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	<title>Yokai Archive - Geister und Legenden</title>
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	<description>In diesem Blog schreibe und veröffentliche ich jeden zweiten Montag eine neue Legende und Geschichte über Geister oder andere übernatürliche Dinge. Viel Spaß beim Gruseln!</description>
	<lastBuildDate>Mon, 30 Mar 2026 10:43:15 +0000</lastBuildDate>
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	<title>Yokai Archive - Geister und Legenden</title>
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		<title>Hone-Onna – Ihre Liebe bringt dich um!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 30 Mar 2026 13:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Ich warf den Kopf nach links und rechts. Wo war ich hier? Ich stand in einer Gasse. In beide Richtungen sah ich Reihen von altmodischen Häuschen und Mauern, die vom warmen Licht mehrerer Laternen beleuchtet wurden. Ich hatte keine Ahnung, wie ich hergekommen war. Was passierte nur mit mir …</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.geister-und-legenden.de/hone-onna">Hone-Onna – Ihre Liebe bringt dich um!</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.geister-und-legenden.de">Geister und Legenden</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg02.met.vgwort.de/na/37e39f7454054e94ac03577dbaaea142" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p>Die Hone-Onna ist ein japanischer Geist. Tatsächlich ist auf meinem Blog in einer anderen Geschichte schon einmal eine Hone-Onna vorgekommen. Um welche Geschichte es sich dabei handelt, erfahrt ihr in diesem Beitrag.</p>



<p>Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen (Achtung Spoiler!) </strong></summary>
<p>&#8211; Tod einer geliebten Person<br>
&#8211; Krankheit: MS</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p>Ich warf den Kopf nach links und rechts. Wo war ich hier? Ich stand in einer Gasse. In beide Richtungen sah ich Reihen von altmodischen Häuschen und Mauern, die vom warmen Licht mehrerer Laternen beleuchtet wurden. Zwischen ihnen gab es fast keine Gassen.</p>



<p>Es war eine typische japanische Altstadt. Alles kam mir seltsam vertraut vor, aber ich wusste beim besten Willen nicht, woher. Ich konnte mich an fast nichts erinnern.</p>



<p>Verunsichert sah ich an mir hinab. Ich trug einen traditionellen Kimono. Es war mein Kimono. So viel wusste ich. Aber normalerweise trug ich ihn nur zu feierlichen Anlässen. Ansonsten hatte ich … ja, ich erinnerte mich an einen grauen Pulli, den ich oft getragen hatte. Er brachte noch eine weitere Erinnerung mit sich, aber als ich mich darauf konzentrierte, war sie bereits wieder verschwunden. Was passierte nur mit mir?</p>



<p>Da mir nichts anderes übrigblieb, entschied ich, die Gasse entlangzugehen. Zum Glück spendeten die Laternen genügend Licht, sodass die nächtliche Straße ausreichend beleuchtet war.</p>



<p>Schnell setzte ich einen Fuß vor den anderen. Meine Geta – die Holzsandalen, die man traditionell zum Kimono trug – klackten mit jedem Schritt über die Pflastersteine.</p>



<p>Während ich die Straße entlangging, versuchte ich krampfhaft, mich an irgendetwas zu erinnern. Aber ich wusste nicht einmal meinen eigenen Namen. Und auch die Umgebung weckte keinerlei Erinnerungen. Zumindest, bis ich an eine Kreuzung kam. Ich stockte. Zwar wusste ich immer noch nicht, wo ich war, aber irgendetwas in mir wollte, dass ich links abbog. Es war mehr ein Gefühl. Als wäre ich diese Straße irgendwann schon einmal entlanggegangen.</p>



<p>Es dauerte nicht lange, bis ich die Altstadt hinter mir gelassen hatte. Jetzt wurden die traditionellen Häuser durch moderne Gebäude und gelegentliche Neonschilder abgelöst. Das Gute war: Die Gegend kam mir mehr und mehr bekannt vor.</p>



<p>Ich beschleunigte meine Schritte, merkte es aber erst, als ich in ein Joggen übergegangen war. Ich wusste, wo ich war! Die Straße runter, hinter dem kleinen Ramenrestaurant rechts, dann an dem Konbini vorbei und weiter in die Wohngegend.</p>



<p>Auf dem gesamten Weg begegneten mir nur eine Handvoll Leute. Ich kannte sie nicht, also ignorierte ich sie. Und auch sie schenkten mir keine weitere Beachtung.</p>



<p>Dann endlich stand ich vor einem zweistöckigen Haus. Ich hatte keine Ahnung, warum mir das Gebäude so vertraut vorkam. Meine Füße trugen mich wie von selbst die außen liegende Treppe hinauf. Ich ging einen schmalen Gang entlang, zu meiner Linken mehrere Wohnungen, zu meiner Rechten nur ein Geländer. Ich war hier schon oft gewesen.</p>



<p>Als ich eine Frau erblickte, die gerade aus einer Tür kam, blieb ich stehen. Und auch sie hielt mitten in der Bewegung inne. Sie war alt, hatte ein faltiges, wenn auch freundliches Gesicht. Ihre grauen Haare trug sie zu einem Dutt gebunden. Ich kannte die Frau! Aber woher? Und wie war ihr Name?</p>



<p>Da es mir nicht einfiel, versuchte ich es mit einem einfachen: „Guten Abend.“ Dabei tat ich einen Schritt auf sie zu.</p>



<p>Das hingegen schien der Frau nicht zu passen. Mit einer Geschwindigkeit, die ich ihr in ihrem Alter kaum zugetraut hätte, sprintete sie in ihre Wohnung zurück. Die Tür schloss sie hastig hinter sich. Ich hörte das mechanische Klicken eines Schlosses, das abgeschlossen wurde.</p>



<p>Jetzt stand ich mit offenem Mund da. Was war gerade passiert? Aber als mein Blick auf die Wohnung eine Tür weiter fiel, war das alles nicht mehr wichtig. Ich kannte die Wohnung. Ein plötzliches Gefühl von Wärme stieg in mir auf. Es war so überwältigend, dass es mich zu erdrücken drohte.</p>



<p>Mein Atem ging jetzt schnell und stoßweise, während ich auf die Wohnungstür zuging. Wie oft ich schon hier gewesen war … Es kam mir vor wie mein zweites Zuhause. Ohne zu zögern, betätigte ich die Klingel. Ich brauchte nicht einmal hinzusehen, um zu wissen, dass „Osaki“ auf dem Schild darunter stand. Anschließend klopfte ich ungeduldig an der Tür.</p>



<p>„Ist gut“, kam eine Stimme von drinnen. „Ich komm ja schon. Ich komm ja schon!“ Es war <em>seine</em> Stimme.</p>



<p>Im nächsten Moment öffnete er die Tür.</p>



<p>Er sah mich mit offenem Mund an, erstarrte dabei genauso wie die Frau eben auf dem Flur. Erst runzelte er die Stirn, dann wurde seine Miene weicher.</p>



<p>Ich hingegen spürte, wie mir jetzt Tränen in die Augen stiegen. „Hey, Taro“, sagte ich. Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.</p>



<p>„Masami?“, kam es von ihm zurück.</p>



<p>Im nächsten Augenblick lagen wir einander in den Armen. Jetzt weinten wir beide. Kurz drückte Taro mich weg, um mich anzusehen, dann schloss er mich wieder fest in die Arme. „Ich versteh das nicht“, schluchzte er. „Ich dachte, du bist tot.“</p>



<p class="has-text-align-center">&#8212;</p>



<p>Einige Minuten später saßen wir aneinandergekuschelt in seinem Wohnzimmer. Je mehr ich mich umsah, desto mehr erinnerte ich mich an alles. Taro und ich waren seit über drei Jahren ein Paar, aber wir kannten uns schon sehr viel länger. Wir waren sogar zur selben Schule gegangen. Alles war perfekt gewesen, bis …</p>



<p>„Ich hatte einen Unfall“, dachte ich laut.</p>



<p>Taro nickte. „Als man dein Auto gefunden hat, war es völlig ausgebrannt“, erklärte er. „Die Person am Steuer war bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Wir dachten, du seist tot. Was ist passiert?“</p>



<p>Ich versuchte, mich zu erinnern. Da war ein helles Licht. Scheinwerfer aus dem Gegenverkehr. Aber danach? „Ich erinnere mich nicht.“ Ich fasste mir an den Kopf. Darüber nachzudenken bereitete mir Kopfschmerzen.</p>



<p>Taro drückte mich fest an sich. „He“, sagte er. „Alles wird gut. Wir finden das schon heraus. Gemeinsam. Dafür haben wir jetzt alle Zeit der Welt. Im Moment ist erstmal wichtig, dass es dir gutgeht.“ Er lehnte sich zu mir, um mir einen leidenschaftlichen Kuss zu geben.</p>



<p class="has-text-align-center">&#8212;</p>



<p>Am nächsten Morgen wachte ich neben Taro im Bett auf. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, weshalb ich seine Umrisse nur im Halbdunkel einer Straßenlaterne erahnen konnte, deren Licht durchs Fenster fiel. Dafür spürte ich seine Wärme, roch seine Haut. Es fühlte sich alles so verdammt richtig an.</p>



<p>Trotzdem musste ich aufstehen. Ich konnte es nicht erklären, aber es war ein Gefühl, eher schon ein tiefsitzender Instinkt, dass ich irgendwo sein musste. Also löste ich mich vorsichtig von ihm.</p>



<p>Ich ging zu unserem Kleiderschrank. Zu meiner Überraschung waren meine Sachen, die ich damals bei ihm gelassen hatte, noch immer hier. Frische Unterwäsche, eine Jeans, mehrere T-Shirts und … mein Pullover!</p>



<p>Ungläubig griff ich danach. Er hatte in abgeblätterten weißen Lettern den Namen meiner Uni aufgedruckt. Ich versenkte mein Gesicht in dem grauen Stoff. Er roch nach Taro. Natürlich tat er das. Seit meinem Unfall hatte er in seiner Wohnung gelegen.</p>



<p>Gut gelaunt zog ich mich an. Als ich in den Pullover schlüpfte, hatte ich ein breites Lächeln auf dem Gesicht.</p>



<p>Plötzlich ging hinter mir das Licht an. „Musst du weg?“, fragte Taro verschlafen.</p>



<p>Ich fuhr herum. Mein Freund lag noch im Bett. Seine schwarzen Haare standen wirr in alle Richtungen. Er rieb sich Schlaf aus den Augen.</p>



<p>„Ja“, sagte ich. „Ich hab noch was zu erledigen. Aber heute Abend bin ich wieder hier. Versprochen.“</p>



<p>Taro fragte nicht weiter nach. Also ging ich zu ihm und gab ihm einen Kuss. Er erwiderte ihn. „Ich werde auf dich warten“, sagte er.</p>



<p>Ich lächelte. Dann drehte ich mich um und ging wieder aus der Wohnung. Ich ging denselben Weg zurück, den ich gekommen war. Dabei musste ich nicht einmal nachdenken. Meine Füße bewegten sich wie von selbst. Ich folgte meinen Instinkten zurück in die Altstadt. Doch während die Sonne langsam aufging, umgab mich allmählich Dunkelheit. Ich hatte keine Ahnung, was mit mir passierte, aber ich spürte keine Angst. Dann war da nur noch Schwärze.</p>



<p class="has-text-align-center">&#8212;</p>



<p>Als ich wieder zu mir kam, war die Sonne bereits untergegangen. Es war Abend. Ich hatte keine Ahnung, was in der Zwischenzeit passiert war.</p>



<p>Wie auch am Tag zuvor stand ich wieder in der Altstadt, nur, dass ich diesmal wusste, wo ich hinwollte. Ich rannte durch die Straßen, konnte es gar nicht erwarten, Taro wiederzusehen. Bald hatte ich die Altstadt hinter mir gelassen, eilte zwischen den mit Neonschildern behangenen Läden hindurch und war bereits nach wenigen Minuten wieder bei Taros Wohnhaus angekommen.</p>



<p>Dort ging ich mit schnellen Schritten die Treppen rauf. Ich rannte den vertrauten Gang zwischen Geländer und Wohnungstüren entlang. Bei der Wohnung der alten Frau, die gestern so komisch reagiert hatte, blieb ich stehen. Verwundert sah ich zu ihrer Tür. Sie war nicht ganz geschlossen. Stattdessen konnte ich erkennen, wie ihr faltiges Gesicht mich durch den mit einer Türkette gesicherten Spalt anstarrte.</p>



<p>Sobald sie meinen Blick bemerkte, knallte sie die Tür zu. Wieder hörte ich, wie ein Schlüssel im Schloss herumgedreht wurde.</p>



<p>Warum verhielt sie sich so? Hatte ich ihr etwas getan? Ich konnte mich nicht erinnern. In meinem Gedächtnis war sie eine liebenswerte ältere Dame gewesen, der Taro und ich oft bei den Einkäufen geholfen hatten.</p>



<p>Kopfschüttelnd ging ich weiter zu Taros Wohnung. Dort erwartete mich bereits die nächste Überraschung: Als Taro mir öffnete, hielt er mir einen bunten Blumenstrauß entgegen.</p>



<p>„Für dich“, sagte er, ehe er mich mit einem Kuss begrüßte.</p>



<p>Dabei bemerkte ich, dass er humpelte. „Alles in Ordnung?“, fragte ich schnell.</p>



<p>Aber Taro schüttelte nur den Kopf. „Mach dir keine Sorgen“, versuchte er, mich zu beruhigen. „Meine MS meldet sich nur mal wieder zu Wort.“</p>



<p>Seine Multiple Sklerose. Ich erinnerte mich. Aber eigentlich hatte er die Schübe doch mit seinen Medikamenten in den Griff bekommen.</p>



<p>Besorgt half ich ihm zum Sofa, wo wir die Blumen in eine Vase stellten. Meine Sorge war jedoch nur von kurzer Dauer. Nicht nur, dass Taro sich nicht wirklich darüber Gedanken machte, ich war bereits wieder von einem Gefühl der Glückseligkeit umgeben, während ich in seinen Armen lag. Bei ihm zu sein, mit ihm die Nächte zu verbringen war das schönste Gefühl, das ich mir vorstellen konnte.</p>



<p class="has-text-align-center">&#8212;</p>



<p>Am nächsten Morgen schlich ich mich wieder aus dem Bett. Anscheinend hatte Taro einen leichten Schlaf entwickelt, denn auch an diesem Morgen ging hinter mir das Licht an, während ich mich anzog.</p>



<p>„Musst du wieder arbeiten?“, fragte Taro.</p>



<p>Ich hielt in der Bewegung inne. Ich hatte nie behauptet, dass ich arbeiten müsste. Aber … was tat ich eigentlich den ganzen Tag? Ich wusste es nicht. Also nickte ich. „Ja“, sagte ich knapp. Anschließend verabschiedete ich mich mit einem langen Kuss. „Wir sehen uns heute Abend“, sagte ich, ehe ich mit schlechtem Gewissen zurück Richtung Altstadt ging.</p>



<p>Warum hatte ich gelogen, hatte ihm nicht gesagt, dass ich nicht arbeiten ging? Es gab keinen Grund dazu. Andererseits wollte ich nicht, dass sich irgendetwas änderte. Wie es gerade zwischen uns lief, war perfekt. Ich wollte nicht, dass er mir nachspioniert. Auch spürte ich keinerlei Verlangen, herauszufinden, was mit mir los war. Ich war glücklich, wollte einfach nur bei Taro sein.</p>



<p>Was konnte eine kleine Notlüge da also schaden?</p>



<p class="has-text-align-center">&#8212;</p>



<p>Die folgenden Tage verliefen sehr ähnlich. Während ich tagsüber völlige Blackouts hatte, verbrachte ich die Nächte bei Taro. Seine Nachbarin traf ich dabei nicht mehr, obwohl ich gestehen muss, dass ich mich beobachtet fühlte, wann immer ich an ihrem Türspion vorbeiging.</p>



<p>Eine andere Sache war Taros Gesundheitszustand. Seine Beine schienen immer schwächer zu werden. Inzwischen hatte er sogar seine alte Gehhilfe wieder herausgekramt, um sich einfacher durchs Haus bewegen zu können.</p>



<p>Normalerweise hätte ich ihn deswegen schon lange zum Arzt geschickt. Aber ich wollte nicht, dass er ins Krankenhaus ging. Es war egoistisch, ich weiß, aber es gab dort keine nächtlichen Besuchszeiten. Und ihn tagsüber zu besuchen, würde mir bei meinen Blackouts wahrscheinlich nicht gelingen. Ich wollte ihn nicht noch einmal verlieren!</p>



<p>Aber leider tat ich das. Es war die fünfte Nacht seit meiner Rückkehr. Taro und ich lagen gemeinsam im Bett. Er streichelte meinen Arm, während er neben mir lag.</p>



<p>Plötzlich klopfte es an der Tür. Es war kein kräftiges, dafür aber ein sehr eindringliches Klopfen.</p>



<p>„Erwartest du jemanden?“, fragte ich.</p>



<p>Taro schüttelte den Kopf. „Nein. Schon gar nicht um die Uhrzeit.“ Er hievte die Beine aus dem Bett, um mit seiner Gehhilfe zum Eingang zu humpeln. „Ich komm ja schon!“, rief er.</p>



<p>Am liebsten hätte ich ihm meine Hilfe angeboten, ihm den Weg abgenommen, aber wie ich meinen kleinen Sturkopf kannte, hätte er es sowieso abgelehnt. Also blieb ich mit gespitzten Ohren im Bett liegen.</p>



<p>„Frau Tanaka?“, hörte ich Taro fragen.</p>



<p>Das war die alte Nachbarin. „Ist sie hier?“, fragte sie mit gebrechlicher Stimme. „Du musst sie loswerden. Sofort. Sie wird dich umbringen!“</p>



<p>„Frau Tanaka, bitte. Beruhigen Sie sich. Ist etwas passiert?“</p>



<p>„Nein! Du hörst mir nicht zu“, schrie sie. „Es geht um die Frau. Sie ist nicht die, für die du sie hältst!“</p>



<p>Das ließ mich aufhorchen. Natürlich war ich die, für die er mich hielt. Ich war Masami, seine feste Freundin. Ich sprang aus dem Bett, warf mir meinen Pulli über und ging mit schnellen Schritten zur Tür.</p>



<p>„Ist alles in Ordnung?“, fragte ich scheinheilig.</p>



<p>„Ahhh!“, schrie Frau Tanaka. Sofort zückte sie ein Feuerzeug. Ihre dürren Hände zitterten, während sie hastig etwas in ihrer anderen Hand anzündete. Es sah nach einem Bündel aus zusammengebundenem Gestrüpp aus.</p>



<p>Anschließend drängelte sie sich an Taro vorbei. Er war zu überrascht, um sie aufzuhalten. Dann fuchtelte sie mit dem brennenden Gestrüpp Rauch in meine Richtung.</p>



<p>Taro wedelte sich mit der Hand vor dem Gesicht herum, als wolle er den Geruch loswerden. „Bah. Was ist das für ein Zeug?“, fragte er.</p>



<p>Ich hingegen wich sofort zurück. Dort, wo der Rauch meine Haut berührte, entstand ein brennender Schmerz. Es fühlte sich an, als stünde ich in Flammen!</p>



<p>„Scheiße! Was ist das? Was ist das!?“, schrie ich.</p>



<p>Frau Tanaka fuchtelte nur weiter in meine Richtung. „Zurück mit dir! Zurück!“</p>



<p>Da packte Taro sie endlich am Handgelenk. Er zog sie von mir weg. „Jetzt beruhigen Sie sich! Das ist Masami, meine totgeglaubte Freundin!“</p>



<p>Frau Tanaka sah flüchtig zu mir. Zum Glück hatte sie aufgehört, mit dem Rauch um sich zu wedeln. „Du verstehst nicht. Sie ist nicht bloß totgeglaubt“, erklärte sie dann. „Masami ist eine Hone-Onna.“</p>



<p>„Eine Knochenfrau?“, fragte er. Er ließ sie los, stand nun aber mit verschränkten Armen vor ihr. „Was soll das sein?“</p>



<p>Ich wusste es genauso wenig.</p>



<p>„Hone-Onna“, erklärte Frau Tanaka ruhig, „sind ruhelose Geister, die nachts zurückkehren, um ihre Geliebten zu besuchen. Leider entziehen sie ihnen dabei auch ihre Lebensenergie.“</p>



<p>Taro und ich sahen sie fassungslos an.</p>



<p>„Das ist doch verrückt“, sagte er dann. „Es ist besser, wenn Sie jetzt gehen!“</p>



<p>„Nein!“, protestierte Frau Tanaka. „Verrückt ist nur, dass du es nicht erkennst. Setz deine rosarote Brille ab! Sieh dir Masami doch einmal an! Sie hat nicht einmal mehr Haut an ihrem Schädel. Sie ist ein wandelndes Skelett.“</p>



<p>Wie automatisch fasste ich mir ins Gesicht. Und tatsächlich. Ich spürte keinerlei Haut. Meine Finger trafen auf etwas Hartes.</p>



<p>Dann fiel mein Blick auf meine Hände. Sie waren schwarz, bestanden nur aus Knochen. Wie war mir das vorher nie aufgefallen? Und auch Taro sah mich jetzt mit großen, vor Schreck geweiteten Augen an.</p>



<p>Entsetzt rannte ich ins Badezimmer, um mich im Spiegel anzusehen. Leere Augenhöhlen starrten zurück. Mein Schädel, denn mehr war es nicht, war rußgeschwärzt. Frau Tanaka sagte die Wahrheit.</p>



<p>„Du wusstest es also auch nicht?“, krächzte eine Stimme hinter mir. Frau Tanaka war mir ins Bad gefolgt. „Sieh dir Taro doch einmal an!“, zischte sie mir zu. „Ist dir nicht aufgefallen, dass er Tag für Tag schwächer wird? Du entziehst ihm seine Kraft. Wenn ihr noch eine Nacht zusammen verbringt, wird er das nicht überleben!“</p>



<p>„Aber …“, protestierte ich. „Ich möchte das nicht. Ich würde Taro niemals schaden!“</p>



<p>Frau Tanaka nickte langsam. Mitleid lag in ihrem Blick. „Das glaube ich dir sogar. Wenn du ihn wirklich liebst, dann gehst du jetzt. Kehr nie wieder hierher zurück.“</p>



<p>Ich weiß nicht, ob Skelette weinen können, aber es fühlte sich zumindest so an, als würden Tränen meine Wangenknochen hinablaufen, während ich aus der Wohnung stürmte.</p>



<p>„Masami! Warte!“, rief Taro mir nach.</p>



<p>Aber Frau Tanaka hinderte ihn daran, mir zu folgen. „Schließ die Tür, Taro. Wir müssen uns unterhalten.“</p>



<p class="has-text-align-center">&#8212;</p>



<p>Die restliche Nacht irrte ich durch die Straßen. Ich wusste nicht, was ich denken oder fühlen sollte, kam mir verloren vor. Dafür wusste ich jetzt, wo ich jeden Tag hin verschwand. In der Altstadt gab es einen Friedhof. Im Laufe der Nacht hatte ich dort mein Grab entdeckt. Ich blieb bei dem gepflegten Grabstein, bis mich bei Sonnenaufgang die bittersüße Schwärze empfing.</p>



<p>Aber zu meiner Überraschung stand ich bereits am nächsten Abend wieder in der inzwischen vertrauten Straße in der Altstadt. Warum? Warum war ich noch immer hier? Hatte ich nicht im Leben schon genug Pech gehabt?</p>



<p>Für einen Moment versuchte ich, mich dagegen zu wehren, aber schließlich trugen mich meine Füße wieder in die Richtung von Taros Wohnung. Mein Verlangen, ihn wiederzusehen, war zu mächtig.</p>



<p>Und so dauerte es nicht lang, bis ich wieder vor seiner Wohnung stand. Ich hatte Gewissensbisse. Sollte unsere gemeinsame Zeit ihm wirklich schaden? Warum fühlte es sich dann so richtig an? Andererseits könnte es erklären, wieso sein Zustand so schlecht war. Es lag nicht an seiner MS. Oder vielleicht doch?</p>



<p>Hin- und hergerissen betätigte ich die Klingel. Kurz darauf stand Taro vor mir. Seine Augen waren eingefallen, seine Wangen hohl. War das schon immer so? Warum war es mir die ganze Zeit nicht aufgefallen? War wirklich ich daran schuld? Unsere gemeinsamen Nächte?</p>



<p>„Masami“, sagte er mit einem Lächeln. Sogar seine Stimme klang schwach. „Komm rein. Es ist mir egal, was du bist. Mit dir zusammen bin ich glücklich.“ Er hielt mir die Tür auf, um mich reinzulassen.</p>



<p>Ich trat einen Schritt auf ihn zu. Wenn ich jetzt mit ihm ging, könnte das seine letzte Nacht sein. Aber wäre das so schlimm? Dann wären wir im Tod vereint. Er würde für immer bei mir bleiben.</p>



<p>Als ich die Türschwelle erreichte, zögerte ich. „Nein“, sagte ich dann. Was dachte ich denn da? Ich liebte Taro. Da würde ich ihm doch niemals den Tod wünschen! „Es tut mir leid“, sagte ich leise. „Taro, ich kann nicht.“ Ich taumelte zurück. „Ich kann dich nicht mit mir in den Tod reißen. Aber ich werde auf dich warten. Leb dein Leben! Werde glücklich! Irgendwann werden wir wieder vereint sein.“</p>



<p>Mit den Worten machte ich auf dem Absatz kehrt und rannte zurück in die Dunkelheit. Es war die letzte Nacht, in der meine ruhelose Seele auf die Erde zurückgekehrt war.</p>


<p><b>Bleibt auf dem neusten Stand und folgt mir auf:</b></p>
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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p>Hone-Onna (骨女, Japanisch für „Knochenfrau“) ist ein <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister" type="link" id="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister">Geist</a> der japanischen Mythologie. Sie zählt zu den <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/yokai">Yōkai</a>.</p>



<p>Eine der bekanntesten Geschichten über eine Hone-Onna ist die japanische Geistergeschichte <a href="https://www.geister-und-legenden.de/botan-doro">Botan Dōrō</a>, über die ich bereits 2020 einen Beitrag geschrieben habe.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p>Hone-Onna haben zwei verschiedene Formen, in denen sie erscheinen können.</p>



<p>Für gewöhnlich sehen sie wie völlig normale Frauen aus. Meist werden sie als jung und schön beschrieben. Außerdem handelt es sich bei ihnen im Normalfall um Japanerinnen, da die Legende aus Japan stammt.</p>



<p>Es gibt jedoch Menschen, die durch diese Fassade hindurchsehen können. Sie sehen die Hone-Onna als ein Skelett, manchmal inklusive verwesendem Fleisch. Besonders häufig ist dabei von ihrem Gesicht die Rede, das nur noch aus einem Schädel besteht.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p>Es gibt zwei verbreitete Versionen der Hone-Onna. In einer ist sie ein von Liebe getriebener Geist, in der anderen ein <a href="https://www.geister-und-legenden.de/onryo">Rachegeist</a>.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Der von Liebe getriebene Geist:</h4>



<p>Diese Version ist der Geschichte von Botan Dōrō sehr ähnlich. Es geht darin um einen Mann, dessen Geliebte verstorben ist.</p>



<p>Eines Tages begegnet er ihr jedoch plötzlich wieder. Von seiner Liebe geblendet glaubt er, dass seine Geliebte in Wirklichkeit noch lebt. Manchmal gibt es eine Erklärung hierfür, dass ihr Tod vorgetäuscht war o. Ä., andere Male hinterfragt der Mann es nicht.</p>



<p>Während sie sich also fortan wieder regelmäßig treffen, entzieht sie ihm – oft unwissentlich – Stück für Stück die Lebensenergie. Mit der Zeit wird er schwächer und schwächer.</p>



<p>Meist ist es ein Freund oder Angestellter des Mannes, der nicht von seinen Gefühlen geblendet wird und die wahre Gestalt der Hone-Onna sehen kann.</p>



<p>Er erzählt dem Mann davon, der entweder entsetzt reagiert und sich von der Frau distanziert oder ihm nicht glaubt.</p>



<p>So oder so endet die Geschichte häufig damit, dass der Mann – entweder weil er sich weiter mit ihr trifft oder weil seine Sehnsucht zu groß wird – bei einem letzten Treffen mit der Frau selbst sein Leben lässt. Anschließend sind sie auf Ewig im Tode vereint.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Der Rachegeist:</h4>



<p>In anderen Versionen sucht die Hone-Onna nicht ihren ehemaligen Geliebten heim, sondern ist hinter Männern generell her. Sie verführt sie mit ihrer Schönheit, um ihnen bei einer oder mehreren gemeinsamen Nächten die Lebensenergie zu entziehen.</p>



<p>In diesen Geschichten kommt es oft gegen Ende zu einem Schockmoment, wenn die Hone-Onna dem Mann ihren Schädel zeigt. Manchmal mit Absicht, andere Male, weil einfallendes Licht ihr Skelettgesicht zum Vorschein bringt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p>Die Legenden der Hone-Onna kommen fast ausschließlich aus Japan. Dort soll sie sich in Städten und Dörfern, aber insbesondere auf Friedhöfen, in dunklen Gassen oder auch in Rotlichtvierteln herumtreiben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p>Über den Ursprung der Hone-Onna habe ich nicht viel herausfinden können. Laut <a href="https://yokai.com/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">yokai.com</a> (eine sehr verlässliche Quelle, was Yōkai angeht und eine große Empfehlung von mir) ist aber davon die Rede, dass die Hone-Onna mindestens seit dem 17. Jahrhundert in Japan bekannt sei, wo sie in Form der Botan-Dōrō-Legende aus einer alten chinesischen Geistergeschichte entstanden ist.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Hone-Onna in der Popkultur:</h3>



<p>In der Manga- und Animereihe „Hell Girl“ tritt eine Hone-Onna regelmäßig auf.</p>



<p>Außerdem gibt es eine Hone-Onna in dem von NetEase Games entwickelten Gacha-Game Onmyoji, das für Pc, Android und iOS erschienen ist.</p>



<p>Ansonsten gibt es zu Botan Dōro, wo die weibliche Hauptperson eine Hone-Onna ist, zahlreiche Theaterstücke und Puppenspiele, die heute noch aufgeführt werden, sowie diverse Filme.</p>



<p><em>Was haltet ihr von der Hone-Onna? Mögt ihr sie als die zurückkehrende Geliebte oder als Rachegeist lieber? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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		<title>Baku – Komm und friss meine Träume! (überarbeitet)</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 28 Apr 2025 13:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Geschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Monster und Ungeheuer]]></category>
		<category><![CDATA[Urbane Legenden]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Eigentlich komisch, dass man ausgerechnet diese Kreatur als Talisman gegen Albträume gewählt hatte. Immerhin hätte der Baku selbst, mit seinen Stoßzähnen und den spitzen Krallen, aus einem Albtraum entsprungen sein können …</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg08.met.vgwort.de/na/2254b9c21c314d979f9a35c6317c4ddf" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p>Meinen Beitrag über die Baku habe ich auf Wunsch einer meiner <a href="https://www.patreon.com/geisterlegenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Patrons</a> überarbeitet. Somit ist dies der erste Beitrag, den ich bereits ein zweites Mal überarbeitet habe.</p>



