Startseite » Biloko – Hör nicht auf seine Glocke!

Biloko Zeichnung von Jeremie Michels. Das Bild zeigt einen Eloko, ein Wesen, das einem menschlichen Jungen gleicht. Es lugt hinter einem Baum hervor, hat grüne Haare und trägt Kleidung aus Blättern. Seine dunkle Haut ist mit Blutsprenklern übersäht und in seiner rechten Hand hält es eine Glocke. Im Hintergrund ist Regenwald zu sehen.
Biloko (2026)

Biloko – Hör nicht auf seine Glocke!

Die Biloko sind eine afrikanische Legende, die tief im Regenwald des Kongo spielt. Daher hat der Beitrag auch so lange gedauert – zum einen, weil die Geschichte recht lang geworden ist, zum anderen, weil ich mich erst ausgiebig über das Kongobecken informieren wollte.

Und noch eine kleine Anmerkung: Der nächste Beitrag wird wahrscheinlich etwas auf sich warten lassen, weil ich im Mai kein einziges Wochenende Zeit habe (und unter der Woche schaffe ich die Blogbeiträge nicht). Aber die monatliche Lesung auf Patreon werde ich trotzdem versuchen, unterzubekommen.

Nun wünsche ich euch aber:

Viel Spaß beim Gruseln!

Triggerwarnungen (Achtung Spoiler!)

– Blut

Die Geschichte:

Ich lag auf dem Rücken. Über mir ragten hohe Bäume empor. Alles drehte sich. Ich sah zahlreiche verschiedene Pflanzen und Lianen, starrte in ein dichtes Blätterdach, durch das ich den Himmel kaum sehen konnte.

Mir war so unglaublich schlecht. Wie viel Blut hatte ich bereits verloren? Mein Hinterkopf schmerzte von dem Sturz. Sollte das also das Letzte sein, was ich sah?

„Na los, Frau!“, zischte mich eine Kinderstimme an. „Gib mir dein süßes, saftiges Fleisch!“ Dann ertönte wieder das sanfte Klingeln einer Glocke.

Ich weiß noch gut, wie ich mich gefühlt hatte, als ich in dem kleinen klapprigen Propellerflugzeug ins Kongobecken gesessen hatte. Unter mir hatte sich das scheinbar endlose grüne Blätterdach des Regenwalds erstreckt. Ich hatte eine Mischung aus Ehrfurcht, Bewunderung, aber auch Sorge empfunden. Hier sollte ich die nächsten Wochen leben. Abseits jeglicher Zivilisation zusammen mit völlig fremden Menschen. Noch dazu unter allerlei gefährlichen Tieren mit dem nächsten Krankenhaus in hunderten Kilometern Entfernung.

Zum Glück waren meine Sorgen unbegründet. Klar, es gab hier gefährliche Tiere, aber wenn man wusste, wie man mit ihnen umzugehen hatte und die Augen und Ohren offenhielt, war das alles halb so wild. Zumal ich die meisten gefährlichen Tiere nie zu Gesicht bekommen würde.

Und auch die Leute konnte ich nur als herzlich beschreiben. Bei meiner Landung hatte sich das ganze Dorf an der Landebahn versammelt, um mich zu begrüßen. Die Erwachsenen hatten gelacht, gewunken und mir die Hände geschüttelt, während die Kinder neugierig zu mir gerannt waren, um mir High-Fives zu geben.

„Dr. Harrison?“, hatte mich ein Mann begrüßt. Er hatte eine überraschend tiefe Stimme und sprach mit einem starken Akzent.

„Ich bin noch keine Doktorin“, war meine Antwort gewesen. „Aber hoffentlich bald.“

Daraufhin hatte der Mann mich breit angelächelt. „Dann sollten Sie sich an den Klang gewöhnen. Ich bin Bokungu, Ihr Guide. Es freut mich, Sie kennenzulernen, Dr. Harrison.“

Als Guide war es seine Aufgabe, Neuzugänge wie mich im Dorf abzuholen. Immerhin lag der Grund meiner Reise, ein Forschungscamp für Bonobos, etwa zwanzig Kilometer tiefer im Dschungel.

