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	<title>europäische Legende Archive - Geister und Legenden</title>
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	<description>In diesem Blog schreibe und veröffentliche ich jeden zweiten Montag eine neue Legende und Geschichte über Geister oder andere übernatürliche Dinge. Viel Spaß beim Gruseln!</description>
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	<title>europäische Legende Archive - Geister und Legenden</title>
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		<title>The Hairy Hands of Dartmoor – Sie sind in deinem Auto!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 13 Apr 2026 13:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Dann plötzlich schnallte Samuel sich bei voller Fahrt ab. Er rollte das Fenster runter. „Nun zeigt euch endlich, ihr scheiß Hände!“, schrie er in die Dunkelheit. „Damals habt ihr eure dreckigen Griffel doch auch nicht von meinem Lenkrad lassen können!“</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.geister-und-legenden.de/the-hairy-hands-of-dartmoor">The Hairy Hands of Dartmoor – Sie sind in deinem Auto!</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.geister-und-legenden.de">Geister und Legenden</a>.</p>
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<p class="wp-block-paragraph">The Hairy Hands of Dartmoor ist eine Legende aus England. Sie handelt von einem Phänomen, das bereits zu diversen Auto- und Motorradunfällen auf der B3212 geführt haben soll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen (Achtung Spoiler!) </strong></summary>
<p>&#8211; Tod</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Sonne näherte sich bereits dem Horizont, als wir durch Dartmoor fuhren. Mein Mann Samuel war früher oft hier gewesen. Er hatte in der Nähe in einer Autowerkstatt gearbeitet. Für mich hingegen war es mein erster Besuch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Beifahrerfenster war halb heruntergelassen. Ich hielt mein Gesicht in den Fahrtwind. Gleichzeitig beobachtete ich einige Schafe, die auf den grünen Wiesen herumtollten, sich in die Schatten der wenigen Bäume drängten oder genüsslich am Grasen waren. Es war ein wirklich schöner Sommertag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war aber nicht der Grund, warum wir hier waren. Zumindest war es nicht der Grund, warum Samuel hier war. Er wollte mir oder vielleicht auch sich selbst etwas beweisen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bevor er damals aus der Gegend weggezogen war, hatte er einen Autounfall gehabt. Das wäre nicht weiter schlimm gewesen – ihm war nichts passiert und die Versicherung sprang für den größten Schaden ein –, hätte es sich nicht um das Auto eines Kunden gehandelt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihr könnt euch sicher vorstellen, wie eine Autowerkstatt darauf reagiert, wenn ein Angestellter bei einer Testfahrt ein Kundenauto zu Schrott fährt. Und wenn besagter Angestellter dann auch noch behauptet, es sei ein paranormales Phänomen gewesen, das ihn von der Straße gedrängt habe …</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Läuft die Kamera, Katie?“, fragte Samuel.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich seufzte. Dann drehte ich mich zum Rücksitz, um die Kamera einzuschalten. Wir hatten sie so angebracht, dass sowohl mein Mann als auch das Lenkrad gut auf dem Bild zu sehen waren. Gerade das Lenkrad war Samuel sehr wichtig gewesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Kamera läuft“, erklärte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was darauf folgte, waren die wohl langweiligsten Stunden meines Lebens. Am Anfang genoss ich es noch, beobachtete weiter die Felder, sah dem Himmel dabei zu, wie er sich langsam rot färbte und dann allmählich dunkel wurde. Aber wenn man mehrere Stunden dieselben 4 Meilen auf der B3212 zwischen Postbridge und Two Bridges hin und her und hin und her und hin und her fuhr, wurde selbst die schönste Natur irgendwann langweilig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und auch unser Gesprächsstoff war uns schon lange ausgegangen, weshalb wir nur noch schweigend nebeneinandersaßen und um die Wette gähnten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Vielleicht sollten wir langsam in den Gasthof fahren“, schlug ich vor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber Samuel blieb stur. „Bitte, Katie, nur noch ein paar Mal. Irgendwann müssen diese verdammten Hände doch auftauchen!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Oh. Stimmt. Das hatte ich ja noch gar nicht erzählt. Der Grund, warum mein Mann hier war. Es geht um die sogenannten Hairy Hands of Dartmoor. Sie sollen auf der B3212, auf der wir nun schon seit Stunden auf und abfuhren, ihr Unwesen treiben. Dabei handelt es sich um zwei geisterhafte Hände, die angeblich plötzlich an den Lenkrädern von Autos oder den Lenkstangen von Motorrädern auftauchen, die die B3212 entlangfuhren. Sie kämpften mit den Fahrzeugführenden um die Kontrolle über den Lenker, bis das Fahrzeug in den meisten Fällen verunglückte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihr könnt euch das Gesicht von Samuels Chef also sicher vorstellen, als er das als „Ausrede“ für seinen Unfall nannte. Und auch mein Gesicht war wohl nicht besser gewesen. Aber Samuel beharrte seit dem Vorfall darauf, dass er die Wahrheit gesagt habe.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Schafe waren inzwischen in ihre Nachtruhe übergegangen. Sie schreckten nicht einmal auf, wenn wir mit dem Auto direkt an ihnen vorbeifuhren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich muss schon sagen, dass die Straße sehr eng war. Und auch die zahlreichen Hügel, wie der, den wir gerade hinauffuhren, schränkten deutlich die Sicht ein. Bis man an der Spitze war, hatte man keinerlei Einblicke auf eventuelle Hindernisse oder den Gegenverkehr.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Besonders hinterlistig war die Stelle, der wir uns jetzt näherten. Direkt hinter dem Hügel war eine scharfe Linkskurve, die auf eine einspurige Brücke führte. Wenn man hier nicht aufpasste, konnte das sicher schnell zu einem Unfall führen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber wenn man die Gegend kannte, aufmerksam blieb und sich an die 40 Meilen pro Stunde – etwa 64 km/h –, hielt, war die Strecke eigentlich unbedenklich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Moment achtete ich aber gar nicht mehr auf die Straße. Ich hatte meinen Kopf an die Scheibe gelehnt und betrachtete gelangweilt den Sternenhimmel, den ich vorhin noch als atemberaubend bezeichnet hatte. Aber auch ihm wurde ich inzwischen überdrüssig. Gerade würde ich auf jeden Fall nichts lieber tun, als mir die Beine zu vertreten, ehe ich mich mit einer Tasse Tee oder vielleicht einem kalten Bier in irgendein gemütliches Etablissement setzte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Warum passiert denn nichts?“, schimpfte Samuel leise.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Das</em> fragte ich mich allerdings auch. Wieso gab er es nicht endlich auf?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann plötzlich schnallte Samuel sich bei voller Fahrt ab. Er rollte das Fenster runter. „Nun zeigt euch endlich, ihr scheiß Hände!“, schrie er in die Dunkelheit. „Damals habt ihr eure dreckigen Griffel doch auch nicht von meinem Lenkrad lassen können!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu allem Überdruss trat er auch noch das Gaspedal voll durch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wurde nach hinten in den Sitz gedrückt. „Samuel! Fahr langsamer!“, schrie ich ihn an, während ich mich mit der linken Hand an der Autotür und der rechten im Sitz festkrallte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber mein Mann dachte gar nicht daran. Er donnerte mit über 150 Sachen über den Asphalt. Bei einigen Hügeln kam es mir sogar so vor, als würden die Reifen den Boden verlassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hatte Todesangst. Und auch ein Auto, das uns entgegenkam, fuhr fast in den Graben. Es war wie wild am Hupen, während wir daran vorbeirasten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei jedem Hügel und jeder kleinsten Kurve sah ich mein Leben an mir vorbeiziehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber zum Glück dauern 4 Meilen mit 150 km/h nicht sonderlich lange. Nach etwa zwei Minuten purem Adrenalinrausch wurde Samuel endlich langsamer. An der gewohnten Stelle setzte er zum Wenden an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Halt an!“, kreischte ich jetzt. „Halt sofort den Wagen an!“ Ich klammerte mich noch immer im Auto fest. Mein Herz raste. Meine Atmung ging so stoßweise, dass ich Angst hatte, nicht genug Sauerstoff zu bekommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zum Glück hörte Samuel diesmal auf mich. Noch bevor er den Wagen ganz gehalten hatte, schnallte ich mich ab, öffnete die Autotür und stieg mit zittrigen Knien aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was machst du?“, fragte Samuel laut. „Katie, wo willst du hin?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich geh zurück zum Hotel!“, schrie ich ihn an. „Aber zuerst brauch ich ein kaltes Bier, um meine Nerven zu beruhigen!“ Mit noch immer zittrigen Beinen stapfte ich am Wegesrand entlang.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Samuel holte mich ein. Er fuhr in Schrittgeschwindigkeit neben mir her. „Katie, es tut mir leid“, entschuldigte er sich. „Bitte. Steig wieder ein. Wir fahren zusammen zurück zum Hotel. In einer normalen Geschwindigkeit.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nur zögerlich stieg ich zurück in sein Auto. Aber tatsächlich hielt er sich daran. Es dauerte nicht lange, bis wir mit je einem kühlen Bier im Barbereich unseres Hotels saßen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was hast du dir dabei eigentlich erhofft?“, fragte ich. „Wie ein Wahnsinniger über die Straße zu brettern. Selbst, wenn wir mal annehmen, dass die Hände echt wären …“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sie sind echt!“, unterbrach er mich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Gut. Selbst, wenn die Hände echt sind, was hättest du dann getan, wenn sie dir ins Lenkrad gegriffen hätten? Den Unfall hätten wir beide nicht überlebt!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Daraufhin wurde Samuel sehr still. „Tut mir leid“, sagte er leise. „Ich hab nicht nachgedacht.“ Er nahm einen großen Schluck von seinem Bier.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber während unsere Stimmung am Anfang noch angespannt war, wurden wir mit steigendem Alkoholpegel immer lockerer. Wir waren nicht wirklich betrunken, aber das Bier half uns, zumindest etwas besser drauf zu sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du hättest damals dabei sein müssen!“, erklärte er. „Ich hab mega Schiss gehabt, als da plötzlich diese Hände an dem Lenkrad waren!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wusste allerdings noch immer nicht, ob ich ihm glauben sollte. Normalerweise schwieg ich darüber, aber heute machte mich das Bier etwas leichtsinniger. „Und das hatte sicher nichts damit zu tun, dass du eine Testfahrt in einem Sportwagen machen solltest und etwas schnell gefahren bist?“, hakte ich nach.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was willst du damit sagen?“ Samuel sah fast wütend aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Na ja … wäre es nicht vielleicht … ganz eventuell … theoretisch möglich, dass du dich geirrt hast?“, fragte ich. „Vielleicht war es auch ein Sekundenschlaf. Kann man dabei träumen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber Samuel wollte davon nichts hören. „Sag mal, spinnst du jetzt?“, fuhr er mich an. „Bisher konnte ich mich wenigstens immer auf dich verlassen. Auf meine eigene Frau. Wieso fällst du mir jetzt in den Rücken?“ Wütend sprang er auf und ging Richtung Ausgang.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Baby! So war das nicht gemein!“, rief ich ihm nach. „Warte doch!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber er wurde nicht einmal langsamer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hektisch kramte ich einige Scheine aus meinem Portemonnaie und drückte sie dem verdutzten Mann an der Bar in die Hand. Dass ich dabei ein etwas zu großzügiges Trinkgeld gab, war mir im Moment egal.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schnell rannte ich Samuel nach. Er war aber nicht auf dem Weg in unser Zimmer, wie ich erst gedacht hatte, sondern ging nach draußen zu den Parkplätzen. Er wird doch nicht …?!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sprintete ihm hinterher nach draußen. Tatsache: Samuel saß wieder am Steuer seines Autos. Der Motor lief bereits.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Samuel, Stopp!“, schrie ich ihn an. „Du bist betrunken! So darfst du nicht fahren!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gut. Betrunken war vielleicht das falsche Wort. Aber er war auf alle Fälle angetrunken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch entweder hörte mein Mann mich nicht, oder er wollte mich nicht hören. Er warf mir bloß einen fast schon genervten Blick zu, ehe er mit quietschenden Reifen zurück Richtung B3212 losraste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war das letzte Mal, dass ich Samuel lebend gesehen hatte. Wir waren in einem Streit auseinandergegangen. Innerhalb der nächsten Minuten baute er einen tödlichen Unfall.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wusste nicht, woran es lag. Daran, dass er aufgebracht Auto fuhr, oder am Alkohol. Vielleicht sogar eine Mischung aus beidem. Ich gab mir die Schuld. Und es sollte noch viele Jahre dauern, bis ich mir verzeihen konnte. Warum hatte ich damals nicht einfach die Klappe gehalten?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war zumindest, bis ich mir die Aufnahmen von jenem Abend noch einmal ansah. Es war ein sentimentaler Moment. Ich wollte meinen Ehemann wiedersehen. Also sichtete ich diverse Stunden Filmmaterial und unzählige SD-Karten, die ich je während der Fahrt ausgetauscht hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Tränen rannen mir über die Wangen, als ich den Moment noch einmal erleben musste, als Samuel die Beherrschung verlor. „Nun zeigt euch endlich, ihr scheiß Hände! Damals habt ihr eure dreckigen Griffel doch auch nicht von meinem Lenkrad lassen können!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich ließ die folgenden Minuten im Schnelldurchlauf über den Monitor laufen, wollte nicht noch einmal sehen, wie wir uns stritten, ehe er uns zur Kneipe fuhr.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich gerade dachte, die Aufnahme sei zu Ende, folgte völlig unerwartet ein weiteres Bild. Es zeigte Samuel, der die Kamera einschaltete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Verdammtes Drecksding, geh an!“, grummelte er. Er klang angetrunken. „Geht doch.“ Dann wandte er sich wieder der Straße zu. Ohne sich anzuschnallen – diesmal hatte er es wahrscheinlich wirklich vergessen – fuhr er los. Es folgte die vertraute Strecke, die ich heute bereits unzählige Male gesehen hatte. Obwohl … Bei der Dunkelheit sah ich die Straße kaum. Es gab dort keine Straßenlaternen, weshalb das einzige Licht Samuels Scheinwerfer waren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Auto fuhr viel zu schnell. Irgendwann geriet Samuel von der Straße ab. Kurz darauf überschlug sich das Auto mehrere Male. Die Kamera löste sich aus der Halterung und die Aufnahme brach ab.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich starrte jetzt jedoch mit gerunzelter Stirn auf den Bildschirm, hatte nicht einmal weggesehen, als mein Mann den tödlichen Unfall baute. War da gerade …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schnell spulte ich zurück bis kurz vor dem Unfall. Ich drückte auf Play. Diesmal pausierte ich aber, kurz bevor Samuel von der Straße abkam.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ungläubig starrte ich das Standbild an. Dort, direkt neben Samuels eigener, befand sich eine zweite linke Hand am Lenkrad. Sie hatte keinen Arm, an dem sie befestigt war. Außerdem war sie unglaublich haarig.</p>


<p><b>Bleibt auf dem neusten Stand und folgt mir auf:</b></p>
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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">The Hairy Hands of Dartmoor (Englisch für „Die Haarigen Hände von Dartmoor“), manchmal auch „The Hairy Hands of Devon“ oder nur „Hairy Hands“ genannt, ist eine <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden">Legende</a> aus Dartmoor, einem Nationalpark in Devon, England.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Legende zufolge soll, besonders im 20. Jahrhundert, ein Paar haarige körperlose Hände zu mehreren Auto- und Motorradunfällen in der Gegend geführt haben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt zwei Arten von Begegnungen mit den Hairy Hands of Dartmoor. Bei der einen sind die Hände unsichtbar.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sind die Hairy Hands hingegen sichtbar, so soll es sich laut Augenzeugen um eine oder zwei große haarige Hände handeln, die körperlos an dem Lenker, Lenkrad oder der Scheibe erscheinen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Normalfall werden sie als menschlich oder menschenähnlich beschrieben, ich habe aber auch einen Augenzeugenbericht gelesen, in dem es hieß, dass sich zwei haarige Pfoten um den Lenker gelegt hätten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Entstehung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wie die Hairy Hands of Dartmoor entstanden sein sollen, unterscheidet sich je nach Version der Legende. Bei meiner Recherche habe ich drei Versionen gefunden, die wohl sehr geläufig sein sollen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der ersten Version sollen die Hairy Hands selbst der <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister">Geist</a> eines Verunglückten sein, der auf derselben Straße, wo sie erscheinen, gestorben sein soll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Laut der zweiten Version handele es sich bei ihnen um den Geist eines (meist geisteskranken) Häftlings, der im nahegelegenen His Majesty’s Prison Dartmoor gestorben sein soll. Das HMP Dartmoor war eine der ältesten Haftanstalten Englands, ehe es im Jahr 2024 geschlossen wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die dritte Version der Legende bezieht sich hingegen auf eine Pulverfabrik, von denen es einige in Dartmoor gab. Angeblich sei es darin eines Tages zu einer Explosion gekommen, bei der einer der Arbeiter gestorben sei. Es seien nur seine großen haarigen Hände übriggeblieben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Hairy Hands of Dartmoor tauchen fast ausschließlich während der Fahrt in einem Auto oder auf einem Motorrad auf. Es gibt aber auch zwei Berichte, bei denen sie bei einem stehenden Fahrzeug gesehen wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn sie während der Fahrt auftauchen, sollen sie jedenfalls dem Fahrenden ins Lenkrad bzw. den Lenker greifen und versuchen, ihn von der Straße abzubringen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dabei gab es verschiedene Berichte von unsichtbaren Händen, die am Lenker gezerrt haben, aber auch von sichtbaren haarigen Händen, die plötzlich am Lenkrad oder über den Händen der Fahrenden aufgetaucht sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sobald man es schafft, das Fahrzeug anzuhalten, oder einen Unfall baut, sollen die Hände wieder spurlos verschwinden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem soll es vorkommen können, dass das Fahrzeug beim Erscheinen der Hände plötzlich beschleunigt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie bereits erwähnt gibt es darüber hinaus mindestens zwei Berichte, in denen die Hände bei einem stehenden Fahrzeug aufgetaucht sind. Mehr dazu erfahrt ihr unter Ursprung.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">The Hairy Hands of Dartmoor sollen ausschließlich im Nationalpark Dartmoor auftauchen. Fast alle Berichte erzählen davon, dass sich die Vorfälle auf der B3212 zugetragen haben sollen, besonders im Abschnitt zwischen Postbridge und Two Bridges.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die erste bekannte Begegnung mit den Hairy Hands of Dartmoor passierte im Juni 1921. Damals fuhr Dr. Ernest Hasler Helby, ein Doktor im nahegelegenen Gefängnis HMP Dartmoor, am Abend mit seinem Motorrad die B3212 entlang, als er plötzlich von der Straße abgekommen ist. Im Beiwagen des Motorrads saßen seine beiden jungen Töchter. Seinen Töchtern zufolge habe er auf einmal angefangen, über die Kontrolle mit dem Lenker zu kämpfen, woraufhin er sie anschrie, dass sie abspringen sollen. Dr. Helby hat den Unfall nicht überlebt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Noch im selben Jahr gab es zwei weitere unerklärliche Unfälle. Bei einem hat ein Busfahrer die Kontrolle über seinen Bus verloren – angeblich habe es sich so angefühlt, als würde jemand den Lenker beiseite reißen –, bei dem anderen soll ein Motorradfahrer die Kontrolle verloren haben. Die Person auf dem Soziussitz (dem „Rücksitz“ eines Motorrads) berichtete, dass sie eine große haarige Hand am Lenker gesehen habe, während der Fahrer um die Kontrolle kämpfte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anschließend sollen mehrere Zeitungsartikel über die Vorfälle veröffentlicht worden sein. Es soll sogar einen Artikel in einer Londoner Zeitung gegeben haben. So haben die Hairy Hands of Dartmoor schließlich nationale Bekanntheit erreicht. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis es weitere angebliche Vorfälle gab. Die meisten von ihnen liefen ähnlich ab, wie die bisherigen Unfälle. Auch heutzutage soll es noch zu solchen Vorfällen kommen.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Zwei Fälle bei stehenden Autos:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Zwei Ereignisse stechen jedoch hervor: 1924 soll ein campendes Ehepaar in der Gegend eine Begegnung mit den Hairy Hands gehabt haben, jedoch nicht während der Fahrt. Die Ehefrau ist nachts wach geworden, soll eine haarige Hand am Wohnwagenfenster gesehen haben, die laut ihrer Aussage, ihr und ihrem Mann etwas Böses antun wollte. Sie machte ein Kreuzzeichen mit den Fingern und die Hand sei verschwunden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein ähnlicher Fall trug sich 1962 zu, als eine Frau auf der Straße anhielt, um auf die Karte zu sehen. Als sie von der Karte aufsah, habe sie zwei haarige Hände gesehen, die sich von außen an ihre Windschutzscheibe gepresst hätten.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Erklärungsversuche:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Natürlich gibt es auch viele nicht-übernatürliche Erklärungsversuche, wieso es zu den zahlreichen Unfällen auf der B3212 gekommen sei.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zum einen hat die Straße zwei scharfe Kurven, die gerade Touristen und ortsfremde Personen häufig unterschätzen (es ist sogar möglich, dass es früher noch mehr Kurven gab, bis die Straße irgendwann ausgebessert wurde). Sie fahren zu schnell auf der engen, nicht beleuchteten Straße, weshalb es zu den zahlreichen Unfällen käme.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein weiterer Erklärungsversuch hat mit dem Zustand der Straße zu tun, der nicht an allen Stellen optimal sei. Straßenschäden, Hubbel und Absenkungen im Asphalt sollen auf der B3212 keine Seltenheit gewesen sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erschwerend kommt zu diesen beiden Erklärungen hinzu, dass es aufgrund der Landschaft in Dartmoor oft Nebel gibt, der die Sicht auf die Straße beeinträchtigt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Hinweis, dass einer oder wahrscheinlich eine Kombination dieser Faktoren tatsächlich Schuld an den vermehrten Unfällen sein dürfte, ist, dass die Unfälle nach einigen Reparaturen und Ausbesserungen der Straße deutlich abgenommen haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Allerdings erklärt natürlich nichts hiervon die optische Erscheinung der haarigen Hände, von denen viele Verunglückte berichtet haben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">The Hairy Hands of Dartmoor in der Popkultur:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt einen 12-minütigen Kurzfilm namens „The Hairy Hands“ (2010), geschrieben und produziert von Ashley Thorpe, der von der Legende handelt. Ich würde ihn allerdings fast schon als Kunstfilm einordnen, aufgrund der Art, wie er gedreht wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darüber hinaus gibt es die „Audio Experience“ Hairy Hands FM, die ihr selbst mit eurem Smartphone und einem Paar Kopfhörer erleben könnt. Ich würde jedoch nicht unbedingt sagen, dass ich sie empfehlen kann, da sie meiner Meinung nach weder sonderlich gut gemacht noch in irgendeiner Weise akkurat in Bezug auf die tatsächliche Legende ist. Falls ihr trotzdem etwa 20 Minuten eurer Zeit dafür opfern wollt, findet ihr sie <a href="https://chronicinsanity.itch.io/hairy-hands-fm" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Hier</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem gibt es diverse YouTube-Videos und Podcasts, die sich mit der Legende beschäftigen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weitere Auftritte der Hairy Hands of Dartmoor in Filmen, Serien oder Videospielen sind mir jedoch nicht bekannt. Solltest du irgendetwas in die Richtung kennen, würde ich mich sehr über einen Kommentar freuen!</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von den Hairy Hands of Dartmoor? Glaubt ihr, an der Legende könnte etwas dran sein? Oder sind eher die Straßenlage und Fehler von den Fahrzeugführenden schuld? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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		<title>Kallikantzaroi – Sie sind in deinem Haus!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 22 Dec 2025 14:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Wieder dieser besorgte, mitleidgeschwängerte Blick. Ich konnte ihn nicht länger ertragen! Ich war nicht senil. Und vor allem war ich nicht verrückt. Was dachten meine Kinder von mir? Dass ich meinen eigenen Weihnachtsbaum anpissen würde!?</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg02.met.vgwort.de/na/5d8849c78b424a94bd9c460c5375c037" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Die Kallikantzaroi sind eine bekannte <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/weihnachten">Weihnachtslegende</a> in Griechenland. Es heißt, dass diese koboldartigen Wesen dort jedes Jahr um die Weihnachtszeit Unruhe stiften.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem hier noch ein kurzer Hinweis: Auf Wunsch eines Patrons habe ich jetzt eine <a href="https://ko-fi.com/geisterlegenden">Ko-fi Seite</a>, auf der ihr mich – wenn ihr möchtet – mit einer einmaligen oder monatlichen Zahlung unterstützen könnt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt will ich euch aber nicht weiter warten lassen. Wir sehen uns nach meiner Winterpause wieder und ich wünsche euch bis dahin frohe Weihnachten, einen guten Rutsch und …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen (Achtung Spoiler!) </strong></summary>
<p>&#8211; Krankheit: Demenz</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich nach Hause kam, merkte ich sofort, dass etwas nicht stimmte. Ich hörte Geräusche aus dem Wohnzimmer. Das Problem war: Ich wohnte allein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz überlegte ich, ob ich nicht bei der Wohnung gegenüber klopfen solle, jemandem Bescheid sagen. Aber nein. Was auch immer das war, ich wollte meine Nachbarn damit nicht bei ihrem Weihnachtsfest stören. Also ging ich mit vorsichtigen Schritten zum Wohnzimmer. „Hallo? Wer ist da?“, rief ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Baba?“, antwortete eine Stimme.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich atmete erleichtert auf. Das war Ilias. „Ich dachte, du willst erst heute Abend kommen?“, fragte ich, während ich das Wohnzimmer betrat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Sohn stand in der Mitte des Raumes vor meinem Fernsehsessel und sah nun in meine Richtung. „Was ist hier passiert?“, fragte er, ohne auf meine Frage einzugehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sah mich im Raum um. Dort stand der Weihnachtsbaum, über dem Fernseher hing eine goldfarbene Girlande und auf der Fensterbank standen einige zugeschneite Häuschen mit ausgeschalteter Beleuchtung. „Was ist wo passiert?“, fragte ich. Wie so oft konnte ich seinem Gedankengang nicht ganz folgen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ilias nickte Richtung Sessel. „Na hier. Wie hast du das geschafft?“, fragte er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Noch immer irritiert trat ich nun neben ihn. Jetzt sah ich es auch. Die Fußstütze hing schief. Es musste irgendetwas gebrochen sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Keine Ahnung“, sagte ich. Ich runzelte die Stirn. Wann war das passiert? Gestern Abend war mit dem Sessel doch noch alles in Ordnung gewesen, oder?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ilias wirkte nicht sehr überzeugt. „Wenn du mich fragst, sieht das aus, als wäre etwas oder <em>jemand</em> auf das Fußteil gestürzt, als es ausgeklappt war.“ Sofort musterte er mich, als suche er nach irgendwelchen Verletzungen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schnaubte. „Das hätte ich ja wohl mitbekommen. Keine Ahnung, wie das passiert ist.“ Toll. Da sah ich meinen Sohn nach fast einem Jahr zum ersten Mal wieder und das erste, was er machte, waren Vorwürfe. Dabei hätte doch vielmehr <em>ich ihm</em> Vorwürfe machen sollen, dass er mich so selten besuchte, obwohl wir in derselben Stadt wohnten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ilias sah mich noch eine Weile unzufrieden an. Dann jedoch wurde seine Miene sanfter. Er nahm mich in den Arm. „Hey Baba. Es tut gut, dich wiederzusehen“, log er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich unterdrückte ein Schnaufen. Stattdessen fiel mein Blick auf das Fenster, vor dem auch die kleinen Häuschen standen. Erst jetzt merkte ich, dass es einen Spalt breit offenstand. „Und was ist mit dem Fenster?“, fragte ich, während ich darauf zuging, um es zu schließen. „Willst du uns krank machen oder warum ist es so kalt hier drinnen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ilias verlagerte das Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Er wich meinem Blick aus. „Na ja, es …“, sagte er dann zögerlich. „Es hat nicht gerade angenehm gerochen, als ich reingekommen bin“, erklärte er. Es war ihm sichtlich unangenehm, mich darauf anzusprechen. Dann jedoch sah er mich an, als verlange er eine Erklärung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder runzelte ich die Stirn. Es hatte gestunken? Aber in meiner Wohnung stank es nicht. Das wäre mir aufgefallen. Oder?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt seufzte Ilias. „Tut mir leid. Ich wollte dir nicht zu nahetreten. Ich hätte nichts sagen sollen.“ Bevor ich protestieren konnte, wechselte er jedoch das Thema. „Warum ich aber eigentlich so früh hier bin: Ich dachte, wir können vielleicht zusammen das Weihnachtsessen kochen. Ich weiß doch, wie lange du dafür immer in der Küche stehst.“</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während des Kochens blieb die Stimmung angespannt. Ilias gab sich wirklich Mühe, das merkte ich. Aber er war einfach kein guter Koch. Es war mir ein Rätsel, wie er sich das Jahr über allein ernähren konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wie sieht es eigentlich mit einer Freundin aus?“, fragte ich. „Hast du inzwischen jemanden kennengelernt? Deine Schwester hat jetzt ja auch endlich geheiratet.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ilias schüttelte den Kopf. „Nein. Ich komm so weit ganz gut ohne Frau zurecht. Aber irgendwann treff ich schon die Richtige.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich lächelte ihm aufmunternd zu. „Es gibt da ja auch diese Apps …“, schlug ich vor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das hingegen schien ihn zu verärgern. „Können wir bitte über was anderes reden?“, fuhr er mich an. „Ich misch mich ja auch nicht in dein Privatleben ein!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">So ähnlich lief auch das restliche Kochen und sogar das gemeinsame Essen ab. Und so verging ein viel zu langer Abend, an dem mein Sohn und ich kaum ein Wort wechselten. Aber das machte mir nicht allzu viel aus. Trotz allem war es schön, mal nicht allein essen zu müssen. Außerdem hatte ich ja noch genug Tage, an denen ich mich vernünftig mit Ilias unterhalten konnte, ehe er am 06. Januar – dem Ende des 12-tägigen Weihnachtsfestes hier in Griechenland – wieder in der Versenkung verschwand. Noch ahnte ich ja nicht, dass unsere mangelhafte Vater-Sohn-Beziehung nicht mein einziges Problem werden würde.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am nächsten Tag kam Ilias erst kurz vor dem Abendessen. Ich hatte bereits das Hoirino Prasoselino von gestern auf dem Herd stehen, sodass er nur noch meinen kleinen Esstisch decken musste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Währenddessen nahm ich mir vor, heute nicht wieder irgendwelche ungemütlichen Themen wie Beziehungen, seinen Job oder gar meinen Wunsch, Enkelkinder zu bekommen, anzusprechen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und so wechselten wir kaum ein Wort, bis wir gemeinsam vor unseren dampfenden Tellern saßen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Guten Appetit“, sagte Ilias fast sofort, ehe er sich schnell einen Löffel der Suppe in den Mund steckte. Ihm schien die Stille mindestens genauso unangenehm zu sein wie mir.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das änderte sich jedoch in den nächsten Sekunden. Ich sah, wie er fast sofort das Gesicht verzog. Trotzdem kaute er übertrieben langsam und schluckte den Bissen dann in einem viel zu großen Schluck hinunter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was ist?“, fragte ich. Gestern hatte ihm das Essen noch sehr gut geschmeckt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frage erübrigte sich jedoch, als ich selbst einen Löffel des Schweine-Sellerie-Eintopfes in den Mund nahm. Sofort breitete sich ein widerwärtiges Aroma in meinem Mund aus. Es war ein viel zu bitterer, leicht salziger Geschmack, von dem gestern noch jede Spur gefehlt hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich spuckte das Essen zurück auf meinen Teller. „Das ist ja widerlich“, sagte ich, während ich mir den Mund mit meinem Handrücken abwischte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hast du da noch irgendetwas reingetan?“, fragte Ilias.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich zögerte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hast du?