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Yuki Onna
Yuki Onna (2019)

Yuki Onna – die Schneefrau

Dieses Mal widme ich mich der Legende der Yuki Onna – den Schneefrauen Japans. Es ist zwar gerade Sommer, aber vielleicht hilft euch die Geschichte ja etwas beim Abkühlen:

Die Geschichte:

„Wir hätten doch an den Strand fahren sollen“, rief meine Frau Becky über den Wind und das Schneegestöber hinweg. Ich wusste genau, was sie meinte und vielleicht hatte sie recht.

In die Berge Japans zu fahren, war ihr Vorschlag gewesen. Damals hatten wir beide uns sehr darüber gefreut und ich hatte sofort zugestimmt, immerhin liebte sie den Schnee und ich liebte Japan. Aber jetzt wäre ich lieber Zuhause geblieben.

Wir waren in diesen Schneesturm geraten und hatten völlig die Orientierung verloren. Wenn wir nicht bald Schutz vor der der Kälte und den Wind bekommen würden, könnte das unseren Tod bedeuten.

Ich spürte meine Arme und Beine langsam nicht mehr und ein Blick auf Becky verriet mir, dass es ihr nicht besser ging. Aber wir durften jetzt nicht die Hoffnung verlieren!

„Keine Sorge, Schatz. Alles wird …“, ich hielt abrupt inne. Keine fünf Meter von uns konnte ich schwach eine Person in dem Schneegestöber erkennen. Ich fühlte jedoch keine Freude oder Erleichterung, sondern in mir machte sich Unbehagen breit. Die Frau war nicht durch den Schnee gegangen, sie war über ihn hinweggeschwebt.

„Was ist?“, rief Becky mir zu. „Ach nicht, ich dachte nur, ich hätte jemanden gesehen“, antwortete ich laut. „Jemanden … Du meinst?“, Becky drehte sich um und begann, aus vollster Lunge zu rufen, „Hilfe! Hilfeee! Ist da jemand?“

Da ich keine bessere Idee hatte, rief ich mit – jedoch auf Japanisch.

Es dauerte nicht lange, bis die seltsamste Frau durch den Schnee auf uns zu gestapft kam, die je gesehen hatte. Nicht nur, dass ihre schwarzen Haare ihr bis zu den Knien fielen und sie stechend violette Augen hatte. Ihre weiße, porzelanfarbene Haut und ihr schneeweißer Kimono verschwammen förmlich mit dem Schneegetose. Mehr trug sie nicht.

„Oh, Gott sei dank, dass wir Sie gefunden haben. Kennen Sie sich in der Gegend aus?“, fragte ich auf Japanisch. „Haben Sie sich verlaufen? Wenn Sie wollen, kann ich Sie mitnehmen. Ich habe eine Hütte ganz in der Nähe“, antwortete sie und ich übersetzte es. Becky schrie vor Freude auf und drückte mir einen Kuss auf den Mund.

„Frag sie, ob ich ihr meinen Schal leihen kann. Sie muss doch frieren“, bat Becky mich. Doch ehe ich es übersetzen konnte, antwortete die Frau in gutem, wenn auch nicht akzentfreiem Deutsch: „Danke, aber ich mag die Kälte. Ich brauche nichts.“ Sie bedeutete uns, ihr zu folgen.

„Sie können Deutsch?“, rief meine Frau über den Sturm hinweg, als wir schon eine Weile gegangen waren. „Ich war eine Zeit in den Alpen. Dort habe ich ein paar Sprachen gelernt“, antwortete die Frau und ging zügig weiter.

Wir schwiegen die meiste Zeit. Ich hatte inzwischen das letzte Gefühl in den Händen und Füßen verloren und spürte, wie die Taubheit sich langsam ausbreitete.

„W-wie w-weit ist es noch?“, bibberte ich der Frau entgegen. „Nicht mehr weit“, antwortete sie.

Ich merkte, wie ich Becky immer mehr mitzerren musste und sah, dass ihre Lippen bereits anfingen, blau zu werden.

„Sind sie sicher, dass es nicht mehr weit ist? Ich weiß nicht, wie lange wir das noch durchhalten“, sagte ich. Vielleicht lag es an meiner etwas strengen Tonlage – immerhin hatte ich Angst um meine Frau –, aber die Frau antwortete nicht und stapfte weiter durch den Schnee.