<p>Passenderweise gehört der Baku zu einer meiner absoluten Lieblingslegenden. Ich hätte 2019 sogar fast eine Comicreihe über einen jungen Baku gestartet, habe mich dann aber stattdessen für den Geister und Legenden Blog entschieden.</p>



<p>Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p>Meine Schritte hallten durch die enge Gasse, während ich rannte. Die Wände waren so nah, dass ich kaum Luft bekam. Trotzdem durfte ich nicht langsamer werden. Das Bellen hinter mir machte das sehr deutlich.</p>



<p>Flüchtig warf ich einen Blick über die Schulter. Der Hund hatte mich fast erreicht. Es war jedoch kein normaler Hund. Er hatte keine Schnauze, sondern trug das Gesicht meines Chefs – eines griesgrämig dreinschauenden Mannes mit Halbglatze in seinen späten 40ern. Schaum bildete sich in seinen Mundwinkeln, während er mich mit gebleckten Zähnen weiter anbellte.</p>



<p>Schnell sah ich wieder nach vorn. Die Gasse schien jetzt enger und enger zu werden. Bald begannen die Ziegel an meinen Schultern zu kratzen, sodass ich seitwärts rennen musste. Es dauerte nicht lange, bis auch mein Brustkorb schmerzhaft an der Wand scheuerte. Dann blieb ich stecken. Jetzt konnte ich mich weder vor- noch zurückbewegen. Ich schaffte es gerade so, den Kopf zu drehen, da sah ich auch schon ein aufgerissenes Maul mit menschlichen Zähnen direkt auf mein Gesicht zuschnellen.</p>



<p>Ich saß kerzengerade im Bett. Kalter Schweiß rann meinen Körper hinunter. Erst nach einigen Augenblicken realisierte ich, dass ich in meinem Schlafzimmer war. Es war bloß ein Albtraum gewesen. Derselbe, den ich auch die letzten Nächte gehabt hatte.</p>



<p>Die Albträume hatten letzte Woche begonnen. Ich hatte mir bereits letztes Jahr vorgenommen, dass ich bald kündigen würde, um ein eigenes Unternehmen zu gründen. Und mit meinem nächsten Gehalt hatte ich endlich genug finanzielle Mittel dafür zusammen. Das Einzige, was dann noch fehlte, war die Kündigung bei meinem Chef. Das wiederum war jedoch einfacher gesagt als getan. Mein Chef war ein sehr jähzorniger Mann. Um ehrlich zu sein, hatte ich eine Heidenangst vor ihm.</p>



<p>Ihr könnt euch also sicher vorstellen, wie wenig ich mich auf das Kündigungsgespräch freute. Es würde mich nicht einmal wundern, wenn mein Chef bei seiner Schimpftirade Schaum vor dem Mund bekommen würde, genau wie in meinem Albtraum.</p>



<p>Also ließ ich mich mit einem flauen Gefühl im Magen wieder zurück unter die Bettdecke gleiten. Ich wälzte mich hin und her, hatte eigentlich keine Lust zu schlafen, obwohl ich mich so furchtbar müde fühlte.</p>



<p>Dann jedoch hatte ich eine Idee. Es war albern, aber ich erinnerte mich plötzlich an ein Ritual, das ich als Kind immer durchgeführt hatte, wann immer ich schlecht schlief. Meine Mutter hatte es mir beigebracht. Es ging dabei darum, einen Baku zu rufen, ein albtraumfressendes Wesen aus einer alten japanischen Legende. Dazu musste ich lediglich dreimal laut „Baku, komm und friss meine Träume!“ sagen.</p>



<p>Da mir nichts Besseres einfiel, legte ich mich also bequem hin, starrte an meine dunkle Zimmerdecke und sagte dann laut: „Baku, komm und friss meine Träume! Baku, komm und friss meine Träume! Baku, komm und friss meine Träume!“</p>



<p>Fast musste ich lachen, so lächerlich kam es mir vor. Trotzdem lenkte es mich von dem bevorstehenden Kündigungsgespräch ab, weshalb ich bald wieder einschlafen konnte.</p>



<p class="has-text-align-center">&#8212;</p>



<p>Am nächsten Morgen riss mich mein Wecker aus dem Schlaf. Müde setzte ich mich auf. Ich rieb mir durchs Gesicht.</p>



<p>Es war jedoch nicht, bevor ich in Richtung Küche schlurfte, um mir einen Kaffee zu machen, dass mir mein kleines Ritual von letzter Nacht wieder einfiel. Zu meiner Überraschung hatte ich danach durchgeschlafen. Während ich in den letzten Nächten bestimmt drei- bis viermal wachgeworden war, hatten mich meine Albträume letzte Nacht nur ein einziges Mal heimgesucht.</p>



<p>Ich schüttelte amüsiert den Kopf. Bereits als Kind hatte das Ritual bei mir die Albträume vertrieben. Ich hätte jedoch nicht gedacht, dass es heutzutage, wo ich nicht mehr an Baku glaubte, noch immer funktionieren würde. Das menschliche Gehirn war schon ein seltsames Organ.</p>



<p>Und so machte ich mich an diesem Morgen vergleichsweise ausgeschlafen auf den Weg zur Arbeit.</p>



<p>Unter der Woche liefen meine Tage fast immer gleich ab. Ich arbeite bis zum Nachmittag, machte danach den Haushalt, ging einmal die Woche einkaufen und zweimal die Woche ins Fitnessstudio, kochte mir mein Abendessen und verbrachte den restlichen Abend vorm Fernseher. Anschließend ging ich, meist so gegen 22 Uhr, ins Bett.</p>



<p>Heute war es nicht anders. Außer, dass ich vor dem Schlafengehen mein kleines Baku-Ritual wiederholte.</p>



<p>Zu meiner Überraschung schlief ich auch diese Nacht durch. Also entschied ich, das Ritual auch die folgenden Abende vor dem Schlafengehen zu wiederholen.</p>



<p>Morgen für morgen war ich erstaunter. Und so war das Ritual bald zu einem festen Bestandteil meiner Abendroutine geworden. Außerdem rückte der Tag meines Kündigungsgesprächs immer näher. Danach würde ich so oder so Ruhe vor den Albträumen haben.</p>



<p class="has-text-align-center">&#8212;</p>



<p>Als zwischen dem Gespräch und mir nur noch zwei Nächte lagen, kam meine Mutter zu Besuch, um mir mit meiner Wäsche zu helfen. Eigentlich brauchte ich keine Hilfe dabei. Und das wusste sie. Aber weil ich wegen meines Jobs nur wenig Zeit hatte, sie zu besuchen, dachte sie sich gerne solch Vorwände aus, um mir einen Besuch abzustatten.</p>



<p>Ihr müsst wissen, sie und mein Vater waren schon lange geschieden. Und den Rest unserer Familie hatte sie noch vor meiner Geburt in Japan zurückgelassen. Ich war also ihr einziger Verwandter in der näheren Umgebung.</p>



<p>Bei ihrem Besuch kamen wir zufällig auf den Baku zu sprechen. Eigentlich hatte ich ihr nur belustigt erzählen wollen, dass mein Kindheitsritual noch immer funktionierte. Sie war darüber jedoch deutlich weniger begeistert als ich.</p>



<p>„Bist du verrückt?“, wies sie mich zurecht. Sie hatte nach all den Jahren in Deutschland noch immer einen starken japanischen Akzent, den sie nie ablegen konnte oder es nicht wollte. „Baku sind keine Werkzeuge, die du nach Belieben rufen kannst. Sie kommen zu uns, um unsere Albträume zu fressen, ja. Aber was denkst du passiert, wenn sie von deinen Albträumen nicht mehr satt werden? Sie werden auch deine Wünsche und Träume fressen!“</p>



<p>„Ach Mama“, erwiderte ich. „Selbst, wenn es die Baku wirklich gibt – was ich übrigens nicht glaube –, brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Ich hab den Albtraum so häufig, dass jeder Albtraumfresser daran satt werden würde.“</p>



<p>Sie musterte mich streng. „Immer den gleichen Traum?“, fragte sie.</p>



<p>„Immer den gleichen Traum“, erwiderte ich. Wenn ich jedoch hoffte, dass die Aussage sie beschwichtigen würde, hatte ich mich geirrt.</p>



<p>„Und wenn du jeden Tag das gleich essen müsstest?“, fuhr sie mich an. „Glaubst du nicht, dass du dich dann bald nach etwas anderem sehnen würdest? Einem saftigen Lebenstraum vielleicht? Oder einem Herzenswunsch?“</p>



<p>Ich rollte mit den Augen. Zum Glück sah meine Mutter das nicht. Ich musste zwar gestehen, dass ich selbst überrascht war, wie gut das Ritual funktionierte – fast schon zu gut –, aber das bedeutete noch lange nicht, dass es Baku wirklich gab. Trotzdem musste ich Mama versprechen, dass ich den Baku nie wieder leichtsinnig rufen würde. Besonders nicht die nächsten Tage.</p>



<p>Anschließend verließ sie meine Wohnung. Es dauerte jedoch keine Stunde, bis sie wieder bei mir klingelte.</p>



<p>„Mama? Was machst du wieder hier?“, fragte ich.</p>



<p>Sie antwortete nicht. Stattdessen hielt sie mir eine hölzerne Figur entgegen. Sie stellte einen Baku dar. Der Elefantenkopf, die Löwenmähne, der kuhartige Schwanz und sogar die Tigerpfoten waren kunstvoll in das Holz eingearbeitet.</p>



<p>„Wow, den hab ich ja ewig nicht gesehen.“ Ich lachte überrascht. „Wo hast du den her?“</p>



<p>„Du denkst doch nicht, dass ich irgendwelche alten Sachen von meinem Sohn wegwerfe, oder?“, fragte sie. „Besonders, wenn sie dir mal so wichtig waren. Als Kind wolltest du keine Nacht schlafen, wenn der Baku nicht auf deinem Nachttisch stand. Er mag nicht so effizient sein, wie die echten, aber die Leute nutzen Abbildungen von Baku schon seit Jahrhunderten, um böse Geister und schlechte Träume fernzuhalten.“</p>



<p>Ich strahlte sie breit an.</p>



<p>Wir unterhielten uns noch einen Moment über die guten alten Zeiten, wie sie mir damals immer Gute-Nacht-Geschichten vorgelesen hatte, während ich die Bakufigur wie ein Stofftier an mich gedrückt hatte. In einigen Nächten musste sie meine Finger richtig auseinanderbiegen, obwohl ich bereits schlief, nur um die Figur aus meiner Hand zu bekommen. Wie sich herausstellte, hatte ich auch als Kind schon schwer mit Albträumen zu kämpfen gehabt.</p>



<p class="has-text-align-center">&#8212;</p>



<p>Als ich einige Stunden später im Bett saß, hielt ich die Bakufigur wie früher in der Hand. Diesmal jedoch, um sie näher zu betrachten. Eigentlich komisch, dass man ausgerechnet diese Kreatur als Talisman gegen Albträume gewählt hatte. Immerhin hätte der Baku selbst, mit seinen Stoßzähnen und den spitzen Krallen, aus einem Albtraum entsprungen sein können.</p>



<p>Schließlich stellte ich die Holzfigur auf meinen Nachttisch, schaltete das Licht aus und rutschte unter die Bettdecke. Das Ritual führte ich an diesem Abend nicht durch, wie ich es meiner Mutter versprochen hatte.</p>



<p>Leider kam der Albtraum zurück. Wie auch die letzten Male rannte ich durch die immer enger werdende Gasse. Der grässliche Hunde-Chef-Mischling war mir wieder dicht auf den Fersen. Und wie auch die letzten Male blieb ich irgendwann stecken, ehe ich schweißgebadet aufwachte.</p>



<p>Nun lag ich also da, starrte die dunkle Zimmerdecke über mir an. Mein Herz raste, während meine Gedanken kreisten. Kaum rief ich eine Nacht keinen Baku, kehrten meine Albträume schlagartig zurück. Wie war das möglich? Konnte man das wirklich damit erklären, dass ich mit dem Ritual mein Hirn austrickste, oder war doch mehr an der Sache dran?</p>



<p>Auch überlegte ich, das Ritual einfach noch einmal durchzuführen. Mama würde es nie erfahren. Doch irgendetwas in mir hielt mich davon ab. Es fühlte sich falsch an, sie so zu hintergehen. Also drehte ich mich auf die Seite und versuchte, wieder einzuschlafen.</p>



<p>Die restliche Nacht verlief ähnlich unruhig, sodass ich am nächsten Morgen müde und unausgeruht meinen Wecker ausschaltete. Kurz funkelte ich die Bakufigur auf meinem Nachttisch wütend an, als wäre sie schuld an meinen schlechten Träumen. Anschließend stand ich auf und machte mich fertig für die Arbeit.</p>



<p>Dort war meine Stimmung ähnlich schlecht wie am Morgen. Erst in der Mittagspause hatte ich einen kleinen Lichtblick, als mir plötzlich eine Idee kam. Ich druckte über zwanzig verschiedene Bilder von Baku aus, die ich am Abend überall in meinem Schlafzimmer verteilte: auf dem Boden, an den Wänden, auf dem Nachttisch und sogar unter meinem Kopfkissen.</p>



<p>Wenn ich den Baku schon nicht rufen konnte, wollte ich wenigstens alles daransetzen, die letzte Nacht durchschlafen zu können.</p>



<p>In der Nacht wälzte ich mich jedoch wieder in meinem Bett hin und her. Obwohl ich völlig übermüdet war, hatte ich so große Angst vor morgen, dass es mir fast den Hals zuschnürte. Wieder und wieder musste ich an das bevorstehende Gespräch mit meinem Chef denken. Wenn ich jetzt schon solche Probleme hatte, einzuschlafen, wie sollte ich dann die Nacht überstehen? Wäre es nicht besser, das Kündigungsgespräch ausgeruht zu führen?</p>



<p>Ich dachte ernsthaft darüber nach, das Versprechen an meine Mutter zu brechen. Trotzdem entschied ich mich, den Bakubildern in meinem Zimmer eine Chance zu geben. Und so schaffte ich es, nach gefühlten Ewigkeiten endlich einzuschlafen.</p>



<p>Aber natürlich kam es, wie es kommen musste. Sobald ich in das Reich der Träume eingetaucht war, fand ich mich in der inzwischen vertrauten Gasse wieder. Aus der Ferne näherte sich aggressives Hundegebell.</p>



<p>Nur wenige Momente später saß ich wieder im Bett. Mein Atem ging schnell und stoßweise. Schweißtropfen liefen meinen Rücken hinunter.</p>



<p>Es reicht! Genug ist genug! Baku waren nicht echt. Und wenn mir das Ritual half, ruhig zu schlafen, würde ich das ausnutzen. Außerdem war es ja nur noch eine einzige Nacht. Was sollte da schon passieren?</p>



<p>Also schluckte ich meine Gewissensbisse herunter und sagte drei letzte Male den Satz: „Baku, komm und friss meine Träume!“</p>



<p class="has-text-align-center">&#8212;</p>



<p>Am nächsten Morgen merkte ich sofort, dass etwas anders war. Ich hatte keine Angst mehr, kein mulmiges Gefühl im Magen, wenn ich an meinen Chef dachte.</p>



<p>Andererseits fühlte ich auch keine Vorfreude mehr, wenn ich an meine Zukunft dachte. Ich spürte kein Kribbeln im Bauch, wie ich es sonst immer getan hatte. Das Gefühl der Freiheit, bald mein eigener Boss zu sein, ließ mich unberührt. Warum fühlte ich nichts?</p>



<p>Hätte ich auf die Warnungen meiner Mutter hören sollen? Hatte der Baku meine Wünsche und Träume gefressen?</p>



<p>An diesem Morgen blieb ich im Bett liegen. Ich ging nicht einmal zur Arbeit.</p>



<p>Ein paar Mal klingelte mein Telefon. Gegen Mittag klingelte es sogar an der Tür. Ich ignorierte es.</p>



<p>Selbst, als Mama plötzlich in meiner Schlafzimmertür stand, entsetzt die überall verteilten Bilder des Baku anstarrte, war es mir egal.</p>



<p>Um genau zu sein, war mir alles egal. Meine Mutter schaffte es zwar, mich zu überreden, dass ich wieder zur Arbeit ging, aber meine Kündigung reichte ich nie ein. Inzwischen sind einige Jahre vergangen. Noch immer arbeite ich für schlechtes Geld bei meinem jähzornigen Chef – und selbst das ist mir völlig egal.</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p>Baku (獏 oder 貘) sind albtraumfressende Chimären der japanischen Mythologie. Generell gelten sie als heilige und gute Wesen, können laut einigen Versionen der <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden">Legende</a> jedoch auch Unheil über die Menschen bringen.</p>



<p>Optisch erinnern sie stark an einen Tapir, weshalb 獏 bzw. 貘 (gesprochen „Baku“) auch als „Tapir“ übersetzt werden kann.</p>



<p>Sie zählen zu den <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/yokai">Yōkai</a>.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Entstehung:</h3>



<p>Der Legende nach haben die Götter einst die Tiere erschaffen. Als sie damit fertig waren, hatten sie jedoch noch einige Teile übrig, aus denen sie schließlich den Baku zusammensetzten. Das ist auch der Grund, warum die Baku als heilig gelten. Außerdem erklärt es ihr merkwürdiges Aussehen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p>Wie bereits erwähnt handelt es sich bei den Baku um Chimären, also Mischwesen. Sie setzen sich aus verschiedenen Säugetierteilen zusammen.</p>



<p>So sollen sie den Kopf oder auch nur den Rüssel eines Elefanten besitzen, die Mähne eines Löwen, die Augen eines Rhinozerosses, den Körper eines Bären, den Schwanz eines Ochsen und die Beine eines Tigers.</p>



<p>In einigen Versionen gibt es auch andere Zusammensetzungen, die Ähnlichkeit zu einem Tapir ist allerdings fast immer vorhanden. Das war auch der Grund, warum die Menschen in Japan damals, als sie von Tapiren erfuhren, der Meinung waren, dass es sich dabei um Baku handeln müsse.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p>Die bekannteste Eigenschaft der Baku ist, dass sie Albträume fressen sollen. Außerdem heißt es, dass sie böse <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister">Geister</a> und <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/daemonen">Dämonen</a> fernhalten, weshalb ihre Anwesenheit gute Gesundheit und Glück verspricht.</p>



<p>Aus diesen Gründen werden in Japan häufig kleine Baku-Talismane in Form von Bildern oder Figuren in oder um die Betten platziert. Besonders beliebt waren dabei früher wohl Kopfkissen, die mit dem Kanji für Baku bestickt waren.</p>



<p>Des Weiteren heißt es, dass man einen Baku gezielt herbeirufen kann, wenn man einen Albtraum hat oder sogar, um Albträume vorzubeugen. Dazu muss man lediglich dreimal laut sagen: „Ich gebe diesen Traum an den Baku.“ (Japanisch: „この夢獏にあげます“, „Kono yume baku ni arimasu.“) Es soll aber auch noch andere Beschwörungsformeln geben, wie z. B. „Baku, komm und friss meine Träume!“</p>



<p>Man sollte das jedoch niemals achtlos tun. In einigen Legenden heißt es nämlich, dass ein Baku, der von den Albträumen einer Person nicht satt wird, ebenfalls ihre Träume und Wünsche frisst und sie ohne Hoffnungen und Träume zurücklässt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p>Es heißt, dass Baku, wenn sie sich nicht gerade in der Nähe der Menschen aufhalten, tief in den Wäldern Japans leben sollen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p>Die Legende des Baku kommt ursprünglich aus China, wo eine ähnliche Kreatur namens Mo (貘) existiert. (Anmerkung: Einigen von euch mag hier auffallen, dass das Schriftzeichen 貘 dasselbe ist, wie eines der beiden japanische Kanji für den Baku. Das liegt daran, dass die japanischen Kanji ursprünglich aus dem Chinesischen übernommen wurden, weshalb viele Kanji ähnlich oder sogar identisch wie ihre chinesischen Gegenstücke sind.)</p>



<p>Der Mo wurde im alten China jedoch angeblich gejagt und sein Fell als Bettdecke oder Unterlage zum Schlafen genutzt, da man seinem Fell nachsagte, es würde böse Geister und Krankheiten fernhalten. Eine unbestätigte Theorie besagt, dass früher tatsächlich Tapire in China gelebt haben könnten. Sie könnten dort für ihr Fell so lange gejagt worden sein, bis sie ausgestorben seien, weshalb nur die Legenden des Wesens überdauert hätten.</p>



<p>Egal, ob das nun stimmt oder nicht, die Legende des Mo ist jedenfalls etwa im 14. oder 15. Jahrhundert von China nach Japan gelangt, wo man dem Wesen den Namen Baku gab. Erst in Japan entstand auch die Legende, dass Baku Albträume fressen – eine Eigenschaft, die sich bis heute durchsetzen konnte.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Baku in der Popkultur:</h3>



<p>Das wohl prominenteste Beispiel des Baku in der modernen Popkultur ist das Pokémon Traumato, dass nicht nur optisch dem Baku ähnelt, sondern ebenfalls Träume fressen soll. In dem Pokédex-Eintrag von Pokémon Feuerrot heißt es sogar, dass Traumato ein Nachfahre des Baku sei.</p>



<p>Und auch in der Videospiel-, Anime- und Mangareihe Yo-Kai Watch ist ein Baku anzutreffen.</p>



<p>Außerdem spielt ein Baku eine Rolle in „Sandman: Traumjäger“ von Neil Gaiman, das sowohl als Novelle (1999) als auch als vierteilige Comicreihe (2008 bis 2009) herausgebracht wurde.</p>



<p><em>Was haltet ihr von den Baku? Würdet ihr euch trauen, einen von ihnen zu rufen, wenn ihr Albträume habt? Oder wäre euch das Risiko zu groß? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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		<title>Tsukumogami – Monster sind real!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 31 Mar 2025 13:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Als wir fast mit dem letzten Zimmer fertig waren – es war bereits Sonntagnachmittag – entdeckte ich jedoch den kaputten Papier-Regenschirm wieder. Zumindest dachte ich erst, dass er es sei. Er stand in der hintersten Ecke des Raumes, völlig unscheinbar an die Wand gelehnt.<br />
Langsam, fast schon vorsichtig ging ich auf ihn zu. „Das ist seltsam“, sagte ich. „Ich hätte schwören können, dass ich den Regenschirm letztes Wochenende schon einmal entsorgt habe …"</p>
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<p>Tsukumogami behandelt endlich wieder einen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/yokai">Yōkai</a>. Mir ist ehrlich gesagt nicht einmal aufgefallen, dass meine letzte japanische Legende schon 9 Monate her war.</p>



<p>Dafür hat die heutige Geschichte mit schnuckeligen 4.448 Wörtern deutliche Überlänge. Ich hoffe, sie gefällt euch.</p>



<p>Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p>Ich saß neben Kichiro in dem kleinen weißen Transporter, den wir vorhin in Tokio gemietet hatten. Die Natur war grün, die Sonne schien und unsere Playlist schallte aus den Boxen, während wir die engen und kurvigen Straßen entlangfuhren.</p>



<p>Wir näherten uns unserer neuen Heimat. Shizuka-Mura war ein kleines Dorf, nur etwa zwei Stunden von Tokio entfernt. Einsam, fast unbedeutend stand es am Fuß eines Berges. Ohne den Arbeitskollegen von Kichiro, der uns auf das verschlafene Örtchen aufmerksam gemacht hatte, hätten wir es wahrscheinlich nie entdeckt.</p>



<p>Er wusste jedoch, dass wir gemeinsam ein Haus kaufen wollten. Auch hatte er mitbekommen, dass wir uns bereits nach einigen Akiyas umgesehen hatten. So nennt man die zahlreichen leerstehenden Häuser, die in den ländlichen Gegenden Japans zu finden sind. Meist kann man sie zu spottbilligen Preisen erstehen, da sie langsam am Zerfallen sind. Und wenn ich spottbillig sage, meine ich spottbillig: Die Häuser inklusive Grundstück fangen teilweise schon bei umgerechnet 300 bis 400 Euro an.</p>



<p>Das Haus, für das wir uns dank des Kontakts des Arbeitskollegen letztendlich entschieden hatten, war mit seinen 2,5 Millionen Yen, etwa 15.500 Euro, zwar etwas teurer, aber der Zustand war mehr als nur überzeugend. Klar mussten wir noch einiges an Geld in die Renovierung stecken, zum Beispiel mussten wir die komplette Elektrik sowie die Leitungen erneuern lassen, aber vieles konnten wir tatsächlich selbst erledigen. Immerhin hatte ich in den zehn Jahren, in denen ich in Deutschland als Handwerker gearbeitet hatte, einiges gelernt. Außerdem war das Haus trocken, weder von Schimmel noch von Termiten befallen und selbst die meisten Möbel und Tatami-Matten waren in einem noch durchaus brauchbaren Zustand.</p>



<p>„Wenn ich in Deutschland für den Preis so ein Haus gefunden hätte, hätte ich Angst gehabt, dass es darin spukt“, hatte ich scherzhaft zu Kichiro gesagt, nachdem ein Gutachter uns einen groben Überblick über die anfallenden Kosten gegeben hatte. Dass ich mit der Aussage ins Schwarze getroffen hatte, hätte ich mir jedoch nicht träumen lassen. Wir hatten den Kaufvertrag noch am selben Abend unterzeichnet.</p>



<p class="has-text-align-center">&#8212;</p>



<p>Endlich hatten wir das Dorf erreicht. Wir fuhren durch enge, teilweise baufällige Straßen, sodass wir nur im Schritttempo fahren konnten. Währenddessen begegneten wir einigen Bewohnern, die uns allesamt neugierig nachsahen. Wir begrüßten sie je mit einem freundlichen nicken, bis wir schließlich in unsere Straße einfuhren.</p>



<p>Unser Haus war nicht das erste Akiya, dem wir heute begegneten. Obwohl Shizuka-Mura nur wenige Einwohner hatte, gab es davon in der Gegend einige. Manche von ihnen sahen, genau wie unseres, vergleichsweise gut aus, andere waren völlig zerfallen und überwuchert. Wahrscheinlich waren die meisten jüngeren Leute aus der Gegend in die Städte gezogen und hatten die Häuser leer zurückgelassen.</p>



<p>Dann endlich fuhren wir auf unsere kleine Auffahrt. Unsere neue Nachbarin, eine ältere Dame, war gerade in ihrem Garten. Auch sie sah neugierig zu uns rüber.</p>



<p>„Guten Tag“, grüßte ich freundlich, während ich ausstieg.</p>



<p>„Guten Tag“, grüßte sie zurück.</p>



<p>„Wir sind die neuen Nachbarn. Das ist Herr Suzuki und ich bin Berger“, stellte ich uns, wie in Japan üblich, mit unseren Nachnamen vor.</p>



<p>„Guten Tag“, grüßte nun auch Kichiro.</p>



<p>„Gotō“, stellte sich die Frau vor. Sie beäugte uns einen Augenblick neugierig. „Sie müssen gute Freunde sein“, stellte sie schließlich fest. Ein anderer Grund, warum zwei Männer sich gemeinsam ein Haus kauften, fiel ihr anscheinend nicht ein.</p>



<p>„Wir sind verlobt“, erklärte ich. Leider ein Dauerzustand, da zwei Männer hier in Japan noch nicht heiraten durften.</p>



<p>Frau Gotō guckte überrascht, dann aber nickte sie freundlich. „Es ist schön, dass junge Leute wie Sie in unser kleines Dorf ziehen. Ich kann zwar nicht schwer tragen, aber falls Sie Hilfe gebrauchen können, sagen Sie bitte Bescheid.“</p>



<p>Wir bedankten uns, woraufhin sie weiter zu ihrer Haustür ging. Bevor sie sie jedoch öffnete, drehte sie sich noch einmal zu uns um.</p>



<p>„Ach so. Bevor ich es vergesse: Ich höre manchmal nachts Geräusche aus Ihrem Haus. Ich weiß nicht, wer oder was das ist, aber passen Sie bitte auf sich auf. Nicht, dass Sie ungewollte Gäste haben.“ Dann war sie auch schon in ihrem Haus verschwunden.</p>



<p>Kichiro und ich sahen einander überrascht an. Ich verzog das Gesicht. „Na das klingt ja vielversprechend“, sagte ich.</p>



<p>Mein Verlobter klopfte mir auf die Schulter. „Mach dir nichts draus, Lennart. Wenn das irgendwelche Tiere sind, finden wir sie beim Entrümpeln, und falls es ein Obdachloser ist, zieht er bestimmt weiter ins nächste Akiya. Es ist ja nicht so, dass es nicht genug davon in der Gegend gibt.“</p>



<p>Das brachte mich zum Lachen. Sein Optimismus und seine immer lockere Art, mit Problemen umzugehen, waren zwei der Gründe, warum ich mich damals in ihn verliebt hatte.</p>



<p class="has-text-align-center">&#8212;</p>



<p>Den restlichen Tag passierte nichts Außergewöhnliches. Wir fingen an, die Möbel und Haushaltsgegenstände einen Raum nach dem anderen durchzusehen. Wir sortierten, was wir noch gebrauchen konnten, und was wegsollte. Wie bereits gesagt waren viele der Möbel noch immer in einem guten Zustand, weshalb wir die meisten Stühle, Tische, Schränke und sogar ein Radio, das in der Küche stand, behielten.</p>



<p>Die anderen Dinge – ein kaputter Besen, ein Stuhl mit gebrochener Armlehne, alte Zeitschriften, kaputtes Geschirr, diverse ausgeblichene Bilder und die alten Futons, um nur ein paar Dinge zu nennen – brachten wir nach draußen. Wir stellten sie auf die Auffahrt, von wo aus wir sie später geordnet in den Transporter laden würden.</p>



<p>Am frühen Abend machte uns das schwindende Sonnenlicht jedoch ein Strich durch die Rechnung. Da der Strom nicht funktionierte, konnten wir bald kaum noch etwas erkennen. Die batteriebetriebene Camping-Lampe, die wir extra für diesen Zweck organisiert hatten, spendete zwar genug Licht für eine gemütliche Atmosphäre, aber es war zu schwach, um die Möbel ausreichend zu beleuchten. Daher entschieden wir, es für heute gut sein zu lassen.</p>