“, hakte er nach.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Na ja, ich habe es ein wenig nachgewürzt. Aber wirklich nur mit etwas Salz und getrockneten Kräutern.“ Und ja, ich hatte es nicht abgeschmeckt. Aber selbst, wenn ich mich bei den Gewürzen vergriffen oder mich bei der Menge geirrt hätte, wäre der Eintopf davon doch niemals derartig verdorben worden!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem sah mein Sohn mich wieder mit diesem Blick an. Es war derselbe Blick, den er mir auch bei dem Sessel gestern zugeworfen hatte. Als würde er mir nicht glauben. Als wäre ich schuld an der gebrochenen Fußstütze und dem verdorbenen Essen. Dabei war mir beides ein genauso großes Rätsel wie ihm.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich kippte den restlichen Eintopf weg. Kurz darauf saßen wir wieder mit knurrenden Mägen am Esszimmertisch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Und jetzt?“, fragte Ilias. „Sollen wir gucken, ob wir noch irgendwo etwas bestellen können?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber ich schüttelte den Kopf. „Ich geh schnell rüber zu Frau Georgiou. Meine Nachbarin macht immer zu viel“, erklärte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war Ilias unangenehm, das erkannte ich sofort. Aber er kam aus einer Generation, in der man kaum noch mit seinen Nachbarn sprach. Bei uns alten Hasen war das noch anders. Und so saßen wir kurze Zeit später erneut mit zwei Portionen Hoirino Prasoselino am Esstisch. Es war ein leicht anderes Rezept als meines, aber es schmeckte mir ganz ausgezeichnet. Ich fand sogar, dass es trotz allem ein wirklich netter Abend wurde, an dem Ilias und ich uns hauptsächlich über alte Zeiten und Basketball unterhielten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem dachte ich auch in der Nacht, als Ilias bereits wieder gegangen war, noch die ganze Zeit über den verdorbenen Eintopf nach. Wie zur Hölle konnte mir das nur passiert sein?</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch die folgenden Tage fühlte ich mich, als wäre ich nicht ganz auf der Höhe. Zwar geschah nichts so Verheerendes wie an den beiden ersten Tagen, aber es passierte mehr als einmal, dass ich irgendetwas verlegte. Ich musste nach der Fernbedienung suchen, die mein Sohn eine Viertelstunde später im Kühlschrank wiederfand. Ilias’ Lieblingspralinen, die ich extra für die Weihnachtszeit geholt hatte, waren unauffindbar. Und sogar das Geschenk für ihn war wie vom Erdboden verschluckt. Wenigstens hatte ich bei Letzterem noch bis zum ersten Januar Zeit, es zu finden – denn hier in Griechenland gab es die Weihnachtsgeschenke immer erst am Neujahrstag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Baba?“, fragte Ilias mit einer seltsam belegten Stimme, als ich am Abend des 29. gerade in der Küche stand und uns Schnittchen schmierte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was denn?“, fragte ich. Ich lugte aus der Küche, um Ilias über den Obstteller am Fernsehtisch gebeugt zu sehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wie lange liegen die Äpfel schon hier?“, fragte er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich dachte einen Moment darüber nach. „Ich hab sie kurz vor Weihnachten geholt. Es kann sein, dass sie schon etwas schrumpelig sind, aber wenn du möchtest, kannst du dir gerne einen nehmen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ilias räusperte sich. „<em>Etwas schrumpelig</em> ist gut. Die Teile sind völlig verschimmelt“, er hob einen der Äpfel mit Daumen und Zeigefinger am Stiel hoch, um ihn mir zu zeigen. Er hatte recht. Der Apfel war braun. Auf ihm hatten sich unzählige weiße Schimmelflecken gebildet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich legte die halbgeschmierte Brotscheibe, die ich in der Hand hielt, beiseite, um zu ihm ins Wohnzimmer zu gehen. „Das ist seltsam“, dachte ich laut. „Wie können die Äpfel so schnell verfault sein?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ilias schnupperte leicht daran. Sofort zog er den Kopf zurück. Sein Gesicht war vor ekel verzogen. „Bist du sicher, dass die erst so kurz hier liegen? Ich glaube, es sind die Äpfel, die seit ein paar Tagen so stinken.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit gerunzelter Stirn schnupperte auch ich daran. Ich war nicht zimperlich, also nahm ich einen vollen Zug durch die Nase. Sofort musste ich würgen. Es roch aber nicht nach verfaultem Obst. Es lag keinerlei Süße in dem Gestank. Der Apfel roch vielmehr nach … ja, nach nassem Fell oder etwas Ähnlichem. Sofort kam mir eine Sache in den Kopf, die den Geruch und sogar die seltsamen Vorkommnisse erklären könnte: die Kallikantzaroi.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sprach den Gedanken nicht laut aus. So wie mein Sohn mich gerade ansah, würde er mich wahrscheinlich sofort einweisen lassen, wenn ich meinte, dass die mysteriösen Ereignisse der letzten Tage von koboldartigen Wesen aus der Unterwelt verursacht wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Sohn war noch nie ein gläubiger Mensch gewesen. Verdammt. Ich selbst war alles andere als ein gottesfürchtiger Christ. Also schob ich den Gedanken wieder beiseite. Er wollte mich aber nicht mehr loslassen. Während Ilias die Äpfel entsorgte, während ich die Schnittchen fertigschmierte und sogar als wir sie bei einem Basketballspiel vor dem Fernsehen aßen, schweiften meine Gedanken immer wieder zu den Wesen ab.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber wahrscheinlich muss ich mit meiner Erklärung etwas weiter ausholen. Ich bezweifle fast, dass ihr diese Märchengestalten kennt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Kallikantzaroi sind eine beliebte Weihnachtslegende hier in Griechenland. Vor langer Zeit waren sie wohl mal gefürchtet, aber inzwischen kannten die meisten Leute sie nur noch aus den Weihnachtsschauspielstücken in Schulen und von einigen Traditionen um die Weihnachtszeit. Ich selbst kannte sie ansonsten auch nur von den Gruselgeschichten meiner Großmutter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Legende nach lebten diese koboldartigen Wesen das meiste Jahr über in der Unterwelt, wo sie den Lebensbaum zerstören. Aber meine Großmutter meinte immer, sie seien die Diener des Teufels und würden ihm all seine schrecklichen Wünsche erfüllen. Das heißt, bis auf in der kurzen Zeit, in der sie die Unterwelt verließen – die zwölf Tage vom 25. Dezember bis zum 5. Januar, an denen wir in Griechenland Weihnachten feiern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In dieser Zeit kommen sie in die Städte und Dörfer, wo sie die Menschen terrorisieren und ihnen Streiche spielen. Es heißt, dass sie Gegenstände zerstören, stehlen und verstecken, dass sie Obst und Milch schlecht werden lassen, dass sie in Essen urinieren und noch allen möglichen anderen Schabernack treiben. Kommt euch das bekannt vor? Ich zumindest fand es einen zu großen Zufall, um es zu ignorieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber zum Glück hatte meine Oma mir nicht bloß von den Wesen erzählt, sie hatte mir auch erklärt, wie man sie loswerden und vom eigenen Haus beziehungsweise der eigenen Wohnung ablenken konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die wohl einfachste Methode war, ein Sieb vor die Haustür zu legen. Das brachte Kallikantzaroi dazu, die Löcher darin zu zählen. Allerdings waren die Wesen nicht sonderlich schlau. Meine Großmutter hatte gesagt, dass sie nicht einmal bis drei zählen können und sich so immer wieder verzählen, weshalb sie wieder bei eins anfangen mussten, bis die Nacht zu Ende war. Als ich klein war, hatte ich darüber gelacht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt, da ich ein erwachsener Mann war, selbst in dem Alter, dass ich bald Enkelkinder erwarten konnte, fand ich es nicht mehr so lustig. Stattdessen stand ich auf und ging in die Küche.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ilias sah mir nach. Aber da man von der Küche aus in den Flur gehen konnte, von wo aus man ins Bad kam, fragte er nicht, wo ich hinwollte. Ich ging aber nicht auf die Toilette. Nein. Ich holte mein Küchensieb aus dem Schrank, ging damit zur Wohnungstür und legte es nach draußen auf die Fußmatte. Anschließend ging ich zurück zu meinem Sohn, um mit ihm gemeinsam das Basketballspiel weiterzusehen – diesmal trotz all der Vorkommnisse mit einem guten Gefühl im Bauch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und was soll ich sagen? Es hätte perfekt sein können. Wahrscheinlich hätte es sogar funktioniert, hätte ich nicht eine Kleinigkeit vergessen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wir sehen uns morgen, Baba“, verabschiedete sich Ilias von mir. „Wieder um die gleiche Zeit?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich nickte. „Gern. Bring ruhig Kuchen mit. Ich geb dir das Geld dafür, wenn du hier bist“, schlug ich vor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mach ich.“ Ilias lächelte mich an. Es war ein ehrliches Lächeln. Als hätte er die verfaulten Äpfel und all die anderen Dinge, wegen denen er sich um mich sorgte, für einen Moment vergessen. „Also dann“, sagte er, während er vor die Tür trat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment folgte ein lautes Scheppern. Ilias konnte sich gerade noch fangen. Fast wäre er gestürzt. Dann bückte er sich nach einem metallenen Gegenstand, der am Boden lag. Er musterte ihn für einen Augenblick.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ist das nicht dein Küchensieb?“, fragte er mit tiefen Falten in der Stirn. „Wie ist das in den Flur gekommen? Und jetzt sag mir bitte nicht, dass du es nicht weißt.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schüttelte den Kopf. Peinlich berührt sah ich zu Boden. „Nein. Ich weiß es. Ich hab es selbst dort hingelegt. Es ist eine Art … Vorsichtsmaßnahme“, erklärte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Eine Vorsichtsmaßnahme?“, wiederholte er. Die Falten in seiner Stirn machten inzwischen der Vikos-Schlucht Konkurrenz.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz überlegte ich, ihn abzuwimmeln und es ihm morgen zu erklären, dann jedoch hielt ich meine Tür auf, um ihn wieder reinzulassen. Das Gespräch würde länger dauern. „Du kennst doch die Kallikantzaroi, oder?“, begann ich.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ilias hatte mir geduldig zugehört, während ich ihm von meiner Theorie erzählt hatte. Er hatte dabei ganz ruhig dagesessen. Zu ruhig, wie ich fand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du denkst also, dass das Sieb dafür sorgt, dass du nichts mehr verlegst? Dass das Essen in deiner Wohnung genießbar bleibt?“, fragte er leise. „Hast du dabei auch nur einmal darüber nachgedacht, was passiert, wenn einer deiner Nachbarn über das Sieb stolpert? So wie ich eben?“ Aber seine Tonlage klang nicht, als würde er sich um meine Nachbarn sorgen. Es klang eher nach: „Es reicht, wenn deine Kinder dich für senil halten. Das müssen nicht auch noch deine Nachbarn tun.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich seufzte schwer. „Ich sage ja nur, dass das Sieb die Probleme lösen könnte. Was ist, wenn es tatsächlich klappt? Wir können das Sieb weiter an den Rand legen, wenn es dich beruhigt.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du willst es nicht wahrhaben, oder?“, fragte Ilias. Seine Stimme klang wieder so seltsam belegt. Und als er mich ansah, hatte ich eher das Gefühl, als sähe er direkt durch mich hindurch. „Du willst nicht wahrhaben, dass du nicht mehr der Jüngste bist. Unsere Familie hat eine Veranlagung für Demenz. Zumindest hat Mama das immer gesagt.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nein!“ Ich schüttelte heftig den Kopf. „Das ist es nicht! Anderes Beispiel: Ich bewahre Geschenke immer an derselben Stelle in meinem Kleiderschrank auf. Schon seit Jahren. Aber als ich neulich ein Hemd aus dem Schrank geholt habe, war dein Geschenk weg. Einfach verschwunden!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Pause entstand. „Du hast mein Weihnachtsgeschenk verlegt?“, fragte Ilias. Seine Stimme klang aber nicht vorwurfsvoll, sondern vielmehr besorgt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du hörst mir nicht richtig zu!“, protestierte ich. „Das war nicht ich, sondern die Kallikantzaroi! Sie haben das Geschenk geklaut. Sie haben auch die Fernbedienung versteckt, meinen Sessel zerstört, unser Weihnachtsessen verdorben und die Äpfel verschimmeln lassen!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt schloss Ilias die Augen. Es sah aus, als wenn es ihn große Anstrengung kostete, ruhig zu bleiben. „Okay. Keine Demenz. Wie du willst. Aber selbst dann gibt es noch so viele Dinge, die wahrscheinlicher sind als irgendwelche mythologischen Kobolde! Kann es vielleicht sein, dass du schlafwandelst?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">So ging das noch eine ganze Weile weiter. Es war ein langes Hin und Her, bei dem wir uns kaum einen Millimeter von unserer eigenen Meinung wegbewegten. Ich erspare euch an dieser Stelle die Details. Am Ende einigten wir uns jedenfalls darauf, dass Ilias bei mir übernachten sollte. Er pumpte eine Luftmatratze auf, um bei mir im Schlafzimmer zu schlafen. Nur für den Fall, dass diese Nacht „wieder etwas passiert“.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch wenn ich es am Anfang albern fand, war ich Ilias im Nachhinein dankbar. Nicht, weil er mir Gesellschaft leistete oder nur das Beste für mich wollte, sondern weil sein Schnarchen mich wachhielt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ansonsten hätte ich die Geräusche wohl gar nicht mitbekommen, die gegen 23 Uhr aus meinem Wohnzimmer ertönten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Obwohl ich eben noch mit aller Kraft versucht hatte, endlich einzuschlafen, lag ich jetzt mit weit aufgerissenen Augen im Bett.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Tapp, tapp, tapp, tapp, tapp.</em> Kein Zweifel. Das waren eindeutig leise Schritte!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schnell schwang ich die Beine aus dem Bett. Ich schlüpfte in meine Hausschuhe und richtete mich auf. Die Geräusche waren verstummt. Ich durfte keine Zeit verlieren!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also stürmte ich aus dem Zimmer. Meine Hausschuhe schlappten an meinen Füßen. Als ich das Wohnzimmer erreicht hatte, schaltete ich sofort das Licht an. Hektisch sah ich mich um. Von irgendeinem seltsamen Wesen war nichts zu sehen. Dafür lag ein unverkennbarer Geruch in der Luft. Es war derselbe Gestank, der auch die verfaulten Äpfel umgeben hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Komm schon!“, rief ich. „Zeig dich, du Mistvieh!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Keine Reaktion. Natürlich nicht. Dafür fiel mein Blick auf eine gelbliche Pfütze unter dem Weihnachtsbaum. Ich konnte die Pisse bereits riechen, als ich darauf zuging. Das war der Beweis!</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ilias!“, rief ich. „Ilias, wach auf! Das musst du dir ansehen!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz darauf kam ein völlig verschlafener Ilias in T-Shirt und Unterhose aus dem Schlafzimmer getorkelt. „Was? Was ist denn?“, nuschelte er. Er rieb sich mit den Händen über die Augen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sieh dir das an!“, schrie ich vor Begeisterung. „Sie haben mir in die Wohnung gepisst. Die Kallikantzaroi haben den Weihnachtsbaum angepisst!“ Vielleicht klang ich etwas zu begeistert dafür, dass ich gerade eine Urinpfütze in meinem Wohnzimmer gefunden hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ilias hatte mich unterdessen erreicht. Ihm entglitten sämtliche Gesichtszüge, während er zwischen der Pfütze und mir hin und her sah. Danach griff er sich mit Daumen und Zeigefinger an die Nasenwurzel. Er schloss die Augen, während er sie massierte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hör mal, Baba“, sagte er leise. „Ich weiß, das ist vielleicht nicht die beste Zeit, um das anzusprechen, aber Anastasia und ich haben neulich telefoniert. Ich hab ihr von deinen … Problemen erzählt. Wir wissen, dass es seit Mamas Tod nicht einfach für dich ist. Vielleicht bist du ja auch einfach überfordert. Aber wir denken, dass du vielleicht nicht mehr allein wohnen solltest. Es gibt da eine sehr schöne Einrichtung ganz in der Nähe, die …“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weiter kam er nicht. „Ihr wollt mich in ein Heim abschieben?“, fuhr ich ihn an. „Wo ist deine Schwester denn, wenn ich es doch allein nicht hinbekomme? Wo ist sie? Sie lässt sich nicht einmal zu Weihnachten mehr bei mir blicken!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ilias ging sofort in Abwehrhaltung. Er hob beschwichtigend die Arme. „So ist das doch gar nicht! Sie ist bei ihren Schwiegereltern. Das weißt du. Außerdem ist es kein Heim, sondern lediglich betreutes Wohnen“, versuchte er, sich herauszureden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber ich wollte davon nichts hören. Ich war bereits auf den Weg ins Schlafzimmer, wo ich nach meiner Hose griff.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ilias war mir dicht auf den Fersen. „Wohin willst du?“, fragte er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich geh zur Kirche“, fuhr ich ihn an. „Vielleicht erwische ich ja noch einen Hausmeister oder so, der mich reinlassen kann. Wenn ich in der Wohnung Weihwasser verteile, hat es sich mit den Kallikantzaroi erledigt!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder dieser besorgte, mitleidgeschwängerte Blick. Ich konnte ihn nicht länger ertragen! Ich war nicht senil. Und vor allem war ich nicht verrückt. Was dachten meine Kinder von mir? Dass ich meinen eigenen Weihnachtsbaum anpissen würde!?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Warte, Baba“, sagte Ilias.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nein! Ich lass mich nicht länger bevormunden!“, fuhr ich ihn an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ilias’ Blick wirkte seltsam leer. „So meinte ich das nicht“, sagte er ruhig. „Lass mich zur Kirche gehen. Ich hol dir dein Weihwasser. Aber wenn es danach nicht aufhört, setzen wir uns zusammen hin und reden über das betreute Wohnen, okay?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Augen verengten sich zu Schlitzen. Dann aber nickte ich. Ich wusste, dass das Weihwasser helfen würde. Und wenn nicht … Wenn nicht, lag es ja vielleicht wirklich an mir. „Abgemacht“, sagte ich.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenige Minuten später kniete ich mit Küchenpapier, Lappen und Eimer im Wohnzimmer und war dabei, die stinkende Pfütze aufzuwischen, während Ilias sich auf den Weg zur Kirche gemacht hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aus der Nähe war der Gestank so intensiv, dass ich durch den Mund atmen musste. Nur einmal machte ich den Fehler, kurz durch die Nase Luft zu holen. Mein Körper dankte es mir sofort mit einem Würgen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann jedoch bemerkte ich eine Bewegung aus dem Augenwinkel. Ich starrte durch die offene Tür zum Flur, der hell erleuchtet dalag. Dort sah ich nichts Ungewöhnliches. Hatte ich es mir bloß eingebildet?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nein! Da war es wieder! Es war aber nicht im Flur, sondern es war die Tür selbst. Sie hatte sich minimal bewegt. Jetzt konnte ich auch die dunkle Gestalt dahinter erkennen, die dicht an die Wand gedrängt dastand. Sie war nicht größer als ein Kind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Da bist du ja“, murmelte ich, während ich aufstand. Dabei ließ ich den Blick nicht von dem Schatten weichen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das versetzte den Kallikantzaros – wie sie in der Einzahl heißen – in Alarmbereitschaft. Ich erhaschte einen Blick auf ihn, während er aus seinem Versteck flitzte. Es war eine kleine graue Gestalt. Er hatte keine Haare am Oberkörper oder auf dem Kopf mit den langen spitzen Ohren. Dafür waren seine Beine umso haariger. Sie waren von braunem Fell überzogen und endeten in zwei dunkelgraue Paarhufe wie bei einer Ziege.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment war er auch schon im Flur verschwunden. Ich nahm sofort die Verfolgung auf. Aber mein Körper war wirklich nicht mehr der Jüngste. Als ich den Flur erreichte, fehlte von dem Kallikantzaros jede Spur. Hektisch sah ich mich um. Wo war er hin? Jetzt fiel mir etwas anderes auf: der Gestank. Ich musste nur meiner Nase folgen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also lief ich schnuppernd weiter. Zuerst schnupperte ich an der Haustür. Aber nein, hier wurde der Gestank schwächer. Dann in der Küche und im Badezimmer. Auch nichts. Also blieb nur noch das Schlafzimmer!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber ich musste nicht einmal Luft holen, um zu merken, dass ich richtig war. Der Kallikantzaros stand mitten im Raum, sah unentschlossen nach links und rechts, als suche er nach einem passenden Versteck.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hab ich dich!“, schrie ich. Ich stürmte mit ausgestreckten Händen auf ihn zu, um ihn zu packen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Kallikantzaros versuchte jedoch nicht einmal, auszuweichen. Stattdessen drehte er sich zu mir um. Er ergriff meine Hände, als wolle er mit mir ringen. Dann aber streckte er bloß den einen Arm zur Seite aus, während er mich mit dem anderen an sich zog.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für einen Moment standen wir nun völlig reglos da. Der Gestank der Kreatur ließ Tränen in mir aufsteigen, während er mich mit gelben Zähnen angrinste. Es musste in etwa so aussehen, als wolle die Kreatur mit mir einen Walzer tanzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich weiteten sich meine Augen, während mir ein Gedanke in meinen Kopf schoss. Es war eine Erinnerung. Oma hatte mir doch mal erzählt, dass Kallikantzaroi gerne tanzen. Sie suchten Menschen, die zu Weihnachten allein waren und verwickelten sie in einen nahezu endlosen Tanz. Sie hörten erst damit auf, wenn der Mensch vor Erschöpfung zusammenbrach oder sie ihn in den Wahnsinn getrieben hatten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort versuchte ich, mich von dem Ding zu lösen, meine Hände zurückzuziehen. Aber es war zu spät. Der Kallikantzaros hatte bereits angefangen, nach einer stummen Melodie zu tanzen. Und mein Körper machte einfach mit. Ich hatte mich nicht mehr unter Kontrolle.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst waren es noch langsame Schritte, dann wurde der Tanz hektischer. Schneller und schneller drehten wir uns im Takt umeinander durch mein Schlafzimmer. Es dauerte nicht lange, bis mein gesamter Körper schmerzte. Ich war völlig außer Atem. Mein viel zu schnell pochendes Herz donnerte mir in den Ohren. Solch schnelle Bewegungen war ich nicht mehr gewohnt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was sollte ich nur tun? Mein Körper gehorchte mir nicht mehr. Ich konnte bloß mitansehen, wie sich mein Schlafzimmer, der Kleiderschrank, das ungemachte Bett, Ilias’ Luftmatratze um mich drehten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann jedoch hörte ich einen Schlüssel in der Haustür. „Ich bin wieder da!“, sagte Ilias gerade so laut, dass ich es verstehen konnte. „Ich hab dein Weihwasser bekommen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schritte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Baba? Baba, wo bist du?“, fragte Ilias.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wollte nach ihm schreien, auf mich aufmerksam machen, ihn um Hilfe bitten. Aber auch meine Stimme wollte mir nicht mehr gehorchen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zum Glück hörte ich bereits weitere Schritte aus dem Flur. „Baba?“, rief Ilias wieder. Im nächsten Moment stand er in der Schlafzimmertür. „Baba, was tust du denn!?“ Entsetzen lag in seiner Stimme. Dann musste er die kleine Kreatur in meinen Armen bemerkt haben. „Was zur Hölle …?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber der Kallikantzaros ließ sich von Ilias nicht beunruhigen. Er grinste mich bloß weiter mit an, während er mit mir tanzte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mir war inzwischen völlig schwindelig. Ob es an der ständigen Drehung oder meiner Erschöpfung lag, wusste ich nicht. Dafür wusste ich etwas anderes: Lange würde ich das nicht mehr durchhalten!</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den flüchtigen Momenten, in denen ich Ilias sah, merkte ich jetzt, wie er auf uns zukam. Erst versuchte er, die Kreatur zu packen, doch ihr flinker Körper rutschte ihm immer wieder aus den Händen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also versuchte Ilias sein Glück bei mir. „Baba. Hör auf!“, flehte er. Ich spürte, wie er mich packte. Kräftige Hände griffen nach meinen Armen. Er rutschte ab und kratzte mir mit einem Fingernagel eine Schramme in die Haut. Dann griff er nach meinem T-Shirt. Ich fühlte, wie er von unserem Tanz mitgerissen wurde. Aber bevor er stürzen konnte, gab der Stoff mit einem ratschenden Geräusch nach.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Scheiße!“, fluchte Ilias.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Kallikantzaros antwortete mit einem dreckigen Lachen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber Ilias gab nicht auf. Ich hörte das Knacken von Plastik. Es klang so, als drehe er hektisch den Deckel von einer Plastikflasche. Im nächsten Moment spürte ich einen Schwall kaltes Wasser, dass mich an der Seite traf und … ich war frei.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Boden kam mir entgegen, sodass ich mich auf meinen Knien und Armen auffangen musste. Noch immer drehte sich alles.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem zwang ich mich, nach Ilias und dem Kallikantzaros zu sehen. Ilias stand über mir. Er hielt eine halbvolle Flasche in der Hand – das Weihwasser, wie ich vermutete. Der Kallikantzaros hingegen wand und krümmte sich am Boden. Er schrie. Das Weihwasser schien ihm Schmerzen zuzufügen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ilias machte einen Schritt auf ihn zu, die Flasche zum Schwung ausgeholt. Da rappelte die Kreatur sich plötzlich auf. Sie schrie ein letztes Mal, stolperte, fing sich dann wieder und rannte Richtung Flur. Ich konnte gerade noch sehen, wie sie sich unter dem viel zu engen Türspalt der Wohnungstür hindurchquetschte und im Flur verschwand. Normalerweise hätte er nicht ansatzweise darunter hindurchpassen dürfen. Aber wer weiß, welchen Gesetzen der Physik diese Wesen mit ihrer Magie folgten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Baba?“, wandte sich Ilias an mich. Er streckte mir eine Hand entgegen. „Tut mir leid, dass ich dir nicht geglaubt habe.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich ließ mir von ihm auf die Beine helfen. Der Raum hatte inzwischen aufgehört, sich zu drehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Komm“, sagte er. „Lass uns diese Wohnung ein für alle Mal vor diesen Dingern schützen.“</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Kallikantzaroi (griechisch Καλικάντζαρος), oder Kallikantzaros (Καλικάντζαρος) in der Einzahl, sind koboldartige Wesen des griechischen Volksglaubens. Sie kommen in der Zeit zwischen Weihnachten und dem 06. Januar in die Städte und Dörfer, um dort Unruhe zu stiften und Chaos zu verbreiten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Kallikantzaroi sind kleine, haarige und hässliche humanoide <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer">Wesen</a>. Außerdem sollen sie allesamt stinken und es soll bei ihnen nicht selten zu körperlichen Verformungen kommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch werden ihnen oft tierische Eigenschaften wie spitze Ohren oder Ziegenbeine zugeschrieben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darüber hinaus sollen sie ausschließlich männlich sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ob jeder Mensch die Kallikantzaroi sehen kann, ist jedoch umstritten. So habe ich in verschiedenen Quellen gelesen, dass entweder jeder sie sehen kann, oder dass nur Menschen, die an einem Samstag oder aber in der Zeit vom 25. Dezember bis 06. Januar geboren wurden, sie sehen und sogar mit ihnen sprechen können.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Kallikantzaroi kommen nur in den Dodekaimero (δωδεκαήμερο, griechisch für „zwölf Tage“) zum Vorschein. Das sind die zwölf Tage vom 25. Dezember bis zum 06. Januar, die in anderen Teilen Europas auch als Rauhnächte bekannt sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem heißt es, dass die Kallikantzaroi nachtaktiv sind, da sie das Sonnenlicht scheuen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn die Wesen herauskommen, muss man sich jedoch auf einiges gefasst machen. Es heißt, dass sie dann versuchen, in die Häuser und Wohnungen der Menschen einzudringen, um Chaos zu stiften. Einige von ihnen gehen dabei vergleichsweise harmlos vor, während andere die Menschen angreifen und sogar töten können. Besonders in der modernen Zeit sollen die Kallikantzaroi aber sehr viel ungefährlicher geworden sein und den Menschen hauptsächlich Streiche spielen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Typische Streiche sind z. B., dass sie Möbel zerstören, Eigentum stehlen oder verstecken, Obst verschimmeln oder Milch schlecht werden lassen, auf Zimmerpflanzen oder ins Essen urinieren und Speisen und Getränke im Haus verzehren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn sie hingegen einen Menschen finden, der allein unterwegs ist, zwingen sie ihn manchmal, pausenlos mit ihnen zu tanzen – und zwar so lange, bis er ohnmächtig wird oder den Verstand verliert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die restliche Zeit des Jahres, wenn die Kallikantzaroi nicht die Menschenwelt unsicher machen, sollen sie in der Unterwelt leben. Daher sagen einige Leute auch, dass sie <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/daemonen">Diener des Teufels</a> seien.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn sie in der Unterwelt sind, so heißt es, sollen sie dort versuchen, den Baum des Lebens zu zerstören, der unsere Welt im Gleichgewicht hält, indem sie an seinem Stamm sägen. Wenn sie jedoch am 06. Januar dorthin zurückkehren, müssen sie feststellen, dass sich der Baum vollständig regeneriert hat, und sie müssen ihre Arbeit von vorne beginnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dieses Ereignis wiederholt sich der Legende nach jedes Jahr.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Wie kann man sich vor den Kallikantzaroi schützen?</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Zum Glück gibt es zahlreiche Möglichkeiten, wie man sich vor den Kallikantzaroi schützen kann. So fürchten sie religiöse Symbole, Weihwasser und Feuer. Man kann also Weihwasser im Haus verteilen, Kreuze an Fenster und/oder Türen hängen, Gebete aufsagen oder ein Feuer anzünden, um die Wesen vom Haus fernzuhalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch gibt es eine alte Tradition namens Chistoxylo (Χριστόξυλο, griechisch für „Christholz“), bei der ein großes Stück Holz im Kamin angezündet wird, das die ganzen zwölf Tage des Dodekaimero am Brennen gehalten wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem gibt es diverse andere Methoden, wie man die Kallikantzaroi davon abhalten kann, in das Haus einzudringen. So kann man Essen (meist wird Fleisch oder Brot verwendet) oder Süßigkeiten vor die Tür legen, um sie zu besänftigen. Besonders beliebt sollen dabei Loukoumades sein, ein griechisches Gebäck aus frittiertem Teig mit Honig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Oder man lenkt sie ab, indem man ein Sieb vor die Tür legt. Angeblich versuchen sie dann, die Löcher darin zu zählen. Da sie jedoch nicht bis drei zählen können – entweder, weil sie nicht intelligent genug sind oder weil drei eine heilige Zahl ist, die sie nicht aussprechen können – sitzen sie die ganze Nacht daran.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Andere Leute spannen Fäden im Garten, da die Wesen dann versuchen sollen, daraus etwas zu stricken, wodurch sie abgelenkt sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie ihr seht, gibt es also vielzählige Methoden, sich gegen die Monster zu schützen. Weitere, die ich im Netz gelesen habe, sind: ein altes Paar Schuhe zu verbrennen, den Unterkieferknochen eines Schweins über die Tür zu hängen, Knoblauch im Haus zu verteilen oder einige Oberflächen mit Salz zu bedecken.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wie bereits erwähnt Leben die Kallikantzaroi die meiste Zeit des Jahres in der Unterwelt. Wenn sie zwischen Weihnachten und dem 06. Januar in unsere Welt kommen, sollen sie sich hingegen hauptsächlich in Städten und Dörfern aufhalten und sich nachts in dunklen Höhlen und Löchern verstecken.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt verschiedene Theorien, wie der Glaube an die Kallikantzaroi entstanden sein könnte. Die verbreitetsten sind wohl, dass es sich bei ihnen um eine Verchristlichung von heidnischen Kreaturen handelt, oder aber, dass es Zusammenhänge mit der altgriechischen Mythologie, besonders den Satyrn, geben soll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Besonders verbreitet (und gefürchtet) soll der Glauben an die Kallikantzaroi übrigens im Mittelalter gewesen sein. Seitdem hat er sich in den Bräuchen vieler griechischer Gemeinden gefestigt. Heutzutage lässt er sich besonders in den ländlichen Regionen finden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Offiziell ist der Glaube von der Kirche natürlich nicht anerkannt, aber es gibt auch im kirchlichen Kontext viele Zeremonien, die damit verbunden sind. So wird an vielen Orten Griechenlands am 6. Januar das Meer, ein See oder ein Fluss von einem Geistlichen gesegnet, um die Wesen zu vertreiben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Kallikantzaroi in der Popkultur:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Da die Kallikantzaroi in Griechenland auch heute noch sehr bekannt sind, ist es nicht verwunderlich, dass sie sich auch in der modernen Popkultur finden lassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So spielen sie z. B. eine zentrale Rolle in der amerikanischen Paranormal-Krimiserie Grimm Staffel 4 Folge 7 „Die Geister der Weihnacht“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und auch in der Horror-Kurzgeschichte „Der Flüsterer im Dunkeln“ (1931) von H. P. Lovecraft werden die Kreaturen zumindest kurz beim Namen genannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ansonsten findet man sie hauptsächlich in griechischen Weihnachtsliedern und Schulaufführungen zur Weihnachtszeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von den Kallikantzaroi? Wie hat euch meine Geschichte gefallen? Ab welcher Situation hättet ihr die Wesen verdächtigt, statt weiter nach einer logischen Erklärung zu suchen? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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		<title>Selkies – Sie wollen zurück ins Meer</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 22 Sep 2025 13:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Ich betrachtete die Narben, die zwischen meinen Fingern hervorblitzten. Laut meinen Eltern stammen sie von einem Gendefekt. Ich hätte eine Mutation gehabt, die meine Hände entstellt habe. Aber für mich sah das anders aus. Die Narben waren zu gleichmäßig. Sie waren an der Innenseite all meiner Finger und sogar meiner Zehen. Es sah eher danach aus, als hätte ich bei meiner Geburt Schwimmhäute gehabt, die mir wegoperiert wurden …</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg02.met.vgwort.de/na/c4efa1fc809e45aa8779f129ea03e064" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Selkies sind zur Abwechslung mal <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer">Wesen</a>, die überhaupt nicht gruselig sind. Trotzdem finde ich diese schottischen Meereswesen unglaublich faszinierend. Ich hoffe, sie gefallen euch ebenfalls!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Lesen!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen (Achtung Spoiler!) </strong></summary>
