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Pesta
Pesta (2019)

Pesta – der schwarze Tod

Dieses Mal behandle ich die norwegische Legende von Pesta, einem Wesen, das nicht die harmlose alte Frau ist, die es auf den ersten Blick zu sein scheint.

Die Geschichte:

Ich hatte einen anstrengenden Arbeitstag hinter mir und war auf dem Weg nach Hause. Es war Wochenende und ich könnte mich endlich zurücklehnen und etwas ausruhen – so dachte ich jedenfalls.

Ich sah eine alte Frau am Straßenrand. Sie ging schwerfällig und stützte sich dabei auf einen Besen, den sie wie einen Gehstock benutzte.

Ein wenig wie eine Hexe, aber die wäre bestimmt auf ihrem Besen geflogen, dachte ich und musste grinsen. Im Nachhinein wäre ich froh gewesen, wenn sie nur eine Hexe gewesen wäre.

In die Richtung, in die sie ging, lag nur die Stadt, in der ich wohnte. Aber der Weg dorthin war noch weit – zumindest, wenn man zu Fuß unterwegs war – und die Frau war nicht gerade die Schnellste.

Mit abnehmender Geschwindigkeit fuhr ich neben sie und rollte mein Fenster herunter. „Soll ich Sie mitnehmen?“, rief ich ihr entgegen und lächelte freundlich.

Sie drehte sich zu mir und ich konnte sie das erste Mal richtig erkennen. Sie trug sehr altmodische Kleidung: eine schwarze Kapuze, eine dunkle Jacke und einen auffällig roten, langen Rock. Alles davon schien aus dickem Stoff zu sein.

Ihr Gesicht war bleich und von der Zeit gezeichnet. Nicht nur, dass sie viele Falten hatte und ihre Augen tief in ihrem Schädel saßen, sie sah auch sehr zerbrechlich und irgendwie traurig aus. Und da war noch etwas. Irgendetwas in ihrem Blick. Ich konnte es jedoch nicht zuordnen.

„Danke, ich muss einfach nur in die nächste Stadt“, krächzte sie und humpelte langsam auf mein Auto zu.

Hätte ich sie doch bloß erkannt. Ich hätte weiterfahren und meine Familie und Freunde warnen können. Wir hätten fliehen können … Doch ich kannte mich zu schlecht mit den alten Sagen und Legenden aus.

Ich wartete, bis sie bei meinem Auto war und die Tür öffnete. Sie hievte sich langsam und schwerfällig auf den Beifahrersitz. Ich half ihr, den Besen auf die Rückbank zu legen, unwissend, dass es sich bei ihm um ein Werkzeug des Todes handelte …

Ich hätte gedacht, dass die Frau recht gesprächig wäre, ja mir vielleicht sogar ein Ohr abkauen würde. Stattdessen saß sie jedoch einfach nur da und sah schweigend aus der Frontscheibe.

Vielleicht fühlt sie sich unwohl in einem fremden Auto?

„Wo darf ich sie denn hinbringen?“, versuchte ich, das Eis zu brechen. „In die nächste Stadt“, sagte die Frau, ohne mich auch nur anzusehen. „Das sagten Sie bereits. Aber wohin denn genau? In ein Hotel oder zu einer bestimmten Adresse?“, fragte ich und hoffte dabei, nicht zu aufdringlich zu klingen.

Aus dem Augenwinkel sah ich, wie sie den Kopf schüttelte. „Einfach nur in die Stadt, von dort an komme ich alleine zurecht“, entgegnete sie.

Dann schwiegen wir beide einen Augenblick. Trotzdem wollte ich noch nicht direkt aufgeben.

„Mein Name ist übrigens Noa“, versuchte ich es erneut und lächelte sie kurz freundlich an. Die Frau rührte sich nicht.

„Und wie heißen Sie?“, half ich ihr auf die Sprünge.