Langsam wurde mir wieder unbehaglich. Wusste die Frau überhaupt, wo es langging? Es fühlte sich eher an, als würden wir im Kreis laufen.

„Wenn Sie sich verirrt haben, dann sagen Sie uns …“, weiter kam ich nicht. Ich hatte nach ihrem Handgelenk gegriffen. In dem Moment, in dem meine Haut die ihre berührte, erstarrte ich. Sie war eiskalt, so kalt, dass ich die Kälte bis in die Knochen spüren konnte. Aber das war nicht alles, sie drehte sich jetzt zu uns um und Hass funkelte in ihren Augen.

„Tut mir leid, wenn mein Mann Ihnen zu nahe getreten ist. Wir wollen doch nur endlich ins Warme“, entschuldigte sich Becky für mich.

„Oh, keine Sorge. Irgendwann spüren Sie die Kälte gar nicht mehr“, antwortete die Frau. Sie spitze ihre Lippen und blies uns Luft entgegen. Das war aber kein dummer Scherz, nein. Die Luft aus ihrem Mund war so kalt, dass Beckys Körper begannen, mit einer dünnen Schicht Eis bedeckt zu werden. Wenn ich es nicht sehen würde, hätte ich es wohl nicht geglaubt.

Ohne zu zögern, packte ich meine Frau und begann, sie vom Eis zu befreien.

„Peter? Wo ist die Frau hin?“, fragte sie ungläubig. Ein flüchtiger Blick verriet mir, was sie meinte. Von der Frau fehlte jetzt jede Spur. „Sie hat sich einfach aufgelöst“, hauchte Becky.

Ich wusste nicht einmal, ob ich jetzt wegen der Kälte oder meiner Angst so zitterte. Alles, was ich wusste, war, dass wir dringend Schutz suchen mussten.

Wir irrten eine ganze Weile umher. Immer wieder hatte ich das Gefühl, eine Gestalt im Schneesturm zu sehen, doch sobald ich näher hinsah oder auf sie zuging, verschwand sie einfach.

Mein anfänglicher Adrenalinschub ebbte langsam ab und ich bekam immer mehr den Drang dazu, aufzugeben. Aber ich wollte nicht aufgeben. Ich durfte nicht aufgeben!

„Da!“, rief Becky völlig unerwartet und zeigte ins Nichts. Als wir näherkamen, sah ich es auch. „Eine Hütte“, hauchte ich ungläubig. Wir rannten darauf zu und betraten sie, ohne zu klopfen.

In der Hütte gab es zwar keinen Wind, aber es war trotzdem eiskalt. Zum Glück fanden wir einen Kamin und trockenes Feuerholz und so dauerte es nicht lange, bis wir dicht um das Feuer gedrängt saßen und begierig unsere tauben Hände wärmten.

„Was war das für ein Ding?“, fragte Becky. Ich wusste sofort, dass sie die Frau meinte.

„Ich weiß, wie das jetzt klingt, aber ich glaube, das war eine Yuki Onna – eine Schneefrau. Yuki Onna sind japanische Geister, die im Schnee nach verirrten Wanderern suchen. Das Aussehen und die Kleidung der Frau passen auch zu den Legenden. Ich hab gelesen, dass sie einen mit einem Kuss die Lebensenergie aussaugen oder … oder mit ihrem Atem Leute einfrieden können.“

Becky sagte nichts. Sie schien mir zu glauben.

Ich verschwieg ihr, dass Yuki Onna manchmal auch die Leute im Schlaf heimsuchten, sie half aber trotzdem sofort mit, als ich die Tür verbarrikadierte. Dann sahen wir uns in der Hütte um.

Im Raum mit dem Kamin stand ein Bett mit einer dicken, mottenzerfressenen Decke. Überall lag Staub und man konnte fast nicht gehen, ohne in ein Spinnennetz zu laufen.

Als wir das Bad fanden und feststellten, dass die Decke eingestürzt und der Raum völlig zugeschneit war, schlossen wir die Tür schnell wieder.

