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	<title>Rituale Archiv - Geister und Legenden</title>
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	<description>In diesem Blog schreibe und veröffentliche ich jeden zweiten Montag eine neue Legende und Geschichte über Geister oder andere übernatürliche Dinge. Viel Spaß beim Gruseln!</description>
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		<title>Tokoloshe – Lass ihn nicht aufs Bett!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 24 Nov 2025 14:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Es hatte kein Fell, sondern dunkle, schrumpelige Haut. Sein Gesicht, die Nase und Ohren, der haarlose Kopf. Es wirkte wie ein Mensch. Und zwischen seinen Lippen sah ich schiefe gelbe Zähne hervorblitzen, die ungewöhnlich spitz aussahen. Ich wusste sofort, was es war: Das war eindeutig ein Tokoloshe …</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.geister-und-legenden.de/tokoloshe">Tokoloshe – Lass ihn nicht aufs Bett!</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.geister-und-legenden.de">Geister und Legenden</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg02.met.vgwort.de/na/d0ef61034e9d4556b2b3d903b13119be" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p>Der Tokoloshe ist eines der bekanntesten Wesen des südafrikanischen Volksglaubens. Da ich schon länger vorhabe, mal wieder über eine afrikanische <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden">Legende</a> zu schreiben, habe ich mich für den Tokoloshe entschieden, ehe es in zwei Wochen mit winterlichen/<a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/weihnachten">weihnachtlichen</a> Geschichten weitergeht.</p>



<p>Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen</strong></summary>
<p>&#8211; Gewalt gegen Jugendliche<br>
&#8211; häusliche Gewalt<br>
&#8211; erwähnung Sexueller gewalt (erst unter &#8222;Die Legende&#8220;)</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p>Es war eine dieser Nächte, in denen ich partout nicht einschlafen konnte. Ich wälzte mich im Bett hin und her, drehte mich auf die linke Seite, dann auf die rechte. Aber was ich auch versuchte, wie ich mich auch hinlegte, ich konnte einfach nicht in die Welt der Träume eintauchen.</p>



<p>Trotzdem versuchte ich es weiter. Immerhin musste ich morgen in die Schule. Da wollte ich wenigstens einigermaßen ausgeschlafen sein.</p>



<p>Ich hatte mich gerade wieder mit dem Gesicht zur Wand gedreht, da hörte ich, wie sich meine Zimmertür öffnete.</p>



<p>Sofort schlug ich die Augen auf. Außer mir war nur Pa im Haus. Und wenn er um die Uhrzeit in mein Zimmer kam, dann nur, weil er wieder zu viel getrunken hatte.</p>



<p>Ich drehte mich langsam zu ihm um. Aber als ich gerade fragen wollte, was los sei, blieben mir die Worte im Hals stecken. Das war nicht mein Vater. Eine kleine, kindergroße Gestalt stand dort im Halbdunkel bei der geöffneten Tür und sah mich aus seinen kleinen Augen an.</p>



<p>Zuerst dachte ich noch, es wäre vielleicht ein Pavian, der sich irgendwie ins Haus geschlichen hat. Dann jedoch rannte das Wesen auf mich zu. Es war kein Pavian. Seine Bewegungen, wie es auf zwei Beinen lief, wirkten menschlich. Außerdem konnte ich es inzwischen besser erkennen. Es hatte kein Fell, sondern dunkle, schrumpelige Haut. Sein Gesicht, die Nase und Ohren, der haarlose Kopf. Es wirkte wie ein Mensch. Und zwischen seinen Lippen sah ich schiefe gelbe Zähne hervorblitzen, die ungewöhnlich spitz aussahen. Ich wusste sofort, was es war: Das war eindeutig ein Tokoloshe.</p>



<p>„Pa!“, brachte ich endlich hervor. „Paaa!“, rief ich erneut nach meinem Vater.</p>



<p>Das Haus war ziemlich hellhörig. Wenn er wach war, musste er mich gehört haben. Doch im Haus blieb alles ruhig.</p>



<p>Inzwischen hatte der Tokoloshe mein Bett fast erreicht. Ich drückte mich mit dem Rücken an die Wand und zog die Knie an die Brust. „Hilfe! Hilfeee!“, schrie ich jetzt aus voller Lunge.</p>



<p>Dann endlich tat sich etwas. Aus dem Flur kam ein Poltern. Dann ein Fluchen. „Scheiß Schrank“, hörte ich Pa lallen. Er war also tatsächlich betrunken. Trotzdem war er mir hundertmal lieber als ein schwarzmagisch beschworenes Wesen.</p>



<p>„Hilfe!“, schrie ich erneut. Inzwischen war ich dabei, nach dem Tokoloshe zu treten, um ihn daran zu hindern seinen kleinen Körper auf die Matratze zu ziehen. Mein Fuß klatschte gegen kalte Haut, ehe ich ihn schnell wieder zurückzog. Wer wusste schon, was das Ding mit mir anstellen würde, wenn er mich tatsächlich erreichte.</p>



<p>Und das versuchte es mit aller Kraft. Die Matratze reichte ihm bis knapp über die Brust. Seine kleinen Augen waren auf mich fixiert, sein Mund leicht geöffnet. Immer wieder versuchte es, sich in den Stoff zu krallen und seinen Körper auf die Matratze zu hieven, während ich panisch nach seinen Armen trat.</p>



<p>Plötzlich ging die Deckenlampe an. „Was ist los?“, lallte Pa in meine Richtung. Er musste sich an der Tür festhalten, lehnte sich daran, während sie unter seinem Gewicht langsam vor und zurück schwang.</p>



<p>Der Tokoloshe wandte ihm den Kopf zu. Er gab einen leisen Aufschrei, eher schon ein hohes Keuchen von sich, ehe er auf Pa zurannte. Der jedoch schien das Wesen gar nicht zu bemerken, während es an ihm vorbei in den Flur flitzte.</p>



<p>Schwer atmend saß ich auf meinem Bett. Noch immer hatte ich die Knie an die Brust gezogen. Auch merkte ich jetzt, wie ich beide Hände in die Bettdecke gekrallt hatte. Vorsichtig löste ich den Griff.</p>



<p>„Also? Was ist? Wieso störst du mich beim Fernsehen?“</p>



<p>Jetzt sah ich wieder Pa an. „Hast du ihn nicht gesehen? Er ist eben an dir vorbeigerannt!“</p>



<p>„Wen gesehen?“, fragte er. Er sah sich im Raum um, ohne die Tür loszulassen.</p>



<p>„Den Tokoloshe!“, brüllte ich. Es war keine Absicht. Ich wollte Pa nicht anschreien. Aber die Verzweiflung in mir musste raus.</p>



<p>Pas Augen verengten sich zu schlitzen. Jetzt torkelte er auf mich zu. „Hör zu, Jan. Solange du in meinem Haus wohnst, verbitte ich mir, dass du mich anschreist! Vielleicht muss ich dich dran erinnern, wer hier das Sagen hat …“</p>



<p>Wieder presste ich mich gegen die Wand. Ich spürte, wie mir Tränen in die Augen stiegen. „Nein. Bitte“, flehte ich. „Du hast das Sagen. Das weiß ich. Aber da war ein Tokoloshe. Er wollte mich angreifen.“ Ich wollte vor Pa nicht weinen, aber ich konnte nichts dagegen tun.</p>



<p>Pa hingegen blieb nur wenige Schritte vor meinem Bett stehen. Er schüttelte den Kopf, schwankte gefährlich nach links und rechts. „Ich bin froh, dass deine Ma nicht mehr mitbekommen hat, was aus dir geworden ist.“ Er wandte sich ab, ehe er zurück zur Tür torkelte. „Verdammte Teenager“, hörte ich ihn zu sich selbst lallen. „Es wird Zeit, dass er endlich alt genug wird, damit ich ihn rausschmeißen kann.“ Dann war er wieder im Flur verschwunden und schloss die Tür hinter sich.</p>



<p>Ich schluckte schwer, während ich ihm nachsah. „Nein, Pa“, murmelte ich. „Was ist nur aus dir geworden.“</p>



<p>Der Tokoloshe kam in dieser Nacht nicht zurück, aber wie ihr euch sicher vorstellen könnt, hatte ich sämtliches Interesse daran verloren, wieder einzuschlafen. Und so dauerte es Stunden, meine Gedanken kreisten um das Wesen und um Pa, bis die Müdigkeit mich endlich einholte und in einen viel zu kurzen Schlaf zog.</p>



<p class="has-text-align-center">&#8212;</p>



<p>Am nächsten Morgen schlürfte ich völlig übermüdet in die Küche. Pa saß bereits da und trank Kaffee.</p>



<p>„Morgen“, grüßte ich ihn.</p>



<p>Er sah fast genauso beschissen aus, wie ich mich fühlte. Trotzdem sah ich darin eine Gelegenheit, ihn noch einmal auf den Tokoloshe anzusprechen, während er nüchtern war.</p>



<p>„Tut mir leid, wegen letzter Nacht“, begann ich. „Aber ich hab da wirklich etwas gesehen. Da war ein kleiner Mann mit schwarzer schrumpeliger Haut. Er hat versucht, auf mein Bett zu klettern.“</p>



<p>Pa seufzte schwer. „Jan, es gibt keine Tokoloshe. Was auch immer du glaubst, gesehen zu haben, du hast bloß geträumt.“ Es war zwecklos. Pa hatte noch nie an das Übernatürliche geglaubt.</p>



<p>Ich ballte meine Hände zu Fäusten. „Ma hätte mir geglaubt“, sagte ich leise.</p>



<p>Jetzt kniff Pa wieder seine Augen zusammen. „Was hast du gesagt?“, fragte er streng.</p>



<p>„Nichts“, sagte ich schnell. „Sorry, ich bin einfach nur tierisch müde.“ Ich hatte keine Lust auf Streit. Zumal ich wusste, wie es ausgehen konnte. In der Schule hatte ich schon oft genug blaue Flecken unter langer Kleidung verstecken müssen.</p>



<p>Pa ging nicht weiter darauf ein. Also machte ich mir mein Frühstück und beeilte mich, aus dem Haus zu kommen.</p>



<p>Der Tag in der Schule verlief ohne besondere Vorkommnisse. Ich hatte nicht viele Freunde, also verbrachte ich die meiste Zeit allein. Aber das war in Ordnung. Solange die anderen mich in Ruhe ließen, störte mich das nicht. Und für gewöhnlich taten sie das.</p>



<p>Erst, als ich nach der Schule auf dem Heimweg war, überkam mich wieder ein mulmiges Gefühl. Was, wenn der Tokoloshe zurückkommen würde? Ich hatte keine Ahnung, was passiert wäre, wenn Pa nicht in mein Zimmer gekommen wäre.</p>



<p>Also entschied ich, unserer Sangoma – der Heilerin unseres Dorfes – einen Besuch abzustatten. Sie war eine gute Freundin von Ma gewesen, daher kannte ich sie schon aus Kindertagen. Außerdem lag ihr kleines Geschäft ganz in der Nähe meines Heimwegs.</p>



<p class="has-text-align-center">&#8212;</p>



<p>Eine kleine Glocke über der Ladentür kündigte mich an, während ich den Laden betrat. Mir schlug ein erdiger Geruch entgegen. An der Decke hingen Blätter und Sträucher zum Trocknen und vor mir, in einem Regal an der Wand standen Flaschen mit allerlei Tinkturen und anderen Flüssigkeiten.</p>



<p>Es gab auch eine Apotheke in unserem Dorf, aber für viele Leute war Thandeka noch immer die erste Anlaufstelle für medizinische Probleme.</p>



<p>„Ah, Jan“, grüßte mich eine kleine schwarze Frau mit luftiger Kleidung. Sie trug ein rotes Tuch in den Haaren, das oben zu einem eleganten Knoten gebunden war. „Es ist lange her. Wie geht es deinem Vater?“</p>



<p>Sofort senkte ich den Kopf zu einem knappen Gruß. „Guten Tag Gogo“, grüßte ich sie mit der förmlichen Anrede für weibliche Sangomas.</p>



<p>Thandeka lachte. Es erinnerte mich an die Glocke über ihrer Tür. „Ach bitte, Jan, sag doch Thandeka zu mir. Immerhin sind wir alte Freunde.“ Sie zwinkerte mir zu.</p>



<p>Das zauberte mir ein Lächeln auf die Lippen. Dann jedoch erinnerte ich mich an den Grund meines Besuchs und mein Gesicht wurde wieder ernst. „Ich brauche deine Hilfe. Ich wurde letzte Nacht von einem Tokoloshe besucht, aber Pa glaubt mir nicht. Er meint, dass ich bloß geträumt hätte.“</p>



<p>Thandeka ging um den Tresen, hinter dem sie stand, um sich mir gegenüberzustellen. Obwohl ich erst 15 war, musste ich leicht den Kopf senken, um ihr in die Augen zu sehen. „Und was denkst du?“, fragte sie. „Kann es ein Albtraum gewesen sein?“</p>



<p>Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Ich war hellwach. Er ist aus dem Zimmer gerannt, als Pa mir zur Hilfe geeilt ist. Aber er hat den Tokoloshe nicht gesehen, obwohl er an ihm vorbeigelaufen ist.“</p>



<p>Thandeka nickte wissend. „Manche Tokoloshe können nur von ihren Opfern gesehen werden. Ich möchte dir keine Angst machen, aber wenn du wirklich einen Tokoloshe gesehen hast, kann es sein, dass du verflucht wurdest. Das ist eine ernste Angelegenheit. Am besten sollte ich einige Schutzrituale in eurem Haus durchführen.“</p>



<p>Ich sah sie mit großen Augen an. „Nein, bitte“, sagte ich schnell. „Pa glaubt nicht an Tokoloshes. Er würde das nicht wollen. Gibt es keine andere Möglichkeit?“</p>



<p>Thandeka sah mich überrascht an, ehe sie sanft lächelte. „Jan, vielleicht warst du noch zu jung, um dich daran zu erinnern, aber dein Vater war vor vielen Jahren selbst bei mir, damit ich mich um einen Tokoloshe in eurem Haus kümmere. Ich bin sicher, er wird es verstehen.“</p>



<p>Jetzt blickte ich zu Boden. Ich erinnerte mich gut daran. Er hatte mich grün und blau geschlagen, mir dabei den Arm gebrochen, und die Tat schließlich einem Tokoloshe angehängt.</p>



<p>„Wenn du möchtest“, fuhr Thandeka fort, „bringe ich dich das kurze Stück nach Hause. Dann kann ich mit deinem Vater reden.“ Sie griff sanft nach meinem Arm, um mich zur Tür zu begleiten.</p>



<p>Aber ich blockte ab. „Nein!“, sagte ich ein Stück zu energisch. „Nein“, wiederholte ich dann ruhiger. „Bitte. Das damals war kein Tokoloshe. Nach Mas Tod hat Pa mit dem Trinken angefangen. Er versteckt es gut, aber wenn er betrunken ist, wird er oft gewalttätig. Ich hatte mich nicht benommen und da hat er … Er hat …“ Mehr brachte ich nicht hervor. Noch nie zuvor hatte ich mit irgendwem darüber geredet. Ich hatte nicht gewagt, es laut auszusprechen, also sah ich Thandeka nun mit feuchten Augen an.</p>



<p>An ihrer entsetzten Miene sah ich, dass sie verstanden hatte. Mein Vater hatte mich krankenhausreif geschlagen. Anschließend brachte er mich zu Thandeka und erzählte, dass ich von einem Tokoloshe angegriffen wurde, damit sie sich um meine Wunden kümmerte, ohne dass er dafür in Schwierigkeiten geriet.</p>



<p>„Oh, Jan“, sagte Thandeka. Sie legte mir eine Hand auf die Schulter. „Das wusste ich nicht. Tut mir leid. Wenn ich irgendetwas für dich tun kann …?“ Sie sah mich fragend an.</p>



<p>Ich schenkte ihr ein schiefes Lächeln und zuckte mit den Schultern. „Kannst du mir irgendwie gegen den Tokoloshe helfen, ohne dass Pa es mitbekommt?“</p>



<p>Schnell nickte sie. „Natürlich. Das einfachste Mittel gegen einen Tokoloshe ist, das Bett zu erhöhen. Sie können nicht sonderlich gut klettern. Viele Leute legen Ziegelsteine unter die Bettfüße. Aber ein paar dicke Bücher gehen auch. Und wenn ihn das nicht vertreibt, kannst du eine Linie aus Salz auf die Türschwelle und vor die Fenster streuen. Da kommt er nicht vorbei.“</p>



<p>Ich strahlte Thandeka an. Damit konnte ich auf jeden Fall arbeiten. „Danke, Tante Thandeka“, sagte ich.</p>



<p>Nun strahlte auch sie. Tante Thandeka. So hatte ich sie als Kind immer genannt, weil sie eine so gute Freundin meiner Ma war. „Lass dich gerne wieder häufiger hier blicken“, sagte sie, während sie sanft meine Schulter drückte. „Und sollte es mit dem Tokoloshe noch irgendwelche Probleme geben, komm gerne jederzeit vorbei.“</p>



<p class="has-text-align-center">&#8212;</p>



<p>Das Gespräch mit Thandeka war inzwischen drei Tage her. Und was soll ich sagen? Das Bett mit einigen Büchern zu erhöhen, hatte geholfen. Der Tokoloshe kam so nicht mehr an mich heran. Dafür stand er jetzt nachts in meinem Zimmer und starrte mich an. Eine kleine dunkle Gestalt, die mitten im Raum stand. Manchmal hörte ich ihn leise atmen. Dass meine Nächte seitdem nur noch aus sehr wenig Schlaf bestanden, muss ich euch wohl nicht erklären.</p>



<p>Erst hatte ich noch gehofft, dass das Ding irgendwann das Interesse verlieren würde, wenn es mir nicht mehr schaden konnte. Stattdessen wartete es jedoch Nacht für Nacht geduldig in meinem Zimmer. Was, wenn ich einmal nachts auf Toilette musste? Oder wenn ich einschlief und zu nah an die Bettkante geriet? Wenn es einen Arm oder ein Bein zu packen bekam. Nein. So konnte es nicht weitergehen. Also ging ich zu Thandekas anderer Idee über: dem Salz.</p>



<p>Ich streute damit je eine dünne Linie auf sämtliche Fensterbänke sowie auf die Türschwelle der Haustür und zu meinem Zimmer. Meine Hoffnung war, dass Pa es in seinem berauschten Zustand nicht bemerken oder es zumindest ignorieren würde. Das ging nach hinten los.</p>



<p>Während ich im Bett lag – obwohl es schon lange dunkel war, fehlte von dem Tokoloshe noch immer jede Spur – hörte ich plötzlich aus dem Haus ein lautes Poltern. Kurz darauf fluchte mein Vater.</p>



<p>„Verdammte Scheiße!“, schimpfte er lauthals. „Was ist das für ein Scheiß? Jan!“</p>



<p>Stapfende Schritte näherten sich meinem Zimmer. Im Flur vor meiner Tür polterte irgendetwas. Erneutes Fluchen. Dann flog meine Zimmertür auf.</p>



<p>„Was zum …!?“ Pa musste das Salz auf meiner Türschwelle entdeckt haben. „Ist das auf deinem Mist gewachsen?“, schrie er mich an. Ich konnte seine Fahne bis hier riechen.</p>



<p>Ehe ich etwas sagen, mich verteidigen konnte, fuhr er fort. „Findest du das etwa lustig? Ich bin darauf ausgerutscht. Ich hätte sterben können!“</p>



<p>Im nächsten Moment flog auch schon seine Bierflasche. Es kam so unerwartet, dass ich nicht ausweichen konnte. Sie traf mich mitten im Gesicht, knapp unter dem rechten Auge.</p>



<p>Sofort bedeckte ich die Stelle mit meinen Händen. Mein Gesicht bestand nur noch aus pochenden Schmerzen. Ich kauerte weinend auf dem Bett, während Pa auf mich zukam. Aber während ich noch schützend meinen Kopf von ihm wegdrehte, damit seine Schläge nur meinen Rücken trafen, griff er lediglich nach seiner Bierflasche und verließ damit das Zimmer. Ich blieb zitternd und weinend auf meinem Bett zurück.</p>



<p class="has-text-align-center">&#8212;</p>



<p>Am nächsten Tag schmerzte meine rechte Gesichtshälfte. Im Badezimmer sah ich, dass ich ein blaues Auge hatte. Ich ging ohne Frühstück noch vor der Schule wieder zu Thandekas Geschäft.</p>



<p>„Jan, was ist passiert?“, fragte sie entsetzt, als ich den Laden betrat. „War das der Tokoloshe?“</p>



<p>Ich schüttelte den Kopf. In wenigen Worten berichtete ich, was passiert war.</p>



<p>Thandeka holte sofort ein Kühlpack, das ich mir auf das Auge legen sollte. Sie sah mich mit einer Mischung aus Mitleid und Verzweiflung an. Ich sah ihr an, dass sie mir helfen wollte. „Jan, ich …“ Sie zögerte. „Vielleicht gibt es noch eine andere Möglichkeit. Es wird nicht einfach, aber … Komm nach der Schule noch einmal in den Laden, ja? Gegen 17 Uhr?“</p>



<p>Und das tat ich. Nach der Schule – dort erzählte ich, dass ich unglücklich gestürzt sei – stand ich um Punkt 17 Uhr wieder vor Thandekas Geschäft. An der Tür hing ein Schild, dass Thandeka gleich zurück sei. Ich trat trotzdem ein. Die Ladenglocke klingelte über mir.</p>



<p>Im Geschäft selbst war alles wie immer. Von Thandeka fehlte jedoch jede Spur. Stattdessen saß eine Frau auf einem Stuhl in der Ecke. Ihre Haut war dunkel und sie trug offene Dreadlocks, ein weißes T-Shirt und eine Jeans. Irgendwie kam sie mir bekannt vor.</p>



<p>„So“, sprach sie mich an, während sie sich langsam erhob. „Du hast also ein Problem mit einem Tokoloshe?“ Irgendetwas an ihr war mir unheimlich.</p>



<p>Mein Mund war plötzlich sehr trocken. Ich brachte nur ein Nicken zustande.</p>



<p>„Und warum denkst du, dass ich ausgerechnet dir helfen sollte?“, fragte sie. „Nach allem, was deine Familie mir angetan hat?“</p>



<p>Ich schluckte schwer. „Was … meine Familie Ihnen angetan hat?“, wiederholte ich.</p>



<p>Die Frau antwortete nicht. Stattdessen strich sie sich mit einer von langen schwarzen Fingernägeln besetzten Hand ihre Locks über das rechte Ohr. Darunter kam eine längliche Narbe zum Vorschein.</p>



<p>Und da fiel mir wieder ein, woher ich sie kannte. „Oh“, sagte ich knapp. „Sie sind Lindiwe, richtig?“</p>



<p>Die Frau nickte langsam, während sie mir tief in die Augen starrte.</p>



<p>Sie hatte früher in unserem kleinen Örtchen gewohnt. Das war jedoch, bevor sie von den anderen Bewohnern vertrieben wurde. Es hieß damals, dass sie eine Hexe sei und einen Tokoloshe beschworen hätte.</p>



<p>Aber das Schlimmste: Es war Pas schuld gewesen. Seine Lüge über meine Verletzungen, über den angeblichen Tokoloshe, waren der Grund, warum sie nicht mehr bei uns leben durfte. Ein wütender Mob hatte sie und ihre Tochter bedroht und aus unserem Dorf vertrieben. Wenn ich mich richtig erinnere, kam die Narbe an ihrer Schläfe von einem Stein, den ihr Nachbar nach ihr geworfen hatte.</p>



<p>„Also? Warum sollte ich ausgerechnet dir helfen?“, wiederholte sie.</p>



<p>Ich schluckte schwer. „Es … Es tut mir leid. Was man Ihnen und Ihrer Tochter angetan hat, war nicht richtig. Aber es war nicht meine Schuld. Es war mein Pa. Er … Er hat die Geschichte mit dem Tokoloshe erfunden, um meine Verletzungen zu erklären. Sie müssen wissen, er hat mir den Arm gebrochen. Ich … Bitte, ich kann nichts dafür. Ich möchte doch nur wieder ruhig schlafen können“, sprudelten die Worte nur so aus mir hervor.</p>



<p>Lindiwe kniff die Augen zusammen. Sie kam auf mich zu. Ein süßliches Parfum schwang in ihrer Bewegung mit. Ich unterdrückte den Drang, zurückzuweichen, während sie mir ihren Zeigefinger an das Kinn legte und damit vorsichtig meinen Kopf hob, um mir in die Augen zu sehen.</p>



<p>Die folgenden Sekunden kamen mir wie eine Ewigkeit vor. Ich merkte, wie mein Atem ungewöhnlich schnell ging, während sie mich eingehend musterte, als wolle sie irgendetwas in meinen Augen lesen.</p>



<p>Dann plötzlich ließ sie mein Kinn los und trat einen Schritt zurück. „Also gut. Du hast Recht. Dich trifft keine Schuld. Immerhin warst du noch ein Kind. Mein Tokoloshe wird dir keine nächtlichen Besuche mehr abstatten.“</p>



<p><em>Ihr</em> Tokoloshe? Also war sie wirklich eine Hexe?</p>



<p>Ehe ich sie darauf ansprechen konnte, nahm sie jedoch eine schwarze Lederjacke, die mir bisher nicht aufgefallen war, von einem Stuhl und verließ damit den Laden. Das Klingeln der Glocke sollte noch lange in meinem Kopf nachhallen.</p>



<p>War das gerade wirklich passiert? Es kam mir zu einfach vor. Doch die Frau, Lindiwe, sollte recht behalten. Der Tokoloshe ließ mich fortan in Ruhe. In der folgenden Nacht lag ich mehrere Stunden wach, ohne dass irgendwer – oder irgendetwas – mein Zimmer betrat. Neues Salz hatte ich keines gestreut.</p>



<p>Dafür weckten mich mitten in der Nacht plötzlich Schreie. Verwirrt sah ich zur Uhr. 02:07 Uhr. Was war da los?</p>



<p>Ohne weiter darüber nachzudenken, sprang ich aus meinem Bett und rannte in den Flur. Die Schreie kamen aus Pas Schlafzimmer. Schnell öffnete ich die Tür.</p>



<p>Pa saß an die Rückenlehne gepresst, die Beine an seine Brust gezogen. Er atmete schwer und starrte in den leeren Raum.</p>



<p>„Pa!“, rief ich. „Was ist? Was ist los?“</p>



<p>Jetzt sah er mich mit weit aufgerissenen Augen an. „Da … Da war ein Tokoloshe! Er wollte mich angreifen!“, sagte er laut. In seiner Stimme schwang Alkohol mit.</p>



<p>Für einen Moment sah ich ihn nur an. Die Hexe hatte ihr Wort gehalten. Sie hatte mich von ihrem Fluch befreit … und ihn auf Pa übertragen. Meine Gedanken rasten.</p>



<p>Dann jedoch setzte ich ein Lächeln auf. Ich schüttelte den Kopf. „Pa, du hast geträumt“, sagte ich. „Es gibt keine Tokoloshe.“</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p>Der Tokoloshe, auch Tokkelo oder Tikoloshe genannt, ist ein koboldartiges <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer">Wesen</a> der Zulu Folklore in Südafrika.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p>Für das Aussehen der Tokoloshes gibt es sehr verschiedene Beschreibungen. Sie sind aber immer unter einen Meter groß, koboldartig und haben oft tierische Eigenschaften.</p>



<p>Generell sollen sie wie ein kleiner Mensch aussehen mit meist schwarzer, oft verschrumpelter Haut oder Fell sowie manchmal mit langen Ohren und/oder einem Tierschwanz.</p>



<p>Außerdem habe ich teilweise von spitzen und/oder gelben Zähnen gelesen.</p>



<p>Darüber hinaus haben sie oft einen Nagel oder ein Loch davon in der Stirn, der wohl für ihre Beschwörung genutzt wird. (Über das <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/rituale">Ritual</a>, mit dem man einen Tokoloshe beschwören kann, habe ich jedoch nichts finden können.)</p>



<p>In einigen Versionen sollen sie auch einen sehr langen Penis haben. In einer Quelle habe ich sogar davon gelesen, dass sie ihn über die Schulter werfen müssen, damit er nicht am Boden schleift.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p>Im Normalfall muss ein Tokoloshe beschworen werden – meist wird das einer Hexe oder einem Hexendoktor zugeschrieben, seltener den Sangoma, wie in Südafrika die Heiler genannt werden. Die Tokoloshes werden dadurch zu ihren Dienern und machen alles, was die Person, die sie erschaffen hat, von ihnen verlangt.</p>



<p>Das kann je nach Quelle von körperlicher Arbeit über Diebstahl bis hin zu sexuellen Handlungen reichen.</p>



<p>Häufig werden Tokoloshes jedoch eingesetzt, um anderen Personen zu schaden. In diesen Fällen sucht der Tokoloshe nachts seine Opfer heim. Dabei sind die Tokoloshes oft unsichtbar – inwieweit sie sich unsichtbar machen können, ist aber umstritten. So habe ich davon gelesen, dass sie entweder nur von ihren Opfern oder nur von Kindern gesehen werden können, andere Male davon, dass sie sich nur unsichtbar machen können, indem sie z. B. einen speziellen Stein haben, den sie bei sich tragen oder herunterschlucken.</p>



<p>Was genau der Tokoloshe mit seinen Opfern macht, kann sehr unterschiedlich sein. So greift er sie manchmal körperlich an, indem er sie z. B. beißt, schlägt oder kratzt, oder er vergewaltigt sie sogar. Dem Tokoloshe kann so ziemlich alles Negative zuschreiben werden, das den Opfern widerfährt – sei es, dass er sie krank macht, für Unglück sorgt, ihre Beziehung ruiniert oder seine Opfer tötet.</p>



<p>Man kann sich jedoch recht einfach gegen Tokoloshes verteidigen: Aufgrund ihrer Körpergröße haben sie Schwierigkeiten, Menschen auf hohen Betten zu erreichen. Man muss also nur sein Bett höher stellen – oft wird dies gemacht, indem man die Bettfüße auf Ziegelsteine stellt.</p>



<p>Eine andere effektive Methode soll Salz sein, das man auf die Türschwelle und vor die Fenster streuen kann. Ich habe sogar spezielles Tokoloshe-Salz und Tokoloshe-Öl von südafrikanischen Anbietern gefunden, das gegen die Monster helfen soll.</p>



<p>Will man hingegen auf Nummer Sicher gehen und den Tokoloshe endgültig loswerden, wird dazu geraten, dass man sich an einen Sangoma wendet.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p>Da die Legende der Tokoloshes aus Südafrika stammt, sollen sie hauptsächlich in Südafrika sowie seltener in angrenzenden Ländern vorkommen.</p>



