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Luna und die Vergeltung der Geister – Kapitel 3:

Willkommen zurück zum dritten Kapitel von Luna. Ich hoffe, euch haben die bisherigen Kapitel gefallen und wünsche euch viel Spaß beim Lesen!

Kapitel 3:

Freitag, 03. November 2017

Ich starrte Noah mit offenem Mund an. Geister? Meinte er die Leute, die ich gesehen hatte? Woher wusste er davon?

„Ihr habt eine Séance mit einem Ouija-Brett abgehalten, woraufhin dir eine Frau erschienen ist, die die anderen nicht sehen konnten“, fuhr er unbeirrt fort. „Stimmt das?“

Mir wurde schwindelig. „Woher weißt du davon?“, fragte ich.

Noah zuckte mit den Schultern. „Alle reden darüber. Über dich. Das Mädchen, das bei einer Séance an Halloween völlig durchgedreht ist. Es hat allerdings etwas gedauert, bis ich rausgefunden habe, wer dieses Mädchen ist.“

Ich funkelte ihn wütend an, während ich nach meinem Tablett griff. Als ich gerade aufstehen wollte, stellte Noah sich mir jedoch in den Weg. „Warte. Das kam falsch rüber. Tut mir leid. Ich bin nicht hier, um mich über dich lustig zu machen. Ich will dir helfen.“

„Helfen?“, fragte ich. Ich legte möglichst viel Skepsis in meine Stimme. „Wobei kannst du mir schon helfen?“

Noah atmete tief durch. Es schien ihn Überwindung zu kosten. Dann zog er ein Foto aus seiner Tasche und hielt es mir entgegen. Es zeigte Zoe. Sie saß in einem schwarzen Sommerkleid auf einer Schaukel und lächelte breit in die Kamera. „Hast du von ihr gehört?“

Es fühlte sich an, als würde der Stuhl unter mir mehrere Meter absacken. Ich rückte meine Brille zurecht, versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. „Das Mädchen, das sich umgebracht hat?“, fragte ich. „Was ist mit ihr?“

Noahs Augen weiteten sich. Nur für den Bruchteil einer Sekunde, aber ich hatte es bemerkt. „Umgebracht?“, fragte er. „Das stimmt nicht! Wir hatten einen Unfall!“

Wir? Kannte er sie etwa? War er bei ihr gewesen, als es geschah?

Ehe ich jedoch weiter nachhaken konnte, tippte Noah mit dem Zeigefinger auf das Bild. „Also. Hast du sie gesehen? In letzter Zeit, meine ich. Hier in der Uni? Oder vielleicht auf dem Campus?“

Säße ich nicht bereits auf einem Stuhl, hätte ich mich jetzt setzen müssen. Das konnte er gar nicht wissen. Die Einzigen, denen ich davon erzählt hatte, waren Natalie und Finn gewesen. Hatte Finn es etwa weitererzählt!?

Noah ließ sich von meinem schockierten Gesichtsausdruck nicht beirren. „Sie trägt ein weißes Sweatshirt, ihre zerrissene Jeans und die Winterstiefel, die ich ihr zu Weihnachten geschenkt habe, nicht wahr?“

Ich musste nicht einmal darüber nachdenken. Zoes Erscheinung – zuerst hier auf dem Campus und dann in meinem Zimmer – hatte sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Er hatte sie genau beschrieben. Das Problem war nur: So genau hatte ich niemandem von ihr erzählt. Nicht einmal Finn oder Natalie. Noah konnte davon also gar nichts wissen. Er konnte es nicht wissen, außer … Außer er war nur in meinem Kopf.

Mein Atem ging schnell und stoßweise. „Nein. Nein!“, sagte ich, während ich langsam aufstand. „Du bist nicht real, oder? Du bist nur in meinem Kopf.“

Aber ehe ich mich an Noah vorbeidrängeln konnte, hielt er mich zurück. Er sah aus, als wolle er etwas sagen. Dann klatschte er plötzlich laut in die Hände. „Hey!“, rief er.

Die Leute an den umliegenden Tischen drehten sich sofort zu uns um. Also hatten sie ihn auch gehört. Langsam setzte ich mich wieder.

Vielleicht irrte ich mich, aber Noahs sonst so blasses Gesicht schien eine rosa Farbe angenommen zu haben. Er räusperte sich. „Siehst du? Ich bin kein Geist“, sagte er, während er sich mir gegenübersetzte.

Ich saß mit halboffenem Mund da. Mein Kopf fühlte sich an, als wäre er voller Watte. „Aber … Wenn du real bist, woher weißt du dann, was Zoe anhat?“, sprach ich meinen nächsten Gedanken laut aus.