Wir überlegten, was wir jetzt tun sollten. Ich hatte es bereits befürchtet: Da der Schneesturm sich einfach nicht legen wollte und es langsam zu dämmern begann, entschlossen wir, in der Hütte zu übernachten. Wir warfen mehr Holz in den Kamin, schüttelten das Bett kräftig aus und legten uns leicht angeekelt hin. Aber es war besser, als ohne Decke auf dem Boden zu schlafen.

„Und du meinst, wir sind vor der Frau sicher?“, fragte Becky. Ich hoffte es. „Ach bestimmt, wir haben die Tür blockiert. Hier kommt niemand rein“, versuchte ich, sie zu beruhigen. Dann schweigen wir.

Es roch im Bett nach Staub und muffigem Stoff, aber der ruhige Atem von Becky und meine Müdigkeit, holten mich schnell in das Land der Träume.

Mitten in der Nacht wurde ich jedoch wach. Ich fröstelte. Erst dachte ich, das Feuer müsse erloschen sein, doch ich konnte aus dem Augenwinkel noch ein schwaches Flackern erkennen.

Dann bemerkte ich, was sich so kalt anfühlte. Es war der Arm, der um mich gelegt war. Das musste eigentlich Beckys Arm sein, aber er war so kalt, dass er sich eher anfühlte wie … Entsetzt fuhr ich herum. Dann sah ich sie und riss ungläubig die Augen auf.

Der Arm, der um mich gelegt war, gehörte tatsächlich Becky, doch sie war nicht alleine. Die Frau von vorhin hockte mit ihrem weißen Gesicht über ihr und hatte ihre Lippen um die meiner Frau geschlossen.

Ungläubig musste ich mitansehen, wie Becky langsam zu Eis erstarrte.

„Yuki Onna“, hauchte ich. Der Blick ihrer violetten Augen bohrte sich wie Eiszapfen in mich hinein. Sie griff nach mir und ich versuchte, mich zu wehren, doch mit einem einzigen behutsamen Atemhauch spürte ich, wie meine Arme kalt und unbeweglich wurden.

Dann schloss sie ihre Lippen um die meinen. Die Kälte, die sich jetzt in mir ausbreitete, war unbeschreiblich und ich hoffte darauf, dass es schnell vorbei sein würde.

Als die Yuki Onna ihre Lippen jedoch wieder löste, sah ich sie verwirrt an. Sie stand jetzt einfach nur da und beobachtete mich. Wieso lebte ich noch?

Langsam kam das Gespür in meinen Armen zurück und ich konnte die Finger wieder bewegen. Sofort wandte ich mich zu Becky. Ich fühlte ihren Puls, doch konnte ihn nicht finden. Als ich ihren Atem prüfte, merke ich, dass sie tot war.

Tränen schossen mir in die Augen und ich wandte mich voller Hass der Yuki Onna zu. „Wieso? Wieso hast du das getan? Bring es gefälligst zu Ende! Du kannst mir nicht meine Becky, meine Frau, meine Lebensfreude nehmen und mich dann am Leben lasen!“, schrie ich.

Jetzt sah die Frau sehr traurig aus. „Mir war vorher nicht aufgefallen, wie schön du bist“, hauchte sie. Dann sah sie mir mit feuchten Augen und zitternder Unterlippe direkt ins Gesicht und … löste sich in Nebel auf. Voller Entsetzen sah ich, wie der weiße Schleier Richtung Kamin schwebte und durch den Schornstein entschwand.

Das Alles ist inzwischen über zehn Jahre her und ich bin noch immer nicht über Beckys Tod hinweggekommen. Und als ob das nicht schlimm genug wäre, sehe ich an verschneiten Tagen manchmal die Yuki Onna, wie sie mich beobachtet. Aber sobald ich mich ihr nähere, löst sie sich jedes Mal wieder in Nebel auf.

Die Legende:

Yuki Onna (japanisch für „Schneefrau“) ist eine japanische Legende und zählt zu den Yōkai. Sie sind meist bösartige Geister.

Aussehen:

Yuki Onna tragen in den meisten Erzählungen einen schneeweißen Kimono (in einigen Erzählungen sind sie auch nackt), haben schneeweiße Haut und langes, schwarzes Haar (selten wird das Haar auch als weiß beschrieben). Zudem sollen sie stechende violette Augen haben.

Sie werden immer als übernatürlich schön beschrieben.