<p>Theoretisch wäre ein Tokoloshe aber überall auf der Welt möglich, sofern jemand ihn dort beschwört oder ihn dorthin mitnimmt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p>Als möglicher Ursprung für den Tokoloshe werden die früheren Lebensbedingungen der Menschen in den ländlichen Regionen Südafrikas genannt. In diesen Regionen sollen die Menschen früher – besonders in kalten Nächten – auf dem Boden (bzw. auf Matratzen auf dem Boden) nahe von Feuerstellen geschlafen haben.</p>



<p>Wenn es dabei unzureichende Durchlüftung gab, kann es sein, dass sich in dem Zimmer zu viel Kohlendioxid gesammelt hat. Da Kohlendioxid schwerer ist als Luft, ist es zu Boden gesunken und hat dafür gesorgt, dass die Menschen, die am Boden schliefen, erstickt sind. Da andere Menschen auf erhöhten Betten verschont geblieben waren, ist man wahrscheinlich davon ausgegangen, dass ein kleines Wesen, das nicht auf die Betten klettern kann, an den Toden schuld ist: Die Legende des Tokoloshe war geboren – zumindest, wenn man dieser Theorie glaubt.</p>



<p>Aber wie die Legende auch entstanden sein mag, Fakt ist, dass der Glaube an die Tokoloshes in Südafrika noch immer weit verbreitet ist. Sie werden sogar regelmäßig in Zeitungen wie der Daily Sun erwähnt.</p>



<p>Leider ist dadurch jedoch ein ganz anderes Problem entstanden: Da die Tokoloshes oft als Grund für unerklärliche Verletzungen, sexuellen Missbrauch oder mysteriöse Schwangerschaften genannt werden, bieten sie den Tätern eine einfache Methode, sich selbst von der Schuld zu befreien, indem sie den Wesen die Schuld zuschieben. So kommt es leider durchaus vor, dass kein gewalttätiger Ehemann, sondern ein Tokoloshe für die Verletzungen einer Ehefrau verantwortlich gemacht wird, oder nicht etwa der Onkel, sondern ein Tokoloshe für eine unerklärliche Schwangerschaft eines Teenagers.</p>



<p>Außerdem habe ich auf Zoutnet, einer südafrikanischen Nachrichtenseite, von einem Fall gelesen, bei der eine Frau von ihrer Gemeinde beschuldigt wurde, einen Pavian zu einem Tokoloshe gemacht zu haben, der daraufhin mehrere Frauen vergewaltigt habe. Es hat sich so weit zugespitzt, dass eines Tages ein wütender Mob zu ihrem Haus gewandert ist, um sie umzubringen. Dazu kam es zwar nicht, aber ihr Ruf und der ihrer Familie hat auch nach dem Vorfall sehr darunter gelitten.</p>



<p>Aber zum Glück bringt der Glaube an das Wesen nicht nur Schattenseiten mit sich. Er kann auch Opfern von körperlicher oder sexueller Gewalt dabei helfen, über ihre Erlebnisse zu sprechen und so die entsprechende medizinische Behandlung zu erhalten, die, wenn sie den Täter beim Namen nennen müssten, nie über den entsprechenden Vorfall geredet hätten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Tokoloshe in der Popkultur:</h3>



<p>Der Tokoloshe hat diverse Auftritte und Erwähnungen in der Popkultur. So gibt es z. B. den südafrikanisch-französischen Thrillerfilm „A Reasonable Man“ (Englisch für „Ein vernünftiger Mann“, 1999), der auf einem echten Fall basiert, bei dem ein Vater seinen Sohn umgebracht hat, in dem Glauben, dass es sich bei ihm um einen Tokoloshe handelt.</p>



<p>Außerdem gibt es diverse Horrorfilme über die Kreatur wie z. B. „Blood Tokoloshe“ („Blut Tokoloshe“, 2013), „The Tokoloshe“ (2018) oder „Tokoloshe: The Calling“ („Tokoloshe: Die Berufung“, 2020) sowie diverse Romane wie z. B. den Fantasyroman „Tokoloshe Song“ (2014) von Andrew Salomon oder das Monster-Fighting-Manga „Tokoloshe Hunters“ („Tokoloshe Jäger“, 2026) von Bill Masuku.</p>



<p><em>Was haltet ihr von dem Tokoloshe? Wie hättet ihr an Jans Stelle reagiert, als er den Tokoloshe gesehen hat und als sein Vater ihm nicht geglaubt hat? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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		<title>Hitori Kakurenbo – Spiel nie allein verstecken!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 20 Oct 2025 13:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Anschließend nahm ich ein Küchenmesser – das kleinste aus meinem Messerblock – von dem Glastisch neben der Wanne und stach damit auf den Teddy ein. Es gab ein matschiges Geräusch, während die Klinge auf den Stoff traf. Es entstanden kleine Löcher, durch die ein paar Reiskörner fielen. Damit soll man den Geist oder Dämon provozieren, der in diesem Moment bereits in dem Stofftier sein soll …</p>
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<p>Hitori Kakurenbo ist ein japanisches <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/rituale">Ritual</a>, das besonders in der Zeit vor <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/halloween">Halloween</a> sehr beliebt ist.</p>



<p>Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen (Achtung Spoiler!) </strong></summary>
<p>&#8211; Blut<br>
&#8211; Tod</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p>„Dann wollen wir mal“, murmelte ich. Ich nahm das Messer und stach dem Teddy damit in den Bauch. Es war schwieriger, als ich gedacht hätte. Der alte Stoff war ziemlich stabil. Trotzdem hatte der Teddy bald einen gut fünf Zentimeter langen Schnitt im Bauch.</p>



<p>Sofort machte ich mich daran, die Watte aus seinem Körper zu ziehen.</p>



<p>„Hast du’s?“, hörte ich Leonies Stimme aus meinem Smartphone. Wir kannten einander von der Arbeit. Unsere Kollegen spekulierten oft, ob wir zusammen seien, aber in Wirklichkeit war sie bloß meine beste Freundin.</p>



<p>Genau wie ich war sie ein Horrorfan. Eigentlich feierten wir Halloween immer zusammen. Es war jedoch das Jahr 2020. Corona hatte uns einen dicken Strich durch unsere Feiertagspläne gemacht. Also hatten wir entschieden, uns an diesem 31. Oktober lediglich telefonisch zu treffen.</p>



<p>So hatten wir bereits einige Stunden gequatscht, zwei Horrorfilme zusammen geschaut und jede Menge rumgealbert. Das Hauptevent des Abends stand uns aber noch bevor. Wir wollten zusammen das japanische Ritual Hitori Kakurenbo durchführen – „allein Versteckspielen“, wie es auf Deutsch übersetzt heißt. Und dafür brauchte man ein Stofftier.</p>



<p>Der Teddy vor mir wirkte jetzt, wo er keine Watte mehr im Körper hatte, noch kläglicher als ohnehin schon. Sein Stoff war fleckig und abgenutzt, ihm fehlte ein Auge und nun sah er auch noch aus wie ein Ballon, aus dem man die Luft gelassen hatte.</p>



<p>„So. Ich füll jetzt den Reis in meinen Teddy“, erklärte ich Leonie.</p>



<p>„Ich bin schon dabei, meine Puppe wieder zuzunähen“, erwiderte sie, als sei es ein Wettrennen. Sie hatte sich für eine billige Stoffpuppe entschieden.</p>



<p>„Du musstest auch keine Watte aus den Ohren pulen“, konterte ich.</p>



<p>Danach schwiegen wir wieder konzentriert, während sie ihre Puppe zusammennähte und ich meinen Teddy mit dem ungekochten Reis füllte. Jetzt fehlte nur noch eine Zutat. Ich griff nach dem Toilettenpapier, auf das ich meine frisch geschnittenen Fingernägel gelegt hatte. Ich kippte sie zu dem Reis. Das Stofftier brauchte einen Teil der Person, die das Ritual durchführen wollte.</p>



<p>Als Nächstes nahm ich die Nadel mit dem roten Faden, die ich bereits vorbereitet hatte. Man musste das Stofftier mit einem roten Faden vernähen und anschließend mit dem restlichen Faden umwickeln. Ich machte mich sofort an die Arbeit. Zugegeben, ich war kein Nähmeister – die Stiche waren alles andere als gleichmäßig, aber sie schienen zu halten. Also wickelte ich den restlichen Faden um den dünnen braunen Körper, ehe ich ihn festknotete.</p>



<p>„Okay. Ich bin fertig“, erklärte ich. „Bei dir alles klar?“</p>



<p>„Jap. Annabelle ist einsatzbereit.“</p>



<p>Mir entfuhr ein Lacher. „Annabelle? Ernsthaft?“</p>



<p>„Ja. Ich dachte, der Name passt zu einer besessenen Puppe. Wieso? Wie hast du deinen Teddy genannt?“, fragte sie.</p>



<p>Ich grinste. „Herr von und zu Flausch“, sagte ich.</p>



<p>Jetzt musste auch Leonie lachen. „O Mann, Dom, du bist echt bescheuert“, neckte sie mich.</p>



<p>Mein Grinsen wurde breiter.</p>



<p>Dann wurde sie wieder ernst. „Als Nächstes müssen wir das Salzwasser vorbereiten und in unser Versteck stellen.“</p>



<p>Ich nickte – auch wenn sie das natürlich nicht sehen konnte –, ehe ich in die Küche ging. Dort füllte ich einige Teelöffel Salz in eine Flasche mit warmem Wasser, drehte den Deckel zu und schüttelte sie. Von Leonie hörte ich das Rühren eines Löffels in einem Glas.</p>



<p>Nachdem wir fertig waren, brachte ich die Flasche ins Schlafzimmer. Zugegeben, der Wandschrank war nicht unbedingt das beste Versteck, aber ich ging ja auch nicht davon aus, dass <em>wirklich</em> etwas passieren würde.</p>



<p class="has-text-align-center">&#8212;</p>



<p><em>03:00 Uhr</em></p>



<p>„Hast du dein Handy auf stumm gestellt?“, fragte Leonie.</p>



<p>Ich nickte. „Jap. Du hoffentlich auch?“</p>



<p>„Klar. Also dann. Wir hören uns, wenn wir im Versteck sind. Bis gleich.“</p>



<p>„Bis gleich.“</p>



<p>In dem Moment brach die Verbindung ab. Leonie hatte aufgelegt.</p>



<p>Ich atmete einmal tief durch. „Also dann“, wiederholte ich.</p>



<p>Obwohl schon den ganzen Abend niemand außer mir im Haus war, fühlte ich mich jetzt zum ersten Mal allein. Ein Schauer lief mir über den Rücken. Ich würde es vor Leonie niemals zugeben, aber jetzt, wo es wirklich ernst wurde, war mir tatsächlich etwas mulmig zu Mute. Trotzdem würde ich sie nicht mit dem Ritual allein lassen. Also griff ich nach Herrn von und zu Flausch. Ich betrachtete sein entstelltes Gesicht, während ich ihn in die gefüllte Badewanne legte. Das Wasser war kalt. Erneutes Durchatmen.</p>



<p>„Saisho no Oni wa Dominik da kara“, sagte ich laut: Weil Dominik zuerst der Oni ist. Ich hatte die japanischen Sprüche für das Ritual extra auswendig gelernt, falls sie auf Deutsch nicht funktionierten. „Saisho no Oni wa Dominik da kara“, wiederholte ich. Und ein drittes Mal: „Saisho no Oni wa Dominik da kara.“</p>



<p>Daraufhin drehte ich mich um, ging durch den Flur und schaltete die Lichter aus. Anschließend machte ich den Fernseher im Wohnzimmer an. Sofort wurde ich von einem lauten Rauschen begrüßt. Aber so musste das sein, wenn ich das Ritual genau befolgen wollte. Nun schaltete ich auch das Licht im Wohnzimmer aus. Die einzigen Lichter im gesamten Haus waren jetzt der rauschende Fernseher und meine Handytaschenlampe.</p>



<p>Ich schloss die Augen und zählte laut bis zehn: „Eins. Zwei. Drei. Vier. Fünf. Sechs. Sieben. Acht. Neun. Zehn. Ich komme!“</p>



<p>Schnell ging ich zurück zum Badezimmer. Ich stieß die Tür auf, leuchtete mit dem Handy zur Wanne und ging darauf zu. Der Teddy war auf den Grund gesunken, weshalb ich den Ärmel hochkrempeln musste, ehe ich das tropfende Teil aus dem kalten Wasser zog.</p>



<p>Jetzt kam der nächste Part. „Mitsuketa!“, rief ich lauter als beabsichtigt: Ich habe dich gefunden.</p>



<p>Anschließend nahm ich ein Küchenmesser – das kleinste aus meinem Messerblock – von dem Glastisch neben der Wanne und stach damit auf den Teddy ein. Es gab ein matschiges Geräusch, während die Klinge auf den Stoff traf. Es entstanden kleine Löcher, durch die ein paar Reiskörner fielen. Damit soll man den Geist oder Dämon provozieren, der in diesem Moment bereits in dem Stofftier sein soll.</p>



<p>„Tsugi wa Herr von und zu Flausch ga Oni!“, rief ich. Als Nächstes ist Herr von und zu Flausch der Oni. „Tsugi wa Herr von und zu Flausch ga Oni! Tsugi wa Herr von und zu Flausch ga Oni!“</p>



<p>Ich atmete schwer. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Wasser lief geräuschvoll aus dem Teddy in die Wanne. Ansonsten war es völlig still.</p>



<p>Für einen Moment war ich wie erstarrt. Dann warf ich das Stofftier zurück in die Wanne, ließ das Messer klappernd auf die Fliesen fallen und rannte auf meinen Socken aus dem Badezimmer. Ich sprintete weiter ins Schlafzimmer, ehe ich mich in den Wandschrank stürzte und die Tür hinter mir zuschob.</p>



<p>Mein Atem ging noch immer ungewöhnlich schnell. Ich blieb einige Sekunden völlig regungslos, ehe ich bemerkte, dass meine Handytaschenlampe noch immer an war. Mit unruhigen Fingern schaltete ich das Display ein, wischte hektisch zur Taschenlampenfunktion und schaltete sie ab. Scheiße! Wieso war ich so nervös? Es war doch nur ein Spiel.</p>



<p>Jetzt war es völlig dunkel um mich herum. Ich achtete auf jedes Geräusch. Aber abgesehen von dem statischen Rauschen des Fernsehers in der Ferne war da nur noch mein leiser Atem. Langsam beruhigte ich mich wieder. Alles war in Ordnung.</p>



<p>Plötzlich leuchtete mein Handydisplay auf. Ich zuckte zusammen. Leonie rief an. Sofort tippte ich auf den grünen Hörer.</p>



<p>„Hey“, flüsterte Leonie.</p>



<p>„Hi“, flüsterte ich zurück.</p>



<p>„Na? Wie siehts bei dir aus?“, fragte sie.</p>



<p>„Ich bin in meinem Versteck.“</p>



<p>„Ich auch.“ An ihrer Aussprache konnte ich hören, wie sie grinste. Wie konnte sie nur immer so cool bleiben?</p>



<p>„Also? Was meinst du?“, fragte ich. „Wie lange müssen wir warten, bis etwas passiert?“</p>



<p>Leonie schien einen Moment zu überlegen. „Weiß nicht. Aber das Spiel darf maximal zwei Stunden dauern. Zuuu lange sollte es also nicht sein.“</p>



<p>Jetzt musste auch ich grinsen. „Wir sollten also lieber hoffen, dass Annabelle und Herr von und zu Flausch von der langsamen Sorte sind. Wenn ich zwei Stunden hätte, um das ganze Haus zu durchsuchen, würde ich mich locker finden. Ich hock im Wandschrank. Wo hast du dich versteckt?“</p>



<p>Ich hörte ein belustigtes Schnaufen. „Hinter dem Sofa.“</p>



<p>Wow. Leonie war ja noch unkreativer bei ihrer Versteckwahl gewesen als ich.</p>



<p>Wir hockten noch eine Weile in unseren Verstecken und alberten im Flüsterton herum, während alles ruhig zu bleiben schien. Dann plötzlich brach Leonie jedoch mitten im Satz ab und sagte leise: „Schh! Ich glaub, da war was!“</p>



<p>Angespanntes Schweigen. Bei mir im Haus war alles still. Trotzdem traute ich mich nicht, als erster etwas zu sagen.</p>



<p>„Scheiße! Auf dem Flur ist irgendetwas!“, flüsterte Leonie. Ihre Stimme war jetzt so leise, dass ich sie kaum hören konnte.</p>



<p>Meinte sie das ernst? War es vielleicht nur Einbildung? Oder wollte sie mich ärgern?</p>



<p>Im nächsten Moment hörte ich etwas, das sich nach einem umfallenden Wasserglas anhörte, das kurz darauf über Parkettboden rollte.</p>



<p>„Scheiße!“, wiederholte Leonie lauter. Diesmal lag eindeutig Panik in ihrer Stimme.</p>



<p>Kurz meinte ich, eine andere Person durch den Lautsprecher zu hören: „Mitsuketa!“ Es war einer der Sprüche, die ich auswendig gelernt hatte. Ich habe dich gefunden. Vorhin hatte ich es noch selbst zu Herrn von und zu Flausch gesagt.</p>



<p>Dann brach am anderen Ende der Leitung Chaos aus. „Nein!“ Leonie entfuhr ein spitzer Aufschrei. Es folgte das Rascheln von Kleidung, panische bis schmerzerfüllte Rufe von Leonie und schließlich ein dumpfer Aufprall. Dann war wieder alles Still.</p>



<p>„Leonie?“, fragte ich. Kurz vergaß ich zu flüstern. „Leonie?“, wiederholte ich dann wieder leiser.</p>



<p>Aber es kam keine Antwort. Stattdessen war der Anruf plötzlich beendet.</p>



<p>Wenn das ein Scherz war, ging Leonie definitiv zu weit! Schnell wählte ich sie wieder in meinen Kontakten aus. Es klingelte. Und klingelte. Und klingelte.</p>



<p>„Hey, hier ist Leonie Siemens. Leider kann ich gerade nicht ans Telefon gehen. Versuchen Sie es später noch einmal oder hinterlassen Sie mir eine Nachricht.“</p>



<p>Schnell versuchte ich es erneut. Aber wieder nichts. Als ich sie gerade ein drittes Mal anrufen wollte, hörte ich jedoch selbst etwas in meinem Haus. Das statische Rauschen klang irgendwie anders. „Dominik.“ Hatte es gerade meinen Namen gerauscht? Aber nein, das musste ich mir einbilden. „Dominik, Dominik, Dominik.“</p>



<p>Ich unterdrückte den Drang, mir die Ohren zuzuhalten. War das gerade eine Tür gewesen? Wahrscheinlich waren es nur die Nerven, die mit mir durchgingen. Andererseits hatte ich nicht vor, ein Risiko einzugehen. Ich griff nach der Flasche mit dem Salzwasser, drehte sie auf und nahm ein wenig der Flüssigkeit in den Mund.</p>



<p>Sofort verzog ich das Gesicht. Ich hatte es mit dem Salz wirklich <em>sehr</em> gut gemeint.</p>



<p>Trotzdem: Wenn man der Anleitung im Internet glauben durfte, sollte ich jetzt vor dem Geist oder Dämon in Sicherheit sein, der Herrn von und zu Flausch besetzt haben könnte.</p>



<p>Fast kam ich mir albern vor, während ich die Schranktür aufschob, das Salzwasser im Mund. Aber Leonie war nicht der Typ für solche geschmacklosen Scherze. Auch nicht an Halloween. Ich nahm das Ganze also gerade sehr ernst.</p>



<p>Auf leisen Sohlen schlich ich, die Handytaschenlampe in der einen Hand, die Flasche mit Salzwasser in der anderen, Richtung Badezimmer. Gegen das Licht der Taschenlampe konnte ich wenig tun – ansonsten würde ich wohl überall gegenlaufen. Außerdem wollte ich gerade nicht in völliger Dunkelheit sein. Aber ich war froh, dass ich sämtliche Türen offengelassen hatte. So konnte ich mich wenigstens geräuschlos durch das Haus bewegen.</p>



<p>Kurz vorm Badezimmer trat ich mit der Socke in etwas Nasses. Ich erstarrte. Vom Badezimmer zog sich eine Pfütze den Flur entlang. Wo kam das Wasser her?</p>



<p>Schnell betrat ich das Badezimmer. Ich leuchtete zur Wanne. Herr von und zu Flausch war weg. Abgesehen vom Wasser und einigen Reiskörnern war die Badewanne leer.</p>



<p>Jetzt setzte in mir Panik ein. Bis eben konnte ich mir noch einreden, dass es eine andere Erklärung für die seltsamen Phänomene gab. Aber ein Stofftier konnte nicht einfach von selbst aus einer Badewanne verschwinden. Zumindest nicht, ohne von einem Geist oder Dämon besessen zu sein.</p>



<p>Das Wasser schwappte in meinem Mund hin und her, während ich mich hektisch umsah. Aber natürlich war Herr von&nbsp;und zu Flausch nicht mehr im Badezimmer. Also ging ich weiter in den Flur. Ich musste ihn schnellstens mit dem Salzwasser übergießen und bespucken, um das Ritual zu beenden.</p>



<p>Ich folgte der Spur aus Wasser. Bei näherer Betrachtung sah ich in unregelmäßigen Abständen Reiskörner darin liegen. Herr von und zu Flausch musste einiges an Strecke zurückgelegt haben. Die feuchte Spur führte ins Arbeitszimmer, von dort aus zurück in den Flur, ehe sie schließlich in der Küche so schwach wurde, dass man sie kaum noch erkennen konnte. Bisher hatte ich den Teddy jedenfalls nirgends gesehen.</p>



<p>Mit gerunzelter Stirn trat ich zurück in den Flur. Wo konnte er sein? Im Schlafzimmer war er eben jedenfalls noch nicht gewesen. Wenn er also nicht in den Keller gegangen war, blieb nur noch das Wohnzimmer.</p>



<p>Ich spähte zu der offenen Tür. Noch immer hörte ich deutlich das Rauschen des Fernsehers. Zum Glück konnte ich jetzt keine Stimmen mehr darin hören. Mit leisen Schritten ging ich darauf zu. Als ich nahe genug war, schaltete ich vorsichtshalber sogar die Taschenlampe aus und steckte das Handy weg.</p>



<p>Das Fernsehbild warf ein schwach flackerndes Licht ins Wohnzimmer. Und direkt davor auf dem Teppich stand eine kleine Gestalt. Herr von und zu Flausch stand auf beiden Beinen, das kleine Küchenmesser am Ende seines linken Arms, wo es auf übernatürliche Weise festhielt. Ich hatte ihn gefunden.</p>



<p>Für einen Moment zögerte ich. Dann nahm ich all meinen Mut zusammen und ging auf das Ding zu. Dabei spürte ich, wie mein Magen sich zusammenkrampfte. Alles in mir schrie danach, mich von dem Teddy fernzuhalten. Aber das durfte ich nicht. Ich musste das Ritual beenden!</p>



<p>Es war unmöglich, zu sagen, ob er mich bemerkt hatte. Ich hatte keine Ahnung, wie genau mich das Salzwasser in meinem Mund vor ihm schützen würde. Im Moment stand er jedenfalls völlig reglos da.</p>



<p>„DOMINIK!“, schrie plötzlich eine Stimme aus dem Fernseher.</p>



<p>Ich stolperte erschrocken zurück, verschluckte mich an dem Salzwasser und … schluckte es versehentlich hinunter.</p>



<p>Mit geweiteten Augen starrte ich nun den Teddy an. Noch hatte er sich nicht bewegt. Also griff ich langsam nach dem Deckel der Salzwasserflasche, um sie aufzudrehen. Sobald sich meine Hand jedoch bewegte, brach die Hölle los.</p>



<p>„Mitsuketa!“, schrie plötzlich eine zierliche Stimme. Gleichzeitig setzte sich Herr von und zu Flausch in Bewegung. Er rannte auf mich zu, sprang in die Luft und schnitt mir mit dem Messer ins Schienbein. Das wiederum sorgte dafür, dass ich noch weiter zurückwich. Ich stolperte, kam ins Straucheln und fiel rücklings zu Boden. Mein Kopf knallte auf das Parkett.</p>



<p>Aber ich gab mir keinen Moment, mich zu erholen. Obwohl sich alles drehte, griff ich wieder nach der Flasche, die ich noch immer in der Hand hielt. Zum Glück hatte ich sie noch nicht aufdrehen können, sodass sie nicht ausgelaufen war.</p>



<p>Doch auch Herr von und zu Flausch zögerte keine Sekunde. Er rannte weiter auf mich zu, sprang auf mein linkes Bein und lief darauf entlang. Dabei hackte er wie in Raserei um sich. Schmerz zuckte durch mein Bein und ich spürte, wie sich die Hose schnell mit einer warmen Flüssigkeit vollsog.</p>



<p>Zum Glück arbeitete mein Hirn auf Hochtouren. Statt zu versuchen, den wahnsinnigen Teddy abzuwehren, drehte ich die Flasche auf. Ich führte sie an die Lippen und nahm einen Schwall der salzigen Flüssigkeit in den Mund.</p>



<p>Herr von und zu Flausch hatte inzwischen meinen Bauch erreicht. Mit der Spitze nach unten hob er das Messer und … erstarrte. In dem Moment, wo ich das Salzwasser im Mund hatte, hörte er auf, sich zu bewegen.</p>



<p>Ich atmete schwer, musste den Drang unterdrücken, zu schlucken. Stattdessen rappelte ich mich auf, schlug den Teddy von mir, als wäre er eine große Spinne – natürlich darauf bedacht, nicht ins Messer zu fassen.</p>



<p>Er flog einen halben Meter durch den Raum und landete auf dem Rücken, das Messer noch immer über den Kopf erhoben.</p>



<p>Sofort schüttete ich die restliche Flüssigkeit aus der Flasche über ihn. Das Stofftier wurde schlaff, ließ sogar das Messer fallen. Zu guter Letzt bespuckte ich ihn mit der Flüssigkeit aus meinem Mund.</p>



<p>„Watashi no Kachi!“, rief ich. Ich gewinne. „Watashi no Kachi! Watashi no Kachi!“ Aber ich fühlte mich nicht, als hätte ich gewonnen.</p>



<p>Auch wenn der Teddy sich daraufhin nicht mehr bewegte, nahm ich ihn und legte ihn in eine Bratpfanne. Ich übergoss ihn mit Brandbeschleuniger und zündete ihn an. Ich sah dabei zu, wie sein kleiner unscheinbarer Körper von den Flammen zerfressen wurde. Erst, als er fast nur noch aus Asche bestand, löschte ich die Glut und kümmerte mich um meine Wunden. Es waren viele, aber zum Glück waren sie nicht sonderlich tief.</p>



<p>Dabei wählte ich wieder und wieder Leonies Nummer in meinem Smartphone aus. Sie ging nicht ran. Aber ich wusste bereits, was passiert war. Annabelle hatte sie getötet. Ein Verdacht, der sich bereits am nächsten Tag bestätigte.</p>



<p>Aber das war noch nicht alles: Von Annabelle, der Mörderin meiner besten Freundin, fehlte jede Spur.</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Das Ritual:</h2>



<p>Hitori Kakurenbo (ひとりかくれんぼ, Japanisch für „eine Person Versteckspiel“ oder „allein Versteckspielen“), im westlichen Raum auch unter der englischen Übersetzung „Hide and Seek Alone“ bekannt, ist eine <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden">urbane Legende</a> aus Japan. Dabei handelt es sich um ein Ritual, bei dem eine Stoffpuppe oder ein Stofftier von einem <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister">Geist</a> oder einem <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/daemonen">Dämon</a> besessen wird.</p>



<p>Das Ritual ist auch in Korea sehr beliebt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Anleitung:</h3>



<p><strong>Hinweis: Ich rate dringend davon ab, übernatürliche Rituale durchzuführen. Der Kontakt zur Geister- oder Dämonenwelt kann schwerwiegende Folgen mit sich bringen!</strong></p>



<h4 class="wp-block-heading">Vorbereitung:</h4>



<p>Du benötigst:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>eine Puppe aus Stoff oder ein Stofftier mit Gliedmaßen</li>



<li>ungekochten Reis</li>



<li>eine Nadel und roten Faden</li>



<li>einen spitzen Gegenstand <em>(es wird empfohlen, einen Bleistift, eine Nadel oder einen Zahnstocher zu nehmen, auch wenn du theoretisch auch ein Messer oder eine Schere nehmen kannst)</em></li>



<li>abgeschnittene Finger- oder Fußnägel von dir selbst (<em>es sind auch andere körpereigene Materialien wie Haare, Blut oder Hautschuppen möglich, aber damit soll das Ritual gefährlicher werden)</em></li>



<li>ein Glas oder eine Flasche mit Salzwasser</li>



<li>eine mit Wasser gefüllte Badewanne oder ein gefülltes Waschbecken (<em>darüber, ob auch ein gefüllter Eimer oder eine Wäscheschüssel funktionieren, habe ich geteilte Meinungen gelesen</em>)</li>
</ul>



<p>Zuerst musst du dem Stofftier einen Namen geben, falls es noch keinen hat. Ich würde allerdings davon abraten, ein Stofftier zu nehmen, an dem dir etwas liegt, da man das Stofftier nach dem Ritual vernichten muss.</p>



<p>Schneide das Stofftier auf, entferne die Watte und ersetze sie vollständig mit dem ungekochten Reis. Leg die Finger- oder Fußnägel (oder für was auch immer du dich sonst entschieden hast) hinein und vernähe den Schnitt mit dem roten Faden. Wickel den restlichen roten Faden um das Stofftier und knote ihn zusammen.</p>



<p>Nun solltest du dich für ein Versteck entscheiden. Ich empfehle, dass du dort auch bereits das Glas oder die Flasche mit dem Salzwasser deponierst.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Ablauf:</h4>



<p>Das Ritual beginnt um 3 Uhr morgens. Nimm das Stofftier und sag zu ihm dreimal: „最初の鬼は(dein Name)だから“ („Saisho no Oni wa <em>dein Name</em> da kara“, auf Deutsch etwa: „Weil <em>dein Name</em> der erste Oni ist.“ – In Japan werden die Suchenden beim Versteckspielen als „<a href="https://www.geister-und-legenden.de/oni">Oni</a>“ bezeichnet.)</p>



<p>Danach musst du mit dem Stofftier ins Badezimmer gehen und es in die gefüllte Wanne (oder das gefüllte Waschbecken) legen.</p>



