zu nähern und erwachsene Frauen davor warnen, blind fremden Männern zu vertrauen.

Wann die Legende der Kelpie selbst entstanden ist, ist jedoch nicht bekannt.

Die erste schriftliche Bezeichnung des mythologischen Wesens als Kelpie (damals noch Kaelpie) soll in einem Manuskript von William Collins gefunden worden sein.

Das genaue Datum habe ich nicht herausfinden können, jedoch ist Collins bereits 1759 im Alter von 37 Jahren gestorben. Das Manuskript muss also irgendwann in den Jahren vor 1759 entstanden sein.

Die mündliche Tradition der Legende könnte jedoch sehr viel älter sein.


Was haltet ihr von den Kelpies? Würdet ihr euch trauen, euch einem wilden Pferd zu nähern, wenn es zahm ist? Hätten die weißen Augen euch abgeschreckt? Und wie würdet ihr reagieren, wenn euch ein freundlicher fremder Mann seine Hilfe anbietet? Schreibt es in die Kommentare!

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2 Kommentare

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