„Die Leute nennen mich Pesta“, krächzte sie und sah mich an, als wolle sie meine Reaktion beobachten.

Pesta? Wie die Pest? Wieso nannte man sie wie eine schlimme Krankheit? War sie so unbeliebt oder soll das ihr richtiger Name sein?

Da ich nicht wusste, was ich darauf antworten sollte, schwieg jetzt auch ich. Ich muss gestehen, dass mich die Antwort etwas schockiert hatte, jedoch nicht so sehr, wie sie es hätte tun müssen. Nicht so sehr, als wenn ich den Namen gekannt hätte …

Da wir uns der Stadt näherten und ich noch immer kein Gespräch zustande bekommen hatte, war meine Hoffnung nicht sonderlich groß, trotzdem versuchte ich es noch einmal. „Und ich kann sie wirklich nirgendwo hinbringen?“, fragte ich, als das Ortsschild gerade an uns vorbeizog.

„Nein, danke. Sie können mich hier rauslassen. Ich finde schon meinen Weg.“

Etwas irritiert wurde ich langsamer. Ich hätte gedacht, dass sie wenigstens in die Innenstadt mitwollte. Aber vielleicht wohnte sie ja am Stadtrand.

Ich fuhr rechts ran und wartete, bis Pesta ihren Besen von der Rückbank geholt hatte und ausgestiegen war.

Während ich weiterfuhr, beobachtete ich sie im Rückspiegel. Sie sah meinem Auto hinterher und … fegte den Gehweg.

Ich konnte meinen Augen kaum trauen. War diese seltsame Frau gerade einfach irgendwo ausgestiegen, um die Straße zu fegen?

Die Situation kam mir so surreal vor, dass ich den gesamten restlichen Weg an nichts anderes denken konnte. Sogar, als ich mein Auto in die Garage fuhr, wusste ich nicht, ob ich das jetzt lustig oder gruselig finden sollte. Hätte ich die Frau nicht mitnehmen sollen? War sie verrückt? Nannte man sie deswegen wie eine schlimme Krankheit oder war sie vielleicht selbst krank?

Doch all diese Fragen sollten mir wenige Minuten später beantwortet werden.

„Ihr werdet nicht glauben, was mir eben passiert ist“, begann ich das Gespräch, als ich sah, dass meine Eltern beide in der Küche saßen. Ich erzählte von der seltsamen Frau. Papa warf Mama einen seltsamen Blick zu, als ich das Aussehen der Frau beschrieb und sagte, dass sie mitten im Nirgendwo einen Besen bei sich trug.

„Und ihr werdet nicht glauben, was die Frau gesagt hat, als ich sie nach ihrem Namen gefragt habe“, fuhr ich fort, „Sie hat doch tatsächlich behauptet, man nenne sie Pesta.“ Mama und Papa rissen im selben Moment schockiert die Augen auf. „Ja, wie die Krankheit, schräg oder?“

„Hatte sie wirklich einen Besen dabei, kann es nicht auch eine Harke gewesen sein?“, schrie Papa mich plötzlich an und griff nach meinem Arm. Er drückte so doll zu, dass es weh tat. „Papa, du tust mir weh!“ „Kann es auch eine Harke gewesen sein?“, wiederholte er sich nur und sah mich eindringlich an. Sein Verhalten machte mir Angst.

„Nein, ganz sicher. Sie hatte angefangen, damit die Straße zu fegen, als sie ausgestiegen war!“, antwortete ich. Eigentlich dachte ich, dass meine Eltern an dieser Stelle lachen oder mich ungläubig ansehen würden. Doch Papa entglitten alle Gesichtszüge. Er ließ meinen Arm los und taumelte leicht benommen ins Nebenzimmer.

Als ich zu Mama sah, merkte ich, dass sie ihr Gesicht in den Händen vergraben hatte und leise schluchzte.

Was war hier los?