Es war ein anstrengender Fußweg gewesen. Wir folgten Trampelpfaden, kletterten über umgestürzte Bäume und wateten durch kniehohes Wasser. Zum Glück war das Wasser warm. Trotzdem war es am Anfang höchst ungewohnt, mit Schuhen, Socken und Hose durch den Bach zu wandern.

Kurz darauf durfte ich außerdem feststellen, dass die Kleidung wegen der hohen Luftfeuchtigkeit kaum trocknete. Aber man gewöhnt sich ehrlich gesagt daran. Es war ja nicht so, dass meine Kleidung nicht ohnehin schon vor lauter Schweiß völlig durchnässt an meinem Körper klebte.

Nach einem halben Tagesmarsch und einer kurzen Strecke in einem Holzboot erreichten wir schließlich das Camp. Dort lernte ich den Rest des Teams kennen. Sie hatten mich aufgenommen, als wäre ich Teil ihrer Familie. Denn genau so fühlte es sich inzwischen an: wie eine Familie.

Dabei hätten viele von uns kaum unterschiedlicher sein können. In unserem Camp wohnte ein bunter Mix aus Einheimischen und Ausländern wie mir.

Da war Brian, der Arzt unserer kleinen Gruppe. Er war Engländer, war aber schon viele Male hier im Dschungel gewesen. Er hatte diverse Gegengifte und Verbandszeug immer griffbereit. Nur für den Fall der Fälle.

Außerdem war da das Forscherteam, das die Bonobos, eine stark gefährdete Primatenart, untersuchte. Beziehungsweise waren es genau genommen zwei Forscherteams.

Sie hatten die wohl härteste Arbeit unserer ganzen Gruppe. Jeden Morgen machte sich eins der beiden Teams um etwa 3 Uhr auf den Weg, um zu den Bonobos zu gehen. Sie beobachteten sie, machten Notizen und begleiteten sie den kompletten Tag über, bis die Primaten am späten Abend wieder schlafen gingen. Am nächsten Tag stand schon das zweite Team bereit, um dieselbe Arbeit zu verrichten.

Es war wichtig, dass sie die Bonobos nie aus den Augen verloren. Wenn die Primaten nicht schliefen, musste immer ein Forscherteam bei ihnen sein, damit wir die Gruppe nicht verloren.

Darüber hinaus gab es einige Leute, die das Camp in Schuss hielten und sich um neue Verpflegung kümmerten.

Mein Favorit unter ihnen – sagt das aber bitte nicht den anderen – war Bokungu. Er war ein schwarzer Mann, dessen tiefes, lautes Lachen man im ganzen Camp hören konnte. Seine Arbeit als Guide machte er unglaublich gut. Ich kannte niemanden, der sich so im Regenwald auskannte, wie er.

Außerdem war er abergläubisch. Wobei … Ich sollte besser gläubig sagen, immerhin war es seine Religion. Er hatte uns von so vielen Geistern und Monstern erzählt, die im Dschungel hausten. Ich sog all seine Geschichten auf wie ein Schwamm. Nicht, dass ich auch nur an eine davon glauben würde, aber ich liebte es, seine Kultur auf diese Weise kennenzulernen.

Und dann war da natürlich noch ich: Mein Name ist Natalia Harrison, hoffentlich bald Dr. Natalia Harrison.

Ich war in die Demokratische Republik Kongo geflogen, um für meine Doktorarbeit Bonobos zu beobachten. Das Kongobecken ist der einzige Ort der Welt, an dem diese Primatenart lebt. Sie sind, zusammen mit den Schimpansen, der nächste Verwandte der Menschen. Sie teilen 98,7% unserer DNA.

Um genau zu sein, sind wir so nahe miteinander verwandt, dass wir eine medizinische Maske tragen müssen, wann immer wir uns den Bonobos nähern, damit wir keine Krankheiten an sie übertragen.

