Die Hone-Onna ist ein japanischer Geist. Tatsächlich ist auf meinem Blog in einer anderen Geschichte schon einmal eine Hone-Onna vorgekommen. Um welche Geschichte es sich dabei handelt, erfahrt ihr in diesem Beitrag.
Viel Spaß beim Gruseln!
Triggerwarnungen (Achtung Spoiler!)
– Tod einer geliebten Person
– Krankheit: MS
Inhalt
Die Geschichte:
Ich warf den Kopf nach links und rechts. Wo war ich hier? Ich stand in einer Gasse. In beide Richtungen sah ich Reihen von altmodischen Häuschen und Mauern, die vom warmen Licht mehrerer Laternen beleuchtet wurden. Zwischen ihnen gab es fast keine Gassen.
Es war eine typische japanische Altstadt. Alles kam mir seltsam vertraut vor, aber ich wusste beim besten Willen nicht, woher. Ich konnte mich an fast nichts erinnern.
Verunsichert sah ich an mir hinab. Ich trug einen traditionellen Kimono. Es war mein Kimono. So viel wusste ich. Aber normalerweise trug ich ihn nur zu feierlichen Anlässen. Ansonsten hatte ich … ja, ich erinnerte mich an einen grauen Pulli, den ich oft getragen hatte. Er brachte noch eine weitere Erinnerung mit sich, aber als ich mich darauf konzentrierte, war sie bereits wieder verschwunden. Was passierte nur mit mir?
Da mir nichts anderes übrigblieb, entschied ich, die Gasse entlangzugehen. Zum Glück spendeten die Laternen genügend Licht, sodass die nächtliche Straße ausreichend beleuchtet war.
Schnell setzte ich einen Fuß vor den anderen. Meine Geta – die Holzsandalen, die man traditionell zum Kimono trug – klackten mit jedem Schritt über die Pflastersteine.
Während ich die Straße entlangging, versuchte ich krampfhaft, mich an irgendetwas zu erinnern. Aber ich wusste nicht einmal meinen eigenen Namen. Und auch die Umgebung weckte keinerlei Erinnerungen. Zumindest, bis ich an eine Kreuzung kam. Ich stockte. Zwar wusste ich immer noch nicht, wo ich war, aber irgendetwas in mir wollte, dass ich links abbog. Es war mehr ein Gefühl. Als wäre ich diese Straße irgendwann schon einmal entlanggegangen.
Es dauerte nicht lange, bis ich die Altstadt hinter mir gelassen hatte. Jetzt wurden die traditionellen Häuser durch moderne Gebäude und gelegentliche Neonschilder abgelöst. Das Gute war: Die Gegend kam mir mehr und mehr bekannt vor.
Ich beschleunigte meine Schritte, merkte es aber erst, als ich in ein Joggen übergegangen war. Ich wusste, wo ich war! Die Straße runter, hinter dem kleinen Ramenrestaurant rechts, dann an dem Konbini vorbei und weiter in die Wohngegend.
Auf dem gesamten Weg begegneten mir nur eine Handvoll Leute. Ich kannte sie nicht, also ignorierte ich sie. Und auch sie schenkten mir keine weitere Beachtung.
Dann endlich stand ich vor einem zweistöckigen Haus. Ich hatte keine Ahnung, warum mir das Gebäude so vertraut vorkam. Meine Füße trugen mich wie von selbst die außen liegende Treppe hinauf. Ich ging einen schmalen Gang entlang, zu meiner Linken mehrere Wohnungen, zu meiner Rechten nur ein Geländer. Ich war hier schon oft gewesen.
Als ich eine Frau erblickte, die gerade aus einer Tür kam, blieb ich stehen. Und auch sie hielt mitten in der Bewegung inne. Sie war alt, hatte ein faltiges, wenn auch freundliches Gesicht. Ihre grauen Haare trug sie zu einem Dutt gebunden. Ich kannte die Frau! Aber woher? Und wie war ihr Name?
Da es mir nicht einfiel, versuchte ich es mit einem einfachen: „Guten Abend.“ Dabei tat ich einen Schritt auf sie zu.