„Du meinst abgesehen davon, dass ich bei ihr war, als sie starb?“

Daran hatte ich noch nicht gedacht. Aber selbst, wenn das stimmte, woher wusste ich dann, was sie bei ihrem Tod anhatte?

Noah zuckte mit den Schultern. „Ich kann sie auch sehen“, ergänzte er.

Die Worte trafen mich wie ein Schlag ins Gesicht. Ich starrte ihn fassungslos an.

„Also“, fuhr er unbeirrt fort. „Hat der Geist bei der Séance wirklich ‚stirb‘ zu dir gesagt?“

Bei der Erinnerung musste ich schlucken. Bei allem, was die letzten Tage passiert war, hatte ich das völlig vergessen. „Sterbt“, sagte ich. „Sie hat das Wort ‚sterbt‘ auf dem Brett gebildet.“

Für einen kurzen Moment schwiegen wir beide.

„Und du kannst wirklich den Geist von Zoe sehen?“, fragte ich schließlich.

Noah nickte. „Aber nicht nur den von Zoe. Auch die anderen.“

Meine Augen weiteten sich. Die anderen? Hieß das …? Konnte es sein, dass ich mir die Frau oder den Hund gar nicht eingebildet hatte? Waren es in Wirklichkeit Geister?

„Du hältst mich für verrückt, oder?“, fragte Noah. Er lächelte schwach.

„Du … Ich …“, stammelte ich. Ich holte tief Luft, um mich zu sammeln. „Ich habe Angst, dass ich verrückt bin.“

Noah musterte mich. „Möchtest du einen Beweis, dass du es nicht bist?“

Ich sah ihn überrascht an. „Wie willst du das beweisen?“, fragte ich.

Er zuckte mit den Schultern. „Wir könnten einen Geist suchen. Dann siehst du ja, dass wir beide dasselbe sehen.“

Ein kleiner Funken Hoffnung entflammte in meinem Inneren. „Das könnte funktionieren“, sagte ich. „Aber … woher wissen wir, dass wir einen Geist sehen und keinen echten Menschen? Bisher sahen die ‚Geister‘ für mich jedenfalls ziemlich normal aus.“

„Das ist einfach“, erklärte Noah. „Sie haben keinen Schatten.“ Er sagte das, als wäre es für ihn das Normalste der Welt. „Außerdem sind manche von ihnen verschwommen oder durchsichtig. Von denen sollten wir uns allerdings fernhalten.“

Kurz überlegte ich, ihn nach dem Warum zu fragen. Aber nein. Eins nach dem Anderen. „Also gut. Dann müssen wir jetzt nur noch einen Geist finden. Weißt du zufällig, wo Zoe sich zurzeit aufhält?“

„Nein!“ Die Antwort kam etwas schnell. Für den Bruchteil einer Sekunde sah Noah erschrocken aus. „Das geht nicht“, erklärte er dann wieder ruhig. „Die Sache zwischen Zoe und mir ist … kompliziert. Wir müssen einen anderen Geist suchen.“

Kurz musterte ich ihn. Sein Gesicht verriet nichts über seine Gefühlslage. Ich entschied, nicht weiter nachzufragen. Stattdessen dachte ich über Geister nach. Wo konnte man einen Geist finden? „Wie wäre es mit einem Friedhof?“, schlug ich vor. Es war das Erstbeste, was mir eingefallen war.

Noah grinste breit. „Und die Leute nennen mich einen Freak.“

Beschämt wich ich seinem Blick aus. Auf einmal kam mir der Vorschlag unglaublich dumm vor.

„Aber warum nicht?“, fuhr Noah fort. „Es könnte funktionieren. Hast du heute Abend schon was vor?“

Es war, als wäre mir jetzt aufgefallen, was ich da tatsächlich vorgeschlagen hatte. Ich würde mitten in der Nacht auf einen Friedhof gehen, um einen Geist zu suchen. „Heute Abend?“, wiederholte ich, um von meinem Schock abzulenken. „Da bin ich auf einer Party.“ Dann fiel mir ein, dass Finn mich auf die Party eingeladen hatte. „Weißt du was? Ich lass die Party ausfallen. Das hier ist wichtiger.“

Den restlichen Tag war ich sehr nervös. Trotzdem verging die Zeit wie im Flug. Ich saß den gesamten Nachmittag an einer Aufgabe für die Uni. Wir hatten die Aufgabe bekommen, mehrere Gebäude zu skulptieren, die das Wort ‚Sitzen‘ verkörperten.