<p>Zum Abendessen gab es Instant-Ramen. Frau Gotō war so freundlich, uns dafür heißes Wasser zu spendieren. Wir aßen die Nudeln bei ihr, während sie uns von der Gegend erzählte. Trotz der bescheidenen Größe hatte Shizuka-Mura einen kleinen Supermarkt, zwei empfehlenswerte Restaurants und einen gut gepflegten Schrein – nur für denn Fall, dass wir uns noch etwas aus den Göttern machten, wie Frau Gotō mit einem Augenzwinkern erzählt hatte.</p>



<p>Nach dem Essen bedankten wir uns bei ihr für das heiße Wasser und die gute Gesellschaft, woraufhin sie uns anbot, dass wir gerne am nächsten Abend wiederkommen könnten.</p>



<p>Anschließend gingen wir zufrieden und erschöpft von der vielen Arbeit ins Bett. Dafür hatten wir einen Futon im Gästezimmer ausgebreitet – dem einzigen Raum, der nicht völlig mit Ramsch zugestellt gewesen war.</p>



<p>Nachdem wir uns hingelegt und unsere Camping-Lampe ausgeschaltet hatten, war es um uns herum stockdunkel. Die Luft roch noch immer nach Staub, auch wenn wir uns größte Mühe gegeben hatten, den Raum zumindest oberflächlich zu putzen. Jetzt lauschte ich Kichiros langsamen Atem neben mir. Und so war ich bald eingeschlafen.</p>



<p>Mitten in der Nacht wurden wir jedoch von seltsamen Geräuschen aus dem Schlaf gerissen. <em>‚Klack. Klack‘</em>, ertönte es leise aus dem Flur. <em>Klack.</em> Es klang fast wie Schritte, nur dass es dafür zu langsam und irgendwie zu aggressiv war.</p>



<p>„Lennart? Was ist das?“, fragte Kichiro, als er merkte, dass ich wach war.</p>



<p>„Keine Ahnung“, erwiderte ich. Vielleicht waren das die nächtlichen Geräusche, von denen Frau Gotō erzählt hatte.</p>



<p>Leise, um selbst keinen Lärm zu machen, stand ich auf. Ich tastete nach der Camping-Lampe, schaltete sie aber noch nicht ein, um nicht auf mich aufmerksam zu machen. Anschließend schlich ich auf leisen Sohlen zur Zimmertür. Kichiro war dicht hinter mir. Als ich den Shoji, die japanische Schiebetür, erreicht hatte, schob ich ihn langsam auf. <em>Klack. Klack.</em> Die Geräusche waren jetzt ganz in der Nähe. Vorsichtig hob ich den Arm mit der Camping-Laterne in den Flur hinaus, während ich mit der freien Hand nach den Einschaltknopf tastete.</p>



<p><em>Klick.</em> Der Flur vor uns war nun in sanftes Licht gehüllt. Ich spähte nach links und rechts. Er war leer. Allerdings hatten jetzt auch die Geräusche aufgehört.</p>



<p>„Nichts“, sagte ich zu Kichiro. Ich schob den Shoji weiter auf, damit auch er etwas sehen konnte.</p>



<p>Zur Sicherheit gingen wir die angrenzenden Räume ab. Aber auch hier war alles wie vorher. Zwischen dem Gerümpel schien sich zumindest niemand zu verstecken.</p>



<p>„Vielleicht sind es die alten Rohre?“, schlug Kichiro vor. „Wenn ich mich richtig erinnere, verlaufen Sie hier genau unter dem Boden.“</p>



<p>Ich nickte. Das war eine Möglichkeit.</p>



<p>„Komm Lennart, lass uns zurück ins Bett gehen. Wir haben morgen noch einen anstrengenden Tag vor uns.“</p>



<p>„Ist gut“, stimmte ich zu.</p>



<p>Anschließend legten wir uns wieder hin. Die restliche Nacht blieb ruhig.</p>



<p class="has-text-align-center">&#8212;</p>



<p>Am nächsten Morgen wollten wir keine Zeit verlieren. Nach einem knappen Frühstück machten wir uns direkt an die Arbeit. Auch heute kamen wir gut voran.</p>



<p>Zuerst war das Wohnzimmer dran. Es dauerte anderthalb, vielleicht zwei Stunden, bis wir den meisten Ramsch aussortiert hatten. Kichiro ging bereits weiter in den nächsten Raum, während ich dabei war, den letzten Rest nach draußen zu bringen.</p>



<p>Als ich jedoch ins Wohnzimmer zurückkam, stockte ich. Am Tisch lehnte ein weißer Regenschirm mit aufwendiger Musterung. Er war mir vorher nicht aufgefallen, obwohl wir mit dem Raum bereits fast fertig waren. Misstrauisch ging ich auf ihm zu.</p>



<p>Es war einer dieser Schirme aus gewachstem Papier. Er musste schon sehr alt sein. Sein Weiß ging bereits ins Gelbliche. Trotzdem war er wunderschön verarbeitet. Vorsichtig öffnete ich ihn ein Stück. Äste mit rosa Kirschblüten verzierten seine Oberfläche. Doch leider war er an einigen Stellen bereits gerissen. Also klappte ich ihn wieder zu und brachte ihn zusammen mit einer kaputten Vase zum Transporter. Anschließend folgte ich Kichiro in den hinteren Teil des Hauses.</p>



<p>„So ein Mist!“, hörte ich Kichiro entsetzt rufen, als ich auf halbem Weg war.</p>



<p>Ich beschleunigte meine Schritte. „Was ist?“, fragte ich, bereits auf unerwartete Kosten eingestellt.</p>



<p>Kichiro sah mich mit großen Augen an, als hätte er mich nicht erwartet. Dann lachte er plötzlich. „Ach, nichts. Nur ein dummer Aberglaube“, er deutete auf den Shoji neben ihm. Eines der oberen Papierfenster war gerissen. „Wir sollten das möglichst schnell austauschen.“</p>



<p>Ich lehnte mich an die Wand, den Mund zu einem Schmunzeln verzerrt. „Sonst was? Kommt sonst ein Yōkai vorbei und zerreißt auch die anderen?“, riet ich drauf los.</p>



<p>Wieder lachte Kichiro. „Du bist doof. Nein. Es geht um eine Geschichte, die meine Oma mir mal erzählt hat. Wenn man einen kaputten Shoji zu lange ignoriert, kann er zu einem Mokumokuren werden. Dann wachsen ihm ganz viele Augen, mit denen er uns anstarrt.“ Mein Verlobter schüttelte sich übertrieben. „Darauf kann ich gerne verzichten. Ich hab jedenfalls keine Lust, in unserem neuen Haus beobachtet zu werden.“</p>



<p>Grinsend schüttelte ich den Kopf. „Oh. Nein. Darauf kann ich auch verzichten. Also gut. Bis nächstes Wochenende organisieren wir neues Shoji-Papier.“</p>



<p>Kichiro strahlte mich an. Bei solchen Dingen wusste ich nie, woran ich bei ihm war. An manche von ihnen glaubte er, über andere konnte er genauso lachen wie ich.</p>



<p>Schuld daran war seine Oma mütterlicherseits. Sie hatte ihn schon von klein auf mit ihren Geschichten über Yōkai und Geister bei Laune gehalten. Viele davon waren ihr angeblich selbst widerfahren. Und diesen Glauben an das Übernatürliche hatte Kichiro nie verloren.</p>



<p>Ich war da völlig anders. Meine Familie in Deutschland hatte mir seit meiner Geburt klar gemacht, dass es so etwas wie Geister und Monster nur in Geschichten gab. Nichts davon war real – so dachte ich zumindest.</p>



<p>Trotzdem blieb mir Kichiros Satz mit dem Beobachtetwerden im Gedächtnis. Jedes Mal, wenn ich an dem kaputten Shoji vorbeiging, musste ich mir vorstellen, wie tatsächlich Augen aus ihm wuchsen. Über mich selbst belustigt schüttelte ich den Kopf.</p>



<p>Ich war mit den Gedanken noch immer bei dem Shoji, als mir etwas anderes auffiel: Kichiro und ich trugen einen kaputten Schrank nach draußen, wo wir ihn direkt neben die kaputte Vase aus dem Wohnzimmer stellten. Ich hatte den Schirm vorhin hineingestellt, damit er nicht umfiel. Jetzt war die Vase jedoch leer.</p>



<p>Mit gerunzelter Stirn sah ich mich um.</p>



<p>„Was? Hast du was verloren?“, fragte Kichiro.</p>



<p>Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Ich hatte vorhin einen kaputten Papierschirm hier in die Vase gestellt. Irgendwer muss ihn wohl mitgenommen haben.“</p>



<p>Jetzt kräuselte sich auch Kichiros Stirn. „Na ja. Unser Verlust soll es nicht sein. Wir hätten ihn eh nur weggeworfen. Wenn der Schirm irgendwen glücklich macht, soll er ihn doch haben.“</p>



<p>Ich nickte zögerlich.</p>



<p>Mehr Erwähnenswertes geschah an dem Wochenende zum Glück nicht. Am Samstag arbeiteten wir wieder so lange weiter, wie es das Sonnenlicht erlaubte. Den Abend verbrachten wir dann bei Frau Gotō. Sie hatte uns wie selbstverständlich gebratenen Fisch mit allerlei Beilagen gemacht. Erst wollte Kichiro es gar nicht annehmen, aber da Frau Gotō darauf bestand, wäre es unhöflich gewesen, das Essen abzulehnen.</p>



<p>Die Zeit bei der alten Dame kam mir vor, als würden wir einander schon ewig kennen. Sie erzählte uns weiter von der Gegend, während wir von Tokio und Deutschland erzählten. Auch erwähnten wir die nächtlichen Geräusche – die in der folgenden Nacht übrigens wiederkamen – sowie unseren Verdacht, dass es sich dabei um die alten Rohre handeln könne. Das erleichterte Frau Gotō sichtlich. Wir wünschten einander eine gute Nacht, ehe wir zurück in unser Haus gingen.</p>



<p>Am Sonntag räumten wir weiter auf, bevor wir gegen Nachmittag den Transporter einräumten. Anschließend verabschiedeten wir uns von unserer Nachbarin und machten uns auf den Rückweg nach Tokio. Shizuka-Mura würden wir erst am nächsten Wochenende wiedersehen.</p>



<p class="has-text-align-center">&#8212;</p>



<p>Das zweite Wochenende in dem Dorf verlief ähnlich wie das erste – zumindest, nachdem wir direkt am Freitag den kaputten Shoji repariert hatten. Tagsüber räumten wir weiter die Zimmer auf und die Abende verbrachten wir auf Frau Gotōs Wunsch hin wieder bei ihr. Sie hatte selbst keine Kinder, was vielleicht der Grund war, warum sie uns so herzlich aufnahm. Ihre liebenswürdige Art zauberte mir jedenfalls bald ein Lächeln ins Gesicht, wann immer ich sie sah.</p>



<p>Ungewöhnliches geschah hingegen kaum etwas. Ja, die nächtlichen Geräusche kamen wieder, aber auch diesmal konnten wir nichts Auffälliges entdecken. In der Nacht von Samstag auf Sonntag machten wir uns nicht einmal mehr die Mühe, aufzustehen.</p>



<p>Als wir fast mit dem letzten Zimmer fertig waren – es war bereits Sonntagnachmittag – entdeckte ich jedoch den kaputten Papier-Regenschirm wieder. Zumindest dachte ich erst, dass er es sei. Er stand in der hintersten Ecke des Raumes, völlig unscheinbar an die Wand gelehnt.</p>



<p>Langsam, fast schon vorsichtig ging ich auf ihn zu. „Das ist seltsam“, sagte ich. „Ich hätte schwören können, dass ich den Regenschirm letztes Wochenende schon einmal entsorgt habe.“</p>



<p>Kichiro trat neben mich, um sich das unscheinbare Objekt selbst anzusehen. Aber er zuckte bloß mit den Schultern. „Vielleicht hat er dieselbe Musterung? Ich bin mir sicher, solche Schirme werden zuhauf angefertigt. Vielleicht trugen unsere Vorbesitzer sie im Partnerlook. Oder sie haben einfach mehrere geholt.“ Mehr Gedanken verschwendete er nicht daran.</p>



<p>Mir hingegen wollte der Schirm nicht mehr so recht aus dem Kopf gehen. Ich starrte ihn die ganze Zeit lang an, während ich ihm zum Transporter brachte. Dort schob ich ihn zwischen die anderen Möbel, die wir bereits eingeräumt hatten.</p>



<p>„So. Das war’s“, sagte ich. Ich schlug die Tür zu.</p>



<p>Kichiro hatte bereits unsere Tasche geschultert. Er stieg auf der Beifahrerseite ein, während ich zur Fahrertür ging.</p>



<p>Gerade, als ich die Tür geöffnet hatte, hörte ich jedoch ein Geräusch von der Rückseite des Autos. Es klang fast wie die Tür. Mit gerunzelter Stirn ging ich die wenigen Schritte zurück. Aber hier hinten sah alles ganz normal aus. Vielleicht war nur irgendetwas im Auto heruntergefallen. Also zuckte ich nur wieder mit den Schultern, stieg endlich ein und startete den Motor. Wir fuhren auf direktem Weg zurück nach Tokio.</p>



<p class="has-text-align-center">&#8212;</p>



<p>Die Woche über musste ich immer wieder an unser Akiya denken. Wie gut wir vorankamen, wie nett uns Frau Gotō aufgenommen hatte, aber auch an den Papier-Regenschirm. Ich gestand es Kichiro jedoch erst am Freitag, als wir nach der Arbeit im Auto nach Shizuka-Mura saßen.</p>



<p>„Es ist albern. Aber der Regenschirm geht mir einfach nicht aus dem Kopf“, sagte ich.</p>



<p>Kichiro sah mich ratlos an. „Welcher Regenschirm?“</p>



<p>„Den, von dem ich dachte, dass ich ihn schon einmal entsorgt habe“, half ich ihm auf die Sprünge. „Weißt du, erst verschwindet er spurlos von unserer Auffahrt und dann finden wir einen identischen Schirm in der hintersten Ecke vom Arbeitszimmer. Natürlich hast du recht, dass es nur dasselbe Modell ist. Es muss so sein. Aber das war schon irgendwie unheimlich.“</p>



<p>Kichiro schmunzelte. „Und ich dachte immer, du glaubst nicht an Geistergeschichten“, zog er mich auf. Dann starrte er plötzlich aus dem Fenster. „Wobei ich gestehen muss, dass ich abends manchmal Bewegungen aus dem Augenwinkel gesehen habe. Im Haus meine ich. Aber bisher ist ja noch nichts passiert, das auf einen bösen Geist hindeutet.“ Er schenkte mir ein aufmunterndes Lächeln.</p>



<p>Ich lächelte zurück. Auch wenn mein Lächeln eher halbherzig war. Das war nicht gerade die Art von Kommentar, die mich aufheitern konnte.</p>



<p class="has-text-align-center">&#8212;</p>



<p>An diesem Wochenende ging es um den ersten groben Hausputz. Bevor wir die Elektriker und die Sanitärinstallateure in das Haus ließen, wollten wir wenigstens die Wände, den Boden und die Möbel vom gröbsten Schmutz befreien.</p>



<p>Mit Putzlappen und Besen bewaffnet, teilten wir uns auf. Ich übernahm das Wohnzimmer, während Kichiro ins Arbeitszimmer ging.</p>



<p>Zuerst fegte ich den kompletten Boden ab und war dabei darauf bedacht, möglichst viel Dreck aus den Tatami-Matten zu schrubben. Ich wirbelte dabei jedoch mehr Staub auf, als dass ich ihn entfernte. Zum Glück würde die Elektrik bereits nächste Woche ausgetauscht werden. Danach hatten wir endlich Licht und konnten auch einen Staubsauger benutzen.</p>



<p>Anschließend machte ich mich daran, die Tische und Schränke mit dem Lappen zu reinigen.</p>



<p>„Hey, Lennart“, hörte ich Kichiro plötzlich aus dem Nachbarzimmer rufen, als ich gerade dabei war, einen besonders hartnäckigen Fleck vom Esstisch zu schrubben. „Ich glaube, ich hab deinen Regenschirm wiedergefunden.“</p>



<p>Ich erstarrte in der Bewegung. Was? Das war unmöglich! Wir hatten alle Räume bereits durchgesehen. Mein Körper fühlte sich verkrampft an, während ich die Gummihandschuhe auszog. Langsam, fast mechanisch ging ich zu Kichiro ins Arbeitszimmer.</p>



<p>Mein Verlobter stand vor einem Schreibtisch, die oberste Schublade geöffnet, und hielt ein Stück Papier in den Händen. Bei genauerer Betrachtung fiel mir auf, dass es ein Schwarz-Weiß-Foto war. Ich nahm es ihm ab.</p>



<p>Als ich sah, was darauf abgebildet war, atmete ich erleichtert auf. Es war eine junge Frau in einem Kimono. Sie hatte ein hübsches Gesicht und lächelte in die Kamera, während sie einen aufgespannten Regenschirm an ihre Schulter gelehnt festhielt. <em>Den</em> Regenschirm.</p>



<p>Jetzt musste ich lachen. „Und ich dachte schon, der Regenschirm ist auf magische Weise wieder aufgetaucht.“</p>



<p>Kichiro grinste mich frech an. Anscheinend war genau das seine Intention gewesen. „Langsam fürchte ich, du glaubst doch an Geister“, neckte er mich.</p>



<p>Ich schüttelte grinsend den Kopf, ehe ich flüchtig die Rückseite des Bildes ansah.</p>



<p>„Vielleicht hätten wir den Schirm doch nicht wegwerfen sollen“, merkte ich an. ‚Mariko 1921‘ stand dort in verblasster Handschrift geschrieben. „Den Schirm gab es schon in den 1920ern.“</p>



<p>Das brachte Kichiro zum Erstarren. Nur für höchstens eine Sekunde, aber ich hatte es bemerkt. „Der Schirm ist über 100 Jahre alt?“, fragte er.</p>



<p>Ich nickte. „Ja. Denkst du, er wäre was wert gewesen?“</p>



<p>Kichiro zögerte. „Vielleicht.“ Dann winkte er jedoch ab. „Aber er war kaputt. Es ist gut, dass wir ihn entsorgt haben. Bei so alten Gegenständen kann man nie wissen.“</p>



<p>Ich hatte das Gefühl, dass er noch mehr sagen wollte. Stattdessen widmete er sich jedoch schnell wieder der Schublade und machte damit weiter, sie auszuräumen. Die meisten Sachen landeten in einem Müllsack. Ich warf das Foto dazu.</p>



<p>In den folgenden Wochen dachte ich noch einige Male an den Regenschirm, aber er tauchte nicht mehr auf. Weder im Haus noch auf irgendwelchen Fotos. Und so kam es, dass er langsam, aber sicher aus meinem Gedächtnis verschwand.</p>



<p>Was hingegen blieb, waren die nächtlichen Geräusche. Mal klangen sie weiter entfernt, mal, als seien sie direkt vor der Tür. Aber wie gesagt schenkten Kichiro und ich ihnen keine wirkliche Aufmerksamkeit mehr.</p>



<p>Nur ein einziges Mal, nachdem der Strom endlich funktionierte, ging ich erneut nachts auf den Flur. Jetzt war er hell erleuchtet. Wie auch die letzten Male war er leer. Ich muss gestehen, dass ich kurz überlegte, die anderen Räume noch einmal abzulaufen. Nur zur Sicherheit. Aber das wäre bescheuert gewesen. Ganz davon abgesehen, dass ich dort sicherlich nichts gefunden hätte, sollten nächste Woche die alten Rohre ausgetauscht werden. Ab dann waren die Geräusche wahrscheinlich eh vorbei.</p>



<p class="has-text-align-center">&#8212;</p>



<p>Am folgenden Wochenende waren Kichiro und ich auf einem gefühlstechnischen Hoch, während wir wieder nach Shizuka-Mura fuhren. Es war bereits dunkel, da wir vorhin noch die Wohnung leergeräumt hatten. Kichiros kleiner Toyota war bis unter das Dach mit unseren Sachen beladen. Heute würden wir endlich vollends umziehen.</p>



<p>Klar gab es noch einiges, was wir im Haus zu erledigen hatten, aber das würden wir machen, während wir dort bereits lebten. Das Wichtigste – die Möbel, funktionierender Strom, die neuen Wasserleitungen und die neuen Sanitäranlagen – war immerhin schon dort.</p>



<p>Wir grinsten wie zwei Lottogewinner, während Kichiro auf der Auffahrt parkte. Ich schnappte mir einen Umzugskarton aus dem Auto und betrat dicht hinter Kichiro das Haus. Dort blieb ich einen Moment stehen, schloss die Augen und atmete tief ein. Der inzwischen vertraute Geruch des Hauses stieg mir in die Nase. Es roch nicht länger nach Staub oder abgestandener Luft – die Gerüche hatte die Grundreinigung letztes Wochenende beseitigt –, sondern einfach nur nach Heimat.</p>



<p>Ich brachte den Karton ins Schlafzimmer, ehe ich mit meinem Verlobten zusammen das restliche Auto ausräumte. Im Nachhinein war ich ein wenig überrascht, wie die Kartons, die sich jetzt vor uns stapelten, überhaupt in das kleine Auto gepasst hatten.</p>



<p>Kichiro grinste noch immer breit. „Ich weih dann mal die Dusche ein“, sagte er, ehe er mir einen Kuss gab.</p>



<p>„Ist gut“, erwiderte ich. „Ich räum schonmal unsere Klamotten in den Schrank. Aber lass mir noch heißes Wasser nach!“ Den letzten Satz musste ich rufen, so enthusiastisch war er bereits losgestürmt. Es dauerte nicht lange, da hörte ich auch schon die Dusche. Ich schüttelte schmunzelnd den Kopf.</p>



<p>Dann widmete ich mich wieder den Kartons. Ich öffnete sie einen nach dem anderen, bis ich unsere Kleidung gefunden hatte. Vorsichtig hob ich einen Stapel von Kichiros Hemden daraus hervor. So viele würde er im Homeoffice wahrscheinlich gar nicht mehr benötigen, trotzdem gab ich mir alle Mühe, sie nicht zu zerknittern.</p>



<p>Langsam balancierte ich sie zu unserem Wandschrank. Es war einer dieser japanischen Schränke, der sich in der Wand verbarg. Ich schob die Tür erst mit dem Ellenbogen, dann mit dem Fuß beiseite. Als ich jedoch gerade die Hemden hineinlegen wollte, fiel mein Blick auf einen Gegenstand, der in der unteren Ecke lehnte: ein mir sehr vertrauter elegant gearbeiteter Papier-Regenschirm.</p>



<p>Die Hemden raschelten, während sie mir aus der Hand glitten. Kichiro wäre wahrscheinlich in Ohnmacht gefallen, hätte er es gesehen. Aber das war mir in diesem Moment ehrlich gesagt egal.</p>



<p>Meine Hand zitterte, während ich sie nach dem Schirm ausstreckte. Meine Finger hatten das Papier fast erreicht, da bewegte er sich plötzlich. Zuerst dachte ich, er falle bloß um, bis ein großes Auge mich völlig unerwartet durch das an einer Stelle gerissene Papier anblinzelte. Als Nächstes folgte eine lange Zunge, die sich knapp darunter aus einem weiteren Loch schlängelte.</p>



<p>Unfähig, auch nur einen einzigen Ton von mir zu geben, torkelte ich rückwärts, meinen Mund und meine Augen weit aufgerissen. Mein Fuß verfing sich in einem der Hemden, weshalb ich mit einem leisen <em>‚Fump‘</em> auf den Tatami-Matten landete.</p>



<p>Jetzt bemerkte ich auch das Bein, das nun statt des Griffs aus dem Regenschirm ragte. Es sah menschlich aus und trug eine japanische Holzsandale.</p>



<p>Mit einem Sprung setzte der Schirm sich in Bewegung. <em>‚Tock‘</em>, machte seine Sandale einen dumpfen Laut auf der Strohmatte. <em>Tock. Tock.</em> Es war nicht dasselbe Geräusch, das wir nachts vom Flur gehört hatten, aber es hatte eindeutig denselben Rhythmus. Ich war mir sicher, dass es dieses Ding gewesen sein musste, das wir gehört hatten.</p>



<p>Langsam, sein einzelnes Auge stur auf mich gerichtet, kam mir der Schirm näher. Seine Zunge schwang bei jeder Bewegung.</p>



<p>Panisch krabbelte ich rückwärts. So wie ich dalag, befand sich dieses Wesen genau zwischen der Tür und mir.</p>



<p>„Hilfe! Kichiro! Hilfe!“, schrie ich. Meine Stimme war so voller Panik, dass ich sie selbst kaum erkannte. Aber was konnte ich anderes tun? Wenn jemand eine Ahnung hatte, was dieses Ding war, was ich jetzt machen musste, dann war das mein Verlobter.</p>



<p><em>Tock. Tock.</em></p>



<p>Inzwischen spürte ich die Wand in meinem Rücken.</p>



<p><em>Tock.</em></p>



<p>Der Schirm hatte mich fast erreicht. Dann blieb er vor mir stehen.</p>



<p>„Hilfe!“, kreischte ich erneut. Tränen bildeten sich in meinen Augen. Mein Herz raste in meiner Brust, während sich meine Kehle wie zugeschnürt anfühlte.</p>



<p>Jetzt streckte der Schirm mir seine Zunge entgegen. Langsam kam sie mir näher und näher. Ich presste mich so eng an die Wand, wie ich nur konnte, traute mich nicht einmal, nach dem Ding zu treten. Die Zunge wischte kalt und schleimig über meinen Arm, während der Schirm mich ableckte.</p>



<p>Ich befürchtete bereits, dass er gleich einen kräftigen Bissen von mir nehmen würde, da stürmte plötzlich Kichiro in den Raum. Er trug einen hastig übergeworfenen Bademantel, blieb für eine Sekunde ungläubig in der Tür stehen. Dann trafen sich unsere Blicke.</p>



<p>„Weg! Weg!“, schrie er den Schirm an, während er auf mich zurannte. Er machte wedelnde Bewegungen mit den Armen, als wenn er ein Hühnchen verscheuchen wolle.</p>



<p>&nbsp;Zu meiner Überraschung hüpfte der Schirm beiseite. Er drehte sich zu meinem Verlobten um, ehe er einige Sätze zurück Richtung Wandschrank machte.</p>



<p>Kichiro beachtete ihn nicht weiter. Stattdessen hockte er sich vor mich, beäugte mich einen Moment und schloss mich kurz darauf in den Arm. „Alles in Ordnung?“, fragte er mich.</p>



<p>„Keine Ahnung“, schluchzte ich in seinen Bademantel. „Er hat mich abgeleckt. Was ist das für ein Ding?“</p>



<p>„Schhhh“, machte Kichiro, während er meinen Rücken streichelte. „Alles ist gut. Das ist ein Kasa-Obake. Sie spielen gerne Streiche, sind aber nicht gefährlich.“</p>



<p>Ich antwortete nicht, nahm die Erklärung schweigend hin, als wäre sie in irgendeiner Weise logisch.</p>



<p>Dann plötzlich musste Kichiro lachen. „Ich hätte echt nicht gedacht, dass es sie gibt. Meine Oma hat zwar gesagt, dass sie mal einen Tsukumogami, einen belebten Haushaltsgegenstand gesehen habe, aber wir haben ihr nicht geglaubt.“ Er drückte mich sanft von sich, sah dann in die Luft. „Hörst du, Oma, es tut mir leid, dass ich dir nicht geglaubt habe“, sagte er, als ob ihr Geist hier wäre und uns hören könnte. Aber vielleicht war er das ja sogar. Der Kasa-Obake hatte mein Weltbild völlig zerstört. Alles, was ich über Monster zu wissen glaubte, war falsch.</p>



<p>Vorsichtig wagte ich einen Blick Richtung Wandschrank. Der Regenschirm lehnte davor an der Wand, jetzt wieder völlig unscheinbar. „Was machen wir jetzt mit ihm?“, fragte ich. Meine Stimme war immer noch leicht zittrig.</p>



<p>Kichiro sah ebenfalls zum Schirm, dann sah er mir wieder ins Gesicht. „Ich … weiß es nicht“, sagte er ehrlich. „Manchmal sollen Tsukumogami das Haus verlassen, wenn sie sich ignoriert fühlen. Andererseits … Du wolltest doch schon immer ein Haustier, oder?“</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p>Tsukumogami (付喪神) sind zum Leben erwachte Haushaltsgegenstände der japanischen Folklore. Sie zählen zu den Yōkai.</p>



<p>Das wohl bekannteste Tsukumogami ist der Kasa-Obake (傘おばけ, Japanisch für „Schirmgeist“ oder „Schirmmonster“), ein zum Leben erwachter Regen- oder Sonnenschirm.</p>



<p>Der Name Tsukumogami setzt sich aus den Kanji 付 (haften, befestigen), 喪 (Trauer) und 神 (Geist, Seele, Gott) zusammen. Grob kann man den Namen also mit „Trauer anhaftende Seele“ oder „Trauer anhaftender Geist“ übersetzen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p>Die Tsukumogami ähneln noch immer stark den Haushaltsgegenständen, die sie einst waren – z. B. Regenschirme, Töpfe, Kannen, Kleidung, Futons, Besen oder sogar Schiebetüren. Sie besitzen jedoch häufig menschenähnliche Eigenschaften wie Augen, einen Mund mit meist langer Zunge sowie Arme und Beine inkl. Hände und Füße.</p>



<p>Außerdem weisen sie oft Gebrauchs- und Altersspuren auf, da ein Tsukumogami erst entsteht, wenn ein Haushaltsgegenstand das Alter von 100 Jahren erreicht.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Kasa-Obake:</h4>



<p>Um beim Beispiel des Kasa-Obake zu bleiben: Sie sehen meist aus wie aufrecht stehende Papierregenschirme, wie sie in Japan früher häufig benutzt wurden. Statt eines Griffs besitzen sie jedoch ein einzelnes, oft menschlich aussehendes Bein mit einem Fuß. In vielen Darstellungen tragen sie eine einzelne Holzsandale.</p>



<p>Am auffälligsten dürften hingegen ihr einzelnes großes Auge sowie der Mund mit der ungewöhnlich langen Zunge sein, die aus dem Schirm wachsen oder durch Löcher im Papier hervorlugen.</p>



<p>Manchmal besitzen sie auch zwei Arme, die aus dem Schirm wachsen, und/oder ein zweites Bein.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Entstehung:</h3>



<p>Der Legende nach entstehen Tsukumogami, wenn ein Haushaltsgegenstand 100 Jahre (oder in einigen Erzählungen 99 Jahre) alt wird.</p>



<p>Laut den meisten Quellen muss er vernachlässigt oder achtlos weggeworfen worden sein, damit das passiert. In diesen Fällen wollen die Gegenstände oft Rache an ihren ehemaligen Besitzern oder den Menschen generell ausüben. Ein anderes beliebtes Motiv, warum der Gegenstand plötzlich zum Leben erwacht, ist Langeweile, da sie nicht mehr genutzt oder gebraucht werden und sonst nichts mit sich anzufangen wissen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p>Wenn man in modernen Erzählungen von Tsukumogami hört, sind es meist harmlose Wesen, die den Menschen gerne Streiche spielen. Sie erschrecken sie, machen Lärm, wecken sie nachts o. Ä. Das genaue Verhalten kann sich von Tsukumogami zu Tsukumogami stark unterscheiden.</p>