<p>&#8211; Mobbing<br>
&#8211; Trauer</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Tag begann wie jeder andere. Nichts deutete darauf hin, dass ich an diesem Tag einen Menschen verlieren sollte, der mir so unglaublich viel bedeutete …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich saß in meiner Klasse. Unsere Englischlehrerin war noch nicht da, weshalb die anderen Schüler um mich herum noch schrien, lachten und rumalberten. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie zwei Schülerinnen eine Federtasche hin und herwarfen. Wem sie gehörte, wusste ich nicht. Aber das war mir eigentlich auch egal.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Stattdessen starrte ich auf meine Hände. Ich betrachtete die Narben, die zwischen meinen Fingern hervorblitzten. Laut meinen Eltern stammen sie von einem Gendefekt. Ich hätte eine Mutation gehabt, die meine Hände entstellt habe. Aber für mich sah das anders aus. Die Narben waren zu gleichmäßig. Sie waren an der Innenseite all meiner Finger und sogar meiner Zehen. Es sah eher danach aus, als hätte ich bei meiner Geburt Schwimmhäute gehabt, die mir wegoperiert wurden …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und das war nicht das Einzige, das mich mit dem Ozean verband. Ich war der Sohn eines Fischers. Seit mein Dad klein war, hatte er meinen Opa auf seinem Fischerboot begleitet, bis er irgendwann in seine Fußstapfen getreten war und den alten Kutter von ihm übernommen hatte. Er hatte schon immer eine enge Beziehung zum Meer gehabt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war jedoch nichts im Vergleich zu meiner Mum. Sie fuhr nicht mit Dad auf seinem Boot raus. Sie badete sogar nur selten im Ozean. Aber ihr müsstet sie mal sehen, wenn sie draußen auf der Veranda steht und aufs Meer hinausblickt. Die Sehnsucht in ihren Augen, die Überwindung, die es sie kostet, um ihre Augen von dem tiefen Blau abzuwenden. Es war, als wäre sie von der See besessen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber es gab eine Erklärung dafür. Für ihr Verhalten und sogar für meine Schwimmhäute. Es war ein Verdacht, den ich noch nie laut ausgesprochen hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hey, Fischfresse!“, riss mich eine Stimme aus meinen Gedanken. „Sitzt du ganz allein hier? Hat dein einziger Freund jetzt auch endlich erkannt, was du für ein Versager bist?“ Im nächsten Moment traf mich ein unsanfter Schlag am Hinterkopf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich starrte dabei weiter angespannt auf meine Hände und versuchte, Angus zu ignorieren. Er war der größte Bully aus unserer Klasse. Und das meine ich wörtlich. Er überragte die meisten anderen Schüler, mich eingeschlossen, um mindestens einen Kopf. Und zu meinem Pech hatte er mich auf dem Kieker, seit ich angeblich seine Beziehung ruiniert hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es hatte damit angefangen, dass wir in die weiterführende Schule gekommen waren. Damals war Angus mit Ellie zusammen gewesen, einem Mädchen aus unserer Klasse. In den ersten Wochen wurde mir jedoch klar, dass Ellie heimlich ein Auge auf mich geworfen hatte. Eins hatte zum anderen geführt, bis Angus schließlich voller Eifersucht mit ihr Schluss gemacht hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dabei war das nicht meine Schuld gewesen. Oder zumindest nicht meine Absicht. Ich hatte keinerlei Annäherungsversuche gegenüber Ellie unternommen, ihr sogar gesagt, dass ich kein Interesse an ihr hatte. Aber es hatte nichts gebracht. Und so folgten bisher drei Jahre voller Terror, in denen ich nichts anderes tun konnte, als Angus‘ Schikanen auszusitzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hey! Callum! Hat dir deine Mommy nicht beigebracht, dass du antworten sollst, wenn jemand mit dir spricht?“, fuhr Angus mich an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich konnte ein Zusammenzucken nicht unterdrücken. Er stand noch immer hinter mir. Der erwartete Schlag, der erneute Schmerz an meinem Hinterkopf blieb jedoch aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wenn du dich mit jemandem anlegen willst“, hörte ich eine andere Stimme, „such dir jemanden in deiner Größe.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erleichtert atmete ich auf. Da stand Liam und hielt Angus‘ zum Schlag ausgeholte Hand fest. Er zwinkerte mir zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment befreite Angus seine Hand mit einem Ruck. Er funkelte mich an. „Nächstes Mal, Fischfresse“, sagte er nur, ehe er weiter zu seinem Platz ging.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Liam kam einen Schritt näher. Er legte seine Hand auf meine Schulter. „Mach dir nichts draus, Callum. Angus ist ein Arsch.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich widerstand dem Drang, nach seiner Hand zu greifen. Nicht hier. Die anderen durften nichts von uns wissen. Stattdessen lächelte ich ihn schief an „Danke. Aber das wusste ich schon vorher.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment zog er seinen Stuhl zurück und setzte sich neben mich. „Wie sieht es eigentlich mit unseren Wochenendplänen aus? Steht das Zelten noch?“, fragte er neugierig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Fast sofort spürte ich, wie mein Lächeln wärmer wurde. „Meine Eltern sind einverstanden“, erklärte ich. „Ich muss nur unser altes Zelt wiederfinden. Aber das bekomm ich schon hin.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein ganzes Wochenende. Nur Liam und ich. Zwei Tage, an denen wir nicht aufpassen mussten, ob uns jemand sieht, wenn wir Händchen hielten. Wir mussten uns keine Gedanken machen, wenn wir abends zusammen im Gras lagen und den Sternenhimmel beobachteten. Uns nicht vorher umsehen, wenn wir einander einen flüchtigen Kuss geben wollten.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der restliche Schultag verlief ruhig. Zwar sah ich einige Male, wie Angus mir verächtliche Blicke zuwarf, aber da Liam mir nicht mehr von der Seite wich, ließ er mich in Ruhe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als die Glocke schließlich das Ende der letzten Stunde ankündigte, beeilte ich mich, meine Sachen zu packen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wir sehen uns morgen“, sagte ich zu Liam.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Schreib mir, wenn was dazwischenkommt oder du das Zelt nicht findest“, erwiderte er. „Ansonsten hol ich dich um Punkt 10 ab.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich grinste. „Ich schreib dir auch, wenn mir nichts dazwischenkommt“, erklärte ich. Danach berührte ich ihn sanft an der Schulter – die intimste Berührung, die ich mir in der Schule erlaubte –, ehe ich zum Bus rennen musste.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach einer ruhigen Busfahrt, bei der ich hauptsächlich Musik gehört hatte, und etwa drei Minuten Fußweg näherte ich mich unserem Haus. Es stand in Küstennähe und ich konnte von der Straße aus bereits das Rauschen der Wellen hören. Ein schwacher Geruch nach Meerwasser stieg mir in die Nase und ich spürte, wie mich ein wohliger Schauer überkam. Ich liebte den Strand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz darauf sah ich, dass auch Mum wieder auf der Veranda stand und auf das Meer hinaus starrte. Sie tat das häufig. Eigentlich fast täglich, wenn das Wetter gut war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hey Mum“, begrüßte ich sie. „Bin wieder da.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber Mum reagierte nicht. Es wirkte nicht so, als hätte sie mich bemerkt, obwohl ich laut genug gesprochen hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Genau das meinte ich. Es war, als wäre sie in ihrer eigenen kleinen Welt gefangen. In diesen Momenten gab es nur sie und das Meer. Natürlich könnte das eine Form von Autismus sein oder irgendetwas Ähnliches, aber ich hatte etwas anderes im Verdacht. Etwas anderes, das noch so viel mehr erklären würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hier in Schottland gibt es alte Legenden von den sogenannten Selkies – Schottisch für „Robben“. Und genau das waren sie auch. Bei den Selkies soll es sich um große Robben handeln, die manchmal ihr Fell abstreifen, um als Menschen an Land zu wandeln. Wenn sie nun ihr Fell verloren oder es gestohlen wurde, waren sie dazu verdammt, auf ewig Menschen zu bleiben. Es heißt aber, dass sie die tiefe Sehnsucht nach der See, ihrem wahren Zuhause, nie verlieren sollen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und ja, ich weiß, wie das klingt. Mit 15 sollte man nicht mehr an solche Märchen glauben. Am Anfang war es auch bloß eine alberne Idee gewesen, die ich selbst für bescheuert gehalten hatte. Je mehr ich über die Selkies gelesen hatte, desto mehr erinnerten mich die Erzählungen jedoch an Mum. Als ich dann auch noch erfuhr, dass die Kinder von Selkies oft Schwimmhäute zwischen Fingern und Zehen haben … Seit jenem Tag betrachte ich meine Theorie jedenfalls als reelle Möglichkeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich ertappte mich dabei, wie ich wieder meine Narben musterte. Also ließ ich die Hände wieder sinken. Mum hatte mich noch immer nicht bemerkt und ich wollte sie nicht aus ihren Gedanken reißen, also ging ich weiter ins Haus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich bin wieder da!“, rief ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz darauf steckte Dad seinen Kopf aus dem Wohnzimmer. „Hi Callum“, grüßte er durch seinen vollen Bart. „Wie war die Schule?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„So wie immer“, antwortete ich vage.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Und Liam?“, fragte er weiter. „Wie geht es ihm? Freust du dich schon auf morgen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei dem Gedanken an meinen Freund musste ich sofort lächeln. „Ihm gehts gut. Und ja. Das tu ich. Apropos … Weißt du zufällig, wo unser Zelt ist? In der Garage konnte ich es gestern nicht finden.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dad überlegte einen Moment. „Puh. Es ist schon ewig her, dass wir das benutzt haben. Vielleicht liegt es auf dem Dachboden? Ich kann aber nicht versprechen, dass es nicht inzwischen völlig von Motten zerfressen ist.“ Er lächelte verspielt und zwinkerte mir zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Gesichtsausdruck musste daraufhin so entsetzt gewesen sein, dass Dad lachen musste. Er kam zu mir und wuschelte mir durch die Haare. „Keine Sorge. Wenn das Zelt wirklich kaputt ist, fahre ich persönlich morgen früh in die Stadt und hol dir ein neues. Oder wenn du es nicht finden kannst. Ihr könnt euren kleinen Abenteuerurlaub auf jeden Fall machen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt strahlte ich. „Danke Dad“, sagte ich und gab ihm eine flüchtige Umarmung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„In zwei Stunden gibt es Essen!“, rief er mir nach, während ich auf den Dachboden rannte.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf dem Dachboden roch es nach Staub. Nein, es roch nicht nur danach. Im schwachen Licht, das durch ein einzelnes Fenster fiel, sah ich die Staubpartikel durch die Luft tanzen. Und auch die Möbel, Kisten und anderen Dinge hier oben waren alle von einer dicken Staubschicht bedeckt. Ich war ewig nicht hier oben gewesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Neugierig sah ich mich um. Mein Blick fiel auf einen in sich zusammengesackten Fußball, auf dem das ausgeblichene Gesicht einer Cartoonkatze war. Auch er war von Staub bedeckt. Trotzdem weckte er bei mir sofort Erinnerungen. Meine Eltern hatten ihn mir geschenkt, als ich noch nicht einmal in der Schule war. Wie viele Nachmittage wir ihn hin und her gekickt hatten. Mein Dad hatte extra schlecht gespielt, damit ich überhaupt ein Tor schießen konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder merkte ich, dass ich lächelte, während ich meinen Blick weiterwandern ließ. Hier oben waren so viel Dinge – mir bekannte und unbekannte. Einige mussten von meinen Großeltern stammen. Alte schwarz-weiß Fotos auf einem uralt aussehenden Tisch. Andere von Dad oder von mir. Nur von Mum schien hier nicht wirklich etwas zu liegen. Auch ihre Eltern oder andere Familienmitglieder hatte ich nie kennengelernt. Es gab nicht einmal Fotos von ihnen. Wieder musste ich an meine Selkie-Theorie denken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schüttelte den Kopf. Deswegen war ich nicht hier. Wenn ich vor dem Essen noch irgendetwas erreichen wollte, musste ich mich an die Arbeit machen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem ich grob alles überflogen hatte, ohne dabei etwas zu finden, dass nach einem Zelt aussah, nahm ich mir die Kisten vor. In vielen von ihnen war Ramsch – altes Geschirr, Zeitschriften, aussortierte Wäsche. Ich ignorierte sie. Bei anderen hingegen fiel es mir weniger leicht, sie beiseitezuschieben. In ihnen lagen hauptsächlich alte Dinge von mir. An einer Kiste mit alten Spielsachen und Kuscheltieren verschwendete ich bestimmt eine Viertelstunde, obwohl von vornerein klar war, dass das Zelt nicht darin liegen würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch fand ich Dads alte Angelausrüstung. Sie lag auf einer unbeschrifteten Kiste. Auch hier schwelgte ich in Erinnerungen. Es war Jahre her, dass Dad und ich angeln waren. Warum auch? Fische fangen war immerhin sein Beruf. Da wollte er in seiner Freizeit sicherlich etwas anderes machen. Ich erinnerte mich an ein Lagerfeuer, über dem wir einen viel zu kleinen Fisch gebraten hatten – den einzigen Fisch, den ich an jenem Tag selbst gefangen hatte. Dad hatte mir geholfen, die Gräten zu entfernen, damit ich ihn essen konnte, ehe wir … zurück ins Zelt gegangen waren! Der Angelausflug war ein Campingtrip gewesen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hastig räumte ich die Angelausrüstung beiseite, um an die Kiste zu kommen. Vielleicht war ich dabei etwas unvorsichtig – die Ausrüstung fiel mir mit lautem Gepolter aus der Hand –, aber das war mir gerade egal. Sobald die Kiste frei war, klappte ich die obere Pappe beiseite. Darin lag … etwas Graues, Flauschiges. Unsicher griff ich danach. Es war eine Art dichter, weicher Stoff. Ich holte es aus der Kiste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz darauf lag die Robbenhaut ausgebreitet vor mir auf dem Boden. Sie war grau, mit dunklen Flecken und einem auffälligen hellen Muster in der Mitte – etwa dort, wo der Rücken der Robbe gewesen sein musste. Außerdem war es ungewöhnlich groß.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Selkies können ihr Robbenfell abstreifen, um als Menschen an Land zu wandeln“, murmelte ich. Konnte es sein? War das Mums Fell?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Gedanken kreisten. Sie wirbelten umher und überschlugen sich. Nehmen wir an, dass Mum tatsächlich eine Selkie ist. Warum lag ihr Fell dann auf dem Dachboden? Soweit ich mich erinnerte, hieß es, dass Selkies immer nach kurzer Zeit ins Wasser zurückgekehrt sind. Außer sie haben ihr Fell verloren. Oder es wurde gestohlen. Aber warum lag es dann hier oben. Dad würde doch nie …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurzerhand packte ich das schwere Fell und ging damit zurück ins Wohnzimmer. Meine Schritte stapften laut über die Holztreppe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Dad? Dad, was ist das?“, stellte ich ihn zur Rede.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst sah er neugierig auf. Dann weiteten sich jedoch seine Augen und er sah flüchtig zum Fenster. „Pack das weg“, flüsterte er leise. „Mum darf es nicht sehen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also war es wahr? „Warum nicht?“, hakte ich nach.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Es ist … Es ist ein Geschenk“, sagte er. Ich erkannte die Lüge sofort. Dad war noch nie ein guter Lügner gewesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ist Mum eine Selkie?“, fragte ich also direkt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Daraufhin klappte Dads Mund auf. Es kam aber kein Ton heraus. Er schloss und öffnete ihn wieder. Er sah aus wie ein Fisch, den man an Land geholt hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das reichte mir als Antwort. Also rannte ich weiter Richtung Haustür. Wenn das Mums Fell war, musste sie wissen, dass es im Haus lag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Callum! Warte!“, rief Dad, während er mir nachstürzt. Aber er war zu langsam. Ich war bereits nach draußen auf die Veranda getreten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dort stand Mum. Sie wandte die Augen vom Ozean ab – wahrscheinlich um zu sehen, was der Tumult sollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als sie mich sah, erstarrte sie. Oder besser gesagt als sie das Fell in meinen Händen sah. Ihre weit aufgerissenen Augen waren starr darauf gerichtet. Ungläubig tat sie einen Schritt auf mich zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich kenne dein Geheimnis, Mum“, sagte ich leise, während ich das Robbenfell hochhielt. Ich spürte, wie sich ein Kloß in meinem Hals bildete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt hatte auch Dad die Tür erreicht. „Selene, ich … Ich kann es erklären!“, sagte er schnell.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch Mum beachtete ihn gar nicht. Sie trat weiter auf mich zu, streckte die Hand nach dem Fell aus, zögerte dann jedoch. Ihre Hand griff stattdessen nach meiner Wange. Ihre dunklen Augen sahen tief in meine. „Und ich kenne dein Geheimnis“, sagte sie ruhig. „Dad und ich sehen doch, wie Liam und du einander anseht. Wir wissen es. Und wir freuen uns für euch.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt lächelte sie. Ich stand bloß da, spürte, wie mir heiß und kalt gleichzeitig wurde. „Ich … Wir …“, stammelte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mum streichelte meine Wange. „Es ist in Ordnung“, sagte sie sanft. Jetzt sah sie auch zu Dad. Auch ihn lächelte sie an. „Ich liebe euch.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann griff sie nach dem Fell, warf es sich über die Schultern und rannte den kleinen Abhang zum Strand hinunter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dad stürzte ihr sofort nach. „Selene! Selene!“, brüllte er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich blieb auf der Veranda stehen, sah dabei zu, wie Mum in die Wellen rannte und elegant wie eine Robbe darin verschwand. Nein. Nicht <em>wie</em> eine Robbe. <em>Als</em> Robbe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dad versuchte noch eine Weile, sie einzuholen, ehe er aufgab und völlig durchnässt aus dem Wasser stapfte. Er sackte am Strand in sich zusammen und weinte. Auch ich weinte jetzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war das letzte Mal, dass ich Mum gesehen habe. Zumindest in ihrer menschlichen Gestalt. Aber oft, wenn ich mit Liam am Strand bin, oder mit Dad auf seinem Kutter, kann ich unweit im Wasser eine Robbe entdecken. Eine Robbe mit einem auffällig hellen Muster auf ihrem Rücken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn ihr mich fragt, ob ich bereue, Mum ihr Fell wiedergegeben zu haben, so kann ich nur sagen, dass es das Richtige war. Klar, ich vermisse sie, aber sie ist ein Wesen des Meeres. Niemand sollte sie an Land gefangen halten. Auch nicht aus Liebe. Und ich denke, das hat auch Dad inzwischen eingesehen.</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Selkies (Schottisch für „Robben“), auch Silkies, Sylkies oder Selchies geschrieben, sind Wesen der keltischen Mythologie. Es handelt sich bei ihnen um Robben, die ihre Haut ablegen und sich so in Menschen verwandeln können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Oft werden sie als keltische Version der Meerjungfrauen-Legende bezeichnet.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In den meisten Geschichten sind sie weiblich, es gibt aber auch <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden">Legenden</a> über männliche Selkies.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie bereits erwähnt sind sie Gestaltwandler. In ihrer Robbenform sehen sie wie normale Robben aus. Es handelt sich dabei aber normalerweise um größere Arten als z. B. die in Deutschland heimische Kegelrobbe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Menschengestalt hingegen werden sie als besonders schön und anmutig beschrieben. Man sagt, dass sich Menschen aufgrund ihres Aussehens sehr schnell in Selkies verlieben können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Oft heißt es auch, dass sie dunkle Haare und/oder dunkle Augen hätten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die meiste Zeit sollen die Selkies in ihrer Robbengestalt im Meer verbringen. Es kommt jedoch vor, dass sie ihre Robbenhaut ablegen und sich so in einen Menschen verwandeln. In diesem Zustand müssen sie jedoch gut auf ihre Robbenhaut achtgeben. Wenn sie sie verlieren oder sie gestohlen wird, können sie sich nicht mehr in eine Robbe zurückverwandeln, bis sie ihre Haut wiederhaben. In diesem Zustand sollen sie sich intensiv nach dem Meer sehnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie oft bzw. wann sie ihr Robbenfell ablegen können, um sich zu verwandeln, kann je nach Version variieren. So heißt es manchmal, sie können sich nach Belieben verwandeln, andere Male heißt es hingegen, es ginge nur jede siebte oder neunte Nacht, nur bei Vollmond, nur einmal im Jahr (z. B. zur Sommersonnenwende) oder gar nur alle sieben Jahre.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den meisten Geschichten, die von weiblichen Selkies handeln, stiehlt ein Mann das Fell der Selkie, um sie dazu zu zwingen, an Land zu bleiben. Entweder wird die Selkie dadurch an den Mann gebunden oder sie weiß nicht, dass er das Fell besitzt. So oder so gehen die beiden daraufhin oft eine Beziehung ein. In den meisten Fällen heiraten sie und bekommen sogar Kinder. Irgendwann findet die Selkie das Robbenfell, woraufhin sie es überstreift und als Robbe ins Meer zurückkehrt. Im Normalfall kommt sie nie wieder zu ihrem Mann zurück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Kinder von Selkies haben oft Schwimmhäute zwischen den Fingern und Zehen. Auch sollen sie häufig weitere Eigenschaften wie z. B. die Schönheit oder eine Sehnsucht nach dem Meer von ihrem Selkie-Elternteil erben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einigen eher seltenen Legenden habe ich auch davon gelesen, dass Selkies das Wetter kontrollieren und somit Stürme heraufbeschwören können.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Männliche Selkies:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Die Eigenschaften der männlichen Selkies sind an sich identisch mit denen der weiblichen, jedoch unterscheiden sich ihre Legenden häufig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So sind männliche Selkies eher dafür bekannt, einsame oder unglücklich verheiratete Frauen zu verführen. Es heißt z. B., dass ein Selkie auftauchen soll, wenn eine Frau sieben Tränen ins Meer weint. In den Legenden verbringen die beiden daraufhin oft die Nacht zusammen, ehe der Selkie ins Meer zurückkehrt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Hauptsächlich stammen die Legenden über Selkies aus Schottland, besonders von den Orkney- und Shetlandinseln. Aber auch in anderen Küstenregionen Schottlands und an den Küsten Irlands sollen Selkies den Legenden nach anzutreffen sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt sogar einige Selkie-Legenden, die es bis nach Island und auf die Färöer geschafft haben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die ältesten Erwähnungen von Selkies, die ich finden konnte, stammen aus dem 13. Jahrhundert. Abgesehen davon, dass die Legenden aus Schottland stammen, ist über den Ursprung der Selkies jedoch nicht viel bekannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt aber einige Theorien dazu:</p>



<p class="wp-block-paragraph">So vermuten manche Folkloristen, dass es ein Erklärungsversuch für einige Krankheiten gewesen sein könnte, die zu gewissen Verformungen des Körpers von Kindern geführt haben. Als Beispiel wird hierbei Syndaktylie genannt, eine Krankheit, die in einigen Fällen für schwimmhautähnliche Verformungen zwischen zwei Fingern führen kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch besteht die Möglichkeit, dass sie metaphorisch gemeint sein und Frauen beschrieben haben könnte, die sich nicht in die damalige Gesellschaft eingefügt haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am interessantesten finde ich hingegen eine Theorie, die erst im 19. oder 20. Jahrhundert entstanden ist. Darin wird die Vermutung aufgestellt, dass in früherer Zeit, als die Schotten bereits Kontakt zu den Finnen und/oder Samen gehabt hatten, sie einige der Skandinavier in ihren aus Tierhäuten bestehenden Booten gesehen haben könnten. Besagte Boote schwammen nur so lange gut, wie die Tierhäute noch nicht völlig durchnässt waren. Sie mussten also gelegentlich an Land gehen, um ihre Boote und wahrscheinlich auch ihre (häufig aus Robbenpelz) bestehende Kleidung zu trocknen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn ein Finne oder Same also an Land gegangen ist, wo er sein Robbenfell abgelegt hat, hätte es durchaus so aussehen können, als habe er sich gerade von einer Robbe in einen Menschen verwandelt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Selkies in der Popkultur:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Aufgrund ihrer internationalen Bekanntheit gibt es zahlreiche Auftritte von Selkies in der modernen Popkultur.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In dem irischen Fantasy-Abenteuerfilm „Das Geheimnis des kleinen Seehundes“ (1994), der auf dem Roman „Secret of the Ron Mor Skerry“ (Englisch für „Das Geheimnis von Ron Mor Skerry“, 1957) von Rosalie K. Fry basiert, spielen Selkies eine zentrale Rolle.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weitere bekannte Selkie-Filme sind u. a. der irische Animationsfilm „Die Melodie des Meeres“ (2014), der australische Kinder-Abenteuerfilm „Selkie &#8211; Der Seehundmensch“ (2000) oder der irische Dramafilm „Ondine – Das Mädchen aus dem Meer“ (2009).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch gibt es diverse Bücher über Selkies, so z. B. der Fantasyroman „Sealskin“ („Robbenhaut“, 2016) von Su Bristow oder der Young Adult Roman „A Stranger Came Ashore“ („Ein Fremder kam an Land“, 1975) von Mollie Hunter.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von den Selkies? Hat euch die Geschichte gefallen? Und was würdet ihr tun, wenn ihr die Robbenhaut einer Selkie am Strand findet? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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		<title>The Green Ribbon – die grüne Schleife</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 14 Jul 2025 13:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>„Louise? Was hat es damit auf sich?“, fragte ich. „Mit der grünen Schleife meine ich. Seit wir uns kennen, hab ich dich nicht einmal ohne das Band um den Hals gesehen …“</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.geister-und-legenden.de/the-green-ribbon-die-gruene-schleife">The Green Ribbon – die grüne Schleife</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.geister-und-legenden.de">Geister und Legenden</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg02.met.vgwort.de/na/37dfe619132749b1b150e55490af65d6" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">The Green Ribbon war für viele Leute in den USA und Kanada der erste Einstieg in die Genres Grusel und Horror. Daher war es natürlich nur eine Frage der Zeit, bis ich diese berühmte Legende auf meinem Blog behandle.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Paris. Die Stadt der Liebe. Zumindest wenn es nach mir geht, ist diese Bezeichnung durchaus zutreffend. Immerhin habe ich hier die Liebe meines Lebens kennengelernt. Aber an sich war das nicht anders zu erwarten, wenn man seit Jahren in dieser Millionenstadt lebt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war ein warmer Sommerabend. Die Luft war schwül, aber in den Abendstunden nicht mehr so drückend, dass es unangenehm war. Ich saß an einem Tisch vor einem kleinen Café nahe des Place de la Concorde, aß ein Erdbeertörtchen und trank einen überteuerten Cappuccino. Wenn ihr mich gefragt hättet, hätte ich wahrscheinlich gesagt, dass es ein perfekter Sommerabend war. Und dann kam <em>sie</em> und machte ihn noch besser.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie trug ein grünes Sommerkleid, dazu einen breitkrempigen Strohhut und ein grünes Band mit Schleife um den Hals. In der Hand hielt sie einige Einkaufstüten. Wahrscheinlich war sie gerade von einem Einkaufsbummel durch die Stadt gekommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während sie an dem Café vorbeiging, trafen sich wie zufällig unsere Blicke und ich spürte, wie mein Herz einen Hüpfer machte. Die Frau schien es auch zu spüren. Zumindest hielt sie mitten in der Bewegung inne.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich weiß nicht, ob ihr an Liebe auf den ersten Blick glaubt, aber seit jenem Tag tue ich es. Für einen Moment kam es mir vor, als würde die Zeit um uns herum stehenbleiben. In diesem Moment gab es nur Louise und mich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann setzte sie sich wieder in Bewegung. Sie änderte die Richtung und kam direkt auf mich zu. „Bonjour. Mein Name ist Louise“, stellte sie sich vor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Gerard“, stellte auch ich mich vor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich deute auf den Stuhl mir gegenüber, um ihr zu zeigen, dass sie sich gerne setzen dürfe. Und das tat sie auch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich erinnere mich nicht mehr, worüber wir uns alles unterhalten hatten. Auf jeden Fall redeten wir viel über uns, unsere Jobs, unsere Hobbys, sogar unsere Familien. Louise lebte allein. Ihre Eltern waren gestorben, als sie noch ein junges Mädchen war. Seitdem hatte sie sich allein durchgekämpft und hangelte sich jetzt von einem Job zum nächsten. Aber es reichte aus, um sich die Miete für eine Wohnung in der Stadt leisten zu können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hingegen hatte mehr Glück im Leben gehabt. Ich hatte zwei mich liebende Eltern, die mir auch zu meinem Studium und später zu meinem Job verholfen hatten. Deshalb konnte ich mir als einigermaßen erfolgreicher Ingenieur ein schönes Leben machen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber natürlich unterhielten wir uns nicht nur über die großen Dinge. Wir sprachen auch über allerlei Belangloses. Jedenfalls saßen wir noch immer auf unseren Stühlen, als eine Kellnerin zu uns kam und uns freundlich darauf hinwies, dass sie bald schließen würden. Mir war gar nicht aufgefallen, wie spät es inzwischen war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also bezahlte ich unsere Rechnung – Louise hatte sich in der Zwischenzeit natürlich auch etwas bestellt –, ehe wir unsere Handynummern austauschten und ich mich glücklich auf den Heimweg machte. Ich hätte Luftsprünge machen können vor Freude. Um ehrlich zu sein, tat ich das sogar ein- oder zweimal. Louise hatte mich bereits bei unserem ersten Treffen in ihren Bann gezogen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und wie ihr euch sicher denken könnt, blieb es nicht bei diesem ersten Treffen. Innerhalb von einer Woche gingen wir gemeinsam Eis essen, ins Kino, in ein schickes Restaurant und sogar ins Musée du Louvre.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Louise sah dabei jedes Mal umwerfender aus. Sie hatte einen großartigen Modegeschmack und trug die verschiedensten Kleider und Accessoires. Was mir jedoch auffiel, war, dass sie hauptsächlich Grün trug. Und eine Sache, die sie immer umhatte, war das grüne Halsband mit der Schleife.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Versteht mich nicht falsch: Es war ein wunderschöner Stoff. Aber verglichen mit ihrer sonstigen Kleidung wirkte es fast ein wenig schlicht. Ich sprach sie das erste Mal darauf an, als wir gerade im Louvre waren. Seit unserer Ankunft hatte ich ihr fast mehr Aufmerksamkeit geschenkt als den Gemälden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Louise? Was hat es damit auf sich?“, fragte ich. „Mit der grünen Schleife meine ich. Seit wir uns kennen, hab ich dich nicht einmal ohne das Band um den Hals gesehen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Louise verkrampfte sich. Sie richtete sich ruckartig auf, als habe meine Frage sie erschreckt. Für einen kurzen Moment dachte ich sogar, dass sie gleich weglaufen würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann entspannte sie sich jedoch wieder. Sie lächelte mich an. „Ich lege das Band niemals ab“, sagte sie geheimnisvoll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mehr schien sie dazu nicht sagen zu wollen. Und ich drängte sie nicht weiter. Wir kannten einander kaum eine Woche. Da konnte ich nicht erwarten, dass sie mir all ihre Geheimnisse verraten würde. Also ließ ich es darauf beruhen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den folgenden Wochen und Monaten wurden wir beide schließlich ein Paar. Und in all der Zeit legte Louise das Band tatsächlich nie ab. Nicht ein einziges Mal.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sprach sie auch nicht mehr darauf an. Zumindest nicht, bis sie mit der grünen Schleife an ihrem Hals in die Dusche steigen wollte. Wir hatten einen Punkt in unserer Beziehung erreicht, in dem es uns nichts mehr ausmachte, wenn der andere mit uns im Badezimmer war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Warte, Schatz! Du hast das Band noch um“, wies ich sie darauf hin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder sah Louise mich mit großen Augen an. Sie legte sanft ihre Finger an den Stoff. Dann lächelte sie wieder. „Ach, Gerard. Ich sagte doch, dass ich das Band nicht abnehme.