Das hingegen schien der Frau nicht zu passen. Mit einer Geschwindigkeit, die ich ihr in ihrem Alter kaum zugetraut hätte, sprintete sie in ihre Wohnung zurück. Die Tür schloss sie hastig hinter sich. Ich hörte das mechanische Klicken eines Schlosses, das abgeschlossen wurde.
Jetzt stand ich mit offenem Mund da. Was war gerade passiert? Aber als mein Blick auf die Wohnung eine Tür weiter fiel, war das alles nicht mehr wichtig. Ich kannte die Wohnung. Ein plötzliches Gefühl von Wärme stieg in mir auf. Es war so überwältigend, dass es mich zu erdrücken drohte.
Mein Atem ging jetzt schnell und stoßweise, während ich auf die Wohnungstür zuging. Wie oft ich schon hier gewesen war … Es kam mir vor wie mein zweites Zuhause. Ohne zu zögern, betätigte ich die Klingel. Ich brauchte nicht einmal hinzusehen, um zu wissen, dass „Osaki“ auf dem Schild darunter stand. Anschließend klopfte ich ungeduldig an der Tür.
„Ist gut“, kam eine Stimme von drinnen. „Ich komm ja schon. Ich komm ja schon!“ Es war seine Stimme.
Im nächsten Moment öffnete er die Tür.
Er sah mich mit offenem Mund an, erstarrte dabei genauso wie die Frau eben auf dem Flur. Erst runzelte er die Stirn, dann wurde seine Miene weicher.
Ich hingegen spürte, wie mir jetzt Tränen in die Augen stiegen. „Hey, Taro“, sagte ich. Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
„Masami?“, kam es von ihm zurück.
Im nächsten Augenblick lagen wir einander in den Armen. Jetzt weinten wir beide. Kurz drückte Taro mich weg, um mich anzusehen, dann schloss er mich wieder fest in die Arme. „Ich versteh das nicht“, schluchzte er. „Ich dachte, du bist tot.“
—
Einige Minuten später saßen wir aneinandergekuschelt in seinem Wohnzimmer. Je mehr ich mich umsah, desto mehr erinnerte ich mich an alles. Taro und ich waren seit über drei Jahren ein Paar, aber wir kannten uns schon sehr viel länger. Wir waren sogar zur selben Schule gegangen. Alles war perfekt gewesen, bis …
„Ich hatte einen Unfall“, dachte ich laut.
Taro nickte. „Als man dein Auto gefunden hat, war es völlig ausgebrannt“, erklärte er. „Die Person am Steuer war bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Wir dachten, du seist tot. Was ist passiert?“
Ich versuchte, mich zu erinnern. Da war ein helles Licht. Scheinwerfer aus dem Gegenverkehr. Aber danach? „Ich erinnere mich nicht.“ Ich fasste mir an den Kopf. Darüber nachzudenken bereitete mir Kopfschmerzen.
Taro drückte mich fest an sich. „He“, sagte er. „Alles wird gut. Wir finden das schon heraus. Gemeinsam. Dafür haben wir jetzt alle Zeit der Welt. Im Moment ist erstmal wichtig, dass es dir gutgeht.“ Er lehnte sich zu mir, um mir einen leidenschaftlichen Kuss zu geben.
—
Am nächsten Morgen wachte ich neben Taro im Bett auf. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, weshalb ich seine Umrisse nur im Halbdunkel einer Straßenlaterne erahnen konnte, deren Licht durchs Fenster fiel. Dafür spürte ich seine Wärme, roch seine Haut. Es fühlte sich alles so verdammt richtig an.
Trotzdem musste ich aufstehen. Ich konnte es nicht erklären, aber es war ein Gefühl, eher schon ein tiefsitzender Instinkt, dass ich irgendwo sein musste. Also löste ich mich vorsichtig von ihm.
Ich ging zu unserem Kleiderschrank. Zu meiner Überraschung waren meine Sachen, die ich damals bei ihm gelassen hatte, noch immer hier. Frische Unterwäsche, eine Jeans, mehrere T-Shirts und … mein Pullover!