Tatsächlich hatte mich die Aufgabe so sehr eingenommen, dass ich die Zeit völlig vergessen hatte. Erst als Natalie an meine Tür klopfte, merkte ich, wie spät es war. Natürlich hatte ich ihr gesagt, dass ich keine Lust hatte, mit ihr auf die Party zu gehen. Sie dachte aber wahrscheinlich, dass es an Finn lag. Den Friedhof hatte ich ihr verheimlicht.

„Hey Lu. Ich fahr jetzt los“, sagte sie, während sie in der Tür stand. Ihr Gesicht glänzte vor Schminke. „Falls irgendetwas ist, kannst du mich jederzeit anrufen.“

„Ist gut. Viel Spaß“, sagte ich. Ich lächelte sie an. „Trink nicht zu viel und … Danke.“

Natalie erwiderte das Lächeln. Sie zwinkerte. „Und du sitz nicht den ganzen Abend an dem Unikram. Bis später!“

Ich hörte zu, wie sie durch den Flur ging, ihre Jacke und Schuhe anzog und durch die Wohnungstür verschwand. Fünf Minuten später machte auch ich mich auf den Weg.

Noah war bereits beim Friedhof. Er stand im Licht einer einzelnen Laterne an den Zaun gelehnt und sah mir entgegen.

„Du bist spät dran“, begrüßte er mich.

„Sorry. Ich musste erst meine Mitbewohnerin abwimmeln“, erklärte ich. „Ich hoffe, du wartest noch nicht allzu lange?“

Noah zuckte mit den Schultern. „Das macht mir nichts aus. Ich bin es gewohnt, allein zu sein.“

Ich biss mir auf die Unterlippe. Aus der Schulzeit – bevor ich Natalie kennengelernt hatte – wusste ich noch gut, wie es sich anfühlte, immer allein zu sein. Es tat mir leid, dass ich ihn hatte warten lassen.

„Wollen wir dann?“, fragte Noah. Er schien keinen weiteren Gedanken daran zu verschwenden. „Wir müssen allerdings einen kleinen Umweg über den Zaun nehmen.“

Irritiert warf ich einen Blick zum Eingangstor. Eine dicke Kette mit Vorhängeschloss hing davor. Verdammt.

„Ich wusste nicht, dass der Friedhof nachts geschlossen wird“, sagte ich.

Aber als ich wieder zu Noah sah, war er bereits dabei, über den Zaun zu klettern. Ich unterdrückte ein Fluchen. Anschließend sah ich verstohlen die Straße entlang, ehe ich ihm mit einem flauen Gefühl in der Magengegend folgte. Ich war noch nie irgendwo eingebrochen …

Zu meiner Erleichterung waren die speerartigen Spitzen auf dem Friedhofszaun stumpf, sodass wir ohne allzu große Schwierigkeiten auf die andere Seite klettern konnten.

„Ganz schön dunkel hier“, flüsterte ich. Natürlich waren die Laternen auf dem Friedhof nach den Öffnungszeiten ausgeschaltet.

Noah schaltete als Antwort die Taschenlampe auf seinem Handy ein.

„Bist du verrückt?“, zischte ich ihm zu. „Wir sind noch viel zu dicht an der Straße. Was, wenn uns jemand sieht?“

„Dann rennen wir halt weg“, erwiderte Noah. Trotzdem schaltete er die Taschenlampe wieder aus und nutzte stattdessen sein Handydisplay, um uns zu leuchten.

„Danke“, flüsterte ich.

Noah erwiderte nichts, also gingen wir schweigend nebeneinanderher.

Der Friedhof war mir bei Nacht unheimlich. Im schwachen Licht von Noahs Display wirkten die Grabsteine wie kleine Gestalten, die uns aus der Dunkelheit tadelnd beobachteten. Bei jedem Knirschen, das meine Füße auf dem Kiesboden machten, fühlte ich mich, als würde ich die Totenruhe der schlafenden Seelen stören. Und selbst der schwache Wind, der um unsere Ohren säuselte, kam mir vor, als würde er mir leise zuflüstern.

Noah hingegen wirkte völlig unbeeindruckt.

„Findest du das nicht gruselig?“, fragte ich leise.

Noah sah mich überrascht an. „Den Friedhof?“, fragte er. „Das war doch deine Idee.“

Ich verzog das Gesicht. Leider machte das die Umgebung nicht weniger gruselig. „Meinst du, wir sind jetzt weit genug von der Straße weg?“, fragte ich.

Kurz wirkte Noah irritiert. Dann aber verstand er meine Andeutung. Er schaltete die Taschenlampe an seinem Handy wieder ein. Ich tat es ihm gleich.