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Oh?“, sagte ich überrascht. Ich wusste ja nicht, dass sie es so wörtlich meinte. Trotzdem kannten wir einander jetzt etwas besser, weshalb ich mutiger war als damals im Louvre. „Aber warum nicht? Was hat das Band für eine Bedeutung?“, fragte ich also.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Louises Lächeln wirkte jetzt gequält, fast schon traurig. „Ich … Ich kann es dir nicht sagen“, erwiderte sie. „Tut mir leid.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich musterte sie und ihr Band einen Augenblick, ehe auch ich lächelte. „Ich verstehe“, sagte ich. „Du musst es mir nicht verraten. Wenn wir Glück haben, sind wir noch viele Jahre zusammen. Irgendwann komme ich deinen Geheimnissen schon auf die Schliche.“ Ich zwinkerte ihr zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anschließend ging sie mit ihrem Band in die Dusche.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Heutzutage wünschte ich jedoch, ich hätte mit meinen Worten Unrecht gehabt. Ich wünschte, ich hätte das Geheimnis ihrer grünen Schleife nie gelüftet.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein weiterer Moment, der mir lebhaft in Erinnerung geblieben ist, war ein gemeinsamer Strandbesuch. Ich lag in der Sonne, während Louise schwimmen gehen wollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich sah, dass sie mit ihrer grünen Schleife um den Hals Richtung Meer losging, hielt ich sie zurück. „Schatz! Dein grünes Band!“, sagte ich knapp.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Louise lächelte mich an. Wenigstens wirkte sie diesmal nicht erschrocken oder traurig. „Das ist schon in Ordnung“, sagte sie. „Ich nehme das Band nicht ab.“ Sie wandte sich wieder zum Meer, ehe sie mit ihrem grünen Band und einem farblich dazu passenden Bikini weiter ins kühle Nass ging.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Verwundert sah ich ihr nach. Ich akzeptierte, dass Louise ein Geheimnis vor mir hatte. Ich hatte mir lediglich Sorgen um den teuren Stoff gemacht. Wenn das Band Louise so wichtig war, warum nahm sie es dann mit in das salzige Meerwasser?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hatte es damit etwa mehr auf sich als ein rein emotionaler Wert? Vielleicht versteckte es eine Narbe oder etwas anderes an ihrem Hals, das ihr unangenehm war? Aber warum wechselte sie es dann nicht in einem ungesehenen Moment? Warum trug sie immer dasselbe grüne Band?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wusste es nicht. Und es sollte noch einige Zeit dauern, bis ich es endlich herausbekam.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Selbst bei unserer Hochzeit machte Louise keine Ausnahme. Die grüne Schleife war das Erste, was mir auffiel, während sie langsam den Gang entlang auf mich zuschritt. Nicht ihr weißes Kleid, nicht das Funkeln in ihren Augen, ihr glückliches Gesicht, sondern dieses verdammte grüne Band um ihren Hals. Es ärgerte mich, dass das Band mich so sehr beschäftigte, auch wenn ich es mir in diesem Moment nicht anmerken ließ.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Stattdessen strahlte ich Louise an. Immerhin sollte dieser Tag der schönste unseres Lebens werden, wenn man anderen Ehepaaren glaubt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann endlich stand sie vor mir. Meine wunderschöne Verlobte. Und trotzdem konnte ich den Blick kaum von dem Band lösen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nicht einmal heute?“, fragte ich leise. Ich tippte mir an den Hals, um anzudeuten, dass ich die grüne Schleife meinte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nicht einmal heute“, erwiderte Louise nur, während sie mir weiter verliebt in die Augen sah.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anschließend wandten wir uns dem Pastor zu, ehe wir uns kurze Zeit später das Ja-Wort gaben. Band hin oder her, ich hätte in diesem Moment nicht glücklicher sein können. Also versuchte ich, das Band den restlichen Tag zu ignorieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Tatsächlich gelang es mir ziemlich gut. Es gab alle möglichen Dinge, die mir an diesem Tag wichtiger waren. Zumindest, bis wir am Abend allein in unserer gemeinsamen Wohnung standen. Wieder fiel mein Blick auf die grüne Schleife.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Schatz“, begann ich. „Jetzt, wo wir verheiratet sind, möchtest du es mir nicht endlich sagen? Möchtest du mir nicht sagen, warum du das grüne Band nie ablegst?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Louises Blick wurde traurig. „Es tut mir leid. Ich will es dir ja sagen, aber es geht nicht“, erwiderte sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich biss mir auf die Zunge. Fast wünschte ich, ich hätte sie nicht danach gefragt. Ich wollte ihr nicht unseren Hochzeitstag verderben. Andererseits würden wir unser gesamtes restliches Leben miteinander verbringen. Es gefiel mir nicht, dass sie da noch immer ein Geheimnis vor mir hatte. Und so tat ich etwas, was ich für den Rest meines Lebens bereuen würde. Ich entschied, ihr heimlich die Schleife abzunehmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Über die Konsequenzen machte ich mir in dem Moment keine Gedanken. Aber selbst wenn, hätte ich mir niemals auch nur ansatzweise ausmalen können, wie schlimm es wirklich werden würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am Abend lagen Louise und ich gemeinsam im Bett. Ich wartete, bis sie tief und fest schlief, ehe ich mich langsam aufrichtete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für einen kurzen Moment betrachtete ich Louise bloß. Ich bewunderte, wie schön meine Frau war. Wie friedlich sie dalag. Dann jedoch gab ich mir einen Ruck und griff vorsichtig nach der Schleife. Mit zittrigen Fingern zog ich an einem der losen Bänder, um die Schleife zu lösen, währende ich sie mit der anderen Hand festhielt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Stück für Stück, Zentimeter für Zentimeter ließ sich das Band aus dem Knoten ziehen, während eine der Schlaufen immer kleiner wurde. Jetzt war sie kaum noch erkennbar. Plötzlich stoppte das Band jedoch. Das letzte Stück der Schlaufe verharrte vor dem Knoten. Mit einem sanften Ruck zog ich daran und die Schleife ging auf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im selben Moment wurde Louise wach. Erst sah sie mich bloß verschlafen an, riss dann aber weit die Augen auf, als sie realisierte, was geschehen war. Ich sah, wie ihre Augen feucht wurden und sich eine einsame Träne aus ihrem linken Auge löste. Sie rollte ihre Schläfe hinab, während Louise mich reglos anstarrte. Sie sagte kein einziges Wort. Stattdessen drehte sie bloß ihren Kopf zur Seite, um meinem Blick auszuweichen. Nein. Sie drehte ihn nicht, sondern er rollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit jetzt selbst vor Schreck geweiteten Augen musste ich mit ansehen, wie der Kopf meiner Ehefrau vom Kissen rollte. Er landete mit einem dumpfen <em>Bump</em> auf dem Boden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sah wieder zu ihrem Körper, der noch immer reglos auf dem Bett lag. Und jetzt erst erkannte ich, dass das Band mit der grünen Schleife das Einzige war, was Louises Kopf auf ihren Schultern gehalten hatte.</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">The Green Ribbon (Englisch für „Die grüne Schleife“), unter anderem auch „The Red Ribbon“ (Die rote Schleife) oder „The Velvet Ribbon“ (Die Samtschleife) genannt, ist eine ursprünglich französische Legende, die wahrscheinlich in der Zeit der Französischen Revolution entstanden ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerhalb von Frankreich ist sie hauptsächlich durch die Adaptationen von Washington Irving, dem Autor von „Sleepy Hollow“, sowie Alvin Schwartz, dem Autor der „Scary Stories to Tell in The Dark“-Reihe, bekannt geworden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Inzwischen wird „The Green Ribbon“ oft in verschiedensten Versionen als <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden">urbane Legende</a> erzählt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ablauf:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt verschiedene, teilweise sehr unterschiedliche Versionen von „The Green Ribbon“. Die Haupthandlung ist aber immer ähnlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Protagonist, im Normalfall ein Junge oder junger Mann lernt ein Mädchen bzw. eine junge Frau kennen. Sie trägt eine Schleife, ein Band, eine Kette, einen Choker oder Ähnliches um den Hals, den sie nie ablegt. Die Farbe des Accessoires ist im Normalfall grün, rot oder schwarz.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Mann und die Frau verlieben sich ineinander. Die Länge ihrer Beziehung kann variieren, es kommt währenddessen aber immer wieder vor, dass der Mann die Frau nach der grünen Schleife (oder was auch immer sie um den Hals trägt) fragt. Sie weicht seiner Frage jedoch jedes Mal aus und sagt bloß, dass sie die Schleife niemals ablegen darf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ab diesem Punkt gibt es zwei verschiedene Versionen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Entweder wird der Mann zu neugierig und entscheidet irgendwann, das Band ohne Erlaubnis von ihrem Hals zu nehmen – z. B. als sie schläft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Oder aber der Mann akzeptiert ihren Wunsch und nimmt das Band nie ab. In dieser Version werden die beiden oft gemeinsam alt, bis die Frau irgendwann sterbenskrank wird. Im Sterbebett erlaubt sie ihm schließlich, die grüne Schleife zu lösen und das Band zu entfernen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sobald das Band ab ist, fällt ihr der Kopf von den Schultern, der nur von dem Band gehalten wurde. Je nach Version ist sie daraufhin tot, es stellt sich heraus, dass sie ein <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister">Geist</a> war, ihr Kopf kann noch sprechen oder es wird nicht weiter erwähnt, was genau mit ihr los ist.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Alternative Versionen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt außerdem eine ältere Version, wie sie z. B. auch Washington Irving erzählt hat, die sich etwas mehr unterscheidet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In diesen Versionen lernen der Mann und die Frau einander kennen und verbringen die Nacht miteinander. Am nächsten Tag liegt die Frau jedoch tot im Bett.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als der Mann daraufhin die Polizei ruft, entfernen die Beamten das Band und ihr Kopf fällt von den Schultern. Es stellt sich heraus, dass sie am Vortag hingerichtet wurde und bereits tot war, als sie den Mann kennengelernt hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine weitere, wenn auch deutlich seltenere Alternative, ist, dass die Frau nicht geköpft, sondern erhängt wurde oder sich selbst erhängt hat. In diesen Versionen versteckt das Band um ihren Hals die Würgemale des Seils.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ort des Geschehens:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In den modernen Versionen spielt The Green Ribbon meist in dem Land, in dem die Geschichte erzählt wird – oft also in den USA und Kanada. In älteren Versionen spielt die Legende hingegen meist in Frankreich.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">„The Green Ribbon“ bzw. die Legende dahinter stammt aus Frankreich zur Zeit der Französischen Revolution (1789 bis 1799) als unzählige Menschen mit der Guillotine hingerichtet wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu damaliger Zeit war es in Mode, dass Frauen ein rotes Band oder eine rote Schleife um den Hals trugen. Es soll sogar einen Kleidungsstil namens „costume à la victime“ (Französisch für „Kostüm an das Opfer“) gegeben haben, der auf den „Bals des victimes“ (Französisch für „Opferbälle“) getragen wurde. Dazu gehörte oft ein rotes Band oder eine rote Schleife, die an die mit der Guillotine geköpften Opfer erinnern sollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wahrscheinlich ist die Legende aus dieser Mode in Kombination mit den unzähligen Geköpften entstanden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerhalb von Frankreich hat die Legende jedoch erst im nächsten Jahrhundert Anklang gefunden, als der US-amerikanische Schriftsteller Washington Irving die Legende 1824 in seiner Geschichte „Die Abenteuer eines deutschen Studenten“ adaptiert hat. Vier Jahre zuvor hatte Irving die weltberühmte Geschichte „Die Legende von Sleepy Hollow“ veröffentlicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Seitdem wurde die Legende noch von zahlreichen weiteren Personen publiziert – darunter Alexandre Dumas, dem Autor von „Die drei Musketiere“ und „Der Graf von Monte Christo“, als „Die Dame mit dem Samthalsband“ (1849) sowie von Gaston Leroux, dem Autor von „Das Phantom der Oper“ unter demselben Namen „La femme au collier de velours“ (Französisch für „Die Dame mit dem Samthalsband“, 1924).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die grüne Farbe und die heutige Bekanntheit in Amerika erlangte die Legende jedoch erst durch die Kurzgeschichte „The Green Ribbon“ (1984) von Alvin Schwartz. Die Geschichte erschien in dem sich an Zweitklässler richtenden Bilderbuch „In a Dark, Dark Room and Other Scary Stories“ (Englisch für „In einem dunklen, dunklen Raum und andere unheimliche Geschichten“) und wurde in vielen Schulen als Lehrmaterial genutzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Daraus entstand schließlich auch die moderne urbane Legende „The Green Ribbon“, die sich heutzutage besonders gern unter Kindern erzählt wird.</p>



<h3 class="wp-block-heading">The Green Ribbon in der Popkultur:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wie bereits erwähnt wurde die Legende „The Green Ribbon“ in vielen Kurzgeschichten aufgegriffen. Darunter z. B. „The Velvet Ribbon“ (Englisch für „Die Samtschleife“, 1970) von Ann McGovern in „Ghostly Fun“ („Geisterhafter Spaß“), „The Black Velvet Ribbon („Die schwarze Samtschleife“, 1977) von Judith Bauer Stamper in „Tales for the Midnight Hour“ („Geschichten für die Mitternachtsstunde“) und das bereits erwähnte „The Green Ribbon“ (1984) von Alvin Schwartz in „In a Dark, Dark Room and Other Scary Stories“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darüber hinaus gibt es diverse Kurzfilme über die Legende, sie wurde in dem US-amerikanischen Horrorfilm „Campfire Tales“ („Lagerfeuergeschichten“, 1997) aufgegriffen und spielt eine Rolle in der Comicreihe sowie dem gleichnamigen Videospiel „The Wolf Among Us“ („Der Wolf unter uns“).</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Wie sieht es mit euch aus? Was haltet ihr von „The Green Ribbon“? Kanntet ihr die Geschichte bereits? Und wenn ja, wo habt ihr sie kennengelernt? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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		<title>Der kopflose Reiter – Er darf dich nicht berühren! (überarbeitet)</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 14 Apr 2025 13:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Ich fuhr herum. Am Anfang sah ich noch gar nichts. Dann jedoch erschien im Licht meines Handys eine Gestalt auf einem Pferd – der kopflose Reiter. Langsam, fast gespenstisch kam er auf mich zu …</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg08.met.vgwort.de/na/493f350e2cec4cf6b41b3f41c59fc521" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Der kopflose Reiter war die erste <a href="http://geister-und-legenden.de/geschichten/deutsche-legenden">deutsche Legende</a>, die ich 2019 auf meinem Blog behandelt habe. Sie war auch eine der ersten Geschichten, die von jemandem vertont wurde, auch wenn das YouTube-Video von Johanna Christin leider nicht mehr online ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hoffe, euch gefällt meine überarbeitete Fassung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen (Achtung Spoiler!) </strong></summary>
<p>&#8211; Tod<br>
&#8211; Trauer</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Ich rümpfte die Nase. Obwohl wir schon eine Woche hier waren, hatte ich mich noch immer nicht an den Geruch nach Kuhdung gewöhnt, der fast durchgehend in der Luft lag. Als Stadtmensch kannte ich so etwas gar nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hennes, mein Verlobter, war hier hingegen aufgewachsen. Es war seine Idee gewesen, für eine Woche ins Rheinland zu fahren, in das Dorf, wo er seine gesamte Kindheit verbracht hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für mich war das eine ganz neue Erfahrung. In der Stadt waren die Menschen nichts als fremde Gesichter, die an mir vorbeizogen. Klar hatten sie alle ihre eigenen Probleme und Geschichten, aber sie behielten sie für gewöhnlich für sich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hier auf Land hingegen war das völlig anders. Die Leute waren alle so nett, grüßten Hennes sogar beim Namen, obwohl er schon vor vielen Jahren hier weggezogen war. Wie oft wir stehengeblieben waren, um mit einem alten Bekannten zu quatschen. Und obwohl Hennes mit ihnen viel über seine Kindheit redete, hatte ich nie das Gefühl, das fünfte Rad am Wagen zu sein. Sie banden mich in die Gespräche ein, fragten mich nach meiner Meinung oder erzählten mir Anekdoten aus Hennes‘ Jugend.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nie hätte ich gedacht, dass ein schlichter Urlaub auf dem Land so traumhaft werden könnte. Doch wie bei so vielen Dingen sollte auch hier aus einem Traum ein Albtraum werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war der letzte Abend vor der Heimreise. Gleichzeitig war es das erste Mal, dass ich mich in dem kleinen Dorf unwohl fühlte. Es war fast so, als hätte ich etwas geahnt, während wir auf dem Weg zu der Kneipe, in der Hennes immer als Jugendlicher mit seinen Freuden abgehangen hatte, eine Abkürzung über einen kleinen Feldweg nahmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Obwohl Hennes einen Arm um mich gelegt hatte, um mich zu wärmen, fröstelte ich. Schweigend gingen wir nebeneinander her. Unsere Schritte knirschten im Kies, Grillen zirpten in den Feldern. Dann plötzlich mischte sich Hufgetrappel in die Geräuschkulisse.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hennes und ich sahen einander fragend an. Wir dachten genau dasselbe: Wer ritt zu so später Stunde noch ein Pferd aus? Die Sonne war längst untergegangen. Das einzige Licht kam von den letzten Momenten der Dämmerung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Neugierig blickten wir dem Reiter entgegen, der gemächlich auf uns zu getrabt kam. Gerade jedoch, als ich mich an den Wegesrand stellen wollte, um ihn vorbeizulassen, fiel mein Blick auf seinen Kopf – oder eher auf die Stelle, wo sein Kopf hätte sein müssen. Der Platz zwischen seinen Schultern war leer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein spitzer Schrei entfuhr mir, als ich es bemerkte. Hennes trat sofort schützend vor mich. Der Kopflose ließ sich davon nicht beirren. Stattdessen brachte er sein Pferd direkt vor uns zum Stehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hennes wich einen Schritt zurück, während er zu ihm aufsah. Doch von Angst fehlte in seiner Stimme jede Spur. „Hey!“, sagte er laut. „Findest du es witzig, meine Freundin so zu erschrecken?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Fast rechnete ich damit, dass der Mann sich entschuldigte, uns erklärte, dass er bloß zu einer Kostümparty unterwegs sei. Es hätte zu meinem Eindruck von den sonstigen Bewohnern des Dorfes gepasst. Er blieb jedoch einfach nur stumm stehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich merkte, wie Hennes versuchte, sich möglichst groß zu machen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Schatz, lass ihn einfach vorbei“, drängte ich ihn, während ich an seinem Ärmel zupfte. Ich hatte keine Lust auf Streit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hennes sah das jedoch anders. „Ohne Entschuldigung?“, fragte mein Verlobter. „Na warte, gleich wissen wir, wer sich unter dem Kostüm versteckt. Mal sehen, wie gruselig du dann noch bist!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hennes …“, drängte ich erneut. Aber er hörte nicht auf mich. Ich unterdrückte ein Augenrollen. Männer und ihr Machogehabe. Dass sie immer denken mussten, uns Frauen irgendetwas beweisen zu müssen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er ging einen kleinen Bogen um den Kopf des Pferdes herum und trat seitlich an den noch immer reglosen Reiter heran. Dort griff er nach seiner Jacke.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Kopflose reagierte blitzschnell. Noch ehe Hennes an dem Stoff zerren konnte, packte der Fremde ihn am Handgelenk. Er hielt ihn eisern fest. Im selben Augenblick stieß mein Verlobter überrascht den Atem aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für einen Moment bewegte sich niemand von uns. Ich hörte, wie mein Herz raste, während Hennes den Fremden bloß reglos anstarrte. Dann plötzlich ließ der Reiter meinen Verlobten los. Er setzte sich mit seinem Pferd wieder in Bewegung und ritt langsam an uns vorbei. Bald war er wieder in der Dunkelheit verschwunden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wandte ich mich zu meinen Verlobten. Er hatte sich noch immer keinen Zentimeter bewegt. „Hennes? Hennes, alles in Ordnung?“, fragte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das löste ihn aus seiner Starre. Er sah zu mir, sein Blick suchte meinen. „Ich … weiß nicht. Das war seltsam. Seine Berührung war eiskalt.“</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Den restlichen Weg zur Kneipe legten wir mit schnellen Schritten zurück. Ich war erleichtert, als wir den dunklen Feldweg hinter uns ließen und endlich wieder über beleuchtete Straßen gingen. Trotzdem sprachen Hennes und ich kein einziges Wort, bis wir die Kneipe erreichten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Gebäude war nicht sonderlich viel los. Zwar gab es einige Grüppchen, die an verschiedenen Tischen zusammensaßen, aber Hennes schien niemanden von ihnen zu erkennen. Also setzten wir uns auf zwei Barhocker und bestellten zwei Bier, die die Gastwirtin sofort für uns abzapfte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sah zu Hennes. „Du bist immer noch ganz blass.“ Besorgt streichelte ich seinen Arm.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er zuckte mit den Schultern. „Ich weiß auch nicht. Ich muss die ganze Zeit an seine Berührung denken. Sie war so furchtbar kalt. Unnatürlich kalt.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich zog die Augenbrauen zusammen. „Aber das war doch nur ein Kostüm, oder?“, fragte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hennes gab mir ein schwaches Lächeln. Wieder ein Schulterzucken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ach Schatz, es gibt keine Kopflosen. Lass dir von dem Idioten doch keine Angst machen!“ Er konnte nicht ernsthaft glauben, dass das ein Geist gewesen war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hennes reagierte nicht. Er starrte bloß gedankenverloren die Theke an, auf die die Gastwirtin jetzt unser Bier stellte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dafür erregten meine Worte die Aufmerksamkeit von jemand anderem: Ein Mann einige Hocker weiter sah zu uns. Er erhob sich und torkelte in unsere Richtung. „Ihr habt ihn gesehen, nicht war?“, lallte er. Ich roch seine Fahne bis hier. „Den kopflosen Reiter?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sah ihn mit großen Augen an. „Kennen Sie den Bekloppten etwa? Verkleidet er sich häufiger?“, fragte ich. Ich hoffte, dass es einfach bejahen würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber natürlich tat er das nicht. „Verkleidet? Meine Liebe, das ist keine Verkleidung“, lallte er mir entgegen. „Er trägt wirklich keinen Kopf mehr auf seinen Schultern.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hennes, dar gerade sein Bier an die Lippen heben wollte, erstarrte in der Bewegung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Betrunkene fuhr unbeirrt fort. „Aber keine Sorge. An sich ist er harmlos. Das einzig Wichtige bei Begegnungen mit Wiedergängern wie ihm ist aber, dass ihr sie auf keinen Fall berührt. So eine Berührung kann tödlich enden.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt merkte ich, wie auch mein Herz Richtung Hose rutschte. Aber das war doch irrsinnig. Es gab keine Geister. Wen auch immer wir da gesehen hatten, ich war mir sicher, es war bloß irgendein Typ.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hennes hingegen schien der Betrunkene gehörig den Abend verdorben zu haben. Ich sah, wie er einen Zehn-Euro-Schein auf die Theke legte und nach seiner Jacke griff. „Komm Anni, wir gehen!“</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf dem Weg zum Gasthof sagte Hennes kein einziges Wort mehr. Ich versuchte, ihm zu erklären, dass der Betrunkene sicher auch nur irgendein Spinner war, genau wie der kopflose Reiter, aber er hörte mir gar nicht richtig zu. Stattdessen ging er so schnell, dass ich Schwierigkeiten hatte, mit ihm mitzuhalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Verschnaufpause erlaubte er mir erst, als wir sicher auf unserem Zimmer angekommen waren. Dort ging er fast sofort ins Bett.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es sah Hennes nicht ähnlich, so still zu sein. Auch war er noch immer ungewöhnlich blass. Ich machte mir Sorgen um ihn.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jedoch war es erst am nächsten Morgen, dass ich Angst um ihn bekam. Er war eiskalt und zitterte am ganzen Körper. Als ich versuchte, mit ihm zu reden, sah er mich bloß an, gab aber keinen einzigen Laut von sich. Ich fuhr sofort mit ihm ins Krankenhaus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die folgenden Tage waren die schmerzhaftesten meines Lebens. Ich konnte nichts tun, als zuzusehen, wie Hennes von Tag zu Tag schwächer wurde. Und auch die Ärzte waren völlig ratlos.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eines Abends saß ich – wie jeden Tag – bei Hennes am Bett. Ich war eingeschlafen, lag vornübergebeugt, während ich seine Hand hielt. Da weckte mich eine schwache Stimme.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Anni?“, fragte Hennes schwach.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hatte schon immer einen sehr leichten Schlaf, weshalb ich sofort davon wach wurde. „Hennes!“, rief ich. „Du bist wach! Wie fühlst du dich? Kann ich irgendetwas …“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weiter kam ich nicht. Hennes hatte seine zittrige Hand gehoben und hielt mir einen Finger an die Lippen. „Bitte. Du musst was für mich erledigen“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Alles. Was auch immer du brauchst.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann sagte er jedoch etwas, mit dem ich nicht gerechnet hatte. „Hilf dem kopflosen Reiter. Er kann nichts dafür.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schlagartig richtete ich mich auf. „Was? Wieso?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch ich bekam keine Antwort mehr. Hennes war bereits wieder eingeschlafen.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">An die Hoffnung geklammert, dass ich meinem Verlobten damit auf irgendeine noch so seltsame Weise helfen könne, fuhr ich direkt in das Dorf zurück. Meine erste Anlaufstelle war die Kneipe. So verzweifelt mir der Gedanke auch vorkam, der Betrunkene von neulich war die einzige Person, die auf jeden Fall mehr über den kopflosen Reiter wusste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu meinem Glück war der Mann trotz der späten Stunde tatsächlich noch in der Kneipe … an einem Mittwoch. Na toll. Er schien jedenfalls zu den Stammalkis des Dorfes zu gehören. Trotzdem war er noch ansprechbar und beantwortete meine Fragen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Für deinen Verlobten ist es zu spät“, lallte er. Von seinem Atem wurde ich fast selbst betrunken. „Aber wenn du dem Kopflosen wirklich helfen willst, soll es den Legenden nach ausreichen, wenn du vor ihm ein Gebet aufsagst. Das Vaterunser oder was weiß ich.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel mehr konnte er mir zwar nicht verraten, aber ich nahm, was ich kriegen konnte. Sofort lief ich zum Feldweg zurück. Als ich den Pfad erreichte, zögerte ich jedoch. Er lag dunkel vor mir. Irgendwie unheimlich. Aber das würde mich heute nicht aufhalten. Ich musste es tun. Für Hennes. Zwar hatte der Alki gesagt, ich könne meinem Verlobten nicht mehr helfen. Aber woher wollte er das wissen? Anscheinend hatte es ja noch niemand geschafft, den Kopflosen von seinem Schicksal zu erlösen. Sicherlich irrte er sich. Er <em>musste</em> sich irren!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hastig eilte ich den Weg entlang. Ich nutzte mein Handy, um den Pfad zu erleuchten, aber auch das spendete mir kaum Licht. Erst, als ich in etwa den Ort erreicht hatte, wo wir dem Reiter das erste Mal begegnet waren, blieb ich stehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war windig. Die Blätter säuselten und flüsterten um mich herum. Und auch die Grillen zirpten heute anders, irgendwie trauriger als letztes Mal.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt wartete ich. Und wartete. Und wartete. Meine Augen begannen bereits immer wieder zuzufallen. Meine Beine schmerzten. Da trug der Wind ein anderes Geräusch zu mir herüber: Hufgetrappel.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich fuhr herum. Am Anfang sah ich noch gar nichts. Dann jedoch erschien im Licht meines Handys eine Gestalt auf einem Pferd – der kopflose Reiter. Langsam, fast gespenstisch kam er auf mich zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich spürte, wie sich eine Gänsehaut über meinen Körper zog. Trotzdem blieb ich völlig ruhig stehen, während er näherkam.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt war er direkt vor mir. Sein Pferd bäumte sich auf, gab ein lautes Wiehern von sich. Ich erschrak, kämpfte aber gegen den Drang an, davonzulaufen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schluckte schwer. Dann endlich begann ich, das Vaterunser aufzusagen, das ich noch gut aus dem Konfirmationsunterricht kannte. „Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name …“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der kopflose Reiter stand jetzt völlig ruhig da.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ehrfürchtig sah ich zu ihm auf. „Dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden“, fuhr ich fort.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann plötzlich schwang der Mann sich von seinem Pferd. Ich trat schnell einen Schritt zurück, um ihm nicht zu nahe zu kommen, sagte das Gebet aber unbeirrt weiter auf. Zum Glück blieb der Mann neben seinem Pferd stehen. Mir fiel auf, wie klein er eigentlich war. Nicht nur, weil sein Kopf fehlte, sondern auch mit musste er noch immer kleiner gewesen sein als ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich das Gebet beendete, schien er mich die ganze Zeit zu beobachten – zumindest soweit jemand ohne Kopf einen beobachten konnte. Erst, als ich den heiligen Text mit dem „Amen“ beendete, bewegte er sich. Oder nein, er bewegte sich nicht, er veränderte sich. Seine dunkle Kleidung verwandelte sich, bis er in ein sauberes weißes Tuch gehüllt vor mir stand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für einen Moment sah es so aus, als würde er seinen Körper betrachten, an sich heruntersehen wollen. Dann trat er einen Schritt auf mich zu. Er streckte die Arme nach mir aus, umfasste meine Hände in einer eiskalten Berührung mit den seinen, drückte sie kurz dankbar und war verschwunden. Jetzt war ich wieder allein. Von dem Mann und seinem Pferd fehlte jede Spur.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unsicher, was ich tun oder auch nur denken sollte, blieb ich noch eine Weile reglos stehen. Was war da gerade passiert? Hatte ich ihn tatsächlich erlöst? Ich wusste es nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Irgendwann, ich hatte keine Ahnung, wie lange ich dort stand, riss mich das Klingeln meines Handys aus den Gedanken. Ich ging ran.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Anni Winkler“, meldete ich mich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Guten Abend Frau Winkler, hier ist das Krankenhaus“, antwortete eine Frauenstimme. „Es tut mir sehr leid, es ihnen mitteilen zu müssen, aber Ihr Verlobter ist gerade verstorben.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frau erzählte noch irgendetwas von psychologischer Unterstützung, aber ich hörte ihr gar nicht mehr richtig zu. Hennes war tot. Er würde nie wieder zu mir zurückkehren. Mich nie wieder in seinen sanften Armen halten. Nie wieder meinen Namen rufen. Tränen stiegen mir in die Augen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann fiel mein Blick auf meine Hände. Auch ich hatte den kopflosen Reiter berührt. Wenn Hennes trotzdem gestorben war, obwohl ich den Reiter gerettet hatte, würde mich dann dasselbe Schicksal ereilen? Würde ich auch sterben müssen? Oder war der Wiedergänger in seinem erlösten Zustand ungefährlich?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Antwort auf diese Frage bekam ich bereits am nächsten Morgen. Mir war eiskalt und ich zitterte am ganzen Körper. Es war dasselbe Zittern, das bereits Hennes‘ Tod angekündigt hatte.</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der kopflose Reiter ist ein Wiedergänger, also ein Untoter, der deutschen Sagenwelt. Jedoch ist der Name „der“ kopflose Reiter nicht ganz zutreffend, da es nicht nur einen, sondern viele kopflose Reiter geben soll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der irischen Mythologie gibt es ebenfalls kopflose Reiter, wo sie als Dullahan bezeichnet werden. Sie unterscheiden sich jedoch in ihren Eigenschaften von der deutschen Sagengestalt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Das Aussehen der kopflosen Reiter ist – von dem fehlenden Kopf und dem Pferd einmal abgesehen – meist nicht genauer beschrieben. Es ist jedoch anzunehmen, dass sie altertümliche Kleidung tragen, da die meisten der Legenden aus dem Mittelalter stammen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einigen Sagen haben sie ihren abgetrennten Kopf sogar bei sich, tragen ihn jedoch unter dem Arm oder haben ihn in ihrem Schoß liegen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Kopflose Reiter tauchen ausschließlich nachts auf. Sie sind an sich harmlos, haben keine bösen Absichten und versuchen auch nicht, den Menschen zu schaden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es heißt jedoch, dass ihr Auftauchen eine Warnung sein kann. So ist in einigen Quellen von einem baldigen Tod die Rede, wenn man einen kopflosen Reiter sieht, in anderen erscheinen sie hauptsächlich kriminellen Menschen, um ihnen zu zeigen, dass ihnen dasselbe Schicksal wie ihnen blühen könne und sie so auf den rechten Weg zurückzuführen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem kann die Begegnung mit einem kopflosen Reiter gefährlich sein oder so tödlich ausgehen. Denn obwohl sie nicht versuchen, den Menschen zu schaden, ist die Berührung eines Wiedergängers tödlich. Wenn man den kopflosen Reiter also in irgendeiner Weise berührt, kann das innerhalb weniger Tage zum Tod führen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Andererseits soll es sehr einfach sein, einen kopflosen Reiter zu erlösen. Laut den Legenden muss man dafür lediglich ein Gebet laut aufsagen oder den Reiter sogar nur mit einem Gruß anreden, in dem Gott oder Christus vorkommt. Daraufhin soll der Reiter in ein weißes Leichentuch gehüllt erscheinen und sich bedanken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch auch dann darf man nicht den Fehler machen und den Wiedergänger berühren, da seine Berührung auch in diesem Zustand noch immer töten soll.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die meisten Legenden und Berichte von kopflosen Reitern gab es im Rheinland. Es ist jedoch möglich, dass Sichtungen an anderen Orten lediglich nicht bis zum heutigen Tag überliefert wurden, die Wiedergänger also deutlich weiter verbreitet waren.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der genaue Ursprung des kopflosen Reiters ist nicht bekannt. Es lassen sich jedoch kirchliche Einflüsse in den meisten Berichten finden. Eine weit verbreitete Theorie besagt, dass die Legende als Warnung entstanden ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So hieß es z. B. oft, dass die kopflosen Reiter zu Lebzeiten entweder Verbrecher waren, die durch Köpfung hingerichtet wurden, oder Selbstmörder, deren Leichen bis ins 17. Jahrhundert ebenfalls geköpft und anschließend an ungeweihter Stelle begraben wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine andere Entstehungsgeschichte besagt, dass sie Menschen waren, die den Grenzstein ihres Grundstücks versetzt haben. Früher wurden die Grundstücke der einfachen Bürger nämlich nur durch Grenzsteine markiert. Wenn jemand heimlich den Grenzstein versetzt hat, konnte er somit unerlaubt sein eigenes Grundstück vergrößern, während seine Nachbarn darunter gelitten haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine mögliche, wenn auch nur selten durchgeführte Strafe dafür war, dass der Schuldige bis zum Kopf in der Erde begraben wurde. Daraufhin durfte der Geschädigte – dessen Grundstück verkleinert worden wäre – so lange mit seinem Pflug über den Kopf des Schuldigen pflügen, bis von ihm fast nichts mehr übrig war.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Der kopflose Reiter in der Popkultur:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">An dieser Stelle komme ich wohl nicht um Sleepy Hollow herum. Die Verfilmungen, darunter auch der bekannte Film „Sleepy Hollow“ (1999) mit Johnny Depp, aber auch die Buchvorlage „Die Sage von der schläfrigen Schlucht“ (1820) von Washington Irving beinhalten den kopflosen Reiter als Antagonisten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch spielt der Wiedergänger in der Folge „Der kopflose Reiter“ von DiE DR3i eine entscheidende Rolle. (Falls ihr „DiE DR3i“ nicht mehr kennt, dabei handelt es sich um eine Parallelreihe zu „Die drei ???“, die wegen eines Rechtsstreits statt der originalen Hörpielreihe von 2006 bis 2007 erschien.)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem findet man den kopflosen Reiter in zahlreichen anderen Filmen, als NPC in Videospielen wie The Elder Scrolls oder World of Warcraft und sogar als eigene Karte des beliebten Sammelkartenspiels Magic: The Gathering.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von der Legende der kopflosen Reiter? Kanntet ihr sie bereits? Wusstet ihr, dass es eine deutsche Legende ist? Wie würdet ihr reagieren, wenn ihr einem kopflosen Reiter begegnet? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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<p class="wp-block-paragraph"></p>