Ungläubig griff ich danach. Er hatte in abgeblätterten weißen Lettern den Namen meiner Uni aufgedruckt. Ich versenkte mein Gesicht in dem grauen Stoff. Er roch nach Taro. Natürlich tat er das. Seit meinem Unfall hatte er in seiner Wohnung gelegen.
Gut gelaunt zog ich mich an. Als ich in den Pullover schlüpfte, hatte ich ein breites Lächeln auf dem Gesicht.
Plötzlich ging hinter mir das Licht an. „Musst du weg?“, fragte Taro verschlafen.
Ich fuhr herum. Mein Freund lag noch im Bett. Seine schwarzen Haare standen wirr in alle Richtungen. Er rieb sich Schlaf aus den Augen.
„Ja“, sagte ich. „Ich hab noch was zu erledigen. Aber heute Abend bin ich wieder hier. Versprochen.“
Taro fragte nicht weiter nach. Also ging ich zu ihm und gab ihm einen Kuss. Er erwiderte ihn. „Ich werde auf dich warten“, sagte er.
Ich lächelte. Dann drehte ich mich um und ging wieder aus der Wohnung. Ich ging denselben Weg zurück, den ich gekommen war. Dabei musste ich nicht einmal nachdenken. Meine Füße bewegten sich wie von selbst. Ich folgte meinen Instinkten zurück in die Altstadt. Doch während die Sonne langsam aufging, umgab mich allmählich Dunkelheit. Ich hatte keine Ahnung, was mit mir passierte, aber ich spürte keine Angst. Dann war da nur noch Schwärze.
—
Als ich wieder zu mir kam, war die Sonne bereits untergegangen. Es war Abend. Ich hatte keine Ahnung, was in der Zwischenzeit passiert war.
Wie auch am Tag zuvor stand ich wieder in der Altstadt, nur, dass ich diesmal wusste, wo ich hinwollte. Ich rannte durch die Straßen, konnte es gar nicht erwarten, Taro wiederzusehen. Bald hatte ich die Altstadt hinter mir gelassen, eilte zwischen den mit Neonschildern behangenen Läden hindurch und war bereits nach wenigen Minuten wieder bei Taros Wohnhaus angekommen.
Dort ging ich mit schnellen Schritten die Treppen rauf. Ich rannte den vertrauten Gang zwischen Geländer und Wohnungstüren entlang. Bei der Wohnung der alten Frau, die gestern so komisch reagiert hatte, blieb ich stehen. Verwundert sah ich zu ihrer Tür. Sie war nicht ganz geschlossen. Stattdessen konnte ich erkennen, wie ihr faltiges Gesicht mich durch den mit einer Türkette gesicherten Spalt anstarrte.
Sobald sie meinen Blick bemerkte, knallte sie die Tür zu. Wieder hörte ich, wie ein Schlüssel im Schloss herumgedreht wurde.
Warum verhielt sie sich so? Hatte ich ihr etwas getan? Ich konnte mich nicht erinnern. In meinem Gedächtnis war sie eine liebenswerte ältere Dame gewesen, der Taro und ich oft bei den Einkäufen geholfen hatten.
Kopfschüttelnd ging ich weiter zu Taros Wohnung. Dort erwartete mich bereits die nächste Überraschung: Als Taro mir öffnete, hielt er mir einen bunten Blumenstrauß entgegen.
„Für dich“, sagte er, ehe er mich mit einem Kuss begrüßte.
Dabei bemerkte ich, dass er humpelte. „Alles in Ordnung?“, fragte ich schnell.
Aber Taro schüttelte nur den Kopf. „Mach dir keine Sorgen“, versuchte er, mich zu beruhigen. „Meine MS meldet sich nur mal wieder zu Wort.“
Seine Multiple Sklerose. Ich erinnerte mich. Aber eigentlich hatte er die Schübe doch mit seinen Medikamenten in den Griff bekommen.