<p>Schalte nun alle Lichter im Haus aus und den Fernseher ein. Der Fernseher darf allerdings kein Programm anzeigen (im besten Fall sollte er Bildrauschen darstellen).</p>



<p>Wenn du damit fertig bist, schließe die Augen und zähle bis zehn.</p>



<p>Jetzt musst du ins Badezimmer gehen und mit dem spitzen Gegenstand auf das Stofftier in der Wanne einstechen, während du sagst: „見つけた“ („Mitsuketa“, „Ich habe dich gefunden“). Anschließend musst du dreimal „次は(Name des Stofftiers)が鬼“ („Tsugi wa <em>Name des Stofftiers</em> ga Oni“, „Als Nächstes ist <em>Name das Stofftiers</em> der Oni!“) sagen, ehe du dich in deinem Versteck mit dem Salzwasser versteckst. (Was genau du mit dem spitzen Gegenstand machen sollst, nachdem du das Stofftier damit gestochen hast, geht nicht aus der verbreiteten Anleitung hervor. Viele Leute lassen es bei dem Stofftier liegen, damit es nun sie damit sie jagen kann.)</p>



<p>Ab jetzt kann es passieren, dass das Stofftier sich bewegt, um dich zu suchen, während weitere paranormale Phänomene passieren. Um welche Phänomene es sich genau handelt, kann von Erzählung zu Erzählung variieren. Es ist aber u. a. von Poltergeistphänomenen und Geräuschen, Stimmen oder Gesichtern im Fernsehrauschen die Rede.</p>



<p>Es sollte an dieser Stelle natürlich klar sein, dass das Stofftier dich auf keinen Fall finden darf, da du sonst in Lebensgefahr schwebst oder der Geist bzw. Dämon von dir Besitz ergreifen können soll.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Hitori Kakurenbo beenden:</h4>



<p>Um das Spiel zu beenden, musst du nun einen Schluck Salzwasser in den Mund nehmen. Achte aber darauf, dass du ihn die ganze Zeit im Mund behältst und nicht herunterschluckst oder ausspuckst.</p>



<p>Nun musst du dich auf die Suche nach dem Stofftier machen, das restliche Salzwasser aus dem Becher oder der Flasche darauf gießen und das Wasser aus deinem Mund darüber spucken. Sag nun dreimal laut: „私の勝ち“ („Watashi no Kachi“, „Ich gewinne“).</p>



<p>Der Geist oder Dämon sollte das Stofftier nun verlassen haben. Da er jedoch zurückkehren könnte, solltest du das Stofftier schnellstmöglich vernichten, indem du es verbrennst.</p>



<p>Auch wenn du alles korrekt durchführst, soll es jedoch passieren können, dass du nach dem Spiel krank wirst oder paranormale Phänomene erlebst.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Alternative Version:</h4>



<p>In einer anderen Version dient das Stofftier hauptsächlich als Objekt für die Beschwörung. Der Geist oder Dämon ist zwar in gewisser Weise daran gebunden und es soll trotzdem passieren können, dass das Stofftier sich bewegt, er kann sich aber unabhängig von ihm durch das Haus bewegen. In dieser Version versucht also der Geist oder Dämon in seiner eigenen Gestalt (nicht als Stofftier) die Durchführenden zu finden.</p>



<p>Um das Ritual zu beenden, musst du auch in dieser Version das Stofftier suchen, mit dem Salzwasser übergießen und bespucken, dreimal sagen, dass du gewonnen hast, und es anschließend verbrennen.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Weitere Regeln:</h4>



<p>Zu den weiteren Regeln gehören, dass du während des gesamten Rituals allein im Haus sein musst (es sollten auch keine Haustiere da sein). Man darf das Ritual also nicht mit mehreren Personen durchführen.</p>



<p>Die Lichter müssen die ganze Zeit über ausgeschaltet bleiben.</p>



<p>Du darfst während des Rituals auf keinen Fall einschlafen.</p>



<p>Verlass nicht das Haus, während das Ritual noch im Gange ist.</p>



<p>Und besonders wichtig: Das Versteckspiel darf niemals länger als 2 Stunden andauern. Ansonsten läufst du Gefahr, dass der Dämon oder Geist zu mächtig wird und sich nicht mehr so leicht vertreiben lässt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p>Die urbane Legende soll ursprünglich aus der Kansai- und der Shikokuregion in Japan stammen. Es gibt Gerüchte, dass Hitori Kakurenbo als Experiment in einer japanischen Universität entstanden sei, mit dem man herausfinden wollte, wie gut sich urbane Legenden verbreiten können.</p>



<p>Es heißt außerdem, dass Hitori Kakurenbo mit dem Kokkuri-san Ritual zusammenhänge, einem alten japanischen Ritual, dass der Geisterbeschwörung mit einem Ouija-Brett ähnelt. Den genauen Zusammenhang habe ich nicht herausfinden können. Ich kann mir aber vorstellen, dass, sollte die Theorie mit dem Universitätsexperiment stimmen, das Kokkuri-san Ritual nur erwähnt wurde, um der Legende mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen.</p>



<p>Jedenfalls wurde am 18. April 2007 erstmals eine detaillierte Anleitung des Hitori-Kakurenbo-Rituals auf der japanischen Website 2chan gepostet.</p>



<p>Zahlreiche Leute haben das Ritual daraufhin ausprobiert, auf 2chan davon berichtet und es teilweise auch gefilmt. Die anderen Leute, die davon gelesen oder die Videos gesehen haben, haben es wiederum selbst ausprobiert und ihre Erfahrungen ins Netz gestellt, woraufhin weitere Leute diese Erfahrungen gelesen haben usw.</p>



<p>So hat sich das Ritual recht schnell verbreitet und es bald über die Landesgrenzen geschafft. Bereits im Herbst 2008 soll Hitori Kakurenbo in Amerika angekommen sein. Von dort aus hat es sich schließlich in die weitere westliche Welt verbreitet.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Hitori Kakurenbo in der Popkultur:</h3>



<p>Auf YouTube und ähnlichen Plattformen gibt es zahlreiche Videos über Leute aus allen möglichen Ländern, die Hitori Kakurenbo durchführen.</p>



<p>Außerdem gibt es die japanische Horrorfilmreihe „Hitori Kakurenbo Gekijōban“ (Japanisch für „Allein Versteckspielen: Der Film“, 2009), „Hitori Kakurenbo Shin Gekijōban“ („Allein Versteckspielen: Der neue Film“, 2010) und „Hitori Kakurenbo Gekijōban Shin Toshidensetsu“ (Allein Versteckspielen: Der Film – wahre urbane Legende“, 2012) sowie den alleinstehenden Film „Hitori Kakurenbo“ (2008), die das Ritual aufgreifen.</p>



<p>2010 kam sogar von der berühmten virtuellen Sängerin Hatsune Miku das gleichnamige Lied „ひとりかくれんぼ“ (Hitori Kakurenbo) heraus.</p>



<p>Darüber hinaus gibt es einige Videospiele über die Legende, z. B. das Smartphonegame „Alone Hide and Seek“ für iOS und Android, das Multiplayerhorrorspiel „Hitori Kakurenbo Online“ (es befindet sich jedoch im Early Access und wurde seit 18 Monaten nicht geupdatet) sowie diverse weitere Spiele, die ihr unter den Namen „Hide and Seek Alone“ und „Hitori Kakurenbo“ auf itch.io finden könnt.</p>



<p><em>Was haltet ihr von Hitori Kakurenbo? Kanntet ihr das Ritual bereits? Habt ihr es vielleicht schon einmal selbst durchgeführt oder würdet es gerne versuchen? Schreibt es in die Kommentare!</em> </p>


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<p></p>
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		<title>The Midnight Game – das Mitternachtsspiel</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 24 Feb 2025 14:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Creepypasta]]></category>
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		<category><![CDATA[Monster und Ungeheuer]]></category>
		<category><![CDATA[Rituale]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wir legten die Zettel mit unseren Namen und unserem Blut davor auf den Boden, holten zwei Kerzen und stellten sie je auf den Zettel. Danach kramten wir die neuen Feuerzeuge hervor und zündeten sie einige Male an, um sicherzugehen, dass sie funktionierten. Sollte eines von beiden später versagen, könnte das unseren Tod bedeuten …</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg02.met.vgwort.de/na/7f0bcb6c36774ea782bb7498559ee0d6" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p>The Midnight Game ist ein modernes <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/rituale" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Ritual</a>, das vor etwas über 10 Jahren erstmals im Internet gepostet wurde. Da ich schon länger keinen Beitrag mehr über ein Ritual geschrieben habe, dachte ich, dass es sich gut für meinen nächsten Beitrag eignen würde.</p>



<p>Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen (Achtung Spoiler!) </strong></summary>
<p>&#8211; Blut<br>
&#8211; Selbstverletzung<br>
&#8211; Tod</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p>„Das ist kein Schönschreibwettbewerb“, kommentierte Mark mit einem Grinsen, während er mir dabei zusah, wie ich meinen Namen auf das Stück Papier zeichnete.</p>



<p>Ich ließ mich davon nicht aus der Ruhe bringen. Sorgfältig schrieb ich weiter. Hierbei wollte ich mir keine Unsauberkeit erlauben.</p>



<p>Mark war deutlich weniger zimperlich. Er schmierte seinen Namen auf das Papier, als wäre es ein Aufgabenzettel aus der Schule.</p>



<p>Nach einer gefühlten Ewigkeit war auch ich fertig. ‚Leonard Carsten Richter‘, stand in meiner schönsten Schrift da.</p>



<p>„Was jetzt?“, fragte ich.</p>



<p>Da hielt Mark mir auch schon eine Stecknadel entgegen. „Jetzt der Tropfen Blut“, sagte er.</p>



<p>Ich beobachtete ihn, wie er mehrere Anläufe nahm. Immer wieder führte er seine Nadel an den Zeigefinger, atmete tief durch, zögerte und traute sich dann doch nicht.</p>



<p>„Jetzt steck ihn schon rein“, scherzte ich bewusst zweideutig, nahm meine eigene Nadel und rammte sie mir, ohne innezuhalten, in den Daumen. Bei so etwas galt Augen zu und durch. Wenn man zögerte, kamen einem nur Gedanken, die einen davon abhielten.</p>



<p>Ich drückte die Haut um den Einstich zusammen, sodass ein Tropfen Blut daraus hervorquoll. Anschließend hielt ich ihn so dicht an das Papier mit meinem Namen, dass der Tropfen darauf landete.</p>



<p>Es war nur ein kleiner Tropfen, aber das musste genügen. Anschließend steckte ich meinen Daumen in den Mund. Sofort schmeckte ich den vertrauten eisernen Geschmack.</p>



<p>Als ich zu Mark sah, erkannte ich, dass auch er es endlich geschafft hatte.</p>



<p>Mit unseren Fingern in den Mündern warteten wir, bis das Blut in das Papier eingezogen war. Der erste Schritt des Rituals war vollendet.</p>



<p>Falls ihr euch fragt, was wir hier eigentlich machen, wir bereiten das Midnight Game vor. Es handelte sich dabei um ein altes heidnisches Ritual, mit dem man eine böse Entität namens the Midnight Man beschwören kann. So stand es zumindest im Internet. Wir hatten auf einer Creepypastaseite davon gelesen und waren beide hellauf begeistert.</p>



<p>Ihr müsst wissen, Mark und ich waren Fans vom Okkulten. Bereits in der Grundschule hatten wir zusammen das Bloody Mary Ritual durchgeführt, später versuchten wir dasselbe mit dem Candyman und sogar mit Hanako-san.</p>



<p>Passiert war natürlich nie etwas. Trotzdem könnt ihr euch unsere Begeisterung sicher vorstellen, als wir von „The Midnight Game“ erfahren hatten – einem dreieinhalbstündigen Ritual, das bei den Durchführenden zu schweren mentalen Schäden oder sogar dem Tod führen konnte.</p>



<p>Wirklich daran glauben taten wir natürlich beide nicht. Wir liebten allerdings den Nervenkitzel, die Momente, in denen man sich nie ganz sicher war, ob wir nicht vielleicht doch gerade in Lebensgefahr schwebten. Noch ahnten wir beide ja nicht, wie anders the Midnight Game werden würde …</p>



<p>Als Nächstes gingen wir noch einmal die Räume des alten Hauses ab, um sicherzugehen, dass nirgends mehr Licht brannte – eine der Regeln des Midnight Games. Die einzige Lichtquelle, die wir von Mitternacht bis 03:33 Uhr haben würden, war jeweils eine einzelne Kerze.</p>



<p>Anschließend gingen wir weiter zur Haustür. Sie war aus massivem Holz. Wir legten die Zettel mit unseren Namen und unserem Blut davor auf den Boden, holten zwei Kerzen und stellten sie je auf den Zettel. Danach kramten wir die neuen Feuerzeuge hervor und zündeten sie einige Male an, um sicherzugehen, dass sie funktionierten. Sollte eines von beiden später versagen, könnte das unseren Tod bedeuten.</p>



<p>Entschlossen zündeten wir die Kerzen an, ehe wir auch das Licht im Flur ausschalteten.</p>



<p>Mark holte sein Smartphone heraus. Er öffnete die Weltuhr. „In einer Minute ist Mitternacht. Genau zweiundzwanzig Sekunden vorher fangen wir mit dem Klopfen an“, erklärte er unnötigerweise. Den Plan hatten wir bestimmt schon ein Dutzend Mal durchgesprochen.</p>



<p>Um den Midnight Man zu beschwören, mussten wir genau zweiundzwanzig Mal gegen die Tür klopfen. Das letzte Klopfen musste dabei auf Punkt Mitternacht fallen.</p>



<p>Angespannt wartete ich, bis Mark anfing, die Sekunden anzusagen. „Noch zehn Sekunden. Fünf Sekunden. Drei, zwei, eins, jetzt!“</p>



<p>Sofort fingen wir mit dem Klopfen an.</p>



<p>„Eins, zwei, drei“, zählte Mark laut mit. Er hielt dabei den Blick stur auf sein Smartphone gerichtet, während er den Takt vorgab. „Neunzehn, zwanzig, einundzwanzig, zweiundzwanzig.“</p>



<p>Wie auf Kommando begann in genau diesem Moment die große Standuhr im Flur zu schlagen. ‚<em>Ding Dong, Ding Dong</em>‘, tönte sie laut. Ich zählte mit. Genau zwölf Schläge. Mitternacht.</p>



<p>Ich spürte, wie sich eine wohlige Gänsehaut über meinen Rücken zog. „Also dann“, sagte ich. „Mögen die Spiele beginnen.“</p>



<p>Mark griff nach der Türklinke und öffnete die Haustür. Anschließend beugten wir uns zu unseren Kerzen und pusteten sie aus.</p>



<p>Das war’s. Wir hatten dem Midnight Man gerade erlaubt, mein Elternhaus zu betreten.</p>



<p>Im nächsten Moment hörte ich, wie Mark die Haustür wieder schloss. Schnell kramte ich mein Feuerzeug hervor. Ich war froh, dass Mark in der Dunkelheit nicht sehen konnte, wie panisch ich an dem Feuerzeug fummelte, um die Flamme anzubekommen.</p>



<p>Im Kerzenschein sah ich, wie Mark mich angrinste. Genau wie ich steckte er voller angespannter Erwartung.</p>



<p>„Na los“, flüsterte er, „lass uns in Bewegung bleiben.“</p>



<p>Das war eine weitere Regel des Midnight Games. Wir durften niemals zu lange an einem Ort verweilen, oder der Midnight Man würde uns finden. Wenn er das tat, würden unsere Kerzen ausgehen. Dann hatten wir genau zehn Sekunden Zeit, die Flammen wieder zu entzünden. Sollten wir das hingegen nicht schaffen, mussten wir schnell einen schützenden Kreis aus Salz um uns ziehen. Ansonsten würden wir eines grausamen Todes sterben.</p>



<p class="has-text-align-center">&#8212;</p>



<p>Am Anfang passierte noch nicht viel. Trotzdem kam mir das Haus völlig fremd vor. Obwohl ich hier schon seit fünfzehn Jahren wohnte, war es fast so, als erkannte ich die Räume im schwachen Licht unserer Kerzen nicht wieder. Nicht nur, dass die Möbel – die Schränke im Flur, die Stühle in der Küche, sogar die offenen Türen – nur als schemenhafte Umrisse auftauchten, auch waberten überall über die Wände Schatten, die im flackernden Licht fast lebendig wirkten.</p>



<p>Als wir das Wohnzimmer betraten, erstarrte ich. In einigen Metern Entfernung starrten uns zwei leuchtende Augen aus der Dunkelheit an.</p>



<p>„Was ist?“, flüsterte Mark mir zu. Sein Körper wirkte angespannt.</p>



<p>„Scheiße!“, fluchte ich leise. Dann musste ich lachen. „Ich hab die Reflexion im Fenster gerade für zwei Augen gehalten.“ Ich deutete auf die beiden kleinen Flammen, die sich in der Fensterfront spiegelten.</p>



<p>Jetzt lachte auch Mark leise. „Mach nicht gleich so ne Panik. Wenn wir keinen kühlen Kopf bewahren, sehen wir den Midnight Man gleich an jeder …“ Er brach mitten im Satz ab. Seine Augen waren ungläubig geweitet, ehe er plötzlich den Arm mit der Kerze ausstreckte und in Richtung Sofa leuchtete.</p>



<p>Ich folgte seinem Blick, konnte aber nichts Ungewöhnliches entdecken, ehe Mark mich wortlos am Arm packte und zurück in den Flur zerrte.</p>



<p>Wir gingen noch einige Meter weiter, ehe ich mich traute, etwas zu sagen. Das Verhalten war für Mark absolut untypisch.</p>



<p>„Was?“, flüsterte ich, so leise, dass ich fast befürchtete, mein Freund würde mich nicht hören.</p>



<p>Mark sah mich mit großen Augen an. „Da hat sich was bewegt“, erklärte er. Auch er sprach so leise, dass ich mich anstrengen musste, um alles zu verstehen. „Irgendeine Art Schatten. Direkt beim Sofa.“</p>



<p>Prüfend musterte ich ihn, suchte nach irgendetwas, das darauf hindeutete, dass er mich bloß ärgern wollte. Aber sein Blick war todernst. Auch sah es im Kerzenschein so aus, als sei seinem Gesicht sämtliche Farbe entwichen.</p>



<p>„Ach, du spinnst. Das hast du dir eingebildet“, sagte ich dann. Ich lachte nervös. „Wer macht jetzt wem Panik?“</p>



<p>Mark gab mir ein schiefes Lächeln.</p>



<p>Ohne ein weiteres Wort zu sagen, setzten wir uns wieder in Bewegung. Wieder gingen wir durch die verschiedenen Räume. Jetzt bildete auch ich mir ein, aus dem Augenwinkel Bewegungen in der Dunkelheit zu sehen. Aber nein, meine Augen spielten mir einen Streich.</p>



<p>Irgendwann jedoch kam zu den Bewegungen ein Geräusch hinzu. Es war eine Art Säuseln. Oder ein Flüstern?</p>



<p>Mit gerunzelter Stirn sah ich zu Mark. „Hörst du das?“, zischte ich ihm zu.</p>



<p>Er hielt in der Bewegung inne. Jetzt lauschten wir beide angespannt. Da war definitiv eine Art Flüstern. Nur, dass ich nicht erkennen konnte, wo es herkam. Auch konnte ich keinerlei Worte darin ausmachen.</p>



<p><em>Ding Dong.</em></p>



<p>Mark und ich zuckten gleichermaßen zusammen. Vor Schreck hätte ich fast die Kerze fallenlassen. 1 Uhr. Wir hatten erst eine Stunde in dem Ritual ausgehalten und ich hatte schon jetzt das Gefühl, langsam den Verstand zu verlieren.</p>



<p>Wieder lachte ich nervös. Diesmal um mein schweres Atmen zu überdecken. Ehe ich jedoch etwas sagen konnte, waren wir plötzlich in Dunkelheit gehüllt.</p>



<p>Ungläubig starrte ich auf die nachglimmende Spitze des Dochts vor mir. Marks und meine Kerze waren im exakt selben Augenblick ausgegangen.</p>



<p>Im nächsten Moment kramten wir hektisch unsere Feuerzeuge hervor, während wir zurück in den Flur stolperten. Es klackerte, während wir versuchten, sie einzuschalten. Dann endlich gab es wieder Licht. Mark hatte es als erstes geschafft, seine Kerze wieder zu entzünden, und hielt mir mit ernster Miene das Feuerzeug hin. Dankbar hielt ich auch meinen Docht in die Flamme.</p>



<p>„Heilige Scheiße, was war das?“, flüsterte ich, nachdem wir sichergegangen waren, dass um uns herum alles normal aussah.</p>



<p>„Vielleicht ein Windzug?“, erwiderte Mark. Er hatte immer für alles eine Erklärung.</p>



<p>Aber wahrscheinlich hatte er recht. Außer … Aber nein. The Midnight Game war nur ein Spiel. Eine Mutprobe unter Freunden. Genau wie Bloody Mary und all die anderen Rituale. Nichts davon war echt. Ich durfte mich jetzt wirklich nicht wegen sowas verrückt machen lassen.</p>



<p>Trotzdem hatte ich ein mulmiges Gefühl in der Magengegend, während wir weitergingen.</p>



<p>Inzwischen sah ich in allen Ecken Bewegungen. Dunkle Schatten, die sich aufrichteten. Natürlich wusste ich, dass mein Hirn mir nur Streiche spielte. Dennoch hätte ich mehr als einmal am liebsten das Licht eingeschaltet, um mich wirklich davon zu überzeugen. Aber das war gegen die Regeln. Und wenn an dem Ritual auch nur ein kleines Fünkchen Wahrheit war, wollte ich nicht herausfinden, was mit Regelbrechern geschehen würde.</p>



<p>Runde für Runde schlichen wir durch die Zimmer. Nur das Wohnzimmer und das Gästezimmer, in dem ich vorhin das Geflüster gehört hatte, ließen wir aus. Die Bewegungen, die ich sah, wurden dabei immer häufiger. Auch kam mir die Stille manchmal gar nicht mehr so still vor.</p>



<p>„Ist dir auch plötzlich so kalt?“, flüsterte ich Mark zu.</p>



<p>Doch er zuckte mit den Schultern. „Nicht kälter als eben“, antwortete er.</p>



<p>Wie konnte Mark bei all dem nur so cool bleiben? Das Einzige, was mich noch bei Verstand hielt, war die Tatsache, dass unsere Kerzen erst ein einziges Mal ausgegangen waren. In den meisten Zeugenaussagen aus dem Internet geschah das sehr viel häufiger.</p>



<p>Wahrscheinlich hatte Mark also recht: Es war nur ein Windzug gewesen, der die Kerzen ausgepustet hatte. Der würde auch das säuselnde Geräusch erklären. Das Haus war alt. Da kam so etwas schon einmal vor.</p>



<p>Und die Schatten? Das war nichts als meine Fantasie. Natürlich bildete ich mir Dinge ein, wenn ich die letzten Tage ständig davon gelesen hatte. In der Dunkelheit ließen die Augen sich nun einmal sehr leicht austricksen. Wenn ich mich jetzt also nicht beruhigte, würde es bloß schlimmer werden.</p>



<p>Ich atmete tief durch, dachte an all die anderen Rituale, bei denen auch nie etwas geschehen war. Ich war in Sicherheit. Wir waren in Sicherheit.</p>



<p>Es funktionierte. Langsam beruhigte sich mein Herzschlag wieder. Von mir selbst belustigt schüttelte ich den Kopf. Natürlich war das alles nur Einbildung gewesen. Genau wie die dunkle Gestalt, die jetzt vor uns beiden stand.</p>



<p>Meine Augen weiteten sich. Und auch Mark war wie angewurzelt stehengeblieben.</p>



<p>Die Gestalt vor uns war anders als die schattenhaften Bewegungen, die ich bisher gesehen hatte. Sie war dunkler. Um genau zu sein, erkannte ich sie nur, weil sie noch schwärzer als die Dunkelheit hinter ihr war. Sie stach nahezu daraus hervor. Außerdem war ihre Form eindeutig menschlich. Sie war groß und dünn, hatte deutlich erkennbare Arme. Einen Torso. Einen Kopf.</p>



<p>Dann bewegte sie sich. Es sah aus, als würde sie einen Arm nach uns ausstrecken. Und plötzlich … Schwärze. Unsere Kerzen waren zeitgleich erloschen.</p>



<p>Panik stieg in mir auf. Noch während ich in meiner Hosentasche nach dem Feuerzeug kramte, stolperte ich rückwärts davon. Ich rannte zurück in den Flur, versuchte hektisch, meine Kerze wieder anzuzünden. Wie viele Sekunden waren vergangen, seit die Kerze erloschen war? Ich wusste es nicht, hatte nicht mitgezählt. Waren es schon zehn Sekunden?</p>



<p><em>Klack. Klack.</em> Wieso kam kein Feuer? <em>Klack.</em> Dann endlich wurde es hell. Die winzige Flamme meines Feuerzeugs kam mir vor wie ein rettendes Leuchtfeuer. Schnell hielt ich sie an meine Kerze und entzündete den Docht.</p>



<p>Als Nächstes sah ich mich um. Von der dunklen Gestalt fehlte jede Spur. Jedoch auch von Mark.</p>



<p>Ich unterdrückte ein Fluchen. Wieso hatte ich nicht darauf geachtet, wo er hingelaufen war? Ohne zu zögern, ging ich zurück. Meine Füße bewegten sich schnell und leise über den alten Holzboden. Gleichzeitig achtete ich auf jede Bewegung, jeden Schatten, der mir merkwürdig vorkam.</p>



<p>Als ich um eine Ecke bog, rannte ich fast in Mark hinein. Mein Herz machte einen Hüpfer. Die Flamme von Marks Kerze streifte mein Gesicht. Gerade noch so konnten wir verhindern, ineinander zu laufen.</p>



<p>„Fuck!“, stieß ich aus. Diesmal konnte ich das Fluchen nicht unterdrücken. Ich atmete tief durch. „Du hast das doch auch gesehen, oder?“, fragte ich. „Die schwarze Gestalt?“</p>



<p>„Ja.“ Mark nickte.</p>



<p>„Scheiße, scheiße, scheiße!“, fluchte ich. „Das ist kein Spiel!“</p>



<p>Ich eilte in den Flur zurück, diesmal darauf bedacht, dass Mark mir folgte. Dort stellte ich die Kerze auf den Boden und fummelte die Packung Salz aus meiner Hosentasche, die ich für den Notfall eingesteckt hatten. Ich weiß noch, wie Mark mich dafür ausgelacht hatte. Aber ich war lieber auf Nummer sicher gegangen. Immerhin sollte man in einem Kreis aus Salz vor den Midnight Man sicher sein. Auch wenn ich nie gedacht hätte, dass wir das Salz wirklich brauchten.</p>



<p>Behutsam streute ich den Inhalt in einem Kreis um mich auf den Boden. Ich machte ihn groß genug, damit Mark ebenfalls darin Platz finden konnte.</p>



<p>Er hingegen blieb einige Meter vor mir stehen. Im schwachen Kerzenlicht konnte ich den Zweifel in seinem Gesicht erkennen.</p>



<p>„Jetzt komm schon! Bevor der Midnight Man wieder auftaucht“, forderte ich ihn auf.</p>



<p>Aber Mark bewegte sich nicht. „Das … Das ist doch verrückt. Es gibt keinen Midnight Man. The Midnight Game ist nicht echt.“</p>



<p>„Und wenn doch?“, erwiderte ich. „Jetzt komm endlich her! Wem willst du denn noch was beweisen? Du hast länger durchgehalten als ich, okay?“</p>



<p>Mark zögerte. Ich konnte es deutlich erkennen. Doch dann schüttelt er den Kopf. „Nein“, sagt er entschlossen. „Es ist schon fast zwei Uhr. Die letzten anderthalb Stunden halt ich auch noch durch.“</p>



<p>Verdammter Sturkopf! Er war schon immer der Vernünftige von uns gewesen. Wahrscheinlich war er sich sicher, dass die Gestalt nur Einbildung gewesen war. Natürlich hoffte ich das auch. Aber ich würde nicht länger mein Leben darauf verwetten.</p>



<p>„Ich muss in Bewegung bleiben“, fügte Mark knapp hinzu. Ehe er sich jedoch umdrehen konnte, war er plötzlich verschwunden. Vor mir lag nur noch Dunkelheit. Seine Kerze war wieder erloschen.</p>



<p>Vor Anspannung hielt ich den Atem an. Im Kopf zählte ich mit: 1, 2, 3. Angestrengt starrte ich in die Schwärze. 4, 5, 6. Wo blieb die Flamme seines Feuerzeugs? 7, 8, 9, 10. Nichts.</p>



<p>„Mark?“, rief ich zaghaft. Ich traute mich nicht, lauter zu rufen. „Mark, bist du da?“</p>



<p>Keine Antwort.</p>



<p>Für einen kurzen Moment überlegte ich, ob mein Freund mich auf den Arm nahm. Dann hörte ich jedoch ein angsterfülltes Gewimmer.</p>



<p>„Nein … Nein!“, jammerte Mark. Noch nie hatte ich so viel Panik in seiner Stimme gehört. „Nein, nein, nein, nein, nein!“</p>



<p>Bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, nahm ich all meinen Mut zusammen, umklammerte meine Kerze und trat aus dem Salzkreis hinaus. Mit ausgestreckter Kerzenhand ging ich auf das Gewimmer zu. Zuerst sah ich nur die Dielen im Licht der Kerze, dann unsere Kommode und direkt daneben einen völlig verängstigten Mark.</p>



<p>Er saß mit dem Rücken an die Wand gedrängt, die Arme schützend erhoben, während er entsetzt in die Luft starrte. „Nein, nein, nein!“, jammerte er weiter.</p>



<p>„Mark. Mark, ich bin es“, versuchte ich, ihn zu beruhigen. Ich versuchte, nach seiner Schulter zu greifen, doch er schlug meinen Arm sofort weg.</p>



<p>Nach einem zweiten und dritten Versuch gab ich auf. Er erkannte mich nicht.</p>



<p>Also stellte ich meine noch brennende Kerze auf den Boden. Ich packte mit beiden Armen nach Marks Schultern.</p>



<p>Er wehrte sich mit Leibeskräften. Was auch immer er in der Dunkelheit sah, es musste ihm panische Angst bereiten.</p>



<p>Während ich ihn also auf die Beine zog, schlug und trat er um sich. Es tat verdammt weh, aber ich schluckte den Schmerz hinunter. Wenn die Internetseiten recht hatten, auf denen wir über the Midnight Game gelesen hatten, würde der Midnight Man Mark umbringen, während er ihm Visionen seiner schlimmsten Ängste zeigte. Das musste ich auf jeden Fall verhindern.</p>