„Mama, was ist? Kennt ihr diese Frau?“ Sie schüttelte den Kopf. „Das war keine Frau, das war Pesta!“ Ich verstand nicht.

„Pesta hat im vierzehnten Jahrhundert die Pest nach Norwegen gebracht“, erklärte sie mit brüchiger Stimme, „Und wenn sie wirklich einen Besen dabei hatte …“

Jetzt begann sie wieder zu schluchzen.

„Was? Was, wenn sie einen Besen dabei hatte?“, harkte ich nach.

„Wenn sie einen Besen dabei hat, müssen alle sterben. Bei einer Harke entkommen einige Opfer, die nicht von den Zinnen erwischt werden – sprichwörtlich. Aber bei einem Besen …“, ihre Stimme versagte.

Ich kam mir wie in einem falschen Film vor. Dass Papa abergläubisch war, wusste ich ja, aber Mama? Und dann auch noch bei so etwas Absurdem?

„Ach Mama, das war bestimmt nur eine Verrückte, die sich verkleidet hat. Die hat sich einen Scherz erlaubt!“, versuchte ich, sie zu beruhigen.

Doch in diesem Moment merkte ich, dass mir schwindelig wurde. Mir wurde richtig übel.

Bestimmt nur ein Zufall … die Aufregung, dachte ich. Aber im selben Moment bekam Papa im Nebenzimmer einen heftigen Hustenanfall.

Die Legende:

Pesta (norwegisch für Pest) ist die Personifikation der gleichnamigen Krankheit – des schwarzen Todes.

Der schwarze Tod war eine der verheerendsten Pandemien der Weltgeschichte, die zwischen 1346 und 1353 über Europa hereingebrochen war. Sie forderte etwa ein Drittel der damaligen Bevölkerung als Todesopfer.

Aussehen:

Pesta wird als alte Frau dargestellt. Ihre Haut ist bleich und faltig.

Sie trägt eine schwarze mittelalterliche Kapuze und einen langen, roten Rock. Ihre restliche Kleidung ist nicht genauer beschrieben, wird auf Bildern aber immer als sehr dunkel und fast ihren gesamten Körper bedeckend dargestellt, sodass man nur ihr Gesicht und ihre Hände sehen kann.

Neben ihrer Kleidung trägt Pesta zudem immer einen Besen oder eine Harke bei sich.

Eigenschaften:

Pesta wird nachgesagt, dass sie den Tod bringt. Sie zieht von Dorf zu Dorf und hat entweder eine Harke oder einen Besen dabei.

Wenn Pesta ihre Harke dabei hat, gibt es für einige der Bewohner noch Hoffnung, da nur ein Teil von ihnen sterben muss.

Hat sie jedoch ihren Besen dabei, ist das das Ende des Dorfes und es gibt keine Möglichkeit, wie auch nur ein einziger von ihnen überleben kann.

Es heißt, dass es nicht länger als drei Tage dauert, bis man stirbt, wenn Pesta einen besucht hat.

Ist Pesta mit einem Ort fertig, zieht sie zum nächsten weiter.

Obwohl es zuerst den Anschein macht, handelt es sich bei Pesta nicht um eine Hexe. Sie ist auch mit keinem anderen bekannten Wesen der skandinavischen Folklore verwandt, sondern etwas eigenes.

Über ihre Persönlichkeit und ihre menschlichen Züge ist nichts bekannt, da diese nie beschrieben wurden.

Sie ist jedoch nicht gänzlich bösartig. Einmal soll ein Fischer sie nicht erkannt haben und sie auf seinem Boot mitgenommen haben. Als er schließlich auf halbem Weg bemerkt hat, wen er vor sich hat, flehte er um Gnade. Er bot Pesta an, sein Leben als Bezahlung für die Überfahrt zu verschonen.

Daraufhin soll Pesta ein schweres Buch hervorgeholt und durchgeblättert haben. Anschließend sagte sie ihm, dass sie sein Leben zwar nicht verschonen, aber seinen Tod schmerzlos sein lassen könne. Am selben Abend ging der Fischer müde nach Hause, schlief friedlich ein und wachte nicht mehr auf.