<p>Man kann ihre Streiche und Phänomene durchaus mit den westlichen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/poltergeister">Poltergeistern</a> vergleichen, wenn sie z. B. Gegenstände durch die Gegend bewegen, nachts durch den Flur laufen oder an Wände klopfen.</p>



<p>Auch sind sie meist neidisch auf die modernen Haushaltsgeräte, die sie ersetzt haben, weshalb es durchaus vorkommen kann, dass sie das Haus verwüsten oder die Gegenstände zerstören.</p>



<p>Anders sieht es hingegen bei den Tsukumogami aus älteren Erzählungen aus. Vor 500 bis 1.000 Jahren galten die belebten Haushaltsgegenstände noch als blutrünstig und äußerst gefährlich. So kam es nicht selten vor, dass sich ein Tsukumogami in den damaligen Geschichten an den Menschen gerächt hat, die es weggeworfen haben, indem er sie schwer verletzt oder sogar getötet hat.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Kasa-Obake:</h4>



<p>Da ich den Kasa-Obake als Tsukumogami für meine Geschichte gewählt und ihn bisher auch beim Aussehen gesondert erwähnt habe, möchte ich euch die spezifischen Eigenschaften der Kasa-Obake natürlich nicht vorenthalten.</p>



<p>Den einbeinigen Schirmen wird nachgesagt, dass sie es lieben, sich an Menschen anzuschleichen, um sie mit ihrer langen Zunge abzulecken. Das kann durchaus erschreckend bis traumatisierend sein, hinterlässt aber keine weiteren Schäden.</p>



<p>Außerdem macht der <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister">Geist</a> oft Lärm, während er auf seiner Holzsandale durch die Gegend hüpft, was in einem leeren Haus oder auf verlassener Straße durchaus als beängstigend empfunden werden kann.</p>



<p>Davon abgesehen ist er aber völlig harmlos.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p>Da es sich bei den Tsukumogami um eine japanische Legende handelt, sollen sie fast ausschließlich in Japan vorkommen. Weitere Einschränkungen bezüglich ihres Lebensraums gibt es jedoch nicht.</p>



<p>Zwar gibt es viele Geschichten, in denen sie in verlassenen Häusern oder Tempeln gesichtet wurden, Tsukumogami können die Häuser jedoch auch verlassen oder außerhalb der Häuser entsorgt worden sein, weshalb sie auch auf offener Straße oder sogar in der Wildnis ihren Schabernack treiben können.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p>Die ältesten bekannten Erzählungen von lebendigen Haushaltsobjekten innerhalb Japans stammen aus der Heian-Zeit (794 bis 1185). Damals waren sie jedoch noch nicht unter dem Namen „Tsukumogami“ bekannt. Auch hieß es in damaligen Erzählungen noch häufig, dass der Geist eines <a href="https://www.geister-und-legenden.de/oni">Oni</a> oder ein anderes übernatürliches Wesen Besitz von dem Haushaltsgegenstand ergriffen habe.</p>



<p>Ihren Namen erhielten die Tsukumogami erst in der Muromachi-Zeit (1336 bis 1573). Von dort an wurde den Yōkai auch nachgesagt, dass sie ausschließlich von der Seele der tatsächlichen Objekte belebt wurden und nicht länger von bösen Geistern oder <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer">Monstern</a>, die Besitz von ihnen ergriffen haben.</p>



<p>Der Glaube, dass auch Dinge wie Haushaltsgegenstände eine Seele besäßen, geht dabei auf die Lehren des Shingon-shū Buddhismus sowie einigen Ideen des Shintoismus zurück, laut denen man auch Gegenstände stets gut behandeln solle.</p>



<p>Ihre Hochzeit hatten die Tsukumogami hingegen erst in der Edo-Zeit (1603 bis 1868), in der unzählige (meist fiktive) Geschichten über sie erzählt und niedergeschrieben worden. In dieser Zeit waren die beseelten Gegenstände außerdem zumeist zu harmlosen Scherzen statt tatsächlichen Rachefeldzügen übergegangen.</p>



<p>Gerade in der späten Edo-Zeit gab es jedoch kaum noch Leute, die an die tatsächliche Existenz dieser Wesen glaubten.</p>



<p>Trotzdem hat der Glaube an die Tsukumogami bis heute überdauert, weshalb sie es bis in die moderne Popkultur geschafft haben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Tsukumogami in der Popkultur:</h3>



<p>Gerade in der japanischen Popkultur gibt es unzählige Filme, Manga, Anime, Kabuki-Stücke und sogar Videospiele, in denen Tsukumogami zu finden sind.</p>



<p>Wenn ich auch nur einen Bruchteil von ihnen hier auflisten wollte, könnte ich wahrscheinlich einen eigenen Blogbeitrag nur darüber schreiben, daher hier nur einige prominente Beispiele:</p>



<p>So lassen sich Tsukumogami z. B. in den „Gegege No Kitarō“-Manga und Anime finden, die sich besonders in Japan an großer Beliebtheit erfreuen.</p>



<p>Darüber hinaus haben die Yōkai diverse Auftritte in dem Manga und Anime sowie der gleichnamigen Videospielreihe „Yo-Kai Watch“, die in Japan kurzzeitig beliebter war als Pokémon.</p>



<p>Und sie haben es sogar in die westliche Popkultur geschafft, wie z. B. die kleinen Nebenrollen eines Besen- und eines Bambusmatten-Tsukumogami in dem Fantasie-Liebesroman „Mona – verliebt, verlobt, beschworen“ (2022) von I. B. Zimmermann zeigen.</p>



<p>Außerdem gibt es ein japanisches RPG/Puzzle-Videospiel von 2012, das den Namen „Tsukumogami“ (oder „99 Spirits“, wie es im Westen heißt) trägt.</p>



<p>Sollte ich in Zukunft über weitere besonders erwähnenswerte Filme, Videospiele etc. stolpern, werde ich sie an dieser Stelle gerne ergänzen.</p>



<p><em>Was haltet ihr von den Tsukumogami? Glaubt ihr, dass auch Gegenstände Seelen haben können? Wir würdet ihr reagieren, wenn euch ein Kasa-Obake gegenüberstehen würde? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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		<title>Die Ningyo – Wirf sie zurück ins Wasser!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 12 Sep 2022 13:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Flüche]]></category>
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		<category><![CDATA[Monster und Ungeheuer]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ich starrte ihn an, dann sah ich wieder zu der Ningyo, die ihren Mund noch immer öffnete und schloss. Öffnete und schloss. Öffnete und schloss. Dann wieder zu Hiroshi. In seinen Augen zeichnete sich keinerlei Wahnsinn ab, während er mich ernst ansah ...</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg09.met.vgwort.de/na/46a48506faed4848a3a01d0bc165751b" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p>Die Ningyo ist ein japanisches <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wesen</a>, das zum Teil Fisch und zum Teil Mensch ist. Trotzdem unterscheiden sie sich starkt von den westlichen Meerjungfrauen. Warum das so ist, erfahrt ihr in diesem Beitrag.</p>



<p>(Ich muss übrigens gestehen, dass ich nur wenig Ahnung vom Fischen habe. Natürlich habe ich versucht, mich so gut es geht zu informieren, habe über das Fischen mit Netzen jedoch nur sehr wenig Infos gefunden. Daher hoffe ich einfach mal, dass ich nicht allzu viel Müll geschrieben habe und euch die Geschichte trotzdem gefällt! <strong>😅</strong>)</p>



<p>Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen</strong></summary>
<p>&#8211; Blut<br>
&#8211; Naturkatastrophe</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p>Ich stand an der Reling und sah mit einem Lächeln aufs Meer hinaus. Die Sonne glitzerte in den sanft rauschenden Wellen, die das Boot in ein langsames, gemütliches Schaukeln versetzten. Es war ein herrlicher Spätsommerabend knapp vor der japanischen Küste.</p>



<p>„André, hilf Naoto mit dem Netz!“, rief Hiroshi von hinten. Er hatte einen befehlenden, fast überheblichen Tonfall, der mir normalerweise nicht gepasst hätte, aber immerhin bezahlte er mich dafür, dass ich ihm diese Woche beim Fischen half.</p>



<p>Während ich also zu ihnen eilte, stand Hiroshi halb im Cockpit und sah mich an. Sein strenger Blick wurde von seinen Falten und den teilweise grauen Haaren untermalt. Naoto hingegen hatte freundliche, dunkle Augen und ein sanftes Gesicht, auch wenn er es gerade vor Anstrengung verzog.</p>



<p>Ich beeilte mich, ihm zu helfen, das gut gefüllte Fischernetz an Bord zu ziehen. Schnell stieg mir der Geruch von Fisch in die Nase, als das zappelnde Netz vor uns lag. Zwar quoll es nicht über vor Fischen, aber es war ein guter Fang.</p>



<p>Hiroshi machte sich sofort daran, die Ausbeute zu inspizieren. Mit geschickten Fingern leerte er das Netz in eine Plastikwanne, durchwühlte die Fische, als wären sie Erde, in der ein Schatz vergraben ist, &#8230; und kippte anschließend den gesamten Fang unter lautem Platschen und Plätschern zurück ins Meer.</p>



<p>Zu Anfang hatte ich ihm noch entsetzt dabei zugesehen, aber inzwischen hatte ich mich daran gewöhnt. Immerhin machte er das schon die ganze Woche so. Zugegeben: Am Montagvormittag hatte er sich noch bemüht, nur die großen Fische zu behalten. Die kleineren – auch die, die bei Weitem groß genug waren, um sie zu verkaufen – warf er allesamt ins Meer zurück. Aber bereits am selben Abend verwarf er seine Prinzipien und kippte alle Fische, ganz egal wie groß oder klein sie waren, in seine große Kühlbox.</p>



<p>Sobald die Kühlbox voll war, fuhren wir aber nicht zum Hafen. Nein, wir fischten einfach weiter und warfen den Fang zurück ins Meer. Hiroshi sah dann zwar jedes Mal die gesamte Ausbeute durch, aber war nie zufrieden. Es kam mir fast vor, als würde er irgendetwas suchen. Als ich ihn jedoch danach gefragt hatte, hatte er nur schroff gemeint, dass ich sein Angelverhalten nicht in Frage stellen solle und er mich gut bezahle. Anschließend war das Gespräch für ihn beendet.</p>



<p>„Es wird langsam spät. Wir sollten allmählich umkehren“, warf Naoto ein, nachdem die Plastikwanne wieder leer war. „Ich hab meiner Frau versprochen, dass wir heute Abend gemeinsam essen.“</p>



<p>Hiroshi musterte ihn, als habe er ihm vor die Füße gespuckt, ehe er einen flüchtigen Blick zur Sonne warf, die sich langsam dem Horizont näherte. Schließlich erwiderte er: „Na, meinetwegen. Eine halbe Stunde machen wir noch. Danach können wir zurück zum Hafen.“</p>



<p>Naoto nickte knapp. Anschließend verschwand Hiroshi im halb offenen Cockpit, startete den Motor, der sofort leise zu summen begann, und das Boot fuhr weiter.</p>



<p>Ich wusste nicht, ob er irgendeinem System folgte, während wir durch das offene Meer fuhren, oder ob Hiroshi ziellos durch die Gegend tuckerte, bis sein komisches Gerät irgendetwas anzeigte. Es war eine Art Tablet, das fest neben dem Lenkrad verbaut war. Soweit ich es verstanden hatte, zeigte es ihm, wo sich unter uns Fischschwärme und größere Fische befanden.</p>



<p>Gelegentlich piepte das Tablet. Das war immer der Moment, wo Hiroshi es aufgeregt ansah. Kurz darauf sah er entweder enttäuscht wieder nach vorn, oder aber er drehte am Lenkrad, steuerte das Boot an eine bestimmte Stelle und befahlt Naoto, das Netz auszuwerfen – ein Befehl, dem Naoto in Windeseile nachkommen musste.</p>



<p>So ging das schon die ganze Woche. Die meiste Zeit kam ich mir dabei völlig nutzlos vor. Naoto wurde von Hiroshi wohl angeheuert, weil er Ahnung vom Fischen hatte. Im Notfall könnte er sogar das Boot steuern. Ich hingegen war die größte Landratte, die man sich vorstellen konnte. Abgesehen von meinen Muskeln hatte ich nichts, was mich für den Job qualifizierte. Vielleicht war ich als Weißer auch bloß aus der Masse hervorgestochen, weswegen Hiroshi mich angesprochen hatte. Ein anderer Grund wollte mir jedenfalls nicht einfallen.</p>



<p>Aber was es auch war, ich war froh, hier zu sein. Immerhin wurde ich gut bezahlt, obwohl ich kaum mehr tat, als auf dem Boot zu sitzen und das Meer zu genießen – abgesehen von dem gelegentlichen Einholen des Netzes, heißt das natürlich. Und so störte mich auch Hiroshis Verhalten nicht, als er auch den Inhalt der beiden letzten Netze, die wir vor unserem Heimweg auswarfen, ohne mit der Wimper zu zucken ins Meer zurückwarf.</p>



<p>„Also gut, Männer“, sagte er mürrisch. „Wir machen uns auf den Rückweg. Hoffentlich haben wir morgen mehr Erfolg.“</p>



<p>Naoto und ich warfen einander einen verwirrten Blick zu. Ich kannte mich zwar nicht so gut mit Fischen aus, aber soweit ich es beurteilen konnte, war unser Anglerglück die letzten Tage nahezu überirdisch gewesen. Es war kaum ein Tag vergangen, an dem unsere kleine Kühltruhe am Abend nicht randvoll war.</p>



<p>Ehe ich Hiroshi jedoch darauf ansprechen konnte, war er bereits im Cockpit verschwunden. Aber wahrscheinlich hätte er eh wieder nur ausweichend darauf reagiert.</p>



<p>Wenn er uns doch wenigstens sagen würde, wonach er suchte. Ich mochte keine Ahnung von der See und Fischen haben, aber Naotos Wissen reichte für uns beide aus!</p>



<p>In den nächsten Minuten, in denen die ersten Gebäude in der Ferne auftauchten und langsam größer wurden, beobachtete ich den Himmel. Die Sonne war bereits untergegangen und färbte den Horizont nun in ein warmes, feuriges Rot. Ein gutes Zeichen: Immerhin deutete Abendrot auf gutes Wetter hin.</p>



<p>Doch während ich mich schon darauf freute, bald in meiner kleinen, warmen Wohnung zu sitzen und gemeinsam mit meinem Kater Mr. Fluff fernzusehen, hörte ich plötzlich ein vertrautes Piepen. Es war das komische Tablet, das beim Fischefinden half. Kurz darauf folgte ein ungläubig gemurmeltes „Ich wusste nicht, dass sie so groß werden“ und ein lauteres „Naoto! Mach das Netz bereit! Wir wagen einen letzten Wurf!“</p>



<p>Der Enthusiasmus in Hiroshis Stimme überraschte mich. Und wie ich an Naotos Reaktion sah – er sprang sofort auf und griff, ohne zu murren, nach dem Netz –, ging es ihm ähnlich. Was auch immer Hiroshi auf seinem Fischradar gesehen hatte, vielleicht war es ja das, wonach er suchte.</p>



<p>Diesmal ließ er den Motor laufen, während Naoto das Netz auswarf. Es bildete platschend einen fast perfekten Kreis auf der Wasseroberfläche, bevor es schnell in der Tiefe verschwand. Aber während Naoto und ich gebannt auf das langsam verschwindende Netz starrten, blieb Hiroshi im Cockpit.</p>



<p>„Verdammt!“, rief er. „Daneben! Holt das Netz ein! Holt es ein!“ Er sprach dabei schnell und ungehalten. Fast klang es, als wäre er wütend auf Naoto, aber ich war mir sicher, dass es nur die Aufregung war.</p>



<p>Sofort sprang ich auf und half Naoto mit dem Netz. Es war nicht sonderlich tief gesunken und hatte keinen einzigen Fisch eingefangen, also war es sehr viel einfacher, es einzuholen.</p>



<p>Anschließend steuerte Hiroshi das Boot einige Meter weiter und befahl uns, das Netz erneut auszuwerfen. Wieder war er nicht zufrieden.</p>



<p>Nachdem Naoto das Netz noch ein drittes und viertes Mal ausgeworfen und wir es eingeholt hatten, merkte ich, wie schwer er inzwischen atmete. Es sah so leicht aus, wie er das Netz warf, aber wenn ich bedachte, wie schwer das verdammte Teil war und weit er es werfen musste &#8230;</p>



<p>„Nochmal!“, rief Hiroshi. „Kommt schon, kommt schon! Wir haben sie gleich!“</p>



<p>„Nur eine kurze Pause“, bat Naoto schnaufend. Er stützte sich am Boot ab, während er versuchte, wieder zu Atem zu kommen.</p>



<p>Das passte Hiroshi jedoch nicht. Er stürmte kurzerhand aus dem Cockpit, packte das Netz und warf es selbst ins Meer. Die Kraft und Geschicklichkeit, die er dabei bewies, hätte ich ihm in seinem Alter nicht mehr zugetraut. Zwar flog das Netz bei Weitem nicht so rund wie bei Naotos Würfen, aber man konnte deutlich erkennen, dass es nicht sein erster Netzwurf war.</p>



<p>Ich jedenfalls hatte nicht ansatzweise so gut geworfen, als ich es vorgestern spaßeshalber unter Naotos Anleitung versucht hatte. Mir war nicht ein einziger Fisch ins Netz gegangen. Und wahrscheinlich könnt ihr euch denken, wie begeistert Hiroshi darüber gewesen war. Im Gegensatz dazu sah er aus wie ein Profi.</p>



<p>Noch bevor das Netz das Wasser berührt hatte, stürmte Hiroshi zurück ins Cockpit, um auf sein Tablet zu sehen. Aber das wäre gar nicht nötig gewesen: Kurz nachdem das Netz untergegangen war, spannte sich das Seil, das das Netz mit dem Boot verband. Ein Ruck fuhr durch das Boot, nicht stark genug, um mich aus dem Gleichgewicht zu bringen, aber er war deutlich spürbar. Was auch immer wir im Netz hatten, es wehrte sich mit Leibeskräften.</p>



<p>„Holt es ein!“, schrie Hiroshi, während er aus dem Cockpit gerannt kam. Er packte als Erster das Netz, dann folgten Naoto und ich. Gemeinsam zogen und zerrten wir daran. Stück für Stück, Meter für Meter zogen wir das Netz langsam aber sicher aus dem Wasser, bis es schließlich vor uns an Deck lag.</p>



<p>Als ich den Fisch sah, wie er am Boden im Netz zappelte, war ich erst erstaunt über seine Größe. Er war groß wie eine Robbe. Als ich jedoch näher hinsah, überkam mich das Gefühl von Überraschung, Entsetzen und einem Hauch von Ekel. Sein Körper sah aus, wie der eines ganz normalen Fisches mit Flossen und allem drum und dran, der Kopf jedoch &#8230; war menschlich. Er hatte ein Gesicht, einen Hals, kleine Ohren und sogar Haare. Es sah aus, als hätte man einen unförmigen Frauenkopf am Körper eines großen Fisches befestigt.</p>



<p>Wie jeder normale Fisch öffnete und schloss das Wesen panisch den Mund. Aber seine Augen, seine ungewöhnlich menschlichen Augen starrten wild hin und her. Als es sie einen Moment genau auf mich richtete, stolperte ich einen Schritt zurück, rutschte auf dem nassen Boden weg und landete mit einem leisen <em>Fump</em> auf dem Hintern.</p>



<p>Aber was mich noch mehr verstörte, als das merkwürdige Wesen selbst, war Hiroshis Reaktion. Während er es mit einer Hand durch das Netz an seinem „Hals“ zu Boden drückte, streichelte er mit der anderen Hand ganz zärtlich über seine Schuppen. Er musterte es mit einem liebkosenden Blick, als wäre es sein Kind oder seine Geliebte.</p>



<p>„E-eine Ningyo!“, stieß Naoto aus. Er starrte Hiroshi mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen an.</p>



<p>„Eine Meerjungfrau?“, fragte ich verwirrt. Ich wusste nicht, dass „Ningyo“ nicht nur das japanische Wort für Meerjungfrau war, sondern auch dieses seltsame, mir völlig fremde Wesen beschrieb.</p>



<p>Naoto ignorierte meine Frage. Er sah bloß weiter entsetzt zu dem Wesen. „Du musst sie zurückwerfen! Sofort!“, befahl er.</p>



<p>Hiroshi lächelte ihn an. Da war sie wieder, seine überhebliche Art. „Das werde ich nicht tun“, sagte er ruhig.</p>



<p>Naoto griff nach einer Stange, die an der Bootswand hing, und richtete ein Ende, an dem ein metallener Haken befestigt war, auf Hiroshi.</p>



<p>Der wiederum sah ihn unbeeindruckt an. „André, steh auf und halt mir diesen Irren vom Leib“, sagte er zu mir. „Dann verdopple ich deinen Lohn.“</p>



<p>Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass sein Angebot nicht verlockend klang, dass ich nicht darüber nachgedacht hätte, aber am Ende gewann mein Gewissen. Naoto hatte mir nichts getan. Er war bisher immer superfreundlich gewesen und aus irgendeinem Grund hatte er Angst vor dem Wesen. Ganz bestimmt hatte er keine bösen Absichten, wenn er wollte, dass Hiroshi es zurückwarf.</p>



<p>Als Hiroshi jedoch bemerkte, dass ich mich nicht rührte, eskalierte die Situation vollständig. „Ach, ihr könnt mich mal!“, rief er.</p>



<p>Gleichzeitig tat Naoto einen Schritt auf ihn zu, die Stange weiter auf ihn gerichtet. „Wirf sie zurück, sonst &#8230;“</p>



<p>Weiter kam er nicht. Mit geschickten Händen griff Hiroshi plötzlich in seine Jacke und zog eine Pistole hervor, die er auf Naoto richtete. „Sonst was?“ In seinen Augen funkelte Abscheu.</p>



<p>Erschrocken richtete ich mich auf. Jetzt zeigte der Lauf der Waffe auf mich. Ich hatte noch nie zuvor eine echte Pistole gesehen, die auf jemanden gerichtet wurde. Und schon gar nicht auf mich. Ich kann kaum erklären, wie es sich anfühlte. Plötzlich war ich völlig hilflos. Mein Magen fühlte sich an, als hätte er sich verknotet, während meine Beine zu Eis erstarrten und mein Hirn schrie, dass ich weglaufen solle. Aber ich konnte nirgendwo hin.</p>



<p>Naoto ging es ähnlich. Er hob eine Hand, legte bedacht langsam die Stange zu Boden und hob dann auch die andere Hand. Währenddessen trat er vorsichtig einen Schritt zurück.</p>



<p>Hiroshi hingegen blieb ganz ruhig. Während er die Pistole weiter abwechselnd auf uns richtete, kramte er mit seiner freien Hand ein Fischermesser hervor. Als er es schließlich zum Hals des seltsamen Fischwesens führte, trat Naoto wieder einen Schritt nach vorn, die Hände vor sich haltend, um zu zeigen, dass er Hiroshi nichts tun wollte.</p>



<p>Panik stand ihm ins Gesicht geschrieben, auch wenn ich das seltsame Gefühl hatte, dass sie jetzt nicht mehr der Pistole galt. „B-bitte. Du musst das nicht tun“, flehte er. „Wirf sie einfach zurück. Dann kommt niemand zu Schaden. Ich habe Frau und Kinder!“</p>



<p>Ich weiß nicht, wie ich genug Mut aufbringen konnte, um zu sprechen. Vielleicht war es die Überforderung, vielleicht der Fakt, dass Hiroshi die Pistole nun wieder auf Naoto gerichtet hatte. „Was ist das für ein Ding? Warum sollte jemand zu Schaden kommen?“</p>



<p>Nun sah Hiroshi mich an, hielt die Pistole aber weiter auf Naoto gerichtet. „Das ist eine Ningyo. Ich suche schon seit Jahren nach einer. Und endlich habe ich sie gefunden. Wenn man ihr Fleisch isst, wird man unsterblich! Ich werde wieder jung sein!“</p>



<p>Ich starrte ihn an, dann sah ich wieder zu der Ningyo, die ihren Mund noch immer öffnete und schloss. Öffnete und schloss. Öffnete und schloss. Dann wieder zu Hiroshi. In seinen Augen zeichnete sich keinerlei Wahnsinn ab, während er mich ernst ansah.</p>



<p>„Und zu welchem Preis?“, fuhr Naoto dazwischen. „Wenn du sie nicht zurückwirfst, könnte das Unwetter die ganze Stadt zerstören. Bitte, komm zur Vernunft! Meine Familie &#8230;“ Jetzt sah er mich an. „André, bitte. Hilf mir. Wenn man eine Ningyo umbringt oder mitnimmt, hat das verheerende Katastrophen zur Folge. Gemeinsam können wir ihn aufhalten. Gemeinsam können wir &#8230;“</p>



<p>Weiter kam er nicht. In genau diesem Moment zog Hiroshi die Klinge durch die Kehle der Ningyo. Blut schoss aus ihrem Hals hervor. Es ergoss sich über das Deck und Hiroshis Hose. Kurz darauf hörte die Ningyo auf, sich zu bewegen.</p>



<p>Als ich, noch immer völlig überfordert von der Situation, wieder zu Naoto blickte, sah ich, dass er auf die Knie gesunken war. Er sah aus wie ein Mann, der gerade seinen Lebenswillen verloren hatte.</p>



<p>Ungläubig starrte ich wieder zu dem toten Fischwesen in Hiroshis Armen. Das konnte doch nicht ihr Ernst sein. Sie waren zwei erwachsene Männer. Wie konnte auch nur einer von ihnen ein Wort dessen glauben, was sie da von sich gaben? Ein magischer Fisch, der unsterblich machte und Katastrophen herbeirief? Hörten sie sich selbst überhaupt zu?!</p>



<p>Ehe ich den Gedanken jedoch laut aussprechen konnte, um die beiden zur Besinnung zu bringen, fegte plötzlich ein heftiger Windstoß über das Deck. Er war so stark, dass er mich straucheln ließ. Kurz darauf folgten die Wellen.</p>



<p>Mehr und mehr geriet unser Schiff ins Wanken, und als ich zum Himmel sah, weiteten sich meine Augen vor Schreck und Unglauben: Dunkle Wolken zogen auf, so schnell, wie ich einen Wetterumschwung noch nie beobachtet hatte. Erneut starrte ich ungläubig die tote Ningyo an. Wie war das möglich?</p>



<p>„Du solltest dich lieber beeilen“, rief Hiroshi über das inzwischen sehr laute Rauschen der Wellen Naoto zu. „Wenn wir rechtzeitig an Land sind, kannst du deine Familie noch aus der Stadt bringen!“</p>



<p>Naoto sah auf. Jetzt blitze ein Funken Hoffnung in seinen Augen. Ohne auch nur eine weitere Sekunde verstreichen zu lassen, sprang er auf und rannte ins Cockpit. Kurz darauf heulte der Motor auf und das Boot raste los.</p>



<p>Noch nie in meinem Leben war ich mir so klein vorgekommen. Nicht nur, dass die Wellen immer größer wurden – unser Boot kam mir mehr und mehr vor wie ein Spielzeugboot im offenen Meer –, ich befand mich mitten in einem Spiel aus Mächten, die ich nicht verstand.</p>



<p>Wasser spritze mir ins Gesicht, traf mich im Mund und in meinen Augen. Sofort schmeckte ich das Salz. Gleichzeitig klammerte ich mich mit aller Kraft an dem Geländer der Bootswand fest. Die Wellen und die Geschwindigkeit des Motorboots waren dabei so heftig, dass ich mehrfach schmerzhaft gegen die Bootswand geschleudert wurde.</p>



<p>Hiroshi hingegen saß, scheinbar den Regeln der Physik trotzend, zufrieden auf dem Boden. Zwar wurde er auch hin und her geschleudert, während er sich und die Ningyo am Seil des Fischernetzes festhielt, aber es schien ihm überhaupt nichts auszumachen.</p>



<p>„Weißt du André, ich hätte mehr von dir erwartet!“ Trotzdem er aus voller Lunge brüllte, ging seine Stimme fast in dem Lärm unter. „Ich dachte, als Weißer würdest du mich verstehen. Ich hätte dir sogar etwas von dem Fleisch abgegeben. Du könntest unsterblich sein, wenn du mir hilfst!“</p>



<p>Ich starrte ihn an, wie er dasaß und mich angrinste &#8230; Ich wusste nicht, wie schlimm das Unwetter noch werden würde, aber wir waren nicht das einzige Boot auf dem Meer gewesen. Nicht alle würden es zurückschaffen. Ihr Blut klebte an Hiroshis Händen und da besaß er die Dreistigkeit, mich noch weiter in die Sache hineinziehen zu wollen, als er es ohnehin schon getan hatte?!</p>



<p>Angewidert wandte ich den Blick ab. In dem Chaos aus Wellen sah ich, dass wir uns dem Anleger näherten. Inzwischen waren die Wellen so heftig, dass ich mehr als einmal befürchtete, unser Boot könnte kippen. Trotzdem schafften wir es irgendwie in einem Stück an den Hafen. Naoto versuchte sein Bestes, die Geschwindigkeit zu verringern und das Boot zu drehen. Trotzdem krachten wir mit einem lauten Knall an den Anleger. Ich wurde durchgeschüttelt. Schmerzen zuckten durch meine Finger, als das Metallgeländer durch den Aufprall vibrierte. Trotzdem hielt ich mich eisern fest.</p>



<p>Aber wenn ich darauf gehofft hatte, dass die Wellen am Hafen nicht ganz so schlimm sein würden, hatte ich mich geschnitten. Sie waren so hoch, dass sie immer wieder über den betonierten Anleger schwappten. Das Boot hob und senkte sich mit den Wellen.</p>



<p>Inzwischen stand ich ganz hinten am Boot. Ich müsste nur einen großen Schritt wagen, dann wäre ich an Land. Aber ich traute mich nicht. Vor meinem inneren Auge malten sich Bilder aus, wie ich abrutschte, den Schritt nicht schaffte. Ich würde zwischen das Boot und den Anleger geraten. Vielleicht würden die Wellen mich auch gegen den Beton schleudern. Oder aber ich würde ertrinken.</p>



<p>Plötzlich stürmte Naoto an mir vorbei. Er hatte Anlauf genommen. In dem Moment, als das Boot durch das Wasser nach oben gedrückt wurde, sprang er an Land. Er strauchelte, konnte sich aber auf den Füßen halten.</p>