Ich könnte euch jetzt so viel über die Bonobos erzählen. Zum Beispiel, dass sie in einem Matriarchat leben, ihre Anführer also weiblich waren. Im Gegensatz zu den Menschen und Schimpansen waren sie eine sanfte und friedliche Art – ihre Konflikte lösten sie oft mit einvernehmlichem Sex statt mit Gewalt. Das Geschlecht spielte dabei keine Rolle. Außerdem hatten sie eine trüffelartige Delikatesse, die sie im Regenwald suchten, ausgruben und aßen. Und das, obwohl er außer Natrium keinen wichtigen Nährwert für die Tiere brachte. Der trüffelartige Pilz Hysterangium bonobo war sogar nach ihnen benannt.

Aber die Bonobos sind nicht der Grund, warum ich diese Geschichte erzähle, warum ich euch mit in den Regenwald der Demokratischen Republik Kongo nehme.

Es begann wie ein völlig normaler Tag im Dschungel. Um 3 Uhr klingelte der Wecker, der eines der beiden Forscherteams und mich in unseren regulären Arbeitstag schickte.

Selbst in der Nacht wurde es nicht kalt im Kongobecken – selten fielen die Temperaturen unter 20 °C –, aber im Vergleich zur schwülen Tageshitze fand ich es angenehm erfrischend.

Der Dschungel begrüßte uns mit seiner nächtlichen Symphonie. Aus allen Richtungen zirpten Insekten, schrien nachtaktive Vögel und brüllten gelegentlich Affen.

Was nun folgte, war ein dreizig- bis vierzigminütiger Weg durch überwucherten Regenwald. Wir hielten uns an die Trampelpfade, wo wir nur konnten, aber die meiste Zeit mussten wir uns durch dichtestes Dickicht kämpfen. Das hatten wir den Bonobos zu verdanken, die sich vor wenigen Tagen entschieden hatten, tiefer in den Regenwald zu wandern.

Lianen, gefallene Bäume und allerlei anderes Blattwerk versperrte uns den Weg, als würde es uns mit aller Macht am Durchkommen hindern wollen. Ohne unsere treuen Gartenscheren hätten die meisten von uns sicher schon lange aufgegeben. Ich hätte es jedenfalls.

Müde stolperte ich den anderen nach. Der Vorteil, wenn man so weit hinten lief, war, dass die meisten Lianen auf meinem Weg bereits durchtrennt waren. Trotzdem fand sich immer mal wieder eine Pflanze, in der auch ich mich verhedderte.

Bald mischte sich das Quaken unzähliger Frösche unter die wirre Soundkulisse. Wir näherten uns einem kleinen Bach, durch den wir ein gutes Stück hindurchwaten würden. Dort langzugehen war sehr viel weniger anstrengend.

Außerdem folgte kurz darauf eine alte Elefantenspur, die sich durch das Unterholz zog. Auch hier war das Vorankommen vergleichsweise einfach, bis wir wieder ins Unterholz abbiegen mussten, um zum Schlafplatz der Bonobos zu gelangen.

Noch vor ein paar Wochen hatte ich mich gewundert, wie die Forscher sich hier draußen nicht regelmäßig verirrten. Aber mit der Zeit lernt man die Unterschiede: Man lernt, einen frischen Pfad von unberührter Wildnis zu unterscheiden, erkannte die durchtrennten Lianen unter all den gesunden Pflanzen und hatte seine Wegweiser wie z. B. den Elefantenpfad oder den Bach, an denen man sich orientieren konnte. Auch ich brauchte hier draußen nur noch selten meinen Kompass.

Im Nachtlager der Bonobos war alles ruhig. Sie schliefen hoch oben in den Bäumen, wo sie sich jeden Abend ein neues Schlafnest aus Ästen und Blättern bauten. Jeder Primat sein eigenes.

Also machten wir es uns im Unterholz gemütlich. Zumindest so gemütlich, wie es möglich war. Wir packten unsere Ausrüstung aus, während die Bonobos langsam aus ihrem Schlaf erwachten.

„Guten Morgen, Mary-Ann“, hörte ich eine der anderen Forscherinnen sagen.

Ich sah auf. Sie hatte recht. Mary-Ann, die Anführerin der kleinen Bonobogruppe, kam gerade einen Baum heruntergeklettert. Schnell setzten wir unsere medizinischen Masken auf, um die Bonobos zu schützen.