Lebensraum/Vorkommen:

Pesta hat kein Zuhause. Sie ist ständig in Bewegung.

Wenn man außerhalb von Skandinavien lebt, sollte man jedoch nichts zu befürchten haben, da sie nur dort ihr Unwesen getrieben haben soll.

Ursprung:

Das Verhalten, den Tod oder eine Krankheit in einer solchen Art zu personifizieren, ist nicht ungewöhnlich für das späte Mittelalter.

Besonders bei einer solch fatalen Krankheit wie der Pest, die viele Opfer gefordert hat, haben die Leute damals nach Möglichkeiten gesucht, sie zu erklären.

Es ist wahrscheinlich, dass Pesta einer dieser Erklärungsversuche ist, der sich in Norwegen durchgesetzt hat.


Ich hoffe, euch hat die Geschichte und Legende von Pesta gefallen. Was haltet ihr von solchen Legenden? Sind sie wirklich nur eine Personifikation einer Krankheit, oder könnte mehr dahinterstecken? Schreibt mir eure Meinung in die Kommentare!

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4 Kommentare

  1. Monika schreibt:

    Ich muss gestehen, während ich die Geschichte las, scrollte ich nicht nur einmal zu deiner Zeichnung von Pesta hoch. Ich dachte nämlich, – bis es sich in der Geschichte aufklärte – dass du dich vielleicht verschrieben hast, da sie im Bild ja eine Harke hält und du immer von einem Besen schreibst.^^°

    Zu den Fragen:
    ~Was haltet ihr von solchen Legenden? Sind sie wirklich nur eine Personifikation einer Krankheit, oder könnte mehr dahinterstecken?
    Da es ja medizinisch belegt ist, das nicht eine arme, alte Frau an der Pest schuld war, (sondern die mangelnde Hygiene und das enge Zusammenleben mit Ratten und deren Flöhe) habe ich jetzt nicht wirklich Angst, dass ich dieser Dame begegnen werde.
    Meiner Meinung nach zeigt die Legende aber sehr gut, wie verzweifelt die Menschen damals gewesen sein mussten.

    Liebe Grüße
    Monika

    • Jeremie Michels schreibt:

      Ja, gut. Du hast Recht. Die Zeichnung ist vielleicht etwas irreführend. Ich fand aber, dass zu der Geschichte der Besen und zu der Zeichnung die Harke besser gepasst hat … :‘D

      Da es ja medizinisch belegt ist, das nicht eine arme, alte Frau an der Pest schuld war, (sondern die mangelnde Hygiene […]
      Da hast du auch wieder recht (auch wenn ich mich mit den Skandinavischen Ländern zur Zeit der Pest überhaupt nicht auskenne). Aber vielleicht hatte Pesta ja etwas mit den Ratten und der Europaweiten Verbreitung der Krankheit zu tun …? ^^

      Meiner Meinung nach zeigt die Legende aber sehr gut, wie verzweifelt die Menschen damals gewesen sein mussten.
      Das auf jeden Fall. Es muss verdammt schlimm gewesen sein, so etwas durchgemacht zu haben und sich nicht einmal erklären zu können, wie oder wieso es passiert ist.

  2. Kate schreibt:

    Interessante Geschichte, hat mir sehr gut gefallen. Ich beschäftige mich zur Zeit mit dem Thema. Bisher kannte die Personifikation der Pest nur als Bogenschütze, so stellten sie sich die mittelalterlichen Menschen zumindest vor.

    • Jeremie Michels schreibt:

      Das finde ich sehr spannend. Hat die Personifikation als Bogenschütze irgendeinen Namen oder weitere Merkmale, nach denen man suchen könnte? Auf die Schnelle habe ich bei Google nämlich leider nichts gefunden.

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