<p>Ich schluckte schwer. Er hatte es geschafft. Dann konnte ich das auch. Außerdem trieb das Boot langsam aber sicher vom Anleger weg. Wenn ich mich jetzt nicht traute &#8230;</p>



<p>Ich zwang mich, mein Hirn abzuschalten. Dann wartete ich die nächste Welle ab und tat es Naoto gleich. Zwar unterschätzte ich, wie tief ich fallen würde, landete erst schmerzhaft auf meinen Füßen und wurde von der Wucht weiter auf meine Knie geschleudert, aber ich hatte es geschafft.</p>



<p>Naoto sah mich mit verzweifeltem Gesicht an, während er mir hoch half. Er hatte abgewartet, ob ich den Sprung schaffen würde. Dann sah er nervös zu den Gebäuden. „Sorry, ich muss &#8230;“, rief er über das Rauschen der tosenden Wellen. Ohne eine Antwort abzuwarten, rannte er los.</p>



<p>Eigentlich hatte ich ihm anbieten wollen, ihn mitzunehmen – immerhin war er zu Fuß hier –, aber als ich ihm nachrief, drehte er sich nicht einmal um. Wahrscheinlich konnte er mich nicht mehr hören.</p>



<p>Also war ich auf mich allein gestellt. Zum Glück stand mein Auto direkt am Anleger und ich war nach nur wenigen Schritten da.</p>



<p>Bevor ich jedoch einstieg, warf ich einen flüchtigen Blick zum Boot zurück. Ich weiß nicht wie, aber Hiroshi hatte es ebenfalls an Land geschafft. Die Ningyo lag schlaff in ihrem Netz, während er sie hinter sich herzog. Aber er war verdammt langsam.</p>



<p>„Ich wusste nicht, dass sie so groß werden“, schoss mir seine Stimme in den Kopf.</p>



<p>Anscheinend hatte er sich selbst überschätzt. Das geschah ihm recht. Ich würde ihm jedenfalls nicht helfen.</p>



<p>&#8212;</p>



<p>Auf meinem Nachhauseweg setzte schließlich der Regen ein. Er war so heftig, dass ich unter normalen Umständen angehalten hätte, aber ich durfte keine Zeit verlieren.</p>



<p>Klitschnass kam ich bei meiner Wohnung an. Mr. Fluff wehrte sich mit seinen Krallen, als ich seinen zierlichen Katzenkörper an mein nasses T-Shirt drückte. Ich ignorierte es. Und auch wenn ich wusste, dass es ihm ganz und gar nicht gefiel, wie eng ich ihn an mich presste, während ich nach draußen in den Regen lief, ließ ich nicht zu, dass er sich befreite.</p>



<p>Er wandte sich in meinem Griff, schlug mir sogar seine Zähne ins Fleisch, aber ich hielt ihn ganz fest, bis die Autotür hinter uns geschlossen war. Fast sofort zog er sich beleidigt auf die Rücksitzbank zurück.</p>



<p>„Tut mir leid, kleiner Prinz“, entschuldigte ich mich bei ihm. Aber der Regen prasselte so laut auf das Autodach, dass ich meine eigene Stimme nicht hören konnte. Trotzdem war ich mir sicher, dass er mir eines Tages verzeihen würde – auch wenn er nicht wusste, was ich gerade für ihn getan hatte. Schließlich startete ich meinen Motor.</p>



<p>Von der Katastrophe, die diese Nacht meine Heimatstadt verwüstete und unzählige Menschen das Leben gekostet hatte, hörte ich erst am nächsten Tag im Radio.</p>



<p>Naoto – so erfuhr ich einige Jahre später, als ich ihn zufällig im Supermarkt traf – hatte seine Familie retten können. Genau wie ich hatte er seine Wohnung verloren, aber das hatte uns beide nicht aufgehalten.</p>



<p>Was hingegen Hiroshi anging, habe ich keine Ahnung, was aus ihm geworden ist. Vielleicht hat er es ja tatsächlich geschafft, unsterblich zu werden. Aber wenn ich ehrlich bin, hoffe ich insgeheim, dass er es nie lebend aus der Stadt geschafft hat.</p>



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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p>Die Ningyo (japanisch für „menschlicher Fisch“ oder „Meerjungfrau“) gelten als japanische Meerjungfrauen, unterscheiden sich jedoch stark von ihren westlichen Verwandten. Sie zählen zu den <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/yokai" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Yōkai</a>.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p>Bei dem Wort Meerjungfrau denken die meisten von euch sicherlich sofort an eine Frau mit einem Fischschwanz statt Beinen. Doch obwohl diese Variante in den neueren Geschichten über Ningyo durchaus vertreten sein kann, sahen die Ningyo in den ursprünglichen Legenden völlig anders aus.</p>



<p>Ningyo sind generell mehr Fisch als Mensch und werden fast immer als hässlich beschrieben.</p>



<p>In den meisten Legenden handelt es sich um einen großen Fisch mit einem menschlichen Kopf – meist dem einer Frau – oder einem menschlichen Gesicht. Ihre Zähne sollen fischähnlich, klein und scharf sein. Außerdem haben sie manchmal Hörner auf dem Kopf.</p>



<p>Auch gibt es Erzählungen, in denen die Ningyo den Oberkörper eines Affen und den Unterkörper eines Fisches haben. Diese Beschreibungen sind aber wahrscheinlich den gefälschten Ningyo-Mumien zu verschulden, die sich im 19. Jahrhundert verbreitet haben. Für ihre Herstellung wurde häufig der Oberkörper eines Affen verwendet.</p>



<p>Was die Größe der Ningyo angeht, habe ich verschiedenste Angaben gelesen. Sie reichten dabei von Kleinkindgröße bis zu einer Länge von 3 Metern.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p>Die wohl bekannteste Eigenschaft der Ningyo ist ihr Fleisch. Es soll nicht nur sehr gut schmecken, sondern jedem, der es isst, auch ein übernatürlich langes Leben – manche reden sogar von Unsterblichkeit und ewiger Jugend – bescheren.</p>



<p>In Yao Bikuni, einer der bekanntesten Ningyo-Legenden, isst ein junges Mädchen das Fleisch einer Ningyo. Anfangs scheint noch alles normal zu sein, aber als sie erwachsen wird, hört sie plötzlich auf zu altern. Sie lebt ein langes Leben und stirbt erst im Alter von etwa 800 Jahren.</p>



<p>Aber während einige die Ningyo wegen dieser Eigenschaft verehren und versuchen, sie zu fangen, werden sie von anderen Fischern gefürchtet. Jeder Mensch, so heißt es, der eine Ningyo fängt und nicht zurückwirft oder eine Ningyo tötet, soll nämlich von einem fürchterlichen Fluch getroffen werden. Ganze Dörfer sollen schon durch plötzlich aufkommende Unwetter überflutet worden sein, nachdem einer der Bewohner eine Ningyo gefangen und mit nach Hause genommen hat.</p>



<p>Und auch, wenn man die Ningyo nicht selbst tötet, sondern nur ihre Leiche am Strand findet, soll das Unglück bringen. So kann eine Ningyo-Leiche Krieg, Naturkatastrophen oder ein ähnliches Unheil ankündigen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p>Ningyo leben, wenn man der Verbreitung der Legenden nach urteilt, ausschließlich im Japanischen Meer und dem Pazifischen Ozean. Aber auch, dass sie Flüsse hinaufschwimmen, kann nicht ausgeschlossen werden.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p>Die Legende der Ningyo ist eine uralte Legende. Bereits im Nihonshoki, dem zweitältesten Buch der japanischen Geschichte, das im Jahr 720 fertiggestellt wurde, finden sich erste Erwähnungen des Wesens – auch wenn es damals noch nicht „Ningyo“ genannt wurde.</p>



<p>Die erste schriftliche Erwähnung ihres Namens ließ sich erst in dem japanisch-chinesischen Wörterbuch Wamyō Ruijūshō (erschienen im Jahr 937) finden.</p>



<p>Im 19. Jahrhundert tauchten plötzlich unzählige Ningyo-Mumien auf – es waren natürlich Fälschungen –, die der Ningyo zu einer weltweiten Bekanntheit verhalfen. Sie wurden damals sogar unter anderem in europäischen Museen ausgestellt. Und auch heute noch lassen sich in einigen Tempeln und Museen die angeblich mumifizierten Überreste von Ningyo finden.</p>



<p><em>Was haltet ihr von den Ningyo? Würdet ihr ihr Fleisch essen wollen? Empfindet ihr ewige Jugend eher als Segen oder als Fluch? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>



<p><em>Wenn ihr mehr solche Geschichten oder Legenden lesen wollt, abonniert auch gerne meinen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/newsletter" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Newsletter</a>, oder folgt mir auf <a href="https://twitter.com/geisterlegenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/geisterlegenden/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Facebook</a> oder <a href="https://www.instagram.com/geisterlegenden/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Instagram</a>!</em></p>
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		<title>Okuri Inu – Ein gefährlicher Weggefährte</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 11 Apr 2022 13:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Geschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Monster und Ungeheuer]]></category>
		<category><![CDATA[Yōkai]]></category>
		<category><![CDATA[asiatische Legende]]></category>
		<category><![CDATA[asiatische Legenden]]></category>
		<category><![CDATA[Asien]]></category>
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		<category><![CDATA[Wald]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>'Knack', ertönte es leise hinter mir. Sofort fuhr ich herum. Meine freie Hand griff instinktiv nach dem Schwert an meinem Gürtel.<br />
Mit zusammengekniffenen Augen spähte ich in die Dunkelheit. War da etwas? Schwärze, schemenhafte Umrisse von Bäumen und ... zwei kleine leuchtende Punkte. Aus einiger Entfernung, direkt auf dem Pfad, den ich gekommen war, funkelte mich ein Augenpaar an, das das Licht meiner Laterne reflektierte. Was auch immer es war, es beobachtete mich.</p>
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<p>Die Okuri Inu wurden mir letzte Woche von einem Leser vorgeschlagen. Da ich die Legende noch nicht kannte, sie mir aber sehr gefällt und ich fast sofort eine Idee für eine Geschichte hatte, habe ich mich entschieden, diesen Beitrag über sie zu schreiben.</p>



<p>Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p>Müde ging ich den schmalen Pfad zwischen den Bäumen entlang. Der Wald um mich herum lag in Dunkelheit. Sogar der Mond hatte sich hinter den Wolken versteckt. Meine einzige Lichtquelle war daher die Laterne, die meine Finger mit letzter Kraft umklammert hielten, während mein Arm wie abgestorben an meiner Seite baumelte.</p>



<p>Gleichzeitig lag mein Gepäck schwer wie ein Ochse auf meinen Schultern. Am liebsten hätte ich es kurz abgestellt, eine Pause gemacht. Aber das wäre keine gute Idee gewesen. Ich wusste nicht, welche Gefahren hier im Wald auf mich lauerten, welche Augen mich hungrig aus dem Unterholz beobachteten. Wenn ich jetzt Schwäche zeigte, könnte das meinen Tod bedeuten.</p>



<p>Außerdem hatte ich den Großteil meiner Reise bereits hinter mir. Seit zwei Tagen war ich unterwegs, hatte nur gerastet, um zu schlafen und zu essen. Und in höchstens einer halben Stunde wäre ich endlich an meinem Ziel. Dann hätte ich Shizuka-Mura, das Dorf, in dem meine Schwester wohnt, meine neue Heimat, endlich erreicht.</p>



<p>Also schluckte ich den Schmerz hinunter, der sich in meinem Rücken, meinen Schultern und meinen Beinen ausgebreitet hatte. Tief atmete ich die warme Sommerluft ein, achtete darauf, immer einen Fuß vor den anderen zu setzten. Schritt für Schritt kam ich dem Ende meiner Reise näher.</p>



<p>Um mich herum waberten dunkle Schatten, während die Laterne in meiner Hand gleichmäßig vor und zurückschwang. Obwohl ich wusste, dass es meine eigenen Schatten waren, die über die Bäume tanzten, hatte ich immer wieder das Gefühl, dass sich zwischen den Baumstämmen noch etwas anderes bewegte. Wenigstens blieb ich so aufmerksam.</p>



<p><em>Knack</em>, ertönte es leise hinter mir. Sofort fuhr ich herum. Meine freie Hand griff instinktiv nach dem Schwert an meinem Gürtel.</p>



<p>Mit zusammengekniffenen Augen spähte ich in die Dunkelheit. War da etwas? Schwärze, schemenhafte Umrisse von Bäumen und &#8230; zwei kleine leuchtende Punkte. Aus einiger Entfernung, direkt auf dem Pfad, den ich gekommen war, funkelte mich ein Augenpaar an, das das Licht meiner Laterne reflektierte. Was auch immer es war, es beobachtete mich.</p>



<p>Sofort war die Schwäche in meinem Arm vergessen. Ich hob die Laterne, um besser sehen zu können. Das Licht war nicht sonderlich hell, aber es genügte. Ich konnte eindeutig seine Umrisse erkennen: Das struppige, ungepflegte Fell, die vier dünnen Beine, die jede Sekunde auf mich zu sprinten konnten und der elegante Kopf mit den spitzen Ohren – ein Wolf!</p>



<p>Panik stieg in mir auf. Was sollte ich jetzt tun? Wenn er bei vollen Kräften war, würde ich selbst mit meinem Schwert nicht viel ausrichten können. Ich war zu erschöpft von der langen Reise. Und Wölfe jagten für gewöhnlich in Rudeln.</p>



<p>Eine tiefe, kratzige Stimme ertönte hinter mir: „Keine Angst. Wenn du bald weitergehst, lässt er dich in Ruhe.“</p>



<p>Genauso schnell, wie ich mich zu dem Tier umgedreht hatte, fuhr ich erneut herum. Fast hätte ich mein Schwert gezogen, doch dann fiel mein Blick auf einen alten Mann, der mich freundlich anlächelte.</p>



<p>Woher wollte er wissen, dass der Wolf mir nichts tat? War es etwa gar kein Wolf? Vielleicht ein Hund?</p>



<p>„Gehört er zu dir?“, fragte ich misstrauisch. Ich bemühte mich, sowohl das Tier als auch den Mann im Blick zu haben. Er sah nicht gefährlich aus, aber das konnte täuschen.</p>



<p>Der Mann antwortete mit einem rauen Lachen. „Nein. Er gehört zu niemandem. Er ist sein eigener Herr. Aber bitte, wir sollten jetzt weitergehen. Bist du auch auf dem Weg nach Shizuka-Mura?“</p>



<p>Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte er sich um und ging los in Richtung des Dorfes. Ich zögerte. Aber nach einem weiteren flüchtigen Blick zu dem Wolf oder Hund – was auch immer es war – entschied ich, dem Mann zu folgen. Wenn wir zusammenblieben, überlegte das Tier es sich vielleicht zweimal, ob es angreifen solle.</p>



<p>„Mein Name ist Takahashi Itarō“, stellte sich der Mann vor, als ich aufgeholt hatte. „Was führt dich nach Shizuka-Mura?“</p>



<p>Bevor ich antwortete, warf ich einen Blick über die Schulter. Das Tier verfolgte uns, blieb aber auf Abstand. „Ich heiße Komatsu Seijiro“, stellte auch ich mich vor. „Ich ziehe zu meiner Schwester.“</p>



<p>„Komatsu Akii ist deine Schwester? Eine nette junge Frau“, erwiderte Takahashi.</p>



<p>Dann verfielen wir wieder in Schweigen. Es war nicht so, dass ich nicht reden wollte. Es gab sogar viele Dinge, die ich hätte fragen können. Aber das Sprechen war mir zu anstrengend.</p>



<p>Wir kamen nur sehr langsam voran. Ich wegen meiner Erschöpfung und des schweren Gepäcks, Takahashi wegen seines Alters. Er stützte sich bei jedem Schritt auf einem hölzernen Gehstock ab.</p>



<p>Außerdem warf ich immer wieder nervöse Blicke über die Schulter, um sicherzugehen, dass unser Verfolger nicht näherkam.</p>



<p>Ein belustigtes Schnauben ließ mich wieder zu Takahashi sehen.</p>



<p>„Mach dir keine Sorgen. Er tut dir nichts. Zumindest, solange du nicht stolperst. Achte also lieber auf deine Füße.“</p>



<p>Er hatte einen freundlichen, wenn auch etwas strengen Ton, während er das sagte. Trotzdem wurde ich aus seinen Worten nicht schlau. Solange ich nicht stolperte? „Wie meinst du das?“, fragte ich knapp.</p>



<p>Mein Weggefährte musterte mich einen Moment, als versuche er mich einzuschätzen. Dann sagte er zögerlich: „Weißt du, was ein Okuri Inu ist, Komatsu?“</p>



<p>Ein Okuri Inu? Ein sendender Hund? „Nein“, sagte ich irritiert. Was sollte das sein?</p>



<p>„Das“, er zeigte auf das Tier, „ist kein Hund, auch wenn er wie einer aussieht. Es ist ein Yōkai. Ein Okuri Inu.“</p>



<p>Ich sah Takahashi überrascht an. Ein Yōkai? Wie fast jeder hier in Japan kannte ich unzählige Geschichten über diese Wesen. Einige von ihnen waren gut, andere böse. Fast alle besaßen sie mächtige magische Fähigkeiten. Aber glaubte ich wirklich an Magie?</p>



<p>Andererseits war das Verhalten schon sehr eigenartig, wenn es tatsächlich ein Wolf oder Hund war.</p>



<p>„Was sind das für Yōkai?“, hakte ich nach.</p>



<p>Wieder musterte Takahashi mich einen Moment, bevor er antwortete. „Okuri Inu können ein Segen, aber auch ein Fluch sein“, erklärte er. „Sie verfolgen nachts Wanderer und Reisende, in der Hoffnung, dass sie hinfallen. Dann schlagen sie zu. Aber solange du auf deine Schritte achtest und nicht zu lange stehenbleibst, sind sie großartige Wächter. Sie halten wilde Tiere und andere Yōkai fern, weißt du?“</p>



<p>Jetzt war es an mir, Takahashi eine Weile zu mustern. Ich war mir unsicher, ob ich ihm glauben sollte. Was, wenn er bloß der alte Dorfspinner war, der bei jeder Kleinigkeit sofort an einen Yōkai dachte?</p>



<p>Andererseits hatte er recht: Egal, ob Yōkai, Hund oder Wolf, vielleicht verfolgte er uns wirklich, weil er darauf wartete, dass wir zusammenbrachen oder eine Pause machen mussten. Vielleicht spürte er meine Erschöpfung.</p>



<p>Also ging ich entschlossen weiter. Mit der rechten Hand umklammerte ich fest den Griff meines Schwertes, mit der anderen hielt ich die Laterne so, dass wir beide gut sehen konnten, wo wir hintraten. Trotzdem warf ich immer wieder verstohlene Blicke über die Schulter, um sicherzugehen, dass unser Verfolger nicht näherkam.</p>



<p>Doch genau das war mein größter Fehler: Bei einem flüchtigen Blick nach hinten – es kam mir nicht länger als eine Sekunde vor – übersah ich eine Wurzel, die aus dem Boden ragte. Mein Fuß blieb hängen, ich stolperte, das Gewicht meines Gepäcks brachte mich aus dem Gleichgewicht und nur einen Moment später sah ich den Boden auf mich zurasen. Schmerzhaft knallte ich auf mein Kinn.</p>



<p>„Komatsu! Was machst du denn?!“, fluchte Takahashi. Er stürzte sofort zu mir, um mir zu helfen.</p>



<p>Gleichzeitig hörte ich ein aggressives Knurren hinter mir. Ich warf mich herum, sah, wie der Wolf mit gebleckten Zähnen hungrig auf mich zustürzte.</p>



<p>Schnell griff ich wieder nach meinem Schwert. Ich wollte es gerade herausziehen, als Takahashi mich am Arm packte, um mir hochzuhelfen.</p>



<p>Nein, er half mir nicht hoch, er setzte mich hin. In dem Moment, als ich aufstehen wollte, drückte er mich in eine sitzende Position.</p>



<p>„Sprich mir nach: Nur kurz ausruhen“, forderte er mich auf.</p>



<p>Ich starrte ihn entsetzt an. Er würde mich umbringen! Verzweifelt versuchte ich erneut, mein Schwert zu ziehen, aber der alte Narr ließ es nicht zu.</p>



<p>„Sag es! Nur kurz ausruhen“, schrie er mich an.</p>



<p>Der Wolf war inzwischen so nahe, dass mein Schicksal besiegelt war. Tränen rannen mir die Wangen hinunter, als ich die Augen schloss. „N-nur kurz ausruhen“, stammelte ich, mit dem Wissen, dass es meine letzten Worte sein würden.</p>



<p>Doch dann passierte nichts. Ich saß noch mehrere Sekunden am Boden, spürte, wie Takahashi mich festhielt, aber da waren keine Klauen, keine Zähne, die sich in mein Fleisch bohrten.</p>



<p>Verwirrt öffnete ich die Augen. Zuerst nur das eine, dann auch das andere. Ich konnte es kaum glauben. Der Wolf war direkt vor mir. Er war ganz nahe, aber statt sich auf mich zu stürzen, saß er völlig ruhig da und sah mich mit schiefgelegtem Kopf an.</p>



<p>Erst verstand ich gar nichts, doch dann wurde mir alles klar. „Okuri Inu“, hauchte ich ungläubig. Takahashi hatte recht. Der Wolf war ein Yōkai.</p>



<p>Der alte Mann klopfte mir auf die Schulter, während er breit lächelte. „Ich denke, wir sollten langsam weiter. Du willst seine Geduld nicht unnötig auf die Probe stellen.“</p>



<p>„J-ja“, stammelte ich, noch immer nicht ganz bei mir.</p>



<p>Takahashi musste mir hochhelfen. Ich hatte mir den Fuß verstaucht. Bei jedem Schritt fühlte es sich an, als würden sich hunderte Nadeln in ihn meinen Knöchel bohren.</p>



<p>Aber obwohl wir nur langsam vorankamen und ich angreifbarer denn je wirken musste, ließ der Okuri Inu uns in Ruhe. Er folgte uns bloß in sicherem Abstand, bis wir ohne weitere Vorkommnisse endlich aus dem Wald traten.</p>



<p>Einige Meter weiter drehten wir uns um. Der Yōkai war am Waldrand stehengeblieben.</p>



<p>Zufrieden sah Takahashi mich an. „Du musst dich bei ihm bedanken, dass er dich begleitet hat“, erklärte er.</p>



<p>Ich zögerte keine Sekunde, bevor ich mich vor dem Okuri Inu verbeugte. „Vielen Dank, dass du uns sicher durch den Wald gebracht hast“, sagte ich laut.</p>



<p>Vielleicht bildete ich es mir nur ein, aber es wirkte so, als würde auch der Okuri Inu kurz seinen Kopf senken. Dann drehte er sich um und rannte wieder im dunklen Wald.</p>



<p>„Und auch dir vielen Dank, Takahashi Itarō. Ohne dich hätte ich die Nacht &#8230;“, ich stockte, als ich mich zu ihm umdrehte. „&#8230; nicht überlebt“, beendete ich meinen Satz leise. Ich sprach jedoch nicht zu Takahashi, sondern zu mir selbst. Egal, wie sehr ich mich umsah, von meinem Retter und kurzen Weggefährten fehlte jede Spur.</p>



<p>Ich entschied, dass es zu spät und ich zu erschöpft war, um ihn jetzt noch zu suchen. Ich würde meine Schwester fragen, wo er wohnte, und mich morgen bei ihm bedanken.</p>



<p>Noch ahnte ich ja nicht, dass meine große Schwester mich bloß mit großen Augen ansehen würde, bevor sie mir erklärte, dass Takahashi Itarō letztes Jahr verstorben war. Man hatte seine Leiche im Wald gefunden. Scheinbar wurde er von einem wilden Tier angefallen &#8230;</p>



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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p>Okuri Inu (Japanisch für „sendender/schickender Hund“), in einigen Regionen auch Okuri Ōkami („sendender/schickender Wolf“), sind hunde- oder wolfsähnliche Wesen der japanischen Folklore. Sie zählen zu den <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/yokai" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Yōkai</a>.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p>Okuri Inu sollen wie gewöhnliche Hunde oder Wölfe aussehen. Ich habe keine Erwähnung finden können, um was für Hunde es sich genau handelt, aber sie sind immer wild und vergleichsweise groß. Ihr solltet euch hierbei also keinen Chihuahua oder Mops vorstellen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p>Die Okuri Inu sind fast ausschließlich nachts unterwegs. Es heißt, dass sie einsame Reisende in dunklen Wäldern, auf Bergpfaden und auf abgelegenen Straßen verfolgen, um sie anzugreifen.</p>



<p>Aber obwohl sie sehr gefährlich sein können, ist es nicht zwangsläufig schlecht, wenn ein Reisender von einem Okuri Inu verfolgt wird.</p>



<p>So heißt es zwar, dass man in einer solchen Situation nicht hinfallen oder zu lange stehenbleiben darf, da der Okuri Inu sich sonst sofort auf einen stürze, um einen zu zerfleischen. Sollte man jedoch weitergehen, ohne zu stolpern, verfolgen sie einen lediglich in gleichbleibendem Abstand. Währenddessen dienen sie als eine Art Beschützer, da sie potentielle Angreifer – sowohl wilde Tiere als auch andere Yōkai – vertreiben.</p>



<p>Sollte man trotz allem stürzen – immerhin ist es in den Jagdgebieten der Okuri Inu oft dunkel und der Boden uneben – ist noch nicht alles verloren. Wenn man schnell genug reagiert und sich hinsetzt, um so zu tun, als habe man sich absichtlich auf den Boden begeben, um eine kurze Pause zu machen, wartet der Yōkai geduldig, bis man weitergeht. Am besten sollte man hierbei laut sagen, wie anstrengend der Weg doch sei oder dass man eine Pause mache – nur zur Sicherheit. Man sollte seine Geduld aber nicht überstrapazieren und bald weitergehen.</p>



<p>Sobald man den dunklen Pfad verlässt und zurück in die Zivilisation gelangt, ist man im Normalfall in Sicherheit. Trotzdem wird empfohlen, dass man sich umdreht, um dem Okuri Inu zu danken, dass er einen begleitet hat. Außerdem soll man laut einigen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Legenden</a> seine Füße waschen, sobald man zuhause ist, und dem Yōkai etwas zu Essen nach draußen stellen. Auf diese Weise dankt man ihm und verhindert angeblich, dass er einen bei zukünftigen Spaziergängen weiter verfolgt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p>Die Okuri Inu sollen in allen abgelegeneren Regionen Japans vorkommen. Besonders häufig ist die Rede von Sichtungen in Bergen und Wäldern.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p>Während man bei den meisten Yōkai zumindest grob die Epoche benennen kann, aus der sie stammen, ist bei den Okuri Inu unklar, wann die Legende entstanden ist. Man weiß nur, dass sie sehr alt sein muss.</p>



<p>Heutzutage ist sie allerdings etwas aus der Mode gekommen – was vielleicht daran liegt, dass es seit ca. 1905 keine wildlebenden Wölfe mehr in Japan gibt –, besonders früher soll sie aber sehr beliebt gewesen sein.</p>



<p>Interessant ist auch, dass es bei der Legende über die Okuri Inu zwar kleinere regionale Unterschiede gibt, die verschiedenen Versionen sich trotz des Alters und der weiten Verbreitung der Legende aber oft sehr ähnlich sind.</p>



<p><em>Was haltet ihr von den Okuri Inu? Findet ihr sie beängstigend? Oder sogar nützlich? Wie würdet ihr euch verhalten, wenn euch ein Okuri Inu verfolgt? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>



<p><em>Wenn ihr mehr solche Geschichten oder Legenden lesen wollt, abonniert auch gerne meinen <a rel="noreferrer noopener" label=" (öffnet in neuem Tab)" href="https://www.geister-und-legenden.de/newsletter" target="_blank">Newsletter</a>, oder folgt mir auf <a rel="noreferrer noopener" href="https://twitter.com/geisterlegenden" target="_blank">Twitter</a>, <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.facebook.com/geisterlegenden/" target="_blank">Facebook</a> oder <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.instagram.com/geisterlegenden/" target="_blank">Instagram</a>!</em></p>
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		<title>Die Kuchisake Onna &#8211; „Findest du mich schön?“ (überarbeitet)</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 04 Apr 2022 13:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Geister]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Sie starrte mich mit ihren braunen Augen direkt an, verzög aber trotz meines Kompliments nicht eine einzige Miene. Stattdessen senkte sie langsam ihren Fächer. Darunter kam etwas Rotes zum Vorschein: Blut ...</p>
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<p>Der Beitrag über die Kuchisake Onna war einer der ersten Beiträge, die ich je veröffentlicht habe. Ihre Legende bedeutet mir sehr viel. Sie hat mich so fasziniert, dass sie mich zu meinem ersten Buch verleitet hat. Jetzt habe ich sie endlich überarbeitet.</p>



<p>Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen</strong></summary>
<p>&#8211; Blut</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p>„Du bist spätestens um elf Uhr wieder hier!“, befahl meine Mutter. „Und keine Jungs!“</p>



<p>Ich rollte mit den Augen. Es gab einen Grund, warum ich ihr erst auf den letzten Drücker von der Party erzählt hatte. „Mama, ich bin keine zwölf mehr! Ich bin neunzehn, und wenn ich was mit einem Jungen anfangen will, dann mache ich das auch!“, erwiderte ich lauter als beabsichtigt.</p>



<p>„Nicht in diesem Ton! Vielleicht ist es besser, wenn du heute hierbleibst.“</p>



<p>„Mama! Das ist Julias Geburtstagsfeier. Das ist <em>die</em> Party! Ich muss da hin!“</p>



<p>„Ach ja? Und wieso kenne ich diese Julia nicht? Wenn sie so eine wichtige Freundin ist, kannst du sie auch mal hierher mitnehmen.“</p>



<p>Das tat weh. Meine Eltern verboten mir alles, was Spaß machte: Ich durfte nicht betrunken nach Hause kommen, Kampfsport, für den ich mich sehr interessierte, war zu gefährlich, ich musste immer pünktlich sein und Jungs waren generell tabu.</p>



<p>Meine Eltern waren der Grund dafür, dass ich das langweiligste Mädchen der ganzen Stadt war. Sie waren schuld, dass ich keine Freunde hatte – und jetzt machte Mama daraus auch noch einen Vorwurf …</p>



<p>Es war mir schon immer schwergefallen, neue Leute kennenzulernen. Nie fielen mir passende Themen ein, über die man sich unterhalten konnte und wirklich spannende Sachen passierten in meinem Leben auch nicht. Ich war einfach nur das langweilige stille Mädchen mit reichen Eltern und ohne Charakter.</p>