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		<title>The Owlman of Mawnan – der Eulenmann von Cornwall</title>
		<link>https://www.geister-und-legenden.de/the-owlman-of-mawnan</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 10 Mar 2025 14:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Geschichten]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Das „Was ist?“ blieb mir jedoch im Halse stecken. Als ich ihrem Blick folgte, fiel mir fast sofort eine große silbergraue Gestalt auf. Sie war am ganzen Körper mit Federn bedeckt, hatte jedoch keinen Schnabel, sondern einen klaffenden schwarzen Mund …</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg02.met.vgwort.de/na/a7ffc5f88ebc40deadbe7b3d23e516c6" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">The Owlman of Mawnan ist eine <a href="https://geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">urbane Legende</a>, die ich schon ewig auf meiner Liste habe. Und da ich schon lange nicht mehr über eine Legende aus England (oder Großbritannien generell) geschrieben habe, dachte ich, ist der Zeitpunkt gerade günstig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">„Margarete, es ist schon fast 9“, jammerte Valerie, während wir die schmale Straße zur Kirche entlanggingen. „Meine Eltern bringen mich um, wenn ich zu spät nach Hause komme.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber ich blieb stur. „Nein. Wir gehen erst, wenn wir die Eule gefunden haben. Und die kommen nunmal erst raus, wenn es dunkel wird.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Den Owlman“, korrigierte mich Valerie. Mehr Widerworte gab sie jedoch nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Owlman war eine lokale Legende. Ein Mythos. Angeblich hatten einige Mädchen ihn hier in der Gegend gesehen. Ein graugefiedertes Wesen, halb Mensch, halb Vogel. Ich schnaubte belustigt. Wer’s glaubt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Allerdings hatten Valerie und ich uns deswegen ziemlich in die Haare bekommen. Eine Freundin ihrer Schwester hatte behauptet, den Owlman gesehen zu haben. Seitdem war sie davon überzeugt, dass es die Märchengestalt wirklich geben müsse.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und natürlich war es meine Aufgabe als ihre beste Freundin, sie von diesem Irrglauben abzubringen. Also hatte ich sie überredet, an diesem warmen Sommerabend mit mir hier rauszukommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Inzwischen hatten wir das alte Kirchengebäude der St Mawnan and St Steven’s Church erreicht. Zu unserer Rechten konnte ich einige Grabsteine sehen. Sie waren alt, die Schrift kaum noch leserlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein nächster Blick galt dem steinernen Kirchturm. Hier sollte der Owlman das erste Mal gesehen worden sein. Aber wahrscheinlich hatten die beiden Mädchen nur eine Eule gesehen, die über den Kirchturm kreiste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schnell ging ich weiter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Warte auf mich!“, rief Valerie mir nach.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war offensichtlich, dass sie gerade nicht allein sein wollte, also wartete ich, bis sie weder neben mir war. Gemeinsam gingen wir direkt auf die Grabsteine zu, um um die Kirche herumzugehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf der anderen Seite des alten Gebäudes wurden wir von einem noch größeren Friedhof begrüßt. Zahlreiche Reihen alter Grabsteine standen vor uns, nur unterbrochen von gelegentlichen Bäumen, die aus dem viel zu hohen Gras wuchsen. Es war nicht so hoch, dass wir nicht mehr laufen konnten, aber es hatte nichts mit dem englischen Rasen aus unserem Garten gemein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich ließ den Blick schweifen. Wir waren umringt von Bäumen, die in das Licht der allmählich untergehenden Sonne getaucht waren. Zwischen ihnen hindurch konnte ich den Ärmelkanal sehen. Die Szenerie war untermalt von dem bunten Abendgesang der Vögel.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war wunderschön hier, allerdings verliehen das alte Kirchengebäude und der umliegende Friedhof dem Ganzen eine unheimliche Stimmung. Abgerundet mit dem kleinen dunklen Wald, der den Friedhof umgab, war es also kein Wunder, dass einige Kinder eine harmlose Eule für den Owlman gehalten hatten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem war es für mich völlig undenkbar, dass sich in einem so kleinen Waldstück ein menschengroßes Monster unbemerkt verstecken konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Angefangen hatte das Gerücht damit, dass Touristen, zwei junge Mädchen im Alter von 9 und 12 Jahren, den Owlman über dem Kirchturm gesehen hatten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber es sollte nicht bei dieser einen Sichtung bleiben. Drei Monate später entdeckten zwei 14-jährige Mädchen erneut den Owlman im Wald. Sie berichteten von einem unnormal großen Vogel mit silbergrauem Gefieder und rot leuchtenden Augen, der auf dem Boden gestanden haben soll. Nachdem er die beiden Mädchen bemerkt hatte, soll er sich mit seinen riesigen Schwingen in die Luft erhoben haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sagte es ja bereits: eine Eule. Die Fantasie hatte den vier Mädchen Streiche gespielt. Klar, es musste ein recht großes Tier gewesen sein, aber das war immer noch wahrscheinlicher als irgendein Monster.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als Nächstes wandten wir uns einem kleinen Dreckweg zu, der vom Friedhof in Richtung Ärmelkanal führte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er verlief direkt durch ein Waldstück, das aus knorrigen Bäumen bestand. Nachdem wir einige Meter gegangen waren, konnte ich mir gut vorstellen, wie die Umgebung der Fantasie einen Streich spielen konnte. Hätte ich ein Foto des Orts gesehen, hätte ich nicht sagen können, ob es nur ein kleiner oder ein riesiger Wald gewesen wäre. Nichts deutete darauf hin, dass wir uns mitten in der Zivilisation, geschweige denn direkt am Ärmelkanal befanden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber auch davon ließ ich mich nicht verunsichern. Schnell gingen wir den Weg entlang, während ich die Bäume im Auge behielt. Ich suchte nach irgendetwas, das auf eine Eule hinweisen konnte, Kotspuren oder Ähnliches.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu meiner Enttäuschung fand ich nichts. Wir folgten dem Weg eine schmale Holztreppe hinunter, von wo aus wir den Ärmelkanal hinter einigen Bäumen sehen konnten. Auch hörte ich jetzt das leise Rauschen der Wellen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Danach schlängelte sich der Weg einen kleinen Abhang hinunter, ehe er in beide Richtungen parallel zum Gewässer verlief. Wir gingen nach rechts, wo der Weg nach einigen Dutzend Metern aus dem Waldstück hinaus und an einem Feld vorbeiführte. Wären wir ihm weiter gefolgt, wären wir mit einem kleinen Umweg zurück zur Kirche gelangt. Wir blieben jedoch im Wald und bogen jetzt ins Unterholz ab.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Müssen wir da langgehen?“, jammerte Valerie wieder.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich seufzte. „Müssen wir. Oder denkst du, eine Eule – oder dein Owlman – nistet direkt am Wegesrand?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schweigend stimmte sie mir zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Laub knirschte unter unseren Füßen, während wir durch das Dickicht den kleinen Abhang wieder nach oben kraxelten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch hier hielt ich weiter Ausschau nach Eulenspuren, aber ich sollte nichts entdecken, bis wir bald wieder beim Kirchengebäude angelangt waren. Wie ich schon sagte, war es nur ein sehr kleines Waldstück.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während die Minuten verstrichen, irrten wir weiter durch den kleinen Wald. Wir gingen den Weg erneut entlang, bogen diesmal an der Gabelung links ab, irrten kreuz und quer durchs Unterholz – ohne Erfolg.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch nahmen wir den Friedhof genauer unter die Lupe. Zwar fanden wir einen neueren Abschnitt, auf dem moderne Gräber standen, aber für eine Eule oder den Owlman gab es dort definitiv zu wenig schützende Bäume. In der Ferne sahen wir nichts als einige Häuser und weite Felder.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also gingen wir wieder in den Wald zurück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das wiederum passte Valerie überhaupt nicht. „Muss das sein? Die Sonne ist schon untergegangen. Nicht mehr lange und es ist stockdunkel. Lass uns nach Hause gehen, Margarete.“ Es klang mehr nach einer Bitte als nach einem Vorschlag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber wenn ich ehrlich war, verließ auch mich allmählich der Mut.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sah auf meine Armbanduhr. Wir irrten schon über eine halbe Stunde durch die Gegend, hatten jeden Quadratmeter des Waldes bestimmt schon zweimal gesehen, von einer Eule fehlte aber weiterhin jede Spur.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Also gut“, sagte ich laut. „Es ist kurz nach halb 10. Wir suchen noch eine Viertelstunde weiter. Wenn wir dann gehen, schaffen wir es noch, vor 10 zuhause zu sein. Dann beschweren sich auch unsere Eltern nicht.“ Und wenn das nicht reichte, war morgen auch noch ein Tag. Wenn wir nur oft genug hier waren, ohne dem Owlman zu begegnen, würde Valerie einsehen müssen, dass es ihn nicht gibt. Oder zumindest würde sie erkennen, dass sie keine Angst vor den Gerüchten haben musste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Missmutig stimmte Valerie zu. „Aber um Viertel vor gehe ich nach Hause. Mit oder ohne dich“, sagte sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Unterhaltung wäre jedoch überhaupt nicht nötig gewesen, wie ich nur wenige Momente später herausfinden sollte. Wir waren nur ein paar Meter weit gekommen, als eine Art Fauchen oder ein Zischen die Stille durchschnitt. Es war zu laut für eine Katze oder Ähnliches.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort ging Valerie in die Hocke. Und auch ich ging ein wenig in die Knie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was war das?“, zischte Valerie mir zu. „Ist das eine Eule?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Vielleicht“, erwiderte ich. Aber um ehrlich zu sein, wusste ich es nicht. Zwar hatte ich gelesen, dass Eulen fauchen können, aber ich hatte keine Ahnung, wie es sich anhörte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder ein Fauchen. Diesmal kürzer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Entschlossen griff ich nach Valeries Hand. Ich zog sie zaghaft wieder auf die Beine. „Komm mit“, forderte ich sie auf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diesmal tat ich es jedoch nicht, weil ich sie unbedingt überzeugen wollte. Nein. Ich tat es aus Neugierde. Aber auch, weil ich zu viel Angst hatte, um allein nach dem Ursprung des Geräusches zu suchen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Valerie folgte mir nur widerwillig. Zwar wehrte sie sich nicht, aber ich musste sie mehr hinter mir herziehen, als dass sie mir nachging.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Knirsch, knirsch, knirsch.</em> Ich verfluchte das Laub unter unseren Füßen. Falls es eine Eule war, wollte ich sie auf keinen Fall aufschrecken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hektisch spähte ich von Baumkrone zu Baumkrone. Wo war das Fauchen hergekommen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich blieb Valerie stehen. „Margarete“, jammerte sie kaum hörbar.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ruckartig drehte ich mich zu ihr um. Ihr Blick war stur zur Seite gerichtet. Sie war wie erstarrt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das „Was ist?“ blieb mir jedoch im Halse stecken. Als ich ihrem Blick folgte, fiel mir fast sofort eine große silbergraue Gestalt auf. Sie war am ganzen Körper mit Federn bedeckt, hatte jedoch keinen Schnabel, sondern einen klaffenden schwarzen Mund. Das auffälligste waren hingegen die großen roten Augen, die in der Dämmerung fast zu leuchten schienen. Der Owlman.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es dauerte einen Moment, bis ich mich wieder gefangen hatte, meine Schockstarre wieder verlassen konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als mein Hirn wieder arbeitete, fiel mir auf, wie klein der Owlman war. Er war vielleicht anderthalb Meter groß. Fast wie ein Kind, das sich verkleidet hatte …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich ließ Valeries Hand los und verschränkte die Arme vor der Brust. „Schickes Kostüm. Aber mir jagst du damit keine Angst ein!“, rief ich ihm entgegen. Mawnan Smith war nicht das größte Dorf. Wenn es ein Kind aus der Gegend war, war die Wahrscheinlichkeit groß, dass ich es kannte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sein nächstes Fauchen ließ mich nicht einmal zusammenzucken. Ich war mir so sicher, die Oberhand in der Situation zu haben. Dann breitete der Owlman jedoch seine Flügel aus. Seine Flügelspanne war gigantisch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was ich zuerst für einen Einschüchterungsversuch hielt, entpuppte sich schnell als etwas anderes. Er beugte sich nach vorn, begann mit den Flügeln zu schlagen und hob schließlich mit ein paar kräftigen, fast majestätischen Schlägen vom Boden ab.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit offenem Mund starrte ich ihn an, während er höher und höher stieg. Wieder ein Fauchen. Dann stürzte sich das Wesen auf uns zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich war wie erstarrt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Valerie stieß mich zur Seite, sodass der Owlman uns knapp verfehlte. Anschließend nahmen wir unsere Beine in die Hand und rannten. Wir rannten um unser Leben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Laub und Äste knirschten unter unseren Füßen. Falls der Owlman uns verfolgte, waren seine Flügelschläge komplett still – genau wie die einer Eule. Ich traute mich jedoch nicht, nach hinten zu schauen, hatte zu viel Angst, über eine Wurzel zu stolpern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst als wir wieder ebenen Boden unter den Füßen hatten, warf ich einen Blick über die Schulter. Von dem Owlman fehlte jede Spur. Trotzdem wurden Valerie und ich nicht langsamer. Wir rannten weiter, um die Kirche herum, über den Parkplatz und die schmale Straße entlang.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Endlich erreichten wir die ersten Häuser. Wir wurden langsamer, blieben schließlich stehen, um wieder zu Atem zu kommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wo ist er?“, fragte Valerie, die jetzt den Himmel absuchte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Keine Ahnung“, schnaufte ich. „Er ist weg.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Stille, nur unterbrochen von unserem gemeinsamen Schnauben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Das war eine scheiß Idee“, sagte Valerie schließlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich lächelte sie schief an. „Das weiß ich jetzt auch. Kannst du mir verzeihen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie musterte mich einen Moment. Dann nickte sie und hielt mir ihre Hand hin. „Komm. Lass uns nach Hause gehen.“</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">The Owlman of Mawnan (Englisch für „Der Eulenmann von Mawnan“), oft nur „Owlman“ oder „Cornish Owlman“ genannt, ist ein <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer">Kryptid</a> aus dem Dorf Mawnan Smith in Cornwall, England.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aufgrund seiner äußerlichen Erscheinung wird er oft mit dem <a href="https://www.geister-und-legenden.de/mothman">Mothman</a> verglichen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der Owlman wird als eine menschengroße, meist grau-, seltener braungefiederte Kreatur beschrieben. Einige Zeugen bezeichneten ihn als halb Mensch halb Vogel.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Seine genaue Größe variiert je nach Augenzeugenbericht von ca. 5 Fuß (~1,5 Meter) bis „groß wie ein Mann“. Ähnlich verhält es sich mit der mal grau, mal braun oder sogar grau-braun beschriebenen Farbe seines Gefieders.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Worin die meisten Augenzeugen sich jedoch einig sind, sind seine großen rotleuchtenden Augen sowie seine schwarzen Fußkrallen, die mit den Scheren eines Krebses oder Zangen verglichen wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sein restliches Gesicht wurde eher selten beschrieben. Ich weiß aber von mindestens zwei unabhängigen Augenzeugenberichten, in denen von einem großen schwarzen Mund oder Maul die Rede war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem soll er Hörner oder spitz zulaufenden „Ohren“ (ähnlich wie die Federohren eines Uhus) besitzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">(An dieser Stelle noch eine kleine Randbemerkung: Bei Federohren handelt es sich in Wirklichkeit um lange Kopffedern, die einige Eulen haben. Mit ihren tatsächlichen Ohren haben sie allerdings nichts zu tun.)</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Über die Eigenschaften oder das Verhalten des Owlmans ist relativ wenig bekannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er wurde jedoch häufiger dabei beobachtet, wie er in der Nähe der St Mawnan and St Steven Church (ja, die Kirche wurde nach zwei Heiligen benannt) durch die Luft geflogen ist oder nicht zu weit entfernt auf dem Boden oder auf Ästen stand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Normalfall ist er nicht aggressiv und ergreift die Flucht, nachdem er entdeckt wurde. Es gab jedoch auch einige Zeugen, die behauptet haben, vom Owlman angegriffen oder verfolgt worden zu sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Interessant ist hierbei, dass die meisten Augenzeugenberichte am Abend stattgefunden haben, wenn es noch nicht ganz dunkel war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem wurde häufig von einer Art Fauchen, Zischen oder einem statischen Rauschen berichtet, das von dem Owlman ausgegangen sein oder in der Luft gelegen haben soll. Einige Augenzeugen berichteten, dass es auch nach seinem Verschwinden weiter zu hören war.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wie bereits erwähnt fanden die meisten Owlman-Sichtungen in der Nähe der St Mawnan and St Steven’s Church in Mawnan Smith in Cornwall, England statt. Die Kirche samt Friedhof ist von einem kleinen Waldstück und Feldern umgeben. Außerdem liegt sie fast direkt am Ärmelkanal.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die meisten Leute führen die erste Owlman-Sichtung auf einen Bericht von Anthony Nicol „Doc“ Shiels aus dem Jahr 1976 zurück. Shiels war ein paranormal Investigator aus Cornwall, der dafür bekannt war, sich Hoaxes (Falschmeldungen) auszudenken.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Sichtung 17. April 1976:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Shiels zufolge hat sich der Vater von June (12) und Vicky (9) Melling an ihn gewandt, da seine Töchter am 17. April 1976 einen Vogelmann – den Owlman – über der St Mawnan and St Steven’s Church in der Luft kreisen gesehen hätten. Die Töchter selbst durfte Shiels zwar nicht befragen, Melling übergab ihm jedoch eine Zeichnung des Owlmans, die seine Töchter angefertigt hatten.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Sichtung 03. Juli 1976:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Die nächste Sichtung – im Juli 1976 – machten die beiden 14-jährigen Mädchen Sally Chapman und Barbara Perry, die ebenfalls Shiels davon berichteten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Angeblich hatten sie bei einem Campingausflug in der Nähe der Kirche am Abend eine Art Fauchen gehört. Als sie es sich näher ansehen wollten, entdeckten sie einen „unnormal großen Vogel mit silbergrauem Gefieder“. Auch berichteten sie von großen rotleuchtenden Augen und schwarzen Klauen statt Füßen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu der Zeit wussten sie bereits von dem Owlman, da nach der ersten Sichtung eine Broschüre veröffentlicht wurde, die über das Wesen berichtete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie dachten, es handle sich um ein Kostüm, dass jemand sich für den Owlman ausgäbe, und lachten zuerst über ihn. Dann jedoch soll sich der Owlman in die Luft erhoben haben und davongeflogen sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Shiels entschied, die beiden Mädchen getrennt voneinander zu befragen. Auch sie fertigten je eine Zeichnung von dem an, was sie gesehen hatten. Sie ähnelten einander sowie der Zeichnung von Melling, waren aber – so Shiels – „unterschiedlich genug, um eine Verschwörung auszuschließen“.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Sichtung 04. Juli 1976:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Gerade einmal einen Tag später kam es bereits zu der nächsten Sichtung. Ein weiteres Schwesternpaar berichtete davon, dass sie den Owlman aus nächster Nähe in einem Baum gesehen hätten, ehe er davongeflogen sei.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie beschrieben das Wesen als einen silbergrauen Vogelmann mit roten Augen und schwarzen Krabbenscheren statt Füßen. Außerdem ergänzten sie, dass er einen großen schwarzen Mund gehabt hätte (wie man ihn auch auf den Zeichnungen der anderen Zeuginnen erkennen konnte).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem der Owlman fort war, wollen sie eine Art Knistern in den Baumkronen gehört haben, das eine ganze Weile anhielt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Besonderheit bei dieser Sichtung ist, dass sie nicht von Shiels berichtet wurde, sondern, dass die Mädchen sich damit direkt an die Falmouth Packet – eine lokale Zeitung – gewandt hatten.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Weitere Sichtungen und Fazit:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Daraufhin gab es unzählige weitere Sichtungen, besonders in den 70er und 80er Jahren, aber auch vermehrt in den 90ern sowie vereinzelt sogar bis heute.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darunter waren Berichte von zufälligen Augenzeugen, aber auch von Erforschern des Paranormalen, die gezielt nach dem Owlman gesucht hatten. In einigen von ihnen wurde davon berichtet, dass der Owlman die Zeugen angegriffen oder verfolgt habe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auffällig ist auch, dass einige Zeugen statt von dem ursprünglich grauen Gefieder plötzlich von einem grau-braunen oder sogar nur braunen Gefieder berichtet haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn man all diese Fakten zusammen betrachtet, gehe ich davon aus, dass Anthony Shiels den Owlman lediglich erfunden hat – wie gesagt war er dafür bekannt, Hoaxes in die Welt zu setzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach den ersten Zeugenberichten könnten sich die Gerüchte verselbstständigt haben, woraufhin die <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">urbane Legende</a> des Owlman of Mawnan entstanden ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine weitere Theorie besagt, dass die Augenzeugen lediglich einen Uhu gesehen hätten, den sie in der Dämmerung für ein Monster hielten. Das würde dahingehen Sinn ergeben, dass Uhus durchaus in Kirchtürmen ihre Nester bauen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Andererseits gibt es in Großbritannien nur sehr wenige freilebende Uhus. Sie sind Nachkommen entflohener Tiere, deren Zahl je nach Quelle auf etwa 2 bis 40 Brutpaare in ganz Großbritannien geschätzt wird. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Uhu sich 1976 nach Mawnan Smith verirrt hat, ist daher sehr gering – es ist aber nicht unmöglich.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Der Owlman in der Popkultur:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Inzwischen ist der Owlman in Mawnan Smith größtenteils in Vergessenheit geraten. Trotzdem erfreut er sich weltweit noch immer großer Beliebtheit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So wurde im Jahr 1997 das Buch „The Owlman and Others“ von Jonathan Downes veröffentlicht, in dem der Autor den Fall sowie die Zeugenaussagen genau unter die Lupe nimmt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem hatte der Kryptid bereits Auftritte in Fernsehserien wie der Found Footage Serie „Lost Tapes“ (S1 F7: Death Raptor) oder der Kinderabenteuerserie „The Secret Saturdays“ (S1 F9: Der Eulenmann frisst um Mitternacht).</p>



<p class="wp-block-paragraph">2013 erschien der schottischer Low-Budget Horrorfilm „Lord of Tears“, in dem der Owlman den Antagonisten darstellt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Inzwischen ist sogar das Videospiel „Owlman“ (2023) herausgekommen, in dem man von dem Owlman gejagt wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Besonders im Internet lebt die Legende das Owlman außerdem in unzähligen Fanarts und sogar Merchartikeln weiter.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von dem Owlman of Mawnan? Gibt es die Kreatur wirklich, oder handelt es sich nur um einen außer Kontrolle geratenen Hoax oder sogar einen Uhu? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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		<title>Die schwarze Frau – ein blutiger Herbst</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 15 Jul 2024 13:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Ich nahm es natürlich nicht ernst, dachte nicht daran, dass sie tatsächlich einen Geist sehen würden. Als ich mich jedoch nach vorne beugte und meine Augen zusammenkniff, um besser sehen zu können, konnte ich die Frau auch sehen. Sie hatte eine gebückte Haltung, war komplett in Schwarz gekleidet und gerade im Begriff auf der Beifahrerseite des Autos einzusteigen …</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg09.met.vgwort.de/na/0690dfa9de5d4a2da6a071ece0ec0597" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Die schwarze Frau ist ein <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Geist</a>, den unzählige Menschen im Jahr 1975 im Bayerischen Wald gesehen haben wollen. Angeblich hat sie eine grausame Prophezeiung verkündet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">An dieser Stelle möchte ich mich kurz bei Jochen dafür bedanken, dass er mich in einem Kommentar auf die Legende aufmerksam gemacht hat. Außerdem gibt es einen wirklich gut gemachten Podcast, der den Hintergrund zu der Legende beleuchtet. Dazu aber später mehr. Jetzt wünsche ich euch erst einmal:</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">„Habt ihr schon gehört?“, fragte Frank in die Runde. „Im Wald wurde neulich eine Geisterfrau entdeckt.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich verkniff mir ein Seufzen. Nicht nur, dass ich hier auf dem Spielplatz auf meinen kleinen Bruder Christian und seine beiden Freunde Frank und Katja aufpassen musste, jetzt durfte ich mir auch noch die Gruselgeschichten der drei Grundschüler anhören.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Christian und Katja brachten ihre Begeisterung deutlicher zum Ausdruck.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wirklich?“, fragte mein kleiner Bruder mit funkelnden Augen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wo denn?“, ergänzte Katja.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hier ganz in der Nähe. An der Waldstraße zwischen Freyung und Waldkirchen.“ Frank sah verschwörerisch in die Runde. „Ein LKW-Fahrer hat sie gesehen. Er fuhr wohl abends durch den Wald, als ihm eine alte Frau am Straßenrand aufgefallen ist. Sie trug schwarze Kleidung und ging gebückt. Als sie den LKW bemerkte, hat sie ihm zugewunken, um zu zeigen, dass sie ein Stück mitgenommen werden möchte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der LKW-Fahrer hatte es nicht eilig, also hielt er an und stieg aus, um der Frau in sein Auto zu helfen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zuerst war die Frau sehr still. Sie sagte kein einziges Wort, also ließ der LKW-Fahrer sie in Ruhe. Sie würde schon sagen, wenn sie aussteigen wollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach einigen hundert Metern jedoch, erhob die Frau ihre krächzige Stimme. ‚Es wird einen guadn Frühling geben, und einen schönen Sommer‘, soll sie gesagt haben, ‚aber einen bluadigen Herbst.‘</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sekunden später war sie verschwunden. Sie hat sich einfach in Luft aufgelöst.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder sah Frank verschwörerisch in die Runde, nachdem er seine Geschichte beendet hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Einen blutigen Herbst?“, fragte mein kleiner Bruder. „Was meint sie damit?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Frank zuckte nur mit den Schultern. „Keine Ahnung. Aber ich denke, dass im Herbst irgendetwas Schlimmes hier in der Gegend passieren wird.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt bemerkte ich die Gänsehaut auf Christians Armen. Hatte mein kleiner Bruder Angst?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Das ist doch Quatsch“, warf ich ein. „Das hast du dir ausgedacht.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nein, Jürgen. Ich sag die Wahrheit. Wirklich!“, protestierte Frank.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Er hat recht“, schaltete sich Katja ein. „Ich hab auch davon gehört.“ Ihr kleines Gesicht sah mich ernst an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich überlegte bereits, etwas zu erwidern, als Frank plötzlich in seinem Rucksack kramte. „Wartet“, sagte er. Sekunden später raschelte Papier und er hielt uns eine Seite der Passauer Neuen Presse entgegen. „Lest selbst.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Neugierig drängten sich Christian und Katja um ihn. Ich beugte mich über meinen kleinen Bruder und las den Artikel leise mit.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Wurde die schwarze Frau von einem Amateurfilmer fotografiert? Ein junger Mann aus Tittlingen hält das für möglich. Bei der Hundedressur auf freiem Gelände fiel ihm und seinen Begleitern eine dunkel gekleidete Frauengestalt auf, die auf einem Bergrücken ging und sich scharf gegen den Himmel abhob. Der Schmalfilmfreund richtete die Kamera auf die seltsame Gestalt. Sekunden später war sie verschwunden.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Artikel ging noch weiter. Ich überflog die Zeilen, die die Aussage des Mannes in mehr Detail wiedergaben. Tatsächlich wollte er die Frau mit einer dieser neuen tragbaren Videokameras gefilmt haben. Die Reporterin hätte das Video selbst gesehen. Und einige der Bilder waren sogar in der Zeitung abgedruckt. Ich fand jedoch nicht, dass man auf den schwarz-weißen Fotos, abgesehen von einer unscharfen dunkel gekleideten Gestalt, irgendetwas sehen konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Also gut“, sagte ich. „Die <em>Gerüchte</em> um den Geist sind echt. Das heißt aber noch lange nicht, dass es die Frau wirklich gibt.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber die Kinder wollten davon nichts hören. Sie waren bereits dabei, wilde Spekulationen anzustellen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Vielleicht möchte die Frau uns warnen. Was meint ihr, was im Herbst passiert?“, fragte Christian.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Weiß nicht. Es muss ja irgendetwas Blutiges sein. Vielleicht wird dann jemand ermordet?“, warf Frank ein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Oder es gibt einen schlimmen Unfall!“, rief Katja.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Oder es waren ein paar Betrunkene und oder Scherzkekse, die die Geschichte zusammengesponnen haben. Ich behielt den Gedanken jedoch für mich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was meint ihr? Sollen wir die Frau suchen und sie selbst fragen?“, fragte Frank.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Bruder und Katja nickten begeistert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diesmal hielt ich mein schweres Seufzen nicht zurück. „Muss das sein?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ja!“, antworteten Christian und Frank wie aus einem Munde. Und auch Katja nickte wieder eifrig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Komm schon, Jürgen. Das wird bestimmt lustig“, sagte Christian und sah mich mit seinem besten Hundeblick an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz überlegte ich, den Kindern Vernunft einzureden. Aber was sollte schon passieren? Einem echten Geist würden wir nicht begegnen. Und gegen eine gemütliche Fahrradtour durch den Wald hatte ich ehrlich gesagt auch nichts einzuwenden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also ließ ich den Dreien ihre kindliche Fantasie. Bis zum Herbst hätten sie das ganze „blutiger Herbst“-Thema bestimmt schon lange wieder vergessen. So dachte ich jedenfalls.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Keine zehn Minuten später saßen wir auf unseren Rädern und radelten über die Straße. Immer wieder sah ich dabei zu Katja, die auf ihrem Fahrrad gefährlich schwankte. Aber wie durch ein Wunder konnte sie ihr Gleichgewicht irgendwie halten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem ich das Geschaukel für einige unfallfreie Minuten beobachtet hatte, wagte ich es schließlich, den Blick von ihrem Fahrstil abzuwenden und die Gegend zu beobachten. Ich liebte den Wald. Es war immer so still und friedlich hier.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den Bäumen zwitscherten die Vögel, der Wind rauschte durch die Blätter und immer wieder konnte ich beobachten, wie die Sonne uns durch das Blätterdach entgegenglitzerte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für einen kurzen Moment wagte ich es sogar, in voller Fahrt die Augen zu schließen, während ich die Waldluft tief durch die Nase einatmete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Noch genoss ich unseren kleinen Ausflug. Das sollte sich jedoch bald ändern. Spätestens, als wir zum vierten, fünften und schließlich zum sechsten Mal die lange Waldstraße entlangfuhren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hatte keine Ahnung, wie viele Stunden wir inzwischen unterwegs waren. Meine Beine schmerzten. Wo zur Hölle nahmen die Kinder nur die ganze Energie her? Immer, wenn sie erschöpft waren, machten wir eine kurze Pause, sie alberten herum oder redeten über die schwarze Frau und ihren blutigen Herbst, ehe wir wieder auf die Räder stiegen und weiterfuhren. So ging das schon den ganzen Tag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als wir mal wieder von einem Auto überholt wurden, merkte ich, dass seine Scheinwerfer eingeschaltet waren. Natürlich lag das daran, dass es im Wald generell dunkler war, aber vielleicht konnte ich die Kinder ja so überzeugen, dass es langsam spät wurde und wir lieber nach Hause fahren sollten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich legte mir die richtigen Worte bereits zurecht, als vor mir einige Reifen quietschten. Frank hatte angehalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Leute?“, fragte er, während er nach vorne auf das Auto zeigte. Es war stehengeblieben. „Seht ihr das auch?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir hielten ebenfalls an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ist das …?“, fragte Christian.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Die schwarze Frau“, beendete Katja ungläubig seinen Satz.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich nahm es natürlich nicht ernst, dachte nicht daran, dass sie tatsächlich einen Geist sehen würden. Als ich mich jedoch nach vorne beugte und meine Augen zusammenkniff, um besser sehen zu können, konnte ich die Frau auch sehen. Sie hatte eine gebückte Haltung, war komplett in Schwarz gekleidet und gerade im Begriff auf der Beifahrerseite des Autos einzusteigen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Noch ehe ich etwas sagen konnte, rasten die Kinder bereits los. „Stopp!“ „Warten Sie!“ „Halt!“, riefen sie dem Auto nach.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber die Tür war bereits wieder geschlossen. Das Auto fuhr los.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wünschte, ich könnte sagen, dass ich dem Auto nur nachjagte, weil ich den Kindern beweisen wollte, dass die Frau kein Geist, sondern bloß ein normaler Mensch war, der rein zufällig zu der Beschreibung passte. Aber das wäre gelogen. Der Anblick der Frau, die mich so sehr an die Frau von den Fotos erinnert hatte, hatte Zweifel in mir geweckt. Jetzt wollte ich selbst wissen, ob an der Geistergeschichte doch etwas dran war. Und an dem blutigen Herbst.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und so ließ ich die Kinder, die mit ihren kurzen Beinen sehr viel mehr treten mussten als ich, bald hinter mir. So schnell ich konnte, hetzte ich dem Auto nach. Trotzdem musste ich mitansehen, wie es in der Ferne kleiner und kleiner wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gerade, als ich befürchtete, die Rücklichter hinter einer Kurve aus den Augen zu verlieren, bremste das Auto plötzlich. Es war aber kein langsames Bremsen. Der Fahrer ging voll in die Eisen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt kam ich dem Auto schnell näher. Noch ehe ich es erreicht hatte, sah ich jedoch, wie sich die Fahrertür öffnete und eine Frau mittleren Alters ausstieg. Sie sah sich verwirrt um.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst, als ich mich näherte, sah sie mit gerunzelter Stirn in meine Richtung. „He, Junge!“, rief sie mir zu. „Hast du hier irgendwo eine alte Frau gesehen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Völlig außer Atem kam ich kurz vor der Frau zum Stehen. „Wieso?“, keuchte ich. „Was ist denn passiert?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frau zögerte. „Ich … weiß nicht. Ich hatte sie eben erst mitgenommen, aber dann war sie plötzlich verschwunden. Sie muss aus dem Auto gesprungen sein.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wusste nicht genau, wie ich es der Frau erklären sollte. Zumindest, bis sich die Kinder wenige Momente später näherten. Sobald sie in Hörreichweite waren, riefen sie wild durcheinander.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hielt ihnen beide Hände entgegen. „Wartet, wartet, wartet“, brachte ich sie zum Schweigen. „Frank. Hast du noch einmal den Zeitungsartikel für mich?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es dauerte nicht lange, bis er ihn aus seinem Rucksack geholt und mir gereicht hatte. Ich gab ihn wortlos an die Frau weiter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Angespanntes Schweigen legte sich über unsere kleine Gruppe. Die Kinder blickten irritiert zwischen einander und mir hin und her, während die Frau las. Dann führte sie entsetzt eine Hand an ihren Mund, ehe sie mich kurze Zeit später wieder ansah.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hat die alte Frau irgendetwas zu Ihnen gesagt?“, hakte ich nach.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich weiteten sich ihre Augen. „J-ja“, stammelte sie. „Sie sagte, es wird einen guten Frühling geben und einen schönen Sommer, aber einen blutigen Herbst.“</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die schwarze Frau ist eine <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden">urbane Legende</a> aus dem Bayerischen Wald. Dort soll im Jahr 1975 der Geist einer schwarz gekleideten Frau eine schreckliche Prophezeiung gemacht haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bevor ihr jedoch weiterlest, möchte ich euch sehr den vierteiligen <a href="https://www.ardaudiothek.de/sendung/blutiger-herbst-eine-bayerische-geistergeschichte/66518494/">Podcast „Blutiger Herbst“ des Bayerischen Rundfunks</a> empfehlen. Er ist wirklich gut gemacht und Johannes Nichelmann hat sehr viel gründlicher recherchiert, als es mir mit meiner reinen Online-Recherche möglich ist.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die schwarze Frau:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Über den Geist der schwarzen Frau selbst ist nur sehr wenig bekannt. Weder kennt man ihren Namen noch ihr näheres Aussehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den meisten Erzählungen ist jedoch von einer alten, in schwarz gekleideten Frau die Rede, die am Straßenrand steht oder entlanggeht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Seltener ist von einer jüngeren Frau um die 35 die Rede, die zu Lebzeiten als Kellnerin gearbeitet haben soll. Die Gerüchte sind jedoch erst 1981 entstanden und beziehen sich somit genau genommen auf eine andere Schwarze-Frau-Legende.</p>



<p class="wp-block-paragraph">An dieser Stelle sollte ich vielleicht anmerken, dass es sich bei der schwarzen Frau nicht um <em>die</em> schwarze Frau, sondern lediglich eine schwarze Frau handelt. Legenden von schwarzgekleideten Geisterfrauen, die in der jeweiligen Sprache fast immer „die schwarze Frau“ oder „die Frau in Schwarz“ heißen, gibt es nämlich unzählige auf der ganzen Welt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ablauf:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der Ablauf der typischen Begegnungen mit der schwarzen Frau im Bayerischen Wald dürfte den langjährigen Lesern meines Blogs sehr bekannt vorkommen. Dabei handelt es sich nämlich, genau wie bei der <a href="https://www.geister-und-legenden.de/die-weisse-frau-von-ebersberg" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Weißen Frau von Ebersberg</a>, um eine <a href="https://www.geister-und-legenden.de/der-verschwundene-anhalter" target="_blank" rel="noreferrer noopener">verschwundener-Anhalter-Legende</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die meisten Augenzeugen berichteten davon, dass sie eine alte in Schwarz gekleidete Frau am Straßenrand gesehen haben wollen. Die Frau soll den vorbeifahrenden Autos mit Gesten deutlich gemacht haben, dass sie als Anhalter mitgenommen werden möchte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofern ein Fahrer angehalten hat, um sie mitzunehmen, soll sie erst einige Zeit lang sehr still im Auto gesessen haben. Irgendwann hat sie dann die Stimme erhoben und in etwa gesagt: „Es wird einen guten Frühling und einen schönen Sommer geben, aber einen blutigen Herbst.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sobald die Mitfahrenden sich jedoch zu ihr umgedreht haben, um sie verwirrt anzusehen oder zu fragen, was sie damit meinte, war die Frau plötzlich, meist in voller Fahrt, aus dem Auto verschwunden.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ort des Geschehens:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die schwarze Frau soll ausschließlich im Bayerischen Wald aufgetaucht sein. Normalerweise wurde sie an der Waldstraße zwischen Freyung und Waldkirchen gesichtet.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Angefangen hat alles mit der Aussage eines LKW-Fahrers, der die schwarze Frau als Anhalterin mitgenommen haben will. Nachdem die Frau ihre verhängnisvolle Prophezeiung eines blutigen Herbstes geäußert hatte, sei sie von seinem Beifahrersitz verschwunden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Story wurde damals von der Reporterin Cornelia Wohlhüter in der Passauer Neuen Presse gebracht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz darauf traten zwei junge Männer an die Reporterin heran, die angeblich ein Video der besagten schwarzen Frau gemacht hätten. Sie konnten am Blümersberg eine unheimliche gebückt gehende Frau in schwarzer Kleidung sehen, ehe sie beim Filmen kurz von ihren Hunden abgelenkt wurden. Nachdem sie wieder aufgeschaut hatten, war die Frau spurlos verschwunden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Johannes Nichelmann, der den bereits erwähnten Podcast zu dem Thema gemacht hat, hat bei seiner Recherche herausgefunden, dass die beiden Männer immer für einen Spaß zu haben waren. Es ist also sehr gut möglich, dass das Video von ihnen gestellt wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem hat der daraufhin erneut von Cornelia Wohlhüter verfasste Zeitungsartikel mit den von den beiden Männern bereitgestellten Fotos den Stein ins Rollen gebracht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Innerhalb von kürzester Zeit gab es mehr und mehr Augenzeugen, die der schwarzen Frau begegnet seien. Einige von ihnen hätten sie bloß gesehen, andere hätten sie mitgenommen und ihre gruselige Prophezeiung gehört, ehe sie verschwunden sei.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Hochzeit der Legende soll alle zwei bis drei Tage ein Artikel über sie in der Zeitung gestanden haben. Und als eine 18-jährige Frau mit ihrem Auto tödlich verunglückt ist, wurde sogar behauptet, die schwarze Frau müsse sie abgelenkt haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Legende erregte solch ein Aufsehen, dass sogar einige Wissenschaftler aus Wien anrückten, die mit der schwarzen Frau beweisen wollten, dass Geister existieren – natürlich erfolglos.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als die Aussagen zu viel überhandnahmen, äußerte sich schließlich die Polizei von Freiburg zu dem Thema. Sie erklärten, dass sie jede weitere Person wegen „grobem Unfug“ anzeigen würden, die ihnen eine Sichtung des Geistes meldete. Es war von Strafen bis zu 1.000 D-Mark, Führerscheinentzug und sogar Einweisung in eine psychiatrische Anstalt die Rede.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber auch, wenn diese Äußerung erst für neuen Gesprächsstoff sorgte, nahmen die Sichtungen schließlich schnell wieder ab. Und auch von dem blutigen Herbst, den die Frau angekündigt hatte, sollte jede Spur fehlen. Der Herbst 1975 verlief im Bayerischen Wald zumindest ohne besondere Vorkommnisse.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von der schwarzen Frau? Kennt ihr andere Legenden von schwarzen Frauen? Und wie würdet ihr reagieren, wenn in eurer Gegend Gerüchte von einer Geisterfrau aufkämen, die einen blutigen Herbst prophezeit? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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		<title>Myling – Folge nicht seinen Schreien!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 25 Mar 2024 14:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Das seltsame Kind begann, an mir zu rütteln, wie ein ganz normaler Junge bei einem Wutanfall. „Bring mich zum Friedhof!“, schrie er, als wolle er zum nächsten McDonalds gefahren werden. „Bring mich zum Friedhof! Bring mich zum Friedhof!“</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg09.met.vgwort.de/na/003c326817c64c0ea42664b2384dc5e4" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Meine Geschichte über den Myling spielt an einem Ort, der euch bereits von einer anderen Geschichte bekannt sein dürfte. Es war zwar nicht geplant, hatte aber zu gut gepasst, damit ich es nicht dort spielen lasse. Und wer weiß, vielleicht erwarten euch ja noch weitere Geschichten aus diesem kleinen schwedischen Dörfchen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen</strong></summary>
<p>&#8211; Tod eines Kindes<br>
&#8211; Trauer</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Schnee knirschte unter meinen Füßen, während ich von Kalle, meinem treuen braunen Labrador, an seiner Leine durch den Wald gezogen wurde. Es war bereits März. Trotzdem lagen die Temperaturen hier in Schweden häufig noch unter 0 °C.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich spürte die Kälte jedoch kaum. Wie so oft, wenn ich mit Kalle allein Gassi ging, wanderten meine Gedanken zu meiner Tochter Maja. Ich hatte sie letzten Monat bei einem Autounfall verloren. Den Fahrer traf keine Schuld. Er war ins Schlittern gekommen und hatte die Kontrolle über sein Auto verloren. Aber natürlich änderte das nichts an der Leere, die ich seit jenem Tag spürte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wäre Thorbjörn, ein alter Schulfreund, den ich letztes Silvester zufällig wiedergetroffen hatte, nicht gewesen, weiß ich nicht, wie ich nach dem Unfall hätte weiterleben sollen. Es war Glück im Unglück, dass er an dem Tag, als Maja starb, bei mir gewesen war, sodass er mich wenigstens etwas hatte auffangen können. Aber auch er konnte das Loch in meinem Herzen nicht füllen, dass der Tod meiner Tochter hineingerissen hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein plötzliches Knurren vor mir riss mich aus meinen Gedanken. Kalle stand am Wegesrand und bellte ins Unterholz.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schnell wischte ich die Tränen aus meinen Augen und ging zu ihm. „Was ist? Was hast du gesehen, mein Junge?“, fragte ich, während ich selbst in den dunklen Wald spähte. Ich konnte nichts Auffälliges entdecken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wahrscheinlich war es bloß ein Reh oder ein Hase. Andererseits verirrten sich manchmal Wölfe und Bären in diese Gegend. Ich selbst war zwar noch nie einem von ihnen begegnet, entschied aber, es nicht darauf ankommen zu lassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich Kalle jedoch zaghaft an seiner Leine weiterziehen wollte, stemmte er sich mit seinem gesamten Gewicht dagegen. Auch das war noch nie vorher vorgekommen. War es also wirklich ein potenziell gefährliches Tier?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Panisch ging ich im Kopf alles durch, was ich über Begegnungen mit Wölfen und Bären erinnerte: Das Wichtigste war, dass ich mich groß machte, Lärm machen sollte und auf keinen Fall weglaufen oder mich umdrehen durfte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also stand ich da, neben meinem bellenden Hund, hob die Arme über den Kopf und rief in den Wald hinein. „Hej Bär, hej Wölfe. Falls ihr da draußen seid, haut ab. Wir wollen euch nichts Böses!“ Vorsichtshalber zog ich sogar die Handschuhe aus und klatschte einige Male in die Hände, ehe ich sie wieder über den Kopf hob.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es rauschte ein sanfter Wind durch die Bäume. Ansonsten hörte ich nichts. Kein Knirschen im Schnee, kein Geraschel oder Knacken im Unterholz. Nichts, das auf ein wildes Tier hindeutete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich ertönte eine leise Stimme. „Hallo?“ Es klang wie ein Kind, das den Tränen nahe war. „Mama?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">‚<em>Maja!</em>‘, schoss es mir sofort in den Kopf. Aber natürlich war sie es nicht. Meine Tochter war tot. Außerdem war das eindeutig eine Jungenstimme.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wer ist da?“, rief ich in den Wald hinein. Ich ließ die Hände sinken und zog meine Handschuhe wieder an. „Hast du dich verirrt?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Kind antwortete nicht. Stattdessen ertönte ein leises Schluchzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hee, alles wird gut“, erwiderte ich, während ich einige vorsichtige Schritte ins Unterholz tat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kalle hielt sich eng an mich, während er mir mit eingeklemmtem Schwanz folgte. Wenigstens bellte er nicht mehr.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mein Name ist Jonna“, fuhr ich fort. Mit Glück kannte ich den Jungen aus Majas Schule. Oder von früher aus ihrem Kindergarten. „Kommst du aus dem Dorf?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber das Kind antwortete mir nicht mehr. Durch sein lautes Geschluchze hatte ich es trotzdem schnell ausfindig gemacht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Um Himmels willen!“, stieß ich aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein kleiner blonder Junge hockte vor mir im Schnee. Er trug dünne, abgenutzte Kleidung, hatte bleiche, dreckverschmierte Haut und sah abgemagert aus. Wenn es dafür nicht viel zu kalt gewesen wäre, hätte ich fast gedacht, dass er bereits einige Tage durch den Wald geirrt sein muss.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was ist passiert? Wo sind deine Eltern?“, fragte ich besorgt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sein kleiner Körper zitterte zwar nicht, aber ich war mir trotzdem sicher, dass er völlig durchgefroren sein musste. Also machte ich mich daran, meine Daunenjacke auszuziehen, während ich auf ihn zuging.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kalle blieb hingegen in einigem Abstand stehen. Er kauerte sich zusammen und knurrte das Kind an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erschrocken drehte ich mich zu ihm um. „Kalle! Aus! Du machst dem Jungen noch Angst!“, schimpfte ich, nichtahnend, dass er mich bloß beschützen wollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann ging alles sehr schnell: In dem kurzen Moment, in dem ich ihm den Rücken zugedreht hatte, schrie der Junge plötzlich auf und stürzte sich auf mich. Er sprang auf meinen Rücken und klammerte sich an mich, indem er fest die Arme um mich legte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was? He … Du tust mir weh!“, schrie ich, während ich panisch versuchte, seine Arme von meinem Hals zu entfernen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Kind war ungewöhnlich stark. Besonders für seinen Zustand. Trotzdem tat ich mein Möglichstes, ihn so sanft ich konnte von meinem Rücken zu entfernen – ohne Erfolg.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kalle war dabei die ganze Zeit am Bellen. Trotzdem versuchte er nicht, das Kind anzugreifen, fast als hätte er Angst vor ihm. Und so langsam verstand ich, warum: Was auch immer dieses Ding auf meinem Rücken war, es war kein normaler Junge. Wie sonst konnte man erklären, dass ich, eine erwachsene Frau, seine Arme nicht einen Zentimeter bewegen konnte, egal wie sehr ich daran zerrte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Bring mich zu einem Friedhof!“, zischte der Junge mir zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das brachte mich zum Innehalten. „W-was?“, fragte ich irritiert. Ich war mir nicht sicher, ob ich ihn richtig verstanden hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Begrab mich in geweihtem Boden, damit ich endlich Frieden finden kann!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für einen Moment hatte ich das Gefühl, als würde mein Gehirn aufhören zu funktionieren. Es ergab für mich keinen Sinn.</p>



<p class="wp-block-paragraph">War das alles vielleicht nur ein kranker Scherz? Aber wie könnte ein Scherz meinen Hund dazu bringen, den Jungen zu fürchten? Außerdem konnte kein Scherz der Welt einem Kind solche Muskelkraft verleihen, dass ich seine Arme nicht ansatzweise bewegen konnte. Nicht einmal mit all dem Adrenalin, das gerade durch meinen Körper schoss.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber wenn das hier kein Scherz war, meinte der Junge die Aufforderung ernst. Er wollte lebendig begraben werden. Oder war er vielleicht gar nicht lebendig?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das seltsame Kind begann, an mir zu rütteln, wie ein ganz normaler Junge bei einem Wutanfall. „Bring mich zum Friedhof!“, schrie er, als wolle er zum nächsten McDonalds gefahren werden. „Bring mich zum Friedhof! Bring mich zum Friedhof!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das befreite mich endlich aus meiner Starre. „Okay! Okay“, erwiderte ich, während ich mich in Bewegung setzte. Kalle folgte mir in einigem Abstand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hatte zwar keine Ahnung, was hier vor sich ging, aber wenn sich ein anscheinend übermenschlich starkes Wesen an meinen Rücken klammerte, das mir wahrscheinlich mit Leichtigkeit den Kopf abreißen konnte, wollte ich es bestimmt nicht wütend machen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf dem Weg versuchte ich weiter, meine Gedanken zu sortieren. Es gelang mir nicht wirklich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Stattdessen fiel mir bald auf, dass meine Beine schwächer wurden. Zuerst dachte ich, es wäre bloß der Adrenalinschub, der allmählich nachließ, aber je näher ich meinem Auto kam, desto schwerer lastete der Junge auf meinen Schultern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch merkte ich, wie mein Atem vor Anstrengung immer schwerfälliger wurde. Eine Art Müdigkeit machte sich in mir breit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu Anfang versuchte ich noch, mich mit der Natur um mich herum abzulenken. Aber obwohl es mir sonst nie sonderlich schwerfiel, die Schönheit der Natur wahrzunehmen, wirkte sie jetzt fast schon erdrückend. Die Bäume ragten hoch über mich hinaus, als würden sie auf mich herabblicken. Die Dunkelheit zwischen den Bäumen kam mir vor, als würde sie mich beobachten. Ein Gefühl der Enge machte sich in meinem Brustkorb breit. So ähnlich hatte ich mich auch gefühlt, als ich Maja verloren hatte. Als würde mir der Boden unter den Füßen weggerissen werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich strauchelte. Erst jetzt fiel mir auf, dass es nicht die Natur war, die mich fast erdrückte, sondern das Gewicht auf meinem Rücken. Der Junge war inzwischen so schwer geworden, dass ich Probleme hatte, geradeaus zu gehen. Mühsam setzte ich einen Fuß vor den anderen, bis ich endlich den Parkplatz erreichte. Selbst das Herauskramen meines Autoschlüssels aus der Jackentasche kam mir wie eine nahezu unschaffbare Aufgabe vor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach einigen Anläufen hatte ich es endlich geschafft. Ich öffnete die Autotür und ließ Kalle auf den Rücksitz springen, ehe ich mich selbst auf den Fahrersitz fallenließ.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das wiederum schien dem Jungen zu missfallen. „Keine Pause machen! Steh auf und bring mich zum Friedhof!“, schrie er mich an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich …“, presste ich hervor. Erschrocken stellte ich fest, dass mir selbst das Sprechen inzwischen schwerfiel. „Ich mach keine Pause. Wir fahren das letzte Stück. Geht … schneller …“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Junge antwortete nicht, aber ich merkte genau, wie er hibbelig wurde, spürte seinen misstrauischen Blick in meinem Nacken. Wusste er nicht, was ein Auto war?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sobald ich den Motor gestartet hatte und wir uns in Bewegung setzten, entspannte er sich schnell wieder.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem merkte ich, wie ich weiter schwächer wurde. Ich hatte gehofft, dass das Sitzen helfen würde, ich hier wieder zu Kräften kommen könnte. Stattdessen verschwamm meine Sicht allmählich. Kalles Gebell auf dem Rücksitz klang ungewöhnlich weit weg. Ich hatte Probleme, die Spur zu halten, musste mich mehr und mehr auf die Straße konzentrieren, geriet immer wieder auf die Gegenfahrbahn. Zum Glück war ich um diese Uhrzeit allein auf der Straße.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann endlich kamen die Lichter meines Heimatdorfes in Sicht. Die Fahrt war nicht sonderlich lang, immerhin ging ich mit Kalle immer nur knapp außerhalb der Gemeinde spazieren, wenn wir eine größere Runde planten. Und so hatte ich die Straße, in der die Kirche und der Friedhof lagen, bald erreicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dort angekommen betätigte ich wieder und wieder die Hupe. Das schien den Jungen, der sich noch immer fest an mich klammerte, zu verwirren. Ich merkte, wie er sich ruckartig umsah. Aber entweder wusste er nicht, dass ich den Lärm machte, oder er hinterfragte es nicht weiter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Endlich hielt ich an. Ich fuhr jedoch nicht bis zur Kirche oder dem Friedhof ein Grundstück weiter. Ich wusste genau, dass ich es in meinem Zustand niemals schaffen würde, den Jungen zu begraben. Stattdessen hielt ich meinen Wagen bei dem Haus davor. Es gehörte Einar, unserem Pfarrer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dort angekommen betätigte ich noch einige Male die Hupe, ehe ich schließlich die Fahrertür aufstieß. Ich versuchte, auszusteigen, aber meinen Beinen fehlte die Kraft. Stattdessen landete ich mit meinen Handflächen auf dem kalten Bürgersteig, schaffte es nur mühsam, meine Beine aus dem Auto zu ziehen, während die Welt um mich mehr und mehr verschwamm.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Letzte, was ich sah, war, wie sich die Haustür des Pfarrers öffnete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wer ist da? Um Gottes willen, Jonna!“, hörte ich Einar meinen Namen rufen. Seine Stimme klang weit entfernt. Trotzdem konnte ich noch hören, wie er zu uns rannte. „Lass sie los, Myling!“, schrie Einar. „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes taufe ich dich auf den Namen Jon!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mehr bekam ich nicht mehr mit. Im nächsten Moment verlor ich das Bewusstsein.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich wieder zu mir kam, lag ich, zugedeckt mit einer Wolldecke, auf einem Sofa. Von dem Jungen fehlte jede Spur. Dafür lag Kalle dicht an mich gekuschelt bei mir. Sobald er merkte, dass ich wach war, bellte er freudig, wedelte mit dem Schwanz und schlabberte mir durchs Gesicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„He! Ist ja gut. Ist ja gut mein Junge, ich bin wach“, sagte ich, während ich mich halbherzig gegen seinen Angriff wehrte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment ging eine Tür auf. Einar kam mit besorgter Miene auf mich zu. „Jonna. Gott sei Dank, du bist wach. Wie geht’s dir?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Um ehrlich zu sein, ziemlich beschissen“, gestand ich. „Was ist passiert?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Pfarrer zögerte. „Ich … Ich weiß nicht, wie sehr du dich mit den alten schwedischen Sagen auskennst“, begann er. „Aber dieses Wesen, das du auf dem Rücken hattest, nennt man einen Myling.“ Er musterte mich einen Moment, als wolle er abschätzen, ob ich ihm glaubte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ein Myling?“, wiederholte ich. Vor wenigen Stunden noch hätte ich unseren Pfarrer für solch eine Aussage wahrscheinlich als verrückt bezeichnet, aber nach dem, was mir widerfahren war, war mir jede Erklärung recht, die mir eine Antwort lieferte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ein Myling ist ein Wiedergänger. Ein Untoter. Den Legenden nach entstehen sie, wenn ein ungetauftes Kind getötet oder im Wald ausgesetzt wird. Sie können nur ihren Frieden finden, wenn sie in heiligem Boden begraben werden oder wenn sie …“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„… wenn sie getauft werden“, beendete ich seinen Satz.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einar nickte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Deswegen hatte er den Jungen also Jon getauft. Er hatte mir damit das Leben gerettet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Pfarrer legte mir eine Hand auf den Arm. „Es tut mir leid, dass das ausgerechnet dir widerfahren ist, Jonna. Nach allem, was du durchgemacht hast.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich lächelte schief.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du kannst jedenfalls hierbleiben, solange du willst“, bot er mir an. „Nur die Nacht oder bis du dich besser fühlst.“ Dann lächelte er noch einmal, ehe er seine Hand von meinem Arm löste. Nach einem kurzen Zögern drehte er sich schließlich um und wollte gehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Warte“, hielt ich ihn auf. „Du siehst aus, als wenn du noch etwas sagen wolltest.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einar seufzte schwer. „Es ist nur … Ich hatte schon damit gerechnet, dass so etwas passiert. Zu Weihnachten hatte irgendein Verrückter den Årsgång durchgeführt. Das ist ein unchristliches Ritual, mit dem man angeblich die Zukunft voraussehen kann. Ich hatte bereits befürchtet, dass dadurch übernatürliche Wesen auf unser Dorf aufmerksam geworden sind. Wir können nur hoffen, dass dem Myling keine Weiteren folgen.“</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Myling, auch Myrding (Schwedisch für „Ermordetes“), ist ein Wiedergänger des skandinavischen Volksglaubens. In Norwegen wird das <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wesen</a> Utburd genannt, in Island Útburður und bei den Samen u. a. Ihtiriekko.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Entstehung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Legende</a> nach entsteht ein Myling, wenn ein Kind, oft ein Neugeborenes, ungetauft stirbt – meist, weil es von den Eltern ermordet oder im Wald ausgesetzt wurde     – und anschließend nicht ordnungsgemäß bestattet wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist besonders früher oft vorgekommen, als Abtreibung noch verboten und uneheliche Kinder als Schande angesehen oder sogar kirchlich bestraft wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein anderer häufig genannter Grund ist, dass die Eltern keine finanziellen Mittel besaßen, um das Kind zu ernähren, und keinen anderen Ausweg sahen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Seltener sind Mylingar die Wiedergänger von Totgeburten, die nicht ordnungsgemäß bestattet wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Svenska Akademiens Ordbok (Schwedisch für „Wörterbuch der Schwedischen Akademie“) ist außerdem aufgeführt, dass ein Myling auch der Wiedergänger eines ermordeten Erwachsenen sein kann, der nicht ordnungsgemäß bestattet und dessen Mörder nicht bestraft wurde. Hierzu habe ich jedoch keine historischen Belege gefunden.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Obwohl Mylingar im Normalfall Wiedergänger von Neugeborenen sind, nehmen sie das Aussehen von sechs- bis 12-jährigen Kindern an. Sie haben blasse Haut und sind oft abgemagert und verdreckt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Als Wiedergänger, also Untote, halten sich Mylingar für gewöhnlich in der Nähe des Ortes auf, an dem sie begraben oder ihre Leiche versteckt wurde. Dort soll man nachts außerdem oft das Geschrei eines Kindes oder Babys hören.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sollte sich jemand auf die Suche nach dem Ursprung des Geschreis machen oder zufällig dem Myling begegnen, so springt der Myling den meisten Geschichten nach auf den Rücken der Person und klammert sich dort fest. Anschließend verlangt er, zu einem Friedhof oder geweihtem Boden gebracht und dort begraben zu werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da man sie nicht abschütteln kann, folgen die meisten Betroffenen der Bitte. Auf dem Weg zum Friedhof bzw. geweihtem Boden wird der Myling jedoch immer schwerer und schwerer. Sollte man es nicht rechtzeitig schaffen, den Ort zu erreichen, können sie angeblich so schwer werden, dass die Füße des Menschen im Boden versinken oder er unter der Last zusammenbricht, woraufhin der Myling wütend wird und den Menschen ermordet und sich auf die Suche nach seinem nächsten Opfer macht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In anderen Versionen entzieht ein Myling einem die Lebensenergie, während man ihn trägt. Irgendwann ist man schließlich so schwach, dass man zusammenbricht und stirbt. Diese Version würde auch zu anderen Wiedergängerlegenden passen, da die Berührung eines Wiedergängers den Menschen im Normalfall das Leben entzieht. So kann man daraufhin beispielsweise todkrank werden, die berührte Stelle kann abfallen, verbrennen oder verfaulen oder der Mensch kann sterben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sollte man es hingegen schaffen, den geweihten Boden zu erreichen, lässt der Myling von einem ab, woraufhin man ihn begraben und somit seine Seele befreien kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In anderen Legenden verlangt der Myling einen Namen und es reicht aus, ihm einen zu geben, oder der Myling muss sich an seiner Mutter rächen, um Frieden zu finden.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Mylingar wurden hauptsächlich in Skandinavien gesichtet. Dort können sie überall auftauchen, wo ein ungetauftes Kind gestorben ist bzw. sein Leichnam versteckt oder begraben wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den meisten Geschichten kommen sie in Wäldern oder auf dem Grundstück der Eltern vor.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der Glaube an Mylingar geht wahrscheinlich auf den früher oft begangenen Kindsmord zurück. Die häufigsten Gründe hierfür waren, wie bereits erwähnt, dass die Eltern keine finanziellen Möglichkeiten hatten, das Kind zu ernähren, oder das Kind unehelich war und die Eltern somit von der Kirche bestraft und gesellschaftlich missachtet worden wären.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem war die Aufklärung früher nicht so weit wie heute, Verhütungsmittel waren deutlich weniger verbreitet und Abtreibungen waren verboten. Ungewünschte Kinder kamen also sehr viel häufiger vor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie alt der Glaube an die Mylingar ist, habe ich hingegen nicht herausfinden können. Im Svenska Akademiens Ordboka ist eine Quelle aus dem frühen 17. Jahrhundert aufgelistet, die Legende kann aber natürlich noch deutlich älter sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von den Myling? Hat euch meine Geschichte gefallen? Wie würdet ihr reagieren, wenn ihr nachts Kinderschreie aus dem Wald hört? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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<p>Der Beitrag <a href="https://www.geister-und-legenden.de/myling">Myling – Folge nicht seinen Schreien!</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.geister-und-legenden.de">Geister und Legenden</a>.</p>