Besorgt half ich ihm zum Sofa, wo wir die Blumen in eine Vase stellten. Meine Sorge war jedoch nur von kurzer Dauer. Nicht nur, dass Taro sich nicht wirklich darüber Gedanken machte, ich war bereits wieder von einem Gefühl der Glückseligkeit umgeben, während ich in seinen Armen lag. Bei ihm zu sein, mit ihm die Nächte zu verbringen war das schönste Gefühl, das ich mir vorstellen konnte.
—
Am nächsten Morgen schlich ich mich wieder aus dem Bett. Anscheinend hatte Taro einen leichten Schlaf entwickelt, denn auch an diesem Morgen ging hinter mir das Licht an, während ich mich anzog.
„Musst du wieder arbeiten?“, fragte Taro.
Ich hielt in der Bewegung inne. Ich hatte nie behauptet, dass ich arbeiten müsste. Aber … was tat ich eigentlich den ganzen Tag? Ich wusste es nicht. Also nickte ich. „Ja“, sagte ich knapp. Anschließend verabschiedete ich mich mit einem langen Kuss. „Wir sehen uns heute Abend“, sagte ich, ehe ich mit schlechtem Gewissen zurück Richtung Altstadt ging.
Warum hatte ich gelogen, hatte ihm nicht gesagt, dass ich nicht arbeiten ging? Es gab keinen Grund dazu. Andererseits wollte ich nicht, dass sich irgendetwas änderte. Wie es gerade zwischen uns lief, war perfekt. Ich wollte nicht, dass er mir nachspioniert. Auch spürte ich keinerlei Verlangen, herauszufinden, was mit mir los war. Ich war glücklich, wollte einfach nur bei Taro sein.
Was konnte eine kleine Notlüge da also schaden?
—
Die folgenden Tage verliefen sehr ähnlich. Während ich tagsüber völlige Blackouts hatte, verbrachte ich die Nächte bei Taro. Seine Nachbarin traf ich dabei nicht mehr, obwohl ich gestehen muss, dass ich mich beobachtet fühlte, wann immer ich an ihrem Türspion vorbeiging.
Eine andere Sache war Taros Gesundheitszustand. Seine Beine schienen immer schwächer zu werden. Inzwischen hatte er sogar seine alte Gehhilfe wieder herausgekramt, um sich einfacher durchs Haus bewegen zu können.
Normalerweise hätte ich ihn deswegen schon lange zum Arzt geschickt. Aber ich wollte nicht, dass er ins Krankenhaus ging. Es war egoistisch, ich weiß, aber es gab dort keine nächtlichen Besuchszeiten. Und ihn tagsüber zu besuchen, würde mir bei meinen Blackouts wahrscheinlich nicht gelingen. Ich wollte ihn nicht noch einmal verlieren!
Aber leider tat ich das. Es war die fünfte Nacht seit meiner Rückkehr. Taro und ich lagen gemeinsam im Bett. Er streichelte meinen Arm, während er neben mir lag.
Plötzlich klopfte es an der Tür. Es war kein kräftiges, dafür aber ein sehr eindringliches Klopfen.
„Erwartest du jemanden?“, fragte ich.
Taro schüttelte den Kopf. „Nein. Schon gar nicht um die Uhrzeit.“ Er hievte die Beine aus dem Bett, um mit seiner Gehhilfe zum Eingang zu humpeln. „Ich komm ja schon!“, rief er.
Am liebsten hätte ich ihm meine Hilfe angeboten, ihm den Weg abgenommen, aber wie ich meinen kleinen Sturkopf kannte, hätte er es sowieso abgelehnt. Also blieb ich mit gespitzten Ohren im Bett liegen.
„Frau Tanaka?“, hörte ich Taro fragen.