Eigenschaften:

Die Eigenschaften und das Verhalten der Yuki Onna variieren stark nach Erzählung. Es gibt jedoch auch häufig erwähnte Gemeinsamkeiten: So sollen Yuki Onna keine Fußspuren im Schnee hinterlassen, da sie über ihn hinwegschweben und immer eine eiskalte Haut haben. In einigen Erzählungen soll sogar ihre bloße Berührung Menschen zum Frieren bringen.

In den meisten Fällen sind Yuki Onna böse und locken Menschen in den Tod. Manchmal, indem sie sie bei Schneestürmen in die Kälte locken, wo sie erfrieren, andere Male, indem sie sie mit ihrem eiskalten Atem zum Erfrieren bringen, und wieder andere Male, indem sie ihnen mit einem Kuss die Lebensenergie und Wärme entziehen.

Sie haben dafür verschiedene Methoden. Entweder täuschen sie vor, den Menschen helfen zu wollen, sie betören sie mit ihrer Schönheit oder sie brechen gar in Häuser ein und töten die Menschen im Schlaf.

Es soll aber auch Yuki Onna geben, die gutartig oder zumindest nicht komplett bösartig sind. So gab es schon Fälle, in denen Yuki Onna Menschen verschont oder sich gar in sie verliebt und sie geheiratet haben.

Jedoch enden fast alle Beziehungen mit einer Yuki Onna tragisch. Sie verbergen ihr wahres Gesicht und tun so, als seien sie normale Menschen. Da sie jedoch nicht altern, fällt der Schwindel irgendwann auf und resultiert im Normalfall in einem Ende der Beziehung.

Es soll sogar schon Fälle gegeben haben, wo der Ehemann oder Geliebte der Yuki Onna sie gezwungen hat, sich starker Hitze auszusetzen, z.B. indem er sie wegen ihrer kalten Haut und den kalten Temperaturen dazu gebracht hat, ein heißes Bad zu nehmen, wo sie langsam geschmolzen sein soll.

Eine weitere Fähigkeit, die den Yuki Onna nachgesagt wird, ist, dass sie sich in eine Wolke oder Nebel verwandeln können. Sie nutzen diese Fähigkeit z.B., wenn sie sich bedroht fühlen und fliehen wollen.

Lebensraum:

Yuki Onna wurden vor allem in den verschneiten Regionen Japans gesehen, besonders, wenn es Schneestürme gab. Sie können aber an sich überall vorkommen, wo Schnee liegt.

Ursprung:

Der Ursprung der Legende ist sehr schwierig bis unmöglich, herauszufinden. Sie ist schon sehr alt und es gibt viele verschiedene Variationen und Erzählungen.

Die Legende lässt sich bis in die Muromachi-Zeit (ca. 1336-1573) zurückverfolgen, es wird aber vermutet, dass sie sogar noch älter ist.


Wie hat euch die Geschichte der Yuki Onna gefalen? Hättet ihr einer solch seltsamen Frau vertraut, wenn sie euch verspricht, euch aus dem Schneesturm zu führen? Schreibt mir gerne einen Kommentar!

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2 Kommentare

  1. Monika schreibt:

    Die Geschichte gefällt mir sehr gut, was bestimmt nicht nur daran liegt, dass es eine japanische Legende ist, sondern auch an deinem Schreibstil.^^

    Zu den Fragen:
    ~Hättet ihr einer solch seltsamen Frau vertraut, wenn sie euch verspricht, euch aus dem Schneesturm zu führen?
    Nein. Niemals!
    Aber ich würde vermutlich auch nicht auf einen verschneiten Berg abseits der gekennzeichneten/erlaubten Bereiche steigen.^^

    Liebe Grüße
    Monika

    • Jeremie Michels schreibt:

      Nein. Niemals!
      Auch nicht, wenn du dich verirrt hast? ^^

      Aber ich würde vermutlich auch nicht auf einen verschneiten Berg abseits der gekennzeichneten/erlaubten Bereiche steigen.^^
      Das ist sehr vernünftig. Aber man kann sich durch einen plötzlch aufkommenden Schneesturm auch schnell von den gekennzeichneten Bereichen entfernen, wenn man der Meinung ist, in die richtige Richtung zu gehen … D:

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