Jetzt begann unsere eigentliche Arbeit. Wir machten Notizen zum Verhalten der Bonobos, beobachteten sie, machten gelegentlich Fotos und hielten alles so detailliert fest, wie wir nur konnten. Oder besser gesagt taten das die anderen. Ich half ihnen zwar dabei, so gut ich konnte, aber mein primärer Fokus war meine Doktorarbeit. Ich möchte euch nicht mit den Details langweilen, doch es hatte mit der Ernährung der Bonobos im matriarchalen Hierarchiesystem zu tun.

Leider war heute keiner der angenehmsten Tage für die Bonobobeobachtung. Es gab kein Unwetter oder so etwas, aber dafür bekamen wir Besuch von einer der lästigsten Tierarten hier im Kongobecken: die Ostafrikanische Hochlandbiene. Zumindest, wenn man von meiner Erfahrung der letzten Wochen ausging.

Diese Bienenart war hier im Kongobecken fast überall zu finden. Ich hatte schon einige Male die unangenehme Ehre, dieser Honigbienenart zu begegnen. Und wenn man eine von ihnen fand, blieben die anderen oft nicht fern. Sie liebten unseren Schweiß beziehungsweise die Salze darin. Und so besetzten sie oft scharenweise unsere Körper, um an ihre salzige Nahrungsquelle zu gelangen.

Aber es gab auch einen kleinen Trost: Sie waren nicht aggressiv. Man konnte sie oft problemlos mit Blättern vom Körper schlagen, um sie loszuwerden. Das hieß aber nicht, dass sie nicht innerhalb kürzester Zeit wieder zurückkamen.

Und so dauerte es heute nicht lange, bis ich mich auf den Rückweg zum Camp machte. Ihr braucht euch darüber aber nicht wundern. Ich blieb selten den ganzen Tag bei den Forscherteams, da ich es bevorzugte, meine Notizen im Camp zu ordnen, wo ich einen Tisch und einen Stuhl hatte. Außerdem waren die Bienen ein wirklich gutes Argument, meine Untersuchungen heute frühzeitig zu beenden.

Also war ich bereits gegen Mittag auf dem Rückweg ins Camp. Die Luft war drückend schwül. Noch immer lief mir der Schweiß am ganzen Körper hinunter, aber immerhin waren hier keine Bienen mehr. Ich kämpfte mich zurück durchs Unterholz zum Elefantenpfad. Von dort aus ging es weiter, bis ich auf der linken Seite zerschnittene Lianen sah. Dann folgten wieder etwa drei Minuten Unterholz, ehe ich den Bach erreichen würde.

Nach fünf Minuten blieb ich stehen. Ich hätte den Bach schon lange erreichen müssen. War ich falsch abgebogen?

Fast schon genervt kramte ich meinen Kompass aus der Seitentasche am Rucksack. Ich war mir sicher, dass ich in die richtige Richtung gegangen war.

Das war ich nicht. Verdammt nochmal! Heute lief nichts so, wie es sollte.

Kurz überlegte ich, ob ich zurückgehen solle. Aber nein. Ich war nur etwas zu weit nach rechts gegangen. Wenn ich mich jetzt Richtung Osten durch das Unterholz kämpfte, müsste ich so oder so zum Bach gelangen.

Wahrscheinlich wäre mein Plan aufgegangen. Ich war zwar mehr dabei, mich mit meiner Gartenschere durch Lianen zu schneiden, als zu gehen, doch ich kam langsam, aber sicher voran. In der Ferne konnte ich bald das Plätschern des Baches hören. Dann jedoch fiel mir auf, wie ungewöhnlich still es ansonsten war.

Eigentlich kann man überall im Dschungel Lärm hören. Zu jeder Tages- und Nachtzeit war man von einem Gewirr aus Blätterrascheln, Insektenzirpen und Tierstimmen umgeben. Hier jedoch wirkten die Geräusche fast dumpf.

Es war mir unheimlich. Also beeilte ich mich. Ich zog sogar als zusätzliche Hilfe das Messer aus meiner Gürteltasche, um mich schneller durch die Lianen schneiden zu können.