<p>Aber ich wollte das nicht mehr. Nein. Es konnte so nicht weitergehen. Ich hatte mir damals geschworen, dass ich mich in der Uni ändern würde. Und was war? Ich machte mit meinem Sozialleben genauso weiter, wie in der Schule. Aber das würde ich heute Abend ändern. Ich würde auf diese Party gehen und ich würde feiern. So richtig feiern. Ich würde mich unter die Leute mischen, Alkohol trinken und mal richtig die Sau rauslassen. Es wurde Zeit, dass ich selbst über mein Leben bestimmte. Immerhin war ich kein Kind mehr. Ich war erwachsen.</p>



<p>So schnell ich konnte, stürmte ich in den Flur, riss meine Jacke vom Haken, schnappe mir meine Schuhe und rannte auf Socken nach draußen in die Dunkelheit.</p>



<p>„Svenja? Svenja! Bleib sofort stehen!“, schrie Mama mir nach. Ich konnte den Hausarrest in ihrer Stimme förmlich hören.</p>



<p>Aber ich hatte gewonnen. Ich war draußen. Mama würde mir nie in ihren Hausschuhen auf die Straße folgen. Was sollten nur die Nachbarn denken? Ehe sie sich ihre Schuhe angezogen hatte, war ich mindestens zwei Straßen weiter.</p>



<p>Der Gehweg unter meinen Füßen war eiskalt. Obwohl ich die ganze Zeit in Bewegung war, spürte ich bereits jetzt, wie meine Zehen langsam taub wurden. Also beeilte ich mich, meine Jacke überzuwerfen, und versteckte mich in einer kleinen Seitengasse, um meine Schuhe anzuziehen.</p>



<p>Anschließend spähte ich um die Ecke. Die Luft war rein. Also ging ich schnellen Schrittes weiter.</p>



<p>Ohne Auto brauchte ich bis zu Julia natürlich deutlich länger. Andererseits hatte ich so mehr Zeit, die frische Luft zu genießen. Es roch nach Erde und Laub. Normalerweise mochte ich den Geruch nicht besonders, aber jetzt roch es für mich nach Freiheit. Ich hatte gewonnen. Einmal in meinem Leben hatte ich gewonnen.</p>



<p>Ein sanfter Wind spielte mit den bunten Blättern, die am Boden lagen. Ich blieb stehen und sah ihnen einen Moment bei ihrem Tanz zu, lauschte dem leisen Rascheln und atmete die kalte Luft ein.</p>



<p>Jetzt fühlte ich mich völlig entspannt, versuchte für einen Moment zu vergessen, welcher Ärger auf mich warten würde, wenn ich nach Hause kam. Ich vergaß den Streit mit Mama und die Sorgen, die ich mir wegen der Party machte. In diesem Moment gab es nur mich, den kühlen Wind und die tanzenden Blätter.</p>



<p>Plötzlich legte sich der Wind. Die Blätter hielten in ihrer Bewegung inne, während um mich herum völlige Stille herrschte. Es raschelte kein einziger Baum mehr. Kein einziges Auto ertönte in der Ferne. Es war, als hätte die ganze Stadt die Luft angehalten.</p>



<p>Dann atmete sie aus &#8230; Genauso plötzlich, wie der Wind aufgehört hatte, traf mich eine starke Böe. Ein kalter Windstoß biss mir ins Gesicht. Er trieb mir Tränen in die Augen.</p>



<p>Also zog ich den Kragen meiner Jacke näher an mein Kinn und ging schnell weiter. Wenn ich mich beeilte, konnte ich in weniger als einer viertel Stunde in Julias warmen Haus sein.</p>



<p>Während ich die Straßen entlang eilte, war von meinem wohligen Gefühl der Freiheit nicht mehr viel übrig. Aus dem angenehmen Rascheln der Blätter war jetzt ein aggressives Rauschen geworden. Wie so oft, wenn ich abends allein unterwegs war, fühlte ich mich beobachtet. Ich versuchte, mich gedanklich auf die Party zu konzentrieren. Trotzdem konnte ich mich nicht daran hindern, mich immer wieder umzusehen. Ich konnte niemanden entdecken.</p>



<p>Als ich jedoch – schnell wie ich ging – um eine Ecke bog, stieß ich fast mit einer Frau zusammen. Ich konnte mich gerade noch bremsen.</p>



<p>Mein Magen krampfte sich zusammen. Ich mochte es nicht, allein nachts anderen Menschen zu begegnen.</p>



<p>„‘Tschuldigung“, sagte ich fast reflexartig. Dann sah ich die Frau verwirrt an.</p>



<p>Sie war eine Asiatin. Soweit nichts Ungewöhnliches, aber sie trug einen schwarz-roten Kimono und hielt einen farblich passenden Seidenfächer vor ihr Gesicht, sodass man nur ihre Augen, die perfekten Augenbrauen und das lange schwarze Haar sehen konnte. War das irgendein Kostüm? Oder lief sie immer so rum?</p>



<p>Ich schob den Gedanken beiseite. Jedenfalls schien von ihr keine Gefahr auszugehen. Nicht nur, dass sie eine Frau war, sie war auch noch so zierlich, dass selbst ich wohl mit ihr fertig geworden wäre. Außerdem würde eine potentielle Entführerin durch ihre Kleidung nicht so auffallen wollen.</p>



<p>Ich wollte bereits weitergehen, als die Frau einen Schritt beiseitetrat – nur einen kleinen, aber es war, als wolle sie meinen Weg blockieren.</p>



<p>„Findest du mich schön?“, fragte sie. Ihre Stimme war weich wie Butter und ich hörte einen japanischen Akzent heraus.</p>



<p>Was für eine merkwürdige Frage. Andererseits war die ganze Situation merkwürdig. Also entschied ich, dass ich nicht viel falsch machen konnte. Ich wollte das Gespräch als kleine Übung für nachher sehen, um meine sozialen Ängste zu überwinden. Außerdem hatte ich mir ja vorgenommen, neue Leute kennenzulernen.</p>



<p>Freundlich lächelte ich die Frau an. „Ja. Sie sind schön. Sehr sogar“, sagte ich. Auch wenn ich mir seltsam vorkam, sowas zu einer Fremden zu sagen, meinte ich es so. Ich hatte selten eine so hübsche Frau gesehen, auch wenn ich ihren Mund und ihre Nase wegen des Fächers nicht sehen konnte.</p>



<p>Jetzt starrte sie mich mit ihren fast schwarzen Augen direkt an, verzog aber trotz meines Kompliments nicht eine einzige Miene. Stattdessen senkte sie langsam ihren Fächer. Darunter kam ein entsetzlich entstelltes Gesicht zum Vorschein. Sie hatte zwei blutige Schnitte, die von ihren Mundwinkeln bis tief in die Wangen klafften und ihren Mund zu einem grausamen Lächeln verzerrten.</p>



<p>Es fühlte sich an, als hätte jemand den Boden unter meinen Füßen weggerissen. „O Gott, was ist passiert?“, fragte ich entsetzt. Meine Hand wanderte bereits zu meinem Handy, damit ich den Notruf wählen konnte.</p>



<p>„Immer noch?“, fuhr die Frau von meiner Reaktion völlig unbeirrt fort.</p>



<p>Ich erstarrte in der Bewegung. „W-was?“, fragte ich verwirrt. Wieso war die Frau so ruhig? War das irgendeine Art kranker Scherz? Oder stand sie vielleicht unter Schock?</p>



<p>„Findest du mich immer noch schön?“, wiederholte sie ihre Frage ruhig.</p>



<p>Ich wusste nicht, was ich dazu sagen sollte. Mit offenem Mund stand ich da. „J-ja, natürlich“, sagte ich schnell, als ich mich wieder gefangen hatte. Immerhin wollte ich nicht unhöflich sein.</p>



<p>Ehe ich jedoch vorschlagen konnte, einen Krankenwagen zu rufen, blitze etwas in ihren Augen auf, das vorher nicht da gewesen war: eine kalte Boshaftigkeit.</p>



<p>„Dann sollst du genauso schön sein, wie ich“, zischte sie gefährlich. In einer fließenden Bewegung zog sie ein Schwert, ein Katana, um genau zu sein, aus ihrem Kimono hervor.</p>



<p>Ich wollte wegrennen, doch ehe ich mich auch nur umgedreht hatte, stand die Frau bereits bei mir. Mit unglaublicher Kraft packte sie mich mit ihrer linken Hand bei den Haaren und zerrte meinen Kopf in den Nacken. Dann hob sie die Schwertklinge und zog sie mir durch das Gesicht.</p>



<p>Der Schmerz war unbeschreiblich. Es lag jedoch nicht an ihm, dass meine Beine unter mir nachgaben. Das lag an etwas anderem: Einem Gefühl von abgrundtiefem Hass, wie ich ihn noch nie in meinem Leben gespürt hatte. Wie eine Welle breitete er sich in meinem Körper aus und raubte mir das Bewusstsein.</p>



<p>&#8212;</p>



<p>Als ich wieder zu mir kam, stand ich auf den Beinen. Von der seltsamen Frau war nichts mehr zu sehen. Gleichzeitig fühlte sich mein Kopf leer an.</p>



<p>Meine Erinnerungen waren verschwommen, als würde ich sie durch einen nebligen Schleier betrachten. Ich hatte mich mit irgendwem gestritten, bevor ich der Asiatin begegnet war, aber was davor oder danach passiert war, wusste ich nicht mehr. Ich erinnerte mich nicht einmal mehr an meinen eigenen Namen. Egal, wie sehr ich darüber nachdachte, er wollte mir nicht einfallen.</p>



<p>Hätte ich mich an alles erinnert, wäre mir wohl aufgefallen, dass auch die Autos anders standen. Es musste Zeit vergangen sein, seit ich zuletzt hier gewesen war.</p>



<p>Dann bemerkte ich meinen Schal, den ich bis über die Nase gezogen hatte. Hatte ich den Schal eben schon getragen? Für den Bruchteil einer Sekunde wollte ich ihn mir aus dem Gesicht ziehen, doch etwas in mir hielt mich davon ab. Es fühlte sich falsch an, als würde ein tiefsitzender Instinkt mich davon abhalten.</p>



<p>Im nächsten Moment ließ mich ein Geräusch herumfahren. Ein Rasseln, gefolgt von der Stimme eines Mädchens. „Scheiße!“, hörte ich sie fluchen.</p>



<p>Ohne zu wissen, wieso ich es tat, ging ich in die Richtung, aus der ich das Geräusch gehört hatte. Bald sah ich sie. Sie hockte neben ihrem Fahrrad und hantierte an ihrer herausgesprungenen Kette herum. Ohne zu zögern, ging ich zu ihr.</p>



<p>Als ich näherkam, sah sie kurz auf, dann widmete sie sich wieder ihrer Kette, als würde ich an ihr vorbeigehen wollen.</p>



<p>Aber ich hatte nicht die Absicht, an ihr vorbeizugehen. Auch wollte ich ihr nicht helfen. Stattdessen blieb ich stehen, den Schal noch immer bis über die Nase in mein Gesicht gezogen, und sah sie entschlossen an. Bevor ich wusste, was ich tat, hörte ich, wie mir eine einzige Frage über die Lippen kam: „Findest du mich schön?“</p>



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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p>Die Kuchisake Onna (japanisch für „Frau mit dem zerschnittenen/zerrissenem Mund“), auch Kuchisake-Onna geschrieben, zählt zu den <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/yokai" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Yōkai</a> und ist ein bösartiger japanischer <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Geist</a>. Sie gehört zu den <a href="https://www.geister-und-legenden.de/onryo" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Onryō</a>.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p>Der Mund der Kuchisake Onna ist „von Ohr zu Ohr“ aufgeschnitten und blutig. Sie verdeckt ihn daher die meiste Zeit mit einem Seidenfächer oder einem Mundschutz.</p>



<p>Ihre restliche Kleidung soll entweder ein Kimono oder moderne Kleidung sein. Außerdem wird ihr nachgesagt, dass sie – abgesehen von ihrem zerschnittenen Mund – eine wunderschöne Frau sei.</p>



<p>Sollte die Kuchisake Onna allerdings den Schönheitsidealen ihrer Lebzeiten treu geblieben sein, hätte sie ein schneeweiß geschminktes Gesicht mit rosa Wangen, rote Lippen, geschwärzte Zähne und abrasierte, weiter oben wieder aufgemalte buschige Augenbrauen. Ich habe jedoch noch in keiner einzigen Erzählung eine Erwähnung dieser für die Heian-Zeit üblichen Schönheitsideale gefunden.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p>Die Kuchisake Onna zieht nachts durch die Straßen und sucht nach Leuten, die alleine unterwegs sind. Wenn sie jemanden findet, geht sie zu ihm und fragt: „Watashi, kirei?“ („Findest du mich schön?“/„Bin ich schön?“). Sie verdeckt dabei ihren Mund mit ihrem Seidenfächer oder ihrem Mundschutz.</p>



<p>Die Leute sind meist von ihrer Schönheit so überwältigt, dass sie mit „Ja“ antworten, woraufhin die Kuchisake Onna ihren entstellten Mund entblößt.</p>



<p>Wenn die Person aufschreit, tötet die Kuchisake Onna sie je nach Version mit einem Messer, einem Katana oder einer Schere, indem sie ihr ebenfalls den Mund zerschneidet oder sie enthauptet.</p>



<p>Bleibt die Person hingegen ruhig, fragt die Kuchisake Onna „Kore demo?“ („Immer noch?“). Antwortet die Person wieder mit „Ja“, soll die Kuchisake Onna sagen „Dann sollst du genau so schön sein wie ich!“ und der Person ebenfalls den Mund zerschneiden.</p>



<p>Antwortet man mit „Nein“, tötet die Kuchisake Onna einen aus Wut trotzdem.</p>



<p>Es ist also egal, was man antwortet, da man immer dem Tode geweiht ist.</p>



<p>Dennoch gibt es Leute, die angeblich Methoden gefunden haben, die Kuchisake Onna auszutricksen. So soll man verwirrende oder nicht eindeutige Antworten geben, wodurch man die Kuchisake Onna zum Nachdenken bringt und genug Zeit zum Fliehen bekommt.</p>



<p>Andere behaupten, man solle ihr japanisches „Hard Candy“ zuwerfen, da sie diese Süßigkeit angeblich liebt und sich so ablenken lässt.</p>



<p>Versucht man jedoch, zu entkommen, ohne sie vorher abzulenken, taucht die Kuchisake Onna aus dem Nichts wieder vor einem auf und schneidet einem den Weg ab.</p>



<p>Einigen Legenden zufolge soll eine Frau, deren Gesicht von der Kuchisake Onna zerschnitten wurde, selbst zu einer Kuchisake Onna werden – dazu verdammt, nachts durch die Straßen zu ziehen und bis in die Ewigkeit Leute in ihren Tod zu locken.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum:</h3>



<p>Die Kuchisake Onna taucht hauptsächlich nachts in Städten auf. Meist wird sie in Asien gesehen, es gab aber auch schon Sichtungen in anderen Ländern wie z.B. den USA.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p>Zu Lebzeiten soll die Kuchisake Onna eine bildschöne Frau gewesen sein, die in der Heian-Zeit (ca. 794–1192) lebte.</p>



<p>Sie war mit einem sehr eifersüchtigen Samurai zusammen, der sie des Fremdgehens beschuldigte. Als er sie zur Rede stellte, kam es zu einem Streit, bei dem er der Frau mit seinem Katana das Gesicht zerschnitt, sodass ihr Mund an den Wangen aufgeschnitten war. Anschließend soll er gefragt haben: „Wer wird dich jetzt noch schön finden?“</p>



<p>Ob die Frau tatsächlich fremdgegangen ist, ist nicht überliefert.</p>



<p><em>Wie würdet ihr reagieren, wenn euch die Kuchisake Onna auf der Straße begegnen würde? Kennt ihr eine Methode, wie man sie überlisten kann?</em></p>



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		<title>Betobeto-san</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 09 Aug 2021 13:00:00 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Monster und Ungeheuer]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Das war der Moment, als ich ihn das erste Mal hörte. Klack, klack, klack. Irgendwo hinter mir ertönte ein seltsames Geräusch. Es war ein hoher Ton, als würde Holz gegen Holz schlagen oder jemand mit Holzsandalen über die Straße gehen.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg08.met.vgwort.de/na/4e16d7dbcad3448c8343144ebea0368d" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p>Betobeto-san ist ein <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Gespenst</a> aus Japan. Wenn man nachts allein unterweg ist, kann man manchmal seine Schritte hinter sich hören.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p>Du kennst sicherlich dieses ungute Gefühl, verfolgt zu werden, wenn du nachts allein unterwegs bist – das kennen wir wohl alle. Immer wieder drehst du dich um, um zu gucken, ob du wirklich alleine bist. Du atmest erleichtert auf, weil die Straße hinter dir leer ist, fühlst dich für einen Moment sicher, bis das Gefühl zurückkommt oder du endlich angekommen bist. Was ist aber, wenn du zwar niemanden sehen, deinen Verfolger jedoch hören kannst?</p>



<p>Denn genau so erging es mir in jener Nacht. Der Nacht, in der ich Betobeto-san begegnet war.</p>



<p>Ich kam gerade vom Tennis, wo ich mich eben von meinen Mitspielerinnen und dem Trainer verabschiedet hatte. Wie jeden Sommer ging ich die Strecke zu Fuß zu meinem Onkel und meiner Tante, bei denen ich wohnte. Das mag zu der späten Uhrzeit vielleicht ungewöhnlich sein – besonders, da ich erst 15 war –, aber ich liebte die warmen Sommernächte wirklich sehr.</p>



<p>Außerdem waren es nur etwa 8 Minuten Fußweg und die Straßen waren trotz der abgelegenen Gegend gut beleuchtet. Es kam nur selten vor, dass ich mich hier unwohl fühlte. Und selbst wenn, war ich bisher wohl noch nie tatsächlich in Gefahr gewesen.</p>



<p>Eine Fahrradklingel hinter mir riss mich aus meinen Gedanken. Ich trat an den Rand des Bürgersteiges.</p>



<p>„Schönen Abend, Aoyama-san. Wir sehen uns nächste Woche“, rief ein Mädchen, als sie an mir vorbeiraste. Das war Saitou-san. Sie war die beste Tennisspielerin in unserem Team. Und auch wenn ich sie kaum kannte, lächelte ich ihr nach. Oft war sie die einzige Person, der ich nach dem Training auf der Straße begegnete.</p>



<p>Und so ging ich verträumt weiter. Ich atmete die warme Luft ein und genoss das Gefühl, zu der späten Stunde noch ein T-Shirt tragen zu können, ohne zu frieren, während im Hintergrund die Zikaden zirpten. Ich war glücklich.</p>



<p>Das war der Moment, als ich <em>ihn</em> das erste Mal hörte. <em>Klack, klack, klack</em>. Irgendwo hinter mir ertönte ein seltsames Geräusch. Es war ein hoher Ton, als würde Holz gegen Holz schlagen oder jemand mit Holzsandalen über die Straße gehen.</p>



<p>Irritiert blieb ich stehen. Das Geräusch verstummte. Ich drehte mich um und sah die Straße entlang. Links und rechts standen alte Häuser, die meisten von ihnen aus Stein und Holz gebaut. Vom Aussehen her würde man sie im Westen wohl als klassisch japanisch bezeichnen.</p>



<p>Auf der rechten Seite konnte ich außerdem in etwas Entfernung einen Tempel sehen, der mehrere Stockwerke hoch war und die anderen Häuser überragte. Ansonsten sah ich nichts. Abgesehen von einigen angeschlossenen Fahrrädern, einem Blumentopf, der bei einem Hauseingang stand und den Laternen war nichts und niemand zu sehen.</p>



<p>Ich zuckte kaum merklich mit den Schultern, drehte mich wieder nach vorn und ging weiter. Doch sobald ich meinen Fuß wieder auf den steinernen Boden setzte, erklang das Geräusch erneut: <em>Klack</em>.</p>



<p>Wieder drehte ich mich um, diesmal etwas misstrauischer. Was konnte das nur sein? Angestrengt starrte ich die Straße entlang. Jetzt versuchte ich, auch an den Orten zwischen den Laternen etwas zu sehen, wo die Straße im Schatten lag. Aber so sehr ich mich auch bemühte, ich konnte nicht erkennen, wo das Geräusch hergekommen war. Kam es vielleicht aus einem der Häuser?</p>



<p>Ich lauschte angestrengt, ob das Klacken zurückkam, doch außer den Zikaden blieb es vollkommen ruhig.</p>



<p>Mehr verwirrt, als beunruhigt entschied ich, weiterzugehen. Aber jedes Mal, wenn meine Sohle den Gehweg traf, erklang das Geräusch erneut. <em>Klack, klack</em>. Es war fast so, als ahmte es meine Schritte nach. Ich versuchte, es zu ignorieren, doch nach einigen weiteren Metern hatte ich Gewissheit: Das Geräusch entstand immer nur dann, wenn ich den Fuß absetzte. Jedes mal, wenn ich stehenblieb, verstummte auch das Geräusch, und wenn ich schneller ging, wurde das Geräusch häufiger.</p>



<p>So plötzlich und unerwartet, wie ich konnte, drehte ich mich mitten in der Bewegung um, in der Hoffnung irgendetwas zu entdecken. Nichts.</p>



<p>„Hallo? Wer ist denn da?“, rief ich unsicher.</p>



<p>Doch mir antworteten nur die Zikaden mit ihrem durchgehenden Zirpen.</p>



<p>Die nächsten Paar Schritte ging ich rückwärts, um die Straße im Auge zu behalten. Wieder hörte ich die Geräusche, doch außer einer Motte, die um eine Laterne schwirrte, bewegte sich nichts.</p>



<p>Mit einem unguten Gefühl im Magen drehte ich mich wieder um und ging weiter die Straße entlang. Wenn ich gleichmäßig ging, klang es tatsächlich wie Schritte, die mich verfolgten. Aber wieso konnte ich dann niemanden sehen?</p>



<p>Um ganz sicherzugehen, überprüfte ich sogar meine Schuhe. Nicht dass irgendetwas unter ihnen klemmte, das die Geräusche verursachte. Wieder wurde ich enttäuscht.</p>



<p>‚<em>Ach, das ist bestimmt nur Zufall</em>‘, versuchte ich, mir einzureden.</p>



<p>Aber wie konnte es nur Zufall sein? Wie könnte ein Zufall meine Schritte so perfekt mit Geräuschen unterlegen.</p>



<p>Inzwischen merkte ich, wie ich eine Gänsehaut bekam. Meine Hände wurden schwitzig und mit jedem Schritt, mit jedem ‚<em>Klack</em>‘, wurde es schlimmer.</p>



<p><em>Klack, klack, klack, klack, klack</em>.</p>



<p>Ich verfiel in Panik. Schließlich rannte ich los. Ich wusste nicht, was das Geräusch war, ob es gefährlich war oder nicht, aber ich wollte nicht lange genug hierbleiben, um es herauszufinden.</p>



<p>Zum Glück war ich eine schnelle Läuferin. Wenn mich nicht gerade ein Athlet verfolgte, hätte ich bei den meisten Erwachsenen wohl kein Problem gehabt, sie abzuhängen. Außerdem klammerte ich mich noch immer an die schwindende Hoffnung, dass das Geräusch nur der Wind war, der irgendwelche Gegenstände aneinanderschlug.</p>



<p>Zu meinem Entsetzen entfernten sich die mysteriösen Schritte aber nicht. Im Gegenteil: Sie kamen näher. Und näher. Und näher.</p>



<p>Einige Straßen weiter war ich bereits völlig aus der Puste. Meine Atmung war unregelmäßig, da ich immer wieder die Luft anhielt, um auf die Schritte zu achten. Ich bekam sogar Seitenstechen, obwohl ich normalerweise nie ein Problem damit hatte.</p>



<p>Trotzdem zwang ich mich, weiter zu rennen. Die Schritte hatten mich inzwischen fast eingeholt. Ein flüchtiger Blick verriet mir hingegen, dass hinter mir nichts war – oder besser gesagt nichts, das ich sehen konnte. Denn was auch immer mich da verfolgte, es war kein Mensch, dessen war ich mir inzwischen sicher. Und ich hatte keine Lust, herauszufinden, was es mit mir vorhatte.</p>



<p>Ich hetzte um eine Kurve, hielt mich dicht an der Hauswand zu meiner Rechten, wechselte dann die Straßenseite, aber was ich auch versuchte, ich schaffte es nicht, meinen Verfolger abzuschütteln.</p>



<p>Schließlich kam, was kommen musste: Zwei Straßen vom Haus meiner Tante entfernt, hatten die Schritte mich eingeholt und es geschah &#8230; nichts. Obwohl die Schritte klangen, als seien sie keinen halben Meter hinter mir, wurde ich nicht angesprungen. Ich spürte keine großen Hände, die mich packten, oder Klauen, die in meinen Rücken gerammt wurden.</p>



<p>Trotzdem wurde ich nicht langsamer. Auch traute ich mich nicht mehr, einen Blick über meine Schulter zu werfen, voller Angst, was ich dort sehen könnte. Ich hielt meinen Kopf gerade und starrte stur geradeaus, bis ich endlich vor unserer Haustür stand. Dort hämmerte ich mit den Fäusten so lange dagegen und klingelte Sturm, bis mein Onkel schließlich die Tür öffnete. Ich fiel ihm fast in die Arme.</p>



<p>„Rin, was ist passiert?“, fragte er entsetzt.</p>



<p>Aber bevor ich auch nur ein einziges Wort sagen konnte, beugte ich mich vor und übergab mich in den Flur.</p>



<p>Mein Onkel und meine Tante waren sofort zur Stelle. Er wischte den Boden auf, während sie mich zu einem Stuhl brachte. Trotzdem brauchte ich noch einen Moment, ehe ich es schaffte, ihnen zu erzählen, was passiert war.</p>



<p>Mein Onkel lächelte wissend. Er kannte sich mit Geistern aus und war angeblich schon vielen begegnet. „Alles ist gut, Rin. Du bist in Sicherheit.“, sagte er ruhig. „Was du heute gehört hast, war ein Wesen namens Betobeto-san. Ich weiß, wie beängstigend er sein kann – ich bin ihm als Kind selbst einmal begegnet.“</p>



<p>Das war normalerweise die Stelle, an der meine Tante mit den Augen rollte oder lautstark seufzte, doch heute hörte auch sie gespannt zu.</p>



<p>„Er verfolgt Leute, die nachts allein unterwegs sind, ist aber nicht gefährlich. Um genau zu sein, musst du ihn nur darum bitten, an dir vorbei zu gehen, und er lässt dich in Ruhe.“ Mein Onkel hob demonstrativ die Hand, als wolle er jemanden an sich vorbei bitten. „Nach dir, Betobeto-san.“</p>



<p>Ich weiß nicht, ob es wirklich Betobeto-san gewesen war, der mich an jenem Tag verfolgt hatte. Auch hatte ich seine Schritte nie wieder gehört, um den Tipp meines Onkels auszuprobieren. Aber ich glaubte ihm. Denn was sollte es sonst gewesen sein?</p>



<p>Und so erzähle ich auch heute noch jedem, der sie hören will, meine Geschichte von Betobeto-san. Also habt keine Angst, wenn ihr seine Schritte nachts hinter euch hört. Alles, was ihr braucht, ist ein kleines bisschen Respekt und Freundlichkeit.</p>



<p><b>Bleibt auf dem Neusten Stand und folgt mir auf:</b></p>
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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p>Betobeto-san ist ein <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/yokai" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Yōkai</a>, der nachts einsame Menschen auf der Straße verfolgt. Sie können ihn nicht sehen, hören hinter sich aber immer das Geräusch seiner Schritte.</p>



<p>Das „Beto beto“ im Namen ist Lautmalerei und soll das Geräusch von Schritten darstellen. Daher wird Betobeto-san im Englischen auch manchmal „Mr. Footsteps“ (englisch für „Herr Schritte“) genannt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p>Laut den <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Legenden</a> ist Betobeto-san ein formloses Wesen. Er besitzt also keinen Körper und ist nur an seinen Geräuschen zu erkennen. Somit hat er auch kein Aussehen.</p>



<p>Seit den 1950er bis 1960er Jahren findet man jedoch immer wieder Illustrationen von Betobeto-san. Darauf sieht er meist wie eine Kugel aus, die einen großen, grinsenden Mund und zwei Beine besitzt. An seinen Füßen trägt er Geta – japanische Holzsandalen.</p>



<p>In der Stadt Sakaiminato in der Präfektur Tottori in Japan steht sogar eine Statue von Betobeto-san mit diesem Aussehen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p>Betobeto-san ist dafür bekannt, Leute zu verfolgen, die nachts allein auf den leeren Straßen Japans unterwegs sind. Da man ihn nicht sehen kann, hört man nur das Klackern seiner Geta – den japanischen Holzsandalen – hinter sich. Wenn man sich jedoch umdreht, um nachzusehen, wer einen verfolgt, ist die Straße leer.</p>



<p>Er geht dabei immer genau so schnell, dass er mit seinen Opfern mithält und mit jedem Schritt ein kleines Stückchen näher kommt. Egal, ob man geht oder rennt, man kann ihn nicht abschütteln.</p>



<p>Aber obwohl diese Begegnung sehr furchteinflößend sein kann, ist Betobeto-san nicht gefährlich. Selbst, wenn er einen einholt, tut er nichts.</p>



<p>Man kann ihn sogar sehr leicht loswerden, indem man ihm Platz macht und sagt: „Nach dir, Betobeto-san.“ Daraufhin soll man ihn an sich vorbeigehen hören, bis er verschwunden ist.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p>Betobeto-san ist vor allem in Japan bekannt. Daher gibt es dort auch die meisten angeblichen Sichtungen.</p>



<p>Er treibt sich nachts in engen Gassen und auf leeren Straßen herum.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p>Wie bei so vielen Yōkai war es für mich nicht einfach, Informationen über den Ursprung herauszufinden. Ich weiß daher nicht, zu welcher Zeit die Legende von Betobeto-san entstanden ist.</p>



<p>Die frühsten Berichte, die ich über Begegnungen mit Betobeto-san gefunden habe, stammen jedenfalls aus dem frühen 20. Jahrhundert.</p>



<p>Besonders beliebt wurde er aber erst in den 50er bis 60er Jahren, als der Manga-Zeichner Shigeru Mizuki einen Betobeto-san in seiner Mangareihe GeGeGe no Kitarō eingebaut hat. Er gab ihm auch sein heute bekanntes Aussehen einer Kugel mit großem, grinsendem Mund, das ihn besonders bei Kindern beliebt gemacht hat.</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<p><strong><em>Habt ihr nachts auch manchmal das Gefühl, verfolgt zu werden, wenn ihr allein unterwegs seid? Wie würdet ihr euch verhalten, wenn ihr zusätzlich Schritte hören könntet, die langsam näher kommen? Schreibt es in die Kommentare?</em></strong></p>