<p>Ich hatte keine Ahnung, wie ich es bewerkstelligte, aber schließlich schaffte ich es, Mark in Richtung Salzkreis zu bewegen.</p>



<p>Inzwischen zuckte sein Kopf hin und her. Sein Gewimmer war zu Schreien übergegangen. „Nein! Nein, nein!“, schrie er.</p>



<p>Dann endlich standen wir beide im Salzkreis. Für einen kurzen Moment sah Mark mich direkt an. Es war, als würde er mich endlich erkennen. Dann sackte er am Boden zusammen und fing bitterlich an zu weinen.</p>



<p>Nachdem ich mit meinem Feuerzeug kontrolliert hatte, ob der Kreis noch intakt war und zwei Stellen ausgebessert hatte, widmete ich mich schließlich Mark.</p>



<p>Unbeholfen streichelte ich über seinen Rücken. „He. Alles wird gut“, redete ich beruhigend auf ihn ein. „Wir sind jetzt in Sicherheit.“</p>



<p class="has-text-align-center">&#8212;</p>



<p>Die restliche Zeit des Rituals, bis 03:33 Uhr, als der Midnight Man wieder verschwinden sollte, verharrten wir fast reglos im Salzkreis. Zum Glück geschah, abgesehen davon, dass meine Kerze recht schnell erlosch, nichts Ungewöhnliches mehr. Trotzdem sprach Mark in der gesamten Zeit kein einziges Wort mehr. Erst, als nach gefühlten Ewigkeiten unsere Handywecker gleichzeitig losgingen und das Ende des Midnight Games verkündeten, sprang er ruckartig auf und rannte zum nächsten Lichtschalter.</p>



<p><em>Klack.</em></p>



<p>Der Flur lag völlig ruhig vor uns. Wären da nicht der Salzkreis, die beiden erloschenen Kerzen und zwei blutbefleckten Papiere bei der Eingangstür gewesen, hätte wohl niemand geahnt, dass hier gerade ein dunkles Ritual durchgeführt worden war.</p>



<p>Mark hingegen sah man es deutlich an. Er war noch immer leichenblass, sah völlig verheult aus und zitterte am ganzen Körper. In dieser Nacht hatten wir im selben Bett geschlafen.</p>



<p>Aber obwohl Mark am nächsten Morgen schon deutlich besser aussah, war er seit jener Nacht nie wieder derselbe gewesen. Er lachte weniger, hatte wohl oft noch Albträume. Seitdem haben wir jedenfalls einen großen Bogen um alles gemacht, was auch nur ansatzweise okkult wirkte.</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p>The Midnight Game, englisch für „das Mitternachtsspiel“, ist ein Ritual, das ursprünglich als <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/creepypasta" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Creepypasta</a> veröffentlicht wurde. Mit dem Ritual wird angeblich ein <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer">Wesen</a> namens „The Midnight Man“ beschworen, das versucht, die Durchführenden zu töten.</p>



<p>Inzwischen gibt es unzählige Menschen, die das Ritual durchgeführt oder eigene Geschichten dazu geschrieben haben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Das Ritual:</h3>



<p><strong>Hinweis: Ich rate dringend davon ab, übernatürliche Rituale durchzuführen. Der Kontakt zur Geister- oder Dämonenwelt kann schwerwiegende Folgen mit sich bringen!</strong></p>



<p>Angeblich soll the Midnight Game ein altes heidnisches Ritual sein, das dazu genutzt wurde, Anhänger der betreffenden heidnischen Religion zu bestrafen, wenn sie gegen die Regeln verstoßen haben. Um welche heidnische Religion es sich dabei genau gehandelt haben soll, ist jedoch nicht bekannt.</p>



<p>Es heißt, dass das Ritual zu schweren mentalen Schäden oder sogar zum Tod führen kann. Sollte man das Ritual nicht schaffen, soll der Midnight Man seinen Opfern Halluzinationen ihrer größten Ängste erscheinen lassen, während er ihnen die Organe herausreißt.</p>



<p>Eine positive Folge oder einen anderen Grund, warum man das Ritual durchführen sollte, gibt es nicht.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Vorbereitung:</h4>



<p>Für das Ritual benötigt man eine Kerze, ein Feuerzeug oder Streichhölzer (möglichst zuverlässig, sodass man die Kerze oft und möglichst schnell wieder entzünden kann), ein Blatt Papier, etwas zum Schreiben, Salz (genug, um einen schützenden Kreis um sich auf den Boden zu streuen), eine Holztür sowie einen Tropfen des eigenen Blutes.</p>



<p>Als Erstes muss man seinen vollständigen Namen (inkl. mittlere Namen, falls vorhanden) auf das Papier schreiben. Anschließend muss man einen Tropfen des eigenen Blutes auf das Papier träufeln und warten, bis das Papier das Blut aufgesaugt hat.</p>



<p>Dann soll man alle Lichter im Haus ausschalten und das Papier mit dem Namen vor die Holztür legen. Die Kerze muss auf das Papier gestellt und angezündet werden.</p>



<p>Als Nächstes muss man genau 22-mal an die Holztür klopfen. Wichtig hierbei ist, dass das letzte Klopfen auf Punkt Mitternacht fallen muss.</p>



<p>Wenn man nun die Tür öffnet, die Kerze auspustet und die Tür wieder schließt, soll der Midnight Man im Haus auftauchen und das Ritual beginnt. Jetzt sollte man die Kerze, so schnell es geht, wieder anzünden.</p>



<h4 class="wp-block-heading">The Midnight Man:</h4>



<p>Viel ist über den Midnight Man nicht bekannt. Man weiß nur, dass er während des Rituals als pechschwarze humanoide Gestalt oder als Schatten auftauchen soll.</p>



<p>Auch soll man seine unmittelbare Nähe an einem plötzlichen Temperaturabfall und einem Geflüster, das aus keiner bestimmten Richtung zu kommen scheint, erkennen.</p>



<p>Wenn man den Midnight Man sieht oder wahrnimmt, wird empfohlen, den Raum schnellstmöglich zu verlassen.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Ablauf:</h4>



<p>Sobald der Midnight Man beschworen ist, sollte man nicht zu lange an ein und demselben Ort verharren, um nicht von ihm gefunden zu werden.</p>



<p>Außerdem darf man kein einziges Licht einschalten (auch keine Taschenlampe o. Ä.) und muss dafür sorgen, dass die Kerze die ganze Zeit über brennt. Sollte die Kerze ausgehen, muss man sie innerhalb von 10 Sekunden erneut entzünden, oder – falls man das nicht schafft – einen Kreis aus Salz um sich herumstreuen. Diesen Kreis darf man während des Rituals nicht mehr verlassen.</p>



<p>Wenn man es schafft, bis genau 03:33 Uhr zu überleben – egal, ob durch in Bewegung bleiben und die Kerze am Brennen halten oder, indem man im Salzkreis verweilt – hat man das Ritual erfolgreich beendet.</p>



<p>Gesondert erwähnt sind zusätzlich die Regeln, dass man während des Rituals nicht einschlafen darf, nicht das Blut einer anderen Person auf das Papier träufeln darf, kein Feuerzeug statt der Kerze verwenden kann und, dass man den Midnight Man unter keinen Umständen beleidigen oder sonst wie verärgern darf.</p>



<p>Des Weiteren heißt es, dass, sollte man das Ritual überleben, der Midnight Man, auch, wenn er keine unmittelbare Gefahr mehr darstellt, die durchführenden Personen (wahrscheinlich ihr ganzes Leben lang) weiter beobachten wird.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p>Einigen Seiten zufolge wurde die älteste Version von the Midnight Game ursprünglich auf 4chan gepostet. Den alten 4chan-Post habe ich zwar nicht finden können, die ältesten beiden Versionen, die ich ausfindig machen konnte (ein Bild auf <a href="https://imgur.com/gallery/lets-play-midnight-game-gentlemen-j4RZw#-1" target="_blank" rel="noreferrer noopener">imgur</a> von 2011 und ein Post in der <a href="https://creepypasta.fandom.com/wiki/Midnight_Game">Creepypasta Wiki</a> von 2012) sind jedoch identisch, weshalb ich davon ausgehe, dass sie denselben Text wie auf 4chan beinhalten.</p>



<p>Vor den besagten Posts habe ich keine Erwähnung des Rituals finden können. Die einzige ältere Übereinstimmung ist der Film „The Midnight Man“ von 1974, der abgesehen vom Namen keine Gemeinsamkeiten mit dem Ritual hat.</p>



<p>Auch deutet das Ritual an sich darauf hin, dass es sich um eine neuere Erfindung und nicht tatsächlich um ein „altes heidnisches Ritual“ handelt. Zum einen waren die meisten Häuser früher sehr viel kleiner, sodass man nicht vor dem Midnight Man hätte flüchten können, zum anderen wäre das erneute Entzünden einer erloschenen Kerze innerhalb von 10 Sekunden mit damaligen Mitteln ein Problem gewesen.</p>



<p>Das Ritual selbst kann hingegen tatsächlich funktionieren. Bzw. könnten durchführende Personen tatsächlich denken, dass es funktioniert.</p>



<p>Wann man in einem dunklen Haus umherstreift, dabei nichts außer einer flackernden Kerze als Lichtquelle hat, ist es nicht ungewöhnlich, dass man sich Dinge einbildet. Wenn jetzt noch Faktoren wie Angst, Nervosität und Müdigkeit hinzukommen, kann es passieren, dass die Durchführenden tatsächlich eine dunkle Gestalt sehen, seltsames Geflüster hören oder sich einbilden, dass es kälter wird. Da dies wiederum die Nervosität oder Angst noch weiter steigern kann, kann es sein, dass einige Personen in dieser Situation tatsächlich zu halluzinieren beginnen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">The Midnight Game in der Popkultur:</h3>



<p>Aufgrund der Beliebtheit der Creepypasta gab es bereits zahlreiche Personen, die das Ritual selbst ausprobiert oder eigene Geschichten dazu geschrieben haben. Dementsprechend lassen sich viele Creepypastas, Zeugenaussagen und Kurzgeschichten finden, die von dem Ritual handeln.</p>



<p>Außerdem gibt es den irischen Low-Budget-Film „The Midnight Game“ (2013) sowie den US-amerikanischen Film „The Midnight Man“ (2016), die von dem Ritual handeln.</p>



<p>Im Jahr 2014 hat Unicorn Studios sogar ein gleichnamiges Videospiel herausgebracht, in dem das Ritual nachgestellt wurde. Es fand Anklang bei zahlreichen Let’s Playern, die die Bekanntheit des Rituals somit weiter gepusht haben.</p>



<p><em>Was haltet ihr von the Midnight Game? Würdet ihr das Ritual durchführen? Habt ihr es vielleicht schon einmal getan? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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		<title>Gloson – Der Jahresgang Teil 2</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 25 Dec 2023 14:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Geister]]></category>
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		<category><![CDATA[Monster und Ungeheuer]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Mehr Zeit zum Überlegen hatte ich nicht. Gloson setzte bereits zum Angriff an. Sie schnaufte, stieß dabei Wolken aus ihren Nasenlöchern und preschte los. Ich hörte ihren schweren Atem, während sie näherkam …</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg09.met.vgwort.de/na/e579a3a1026a4488a0ada615cc50c1b6" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p>Gloson ist ein Wesen, auf dessen Beitrag ich mich schon lange gefreut habe. Immerhin bin ich ein Skandinavien-, Schweine und Geisterfan.</p>



<p>Bevor ich mich also in meine diesjährige Winterpause verabschiede, folgt hier der zweite Teil der diesjährigen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/weihnachten" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Weihnachts</a>geschichte „<a href="https://www.geister-und-legenden.de/arsgang">Der Jahresgang</a>“.</p>



<p>Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen</strong></summary>
<p>&#8211; Krankheit: ALS</p>
<p>&#8211; Andeutung an den Tod eines Kindes</details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p><em>Diese Geschichte ist der zweite Teil des diesjährigen Weihnachts-Specials. Wenn ihr den vorherigen Teil noch nicht kennt, könnt ihr ihn <a href="https://www.geister-und-legenden.de/arsgang">Hier</a> nachlesen.</em></p>



<p>Meine Knie zitterten – diesmal wusste ich nicht, ob es an der Kälte oder meiner Nervosität lag – während ich auf die Kirchentür zuging.</p>



<p>Zum Glück brannte in den Fenstern kein Licht mehr. Es verlief lediglich eine Lichterkette einmal um das Kirchendach herum, die mir ein willkommenes, wenn auch schwaches Licht spendete.</p>



<p>Vorsichtig kniete ich mich vor die Tür. Was jetzt folgte, war einer der wichtigsten Momente des Årsgång-Rituals. In meinen Büchern wurde es so beschrieben, dass ich damit meinen Glauben ablegte – und somit auch den einzigen Schutz, den Gott mir vor übernatürlichen Wesen geben würde.</p>



<p>Ich holte tief Luft, während ich hoffte, dass das Ganze eher symbolisch gemeint war, ehe ich den Mund zum Schlüsselloch führte und die eingeatmete Luft zusammen mit meinem Glauben hindurchblies. Um auf Nummer sicher zu gehen, dass ich alles richtig machte, hörte ich erst auf, als meine Lungen komplett leer waren.</p>



<p>Sicherlich kennt ihr das Schwindelgefühl, wenn ihr zu viel Luft ausgepustet habt. Wie ich herausfinden musste, ist der Schwindel nochmal um einiges intensiver, wenn ihr euch sowieso schon schwach und ausgelaugt fühlt.</p>



<p>Ich musste mich einen Moment an der rauen Steinwand festhalten. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass die Luft um mich herum plötzlich ein gutes Stück kälter geworden war, hoffte aber, dass ich es mir nur einbildete.</p>



<p>Es folgte das inzwischen vertraute Kichern von Grim an meinem Ohr. „Thorbjörn also. Das ist dein Name. Ich bin ehrlich: Sven gefiel mir besser. Aber man kann sich seinen Namen ja nicht aussuchen.“</p>



<p>Mein Herz rutschte mir in die Hose. Also war es mehr als nur eine symbolische Geste gewesen – das, oder Grim hatte die ganze Zeit nur so getan, als würde er meinen Namen nicht kennen.</p>



<p>Ich atmete einmal tief durch. Das Ritual war fast zu Ende. Alles, was noch fehlte, waren drei kurze Runden gegen den Uhrzeigersinn um die Kirche. Drei kurze Runden, die mich umbringen konnten.</p>



<p class="has-text-align-center">&#8212;</p>



<p>Zu meiner Überraschung begann die erste Runde ruhig. Ich sah mich aufmerksam um, konnte aber nichts Auffälliges entdecken, während ich dicht an die Steinwand des Kirchengebäudes gedrückt durch den knöchelhohen Schnee stapfte.</p>



<p>Bei dem ersten Kirchenfenster hielt ich inne. Allerdings nicht, weil ich etwas gehört hatte, sondern weil das Teil des Årsgångs war. Man sollte durch jedes erreichbare Kirchenfenster sehen, um weitere Visionen zu empfangen.</p>



<p>Ich sah bereits, dass Licht aus dem Fenster schien. Trotzdem musste ich mich auf Zehenspitzen stellen, um mehr zu erkennen. Zum Vorschein kam eine gut gefüllte, prunkvoll mit Blumen dekorierte Kirche. Die Anwesenden trugen allesamt Anzüge und Kleider, während sie auf den Bänken saßen und sich erwartungsvoll zur Eingangstür umdrehten. Als dann auch noch Einar, unser Pfarrer, den Hochzeitsmarsch auf der Orgel anstimmte, wusste ich sofort, was los war. Anja Larsson hatte sich vor wenigen Wochen mit ihrem Freund, einem Norweger, verlobt. Es war seitdem das Klatschthema Nummer 1 gewesen. Als sie wenige Sekunden später tatsächlich in einem weißen Kleid die Kirche betrat, wandte ich mich ab.</p>



<p>Bereits nach wenigen Schritten verstummte die Hochzeitsmusik wieder und ließ mich mit der Kälte, dem Geräusch knirschenden Schnees und meinem knurrenden Magen zurück.</p>



<p>Die nächsten beiden Fenster waren ähnlich unspektakulär. Das zweite blieb dunkel, während ich im dritten Fenster Zeuge von Maja Holmquists Beerdigung wurden. Zwar brach es mir das Herz, Jonna mit einem zerknitterten Zettel in der Hand vor dem viel zu kleinen Sarg ihrer Tochter stehen zu sehen, wie sie weinend versuchte, einige Worte an die anderen Trauernden zu richten, doch auch die Beerdigung von Maja war seit der Vision am Friedhof keine Neuigkeit mehr für mich gewesen.</p>



<p>Das vierte und letzte Fenster blieb wieder dunkel. Aber es bot eh lediglich einen Einblick in einen Anbau mit einer Sofaecke und Küche, die dem Pfarrer und der Kirchengemeinde zur Verfügung standen.</p>



<p>Und so näherte ich mich bereits nach wenigen Minuten wieder der Kirchentür und somit dem Ende meiner ersten Runde. Ich konnte bereits meine eigenen Fußspuren einige Meter vor mir im Schnee sehen, als plötzlich ein Blitz die Nacht erhellte. Fast unmittelbar folgten ein lauter Knall sowie eine heiße Luftwelle, die mich von der Seite traf. Schnell drehte ich mich um.</p>



<p>Das Haus gegenüber der Kirche – soweit ich wusste ein Einfamilienhaus, in dem eine vierköpfige Familie wohnte – hatte wie aus dem Nichts Feuer gefangen.</p>



<p><em>‚Eine Explosion?‘</em>, schoss es mir in den Kopf.</p>



<p>Es dauerte nur Sekunden, bis die Flammen, die an den hölzernen Wänden hochzüngelten, das ganze Haus eingenommen hatten.</p>



<p>Im nächsten Moment öffnete sich die Haustür. Ein brennender Mann kam auf die Straße gerannt, der wild um sich schlug und wie am Spieß kreischte.</p>



<p>Ich würde lügen, wenn ich sage, dass ich nicht fast auf den Trick hereingefallen und ihm zur Hilfe geeilt wäre. Gerade rechtzeitig fiel mir jedoch auf, wie unbekümmert die Bewohner der anderen Häuser zu sein schienen. Niemand trat auf die Straße. Ich konnte nicht einmal neugierige Gesichter an den Fenstern sehen, von Leuten, die die Explosion eindeutig gehört haben mussten.</p>



<p>Schließlich brach der Mann auf der Straße zusammen. Er hörte aber nicht auf, sich zu bewegen. Während noch immer kleine Flammen über seinen inzwischen schwarzgebrannten Körper zuckten, streckte er plötzlich einen Arm nach mir aus. „Wer ist da? Thorbjörn? Bist du das?“, fragte der mir fremde Mann mit erstaunlich fester Stimme.</p>



<p>Jetzt drang auch der Geruch an meine Nase. Es war aber kein abartiger Gestank, wie er manchmal beschrieben wurde, es roch eher nach einem gemütlichen Grillabend. Angewidert wandte ich mich ab.</p>



<p>„Ach komm, das haben wir doch echt gut in Szene gesetzt“, ertönte Grims Stimme wieder aus dem Nichts, während ich hörte, wie der Verbrannte mir mehrfach nachrief, dass ich ein Monster sei.</p>



<p>Ich schüttelte den Kopf. Geister waren echt geschmacklos. Zum Glück musste ich sie nur noch für zwei Runden um die Kirche ertragen. Ich hatte die Tür erreicht.</p>



<p>Wie auch bei der ersten Runde musste ich wieder in das Schlüsselloch pusten. Diesmal blieb ich vorsichtshalber einen Moment länger davor knien, um den Schwindelanfall abklingen zu lassen. Leider half es nur wenig. Wäre mein Magen nicht komplett leer gewesen, hätte ich nach dem Aufstehen wahrscheinlich auf den Boden gekotzt. So würgte ich jedoch nur trocken, während ich versuchte, einigermaßen geradeaus zu gehen. Zur Sicherheit blieb ich mit meiner linken Hand in Kontakt mit der Steinwand, bis ich das erste Fenster erreichte.</p>



<p>Die erste Vision war die einer Taufe. Ich beobachtete gelangweilt, wie der Pfarrer den Kopf eines kleinen Kindes mehrere Male unter Wasser drückte, ehe ich entschied, weiterzugehen.</p>



<p>Als ich mich abwandte, bemerkte ich jedoch eine Bewegung aus dem Augenwinkel, gefolgt von schweren Schritten. Misstrauisch sah ich in Richtung eines sich bewegenden Busches. Erst jetzt wurde mir klar, dass dahinter der Friedhof liegen musste.</p>



<p>Ich entschied, dass es schlauer wäre, nicht abzuwarten, bis ich herausfand, was sich von dort näherte.</p>



<p>Beim nächsten Fenster angekommen konnte ich eine traurige Melodie hören, ich wagte jedoch keinen Blick durch die Scheibe, da in diesem Moment eine Gestalt aus den Büschen trat. Sie hatte eine menschliche Statur – und kam direkt auf mich zu.</p>



<p>Ich wusste nicht, ob ich beim Årsgång rennen durfte. Oder ob ich überhaupt physisch dazu in der Lage wäre. Also beschleunigte ich bloß meine Schritte. Das wiederum schien die Silhouette anzustacheln. Sie gab eine Art Röcheln von sich, ehe sie zu einem Sprint ansetzte.</p>



<p>Mein Magen krampfte sich zusammen, als ich es sah. Aber was konnte ich tun? Ich hatte keine Waffe bei mir, nichts, um mich zu verteidigen, also begann ich zu joggen – schneller schafften es meine Beine in meinem Zustand nicht.</p>



<p>Ich hatte es gerade um die nächste Ecke geschafft, als das Ding mich einholte. Zuerst bemerkte ich einen Geruch nach Verwesung, ehe mich plötzlich eine abgemagerte Hand am Arm packte.</p>



<p>Panisch wirbelte ich herum, um den Angreifer abzuwehren, verlor dabei das Gleichgewicht und fiel mit dem Rücken voran in den Schnee. Gleichzeitig spürte ich, wie etwas Schweres auf mich stürzte. Der Aufprall presste mir mit einem keuchenden Geräusch die Luft aus den Lungen.</p>



<p>Während ich auf dem Rücken lag, sah ich, wie ein bleiches, eingefallenes Gesicht direkt über mir hing. Milchige Augen musterten mich. Und auch der Gestank nach Verwesung hatte deutlich zugenommen. Ein Wiedergänger.</p>



<p>Ihr kennt diese Wesen vielleicht besser als Zombies. Doch während Untote im Fernsehen durchaus gefährlich werden konnten, hatten Wiedergänger eine sehr viel schlimmere Eigenschaft: Ihre bloße Berührung brachte den Tod. Ich hatte Glück, dass der Großteil meines Körpers von dicker Winterkleidung bedeckt war. Würde er mich hingegen im Gesicht berühren …</p>



<p>Ein Röcheln entwich seinen Lippen, als der Mann sich an meinem Körper hochdrückte. Ich sah, dass seine Hand sich meinem Kopf näherte.</p>



<p>Panisch griff ich nach seinem Arm. Ich versuchte, seine Finger von mir fernzuhalten, aber der Untote hatte eine unglaubliche Kraft. Zentimeter für Zentimeter näherten seine abgemagerten Klauen sich meinem Hals.</p>



<p>Ich wühlte unterdessen mit der freien Hand panisch im Schnee neben mir, hoffte, dass ich etwas fand, mit dem ich mich verteidigen konnte – einen Stein, einen Ast, irgendetwas. Aber da war nichts.</p>



<p>Also setzte ich alles auf eine Karte. Als seine Finger meine Haut fast berührten, drehte ich mich leicht nach rechts, um meinen Körper anschließend mit voller Kraft nach links zu werfen.</p>



<p>Es funktionierte nicht ganz wie geplant. Ich hatte gehofft, genug Schwung aufzubringen, um über den Wiedergänger zu gelangen. Aber wenigstens lag er jetzt neben mir.</p>



<p>Ich zögerte keine Sekunde. Hektisch drehte ich mich auf den Bauch und drückte mich hoch. Gerade dachte ich, dass ich es geschafft hätte, als eine knöcherne Hand mein Fußgelenk umschloss.</p>



<p>Ich sah nicht hin, während ich mit dem Fuß wild um mich trat. Mit einem Tritt erwischte ich irgendetwas Hartes, das nach einem widerwärtigen Knacken plötzlich weich nachgab. Wenn ich raten müsste, würde ich auf seinen Brustkorb tippen, auch wenn ich dafür eigentlich schon zu weit weg war. Trotzdem gab die Hand mich schlagartig frei.</p>



<p>Schnell stolperte ich vorwärts. Die Geräusche hinter mir verrieten aber, dass ich den Kampf noch nicht gewonnen hatte. Der Wiedergänger richtete sich ebenfalls auf, also beeilte ich mich, zurück zur Tür zu kommen.</p>



<p>Während die stapfenden Geräusche hinter mir wieder näherkamen, warf ich mich um die Ecke. Ich stolperte, fing mich und stürzte schließlich zur Kirchentür. Gerade noch so schaffte ich es, mich an der Türklinke festzuklammern, knallte mit dem Gesicht schmerzhaft gegen das Holz und schmeckte Blut, ehe ich mehr schlecht als recht einen halben Atemzug in das Schloss hauchte. Trotzdem wusste ich, dass ich zu langsam war. Mir fehlte die Kraft, mich sofort wieder aufzurappeln. Kapitulierend schloss ich die Augen. Der Wiedergänger musste jede Sekunde bei mir sein.</p>



<p>Dann geschah … nichts. Überrascht blinzelnd sah ich mich um. Von dem Wiedergänger fehlte jede Spur. Wo war er hin?</p>



<p>„Er ist abgehauen“, erklärte Grim, als hätte er meine Gedanken gelesen. „Und wenn du schlau bist, machst du das auch. Ob du es glaubst oder nicht, selbst ich habe Angst vor <em>ihr</em>.“</p>



<p>Ich ahnte bereits, von wem er sprach. Es gab nur eine <em>Sie</em>, die laut meinen Büchern am Ende des Årsgångs auftauchen solle: Gloson. Ein fürchterliches Geisterschwein. Es wunderte mich jedoch, dass Grim angeblich Angst vor ihr habe. Was hatte er als Geist noch zu verlieren?</p>



<p>Um etwas Kraft zu tanken, blieb ich einen Moment vor der Kirchentür sitzen. Außerdem nutzte ich die Zeit, um meine gespaltene Unterlippe zu kühlen – eine Verletzung, die ich meiner unsanften Begegnung mit der Kirchentür verdankte. Wie einfach es wäre, jetzt meine Augen zu schließen und mich der süßen Verlockung des Schlafs hinzugeben …</p>



<p>Aber natürlich war das für mich keine Option. Ich war schon so weit gekommen, da konnte ich jetzt nicht einfach aufgeben.</p>



<p>‚<em>Also los, Thorbjörn</em>‘, forderte ich mich in Gedanken auf. ‚<em>Eine letzte Runde, dann darfst du endlich nach Hause gehen.</em>‘</p>



<p>Bereits bei dem Gedanken an ein Glas Wasser, eine Scheibe Brot oder vielleicht ein Müsli und mein kuscheliges Bett wurde mir sofort wärmer ums Herz. Wie sehr ich mich gerade nach der Geborgenheit sehnte. Den Gedanken fest umklammernd rappelte ich mich auf.</p>



<p class="has-text-align-center">&#8212;</p>



<p>Für die letzte Runde hatte ich mir vorgenommen, keine Zeit mehr mit den Visionen zu verschwenden. Stattdessen entschied ich, nur flüchtig durch die Scheiben zu blicken, um möglichst schnell mit der Runde durch zu sein. Die Fenster ganz zu ignorieren, traute ich mich hingegen nicht. Immerhin waren die Visionen ein wichtiger Bestandteil des Årsgångs und ich wollte nicht riskieren, daran jetzt noch zu scheitern.</p>



<p>Beim ersten Fenster klappte mein Plan sehr gut. Ich sah bloß flüchtig irgendeine Konfirmation, die mich auch so nicht wirklich interessiert hätte. Schnell wandte ich den Blick wieder ab, um zum zweiten Fenster weiterzugehen.</p>



<p>Dort erklang dieselbe traurige Musik wie in der letzten Runde. Wieder warf ich einen flüchtigen Blick durch die Scheibe. Eine Beerdigung. Doch auch jetzt wollte ich mich schnell wieder abwenden – bis mein Blick auf das Foto neben dem Sarg fiel: Mama …</p>



<p>Für einen Moment war ich wie erstarrt, als wolle mein Kopf nicht begreifen, was ich da vor mir sah. Aber natürlich begriff ich es. Es war ihre Beerdigung. Meine Mutter würde im kommenden Jahr sterben. Nichts, was ich tat, konnte daran etwas ändern. Meine Recherche, der Årsgång, meine Pläne – alles war umsonst gewesen.</p>



<p>Trotzdem stiegen in mir keine Tränen auf. Es war eine kalte Erkenntnis, die mein Herz gefrieren ließ. In mir fühlte ich nichts als Leere, war wie erstarrt. Es war jedoch in dieser Starre, dass mir eine Frau ins Auge fiel, die ich nicht auf der Beerdigung erwartet hatte: Jonna Holmquist. Sie saß in der ersten Reihe, direkt neben mir, hatte einen Arm um mich gelegt und streichelte sanft meine Schulter, während ich weinte.</p>



<p>Jonna, meine alte Jugendliebe. Was machte sie auf Mamas Beerdigung? War sie meinetwegen gekommen? Ihre Berührung wirkte so zärtlich, so liebevoll. Und genau das war der Funke, der meine Leere wieder füllte. Ich hatte einen Grund, weiterzuleben. In ihrer dunkelsten Stunde, dem Tod ihrer Tochter, würde ich für Jonna da sein – und sie für mich in meiner.</p>



<p>Mit der neu gewonnenen Kraft wollte ich gerade weitergehen, als ich hinter mir ein tiefes Grunzen hörte.</p>



<p>Langsam drehte ich mich um. Sofort sah ich die zwei rot brennenden Augen, die mich aus dem Halbdunkel anstarrten. Der Rest von Glosons weißem Körper, ihr Fell mit den rasiermesserscharfen Borsten am Rücken und der tiefhängende Kopf mit den für eine Wildsau erstaunlich großen Eckzähnen, gingen fast völlig im Schnee unter.</p>



<p>Mein nächster Blick galt dem kleinen Gegenstand, den ich in ihrem Maul entdeckte: eine Schriftrolle. Sie war es, die einem magische Kräfte verleihen sollte. Die Gerüchte waren also real.</p>