Das war die alte Nachbarin. „Ist sie hier?“, fragte sie mit gebrechlicher Stimme. „Du musst sie loswerden. Sofort. Sie wird dich umbringen!“
„Frau Tanaka, bitte. Beruhigen Sie sich. Ist etwas passiert?“
„Nein! Du hörst mir nicht zu“, schrie sie. „Es geht um die Frau. Sie ist nicht die, für die du sie hältst!“
Das ließ mich aufhorchen. Natürlich war ich die, für die er mich hielt. Ich war Masami, seine feste Freundin. Ich sprang aus dem Bett, warf mir meinen Pulli über und ging mit schnellen Schritten zur Tür.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte ich scheinheilig.
„Ahhh!“, schrie Frau Tanaka. Sofort zückte sie ein Feuerzeug. Ihre dürren Hände zitterten, während sie hastig etwas in ihrer anderen Hand anzündete. Es sah nach einem Bündel aus zusammengebundenem Gestrüpp aus.
Anschließend drängelte sie sich an Taro vorbei. Er war zu überrascht, um sie aufzuhalten. Dann fuchtelte sie mit dem brennenden Gestrüpp Rauch in meine Richtung.
Taro wedelte sich mit der Hand vor dem Gesicht herum, als wolle er den Geruch loswerden. „Bah. Was ist das für ein Zeug?“, fragte er.
Ich hingegen wich sofort zurück. Dort, wo der Rauch meine Haut berührte, entstand ein brennender Schmerz. Es fühlte sich an, als stünde ich in Flammen!
„Scheiße! Was ist das? Was ist das!?“, schrie ich.
Frau Tanaka fuchtelte nur weiter in meine Richtung. „Zurück mit dir! Zurück!“
Da packte Taro sie endlich am Handgelenk. Er zog sie von mir weg. „Jetzt beruhigen Sie sich! Das ist Masami, meine totgeglaubte Freundin!“
Frau Tanaka sah flüchtig zu mir. Zum Glück hatte sie aufgehört, mit dem Rauch um sich zu wedeln. „Du verstehst nicht. Sie ist nicht bloß totgeglaubt“, erklärte sie dann. „Masami ist eine Hone-Onna.“
„Eine Knochenfrau?“, fragte er. Er ließ sie los, stand nun aber mit verschränkten Armen vor ihr. „Was soll das sein?“
Ich wusste es genauso wenig.
„Hone-Onna“, erklärte Frau Tanaka ruhig, „sind ruhelose Geister, die nachts zurückkehren, um ihre Geliebten zu besuchen. Leider entziehen sie ihnen dabei auch ihre Lebensenergie.“
Taro und ich sahen sie fassungslos an.
„Das ist doch verrückt“, sagte er dann. „Es ist besser, wenn Sie jetzt gehen!“
„Nein!“, protestierte Frau Tanaka. „Verrückt ist nur, dass du es nicht erkennst. Setz deine rosarote Brille ab! Sieh dir Masami doch einmal an! Sie hat nicht einmal mehr Haut an ihrem Schädel. Sie ist ein wandelndes Skelett.“
Wie automatisch fasste ich mir ins Gesicht. Und tatsächlich. Ich spürte keinerlei Haut. Meine Finger trafen auf etwas Hartes.
Dann fiel mein Blick auf meine Hände. Sie waren schwarz, bestanden nur aus Knochen. Wie war mir das vorher nie aufgefallen? Und auch Taro sah mich jetzt mit großen, vor Schreck geweiteten Augen an.
Entsetzt rannte ich ins Badezimmer, um mich im Spiegel anzusehen. Leere Augenhöhlen starrten zurück. Mein Schädel, denn mehr war es nicht, war rußgeschwärzt. Frau Tanaka sagte die Wahrheit.
„Du wusstest es also auch nicht?“, krächzte eine Stimme hinter mir. Frau Tanaka war mir ins Bad gefolgt. „Sieh dir Taro doch einmal an!“, zischte sie mir zu. „Ist dir nicht aufgefallen, dass er Tag für Tag schwächer wird? Du entziehst ihm seine Kraft. Wenn ihr noch eine Nacht zusammen verbringt, wird er das nicht überleben!“
„Aber …“, protestierte ich. „Ich möchte das nicht. Ich würde Taro niemals schaden!“
Frau Tanaka nickte langsam. Mitleid lag in ihrem Blick. „Das glaube ich dir sogar. Wenn du ihn wirklich liebst, dann gehst du jetzt. Kehr nie wieder hierher zurück.“
Ich weiß nicht, ob Skelette weinen können, aber es fühlte sich zumindest so an, als würden Tränen meine Wangenknochen hinablaufen, während ich aus der Wohnung stürmte.