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		<title>Noppera-Bō</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 03 May 2021 13:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Geister]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichten]]></category>
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		<category><![CDATA[Yōkai]]></category>
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		<category><![CDATA[weibliche Protagonistin]]></category>
		<category><![CDATA[Yokai]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Während ich durch die Pfützen schlenderte, ließ ich meinen Urlaub Revue passieren. Ich dachte an die prachtvollen pinken Kirschblütenbäume, von denen ich auch gerade einige sehen konnte, an das gute Essen und die Karaokeabende. Es war ein schöner Urlaub gewesen.<br />
Als ein leises Schluchzen an meine Ohren drang, schreckte ich aus meinen Gedanken hoch. Wäre der Regen nur ein wenig stärker gewesen, hätte ich es überhört. Was war das für ein Geräusch?</p>
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<p>Mein Beitrag über die Noppera-Bō wäre fast ins Wasser gefallen, da meine Wochenendplanung ziemlich durcheinander war. Trotzdem bin ich froh, dass ich es noch rechtzeitig geschafft habe und hoffe wie immer, dass euch mein Beitrag gefällt.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p>Gedankenverloren lauschte ich dem Regen, der unentwegt auf meinen Regenschirm prasselte. Um mich herum erwachten langsam die Straßenlaternen und die Lichter in den Wohnungen und Häusern zum Leben, während der bewölkte Himmel immer dunkler wurde. Ich sog die kalte Abendluft mit dem schwachen Geruch nach Regen durch die Nase ein.</p>



<p>Ihr fragt euch jetzt sicherlich, wieso eine Frau an diesem regnerischen Abend ganz allein einen Spaziergang machte.</p>



<p>Heute war mein letzter Tag in Japan. Bereits morgen Vormittag würde ich wieder im Flugzeug zurück nach Indonesien sitzen. Ich wollte mich von dem bisschen Wasser jedoch nicht von einem letzten Spaziergang abhalten lassen.</p>



<p>Aiko, eine Freundin, die ich übers Internet kennengelernt hatte und seit zwei Wochen besuchte, mochte hingegen keinen Regen. Aus Höflichkeit wollte sie zwar erst mitkommen, aber nach einigem Diskutieren konnte ich sie schließlich überzeugen, zu Hause zu bleiben. Wir waren häufig draußen unterwegs gewesen, sodass ich mir einen kurzen Spaziergang allein zutraute, wenn ich mich an die bekannten Straßen hielt.</p>



<p>Während ich durch die Pfützen schlenderte, ließ ich meinen Urlaub Revue passieren. Ich dachte an die prachtvollen pinken Kirschblütenbäume, von denen ich auch gerade einige sehen konnte, an das gute Essen und die Karaokeabende. Es war ein schöner Urlaub gewesen.</p>



<p>Als ein leises Schluchzen an meine Ohren drang, schreckte ich aus meinen Gedanken hoch. Wäre der Regen nur ein wenig stärker gewesen, hätte ich es überhört. Was war das für ein Geräusch?</p>



<p>Unsicher sah ich mich um. Es dauerte nicht lange, bis ich die Geräuschquelle ausgemacht hatte: Am Wegesrand auf der anderen Straßenseite hockte eine junge Frau, vielleicht noch eine Jugendliche, die bitterlich weinte.</p>



<p>Sie saß mit dem Rücken zur Straße, hatte keinen Schirm oder sonstigen Schutz vor dem Regen. Stattdessen klebte ihre Kleidung – ein grauer Pullover, der jetzt fast schwarz aussah, und eine Jeanshose – völlig durchnässt an ihr.</p>



<p>Ich zögerte, überlegte für eine Sekunde, weiterzugehen. Aber was, wenn sie Hilfe brauchte? Es waren kaum Leute unterwegs. Wenn ich sie nicht ansprach, tat es vielleicht niemand.</p>



<p>Entschlossen ging ich über die Straße. Die Frau schien mich nicht zu bemerken.</p>



<p>„Entschuldigung?“, fragte ich auf Englisch. Mein Japanisch war nicht sonderlich gut. Ich konnte es einigermaßen verstehen, aber kaum sprechen.</p>



<p>Die Frau reagierte nicht. Sie hockte mit dem Rücken zu mir, hatte ihr Gesicht in den Handflächen vergraben und weinte bitterlich.</p>



<p>„Entschuldigen Sie?“, fragte ich etwas lauter.</p>



<p>Wieder zeigte sie keine Reaktion. Vielleicht verstand sie kein Englisch. Aber würde sie dann nicht trotzdem merken, dass ich mit ihr redete?</p>



<p>Nachdem ich einen Moment hilflos in der Gegend herumgestanden und die Frau beim Weinen beobachtet hatte, tippte ich ihr schließlich vorsichtig auf die Schulter. Es wirkte.</p>



<p>Die Frau hörte schlagartig auf zu weinen. Als sie aufstand, trat ich einen Schritt zurück, um sie nicht zu bedrängen. Ihre ganze Körpersprache veränderte sich. Sie stand aufrecht, mit geradem Hals und Rücken, wirkte plötzlich sehr selbstbewusst. Als sie sich schließlich umdrehte, war ihre Drehung so schwungvoll, dass ihre schwarzen, klitschnassen Haare mir Wassertropfen entgegenschleuderten.</p>



<p>Da es in Japan unhöflich war, den Leuten direkt in die Augen zu sehen, versuchte ich sofort, meinen Blick auf ihr Kinn zu lenken. An sich wäre das für mich kein Problem gewesen. Ich kannte es ähnlich aus Indonesien. Doch bei dieser Frau war es anders: Überrascht hob ich den Kopf, um ihre Augen anzusehen – oder besser gesagt die Stelle, wo ihre Augen hätten sein sollen. Ihr Gesicht bestand aus nichts, als glatter, makelloser Haut. Sie hatte keine Nase, keine Augen, keinen Mund – nicht einmal Augenbrauen oder erkennbare Wangenknochen. Sie erinnerte mich an Slenderman, eine Internetlegende über ein gefährliches Wesen, das Leute entführte und ebenfalls kein Gesicht hatte.</p>



<p>Erschrocken taumelte ich zurück. Als ich vom Kantstein auf die Straße trat, stolperte ich. Ich fiel schmerzhaft auf den nassen Asphalt. Währenddessen schien die Frau mich mit ihrem Gesicht zu verfolgen, als würde sie mich ohne Augen ansehen. Was war das für ein Ding?</p>



<p>Mein erster Gedanke war, dass es ein Kostüm sei, doch die Haut sah zu echt aus. Es gab keinerlei Hinweise darauf, dass eine Maske trug. Außerdem bezweifelte ich, dass irgendjemand verrückt genug sei, sich bei dem Wetter für einen blöden Streich vom Regen völlig ungeschützt an den Straßenrand zu hocken.</p>



<p>Die Frau kam auf mich zu, noch immer aufrecht, selbstbewusst, bedrohlich. Ich drehte mich zur Seite, sprang auf die Füße und rannte los. Den Regenschirm ließ ich auf der Straße liegen. Er würde mich bloß behindern.</p>



<p>Während ich rannte, drehte ich meinen Kopf flüchtig zu der Frau um. Sie starrte mir mit ihrem leeren Gesicht nach, schien mich aber nicht zu verfolgen – genau wie Slenderman. In einem Spiel über Slenderman stand er auch bloß herum. Er konnte sich teleportieren und wenn man ihn zu lange ansah, starb man.</p>



<p>Schnell wandte ich meinen Blick von der Frau ab. Was zur Hölle war hier los?</p>



<p>Nachdem ich einige Sekunden über die Straße gesprintet war – immer darauf bedacht, den kürzesten Weg zu Aiko nach Hause einzuhalten – tauchte hinter dem Vorhang aus Regen ein älterer Herr auf. Er hatte einen neutralen, fast schon gelangweilten Gesichtsausdruck, während er mir entgegenkam. Als er mich bemerkte, sah er überrascht auf.</p>



<p>„Ist etwas passiert?“, fragte er auf Japanisch.</p>



<p>Ich war leicht verwundert, da ich es nicht gewohnt war, von einem Fremden auf offener Straße angesprochen zu werden, der mir nichts verkaufen oder mich nicht um Geld bitten wollte. Trotzdem war ich erleichtert.</p>



<p>„Ich weiß, das klingt jetzt vielleicht seltsam, aber da war eine Frau. Sie hatte kein Gesicht!“, sagte ich panisch auf Englisch.</p>



<p>Der Mann sah mich fragend an. Er schien mich nicht zu verstehen.</p>



<p>Ich versuchte es auf Japanisch. Mit starkem Akzent schaffte ich es, etwas zu sagen wie „Frau Gesicht nein“.</p>



<p>Der Mann sah mich verwirrt an.</p>



<p>Ich versuchte, meine Beschreibung mit wilden Gesten zu verdeutlichen. Dann erhellte sich sein Gesichtsausdruck plötzlich.</p>



<p>„Ah. Die Frau hatte kein Gesicht?“, fragte er, als er mich endlich verstanden hatte. „Meinst du in etwa so?“</p>



<p>Völlig unerwartet fuhr sich der Mann mit einer Hand über das Gesicht. Ich erschrak. Nicht nur, dass es völlig unnatürlich aussah, sich mit solcher Kraft über das gesamte Gesicht zu streichen, als er die Hand wegnahm, war sein Gesicht verschwunden. Seine braunen Augen, sein schmaler Mund, seine Nase, sogar seine Falten, alles weg. Sein Gesicht sah jetzt genauso aus, wie bei der Frau von eben – oder wie bei Slenderman.</p>



<p>Sofort wandte ich den Blick ab. Ich sprintete an dem Mann vorbei, hatte dabei das Gefühl, dass er jeden Moment nach mir greifen würde. Doch genau wie die seltsame Frau blieb er einfach stehen, während er mir nachsah.</p>



<p>Ich beachtete ihn nicht weiter, zwang mich, nach vorne zu sehen. Ich rannte, als würde mein Leben davon abhängen.</p>



<p>Meine Regenjacke hatte zwar meinen Pullover trockengehalten, doch meine Hose war inzwischen so durchnässt, dass sie kalt an mir klebte. Es fühlte sich an, als würde sie sich an mich klammern, mich festhalten, mich am Rennen hindern wollten.</p>



<p>Ich beachtete das Gefühl nicht weiter. Wenn ich mich beeilte, wäre ich in ein oder zwei Minuten bei Aikos Haus. Bis dahin würde ich ganz sicher kein zweites Mal stehen bleiben – nicht, ehe ich wusste, dass ich vor diesen Dingern, was auch immer sie waren, in Sicherheit war.</p>



<p>Ich bog in eine kleine Seitengasse. Auf der Hälfte der Strecke fiel mir auf, wie leichtsinnig das von mir war. Es wäre eine Leichtigkeit, mir hier den Weg zu versperren. Andererseits blieb mir keine andere Möglichkeit, wenn ich nicht riskieren wollte, mich zu verlaufen.</p>



<p>Mein Blick war stur auf das andere Ende der Gasse gerichtet. Es war niemand zu sehen. Noch fünf Meter, vier, drei, zwei, eins.</p>



<p>Ich stürmte aus der Gasse, ohne langsamer zu werden. Die Straße war, soweit ich es sehen konnte, komplett leer. Ich ignorierte eine rote Ampel, während ich über eine Kreuzung sprintete. Dann bog ich rechts ab. Ich war in der Straße, wo Aiko wohnte. Nur noch ein paar Häuser.</p>



<p>Ich wagte einen flüchtigen Blick zurück, als ich auf Aikos Grundstück stürmte. Es war niemand zu sehen. Während ich Sturm klingelte, starrte ich wie gebannt zur Straße zurück, rechnete jeden Moment damit, dass eines dieser gesichtslosen Dinger auftauchen würde.</p>



<p>Von drinnen rief Aiko etwas Japanisches, das ich nicht richtig verstand. Dann öffnete sich die Tür.</p>



<p>„Yudit, was dir denn passiert? Wo ist der Schirm?“, fragte Aiko. Sie musterte besorgt meine nassen Haare, die wie ein Helm an meinem Kopf klebten</p>



<p>„Aiko-san, bitte lass rein“, keuchte ich. Erst jetzt merkte ich, wie außer Atem ich war.</p>



<p>Sie kam meiner Bitte sofort nach. Als ich die Tür hinter mir geschlossen und meine Schuhe ausgezogen hatte, stand sie bereits mit einem Handtuch vor mir. Dann ging sie in die Küche, um einen Tee aufzusetzen.</p>



<p>Zwei Minuten später saßen wir am Esstisch in der Küche. Ich hatte meinen Bademantel an und umklammerte eine heiße Tasse Tee.</p>



<p>„Also? Was war los? Hast du dich verlaufen?“, fragte sie. Sie schien sich zu schämen, dass sie nicht mitgekommen war.</p>



<p>„Nein. Nein, es war alles gut, bis ich diese seltsame Frau getroffen hatte.“</p>



<p>Als ich von der Gesichtslosen erzählte, riss Aiko die Augen auf. Sie schien etwas zu wissen, ließ mich jedoch erst ausreden. Also erzählte ich, wie ich anschließend dem gesichtslosen Mann begegnet und dann sofort zu ihr nach Hause gesprintet war.</p>



<p>Aiko nahm einen Schluck von ihrem Tee, bevor sie die Tasse auf den Tisch stellte und mich mit großen Augen ansah.</p>



<p>„Diese Gesichtslosen, sahen die etwa so aus?“, fragte sie, bevor sie ihre Hand hob und damit kräftig durch ihr Gesicht fuhr. Dann war ihr Gesicht plötzlich verschwunden. Sie war eine von ihnen &#8230;</p>



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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p>Noppera-Bō (japanisch für „gesichtsloser Mönch“) sind gesichtslose <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Geister</a> der japanischen Mythologie. Sie zählen zu den <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/yokai" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Yōkai</a>.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p>Trotz der Übersetzung „gesichtsloser Mönch“ gibt es nicht nur männliche, sondern auch weibliche Noppera-Bō. In den Geschichten, die ich kenne, kommen weibliche Noppera-Bō sogar häufiger vor als männliche.</p>



<p>Abgesehen von ihrem fehlenden Gesicht, das nur aus glatter Haut besteht, sehen Noppera-Bō wie völlig normale Menschen aus. Ihre Kleidung kann sowohl modern als auch altmodisch ausfallen.</p>



<p>Außerdem heißt es in vielen Geschichten, dass sie anfangs sogar mit Gesicht erscheinen können. Im Laufe der Geschichte lassen sie ihr Gesicht jedoch verschwinden.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p>Obwohl Noppera-Bō sehr furchteinflößend aussehen, sind sie im Grunde harmlos. Sie lieben es, Menschen zu erschrecken, schaden ihnen ansonsten aber nicht.</p>



<p>Bei ihren Streichen geht es darum, dass sie so tun, als wären sie ein normaler Mensch, bis sie ihr fehlendes Gesicht zeigen, um ihr Opfer zu erschrecken. Dabei gehen sie auf unterschiedlichste Weisen vor.</p>



<p>Mal tarnen sie z. B. sich als weinende Frau am Straßenrand, als fremde Person, die einen auf offener Straße anspricht oder sogar als eine ihrem Opfer bekannte Person, damit es auf sie aufmerksam wird.</p>



<p>Außerdem gibt es – wie bereits erwähnt – Noppera-Bō, die zuerst ein menschliches Gesicht besitzen. Im Laufe des Gespräches oder sobald sie angesprochen werden, wischen sie das Gesicht jedoch mit ihrer Hand weg.</p>



<p>Auch kommt es häufig vor, dass Noppera-Bō in Gruppen unterwegs sind. Wenn ihr Opfer panisch flieht, wartet ein anderer Noppera-Bō als scheinbar unbeteiligte Person darauf, dass das Opfer ihn anspricht, um Hilfe bittet oder bei ihm Schutz sucht, um anschließend zu offenbaren, dass er selbst ein Noppera-Bō ist. So kann es vorkommen, dass ihr Opfer panisch die Straße entlang rennt und immer wieder neuen Noppera-Bō begegnet.</p>



<p>Doch die Noppera-Bō sind nicht ausschließlich darauf aus, Menschen zu erschrecken. Es gibt sogar Geschichten, in denen sie verirrten Wanderern geholfen haben oder einer Person zur Hilfe geeilt sind, die gerade überfallen wird.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p>Noppera-Bō können sowohl tagsüber als auch nachts fast überall auftauchen: auf verlassenen Straßen, in der Nähe von Friedhöfen, in Häusern. Meist erscheinen sie jedoch nur, wenn ihr geplantes Opfer allein unterwegs ist.</p>



<p>In neueren <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">urbanen Legenden</a> haben die Wesen außerdem eine Vorliebe für Toiletten entwickelt, was wahrscheinlich daran liegt, dass in Japan häufig öffentliche Toiletten als Schauplätze für Grusel- und Horrorgeschichten gewählt werden.</p>



<p>Noppera-Bō wurden jedoch nicht nur in Japan gesichtet. So gab es im letzten Jahrhundert z. B. mindestens zwei Sichtungen auf Hawaii.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p>Im englisch- und deutschsprachigen Internet konnte ich wieder nur sehr wenige Informationen über den Ursprung der Noppera-Bō finden.</p>



<p>Es gab bereits in der Kanbun-Era (1661 bis 1673) Erwähnungen von gesichtslosen Yōkai, die jedoch nicht genauer benannt wurden.</p>



<p>Außerdem gibt es Theorien, dass es sich bei Noppera-Bō in Wirklichkeit um Gestaltwandler wie z. B. die Mujina, Kitsune oder Tanuki handelt, von denen es ebenfalls alte Geschichten gibt, in denen sie sich in gesichtslose Menschen verwandelt haben.</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<p><strong><em>Was haltet ihr von den Noppera-Bō? Würdet ihr auch wegrennen, wenn euch plötzlich eine gesichtslose Person gegenüberstehen würde? Wie denkt ihr, ist die Geschichte von Yudit und Aiko ausgegangen? Schreibt es in die Kommentare!</em></strong></p>



<p><em><strong>Wenn ihr mehr solcher Geschichten oder Legenden lesen wollt, abonniert meinen <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.geister-und-legenden.de/newsletter" target="_blank">Newsletter</a> oder folgt mir auf <a rel="noreferrer noopener" href="https://twitter.com/geisterlegenden" target="_blank">Twitter</a>, <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.facebook.com/geisterlegenden/" target="_blank">Facebook</a> oder <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.instagram.com/geisterlegenden/" target="_blank">Instagram</a>!</strong></em></p>
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		<title>Teketeke &#8211; die Legende von Kashima Reiko (überarbeitet)</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 08 Mar 2021 14:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Geister]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>„He Chris ... Tut mir leid wegen gestern“, entschuldigte sich Philip. „Ich wusste nicht, dass du das so ernst nimmst. Es ist doch nur eine Geschichte.“<br />
„Ja“, schnauzte Chris ihn an. „Eine Geschichte, wegen der wir sterben können!“</p>
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<p>Die Legende der Teketeke bzw. die Legende von Kashima Reiko war bisher der einzige Beitrag, bei dessen Recherche ich mich wirklich gegruselt habe. Wenn ihr also eher von schwachem Gemüt sein, solltet ihr euch lieber einen meiner anderen Beiträge suchen … Ich habe euch gewarnt.</p>



<p>Bevor ich jedoch zu der Geschichte komme, die ich zu der Legende geschrieben habe, möchte ich euch kurz die Legende selbst erzählen:</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Legende der Kashima Reiko:</h2>



<p>Im letzten Jahrhundert, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, lebte ein Teenager Mädchen namens Kashima Reiko in Hokkaidō, Japan. Laut manchen Erzählungen soll sie auch eine junge Frau gewesen sein, doch meistens heißt es, sie war eine Schülerin.</p>



<p>Eines Abends, als Kashima Reiko auf dem Nachhauseweg war, stand sie allein auf dem verlassenen Bahnhof. Auch wenn sie leichtes Unbehagen fühlte, als eine Gruppe Männer sich zu ihr gesellte, dachte sie sich nichts weiter dabei. Wahrscheinlich warteten sie genau wie Kashima Reiko bloß auf den Zug.</p>



<p>„Hey Kleine, was machst du hier so alleine?“, fragte einer der Männer.</p>



<p>„Sollen wir dich nach Hause begleiten?“, fragte ein anderer.</p>



<p>Die Schülerin ignorierte die Männer. Sie wollte keinen Ärger. Vielleicht waren die Männer auch betrunken.</p>



<p>„Bist wohl zu gut, um uns zu antworten?“, fragte der eine.</p>



<p>Kashima Reiko war jetzt sichtlich nervös. Angespannt starrte sie auf ihre Füße, um Augenkontakt zu vermeiden.</p>



<p>„He! Wir reden mit dir!“, beschwerten ein anderer sich.</p>



<p>Dann wurden sie handgreiflich. Sie schubsten das Mädchen, das daraufhin sofort versuchte, wegzugehen. Doch das stachelte die Männer bloß noch mehr an. Sie begannen sie zu schlagen, hielten sie fest. Als Kashima Reiko um Hilfe brüllte, hielten sie ihr den Mund zu und schlugen sie noch mehr. Es heißt, dass die Männer sie sogar vergewaltigt haben sollen.</p>



<p>Als sie mit ihr fertig waren, ließen sie sie liegen. Sie behandelten sie wie Müll, den man wegwarf, wenn man ihn nicht mehr brauchte. Und so fühlte Kashima sich Reiko auch: benutzt, wertlos, schmutzig.</p>



<p>Man sagt, dass sie sich am selben Abend noch vor den Zug geworfen haben soll. Ihr Körper wurde an der Hüfte durchtrennt. Sie war sofort tot.</p>



<p>Eine andere Version besagt, sie habe versucht, Hilfe zu holen, war jedoch zu schwach, um aufzustehen. Mit letzter Kraft hat sie sich mit ihrem Armen vorangezogen, bis sie mitten auf den Schienen schließlich ihr Bewusstsein verloren hat. Auch in dieser Version hat ein Zug sie in der Mitte zerteilt.</p>



<p>Doch ihr Geist hat nach ihrem Tod keine Ruhe gefunden. Zu groß war ihr Wunsch nach Rache. Seither soll Kashima Reiko sich auf öffentlichen Toiletten herumtreiben oder nachts durch Städte irren.</p>



<p>Sie kommt zu einem und sagt: „Gib mir deine Beine!“</p>



<p>Um eine Chance zu haben, zu überleben, muss man „Die brauche ich noch!“ erwidern.</p>



<p>In einer anderen Variante fragt sie „Wo sind meine Beine?“, worauf man mit „Du findest sie beim Bahngleis des Meishin Express“ antworten muss.</p>



<p>Wenn sie anschließend fragt, wer einem davon erzählt hat, soll man mit „Kashima Reiko“ antworten und vielleicht lässt sie einen dann in Ruhe.</p>



<p>Antwortet man jedoch etwas Falsches, nimmt sie die Sichel, die sie immer bei sich trägt, und teilt einen in zwei. In einigen Versionen nimmt sie daraufhin sogar den Unterkörper ihres Opfers mit.</p>



<p>Doch was viel wichtiger ist: Jeder, der von dieser Geschichte erfährt, soll drei Tage später von Kashima Reiko besucht werden. Merkt euch die Antworten also gut, denn anders könnt ihr ihr nicht entkommen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p>Ich lag im Bett, während ich am ganzen Körper zitterte. Mir war eiskalt.</p>



<p>Der Abend hatte so gut angefangen: Chris, Philip und ich hatten uns für eine Übernachtung getroffen. Wir hatten den Abend damit verbracht, Filme zu schauen, Mario Kart zu spielen und uns zu unterhalten.</p>



<p>Die Stimmung war heiter gewesen. Ich hatte mich prächtig gefühlt – zumindest, bis wir im Bett lagen und einander Horrorgeschichten erzählt hatten. Philip hatte uns die Legende von Kashima Reiko erzählt.</p>



<p>Sie war tragisch und ein wenig gruselig, aber das alles war nicht so schlimm. Kashima Reiko war eine Teketeke, ein japanischer Geist, der nur noch aus einem Oberkörper bestand. Sie starb, als sie von einem Zug überfahren wurde, der ihren Körper an der Hüfte zerteilt hat.</p>



<p>Seither soll ihr Geist in der Welt herumirren und Menschen töten. Sie trägt eine kleine Sichel bei sich, mit der sie ihre Opfer in zwei Hälften schneidet. Der einzige Weg, ihr zu entgehen ist, indem man ihr richtig antwortet.</p>



<p>Das schlimmste hat Philip jedoch erst ganz zum Schluss erwähnt: Sie soll jeden nach drei Tagen heimsuchen, der von ihrer Geschichte erfährt.</p>



<p>Nervös drehte ich mich im Bett um. Jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, könnte ich sie vor mir sehen, wie sie ihren Oberkörper mit den Armen vorwärts zog.</p>



<p>„Alles in Ordnung?“, ertönte Philips Stimme aus der Dunkelheit. Er musste gehört haben, wie ich mich im Bett gewälzt hatte.</p>



<p>„Ja, klar“, antwortete ich schnell. Er würde mich auslachen, wenn ich ihm erzählte, dass ich Angst hatte.</p>



<p>„Ich kann auch nicht schlafen“, ertönte jetzt auch Chris‘ Stimme. „Ich muss die ganze Zeit an die Geschichte denken, die du uns erzählt hast.“</p>



<p>„Die Geschichte war wohl etwas zu gruselig“, warf ich ein, ohne zu verraten, dass ich selbst auch Angst hatte.</p>



<p>„Tim? Können &#8230;“, begann Chris. Er zögerte, als wolle er es sich anders überlegen. „Können wir vielleicht deine Lavalampe anmachen?“, fragte er schließlich.</p>



<p>Ich machte große Augen. Das würde Philip ihm noch ewig vorhalten. Trotzdem stand ich auf, um die Lampe einzuschalten. Um ehrlich zu sein, war ich selbst ziemlich erleichtert, diese Nacht nicht im Dunkeln schlafen zu müssen.</p>



<p>„Das bleibt doch unter uns, oder?“, frage Chris, als ich wieder im Bett lag.</p>



<p>„Klar“, erwiderte ich.</p>



<p>Von Philip kam hingegen nur ein belustigtes Schnauben.</p>



<p>„Philip!“, mahnte ich.</p>



<p>„Okay, okay!“</p>



<p>Dann versuchten wir wieder, zu schlafen.</p>



<p>Am nächsten Morgen sah ich Chris sofort an, dass er genauso schlecht geschlafen hatte, wie ich. Nur Philip sah einigermaßen ausgeschlafen aus – zumindest so ausgeschlafen, wie man sein konnte, wenn man schon um Viertel nach sieben den Bus zur Schule nehmen musste.</p>



<p>Während ich es jedoch schaffte, den Schultag über nur ab und an an Kashima Reiko denken zu müssen, wirkte Chris den ganzen Tag lang abgelenkt. Er wurde von unserem Mathelehrer sogar ermahnt, dass er besser aufpassen solle, was ihm alles andere, als ähnlich sah.</p>



<p>Ich traute mich nicht, ihn darauf anzusprechen. Zum einen wollte ich ihn nicht an die Gruselgeschichte erinnern, falls er gerade an etwas anderes dachte, zum anderen hatte ich Angst, wie Philip reagieren würde.</p>



<p>Sogar, als wir in der Mittagspause ohne Philip in der Mensa saßen, brachte ich es nicht übers Herz, Kashima Reiko zu erwähnen.</p>



<p>Chris kaute gedankenverloren an seinem Pausenbrot, als plötzlich ein lautes „Tek tek tek tek tek tek tek!“ hinter uns ertönte.</p>



<p>„Philip, du Idiot!“, brüllte ich, während Chris aufsprang und hastig nach draußen rannte.</p>



<p><em>‚Tek tek tek‘</em> war das Geräusch, das die Teketeke, also auch Kashima Reiko, von sich geben sollen, wenn sie sich fortbewegten.</p>



<p>Aber obwohl wir Chris sofort nachgingen, damit Philip sich bei ihm entschuldigen konnte, fehlte von ihm jede Spur. Erst, als wir wieder im Unterricht waren, erfuhren wir von der Lehrerin, dass Chris von seinem Vater abgeholt wurde, weil es ihm angeblich nicht gut ging.</p>



<p>„Meinst du, ich hab es übertrieben?“, fragte Philip nach der Stunde. Er sah schuldbewusst drein.</p>



<p>„Na ja, dein Kommentar, dass der Geist einen drei Tage, nachdem man die Geschichte gehört hat, holen kommt, war vielleicht etwas zu viel“, gestand ich.</p>



<p>„Aber das stand so im Internet!“, protestierte Philip.</p>



<p>Ich schüttelte nur den Kopf. Er wusste doch genau, wie empfindlich Chris sein konnte.</p>



<p>Als die Schule vorbei war, schrieb ich sofort Chris an, um zu fragen, ob alles in Ordnung war. Zu meiner Überraschung reagierte er völlig normal. Er erwähnte sein Verhalten in der Mittagspause oder Kashima Reiko mit keinem Wort. Ich entschloss, ihn nicht darauf anzusprechen.</p>



<p>Am nächsten Tag trafen Philip und ich Chris vor der Schule, als Chris gerade sein Fahrrad anschloss.</p>



<p>„He Chris &#8230; Tut mir leid wegen gestern“, entschuldigte sich Philip. „Ich wusste nicht, dass du das so ernst nimmst. Es ist doch nur eine Geschichte.“</p>



<p>„Ja“, schnauzte Chris ihn an. „Eine Geschichte, wegen der wir sterben können!“</p>



<p>„Ach komm“, entgegnete Philip. „Ich kenne die Geschichte schon länger. Du glaubst doch nicht, dass ich sie euch erzählt hätte, wenn mir damals drei Tage später tatsächlich eine zerteilte Frau erschienen wäre.“</p>



<p>Daran hatte ich noch gar nicht gedacht. Doch Chris ließ sich davon nicht beruhigen.</p>



<p>„Du hättest uns die Geschichte nicht erzählen dürfen!“, brüllte er Philip an.</p>



<p>Einige vorbeigehende Schüler drehten sich neugierig zu uns um. Philip wartete, bis sie weitergingen, bevor er mit gesenkter Stimme antwortete.</p>



<p>„Wenn du wirklich Angst davor hast, dann speicher dir doch die richtigen Antworten in dein Handy ein“, schlug er vor.</p>



<p>Die Idee war genial. Auf die weise konnten wir einfach nachsehen, was wir sagen mussten, sollte Kashima Reiko tatsächlich auftauchen. Aber Chris war noch immer nicht überzeugt.</p>



<p>„Und wenn sie die Fragen auf Japanisch stellt?“</p>



<p>Philip seufzte. „Dann speicherst du dir die Fragen halt auch auf Japanisch ein.“</p>



<p>Zuerst wirkte Chris so, als wolle er etwas erwidern. Nach einigem Zögern holte er aber schließlich sein Handy hervor und begann, darauf herumzutippen.</p>



<p>Später, als die beiden nicht hinsahen, googelte ich ebenfalls die richtigen Antworten und legte eine Notiz an – nur zur Sicherheit.</p>