<p>Krampfhaft versuchte ich, mich an alles zu erinnern, was ich über Gloson gelesen hatte. Sie würde versuchen, zwischen meinen Beinen hindurchzulaufen, um mich mit ihren scharfen Rückenborsten zu zerteilen. Die beste Möglichkeit, sich dagegen zu schützen, war es, seine Beine zu überkreuzen, sodass sie nicht mehr hindurch konnte. Andererseits musste ich irgendwie an die Schriftrolle gelangen, wenn ich aus dem Årsgång mit magischen Fähigkeiten hinausgehen wollte. Wenn ich also im richtigen Moment die Beine kreuzen würde …</p>



<p>Mehr Zeit zum Überlegen hatte ich nicht. Gloson setzte bereits zum Angriff an. Sie schnaufte, stieß dabei Wolken aus ihren Nasenlöchern und preschte los.</p>



<p>Ich hörte ihren schweren Atem, während sie näherkam. Gleichzeitig spürte ich, wie mein Puls anstieg. Als sie mich fast erreicht hatte, verlagerte ich das Gewicht und trat mit dem linken Fuß nach rechts, sodass meine Beine ein X bildeten.</p>



<p>Gloson rannte nur knapp an mir vorbei, allerdings nicht nah genug, dass ich nach der Schriftrolle hätte greifen können. Hätte ich es versucht, hätte ich wahrscheinlich das Gleichgewicht verloren.</p>



<p>Also brauchte ich einen neuen Plan. Vielleicht, wenn ich rechtzeitig zur Seite sprang …</p>



<p>„Was zur Hölle tust du da?“, drang Grims Stimme an mein Ohr, während ich mich wieder normal hinstellte.</p>



<p>Gleichzeitig behielt ich Gloson genau im Auge. Ich sah, wie sie sich wieder positionierte, zu einem neuen Sprint ansetzte und auf mich zulief.</p>



<p>Erst jetzt merkte ich, wie lückenhaft mein Plan war. Gloson war viel zu schnell. Ich würde es nie schaffen, gleichzeitig die Schriftrolle zu packen und zur Seite zu springen. Nicht mit meinen halb eingefrorenen Gliedern.</p>



<p>Trotzdem versuchte ich es. Ich hatte jedoch zu viel Angst, warf mich zu früh zur Seite, sodass meine Hand nicht einmal in die Nähe der Schriftrolle kam. Ich landete mit dem Gesicht voran im Schnee.</p>



<p>Den Geräuschen nach trampelte Gloson nur knapp an mir vorbei. Sie gab einen quiekenden Schrei von sich.</p>



<p>„Ganz toll, Thorbjörn!“, brüllte Grim mich an. „Wenn du sie wütend machen willst, bist du auf dem besten Weg! Du brauchst die verdammte Schriftrolle doch gar nicht mehr. Deine Mutter ist so gut wie tot!“</p>



<p>Ein Stich fuhr durch mein Herz. Trotzdem hatte Grim recht. Sie war der einzige Grund, warum ich die Schriftrolle haben wollte. Aber seit wann gab er mir Tipps, wie ich überleben konnte? Wollte er nicht die ganze Zeit, dass ich sterbe?</p>



<p>Grim gab ein genervtes Knurren von sich. „Hör zu. Ich weiß, du hast keinen Grund, mir zu vertrauen, aber ich möchte nicht, dass dieses verdammte Biest noch jemanden tötet. Es reicht, dass sie mir damals das Leben genommen hat! Also steh endlich auf und beende die verdammte letzte Runde!“</p>



<p>Mein Hirn raste. Ich wusste nicht, ob das wieder irgendein Trick war. Aber Grim hatte recht. Ich musste hier weg!</p>



<p>Mein ganzer Körper schmerzte, während ich mich aufrappelte. Schnee hing in meinem Bart, klebte an meiner Kleidung.</p>



<p>Gloson ging unterdessen in Kreisen um mich herum, wie ein Hai, der jeden Moment angreifen würde. Jetzt senkte sie wieder den Kopf. Sie schnaufte.</p>



<p>„Beine kreuzen!“, fordere Grim mich auf.</p>



<p>Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Schnell trat ich mit dem linken Bein nach rechts.</p>



<p>Gloson grunzte unzufrieden. Sie hob den Kopf, begann hin und her zu laufen, als warte sie auf den richtigen Moment, um noch einmal zuzuschlagen.</p>



<p>„Gut“, schaltete Grim sich wieder ein. „Ich behalt das Biest im Auge. Kannst du so gehen?“</p>



<p>Ich versuchte es. Meine Beine fühlten sich träge an. Wann immer sie sich berührten, zuckte Schmerz durch meine Schenkel. Aber ich kam voran.</p>



<p>Langsam und unbeholfen arbeitete ich mich vorwärts, während ich Gloson den Rücken zuwandte. Zwar traute ich Grim noch immer nicht wirklich, aber es war meine beste Chance, voranzukommen.</p>



<p>Als ich die Kirchenwand erreicht hatte und mich abstützen konnte, ging es etwas schneller.</p>



<p>Gloson blieb die ganze Zeit hinter mir. Aber tatsächlich griff sie nicht an. Und so dauerte es nicht lange, bis ich wieder fast bei der Kirchentür war.</p>



<p>„Weißt du, Thorbjörn“, hob Grim wieder die Stimme. „Ich hatte echt gedacht, dass du es nicht schaffst. Aber dann hast du dich in deiner eigenen Vision gesehen. Dein Schicksal stand bereits fest. Egal ob ich dir helfe oder nicht, du wirst nächstes Jahr in dieser verdammten Kirche sitzen.“</p>



<p>Ich blinzelte überrascht. Darüber hatte ich gar nicht nachgedacht. Trotzdem erlaubte ich mir nicht, innezuhalten.</p>



<p>Inzwischen war ich bei der Tür angekommen. Es stellte sich als schwieriger heraus, als gedacht, mich mit überkreuzten Beinen hinzuhocken, aber nach wenigen Versuchen klappte es.</p>



<p>Grim lachte bitter. „Hätte mir jemand vorhin gesagt, dass ich mich einmal freuen würde, dass ein Mensch den Årsgång schafft, hätte ich dir nicht geglaubt.“ Er sprach lauter. „Hörst du das, Gloson? Thorbjörn hat dich überlebt!“ Dann wieder leiser: „Verdammtes Mistvieh. Aber genug geredet. Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist. Also dann: Frohe Weihnachten … Sven.“</p>



<p>Mit diesen Worten blies ich ein letztes Mal in das Schlüsselloch.</p>



<p>Ich spürte die Veränderung bereits in der Luft. Auch ohne mich umzudrehen, wusste ich, dass Gloson und Grim fort waren. Trotzdem kam ich nicht umhin, in die Luft zu lächeln. „Frohe Weihnachten, Grim“, krächzte ich mit trockenem Hals. Dann stand ich auf und machte mich auf den Heimweg.</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p>Gloson ist ein <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wesen</a> der schwedischen Folklore. Es ist ein fürchterliches <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Geister</a>schwein, das fast ausschließlich im Zusammenhang mit dem Årsgång erwähnt wird.</p>



<p>Der Name „Gloson“ setzt sich aus den schwedischen Wörtern „glo“ (glotzen, blenden) und „son“ (die Sau) zusammen. Wie der Name verrät, ist Gloson also weiblich.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p>Gloson ist ein schneeweißes Schwein oder Wildschwein bzw. eine Sau oder Wildsau. Sie hat große Haken (Bezeichnung der Eckzähne weiblicher Wildschweine) und rotglühende oder brennende Augen.</p>



<p>Auf ihrem Rücken hat sie rasiermesserscharfe Borsten, die an Klingen oder ein Sägeblatt erinnern. Da sie ihre Borsten als Waffe nutzt, rennt sie meist gebückt und hält ihren Kopf dicht am Boden.</p>



<p>In einigen Geschichten hat sie noch weitere Merkmale. So hält sie manchmal etwas im Maul, z. B. eine Sichel, ein Buch oder eine Schriftrolle, hat brennende Borsten, trägt einen kleinen Mann oder Jungen auf dem Rücken, hat unzählige Augen, ist unsichtbar, hat Ferkel bei sich uvm.</p>



<p>Wie ihr seht, kann sich das Aussehen von Gloson also sehr unterscheiden. Trotzdem wird sie in fast jeder Geschichte als eine schneeweiße Sau mit feurigen Augen und messerscharfen Rückenborsten beschrieben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p>Gloson taucht hauptsächlich in dunklen Winternächten auf. Sie ist Teil des Årsgångs, einer alten schwedischen Weissagungstechnik, und erscheint als letzte Hürde, um jemanden an der Ausführung des Årsgångs zu hindern.</p>



<p>Wenn sie erscheint, versucht sie, zwischen den Beinen ihres Opfers hindurchzurennen, um es mit ihren scharfen Borsten in der Mitte zu zerteilen oder es auf ihren Rücken zu werfen und fortzutragen. Wenn das Opfer fortgetragen wird, stirbt es entweder an den Verletzungen durch die scharfen Borsten, weil es verdurstet oder an Erschöpfung, da der wilde Ritt mehrere Tage bis Wochen dauern kann.</p>



<p>In anderen Geschichten wirft Gloson ihre Opfer nach einiger Zeit ab. Auch hier ist man aufgrund des kalten Winters oder der Verletzungen jedoch oft dem Tode geweiht. Hat man hingegen „Glück“ und überlebt, ist man dank des wilden Ritts dem Wahnsinn verfallen.</p>



<p>Laut einigen Versionen der <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Legende</a> hat Gloson außerdem etwas bei sich, das der Årsgång-Durchführende braucht, um den Årsgång zu beenden oder magische Fähigkeiten zu erlangen. Dabei kann es sich z. B. um ein Buch oder eine Schriftrolle über schwarze Magie oder geheimes Wissen oder um einen anderen magischen Gegenstand handeln.</p>



<p>Wenn man Gloson tatsächlich begegnet, gibt es viele Möglichkeiten, wie man sich gegen sie schützen kann. So ist Silber, besonders, wenn es geweiht wurde, aber auch Stahl oder Eisen eine bewährte Waffe gegen das Übernatürliche. Zudem helfen Gebete, das Kreuzzeichen oder wenn man seine Beine kreuzt. Gerade Letzteres wird oft im Zusammenhang mit Gloson erwähnt, da es nicht nur vor dem Bösen schützen soll, sondern auch verhindert, dass Gloson zwischen den Beinen ihres Opfers hindurchlaufen kann.</p>



<p>Alternativ soll es einige Nahrungsmittel geben, mit denen man Gloson ablenken kann. In einer Quelle habe ich von sieben Jahre alten Nüssen gelesen, die man ihr hinwerfen muss, damit sie sich darauf statt auf ihr Opfer konzentriert.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p>Die Legende von Gloson wurde hauptsächlich im Süden Schwedens verbreitet. Daher soll Gloson hauptsächlich dort vorkommen. Es gibt aber auch Texte aus anderen Orten Schwedens, in denen von ihr die Rede ist.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p>In den ältesten Texten über den Årsgång ist von Gloson noch keine Rede. Stattdessen wird von einem Reiter berichtet, dessen Pferd mit brennender Mähne einen Runenstab im Maul trägt, das dem Årsgång-Durchführenden magische Fähigkeiten verleiht, sofern er ihn dem Pferd entwenden kann.</p>



<p>Erst später wird dieser Reiter samt Pferd durch Gloson abgelöst. Die brennende Mähne wurde zu den brennenden Borsten bzw. Augen Glosons, während andere Motive wie der magische Stab oder der Reiter, wenn auch jetzt in kleinerer Form, in einigen Versionen komplett übernommen wurde.</p>



<p>Wieso für Gloson das Motiv des Schweins gewählt wurde, ist naheliegend: Schweine (auch Hausschweine) sind früher oft in der Wildnis umhergelaufen und konnten eine Gefahr für unschuldige Passanten darstellen. Besonders aggressiv und gefährlich waren sie, wenn sie Junge hatten.</p>



<p>Das Schwein war früher also, auch wenn es als Haustier sehr beliebt war, durchaus gefürchtet. Und auch heute noch haben viele Menschen (zurecht) Angst vor Wildschweinen, da sie schnell aggressiv werden, Menschen angreifen und sie schwer bis tödlich verletzen können.</p>



<p><em>Was haltet ihr von Gloson? Würdet ihr den Årsgång durchführen, auch wenn ihr wisst, was euch bei der Kirche alles erwarten kann? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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<p>Der Beitrag <a href="https://www.geister-und-legenden.de/gloson">Gloson – Der Jahresgang Teil 2</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.geister-und-legenden.de">Geister und Legenden</a>.</p>
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		<item>
		<title>Årsgång – Der Jahresgang Teil 1</title>
		<link>https://www.geister-und-legenden.de/arsgang</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 18 Dec 2023 14:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Geister]]></category>
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		<category><![CDATA[Monster und Ungeheuer]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ein plötzliches Piepen riss mich aus meinen Gedanken. Fast instinktiv griff ich nach meiner Armbanduhr, um den Alarm zu deaktivieren. Mitternacht. Das Ritual konnte endlich beginnen …</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.geister-und-legenden.de/arsgang">Årsgång – Der Jahresgang Teil 1</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.geister-und-legenden.de">Geister und Legenden</a>.</p>
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<p>Årsgång ist der erste Teil meines diesjährigen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/weihnachten" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Weihnachts</a>-Zweiteilers. Wie vor drei Jahren bei <a href="https://www.geister-und-legenden.de/die-yule-lads" target="_blank" rel="noreferrer noopener">den Yule Lads</a> habe ich die Weihnachtsgeschichte dieses Jahr also wieder auf mehrere Teile aufgeteilt. Den zweiten Teil findet ihr nächste Woche hier auf meinem Blog oder bereits jetzt auf <a href="https://www.patreon.com/geisterlegenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Patreon</a>.</p>



<p>Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen</strong></summary>
<p>&#8211; Krankheit: Erwähnung von ALS</p>
<p>&#8211; Andeutung an den Tod eines Kindes</details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p>Ich saß zitternd in meinem Zelt, eine dicke Wolldecke eng um mich gewickelt, während ich meinen knurrenden Bauch hielt und mein Mund sich völlig ausgetrocknet anfühlte. Selten hatte ich mich so schwach gefühlt. Und das an einem Heiligabend, wo die meisten Leute mit ihren Familien in einem warmen Wohnzimmer saßen und mehr aßen und tranken, als sie es sich das restliche Jahr über erlaubten.</p>



<p>Aber bevor ihr euch jetzt Sorgen um mich macht, sollte ich anmerken, dass das hier alles selbstverschuldet war. Und nicht nur das, es war sogar beabsichtigt. Ich war im Begriff ein altes schwedisches Ritual durchzuführen: den Årsgång. Nur hätte ich nicht gedacht, dass ich mich nach einem Tag ohne Essen und Trinken so schwach fühlen würde. Außerdem war da diese unerträgliche Kälte, die mir von Stunde zu Stunde tiefer in die Knochen kroch.</p>



<p>Als Vorbereitung für den Årsgång musste man sich nämlich einen kompletten Tag isolieren. Man musste sich ohne Wasser oder Nahrung tief in den Wald begeben. In meinen Büchern hieß es: so tief, dass man weder Hund noch Hahn hören konnte. Aber ich ging lieber auf Nummer sicher und war so weit gegangen, dass auch keine Geräusche von fahrenden Autos mehr zu mir vordrangen.</p>



<p>Eine weitere Bedingung war, dass ich in dieser Zeit kein einziges Wort sagen, kein Handy oder Laptop bei mir haben und in kein Licht wie ein Feuer oder eine Lampe blicken durfte.</p>



<p>Ich hatte die letzten Stunden also in völliger Stille, Kälte und Dunkelheit verbracht. Die Sonne war schon vor Stunden untergegangen und jetzt wartete ich nur noch darauf, dass es endlich Mitternacht wurde. Dann konnte der Årsgång beginnen.</p>



<p>Aber bis dahin saß ich weiter zitternd in meine Decke gewickelt und dachte über mein Leben nach. Noch vor einem Jahr wäre es für mich undenkbar gewesen, ein Ritual wie den Årsgång durchzuführen. Damals saß ich mit meiner Mama, meiner letzten lebenden Verwandten, am Weihnachtstisch und aß mit ihr eine Gans, die wir gemeinsam zubereitet hatten. Unser Leben war in Ordnung gewesen. Das war jedoch vor ihrer Diagnose.</p>



<p>Wie wir dieses Jahr herausgefunden hatten, litt meine Mutter an amyotropher Lateralsklerose, besser bekannt als ALS. Vielleicht erinnert ihr euch noch an die Ice Bucket Challenge, die vor einigen Jahren durch das Internet kursiert ist. Sie sollte damals auf ALS aufmerksam machen.</p>



<p>Jedenfalls ist es eine grausame Krankheit, die zu Muskellähmungen und schließlich zum Tod führt. Eine Heilung ist laut unserer Schulmedizin nicht möglich.</p>



<p>Wie so viele Menschen in ähnlichen Situationen hatte ich also das einzige in meiner Macht stehende getan, und angefangen, mich nach alternativen Heilmethoden umzusehen. Aber während andere Menschen sich auf Heilsteine und Homöopathie stürzten, hatte ich mich für einen anderen Weg entschieden: das Übernatürliche. Mein erster Schritt in diese Richtung sollte der Årsgång werden.</p>



<p>Eigentlich war es nicht mehr als ein Wahrsageritual, mit dem man die Zukunft der Gemeinde voraussehen konnte. In einigen Büchern hatte ich jedoch etwas von magischen und sogar heilenden Fähigkeiten gelesen, die man nach einem erfolgreichen Årsgång erhalten solle. Und selbst, wenn das nicht der Fall war, würde das Ritual zumindest mein Gespür für das Paranormale stärken.</p>



<p>So oder so, egal, wie verzweifelt der Versuch auch sein mochte, es war immer noch besser, als zuhause zu sitzen und nichts zu tun.</p>



<p>Ein plötzliches Piepen riss mich aus meinen Gedanken. Fast instinktiv griff ich nach meiner Armbanduhr, um den Alarm zu deaktivieren. Mitternacht. Das Ritual konnte endlich beginnen.</p>



<p class="has-text-align-center">&#8212;</p>



<p>Als ich aus dem Zelt trat, schnitt mir die eisige Winterluft ins Gesicht, stach in meine trockenen Lippen. Nur mein Bart und die dicke Kleidung schützen mich einigermaßen vor der Kälte. Trotzdem hatte ich bereits das meiste Gefühl in meinem Fingern und Zehen verloren – ein Zustand, der hier draußen nicht besser werden würde.</p>



<p>Wenigstens reflektierte der Schnee das wenige Mondlicht, das durch die Bäume schien, sodass ich nicht gegen den nächsten Baum laufen würde.</p>



<p>Schnee knirschte mit jedem Schritt unter meinen Stiefeln. Das Geräusch hallte gespenstisch durch den Wald, als würden viele weitere Beine mir folgen.</p>



<p>Ich beachtete es nicht weiter. Stattdessen ging ich in Gedanken noch einmal meine Route durch. Ich würde den Wald verlassen, über den schmalen Weg zwischen den Feldern ins Dorf zurückwandern, am Friedhof vorbei und auf direktem Weg zur Kirche. Dort würde der größte und wichtigste Teil des Rituales stattfinden.</p>



<p>Alles, was ich bis dahin tun musste, war nicht zu sprechen oder zu lachen, nicht nach hinten zu blicken, auf dem Weg zu bleiben und keine Furcht zu zeigen. Das war allerdings einfacher gesagt als getan. Wenn man den Büchern glauben durfte, würde die paranormale Welt alles daransetzen, mich von meinem Årsgång abzuhalten.</p>



<p>Wieder knurrte mein Magen. Ich versuchte, den Hunger zu ignorieren, konzentrierte mich auf meine Schritte und meine Umgebung. Trotzdem bemerkte ich die Silhouette zwischen den Bäumen erst, als sie mich ansprach.</p>



<p>„Was macht ein einsamer Wanderer hier so spät in der Nacht?“, fragte eine helle Frauenstimme.</p>



<p>Fast hätte ich vor Schreck einen Satz zur Seite gemacht. Ich wusste nicht, ob es meine Erschöpfung oder eine mir bisher unbekannte Selbstkontrolle war, aber ich schaffte es irgendwie, den Instinkt zu unterdrücken und einen neutralen Gesichtsausdruck zu wahren.</p>



<p>Jetzt musterte ich die Gestalt zwischen den Bäumen aufmerksam. Sie hatte so reglos und still dagestanden, dass ihr weißes Kleid mit dem Schnee verschmolzen war. Und ihre blasse Haut war auch nicht viel dunkler. Lediglich ihre eisblauen Augen und das goldene Haar stachen im direkten Mondlicht deutlich hervor, als sie aus den Schatten trat.</p>



<p>„Oh. Du zitterst ja“, bemerkte sie. „Soll ich dich etwas wärmen?“ Sie legte mir ihre Hand auf die Brust und fuhr mir ihr langsam an meinem Körper herunter. Ich packte ihr Handgelenk, als sie meinen Bauchnabel erreichte und noch immer nicht zu stoppen schien.</p>



<p>Das war dann wohl eine Skogsrå, eine übernatürliche Hüterin des Waldes, die in ihrer Freizeit nichts Besseres zu tun hatte, als einsame Wanderer zu verführen, um ihnen die Seelen zu rauben.</p>



<p>Da ich nichts sagen durfte, schüttelte ich bloß den Kopf und schob ihre Hand beiseite. Ich nahm mir vor, sie möglichst sanft abzulehnen, um sie nicht zu verärgern. Trotzdem wollte ich mich nicht aufhalten lassen, also ging ich langsam weiter.</p>



<p>„Oh, hast du noch was vor?“, fragte sie scheinheilig. „Ich verspreche dir, dass es nicht lange dauert. Danach wirst du dich sehr viel besser fühlen.“</p>



<p>Ich hörte, wie ihre leisen Schritte mir folgten. Sie holte auf, um neben mir zu gehen, wo sie meinen Arm ergriff und sanft ihren Kopf an meine Schulter schmiegte. Ich spürte, wie ihre Wärme durch die Jacke hindurch an meinem durchgefrorenen Körper drang. Und auch ihr süßlicher Duft gelangte jetzt an meine Nase. Er war nicht aufdringlich, sondern genauso zart und lieblich wie die Skogsrå selbst. Hätte ich jetzt die Augen geschlossen, würde ich mich wohl in dem Gefühl verlieren.</p>



<p>Also schüttelte ich bloß wieder den Kopf. Ich machte aber keine Anstalten, mich loszureißen. Ich redete mir ein, es läge daran, dass ich die Skogsrå nicht verärgern wolle, aber wenn ich ehrlich war, wollte ich ihre Wärme noch für ein paar Meter mehr genießen.</p>



<p>Den Waldgeist eng an meine Seite gekuschelt, ging ich weiter meines Weges. Sie flüsterte mir Komplimente zu und erzählte mir, wie schrecklich einsam sie sich zu Weihnachten immer fühle. Und auch ich fühlte mich einsam, jetzt, wo meine Mutter im Krankenhaus war und ich das Haus für mich allein hatte.</p>



<p>Die Skogsrå galt als Meisterin der Verführung und unter anderen Bedingungen, hätte ich nicht das Ziel vor Augen gehabt, meine Mutter zu heilen, wäre ich ihr vielleicht verfallen.</p>



<p>Je näher wir jedoch dem Waldrand kamen, desto verzweifelter wurden ihre Versuche. Inzwischen raunte sie mir die verbotensten Versprechungen ins Ohr, streichelte sanft meinen Oberschenkel und versuchte sogar, mir zwischen die Beine zu greifen.</p>



<p>Da ich inzwischen die schneebedeckten Felder hinter den Bäumen sehen konnte, drückte ich die Skogsrå von mir weg und beschleunigte meine Schritte.</p>



<p>In einer letzten Verzweiflungstat griff der Waldgeist nach meinem Handgelenk, versuchte, mich zurückzuhalten, aber ich riss mich wieder los und trat aus dem Wald hinaus. Erleichtert atmete ich auf, als ich ihre Schritte nicht länger hinter mir hören konnte.</p>



<p>„Du wirst es nicht schaffen!“, rief sie mir nach. Jegliche Zärtlichkeit war jetzt aus ihrer Stimme gewichen. „Du gehst in deinen eigenen Untergang!“</p>



<p>Fast hätte ich mich zu ihr umgedreht. Ich erinnerte mich gerade noch rechtzeitig, dass ich während des Årsgångs nicht zurückblicken durfte. Stattdessen atmete ich noch einmal tief durch und ging stur weiter. Ich spürte ihren Blick noch eine ganze Weile in meinem Rücken, während ich das Feld verließ und den schmalen von Fußabdrücken gezeichneten Weg betrat.</p>



<p>Dort strauchelte ich. Es lag aber nicht nur an dem plattgetretenen Schnee, auf dem ich fast wegrutschte, sondern auch an dem Schwindel, der sich langsam in mir ausbreitete.</p>



<p>Sanft schlug ich mir auf die Wangen, suchte mir einen Punkt in der Ferne, auf den ich mich konzentrieren konnte, um mich von meiner eigenen Schwäche abzulenken. Ich entschied mich für die bunten Lichter meines Dorfes. Wie jedes Jahr war es zu dieser Zeit festlich geschmückt.</p>



<p>„Das war aber nicht die feine schwedische Art“, ertönte plötzlich eine hohe, fiepsige Männerstimme hinter mir. „Haben deine Eltern dir beigebracht, so mit einer Frau umzugehen?“</p>



<p>Eine Gänsehaut zog sich über meinen ohnehin schon kalten Rücken. Die Stimme war direkt hinter meinem linken Ohr erklungen. Sehen konnte ich niemanden, aber ich wusste nicht, ob die Stimme keinen dazugehörigen Körper hatte, oder ob sich das Wesen bloß hinter mir aufhielt, da es genau wusste, dass ich mich nicht umdrehen durfte. Ein zweites Paar Füße, die durch den Schnee stapften, konnte ich jedenfalls nicht hören.</p>



<p>„Oh, tut mir leid. Hab ich dich erschreckt?“, fragte die Stimme weiter.</p>



<p>Hatte sie, aber zum Glück hatte ich es auch diesmal geschafft, mir nichts anmerken zu lassen.</p>



<p>„Mein Name ist Grímr, aber du darfst mich Grim nennen. Und wie heißt du?“, fuhr die Stimme unbeirrt fort. Diesmal erklang sie an meinem rechten Ohr.</p>



<p>Es war ein billiger Trick, um mich zum Reden zu bewegen. Aber natürlich war ich auf so etwas eingestellt und antwortete nicht.</p>



<p>„Nicht der redselige Typ, was? Also gut. Lass mich raten. Du heißt … Hmmm … Sven? Ja, Sven! Sven, der Schwede!“, brabbelte die Stimme weiter.</p>



<p>Hieß ich nicht. Mein Name war Thorbjörn. Aber selbst, wenn ich sprechen dürfte, hätte ich aus meinem ausgetrockneten Hals wahrscheinlich kein verständliches Wort herausbringen können, um die Stimme zu korrigieren.</p>



<p>Stattdessen konzentrierte ich mich stur weiter auf die bunten Lichter der Gemeinde. Nur, dass da auf einmal keine bunten Lichter mehr waren. Um mich herum war es plötzlich taghell. Ich ging zwischen zwei üppig bewachsenen Hefefeldern hindurch, auf denen ein Trecker die reiche Ernte einfuhr.</p>



<p>Staunend sah ich mich um, weiter darauf bedacht, nicht zurückzublicken. Solche Visionen waren normal während des Årsgångs. Sie bedeuteten, dass die Ernte nächstes Jahr gut werden würde. Aber ich hätte nie gedacht, dass sie sich so real anfühlen würden. Der Wind ließ das Getreide tanzen. Ich hörte Grillen in den Feldern zirpen. Fast konnte ich das warme Sonnenlicht auf meiner eiskalten Haut spüren.</p>



<p>„A-bab-bab! Sven, behalt deine Augen auf dem Weg!“, mahnte Grim.</p>



<p>Sofort verblasste die Vision um mich herum. Ich sah wieder die dunklen, kalten Felder, hörte wieder Schnee und Eis unter meinen Füßen knirschen.</p>



<p>Überrascht weitete ich die Augen. Die Stimme hatte es geschafft, die Vision zu unterbrechen. Davon hatte nichts in meinen Büchern gestanden. Wenn sie das beim Friedhof auch schaffen würde …</p>



<p>„Vielleicht wird es Zeit für einen Witz“, säuselte die Stimme weiter. „Wir wollen ja nicht, dass du noch einen Einblick in die Zukunft erhältst, oder?“</p>



<p>Die folgenden Minuten fühlten sich wie eine Ewigkeit an. Die ‚Witze‘, die Grim erzählte, bewegten sich alle auf dem Niveau von: „Treffen sich zwei Jäger. Beide tot.“ Um genau zu sein, war das sogar einer der Witze, die er erzählte.</p>



<p>Aber während das ganz und gar nicht meinen Humor traf, waren einige der Witze so bescheuert, dass ich fast lachen musste.</p>



<p>Krampfhaft dachte ich an meine Mutter, wie sie im Rollstuhl neben mir saß. Der Doktor erklärte uns, dass er ALS selten so schnell hatte fortschreiten sehen. Aber es gäbe da Medikamente, die den Verlauf verzögern könnten.</p>



<p>Ich kam erst wieder zurück ins Hier und Jetzt, als ich erneut strauchelte. Ich sah, wie Tränen meine Sicht verschleierten, und blinzelte sie schnell weg. Wenigstens war mir nicht mehr zum Lachen zu Mute, weshalb ich keine Probleme hatte, der weiteren Tirade aus Flachwitzen zu entgehen, bis wir endlich das Dorf erreichten.</p>



<p>Die bunten Lichter, die die Bäume und Häuser schmückten, schienen vor meinen Augen zu flimmern. Ich blinzelte mehrere Male, um den Schwindel zu vertreiben, aber er blieb hartnäckig. Auch bemerkte ich jetzt, wie schwer ich atmete. Obwohl ich nur einen kurzen Spaziergang hinter mir hatte, schnaufte ich wie nach einem Marathon. Blieb nur zu hoffen, dass mir an diesem Abend keine Menschen begegneten, die sich Sorgen um mich machten. Ich sah wahrscheinlich ziemlich scheiße aus.</p>