„Masami! Warte!“, rief Taro mir nach.
Aber Frau Tanaka hinderte ihn daran, mir zu folgen. „Schließ die Tür, Taro. Wir müssen uns unterhalten.“
—
Die restliche Nacht irrte ich durch die Straßen. Ich wusste nicht, was ich denken oder fühlen sollte, kam mir verloren vor. Dafür wusste ich jetzt, wo ich jeden Tag hin verschwand. In der Altstadt gab es einen Friedhof. Im Laufe der Nacht hatte ich dort mein Grab entdeckt. Ich blieb bei dem gepflegten Grabstein, bis mich bei Sonnenaufgang die bittersüße Schwärze empfing.
Aber zu meiner Überraschung stand ich bereits am nächsten Abend wieder in der inzwischen vertrauten Straße in der Altstadt. Warum? Warum war ich noch immer hier? Hatte ich nicht im Leben schon genug Pech gehabt?
Für einen Moment versuchte ich, mich dagegen zu wehren, aber schließlich trugen mich meine Füße wieder in die Richtung von Taros Wohnung. Mein Verlangen, ihn wiederzusehen, war zu mächtig.
Und so dauerte es nicht lang, bis ich wieder vor seiner Wohnung stand. Ich hatte Gewissensbisse. Sollte unsere gemeinsame Zeit ihm wirklich schaden? Warum fühlte es sich dann so richtig an? Andererseits könnte es erklären, wieso sein Zustand so schlecht war. Es lag nicht an seiner MS. Oder vielleicht doch?
Hin- und hergerissen betätigte ich die Klingel. Kurz darauf stand Taro vor mir. Seine Augen waren eingefallen, seine Wangen hohl. War das schon immer so? Warum war es mir die ganze Zeit nicht aufgefallen? War wirklich ich daran schuld? Unsere gemeinsamen Nächte?
„Masami“, sagte er mit einem Lächeln. Sogar seine Stimme klang schwach. „Komm rein. Es ist mir egal, was du bist. Mit dir zusammen bin ich glücklich.“ Er hielt mir die Tür auf, um mich reinzulassen.
Ich trat einen Schritt auf ihn zu. Wenn ich jetzt mit ihm ging, könnte das seine letzte Nacht sein. Aber wäre das so schlimm? Dann wären wir im Tod vereint. Er würde für immer bei mir bleiben.
Als ich die Türschwelle erreichte, zögerte ich. „Nein“, sagte ich dann. Was dachte ich denn da? Ich liebte Taro. Da würde ich ihm doch niemals den Tod wünschen! „Es tut mir leid“, sagte ich leise. „Taro, ich kann nicht.“ Ich taumelte zurück. „Ich kann dich nicht mit mir in den Tod reißen. Aber ich werde auf dich warten. Leb dein Leben! Werde glücklich! Irgendwann werden wir wieder vereint sein.“
Mit den Worten machte ich auf dem Absatz kehrt und rannte zurück in die Dunkelheit. Es war die letzte Nacht, in der meine ruhelose Seele auf die Erde zurückgekehrt war.
Bleibt auf dem neusten Stand und folgt mir auf:
Die Legende:
Hone-Onna (骨女, Japanisch für „Knochenfrau“) ist ein Geist der japanischen Mythologie. Sie zählt zu den Yōkai.
Eine der bekanntesten Geschichten über eine Hone-Onna ist die japanische Geistergeschichte Botan Dōrō, über die ich bereits 2020 einen Beitrag geschrieben habe.
Aussehen:
Hone-Onna haben zwei verschiedene Formen, in denen sie erscheinen können.
Für gewöhnlich sehen sie wie völlig normale Frauen aus. Meist werden sie als jung und schön beschrieben. Außerdem handelt es sich bei ihnen im Normalfall um Japanerinnen, da die Legende aus Japan stammt.
Es gibt jedoch Menschen, die durch diese Fassade hindurchsehen können. Sie sehen die Hone-Onna als ein Skelett, manchmal inklusive verwesendem Fleisch. Besonders häufig ist dabei von ihrem Gesicht die Rede, das nur noch aus einem Schädel besteht.
Eigenschaften:
Es gibt zwei verbreitete Versionen der Hone-Onna. In einer ist sie ein von Liebe getriebener Geist, in der anderen ein Rachegeist.
Der von Liebe getriebene Geist:
Diese Version ist der Geschichte von Botan Dōrō sehr ähnlich. Es geht darin um einen Mann, dessen Geliebte verstorben ist.
Eines Tages begegnet er ihr jedoch plötzlich wieder. Von seiner Liebe geblendet glaubt er, dass seine Geliebte in Wirklichkeit noch lebt. Manchmal gibt es eine Erklärung hierfür, dass ihr Tod vorgetäuscht war o. Ä., andere Male hinterfragt der Mann es nicht.
Während sie sich also fortan wieder regelmäßig treffen, entzieht sie ihm – oft unwissentlich – Stück für Stück die Lebensenergie. Mit der Zeit wird er schwächer und schwächer.
Meist ist es ein Freund oder Angestellter des Mannes, der nicht von seinen Gefühlen geblendet wird und die wahre Gestalt der Hone-Onna sehen kann.
Er erzählt dem Mann davon, der entweder entsetzt reagiert und sich von der Frau distanziert oder ihm nicht glaubt.
So oder so endet die Geschichte häufig damit, dass der Mann – entweder weil er sich weiter mit ihr trifft oder weil seine Sehnsucht zu groß wird – bei einem letzten Treffen mit der Frau selbst sein Leben lässt. Anschließend sind sie auf Ewig im Tode vereint.
Der Rachegeist:
In anderen Versionen sucht die Hone-Onna nicht ihren ehemaligen Geliebten heim, sondern ist hinter Männern generell her. Sie verführt sie mit ihrer Schönheit, um ihnen bei einer oder mehreren gemeinsamen Nächten die Lebensenergie zu entziehen.
In diesen Geschichten kommt es oft gegen Ende zu einem Schockmoment, wenn die Hone-Onna dem Mann ihren Schädel zeigt. Manchmal mit Absicht, andere Male, weil einfallendes Licht ihr Skelettgesicht zum Vorschein bringt.
Lebensraum/Vorkommen:
Die Legenden der Hone-Onna kommen fast ausschließlich aus Japan. Dort soll sie sich in Städten und Dörfern, aber insbesondere auf Friedhöfen, in dunklen Gassen oder auch in Rotlichtvierteln herumtreiben.
Ursprung:
Über den Ursprung der Hone-Onna habe ich nicht viel herausfinden können. Laut yokai.com (eine sehr verlässliche Quelle, was Yōkai angeht und eine große Empfehlung von mir) ist aber davon die Rede, dass die Hone-Onna mindestens seit dem 17. Jahrhundert in Japan bekannt sei, wo sie in Form der Botan-Dōrō-Legende aus einer alten chinesischen Geistergeschichte entstanden ist.
Hone-Onna in der Popkultur:
In der Manga- und Animereihe „Hell Girl“ tritt eine Hone-Onna regelmäßig auf.
Außerdem gibt es eine Hone-Onna in dem von NetEase Games entwickelten Gacha-Game Onmyoji, das für Pc, Android und iOS erschienen ist.
Ansonsten gibt es zu Botan Dōro, wo die weibliche Hauptperson eine Hone-Onna ist, zahlreiche Theaterstücke und Puppenspiele, die heute noch aufgeführt werden, sowie diverse Filme.
Was haltet ihr von der Hone-Onna? Mögt ihr sie als die zurückkehrende Geliebte oder als Rachegeist lieber? Schreibt es in die Kommentare!
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