Ich kam nicht weit. Plötzlich erklang ein anderes Geräusch aus dem dichten Grün: das leise Klingeln einer Glocke.

Sofort spitzte ich die Ohren. Mit gerunzelter Stirn stand ich da. Hatte ich mich geirrt? Aber nein! Da war es wieder.

„Hallo?“, rief ich laut. „Ist da jemand? Bonjour?“ Aber auf meine Rufe kam keine Antwort, außer einem weiteren leisen Klingeln.

Mich überkam ein seltsames Gefühl. Ich konnte es nicht genauer beschreiben. Es war ein abgrundtiefes Verlangen, herauszufinden, was es mit dem Geräusch auf sich hatte. In dem Moment machte ich meine Forschernatur dafür verantwortlich, aber inzwischen weiß ich, dass es etwas anderes war.

Wieder arbeitete ich mich mit Messer und Gartenschere durch die Lianen und Blätter, diesmal auf das Geräusch zu.

Es dauerte nicht lange, bis ich eine Lichtung erreichte. Sie war aber nicht von Sonnenlicht erhellt wie unser Camp, sondern lag unter einem dichten Blätterdach. Nur die Baumstämme und anderen Pflanzen wirkten hier unten, als würden sie einen Bogen um das kleine Fleckchen machen. Ich fragte mich, ob es an hartem Stein lag, der hier knapp unter der Oberfläche sein könnte, ähnlich wie in der Savanne.

Im nächsten Moment zog ein Rascheln vor mir meine Aufmerksamkeit auf sich. Die Pflanzen bewegten sich. Dort kam etwas aus dem Unterholz. Oder nein … Es war das Unterholz! Vor mir bewegte sich ein Wesen, das mit Gras und blättern überwuchert war. Es richtete sich auf zwei Beine auf, erreichte dabei eine stolze Höhe von einem Meter.

Erst dachte ich, es sei ein Affe. Aber selbst im Gegensatz zu den Bonobos wirkte es dafür zu menschlich. Es hatte keine Haare an seinem Körper. An der Stelle, wo bei uns Menschen die Kopfhaare wuchsen, wuchs bei ihm Gras. Auch trug es Kleidung, die aus Blättern gefertigt war.

Und dann war da noch die kleine Glocke, die es in seiner klauenbesetzten Hand hielt.

Ich wusste sofort, was es war. Aber nicht aus dem Biologieunterricht oder meinen Recherchen zu der Fauna des Kongobeckens, sondern aus Bokungus Geschichten.

Er hatte mir von den Biloko erzählt. Zwergenhafte Wesen, die im Dschungel wohnen. Sie sollen die Geister der Ahnen von den Einheimischen sein oder irgend so ein Quatsch. Wie hatte er gesagt? Biloko seien böse Geister, die nichts lieber mögen als unser menschliches Fleisch. Der Klang ihrer Glocke könne uns völlig den Kopf verdrehen.

Wenn ich also eine Sache aus seinen Erzählungen gelernt hatte, dann, dass ich hier schnellstens wegmusste! Zumindest hatte ich keine Lust, mein Leben zu riskieren, um herauszufinden, ob es stimmte.

Panisch drehte ich mich um. „Hilfe!“, schrie ich aus voller Lunge. „Hiiiilfe!“

Aber ich erreichte nicht einmal das Unterholz. Als ich gerade zwischen den Pflanzen verschwinden wollte, ertönte wieder dieses engelsgleiche Klingeln der Glocke, das mich mindestens so sehr anzog, wie unser Schweiß die afrikanischen Bienen.

Langsam wandte ich mich dem Eloko – so hießen sie in der Einzahl – zu.

„Bleib hier“, sagte er mit einer kindesgleichen Stimme.

Spätestens jetzt zog sich eine Gänsehaut über meinen gesamten Körper. Ich war gleichermaßen erschrocken wie fasziniert von diesem Wesen, das aus einem mir unerfindlichen Grund Englisch sprach.

„Gib mir ein Stück von deinem saftigen Fleisch!“, fuhr es fort. Es untermalte den Befehl mit seiner Glocke.

Wahrscheinlich denkt ihr jetzt, dass niemand solch einem wahnsinnigen Befehl nachgehen würde. Aber ich war von seiner Glocke verzaubert.