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		<title>Gloson – Der Jahresgang Teil 2</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 25 Dec 2023 14:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Geister]]></category>
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		<category><![CDATA[Monster und Ungeheuer]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Mehr Zeit zum Überlegen hatte ich nicht. Gloson setzte bereits zum Angriff an. Sie schnaufte, stieß dabei Wolken aus ihren Nasenlöchern und preschte los. Ich hörte ihren schweren Atem, während sie näherkam …</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg09.met.vgwort.de/na/e579a3a1026a4488a0ada615cc50c1b6" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Gloson ist ein Wesen, auf dessen Beitrag ich mich schon lange gefreut habe. Immerhin bin ich ein Skandinavien-, Schweine und Geisterfan.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bevor ich mich also in meine diesjährige Winterpause verabschiede, folgt hier der zweite Teil der diesjährigen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/weihnachten" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Weihnachts</a>geschichte „<a href="https://www.geister-und-legenden.de/arsgang">Der Jahresgang</a>“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen</strong></summary>
<p>&#8211; Krankheit: ALS</p>
<p>&#8211; Andeutung an den Tod eines Kindes</details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Diese Geschichte ist der zweite Teil des diesjährigen Weihnachts-Specials. Wenn ihr den vorherigen Teil noch nicht kennt, könnt ihr ihn <a href="https://www.geister-und-legenden.de/arsgang">Hier</a> nachlesen.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Knie zitterten – diesmal wusste ich nicht, ob es an der Kälte oder meiner Nervosität lag – während ich auf die Kirchentür zuging.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zum Glück brannte in den Fenstern kein Licht mehr. Es verlief lediglich eine Lichterkette einmal um das Kirchendach herum, die mir ein willkommenes, wenn auch schwaches Licht spendete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vorsichtig kniete ich mich vor die Tür. Was jetzt folgte, war einer der wichtigsten Momente des Årsgång-Rituals. In meinen Büchern wurde es so beschrieben, dass ich damit meinen Glauben ablegte – und somit auch den einzigen Schutz, den Gott mir vor übernatürlichen Wesen geben würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich holte tief Luft, während ich hoffte, dass das Ganze eher symbolisch gemeint war, ehe ich den Mund zum Schlüsselloch führte und die eingeatmete Luft zusammen mit meinem Glauben hindurchblies. Um auf Nummer sicher zu gehen, dass ich alles richtig machte, hörte ich erst auf, als meine Lungen komplett leer waren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sicherlich kennt ihr das Schwindelgefühl, wenn ihr zu viel Luft ausgepustet habt. Wie ich herausfinden musste, ist der Schwindel nochmal um einiges intensiver, wenn ihr euch sowieso schon schwach und ausgelaugt fühlt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich musste mich einen Moment an der rauen Steinwand festhalten. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass die Luft um mich herum plötzlich ein gutes Stück kälter geworden war, hoffte aber, dass ich es mir nur einbildete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es folgte das inzwischen vertraute Kichern von Grim an meinem Ohr. „Thorbjörn also. Das ist dein Name. Ich bin ehrlich: Sven gefiel mir besser. Aber man kann sich seinen Namen ja nicht aussuchen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Herz rutschte mir in die Hose. Also war es mehr als nur eine symbolische Geste gewesen – das, oder Grim hatte die ganze Zeit nur so getan, als würde er meinen Namen nicht kennen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich atmete einmal tief durch. Das Ritual war fast zu Ende. Alles, was noch fehlte, waren drei kurze Runden gegen den Uhrzeigersinn um die Kirche. Drei kurze Runden, die mich umbringen konnten.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu meiner Überraschung begann die erste Runde ruhig. Ich sah mich aufmerksam um, konnte aber nichts Auffälliges entdecken, während ich dicht an die Steinwand des Kirchengebäudes gedrückt durch den knöchelhohen Schnee stapfte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei dem ersten Kirchenfenster hielt ich inne. Allerdings nicht, weil ich etwas gehört hatte, sondern weil das Teil des Årsgångs war. Man sollte durch jedes erreichbare Kirchenfenster sehen, um weitere Visionen zu empfangen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sah bereits, dass Licht aus dem Fenster schien. Trotzdem musste ich mich auf Zehenspitzen stellen, um mehr zu erkennen. Zum Vorschein kam eine gut gefüllte, prunkvoll mit Blumen dekorierte Kirche. Die Anwesenden trugen allesamt Anzüge und Kleider, während sie auf den Bänken saßen und sich erwartungsvoll zur Eingangstür umdrehten. Als dann auch noch Einar, unser Pfarrer, den Hochzeitsmarsch auf der Orgel anstimmte, wusste ich sofort, was los war. Anja Larsson hatte sich vor wenigen Wochen mit ihrem Freund, einem Norweger, verlobt. Es war seitdem das Klatschthema Nummer 1 gewesen. Als sie wenige Sekunden später tatsächlich in einem weißen Kleid die Kirche betrat, wandte ich mich ab.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bereits nach wenigen Schritten verstummte die Hochzeitsmusik wieder und ließ mich mit der Kälte, dem Geräusch knirschenden Schnees und meinem knurrenden Magen zurück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die nächsten beiden Fenster waren ähnlich unspektakulär. Das zweite blieb dunkel, während ich im dritten Fenster Zeuge von Maja Holmquists Beerdigung wurden. Zwar brach es mir das Herz, Jonna mit einem zerknitterten Zettel in der Hand vor dem viel zu kleinen Sarg ihrer Tochter stehen zu sehen, wie sie weinend versuchte, einige Worte an die anderen Trauernden zu richten, doch auch die Beerdigung von Maja war seit der Vision am Friedhof keine Neuigkeit mehr für mich gewesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das vierte und letzte Fenster blieb wieder dunkel. Aber es bot eh lediglich einen Einblick in einen Anbau mit einer Sofaecke und Küche, die dem Pfarrer und der Kirchengemeinde zur Verfügung standen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und so näherte ich mich bereits nach wenigen Minuten wieder der Kirchentür und somit dem Ende meiner ersten Runde. Ich konnte bereits meine eigenen Fußspuren einige Meter vor mir im Schnee sehen, als plötzlich ein Blitz die Nacht erhellte. Fast unmittelbar folgten ein lauter Knall sowie eine heiße Luftwelle, die mich von der Seite traf. Schnell drehte ich mich um.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Haus gegenüber der Kirche – soweit ich wusste ein Einfamilienhaus, in dem eine vierköpfige Familie wohnte – hatte wie aus dem Nichts Feuer gefangen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>‚Eine Explosion?‘</em>, schoss es mir in den Kopf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es dauerte nur Sekunden, bis die Flammen, die an den hölzernen Wänden hochzüngelten, das ganze Haus eingenommen hatten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment öffnete sich die Haustür. Ein brennender Mann kam auf die Straße gerannt, der wild um sich schlug und wie am Spieß kreischte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich würde lügen, wenn ich sage, dass ich nicht fast auf den Trick hereingefallen und ihm zur Hilfe geeilt wäre. Gerade rechtzeitig fiel mir jedoch auf, wie unbekümmert die Bewohner der anderen Häuser zu sein schienen. Niemand trat auf die Straße. Ich konnte nicht einmal neugierige Gesichter an den Fenstern sehen, von Leuten, die die Explosion eindeutig gehört haben mussten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schließlich brach der Mann auf der Straße zusammen. Er hörte aber nicht auf, sich zu bewegen. Während noch immer kleine Flammen über seinen inzwischen schwarzgebrannten Körper zuckten, streckte er plötzlich einen Arm nach mir aus. „Wer ist da? Thorbjörn? Bist du das?“, fragte der mir fremde Mann mit erstaunlich fester Stimme.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt drang auch der Geruch an meine Nase. Es war aber kein abartiger Gestank, wie er manchmal beschrieben wurde, es roch eher nach einem gemütlichen Grillabend. Angewidert wandte ich mich ab.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ach komm, das haben wir doch echt gut in Szene gesetzt“, ertönte Grims Stimme wieder aus dem Nichts, während ich hörte, wie der Verbrannte mir mehrfach nachrief, dass ich ein Monster sei.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schüttelte den Kopf. Geister waren echt geschmacklos. Zum Glück musste ich sie nur noch für zwei Runden um die Kirche ertragen. Ich hatte die Tür erreicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie auch bei der ersten Runde musste ich wieder in das Schlüsselloch pusten. Diesmal blieb ich vorsichtshalber einen Moment länger davor knien, um den Schwindelanfall abklingen zu lassen. Leider half es nur wenig. Wäre mein Magen nicht komplett leer gewesen, hätte ich nach dem Aufstehen wahrscheinlich auf den Boden gekotzt. So würgte ich jedoch nur trocken, während ich versuchte, einigermaßen geradeaus zu gehen. Zur Sicherheit blieb ich mit meiner linken Hand in Kontakt mit der Steinwand, bis ich das erste Fenster erreichte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die erste Vision war die einer Taufe. Ich beobachtete gelangweilt, wie der Pfarrer den Kopf eines kleinen Kindes mehrere Male unter Wasser drückte, ehe ich entschied, weiterzugehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich mich abwandte, bemerkte ich jedoch eine Bewegung aus dem Augenwinkel, gefolgt von schweren Schritten. Misstrauisch sah ich in Richtung eines sich bewegenden Busches. Erst jetzt wurde mir klar, dass dahinter der Friedhof liegen musste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich entschied, dass es schlauer wäre, nicht abzuwarten, bis ich herausfand, was sich von dort näherte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Beim nächsten Fenster angekommen konnte ich eine traurige Melodie hören, ich wagte jedoch keinen Blick durch die Scheibe, da in diesem Moment eine Gestalt aus den Büschen trat. Sie hatte eine menschliche Statur – und kam direkt auf mich zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wusste nicht, ob ich beim Årsgång rennen durfte. Oder ob ich überhaupt physisch dazu in der Lage wäre. Also beschleunigte ich bloß meine Schritte. Das wiederum schien die Silhouette anzustacheln. Sie gab eine Art Röcheln von sich, ehe sie zu einem Sprint ansetzte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Magen krampfte sich zusammen, als ich es sah. Aber was konnte ich tun? Ich hatte keine Waffe bei mir, nichts, um mich zu verteidigen, also begann ich zu joggen – schneller schafften es meine Beine in meinem Zustand nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hatte es gerade um die nächste Ecke geschafft, als das Ding mich einholte. Zuerst bemerkte ich einen Geruch nach Verwesung, ehe mich plötzlich eine abgemagerte Hand am Arm packte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Panisch wirbelte ich herum, um den Angreifer abzuwehren, verlor dabei das Gleichgewicht und fiel mit dem Rücken voran in den Schnee. Gleichzeitig spürte ich, wie etwas Schweres auf mich stürzte. Der Aufprall presste mir mit einem keuchenden Geräusch die Luft aus den Lungen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich auf dem Rücken lag, sah ich, wie ein bleiches, eingefallenes Gesicht direkt über mir hing. Milchige Augen musterten mich. Und auch der Gestank nach Verwesung hatte deutlich zugenommen. Ein Wiedergänger.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihr kennt diese Wesen vielleicht besser als Zombies. Doch während Untote im Fernsehen durchaus gefährlich werden konnten, hatten Wiedergänger eine sehr viel schlimmere Eigenschaft: Ihre bloße Berührung brachte den Tod. Ich hatte Glück, dass der Großteil meines Körpers von dicker Winterkleidung bedeckt war. Würde er mich hingegen im Gesicht berühren …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Röcheln entwich seinen Lippen, als der Mann sich an meinem Körper hochdrückte. Ich sah, dass seine Hand sich meinem Kopf näherte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Panisch griff ich nach seinem Arm. Ich versuchte, seine Finger von mir fernzuhalten, aber der Untote hatte eine unglaubliche Kraft. Zentimeter für Zentimeter näherten seine abgemagerten Klauen sich meinem Hals.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wühlte unterdessen mit der freien Hand panisch im Schnee neben mir, hoffte, dass ich etwas fand, mit dem ich mich verteidigen konnte – einen Stein, einen Ast, irgendetwas. Aber da war nichts.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also setzte ich alles auf eine Karte. Als seine Finger meine Haut fast berührten, drehte ich mich leicht nach rechts, um meinen Körper anschließend mit voller Kraft nach links zu werfen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es funktionierte nicht ganz wie geplant. Ich hatte gehofft, genug Schwung aufzubringen, um über den Wiedergänger zu gelangen. Aber wenigstens lag er jetzt neben mir.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich zögerte keine Sekunde. Hektisch drehte ich mich auf den Bauch und drückte mich hoch. Gerade dachte ich, dass ich es geschafft hätte, als eine knöcherne Hand mein Fußgelenk umschloss.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sah nicht hin, während ich mit dem Fuß wild um mich trat. Mit einem Tritt erwischte ich irgendetwas Hartes, das nach einem widerwärtigen Knacken plötzlich weich nachgab. Wenn ich raten müsste, würde ich auf seinen Brustkorb tippen, auch wenn ich dafür eigentlich schon zu weit weg war. Trotzdem gab die Hand mich schlagartig frei.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schnell stolperte ich vorwärts. Die Geräusche hinter mir verrieten aber, dass ich den Kampf noch nicht gewonnen hatte. Der Wiedergänger richtete sich ebenfalls auf, also beeilte ich mich, zurück zur Tür zu kommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während die stapfenden Geräusche hinter mir wieder näherkamen, warf ich mich um die Ecke. Ich stolperte, fing mich und stürzte schließlich zur Kirchentür. Gerade noch so schaffte ich es, mich an der Türklinke festzuklammern, knallte mit dem Gesicht schmerzhaft gegen das Holz und schmeckte Blut, ehe ich mehr schlecht als recht einen halben Atemzug in das Schloss hauchte. Trotzdem wusste ich, dass ich zu langsam war. Mir fehlte die Kraft, mich sofort wieder aufzurappeln. Kapitulierend schloss ich die Augen. Der Wiedergänger musste jede Sekunde bei mir sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann geschah … nichts. Überrascht blinzelnd sah ich mich um. Von dem Wiedergänger fehlte jede Spur. Wo war er hin?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Er ist abgehauen“, erklärte Grim, als hätte er meine Gedanken gelesen. „Und wenn du schlau bist, machst du das auch. Ob du es glaubst oder nicht, selbst ich habe Angst vor <em>ihr</em>.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich ahnte bereits, von wem er sprach. Es gab nur eine <em>Sie</em>, die laut meinen Büchern am Ende des Årsgångs auftauchen solle: Gloson. Ein fürchterliches Geisterschwein. Es wunderte mich jedoch, dass Grim angeblich Angst vor ihr habe. Was hatte er als Geist noch zu verlieren?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Um etwas Kraft zu tanken, blieb ich einen Moment vor der Kirchentür sitzen. Außerdem nutzte ich die Zeit, um meine gespaltene Unterlippe zu kühlen – eine Verletzung, die ich meiner unsanften Begegnung mit der Kirchentür verdankte. Wie einfach es wäre, jetzt meine Augen zu schließen und mich der süßen Verlockung des Schlafs hinzugeben …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber natürlich war das für mich keine Option. Ich war schon so weit gekommen, da konnte ich jetzt nicht einfach aufgeben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">‚<em>Also los, Thorbjörn</em>‘, forderte ich mich in Gedanken auf. ‚<em>Eine letzte Runde, dann darfst du endlich nach Hause gehen.</em>‘</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bereits bei dem Gedanken an ein Glas Wasser, eine Scheibe Brot oder vielleicht ein Müsli und mein kuscheliges Bett wurde mir sofort wärmer ums Herz. Wie sehr ich mich gerade nach der Geborgenheit sehnte. Den Gedanken fest umklammernd rappelte ich mich auf.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für die letzte Runde hatte ich mir vorgenommen, keine Zeit mehr mit den Visionen zu verschwenden. Stattdessen entschied ich, nur flüchtig durch die Scheiben zu blicken, um möglichst schnell mit der Runde durch zu sein. Die Fenster ganz zu ignorieren, traute ich mich hingegen nicht. Immerhin waren die Visionen ein wichtiger Bestandteil des Årsgångs und ich wollte nicht riskieren, daran jetzt noch zu scheitern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Beim ersten Fenster klappte mein Plan sehr gut. Ich sah bloß flüchtig irgendeine Konfirmation, die mich auch so nicht wirklich interessiert hätte. Schnell wandte ich den Blick wieder ab, um zum zweiten Fenster weiterzugehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dort erklang dieselbe traurige Musik wie in der letzten Runde. Wieder warf ich einen flüchtigen Blick durch die Scheibe. Eine Beerdigung. Doch auch jetzt wollte ich mich schnell wieder abwenden – bis mein Blick auf das Foto neben dem Sarg fiel: Mama …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für einen Moment war ich wie erstarrt, als wolle mein Kopf nicht begreifen, was ich da vor mir sah. Aber natürlich begriff ich es. Es war ihre Beerdigung. Meine Mutter würde im kommenden Jahr sterben. Nichts, was ich tat, konnte daran etwas ändern. Meine Recherche, der Årsgång, meine Pläne – alles war umsonst gewesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem stiegen in mir keine Tränen auf. Es war eine kalte Erkenntnis, die mein Herz gefrieren ließ. In mir fühlte ich nichts als Leere, war wie erstarrt. Es war jedoch in dieser Starre, dass mir eine Frau ins Auge fiel, die ich nicht auf der Beerdigung erwartet hatte: Jonna Holmquist. Sie saß in der ersten Reihe, direkt neben mir, hatte einen Arm um mich gelegt und streichelte sanft meine Schulter, während ich weinte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jonna, meine alte Jugendliebe. Was machte sie auf Mamas Beerdigung? War sie meinetwegen gekommen? Ihre Berührung wirkte so zärtlich, so liebevoll. Und genau das war der Funke, der meine Leere wieder füllte. Ich hatte einen Grund, weiterzuleben. In ihrer dunkelsten Stunde, dem Tod ihrer Tochter, würde ich für Jonna da sein – und sie für mich in meiner.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit der neu gewonnenen Kraft wollte ich gerade weitergehen, als ich hinter mir ein tiefes Grunzen hörte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Langsam drehte ich mich um. Sofort sah ich die zwei rot brennenden Augen, die mich aus dem Halbdunkel anstarrten. Der Rest von Glosons weißem Körper, ihr Fell mit den rasiermesserscharfen Borsten am Rücken und der tiefhängende Kopf mit den für eine Wildsau erstaunlich großen Eckzähnen, gingen fast völlig im Schnee unter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein nächster Blick galt dem kleinen Gegenstand, den ich in ihrem Maul entdeckte: eine Schriftrolle. Sie war es, die einem magische Kräfte verleihen sollte. Die Gerüchte waren also real.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Krampfhaft versuchte ich, mich an alles zu erinnern, was ich über Gloson gelesen hatte. Sie würde versuchen, zwischen meinen Beinen hindurchzulaufen, um mich mit ihren scharfen Rückenborsten zu zerteilen. Die beste Möglichkeit, sich dagegen zu schützen, war es, seine Beine zu überkreuzen, sodass sie nicht mehr hindurch konnte. Andererseits musste ich irgendwie an die Schriftrolle gelangen, wenn ich aus dem Årsgång mit magischen Fähigkeiten hinausgehen wollte. Wenn ich also im richtigen Moment die Beine kreuzen würde …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mehr Zeit zum Überlegen hatte ich nicht. Gloson setzte bereits zum Angriff an. Sie schnaufte, stieß dabei Wolken aus ihren Nasenlöchern und preschte los.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hörte ihren schweren Atem, während sie näherkam. Gleichzeitig spürte ich, wie mein Puls anstieg. Als sie mich fast erreicht hatte, verlagerte ich das Gewicht und trat mit dem linken Fuß nach rechts, sodass meine Beine ein X bildeten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gloson rannte nur knapp an mir vorbei, allerdings nicht nah genug, dass ich nach der Schriftrolle hätte greifen können. Hätte ich es versucht, hätte ich wahrscheinlich das Gleichgewicht verloren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also brauchte ich einen neuen Plan. Vielleicht, wenn ich rechtzeitig zur Seite sprang …</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was zur Hölle tust du da?“, drang Grims Stimme an mein Ohr, während ich mich wieder normal hinstellte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gleichzeitig behielt ich Gloson genau im Auge. Ich sah, wie sie sich wieder positionierte, zu einem neuen Sprint ansetzte und auf mich zulief.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst jetzt merkte ich, wie lückenhaft mein Plan war. Gloson war viel zu schnell. Ich würde es nie schaffen, gleichzeitig die Schriftrolle zu packen und zur Seite zu springen. Nicht mit meinen halb eingefrorenen Gliedern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem versuchte ich es. Ich hatte jedoch zu viel Angst, warf mich zu früh zur Seite, sodass meine Hand nicht einmal in die Nähe der Schriftrolle kam. Ich landete mit dem Gesicht voran im Schnee.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Den Geräuschen nach trampelte Gloson nur knapp an mir vorbei. Sie gab einen quiekenden Schrei von sich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ganz toll, Thorbjörn!“, brüllte Grim mich an. „Wenn du sie wütend machen willst, bist du auf dem besten Weg! Du brauchst die verdammte Schriftrolle doch gar nicht mehr. Deine Mutter ist so gut wie tot!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Stich fuhr durch mein Herz. Trotzdem hatte Grim recht. Sie war der einzige Grund, warum ich die Schriftrolle haben wollte. Aber seit wann gab er mir Tipps, wie ich überleben konnte? Wollte er nicht die ganze Zeit, dass ich sterbe?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Grim gab ein genervtes Knurren von sich. „Hör zu. Ich weiß, du hast keinen Grund, mir zu vertrauen, aber ich möchte nicht, dass dieses verdammte Biest noch jemanden tötet. Es reicht, dass sie mir damals das Leben genommen hat! Also steh endlich auf und beende die verdammte letzte Runde!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Hirn raste. Ich wusste nicht, ob das wieder irgendein Trick war. Aber Grim hatte recht. Ich musste hier weg!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein ganzer Körper schmerzte, während ich mich aufrappelte. Schnee hing in meinem Bart, klebte an meiner Kleidung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gloson ging unterdessen in Kreisen um mich herum, wie ein Hai, der jeden Moment angreifen würde. Jetzt senkte sie wieder den Kopf. Sie schnaufte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Beine kreuzen!“, fordere Grim mich auf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Schnell trat ich mit dem linken Bein nach rechts.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gloson grunzte unzufrieden. Sie hob den Kopf, begann hin und her zu laufen, als warte sie auf den richtigen Moment, um noch einmal zuzuschlagen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Gut“, schaltete Grim sich wieder ein. „Ich behalt das Biest im Auge. Kannst du so gehen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich versuchte es. Meine Beine fühlten sich träge an. Wann immer sie sich berührten, zuckte Schmerz durch meine Schenkel. Aber ich kam voran.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Langsam und unbeholfen arbeitete ich mich vorwärts, während ich Gloson den Rücken zuwandte. Zwar traute ich Grim noch immer nicht wirklich, aber es war meine beste Chance, voranzukommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich die Kirchenwand erreicht hatte und mich abstützen konnte, ging es etwas schneller.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gloson blieb die ganze Zeit hinter mir. Aber tatsächlich griff sie nicht an. Und so dauerte es nicht lange, bis ich wieder fast bei der Kirchentür war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Weißt du, Thorbjörn“, hob Grim wieder die Stimme. „Ich hatte echt gedacht, dass du es nicht schaffst. Aber dann hast du dich in deiner eigenen Vision gesehen. Dein Schicksal stand bereits fest. Egal ob ich dir helfe oder nicht, du wirst nächstes Jahr in dieser verdammten Kirche sitzen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich blinzelte überrascht. Darüber hatte ich gar nicht nachgedacht. Trotzdem erlaubte ich mir nicht, innezuhalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Inzwischen war ich bei der Tür angekommen. Es stellte sich als schwieriger heraus, als gedacht, mich mit überkreuzten Beinen hinzuhocken, aber nach wenigen Versuchen klappte es.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Grim lachte bitter. „Hätte mir jemand vorhin gesagt, dass ich mich einmal freuen würde, dass ein Mensch den Årsgång schafft, hätte ich dir nicht geglaubt.“ Er sprach lauter. „Hörst du das, Gloson? Thorbjörn hat dich überlebt!“ Dann wieder leiser: „Verdammtes Mistvieh. Aber genug geredet. Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist. Also dann: Frohe Weihnachten … Sven.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit diesen Worten blies ich ein letztes Mal in das Schlüsselloch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich spürte die Veränderung bereits in der Luft. Auch ohne mich umzudrehen, wusste ich, dass Gloson und Grim fort waren. Trotzdem kam ich nicht umhin, in die Luft zu lächeln. „Frohe Weihnachten, Grim“, krächzte ich mit trockenem Hals. Dann stand ich auf und machte mich auf den Heimweg.</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Gloson ist ein <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wesen</a> der schwedischen Folklore. Es ist ein fürchterliches <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Geister</a>schwein, das fast ausschließlich im Zusammenhang mit dem Årsgång erwähnt wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Name „Gloson“ setzt sich aus den schwedischen Wörtern „glo“ (glotzen, blenden) und „son“ (die Sau) zusammen. Wie der Name verrät, ist Gloson also weiblich.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Gloson ist ein schneeweißes Schwein oder Wildschwein bzw. eine Sau oder Wildsau. Sie hat große Haken (Bezeichnung der Eckzähne weiblicher Wildschweine) und rotglühende oder brennende Augen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf ihrem Rücken hat sie rasiermesserscharfe Borsten, die an Klingen oder ein Sägeblatt erinnern. Da sie ihre Borsten als Waffe nutzt, rennt sie meist gebückt und hält ihren Kopf dicht am Boden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einigen Geschichten hat sie noch weitere Merkmale. So hält sie manchmal etwas im Maul, z. B. eine Sichel, ein Buch oder eine Schriftrolle, hat brennende Borsten, trägt einen kleinen Mann oder Jungen auf dem Rücken, hat unzählige Augen, ist unsichtbar, hat Ferkel bei sich uvm.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie ihr seht, kann sich das Aussehen von Gloson also sehr unterscheiden. Trotzdem wird sie in fast jeder Geschichte als eine schneeweiße Sau mit feurigen Augen und messerscharfen Rückenborsten beschrieben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Gloson taucht hauptsächlich in dunklen Winternächten auf. Sie ist Teil des Årsgångs, einer alten schwedischen Weissagungstechnik, und erscheint als letzte Hürde, um jemanden an der Ausführung des Årsgångs zu hindern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn sie erscheint, versucht sie, zwischen den Beinen ihres Opfers hindurchzurennen, um es mit ihren scharfen Borsten in der Mitte zu zerteilen oder es auf ihren Rücken zu werfen und fortzutragen. Wenn das Opfer fortgetragen wird, stirbt es entweder an den Verletzungen durch die scharfen Borsten, weil es verdurstet oder an Erschöpfung, da der wilde Ritt mehrere Tage bis Wochen dauern kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In anderen Geschichten wirft Gloson ihre Opfer nach einiger Zeit ab. Auch hier ist man aufgrund des kalten Winters oder der Verletzungen jedoch oft dem Tode geweiht. Hat man hingegen „Glück“ und überlebt, ist man dank des wilden Ritts dem Wahnsinn verfallen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Laut einigen Versionen der <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Legende</a> hat Gloson außerdem etwas bei sich, das der Årsgång-Durchführende braucht, um den Årsgång zu beenden oder magische Fähigkeiten zu erlangen. Dabei kann es sich z. B. um ein Buch oder eine Schriftrolle über schwarze Magie oder geheimes Wissen oder um einen anderen magischen Gegenstand handeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn man Gloson tatsächlich begegnet, gibt es viele Möglichkeiten, wie man sich gegen sie schützen kann. So ist Silber, besonders, wenn es geweiht wurde, aber auch Stahl oder Eisen eine bewährte Waffe gegen das Übernatürliche. Zudem helfen Gebete, das Kreuzzeichen oder wenn man seine Beine kreuzt. Gerade Letzteres wird oft im Zusammenhang mit Gloson erwähnt, da es nicht nur vor dem Bösen schützen soll, sondern auch verhindert, dass Gloson zwischen den Beinen ihres Opfers hindurchlaufen kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Alternativ soll es einige Nahrungsmittel geben, mit denen man Gloson ablenken kann. In einer Quelle habe ich von sieben Jahre alten Nüssen gelesen, die man ihr hinwerfen muss, damit sie sich darauf statt auf ihr Opfer konzentriert.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Legende von Gloson wurde hauptsächlich im Süden Schwedens verbreitet. Daher soll Gloson hauptsächlich dort vorkommen. Es gibt aber auch Texte aus anderen Orten Schwedens, in denen von ihr die Rede ist.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In den ältesten Texten über den Årsgång ist von Gloson noch keine Rede. Stattdessen wird von einem Reiter berichtet, dessen Pferd mit brennender Mähne einen Runenstab im Maul trägt, das dem Årsgång-Durchführenden magische Fähigkeiten verleiht, sofern er ihn dem Pferd entwenden kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst später wird dieser Reiter samt Pferd durch Gloson abgelöst. Die brennende Mähne wurde zu den brennenden Borsten bzw. Augen Glosons, während andere Motive wie der magische Stab oder der Reiter, wenn auch jetzt in kleinerer Form, in einigen Versionen komplett übernommen wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieso für Gloson das Motiv des Schweins gewählt wurde, ist naheliegend: Schweine (auch Hausschweine) sind früher oft in der Wildnis umhergelaufen und konnten eine Gefahr für unschuldige Passanten darstellen. Besonders aggressiv und gefährlich waren sie, wenn sie Junge hatten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Schwein war früher also, auch wenn es als Haustier sehr beliebt war, durchaus gefürchtet. Und auch heute noch haben viele Menschen (zurecht) Angst vor Wildschweinen, da sie schnell aggressiv werden, Menschen angreifen und sie schwer bis tödlich verletzen können.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von Gloson? Würdet ihr den Årsgång durchführen, auch wenn ihr wisst, was euch bei der Kirche alles erwarten kann? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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		<title>Årsgång – Der Jahresgang Teil 1</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 18 Dec 2023 14:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Ein plötzliches Piepen riss mich aus meinen Gedanken. Fast instinktiv griff ich nach meiner Armbanduhr, um den Alarm zu deaktivieren. Mitternacht. Das Ritual konnte endlich beginnen …</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.geister-und-legenden.de/arsgang">Årsgång – Der Jahresgang Teil 1</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.geister-und-legenden.de">Geister und Legenden</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg09.met.vgwort.de/na/78a33b9b7da049b9992416d08c98ae92" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Årsgång ist der erste Teil meines diesjährigen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/weihnachten" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Weihnachts</a>-Zweiteilers. Wie vor drei Jahren bei <a href="https://www.geister-und-legenden.de/die-yule-lads" target="_blank" rel="noreferrer noopener">den Yule Lads</a> habe ich die Weihnachtsgeschichte dieses Jahr also wieder auf mehrere Teile aufgeteilt. Den zweiten Teil findet ihr nächste Woche hier auf meinem Blog oder bereits jetzt auf <a href="https://www.patreon.com/geisterlegenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Patreon</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen</strong></summary>