Meine Freude über das bessere Licht war jedoch nur von kurzer Dauer. Es änderte an dem Gruselfaktor erstaunlich wenig. Nicht nur, dass es nicht so hell war, wie ich gehofft hatte, jetzt erinnerte mich die ganze Situation auch noch an einen Found-Footage-Horrorfilm, den ich erst vor einigen Wochen gesehen hatte. Außerdem warfen die Grabsteine im Schein unserer Handytaschenlampen gespenstische Schatten.

Nachdem wir noch einen Moment nebeneinander hergegangen waren, bog Noah zielstrebig in eine der Gräberreihen ab, als wisse er genau, wo er hinwolle.

Wir verließen den Kiesboden. Stattdessen hatten wir jetzt Gras, weiche Erde und knirschendes Laub unter den Füßen. Auch sah ich im Schein unserer Handylampen Blumen auf den Gräbern, die einen angenehmen Duft verströmten. Er vermischte sich mit dem modrigen Geruch nach Erde.

Im nächsten Moment wurde Noah langsamer. Er leuchtete eines der Gräber an. Es wirkte ungepflegt. Zwar wuchsen auch dort Blumen, zwischen ihnen hatte sich aber jede Menge Unkraut angesammelt. Und auch der Grabstein wirkte dreckiger, als hätte man ihn schon lange nicht mehr geputzt.

„Danach hab ich gesucht“, erklärte Noah. Er leuchtete die Inschrift an, sodass auch ich sie gut lesen konnte.

‚Hier ruhen sechs unbekannte Tote, die Opfer eines Häuserbrandes wurden. Möge Gott ihre Seelen beschützen.‘

Ich sah Noah mit großen Augen an. „Du denkst, dass einer der sechs zu einem Geist geworden ist?“, fragte ich.

Noah schüttelte den Kopf. „Nicht unbedingt einer der sechs, sondern irgendeiner der unbekannten Toten.“ Jetzt leuchtete er die Gräber dahinter an. Sie waren allesamt in einem ähnlichen Zustand. Und auch die Inschriften auf ihren Grabsteinen sprachen von unbekannten Toten. „Was würdest du tun, wenn du nach deinem Tod nicht einmal identifiziert werden konntest? Also meiner Seele würde das keine Ruhe lassen.“

Ich strahlte Noah an. Auf die Idee wäre ich niemals gekommen. Aber bevor ich Noah dafür loben konnte, klingelte plötzlich mein Handy. Vor Schreck hätte ich es fast fallen lassen. Es war Natalie. Was wollte sie?

„Sorry, da muss ich rangehen“, sagte ich schnell. Ich schaltete die Taschenlampe aus und tippte auf den grünen Hörer.

„Wo bist du?“, meldete sich Natalie, ehe ich auch nur ein Wort sagen konnte. In ihrer Stimme schwang eine Mischung aus Vorwurf und Neugierde mit.

„Was meinst du?“, fragte ich, um etwas Zeit zu gewinnen. Was sollte ich sagen?

„Ich bin gerade nach Hause gekommen“, erklärte Natalie. „Ich dachte mir schon, dass du nur nicht mit auf die Party wolltest, weil Finn auch da ist. Aber er kommt nicht. Also wollte ich schnell zurück nach Hause fahren, um dir Bescheid zu sagen, aber von dir fehlt jede Spur.“

Meine Gedanken rasten. Wie konnte ich ihr schonend beibringen, dass ich auf einem Friedhof war, um nach Geistern zu suchen? Und dann auch noch mit Noah, von den sie nun wirklich nichts zu halten schien?

Meine Entscheidung, was ich erwidern sollte, wurde mir jedoch von einer strengen Stimme hinter mir abgenommen: „Was macht ihr hier?“, fragte eine kratzige Männerstimme.

Ich zuckte so doll zusammen, dass mir mein Smartphone aus der Hand rutschte. Es schlug mit einem Knall auf den Boden, als wäre es auf etwas Hartem gelandet. Im Moment hatte ich jedoch andere Sorgen. Schnell drehte ich mich um.

Die Gestalt, die sich an uns herangeschlichen hatte, konnte ich nur als merkwürdig bezeichnen. Es war ein alter Mann mit wirrem grauem Haar und ungepflegten Bartstoppeln. Seine Kleidung war alt und abgetragen. Das wohl Merkwürdigste an ihm war aber die angerostete Schaufel, die er über die Schulter trug. Was hatte er damit vor?

„Wir … Wir wollten nur …“, stammelte ich.

Aber der Mann ließ mich nicht zu Wort kommen. „Ihr glaubt also, dass ihr herkommen und meine Gräber ausplündern könnt, wie?“, schrie er uns an. Seine Unterlippe zuckte nervös, während er mit wahnsinnigem Blick zwischen Noah und mir hin- und hersah. Nun nahm er die Schaufel in beide Hände, als wolle er uns gleich damit erschlagen.