Wie in Trance ließ ich meine Schere fallen. Ich setzte das Messer, das ich noch immer in der linken Hand hielt, an meinen rechten Arm. Ich zögerte nicht einmal eine Sekunde, ehe ich tief in mein Fleisch schnitt.

Blut quoll aus der Wunde hervor. Ich wollte weiterschneiden, aber es gibt da eine Sache, die ich euch noch nicht erzählt hatte: Ich konnte kein Blut sehen.

Statt also dem Befehl des Eloko nachzukommen, erstarrte ich. Ich musste kreidebleich im Gesicht geworden sein. Im nächsten Moment kippte ich rücklings um.

Ich lag auf dem Rücken. Über mir ragten hohe Bäume empor. Alles drehte sich. Ich sah zahlreiche verschiedene Pflanzen und Lianen, starrte in ein dichtes Blätterdach, durch das ich den Himmel kaum sehen konnte.

Mir war so unglaublich schlecht. Wie viel Blut hatte ich bereits verloren? Mein Hinterkopf schmerzte von dem Sturz. Sollte das also das Letzte sein, was ich sah?

„Na los, Frau!“, zischte mich eine Kinderstimme an. „Gib mir dein süßes, saftiges Fleisch!“ Dann ertönte wieder das sanfte Klingeln einer Glocke.

Mit aller Kraft versuchte ich, mich aufzurichten. Ich musste mein Messer wiederfinden, das ich fallengelassen hatte, musste seinem Befehl nachkommen.

Doch in dem Moment, als ich meinen Kopf hob, um mich umzusehen, fiel mein Blick wieder auf den Schnitt in meinem Arm. Das Blut, das daraus hervorquoll, hatte mein Hemd erreicht, das sich langsam vollsog. Warum musste ich heute nur weiß tragen?

Ich ließ meinen Kopf zurückfallen. Nein. So leid es mir tat, wenn der Eloko ein Stück von mir wollte, musste er es sich selbst holen.

Also schloss ich die Augen. Wenn ich ihn schon nicht füttern konnte, wollte ich wenigstens keine Gegenwehr leisten.

„Dr. Harrison!“, hörte ich Bokungus Stimme in meinem Kopf.

Ich hatte keine Ahnung, warum ich in meinen letzten Momenten ausgerechnet an ihn dachte. Vielleicht, weil er mir von den Biloko erzählt hatte. Vielleicht, weil wir gute Freunde geworden waren, oder weil er mich an meinen Vater erinnerte. Er war hier draußen so etwas wie meine Bezugsperson geworden.

„Dr. Harrison!“, erklang seine Stimme erneut.

Aber Moment … Sie kam nicht aus meinem Kopf!

Unter großer Anstrengung zwang ich mich, wieder die Augen zu öffnen.

„Dr. Harrison, können Sie mich hören?“

Da war Bokungu. Er stand über mir, hatte sein eigenes Messer gezückt und richtete es auf den Eloko. In der anderen Hand hatte er irgendeinen hölzernen Gegenstand, den er mir entgegenhielt. „Nehmen Sie das. Schnell!“

Kraftlos streckte ich die Hand nach ihm aus.

„Tu es nicht!“, rief der Eloko. Er klang wütend, klingelte jetzt wie wild mit seiner Glocke. „Nimm nichts von ihm an!“

Aber es war zu spät. Ich hatte den Fetisch bereits mit der Hand umschlossen. Aber bitte denkt jetzt nicht an etwas Versautes. Fetische waren heilige Artefakte aus Afrika. Dieses hier war eine Holzstatue, die einen Menschen mit langem, maskenartigem Gesicht darstellte. Wahrscheinlich war es irgendein Schutzzauber.

Auf einmal war ich wieder klar im Kopf. Ich sah den Eloko, der inzwischen schrie und tobte, nicht länger als Kind, dem ich helfen musste, sondern als das, was er war: ein blutrünstiges Ungeheuer.