<p>Zum Glück traf ich bis zum Friedhof lediglich einen Schneemann, der mich bei meinem Gang beobachtete. Als ein Windstoß einen der Fichtenäste, aus denen seine Arme bestanden, zum Schwingen brachte, kam es mir fast so vor, als würde er mir aufmunternd zuwinken. Den längsten Weg hatte ich hinter mir. Bis zur Kirche waren es nur noch ein paar wenige, gut ausgeleuchtete Meter. Nur noch vorbei an dem bereits erwähnten Friedhof.</p>



<p>„Oh, guck mal! Ein Friedhof“, sagte Grim mit der Begeisterung eines Kindes beim Auspacken seiner Geschenke. „Sieh ihn dir genau an. Bald wirst du auch dort liegen!“</p>



<p>Ich kam seiner Aufforderung bereitwillig nach, betrachtete jedes einzelne Grab genauer, das ich finden konnte. Nicht nur, weil ich fürchtete, einer der Toten könne mir einen unerwarteten Besuch abstatten, um mein Ritual aufzuhalten, sondern auch weil der Friedhof einer der wichtigsten Orte beim Årsgång war, an dem man Visionen empfangen konnte. Hier konnte ich sehen, wer aus meiner Gemeinde im kommenden Jahr stirbt. Sollte ich hier irgendwelche Hinweise auf meine Mutter finden, hätte ich wenigstens Gewissheit.</p>



<p>Zuerst bemerkte ich gar nichts. Mir fiel lediglich auf, wie schwierig es war, das Gleichgewicht zu halten, wenn ich mich nicht auf den Weg konzentrierte. Ich war schon kurz davor, die Visionen abzuschreiben, als ich einen Oberkörper sah. Es war Herr Anderson, ein alter Mann, den ich nur vom gelegentlichen Grüßen auf der Straße kannte. Er stand in einem flachen frisch ausgeschaufelten Grab und starrte mich aus emotionslosen Augen an. Würde er mich nicht mit seinen Augen verfolgen, hätte ich ihn bereits für tot halten können.</p>



<p>„Hey! Sven! Wo siehst du wieder hin?“, drang erneut Grims Stimme an mein Ohr. „Du willst doch nicht stolpern und hinfallen, oder? Schau auf deine Füße!“</p>



<p>Aber diesmal ließ ich mich nicht von ihm ablenken. Ich behielt den Blick weiter auf den Friedhof gerichtet, als ich plötzlich stockte. ‚Maja Holmquist 22.07.2017 &#8211; 13.02.2024‘ stand auf einem der Grabsteine. Als ich genauer hinsah, bemerkte ich den kleinen blonden Haarschopf, der kaum über das hüfttiefe Grab daneben hinausragte.</p>



<p>Ein Kloß bildete sich in meinem Hals, während meine Augen wieder feucht wurden. Ich kannte Maja. Aber vor allem kannte ich ihre Mutter, Jonna. Wir waren zusammen zur Schule gegangen. Und jetzt lastete das Wissen auf mir, dass ihre Tochter bald sterben würde. Ein Jahr, nachdem sie sich endlich von ihrem gewalttätigen Ehemann getrennt hatte und es mit ihrem Leben wieder bergauf zu gehen schien.</p>



<p>Ich wischte eine Träne weg, die sich aus meinem Auge gelöst hatte. Erschrocken stellte ich dabei fest, wie sehr die Bewegung wehtat. Das wenige Gefühl, das ich in meinen halb erfrorenen Händen noch hatte, schien nur noch aus Schmerz zu bestehen. Wenn ich mich nicht beeilte, hatte ich bald größere Probleme als die tragische Zukunft eines Mädchens, an der ich nichts ändern konnte.</p>



<p>Außerdem waren da noch immer mein Hunger und der unerträgliche Durst. Ich fühlte mich so schwach, dass ich mich am liebsten auf den Boden gelegt hätte und einfach eingeschlafen wäre. Dann würde es nicht lange dauern und all meine Probleme hätten bald ein Ende …</p>



<p>Nein! Was dachte ich denn da? Das würde niemandem helfen! Weder mir noch meiner Mutter noch sonst wem. Nein. Ich musste weitergehen, hatte es schon so weit geschafft. Die Kirche lag fast direkt vor mir.</p>



<p>Trotzdem wusste ich, dass ich noch lange nicht am Ziel war. Es überraschte mich, wie wenig das Übernatürliche bisher versucht hatte, mich von meinem Årsgång abzuhalten. Andererseits wusste ich, was ich als Nächstes tun musste. Danach lag mein Schicksal nicht mehr in Gottes schützender Hand …</p>



<p><em>Fortsetzung folgt …</em></p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p>Der Årsgång (schwedisch für „Jahresgang“) ist eine alte schwedische Weissagungstechnik, die zu Heiligabend oder Silvester, seltener auch zu Midsommar, durchgeführt wurde.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Das Ritual:</h3>



<p><strong>Hinweis: Ich rate dringend davon ab, übernatürliche Rituale durchzuführen. Der Kontakt zur Geister- oder Dämonenwelt kann schwerwiegende Folgen mit sich bringen!</strong></p>



<p>Bei dem <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/rituale" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Ritual</a> handelt es sich um eine nächtliche Wanderung unter speziellen Bedingungen. Wenn man dabei alles richtig macht, offenbaren sich den Durchführenden hierbei Ereignisse des kommenden Jahres – man kann also in die Zukunft sehen. Es begegnen einem jedoch auch verschiedenste übernatürliche Wesen, die den Årsgång verhindern wollen.</p>



<p>In einigen Versionen soll das Ritual außerdem magische Kräfte und einen Sinn für das Übernatürliche verleihen. Daher wurden Menschen, die den Årsgång erfolgreich durchgeführt haben, gleichermaßen verehrt und gefürchtet.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Vorbereitung:</h4>



<p>Bevor man das eigentliche Ritual des Årsgångs durchführen kann, muss man sich am Vortag komplett isolieren. Man muss tief in den Wald gehen, wo man weder sprechen noch etwas essen oder trinken darf. Außerdem darf man nicht in ein Feuer oder anderes Licht blicken und man darf niemandem von seinem Vorhaben erzählen.</p>



<p>Im modernen Kontext bedeutet das, dass man in der Zeit kein Handy, Tablet, Laptop, Radio o. Ä. benutzen darf und auch Taschenlampen oder andere Lichtquellen sollte man lieber zuhause lassen.</p>



<p>Durch den Tag in Dunkelheit und Isolation soll die durchführende Person zugänglich für die geistige Welt und das Übernatürliche werden.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Der erste Teil des Årsgångs:</h4>



<p>Um Punkt Mitternacht muss man sich schließlich auf den Rückweg ins Dorf oder in die Stadt machen. Ab jetzt beginnt das eigentliche Ritual:</p>



<p>Man muss zu Fuß zu einer Kirche gehen – entweder auf direktem Weg oder nachdem man vorher einige andere festgelegte Orte mit spiritueller Bedeutung wie z. B. Friedhöfe oder Kreuzungen abgegangen ist. So oder so sollte das Endziel immer die Kirche sein.</p>



<p>Währenddessen darf man weiterhin kein einziges Wort sagen, nicht lachen, keine Angst zeigen und nicht nach hinten Blicken. Auch darf man nicht von seinem zuvor festgelegten Weg abweichen.</p>



<p>Sollte man das nicht schaffen, kann das schwerwiegende Folgen haben. Oft werden die Konsequenzen nicht näher erläutert, aber es gibt Geschichten, in denen die Leute daraufhin wahnsinnig wurden, ein Auge oder ihre Sehkraft verloren, verstümmelt wurden oder für immer verschwunden sind.</p>



<p>Sollte man den Årsgång trotzdem wagen, kann es auf dem Weg zur Kirche bereits zu ersten Visionen, aber auch zu ersten Begegnungen mit dem Übernatürlichen kommen. Wenn der Wandernde z. B. an Feldern vorbeigeht, kann er Visionen empfangen, wie gut oder schlecht die Ernte des kommenden Jahres sein wird. Auch kann er ggf. einen Beerdigungszug sehen, wodurch er von dem Tod einer oder mehrerer Personen erfahren kann.</p>



<p>(Zugegeben: Beerdigungszüge sind in der heutigen Zeit eher ungewöhnlich. Allerdings könnte man, sofern man an einem Friedhof vorbeigeht, von Menschen erfahren, die im kommenden Jahr dort begraben werden.)</p>



<p>Während die Visionen hingegen der gewünschte Effekt sind, kann es bei der Begegnung mit dem Übernatürlichen zu ersten Herausforderungen kommen. Das Übernatürliche soll nämlich alles daransetzen, den Årsgång zu unterbrechen. Hauptsächlich werden die verschiedensten Wesen versuchen, den Wandernden zu erschrecken, ihn zum Lachen zu bringen oder ihn vom Weg abzubringen – alles Dinge, die den Årsgång mit sofortiger Wirkung beenden.</p>



<p>Ein beliebtes Motiv ist, dass man ein brennendes Haus sieht, manchmal sogar das eigene. Rennt man daraufhin los, um das Feuer zu löschen oder zu helfen, erkennt man, dass es nur ein Trick war. Der Årsgång ist gescheitert.</p>



<p>Ein Beispiel für eine lustige Situation, von der ich gelesen habe, beschreibt mehrere Ratten, die einen Karren mit Heu über eine Eisfläche ziehen. Eine der Ratten rutscht dabei auf dem Eis aus, fällt auf den Rücken und furzt dabei so laut, dass das Geräusch widerhallt. In der betreffenden Geschichte brach die Person daraufhin in Gelächter aus, wodurch auch sein Årsgång scheiterte.</p>



<p>Aber es kann auch zu lebensbedrohlichen Begegnungen mit dem Übernatürlichen kommen. So kann man z. B. Wiedergängern, also Untoten, deren bloße Berührung den Tod bringt, <a href="https://www.geister-und-legenden.de/draugr" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Draugar</a>, <a href="https://www.geister-und-legenden.de/trolle-mythologie" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Trollen</a>, einer <a href="https://www.geister-und-legenden.de/skogsra" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Skogsrå</a> oder Bäckahästen begegnen.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Der zweite Teil des Årsgångs:</h4>



<p><em>(Hinweis: Dieser Teil des Årsgång kommt erst im zweiten Teil der Geschichte vor. Solltet ihr ohne Vorwissen an die Geschichte herangehen wollen, empfehle ich euch, diesen Abschnitt vorerst zu überspringen.)</em></p>



<p>Bei der Kirche angekommen hat man die längste Strecke hinter sich, jedoch noch nicht die größte Herausforderung. Die Wandernden müssen hier beginnen, die Kirche dreimal oder siebenmal gegen den Uhrzeigersinn zu umrunden, während sie einem bestimmten Muster folgen. Z. B. müssen sie jedes Mal in das Schlüsselloch pusten oder hineinspähen, wenn sie an der Kirchentür vorbeikommen, oder durch jedes Kirchenfenster spähen, dass sie erreichen. In einer Quelle war sogar davon die Rede, ein Gebet dreimal rückwärts aufzusagen, ehe man in das Schlüsselloch pustet. Das Pusten in das Schlüsselloch symbolisiert übrigens, dass man seinen Glauben abgibt – wenn auch nur vorübergehend.</p>



<p>Bei den Umrundungen empfängt der Durchführende weitere Visionen – entweder auf dem Kirchgrundstück oder innerhalb der Kirche, wenn er hineinspäht.</p>



<p>So kann er z. B. sehen, welche Leute im kommenden Jahr heiraten oder sterben, wenn er die Hochzeit oder Trauerfeier sieht. Sollte ein Friedhof auf dem Kirchgrundstück liegen, kann es außerdem passieren, dass der Wandernde neue Gräber sieht, in denen entweder eine noch lebende Person liegt, die im kommenden Jahr stirbt oder deren Name auf dem Grabstein steht.</p>



<p>Aber Vorsicht: Viele Årsgång-Legenden erzählen davon, dass die Durchführenden ihren eigenen Tod für das kommende Jahr vorausgesehen haben.</p>



<p>Je mehr Runden man um die Kirche geht, desto klarer und häufiger sollen die Visionen werden, aber auch das Übernatürliche wird immer stärker versuchen, den Årsgång zu unterbrechen. Hierbei kann es auch zu physischer Gewalt und Mordversuchen kommen. Da, wie bereits erwähnt, sogar die bloße Berührung durch Untote und <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Geister</a> zu Unglück, Krankheit oder sogar Tod führen kann, muss man sich also sehr in Acht nehmen.</p>



<p>Ist die Person kurz davor, das Ritual zu vollenden, soll schließlich Gloson, ein Geisterschwein, von dem ich im zweiten Teil des Weihnachts-Specials ausführlich berichten werde, als letzte Hürde auftauchen.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Nach dem Årsgång:</h4>



<p>Hat man es geschafft, den Årsgång zu beenden, hat man in den Visionen die Zukunft seiner Gemeinde gesehen und dem Übernatürlichen getrotzt.</p>



<p>Aber obwohl man nun nach Hause gehen kann, heißt das nicht, dass man den Årsgång fortan ignorieren darf, denn das Wort „Jahresgang“ kommt nicht von ungefähr. Es ist eine jährliche Tradition, die die meisten Årsgång-Durchführenden jedes Jahr wiederholt haben. Dadurch sollen sie nicht nur mit jedem Jahr ihr Gespür für das Übernatürliche und ggf. ihre neugewonnenen magischen Fähigkeiten verstärkt haben, sondern auch die Gefahren des Årsgång können im Laufe der Jahre zunehmen.</p>



<p>Ob die Personen den Årsgång jedes Jahr freiwillig aufs Neue durchgeführt haben oder es tun mussten, habe ich nicht herausfinden können. Zwar habe ich davon gelesen, dass man sonst seine magischen Fähigkeiten wieder verliert oder einem das Übernatürliche oder der Teufel persönlich einen Hausbesuch abstattet, aber die meisten Texte beschreiben lediglich den Årsgång selbst.</p>



<p>Allerdings gibt es einen Bericht von einem Mann, der das Ritual angeblich viele Jahre in Folge durchgeführt hat. Als er schließlich zu alt und schwach wurde, um sich dem Übernatürlichen zu widersetzen, ist er von seinem letzten Årsgång nie zurückgekehrt – er hat es also selbst dann nicht gewagt, den Årsgång ausfallen zu lassen.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Moderne Version:</h4>



<p>Der Årsgång wird inzwischen nicht mehr wirklich praktiziert. Trotzdem habe ich eine moderne Version des Årsgångs gefunden. Sie ist deutlich ungefährlicher, da man keinen ganzen Tag allein im kalten Wald verbringt.</p>



<p>Stattdessen muss sich die durchführende Person am Tag vor dem tatsächlichen Gang, also den Tag vor Heiligabend oder Silvester, komplett isolieren. Sie muss sich in einen abgedunkelten Raum setzen, darf nichts essen, nichts trinken und darf nicht sprechen. Auch hier bedeutet das natürlich, auf Handy, Tablet, PC, Radio, Fernseher usw. zu verzichten. Das Ziel dieser Isolation ist es, in eine Art meditativen Zustand zu gelangen, wodurch die Person zugänglicher für die geistige Welt und das Übernatürliche werden soll.</p>



<p>Sobald es Mitternacht wird, muss die Person schließlich das Haus verlassen und zur nächsten Kirche gehen. Ab hier sind das Ritual und die angeblichen Gefahren identisch.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p>Die erste bekannte Erwähnung des Årsgångs findet sich in dem Manuskript „Småländska Antiqviteter“ (Småländische Antiquitäten). Sie wird auf ca. 1697 bis 1700 datiert und wurde von Petter Rudebeck verfasst.</p>



<p>Rudebeck bezeichnete den Årsgång in seinem Text als altes Ritual, was darauf hindeutet, dass er schon sehr viel älter als das Dokument sein könnte. Andererseits gibt es keinerlei Hinweise, dass bereits vor dem 17. Jahrhundert auch nur ein einziger Årsgång stattgefunden hat. Daher gibt es die Theorie, dass es sich bei dem Årsgång lediglich um eine recht alte urbane Legende handelt, die um die Zeit der ersten Erwähnungen erfunden wurde. Es ist aber auch durchaus möglich, dass er bis dahin hauptsächlich mündlich überliefert wurde und ältere Texte lediglich noch unentdeckt sind oder nicht bis heute überdauert haben.</p>



<p>Im Jahr 2013 ist außerdem ein Videospiel namens „Year Walk“ für iOS-Geräte herausgekommen, das den Årsgång thematisiert. Inzwischen gibt es das Spiel auch für den PC.</p>



<p><em>Was haltet ihr von dem Årsgång? Würdet ihr euch trauen, ein solches Ritual durchzuführen? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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		<title>Candyman – sag nicht seinen Namen!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 23 Oct 2023 13:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Also gingen sie gemeinsam ins Badezimmer und stellten sich vor den Spiegel. Dort sprachen sie seinen Namen. Einmal. Zweimal. Dreimal. Viermal. Ehe sie fortfuhren, sahen sie einander bedeutungsvoll an. Sie wussten alle, dass es kein Zurück mehr gab, wenn sie seinen Namen noch ein letztes Mal sagten …</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg09.met.vgwort.de/na/72e69d8989df4d4f9cd67ca2996e3a1e" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p>Candyman ist ein <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Geist</a> einer <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">urbanen Legende</a>, den man angeblich durch ein einfaches <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/rituale" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Ritual</a> rufen kann. Warum ihr das auf keinen Fall tun solltet, erfahrt ihr in diesem Beitrag.</p>



<p>Außerdem möchte ich noch kurz mitteilen, dass der nächste Beitrag nicht erst in zwei Wochen, sondern in Form des Halloween-Specials bereits nächste Woche kommt. Und ich verrate so viel: Dass ich für diesen Beitrag vier Charaktere aus meinem Roman (darunter die Hauptperson Luna) ausgewählt habe, war nicht ganz zufällig. ^^</p>



<p>Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen</strong></summary>
<p>&#8211; Tod<br>
&#8211; angedeuteter Rassismus</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p>Es war die Nacht des 31. Oktobers: Halloween. Und obwohl ich mir seit meiner Kindheit nichts mehr aus diesem Datum gemacht hatte, saß ich dieses Jahr zusammen mit drei anderen Mädchen in einem Kreis auf dem Boden und lauschte ihren Gruselgeschichten. Und das, obwohl ich Horror bisher nie wirklich mochte.</p>



<p>Angefangen hatte alles mit meinem Umzug vor wenigen Monaten. Ich wohnte jetzt in einer neuen Stadt, ging auf eine neue Schule, hatte neue Freunde. Wobei ich dazu sagen sollte, dass es keine „alten Freunde“ gab. Vor dem Umzug war ich eine Außenseiterin gewesen. Ich hatte mit Mobbing zu kämpfen gehabt, hasste die Zeit in der Schule und verbrachte meine Freizeit hauptsächlich allein mit meinem Zeichenblock und allerlei Büchern.</p>



<p>Nach meinem Umzug hatte sich das zum Glück geändert. Natalie, Lisa und Jenny – drei Mädchen aus meiner Klasse – hatten mich aufgenommen, als hätte ich schon immer zu ihrer kleinen Gruppe dazugehört. Früher hätte mich nie jemand gefragt, ob ich mit ihm oder ihr auf eine Halloweenparty gehen möchte. Natalie hingegen hatte mir wie selbstverständlich mitgeteilt, dass wir dieses Halloween bei Lisa gemeinsam einen Horrorabend verbringen würden.</p>



<p>Und das taten wir auch. Nachdem wir uns gegen 20 Uhr getroffen hatten, hatten wir zuerst Kürbisse geschnitzt, aus ihren Innereien Kürbissuppe gekocht, sie gemütlich bei einem Horrorfilm – der mir überraschend gut gefiel – gegessen und uns schließlich in einen Kreis auf den Boden gesetzt, um um Punkt Mitternacht mit den Gruselgeschichten anzufangen.</p>



<p>Natalie hatte ihre bereits erzählt. Sie handelte von einem Killer, der sich als gruselige Clownspuppe getarnt hatte und völlig reglos in einem Haus stand, während eine ahnungslose Babysitterin auf die Kinder aufgepasst hatte.</p>



<p>Ich hingegen wurde übersprungen. Da es mein erster Horrorabend war und ich keine Ahnung von Gruselgeschichten hatte, erlaubten die anderen mir, diesmal nur zuzuhören. Eine eigene Geschichte könne ich dann beim nächsten Horrorabend erzählen – und wie ich es verstanden hatte, machten sie diese Abende mehrere Male im Jahr.</p>



<p>„Luna? Alles in Ordnung?“, riss Natalie mich aus meinem Gedanken.</p>



<p>Ich erstarrte. Erst jetzt fiel mir auf, dass ich die ganze Zeit gedankenversunken die Kerzen angestarrt hatte, anstatt Jenny bei ihrer Geschichte zuzuhören. Jetzt hielt sie in ihrer Erzählung inne und sah mich besorgt an. „Wenn es dir zu gruselig wird, sagst du Bescheid, ja?“, fragte sie.</p>



<p>Am liebsten hätte ich mich selbst geohrfeigt. Da hatte ich endlich Freunde gefunden, die mir wichtig waren – denen <em>ich</em> wichtig war – und ich schaffte es nicht einmal, ihnen ein paar Minuten zuzuhören. Und das bei einem der Horrorabende, die ihnen so wichtig waren. Das hatten sie mir in den letzten Wochen klar zu verstehen gegeben.</p>



<p>Also schwor ich mir, dass ich es diesen Abend nicht noch einmal verbocken würde, und lächelte sie an. „Danke. Es geht schon“, sagte ich. „Ich bin selbst überrascht, wie sehr mir der Film und die Geschichten gefallen.“</p>



<p>Das entlockte Natalie ein erleichtertes Grinsen. Und auch Jenny lächelte mir aufmunternd zu, ehe sie mit ihrer Geschichte fortfuhr.</p>



<p>Anfangs hatte ich Schwierigkeiten, den Anschluss zu finden. Es war eine Geistergeschichte, soweit verstand ich es, aber wer die Hauptpersonen waren und was sie ausgerechnet nachts in ein verlassenes Haus verschlagen hatte, wurde mir aus dem Kontext nicht sofort klar. Trotzdem war sie spannend erzählt und ich merkte bald, wie ich mich mit den anderen gemeinsam wohlig gruselte.</p>



<p>„Nach jener Nacht wurden die drei Jungen nie wieder gesehen“, beendete Jenny ihre Geschichte. „Aber wenn man nachts an dem Haus vorbeigeht, so heißt es, kann man noch immer ihre Schreie hören.“</p>



<p>Stille legte sich über uns. Trotzdem sah ich aus dem Augenwinkel, wie Natalie schmunzelte. „Das ist das alte Petter-Haus, oder?“, fragte sie schließlich.</p>



<p>Jenny grinste. „Vielleicht hab ich mich etwas von den Gerüchten inspirieren lassen.“</p>



<p>„Moment. Das Haus gibt es wirklich?“, fragte ich überrascht.</p>



<p>Jenny nickte. „Es steht nur zehn Minuten von hier entfernt. Wenn ihr wollt, können wir später hingehen“, schlug sie vor.</p>



<p>Ich schluckte schwer. Zum ersten Mal diesen Abend fühlte ich mich etwas unwohl.</p>



<p>„Viele Gruselgeschichten haben einen wahren Kern“, bestätigte Lisa. „Aber wenn man weiß, was daran echt ist und was nicht, nimmt das den Geschichten häufig den Zauber … oft, aber nicht immer. Das müssen auch die Protagonisten aus meiner Geschichte lernen.“ Lisa warf einen Blick in die Runde. Da niemand protestierte, begann sie zu erzählen.</p>



<p>„Jenny und Natalie erinnern sich bestimmt noch an den Film, den wir beim letzten Horrorabend gesehen haben: Candyman’s Fluch. Und genau davon handelt meine Geschichte – von Candyman. Aber keine Sorge, Luna, du musst den Film nicht kennen, um die Geschichte zu verstehen.</p>



<p>Es war an einem Halloweenabend wie heute, an dem die vier Protagonistinnen sich getroffen hatten, um zusammen Candyman’s Fluch zu sehen. Worum es in dem Film geht, ist nicht wichtig. Ich kann ihn zwar sehr empfehlen, wenn du heute auf den Geschmack gekommen sein solltest, aber das Wichtige ist gerade nur der berüchtigte Candyman. Er ist ein Wesen, der Geist eines schwarzen Mannes, der vor vielen Jahren brutal ermordet wurde, weil er den damals schweren Fehler beging, sich in eine weiße Frau zu verlieben. Man sägte ihm die Hand ab und hetzte einen Schwarm wütender Bienen auf ihn. Er musste völlig zerstochen gewesen sein, als die Insekten ihn tot zurückließen.</p>



<p>Heute, so heißt es, wandelt sein Geist umher. Ganz dem Klischee entsprechend hat er jetzt einen rostigen Haken statt seiner abgesägten rechten Hand. Außerdem ist er immer von den Bienen umgeben, die jetzt in seinem Körper leben. Man sagt, dass er sie nach eigenem Willen kontrollieren kann.</p>



<p>Wie dem auch sei, genau wie in dem Film gibt es auch in der echten Welt ein Ritual, mit dem man den Candyman rufen kann. Man muss sich nur vor einen Spiegel stellen und fünfmal seinen Namen sagen.</p>



<p>Aber keine Sorge, dabei kann überhaupt nichts passieren. Es ist bekannt, dass er nie wirklich existiert hat. Er und seine Hintergrundgeschichte sind reine Fiktion. Und das wussten auch die vier Schülerinnen Nina, Vanessa, Michelle und Luisa.</p>



<p>Sie versprachen sich an ihrem Halloweenabend einen schnellen Kick, einen Adrenalinschub, ohne wirklich in Gefahr zu sein. Es konnte schließlich nicht wirklich etwas passieren, wenn man den Candyman rief. Zumindest dachten sie das.</p>



<p>Also gingen sie gemeinsam ins Badezimmer und stellten sich vor den Spiegel. Sie hielten einander an den Händen, gaben einander ein Gefühl von Sicherheit, das Gewissen, nicht allein zu sein. Dann sprachen sie seinen Namen. Einmal. Zweimal. Dreimal. Viermal. Ehe sie fortfuhren, sahen sie einander bedeutungsvoll an. Sie wussten alle, dass es kein Zurück mehr gab, wenn sie seinen Namen noch ein letztes Mal sagten.</p>



<p>Trotzdem hatte niemand von ihnen wirklich Lust, aufzuhören, also wandten sie ihren Blick wieder zum Spiegel und sagten seinen Namen das fünfte Mal: ‚Candyman.‘</p>



<p>Man konnte die Spannung in dem kleinen Badezimmer förmlich schmecken. Voller angespannter Erwartung standen die vier Mädchen da und starrten erwartungsvoll in den Spiegel.</p>



<p>Plötzlich fing die Jüngste von ihnen, Nina, schallend an zu lachen. Das war doch albern. Sie hatte tatsächlich Angst gehabt, dass irgendetwas passieren würde. Aber natürlich geschah nichts. Und so stimmten auch die anderen Mädchen in ihr Gelächter ein.</p>



<p>Ich weiß nicht, ob es wirklich der Candyman war oder etwas anderes. Ein dunkles Wesen, das das Ritual der Mädchen als Tor in unsere Welt genutzt hatte. Jedenfalls ahnten die vier Freundinnen noch nichts von der Präsenz, die fortan im Spiegel auf sie lauerte.</p>



<p>Sie feierten ihre kleine Party weiter, als wäre nichts gewesen. Und für sie wirkte es ja auch so. Bald vergaßen sie, dass sie das Ritual überhaupt durchgeführt hatten. Zumindest, bis am Montag in der Schule eine von ihnen fehlte.</p>



<p>‚Hey, wo ist Luisa?‘, fragte Nina Vanessa, die neben ihr saß.</p>



<p>Vanessa zuckte mit den Schultern. ‚Weiß nicht. Vielleicht ist sie krank geworden?‘</p>



<p>Noch brachte niemand von ihnen den Candyman mit Luisas Verschwinden in Verbindung. Niemand außer Nina. Sie hatte schon immer ein gutes Bauchgefühl gehabt. Und als Luisa nicht auf ihre Nachrichten antwortete, entschuldigte Nina sich bei der Lehrerin und verzog sich auf die Toilette.</p>



<p>Dort nahm sie sofort ihr Handy heraus und wählte die Festnetznummer von Luisa. Quälend lange dauerte es, bis das Freizeichen endlich verstummte. Es meldete sich jedoch nicht Luisa oder einer ihrer Eltern, sondern lediglich die Mailbox.</p>



<p>Schnell versuchte Nina es noch einmal. Dann auf dem Handy von Luisa, aber nichts. Nirgends konnte sie jemanden erreichen.</p>



<p>Sie wollte gerade aufgeben, das Handy in ihre Tasche zurückstecken und zurück in die Klasse gehen, als eine Bewegung aus dem Augenwinkel ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Ihre Augen weiteten sich, als sie den Mann im Spiegel bemerkte. Er war groß, hatte eine dunkle Hautfarbe und trug einen altmodischen Mantel. An seinem rechten Arm blitzte etwas Metallenes, aber Nina sah nicht lange genug hin, um die Hakenhand zu erkennen.</p>



<p>Schnell drehte sie sich um. ‚Was wollen Sie hier?‘, fragte sie noch in der Bewegung, aber als sie die Tür ansah, vor der der Mann eben noch gestanden hatte, erstarrte sie. Der kleine Raum war leer. Außer ihr war niemand da. Es hatte niemand die Tür geöffnet oder geschlossen und der einzige Weg zu den Kabinen hätte an Nina vorbeigeführt. Mit einem mulmigen Gefühl im Magen machte sie sich schnell auf den Weg zurück zur Klasse.</p>



<p>Natürlich berichtete sie Vanessa und Michelle von ihrer Begegnung. Aber wie es im echten Leben nun einmal so ist, wenn einem etwas Unerklärliches passiert, glaubten sie ihr nicht.</p>



<p>‚Wie sah er denn aus?‘, fragte Vanessa. ‚So wie der Candyman aus dem Film?‘</p>



<p>Nina wusste es nicht. ‚Ich hab ihn wirklich nicht lange gesehen. Außerdem war es nicht gerade hell in den Toiletten und &#8230;‘</p>



<p>‚Du hast ihn dir eingebildet‘, erklärte Michelle. ‚Komm schon? Der Candyman? Du hast dir den Film etwas zu sehr zu Herzen genommen und jetzt, wo Luisa nicht in die Schule gekommen ist, machst du dir natürlich Sorgen. Ich versteh das. Wirklich. Aber sie liegt bestimmt nur im Bett und schläft. Deswegen antwortet sie nicht. Spätestens heute Abend hat sie uns geschrieben, du wirst schon sehen.‘</p>