<p>&#8211; Krankheit: Erwähnung von ALS</p>
<p>&#8211; Andeutung an den Tod eines Kindes</details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Ich saß zitternd in meinem Zelt, eine dicke Wolldecke eng um mich gewickelt, während ich meinen knurrenden Bauch hielt und mein Mund sich völlig ausgetrocknet anfühlte. Selten hatte ich mich so schwach gefühlt. Und das an einem Heiligabend, wo die meisten Leute mit ihren Familien in einem warmen Wohnzimmer saßen und mehr aßen und tranken, als sie es sich das restliche Jahr über erlaubten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber bevor ihr euch jetzt Sorgen um mich macht, sollte ich anmerken, dass das hier alles selbstverschuldet war. Und nicht nur das, es war sogar beabsichtigt. Ich war im Begriff ein altes schwedisches Ritual durchzuführen: den Årsgång. Nur hätte ich nicht gedacht, dass ich mich nach einem Tag ohne Essen und Trinken so schwach fühlen würde. Außerdem war da diese unerträgliche Kälte, die mir von Stunde zu Stunde tiefer in die Knochen kroch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als Vorbereitung für den Årsgång musste man sich nämlich einen kompletten Tag isolieren. Man musste sich ohne Wasser oder Nahrung tief in den Wald begeben. In meinen Büchern hieß es: so tief, dass man weder Hund noch Hahn hören konnte. Aber ich ging lieber auf Nummer sicher und war so weit gegangen, dass auch keine Geräusche von fahrenden Autos mehr zu mir vordrangen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine weitere Bedingung war, dass ich in dieser Zeit kein einziges Wort sagen, kein Handy oder Laptop bei mir haben und in kein Licht wie ein Feuer oder eine Lampe blicken durfte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hatte die letzten Stunden also in völliger Stille, Kälte und Dunkelheit verbracht. Die Sonne war schon vor Stunden untergegangen und jetzt wartete ich nur noch darauf, dass es endlich Mitternacht wurde. Dann konnte der Årsgång beginnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber bis dahin saß ich weiter zitternd in meine Decke gewickelt und dachte über mein Leben nach. Noch vor einem Jahr wäre es für mich undenkbar gewesen, ein Ritual wie den Årsgång durchzuführen. Damals saß ich mit meiner Mama, meiner letzten lebenden Verwandten, am Weihnachtstisch und aß mit ihr eine Gans, die wir gemeinsam zubereitet hatten. Unser Leben war in Ordnung gewesen. Das war jedoch vor ihrer Diagnose.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie wir dieses Jahr herausgefunden hatten, litt meine Mutter an amyotropher Lateralsklerose, besser bekannt als ALS. Vielleicht erinnert ihr euch noch an die Ice Bucket Challenge, die vor einigen Jahren durch das Internet kursiert ist. Sie sollte damals auf ALS aufmerksam machen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jedenfalls ist es eine grausame Krankheit, die zu Muskellähmungen und schließlich zum Tod führt. Eine Heilung ist laut unserer Schulmedizin nicht möglich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie so viele Menschen in ähnlichen Situationen hatte ich also das einzige in meiner Macht stehende getan, und angefangen, mich nach alternativen Heilmethoden umzusehen. Aber während andere Menschen sich auf Heilsteine und Homöopathie stürzten, hatte ich mich für einen anderen Weg entschieden: das Übernatürliche. Mein erster Schritt in diese Richtung sollte der Årsgång werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eigentlich war es nicht mehr als ein Wahrsageritual, mit dem man die Zukunft der Gemeinde voraussehen konnte. In einigen Büchern hatte ich jedoch etwas von magischen und sogar heilenden Fähigkeiten gelesen, die man nach einem erfolgreichen Årsgång erhalten solle. Und selbst, wenn das nicht der Fall war, würde das Ritual zumindest mein Gespür für das Paranormale stärken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So oder so, egal, wie verzweifelt der Versuch auch sein mochte, es war immer noch besser, als zuhause zu sitzen und nichts zu tun.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein plötzliches Piepen riss mich aus meinen Gedanken. Fast instinktiv griff ich nach meiner Armbanduhr, um den Alarm zu deaktivieren. Mitternacht. Das Ritual konnte endlich beginnen.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich aus dem Zelt trat, schnitt mir die eisige Winterluft ins Gesicht, stach in meine trockenen Lippen. Nur mein Bart und die dicke Kleidung schützen mich einigermaßen vor der Kälte. Trotzdem hatte ich bereits das meiste Gefühl in meinem Fingern und Zehen verloren – ein Zustand, der hier draußen nicht besser werden würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenigstens reflektierte der Schnee das wenige Mondlicht, das durch die Bäume schien, sodass ich nicht gegen den nächsten Baum laufen würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schnee knirschte mit jedem Schritt unter meinen Stiefeln. Das Geräusch hallte gespenstisch durch den Wald, als würden viele weitere Beine mir folgen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich beachtete es nicht weiter. Stattdessen ging ich in Gedanken noch einmal meine Route durch. Ich würde den Wald verlassen, über den schmalen Weg zwischen den Feldern ins Dorf zurückwandern, am Friedhof vorbei und auf direktem Weg zur Kirche. Dort würde der größte und wichtigste Teil des Rituales stattfinden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Alles, was ich bis dahin tun musste, war nicht zu sprechen oder zu lachen, nicht nach hinten zu blicken, auf dem Weg zu bleiben und keine Furcht zu zeigen. Das war allerdings einfacher gesagt als getan. Wenn man den Büchern glauben durfte, würde die paranormale Welt alles daransetzen, mich von meinem Årsgång abzuhalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder knurrte mein Magen. Ich versuchte, den Hunger zu ignorieren, konzentrierte mich auf meine Schritte und meine Umgebung. Trotzdem bemerkte ich die Silhouette zwischen den Bäumen erst, als sie mich ansprach.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was macht ein einsamer Wanderer hier so spät in der Nacht?“, fragte eine helle Frauenstimme.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Fast hätte ich vor Schreck einen Satz zur Seite gemacht. Ich wusste nicht, ob es meine Erschöpfung oder eine mir bisher unbekannte Selbstkontrolle war, aber ich schaffte es irgendwie, den Instinkt zu unterdrücken und einen neutralen Gesichtsausdruck zu wahren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt musterte ich die Gestalt zwischen den Bäumen aufmerksam. Sie hatte so reglos und still dagestanden, dass ihr weißes Kleid mit dem Schnee verschmolzen war. Und ihre blasse Haut war auch nicht viel dunkler. Lediglich ihre eisblauen Augen und das goldene Haar stachen im direkten Mondlicht deutlich hervor, als sie aus den Schatten trat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Oh. Du zitterst ja“, bemerkte sie. „Soll ich dich etwas wärmen?“ Sie legte mir ihre Hand auf die Brust und fuhr mir ihr langsam an meinem Körper herunter. Ich packte ihr Handgelenk, als sie meinen Bauchnabel erreichte und noch immer nicht zu stoppen schien.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war dann wohl eine Skogsrå, eine übernatürliche Hüterin des Waldes, die in ihrer Freizeit nichts Besseres zu tun hatte, als einsame Wanderer zu verführen, um ihnen die Seelen zu rauben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da ich nichts sagen durfte, schüttelte ich bloß den Kopf und schob ihre Hand beiseite. Ich nahm mir vor, sie möglichst sanft abzulehnen, um sie nicht zu verärgern. Trotzdem wollte ich mich nicht aufhalten lassen, also ging ich langsam weiter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Oh, hast du noch was vor?“, fragte sie scheinheilig. „Ich verspreche dir, dass es nicht lange dauert. Danach wirst du dich sehr viel besser fühlen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hörte, wie ihre leisen Schritte mir folgten. Sie holte auf, um neben mir zu gehen, wo sie meinen Arm ergriff und sanft ihren Kopf an meine Schulter schmiegte. Ich spürte, wie ihre Wärme durch die Jacke hindurch an meinem durchgefrorenen Körper drang. Und auch ihr süßlicher Duft gelangte jetzt an meine Nase. Er war nicht aufdringlich, sondern genauso zart und lieblich wie die Skogsrå selbst. Hätte ich jetzt die Augen geschlossen, würde ich mich wohl in dem Gefühl verlieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also schüttelte ich bloß wieder den Kopf. Ich machte aber keine Anstalten, mich loszureißen. Ich redete mir ein, es läge daran, dass ich die Skogsrå nicht verärgern wolle, aber wenn ich ehrlich war, wollte ich ihre Wärme noch für ein paar Meter mehr genießen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Den Waldgeist eng an meine Seite gekuschelt, ging ich weiter meines Weges. Sie flüsterte mir Komplimente zu und erzählte mir, wie schrecklich einsam sie sich zu Weihnachten immer fühle. Und auch ich fühlte mich einsam, jetzt, wo meine Mutter im Krankenhaus war und ich das Haus für mich allein hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Skogsrå galt als Meisterin der Verführung und unter anderen Bedingungen, hätte ich nicht das Ziel vor Augen gehabt, meine Mutter zu heilen, wäre ich ihr vielleicht verfallen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Je näher wir jedoch dem Waldrand kamen, desto verzweifelter wurden ihre Versuche. Inzwischen raunte sie mir die verbotensten Versprechungen ins Ohr, streichelte sanft meinen Oberschenkel und versuchte sogar, mir zwischen die Beine zu greifen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da ich inzwischen die schneebedeckten Felder hinter den Bäumen sehen konnte, drückte ich die Skogsrå von mir weg und beschleunigte meine Schritte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einer letzten Verzweiflungstat griff der Waldgeist nach meinem Handgelenk, versuchte, mich zurückzuhalten, aber ich riss mich wieder los und trat aus dem Wald hinaus. Erleichtert atmete ich auf, als ich ihre Schritte nicht länger hinter mir hören konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du wirst es nicht schaffen!“, rief sie mir nach. Jegliche Zärtlichkeit war jetzt aus ihrer Stimme gewichen. „Du gehst in deinen eigenen Untergang!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Fast hätte ich mich zu ihr umgedreht. Ich erinnerte mich gerade noch rechtzeitig, dass ich während des Årsgångs nicht zurückblicken durfte. Stattdessen atmete ich noch einmal tief durch und ging stur weiter. Ich spürte ihren Blick noch eine ganze Weile in meinem Rücken, während ich das Feld verließ und den schmalen von Fußabdrücken gezeichneten Weg betrat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dort strauchelte ich. Es lag aber nicht nur an dem plattgetretenen Schnee, auf dem ich fast wegrutschte, sondern auch an dem Schwindel, der sich langsam in mir ausbreitete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sanft schlug ich mir auf die Wangen, suchte mir einen Punkt in der Ferne, auf den ich mich konzentrieren konnte, um mich von meiner eigenen Schwäche abzulenken. Ich entschied mich für die bunten Lichter meines Dorfes. Wie jedes Jahr war es zu dieser Zeit festlich geschmückt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Das war aber nicht die feine schwedische Art“, ertönte plötzlich eine hohe, fiepsige Männerstimme hinter mir. „Haben deine Eltern dir beigebracht, so mit einer Frau umzugehen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Gänsehaut zog sich über meinen ohnehin schon kalten Rücken. Die Stimme war direkt hinter meinem linken Ohr erklungen. Sehen konnte ich niemanden, aber ich wusste nicht, ob die Stimme keinen dazugehörigen Körper hatte, oder ob sich das Wesen bloß hinter mir aufhielt, da es genau wusste, dass ich mich nicht umdrehen durfte. Ein zweites Paar Füße, die durch den Schnee stapften, konnte ich jedenfalls nicht hören.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Oh, tut mir leid. Hab ich dich erschreckt?“, fragte die Stimme weiter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hatte sie, aber zum Glück hatte ich es auch diesmal geschafft, mir nichts anmerken zu lassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mein Name ist Grímr, aber du darfst mich Grim nennen. Und wie heißt du?“, fuhr die Stimme unbeirrt fort. Diesmal erklang sie an meinem rechten Ohr.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war ein billiger Trick, um mich zum Reden zu bewegen. Aber natürlich war ich auf so etwas eingestellt und antwortete nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nicht der redselige Typ, was? Also gut. Lass mich raten. Du heißt … Hmmm … Sven? Ja, Sven! Sven, der Schwede!“, brabbelte die Stimme weiter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hieß ich nicht. Mein Name war Thorbjörn. Aber selbst, wenn ich sprechen dürfte, hätte ich aus meinem ausgetrockneten Hals wahrscheinlich kein verständliches Wort herausbringen können, um die Stimme zu korrigieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Stattdessen konzentrierte ich mich stur weiter auf die bunten Lichter der Gemeinde. Nur, dass da auf einmal keine bunten Lichter mehr waren. Um mich herum war es plötzlich taghell. Ich ging zwischen zwei üppig bewachsenen Hefefeldern hindurch, auf denen ein Trecker die reiche Ernte einfuhr.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Staunend sah ich mich um, weiter darauf bedacht, nicht zurückzublicken. Solche Visionen waren normal während des Årsgångs. Sie bedeuteten, dass die Ernte nächstes Jahr gut werden würde. Aber ich hätte nie gedacht, dass sie sich so real anfühlen würden. Der Wind ließ das Getreide tanzen. Ich hörte Grillen in den Feldern zirpen. Fast konnte ich das warme Sonnenlicht auf meiner eiskalten Haut spüren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„A-bab-bab! Sven, behalt deine Augen auf dem Weg!“, mahnte Grim.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort verblasste die Vision um mich herum. Ich sah wieder die dunklen, kalten Felder, hörte wieder Schnee und Eis unter meinen Füßen knirschen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Überrascht weitete ich die Augen. Die Stimme hatte es geschafft, die Vision zu unterbrechen. Davon hatte nichts in meinen Büchern gestanden. Wenn sie das beim Friedhof auch schaffen würde …</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Vielleicht wird es Zeit für einen Witz“, säuselte die Stimme weiter. „Wir wollen ja nicht, dass du noch einen Einblick in die Zukunft erhältst, oder?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die folgenden Minuten fühlten sich wie eine Ewigkeit an. Die ‚Witze‘, die Grim erzählte, bewegten sich alle auf dem Niveau von: „Treffen sich zwei Jäger. Beide tot.“ Um genau zu sein, war das sogar einer der Witze, die er erzählte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber während das ganz und gar nicht meinen Humor traf, waren einige der Witze so bescheuert, dass ich fast lachen musste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Krampfhaft dachte ich an meine Mutter, wie sie im Rollstuhl neben mir saß. Der Doktor erklärte uns, dass er ALS selten so schnell hatte fortschreiten sehen. Aber es gäbe da Medikamente, die den Verlauf verzögern könnten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich kam erst wieder zurück ins Hier und Jetzt, als ich erneut strauchelte. Ich sah, wie Tränen meine Sicht verschleierten, und blinzelte sie schnell weg. Wenigstens war mir nicht mehr zum Lachen zu Mute, weshalb ich keine Probleme hatte, der weiteren Tirade aus Flachwitzen zu entgehen, bis wir endlich das Dorf erreichten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die bunten Lichter, die die Bäume und Häuser schmückten, schienen vor meinen Augen zu flimmern. Ich blinzelte mehrere Male, um den Schwindel zu vertreiben, aber er blieb hartnäckig. Auch bemerkte ich jetzt, wie schwer ich atmete. Obwohl ich nur einen kurzen Spaziergang hinter mir hatte, schnaufte ich wie nach einem Marathon. Blieb nur zu hoffen, dass mir an diesem Abend keine Menschen begegneten, die sich Sorgen um mich machten. Ich sah wahrscheinlich ziemlich scheiße aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zum Glück traf ich bis zum Friedhof lediglich einen Schneemann, der mich bei meinem Gang beobachtete. Als ein Windstoß einen der Fichtenäste, aus denen seine Arme bestanden, zum Schwingen brachte, kam es mir fast so vor, als würde er mir aufmunternd zuwinken. Den längsten Weg hatte ich hinter mir. Bis zur Kirche waren es nur noch ein paar wenige, gut ausgeleuchtete Meter. Nur noch vorbei an dem bereits erwähnten Friedhof.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Oh, guck mal! Ein Friedhof“, sagte Grim mit der Begeisterung eines Kindes beim Auspacken seiner Geschenke. „Sieh ihn dir genau an. Bald wirst du auch dort liegen!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich kam seiner Aufforderung bereitwillig nach, betrachtete jedes einzelne Grab genauer, das ich finden konnte. Nicht nur, weil ich fürchtete, einer der Toten könne mir einen unerwarteten Besuch abstatten, um mein Ritual aufzuhalten, sondern auch weil der Friedhof einer der wichtigsten Orte beim Årsgång war, an dem man Visionen empfangen konnte. Hier konnte ich sehen, wer aus meiner Gemeinde im kommenden Jahr stirbt. Sollte ich hier irgendwelche Hinweise auf meine Mutter finden, hätte ich wenigstens Gewissheit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zuerst bemerkte ich gar nichts. Mir fiel lediglich auf, wie schwierig es war, das Gleichgewicht zu halten, wenn ich mich nicht auf den Weg konzentrierte. Ich war schon kurz davor, die Visionen abzuschreiben, als ich einen Oberkörper sah. Es war Herr Anderson, ein alter Mann, den ich nur vom gelegentlichen Grüßen auf der Straße kannte. Er stand in einem flachen frisch ausgeschaufelten Grab und starrte mich aus emotionslosen Augen an. Würde er mich nicht mit seinen Augen verfolgen, hätte ich ihn bereits für tot halten können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hey! Sven! Wo siehst du wieder hin?“, drang erneut Grims Stimme an mein Ohr. „Du willst doch nicht stolpern und hinfallen, oder? Schau auf deine Füße!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber diesmal ließ ich mich nicht von ihm ablenken. Ich behielt den Blick weiter auf den Friedhof gerichtet, als ich plötzlich stockte. ‚Maja Holmquist 22.07.2017 &#8211; 13.02.2024‘ stand auf einem der Grabsteine. Als ich genauer hinsah, bemerkte ich den kleinen blonden Haarschopf, der kaum über das hüfttiefe Grab daneben hinausragte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Kloß bildete sich in meinem Hals, während meine Augen wieder feucht wurden. Ich kannte Maja. Aber vor allem kannte ich ihre Mutter, Jonna. Wir waren zusammen zur Schule gegangen. Und jetzt lastete das Wissen auf mir, dass ihre Tochter bald sterben würde. Ein Jahr, nachdem sie sich endlich von ihrem gewalttätigen Ehemann getrennt hatte und es mit ihrem Leben wieder bergauf zu gehen schien.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wischte eine Träne weg, die sich aus meinem Auge gelöst hatte. Erschrocken stellte ich dabei fest, wie sehr die Bewegung wehtat. Das wenige Gefühl, das ich in meinen halb erfrorenen Händen noch hatte, schien nur noch aus Schmerz zu bestehen. Wenn ich mich nicht beeilte, hatte ich bald größere Probleme als die tragische Zukunft eines Mädchens, an der ich nichts ändern konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem waren da noch immer mein Hunger und der unerträgliche Durst. Ich fühlte mich so schwach, dass ich mich am liebsten auf den Boden gelegt hätte und einfach eingeschlafen wäre. Dann würde es nicht lange dauern und all meine Probleme hätten bald ein Ende …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nein! Was dachte ich denn da? Das würde niemandem helfen! Weder mir noch meiner Mutter noch sonst wem. Nein. Ich musste weitergehen, hatte es schon so weit geschafft. Die Kirche lag fast direkt vor mir.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem wusste ich, dass ich noch lange nicht am Ziel war. Es überraschte mich, wie wenig das Übernatürliche bisher versucht hatte, mich von meinem Årsgång abzuhalten. Andererseits wusste ich, was ich als Nächstes tun musste. Danach lag mein Schicksal nicht mehr in Gottes schützender Hand …</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Fortsetzung folgt …</em></p>


<p><b>Bleibt auf dem neusten Stand und folgt mir auf:</b></p>
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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Årsgång (schwedisch für „Jahresgang“) ist eine alte schwedische Weissagungstechnik, die zu Heiligabend oder Silvester, seltener auch zu Midsommar, durchgeführt wurde.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Das Ritual:</h3>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Hinweis: Ich rate dringend davon ab, übernatürliche Rituale durchzuführen. Der Kontakt zur Geister- oder Dämonenwelt kann schwerwiegende Folgen mit sich bringen!</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei dem <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/rituale" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Ritual</a> handelt es sich um eine nächtliche Wanderung unter speziellen Bedingungen. Wenn man dabei alles richtig macht, offenbaren sich den Durchführenden hierbei Ereignisse des kommenden Jahres – man kann also in die Zukunft sehen. Es begegnen einem jedoch auch verschiedenste übernatürliche Wesen, die den Årsgång verhindern wollen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einigen Versionen soll das Ritual außerdem magische Kräfte und einen Sinn für das Übernatürliche verleihen. Daher wurden Menschen, die den Årsgång erfolgreich durchgeführt haben, gleichermaßen verehrt und gefürchtet.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Vorbereitung:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Bevor man das eigentliche Ritual des Årsgångs durchführen kann, muss man sich am Vortag komplett isolieren. Man muss tief in den Wald gehen, wo man weder sprechen noch etwas essen oder trinken darf. Außerdem darf man nicht in ein Feuer oder anderes Licht blicken und man darf niemandem von seinem Vorhaben erzählen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im modernen Kontext bedeutet das, dass man in der Zeit kein Handy, Tablet, Laptop, Radio o. Ä. benutzen darf und auch Taschenlampen oder andere Lichtquellen sollte man lieber zuhause lassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Durch den Tag in Dunkelheit und Isolation soll die durchführende Person zugänglich für die geistige Welt und das Übernatürliche werden.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Der erste Teil des Årsgångs:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Um Punkt Mitternacht muss man sich schließlich auf den Rückweg ins Dorf oder in die Stadt machen. Ab jetzt beginnt das eigentliche Ritual:</p>



<p class="wp-block-paragraph">Man muss zu Fuß zu einer Kirche gehen – entweder auf direktem Weg oder nachdem man vorher einige andere festgelegte Orte mit spiritueller Bedeutung wie z. B. Friedhöfe oder Kreuzungen abgegangen ist. So oder so sollte das Endziel immer die Kirche sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Währenddessen darf man weiterhin kein einziges Wort sagen, nicht lachen, keine Angst zeigen und nicht nach hinten Blicken. Auch darf man nicht von seinem zuvor festgelegten Weg abweichen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sollte man das nicht schaffen, kann das schwerwiegende Folgen haben. Oft werden die Konsequenzen nicht näher erläutert, aber es gibt Geschichten, in denen die Leute daraufhin wahnsinnig wurden, ein Auge oder ihre Sehkraft verloren, verstümmelt wurden oder für immer verschwunden sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sollte man den Årsgång trotzdem wagen, kann es auf dem Weg zur Kirche bereits zu ersten Visionen, aber auch zu ersten Begegnungen mit dem Übernatürlichen kommen. Wenn der Wandernde z. B. an Feldern vorbeigeht, kann er Visionen empfangen, wie gut oder schlecht die Ernte des kommenden Jahres sein wird. Auch kann er ggf. einen Beerdigungszug sehen, wodurch er von dem Tod einer oder mehrerer Personen erfahren kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">(Zugegeben: Beerdigungszüge sind in der heutigen Zeit eher ungewöhnlich. Allerdings könnte man, sofern man an einem Friedhof vorbeigeht, von Menschen erfahren, die im kommenden Jahr dort begraben werden.)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während die Visionen hingegen der gewünschte Effekt sind, kann es bei der Begegnung mit dem Übernatürlichen zu ersten Herausforderungen kommen. Das Übernatürliche soll nämlich alles daransetzen, den Årsgång zu unterbrechen. Hauptsächlich werden die verschiedensten Wesen versuchen, den Wandernden zu erschrecken, ihn zum Lachen zu bringen oder ihn vom Weg abzubringen – alles Dinge, die den Årsgång mit sofortiger Wirkung beenden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein beliebtes Motiv ist, dass man ein brennendes Haus sieht, manchmal sogar das eigene. Rennt man daraufhin los, um das Feuer zu löschen oder zu helfen, erkennt man, dass es nur ein Trick war. Der Årsgång ist gescheitert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Beispiel für eine lustige Situation, von der ich gelesen habe, beschreibt mehrere Ratten, die einen Karren mit Heu über eine Eisfläche ziehen. Eine der Ratten rutscht dabei auf dem Eis aus, fällt auf den Rücken und furzt dabei so laut, dass das Geräusch widerhallt. In der betreffenden Geschichte brach die Person daraufhin in Gelächter aus, wodurch auch sein Årsgång scheiterte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber es kann auch zu lebensbedrohlichen Begegnungen mit dem Übernatürlichen kommen. So kann man z. B. Wiedergängern, also Untoten, deren bloße Berührung den Tod bringt, <a href="https://www.geister-und-legenden.de/draugr" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Draugar</a>, <a href="https://www.geister-und-legenden.de/trolle-mythologie" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Trollen</a>, einer <a href="https://www.geister-und-legenden.de/skogsra" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Skogsrå</a> oder Bäckahästen begegnen.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Der zweite Teil des Årsgångs:</h4>



<p class="wp-block-paragraph"><em>(Hinweis: Dieser Teil des Årsgång kommt erst im zweiten Teil der Geschichte vor. Solltet ihr ohne Vorwissen an die Geschichte herangehen wollen, empfehle ich euch, diesen Abschnitt vorerst zu überspringen.)</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei der Kirche angekommen hat man die längste Strecke hinter sich, jedoch noch nicht die größte Herausforderung. Die Wandernden müssen hier beginnen, die Kirche dreimal oder siebenmal gegen den Uhrzeigersinn zu umrunden, während sie einem bestimmten Muster folgen. Z. B. müssen sie jedes Mal in das Schlüsselloch pusten oder hineinspähen, wenn sie an der Kirchentür vorbeikommen, oder durch jedes Kirchenfenster spähen, dass sie erreichen. In einer Quelle war sogar davon die Rede, ein Gebet dreimal rückwärts aufzusagen, ehe man in das Schlüsselloch pustet. Das Pusten in das Schlüsselloch symbolisiert übrigens, dass man seinen Glauben abgibt – wenn auch nur vorübergehend.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei den Umrundungen empfängt der Durchführende weitere Visionen – entweder auf dem Kirchgrundstück oder innerhalb der Kirche, wenn er hineinspäht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So kann er z. B. sehen, welche Leute im kommenden Jahr heiraten oder sterben, wenn er die Hochzeit oder Trauerfeier sieht. Sollte ein Friedhof auf dem Kirchgrundstück liegen, kann es außerdem passieren, dass der Wandernde neue Gräber sieht, in denen entweder eine noch lebende Person liegt, die im kommenden Jahr stirbt oder deren Name auf dem Grabstein steht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber Vorsicht: Viele Årsgång-Legenden erzählen davon, dass die Durchführenden ihren eigenen Tod für das kommende Jahr vorausgesehen haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Je mehr Runden man um die Kirche geht, desto klarer und häufiger sollen die Visionen werden, aber auch das Übernatürliche wird immer stärker versuchen, den Årsgång zu unterbrechen. Hierbei kann es auch zu physischer Gewalt und Mordversuchen kommen. Da, wie bereits erwähnt, sogar die bloße Berührung durch Untote und <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Geister</a> zu Unglück, Krankheit oder sogar Tod führen kann, muss man sich also sehr in Acht nehmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ist die Person kurz davor, das Ritual zu vollenden, soll schließlich Gloson, ein Geisterschwein, von dem ich im zweiten Teil des Weihnachts-Specials ausführlich berichten werde, als letzte Hürde auftauchen.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Nach dem Årsgång:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Hat man es geschafft, den Årsgång zu beenden, hat man in den Visionen die Zukunft seiner Gemeinde gesehen und dem Übernatürlichen getrotzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber obwohl man nun nach Hause gehen kann, heißt das nicht, dass man den Årsgång fortan ignorieren darf, denn das Wort „Jahresgang“ kommt nicht von ungefähr. Es ist eine jährliche Tradition, die die meisten Årsgång-Durchführenden jedes Jahr wiederholt haben. Dadurch sollen sie nicht nur mit jedem Jahr ihr Gespür für das Übernatürliche und ggf. ihre neugewonnenen magischen Fähigkeiten verstärkt haben, sondern auch die Gefahren des Årsgång können im Laufe der Jahre zunehmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ob die Personen den Årsgång jedes Jahr freiwillig aufs Neue durchgeführt haben oder es tun mussten, habe ich nicht herausfinden können. Zwar habe ich davon gelesen, dass man sonst seine magischen Fähigkeiten wieder verliert oder einem das Übernatürliche oder der Teufel persönlich einen Hausbesuch abstattet, aber die meisten Texte beschreiben lediglich den Årsgång selbst.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Allerdings gibt es einen Bericht von einem Mann, der das Ritual angeblich viele Jahre in Folge durchgeführt hat. Als er schließlich zu alt und schwach wurde, um sich dem Übernatürlichen zu widersetzen, ist er von seinem letzten Årsgång nie zurückgekehrt – er hat es also selbst dann nicht gewagt, den Årsgång ausfallen zu lassen.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Moderne Version:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Der Årsgång wird inzwischen nicht mehr wirklich praktiziert. Trotzdem habe ich eine moderne Version des Årsgångs gefunden. Sie ist deutlich ungefährlicher, da man keinen ganzen Tag allein im kalten Wald verbringt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Stattdessen muss sich die durchführende Person am Tag vor dem tatsächlichen Gang, also den Tag vor Heiligabend oder Silvester, komplett isolieren. Sie muss sich in einen abgedunkelten Raum setzen, darf nichts essen, nichts trinken und darf nicht sprechen. Auch hier bedeutet das natürlich, auf Handy, Tablet, PC, Radio, Fernseher usw. zu verzichten. Das Ziel dieser Isolation ist es, in eine Art meditativen Zustand zu gelangen, wodurch die Person zugänglicher für die geistige Welt und das Übernatürliche werden soll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sobald es Mitternacht wird, muss die Person schließlich das Haus verlassen und zur nächsten Kirche gehen. Ab hier sind das Ritual und die angeblichen Gefahren identisch.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die erste bekannte Erwähnung des Årsgångs findet sich in dem Manuskript „Småländska Antiqviteter“ (Småländische Antiquitäten). Sie wird auf ca. 1697 bis 1700 datiert und wurde von Petter Rudebeck verfasst.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Rudebeck bezeichnete den Årsgång in seinem Text als altes Ritual, was darauf hindeutet, dass er schon sehr viel älter als das Dokument sein könnte. Andererseits gibt es keinerlei Hinweise, dass bereits vor dem 17. Jahrhundert auch nur ein einziger Årsgång stattgefunden hat. Daher gibt es die Theorie, dass es sich bei dem Årsgång lediglich um eine recht alte urbane Legende handelt, die um die Zeit der ersten Erwähnungen erfunden wurde. Es ist aber auch durchaus möglich, dass er bis dahin hauptsächlich mündlich überliefert wurde und ältere Texte lediglich noch unentdeckt sind oder nicht bis heute überdauert haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Jahr 2013 ist außerdem ein Videospiel namens „Year Walk“ für iOS-Geräte herausgekommen, das den Årsgång thematisiert. Inzwischen gibt es das Spiel auch für den PC.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von dem Årsgång? Würdet ihr euch trauen, ein solches Ritual durchzuführen? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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