Trotzdem war mir noch immer schwindelig. Es dauerte eine ganze Weile, bis Bokungu mir auf die Beine geholfen hatte. Und auch dann musste er mich stützen, damit ich nicht wieder zusammenklappte, während er die ganze Zeit das Messer auf den Eloko gerichtet hielt.

Zu meiner Überraschung griff das Wesen nicht an. Bokungu hatte erklärt, dass Biloko übermenschlich stark seien, aber anscheinend machte sie das nicht immun vor Messerklingen.

Ich hatte unterdessen den Fetisch in meine rechte Hand genommen, um mir mit der linken auf die Wunde zu pressen. Natürlich ohne sie anzusehen.

So gingen wir langsam rückwärts. Wir verließen die Lichtung, stolperten über Wurzeln, durch Blätter und Lianen. Bald näherten wir uns dem Bach. Aber erst, als wir im Wasser standen, traute Bokungu sich, das Messer sinken zu lassen. Er holte eine verpackte Mullbinde aus seinem Rucksack und band sie mir mit geschickten Griffen um den Arm.

„Wie hast du mich gefunden?“, fragte ich.

Bokungu sah mich an, während er die Wunde weiter verband. „Die Götter müssen mich geführt haben“, erklärte er. „Ich war auf dem Weg zu euch, wollte gerade aus dem Bach steigen, als ich dich rufen gehört habe.“

Den restlichen Weg bis zum Camp – Bokungu wich dabei nicht mehr von meiner Seite – dachte ich über seine Worte nach. Die Götter … Früher hätte ich ihn für solch eine Aussage belächelt. Aber jetzt? Wenn die Biloko real waren, was von seinem Glauben stimmte dann noch?

Zurück im Camp gingen wir sofort zu Brian, unserem Arzt. Die Anderen bekamen es natürlich mit. Sie waren sofort in hellem Aufruhr, sobald klar wurde, dass Brian meine Wunde nähen musste. Sie wollten wissen, was mir passiert war. Ich erzählte es ihnen.

Die meisten glaubten mir nicht. Sie suchten nach logischeren Erklärungen: Ich sei dehydriert gewesen oder vergiftet, habe halluziniert. Sie waren Forschende, genau wie ich. Wenn ich ehrlich war, hätte ich die Geschichte wahrscheinlich selbst nicht geglaubt, wenn sie mir nicht widerfahren wäre.

An ihrem Verhalten oder der Route zu den Bonobos änderten sie jedenfalls nichts. Es blieb also nur zu hoffen, dass niemand aus dem Forscherteam dem Eloko begegnen würde, bis die Bonobos weitergezogen waren. Denn noch einmal so viel Glück, dass ausgerechnet in dem Moment Bokungu auftauchen würde, hatte sicher niemand von ihnen.

Bleibt auf dem neusten Stand und folgt mir auf:

Instagram  Bluesky  Facebook  Patreon  Newsletter

Die Legende:

Biloko, in der Einzahl „Eloko“, sind Wesen aus der Folklore der Mongo, einem Volk, das in der Demokratischen Republik Kongo in Afrika lebt.

Mir ist dabei nicht ganz klar, ob ich sie als „Monster“ oder als „Geister“ einordnen soll. Mehr dazu aber weiter unten im Beitrag.

Aussehen:

In den meisten Darstellungen sind Biloko zwergenhafte humanoide Wesen, manchmal mit tierischen Eigenschaften.

Sie besitzen keinerlei Haare am Körper. Stattdessen wächst ihnen Moos oder Gras aus der Haut, meist an den Stellen, wo man Kopfhaare und/oder einen Bart erwarten würde.

Und auch ihre Kleidung besteht ausschließlich aus Pflanzen bzw. hauptsächlich aus Blättern.

Außerdem sollen sie lange scharfe Krallen haben und einen Mund, den sie – ähnlich wie eine Schlange – ausrenken können, sodass sie ihn so weit aufbekommen, dass sie sogar einen ganzen Menschen verschlingen können sollen.

Eigenschaften:

Biloko gelten generell als bösartige Wesen, zumindest uns Menschen gegenüber. Gleichzeitig wird ihnen in einigen Legenden nachgesagt, Besitzer und/oder Beschützer des Regenwaldes zu sein.