<p>Ihr wisst, wie das ist. Nina war sich 100 Prozent sicher gewesen, jemanden gesehen zu haben, aber jetzt, wo ihre Freunde es ihr ausredeten, war sie es plötzlich nicht mehr.</p>



<p>Also kam es, wie es kommen musste. Die drei Mädchen machten weiter, als wäre alles wie immer. Am nächsten Tag jedoch, als Nina und Vanessa wieder nebeneinander in der Schule saßen, fielen ihre Blicke auf den leeren Stuhl von Michelle. Und nicht nur das … Noch in der ersten Stunde bat sie ihre Klassenlehrerin nach draußen. Sie erklärte ihnen, dass bei Luisa am Wochenende eingebrochen wurde. Sie und ihre Eltern hätten es nicht überlebt. Details konnte oder wollte sie jedoch keine verraten – wahrscheinlich, weil die Morde zu grausam gewesen waren. Zumindest dachten sich das Nina und Vanessa.</p>



<p>Trotzdem weigerten sich die beiden Mädchen, nach Hause zu gehen. Im Gegenteil: Sie bestanden darauf, weiter am Unterricht teilzunehmen. Sie wussten, dass sie einander nur beschützen konnten, wenn sie zusammenblieben. Wer würde ihnen zuhause schon glauben? Und so hatten sie wenigstens eine geringe Chance. Sollte der Candyman tatsächlich auftauchen, wären sie wenigstens zwei gegen einen.</p>



<p>Also machten die beiden Schülerinnen weiter. Sie erlaubten sich nicht, zu trauern, zu groß war ihre Angst um das eigene Leben. Und so bemühten sie sich den ganzen Tag lang, von jeglichen Spiegeln fernzubleiben.</p>



<p>Aber es war ein langer Schultag. Einer dieser Schultage, die man nicht unbedingt durchhielt, ohne auf Toilette zu gehen. Nach der fünften Stunde war es schließlich so weit. Vanessa hielt es nicht länger aus und so begleitete Nina sie auf die Toilette.</p>



<p>Der Raum war größtenteils leer. Es stand nur ein Mädchen vorne bei den Waschbecken, das wild auf ihrem Handy herumtippte. Nina und Vanessa ignorierten sie. Sie richteten ihre Blicke auf den Boden, um nicht in die Spiegel zu sehen, und gingen sofort weiter zu den Kabinen. Dort schloss sich Vanessa ein, während Nina ein Stück abseits wartete.</p>



<p>Zuerst wirkte alles ruhig. Nina hörte, wie das Mädchen bei den Waschbecken eine Sprachnachricht aufnahm, in der sie sich über irgendeine Mitschülerin aufregte. Ansonsten blieb es in dem Raum still. Zumindest, bis das Summen einsetzte.</p>



<p>‚Scheiße, was ist …‘, hörte Nina Vanessa murmeln. Dann begann ihre Freundin plötzlich zu schreien. ‚Nein! Hilfe! Nein!‘</p>



<p>Ein Poltern ertönte aus der Kabine. Das Summen schwoll zu einem ohrenbetäubenden Lärm an. Nina hörte, wie Vanessa gegen die Tür rempelte. Es klang so, als würde sie panisch versuchen, das Schloss zu öffnen, während ihre Schreie von dem Summen übertönt wurden.</p>



<p>‚Alles in Ordnung?‘, hörte Nina eine Stimme über das Summen hinwegrufen.</p>



<p>Es war die Schülerin beim Eingang. Aber als Nina zu ihr sah, weiteten sich ihre Augen vor Schrecken. Sie war nicht allein. Direkt hinter ihr stand der Mann, den sie erst gestern im Spiegel gesehen hatte.</p>



<p>Dann ging alles sehr schnell. Ehe Nina auch nur reagieren konnte, riss die Schülerin plötzlich die Augen auf. Sie begann zu wimmern, starrte Nina voller Entsetzen an, während ihre Füße sich langsam vom Boden hoben.</p>



<p>Für einen kurzen Moment sah es tatsächlich so aus, als würde sie schweben. Doch dann warf der Candyman sie zur Seite und schüttelte sie von seinem Haken ab. Sie landete auf den kalten Fliesen. Eine blutige Wunde klaffte in ihrem Rücken. Der Candyman hatte sie von hinten mit seiner Hakenhand aufgespießt und langsam in die Luft gehoben. Voller Panik wich Nina zurück.</p>



<p>Im nächsten Moment hörte sie, wie sich hinter ihr eine Kabinentür öffnete. Das Summen schien jetzt noch lauter zu werden. Gerade so sah Nina noch, wie Vanessas Körper regungslos aus der Kabine kippte. Sie war über und über mit Bienen übersät. Die wenigen Stellen Haut, die man noch sehen konnte, waren völlig zerstochen.</p>



<p>Entsetzt wandte Nina sich wieder dem Candyman zu. Er kam bedrohlich auf sie zu. ‚Nein! Bitte!‘, flehte sie. ‚Es war doch nur ein Spiel!‘ Tränen strömten über ihr Gesicht.</p>



<p>Aber der Candyman hielt nicht inne. Als er sie erreicht hatte, legte er seinen rechten Arm auf ihre Schulter. Fast schon liebevoll sah er ihr in die Augen, während er seinen Haken tief in ihren Nacken bohrte. Nina war auf der Stelle tot. Denn wer den Candyman ruft, kann nicht mehr gerettet werden. Er lässt niemanden am Leben.“</p>



<p>Wieder senkte sich Stille über unsere kleine Gruppe, nachdem Lisa ihre Geschichte beendet hatte. Ohne es zu merken, hatte ich mein Gesicht verzogen, so bildlich hatte ich mir die Tode vorgestellt. Das wiederum entlockte Lisa ein Grinsen.</p>



<p>„Meinst du …“, begann Jenny. Sie zögerte. Dann fuhr sie fort. „Meinst du, das könnte wirklich passieren? Dass ein Dämon oder was weiß ich das Ritual ausnutzt, um als Candyman in unsere Welt zu kommen? Dass es den Candyman nicht gibt, darüber sind wir uns ja wohl einig, oder?“</p>



<p>Natalie nickte stumm, während Lisa ihr Grinsen verbreiterte.</p>



<p>„Vielleicht“, sagte Lisa. Dann sah ich, wie sie einen Spiegel aus ihrer Handtasche zog. „Also? Wer von euch hat Lust, es mit mir zusammen herauszufinden? Lasst uns den Candyman rufen.“</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p>Candyman (Englisch für „Süßigkeitenmann“) ist eine <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">urbane Legende</a>, die auf der gleichnamigen Filmreihe basiert. Bei ihr geht es um ein <a href="https://www.geister-und-legenden.de/bloody-mary" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Bloody Mary</a> ähnliches <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/rituale" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Ritual</a>, mit dem man den berüchtigten Candyman rufen kann.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Das Ritual:</h3>



<p><strong>Hinweis: Ich rate dringend davon ab, übernatürliche Rituale durchzuführen. Der Kontakt zur Geister- oder Dämonenwelt kann schwerwiegende Folgen mit sich bringen!</strong></p>



<p>Wie bereits erwähnt ist das Candyman-Ritual dem Bloody-Mary-Ritual sehr ähnlich. Um ihn zu beschwören, muss man sich lediglich vor einen Spiegel stellen und seinen Namen fünfmal sagen. Anschließend soll der Candyman erscheinen und versuchen, dich umzubringen – entweder sofort oder irgendwann in den kommenden Stunden bis Tagen.</p>



<p>Auch gibt es in einigen Versionen weitere Bedingungen. So müsse es angeblich nachts sein, man müsse das Licht ausschalten oder eine Kerze vor den Spiegel stellen. In dem originalen Candyman-Ritual spielen diese Bedingungen jedoch keine Rolle.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p>Candyman sieht aus wie ein großgewachsener schwarzer Mann mit kurzen schwarzen Haaren, einem langen fellbesetzten Mantel und einem Haken statt seiner rechten Hand.</p>



<p>Unter seinem Mantel hat er einen blutigen Brustkorb mit freigelegten Rippen, in dem sich unzählige Bienen tummeln.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p>Sobald man Candyman einmal beschworen hat, gibt es kein Entkommen mehr. Während es anfangs oft heißt, dass er durch den Spiegel in unsere Welt kommt, kann er anschließend überall aus dem Nichts auftauchen und geht mit präziser Grausamkeit vor.</p>



<p>Bei den meisten Opfern nutzt er seine Hakenhand, um sie aufzuschlitzen oder zu erstechen. Seltener soll er auch seinen Schwarm Bienen, den er nach Belieben kontrollieren kann, auf seine Opfer hetzen und sie zu Tode stechen lassen.</p>



<p>Wann er dies tut, ist jedoch nicht ganz eindeutig. Mal terrorisiert er seine Opfer erst, indem er sich ihnen gelegentlich zeigt, mal tötet er sie sofort.</p>



<p>Was ihn außerdem von anderen Legenden dieser Art unterscheidet, sind seine Opfer. Zwar hört er erst auf, wenn die Person oder die Personen tot sind, die ihn beschworen haben, in der Zwischenzeit hat er aber keine Probleme damit, weitere Menschen zu ermorden, die zur falschen Zeit am falschen Ort sind.</p>



<p>Solltet ihr also vorhaben, den Candyman zu rufen, denkt daran, dass ihr nicht nur euer eigenes Leben in Gefahr bringt …</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p>Der Candyman hat keinen festen Ort, an dem er beschworen werden kann. Aufgrund der Filme wird er zwar gelegentlich mit Cabrini-Green, einem ehemaligen Wohnviertel in Chicago, Illinois, USA in Verbindung gebracht, man soll ihn aber überall auf der Welt rufen können.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p>Auch wenn man gelegentlich Menschen finden kann, die das Gegenteil behaupten, stammt die Candyman-Legende aus dem Film Candyman’s Fluch (1992). Sie basiert auf keiner wahren Begebenheit.</p>



<p>Trotzdem hat es der Filmantagonist geschafft, zu einer urbanen Legende zu werden. So gab und gibt es unzählige Menschen, die eine Mutprobe daraus machen, den Candyman zu beschwören.</p>



<p>Candyman ist daher neben Slenderman oder Kayako (aus „The Grudge“) eine der wenigen urbanen Legenden, die zwar erst vor wenigen Jahren aus einem fiktiven Werk entstanden sind, aber trotzdem von vielen Menschen als real angesehen werden.</p>



<p>Ein Grund dafür ist – neben der Vertrautheit aufgrund der Bloody Mary Legende –&nbsp; wahrscheinlich die realitätsnahe Hintergrundgeschichte, die der Candyman in Candyman’s Fluch bekommen hat.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Vorgeschichte:</h4>



<p>Bevor er zum Candyman wurde, so heißt es im Film, war er ein schwarzer Mann namens Daniel Robitaille.</p>



<p>Robitaille war der Sohn eines Sklaven und ein begnadeter Künstler. Er war so gut in seinem Handwerk, dass viele Reiche ihn beauftragten, Porträts für sie anzufertigen. Einer dieser reichen Männer war ein weißer Landbesitzer, der Robitaille auftrug, seine Tochter zu porträtieren.</p>



<p>Während Robitaille die junge Frau malte, kamen die beiden ins Gespräch und verliebten sich ineinander – in einer Zeit, als Beziehungen zwischen Schwarzen und Weißen noch verboten waren.</p>



<p>Schließlich führte eins zum anderen und die Tochter wurde schwanger. Als der Landbesitzer es bemerkte, kam die Beziehung der beiden ans Licht und er hetzte einen wütenden Mob auf den nun fliehenden Robitaille. Als sie ihn erwischten, sägten sie ihm zuerst seine rechte Hand mit einer rostigen Säge ab, ehe sie ihn mit Honig einschmierten und von einem Schwarm Bienen, den sie zuvor provoziert hatten, zu Tode stechen ließen – Grausamkeiten, die man den Menschen leider auch im echten Leben mehr als zutraut.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Die Inspiration des Films:</h4>



<p>Wie bereits erwähnt ist die urbane Legende also der Candyman-Filmreihe entsprungen. Candyman selbst – und auch das Handlungsgerüst des ersten Films – stammt jedoch aus der Feder von Clive Barker, der hauptsächlich als Erfinder von Hellraiser bekannt ist. Candyman entspringt seiner Kurzgeschichte „The Forbidden“ (1985), auch wenn er in seiner Geschichte noch weiß ist und nicht durch das fünfmalige Aufsagen seines Namens beschworen wird.</p>



<p>Der Bloody-Mary-Touch, der Candyman schließlich zu einer beliebten Mutprobe gemacht hat, sowie seine Hintergrundgeschichte waren hingegen Neuerfindungen der Filmadaptation.</p>



<p>So oder so kann ich euch sowohl die Kurzgeschichte „The Forbidden“ (Deutsch „Das Verbotene: Die Geschichte von Candyman“) als auch den Film „Candyman’s Fluch“ (1992) wirklich sehr empfehlen. Zumindest haben beide mich gut unterhalten.</p>



<p><em>Was haltet ihr von Candyman? Würdet ihr euch trauen, ihn zu beschwören, da seine Legende lediglich einem Film entspringt oder hättet ihr trotzdem zu viel Respekt vor dem Ritual? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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<p>Der Beitrag <a href="https://www.geister-und-legenden.de/candyman">Candyman – sag nicht seinen Namen!</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.geister-und-legenden.de">Geister und Legenden</a>.</p>
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		<title>Babi Ngepet &#8211; Gefährliche Gier</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 03 Jul 2023 13:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Dämonen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Hieß das, dass sie das Babi Ngepet bereits gefunden hatten? Dass sie Adi bereits gefunden hatten? Verfolgten sie ihn schon?<br />
Für den Bruchteil einer Sekunde überlegte ich, ihnen nachzulaufen. Aber wie sollte ich sie davon abhalten, meinen Freund zu erschießen?</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg09.met.vgwort.de/na/392a9828478f4f5f90467ef31b35b0f0" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p>Das indonesische Babi Ngepet <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/rituale" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Ritual</a> verspricht jedem, der es ausführt, eine Menge Geld. Trotzdem kann es, gerade in Indonesien, ein sehr gefährliches Unterfangen sein. Warum das so ist und was es mit dem Ritual auf sich hat, erfahrt ihr in diesem Beitrag.</p>



<p>Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen</strong></summary>
<p>&#8211; Tod</p>
<p>&#8211; Tod eines Tieres</details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p>Indonesien ist ein Land mit vielen Legenden. Obwohl ich eine gläubige Muslima bin, haben meine Eltern und Großeltern mir oft Geschichten von übernatürlichen Wesen und Ritualen erzählt, an die die Menschen in Indonesien seit Jahrhunderten glauben. Und auch, wenn ich neben Allah eher den wissenschaftlichen Ansatz verfolgte, hatte ich schon immer das Gefühl, dass es mehr da draußen geben musste.</p>



<p>Trotzdem hatten mich weder mein Glaube noch mein Aberglaube auf jenen Tag vorbereiten können, als ich dem Übernatürlichen das erste Mal begegnete.</p>



<p>Es war ein Tag wie jeder andere. Nichts deutete darauf hin, dass gerade irgendwo in der Nachbarschaft ein schwarzmagisches Ritual durchgeführt wurde.</p>



<p>Ich war im Anwesen von Mulyadi, erledigte den Haushalt und brachte ihm und seinen Gästen gelegentlich Tee, einen Snack oder was auch immer sie sonst von mir verlangten. Als Dienstmädchen war das meine Pflicht.</p>



<p>„He, Annisa, sei so gut und bring uns die Zigarren“, forderte Mulyadi mich auf. „Der Kasten steht auf dem kleinen Tisch im Esszimmer.“</p>



<p>„Natürlich, Bapak Mulyadi“, erwiderte ich höflich, ehe ich mich mit gesenktem Haupt in den Flur begab. Ich hörte noch, wie er bei seinen Freunden damit angab, wie teuer die Zigarren gewesen waren.</p>



<p>Im Flur entfuhr mir ein schweres Seufzen. Wie konnte ein Mensch nur so verdorben sein? Mulyadi hatte mehr Geld, als er im Leben ausgeben konnte. Er ließ sich keine Gelegenheit entgehen, damit anzugeben. Daran, mit dem Geld etwas Gutes oder Sinnvolles zu tun, dachte er hingegen nie.</p>



<p>Zum Beispiel wusste er, dass ich mit meinem Lohn nicht nur mich versorgen, sondern seit Papas Unfall auch meine Eltern unterstützen musste. Anstatt mir aber als langjähriger Angestellten unter die Arme zu greifen oder mir wenigstens ein faires Gehalt für meine Arbeit zu zahlen, nutzte er aus, dass er der einzig passende Arbeitgeber in der Nähe meiner Eltern war. Er hatte mir unter einem Vorwand den Lohn gekürzt, als er gemerkt hatte, dass ich auf die Stelle angewiesen war.</p>



<p>Während ich weiterging, schüttelte ich den Kopf. Nein. Ich sollte mich nicht beschweren. Ich klang schon fast wie Adi, mein fester Freund. Allah hatte mir ein gutes Leben geschenkt. Auch wenn mein Lohn etwas zu niedrig war, kam ich immer über die Runden. Außerdem bekam ich bei Mulyadi immer gutes Essen, war gesund und hatte einen tollen Freund, der mich sehr liebte. Was wollte ich mehr?</p>



<p>Im Esszimmer angekommen, schaltete ich das Licht ein. Sofort sprangen mir die hellen Wände, der edle Holztisch und ein lebensgroßes Porträt von Mulyadi ins Auge. Auf den zweiten Blick sah ich auch das Zigarrenkästchen. Es lag auf dem ebenfalls hölzernen Beistelltisch. Direkt daneben stand ein kleiner, goldener und &#8211; wenn ihr mich fragt – potthässlicher Kerzenhalter. Mulyadi hatte ihn sich nur geholt, weil er so unverschämt teuer gewesen war.</p>



<p>Mit gemächlichen Schritten ging ich weiter. Ich ließ den Blick durch den Raum schweifen, überprüfte flüchtig, ob alle Stühle ordentlich am Tisch standen, und trat schließlich an den Beistelltisch.</p>



<p>Plötzlich stockte ich. Ich hatte gerade nach dem Zigarrenkästchen greifen wollen, als mein Blick auf den goldenen Kerzenhalter fiel. Oder genauer gesagt den Ort, an dem der Kerzenhalter eben noch gestanden hatte. Der Platz neben dem Zigarrenkästchen war leer. Wie … wie war das möglich?</p>



<p>Während ich mich verwirrt im Zimmer umsah, arbeitete mein Hirn auf Hochtouren. Kurz überlegte ich, ob er die ganze Zeit schon weg gewesen war und ich ihn mir bloß eingebildet hatte. Aber nein, dazu hatte ich ihn eben zu genau angesehen.</p>



<p>Andererseits lag er nicht auf dem Boden. Auch konnte sich niemand an mir vorbeigeschlichen haben. Das hätte ich bemerkt. Mir fiel keine logische Erklärung ein, wo der Kerzenhalter hin verschwunden sein könnte.</p>



<p>Dann kam mir ein anderer Gedanke. Ein Gedanke, der mir so lächerlich vorkam, dass er gar nicht stimmen konnte. Es gibt im indonesischen Volksglauben eine Magie namens Pesugihan. Angeblich konnte man mit dieser Magie über Nacht reich werden – wenn auch nicht unbedingt auf legale Weise. Und rein zufällig hatte ich mit meinem Freund erst vor ein paar Wochen über ein Pesugihan-Ritual gesprochen: dem Babi Ngepet Ritual.</p>



<p>Auf der Insel Java weiß wahrscheinlich jeder, was ein Babi Ngepet ist. Durch ein Ritual kann sich ein dunkler Magier in eine Art Wildschwein, das Babi Ngepet, verwandeln. Wenn sich der Magier nun in Schweinegestalt an einer Hauswand rieb, verschwanden auf magische Weise Wertgegenstände und Geld aus dem Haus. Genau wie der Kerzenhalter vor mir.</p>



<p>Ich wäre wahrscheinlich nicht einmal auf die Idee gekommen, wäre mir nicht das Gespräch eingefallen, das Adi und ich geführt hatten. Er hatte mich gefragt, ob wir es nicht einfach einmal versuchen sollten. Er kenne da einen Dukun, einen Schamanen, der auf so etwas spezialisiert sei. Wenn ich so drüber nachdachte, war er erstaunlich gut über das Ritual informiert gewesen, auch wenn ich ihn damals nicht ernstgenommen hatte.</p>



<p>Ich hatte ihn abgewiesen, ihm erklärt, dass Allah solche Magie nicht gutheißen würde. Auch hatten wir rumgealbert. Ich hatte gemeint, dass er bestimmt selbst als Wildschwein unverschämt gutaussehen würde. Er hatte daraufhin Grunzgeräusche gemacht und ich hatte das Ganze als Scherz, als fixe Idee abgetan, die wir beide schnell wieder vergessen würden.</p>



<p>Und trotzdem … Trotzdem wurde ich das unwohle Gefühl nicht los, dass Adi etwas mit dem verschwundenen Kerzenhalter zu tun haben könnte.</p>



<p>Ohne weiter darüber nachzudenken, griff ich nach meinem Portemonnaie. Ich holte einen 50.000 Rupiah-Schein heraus und legte ihn vor mir auf den Beistelltisch.</p>



<p>In den nächsten Sekunden kam ich mir völlig bescheuert vor, während ich den Schein nicht aus den Augen ließ. Das war jedoch, bevor er sich in Luft auflöste.</p>



<p>Meine Kinnlade klappte herunter. Als würde ich noch immer nicht begreifen, was gerade passiert war, starrte ich das nackte Holz vor mir an.</p>



<p>Gleichzeitig gab es in mir eine Explosion aus Emotionen. Ich war entsetzt darüber, dass der Schein wirklich verschwunden war, an den Ritualen also wirklich etwas dran zu sein schien. Auch überlegte ich kurz, ob ich vielleicht den Verstand verlor oder halluzinierte. Aber vor allem hatte ich Angst. Ich hatte Angst davor, dass Adi das Ritual tatsächlich durchgeführt hatte.</p>



<p>Wusste er nicht, wie gefährlich es sein konnte? Wenn nachts im Dorf irgendwo ein Wildschwein gesehen wurde, wurde es sofort vertrieben, oder schlimmer noch, gejagt. Es war in der Vergangenheit oft genug vorgekommen. Und wenn jetzt auch noch jemand den Diebstahl bemerkte …</p>



<p>Ein plötzlicher Tumult im Haus riss mich aus meiner Starre. Männerstimmen riefen aufgeregt durcheinander. Schritte erklangen aus dem Flur. Türen schlugen.</p>



<p>Hastig rannte ich zurück in den Flur. Ich sah, wie Mulyadis Gäste wild durcheinander rannten. Die Haustür stand offen.</p>



<p>Dann entdeckte ich Bernard, den Koch, wie er völlig verwirrt dastand. Ich wich einem aufgeregten Mann aus, während ich zu ihm eilte.</p>



<p>„Bernard? Was ist passiert?“, fragte ich schnell.</p>



<p>„Isch weiß es nischt“, erwiderte er mit seinem französischen Akzent. Er wirkte erleichtert, dass jemand mit ihm redete. „Es wurde wohl irgendeine Uhr gestohlen, die auf dem Tisch lag. Danach ‘at irgendwer draußen ein Schwein gesehen. Bapak Mulyadi ‘olt gerade seine Waffe. Annisa, die Männer ‘aben ihren Verstand verloren!“</p>



<p>Bernards Worte klangen in meinen Ohren nach. Mulyadi holte gerade seine Waffe?!</p>



<p>Auch entging mir Bernards hoffnungsvoller Gesichtsausdruck nicht, dass ich ihm das Ganze irgendwie erklären konnte. Er wohnte noch nicht lange in Indonesien und kannte sich schon gar nicht mit unseren Legenden aus. Aber so gerne ich ihm auch geholfen hätte, hatte ich dafür keine Zeit. Nicht jetzt. Ich musste Mulyadi und seine Freunde aufhalten!</p>



<p>Im nächsten Moment sah ich Mulyadi aus dem Wohnzimmer kommen. Der Anblick seiner Pistole, die er fest in der Hand hielt, trieb mir einen eiskalten Schauer den Rücken hinunter. Er hatte sie vor einigen Jahren illegal gekauft, um sich gegen Einbrecher schützen zu können.</p>



<p>Ich musste sämtliche Instinkte und meine komplette Ausbildung ignorieren, um mich ihm in den Weg zu stellen. Er sah mich irritiert an.</p>



<p>„Bapak Mulyadi, was ist los?“, fragte ich hastig.</p>



<p>Er runzelte die Stirn, war es nicht gewohnt, dass ich ohne vorherige Aufforderung oder dringendes Anliegen mit ihm sprach. „Vor meinem Haus treibt sich ein Babi Ngepet rum. Ich habe keine Zeit, zu reden!“, erwiderte er schroff, ehe er sich an mir vorbeidrängelte.</p>



<p>„Ein Babi Ngepet?“, fragte ich gespielt überrascht.</p>



<p>Mulyadi ignorierte mich. Er war im Begriff, nach draußen zu rennen, also griff ich nach seinem Handgelenk – eine Geste, die mich meinen Job kosten konnte. Er blieb verdattert stehen.</p>



<p>„Bapak Mulyadi. Warten Sie“, versuchte ich, Zeit zu gewinnen. „Sie wissen nicht, wie gefährlich das Tier ist. Wildschweine können ziemlich aggressiv werden, wenn sie sich bedroht fühlen. Und wenn das wirklich ein Babi Ngepet ist …“</p>



<p>Weiter kam ich nicht. Mulyadi hatte sich mir wieder zugewandt und packte mich mit der freien Hand fest an der Schulter. „Vergiss nicht deinen Platz, Annisa!“, fauchte er mich an. Er sah tatsächlich aus, als wäre er kurz davor, mir zu kündigen.</p>



<p>Ich hingegen verengte die Augen. In all den Jahren, die ich für ihn gearbeitet hatte, habe ich einiges über ihn in Erfahrung bringen können. Ich war die wahrscheinlich einzige Person im Dorf, die den wahren Mulyadi kannte. Den Mulyadi, den er vor den anderen Bewohnern und seinen Freunden verbarg. Ich kannte all seine schmutzigen Geheimnisse.</p>



<p>Wie gerne würde ich ihm das an den Kopf werfen. Ich könnte Zeit für Adi gewinnen, falls das Babi Ngepet tatsächlich er war.</p>



<p>Als ich jedoch in Mulyadis Augen sah, merkte ich, wie sinnlos das wäre. Die Gier in ihnen war zu groß. Er würde sich bloß unsanft losreißen und mir zu verstehen geben, dass wir das später klären würden.</p>



<p>Also ließ ich sein Handgelenk los. Ich zog leicht den Kopf ein, wollte ihm mit allen Mitteln zu verstehen geben, dass mein Verhalten mir leidtäte, und nuschelte eine Entschuldigung.</p>



<p>Mulyadi ging nicht weiter darauf ein. Schnell rannte er nach draußen zu seinen Freunden. „Ich werde dieses Mistvieh töten!“, hörte ich ihn schreien, ehe er die Tür hinter sich zuzog.</p>



<p>Meine Augen weiteten sich. Ich hatte ihn falsch eingeschätzt. Mulyadi war nicht getrieben von Gier, sondern von Wut. Wenn er das Babi Ngepet tötete, war sein Geld verloren. Aber das kümmerte ihn gar nicht. Er fühlte sich in seinem Stolz verletzt, in seiner Ehre, weil jemand es gewagt hatte, ihn zu bestehlen!</p>



<p>„Annisa? Was ist ’ier los? Was ist dieses Babi Ngepet, von dem ihr gesprochen ’abt?“, fragte Bernard.</p>



<p>Mit der Situation völlig überfordert, starrte ich ihn an. „Ich erklär dir alles später. Vorher muss ich erst was erledigen“, rief ich ihm eine halbherzige Entschuldigung zu, während ich bereits auf dem Weg nach draußen war.</p>



<p>„Annisa! Warte!“, rief Bernard mir nach.</p>



<p>Ich ignorierte ihn. Adi schwebte in Lebensgefahr!</p>



<p>Das Letzte, was ich hörte, war ein genervtes „’at denn ’ier jeder den Verstand verloren?“, ehe die Tür auch hinter mir ins Schloss fiel.</p>



<p>Draußen sah ich mich flüchtig um. Zu meiner Überraschung war von Mulyadi und seinen Freunden bereits nichts mehr zu sehen. Obwohl es dunkel war, konnte ich nirgends die Lichter ihrer Taschenlampen oder Handys erkennen. Das Einzige, was noch auf sie hindeutete, waren aufgeregte Rufe in der Ferne. Sie hatten in der kurzen Zeit eine beachtliche Strecke zurückgelegt.</p>



<p>Hieß das, dass sie das Babi Ngepet bereits gefunden hatten? Dass sie Adi bereits gefunden hatten? Verfolgten sie ihn schon?</p>



<p>Für den Bruchteil einer Sekunde überlegte ich, ihnen nachzulaufen. Aber wie sollte ich sie davon abhalten, meinen Freund zu erschießen? Was konnte ich schon ausrichten?</p>



<p>Wo ich hingegen etwas ausrichten konnte, war Adis Haus. Er hatte mir damals erklärt, dass es bei dem Ritual einen Notfallplan gäbe, eine Reißleine, die ich ziehen konnte, falls es für ihn brenzlich wurde. Es sei idiotensicher.</p>



<p>Seiner Erklärung nach, brauchte man zwei Menschen für das Ritual. Eine Person, die sich in das Babi Ngepet verwandelt, und eine andere Person, die eine brennende Kerze in ein Wasserbecken legt und sie nicht aus den Augen lässt. Sollte die Kerze zu flackern beginnen, war das Babi Ngepet in Gefahr. In dem Fall hätte ich sofort die Kerze auspusten sollen, um Adi in Sicherheit zu bringen.</p>



<p>Wie genau das funktionierte, wusste ich nicht. Aber ich vertraute Adi. Normalerweise wusste er, was er tat.</p>



<p>Nur gab es ein Problem: Wen hatte Adi damit beauftragt, auf die Kerze aufzupassen, nachdem ich abgelehnt hatte? War es jemand, dem er sein Leben anvertrauen konnte, oder war es ein geldgieriger Schamane, dem er nichts bedeutete?</p>



<p>&#8212;</p>



<p>Als ich endlich Adis Haus im Halbdunkel erkennen konnte, legte ich einen Endspurt ein. Im Inneren brannte kein einziges Licht. Trotzdem klingelte ich Sturm und hämmerte gegen die verschlossene Haustür, während ich völlig aus der Puste nach Luft rang.</p>