<p>Den restlichen Tag war Chris deutlich besser gelaunt. Er war zwar noch immer recht schreckhaft – wobei das normal für ihn war –, schien aber keine Panik mehr zu haben.</p>



<p>Ich selbst war fast so weit, Kashima Reiko zu vergessen – jedoch nur fast. Immerhin könnten sowohl Chris als auch ich morgen sterben, wenn nur ein Funken Wahrheit in der Legende steckte.</p>



<p>‚<em>Ach so ein Quatsch!</em>‘, redete ich mir ein. ‚<em>Der Tag morgen wird genauso langweilig und ereignislos wie jeder andere auch!</em>‘</p>



<p>Bereits am nächsten Morgen musste ich jedoch feststellen, dass ich unrecht hatte. Entsetzt starrte ich auf meine Uhr. Ich hatte verschlafen!</p>



<p>Schneller, als ich es mir selbst zugetraut hätte, zog ich mich an, schmierte mir hastig eine Scheibe Brot und stürmte nach draußen. Wenn ich mich beeilte, erwischte ich noch den nächsten Bus, sodass ich wenigstens nur eine viertel Stunde zu spät kam. Wenn Frau Beier heute gut gelaunt war, würde sie mir keinen Eintrag im Klassenbuch geben.</p>



<p>Als ich auf den Schuleingang zu rannte, sah ich durch die Glastür, wie Chris in Richtung Toiletten stürmte. Er sah völlig fertig aus. Hatte Philip ihn wieder geärgert?</p>



<p>Dann kam mir ein viel schlimmerer Gedanke: Vielleicht hatte Chris Angst, weil ich nicht zur Schule gekommen war. Er würde sicherlich denken, dass mir etwas zugestoßen sei &#8230; etwas oder jemand. Was war, wenn er glaubte, dass Kashima Reiko mich bereits erwischt hatte?</p>



<p>Als ich im Gebäude war, dachte ich nicht mehr an den Eintrag im Klassenbuch. Sollte Frau Beier mich doch aufschreiben. Chris war jetzt wichtiger.</p>



<p>„Chris?“, rief ich, als ich die Toilette betreten hatte. „Chris, ich bins, Tim. Du brauchst dir keine Sorgen machen. Ich hab nur verschlafen!“</p>



<p>Chris antwortete nicht. Ich hörte aber auch kein Schluchzen oder irgendein anderes Geräusch, das verriet, das jemand hier war.</p>



<p>„Chris?“, rief ich erneut. Meine Stimme hallte leicht durch den gefliesten Raum.</p>



<p>Wieder keine Antwort. Mit einem leicht unwohlen Gefühl im Magen ging ich weiter Richtung Kabinen.</p>



<p>„Chris, ist alles in Ordnung?“</p>



<p>Wieso antwortete er denn nicht?</p>



<p>Vorsichtig ging ich die Kabinen ab. Ich öffnete eine nach der anderen. Die letzte Tür war verschlossen.</p>



<p>Vorsichtig klopfte ich an. „Chris?“, fragte ich. „Ich bins. Alles wird gut.“</p>



<p>Wieder keine Antwort.</p>



<p>Ich zögerte. Sollte ich unter der Tür durchsehen, um zu schauen, ob es ihm gut ging?</p>



<p>Ich war bereist dabei, mich auf den Boden zu hocken, als mein Blick auf eine Pfütze fiel, die sich langsam ausbreitete. War das Blut!? Irgendeine rote Flüssigkeit kam da aus der Kabine geflossen!</p>



<p>Dann hörte ich das Geräusch: <em>Tek tek tek tek tek tek</em> &#8230; Wie versteinert stand ich da, traute mich nicht, mich zu regen.</p>



<p>„Wo sind meine Beine?“, fragte eine Frauenstimme hinter mir. Sie hatte einen asiatischen Akzent.</p>



<p>Obwohl ich nicht gläubig war, betete ich, während ich mich langsam umdrehte. Ich betete, dass das alles nur ein Streich war, dass Julian und Chris sich einen Scherz erlaubten.</p>



<p>Mein Blick fiel auf die Frau, die vor mir lag. Auf die halbe Frau, um genau zu sein. Ihr Unterkörper fehlte. Sie hatte eine Spur aus Blut hinter sich hergezogen.</p>



<p>Jetzt bemerkte ich auch die blutverschmierte Sichel, die sie in einer Hand hielt – genau, wie Philip es erzählt hatte.</p>



<p>„Wo sind meine Beine?“, wiederholte sie die Frage.</p>



<p>Ich stockte. Wie war die Antwort noch gleich? Bei irgendeinem Bahnhof &#8230;</p>



<p>Meine Hand zitterte, während ich sie in die Hosentasche steckte. Würde Kashima Reiko mir genug Zeit geben, die Notiz auf meinem Handy zu öffnen?</p>



<p>Als meine Hand bereits halb in der Tasche steckte, stockte mein Atem. Wo war mein Handy? Panisch schob ich die Hand ganz in die Hosentasche. Mein Handy war nicht da! Ich hatte es in der Eile zu Hause vergessen!</p>



<p><b>Bleibt auf dem Neusten Stand und folgt mir auf:</b></p>
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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p>Die Teketeke, auch Teke-Teke geschrieben, sind moderne <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/yokai" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Yōkai</a>. Sie zählen zu den <a href="https://www.geister-und-legenden.de/onryo" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Onryō</a>, den japanischen Rachegeistern.</p>



<p>Die bekannteste <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">urbane Legende</a> über eine Teketeke ist die Legende von Kashima Reiko, die ich zu Beginn des Beitrags erzählt habe.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p>Teketeke sind fast ausschließlich junge Frauen – obwohl es auch einige Erzählungen von männlichen Teketeke gibt. Sie alle haben die Gemeinsamkeit, dass sie <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Geister</a> sind, die an der Hüfte durchtrennt wurden. Aus der Öffnung ragt häufig ein Stück ihrer Wirbelsäule oder es hängen Gedärme heraus. Von ihren Beinen fehlt jede Spur.</p>



<p>Teketeke bewegen sich ausschließlich mit ihren Armen oder Ellenbogen vorwärts. Mal „gehen“ sie dabei auf ihren Händen, mal ziehen sie sich voran.</p>



<p>Außerdem heißt es, dass die Teketeke eine kleine Sichel bei sich tragen.</p>



<p>Ihr Name kommt von dem Geräusch, das sie machen, wenn sie sich fortbewegen. Es soll wie eine Art „tek tek“ oder „teke teke“ klingen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p>In der Kashima Reiko Legende heißt es, dass der Geist jeden, der ihre Geschichte hört, drei Tage später heimsuchen soll. Bei anderen Teketeke kann die Anzahl der Tage variieren, die meisten Begegnungen sollen aber ähnlich ablaufen.</p>



<p>Wenn man einer Teketeke gegenübersteht, soll es nichts bringen, vor ihr davon zu laufen oder wegzufahren. Es heißt, dass Teketeke eine Geschwindigkeit von bis zu 150 km/h erreichen können.</p>



<p>Man hat also keine andere Möglichkeit, als sich ihnen zu stellen.</p>



<p>Wenn eine Teketeke einen konfrontiert, muss man ihre Fragen richtig beantworten, um eine Chance zu haben, zu überleben.</p>



<p>Kashima Reiko fragt z. B. „Wo sind meine Beine?“, woraufhin man „Du findest sie beim Bahngleis des Meishin Express“ antworten muss. Wenn sie daraufhin fragt, woher man das weiß, muss man antworten, dass es einem „Kashima Reiko“ gesagt habe.</p>



<p>In einer anderen Version fordert sie „Gib mir deine Beine!“, worauf man „Die brauche ich noch“ sagen muss.</p>



<p>Wenn man jedoch falsch antwortet oder sie mit der Antwort nicht zufrieden ist, soll sie ihre Sense nehmen und ihr Opfer an der Hüfte zerteilen.</p>



<p>Anschließend verschwindet sie wieder. In manchen Versionen nimmt sie sogar den Unterkörper ihres Opfers mit sich.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p>Kashima Reiko und die anderen Teketeke sollen sich hauptsächlich auf öffentlichen Toiletten oder nachts in Städten herumtreiben. Aufgrund der regionalen Bekanntheit finden die meisten Sichtungen in Japan statt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p>Aufgrund der weiten Verbreitung und der vielen unterschiedlichen Legenden über die Teketeke lässt sich heute nicht mehr sagen, woher die Legende genau kommt.</p>



<p>Viele Leute vermuten jedoch, dass die Legende von Kashima Reiko der Ursprung der Teketeke war. Sie ist wahrscheinlich im letzten Jahrhundert entstanden.</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<p><em>Was haltet ihr von der Legende von Kashima Reiko? Findet ihr sie genau so gut bzw. unheimlich wie ich? Kanntet ihr die Legende bereits? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>



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		<title>Oni &#8211; die japanischen Oger</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 08 Feb 2021 14:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Dämonen]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Monster und Ungeheuer]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die gelben Augen starrten mich weiterhin an, während eine Mischung aus Hunger und Wut in ihnen funkelte.<br />
„Jetzt schieß endlich!“, flehte ich Ryu an. Wenn er nicht bald etwas unternahm, würde der Oni angreifen ...</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.geister-und-legenden.de/oni">Oni &#8211; die japanischen Oger</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.geister-und-legenden.de">Geister und Legenden</a>.</p>
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<p>Die Oni sind sind wohl einer der bekanntesten <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/yokai" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Yōkai</a>, die es gibt. Passend zum Mond-Neujahr am 12.02. und dem Setsubun-Fest am 02.02., bei dem Oni eine wesentliche Rolle spielen, habe ich mich entschieden, über die japanischen Oger zu schreiben.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p>„Wir kommen langsam näher“, erklärte mein Bruder Ryu überflüssigerweise, während er den umgeknickten Baum vor uns mit seiner Taschenlampe ableuchtete.</p>



<p>Ich schluckte. Der Baum war nicht gerade dünn. Was auch immer ihn umgestoßen hatte, musste eine unglaubliche Kraft besitzen.</p>



<p>Und es sollte nicht der einzige Baum bleiben. Je weiter wir den Berg hinaufstiegen, desto mehr umgeknickte oder sogar ausgerissene Bäume fanden wir. Einige sahen aus, als wären sie aus dem Boden gerissen und mehrere Meter weit geworfen worden.</p>



<p>„Sicher, dass das hier eine gute Idee ist? Vielleicht sollten wir lieber umkehren und den anderen Bescheid sagen“, schlug ich vor.</p>



<p>Mein Bruder drehte sich zu mir um. „Und was soll das bringen? Wenn jemand anderes den Oni tötet, bringt uns das gar nichts!“</p>



<p>„Reicht es dir nicht, dass wir wieder sicher sind? Dass keine Menschen mehr sterben?“, erwiderte ich.</p>



<p>Ryu seufzte schwer. „Kenji, merkst du nicht, wie die anderen uns ansehen? Wie sie hinter unserem Rücken über uns reden? Ich will nicht mehr nur der Sohn eines Mörders sein, dem niemand trauen kann. Ich will nicht mehr, dass die Leute uns behandeln, als wären wir unser Vater!“</p>



<p>Jetzt musste auch ich seufzen. Ich sah über meine Schulter. Irgendwo dort unten, am Fuß des Berges, lag Shizuka-Mura, unsere Heimat. Ein Dorf, das so klein und unbedeutend war, dass es auch heute noch auf den meisten Landkarten fehlte. Ein Dorf, das ich über alles liebte.</p>



<p>Aber in letzter Zeit hatte sich so viel verändert &#8230; Ryu hatte recht. Seit vor anderthalb Jahren eine Gruppe Polizisten ins Dorf gekommen war, um Vater festzunehmen, sahen die Leute uns mit anderen Augen an. Sie glaubten uns nicht, dass wir genauso überrascht und schockiert waren, wie sie, zu erfahren, dass unser Vater ein gesuchter Mörder sei. Wie sich herausstellte, waren wir damals nur nach Shizuka-Mura gezogen, damit er untertauchen konnte &#8230;</p>



<p>Und dann war da noch der Oni. Die Kreatur ist vor etwa vier Monaten das erste Mal in unserem Dorf aufgetaucht.</p>



<p>Habt ihr schon einmal einen Oni gesehen? Die Geschichten und Zeichnungen werden ihnen nicht gerecht. Sie alle können nicht die Angst beschreiben, die man verspürt, wenn einem eine solche Kreatur tatsächlich gegenübersteht.</p>



<p>Ich hatte miterlebt, mit welcher Leichtigkeit ein Oni ganze Häuser niederreißen konnte, um an die Menschen zu kommen, die darin wohnten.</p>



<p>Er hatte schon so viele Menschen auf dem Gewissen. Freunde. Nachbarn. Nicht nur die, die er entführt hatte, sondern auch die, die losgezogen sind, um ihn zu töten. Keiner von ihnen war zurückgekehrt &#8230;</p>



<p>„Mach dir keine Sorgen“, riss Ryu mich aus meinen Gedanken. Er schien meine Bedenken bemerkt zu haben. „Der Oni schläft bestimmt. Wir müssen nur nahe genug herankommen.“</p>



<p>Um seine Aussage zu untermalen, zog Ryu eine Pistole aus seiner Tasche. Wir hatten sie damals in Vaters Zimmer gefunden – der Moment in unserem Leben, an dem wir uns eingestehen mussten, dass Vater nicht zu Unrecht beschuldigt wurde. Nie hätte ich gedacht, dass wir die Waffe eines Tages brauchen würden.</p>



<p>Es war Ryus Idee gewesen. Wenn wir den Oni besiegten, wären wir endlich mehr als nur die Söhne eines Mörders. Wir wären Helden. Und mit der Pistole hatten wir tatsächlich eine Chance. Wir mussten uns bloß anschleichen, ohne den Oni zu wecken, um ihm aus nächster Nähe direkt in den Kopf schießen zu können – so zumindest der Plan.</p>



<p>Doch wie es so häufig mit Plänen der Fall war, kam etwas dazwischen. Wir näherten uns gerade einer Höhle, in der wir als Kinder manchmal gespielt hatten – wir vermuteten, dass der Oni darin schlief –, als plötzlich ein lautes Knacken ganz in unserer Nähe ertönte.</p>



<p>Ryu und ich fuhren erschrocken herum. Unsere Taschenlampen erhellten etwas Rotes, das zwischen den Bäumen hervorblitzte. Es bewegte sich.</p>



<p>„Mach die Taschenlampe aus!“, zischten Ryu mir zu.</p>



<p>Doch es war zu spät. Der Oni hatte uns bemerkt. Während ich in meiner Panik den Ausschalter der Taschenlampe nicht fand, kam der Oni mit großen Schritten auf uns zu. Er trat einen Baum um, der wegbrach, als wäre es ein Zahnstocher.</p>



<p>Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Ryu die Pistole hob, also entschied ich, die Taschenlampe stattdessen auf den Oni zu richten, damit mein Bruder sehen konnte, wohin er zielte.</p>



<p>Als der Oni vor uns stehenblieb, richtete er sich zu voller Größe auf, als wolle er uns einschüchtern. Noch nie hatte ich ihn aus solcher Nähe gesehen. Seinen Kanabō – einen mit Eisen beschlagenen Streitkobeln – hielt er lässig mit einer Hand auf seine Schulter gelehnt. Dabei wäre er ohne Waffe schon eindrucksvoll genug gewesen.</p>



<p>Er war sicherlich vier oder fünf Meter groß. Ausgeprägte Muskeln zeichneten sich unter der roten Haut ab. Lediglich sein Bauch war gewölbt. Ich konnte nur ahnen, dass sich unter dem Fett ein Sixpack versteckte, das mindestens genauso eindrucksvoll war, wie seine restliche Muskulatur.</p>



<p>Dafür gab seine massige Brust eine perfekte Zielscheibe ab.</p>



<p>Ich sah, wie die Hand meines Bruders zitterte.</p>



<p>„Schieß!“, befahl ich.</p>



<p>Das wiederum erregte die Aufmerksamkeit des Oni. Er starrte mich mit seinen gelben Augen eindringlich an. Erst jetzt fiel mir auf, wie furchteinflößend sein Kopf wirklich war.</p>



<p>Zerzauste, schwarze Haare rahmten sein grässliches Gesicht ein. Zwei spitze Hörner wuchsen aus seiner Stirn. Die großen Zähne, die aus seinem Mund ragten, erinnerten mich an ein Wildschwein. Sie blockierten seine Lippen, sodass sein Mund einen Spalt offen stand. Die gelben Augen starrten mich weiterhin an, während eine Mischung aus Hunger und Wut in ihnen funkelte.</p>



<p>„Jetzt schieß endlich!“, flehte ich Ryu an. Wenn er nicht bald etwas unternahm, würde der Oni angreifen.</p>



<p>Entsetzt blickte ich zu meinem Bruder. Seine Hand zitterte jetzt völlig unkontrolliert. Stand er unter Schock?</p>



<p><em>Rums!</em> Ein lauter Knall ertönte, als der Oni seinen Kanabō von der Schulter nahm und das Ende auf den Boden donnern ließ.</p>



<p>Endlich reagierte mein Bruder. Doch ich freute mich zu früh. Statt zu schießen, fiel die Waffe aus seiner Hand. In der derselben Bewegung drehte sich Ryu auf der Stelle um und rannte in die Dunkelheit. Der Oni, dessen Jagdinstinkt sofort einsetzte, stürmte mit schnellen, viel größeren Schritten hinterher.</p>



<p>„Was tust du?“, brüllte ich meinem Bruder schockiert nach. Er würde niemals vor dem Oni davonlaufen können!</p>



<p>Während die schweren Schritte, das gleichmäßige Grunzen und das Splittern von Bäumen sich langsam entfernte, suchte ich panisch den Waldboden ab. Hier irgendwo musste sie doch liegen!</p>



<p>Im Schein meiner Taschenlampe blitze plötzlich etwas auf. Die Pistole! Schnell stürzte ich mich darauf.</p>



<p>Mit der Pistole in der Hand stand ich da. Während ich noch darüber nachdachte, ob ich mich verstecken, weglaufen oder dem Oni hinterhersprinten sollte, schnitt plötzlich ein Schrei durch die Luft.</p>



<p>„Ryu!“, brüllte ich in die Dunkelheit. Er schrie wie am Spieß.</p>



<p>Ein knackendes Geräusch ertönte. Es klang anders, als das Knacken der Bäume, erschütterte mich bis ins Mark. Waren das brechende Knochen?</p>



<p>Das Geschrei verstummte. Die jetzt einkehrende Stille war nur von einem gelegentlichen weiteren Knacken und einer Art Schmatzen erfüllt.</p>



<p>In meinem Kopf entstanden grässliche Bilder, wie der Oni meinen Bruder in Fetzen riss, bevor er ihn sich Stück für Stück in seinen mit den Wildschweinhauern besetzten Mund stopfte.</p>



<p>Tränen füllten meine Augen. Natürlich hätte ich damit rechnen müssen, dass einem von uns etwas zustieß. Aber jetzt, wo es tatsächlich passiert war &#8230; Ryu war tot. Und es war meine Schuld. Ich &#8230; Ich hätte ihn aufhalten sollen. Ihn von seinem Plan abbringen müssen.</p>



<p>Doch statt zu trauern, verspürte ich bloß Wut. Wie ein unaufhaltsamer Waldbrand wuchs sie in meinem Körper heran. Ich war wütend auf mich selbst, weil ich Ryu nicht aufgehalten hatte. Wütend auf die anderen Dorfbewohner, weil sie uns wie Dreck behandelt hatten. Wütend auf den Oni, weil er mir den letzten Menschen genommen hatte, der mir noch wichtig war &#8230;</p>



<p>Ich merkte erst, dass ich auf den Oni zu rannte, als meine Schritte von einem schnellen Gang zu einem Sprint wechselten.</p>



<p>Das Schmatzen wurde immer lauter. Ich hatte meine Taschenlampe auf die Bäume vor mich gerichtet, um mich orientieren zu können. Inzwischen konnte ich ab und an ein zufriedenes Grunzen vernehmen, als wäre mein Bruder das köstlichste, was der Oni je gegessen hatte. Meine Wut wuchs weiter. Dann endlich sah ich ihn:</p>



<p>Der Oni saß mit dem Rücken zu mir auf der Lichtung. Der Schein meiner Taschenlampe schien ihn nicht zu beirren. Vielleicht war er auch zu abgelenkt von meinem Bruder, um es zu bemerken. Jedenfalls zeigte er keinerlei Reaktion.</p>



<p>Ich hob die Pistole, um auf ihn zu zielen. Für einen Moment überlegte ich, ihm in den Rücken zu schießen, doch er bewegte sich zu sehr, als dass ich auf irgendwelche lebenswichtigen Organe zielen konnte.</p>



<p>Als der Oni sich bückte, leuchtete ich auf das, was vor ihm lag. Mein Bruder war völlig zerfetzt. Der Oni hatte ihm beide Arme und den Kopf ausgerissen. Hätte ich die Kleidung nicht wiedererkannt, wäre ich mir nicht einmal sicher gewesen, dass es sich bei dem blutigen Bündel um Ryu handelte.</p>



<p>Plötzlich riss der Oni den Kopf herum. Er schien das Licht meiner Taschenlampe bemerkt zu haben.</p>



<p>Die Brust des Onis glänzte, während er aufstand. Das Blut verschmolz fast perfekt mit dem Rot seiner Haut. Man erkannte es nur an dem feuchten Glanz.</p>



<p>Als der Oni mich ansah, richtete ich die Taschenlampe direkt auf sein Gesicht. Er schrie wütend auf und riss sofort die Hände vor die Augen. Es schien ihm überhaupt nicht gefallen zu haben, dass ich ihn geblendet hatte.</p>



<p>Der Oni griff geschickt nach seiner Waffe. Mit einer schnellen Bewegung hob er seinen Kanabō vom Boden auf.</p>



<p>Ich bekam Panik. Noch ehe ich richtig gezielt hatte, betätigte ich den Abzug der Pistole. Ein Schuss löste sich, dicht gefolgt von einem wuterfüllten Schrei des Oni.</p>



<p>Bevor ich reagieren konnte, sah ich, wie der Oni seinen Kanabō nach mir schwang. Der Aufprall brach mir mit einem scheußlichen Knacken die Wirbelsäule und schleuderte mich einige Meter durch die Luft, bis ich in weichem Moos liegen blieb.</p>



<p>Obwohl meine Seite, wo der Kanabō mich erwischt hatte, völlig zerschmettert sein musste, spürte ich keinen Schmerz. Um genau zu sein, spürte ich von der Brust abwärts überhaupt nichts mehr. Trotzdem hielt mich das Adrenalin bei Bewusstsein.</p>



<p>Schnell orientierte ich mich. Die Taschenlampe lag vielleicht fünf Meter von mir entfernt. Irgendwo dort musste auch die Pistole liegen. Wenn ich sie erreichte, hatte ich noch eine Chance. Mein Bruder und ich waren nicht mehr zu retten, aber wenn der Oni starb, wären wir wenigstens als Helden gestorben.</p>



<p>Besagter Oni stand leicht irritiert in der Gegend herum. Er schien sich unsicher zu sein, ob er sich mir oder wieder meinem Bruder zuwenden sollte. Das war meine Gelegenheit!</p>



<p>Ich versuchte, mich aufzurappeln, um zur Taschenlampe zu sprinten. Zu meinem Entsetzen bewegten sich nur meine Arme. Meine Beine gehorchten mir nicht mehr. Wie abgestorben lagen sie da.</p>



<p>Trotzdem wollte ich mich nicht geschlagen geben. Ich stemmte meine Arme in den Boden, um mich langsam vorwärts zu ziehen. Meine Augen waren auf die Taschenlampe gerichtet. Zentimeter für Zentimeter robbte ich meinem Ziel näher. Jetzt gab es nur noch mich und das kleine Licht vor mir.</p>



<p>Ich hörte nicht einmal, wie der Oni auf mich zukam. Erst, als er mich wie ein Spielzeug vom Boden aufhob, merkte ich, dass ich versagt hatte. Gleichgültigkeit breitete sich in mir aus. Wir hatten verloren. Mein Bruder und ich waren nicht besser als die anderen Leute, die losgezogen waren, um den Oni zu besiegen, und nie zurückgekehrt sind.</p>



<p>Gerade, als ich schon mit allem abgeschlossen hatte, blitze im schwachen Taschenlampenlicht etwas auf. Blut quoll aus einer Stelle an seinem Bauch. Eine Wunde.</p>



<p>Meine Augen weiteten sich. Konnte das sein? Hatte mein Schuss ihn tatsächlich getroffen? Wenn er die Kugel nicht entfernen konnte – und das bezweifelte ich – gab es noch immer die Möglichkeit, dass die Wunde sich entzündete.</p>



<p>Ich klammerte mich an dieses letzte Bisschen Hoffnung. Als der Oni mir gerade meinen rechten Arm ausriss, breitet sich ein Lächeln auf meinem Gesicht aus. Der Oni könnte an der Verletzung sterben. Mein Bruder und ich konnten noch immer Helden werden! Dann verlor ich das Bewusstsein.</p>



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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p>Oni sind japanische Dämonen, die den Ogern recht ähnlich sind. Das Wort Oni lässt sich daher mit Oger, <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/daemonen" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Dämon</a> oder böser <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Geist</a> übersetzen. Sie zählen zu den Yōkai.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p>Oni erinnern an eine Mischung aus wildem Menschen und Dämon. Ihr Körperbau ist menschenähnlich, obwohl einige Merkmale abweichen können. So sollen manche Oni sechs Finger und/oder Zehen pro Hand bzw. Fuß besitzen. Auch kann es vorkommen, dass ein Oni ein drittes Auge auf seiner Stirn hat.</p>



<p>Ihre wilden, ungekämmten Haare waren in früheren Erzählungen und Bildern fast ausschließlich schwarz, werden heutzutage – besonders in Videospielen und Anime – aber auch manchmal weiß dargestellt.</p>



<p>Außerdem besitzen sie häufig ein oder zwei Hörner, scharfe, krallenähnliche Fingernägel und spitze Reißzähne oder Hauer.</p>



<p>Oni sollen sehr muskulös und häufig nicht gerade dünn sein. Auch sind sie größer als normale Menschen. In einigen Fällen sollen Oni sogar mehrere Meter groß gewesen sein, sodass sie die meisten Baumkronen überragen.</p>



<p>Eines ihrer auffälligsten Merkmale ist jedoch ihre Hautfarbe. Sie soll meist rot, blau oder grün sein, kann aber in einigen Geschichten auch andere Farben haben. In Europa ist die rote Variante wohl die bekannteste.</p>



<p>Was ihre Kleidung angeht, tragen Oni – sofern sie nicht nackt sind – häufig einen Lendenschurz aus Tigerfell oder dem Fell eines anderen, als mächtig geltenden Tieres.</p>



<p>Außerdem haben sie häufig ihren ikonischen, mit Eisen beschlagenen Streitkolben bei sich – einen Kanabō. Die Waffe wurde ursprünglich von den Samurai geführt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Entstehung:</h3>



<p>Es heißt, dass Oni hauptsächlich in der Hölle vorkommen. Wenn ein besonders grausamer Mensch stirbt, verwandelt seine Seele sich in einen Oni, um in der Hölle die Seelen anderer Menschen zu foltern.</p>



<p>Wenn ein Mensch jedoch so grausam ist, dass seine Seele bereits zu Lebzeiten nicht mehr gerettet werden kann, kann es passieren, dass er sich bereits vor seinem Tod verwandelt und als Oni in unserer Welt lebt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p>Die in der Hölle lebenden Oni sind den christlichen Dämonen sehr ähnlich: Sie sind die Folterknechte der Hölle, foltern also böse Menschen nach ihrem Tod aufs Grausamste.</p>



<p>Aber auch die Oni, die in unserer Welt leben und gelebt haben sollen, werden oft als böse und grausam angesehen.</p>



<p>Sie leben in der Wildnis, überfallen Dörfer, fressen Menschenfleisch, vergewaltigen Frauen und sind übernatürlich stark.</p>



<p>Außerdem sollen einige Oni über Magie verfügen, mit der sie z.&nbsp;B. Krankheiten bringen können.</p>



<p>Trotzdem sollen Oni – zumindest in den Erzählungen ab dem 13. Jahrhundert – nicht unbedingt die intelligentesten Wesen sein. In vielen Geschichten werden sie daher als dumm und tollpatschig dargestellt. Häufig führt die mangelnde Intelligenz auch dazu, dass der Oni besiegt werden kann.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p>Die Oni, die nicht in der Hölle leben, wohnen meist allein in den Bergen oder auf Inseln. Häufig heißt es, dass sie in Höhlen hausen, es soll aber auch Oni geben, die in Hütten oder gar verlassenen Festungen wohnen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p>Der Begriff „Oni“ wurde früher – bevor der heute bekannte Oni entstanden ist – für allerlei böse Geister und Yōkai gebraucht.</p>



<p>Das Wesen selbst stammt hingegen wahrscheinlich aus dem Hindu-Buddhismus und wurde durch die indischen Yaksha und Rashaka inspiriert, als sich der Buddhismus in Asien ausgebreitet hat.</p>



<p>Schon während er Heian-Zeit (ca. 794–1192) waren Oni als gefürchtete, menschenfressende <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Monster</a> bekannt.</p>



<p>Im 13. Jahrhundert kam schließlich ihre leicht dümmliche und tollpatschige Art hinzu – wodurch sie jedoch nicht weniger gefährlich wurden.</p>



<p>Diese Art der Oni hat sich über die Jahre dank unzähliger Darstellungen in Geschichten und Kunst gefestigt, weswegen sie auch heutzutage in der japanischen Kultur noch eine wichtige Rolle spielen.</p>



<p>So sind sie z.&nbsp;B. ein fester Bestandteil des jährlichen Setsubun-Fests, bei dem Sojabohnen nach als Oni verkleideten Menschen geworden werden. Diese Tradition soll dazu dienen, das Böse zu vertreiben.</p>



<p>Aber auch in den modernen Medien, wie Manga, Anime und Videospielen haben die Oni einen Platz gefunden, wodurch sie schließlich ihre weltweite Bekanntheit erlangt haben.</p>



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<p><em>Was haltet ihr von den Oni? Kanntet ihr sie bereits? Wie hättet ihr an Kenjis oder Ryus Stelle auf ein solches Monster reagiert? Schreibt es in die Kommentare.</em></p>



<p><em>Wenn ihr mehr solcher Geschichten oder Legenden lesen wollt, abonniert auch gerne meinen <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.geister-und-legenden.de/newsletter" target="_blank">Newsletter</a>, oder folgt mir auf <a rel="noreferrer noopener" href="https://twitter.com/geisterlegenden" target="_blank">Twitter</a>, <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.facebook.com/geisterlegenden/" target="_blank">Facebook</a> oder <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.instagram.com/geisterlegenden/" target="_blank">Instagram</a>!</em></p>
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