Darüber hinaus sollen sie Jagdtiere und die seltensten Früchte des Dschungels „sammeln“ bzw. schützen, was ihre Lebensräume besonders bei Jägern sehr beliebt machen soll.

Gerade Letzteres könnte auch eine Jagdstrategie der Biloko sein, da ihr Hauptnahrungsmittel, teilweise sogar ihr einziges Nahrungsmittel, Menschenfleisch sein soll. Sie sollen dabei besonders das Fleisch von Frauen mögen.

Außerdem sollen sie die Stimme eines Kindes haben, mit der sie Menschen in die Irre führen können und dank der sie oft unterschätzt werden, und übermenschlich stark sein.

Ihre wohl gefürchtetste Jagdmethode ist jedoch eine magische Glocke, die sie immer bei sich tragen. Ihr Klang soll in der Lage sein, Menschen zu betören und zu beeinflussen. Sie soll dabei so mächtig sein, dass die Menschen sich freiwillig von den Biloko essen lassen oder gar ihr eigenes Fleisch abschneiden, um den Eloko damit zu füttern.

Man soll sich jedoch mit Amuletten, Fetischen und anderen Schutzzaubern vor ihnen und der Wirkung ihrer Glocke schützen können, wodurch man ihren Lebensraum – mehr oder weniger sicher – durchqueren können soll.

Lebensraum/Vorkommen:

Eloko sollen ausschließlich in den tiefsten Regenwäldern im Kongo leben. Dort wohnen sie angeblich in Baumhöhlen und hohlen Bäumen.

Ursprung:

Die Legenden über die Biloko wurden früher ausschließlich mündlich weitergegeben. Daher ist es heutzutage wahrscheinlich unmöglich, den genauen Ursprung der Wesen zu bestimmen.

Es gibt aber die Theorie, dass sie die Gefahr des Dschungels darstellen sollen. Sie könnten als eine Art Warnung dienen, sich nicht zu tief in den Urwald zu wagen.

Außerdem finde ich eine Sache besonders interessant: Obwohl die Biloko definitiv als physische Wesen bzw. Kryptide angesehen werden, sollen sie gleichzeitig die Geister der Ahnen sein. Der Legende nach sind die Seelen der Verstorbenen, die z. B. einen grausamen Tod oder eine mangelhafte Bestattung erleidet haben, in Form der Biloko als Monster auf die Erde zurückgekehrt.

Biloko in der Popkultur:

Besonders bekannt dürften Biloko aus der Welt des Pen and Paper Rollenspiels „Pathfinder“ sein, wo sie als bösartige Monster auftreten. Außerdem gibt es sie ebenfalls in dem weniger bekannten Pen and Paper Rollenspiel „White Wolf“.

Darüber hinaus haben sie Auftritte in diversen Romanen wie z. B. „A Song Below Water“ von Bethany C. Morrow, „Bacchanal“ von Veronica G. Henry oder der „Dark Star“-Trilogie von Marlon James.

Außerdem kommen sie in dem Jagd-Videospiel „theHunter: Call of the Wild“ bzw. in der Questreihe des DLC „Vurhonga Savanna“ vor, und es gibt einige Lieder über sie.

Was haltet ihr von den Biloko? Und wie würdet ihr reagieren, wenn ihr im tiefsten Regenwald eine Glocke hört? Würdet ihr versuchen, herauszufinden, wo das Geräusch herkommt? Schreibt es in die Kommentare!

Du willst keinen neuen Beitrag mehr verpassen? Dann unterstütze mich auf Patreon, abonniere meinen Newsletter oder folge mir auf X, Facebook oder Instagram!

1 Kommentar

  1. Rabbat07 says:

    uh, die Geschichte gefällt mir irgendwie besonders. irgendwie hast du es geschafft sehr gut ein klares Geschehen in meinem Kopf abzubilden 🙂

    Was haltet ihr von den Biloko?
    ich finde die Wesen an sich interessant. könnten sie dann nicht auch als wiedergänger zählen?

    Und wie würdet ihr reagieren, wenn ihr im tiefsten Regenwald eine Glocke hört?
    vermutlich der glocke folgen, wenn sie so magisch ist

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert