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	<title>Flüche Archive - Geister und Legenden</title>
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	<description>In diesem Blog schreibe und veröffentliche ich jeden zweiten Montag eine neue Legende und Geschichte über Geister oder andere übernatürliche Dinge. Viel Spaß beim Gruseln!</description>
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		<title>Tokoloshe – Lass ihn nicht aufs Bett!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 24 Nov 2025 14:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Es hatte kein Fell, sondern dunkle, schrumpelige Haut. Sein Gesicht, die Nase und Ohren, der haarlose Kopf. Es wirkte wie ein Mensch. Und zwischen seinen Lippen sah ich schiefe gelbe Zähne hervorblitzen, die ungewöhnlich spitz aussahen. Ich wusste sofort, was es war: Das war eindeutig ein Tokoloshe …</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.geister-und-legenden.de/tokoloshe">Tokoloshe – Lass ihn nicht aufs Bett!</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.geister-und-legenden.de">Geister und Legenden</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg02.met.vgwort.de/na/d0ef61034e9d4556b2b3d903b13119be" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p>Der Tokoloshe ist eines der bekanntesten Wesen des südafrikanischen Volksglaubens. Da ich schon länger vorhabe, mal wieder über eine afrikanische <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden">Legende</a> zu schreiben, habe ich mich für den Tokoloshe entschieden, ehe es in zwei Wochen mit winterlichen/<a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/weihnachten">weihnachtlichen</a> Geschichten weitergeht.</p>



<p>Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen</strong></summary>
<p>&#8211; Gewalt gegen Jugendliche<br>
&#8211; häusliche Gewalt<br>
&#8211; erwähnung Sexueller gewalt (erst unter &#8222;Die Legende&#8220;)</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p>Es war eine dieser Nächte, in denen ich partout nicht einschlafen konnte. Ich wälzte mich im Bett hin und her, drehte mich auf die linke Seite, dann auf die rechte. Aber was ich auch versuchte, wie ich mich auch hinlegte, ich konnte einfach nicht in die Welt der Träume eintauchen.</p>



<p>Trotzdem versuchte ich es weiter. Immerhin musste ich morgen in die Schule. Da wollte ich wenigstens einigermaßen ausgeschlafen sein.</p>



<p>Ich hatte mich gerade wieder mit dem Gesicht zur Wand gedreht, da hörte ich, wie sich meine Zimmertür öffnete.</p>



<p>Sofort schlug ich die Augen auf. Außer mir war nur Pa im Haus. Und wenn er um die Uhrzeit in mein Zimmer kam, dann nur, weil er wieder zu viel getrunken hatte.</p>



<p>Ich drehte mich langsam zu ihm um. Aber als ich gerade fragen wollte, was los sei, blieben mir die Worte im Hals stecken. Das war nicht mein Vater. Eine kleine, kindergroße Gestalt stand dort im Halbdunkel bei der geöffneten Tür und sah mich aus seinen kleinen Augen an.</p>



<p>Zuerst dachte ich noch, es wäre vielleicht ein Pavian, der sich irgendwie ins Haus geschlichen hat. Dann jedoch rannte das Wesen auf mich zu. Es war kein Pavian. Seine Bewegungen, wie es auf zwei Beinen lief, wirkten menschlich. Außerdem konnte ich es inzwischen besser erkennen. Es hatte kein Fell, sondern dunkle, schrumpelige Haut. Sein Gesicht, die Nase und Ohren, der haarlose Kopf. Es wirkte wie ein Mensch. Und zwischen seinen Lippen sah ich schiefe gelbe Zähne hervorblitzen, die ungewöhnlich spitz aussahen. Ich wusste sofort, was es war: Das war eindeutig ein Tokoloshe.</p>



<p>„Pa!“, brachte ich endlich hervor. „Paaa!“, rief ich erneut nach meinem Vater.</p>



<p>Das Haus war ziemlich hellhörig. Wenn er wach war, musste er mich gehört haben. Doch im Haus blieb alles ruhig.</p>



<p>Inzwischen hatte der Tokoloshe mein Bett fast erreicht. Ich drückte mich mit dem Rücken an die Wand und zog die Knie an die Brust. „Hilfe! Hilfeee!“, schrie ich jetzt aus voller Lunge.</p>



<p>Dann endlich tat sich etwas. Aus dem Flur kam ein Poltern. Dann ein Fluchen. „Scheiß Schrank“, hörte ich Pa lallen. Er war also tatsächlich betrunken. Trotzdem war er mir hundertmal lieber als ein schwarzmagisch beschworenes Wesen.</p>



<p>„Hilfe!“, schrie ich erneut. Inzwischen war ich dabei, nach dem Tokoloshe zu treten, um ihn daran zu hindern seinen kleinen Körper auf die Matratze zu ziehen. Mein Fuß klatschte gegen kalte Haut, ehe ich ihn schnell wieder zurückzog. Wer wusste schon, was das Ding mit mir anstellen würde, wenn er mich tatsächlich erreichte.</p>



<p>Und das versuchte es mit aller Kraft. Die Matratze reichte ihm bis knapp über die Brust. Seine kleinen Augen waren auf mich fixiert, sein Mund leicht geöffnet. Immer wieder versuchte es, sich in den Stoff zu krallen und seinen Körper auf die Matratze zu hieven, während ich panisch nach seinen Armen trat.</p>



<p>Plötzlich ging die Deckenlampe an. „Was ist los?“, lallte Pa in meine Richtung. Er musste sich an der Tür festhalten, lehnte sich daran, während sie unter seinem Gewicht langsam vor und zurück schwang.</p>



<p>Der Tokoloshe wandte ihm den Kopf zu. Er gab einen leisen Aufschrei, eher schon ein hohes Keuchen von sich, ehe er auf Pa zurannte. Der jedoch schien das Wesen gar nicht zu bemerken, während es an ihm vorbei in den Flur flitzte.</p>



<p>Schwer atmend saß ich auf meinem Bett. Noch immer hatte ich die Knie an die Brust gezogen. Auch merkte ich jetzt, wie ich beide Hände in die Bettdecke gekrallt hatte. Vorsichtig löste ich den Griff.</p>



<p>„Also? Was ist? Wieso störst du mich beim Fernsehen?“</p>



<p>Jetzt sah ich wieder Pa an. „Hast du ihn nicht gesehen? Er ist eben an dir vorbeigerannt!“</p>



<p>„Wen gesehen?“, fragte er. Er sah sich im Raum um, ohne die Tür loszulassen.</p>



<p>„Den Tokoloshe!“, brüllte ich. Es war keine Absicht. Ich wollte Pa nicht anschreien. Aber die Verzweiflung in mir musste raus.</p>



<p>Pas Augen verengten sich zu schlitzen. Jetzt torkelte er auf mich zu. „Hör zu, Jan. Solange du in meinem Haus wohnst, verbitte ich mir, dass du mich anschreist! Vielleicht muss ich dich dran erinnern, wer hier das Sagen hat …“</p>



<p>Wieder presste ich mich gegen die Wand. Ich spürte, wie mir Tränen in die Augen stiegen. „Nein. Bitte“, flehte ich. „Du hast das Sagen. Das weiß ich. Aber da war ein Tokoloshe. Er wollte mich angreifen.“ Ich wollte vor Pa nicht weinen, aber ich konnte nichts dagegen tun.</p>



<p>Pa hingegen blieb nur wenige Schritte vor meinem Bett stehen. Er schüttelte den Kopf, schwankte gefährlich nach links und rechts. „Ich bin froh, dass deine Ma nicht mehr mitbekommen hat, was aus dir geworden ist.“ Er wandte sich ab, ehe er zurück zur Tür torkelte. „Verdammte Teenager“, hörte ich ihn zu sich selbst lallen. „Es wird Zeit, dass er endlich alt genug wird, damit ich ihn rausschmeißen kann.“ Dann war er wieder im Flur verschwunden und schloss die Tür hinter sich.</p>



<p>Ich schluckte schwer, während ich ihm nachsah. „Nein, Pa“, murmelte ich. „Was ist nur aus dir geworden.“</p>



<p>Der Tokoloshe kam in dieser Nacht nicht zurück, aber wie ihr euch sicher vorstellen könnt, hatte ich sämtliches Interesse daran verloren, wieder einzuschlafen. Und so dauerte es Stunden, meine Gedanken kreisten um das Wesen und um Pa, bis die Müdigkeit mich endlich einholte und in einen viel zu kurzen Schlaf zog.</p>



<p class="has-text-align-center">&#8212;</p>



<p>Am nächsten Morgen schlürfte ich völlig übermüdet in die Küche. Pa saß bereits da und trank Kaffee.</p>



<p>„Morgen“, grüßte ich ihn.</p>



<p>Er sah fast genauso beschissen aus, wie ich mich fühlte. Trotzdem sah ich darin eine Gelegenheit, ihn noch einmal auf den Tokoloshe anzusprechen, während er nüchtern war.</p>



<p>„Tut mir leid, wegen letzter Nacht“, begann ich. „Aber ich hab da wirklich etwas gesehen. Da war ein kleiner Mann mit schwarzer schrumpeliger Haut. Er hat versucht, auf mein Bett zu klettern.“</p>



<p>Pa seufzte schwer. „Jan, es gibt keine Tokoloshe. Was auch immer du glaubst, gesehen zu haben, du hast bloß geträumt.“ Es war zwecklos. Pa hatte noch nie an das Übernatürliche geglaubt.</p>



<p>Ich ballte meine Hände zu Fäusten. „Ma hätte mir geglaubt“, sagte ich leise.</p>



<p>Jetzt kniff Pa wieder seine Augen zusammen. „Was hast du gesagt?“, fragte er streng.</p>



<p>„Nichts“, sagte ich schnell. „Sorry, ich bin einfach nur tierisch müde.“ Ich hatte keine Lust auf Streit. Zumal ich wusste, wie es ausgehen konnte. In der Schule hatte ich schon oft genug blaue Flecken unter langer Kleidung verstecken müssen.</p>



<p>Pa ging nicht weiter darauf ein. Also machte ich mir mein Frühstück und beeilte mich, aus dem Haus zu kommen.</p>



<p>Der Tag in der Schule verlief ohne besondere Vorkommnisse. Ich hatte nicht viele Freunde, also verbrachte ich die meiste Zeit allein. Aber das war in Ordnung. Solange die anderen mich in Ruhe ließen, störte mich das nicht. Und für gewöhnlich taten sie das.</p>



<p>Erst, als ich nach der Schule auf dem Heimweg war, überkam mich wieder ein mulmiges Gefühl. Was, wenn der Tokoloshe zurückkommen würde? Ich hatte keine Ahnung, was passiert wäre, wenn Pa nicht in mein Zimmer gekommen wäre.</p>



<p>Also entschied ich, unserer Sangoma – der Heilerin unseres Dorfes – einen Besuch abzustatten. Sie war eine gute Freundin von Ma gewesen, daher kannte ich sie schon aus Kindertagen. Außerdem lag ihr kleines Geschäft ganz in der Nähe meines Heimwegs.</p>



<p class="has-text-align-center">&#8212;</p>



<p>Eine kleine Glocke über der Ladentür kündigte mich an, während ich den Laden betrat. Mir schlug ein erdiger Geruch entgegen. An der Decke hingen Blätter und Sträucher zum Trocknen und vor mir, in einem Regal an der Wand standen Flaschen mit allerlei Tinkturen und anderen Flüssigkeiten.</p>



<p>Es gab auch eine Apotheke in unserem Dorf, aber für viele Leute war Thandeka noch immer die erste Anlaufstelle für medizinische Probleme.</p>



<p>„Ah, Jan“, grüßte mich eine kleine schwarze Frau mit luftiger Kleidung. Sie trug ein rotes Tuch in den Haaren, das oben zu einem eleganten Knoten gebunden war. „Es ist lange her. Wie geht es deinem Vater?“</p>



<p>Sofort senkte ich den Kopf zu einem knappen Gruß. „Guten Tag Gogo“, grüßte ich sie mit der förmlichen Anrede für weibliche Sangomas.</p>



<p>Thandeka lachte. Es erinnerte mich an die Glocke über ihrer Tür. „Ach bitte, Jan, sag doch Thandeka zu mir. Immerhin sind wir alte Freunde.“ Sie zwinkerte mir zu.</p>



<p>Das zauberte mir ein Lächeln auf die Lippen. Dann jedoch erinnerte ich mich an den Grund meines Besuchs und mein Gesicht wurde wieder ernst. „Ich brauche deine Hilfe. Ich wurde letzte Nacht von einem Tokoloshe besucht, aber Pa glaubt mir nicht. Er meint, dass ich bloß geträumt hätte.“</p>



<p>Thandeka ging um den Tresen, hinter dem sie stand, um sich mir gegenüberzustellen. Obwohl ich erst 15 war, musste ich leicht den Kopf senken, um ihr in die Augen zu sehen. „Und was denkst du?“, fragte sie. „Kann es ein Albtraum gewesen sein?“</p>



<p>Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Ich war hellwach. Er ist aus dem Zimmer gerannt, als Pa mir zur Hilfe geeilt ist. Aber er hat den Tokoloshe nicht gesehen, obwohl er an ihm vorbeigelaufen ist.“</p>



<p>Thandeka nickte wissend. „Manche Tokoloshe können nur von ihren Opfern gesehen werden. Ich möchte dir keine Angst machen, aber wenn du wirklich einen Tokoloshe gesehen hast, kann es sein, dass du verflucht wurdest. Das ist eine ernste Angelegenheit. Am besten sollte ich einige Schutzrituale in eurem Haus durchführen.“</p>



<p>Ich sah sie mit großen Augen an. „Nein, bitte“, sagte ich schnell. „Pa glaubt nicht an Tokoloshes. Er würde das nicht wollen. Gibt es keine andere Möglichkeit?“</p>



<p>Thandeka sah mich überrascht an, ehe sie sanft lächelte. „Jan, vielleicht warst du noch zu jung, um dich daran zu erinnern, aber dein Vater war vor vielen Jahren selbst bei mir, damit ich mich um einen Tokoloshe in eurem Haus kümmere. Ich bin sicher, er wird es verstehen.“</p>



<p>Jetzt blickte ich zu Boden. Ich erinnerte mich gut daran. Er hatte mich grün und blau geschlagen, mir dabei den Arm gebrochen, und die Tat schließlich einem Tokoloshe angehängt.</p>



<p>„Wenn du möchtest“, fuhr Thandeka fort, „bringe ich dich das kurze Stück nach Hause. Dann kann ich mit deinem Vater reden.“ Sie griff sanft nach meinem Arm, um mich zur Tür zu begleiten.</p>



<p>Aber ich blockte ab. „Nein!“, sagte ich ein Stück zu energisch. „Nein“, wiederholte ich dann ruhiger. „Bitte. Das damals war kein Tokoloshe. Nach Mas Tod hat Pa mit dem Trinken angefangen. Er versteckt es gut, aber wenn er betrunken ist, wird er oft gewalttätig. Ich hatte mich nicht benommen und da hat er … Er hat …“ Mehr brachte ich nicht hervor. Noch nie zuvor hatte ich mit irgendwem darüber geredet. Ich hatte nicht gewagt, es laut auszusprechen, also sah ich Thandeka nun mit feuchten Augen an.</p>



<p>An ihrer entsetzten Miene sah ich, dass sie verstanden hatte. Mein Vater hatte mich krankenhausreif geschlagen. Anschließend brachte er mich zu Thandeka und erzählte, dass ich von einem Tokoloshe angegriffen wurde, damit sie sich um meine Wunden kümmerte, ohne dass er dafür in Schwierigkeiten geriet.</p>



<p>„Oh, Jan“, sagte Thandeka. Sie legte mir eine Hand auf die Schulter. „Das wusste ich nicht. Tut mir leid. Wenn ich irgendetwas für dich tun kann …?“ Sie sah mich fragend an.</p>



<p>Ich schenkte ihr ein schiefes Lächeln und zuckte mit den Schultern. „Kannst du mir irgendwie gegen den Tokoloshe helfen, ohne dass Pa es mitbekommt?“</p>



<p>Schnell nickte sie. „Natürlich. Das einfachste Mittel gegen einen Tokoloshe ist, das Bett zu erhöhen. Sie können nicht sonderlich gut klettern. Viele Leute legen Ziegelsteine unter die Bettfüße. Aber ein paar dicke Bücher gehen auch. Und wenn ihn das nicht vertreibt, kannst du eine Linie aus Salz auf die Türschwelle und vor die Fenster streuen. Da kommt er nicht vorbei.“</p>



<p>Ich strahlte Thandeka an. Damit konnte ich auf jeden Fall arbeiten. „Danke, Tante Thandeka“, sagte ich.</p>



<p>Nun strahlte auch sie. Tante Thandeka. So hatte ich sie als Kind immer genannt, weil sie eine so gute Freundin meiner Ma war. „Lass dich gerne wieder häufiger hier blicken“, sagte sie, während sie sanft meine Schulter drückte. „Und sollte es mit dem Tokoloshe noch irgendwelche Probleme geben, komm gerne jederzeit vorbei.“</p>



<p class="has-text-align-center">&#8212;</p>



<p>Das Gespräch mit Thandeka war inzwischen drei Tage her. Und was soll ich sagen? Das Bett mit einigen Büchern zu erhöhen, hatte geholfen. Der Tokoloshe kam so nicht mehr an mich heran. Dafür stand er jetzt nachts in meinem Zimmer und starrte mich an. Eine kleine dunkle Gestalt, die mitten im Raum stand. Manchmal hörte ich ihn leise atmen. Dass meine Nächte seitdem nur noch aus sehr wenig Schlaf bestanden, muss ich euch wohl nicht erklären.</p>



<p>Erst hatte ich noch gehofft, dass das Ding irgendwann das Interesse verlieren würde, wenn es mir nicht mehr schaden konnte. Stattdessen wartete es jedoch Nacht für Nacht geduldig in meinem Zimmer. Was, wenn ich einmal nachts auf Toilette musste? Oder wenn ich einschlief und zu nah an die Bettkante geriet? Wenn es einen Arm oder ein Bein zu packen bekam. Nein. So konnte es nicht weitergehen. Also ging ich zu Thandekas anderer Idee über: dem Salz.</p>



<p>Ich streute damit je eine dünne Linie auf sämtliche Fensterbänke sowie auf die Türschwelle der Haustür und zu meinem Zimmer. Meine Hoffnung war, dass Pa es in seinem berauschten Zustand nicht bemerken oder es zumindest ignorieren würde. Das ging nach hinten los.</p>



<p>Während ich im Bett lag – obwohl es schon lange dunkel war, fehlte von dem Tokoloshe noch immer jede Spur – hörte ich plötzlich aus dem Haus ein lautes Poltern. Kurz darauf fluchte mein Vater.</p>



<p>„Verdammte Scheiße!“, schimpfte er lauthals. „Was ist das für ein Scheiß? Jan!“</p>



<p>Stapfende Schritte näherten sich meinem Zimmer. Im Flur vor meiner Tür polterte irgendetwas. Erneutes Fluchen. Dann flog meine Zimmertür auf.</p>



<p>„Was zum …!?“ Pa musste das Salz auf meiner Türschwelle entdeckt haben. „Ist das auf deinem Mist gewachsen?“, schrie er mich an. Ich konnte seine Fahne bis hier riechen.</p>



<p>Ehe ich etwas sagen, mich verteidigen konnte, fuhr er fort. „Findest du das etwa lustig? Ich bin darauf ausgerutscht. Ich hätte sterben können!“</p>



<p>Im nächsten Moment flog auch schon seine Bierflasche. Es kam so unerwartet, dass ich nicht ausweichen konnte. Sie traf mich mitten im Gesicht, knapp unter dem rechten Auge.</p>



<p>Sofort bedeckte ich die Stelle mit meinen Händen. Mein Gesicht bestand nur noch aus pochenden Schmerzen. Ich kauerte weinend auf dem Bett, während Pa auf mich zukam. Aber während ich noch schützend meinen Kopf von ihm wegdrehte, damit seine Schläge nur meinen Rücken trafen, griff er lediglich nach seiner Bierflasche und verließ damit das Zimmer. Ich blieb zitternd und weinend auf meinem Bett zurück.</p>



<p class="has-text-align-center">&#8212;</p>



<p>Am nächsten Tag schmerzte meine rechte Gesichtshälfte. Im Badezimmer sah ich, dass ich ein blaues Auge hatte. Ich ging ohne Frühstück noch vor der Schule wieder zu Thandekas Geschäft.</p>



<p>„Jan, was ist passiert?“, fragte sie entsetzt, als ich den Laden betrat. „War das der Tokoloshe?“</p>



<p>Ich schüttelte den Kopf. In wenigen Worten berichtete ich, was passiert war.</p>



<p>Thandeka holte sofort ein Kühlpack, das ich mir auf das Auge legen sollte. Sie sah mich mit einer Mischung aus Mitleid und Verzweiflung an. Ich sah ihr an, dass sie mir helfen wollte. „Jan, ich …“ Sie zögerte. „Vielleicht gibt es noch eine andere Möglichkeit. Es wird nicht einfach, aber … Komm nach der Schule noch einmal in den Laden, ja? Gegen 17 Uhr?“</p>



<p>Und das tat ich. Nach der Schule – dort erzählte ich, dass ich unglücklich gestürzt sei – stand ich um Punkt 17 Uhr wieder vor Thandekas Geschäft. An der Tür hing ein Schild, dass Thandeka gleich zurück sei. Ich trat trotzdem ein. Die Ladenglocke klingelte über mir.</p>



<p>Im Geschäft selbst war alles wie immer. Von Thandeka fehlte jedoch jede Spur. Stattdessen saß eine Frau auf einem Stuhl in der Ecke. Ihre Haut war dunkel und sie trug offene Dreadlocks, ein weißes T-Shirt und eine Jeans. Irgendwie kam sie mir bekannt vor.</p>



<p>„So“, sprach sie mich an, während sie sich langsam erhob. „Du hast also ein Problem mit einem Tokoloshe?“ Irgendetwas an ihr war mir unheimlich.</p>



<p>Mein Mund war plötzlich sehr trocken. Ich brachte nur ein Nicken zustande.</p>



<p>„Und warum denkst du, dass ich ausgerechnet dir helfen sollte?“, fragte sie. „Nach allem, was deine Familie mir angetan hat?“</p>



<p>Ich schluckte schwer. „Was … meine Familie Ihnen angetan hat?“, wiederholte ich.</p>



<p>Die Frau antwortete nicht. Stattdessen strich sie sich mit einer von langen schwarzen Fingernägeln besetzten Hand ihre Locks über das rechte Ohr. Darunter kam eine längliche Narbe zum Vorschein.</p>



<p>Und da fiel mir wieder ein, woher ich sie kannte. „Oh“, sagte ich knapp. „Sie sind Lindiwe, richtig?“</p>



<p>Die Frau nickte langsam, während sie mir tief in die Augen starrte.</p>



<p>Sie hatte früher in unserem kleinen Örtchen gewohnt. Das war jedoch, bevor sie von den anderen Bewohnern vertrieben wurde. Es hieß damals, dass sie eine Hexe sei und einen Tokoloshe beschworen hätte.</p>



<p>Aber das Schlimmste: Es war Pas schuld gewesen. Seine Lüge über meine Verletzungen, über den angeblichen Tokoloshe, waren der Grund, warum sie nicht mehr bei uns leben durfte. Ein wütender Mob hatte sie und ihre Tochter bedroht und aus unserem Dorf vertrieben. Wenn ich mich richtig erinnere, kam die Narbe an ihrer Schläfe von einem Stein, den ihr Nachbar nach ihr geworfen hatte.</p>



<p>„Also? Warum sollte ich ausgerechnet dir helfen?“, wiederholte sie.</p>



<p>Ich schluckte schwer. „Es … Es tut mir leid. Was man Ihnen und Ihrer Tochter angetan hat, war nicht richtig. Aber es war nicht meine Schuld. Es war mein Pa. Er … Er hat die Geschichte mit dem Tokoloshe erfunden, um meine Verletzungen zu erklären. Sie müssen wissen, er hat mir den Arm gebrochen. Ich … Bitte, ich kann nichts dafür. Ich möchte doch nur wieder ruhig schlafen können“, sprudelten die Worte nur so aus mir hervor.</p>



<p>Lindiwe kniff die Augen zusammen. Sie kam auf mich zu. Ein süßliches Parfum schwang in ihrer Bewegung mit. Ich unterdrückte den Drang, zurückzuweichen, während sie mir ihren Zeigefinger an das Kinn legte und damit vorsichtig meinen Kopf hob, um mir in die Augen zu sehen.</p>



<p>Die folgenden Sekunden kamen mir wie eine Ewigkeit vor. Ich merkte, wie mein Atem ungewöhnlich schnell ging, während sie mich eingehend musterte, als wolle sie irgendetwas in meinen Augen lesen.</p>



<p>Dann plötzlich ließ sie mein Kinn los und trat einen Schritt zurück. „Also gut. Du hast Recht. Dich trifft keine Schuld. Immerhin warst du noch ein Kind. Mein Tokoloshe wird dir keine nächtlichen Besuche mehr abstatten.“</p>



<p><em>Ihr</em> Tokoloshe? Also war sie wirklich eine Hexe?</p>



<p>Ehe ich sie darauf ansprechen konnte, nahm sie jedoch eine schwarze Lederjacke, die mir bisher nicht aufgefallen war, von einem Stuhl und verließ damit den Laden. Das Klingeln der Glocke sollte noch lange in meinem Kopf nachhallen.</p>



<p>War das gerade wirklich passiert? Es kam mir zu einfach vor. Doch die Frau, Lindiwe, sollte recht behalten. Der Tokoloshe ließ mich fortan in Ruhe. In der folgenden Nacht lag ich mehrere Stunden wach, ohne dass irgendwer – oder irgendetwas – mein Zimmer betrat. Neues Salz hatte ich keines gestreut.</p>



<p>Dafür weckten mich mitten in der Nacht plötzlich Schreie. Verwirrt sah ich zur Uhr. 02:07 Uhr. Was war da los?</p>



<p>Ohne weiter darüber nachzudenken, sprang ich aus meinem Bett und rannte in den Flur. Die Schreie kamen aus Pas Schlafzimmer. Schnell öffnete ich die Tür.</p>



<p>Pa saß an die Rückenlehne gepresst, die Beine an seine Brust gezogen. Er atmete schwer und starrte in den leeren Raum.</p>



<p>„Pa!“, rief ich. „Was ist? Was ist los?“</p>



<p>Jetzt sah er mich mit weit aufgerissenen Augen an. „Da … Da war ein Tokoloshe! Er wollte mich angreifen!“, sagte er laut. In seiner Stimme schwang Alkohol mit.</p>



<p>Für einen Moment sah ich ihn nur an. Die Hexe hatte ihr Wort gehalten. Sie hatte mich von ihrem Fluch befreit … und ihn auf Pa übertragen. Meine Gedanken rasten.</p>



<p>Dann jedoch setzte ich ein Lächeln auf. Ich schüttelte den Kopf. „Pa, du hast geträumt“, sagte ich. „Es gibt keine Tokoloshe.“</p>


<p><b>Bleibt auf dem neusten Stand und folgt mir auf:</b></p>
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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p>Der Tokoloshe, auch Tokkelo oder Tikoloshe genannt, ist ein koboldartiges <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer">Wesen</a> der Zulu Folklore in Südafrika.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p>Für das Aussehen der Tokoloshes gibt es sehr verschiedene Beschreibungen. Sie sind aber immer unter einen Meter groß, koboldartig und haben oft tierische Eigenschaften.</p>



<p>Generell sollen sie wie ein kleiner Mensch aussehen mit meist schwarzer, oft verschrumpelter Haut oder Fell sowie manchmal mit langen Ohren und/oder einem Tierschwanz.</p>



<p>Außerdem habe ich teilweise von spitzen und/oder gelben Zähnen gelesen.</p>



<p>Darüber hinaus haben sie oft einen Nagel oder ein Loch davon in der Stirn, der wohl für ihre Beschwörung genutzt wird. (Über das <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/rituale">Ritual</a>, mit dem man einen Tokoloshe beschwören kann, habe ich jedoch nichts finden können.)</p>



<p>In einigen Versionen sollen sie auch einen sehr langen Penis haben. In einer Quelle habe ich sogar davon gelesen, dass sie ihn über die Schulter werfen müssen, damit er nicht am Boden schleift.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p>Im Normalfall muss ein Tokoloshe beschworen werden – meist wird das einer Hexe oder einem Hexendoktor zugeschrieben, seltener den Sangoma, wie in Südafrika die Heiler genannt werden. Die Tokoloshes werden dadurch zu ihren Dienern und machen alles, was die Person, die sie erschaffen hat, von ihnen verlangt.</p>



<p>Das kann je nach Quelle von körperlicher Arbeit über Diebstahl bis hin zu sexuellen Handlungen reichen.</p>



<p>Häufig werden Tokoloshes jedoch eingesetzt, um anderen Personen zu schaden. In diesen Fällen sucht der Tokoloshe nachts seine Opfer heim. Dabei sind die Tokoloshes oft unsichtbar – inwieweit sie sich unsichtbar machen können, ist aber umstritten. So habe ich davon gelesen, dass sie entweder nur von ihren Opfern oder nur von Kindern gesehen werden können, andere Male davon, dass sie sich nur unsichtbar machen können, indem sie z. B. einen speziellen Stein haben, den sie bei sich tragen oder herunterschlucken.</p>



<p>Was genau der Tokoloshe mit seinen Opfern macht, kann sehr unterschiedlich sein. So greift er sie manchmal körperlich an, indem er sie z. B. beißt, schlägt oder kratzt, oder er vergewaltigt sie sogar. Dem Tokoloshe kann so ziemlich alles Negative zuschreiben werden, das den Opfern widerfährt – sei es, dass er sie krank macht, für Unglück sorgt, ihre Beziehung ruiniert oder seine Opfer tötet.</p>



<p>Man kann sich jedoch recht einfach gegen Tokoloshes verteidigen: Aufgrund ihrer Körpergröße haben sie Schwierigkeiten, Menschen auf hohen Betten zu erreichen. Man muss also nur sein Bett höher stellen – oft wird dies gemacht, indem man die Bettfüße auf Ziegelsteine stellt.</p>



<p>Eine andere effektive Methode soll Salz sein, das man auf die Türschwelle und vor die Fenster streuen kann. Ich habe sogar spezielles Tokoloshe-Salz und Tokoloshe-Öl von südafrikanischen Anbietern gefunden, das gegen die Monster helfen soll.</p>



<p>Will man hingegen auf Nummer Sicher gehen und den Tokoloshe endgültig loswerden, wird dazu geraten, dass man sich an einen Sangoma wendet.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p>Da die Legende der Tokoloshes aus Südafrika stammt, sollen sie hauptsächlich in Südafrika sowie seltener in angrenzenden Ländern vorkommen.</p>



<p>Theoretisch wäre ein Tokoloshe aber überall auf der Welt möglich, sofern jemand ihn dort beschwört oder ihn dorthin mitnimmt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p>Als möglicher Ursprung für den Tokoloshe werden die früheren Lebensbedingungen der Menschen in den ländlichen Regionen Südafrikas genannt. In diesen Regionen sollen die Menschen früher – besonders in kalten Nächten – auf dem Boden (bzw. auf Matratzen auf dem Boden) nahe von Feuerstellen geschlafen haben.</p>



<p>Wenn es dabei unzureichende Durchlüftung gab, kann es sein, dass sich in dem Zimmer zu viel Kohlendioxid gesammelt hat. Da Kohlendioxid schwerer ist als Luft, ist es zu Boden gesunken und hat dafür gesorgt, dass die Menschen, die am Boden schliefen, erstickt sind. Da andere Menschen auf erhöhten Betten verschont geblieben waren, ist man wahrscheinlich davon ausgegangen, dass ein kleines Wesen, das nicht auf die Betten klettern kann, an den Toden schuld ist: Die Legende des Tokoloshe war geboren – zumindest, wenn man dieser Theorie glaubt.</p>



<p>Aber wie die Legende auch entstanden sein mag, Fakt ist, dass der Glaube an die Tokoloshes in Südafrika noch immer weit verbreitet ist. Sie werden sogar regelmäßig in Zeitungen wie der Daily Sun erwähnt.</p>



<p>Leider ist dadurch jedoch ein ganz anderes Problem entstanden: Da die Tokoloshes oft als Grund für unerklärliche Verletzungen, sexuellen Missbrauch oder mysteriöse Schwangerschaften genannt werden, bieten sie den Tätern eine einfache Methode, sich selbst von der Schuld zu befreien, indem sie den Wesen die Schuld zuschieben. So kommt es leider durchaus vor, dass kein gewalttätiger Ehemann, sondern ein Tokoloshe für die Verletzungen einer Ehefrau verantwortlich gemacht wird, oder nicht etwa der Onkel, sondern ein Tokoloshe für eine unerklärliche Schwangerschaft eines Teenagers.</p>



<p>Außerdem habe ich auf Zoutnet, einer südafrikanischen Nachrichtenseite, von einem Fall gelesen, bei der eine Frau von ihrer Gemeinde beschuldigt wurde, einen Pavian zu einem Tokoloshe gemacht zu haben, der daraufhin mehrere Frauen vergewaltigt habe. Es hat sich so weit zugespitzt, dass eines Tages ein wütender Mob zu ihrem Haus gewandert ist, um sie umzubringen. Dazu kam es zwar nicht, aber ihr Ruf und der ihrer Familie hat auch nach dem Vorfall sehr darunter gelitten.</p>



<p>Aber zum Glück bringt der Glaube an das Wesen nicht nur Schattenseiten mit sich. Er kann auch Opfern von körperlicher oder sexueller Gewalt dabei helfen, über ihre Erlebnisse zu sprechen und so die entsprechende medizinische Behandlung zu erhalten, die, wenn sie den Täter beim Namen nennen müssten, nie über den entsprechenden Vorfall geredet hätten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Tokoloshe in der Popkultur:</h3>



<p>Der Tokoloshe hat diverse Auftritte und Erwähnungen in der Popkultur. So gibt es z. B. den südafrikanisch-französischen Thrillerfilm „A Reasonable Man“ (Englisch für „Ein vernünftiger Mann“, 1999), der auf einem echten Fall basiert, bei dem ein Vater seinen Sohn umgebracht hat, in dem Glauben, dass es sich bei ihm um einen Tokoloshe handelt.</p>



<p>Außerdem gibt es diverse Horrorfilme über die Kreatur wie z. B. „Blood Tokoloshe“ („Blut Tokoloshe“, 2013), „The Tokoloshe“ (2018) oder „Tokoloshe: The Calling“ („Tokoloshe: Die Berufung“, 2020) sowie diverse Romane wie z. B. den Fantasyroman „Tokoloshe Song“ (2014) von Andrew Salomon oder das Monster-Fighting-Manga „Tokoloshe Hunters“ („Tokoloshe Jäger“, 2026) von Bill Masuku.</p>



<p><em>Was haltet ihr von dem Tokoloshe? Wie hättet ihr an Jans Stelle reagiert, als er den Tokoloshe gesehen hat und als sein Vater ihm nicht geglaubt hat? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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		<title>Aka Manto – rotes Papier oder blaues Papier?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 20 Feb 2023 14:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Zuerst war alles normal, doch dann hat die Schwester plötzlich eine Männerstimme aus der Toilette gehört: "Willst du rotes Papier oder blaues Papier?"<br />
"Rotes Papier, bitte", soll ihr Bruder geantwortet haben. Und dann plötzlich hat er wie am Spieß geschrien ...</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg09.met.vgwort.de/na/ec48880ad47144c1b8b5f933d0d56a32" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p>Heute geht es um Aka Manto, einen berühmten japanischen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Geist</a>, der sich angeblich auf <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/flueche" target="_blank" rel="noreferrer noopener">verfluchten</a> Toiletten herumtreibt.</p>



<p>Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen</strong></summary>
<p>&#8211; Tod eines Kindes<br>
&#8211; explizite Darstellung körperlicher Gewalt<br>
&#8211; Blut</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p>„Ich geh schnell auf die Toilette“, sagte ich an niemanden Spezielles gerichtet, während ich gemeinsam mit meiner Klasse die Sporthalle verließ.</p>



<p>„Haruki! Warte!“, rief mir ein Junge nach.</p>



<p>Das war Sōta. Er und einige andere Jungen hatten mich in ihrer kleinen Gruppe aufgenommen, nachdem ich hergezogen war. Ich mochte ihn, auch wenn ich ihn noch nicht sonderlich gut kannte.</p>



<p>„Wenn du wirklich dringend musst, lauf zurück in die Schule. Aber geh nicht in der Sporthalle auf die Toilette“, sagte er zu mir, als er aufgeholt hatte. Er hielt mich sogar am Arm fest, damit ich nicht weiterging.</p>



<p>Ich sah ihn fragend an. „Warum nicht?“</p>



<p>Sōta sah auf seine Schuhe. Er wirkte auf einmal sehr unsicher. Er druckste eine Weile herum, bis er kleinlaut sagte: „Die Jungstoilette ist verflucht.“</p>



<p>„Wie bitte?“ Ich war mir unsicher, ob ich ihn richtig verstanden hatte.</p>



<p>Jetzt sah Sōta auf. Die Unsicherheit war deutlich in seinen Augen zu erkennen, während er seine Worte einen Tick zu laut wiederholte: „Die Toilette ist verflucht.“</p>



<p>Plötzlich wurde es um uns herum still. Einige andere Schüler blieben stehen.</p>



<p>„Was hast du da gerade gesagt?“, fragte eine Stimme hinter mir.</p>



<p>Erschrocken fuhr ich herum. Ich erkannte die Stimme sofort: Es war Ryō. Er war ziemlich groß und kräftig. Einmal hatte ich gesehen, wie er ein Mädchen dazu gezwungen hatte, ihm ein Reisbällchen abzugeben, weil er noch Hunger hatte. Normalerweise hielt ich mich von ihm fern.</p>



<p>Sein Blick wanderte von Sōta zu mir. „Du willst doch nicht auf die Sporttoilette gehen, oder Haruki?“</p>



<p>„D-doch. Nein. I-ich weiß nicht“, stammelte ich.</p>



<p>Ryō sah flüchtig rüber zu den Toiletten, ehe er mir eine große Hand auf die Schulter legte. Mein ganzer Körper versteifte sich. Aber die Falten, die sich jetzt auf Ryōs Stirn bildeten, wirkten vielmehr besorgt als wütend. „Wenn du auf Toilette musst, geh nicht auf die Sporttoilette. Geh niemals auf die Sporttoilette!“</p>



<p>Ohne mehr dazu zu sagen, schob er mich an meiner Schulter an den Toiletten vorbei Richtung Umkleide. Ich hatte zu viel Angst, um etwas zu erwidern, und ließ es geschehen.</p>



<p>Was es mit all dem auf sich hatte, erfuhr ich jedoch erst in der nächsten Pause. Sōta und ich saßen mit Kanata und Ren an unseren Tischen im Klassenraum und aßen gerade unser Curry, als ich es nicht länger aushielt.</p>



<p>„Was war das eigentlich heute Morgen?“, fragte ich in die Runde. „Sōta meinte, dass die Sporttoilette verflucht sei. Und dann hat sich Ryō so komisch benommen. Als hätte er Angst.“</p>



<p>Wie auch schon vorhin wurde es plötzlich sehr still um mich herum. An den Nachbartischen aßen und quatschten die anderen Schüler weiter, aber Sōta, Kanata und Ren gefroren allesamt in ihren Bewegungen.</p>



<p>Es war Sōta, der als Erstes seine Worte wiederfand. „Es bringt Unglück, darüber zu reden“, erklärte er mit gesenkter Stimme.</p>



<p>Ich wusste nicht genau, wieso, aber auch ich sprach automatisch leiser. „Unglück? Wieso? Was ist denn passiert?“</p>



<p>Sōta, Kanata und Ren warfen einander mehrere Blicke zu, als würden sie stumm beraten, was sie als Nächstes sagen sollten.</p>



<p>„Also gut. Wir erzählen es dir“, ergriff jetzt Kanata das Wort. Er war der Kleinste von uns. Trotzdem war er so etwas, wie unser Anführer. „Aber nur, weil du der Neue bist. Und danach wollen wir nie wieder darüber reden. Ist das klar?“</p>



<p>Jetzt lag es an mir, Sōta und Ren verwirrte Blicke zuzuwerfen, aber die beiden sahen mich ernst an. Also nickte ich. „Okay. Ist klar.“</p>



<p>„Es ist schon einige Jahre her“, erklärte Kanata. „Wir waren damals noch nicht eingeschult, aber … alle wissen davon. Sogar die Lehrer. Damals ist in unserer Schule ein Mord passiert. Wie im Fernsehen, aber ein echter. Und der Mörder wurde nie gefasst. Es heißt nämlich, dass es ein böser Geist war.“</p>



<p>Wieder warf ich Sōta und Ren verstohlene Blicke zu. Ihre versteinerten Mienen ließen mich jedoch keine Sekunde daran zweifeln, dass Kanata glaubte, was er da sagte.</p>



<p>„Es heißt, dass damals ein Bruder und seine Schwester hier zur Schule gegangen sind. Viel wissen wir nicht über die beiden, aber sie haben wohl alles zusammen gemacht. Sogar, wenn sie auf Toilette gingen, sind sie entweder gleichzeitig gegangen oder haben auf dem Flur gewartet.</p>



<p>So war es auch an jenem Tag, als der Bruder auf die Sporttoilette gegangen war und seine Schwester vor der Tür gewartet hat. Zuerst war alles normal, doch dann hat die Schwester plötzlich eine Stimme aus der Toilette gehört: ‚Willst du rotes Papier oder blaues Papier?‘</p>



<p>Das kam ihr komisch vor, denn die Stimme war eine Männerstimme. Und die Lehrer haben doch eine eigene Toilette. Trotzdem hat sie sich nicht getraut, als Mädchen ins Jungsklo zu gehen. Also hörte sie bloß weiter zu.</p>



<p>‚Rotes Papier, bitte‘, soll ihr Bruder geantwortet haben. Und dann plötzlich hat er wie am Spieß geschrien.</p>



<p>Sie ist natürlich sofort reingerannt. Aber da war es schon zu spät. Ihr Bruder lag tot in der Kabine. Das weiße T-Shirt seiner Sportuniform soll völlig rot vor lauter Blut gewesen sein. Aber was noch viel unheimlicher ist: Der Mann, der mit dem Bruder in der Toilette gewesen sein musste, war verschwunden.“</p>



<p>Ich starrte Kanata entsetzt an. Über meinen Körper hatte sich eine Gänsehaut gezogen. Für gewöhnlich gruselte ich mich nicht so schnell. Mein Opa erzählte mir häufig Gruselgeschichten, aber in ihnen ging es fast nie um Blut. Von den Bildern, die ich gerade im Kopf hatte, wurde mir hingegen richtig schlecht.</p>



<p>„S-so ein Blödsinn“, erwiderte ich. „So viel Blut hat ein Mensch gar nicht. Ich hab mir mal in den Finger geschnitten und das musste sogar genäht werden. Danach hatte ich auch nur ein paar kleine Flecken auf meiner Hose!“</p>



<p>„Doch. Es stimmt wirklich. Alle wissen davon!“, meldete sich Ren zu Wort.</p>



<p>Ich hingegen blieb skeptisch. Ehe meine Freunde mich daran hindern konnten, sah ich mich nach unserer Lehrerin um. „Nakagawa Sensei? Nakagawa Sensei?“, fragte ich laut.</p>



<p>Frau Nakagawa kam sofort zu uns. „Was ist denn Endō-kun?“, fragte sie mich mit einem warmen Lächeln. Hier in Japan war es normal, dass uns die Lehrer mit unserem Nachnamen ansprachen. „Stimmt etwas mit dem Essen nicht?“</p>



<p>„Nein. Mit dem Essen ist alles in Ordnung. Ich wollte wissen, wie viel Blut ein Mensch im Körper hat“, erwiderte ich.</p>



<p>Sie sah mich kurz mit großen Augen an, als hätte sie nicht mit der Frage gerechnet. Dann lächelte sie sofort wieder. „Das kommt auf den Menschen an. Bei einem Erwachsenen wie mir sind es etwa 5 bis 7 Liter. Wieso möchtest du das wissen?“</p>



<p>Ich starrte sie an. 5 bis 7 Liter?! Meine Mutter hatte damals bei meinem Finger so reagiert, als würde ich jede Sekunde verbluten. Niemals hätte ich damit gerechnet, dass ein Mensch so viel Blut im Körper hatte. Damit konnte man locker ein T-Shirt rot färben!</p>



<p>„Endō-kun?“, riss mich Frau Nakagawa aus den Gedanken.</p>



<p>„A-ach nichts“, stammelte ich. Dann fügte ich schnell hinzu: „Ich hab nur Gerüchte über die Sporttoilette gehört.“</p>



<p>Frau Nakagawas Gesicht wurde plötzlich schneeweiß. Sie sah mich streng an. „Du solltest nicht alles glauben, was man dir erzählt!“, sagte sie schnell. Dann drehte sie sich auf der Stelle um und ging mit großen Schritten zurück zu ihrem Lehrerpult.</p>



<p>Ich starrte ihr mit offenem Mund nach. Sie hingegen schien meinem Blick regelrecht auszuweichen, während sie angespannt ihr Mittagessen weiteraß.</p>



<p>„Siehst du, Haruki?“, sagte Ren. „Ich hab doch gesagt, sie weiß davon!“</p>



<p>Jetzt gab es auch für mich keinen Zweifel mehr daran. Sie hatte so komisch reagiert, dass sie irgendetwas wissen musste. Die Frage war nur: Wie viel war an der Geschichte wirklich dran?</p>



<p>&#8212;</p>



<p>Das alles ist bereits über ein halbes Jahr her. Inzwischen hatte ich mich eingelebt. Ich kannte die ungeschriebenen Regeln der Schule. Ich wusste, dass die Schüler sich auf dem Pausenhof mit dem Klettergerüst abwechselten. Dass die Tische bei der Ausgangstür für die Schüler waren, die in der Pause mit ihren Pokémonkarten spielen oder tauschen wollten. Und auch, dass die Jungentoilette in der Sporthalle nicht benutzt werden durfte.</p>



<p>Viel mehr hatte ich über die Toilette in den sechs Monaten jedoch nicht herausfinden können. Niemand wollte mit mir darüber reden.</p>



<p>Es gab nicht einmal Mutproben, wer sich auf die Toilette traute. Ich hatte es einmal vorgeschlagen, aber die anderen hatten mich behandelt, als sei ich verrückt geworden. Sie hatten wirklich Angst vor der Toilette. Und auch sonst hatte ich noch nie einen Jungen gesehen, der in der Sporthalle auf Klo gegangen war.</p>



<p>Aber ihr fragt euch sicherlich, wieso ich ausgerechnet jetzt so intensiv über die Sporttoilette nachdachte. Nun, ich stand in genau diesem Moment vor der Toilettentür und wägte meine Möglichkeiten ab.</p>



<p>Natürlich könnte ich zum Schulgebäude rennen, aber ich musste wirklich dringen. Und wenn ich eine Sache nicht wollte, dann war es, mir in die Hose zu machen.</p>



<p>Nach draußen gehen war auch keine Möglichkeit. Zum einen gehörte es sich nicht, zum anderen musste ich mal groß.</p>



<p>Die Mädchentoilette hingegen … Nein, da könnte ich mir genauso gut in die Hose machen. Die Anderen würden mich noch Jahre damit aufziehen.</p>



<p>Das Einzige, was übrigblieb, war die angeblich verfluchte Jungstoilette.</p>



<p>Ich atmete tief durch, ehe ich die Tür langsam aufdrückte. ‚<em>Iiiieeeeek!</em>‘, schrien die Türscharniere mich an, als ob sie mich vertreiben wollten. Dann ertönte ein klackendes Geräusch und das automatische Licht ging an.</p>



<p>Es funktionierten nicht mehr alle Lampen, aber das, was ich in dem schwachen Licht sah, reichte aus, um mir einen Schauer über den Rücken zu jagen. Die Toilette war zwar nicht dreckig – auch stank sie nicht –, aber es musste ewig her gewesen sein, seit hier jemand gründlich geputzt hatte: Auf den Spiegeln waren Streifen, als hätte man sie bloß flüchtig abgewischt, auf den Waschbecken lag Staub und der Boden wirkte so, als hätte sich jemand beim letzten Saubermachen sehr beeilt und dabei die Hälfte übersehen.</p>



<p>Hatten also sogar die Erwachsenen Angst, die Toilette zu betreten?</p>



<p>‚<em>Ach, so ein Quatsch</em>‘, redete ich mir ins Gewissen. Dreckige Klos gab es an vielen Schulen. Bestimmt sah die Mädchentoilette ähnlich aus.</p>



<p>Meine Sorge beiseiteschiebend – immerhin musste ich ziemlich dringend – ging ich mit zittrigen Beinen einige Schritte in den Raum.</p>



<p>Wieder schrie mir die Tür ihr ‚<em>Iiiieeeeek</em>‘ entgegen, ehe sie mit einem unerwartet lauten Krachen ins Schloss fiel.</p>



<p>Ich glaubte nicht an den Fluch. Ich <em>wollte</em> nicht an den Fluch glauben. Und trotzdem ertappte ich mich dabei, wie ich mich unruhig in dem Raum umsah. Das Licht war nicht sonderlich hell, aber es reichte aus, um zu sehen, dass ich allein war.</p>



<p>Und dann war da noch dieser Geruch. Er erinnerte mich an Opas Dachboden. Irgendwie alt und staubig, aber ohne den vertrauten Geruch von Opa.</p>



<p>Schnell ging ich zur ersten Kabine. Darin begegnete mir eine Hocktoilette, wie sie in Japan häufig zu finden waren. Das war jedoch nicht alles: Die Wände und sogar die Bodenfliesen waren über und über mit Edding beschmiert. Ich erkannte unanständige Schriftzeichen und Symbole. Und auf dem Boden lag abgewickeltes Toilettenpapier.</p>



<p>Mit gerümpfter Nase ging ich weiter. Andererseits hieß das auch, dass zumindest einige Schüler hier gewesen waren, um die Kabinen zu beschmieren.</p>



<p>Die zweite Kabine war sauberer, aber in einem ähnlich miserablen Zustand: Die Tür war aus dem oberen Scharnier gebrochen und hielt nur, weil sie halb an der Wand lehnte. Ansonsten war die Kabine leer.</p>



<p>Dann ging ich zur nächsten Kabine. Während ich vorsichtig die Tür aufstieß, gab auch sie ein leises Quietschen von sich. Ich spähte hinein.</p>



<p>Erleichtert atmete ich auf. Die dritte und letzte Kabine war in einem vergleichsweise guten Zustand. Zwar gab es auch hier ab und an eine Schmiererei, aber dafür lag nicht überall Toilettenpapier verteilt und auch die Tür schien noch zu halten.</p>



<p>Schnell trat ich ein, schloss die Kabinentür hastiger hinter mir, als ich es zugeben würde, zog meine Hose runter und hockte mich über die Toilette.</p>



<p>In diesem Moment spürte ich, wie alle Anspannung von mir abfiel. Ich spürte nichts mehr von der Unruhe, die mich eben noch bedrängt hatte. Ich war einfach nur erleichtert, dass ich es rechtzeitig aufs Klo geschafft hatte. Und vielleicht war ich auch ein bisschen stolz. Ich würde meinen Freunden erzählen können, wie ich todesmutig auf die verfluchte Toilette gegangen war. Die würden Augen machen!</p>



<p>Eine ganze Weile lang passierte gar nichts mehr. Ich ging in Ruhe meinem Geschäft nach, während ich in Gedanken versunken dahockte und mich fühlte, als könne nichts auf der Welt mir etwas anhaben.</p>



<p>Als ich fertig war und nach dem Toilettenpapier greifen wollte, fiel mein Blick jedoch auf die leere Klorolle zu meiner Rechten.</p>



<p>„So ein Mist!“, fluchte ich.</p>



<p>Ich war drauf und dran aufzustehen, um in den anderen Kabinen nach Klopapier zu suchen, als mein Blick auf etwas Rotes vor mir fiel. Es war eine Art roter Vorhang oder anderer Stoff, der direkt vor der Kabine bis auf den Boden hing. Von draußen hatte ich nichts dergleichen gesehen.</p>



<p>„Willst du rotes Papier oder blaues Papier?“, fragte plötzlich eine tiefe Männerstimme.</p>



<p>Die Frage ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Sofort musste ich wieder an die Geschichte mit dem toten Bruder denken. Ihm wurde damals dieselbe Frage gestellt.</p>



<p>Dann fiel mein Blick auf die leere Klopapierrolle. Wahrscheinlich war es ihm genauso wie mir ergangen. Aber ich hatte nicht vor, dass meine Geschichte genauso wie seine endete. Er hatte sich damals für Rot entschieden.</p>



<p>„Blaues Papier!“, sagte ich schnell.</p>



<p>Dabei starrte ich wie gebannt den roten Stoff vor der Kabine an. Ich achtete auf jede Bewegung. Aber das wäre gar nicht nötig gewesen: Keine Sekunde, nachdem der Stoff zurückgewichen war, polterte plötzlich die ganze Kabine. Es kam mir vor, als würde irgendjemand oder irgendetwas von draußen an der Tür rütteln.</p>



<p>Dann auf einmal hörte es auf. Dafür ertönte ein anderes Geräusch: <em>Klick!</em> Entsetzt sah ich, wie das Türschloss sich wie von Geisterhand bewegte. Die Kabine war offen.</p>



<p>Einen Moment herrschte vollkommene Stille. Ich hörte, wie mein Herz in meiner Brust hämmerte. Dann sprang ich auf, um die Tür wieder zu verschließen. Aber es war zu spät. In dem Moment, als ich nach dem Schloss griff, wurde die Tür von außen aufgestoßen. Sie hatte so eine Wucht, dass ich zurückgeschleudert wurde und nur knapp neben der Toilette auf den harten Boden prallte.</p>



<p>Ein stechender Schmerz fuhr durch mein Steißbein, aber das war mir gerade egal. Entsetzt starrte ich den Mann an, der jetzt in die Kabine trat. Er trug einen roten Umhang, der seinen kompletten Körper verdeckte. Sein Gesicht konnte ich im Gegenlicht nicht erkennen. Was ich hingegen deutlich sehen konnte, waren seine Arme, die er nach meinem Hals ausstreckte.</p>



<p>Panisch krabbelte ich rückwärts, bis ich die kalten Wandfliesen an meinem Rücken spürte. Ich konnte nirgendwo hin. Die Kabinenwände reichten bis auf den Boden. Der einzige Ausgang wurde von dem Mann blockiert.</p>



<p>Jetzt hatte er mich erreicht.</p>



<p>Während ich nach seinen Händen schlug und trat, schrie ich aus voller Lunge: „Hilfe! Hilf…“</p>



<p>Weiter kam ich nicht. Der Mann presste seine Hände an meinen Hals. Sie waren eiskalt. Er drückte mit voller Kraft zu. Mein Kopf fühlte sich an, als würde er gleich platzen. Mir wurde schwindelig. Aber so sehr ich auch versuchte, mich zu wehren, es war sinnlos. Der Mann war zu stark.</p>



<p>Plötzlich hörte ich ein Geräusch: <em>Iiiiiieeeeek</em>. Die Toilettentür!</p>



<p>„Haruki? Bist du da drin?“ Das war Sōta!</p>



<p>Jetzt versuchte ich gar nicht mehr, den Mann mit dem roten Umhang abzuwehren. Stattdessen hämmerte ich mit der Faust gegen die Kabinenwand, um möglichst viel Lärm zu machen.</p>



<p>„Was ist das?“, hörte ich jetzt Ren.</p>



<p>„Lasst uns von hier abhauen!“, erwiderte Kanata.</p>



<p>„Nein!“, fuhr Sōta dazwischen. „Ihr habt doch auch gehört, wie Haruki um Hilfe gerufen hat!“</p>



<p>Was diskutierten sie denn so lange?! Die Panik in mir war unbeschreiblich. Ich versuchte, meine Freunde zu rufen, aber meiner zusammengedrückten Kehle entwich kein einziger Ton. Auch ließ der Mann sich durch meine Freunde nicht aus der Ruhe bringen.</p>



<p>Meine Schläge hingegen wurden schwächer und schwächer. Ich hatte kaum noch Kraft in meinen Armen, während es um mich herum immer dunkler wurde.</p>



<p>Dann hörte ich zaghafte Schritte gefolgt von Sōtas Stimme: „Harukiii? Bist du da?“ Doch etwas stimmte nicht. Seine Stimme klang weit entfernt. Viel weiter als von der Toilettentür. Meine kraftlosen Arme konnte ich jetzt überhaupt nicht mehr heben. „Haruki?“</p>



<p>Es war das letzte Mal, dass ich meinen Namen hörte. Das letzte Mal, dass ich irgendetwas hörte. Meine Freunde waren zu langsam gewesen. Sie würden nur noch meine Leiche entdecken.</p>



<p><b>Bleibt auf dem neusten Stand und folgt mir auf:</b></p>
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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p>Aka Manto (japanisch für „roter Umhang“), manchmal auch Aoi Manto („blauer Umhang“) oder Akai Kami Aoi Kami („rotes Papier, blaues Papier“) genannt, ist eine <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">urbane Legende</a> aus Japan.</p>



<p>Sie handelt von einem Geist, der sich in verfluchten Schultoiletten herumtreiben soll. Er zählt zu den <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/yokai" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Yōkai</a>.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p>Aka Manto soll, wie der Name schon sagt, einen roten Umhang tragen. In den meisten Geschichten ist er männlich. Die „Aoi Manto“-Variante unterscheidet sich lediglich darin, dass sein Umhang blau ist. Ansonsten sind die Geschichten identisch.</p>



<p>Was sein weiteres Aussehen angeht, ist über ihn nicht viel bekannt. Ich habe aber einige Versionen finden können, in denen er entweder eine Maske trägt oder ein blau angelaufenes Gesicht hat.</p>



<p>Manchmal ist er auch unsichtbar und man hört nur seine Stimme.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p>Aka Manto sucht hauptsächlich öffentliche Toiletten heim. In den meisten Geschichten ist es die Toilette einer Grundschule. Im Netz habe ich oft gelesen, dass er hierbei Frauentoiletten bevorzugt, in japanischen Texten habe ich darüber jedoch nichts finden können. Im Gegenteil: Die bekannteste japanische Version scheint von einer Männertoilette zu handeln.</p>



<p>Die Toilette, die von Aka Manto heimgesucht wird, ist meist eine alte Hocktoilette. Außerdem soll in der Kabine kein Klopapier zu finden sein. Sobald man fertig mit seinem Geschäft ist und das fehlende Klopapier bemerkt, tritt Aka Manto in Erscheinung. Mal hört man hierbei nur seine Stimme, mal taucht Aka Manto vor der Kabine auf.</p>



<p>Der Geist fragt sein Opfer: „Willst du rotes Papier oder blaues Papier?“</p>



<p>Ab hier gibt es verschiedenste Variationen der Geschichte. Für eine bessere Übersicht habe ich den Beitrag daher ab hier unterteilt.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Rotes Papier:</h4>



<p>Entscheidet man sich für das rote Papier, wird man von Aka Manto mit einem Messer oder einem anderen scharfen Gegenstand angegriffen. Er schneidet einem die Kehle durch, fügt einem mehrere tödliche Schnitte zu oder köpft seine Opfer sogar. Dabei soll so viel Blut aus dem Körper strömen, dass die Kleidung vor Blut rot wird.</p>



<p>Alternativ schneidet er einem die Haut ab, sodass sie wie ein blutiger Umhang von seinen Opfern hängt.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Blaues Papier:</h4>



<p>Entscheidet man sich hingegen für das blaue Papier, lässt Aka Manto das Blut aus den Körpern seiner Opfer verschwinden oder er erwürgt sie. Anschließend soll entweder der ganze Körper, weil er blutleer ist, oder nur der Kopf, da man erwürgt wurde, blau wirken.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Andere Farben:</h4>



<p>Wenn man eine andere Farbe wie z. B. weißes oder lila Papier verlangt, um ihn auszutricksen, kann das unterschiedlich ausgehen:</p>



<p>Entweder man schafft es damit, Aka Manto zu verwirren und so genug Zeit zum Fliehen zu gewinnen, der Geist zerrt einen direkt in die Unterwelt oder aber er wird kreativ, was seine Methoden angeht. So gibt es z. B. Versionen, in denen sein Opfer „gelbes Papier“ verlangt haben soll, woraufhin es in seinem eigenen Urin ertränkt wurde.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Weitere Methoden:</h4>



<p>Wenn man eine bessere Alternative sucht, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man lehnt das Papier ab und sagt, dass man keines braucht, oder man ignoriert die Frage komplett und antwortet nicht. Daraufhin soll Aka Manto verschwinden oder man soll genug Zeit gewinnen, um zu fliehen.</p>



<p>Andererseits habe ich auch hier Versionen gelesen, in denen Aka Manto seinem Opfer den Ausgang blockiert, bis es sich für eine Farbe entschieden hat. Wie ihr also seht, ist die Sache ziemlich kompliziert und man kann nicht pauschal sagen, wie man dem Geist entkommen kann.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Andere Versionen:</h4>



<p>Es gibt aber auch Versionen, in denen Aka Manto nicht wirklich gefährlich ist. Hierbei färbt er oft bloß die Haut seiner Opfer in der Farbe ein, in der sie das Papier verlangen. Oder aber es kommen Hände in der jeweiligen Farbe aus der Toilette oder der angrenzenden Kabine und berühren das Opfer am nackten Hintern.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p>Aka Manto kommt fast ausschließlich in öffentlichen Toiletten, meist denen von Grundschulen vor.</p>



<p>Am häufigsten soll sein Geist in der letzten oder in der vierten Kabine auftauchen, da die Zahl 4 in Ost- und Südostjapan für den Tod steht.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p>Aka Manto ist seit den 1930ern ein beliebtes Gerücht in vielen japanischen Grundschulen.</p>



<p>Wo das Gerücht herkommt, ist hingegen etwas komplizierter:</p>



<h4 class="wp-block-heading">Der Mann mit der blauen Decke:</h4>



<p>Angefangen hat alles mit einem bis heute ungelösten Mordfall im Jahr 1906 in der Präfektur Fukui in Japan. Damals wurden drei Menschen von einem Mann, der in eine blaue Decke gehüllt war, unter einem Vorwand, dass einer ihrer Verwandten krank sei, nach draußen in einen Schneesturm gelockt: ein Vater aus seinem Laden und seine Mutter und seine Ehefrau je aus ihren Häusern.</p>



<p>Anschließend soll der Mann dasselbe mit der Tochter versucht haben, die gerade bei einer Nachbarin war. Die Nachbarin weigerte sich jedoch, das Kind ohne Erlaubnis der Eltern an einen Fremden zu geben, und konnte den Mann so abwimmeln.</p>



<p>Kurz darauf fand man die Leichen der Ehefrau und der Mutter. Die Leiche des Vaters wurde nie gefunden. Lediglich die Angestellten, die mit dem Vater im Laden waren, und die Nachbarin, die auf das Kind aufgepasst hatten, erzählten von dem seltsamen Mann mit der blauen Decke.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Erste Gerüchte:</h4>



<p>Aus diesem Mordfall sind diverse Gerüchte entstanden, die sich hauptsächlich in Grundschulen verbreitet haben. Darunter waren Gerüchte von einem Mann mit einem blauen Umhang, der sich in einem schwach beleuchteten Schulkeller herumgetrieben haben soll. In einigen Versionen war der Mann ein Vampir.</p>



<p>Über mehrere Monate bis Jahre hinweg verbreitete sich die Geschichte auf die umliegenden Städte. Dabei wurde aus dem blauen Umhang ein roter Umhang.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Roter Umhang, blauer Umhang?</h4>



<p>Schließlich entstand daraus eine Version, die Aka Manto nicht unähnlich ist: Dem Gerücht zufolge, sollte sich ein Geist oder Mörder in einer Schultoilette herumtreiben und seine Opfer fragen, ob sie lieber einen roten oder einen blauen Umhang haben wollen. Wenn man mit einer der entsprechenden Farben antwortet, hatte man dieselben Folgen zu erwarten, wie bei dem roten oder blauen Toilettenpapier.</p>



<p>Diese Variante wird sogar noch heute erzählt, auch wenn sich eine neue Version bald größerer Beliebtheit erfreute.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Aka Manto – rotes Papier, blaues Papier?</h4>



<p>Es dauerte nicht lange, bis erste Geschichten auftauchten, in denen der Geist oder Mörder statt nach farbigen Umhängen nach farbigem Toilettenpapier gefragt hat.</p>



<p>Über die Jahre kamen schließlich noch weitere Varianten hinzu. Zum Teil kamen auch Einflüsse anderer Toilettengeister wie z. B. <a href="https://www.geister-und-legenden.de/hanako-san" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Hanako-san</a> hinzu. So gab es verschiedenste Todesarten, einige Umstände veränderten sich minimal und Aka Manto bekam gelegentlich weitere Eigenschaften wie ein blaues Gesicht oder (auch wenn ich diese Version bisher nur in westlichen Texten gefunden habe) eine Maske.</p>



<p><em>Was haltet ihr von Aka Manto? Kanntet ihr die Legende bereits? Wie würdet ihr reagieren, um ihm zu entkommen? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>



<p><em>Wenn ihr mehr solche Geschichten oder Legenden lesen wollt, unterstützt mich auf <a href="https://www.patreon.com/geisterlegenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Patreon</a>, abonniert meinen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/newsletter" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Newsletter</a> oder folgt mir auf <a href="https://twitter.com/geisterlegenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/geisterlegenden/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Facebook</a> oder <a href="https://www.instagram.com/geisterlegenden/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Instagram</a>!</em></p>
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		<title>Die Ningyo – Wirf sie zurück ins Wasser!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 12 Sep 2022 13:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Flüche]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Monster und Ungeheuer]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ich starrte ihn an, dann sah ich wieder zu der Ningyo, die ihren Mund noch immer öffnete und schloss. Öffnete und schloss. Öffnete und schloss. Dann wieder zu Hiroshi. In seinen Augen zeichnete sich keinerlei Wahnsinn ab, während er mich ernst ansah ...</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg09.met.vgwort.de/na/46a48506faed4848a3a01d0bc165751b" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p>Die Ningyo ist ein japanisches <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wesen</a>, das zum Teil Fisch und zum Teil Mensch ist. Trotzdem unterscheiden sie sich starkt von den westlichen Meerjungfrauen. Warum das so ist, erfahrt ihr in diesem Beitrag.</p>



<p>(Ich muss übrigens gestehen, dass ich nur wenig Ahnung vom Fischen habe. Natürlich habe ich versucht, mich so gut es geht zu informieren, habe über das Fischen mit Netzen jedoch nur sehr wenig Infos gefunden. Daher hoffe ich einfach mal, dass ich nicht allzu viel Müll geschrieben habe und euch die Geschichte trotzdem gefällt! <strong>😅</strong>)</p>



<p>Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen</strong></summary>
<p>&#8211; Blut<br>
&#8211; Naturkatastrophe</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p>Ich stand an der Reling und sah mit einem Lächeln aufs Meer hinaus. Die Sonne glitzerte in den sanft rauschenden Wellen, die das Boot in ein langsames, gemütliches Schaukeln versetzten. Es war ein herrlicher Spätsommerabend knapp vor der japanischen Küste.</p>



<p>„André, hilf Naoto mit dem Netz!“, rief Hiroshi von hinten. Er hatte einen befehlenden, fast überheblichen Tonfall, der mir normalerweise nicht gepasst hätte, aber immerhin bezahlte er mich dafür, dass ich ihm diese Woche beim Fischen half.</p>



<p>Während ich also zu ihnen eilte, stand Hiroshi halb im Cockpit und sah mich an. Sein strenger Blick wurde von seinen Falten und den teilweise grauen Haaren untermalt. Naoto hingegen hatte freundliche, dunkle Augen und ein sanftes Gesicht, auch wenn er es gerade vor Anstrengung verzog.</p>



<p>Ich beeilte mich, ihm zu helfen, das gut gefüllte Fischernetz an Bord zu ziehen. Schnell stieg mir der Geruch von Fisch in die Nase, als das zappelnde Netz vor uns lag. Zwar quoll es nicht über vor Fischen, aber es war ein guter Fang.</p>



<p>Hiroshi machte sich sofort daran, die Ausbeute zu inspizieren. Mit geschickten Fingern leerte er das Netz in eine Plastikwanne, durchwühlte die Fische, als wären sie Erde, in der ein Schatz vergraben ist, &#8230; und kippte anschließend den gesamten Fang unter lautem Platschen und Plätschern zurück ins Meer.</p>



<p>Zu Anfang hatte ich ihm noch entsetzt dabei zugesehen, aber inzwischen hatte ich mich daran gewöhnt. Immerhin machte er das schon die ganze Woche so. Zugegeben: Am Montagvormittag hatte er sich noch bemüht, nur die großen Fische zu behalten. Die kleineren – auch die, die bei Weitem groß genug waren, um sie zu verkaufen – warf er allesamt ins Meer zurück. Aber bereits am selben Abend verwarf er seine Prinzipien und kippte alle Fische, ganz egal wie groß oder klein sie waren, in seine große Kühlbox.</p>



<p>Sobald die Kühlbox voll war, fuhren wir aber nicht zum Hafen. Nein, wir fischten einfach weiter und warfen den Fang zurück ins Meer. Hiroshi sah dann zwar jedes Mal die gesamte Ausbeute durch, aber war nie zufrieden. Es kam mir fast vor, als würde er irgendetwas suchen. Als ich ihn jedoch danach gefragt hatte, hatte er nur schroff gemeint, dass ich sein Angelverhalten nicht in Frage stellen solle und er mich gut bezahle. Anschließend war das Gespräch für ihn beendet.</p>



<p>„Es wird langsam spät. Wir sollten allmählich umkehren“, warf Naoto ein, nachdem die Plastikwanne wieder leer war. „Ich hab meiner Frau versprochen, dass wir heute Abend gemeinsam essen.“</p>



<p>Hiroshi musterte ihn, als habe er ihm vor die Füße gespuckt, ehe er einen flüchtigen Blick zur Sonne warf, die sich langsam dem Horizont näherte. Schließlich erwiderte er: „Na, meinetwegen. Eine halbe Stunde machen wir noch. Danach können wir zurück zum Hafen.“</p>



<p>Naoto nickte knapp. Anschließend verschwand Hiroshi im halb offenen Cockpit, startete den Motor, der sofort leise zu summen begann, und das Boot fuhr weiter.</p>



<p>Ich wusste nicht, ob er irgendeinem System folgte, während wir durch das offene Meer fuhren, oder ob Hiroshi ziellos durch die Gegend tuckerte, bis sein komisches Gerät irgendetwas anzeigte. Es war eine Art Tablet, das fest neben dem Lenkrad verbaut war. Soweit ich es verstanden hatte, zeigte es ihm, wo sich unter uns Fischschwärme und größere Fische befanden.</p>



<p>Gelegentlich piepte das Tablet. Das war immer der Moment, wo Hiroshi es aufgeregt ansah. Kurz darauf sah er entweder enttäuscht wieder nach vorn, oder aber er drehte am Lenkrad, steuerte das Boot an eine bestimmte Stelle und befahlt Naoto, das Netz auszuwerfen – ein Befehl, dem Naoto in Windeseile nachkommen musste.</p>



<p>So ging das schon die ganze Woche. Die meiste Zeit kam ich mir dabei völlig nutzlos vor. Naoto wurde von Hiroshi wohl angeheuert, weil er Ahnung vom Fischen hatte. Im Notfall könnte er sogar das Boot steuern. Ich hingegen war die größte Landratte, die man sich vorstellen konnte. Abgesehen von meinen Muskeln hatte ich nichts, was mich für den Job qualifizierte. Vielleicht war ich als Weißer auch bloß aus der Masse hervorgestochen, weswegen Hiroshi mich angesprochen hatte. Ein anderer Grund wollte mir jedenfalls nicht einfallen.</p>



<p>Aber was es auch war, ich war froh, hier zu sein. Immerhin wurde ich gut bezahlt, obwohl ich kaum mehr tat, als auf dem Boot zu sitzen und das Meer zu genießen – abgesehen von dem gelegentlichen Einholen des Netzes, heißt das natürlich. Und so störte mich auch Hiroshis Verhalten nicht, als er auch den Inhalt der beiden letzten Netze, die wir vor unserem Heimweg auswarfen, ohne mit der Wimper zu zucken ins Meer zurückwarf.</p>



<p>„Also gut, Männer“, sagte er mürrisch. „Wir machen uns auf den Rückweg. Hoffentlich haben wir morgen mehr Erfolg.“</p>



<p>Naoto und ich warfen einander einen verwirrten Blick zu. Ich kannte mich zwar nicht so gut mit Fischen aus, aber soweit ich es beurteilen konnte, war unser Anglerglück die letzten Tage nahezu überirdisch gewesen. Es war kaum ein Tag vergangen, an dem unsere kleine Kühltruhe am Abend nicht randvoll war.</p>



<p>Ehe ich Hiroshi jedoch darauf ansprechen konnte, war er bereits im Cockpit verschwunden. Aber wahrscheinlich hätte er eh wieder nur ausweichend darauf reagiert.</p>



<p>Wenn er uns doch wenigstens sagen würde, wonach er suchte. Ich mochte keine Ahnung von der See und Fischen haben, aber Naotos Wissen reichte für uns beide aus!</p>



<p>In den nächsten Minuten, in denen die ersten Gebäude in der Ferne auftauchten und langsam größer wurden, beobachtete ich den Himmel. Die Sonne war bereits untergegangen und färbte den Horizont nun in ein warmes, feuriges Rot. Ein gutes Zeichen: Immerhin deutete Abendrot auf gutes Wetter hin.</p>



<p>Doch während ich mich schon darauf freute, bald in meiner kleinen, warmen Wohnung zu sitzen und gemeinsam mit meinem Kater Mr. Fluff fernzusehen, hörte ich plötzlich ein vertrautes Piepen. Es war das komische Tablet, das beim Fischefinden half. Kurz darauf folgte ein ungläubig gemurmeltes „Ich wusste nicht, dass sie so groß werden“ und ein lauteres „Naoto! Mach das Netz bereit! Wir wagen einen letzten Wurf!“</p>



<p>Der Enthusiasmus in Hiroshis Stimme überraschte mich. Und wie ich an Naotos Reaktion sah – er sprang sofort auf und griff, ohne zu murren, nach dem Netz –, ging es ihm ähnlich. Was auch immer Hiroshi auf seinem Fischradar gesehen hatte, vielleicht war es ja das, wonach er suchte.</p>



<p>Diesmal ließ er den Motor laufen, während Naoto das Netz auswarf. Es bildete platschend einen fast perfekten Kreis auf der Wasseroberfläche, bevor es schnell in der Tiefe verschwand. Aber während Naoto und ich gebannt auf das langsam verschwindende Netz starrten, blieb Hiroshi im Cockpit.</p>



<p>„Verdammt!“, rief er. „Daneben! Holt das Netz ein! Holt es ein!“ Er sprach dabei schnell und ungehalten. Fast klang es, als wäre er wütend auf Naoto, aber ich war mir sicher, dass es nur die Aufregung war.</p>



<p>Sofort sprang ich auf und half Naoto mit dem Netz. Es war nicht sonderlich tief gesunken und hatte keinen einzigen Fisch eingefangen, also war es sehr viel einfacher, es einzuholen.</p>



<p>Anschließend steuerte Hiroshi das Boot einige Meter weiter und befahl uns, das Netz erneut auszuwerfen. Wieder war er nicht zufrieden.</p>



<p>Nachdem Naoto das Netz noch ein drittes und viertes Mal ausgeworfen und wir es eingeholt hatten, merkte ich, wie schwer er inzwischen atmete. Es sah so leicht aus, wie er das Netz warf, aber wenn ich bedachte, wie schwer das verdammte Teil war und weit er es werfen musste &#8230;</p>



<p>„Nochmal!“, rief Hiroshi. „Kommt schon, kommt schon! Wir haben sie gleich!“</p>



<p>„Nur eine kurze Pause“, bat Naoto schnaufend. Er stützte sich am Boot ab, während er versuchte, wieder zu Atem zu kommen.</p>



<p>Das passte Hiroshi jedoch nicht. Er stürmte kurzerhand aus dem Cockpit, packte das Netz und warf es selbst ins Meer. Die Kraft und Geschicklichkeit, die er dabei bewies, hätte ich ihm in seinem Alter nicht mehr zugetraut. Zwar flog das Netz bei Weitem nicht so rund wie bei Naotos Würfen, aber man konnte deutlich erkennen, dass es nicht sein erster Netzwurf war.</p>



<p>Ich jedenfalls hatte nicht ansatzweise so gut geworfen, als ich es vorgestern spaßeshalber unter Naotos Anleitung versucht hatte. Mir war nicht ein einziger Fisch ins Netz gegangen. Und wahrscheinlich könnt ihr euch denken, wie begeistert Hiroshi darüber gewesen war. Im Gegensatz dazu sah er aus wie ein Profi.</p>



<p>Noch bevor das Netz das Wasser berührt hatte, stürmte Hiroshi zurück ins Cockpit, um auf sein Tablet zu sehen. Aber das wäre gar nicht nötig gewesen: Kurz nachdem das Netz untergegangen war, spannte sich das Seil, das das Netz mit dem Boot verband. Ein Ruck fuhr durch das Boot, nicht stark genug, um mich aus dem Gleichgewicht zu bringen, aber er war deutlich spürbar. Was auch immer wir im Netz hatten, es wehrte sich mit Leibeskräften.</p>



<p>„Holt es ein!“, schrie Hiroshi, während er aus dem Cockpit gerannt kam. Er packte als Erster das Netz, dann folgten Naoto und ich. Gemeinsam zogen und zerrten wir daran. Stück für Stück, Meter für Meter zogen wir das Netz langsam aber sicher aus dem Wasser, bis es schließlich vor uns an Deck lag.</p>



<p>Als ich den Fisch sah, wie er am Boden im Netz zappelte, war ich erst erstaunt über seine Größe. Er war groß wie eine Robbe. Als ich jedoch näher hinsah, überkam mich das Gefühl von Überraschung, Entsetzen und einem Hauch von Ekel. Sein Körper sah aus, wie der eines ganz normalen Fisches mit Flossen und allem drum und dran, der Kopf jedoch &#8230; war menschlich. Er hatte ein Gesicht, einen Hals, kleine Ohren und sogar Haare. Es sah aus, als hätte man einen unförmigen Frauenkopf am Körper eines großen Fisches befestigt.</p>



<p>Wie jeder normale Fisch öffnete und schloss das Wesen panisch den Mund. Aber seine Augen, seine ungewöhnlich menschlichen Augen starrten wild hin und her. Als es sie einen Moment genau auf mich richtete, stolperte ich einen Schritt zurück, rutschte auf dem nassen Boden weg und landete mit einem leisen <em>Fump</em> auf dem Hintern.</p>



<p>Aber was mich noch mehr verstörte, als das merkwürdige Wesen selbst, war Hiroshis Reaktion. Während er es mit einer Hand durch das Netz an seinem „Hals“ zu Boden drückte, streichelte er mit der anderen Hand ganz zärtlich über seine Schuppen. Er musterte es mit einem liebkosenden Blick, als wäre es sein Kind oder seine Geliebte.</p>



<p>„E-eine Ningyo!“, stieß Naoto aus. Er starrte Hiroshi mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen an.</p>



<p>„Eine Meerjungfrau?“, fragte ich verwirrt. Ich wusste nicht, dass „Ningyo“ nicht nur das japanische Wort für Meerjungfrau war, sondern auch dieses seltsame, mir völlig fremde Wesen beschrieb.</p>



<p>Naoto ignorierte meine Frage. Er sah bloß weiter entsetzt zu dem Wesen. „Du musst sie zurückwerfen! Sofort!“, befahl er.</p>



<p>Hiroshi lächelte ihn an. Da war sie wieder, seine überhebliche Art. „Das werde ich nicht tun“, sagte er ruhig.</p>



<p>Naoto griff nach einer Stange, die an der Bootswand hing, und richtete ein Ende, an dem ein metallener Haken befestigt war, auf Hiroshi.</p>



<p>Der wiederum sah ihn unbeeindruckt an. „André, steh auf und halt mir diesen Irren vom Leib“, sagte er zu mir. „Dann verdopple ich deinen Lohn.“</p>



<p>Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass sein Angebot nicht verlockend klang, dass ich nicht darüber nachgedacht hätte, aber am Ende gewann mein Gewissen. Naoto hatte mir nichts getan. Er war bisher immer superfreundlich gewesen und aus irgendeinem Grund hatte er Angst vor dem Wesen. Ganz bestimmt hatte er keine bösen Absichten, wenn er wollte, dass Hiroshi es zurückwarf.</p>



<p>Als Hiroshi jedoch bemerkte, dass ich mich nicht rührte, eskalierte die Situation vollständig. „Ach, ihr könnt mich mal!“, rief er.</p>



<p>Gleichzeitig tat Naoto einen Schritt auf ihn zu, die Stange weiter auf ihn gerichtet. „Wirf sie zurück, sonst &#8230;“</p>



<p>Weiter kam er nicht. Mit geschickten Händen griff Hiroshi plötzlich in seine Jacke und zog eine Pistole hervor, die er auf Naoto richtete. „Sonst was?“ In seinen Augen funkelte Abscheu.</p>



<p>Erschrocken richtete ich mich auf. Jetzt zeigte der Lauf der Waffe auf mich. Ich hatte noch nie zuvor eine echte Pistole gesehen, die auf jemanden gerichtet wurde. Und schon gar nicht auf mich. Ich kann kaum erklären, wie es sich anfühlte. Plötzlich war ich völlig hilflos. Mein Magen fühlte sich an, als hätte er sich verknotet, während meine Beine zu Eis erstarrten und mein Hirn schrie, dass ich weglaufen solle. Aber ich konnte nirgendwo hin.</p>



<p>Naoto ging es ähnlich. Er hob eine Hand, legte bedacht langsam die Stange zu Boden und hob dann auch die andere Hand. Währenddessen trat er vorsichtig einen Schritt zurück.</p>



<p>Hiroshi hingegen blieb ganz ruhig. Während er die Pistole weiter abwechselnd auf uns richtete, kramte er mit seiner freien Hand ein Fischermesser hervor. Als er es schließlich zum Hals des seltsamen Fischwesens führte, trat Naoto wieder einen Schritt nach vorn, die Hände vor sich haltend, um zu zeigen, dass er Hiroshi nichts tun wollte.</p>



<p>Panik stand ihm ins Gesicht geschrieben, auch wenn ich das seltsame Gefühl hatte, dass sie jetzt nicht mehr der Pistole galt. „B-bitte. Du musst das nicht tun“, flehte er. „Wirf sie einfach zurück. Dann kommt niemand zu Schaden. Ich habe Frau und Kinder!“</p>



<p>Ich weiß nicht, wie ich genug Mut aufbringen konnte, um zu sprechen. Vielleicht war es die Überforderung, vielleicht der Fakt, dass Hiroshi die Pistole nun wieder auf Naoto gerichtet hatte. „Was ist das für ein Ding? Warum sollte jemand zu Schaden kommen?“</p>



<p>Nun sah Hiroshi mich an, hielt die Pistole aber weiter auf Naoto gerichtet. „Das ist eine Ningyo. Ich suche schon seit Jahren nach einer. Und endlich habe ich sie gefunden. Wenn man ihr Fleisch isst, wird man unsterblich! Ich werde wieder jung sein!“</p>



<p>Ich starrte ihn an, dann sah ich wieder zu der Ningyo, die ihren Mund noch immer öffnete und schloss. Öffnete und schloss. Öffnete und schloss. Dann wieder zu Hiroshi. In seinen Augen zeichnete sich keinerlei Wahnsinn ab, während er mich ernst ansah.</p>



<p>„Und zu welchem Preis?“, fuhr Naoto dazwischen. „Wenn du sie nicht zurückwirfst, könnte das Unwetter die ganze Stadt zerstören. Bitte, komm zur Vernunft! Meine Familie &#8230;“ Jetzt sah er mich an. „André, bitte. Hilf mir. Wenn man eine Ningyo umbringt oder mitnimmt, hat das verheerende Katastrophen zur Folge. Gemeinsam können wir ihn aufhalten. Gemeinsam können wir &#8230;“</p>



<p>Weiter kam er nicht. In genau diesem Moment zog Hiroshi die Klinge durch die Kehle der Ningyo. Blut schoss aus ihrem Hals hervor. Es ergoss sich über das Deck und Hiroshis Hose. Kurz darauf hörte die Ningyo auf, sich zu bewegen.</p>



<p>Als ich, noch immer völlig überfordert von der Situation, wieder zu Naoto blickte, sah ich, dass er auf die Knie gesunken war. Er sah aus wie ein Mann, der gerade seinen Lebenswillen verloren hatte.</p>



<p>Ungläubig starrte ich wieder zu dem toten Fischwesen in Hiroshis Armen. Das konnte doch nicht ihr Ernst sein. Sie waren zwei erwachsene Männer. Wie konnte auch nur einer von ihnen ein Wort dessen glauben, was sie da von sich gaben? Ein magischer Fisch, der unsterblich machte und Katastrophen herbeirief? Hörten sie sich selbst überhaupt zu?!</p>



<p>Ehe ich den Gedanken jedoch laut aussprechen konnte, um die beiden zur Besinnung zu bringen, fegte plötzlich ein heftiger Windstoß über das Deck. Er war so stark, dass er mich straucheln ließ. Kurz darauf folgten die Wellen.</p>



<p>Mehr und mehr geriet unser Schiff ins Wanken, und als ich zum Himmel sah, weiteten sich meine Augen vor Schreck und Unglauben: Dunkle Wolken zogen auf, so schnell, wie ich einen Wetterumschwung noch nie beobachtet hatte. Erneut starrte ich ungläubig die tote Ningyo an. Wie war das möglich?</p>



<p>„Du solltest dich lieber beeilen“, rief Hiroshi über das inzwischen sehr laute Rauschen der Wellen Naoto zu. „Wenn wir rechtzeitig an Land sind, kannst du deine Familie noch aus der Stadt bringen!“</p>



<p>Naoto sah auf. Jetzt blitze ein Funken Hoffnung in seinen Augen. Ohne auch nur eine weitere Sekunde verstreichen zu lassen, sprang er auf und rannte ins Cockpit. Kurz darauf heulte der Motor auf und das Boot raste los.</p>



<p>Noch nie in meinem Leben war ich mir so klein vorgekommen. Nicht nur, dass die Wellen immer größer wurden – unser Boot kam mir mehr und mehr vor wie ein Spielzeugboot im offenen Meer –, ich befand mich mitten in einem Spiel aus Mächten, die ich nicht verstand.</p>



<p>Wasser spritze mir ins Gesicht, traf mich im Mund und in meinen Augen. Sofort schmeckte ich das Salz. Gleichzeitig klammerte ich mich mit aller Kraft an dem Geländer der Bootswand fest. Die Wellen und die Geschwindigkeit des Motorboots waren dabei so heftig, dass ich mehrfach schmerzhaft gegen die Bootswand geschleudert wurde.</p>



<p>Hiroshi hingegen saß, scheinbar den Regeln der Physik trotzend, zufrieden auf dem Boden. Zwar wurde er auch hin und her geschleudert, während er sich und die Ningyo am Seil des Fischernetzes festhielt, aber es schien ihm überhaupt nichts auszumachen.</p>



<p>„Weißt du André, ich hätte mehr von dir erwartet!“ Trotzdem er aus voller Lunge brüllte, ging seine Stimme fast in dem Lärm unter. „Ich dachte, als Weißer würdest du mich verstehen. Ich hätte dir sogar etwas von dem Fleisch abgegeben. Du könntest unsterblich sein, wenn du mir hilfst!“</p>



<p>Ich starrte ihn an, wie er dasaß und mich angrinste &#8230; Ich wusste nicht, wie schlimm das Unwetter noch werden würde, aber wir waren nicht das einzige Boot auf dem Meer gewesen. Nicht alle würden es zurückschaffen. Ihr Blut klebte an Hiroshis Händen und da besaß er die Dreistigkeit, mich noch weiter in die Sache hineinziehen zu wollen, als er es ohnehin schon getan hatte?!</p>



<p>Angewidert wandte ich den Blick ab. In dem Chaos aus Wellen sah ich, dass wir uns dem Anleger näherten. Inzwischen waren die Wellen so heftig, dass ich mehr als einmal befürchtete, unser Boot könnte kippen. Trotzdem schafften wir es irgendwie in einem Stück an den Hafen. Naoto versuchte sein Bestes, die Geschwindigkeit zu verringern und das Boot zu drehen. Trotzdem krachten wir mit einem lauten Knall an den Anleger. Ich wurde durchgeschüttelt. Schmerzen zuckten durch meine Finger, als das Metallgeländer durch den Aufprall vibrierte. Trotzdem hielt ich mich eisern fest.</p>



<p>Aber wenn ich darauf gehofft hatte, dass die Wellen am Hafen nicht ganz so schlimm sein würden, hatte ich mich geschnitten. Sie waren so hoch, dass sie immer wieder über den betonierten Anleger schwappten. Das Boot hob und senkte sich mit den Wellen.</p>



<p>Inzwischen stand ich ganz hinten am Boot. Ich müsste nur einen großen Schritt wagen, dann wäre ich an Land. Aber ich traute mich nicht. Vor meinem inneren Auge malten sich Bilder aus, wie ich abrutschte, den Schritt nicht schaffte. Ich würde zwischen das Boot und den Anleger geraten. Vielleicht würden die Wellen mich auch gegen den Beton schleudern. Oder aber ich würde ertrinken.</p>



<p>Plötzlich stürmte Naoto an mir vorbei. Er hatte Anlauf genommen. In dem Moment, als das Boot durch das Wasser nach oben gedrückt wurde, sprang er an Land. Er strauchelte, konnte sich aber auf den Füßen halten.</p>



<p>Ich schluckte schwer. Er hatte es geschafft. Dann konnte ich das auch. Außerdem trieb das Boot langsam aber sicher vom Anleger weg. Wenn ich mich jetzt nicht traute &#8230;</p>



<p>Ich zwang mich, mein Hirn abzuschalten. Dann wartete ich die nächste Welle ab und tat es Naoto gleich. Zwar unterschätzte ich, wie tief ich fallen würde, landete erst schmerzhaft auf meinen Füßen und wurde von der Wucht weiter auf meine Knie geschleudert, aber ich hatte es geschafft.</p>



<p>Naoto sah mich mit verzweifeltem Gesicht an, während er mir hoch half. Er hatte abgewartet, ob ich den Sprung schaffen würde. Dann sah er nervös zu den Gebäuden. „Sorry, ich muss &#8230;“, rief er über das Rauschen der tosenden Wellen. Ohne eine Antwort abzuwarten, rannte er los.</p>



<p>Eigentlich hatte ich ihm anbieten wollen, ihn mitzunehmen – immerhin war er zu Fuß hier –, aber als ich ihm nachrief, drehte er sich nicht einmal um. Wahrscheinlich konnte er mich nicht mehr hören.</p>



<p>Also war ich auf mich allein gestellt. Zum Glück stand mein Auto direkt am Anleger und ich war nach nur wenigen Schritten da.</p>



<p>Bevor ich jedoch einstieg, warf ich einen flüchtigen Blick zum Boot zurück. Ich weiß nicht wie, aber Hiroshi hatte es ebenfalls an Land geschafft. Die Ningyo lag schlaff in ihrem Netz, während er sie hinter sich herzog. Aber er war verdammt langsam.</p>



<p>„Ich wusste nicht, dass sie so groß werden“, schoss mir seine Stimme in den Kopf.</p>



<p>Anscheinend hatte er sich selbst überschätzt. Das geschah ihm recht. Ich würde ihm jedenfalls nicht helfen.</p>



<p>&#8212;</p>



<p>Auf meinem Nachhauseweg setzte schließlich der Regen ein. Er war so heftig, dass ich unter normalen Umständen angehalten hätte, aber ich durfte keine Zeit verlieren.</p>



<p>Klitschnass kam ich bei meiner Wohnung an. Mr. Fluff wehrte sich mit seinen Krallen, als ich seinen zierlichen Katzenkörper an mein nasses T-Shirt drückte. Ich ignorierte es. Und auch wenn ich wusste, dass es ihm ganz und gar nicht gefiel, wie eng ich ihn an mich presste, während ich nach draußen in den Regen lief, ließ ich nicht zu, dass er sich befreite.</p>



<p>Er wandte sich in meinem Griff, schlug mir sogar seine Zähne ins Fleisch, aber ich hielt ihn ganz fest, bis die Autotür hinter uns geschlossen war. Fast sofort zog er sich beleidigt auf die Rücksitzbank zurück.</p>



<p>„Tut mir leid, kleiner Prinz“, entschuldigte ich mich bei ihm. Aber der Regen prasselte so laut auf das Autodach, dass ich meine eigene Stimme nicht hören konnte. Trotzdem war ich mir sicher, dass er mir eines Tages verzeihen würde – auch wenn er nicht wusste, was ich gerade für ihn getan hatte. Schließlich startete ich meinen Motor.</p>



<p>Von der Katastrophe, die diese Nacht meine Heimatstadt verwüstete und unzählige Menschen das Leben gekostet hatte, hörte ich erst am nächsten Tag im Radio.</p>



<p>Naoto – so erfuhr ich einige Jahre später, als ich ihn zufällig im Supermarkt traf – hatte seine Familie retten können. Genau wie ich hatte er seine Wohnung verloren, aber das hatte uns beide nicht aufgehalten.</p>



<p>Was hingegen Hiroshi anging, habe ich keine Ahnung, was aus ihm geworden ist. Vielleicht hat er es ja tatsächlich geschafft, unsterblich zu werden. Aber wenn ich ehrlich bin, hoffe ich insgeheim, dass er es nie lebend aus der Stadt geschafft hat.</p>



<p><b>Bleibt auf dem Neusten Stand und folgt mir auf:</b></p>
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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p>Die Ningyo (japanisch für „menschlicher Fisch“ oder „Meerjungfrau“) gelten als japanische Meerjungfrauen, unterscheiden sich jedoch stark von ihren westlichen Verwandten. Sie zählen zu den <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/yokai" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Yōkai</a>.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p>Bei dem Wort Meerjungfrau denken die meisten von euch sicherlich sofort an eine Frau mit einem Fischschwanz statt Beinen. Doch obwohl diese Variante in den neueren Geschichten über Ningyo durchaus vertreten sein kann, sahen die Ningyo in den ursprünglichen Legenden völlig anders aus.</p>



<p>Ningyo sind generell mehr Fisch als Mensch und werden fast immer als hässlich beschrieben.</p>



<p>In den meisten Legenden handelt es sich um einen großen Fisch mit einem menschlichen Kopf – meist dem einer Frau – oder einem menschlichen Gesicht. Ihre Zähne sollen fischähnlich, klein und scharf sein. Außerdem haben sie manchmal Hörner auf dem Kopf.</p>



<p>Auch gibt es Erzählungen, in denen die Ningyo den Oberkörper eines Affen und den Unterkörper eines Fisches haben. Diese Beschreibungen sind aber wahrscheinlich den gefälschten Ningyo-Mumien zu verschulden, die sich im 19. Jahrhundert verbreitet haben. Für ihre Herstellung wurde häufig der Oberkörper eines Affen verwendet.</p>



<p>Was die Größe der Ningyo angeht, habe ich verschiedenste Angaben gelesen. Sie reichten dabei von Kleinkindgröße bis zu einer Länge von 3 Metern.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p>Die wohl bekannteste Eigenschaft der Ningyo ist ihr Fleisch. Es soll nicht nur sehr gut schmecken, sondern jedem, der es isst, auch ein übernatürlich langes Leben – manche reden sogar von Unsterblichkeit und ewiger Jugend – bescheren.</p>



<p>In Yao Bikuni, einer der bekanntesten Ningyo-Legenden, isst ein junges Mädchen das Fleisch einer Ningyo. Anfangs scheint noch alles normal zu sein, aber als sie erwachsen wird, hört sie plötzlich auf zu altern. Sie lebt ein langes Leben und stirbt erst im Alter von etwa 800 Jahren.</p>



<p>Aber während einige die Ningyo wegen dieser Eigenschaft verehren und versuchen, sie zu fangen, werden sie von anderen Fischern gefürchtet. Jeder Mensch, so heißt es, der eine Ningyo fängt und nicht zurückwirft oder eine Ningyo tötet, soll nämlich von einem fürchterlichen Fluch getroffen werden. Ganze Dörfer sollen schon durch plötzlich aufkommende Unwetter überflutet worden sein, nachdem einer der Bewohner eine Ningyo gefangen und mit nach Hause genommen hat.</p>



<p>Und auch, wenn man die Ningyo nicht selbst tötet, sondern nur ihre Leiche am Strand findet, soll das Unglück bringen. So kann eine Ningyo-Leiche Krieg, Naturkatastrophen oder ein ähnliches Unheil ankündigen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p>Ningyo leben, wenn man der Verbreitung der Legenden nach urteilt, ausschließlich im Japanischen Meer und dem Pazifischen Ozean. Aber auch, dass sie Flüsse hinaufschwimmen, kann nicht ausgeschlossen werden.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p>Die Legende der Ningyo ist eine uralte Legende. Bereits im Nihonshoki, dem zweitältesten Buch der japanischen Geschichte, das im Jahr 720 fertiggestellt wurde, finden sich erste Erwähnungen des Wesens – auch wenn es damals noch nicht „Ningyo“ genannt wurde.</p>



<p>Die erste schriftliche Erwähnung ihres Namens ließ sich erst in dem japanisch-chinesischen Wörterbuch Wamyō Ruijūshō (erschienen im Jahr 937) finden.</p>



<p>Im 19. Jahrhundert tauchten plötzlich unzählige Ningyo-Mumien auf – es waren natürlich Fälschungen –, die der Ningyo zu einer weltweiten Bekanntheit verhalfen. Sie wurden damals sogar unter anderem in europäischen Museen ausgestellt. Und auch heute noch lassen sich in einigen Tempeln und Museen die angeblich mumifizierten Überreste von Ningyo finden.</p>



<p><em>Was haltet ihr von den Ningyo? Würdet ihr ihr Fleisch essen wollen? Empfindet ihr ewige Jugend eher als Segen oder als Fluch? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>



<p><em>Wenn ihr mehr solche Geschichten oder Legenden lesen wollt, abonniert auch gerne meinen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/newsletter" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Newsletter</a>, oder folgt mir auf <a href="https://twitter.com/geisterlegenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/geisterlegenden/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Facebook</a> oder <a href="https://www.instagram.com/geisterlegenden/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Instagram</a>!</em></p>
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		<title>El Silbón – Ein Pfeifen in der Nacht</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 29 Aug 2022 13:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Flüche]]></category>
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		<category><![CDATA[Monster und Ungeheuer]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>„El was?“, fragte ein anderer.<br />
Anscheinend waren seine Freunde nicht von hier. Jedenfalls war das genau die Frage, auf die er gewartet hatte. „El Silbón ist ein Wesen, das ganz hier in der Nähe leben soll. Früher war es mal ein Mensch, aber das ist schon lange her ...“</p>
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<p>Wie bereits angekündigt, ist El Silbón mein erster Beitrag nach meiner Sommerpause. Er ist ein <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wesen</a> aus Venezuela und Kolumbien, das hauptsächlich für das Pfeifen bekannt ist, das es von sich gibt, wenn es jagt.</p>



<p>Und damit willkommen zurück an alle alten Leser und ein herzliches Willkommen an alle neuen! Es freut mich, dass ihr meine Geschichten lest!</p>



<p>Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen (Achtung Spoiler!) </strong></summary>
<p>&#8211; Sucht: Alkohol<br>
&#8211; Erwähnung von Gewalt gegen ein Kind<br>
&#8211; Krankheit: Demenz<br>
&#8211; Tod</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p>Schwüle, drückende Hitze lag in der Luft. Obwohl ich mich kaum bewegte, lief Schweiß meinen Körper hinab. Meine Haare und mein Bart fühlten sich nass an, mein T-Shirt klebte an mir, als wolle es mich festhalten, während ich auf das kühle, verlockende Bier vor mir starrte. Ein Tropfen Kondenswasser lief an dem kalten Glas runter wie in einer x-beliebigen Getränkewerbung, als wolle das Bier mir sagen: „Trink mich!“ Dabei war die Verlockung ohnehin schon viel zu groß.</p>



<p>Trotzdem saß ich einfach nur da und starrte die kalte Versuchung an. Immer wieder wanderte mein Blick dabei zu der Münze, die neben dem Glas auf dem Tisch lag. ‚<em>To Thine Own Self Be True</em>‘ stand darauf – zu deiner selbst sei treu. Direkt darunter prangte eine römische Eins. Es war eine internationale Münze der Anonymen Alkoholiker und der Lohn dafür, dass ich seit einem Jahr trocken war. Und trotzdem saß ich jetzt hier und starrte seit fünf Minuten ein kühles Bier an.</p>



<p>Ich seufzte schwer. Bis letzte Woche hatte ich keinerlei Verlangen mehr nach Alkohol verspürt. Ich war trocken, auf dem richtigen Weg. Doch das alles änderte sich, als meine Mutter am Freitagabend zu mir ins Wohnzimmer kam und hysterisch zu kreischen begann, was ich, ein fremder Mann, in ihrer Wohnung machen würde. Ich konnte sie gerade noch davon abhalten, die Polizei zu rufen. Aber auch nur, weil sie mich missverstanden hatte, und dachte, dass ich ein Freund ihres Sohnes sei. Dass ich selbst ihr Sohn bin, hatte sie nicht erkannt. Dabei war es ihr die letzten Monate doch wieder so viel besser gegangen &#8230;</p>



<p>„Ist mit dem Bier alles in Ordnung?“, riss mich eine Stimme aus meinen Gedanken. Es war die Kellnerin. Ein junges Ding, höchstens 25. Sie hatte meine AA Münze zwar gesehen, wusste aber entweder nicht, was das ist, oder hat sie ignoriert. Hätte sich jemand in meiner Stammkneipe mit einer AA Marke auf dem Tisch ein Bier bestellt, hätte Miguel ihm ein großes Wasser gebracht und sich zu ihm gesetzt, um mit ihm zu reden. „Ernesto“, hätte er zu mir gesagt, „Du willst das doch gar nicht. Was ist los?“ Trotzdem gab das Mädchen sich alle Mühe. Auch wenn ich ihre Unsicherheit bis hierhin spürte.</p>



<p>„Nein. Nein, alles gut“, sagte ich schnell. Zum Beweis nahm ich das Bier in die Hand, führte es an die Lippen und nahm einen kräftigen Schluck.</p>



<p>Genüsslich schloss ich die Augen. Ich spürte, wie sich zusammen mit der Kälte ein angenehmes Prickeln auf meiner Zunge ausbreitete. Dann füllte das herbe, leicht bittere Aroma meinen Mund. Wie sehr ich diesen Geschmack vermisst hatte &#8230; Als ich es schließlich herunterschluckte, hatte ich sogar das Gefühl, als würde sich eine wohlige Wärme, ganz anders als die schwüle Hitze, in meiner Brust ausbreiten.</p>



<p>Doch so schnell, wie sie gekommen war, verschwand die Wärme auch wieder. Sie wurde von Gewissensbissen abgelöst. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Ich hatte zum ersten Mal seit über einem Jahr Alkohol getrunken. Meine AA Marke hatte ich nicht mehr verdient. Aber anstatt aufzuhören, versuchte ich diese Erkenntnis in einem weiteren Schluck Bier zu ertränken. Und in noch einem. Und noch einem. Nach wenigen Sekunden war das Glas halb leer.</p>



<p>Plötzlich ertönte ein Knall. Jemand hatte die Eingangstür so schwungvoll aufgeschlagen, dass der Türgriff geräuschvoll gegen den Gummistopper an der Wand geknallt war.</p>



<p>„&#8230; und dann hab ich sie flachgelegt. Mann hatte die geile Titten!“, waren die ersten Worte, die ich hörte.</p>



<p>Die Stimme gehörte zu einem jungen Mann mit protziger weißer Jacke und einem hautengen schwarzen T-Shirt. Das und das eingebildete Grinsen auf seinem Gesicht verrieten mir sofort alles, was ich über ihn wissen musste: Er hatte Geld – oder tat zumindest so – und fühlte sich, als würde die ganze Welt ihm gehören.</p>



<p>„Genau wie Dalia hier“, fuhr er fort und nickte der Kellnerin zu. „Die hat auch geile Titten.“</p>



<p>Die drei Freunde, die ihm in die Bar gefolgt waren, starrten der Kellnerin ungeniert auf selbige und grinsten breit.</p>



<p>Dalia, wie sie wohl hieß, gefror bei dieser Bemerkung in ihrer Bewegung und hielt ihren Blick eine Sekunde lang starr auf das Glas in ihren Händen gerichtet. Sie versuchte, es sofort zu kaschieren, indem sie das Glas weiter abtrocknete, aber ich hatte deutlich bemerkt, wie eingeschüchtert sie war.</p>



<p>Angewidert verzog ich das Gesicht und machte mich bereits dazu bereit, einzugreifen, als die Gruppe sich an einem der Tische niederließ. Sie beachteten Dalia nicht weiter, außer dass sie eine Runde Schnaps bestellten. Stattdessen ging der Typ mit der weißen Jacke, die er trotz der Hitze selbst an seinem Platz nicht auszog, wieder zum Prahlen über. Er erzählte von seinem gut bezahlten Job und prahlte mit dem teuren Auto, das er sich bald holen wolle. Seine Freunde klebten nahezu an seine Lippen.</p>



<p>Ich versuchte, seine lautstarken Angebereien so gut es geht zu überhören. Daher weiß ich auch nicht, wie es zu dem Themenwechsel kam, aber als ich gerade mein drittes Bier bestellte, ließ mich ein Name aufhorchen, den der Typ erwähnte.</p>



<p>„Pass lieber auf, dass du nicht zu viel trinkst, sonst holt dich El Silbón!“, sagte er zu einem seiner Freunde. Diesmal war sein Grinsen nicht belustigt oder angeberisch, sondern hinterhältig.</p>



<p>Ich konnte nur vermuten, dass sein Freund Angst vor Horrorgeschichten hatte. Ich kannte Typen wie ihn. Er fühlte sich bestimmt supertoll, während er ihn einschüchterte.</p>



<p>„El was?“, fragte ein anderer.</p>



<p>Anscheinend waren seine Freunde nicht von hier. Jedenfalls war das genau die Frage, auf die er gewartet hatte. „El Silbón ist ein Wesen, das ganz hier in der Nähe leben soll. Früher war es mal ein Mensch, aber das ist schon lange her.“</p>



<p>„Ach komm schon, Cesar. Du weißt, dass ich solche Geschichten nicht mag“, beschwerte sich der Mann, dem er die Geschichte widmete. Ich hatte also recht.</p>



<p>Cesar hingegen beachtete ihn gar nicht. Er fuhr einfach fort. „Es heißt, er war früher der Sohn eines Farmers gewesen, der hier ganz in der Nähe gewohnt hat. Ein verzogener Rotzbengel, dem die Eltern den Arsch abgewischt haben. Sie haben ihm alles erlaubt und alles für ihn getan. Aber eines Tages, als der Junge Fleisch essen wollte, konnte sein Vater trotz stundenlanger Suche kein Reh zum Jagen finden. Also hat der Junge kurzerhand seinen Vater ermordet, aufgeschlitzt und seiner Mutter die Innereien gebracht, damit sie daraus etwas kochen konnte.“</p>



<p>Ein allgemeiner Ausruf des Ekels ging durch die kleine Gruppe. Und auch die Kellnerin warf Cesar einen mahnenden Blick zu. Das war nun wirklich kein Gesprächsthema für eine Bar!</p>



<p>Aber wie auch schon vorher, ignorierte Cesar die Leute um sich herum und fuhr unbeirrt fort: „Die Mutter des Jungen war zwar weichgespült, aber keinesfalls dumm. Sie merkte schnell, dass etwas nicht stimmte. Also stellte sie ihn zur Rede, bis er zugab, dass es die Innereien seines Vaters waren. Sie war ’ne Frau, also hat sie das getan, was Frauen in solchen Situationen so machen: Bestimmt hat sie rumgeflennt und was weiß ich.“</p>



<p>Ich schnaufte verärgert. Der Typ war echt ein Ekel.</p>



<p>„Der Großvater, der Vater des toten Vaters, war da weniger zimperlich“, erzählte er weiter. „Er hat sich den Jungen geschnappt, ihn ausgepeitscht, Chilipulver in die blutigen Wunden gerieben und tollwütige Hunde auf ihn losgelassen, damit sie ihn bei lebendigem Leibe zerfetzen. Es heißt, dass der Junge in den Wald geflohen ist, und nie wieder gesehen wurde.</p>



<p>Aber seit jenem Tag lauert nachts etwas draußen auf den Straßen. Was auch immer mit dem Jungen passiert ist, es hat ihn zu einer Kreatur verzerrt, die wir unter dem Namen El Silbón kennen. Drei Meter groß mit spindeldürren Gliedmaßen. Er trägt die Kleidung, die Farmer früher getragen haben, lumpig mit einem großen Hut. Und während er durch die Nacht wandert, bereit, jeden zu töten, der ihm über den Weg läuft, trägt er einen großen Sack mit den Knochen seiner Opfer über den Rücken geworfen und pfeift unablässig diese Melodie &#8230;“</p>



<p>Cesar begann, sie zu pfeifen. Ton für Ton die Tonleiter hinauf.</p>



<p>„Aber das ist noch nicht alles. El Silbón ist hinterlistig. Er wird mit seinem Pfeifen immer leiser, je näher du ihm kommst. Du glaubst, du rennst vor ihm weg, aber in Wirklichkeit läufst du ihm direkt in die Arme. Und dann &#8230;“, er knallte seine Faust auf den Tisch, dass die Gläser klimperten, „ist es für dich zu spät. Und es heißt, dass er es hauptsächlich auf Trunkenbolde abgesehen hat. Also pass lieber auf Joel, sonst holt El Silbón heute Nacht dich!“ Cesar zeigte mit seinem Finger auf seinen Freund.</p>



<p>Dieser schluckte schwer und sah ihn mit großen Augen an. Man konnte dem Jungen ansehen, dass er Angst hatte. Und so sehr ich mich auch über das Benehmen der kleinen Gruppe ärgerte, konnte ich eine Sache überhaupt nicht ab: wenn angebliche Freunde einem in den Rücken fielen. Das war kein harmloser Streich. Er wollte Joel Todesangst machen.</p>



<p>„Ach, bleib mir weg mit solchen Geschichten!“, sagte ich laut quer durch den Raum.</p>



<p>Es erzielte den gewünschten Effekt. Cesar ließ von dem Jungen ab. Aber eine Sache hatte ich nicht bedacht: dass ich seine Aufmerksamkeit damit unweigerlich auf mich lenkte.</p>



<p>Er sah erst verwirrt zu mir rüber, als könne er nicht fassen, dass jemand die Stimme gegen ihn erhob. Dann stand er auf, zog seine weiße Jacke zurecht und kam, gefolgt von seinen Freunden, mit einem breitbeinigen Gang auf mich zu. Er reckte dabei seine Schultern möglichst weit nach außen, um größer zu wirken, aber in meinen Augen sah es einfach nur lächerlich aus.</p>



<p>„Was hast du gesagt, Opi?“, fragte er, als er vor mir stand.</p>



<p>Weil ich saß, musste ich zu ihm aufsehen. Doch bevor ich etwas erwidern konnte, fiel sein Blick auf etwas auf dem Tisch. Blitzschnell griff er danach und musterte meine AA Marke. Sein darauf folgender kritischer Blick galt meinem Bier.</p>



<p>„Ist die Plörre alkoholfrei? Oder bist du deswegen so schlecht auf El Silbón zu sprechen?“, fragte er, während er die Münze demonstrativ seinen Freunden hinhielt.</p>



<p>Ich hielt seinem Blick stand, antwortete aber nichts. Trotzdem musste irgendetwas in meinen Augen mich verraten haben.</p>



<p>„Ahhh. Verstehe“, sagte er und lachte dreckig. Dann hielt er die Marke seinen Freunden hin. „Das hier ist eine Münze von den Anonymen Alkoholikern. Und wenn mich nicht alles täuscht, bedeutet diese Eins, dass er seit einem Jahr trocken ist.“</p>



<p>Als Nächstes griff er nach meinem Bier. Ich hatte keine Lust, die Situation noch weiter zu verschärfen, also ließ ich es geschehen.</p>



<p>Demonstrativ hielt er es hoch. „Sieht das für euch aus, als wäre er trocken?“, fragte er seine Freunde.</p>



<p>Sie alle verneinten, der eine mehr, der andere weniger enthusiastisch, aber das schien Cesar nicht zu stören.</p>



<p>Doch dann tat er etwas, das ich niemals vorausgesehen hätte. Er stellte das Bier zurück auf den Tisch und sagte an Dalia gewandt: „Noch ein Bier für unseren Freund hier. Ein großes.“</p>



<p>Ein Jubeln brach in der kleinen Gruppe aus. Es war ein spöttisches Gebrüll. Aber während seine Freunde seine Aktion noch feierten, stützte er sich plötzlich mit beiden Händen auf den Tisch und beugte sich zu mir vor. „Pass lieber auf“, sagte er leise. So leise, dass ich nicht sicher war, ob die anderen ihn überhaupt verstanden. „Sonst kommt El Silbón dich holen.“</p>



<p>Stille erfüllte die Bar. Cesars Freunde, die eben noch so laut gebrüllt hatten, sagten keinen Mucks mehr – wahrscheinlich weil sie angestrengt lauschten. Es kam mir fast vor, als hätte Cesar die Zeit angehalten. Ich schluckte schwer.</p>



<p>Dann brach er in schallendes Gelächter aus. Es war dreckig und hässlich, wie seine ganze Art. Seine Freunde stimmten sofort mit ein. Jetzt wurde es mir zu blöd. Noch während seine Freunde ihm auf den Rücken klopften, als wollten sie ihm für seinen großartigen Scherz gratulieren, hievte ich mich hoch. Ich war so durchgeschwitzt, dass der Stoff meiner Hose und meines T-Shirts an dem Barstuhl klebte und sich nur mit einem schmatzenden Geräusch löste.</p>



<p>Ich drängelte mich an den jungen Männern vorbei. Beim Bartresen angekommen, legte ich Dalia ihr Geld inklusive eines saftigen Trinkgeldes auf den Tisch. Sie warf mir einen entschuldigenden Blick zu. Dabei fühlte ich mich, als hätte viel eher ich mich bei ihr entschuldigen müssen, dafür, dass ich sie mit diesen Männern allein ließ. Ich konnte einfach gehen, aber sie musste mit Pech die ganze Nacht mit diesen Saftsäcken aushalten.</p>



<p>Sie feierten einander, als ich mich der Tür näherten, fühlten sich wohl toll, weil sie mir den Abend versaut hatten. Zu ihrem Pech hatte ich das allerdings schon lange selbst geschafft, in genau dem Moment, als ich das erste Bier bestellt hatte. Auch ärgerte ich mich darüber, dass ich den Alkohol schon deutlich spürte, obwohl ich gerade mal zweieinhalb Bier getrunken hatte – und dass mir der leichte Rausch gefiel.</p>



<p>Als ich die Tür öffnete, hörte ich Cesar noch rufen: „El Silbón schlitzt Alkis wie dich auf, genau wie er es damals bei seinem lieben Papi gemacht hat!“</p>



<p>Dann war ich endlich an der frischen Luft. Aber wenn ich darauf hoffte, dass die kühle Nachtluft meinem Kreislauf half, hatte ich mich geschnitten. Hier draußen war es genauso schwül und drückend wie in der Bar. Es gab nicht einmal eine laue Brise.</p>



<p>Ich machte mich sofort auf den Heimweg. Mamá saß um diese Uhrzeit wahrscheinlich vorm Fernseher und sah eine Telenovela. Trotzdem bekam ich Gewissensbisse, dass ich sie so lange allein gelassen hatte.</p>



<p>So setzte ich Fuß vor Fuß, als auf einmal ein Pfeifen meine Ohren erreichte. Das Geräusch trieb mir einen Schauer über den Rücken. Die warme Luft kam mir plötzlich unglaublich kalt vor. Dabei glaubte ich nicht an El Silbón. Und trotzdem war da jetzt dieses Geräusch, das mit jedem Pfiff die Tonleiter erklomm. Genau wie in den Legenden.</p>



<p>Unruhig sah ich mich um. Ich spähte in die schmale Gasse, die in der Wand aus Häusern zu meiner Linken war, dann die Straße entlang und schließlich auf die andere Straßenseite. Dort stand ein Zaun, hinter dem man einige Bäume erkennen konnte, aber für mehr reichte das Licht nicht aus. Trotzdem, wenn hier draußen wirklich etwas war, war es vielleicht noch weit genug weg, sodass ich es zurück in die Bar schaffen würde. Ich müsste es nur um die Ecke schaffen und &#8230;</p>



<p>Das Pfeifen brach plötzlich ab und wich lautem Gelächter. Ich erkannte es sofort wieder &#8230; Cesar und seine kleine Truppe.</p>



<p>„Ihr seid weder besonders lustig noch originell!“, rief ich in die Richtung, aus der die Stimmen kamen.</p>



<p>Noch mehr Gelächter.</p>



<p>Ich überlegte, ob ich sie ignorieren und weitergehen sollte, aber so leicht wollte ich mich nicht geschlagen geben. „Und wisst ihr was?“, brüllte ich. „Wenn jemand Angst vor El Silbón haben muss, dann ihr! Noch mehr als Trinker hasst er nämlich Männer, die Frauen schlecht behandeln!“</p>



<p>Das stimmte so nicht ganz – soweit ich wusste, hasste El Silbón sie gleichdoll –, aber es erzielte seinen gewünschten Effekt. Eine der vier Stimmen brach abrupt ab. Ich tippte auf Joel, oder wie er hieß.</p>



<p>Kurz darauf verstummten auch die anderen und es entstand eine leise Diskussion, bei der ich nicht viel mehr als das Wort „Feigling“ verstand. Trotzdem ging ich mit einem zufriedenen Grinsen weiter. Wenn ich dafür gesorgt hatte, dass auch nur einer der Typen Dalia heute Abend respektvoll behandelte, war das zumindest ein kleiner Erfolg.</p>



<p>Anschließend geschah bis auf das entfernte Gebell eines Hundes, das gelegentliche Zirpen von Insekten und dem Knirschen meiner Schuhe auf dem Bürgersteig eine ganze Weile nichts mehr, sodass ich bald wieder in Gedanken über Mamá verfiel. Würde sie mich erkennen, wenn ich gleich zu Hause war? Was sollte ich sagen, wenn sie es nicht tat?</p>



<p>Plötzlich zerschnitt wieder ein Pfeifen die Luft. ‚C D E F G A H C‘, pfiff es die Tonleiter hinauf.</p>



<p>Irritiert blieb ich stehen und drehte mich um. Ich konnte niemanden erkennen, aber das war mir egal. Eine plötzliche Wut stieg in mir auf. Konnten sie mich nicht einfach in Ruhe lassen?!</p>



<p>„Es ist ja schön und gut, dass ihr einen lustigen Abend habt!“, schrie ich aus voller Lunge. „Aber langsam ist es echt nicht mehr witzig! Es ist mir egal, ob eure Eltern euch nicht geliebt haben oder ob ihr als Kind zu heiß gebadet wurdet. Wenn ihr mich weiter verfolgt, rufe ich die Polizei!“</p>



<p>Normalerweise hätte ich gedacht, dass solch eine Drohung ins Schwarze treffen würde. Aber sie beachteten mich gar nicht. Das Pfeifen ging fröhlich weiter.</p>



<p>Ich schnaubte verächtlich. Aber was blieb mir anderes übrig, als weiterzugehen? Immerhin konnte ich nicht wirklich die Polizei rufen, nur weil jemand am Pfeifen war.</p>



<p>Wenigstens verfolgten sie mich nicht weiter. Mit jedem schnellen Schritt, den ich tat, wurde das Pfeifen leiser und leiser. Ich bog in eine Straße, die nur sehr unregelmäßig von Straßenlaternen beleuchtet war. Jetzt war ich fast zuhause. Hier hatte ich einen Heimvorteil. Ich kannte diese Straßen wie die Böden der Gläser in meiner Stammkneipe. Selbst, wenn die Gruppe mich noch verfolgen würde, könnte ich sie hier problemlos abschütteln.</p>



<p>Also ging ich unbeirrt weiter, setzte so schnell, dass ich mich in meinem etwas unsicheren Gang noch sicher fühlte, einen Fuß vor den anderen. Das Pfeifen war inzwischen kaum noch zu hören.</p>



<p>Dann sah ich jedoch eine Bewegung vor mir und blieb so abrupt stehen, als wäre ich gegen eine Wand gelaufen. Da war ein Schatten, mitten auf der Straße, genau zwischen den Straßenlaternen, sodass ich ihn nur erkennen konnte, weil ich das Licht hinter ihm nicht sah. Und er bewegte sich. Zuerst dachte ich noch, es wäre irgendein Tier, aber als er sich langsam aufrichtete, sah ich, dass er zu groß für ein Tier war. Zu groß für einen Menschen.</p>



<p>Verwirrt taumelte ich zurück, während er mit großen Schritten auf mich zukam. Jetzt hatte er die Straßenlaterne zwischen uns erreicht. Zwar konnte ich sein Gesicht nicht erkennen – sein breiter Hut warf zu tiefe Schatten –, aber die lumpige Kleidung, die dürren Arme und Beine, der große Sack auf seinem Rücken und die schiere Größe der Kreatur ließen keine Zweifel offen: Es war El Silbón. Leise, sodass ich sie kaum noch hören konnte, pfiff er seine Melodie des Todes.</p>



<p>Ehe ich wusste, was ich tat, war ich auf die Knie gefallen. Tränen liefen meine Wangen hinab. „Bitte. Bitte, ich wollte das nicht“, flehte ich. „Ich wollte nicht trinken. Aber ich habe keinen anderen Ausweg mehr gesehen. Es geht meiner Mamá nicht gut. Ich bin doch der Einzige, der sich um sie kümmert!“</p>



<p>Aber El Silbón ließ nicht mit sich reden. Er kam weiter auf mich zu. Als er mich fast erreicht hatte, schloss ich die Augen und betete. Auch wenn ich wusste, dass es nichts bringen würde, flehte ich Gott und Jesus an, dass sie mir helfen mögen, dass El Silbón mich verschonen möge.</p>



<p>Zu meinem leisen Schluchzen gesellte sich nun das Gebell eines entfernten Hundes. Ich wusste nicht, ob es derselbe Hund war, den ich auch vorhin gehört hatte, aber ich war mir sicher, dass es eines der letzten Geräusche sein würde, das ich hörte. Inzwischen hatte El Silbón mit seinem Pfeifen aufgehört. Jeden Moment würde er mich mit irgendetwas niederschlagen. Er würde mich aufschlitzen oder mir die Gliedmaßen ausreißen.</p>



<p>Während ich am Boden kauerte und mir die schlimmsten Dinge ausmalte, geschah &#8230; nichts. Erst dachte ich, die Sekunden würden sich bloß ewig anfühlen, El Silbóns große, dürre Hand würde mich jeden Moment packen, aber als ich schließlich aufsah, war die Straße leer.</p>



<p>Verwirrt drehte ich mich um, ließ mich auf mein Gesäß fallen und starrte in die andere Richtung. Nichts. Da waren Straßenlaternen, die sandigen Gehwege, die schmutzige, schmale Straße und einige wenige Häuser. Aber ein großer, menschlicher Schatten war nirgends zu sehen.</p>



<p>&#8212;</p>



<p>Meine Begegnung mit El Silbón ist inzwischen fast fünf Jahre her. Trotzdem hat sie mich nie wirklich losgelassen und es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht daran denke. Was hat mich damals gerettet? Hatte er mir eine zweite Chance gewährt? War es vielleicht Gottes Werk? Oder war es das Hundegebell, vor dem El Silbón angeblich solche Angst haben soll, weil sein Großvater damals seine Hunde auf ihn gehetzt hat?</p>



<p>Was es auch war, ich hatte mir an jenem Abend geschworen, nie wieder auch nur einen Tropfen Alkohol zu trinken. Einen Schwur, an den ich mich bis heute gehalten habe.</p>



<p><b>Bleibt auf dem Neusten Stand und folgt mir auf:</b></p>
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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p>El Silbón (spanisch für „Der Pfeifer“) ist eine venezolanische und kolumbianische <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">urbane Legende</a>. Sie handelt von einem Wesen, dessen Pfeifen nachts den Tod ankündigt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Entstehung:</h3>



<p>Der Legende nach war El Silbón früher einmal ein Mensch. Wie bei den meisten Legenden unterscheidet sich seine Hintergrundgeschichte oft von Erzählung zu Erzählung, generell lässt sie sich aber fast immer in eine von zwei unterschiedlichen Varianten einordnen.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Variante 1:</h4>



<p>In der einen Variante war El Silbón früher ein Farmer, der zusammen mit seiner geliebten Frau, seinem Vater und seinem Großvater – in einigen Erzählungen auch seinem Schwiegervater und dessen Vater – in einem Haus gelebt hat.</p>



<p>Als er eines Tages ins Haus zurückkam, bekam er mit, wie sein Vater seine Frau entweder schlug oder als Hure beleidigte. In manchen Versionen fand er sogar ihre Leiche, nachdem sein Vater sie ermordet hatte.</p>



<p>Daraufhin entbrannte ein heftiger Streit, bei dem er seinen Vater schließlich umbrachte. Sein Großvater bekam es mit und entschied daraufhin voller Wut und Trauer, seinen Enkel zu bestrafen. Er fesselte ihn an einen Pfahl oder Baum und peitschte ihn aus, bis er unzählige tiefe und blutige Wunden im Rücken hatte. Anschließend rieb er Chilipulver – in einigen Erzählungen auch Salz oder Alkohol – in die Wunden, löste die Fesseln wieder und ließ einen oder mehrere aggressive Hunde auf den Mann los.</p>



<p>Während die Tiere ihn in den Wald jagten, rief der Großvater ihm nach, dass er ihn <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/flueche" target="_blank" rel="noreferrer noopener">verfluche</a>. Er solle niemals seine Ruhe finden.</p>



<p>Das war das letzte Mal, dass jemand den Mann gesehen haben soll. Seit jenem Tag soll El Silbón durch das Land ziehen.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Variante 2:</h4>



<p>In der anderen Variante war El Silbón kein erwachsener Mann, sondern ein verwöhnter Junge. Seine Eltern konnten ihm nie etwas abschlagen und ließen ihm alles durchgehen. Daher wurde er schnell zu einem verzogenen, undankbaren Kind.</p>



<p>Eines Tages soll der Junge seinen Vater aufgefordert haben, für ihn ein Reh zu jagen, da er Appetit auf Eingeweide habe. Der Vater kam der Bitte seines Sohnes natürlich sofort nach und begab sich auf die Jagd. Aber selbst nach stundenlanger Suche konnte er kein Reh finden. Schließlich kehrte er mit leeren Händen nach Hause zurück.</p>



<p>Der Sohn, der es nicht gewohnt war, seinen Willen nicht zu bekommen, geriet daraufhin so in Rage, dass er seinen Vater kurzerhand mit dem Jagdmesser niederstach. Als er tot vor ihm lag, zeigte der Junge jedoch keinerlei Reue. Ganz im Gegenteil: Es heißt, dass er seinen Vater ausgeweidet haben soll. Anschließend brachte er die Eingeweide zu seiner Mutter, damit sie sie zubereiten konnte.</p>



<p>Seine Mutter merkte jedoch schnell, dass etwas nicht stimmte. Sie stellte ihn zur Rede, woraufhin er zugab, dass es die Innereien seines Vaters sind. Sie war natürlich völlig entsetzt, wusste nicht, wie sie reagieren soll. Sein Großvater jedoch – der Vater seines Vaters –, der mitbekommen hatte, was geschehen war, war rasend vor Wut.</p>



<p>Ab hier sind die beiden Varianten identisch: Er peitschte seinen Enkel aus, rieb ihm Chilipulver in die Wunden, ließ Hunde auf ihn los und trieb ihn in den Wald, während er ihn verfluchte.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p>Nicht viele Leute sollen eine Begegnung mit El Silbón überlebt haben. Die wenigen, die davon berichten konnten, beschreiben sein Aussehen aber alle ähnlich:</p>



<p>Er sieht aus, wie ein dünner, sehr großer Mann. Die Beschreibungen reichen von einem großgewachsenen Mann bis hin zu Erzählungen, dass er 3 bis 6 Meter groß sei.</p>



<p>Besonders auffällig sind außerdem sein breitkrempiger Hut, wie ihn Farmer in der Region früher oft getragen haben, und der große Sack, den er sich über den Rücken geworfen hat.</p>



<p>Seine restliche Kleidung wird als typische Farmerkleidung des letzten oder vorletzten Jahrhunderts beschrieben und soll laut einigen Erzählungen stark abgenutzt oder lumpig aussehen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p>Wie der Name schon sagt, ist El Silbón unter anderem für sein Pfeifen bekannt. Mit scharfen Tönen soll er wieder und wieder die Tonleiter (C D E F G A H C) pfeifen, während er nachts durch die Gegend zieht, um sein nächstes Opfer zu suchen. Besonders aktiv soll er während der Regenzeit sein, die ihren Höhepunkt im Juli und August hat.</p>



<p>Hauptsächlich abgesehen hat er es auf Trunkenbolde, Frauenhelden oder Männer, die ihre Frauen schlecht behandeln oder ihrer Partnerin fremdgehen. Aber auch jede andere Person kann zu seinem Opfer werden, wenn sie zur falschen Zeit am falschen Ort ist.</p>



<p>Sein Pfeifen kündigt ihn jedoch nicht nur an, er nutzt es auch zur Jagd. Wie auch einige Wesen aus anderen Legenden – z. B. die <a href="https://www.geister-und-legenden.de/manananggal" target="_blank" rel="noreferrer noopener">philippinischen Tikwi</a> – täuscht auch er seine Opfer mit der Lautstärke. Wenn sein Pfeifen sehr laut klingt, als wäre er ganz in der Nähe, ist El Silbón in Wirklichkeit noch weit entfernt. Je näher man ihm jedoch kommt, desto leiser wird sein Pfeifen. Man hat also das Gefühl, als würde man vor ihm wegrennen, während man in Wirklichkeit genau auf ihn zu rennt.</p>



<p>Was genau El Silbón mit seinen Opfern macht, ist hingegen umstritten. Fest steht, dass er sie umbringt. Wie genau er dabei vorgeht, weiß jedoch niemand – oder aber er hat keine feste Vorgehensweise.</p>



<p>Während er Betrunkene zu Boden wirft, um ihnen den Alkohol und das Blut durch ihren Bauchnabel aus dem Körper zu saugen, reißt er Frauenhelden oft in Stücke. Andere Leute werden erschlagen oder es ist gänzlich unbekannt, wie sie gestorben sind.</p>



<p>Worin sich die meisten jedoch einig sind, ist, dass er die Knochen seiner Opfer in den Sack auf seinem Rücken steckt. In besagtem Sack sollen übrigens auch die Überreste seines Vaters – seines ersten Opfers – liegen.</p>



<p>Wenn seine Opfer nicht auf offener Straße, sondern in ihrem Haus sind, hat er hingegen eine andere Vorgehensweise: Er kippt den Inhalt seines Beutels auf die Türschwelle, wo er laut Knochen für Knochen zählt. Schafft man es nicht, ihn zu vertreiben, oder hört ihm nicht beim Zählen zu, soll ein Familienmitglied oder ein Bewohner des Hauses bei Morgengrauen sterben, woraufhin er die Knochen seines neuen Opfers zu den anderen Knochen in seinem Beutel wirft.</p>



<p>Aber auch wenn El Silbón ein übernatürliches Wesen mit wahrscheinlich übermenschlichen Kräften ist, kann man sich gegen ihn gut verteidigen. So soll es reichen, wenn man einen Hund, Chilischoten oder eine Peitsche dabeihat – alles drei Dinge, vor denen er wegen seiner Vorgeschichte Angst hat. Auch das bloße Gebell von Hunden kann helfen, um ihn zu vertreiben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p>El Silbón wird hauptsächlich in Venezuela und Kolumbien gesichtet und gehört. Am häufigsten begegnet man ihm angeblich in den Llanos, den Feuchtsavannen Venezuelas und Kolumbiens, wo er früher gelebt haben soll.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p>Die Legende von El Silbón soll Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden sein.</p>



<p>Angeblich basiert sie auf einem realen Mordfall aus den 1850er Jahren. Ich habe in mehreren Quellen den Namen Joaquin Flores als den Namen des Mörders gefunden, jedoch weder Näheres über ihn noch den angeblichen Mord herausfinden können.</p>



<p>Ich weiß nur, dass El Silbón eine in Venezuela und Kolumbien weit verbreitete Legende ist. Es gibt viele Menschen in der Region, die ihn bereits gehört oder gesehen haben wollen. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum auch heute noch viele Menschen, die in den Llanos leben, Angst vor ihm haben.</p>



<p><em>Wie findet ihr El Silbón? Hättet ihr Angst, wenn ihr in Kolumbien oder Venezuela wärt und nachts plötzlich ein Pfeifen hört? Wie würdet ihr reagieren? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>



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		<title>Futakuchi-onna</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 11 Jan 2021 14:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Flüche]]></category>
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		<category><![CDATA[weibliche Protagonistin]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ich horchte auf. „Irgendjemand?“, fragte ich schockiert, als ich für einen Moment meine Fassung verlor. „Du denkst doch nicht ernsthaft, dass jemand bei uns einbricht, um unsere Essensreste oder unseren Reis zu stehlen!?“ Hatte er irgendetwas gemerkt ...?</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg08.met.vgwort.de/na/e5cf0e441ba84e6980dc7bfeca685bff" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p>Die Futakuchi-onna ist ein bekannter <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/yokai" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Yōkai</a> aus Japan. Verschiedenste Erzählungen über die seltsamen Frauen sind im ganzen Land verbreitet.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p>„Es ist schon wieder Essen verschwunden“, grummelte mein Verlobter Hiroto beim Frühstück.</p>



<p>„Hmm? Ja, die Ratten scheinen das Gift nicht zu fressen. Vielleicht sollten wir einen anderen Köder ausprobieren?“, schlug ich vor.</p>



<p>„<em>Noch</em> einen anderen Köder?“, fragte Hiroto. Er wirkte gereizt. „Die neuen Köder sollen sogar geruch- und geschmacklos sein. Wie sollen Ratten das Essen dann unterscheiden? Außerdem wissen wir ja noch nicht einmal, ob es Ratten sind. Ich habe jedenfalls noch keine im Haus gesehen. Und trotzdem frisst irgendetwas unsere Lebensmittel weg – oder irgendjemand.“</p>



<p>Ich horchte auf. „Irgendjemand?“, fragte ich schockiert, als ich für einen Moment meine Fassung verlor. „Du denkst doch nicht ernsthaft, dass jemand bei uns einbricht, um unsere Essensreste oder unseren Reis zu stehlen!?“ Hatte er irgendetwas gemerkt &#8230;?</p>



<p>„Ach ich weiß auch nicht“, gestand er. „Aber es kann doch nicht sein, dass einfach so Lebensmittel aus unserer Küche verschwinden.“</p>



<p>Alles hatte vor etwa zwei Wochen angefangen, als meinem Verlobten aufgefallen war, dass wir jede Woche mehr Essen einkauften, als wir zu zweit verbrauchen konnten. Trotzdem waren unsere Schränke vor dem Einkaufen immer fast leer, obwohl wir fast nie etwas wegwarfen.</p>



<p>Seitdem war ich sehr viel vorsichtiger geworden. Ich hatte die Theorie mit den Ratten eingeworfen und fortan nach dem Kochen darauf geachtet, die Sachen so hinzustellen, dass unsere Schränke möglichst voll aussahen.</p>



<p>Trotzdem entging meinem Verlobten nicht, wie schnell unsere Vorräte wieder leer waren – zumal ich immer nur sehr wenig aß.</p>



<p>So begann eine Art Katz und Maus Spiel: Ich versuchte, ihn zu beschwichtigen, mir Ausreden auszudenken und von unserem hohen Lebensmittelverbrauch abzulenken, während er umso genauer darauf achtete. Gleichzeitig lächelte ich immerzu. Ich tat auf naive, glückliche Verlobte.</p>



<p>Heute war es nicht anders. Ich lächelte den ganzen Morgen, bis er schließlich zur Arbeit musste.</p>



<p>Als er das Haus verlassen hatte, war ich hingegen nicht die einzige, die erleichtert darüber war, dass er jetzt einige Stunden fort sein würde.</p>



<p>„Endlich ist er weg. Ich sterbe fast vor Hunger &#8230; Wenn es so weitergeht, kannst du mich nicht mehr lange vor ihm verstecken“, ertönte eine Stimme hinter mir. Beziehungsweise klang es nur so, als sei die Stimme hinter mir &#8230;</p>



<p>Ich löste meinen Zopf, während ich in die Küche ging, woraufhin ein großer Mund an meinem Hinterkopf sichtbar wurde.</p>



<p>Ich selbst konnte ihn natürlich nicht sehen. Um ehrlich zu sein, hatte ich ihn erst ein einziges Mal betrachtet, als ich mit einem Handspiegel im Badezimmer stand &#8230; Es war kein schöner Anblick gewesen:</p>



<p>Der Mund war sehr viel größer als mein richtiger. Er besaß große, menschliche Zähne, dicke Lippen und einen eigenen Rachen mit Zunge.</p>



<p>Wenn er Essen in sich hineinschaufelte – wozu er inzwischen übergegangen war –, nutzte er meine Haare als eine Art Greifarme.</p>



<p>„Iss nicht zu viel aus dem Kühlschrank!“, mahnte ich. „Sonst merkt Hiroto, dass es keine Ratten sein können!“</p>



<p>Der Mund ignorierte mich. „Ach, das hat er doch eh schon gemerkt. Du wirst dir eine neue Ausrede einfallen lassen müssen!“, erwiderte er mit vollem Mund.</p>



<p>Ich seufzte. Wenigstens würde der Mund mir dabei helfen können. Wenn er erst einmal gegessen hatte, war er um einiges erträglicher. Ich würde es niemals zugeben, aber manchmal kam er mir fast wie ein Freund vor.</p>



<p>Andererseits änderte es nichts daran, wie unmöglich er sich verhielt, wenn er Hunger hatte. Er drohte mir, beleidigte mich.</p>



<p>Außerdem war da noch dieses absolut widerwärtige Gefühl, wenn er aß &#8230; Die großen Portionen, die sich nur halb zerkaut als dickflüssige Masse langsam von meinem Hinterkopf bis in meinen Hals und weiter in meinen Magen schoben &#8230;</p>



<p>Inzwischen liefen mir dabei zwar keine Tränen mehr über die Wangen, aber es würde mindestens noch einige Jahre dauern, bis ich mich daran gewöhnt hatte. In den vergangenen drei Jahren war es mir jedenfalls nicht gelungen. So lange war es her, dass der Mund plötzlich an meinem Hinterkopf aufgetaucht war.</p>



<p>Angefangen hatte alles mit meiner Essstörung. Während meiner Jugend wurde ich ständig dafür geärgert, dass ich dicker war, als die anderen, bis ich irgendwann anfing, immer weniger zu essen.</p>



<p>Die Komplimente, dass ich abgenommen hätte, bestärkten mich in meinem Vorhaben. Das einzige, was mich davon abhielt, tagelang zu fasten, und mich dazu brachte, wenigstens eine halbe Portion des Mittagessens zu mir zu nehmen, waren meine Eltern. Als ich jedoch ausgezogen war, konnte ich meiner Magersucht freien Lauf lassen, bis ich schließlich starke Kopfschmerzen bekam. Es hatte sich angefühlt, als würde mein Schädel sich spalten – und in gewisser Weise hatte er das ja auch.</p>



<p>Ich hatte meinem Körper zu lange das Essen verweigert, ihn ausgehungert, sodass er sich einen anderen Weg suchte, Nahrung zu sich zu nehmen &#8230; Ich war zu einem Monster geworden!</p>



<p>Als der Mund endlich mit Essen fertig war, räumte ich die Küche auf. Dann setzte ich mich ins Wohnzimmer, um einen neuen Plan für Hiroto auszuarbeiten – jedoch ohne meine Haare wieder zu einem Zopf zu binden, damit ich den Mund weiterhin gut verstehen konnte. Immerhin hatte er manchmal echt gute Einfälle.</p>



<p>Unsere Überlegungen dauerten mehrere Stunden. Eine Idee schien wirrer als die andere. Wir waren uns fast nur gegenseitig am Widersprechen. Dann hatte der Mund einen Einfall.</p>



<p>„So ein Quatsch“, protestierte ich. „Als würde es einem nicht auffallen, wenn ein fremder Mann im eigenen Haus leben würde!“</p>



<p>„Glaub mir doch, Yuzuki! Es lief eine Doku darüber, als du letztens vor dem Fernseher eingeschlafen warst!“, erwiderte der Mund.</p>



<p>„Ach, das hast du bloß geträumt!“, keifte ich zurück.</p>



<p>Das war völlig hirnrissig. Vielleicht lief ein Horrorfilm, aber doch keine Doku!</p>



<p>Trotzdem nahm ich mein Handy heraus, um danach im Internet zu suchen – jedoch eher, um dem Mund zu beweisen, wie bescheuert die Idee war.</p>



<p>Als die ersten Artikel auf meinem Handy auftauchten, traute ich meinen Augen kaum. Meine Kinnlade klappte herunter.</p>



<p><em>Geschichten von Leuten, die in fremden Häusern gelebt haben. 10 Menschen, die heimlich in den Häusern anderer wohnten. Obdachlose lebt ein Jahr heimlich in fremder Wohnung.</em></p>



<p>Natürlich blieb ich skeptisch. Ich begann, mehr als nur die Überschriften zu lesen. Einige der Geschichten waren nicht bewiesen – Horrorgeschichten und urbane Legenden –, andere hingegen waren wahr. Und es gab noch sehr viel mehr solcher Artikel!</p>



<p>„Na also. Glaubst du mir jetzt?“, fragte der Mund. Mir entging nicht die Genugtuung in seiner Stimme.</p>



<p>Ich beachtete ihn nicht. Stattdessen arbeitete mein Hirn bereits auf Hochtouren daran, wie ich meinen Verlobten von meiner Theorie überzeugen konnte. Es würde vielleicht ein wenig dauern, doch auch er würde sich schließlich ans Internet wenden. Er würde dieselben Artikel finden, wie ich.</p>



<p>Ich lachte leise auf. Was war bloß aus mir geworden? Früher hatte ich Hiroto wirklich geliebt. Doch seit wir zusammengezogen waren und ich jede Sekunde aufpassen musste, dass ich mir nichts anmerken ließ, waren da nur noch ich und mein Geheimnis. Auch, wenn ich es mir nur ungern eingestand: Für Liebe oder unsere Beziehung gab es in meinem Kopf keinen Platz mehr.</p>



<p>Anmerken ließ ich es mir jedoch nicht. Ich bezweifelte, dass Hiroto auch nur den Hauch einer Ahnung hatte, dass mit mir etwas nicht stimmte – und ich würde alles daran setzen, dass es so bleibt.</p>



<p>Also bereitete ich wie jeden Tag gegen Nachmittag das Essen vor. Ich plante es immer so ein, dass mein Verlobter eine warme Mahlzeit hatte, wenn er von der Arbeit nach Hause kam. Ich selbst aß hingegen nur wenig – gerade genug, dass Hiroto sich nicht wunderte, warum ich nicht verhungerte.</p>



<p>Und so war es auch heute. Hiroto erzählte mir von seinem Arbeitstag, während wir aßen. Ich hörte nur mit halbem Ohr zu. Stattdessen wartete ich auf die perfekte Gelegenheit, den ersten Schritt meines Plans einzuleiten.</p>



<p>Hiroto hatte ein großes Stück Fisch in den Mund genommen, wodurch er eine kurze Sprechpause einlegen musste. Das war meine Chance!</p>



<p>Gespielt nervös rutschte ich auf meinem Stuhl hin und her. Dann räusperte ich mich. „Du? Hiroto?“, fragte ich unschuldig. „Als du heute Morgen gesagt hast, dass <em>irgendjemand</em> unsere Vorräte essen könnte &#8230; Nun ja. Ich habe nachgedacht &#8230; Du erinnerst dich doch bestimmt an diesen Film, Parasite. Da hat doch auch ein Mann heimlich im Haus der Familie gewohnt und sich an ihrem Essen bedient &#8230;“</p>



<p>Hiroto schluckte seinen Bissen herunter. „Aber Yuzuki. Du glaubst doch nicht wirklich, dass ein Fremder in unserem Haus wohnen könnte, ohne das wir es bemerken. Das war nur ein Film!“, versuchte er, mich zu beruhigen.</p>



<p>Ich lachte nervös, während ich eine leicht gequälte Mine aufsetzte. „Du hast recht. Tut mir leid. Das war nur so eine dumme Idee &#8230;“ Dann wurde ich wieder sehr still, tat so, als würde ich nachdenken, mir Gedanken über meine Theorie machen.</p>



<p>Der erste Schritt war getan: Ich hatte die Saat dieser wirren Idee in Hirotos Kopf gepflanzt. Jetzt musste ich nur noch darauf warten, dass sie aufblühte. Ich hätte jedoch niemals damit gerechnet, dass mein Plan <em>zu gut</em> funktionieren würde.</p>



<p>Bereits am nächsten Morgen sprach mich Hiroto erneut darauf an. Er habe sich Gedanken darüber gemacht und im Internet recherchiert, als ich schon im Bett war. Ich musste mir ein Lächeln verkneifen, als er mir auf seinem Laptop die Artikel zeigte, die ich gestern noch selbst gelesen hatte.</p>



<p>Dann folgte jedoch die Lücke in meinem Plan – der Fehler, die einzige Variable, die ich nicht bedacht hatte: Dass mein Verlobter mich aus ganzem Herzen liebte. Dass er sich Sorgen um mich machte.</p>



<p>„Ich habe es schon mit der Arbeit geklärt. Ich bleibe heute zu Hause. Vielleicht auch die nächsten Tage. Das sehen wir dann“, erklärte er.</p>



<p>„Aber Hiroto“, versuchte ich zu widersprechen, „Das musst du nicht. Wirklich nicht. Deine Arbeit ist doch wichtiger &#8230;“</p>



<p>Doch es brachte nichts. Hirotos Beschluss stand fest.</p>



<p>„Und was, wenn es doch stimmt? Wenn ein Perverser oder ein Verrückter sich in unserem Haus versteckt? Solange auch nur der Hauch einer Chance besteht, dass an deiner Theorie etwas dran ist, lasse ich dich hier ganz sicher nicht allein!“</p>



<p>Was dann folgte, waren einige der schlimmsten Tage meines Lebens. Noch nie hatte ich meinen zweiten Mund so hungern lassen.</p>



<p>Am ersten Tag konnte ich ihn noch beschwichtigen. Wir hatten die Hoffnung, dass Hiroto am nächsten Tag wieder zur Arbeit fahren würde. Aber natürlich wäre das zur einfach gewesen.</p>



<p>„Ach, mach dir darum keine Sorgen. Ich habe noch genug Urlaubstage“, erklärte er, nachdem ich gefragt hatte, ob er sich eine berufliche Auszeit überhaupt leisten könne. „Und selbst, wenn es tatsächlich nur Ratten sein sollten &#8230; Dann verbringe ich halt ein paar schöne Tage mit meiner wunderschönen Verlobten!“</p>



<p>Ich strahlte ihn an. Ein unehrliches Strahlen. Aber das konnte Hiroto ja nicht wissen. Innerlich hatte ich jedenfalls einen halben Nervenzusammenbruch. Wie sollte ich den Mund ausreichend füttern, wenn ich nicht alleine war? Er wurde bereits unerträglich, wenn er 24 Stunden nichts zu Essen bekam. Wie wäre es erst bei mehreren Tagen?</p>



<p>Zu meinem Leid sollte ich es bald herausfinden. Am zweiten Tag konnte er sich noch einigermaßen zurückhalten. Klar, er beleidigte mich, wann immer ich alleine war. Jedes Mal, wenn ich auf Toilette verschwand, durfte ich mir geflüsterte Beschuldigungen und Schimpftiraden anhören. Doch dass ich ihm immer wieder Essen zusteckte, das ich heimlich aus der Küche entwand, schien ihn etwas zu beschwichtigen.</p>



<p>Wirklich schlimm wurde es jedoch bereits am dritten Tag, als der Hunger deutlich an ihm zu nagen schien. Normalerweise war er sehr vorsichtig. Er hatte mir zwar schon häufig gedroht, meinen Verlobten auf sich aufmerksam zu machen, wenn er kein Essen bekam, doch insgeheim schien er davor genauso viel Angst zu haben, wie ich.</p>



<p>Jetzt wurde er jedoch langsam sehr unvorsichtig. Er flüsterte mir zu, selbst wenn Hiroto im Raum war und verwickelte mich in Gespräche, wann immer mein Verlobter das Zimmer verließ.</p>



<p>„Du kannst doch den Zopf lösen, wenn du gleich kochst“, schlug der Mund vor. „Ich bediene mich dann selbst &#8230;“</p>



<p>„Nein. Das ist zu riskant!“, flüsterte ich. „Hiroto rennt durchs ganze Haus. Er könnte dich sehen!“</p>



<p>Der Mund brummte beleidigt.</p>



<p>Dann begannen die Kopfschmerzen. Ein stechender Schmerz explodierte an meinem Hinterkopf, genau an der Stelle, an der sich der Mund befand. Er machte das mit Absicht!</p>



<p>„Ahh! Lass das!“, presste ich unter Schmerzen hervor. „Wir sitzen hier im selben Boot! Pass auf, ich mach dir einen Vorschlag: Wenn wir das hier durchgestanden haben, kaufen wir dir ganz viel von dieser Matcha-Schokolade, die du so liebst. Einverstanden?“</p>



<p>„Mit wem sprichst du?“</p>



<p>Ich erstarrte. Auch die Schmerzen an meinem Hinterkopf stoppten abrupt. Hiroto stand in der Wohnzimmertür.</p>



<p>Nachdem er sich vergewissert hatte, dass ich alleine im Raum war, sah er mich leicht besorgt an.</p>



<p>Ich lachte nervös. „Mit mir selbst“, gestand ich. Flüchtig sah ich mich um. Dann fiel mein Blick auf meine Laptoptasche, die an den Tisch gelehnt neben mir stand. „Der Henkel an meiner Laptoptasche ist gerade gerissen &#8230;“</p>



<p>Es war bereits vor einigen Tagen passiert. Hoffentlich hatte Hiroto es noch nicht bemerkt.</p>



<p>„Ach Yuzuki“, Hiroto schmunzelte. „Es gibt doch wirklich schlimmere Sachen, über die man sich aufregen kann. Bestell dir einfach eine Neue. Hier. Du kannst meinen Account nehmen. Ich bin noch angemeldet.“</p>



<p>Ich lächelte mein wärmstes, dankbarstes Lächeln, als ich meinem Verlobten das Handy abnahm, das er mir entgegenhielt. Das war ja gerade noch einmal gutgegangen.</p>



<p>Als ich auf Hirotos Handy blickte, wartete jedoch bereits die nächste unschöne Überraschung auf mich: <em>‚Zuletzt bestellter Artikel: Home Security Überwachungskamera Set‘</em>.</p>



<p>„Hiroto?“, fragte ich laut.</p>



<p>Mein Verlobter kam sofort zurück ins Wohnzimmer. „Hmm?“</p>



<p>„Du hast Überwachungskameras bestellt?“, fragte ich, während ich ihm das Display entgegenhielt.</p>



<p>„Ach so, ja. Ich hätte es dir eh gleich beim Essen erzählt. Wenn die erstmal hängen, musst du dir keine Sorgen mehr machen. Dann sehen wir, ob sich jemand in unserem Haus herumtreibt. Und selbst wenn nicht, können wir dann wenigstens nachvollziehen, wohin unser Essen verschwindet!“</p>



<p>Es kam mir vor, als hätte man einen Vorhang um mich gezogen. Sämtliche Geräusche wurden plötzlich dumpf. Meine Sicht leicht verschwommen. Mein ganzer Körper fühlte sich sehr schwer an.</p>



<p>Ich merkte kaum, wie ich die nächstbeste Laptoptasche im Internet bestellte, Hiroto sein Handy zurückgab und in der Küche verschwand, um das Essen vorzubereiten. Meine Hände bewegten sich wie von selbst.</p>



<p>Wenn Hiroto tatsächlich Kameras im Haus aufhängen sollte, hatte ich keine Möglichkeit mehr, mein Geheimnis zu bewahren. Ich würde meinen zweiten Mund nicht mehr vor ihm verstecken können &#8230;</p>



<p>Und selbst, wenn ich eine Lösung finden würde, wie ich den Mund wenigstens ab und an füttern könnte, würde es trotzdem viele Tage des Fastens geben. Ich hatte die letzten Tage selbst erlebt, wie anstrengend und unausstehlich er werden konnte, wenn er wirklich Hunger hatte. Und da hatte ich ihm wenigstens ab und an noch eine Kleinigkeit zustecken können. Wenn er jedoch gar kein Essen mehr bekommen würde &#8230;</p>



<p>Plötzlich blieb mein Blick an etwas hängen, das auf dem Küchentisch lag. Es war einer der Köder mit dem geruch- und geschmacklosen Rattengift &#8230;</p>



<p>Der Plan war genial. Niemand würde mich verdächtigen. In unserer Küche lag überall Rattengift herum. Es wäre ein tragischer Unfall.</p>



<p>Außerdem hatte ich kein Motiv. Hiroto hatte kein Testament verfasst. Vor der Hochzeit stand mir nicht ein Yen seines Geldes zu. Dann hätte ich alles verloren, wäre die trauernde Verlobte …</p>



<p>Ich wünschte, ich könnte sagen, dass ich über Alternativen nachgedacht hätte. Ich hätte mich von ihm trennen können, darüber streiten, dass ich keine Kameras im eigenen Haus möchte, mir eine Ausrede einfallen lassen können, wieso ich das Essen entwendete. Doch das tat ich nicht.</p>



<p>Meine Gedanken blieben stur bei dem Plan hängen, meinen Verlobten zu vergiften. Ich konnte an nichts anderes mehr denken, wie zu Schulzeiten, wenn man sich bei einer Klassenarbeit so sehr in einer Aufgabe verrannte, dass man die anderen gar nicht mehr wahrzunehmen schien.</p>



<p>Und so brachte ich etwa eine halbe Stunde später das fertige Essen ins Wohnzimmer. Ich würde selbst auch etwas von dem vergifteten Curry essen müssen, damit mein Alibi perfekt war. Doch im Gegensatz zu Hiroto aß ich nur sehr wenig. Im Gegensatz zu ihm würde ich überleben &#8230;</p>



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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p>Die Futakuchi-onna (japanisch für „Zweimund-Frau“) sind Frauen, die einen zweiten Mund an ihrem Hinterkopf besitzen. Sie zählen zu den Yōkai.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p>Futakuchi-onna lassen sich äußerlich kaum von normalen Frauen unterscheiden – besonders, wenn sie ihre Haare zusammengebunden oder hochgesteckt tragen.</p>



<p>An ihrem Hinterkopf – unter ihren langen schwarzen Haaren versteckt – befindet sich jedoch ein großer Mund mit Zähnen, Zunge und Lippen.</p>



<p>In fast allen Erzählungen sind Futakuchi-onna Japanerinnen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Entstehung:</h3>



<p>Es gibt verschiedene Theorien und Geschichten, wie Futakuchi-onna entstehen können. Häufig ist es ein <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/flueche" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Fluch</a> oder ein <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Geist</a>, der von einer vorher normalen Frau Besitz ergreift, woraufhin der zweite Mund entsteht.</p>



<p>So gibt es z.&nbsp;B. Geschichten darüber, wie eine Stiefmutter ihre Stieftochter verhungern ließ, während ihre leibliche Tochter immer genug zu Essen bekam. Einige Wochen nach dem Tod der Stieftochter entstand schließlich ein Mund am Hinterkopf der Stiefmutter, der in der Stimme der Stieftochter nach Essen verlangt hat und scheinbar ständig hungrig war.</p>



<p>Eine andere Geschichte besagt hingegen, dass die Frau eines Holzfällers bei einem Arbeitsunfall seine Axt in den Hinterkopf bekommen hat. Die Frau hat überlebt, aber anstatt zu verheilen, hat sich die Wunde in einen Mund verwandelt.</p>



<p>Andere Theorien sind nur in kleineren Teilen Japans verbreitet. So wird in einigen Regionen gesagt, dass Futakuchi-onna <a href="https://www.geister-und-legenden.de/yamauba" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Yamauba</a> oder andere übernatürliche Wesen seien, die ihre Gestalt verändert haben.</p>



<p>Heutzutage erfreut sich besonders eine Theorie an Beliebtheit, laut der eine Futakuchi-onna entstehe, wenn eine Frau – z.&nbsp;B. wegen Magersucht oder um Geld zu sparen – absichtlich sehr wenig isst. Als Konsequenz taucht der Mund an ihrem Hinterkopf auf, um das Essen für sie zu übernehmen.</p>



<p>Geschichten, bei denen eine Frau den zweiten Mund wieder losgeworden ist, gibt es meines Wissens nach keine.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p>Der Mund am Hinterkopf der Futakuchi-onna verlangt ständig nach Essen. Er redet mit der Frau und flüstert Beleidigungen oder andere Obszönitäten, beginnt laut zu schreien oder verursacht starke Schmerzen, wenn man ihm das Essen verweigert.</p>



<p>Trotzdem schaffen Futakuchi-onna es häufig, im Verborgenen zu leben. Häufig wissen Nachbarn, Freunde oder sogar Familienmitglieder, Ehepartner und Mitbewohner nichts von ihrem Geheimnis.</p>



<p>Sie verbergen den Mund an ihrem Hinterkopf unter ihren Haaren und ziehen sich zurück, wenn sie ihn „füttern“.</p>



<p>Wobei „füttern“ das falsche Wort ist, da der Mund sich selbst ernährt. Er formt die umliegenden Haare zu zwei oder mehr tentakelähnlichen Haarsträhnen, mit denen er sich das Essen – je nach Version zivilisiert mit Stäbchen oder direkt – in den Mund schaufelt. Dabei soll er mindestens doppelt so viel essen, wie ein normaler Mensch.</p>



<p>Aus diesem Grund isst die betroffene Frau selbst meist nur sehr wenig oder gar nichts mehr. Wenn also viel Essen im Haus verschwindet, während eine Frau fast gar nichts mehr isst, kann dies ein Anzeichen für die Mitbewohner sein, dass es sich bei der Frau um eine Futakuchi-onna handelt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p>Aufgrund der weiten Verbreitung der Legende und der vielfältigen Möglichkeiten, wie Futakuchi-onna entstehen können, gibt es kaum regionale Begrenzungen.</p>



<p>Sie können daher in ganz Japan und theoretisch auch in anderen Ländern vorkommen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p>Auch wenn ich nur wenig über den Ursprung der <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Legende</a> herausfinden konnte, so gibt es Zeichnungen von Futakuchi-onna, die mindestens ins 19. Jahrhundert zurückreichen. Die Legende könnte aber auch noch deutlich älter sein.</p>



<p>Zudem ist es sehr wahrscheinlich, dass sie als eine Art Warnung entstanden ist oder zumindest als Warnung verbreitet wurde, da sich die meisten Geschichten darum drehen, dass eine Person für ihr Verhalten bestraft wird (zu wenig Essen, um Geld zu sparen oder dünn zu bleiben, dem Stiefkind weniger Aufmerksamkeit schenken, als dem leiblichen Kind, aus Geldgier eine Frau heiraten, die kaum etwas isst etc.).</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<p><em>Was haltet ihr von den Futakuchi-onna? Wenn ihr selbst eine wärt, würdest ihr es auch um jeden Preis geheim halten wollen? Wie würdet ihr reagieren, wenn ein Familienmitglied sich als Futakuchi-onna entpuppen würde? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>



<p><em>Wenn ihr mehr solcher Geschichten oder Legenden lesen wollt, abonniert auch gerne meinen <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.geister-und-legenden.de/newsletter" target="_blank">Newsletter</a>, oder folgt mir auf <a rel="noreferrer noopener" href="https://twitter.com/geisterlegenden" target="_blank">Twitter</a>, <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.facebook.com/geisterlegenden/" target="_blank">Facebook</a> oder <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.instagram.com/geisterlegenden/" target="_blank">Instagram</a>!</em></p>
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		<title>Jiang Shi</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 07 Sep 2020 13:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Flüche]]></category>
		<category><![CDATA[Geister]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Monster und Ungeheuer]]></category>
		<category><![CDATA[Urbane Legenden]]></category>
		<category><![CDATA[Yōkai]]></category>
		<category><![CDATA[chinesische Legende]]></category>
		<category><![CDATA[Fluch]]></category>
		<category><![CDATA[Geist]]></category>
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		<category><![CDATA[Jiang Shi]]></category>
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		<category><![CDATA[kyonshi]]></category>
		<category><![CDATA[Legende]]></category>
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		<category><![CDATA[Wiedergänger]]></category>
		<category><![CDATA[Yokai]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Entsetzt starrte ich zu der Silhouette am unteren Treppenabsatz. War das irgendeine Art schlechter Scherz? Andererseits wäre jemand für diesen Scherz nachts in mein Haus eingebrochen …</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.geister-und-legenden.de/jiang-shi">Jiang Shi</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.geister-und-legenden.de">Geister und Legenden</a>.</p>
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<p>Jiang Shi sind auch als chinesische Zombies und chinesische Vampire bekannt.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p>Mitten in der Nacht wurde ich von meinem völlig ausgetrockneten Mund wach. Während ich einen Schluck Wasser aus der Flasche auf meinem Nachttisch nahm, musste ich schmunzeln.</p>



<p>Wahrscheinlich hatte ich wieder mit offenem Mund geschlafen. Mein Mann möchte es nicht, wenn ich schnarchte – und ich schnarchte immer, wenn ich mit offenem Mund schlief. Er hatte einen leichten Schlaf, weswegen er von dem Geräusch schnell wach wurde.</p>



<p>Im Halbschlaf legte ich mich wieder auf die Seite und streckte meinen Arm nach ihm aus, um mich an ihn zu kuscheln. Ich griff jedoch ins Leere.</p>



<p>Sofort schlug ich die Augen auf. „Sheng?“, fragte ich verwirrt.</p>



<p>Es dauerte jedoch nicht lange, bis ich wach genug war, um mich zu erinnern … an unseren Streit, daran, wie er wütend das Haus verlassen und wie ich schließlich den schlimmsten Anruf meines Lebens bekommen hatte.</p>



<p>Tränen schossen mir in die Augen. Sheng war tot. Und warum? Wegen eines Streits über einen dämlichen Reiskocher.</p>



<p>Jetzt saß ich im Bett und weinte bitterlich. Wie konnte ich nur so dumm sein? Er hatte den Reiskocher schließlich nicht mit Absicht zerstört … Ganz im Gegenteil: Er wollte mir mit dem Abendessen eine Freude bereiten. Er …</p>



<p>Ein Geräusch riss mich aus den Gedanken. <em>Rums</em>. Ich lauschte. Kam das aus unserem Haus?</p>



<p><em>Rums</em>. Da war es wieder! <em>Rums</em>. Und noch einmal. <em>Rums</em>.</p>



<p>Was es auch war, es kam definitiv aus dem Erdgeschoss!</p>



<p>Leise zog ich mir eine Hose über. Dann schlich ich aus dem Schlafzimmer in Richtung Treppe. Vorsichtig spähte ich nach unten, konnte jedoch kaum etwas erkennen, da ich mich nicht traute, das Licht anzumachen. Nur schemenhaft sah ich die Stühle und den Tisch im Wohnzimmer. Dafür kam das seltsam gleichmäßige Geräusch immer näher.</p>



<p><em>Rums</em>. <em>Rums</em>. Jetzt war es ganz nahe. <em>Rums</em>.</p>



<p>Fast machte ich einen panischen Satz nach hinten. Am unteren Ende der Treppe war plötzlich eine Gestalt aufgetaucht.</p>



<p>Es sah aus, wie ein Mensch, nur, dass er stocksteif war. Seine Arme hatte er starr nach vorne gerichtet. Außerdem bewegte er sich hüpfend vorwärts und machte dabei dieses seltsame Geräusch.</p>



<p><em>Rums</em>. Mit einem weiteren Sprung hatte er sich plötzlich um 90 Grad in meine Richtung gedreht.</p>



<p>Jetzt sah ich, dass er etwas Helles im Gesicht hängen hatte … Einen gelben Zettel.</p>



<p>Langsam dämmerte es mir. Ich kannte einige Filme über Jiang Shi – meine Großmutter hatte angeblich sogar schon einmal einen echten gesehen. Doch dass solch ein Wesen in meinem Haus auftauchen würde …</p>



<p>Jiang Shi wurden auch chinesische Zombies genannt. Sie waren Untote, die sich wegen der Leichenstarre nur hüpfend bewegen können und den Leuten ihr Qi – ihre Lebensenergie – aussaugen.</p>



<p>Entsetzt starrte ich zu der Silhouette am unteren Treppenabsatz. War das irgendeine Art schlechter Scherz? Andererseits wäre jemand für diesen Scherz nachts in mein Haus eingebrochen …</p>



<p>Wenn ich hingegen annahm, dass es sich hierbei um einen echten Jiang Shi handelte, wäre ich dann hier oben sicher? Könnte er die Treppe überhaupt hüpfend erklimmen?</p>



<p>Als hätte er meine Gedanken gelesen, machte er plötzlich einen Satz nach vorne. <em>Rums</em>. Er nahm direkt zwei Stufen auf einmal. <em>Rums</em>. Wieder zwei Stufen.</p>



<p>Panisch wich ich zurück. Natürlich wusste ich nicht, ob es wirklich ein Jiang Shi war, aber würde ein Fremder in einem Haus, in dem er sich überhaupt nicht auskannte und in dem es verdammt dunkel war, einfach eine Treppe hinaufhüpfen?</p>



<p>Ohne weiter darüber nachzudenken, rannte ich zurück ins Schlafzimmer. Ich blockierte die Tür mit einem Stuhl. Dann nahm ich mein Smartphone vom Nachttisch und begann, hektisch das Internet zu durchsuchen, wie man sich gegen einen Jiang Shi wehren konnte.</p>



<p>Sofort sprangen mir mehrere Artikel entgegen. Es gab viel, was ich hätte nehmen können, aber nichts davon hatte ich zur Hand: Das Blut eines schwarzen Hundes, Essig, das Holz eines Pfirsichbaums, sogar der Schrei eines Hahns sollte die Kreatur vertreiben.</p>



<p>Ein lautes Knallen war von der Tür zu hören. Ich wusste nicht genau, was es war, aber was auch immer da gegen die Tür donnerte, hatte eine gewaltige Wucht drauf. Würde die Tür standhalten?</p>



<p>Noch ein Knall. Voller Panik scrollte ich weiter durch den Artikel. Die Leiche tagsüber verbrennen, der Huf eines schwarzen Esels, Spiegel. Mist. Nichts davon hatte ich im Schlafzimmer!</p>



<p>Moment! Dort stand, dass Jiang Shi blind seien. Sie würden ihre Opfer nur anhand ihres Atems aufspüren. Wenn man die Luft anhalte, wäre man für sie unsichtbar!</p>



<p>Plötzlich war ein lautes Knacken von der Tür zu hören. Er schaffte es also wirklich, die Tür zu zerstören!</p>



<p>Schnell warf ich mein Smartphone aufs Bett, schnappte mir einen metallenen Kleiderhaken aus dem Schrank, den ich wie einen Baseballschläger in beiden Händen hielt und drückte mich an die Wand neben der Tür.</p>



<p>Ich wartete das nächste Donnern ab. Dann nahm einen tiefen Atemzug, bevor ich den Stuhl unter der Klinke wegriss.</p>



<p>Bereits mit dem nächsten Knall splitterte ein Teil aus dem Türrahmen. Die Tür schwang auf, während der Jiang Shi ins Zimmer hüpfte.</p>



<p>Ich konnte ihn nur schwach erkennen – zur Sicherheit hatte ich lieber kein Licht eingeschaltet –, aber er hatte definitiv eine bleiche, unnatürliche Hautfarbe.</p>



<p>Außerdem sah ich jetzt deutlich den Bannzettel, der an seiner Stirn klebte. Ich stutzte. ‚Töte Meiming‘ stand darauf. Jemand hatte den Jiang Shi ganz bewusst geschickt, um mich zu töten!</p>



<p>Doch wer würde mir so etwas antun wollen? Die einzige Person, die mir einfiel, war Shengs Mutter. Sie kannte sich mit allerlei Okkultem aus. Außerdem gab sie mir die Schuld an Shengs Tod. Aber dass sie soweit gehen würde …</p>



<p>Dann wandte ich meinen Blick schnell von dem Jiang Shi ab. Es soll Unglück bringen, sie anzusehen – und falls es kein echter Jiang Shi war, würde ich das gleich erfahren.</p>



<p><em>Rums</em>. Zu meinem Erstaunen hüpfte er tatsächlich weiter in den Raum. Half es wirklich, dass ich meinen Atem anhielt? Andererseits spürte ich jetzt schon, wie mein Körper nach Sauerstoff flehte.</p>



<p>Ich blieb nicht lange genug, um es auszuprobieren. Sobald der Weg frei war, drückte ich mich an ihm vorbei und rannte in Richtung Treppe.</p>



<p>Dann schaffte ich es nicht mehr, meinen Atem anzuhalten. Am oberen Treppenabsatz atmete ich tief ein.</p>



<p>Im gleichen Moment hörte ich jedoch wieder ein <em>Rums</em> hinter mir. Flüchtig sah ich mich um. Mein Herz rutschte mir in die Hose: Der Jiang Shi hatte sich mir wieder zugedreht.</p>



<p>Wenn ich auch eben noch glaubte, dass es vielleicht ein Mensch mit einem kranken Humor war, so hätte er niemals mitbekommen können, dass ich wieder angefangen hatte, zu atmen!</p>



<p>Jetzt bekam ich endgültig Todesangst. Wenn er tatsächlich echt war, bedeutete das auch, dass er mir mit Leichtigkeit meine Lebensenergie aus dem Körper saugen konnte!</p>



<p>Hektisch sprintete ich die Treppe nach unten, während hinter mir in deutlich kürzeren Abständen die dumpfen Schläge zu hören waren. <em>Rums</em>, <em>rums</em>, <em>rums</em>.</p>



<p>Als ich fast unten war, rutschte mein Fuß auf der Treppe weg, sodass ich schmerzhaft umknickte. Ich fiel zwei Stufen, konnte mich gerade noch mit den Armen abfedern. Trotzdem tat es verdammt weh, als mein Gesicht mit einem Klatschen auf den harten Boden schlug.</p>



<p>Doch ich hatte keine Zeit, nach Atem zu ringen. Aus dem Augenwinkel sah ich bereits, dass der Jiang Shi die Treppe erreicht hatte!</p>



<p>Ein pochender Schmerz fuhr in mein Fußgelenk, als ich den eben weggeknickten Fuß wieder belastete. Ich fiel fast wieder hin, zwang mich jedoch, den Schmerz auszuhalten. Humpelnder Weise näherte ich mich der Eingangstür.</p>



<p>Ich wusste nicht, wo ich hinsollte. Ein flüchtiger Blick nach hinten verriet mir, dass ich keine Zeit hatte, jetzt darüber nachzudenken. Der Jiang Shi hatte mich fast erreicht.</p>



<p>Als ich draußen war, schlug mir sofort die kalte Nachtluft entgegen. Ich zog die Tür gerade zu, als der Jiang Shi einen großen Satz auf mich zu machte, woraufhin er von innen gegen die Tür knallte.</p>



<p>„Scheiße!“, fluchte ich.</p>



<p>Zwischen uns war jetzt nur noch eine dünne Tür mit einem undurchsichtigen Glas!</p>



<p>Wie sollte ich es mit meinem verletzten Fuß bloß schaffen, zu entkommen? Mein Autoschlüssel lag noch immer drinnen!</p>



<p>Dann fiel mein Blick auf Shengs Fahrrad. Es hatte einen Elektromotor. Wenn es noch genug Saft hatte, könnte ich es trotz schmerzendem Knöchel schaffen!</p>



<p>Noch bevor ich auch nur daran dachte, meine Chancen abzuwägen, hatte ich das Fahrrad bereits gepackt und humpelte in Richtung Straße – und das keinen Moment zu früh: Hinter mir fiel das Glas der Eingangstür scheppernd zu Boden.</p>



<p>Trotzdem war der Jiang Shi noch immer mit der Tür beschäftigt. Wegen seiner steifen Gliedmaßen schien er einige Probleme zu haben, durch die schmale Öffnung zu kommen.</p>



<p>Das war meine Gelegenheit! Ich schwang mich auf das etwas zu hohe Fahrrad und begann, in die Pedalen zu treten.</p>



<p>Zuerst dachte ich, der unterstützende Motor würde nicht funktionieren. Nachdem mein Knöchel mich auf den ersten Metern jedoch fast umgebracht hatte, spürte ich endlich, wie mir das Treten immer leichter fiel. Es war zwar definitiv nicht angenehm, dafür gewann ich aber schnell an Geschwindigkeit.</p>



<p>Die Straße war vollkommen leer. Ich sah nach hinten. Der Jiang Shi hatte sich aus dem Haus befreit und nahm jetzt wieder die Verfolgung auf. Er machte große, schnelle Sprünge. Trotzdem konnte er mit dem Fahrrad nicht mithalten.</p>



<p>Erleichtert atmete ich auf. Ich hatte es geschafft … Zumindest dachte ich das. Hätte ich nach vorne gesehen, hätte ich die Plastikflasche bemerkt, auf die mein Vorderrad gerade genau zusteuerte.</p>



<p>Wäre mein Knöchel nicht verletzt gewesen, hätte ich vielleicht mein Gleichgewicht halten können. So konnte ich jedoch nur mitansehen, wie der Boden schnell näher kam.</p>



<p>Ich schürfte mir die gesamte Seite auf, während das Fahrrad mit einem lauten Scheppern auf der Straße weiterrutschte.</p>



<p>An dem süßen, fauligen Verwesungsgeruch erkannte ich sofort, dass der Jiang Shi mich erreicht hatte. Zuerst versuchte ich noch, mich unter Schmerzen aufzurichten. Als ich jedoch aufsah, stand der Jiang Shi direkt über mir im Schein einer Laterne. Erstmals konnte ich sein Gesicht erkennen, das nur von dem Bannzettel bedeckt wurde, auf dem mein Name stand. Ich kannte das Gesicht … Noch vor wenigen Tagen hatte ich es jeden Morgen in meinem Bett gesehen …</p>



<p>„Sheng?“, hauchte ich.</p>



<p>Jetzt erkannte ich die wahre Grausamkeit dahinter. Shengs Mutter hatte nicht nur einen Jiang Shi beschworen, um mich zu töten, nein, sie hatte dafür auch noch die Leiche ihres eigenen Sohnes genommen. Ich sollte von der Person umgebracht werden, an deren Tod ich selbst schuld war.</p>



<p>Ich konnte meine Augen nicht mehr von dem vertrauten Gesicht abwenden. Voller Sehnsucht betrachtete meinen Mann. Ich versuchte selbst dann nicht, zu fliehen, als er begann, mir die Lebensenergie zu entziehen. Ich spürte, wie ich schwächer und schwächer wurde. Selbst wenn ich jetzt versucht hätte, aufzustehen, hätte ich es wohl nicht geschafft. Aber wenigstens sollte ich sterben, während der Mensch bei mir war, den ich über alles liebte …</p>



<p><b>Bleibt auf dem Neusten Stand und folgt mir auf:</b></p>
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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p>Jiang Shi (chinesisch für „starrer Leichnam“), auch Jiangshi oder Jiang-Shi geschrieben, sind Untote, Wiedergänger oder Vampire der chinesischen Mythologie. Sie sind besonders für ihre hüpfenden Bewegungen und den Bannzettel, der in einigen Versionen ihn ihrem Gesicht klebt, bekannt.</p>



<p>In Japan werden sie „Kyonshī“ genannt und zählen zu den <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/yokai" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Yōkai</a>.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Entstehung:</h3>



<p>Es gibt mehrere Aussagen darüber, wie Jiang Shi entstehen.</p>



<p>Eine harmlosere Variante besagt, dass, wenn die Person weit von ihrem Zuhause entfernt gestorben ist, sich die Leiche selbstständig auf den Weg zurückbegeben würde.</p>



<p>Andere Varianten besagen hingegen, dass eine fehlerhafte Bestattung, Selbstmord, <a href="http://www.geister-und-legenden.de/geschichten/flueche" target="_blank" rel="noreferrer noopener">dunkle Magie</a> oder Besessenheit der Grund dafür sind.</p>



<p>Die heutzutage bekannteste Variante ist, dass ein Nekromant einen Bannzettel an der Stirn einer Leiche befestigt hat, auf dem entweder ein Zauberspruch steht, oder aber ein Befehl, denn der Jiang Shi auszufüllen hat.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p>Jiang Shi sollen eine kränklich bleiche oder gar bläuliche Haut besitzen. Ihre Haare sind weiß und sie haben lange, scharfe und spitze Fingernägel.</p>



<p>In welchem Verwesungsstadium sie sind, hängt davon ab, wie alt die Leiche ist. Sie kann noch sehr intakt sein, oder aber stark verwest und entstellt.</p>



<p>Zudem sind Jiang Shi fast immer von der Leichenstarre betroffen und können sich kaum bewegen (daher auch der Name „starrer Leichnam“). Aus diesem Grund bewegen sie sich fast ausschließlich hüpfend durch die Gegend. Ihre Arme haben sie dabei starr nach vorne ausgestreckt – es wird vermutet, dass sie dies tun, um ihre Balance zu halten.</p>



<p>In den meisten modernen Darstellungen tragen sie die Uniform eines Mandarin der Qing-Dynastie (1644-1911) – eines Zivilbeamten der chinesischen Staatsverwaltung. In der Realität dürften sie jedoch eher ein Totengewand o.Ä. tragen, das sie zum Zeitpunkt ihrer Wiedererweckung getragen haben.</p>



<p>Eines ihrer bekanntesten Merkmale ist zudem der Bannzettel – meist ein gelber Zettel mit roter Schrift darauf –, der ihnen im Gesicht kleben soll. Auf diesem Zettel steht entweder ein Befehl, der dem Jiang Shi seinen Auftrag gibt sowie der Name des Nekromanten, der ihn erweckt hat, oder ein Zauberspruch.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p>Jiang Shi werden oft als chinesische Vampire oder chinesische Zombies bezeichnet, was sehr passend ist, da sie Eigenschaften beider <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wesen</a> aufweisen.</p>



<p>Auf der einen Seite sind sie Voudou Zombies nicht unähnlich, da sie häufig herbeigerufen werden, um einen Auftrag auszuführen (meist, eine bestimmte Person zu töten).</p>



<p>Auf der anderen Seite sind sie dafür berüchtigt, den Menschen die Seele oder besser gesagt die Lebensenergie, also das Qi/Chi auszusaugen. Inzwischen sagt man ihnen außerdem nach, dass sie – wie unsere westlichen Vampire – Blut saugen. Diese Eigenschaft ist jedoch erst in den letzten Jahrzehnten entstanden.</p>



<p>Wenn wir bei der <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Legende</a> bleiben, dass sie den Leuten das Qi aussagen, hat dies einen entscheidenden Vorteil für sie: Sie werden mit der aufgesaugten Energie immer stärker und stärker. Das geht so weit, dass sie nach langer Zeit sogar schweben können oder magische Fähigkeiten erhalten sollen.</p>



<p>Wenn ein Jiang Shi erst einmal mit einem Auftrag herbeibeschworen wurde, setzt er alles daran, diesen Auftrag auszuführen. Soll er eine Person töten, ist somit die einzige Möglichkeit, ihn aufzuhalten, indem man ihn selbst vernichtet.</p>



<p>Zum Glück gibt es jedoch einige Methoden, sich einen Jiang Shi vom Leib zu halten:</p>



<p>Man kann sie mit dem Holz eines Pfirsichbaums, den Hufen eines schwarzen Esels, dem Blut eines schwarzen Hundes, Spiegeln, sowie einigen anderen Sachen vertreiben.</p>



<p>Da sie blind sein und Menschen lediglich an ihrem Atem aufspüren sollen, kann man die Luft anhalten, um für sie unsichtbar zu wirken.</p>



<p>Außerdem fürchten sie das Krähen von Hähnen, da sie nachtaktiv sind und Hahnenschreie meist den baldigen Sonnenaufgang ankündigen.</p>



<p>Tagsüber halten sie sich häufig in einem Sarg oder einem anderen dunklen Versteck auf. Wenn man sie in dieser Zeit findet, kann man die Leiche daher einfach vernichten, indem man sie verbrennt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p>Jiang Shi sind nicht örtlich gebunden. Aufgrund der regionalen Bekanntheit werden sie aber hauptsächlich in Asien gesichtet.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p>Ursprünglich kommt die Jiang Shi Legende aus China.</p>



<p>Es wird vermutet, dass sie einer alten Leichentransportmethode der Qing-Dynastie (1644–1911) entsprungen ist.</p>



<p>Wenn Arbeiter damals weit von ihrer Heimat entfernt verstorben sind, konnten sich die Familien meistens keine teuren Leichentransporte leisten. Stattdessen wurden zwei Träger angeheuert, die die Leiche aufrecht zwischen zwei Bambusstangen „eingeklemmt“ haben, um sie gemeinsam tragen zu können. Um der zu schnellen Verwesung entgegenzuwirken, wurden die Leichen hauptsächlich nachts transportiert.</p>



<p>Da Bambus recht elastisch ist, hat er sich dabei wahrscheinlich gebogen, wodurch es in der Dunkelheit so ausgesehen haben könnte, als wäre die Leiche zwischen den zwei Trägern gehüpft.</p>



<p>Dem ganzen ist schließlich der Glauben entsprungen, dass die Träger Nekromanten seien, die den Toten wiederbelebt haben, um ihn nach Hause zu bringen.</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<p><em>Was haltet ihr von den Jiang Shi? Wie findet ihr diese etwas anderen Art von Zombie oder Vampir? Wie würdet ihr reagieren, wenn ein solches Wesen eines Nachts in eurem Haus oder euer Wohnung auftauchen würde? Schreibt es mir in die Kommentare!</em></p>



<p><em>Wenn ihr mehr solche Geschichten oder Legenden lesen wollt, abonniert auch gerne meinen <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.geister-und-legenden.de/newsletter" target="_blank">Newsletter</a>, oder folgt mir auf <a rel="noreferrer noopener" href="https://twitter.com/geisterlegenden" target="_blank">Twitter</a>, <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.facebook.com/geisterlegenden/" target="_blank">Facebook</a> oder <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.instagram.com/geisterlegenden/" target="_blank">Instagram</a>!</em></p>
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		<title>Nukekubi</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 24 Aug 2020 13:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Flüche]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Monster und Ungeheuer]]></category>
		<category><![CDATA[Urbane Legenden]]></category>
		<category><![CDATA[Yōkai]]></category>
		<category><![CDATA[Fluch]]></category>
		<category><![CDATA[Japan]]></category>
		<category><![CDATA[japanische Legende]]></category>
		<category><![CDATA[Legende]]></category>
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		<category><![CDATA[Monster]]></category>
		<category><![CDATA[Nukekubi]]></category>
		<category><![CDATA[Ungeheuer]]></category>
		<category><![CDATA[urbane Legende]]></category>
		<category><![CDATA[urbane Legenden]]></category>
		<category><![CDATA[weibliche Protagonistin]]></category>
		<category><![CDATA[Yokai]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Als sie ihre Hände von ihrem Hals nahm, entblößte sie mehrere kleine rote Linien, die wie Schrammen aussahen.<br />
Wie angewurzelt blieb ich stehen. Ich wusste genau, dass das keine Schrammen waren. Wie sehr hatte ich diesen Tag gefürchtet …</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg08.met.vgwort.de/na/9bb999596f0440008138dea200cae47c" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p>Die Geschichte zu den Nukekubi hat mich etwas mehr Zeit gekostet, als es mir lieb war. Außerdem ist es die bisher längste Geschichte geworden, die sogar The Flying Head überholt hat. Ich hoffe, sie gefällt euch trotzdem!</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte</h2>



<p>„Hinata, es gibt Essen!“, rief ich.</p>



<p>Mein Mann Makoto war bereits dabei, den Tisch zu decken.</p>



<p>„Hinata?“, rief ich erneut, da sie nicht antwortete.</p>



<p>Wieder nichts.</p>



<p>„Ich geh sie holen“, sagte ich.</p>



<p>„Hinata!“ Ich klopfte an ihre Tür. „Kannst du nicht hören?“, rief ich. Dann betrat ich ihr Zimmer.</p>



<p>Ich hätte gedacht, dass sie Kopfhörer in den Ohren hatte, dass sie mich nicht hören konnte. Sie stand jedoch lediglich vor dem Spiegel und hielt sich den Hals.</p>



<p>„Hinata?“, fragte ich verwirrt.</p>



<p>Als sie mich durch den Spiegel ansah, bemerkte ich, dass ihre Augen feucht waren.</p>



<p>„Hee, was ist los?“, fragte ich besorgt und tat einige Schritte auf sie zu.</p>



<p>Als sie ihre Hände von ihrem Hals nahm, entblößte sie mehrere kleine rote Linien, die wie Schrammen aussahen.</p>



<p>Wie angewurzelt blieb ich stehen. Ich wusste genau, dass das keine Schrammen waren. Wie sehr hatte ich diesen Tag gefürchtet …</p>



<p>„Mama?“, jammerte Hinata. „Ich will nicht sterben …“ Die ersten Tränen rannen über ihre Wangen.</p>



<p>„Das … das wirst du nicht!“, sagte ich mit brüchiger Stimme. Ich schloss sie fest in die Arme.</p>



<p>„Aber denk doch an meine Mutter“, erwiderte sie. „Meine leibliche Mutter.“</p>



<p>Junko – Hinatas leibliche Mutter – war eine wunderschöne Frau gewesen. Makoto hatte sie sehr geliebt. Doch auf ihr lastete ein fürchterlicher Fluch.</p>



<p>Sie war etwas, das wir ‚Nukekubi‘ nennen – ‚verschwundener Hals‘. Und genau das ist es, was sie jahrelang mit sich herumgeschleppt hatte:</p>



<p>Jede Nacht verschwand ihr Hals, woraufhin sich ihr Kopf schwebend auf die Suche nach frischem Blut gemacht hatte, das er trinken konnte.</p>



<p>Ich weiß, wie unglaubwürdig das klingen muss. Doch so unwirklich es auch klingt, so real war es für meinen Mann gewesen.</p>



<p>„Nein!“, sagte ich entschlossen. „Ich werde nicht zulassen, dass er dir dasselbe antut!“</p>



<p>Flüchtig sah ich mich im Zimmer um. „Hier!“, sagte ich. Ich nahm einen dünnen Schal von ihrem Kleiderständer und legte ihn ihr um. „Versteck die Male. Papa darf sie nicht sehen!“</p>



<p>Dann trocknete sie ihre Tränen und wir gingen ins Wohnzimmer.</p>



<p>Während wir aßen, sagte niemand etwas. Hinata und ich waren zu sehr in Gedanken und Makoto war noch nie der gesprächigste Typ gewesen.</p>



<p>Als wir schließlich mit dem Essen fertig waren, lehnte sich Makoto in seinem Stuhl zurück. Er sah Hinata mit einem merkwürdigen Blick an.</p>



<p>„Sag mal, wieso trägst du bei dem Wetter einen Schal? Das ist doch viel zu warm!“, sagte er.</p>



<p>Ich erstarrte. Doch Hinata blieb locker. „Aber Papa, das ist ein Sommerschal. Die sind gerade voll in Mode“, erwiderte sie, ohne mit der Wimper zu zucken.</p>



<p>Ich war überrascht, dass sie sich nichts anmerken ließ. Nicht einmal ich hatte etwas bemerkt, obwohl ich genau wusste, wie aufgewühlt sie innerlich sein musste.</p>



<p>Der restliche Abend verlief ohne besondere Vorkommnisse. Als Makoto schließlich ins Bett ging und mich fragte, ob ich mitkommen würde, tat ich so, als müsse ich auf die Toilette. In Wirklichkeit schlich ich mich jedoch in Hinatas Zimmer.</p>



<p>„Schhhh!“, sagte ich, als sie mich bemerkte.</p>



<p>Sie sagte nichts.</p>



<p>„Wir müssen einige Vorkehrungen treffen“, sagte ich leise.</p>



<p>Ich fühlte, wie sich ein Kloß in meinem Hals bildete. Was ich vorhatte, würde ihr nicht gefallen. Es gefiel mir selbst ja nicht einmal.</p>



<p>„Ich denke, du weißt, dass Nukekubi laute Schreie von sich geben sollen und schlafende Menschen angreifen …“</p>



<p>Hinata hatte einen gequälten Blick, während sie nickte.</p>



<p>„Daher denke ich, dass es das Beste ist, wenn ich die Tür verriegele und dich am Schreien hindere.“</p>



<p>„Was meinst du damit?“, fragte Hinata im Flüsterton.</p>



<p>Ich lächelte leicht gequält, während ich eine Rolle Panzerband aus meiner Bademanteltasche zog.</p>



<p>Hinata mustere sie mit vor Schreck weit aufgerissenen Augen.</p>



<p>Vorsichtig legte ich meine Hand an ihre Wange. Tränen schossen mir in die Augen. „Ist das in Ordnung für dich?“, fragte ich.</p>



<p>Es kam mir vor, als wären mehrere Minuten vergangen, in denen sie das Klebeband bloß anstarrte, bevor sie endlich nickte.</p>



<p>Es fühlte sich unbeschreiblich grausam an, das Panzerband abzuschneiden und ihr über den Mund zu kleben. Ich musste mich zusammenreißen, um nicht an Ort und Stelle in Tränen auszubrechen.</p>



<p>„Wir finden bald eine bessere Lösung. Versprochen!“, sagte ich. Dann schaltete ich das Licht aus, ging aus dem Zimmer und verschloss die Tür hinter mir.</p>



<p>Als ich zurück ins Bett ging, war Makoto bereits eingeschlafen. Er lag seelenruhig da und schnarchte leise vor sich hin, während ich neben ihm lag und das Bild meiner Tochter, die mit Klebeband geknebelt in ihrem Bett lag, nicht mehr aus dem Kopf bekam.</p>



<p>Wäre ich alleine gewesen, hätte ich mich wohl die halbe Nacht unruhig im Bett gewälzt. Doch ich wollte nicht, dass mein Mann Verdacht schöpfte.</p>



<p>Ihr könnt euch meinen Schock daher sicher vorstellen, als aus dem Flur plötzlich ein lautes Knallen zu hören war. <em>Wamm!</em></p>



<p>Ich saß kerzengerade im Bett, starrte unruhig zwischen meinem Mann und dem Flur hin und her. <em>Wamm!</em></p>



<p>War das Hinata? Hatte sie sich bereits in der ersten Nacht verwandelt?! Das Klebeband sollte doch bloß eine Vorsichtsmaßnahme sein. Nie hätte ich gedacht, dass wir es jetzt schon gebraucht hätten!</p>



<p><em>Wamm!</em></p>



<p>Makoto drehte sich auf die Seite. Wie versteinert starrte ich ihn an. Wie fest schlief er? Würde das Gepolter ihn wecken?</p>



<p>Wie in Zeitlupe schälte ich mich aus der Bettdecke. Ich stieg vorsichtig aus dem Bett. Dann schlich ich auf Zehenspitzen zur offenen Tür. Hoffentlich würde sie den Lärm etwas dämpfen.</p>



<p><em>Wamm!</em></p>



<p>Während ich die Tür vorsichtig schloss, rechnete ich durchgehend damit, dass sie ein lautes Quietschen von sich geben würde. Zu meiner Erleichterung ließ sich jedoch geräuschlos schließen.</p>



<p>„Ai?“, ertönte hinter mir plötzlich mein Name.</p>



<p>Wie versteinert stand ich da, als könne Makoto mich nicht sehen, wenn ich mich nicht bewegte.</p>



<p>„Ai, was ist los?“, fragte er.</p>



<p><em>Wamm!</em></p>



<p>Jetzt hörte ich, wie Makoto aufstand. „Was war das?“</p>



<p>„Ach, bleib ruhig liegen. Das sind nur die Nachbarn“, improvisierte ich. Es war keine gute Ausrede, doch bevor ich darüber nachdenken konnte, war sie schon ausgesprochen.</p>



<p>„Das alte Ehepaar?“, fragte er jetzt völlig entsetzt. Er rannte an mir vorbei, drückte mich beiseite und rannte in den Flur.</p>



<p><em>Wamm!</em></p>



<p>„Das kommt aus Hinatas Zimmer!“, rief er.</p>



<p>Das war der Moment, in dem ich innerlich zusammenbrach. Ich hatte es nicht geschafft, unsere Tochter auch nur eine Nacht lang zu retten. Jetzt wo Makoto wusste, was sie war, würde er sie ebenfalls töten.</p>



<p>Aus dem Flur hörte ich, wie ein Schlüssel in ein Schloss gesteckt wurde. Ich riss die Augen auf. „Makoto, nicht!“, kreischte ich und rannte ihm nach.</p>



<p>Er sah mich gleichermaßen entsetzt und verwirrt an. „Wieso? Was ist? Hast du die Tür abgeschlossen?“</p>



<p>Ich starrte zu Boden. Dann nickte ich langsam. „Ja …“</p>



<p>Das schien Makoto noch mehr zu verwirren. „Aber Ai … Wieso? Was ist da drinnen los?“</p>



<p>Ich spürte, wie meine Augen wieder feucht wurden. „Es … es ist Hinata“, stammelte ich. „Sie ist eine Nukekubi …“</p>



<p>Mein Mann sah mich an, als habe er mich nicht richtig verstanden. Mit offenem Mund sah er zu mir, dann zur Tür, dann wieder zu mir.</p>



<p>Schließlich ließ er sich auf die Knie sinken und begann bitterlich zu weinen. Da ich nicht wusste, was ich sonst tun sollte, setzte ich mich neben ihn. Ich legte meinen Arm um ihn und drückte ihn an mich.</p>



<p>„Wir finden eine Lösung“, sagte ich leise. „Du … du musst sie nicht töten!“</p>



<p>Jetzt sah er mich mit großen Augen an. „Denkst du, ich <em>möchte</em> sie töten? Du warst bei Junko damals nicht dabei. Ich habe alles versucht. Aber irgendwann kommt sie frei. Irgendwann kam sie immer frei. Wir haben viele Jahre lang versucht, sie einzusperren. Und trotzdem ist sie alle paar Monate wieder entkommen und mit dem Gesicht voller Blut aufgewacht. Manchmal haben wir in der Zeitung gelesen, wen sie getötet hat. Doch die meiste Zeit … Sie wollte so nicht mehr weiterleben!“</p>



<p>Würde das Hinata auch passieren? Würde sie entkommen und jemanden umbringen? Aber nein. Das würde ich nicht zulassen!</p>



<p>„Damals warst du mit Junko aber ganz alleine. Jetzt sind wir zu zweit“, versuchte ich, ihn zu überzeugen.</p>



<p>Makoto starrte wie versteinert zu Boden. „Du warst nicht dabei …“, wiederholte er. „Ich schaffe das nicht noch ein zweites Mal.“ Jetzt sah er mich an. In seinen Augen lag eine tiefe Trauer, die ich seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. „Ich fahre zu meinen Eltern. Tu, was auch immer du tun musst. Wofür du dich auch entscheidest, ich stehe hinter dir. Aber zuerst brauche ich etwas Zeit …“</p>



<p>Mit diesen Worten verschwand er im Schlafzimmer. Er zog sich an und kam mit einem Koffer zurück in den Flur.</p>



<p>„Ai, wenn du irgendetwas brauchst … wenn <em>ihr</em> irgendetwas braucht, könnt ihr mich jederzeit anrufen“, sagte er. Dann ging er zur Eingangstür und war verschwunden.</p>



<p>Ich muss gestehen, dass ich wütend war. Wieso ließ Makoto uns jetzt, in einer Situation, mit der er viel mehr Erfahrung hatte, alleine. Andererseits konnte ich es verstehen. Nach Junkos Tod hatte es Jahre gedauert, bis Makoto sich wieder auf Dates eingelassen hatte. Und es dauerte noch länger, bis diese tiefe Traurigkeit aus seinen Augen verschwunden war.</p>



<p>Aber auch wenn ich mich im Stich gelassen fühlte, so würde ich nicht zulassen, dass es Hinata genauso ging. Ich blieb die gesamte Nacht direkt bei ihrer Tür sitzen.</p>



<p>Immer wieder hörte ich, wie sie gegen die Tür oder die Wand rammte. Ich hörte Möbel umstürzen. Einmal hörte ich ein sogar etwas Hölzernes splittern.</p>



<p>Es machte mich fertig, dass ich nicht zu ihr konnte. Ich war völlig machtlos und konnte nichts anderes tun, als auf den Tagesanbruch zu warten.</p>



<p>Als endlich die ersten Sonnenstrahlen zum Fenster hereinfielen, wurde es ruhig in Hinatas Zimmer. Trotzdem zwang ich mich, noch einige Minuten sitzen zu bleiben, bevor ich zu ihr hinein ging.</p>



<p>Hinata war bereits wach. Sie saß auf dem Bett und starrte gedankenverloren in den Raum. Überall lagen Sachen herum. Das Poster ihrer Lieblingsband war von der Wand gerissen, ein billiger Kleiderschrank umgekippt und ihr Kleiderständer, von dem ich gestern noch den Schal genommen hatte, lag zerbrochen am Boden.</p>



<p>„Es ist letzte Nacht passiert, oder?“, fragte sie, ohne aufzusehen.</p>



<p>„Ja“, sagte ich leise und setzte mich zu ihr.</p>



<p>Wir schwiegen einen Moment.</p>



<p>„Tut das weh?“, fragte ich schließlich und deutete auf ihre Stirn.</p>



<p>Verwundert fasste sie sich an die blutige Schramme, die sie nicht bemerkt zu haben schien. Ich holte ihr ein Pflaster.</p>



<p>„Du hast ganz schön gewütet“, erklärte ich, während ich die Wunde versorgte. „Papa ist wach geworden. Ihn hat das ganze ziemlich fertig gemacht. Er hat gesagt, dass er es nicht mitansehen könne und ist zu Oma und Opa gefahren.“</p>



<p>Hinata antwortete nicht. In dem Moment, als ich meinen Arm um sie legte, brach sie in Tränen aus und vergrub ihr Gesicht an meiner Schulter.</p>



<p>„Ich kann mich nicht einmal daran erinnern“, schluchzte sie. „Ich hab mein gesamtes Zimmer auseinandergenommen und kann mich an keine einzige Sekunde davon erinnern! Was, wenn ich jemandem wehtue? Wenn ich irgendwie herauskomme? Ich bin ein Monster! Sogar Papa hat Angst vor mir!“</p>



<p>„Papa hat keine Angst vor dir. Er hat Angst um dich“, korrigierte ich sie. „Er wird etwas Zeit brauchen, aber wenn wir ihm zeigen können, dass wir dich unter Kontrolle haben …“</p>



<p>„Und wie willst du das schaffen?“, unterbrach sie mich. „Wie willst du mich daran hindern, dass ich jemanden angreife? Ich hätte nur die Scheibe einschlagen müssen und …“, ihre Stimme versagte.</p>



<p>Darüber hatte ich mir selbst schon Gedanken gemacht. Ich griff nach ihrem Handgelenk. „Komm mit“, forderte ich sie auf.</p>



<p>Hinata folgte mir ohne Widerworte. Ich führte sie in einen kleinen Abstellraum. Hier standen zwar überall Kartons, Putzmittel, ein Staubsauger und andere Sachen herum, wenn wir den Raum jedoch leerräumten, würde er sich anbieten.</p>



<p>„Er stinkt zwar etwas nach Reinigungsmittel, dafür hat er aber ein Gitter vor dem Fenster“, erklärte ich.</p>



<p>Hinata zeigte nur wenig Reaktion, half mir dann aber dabei, den Raum leerzuräumen.</p>



<p>Anschließend machten wir uns daran, die Wände und den Boden mit allerlei Stoff auszukleiden: Decken, Kissen, sogar Stofftiere. Wir versuchten alles, damit Hinata sich nicht wieder verletzen konnte.</p>



<p>Zu guter Letzt trugen wir Hinatas Bettmatratze in den Raum und legten sie auf den Boden. Es sah nicht sonderlich bequem aus, war aber wohl die sicherste Lösung.</p>



<p>Als wir fertig waren, waren wir beide ziemlich erschöpft. Trotzdem erlaubte ich Hinata nicht, sich alleine auf ihr Zimmer zurückzuziehen. Wir verbrachten den gesamten Tag zusammen, damit wir beide uns gegenseitig ablenken konnten.</p>



<p>Je später es wurde, desto weniger gelang uns das jedoch. Als wir gemeinsam das Abendessen kochten, sprachen wir dabei fast kein Wort.</p>



<p>Bald war es schließlich so weit, dass Hinata in ihr neues Schlafzimmer gehen musste. Ich brachte sie ins Bett, klebte ihr auf ihre Erlaubnis hin das Klebeband über den Mund und schloss die Tür von außen ab.</p>



<p>In dieser Nacht konnte ich deutlich besser schlafen. Ich war hundemüde von der ganzen Vorbereitung für Hinatas neues Schlafzimmer. Daher dauerte es nicht lange, bis ich trotz aller Sorgen einschlief.</p>



<p>Mitten in der Nacht wurde ich jedoch gewaltsam aus dem Schlaf gerissen. Ein stechender Schmerz fuhr durch meinen Arm.</p>



<p>Desorientiert sah ich mich im Halbdunkel um.</p>



<p>„Hinata?“, fragte ich verwirrt.</p>



<p>Aber nein, das war nicht meine Tochter – zumindest nicht meine gesamte Tochter. Es war bloß ihr Kopf! Der stechende Schmerz kam von einer Wunde an meinem Oberarm. Hinata war gerade dabei, mein Blut zu trinken!</p>



<p>Panisch zog ich meinen Arm weg. Hinata starrte mich an. Das Klebeband, was eigentlich ihren Mund verdeckt hatte, hatte sich gelöst und hing jetzt nur noch an ihrer Wange.</p>



<p>Moment. Das Klebeband! Panisch packte ich den Kopf bei den Haaren und presste ihr meine andere Hand auf den Mund. Wenn die Legenden stimmten, würde der Schrei einer Nukekubi mich vollständig lähmen. Dann würde ich mich nicht mehr gegen sie wehren können!</p>



<p>Hinata biss mit voller Kraft in meine Handfläche. Doch ich ließ den Schmerz über mich ergehen. Ich nahm meine Hand nicht weg.</p>



<p>Vorsichtig schob ich meine Beine aus dem Bett. Ich setzte mich auf, während Hinata sich unter meinem Griff wandte und mich wieder und wieder Biss. Jetzt durfte ich mir keinen Fehler erlauben!</p>



<p>Ich schloss die Augen und nahm einige tiefe Atemzüge. Als ich all meinen Mut zusammen hatte, zog ich Hinata dicht an meinen Körper und schleuderte den Kopf in den Raum.</p>



<p>Während sie sich noch in der Luft fing, sprintete ich zur Schlafzimmertür. Ich riss sie hinter mir zu.</p>



<p>Im selben Moment ertönte ein markerschütternder Schrei aus dem Schlafzimmer. Schnell presste ich mir die Hände an die Ohren.</p>



<p>Im nächsten Moment sah ich, wie etwas an der Türklinke ruckelte. Sie versuchte, die Tür zu öffnen!</p>



<p>Ohne weiter darüber nachzudenken, rannte ich in Hinatas neues Schlafzimmer. Es war noch immer verschlossen. Hinata war also nicht durch die Tür gekommen.</p>



<p>Ich schloss das Zimmer auf. Dann zog den Schlüssel aus dem Schloss, betrat hastig ich den Raum, schaltete das Licht ein und verschloss die Tür von innen.</p>



<p>Für einen Moment blieb ich entsetzt stehen. Dort lag Hinatas Körper auf ihrer Matratze. Sie war nur halb zugedeckt, sodass ich ihren blauen Pyjama sehen konnte. Es sah unwirklich aus. Ohne ihren Kopf wirkte es fast so, als würde eine kopflose Puppe ihre Kleidung tragen.</p>



<p>Dann fiel mein Blick auf das Fenster. Nicht nur, dass sie es geschafft hatte, es zu öffnen. Sie hatte auch das Gitter entfernt. Wahrscheinlich hatte sie es solange gerammt, bis die Schrauben aus der Wand gerissen waren.</p>



<p>Jetzt wurde mir noch etwas anderes schmerzlich bewusst: Hinata hatte mich gebissen. Nur knapp war ich mit dem Leben davon gekommen – und das bereits in der zweiten Nacht ihrer Verwandlung. Was, wenn sie nicht zurück in unser Haus, sondern in das Haus der Nachbarn geflogen wäre?</p>



<p>Makoto hatte recht. Wie sollte Hinata so jemals ein glückliches Leben führen? Irgendwann würde sie einen Weg hinaus finden und schließlich tatsächlich einen Mord begehen. Und selbst, wenn wir das verhindern könnten, würde sie niemals eine Beziehung haben, niemals Kinder kriegen können. War dieses Leben wirklich lebenswert?</p>



<p>Schweren Herzens schloss ich das Fenster. Während Hinatas Kopf noch immer durch den Flur tobte, setzte ich mich zu ihrem Körper auf die Matratze. Meine Augen füllten sich mit Tränen, als ich mit meiner unverletzten Hand nach ihrer griff. Sie war warm und fühlte sich an, als würde Hinata tatsächlich nur schlafen.</p>



<p>Wieso? Wieso musste dieser fürchterliche Fluch ausgerechnet meine Tochter getroffen haben? Sie hatte doch nichts Falsches getan …</p>



<p>Plötzlich hörte ich, wie sich etwas an der Türklinke zu schaffen machte. Sie wurde mit rüttelnden Bewegungen nach unten gedrückt. Als Hinata schließlich feststellte, dass die Tür abgeschlossen war, ließ sie von der Klinke ab. Sie stieß erneut einen fürchterlichen Schrei aus.</p>



<p>Dann begann sie, wieder und wieder gegen die Tür zu rammen. Es war unerträglich. In meinem Kopf spielten sich Bilder ab, wie ihr Kopf immer wieder gegen die Tür schlug.</p>



<p>Ich rollte mich neben ihrem Körper auf der Matratze zusammen und schloss ihn fest in meine Arme. Es würde das letzte Mal sein, dass ich meine Tochter halten konnte.</p>



<p>Schließlich hörte der Lärm an der Tür auf. Hinata stieß noch einen letzten hasserfüllten Schrei aus, bevor Ruhe einkehrte.</p>



<p>Unruhig sah ich zum Fenster. Es dämmerte bereits, aber war die Sonne auch schon aufgegangen?</p>



<p>Die Antwort auf diese Frage sollte ich keine fünf Sekunden später bekommen: Mit voller Wucht klatschte plötzlich Hinatas Kopf gegen die Scheibe.</p>



<p>Daran hatte ich nicht gedacht. Jetzt, wo das Gitter weg war, würde sie das Fenster sicherlich einschlagen können!</p>



<p>Wieder donnerte sie gegen die Scheibe.</p>



<p>Ich reagierte blitzschnell, rollte Hinatas Körper von der Matratze und stemmte sie gegen die Wand mit dem Fenster. Anschließend presste ich mich mit meinem gesamten Gewicht gegen den Stoff – und das keine Sekunde zu früh: Ich hörte, wie das Glas splitterte.</p>



<p>Dann warf sich auch schon ein wütender Kopf gegen die Matratze. Er war kräftiger, als ich gedacht hätte. Trotzdem hatte ich keine Probleme, die Matratze zu halten.</p>



<p>Plötzlich ertönte jedoch ein lauter, markerschütternder Schrei, der durch die Matratze kaum gedämpft wurde. Mein ganzer Körper spannte sich plötzlich an. Meine Muskeln verkrampften, sodass ich mich nicht mehr bewegen konnte. Die Legenden waren wahr! Ihr Schrei hatte mich gelähmt!</p>



<p>Jetzt war die Gegenwehr noch stärker. Wieder und wieder rammte Hinatas Kopf gegen die Matratze. Zum Glück war mein Körper in so einer Position verkrampft, dass ich noch immer an der Matratze lehnte. Meine Füße rutschten jedoch mit jedem Stoß, der durch die Matratze führ, ein kleines Stückchen weiter. Lange würde ich so nicht mehr stehenbleiben!</p>



<p>Ganz plötzlich hörten die Stöße jedoch auf. Draußen hörte ich einen dumpfen Aufprall.</p>



<p>Es dauerte noch ein wenig, bis ich meinen Körper endlich wieder bewegen konnte. Dann nahm ich vorsichtig die Matratze ein Stück von der Wand und spähte aus dem zerbrochenen Fenster. Die Sonne war aufgegangen. Hinata war tot.</p>



<p><b>Bleibt auf dem Neusten Stand und folgt mir auf:</b></p>
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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p>Nukekubi sind <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/yokai" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Yōkai</a>, die den <a href="https://www.geister-und-legenden.de/rokurokubi" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Rokurokubi</a> sehr ähnlich sind. Im Gegensatz zu den Rokurokubi können sie ihren Hals jedoch nicht mehrere Meter lang strecken, sondern lösen ihren Kopf nachts komplett vom Körper. Außerdem sollen Nukekubi deutlich bösartiger und gefährlicher sein.</p>



<p>Das Wort Nukekubi kommt wahrscheinlich von den japanischen Wörtern „Nuke“ (抜け = vermisst, unauffindbar, verschwunden) und „Kubi“ (首 = Kopf, Hals, Nacken). Es bedeutet somit „verschwundener Kopf“ oder „verschwundener Hals“.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p>Im Gegensatz zu den Rokurokubi können Nukekubi auch männlich sein. In den meisten Geschichten sind sie jedoch weiblich.</p>



<p>Tagsüber sehen sie wie völlig normale Frauen – oder in seltenen Fällen Männer – aus. An ihrem Hals besitzen sie jedoch rote Male, Symbole oder Linien, an denen man sie identifizieren kann. Aus diesem Grund tragen sie häufig einen hohen Kragen oder Schal, um nicht aufzufallen.</p>



<p>Nachts löst sich ihr Kopf dann von dem schlafenden Körper, um sich schwebend auf die Suche nach Opfern zu machen, bis er am Morgen zum Körper zurückkehrt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Entstehung:</h3>



<p>Ähnlich wie bei den Rokurokubi wird davon ausgegangen, dass es sich bei den Nukekubi um einen <a href="http://www.geister-und-legenden.de/geschichten/flueche" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Fluch</a> oder eine Strafe handelt.</p>



<p>Man kann also etwas sehr Verwerfliches getan haben, wofür man als Strafe in einen Nukekubi verwandelt wurde oder verflucht worden sein.</p>



<p>Des Weiteren heißt es, dass die Strafe oder der Fluch vererbbar sind. Somit können Kinder einer oder zweier Nukekubi ebenfalls zu Nukekubi werden. Sie sollen sich jedoch erst verwandeln, wenn sie älter werden.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p>Nukekubi verhalten sich tagsüber völlig unauffällig. Man kann sie daher nur an ihrem Hals erkennen.</p>



<p>Nachts jedoch, wenn sich ihr Kopf von ihrem Körper getrennt hat, werden sie zu blutrünstigen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Monstern</a>. Sie suchen sich schlafende Menschen oder Tiere, deren Blut sie trinken oder die sie beißen können – häufig sogar bis zum Tod.</p>



<p>Außerdem sollen sie schrille Schreie ausstoßen, die so furchteinflößend klingen, dass ihre Opfer davon gelähmt werden.</p>



<p>Da sich ihr Kopf vollständig vom Körper löst, können sie sehr große Entfernungen zurücklegen und sich weit entfernt von ihrem Schlafplatz bewegen. Hierin liegt jedoch auch ihre größte Schwäche: Wenn man ihren Körper versteckt, sodass sie ihn bei Tagesanbruch nicht wiederfinden, sterben sie. In dieser Hinsicht sind sie den philippinischen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/manananggal" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Manananggal</a> oder den thailändischen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/krasue" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Krasue</a> sehr ähnlich.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p>Es gibt keine wirklich örtliche Begrenzung, wo Nukekubi vorkommen können. Da es sich jedoch um eine japanische Legende handelt, finden die Sichtungen fast ausschließlich in Japan statt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p>Woher die Nukekubi genau kommen, ist nicht bekannt. Man weiß nur, dass sie bereits sehr alt sein sollen.</p>



<p>Es wird aber vermutet, dass die sich selbstständig machenden Köpfe symbolisch für das Schlafwandeln stehen könnten.</p>



<p>Andererseits gibt es Theorien, dass es ein symbolischer Bezug auf neugierige Frauen sein könnte, die mit ihrem Kopf oder ihrer Aufmerksamkeit an einem völlig anderen Ort sind.</p>



<p>Außerdem habe ich häufiger gelesen, dass die <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Legende</a> der Nukekubi aus der Legende der Rokurokubi entstanden sei. (Anmerkung: Diese Aussage scheint jedoch stark umstritten zu sein. Bei meiner Recherche zu den Rokurokubi habe ich z.B. das genaue Gegenteil gelesen – also, dass die Rokurokubi-Legende aus der Nukekubi-Legende entstanden sei.)</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<p><em>Was haltet ihr von den Nukekubi? Glaubt ihr, dass ein solcher Fluch vererbt werden könnte? Wie würdet ihr reagieren, wenn eure Tochter sich in ein solches Wesen verwandelt hätte? Schreibt es mit in die Kommentare!</em></p>



<p><em>Wenn ihr mehr solche Geschichten oder Legenden lesen wollt, abonniert auch gerne meinen <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.geister-und-legenden.de/newsletter" target="_blank">Newsletter</a>, oder folgt mir auf <a rel="noreferrer noopener" href="https://twitter.com/geisterlegenden" target="_blank">Twitter</a>, <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.facebook.com/geisterlegenden/" target="_blank">Facebook</a> oder <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.instagram.com/geisterlegenden/" target="_blank">Instagram</a>!</em></p>
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		<title>La maison qui saigne &#8211; das blutende Haus</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 20 Apr 2020 13:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Dämonen]]></category>
		<category><![CDATA[Flüche]]></category>
		<category><![CDATA[Geister]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Urbane Legenden]]></category>
		<category><![CDATA[blutendes haus]]></category>
		<category><![CDATA[Dämon]]></category>
		<category><![CDATA[Fluch]]></category>
		<category><![CDATA[Frankreich]]></category>
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		<category><![CDATA[Legende]]></category>
		<category><![CDATA[urbane Legende]]></category>
		<category><![CDATA[weibliche Protagonistin]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Dies ist keine urbane Legende. Keine Geschichte, die sich die Leute ausgedacht haben. Nein. Es ist real. Es sind Ereignisse, die mir tatsächlich widerfahren sind.<br />
Mein Name ist Lucie Belmer und ich habe mit meinem Mann Jean-Marc in jenem Haus gelebt, das heute nur noch „la maison qui saigne“ genannt wird – das blutende Haus ...</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg08.met.vgwort.de/na/7216e92601734dc89564d36b11fe469b" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p>Das blutende Haus (la maison qui saigne) ist ein Haus in Frankreich, in dem sich in den 80er Jahren seltsame Dinge ereignet haben. Den Namen des Hundes der Familie, die zu der Zeit in dem Haus lebte, habe ich leider nicht herausgefunden, weswegen ich ihn in der Geschichte nur als „Hund“ bezeichne.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p>Dies ist keine urbane Legende. Keine Geschichte, die sich die Leute ausgedacht haben. Nein. Es ist real. Es sind Ereignisse, die mir tatsächlich widerfahren sind.</p>



<p>Mein Name ist Lucie Belmer und ich habe mit meinem Mann Jean-Marc in jenem Haus gelebt, das heute nur noch „la maison qui saigne“ genannt wird – das blutende Haus.</p>



<p>Es war das Jahr 1986. Wir waren gerade erst nach Saint-Quentin gezogen, als es zu den ersten Zwischenfällen kam – als das Haus das erste Mal blutete.</p>



<p>Zuerst entdeckte ich die roten Flecken nur auf dem Küchentisch. Sie waren eingetrocknet. Ich dachte mir nichts dabei, vermutete, dass sie beim Umzug entstanden waren oder der Tisch nicht ganz sauber war. Ohne einen weiteren Gedanken daran zu verschwenden, wischte ich sie mit einem feuchten Lappen weg.</p>



<p>Dann tauchten jedoch noch weitere seltsame Flecken im Haus auf. Noch am selben Abend fand ich welche auf unserer Bettwäsche. Sie waren in einem ähnlichen Muster angeordnet wie die Flecken in der Küche. Es erinnerte mich an Schlammspritzer, die entstanden, wenn man durch eine Pfütze fuhr. Nur, dass sie rot waren.</p>



<p>‚<em>Beinahe wie Blut …</em>‘, schoss es mir in den Kopf.</p>



<p>Leichtes Unbehagen breitete sich in mir aus. Aber wo sollte hier schon Blut herkommen?</p>



<p>Ich suchte die Decke ab. War es heruntergetropft? Nein, die Decke sah völlig normal aus. Ich sah mich im Zimmer um.</p>



<p>„Was zum …“, stieß ich aus.</p>



<p>An der Wand waren noch mehr der seltsamen Punkte. An der frisch gestrichenen Wand!</p>



<p>Jetzt schaltete ich Jean-Marc ein. Er hatte sofort eine Erklärung dafür.</p>



<p>„Das liegt wahrscheinlich an der Farbe. Wir hätten für das Streichen eine bessere Qualität nehmen sollen“, erklärte mein Mann.</p>



<p>Wie die Flecken auf den Küchentisch oder das Bettzeug kommen konnte, wusste er jedoch auch nicht.</p>



<p>Uns blieb also nichts anderes übrig, als die Flecken zu entfernen, das Bett neu zu beziehen und den Vorfall zu vergessen. Was hätten wir auch anderes tun sollen? Es waren schließlich nur Flecken.</p>



<p>Das nächste seltsame Ereignis ließ jedoch nicht lange auf sich warten. Wenige Stunden später wurden Jean-Marc und ich plötzlich von einem furchtbaren Lärm geweckt. Es klang, als wäre ein Regal am Zusammenbrechen. Ein fürchterliches Scheppern und Klappern, als würden Töpfe und Pfannen gegeneinanderschlagen.</p>



<p>Zuerst verdächtigten wir unseren gemeinsamen Hund. Der schlief jedoch völlig ruhig in seinem Körbchen. Der Lärm weckte ihn nicht einmal.</p>



<p>„Komm, wir gehen nachsehen“, schlug mein Mann vor.</p>



<p>„Bist du verrückt? Was, wenn das ein Einbrecher ist?“, zischte ich ihm zu.</p>



<p>„Dann werden wir schon mit ihm fertig. Außerdem würde ein Einbrecher eher vermeiden, so viel Lärm zu machen. Denkst du nicht?“</p>



<p>Das klang logisch. Da ich keine Gegenargumente hatte, blieb ich dicht hinter ihm, während wir nach unten gingen.</p>



<p>Bei jeder knarrenden Diele, jeder Treppenstufe, die unter unseren Füßen ächzte, zuckte ich zusammen. Jedes Mal, wenn Jean-Marc das Licht zum nächsten Raum einschaltete, rechnete ich damit, eine fremde Gestalt zu sehen.</p>



<p>Eigentlich war ich kein ängstlicher Mensch. Ich war nicht einmal schreckhaft. Doch dieses Haus war mir zu fremd. Das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit fehlte noch.</p>



<p>Als im Erdgeschoss schließlich alle Lichter eingeschaltet waren und wir die wenigen Räume mehrfach untersucht hatten, gaben wir auf. Wir konnten nicht herausfinden, woher die Geräusche gekommen waren. Sogar in unseren Regalen, in denen die Töpfe und Teller standen, war noch alles so, wie wir es hinterlassen hatten.</p>



<p>Plötzlich fasste sich Jean-Marc an die Stirn. „Schatz, wir wohnen in einem Reihenhaus! Wahrscheinlich kam der Lärm von einem Nachbarn.“</p>



<p>Aber natürlich! Früher hatten wir immer alleine gewohnt. Wenn es ein Geräusch im Haus gab, kam es aus <em>unserem</em> Haus. Hier hingegen hätte es von überall kommen können …</p>



<p>Mit Jean-Marcs Theorie zufrieden gingen wir wieder ins Bett. Die restliche Nacht schlief ich wie ein Stein.</p>



<p>Doch meine Ruhe hielt nicht lange an. Bereits am nächsten Tag waren die seltsamen roten Flecken wieder da. Sie waren wieder an der Schlafzimmerwand, als hätten wir sie nie weggewischt.</p>



<p>Jean-Marc hatte natürlich wieder eine Erklärung parat. Die frische Farbe an der Wand könne Rückstände absondern. Vielleicht sähe die Wand im feuchten Zustand auch nur sauber aus. Sobald sie trocken war, wären die Flecken wieder zum Vorschein gekommen.</p>



<p>Ich hätte die Erklärungen anzweifeln können. Was für Rückstände hätten das schon sein sollen? Auch war ich mir sicher, dass ich die Wand gründlich abgeschrubbt hatte, sodass die Flecken nicht nur wegen der Feuchtigkeit nicht mehr sichtbar gewesen sein konnten.</p>



<p>Doch ich glaubte ihm. Ich wollte ihm glauben. Immerhin würde er noch heute losfahren. Mein Mann arbeitete als LKW-Fahrer. Ich würde fünf Tage alleine in dem Haus verbringen müssen …</p>



<p>Und was für fünf Tage das waren …! Einer war schlimmer als der Andere. Nicht nur, dass die blutroten Flecken immer wieder kamen, sich in neuen Räumen zeigten, auf der Kleidung auftauchten, die im Schrank verstaut war, der nächtliche Lärm kam auch noch jede Nacht zurück – und er wurde schlimmer!</p>



<p>Was zuerst nur ein Scheppern und Klappern war, mischte sich jetzt mit Geschrei. Später kam sogar ein geisterhaftes Geflüster hinzu. Es klang, als säße jemand direkt neben meinem Bett und flüstere Worte in einer mir unbekannten Sprache.</p>



<p>Nach der ersten schlaflosen Nacht konnte ich nur halbwegs meine Ruhe finden, indem ich einen Stuhl unter die Türklinke klemmte und meinem Hund erlaubte, im Bett zu schlafen.</p>



<p>Außerdem war da noch die Kellertür, die ein Eigenleben zu führen schien. Sie öffnete sich von alleine, stand teilweise spontan sperrangelweit offen, oder schloss sich von selbst, während ich im Keller war.</p>



<p>Es war zum Verzweifeln. Das Einzige, was mich bei Verstand hielt, war der Gedanke daran, dass Jean-Marc bald wieder bei mir wäre. Trotzdem war ich kurz davor, mir ein Hotelzimmer zu nehmen, als es endlich so weit war.</p>



<p>Als ich ihm die Tür öffnete, kam er gut gelaunt auf mich zu geschlendert. Er pfiff sogar dabei. Als er mich bemerkte, entglitten ihm sämtliche Gesichtszüge.</p>



<p>„Oh Gott, Lucie. Was ist passiert?“, fragte er erschrocken.</p>



<p>Unter Tränen erklärte ich ihm, was geschehen war.</p>



<p>Er spielte es herunter, dachte, ich würde übertreiben. „Wenn die Nachbarn nächste Nacht wieder so laut sind, reichen wir Beschwerde ein!“, versuchte er, mich zu beruhigen.</p>



<p>„Nein, du verstehst nicht. Es sind nicht die Nachbarn!“, schluchzte ich.</p>



<p>Doch Jean-Marc wollte mir nicht glauben. Er schob es auf die Einsamkeit und die noch ungewohnte Umgebung. Ich wäre wegen der seltsamen Farbflecken zu paranoid. Würde mir die Dinge nur einbilden.</p>



<p>In der folgenden Nacht sah er es jedoch anders. Wir beide taten nicht ein einziges Auge zu. Mein Mann stimmte sogar zu, dass wir die Tür wieder mit dem Stuhl blockieren sollten. Das sah ihm ganz und gar nicht ähnlich …!</p>



<p>Direkt am nächsten Morgen gingen wir zur Polizei. Die Beamten glaubten uns genauso wenig, wie Jean-Marc mir am Vortag. Sie sahen nur zwei völlig übermüdete Menschen. Eine von ihnen trug kein Make-up, hatte Augenringe und zerzauste Haare. Vernünftig auszusehen war das Letzte, was mich derzeit kümmerte.</p>



<p>Ein Beamter begleitete uns zwar, befragte kurz die Nachbarn, die meinten, dass sie nichts gehört oder gesehen hatten, begutachtete die Flecken an unseren Wänden und meinten, dass unser Hund vielleicht eine Schwanzverletzung habe, wegen der er das Blut an die Wand wedeln würde.</p>



<p>Natürlich gingen wir der Sache nach. Doch selbst der Tierarzt, zu dem wir gingen, konnte nicht einen einzigen Kratzer an unserem Hund finden – geschweige denn eine blutige Wunde.</p>



<p>Da die Polizei uns nicht helfen wollte, Jean-Marc sich jedoch weiterhin weigerte, an einen übernatürlichen Vorfall zu glauben, unternahmen wir einen letzten verzweifelten Versuch: Wir kauften mehrere Kilo Mehl, die wir überall im Erdgeschoss auf dem Boden verteilten. Zuvor hatten wir sämtliche Wände gründlich gereinigt. Wenn jetzt irgendjemand oder irgendetwas im Haus war, würde es im Mehl Spuren hinterlassen.</p>



<p>Anschließend fuhren wir in ein Hotel. Es war die erste Nacht, in der ich endlich in Ruhe schlafen konnte. Selbst die Spannung, die in der Luft lag, die Erwartung, die Angst vor dem, was der nächste Tag bringen könnte, hielt mich nicht davon ab. Ich war zum ersten Mal seit einer Woche endlich wieder ausgeruht.</p>



<p>Als wir uns unserem Haus näherten, spürte ich jedoch, wie die Anspannung wieder zunahm. Mir wurde leicht übel. Was, wenn wir nichts fanden? Was, wenn sich im Haus nichts mehr getan hatte? Ich wollte doch bloß ein normales Leben führen. In einem normalen Haus wohnen. Mich dort zu Hause fühlen können.</p>



<p>Einige Schaulustige hatten sich versammelt – hauptsächlich Nachbarn von uns. Sie hatten scheinbar Wind von unserer kleinen Aktion bekommen.</p>



<p>Ich spürte ihre neugierigen Blicke im Nacken, während wir uns der Tür näherten. Ich kam mir leicht beschämt vor. Was dachten sie wohl über uns?</p>



<p>Dann hörte ich, wie Jean-Marc den Schlüssel ins Schloss steckte. Es rasselte einige Male. Dann öffnete er die Tür mit einem leisen Quietschen.</p>



<p>Neugierig warf ich einen Blick ins Haus … Und erstarrte. Ich hatte mit einigem gerechnet: Spuren ihm Mehl, unzähligen roten Punkten an der Wand, keiner Veränderung. Doch was ich vor mir sah, traf mich wie ein Schlag gegen Kopf.</p>



<p>Überall klebte rote Flüssigkeit an den Wänden. Sie zog dunkelrote Spuren über die Tapete. Es sah aus, als würde Blut aus tiefen Wunden fließen. Doch das Schlimmste war, dass wir nicht eine einzige Spur im Mehl finden konnten …</p>



<p>Die Polizei war fast sofort vor Ort. Wir erfuhren noch am selben Tag, dass es sich bei der Flüssigkeit um Blut handelte. Einige Tage später kamen die Laborergebnisse. Es war eindeutig Menschenblut.</p>



<p>Bleibt noch zu sagen, dass wir das Haus insgesamt nur noch dreimal betreten hatten: Einmal, um ein Medium erfolglos nach einer Ursache suchen zu lassen, ein anderes Mal, um einen Priester das Haus erfolglos reinigen zu lassen und ein letztes Mal, um endlich auszuziehen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p>La maison qui saigne (französisch für „das Haus, das blutet“) – im Deutschen häufig „Das blutende Haus“ genannt – ist ein Haus in Saint Quentin, Frankreich.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Zwischenfälle:</h3>



<p>Das blutende Haus hat seinen Namen aufgrund mehrerer scheinbar übernatürlicher Ereignisse aus dem Jahr 1986.</p>



<p>Alles begann, als ein junges Paar – Lucie und Jean-Marc Belmer – gemeinsam mit ihrem Hund in dem Haus eingezogen sind. Jean-Marc war LKW-Fahrer, weswegen Lucie häufig mit ihrem Hund alleine war.</p>



<p>Zuerst fand Lucie lediglich einige eingetrocknete rote Flecken auf dem Küchentisch. Sie dachte sich nichts weiter dabei, weswegen sie die Flecken entfernte.</p>



<p>Kurz darauf tauchten jedoch weitere unerklärliche rote Flecken auf – an den Wänden, auf der Bettwäsche, auf der Kleidung. Immer, wenn man sie entfernte, waren sie am nächsten Tag wieder da.</p>



<p>Das Paar blieb aber weiterhin ruhig und erklärte sich, dass es wahrscheinlich mit den frisch gestrichenen Wänden zusammenhing.</p>



<p>Dann kamen jedoch weitere unerklärliche Phänomene hinzu. So gab es nachts laute Geräusche. Je nach Aussage reichen diese Geräusche von scheppernden Töpfen über zerbrechendes Porzellan und seltsames Flüstern bis hin zu Schreien.</p>



<p>Aber auch hier suchte das Paar nach einer logischen Erklärung und schob die Geräusche auf die Nachbarn.</p>



<p>Außerdem öffnete und schloss sich die Kellertür scheinbar von selbst.</p>



<p>Als die Phänomene nicht aufhörten, soll Lucie schließlich Angst bekommen haben. Es ging so weit, dass das Paar die Polizei einschaltete.</p>



<p>Neben weiteren Vermutungen – z.B. dass der Hund eine Verletzung am Schwanz haben könne, die beim Wedeln die Flecken erzeugen würde – konnte die Polizei jedoch nichts tun.</p>



<p>Familie Belmer beschloss schließlich, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Sie reinigten sämtliche rote Flecken im Haus und verteilten über all Mehl auf dem Boden. Anschließend verließen sie das Haus und übernachteten auswärts.</p>



<p>Als sie am nächsten Tag zurückkamen, sollen die Wände jedoch voller roter Flüssigkeit gewesen sein, als würde Blut aus einer frischen Wunde laufen. Das Mehl hingegen war völlig unverändert und wies keine Spuren eines Eindringlings aus. Die Polizei wurde erneut eingeschaltet.</p>



<p>Hier kommt der einzig bestätigte gruselige Fakt ins Spiel: Als die Polizei die Flüssigkeit untersuchte, stellten sie fest, dass es sich um menschliches Blut handelte – wenn auch kein frisches.</p>



<p>Als Folge hierauf haben Lucie und Jean-Mark Belmer ein Medium und einen Priester zu Rate gezogen.</p>



<p>Darüber, ob der Priester helfen konnte, sind sich die Leute im Internet uneinig. Fakt ist, dass die Belmers irgendwann aus dem Haus ausgezogen sind und bis heute von den neuen Bewohnern keine weiteren Phänomene gemeldet wurden. Im Gegenteil: Einer der Bewohner hat explizit gesagt, dass ihm in dem Haus nie etwas Unerklärliches widerfahren sei.</p>



<p>Man findet im Internet außerdem allerlei falsche Gerüchte. Das bekannteste von ihnen – dass das Haus auf Empfehlung des Priesters abgerissen wurde, woraufhin man Überreste von über 50 deutschen Soldaten aus dem Ersten oder Zweiten Weltkrieg gefunden habe – ist zwar inzwischen weiter verbreitet, als die Wahrheit, jedoch reine Fiktion.</p>



<p>Das blutende Haus steht noch heute – nur, dass es nicht mehr blutet.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ort des Geschehens:</h3>



<p>Das blutende Haus steht in der französischen Gemeinde Saint Quentin.</p>



<p>Die genaue Adresse werde ich hier nicht bekannt geben, da die neuen Besitzer bereits mehrfach über unerwünschten, teilweise nächtlichen Besuch von Schaulustigen beschwert hat.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Erklärung:</h3>



<p>Eine wirkliche Erklärung für das blutende Haus gibt es keine. Man weiß nicht, wer das Blut an den Wänden, auf der Wäsche, dem Küchentisch oder der Kleidung verteilt hat.</p>



<p>Auch weiß man nicht, wieso sich die Kellertür so seltsam verhalten hat oder wie die nächtlichen Geräusche entstanden sind (oder ob es sie überhaupt gab).</p>



<p>Es ranken sich viele Theorien um das blutende Haus und seine Ereignisse. So gibt es Leute, die von <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Geister</a>, <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/flueche" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Flüchen</a> oder gar <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/daemonen" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Dämonen</a> ausgehen.</p>



<p>Die am weitesten verbreitete Theorie ist jedoch, dass die Familie Belmer selbst für den Spuk gesorgt hat, um Aufmerksamkeit zu bekommen – vielleicht war Frau Belmer alleine mit ihrem Hund auch einfach nur langweilig.</p>



<p>Aber was wirklich in dem blutenden Haus passiert ist, wird wahrscheinlich ewig ein Rätsel bleiben.</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<p><em>Was haltet ihr davon? War das blutende Haus real oder hat die Familie Belmer es sich ausgedacht? Wie würdet ihre reagieren, wenn solche Ereignisse plötzlich in eurem Haus passieren? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>



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