„Wie bitte?“, fragte ich entsetzt. „Die Gräber ausplündern? Nein, wir sind nur …“

Aber der Mann schien nicht vorzuhaben, mir zuzuhören. „Grabräuber! Diebe!“, schrie er, während er mit der Schaufel fuchtelte. „Am Strick werdet ihr hängen!“

Die gesamte Situation kam mir unreal vor. Trotzdem schrillten in mir alle Alarmglocken. Der Mann war völlig wahnsinnig. Ich musste mir schnell etwas einfallen lassen!

„Wir …“, begann ich.

Diesmal fiel Noah mir ins Wort. „Luna!“, zischte er. Er streckte demonstrativ sein Smartphone aus, um den Boden anzuleuchten.

Ich folgte dem Licht mit den Augen bis zu den Füßen des Mannes. Jetzt sah ich es auch: Seine Beine warfen keine Schatten. Das Licht leuchtet einfach durch ihn hindurch.

Jetzt übernahm Noah das Reden. Er hob beschwichtigend seine Hände. „Ich weiß, wie es aussehen muss, aber Ihr habt mein Wort, dass wir keine Grabräuber sind!“, erklärte er. Der Mann ließ ihn reden. „Ehrlich gesagt ist es etwas albern, aber wir sind auf den Friedhof gekommen, um einen Geist zu suchen.“

Besagter Geist runzelte die Stirn. „Einen Geist? Pah!“, schrie er verächtlich. „Ihr seht aus, als wärt ihr bereits im heiratsfähigen Alter. Da wollt ihr noch an Ammenmärchen glauben?“

Mit zittrigen Knien tat ich einen Schritt auf Noah zu. Mein Fuß trat auf etwas Hartes. Mein Smartphone. Plötzlich hatte ich eine Idee.

„He! Was tust du da?“, fragte der Totengräber misstrauisch, als ich mich bückte.

Ich ignorierte ihn. Stattdessen wischte ich den Dreck von meinem Handy. Das Display war gesplittert, aber das dürfte nicht weiter stören. „Wissen Sie, was das ist?“, fragte ich ihn, während ich vorsichtig einen Schritt auf den Totengräber zuging. Ich hielt ihm mein Handy entgegen.

Er kniff die Augen zusammen, als habe er Schwierigkeiten, im Halbdunkel etwas zu sehen, während er das Smartphone betrachtete.

„Luna, nicht!“, unterband Noah meinen Erklärungsversuch. Schnell ließ ich die Hand mit dem Handy sinken. Ich sah ihn überrascht an.

Noah schüttelte langsam den Kopf. Dann formte er stumm mit den Lippen ein Wort: „Lauf!“

„Was?“, erwiderte ich. Konnte man vor Geistern überhaupt weglaufen? In den Filmen tauchten sie dann plötzlich wieder direkt vor den Charakteren auf.

Aber Noah ließ mir keine Zeit, darüber nachzudenken. Als er sah, dass ich zögerte, packte er mich am Handgelenk und zog mich mit sich.

Gemeinsam sprinteten wir zurück Richtung Straße. Dabei hielt ich mich dicht an Noah. Erst, als wir den Zaun erreicht hatten, ließ er mein Handgelenk los. Anschließend half er mir mit einer Räuberleiter über den Zaun, bevor er mir nach kletterte.

Erst jetzt wagte ich einen Blick zurück. Vom Totengräber fehlte jede Spur. Trotzdem blieben Noah und ich nicht stehen.

Einige Straßen weiter wurde ich schließlich langsamer. Meine Lungen brannten. Ich spürte deutlich, wie mein Hals sich zuschnürte. Denn leider waren die Geister, die ich plötzlich sehen konnte, nicht mein einziges Problem.

„Alles in Ordnung?“ Noah sah mich besorgt an, während ich vorgebeugt dastand.

Ich stützte mich mit einer Hand an einer Mauer ab.

„Asthma“, keuchte ich nur.

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Das war Kapitel 3 und somit die erste Hälfte meiner Leseprobe. Wenn ihr Kapitel 4 jetzt schon lesen wollt (und Lust auf meinen Discord Server inkl. Live-Lesungen) habt, schaut doch mal auf Patreon vorbei!

Hättet ihr euch getraut, nachts auf einen Friedhof zu gehen, wenn ihr in Lunas Situation gewesen wärt? Wie hättet ihr euch dem Geist gegenüber verhalten? Schreibt es in die Kommentare!

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