<p>„Bitte, wer auch immer da drin ist, Sie müssen die Kerze auspusten!“, rief ich, als ich endlich wieder halbwegs atmen konnte.</p>



<p>Einen Moment stand ich schweigend da, betete zu Allah, dass die Tür sich öffnete. Im Haus blieb es still.</p>



<p>Wieder klingelte ich mehrmals. „Bitte! Ein Mann hat eine Waffe! Sie werden ihn umbringen!“</p>



<p>Noch einmal hielt ich inne, hielt sogar den Atem an, um besser zu hören. Nichts. Wer auch immer da drinnen war, hatte keine Intentionen, die Tür zu öffnen.</p>



<p>Also rannte ich zum nächsten Fenster. Es war das Küchenfenster. Ich presste mein Gesicht an die Scheibe, versuchte, etwas zu erkennen. Aber drinnen war nichts als Schwärze.</p>



<p>Kurz machte ich mir Hoffnung. Vielleicht war das Babi Ngepet ja gar nicht Adi. Vielleicht war es jemand anderes aus unserem Dorf!</p>



<p>Im nächsten Moment hallte jedoch ein Knall durch die Luft. Trotz der Entfernung konnte ich ihn deutlich hören. Natürlich hätte das alles Mögliche sein können. Ein Motor, zum Beispiel. Aber nein, ich war mir sicher, dass Mulyadi gerade geschossen hatte.</p>



<p>All meine Hoffnung, dass Adi vielleicht gar nicht in Gefahr war, bröckelte vor meinem geistigen Auge weg. Ich sah nur noch eine Zukunft vor mir, die ich ohne ihn verbringen musste. Bilder einer Beerdigung kamen mir in den Kopf.</p>



<p>Das war der Moment, als mein Hirn aussetzte. Wie eine Wahnsinnige hämmerte ich gegen das Glas. Ich warf mich dagegen, aber es half nichts. Also nahm ich den erstbesten größeren Stein, den ich am Boden finden konnte, und versuchte es damit.</p>



<p><em>Knack!</em> Risse bildeten sich in dem Fenster. Beim zweiten Schlag zersprang die Scheibe. Ich schnitt mir dabei in die Finger, aber ignorierte die Wunden und den Schmerz.</p>



<p>Mit einem letzten Funken Geistesgegenwärtigkeit schlug ich die gröbsten Scherben aus dem Rahmen, ehe ich mich am Fensterbrett hochzog und mir dabei weiter die Hände zerschnitt. Schnell kletterte ich über die Arbeitsplatte. Ich hatte es ins Haus geschafft.</p>



<p>Die Hände fest zu Fäusten ballend, um die Blutungen zu stoppen, eilte ich Richtung Wohnzimmer. Ich hämmerte mit der Faust auf den Lichtschalter, konnte mich gerade noch bremsen, bevor ich in die geschlossene Wohnzimmertür rannte. Seltsam. Die Tür stand sonst immer offen.</p>



<p>Nachdem ich die Klinke heruntergedrückt hatte, erkannte ich, warum die Tür geschlossen war. Dort auf dem Boden, wo sonst die so gemütliche Couch stand, war jetzt eine große Schüssel mit Wasser. In dem Wasser schwamm eine Kerze. Adi hatte das Ritual also wirklich durchgeführt. Aber was viel wichtiger war: Die Kerze brannte noch. Er war am Leben! Und ich würde alles daransetzen, dass es so blieb.</p>



<p>Während ich also zur Kerze lief, fiel mir auf, dass außer mir niemand hier war. Von der zweiten Person, die die Kerze bewachen sollte, fehlte jede Spur. Das Wohnzimmer war menschenleer.</p>



<p>‚<em>Oh, Adi, du Dummkopf!</em>‘, dachte ich, während ich Luft holte und mich zur Kerze bückte.</p>



<p>Er war noch leichtsinniger, als ich gedacht hatte: Nachdem ich angedeutet hatte, das Ritual nicht zu unterstützen, musste er entschieden haben, es allein durchzuziehen. Adi hatte nicht den Dukun um Hilfe gebeten, der ihm bei den Vorbereitungen geholfen haben musste. Er hatte niemanden um Hilfe gebeten. Zum Glück war ich jetzt da.</p>



<p>Während ich jedoch im Begriff war, die Kerze auszupusten – ich musste nur noch kräftig ausatmen –, hallte ein zweiter Schuss durch die Nacht.</p>



<p>Die kleine Flamme flackerte vor meinen Augen, ehe sie sich geräuschlos in einen dünnen Faden aus Rauch verwandelte. Es war zu spät. Ich hatte es nicht rechtzeitig geschafft. Die Kerze war erloschen. Adi war tot.</p>



<p><b>Bleibt auf dem neusten Stand und folgt mir auf:</b></p>
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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p>Das Babi Ngepet ist ein Wildschwein der indonesischen Mythologie. Um genau zu sein, ist es ein Mensch, der sich während eines speziellen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/rituale" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Rituals</a> in ein Wildschwein verwandelt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Das Ritual:</h3>



<p>Das Babi Ngepet Ritual ist eine Form von Pesugihan – dunkle Magie, die den Anwendern schnelles Geld bringen soll. Das Wort kommt von dem javanischen Wort „sugih“, was „wohlhabend“ bedeutet.</p>



<p>Wie das Ritual genau abläuft, habe ich nicht herausfinden können, aber man benötigt dazu zwei Personen, eine schwarze Robe oder einen schwarzen Umhang, eine schwimmfähige Kerze, ein kleines Wasserbecken und passende Opfergaben.</p>



<p>Außerdem muss man ggf. den Kontakt zu einem Schweine<a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/daemonen" target="_blank" rel="noreferrer noopener">dämon</a> oder Satan herstellen können, weshalb die Leute, die das Ritual durchführen wollen, oft zu einem Dukun, einem indonesischen Schamanen, gehen.</p>



<p>Was die Opfergaben betrifft, habe ich verschiedenste Dinge gelesen. Mal soll es ausreichen, dass man während des Rituals seinen Körper und seine Menschlichkeit aufgibt, andere Male muss einer der Ausführenden Schweinekot essen und wieder andere Male wird sogar das Leben eines geliebten Menschen oder Blutsverwandten als Opfer gefordert.</p>



<p>Nachdem das Ritual entsprechend vorbereitet und die Opfergaben erbracht wurden, müssen die beiden Ausführenden sich nachts treffen. Einer von ihnen zieht die schwarze Robe bzw. den schwarzen Umhang an, während der andere die Kerze in das gefüllte Wasserbecken legt und sie anzündet.</p>



<p>Anschließend verwandelt sich die Person in der schwarzen Robe in das Babi Ngepet. Es begibt sich nach draußen, um durch die Straßen zu ziehen und die Wertsachen der Anwohner zu stehlen. Ob der Mensch dabei die Kontrolle über seinen verwandelten Körper behält, ist nicht bekannt.</p>



<p>Während das Babi Ngepet fort ist, muss die zweite Person die gesamte Zeit wachsam die Kerze im Auge behalten. Sollte die Flamme anfangen, zu flackern oder zu schrumpfen, ist das Babi Ngepet und somit auch die verwandelte Person in Gefahr, da es z. B. entdeckt wurde oder gejagt wird.</p>



<p>Wird die Kerze nun so klein oder flackert so sehr, dass sie fast erlischt, sollte sie sofort ausgeblasen werden, da sich die verwandelte Person in Lebensgefahr befindet. Daraufhin verwandelt sie sich zurück in einen Menschen und kehrt – wenn man einigen Versionen glaubt – zum Verwandlungsort zurück.</p>



<p>Ohne Fremdeinwirkung erlischt die Kerze hingegen nur dann, wenn das Ritual beendet wurde, das Babi Ngepet sich also selbstständig zurückverwandelt hat, oder wenn es stirbt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p>Das Babi Ngepet sieht wie ein Wildschwein aus. Manchmal wird es als ungewöhnlich groß beschrieben, aber ansonsten lässt es sich optisch nicht von einem völlig normalen Wildschwein unterscheiden.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p>Nachdem der Mensch sich in das Babi Ngepet verwandelt hat, läuft es im Schutz der Dunkelheit durch die Nachbarschaft. Es reibt sich an den Hauswänden und Haustüren, woraufhin Geld, Schmuck und andere Wertsachen aus dem Haus oder der Wohnung auf magische Weise verschwinden sollen.</p>



<p>Selten ist auch davon die Rede, dass sich das Babi Ngepet in die Häuser schleichen muss, um sich dort an den Schränken und Zimmertüren zu reiben, woraufhin die Wertsachen verschwinden.</p>



<p>Sobald die Nacht sich dem Ende nähert oder das Babi Ngepet entscheidet, dass es genügend Leute bestohlen hat, kehrt es an den Verwandlungsort zurück, wo es sich wieder in einen Menschen verwandelt. Die gestohlenen Wertsachen befinden sich nun in seinem schwarzen Umhang.</p>



<p>Das alles klingt jedoch einfacher, als es tatsächlich ist. In Indonesien ist der Glaube an die Babi Ngepet nämlich noch immer weit verbreitet. Wird dort also nachts ein Wildschwein gesichtet, das um die Häuser streift, wird es oft gejagt. Nicht selten werden die Tiere dabei, oder nachdem sie gefangen genommen wurden, getötet.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p>Berichte von Babi Ngepet kommen meist, wahrscheinlich aufgrund der lokalen Bekanntheit, von der indonesischen Insel Java. Auf den anderen indonesischen Inseln sind sie weniger bekannt und werden daher seltener gesichtet.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p>Die <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden">Legende</a> der Babi Ngepet ist wahrscheinlich im Zeitraum zwischen 1830 und 1870 entstanden. Damals wurde in Indonesien das System Tanam Paksa (die Pflanzpflicht) eingeführt. Bauern mussten fortan, statt Pachtgebühren zu zahlen, auf 20% ihres Landes Pflanzen für den Staat anbauen oder 60 Tage im Jahr auf staatlichen Plantagen arbeiten. Außerdem wurde ihnen teilweise vorgegeben, welche Pflanzen sie anzubauen hatten.</p>



<p>Was darauf folgte, war eine Zeit der Hungersnöte und Armut, während die niederländischen Kolonialherren in kurzer Zeit sehr reich wurden.</p>



<p>Um den plötzlichen Reichtum zu erklären, wurde den Kolonialherren daher schwarze Magie vorgeworfen. Darunter fielen zahlreiche Pesugihan-Rituale wie auch das Babi Ngepet Ritual.</p>



<p>Aber auch, wenn sich an der Gesellschaftsstruktur in Indonesien seitdem einiges geändert hat, blieben die Legenden über die Rituale erhalten. So findet man ein Babi Ngepet z. B. in dem indonesischen Videospiel DreadOut. Und auch im sonstigen Volksglauben haben Babi Ngepet noch immer einen festen Platz.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Kürzliche Sichtungen:</h4>



<p>Noch heute gibt es zahlreiche Gerüchte über die übernatürlichen Schweine. So sorgte Ende April 2021 ein Fall für nationale Aufregung, als in dem kleinen Dorf Badahan ein vermeintliches Babi Ngepet gesichtet wurde. Am Montag, den 26. April trafen sich zwölf Männer, zogen sich nackt aus – aus irgendeinem Grund waren sie der Meinung, dass sie nur so das übernatürliche Schwein sehen könnten – und machten Jagd auf ein Wildschwein. Sie erlegten es, schnitten ihm den Kopf ab und begruben beides an separaten Orten. Der Fall erfreute sich bei der Presse solch großer Beliebtheit, dass das Lembaga Ilmu Pengetahuan Indonesia (Indonesisches Institut für Wissenschaft) öffentlich verkündet hat, dass es keine Babi Ngepet gäbe, um eine Menschenansammlung zu Coronazeiten zu vermeiden.</p>



<p>Ein weiterer Fall ist gerade einmal zwei Monate alt. Ebenfalls Ende April, diesmal jedoch 2023, kam es in Pondok Aren, South Tangerang City, zu einem Aufschrei, als in einer WhatsApp-Gruppe ein Video eines vermeintlichen Babi Ngepet geteilt wurde. Die Bewohner vereinbarten daraufhin, nachts in der Straße wache zu halten und es herrschte eine Menge Aufruhr. Später stellte sich heraus, dass das Tier auf dem Video nichts weiter als ein streunender Hund war. Auch dieser Fall erlangte nationale Bekanntheit.</p>



<p>Ihr seht also: Auch wenn es keinerlei Beweise für ihre Existenz gibt, sind die Babi Ngepet in den Köpfen zahlreicher Menschen aus Indonesien noch immer mehr als real.</p>



<p><em>Was haltet ihr von dem Babi Ngepet Ritual? Würdet ihr ein solches Ritual durchführen, um reich zu werden? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>



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		<title>Bloody Mary (überarbeitet)</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 30 Nov 2020 14:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Dämonen]]></category>
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		<category><![CDATA[weibliche Protagonistin]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Nach einem letzten tiefen Atemzug gab ich mir einen Ruck.<br />
„Bloody Mary, Bloody Mary, Bloody Mary“, presste ich Wort für Wort hervor, während mein Herz mir in die Hose rutschte.<br />
Dann wartete ich. Stille. Vorsichtig öffnete ich die Augen ...</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg08.met.vgwort.de/na/2457979d8d28491baf8e9c3796a9d697" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p>Bloody Mary war einer der vier Beiträge, mit denen ich meinen Blog gestartet habe. Daher habe ich mich entschieden, den Beitrag zu überarbeiten, bevor ich mich nächste Woche den <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/weihnachten" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Weihnachtslegenden</a> für dieses Jahr zuwende.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p>Es war ein warmer Sommerabend. Mein Freund Theo und ich saßen im Wohnzimmer in einer der Ferienwohnungen, die unser Abiturjahrgang für die Abschlussfahrt gebucht hatte.</p>



<p>Die anderen waren draußen beim Pool, in den anderen Wohnungen oder trieben sich sonst wo herum. Jedenfalls waren wir alleine, was wohl auch der Grund dafür war, dass Theo immer wieder versuchte, mir mein Top auszuziehen. Ich hielt ihn davon ab.</p>



<p>„Theo, lass das. Du bist betrunken!“, mahnte ich ihn.</p>



<p>Ich selbst trank nur selten Alkohol und muss gestehen, dass ich mir seit Beginn der Abschlussreise ziemlich fehl am Platz vorkam. Während die anderen tranken, kifften und teilweise noch härtere Drogen nahmen, saß ich nur daneben und sah zu. Dass Lilly – meine beste Freundin und das einzige Mädchen der Klasse, das Alkohol noch weniger mochte, als ich – krank Zuhause geblieben war, machte das Ganze nicht besser.</p>



<p>Plötzlich ertönte lautes Jubeln und Gegröle aus dem Flur. Ich wandte mich um, um zu sehen, wer es war. Lukas und seine Jungs – die „Coolen“ der Klasse – betraten das Wohnzimmer, dicht gefolgt von Laura, der größten Schlampe der Schule.</p>



<p>„Ah, Julia. Da bist du ja!“, sagte sie gespielt freundlich.</p>



<p>„Was willst du?“, fragte ich genervt. Ich konnte sie nicht ausstehen – und das beruhte auf Gegenseitigkeit.</p>



<p>„Ach nichts. Jakob hat uns da nur ein interessantes Video gezeigt“, erwiderte sie.</p>



<p>Ich erstarrte. Jakob? Er wird doch nicht …!?</p>



<p>„Du bist ja ganz schön rangegangen“, meldete sich Lukas zu Wort.</p>



<p>Jakob war mein Ex. Ich hatte damals mit ihm Schluss gemacht, als ich herausgefunden hatte, dass er uns heimlich im Bett gefilmt hat. Ich dachte jedoch, dass er alle Videos gelöscht hätte!</p>



<p>„Aber eins muss man dir lassen: Du hast geile Titten“, redete Lukas weiter, während er dämlich grinste.</p>



<p>Ich war wie gelähmt. Mir war heiß und kalt gleichzeitig. Ich konnte nicht einmal sagen, ob ich knallrot wurde oder meinem Gesicht sämtliche Farbe entwich.</p>



<p>Theo hob mich von seinem Schoß, damit er aufstehen konnte. Er schob seine Ärmel hoch, während er bedrohlich auf Lukas zuging. Doch obwohl Theo einen Kopf größer war, blieb Lukas völlig gelassen. Er hob warnend den Zeigefinger.</p>



<p>„Na, na, na. Wir wollen doch nicht, dass das Video im Internet landet.“</p>



<p>Das wirkte, Theo blieb wie angewurzelt stehen. Er sah mich an, als wollte er fragen, ob er zuschlagen solle. Ich schüttelte den Kopf.</p>



<p>„Was wollt ihr?“, wandte ich mich jetzt an Lukas. Meine Kehle fühlte sich ausgetrocknet an.</p>



<p>„Vielleicht können wir deine Brüste ja mal in echt sehen?“, antwortete er, während er mich von Kopf bis Fuß musterte. Sein Grinsen wurde breiter.</p>



<p>Ich sah, wie Theo seine Fäuste ballte.</p>



<p>Laura beachtete ihn nicht, während sie einen Schritt nach vorne tat. „Ich hab da eine bessere Idee“, sagte sie gehässig. „Erinnerst du dich noch an die achte Klasse?“</p>



<p>Ich starrte sie mit großen Augen an. Es gab nur eine Sache, auf die sie anspielen konnte:</p>



<p>In der achten Klasse waren Laura und ich beste Freundinnen gewesen. Wir hatten alles zusammen gemacht. Zumindest bis zu einem Wahrheit oder Pflicht Spiel, das wir bei einer Hausparty in Haus meiner Eltern gefeiert hatten. Ich war an der Reihe gewesen und Laura durfte mir eine Pflicht zuteilen. Sie befahl mir, das Bloody Mary Ritual durchzuführen.</p>



<p>Bis heute habe ich nicht verstanden, wieso sie das getan hatte. Sie wusste genau, dass ich an solche Dinge glaubte. Und so geben wir uns bis heute gegenseitig die Schuld daran, dass wir uns fürchterlich gestritten und ich alle Gäste nach Hause geschickt hatte.</p>



<p>„Du hast noch zehn Minuten.“ Lauras Worte rissen mich aus meiner Starre.</p>



<p>Panisch sah ich zur Uhr. Es war zehn Minuten vor Mitternacht. Sie wollet also tatsächlich, dass ich Bloody Mary beschwor.</p>



<p>„W-wir haben keine Kerzen!“, log ich.</p>



<p>Doch Laura grinste nur, während sie eine lange, weiße Kerze aus ihrer Handtasche zog. Ich spürte, wie mein Puls schneller wurde.</p>



<p>„Was ist los? Was soll Julia machen?“, fragte Theo verwirrt. Noch immer klang Wut in seiner Stimme mit.</p>



<p>„Bloody Mary, Bloody Mary, Bloody Mary“, antwortete Laura sie mit einem teuflischen Grinsen.</p>



<p>Das verwirrte Theo noch mehr. „Was?“, fragte er. „Das ist alles? Bloody Mary gibt es doch gar nicht. Das ist nur eine urbane Legende!“</p>



<p>„Sag das mal ihr“, erwiderte Laura und nickte in meine Richtung.</p>



<p>Theo sah mich kurz an, dann wieder Laura. „Mehr nicht? Wenn Julia bei eurer bescheuerten Mutprobe mitmacht, löscht ihr das Video?“</p>



<p>Ich war weniger erleichtert. Was, wenn Bloody Mary tatsächlich auftauchte? Andererseits hatte ich noch nie von jemandem gehört, dem bei dem Ritual tatsächlich etwas passiert ist. Und das Video durfte auf keinen Fall hochgeladen werden. Die Macht, die Laura dann über mich hätte …</p>



<p>„Okay, ich machs!“, sagte ich entschlossen. „Aber das Video wird danach gelöscht! Damit das klar ist!“</p>



<p>Meine Entschlossenheit schien Laura zu amüsieren. Sie lächelte mich an, als wolle sie sagen: „Du traust dich das eh nicht!“</p>



<p>Wenige Minuten später stand ich im Badezimmer. Die Kerze stand auf dem Waschbecken und ließ Lichter und Schatten über mein Gesicht tanzen.</p>



<p>Unwohl sah ich zu Theo hinüber, der mit den anderen vor der offenen Tür im Flur stand. Im schwachen Licht konnte ich ihn kaum erkennen.</p>



<p>„Noch eine Minute“, sagte Laura.</p>



<p>Sie stand direkt neben ihm. Lukas und die anderen Jungs standen hinter ihr und reckten die Hälse, um alles gut sehen zu können.</p>



<p>Ich schluckte. Kalter Schweiß klebte mir im Nacken.</p>



<p>Zweifel stiegen in mir auf. Sollte ich es wirklich riskieren? Wenn sie das Video veröffentlichte, könnte das nur mein Leben ruinieren. Wenn Bloody Mary hingegen real war, könnte es meinen Tod bedeuten. ‚<em>Sie ist nicht real. Sie ist nicht real!</em>‘, versuchte ich mir einzureden.</p>



<p>„Dreißig Sekunden!“</p>



<p>Ich spürte, wie mir schwindlig wurde. Ich war so angespannt, dass ich mich sogar daran erinnern musste, zu atmen. Gleichzeitig hämmerte mein Herz so laut in meiner Brust, dass ich kaum etwas anderes hörte. Bumm bumm, bumm bumm, bumm bumm.</p>



<p>„Zehn, neun, acht“, begann Laura herunterzuzählen. Alle außer Theo stimmten mit ein. „Sieben, sechs, fünf, …“ Mein Herz schien aus meiner Brust ausbrechen zu wollen. „Vier, drei, zwei, eins.“</p>



<p>Ich schloss meine Augen und merkte, wie mir Tränen über die Wangen rollte. Nach einem letzten tiefen Atemzug gab ich mir einen Ruck.</p>



<p>„Bloody Mary, Bloody Mary, Bloody Mary“, presste ich Wort für Wort hervor, während mein Herz mir in die Hose rutschte.</p>



<p>Dann wartete ich. Stille. Vorsichtig öffnete ich die Augen. Ich rechnete fest damit, dass jemand hinter mir stehen würde … doch da war niemand. Im flackernden Licht der Kerze blickten mir nur meine eigenen feuchten Augen entgegen.</p>



<p>Erleichtert sah ich zu den anderen.</p>



<p>„Pff, hätte ja nicht gedacht, dass du dich traust“, warf Laura ein. Sie klang enttäuscht.</p>



<p>Stolz stieg in mir auf, während ich mich vorbeugte, um die Kerze auszupusten.</p>



<p>„Ihr löscht das Video auf der Stelle. Damit das klar ist!“, forderte Theo.</p>



<p>„Ughhh, was auch immer. Deal ist Deal“, erwiderte Laura genervt.</p>



<p>Ich hörte den beiden jedoch nicht einmal zu. Als ich die Kerze auspusten wollte, hatte ich eine Bewegung im Spiegel wahrgenommen.</p>



<p>Langsam richtete ich mich auf, während ich ungläubig die Stelle im Spiegel anstarrte. Es war eine junge Frau. Ihr blutverschmiertes Gesicht und die langen dunklen Haare waren in der Dunkelheit kaum zu erkennen.</p>



<p>Gelähmt vor Angst sah ich, wie sie ihre Hände mit völlig gleichgültigem Gesichtsausdruck um meinen Kopf legte. Sie brachte ihre Fingernägel näher und näher an meine Augen. Jetzt hätten ihre Finger meine Sicht blockieren müssen, doch da war nichts. Ich sah die Frau nur im Spiegel.</p>



<p>Während ich den markerschütternsten Schrei meines Lebens ausstieß, machte die Frau eine ruckartige Bewegung mit ihren Händen. Das Kerzenlicht erlosch.</p>



<p>Gleichzeitig explodierte ein Schmerz in meinen Augen, der sich über mein gesamtes Gesicht ausbreitete – ein pochender, brennender Schmerz. Etwas Warmes lief meine Wangen hinunter.</p>



<p>Panisch trat ich in Richtung Tür, stolperet jedoch über den Badvorleger und klatsche schmerzhaft auf die kalten Fliesen.</p>



<p>„Licht! Schaltet das Licht an!“, flehte ich panisch, während ich weiterkroch. Ich musste aus dem Badezimmer raus!</p>



<p>Doch es blieb dunkel.</p>



<p>„Wo bleibt das Licht?“, kreischte ich noch panischer. Endlich hatte ich den Türrahmen erreicht.</p>



<p>„Das Licht ist doch an!“, sagte Theo laut. Auch in seiner Stimme klang Panik mit.</p>



<p>Um mich herum blieb es jedoch weiter dunkel.</p>



<p>Ich spürte, wie mich zwei kräftige Hände an den Armen packten und mich hochzogen, während mir Theos vertrauter Geruch in die Nase stieg.</p>



<p>Entsetztes Gemurmel wurde laut. Dann hörte ich ganz deutlich Lukas‘ Stimme: „O Gott, was ist mit ihren Augen passiert! Da ist überall Blut!“</p>



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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p>Bloody Mary (englisch für „Blutige Mary“) ist eine sehr bekannte <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">urbane Legende</a> und Mutprobe. Es heißt, dass Bloody Mary einem erscheinen solle, wenn man ihr <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/rituale" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Ritual</a> vor einem Spiegel ausführt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Das Ritual:</h3>



<p><strong>Hinweis: Ich rate dringend davon ab, übernatürliche Rituale durchzuführen. Der Kontakt zur Geister- oder Dämonenwelt kann schwerwiegende Folgen mit sich bringen!</strong></p>



<p>Es gibt viele verschiedene Varianten des Bloody Mary Rituals. Die bekannteste Variante besagt, dass man sich um Mitternacht im Licht einer einzigen Kerze vor einen dunklen Spiegel stellen und dreimal hintereinander den Namen „Bloody Mary“ sagen muss.</p>



<p>Andere Versionen besagen, dass man den Namen 13-mal, 99-mal oder 100-mal sagen, die Kerze auspusten oder sich während des Sprechens im Kreis drehen soll.</p>



<p>Manchmal heißt es auch, dass man nicht den Namen, sondern Sätze wie „Bloody Mary, ich habe dein Kind gestohlen!“, „Bloody Mary, ich habe dein Kind getötet!“ oder „Ich glaube an Mary Worth!“ sagen muss.</p>



<p>Hat man das Ritual richtig durchgeführt, soll Bloody Mary im Spiegel erscheinen. Entweder soll sie hinter einem stehen, oder aber das eigene Gesicht soll aussehen, wie das der Bloody Mary oder blutverschmiert sein.</p>



<p>Weniger bekannt als das Ritual sind hingegen die Folgen. Die meisten Leute, die Bloody Mary erfolgreich beschworen haben, reden davon, dass sie lediglich im Spiegel aufgetaucht sei und sie beobachtet habe.</p>



<p>Andere Theorien und Berichte besagen hingegen, dass Bloody Mary einen angreife. So soll sie einem die Augen auskratzen, den gesamten Körper mit Kratzspuren übersähen, einen umbringen oder sogar in das Innere des Spiegels zerren, wo man auf Ewigkeit gefangen sei.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p>Dafür, dass so viele Leute Bloody Mary gesehen haben wollen, gibt es erstaunlich wenige Aussagen über ihr Aussehen.</p>



<p>Häufig ist von dem <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Geist</a> eines Mädchen oder einer jungen Frau mit langen, meist dunklen Haaren und bleicher Haut die Rede. Es heißt oft – wenn auch nicht immer –, dass die Bloody Mary ein blutverschmiertes Gesicht habe. Das Blut kommt dabei entweder von einer oder mehrerer Wunden in ihrem Gesicht oder läuft aus ihren Augen wie Tränen.</p>



<p>Manchmal ist auch die Rede davon, dass ihre Kleidung blutverschmiert oder ihr Körper mit Kratzern übersäht sei.</p>



<p>Von der Art ihrer Kleidung, ihrer genauen Haarfarbe oder sonstigen Merkmalen wird hingegen fast nie gesprochen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p>Darüber, woher die Bloody Mary Legende kommt, ranken sich viele Gerüchte. Seit sie zu einer beliebten Mutprobe geworden ist, hat sie sich durch Mund-zu-Mund-Propaganda, verschiedene Legenden und mehrere Filme auf der ganzen Welt verbreitet.</p>



<p>Der meiner Meinung nach wahrscheinlichste Ursprung ist eine alte Wahrsagetechnik, bei der eine Frau angeblich ihren zukünftigen Ehemann in einem Spiegel sehen konnte. Wenn die Frau jedoch unverheiratet sterben würde, sei statt ihrem Kopf im Spiegel ein Totenkopf erschienen. Bei der Wahrsagetechnik musste die einzige Lichtquelle ebenfalls eine Kerze sein.</p>



<p>Ein weiterer möglicher Ursprung ist Königin Maria I. von England (engl. Queen Mary I.), unter deren Herrschaft 300 Protestanten hingerichtet wurden. Daher verlieh man ihr den Spitznamen „Bloody Mary“. Abgesehen von dem Namen gibt es jedoch keine Gemeinsamkeiten mit dem Ritual.</p>



<p>Andere Leute behaupten, dass Bloody Mary zu Lebzeiten eine Frau gewesen sei, die auf grausame Weise ermordet wurde oder gar eine Hexe, die bei einer Hinrichtung starb. Da ihr Name jedoch je nach Version anders lautet – z. B. Mary Worth, Mary Wothington, Mary Jane oder Mary Lou – und es hierfür keine historischen Belege gibt, ist es wahrscheinlicher, dass dieser angebliche Ursprung erst nach der Entstehung der Legende erfunden wurde.</p>



<p>Aber auch wenn man nicht weiß, wer oder was Bloody Mary tatsächlich war, ändert es nichts daran, dass das Ritual noch heute eine beliebte Mutprobe Gruselgeschichte ist.</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<p><em>Was haltet ihr von Bloody Mary? Würdet ihr euch trauen, das Ritual durchzuführen? Habt ihr es vielleicht schon einmal getan und tatsächlich etwas gesehen? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>



<p><em>Wenn ihr mehr solcher Geschichten oder Legenden lesen wollt, abonniert auch gerne meinen <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.geister-und-legenden.de/newsletter" target="_blank">Newsletter</a>, oder folgt mir auf <a rel="noreferrer noopener" href="https://twitter.com/geisterlegenden" target="_blank">Twitter</a>, <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.facebook.com/geisterlegenden/" target="_blank">Facebook</a> oder <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.instagram.com/geisterlegenden/" target="_blank">Instagram</a>!</em></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.geister-und-legenden.de/bloody-mary">Bloody Mary (überarbeitet)</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.geister-und-legenden.de">Geister und Legenden</a>.</p>
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