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	<title>Gruselgeschichten Archive - Geister und Legenden</title>
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	<description>In diesem Blog schreibe und veröffentliche ich jeden zweiten Montag eine neue Legende und Geschichte über Geister oder andere übernatürliche Dinge. Viel Spaß beim Gruseln!</description>
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		<title>Killer Clowns in Transit Vans – Die Killerclowns im Ford Transit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 05 Oct 2026 13:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Natürlich dachte niemand von uns, dass darin tatsächlich Killerclowns saßen. Und für gewöhnlich sollten wir recht behalten: Wann immer wir jemanden in den Lieferwagen erkennen konnten, waren es gewöhnliche Arbeiter, Handwerker oder Paketboten. Bis eines Tages tatsächlich Clowns in einem der Wagen saßen …</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.geister-und-legenden.de/killer-clowns-in-transit-vans">Killer Clowns in Transit Vans – Die Killerclowns im Ford Transit</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.geister-und-legenden.de">Geister und Legenden</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg02.met.vgwort.de/na/b653722ee463440ca9768d41e95e3d41" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Killer Clowns in Transit Vans ist eine Legende, die der Welle des Killerclown-Hypes nach der Veröffentlichung von „Stephen Kings Es“ folgte. In diesem Beitrag erfahrt ihr, wovor sich unzählige Kinder in den 1990er Jahren in Glasgow, Schottland gefürchtet haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen (Achtung Spoiler!) </strong></summary>
<p>&#8211; explizite Darstellung von körperlicher Gewalt<br>
&#8211; Gewalt gegen Kinder<br>
&#8211; Kindesentführung<br>
&#8211; Blut</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Woher kommen deine Narben? Das ist eine Frage, die mich bereits seit meiner Kindheit begleitete. Ich hasste sie. Hasste es, wenn ich an jenen Tag erinnert wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine engsten Freunde, meine Frau und natürlich meine Eltern und Großeltern kannten die Antwort auf diese Frage. Sie wussten, was damals passiert war. Aber nach außen hin hielt ich mich bedeckt. Ich hatte mir einen Job gesucht, bei dem der einzige Kundenkontakt über E-Mails lief, ging nur selten zu irgendwelchen Veranstaltungen und auch meine Hobbys konnte ich ausschließlich von zuhause aus verrichten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und ja, ich weiß, was ihr jetzt denkt: Du solltest dich nicht zurückziehen, nur weil du auffällige Narben hast. Und vielleicht habt ihr recht. Aber für mich waren die Narben nicht nur eine schlechte Erinnerung an meine Kindheit, sie standen auch für das Mobbing, das ich in der Schule durchleiden musste, und für die starrenden Blicke, die ich in der Öffentlichkeit bekam.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also lebte ich zurückgezogen. So konnte ich der Frage nach meinen Narben wenigstens im Alltag entkommen. Zumindest, bis unser Sohn geboren wurde. Oder besser, bis er etwa zwei oder drei Jahre alt war und angefangen hatte, mir dieselbe Frage zu stellen: „Woher kommen deine Narben?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bisher hatte ich die Antwort vage gehalten. „Ich wurde überfallen“, hatte ich gesagt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber natürlich war mir klar, dass ich ihm die Antwort nicht ewig schuldig bleiben konnte. Was mich zum heutigen Tag führt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich war dabei, Rory von der Schule abzuholen – eine Sache, auf die ich seit seiner Einschulung vor sechs Jahren täglich bestanden hatte. Ich wollte nicht, dass er die Viertelstunde bis zu unserem Haus zu Fuß gehen musste. Dafür machte ich sogar eine Ausnahme von meiner mich-aus-der-Öffentlichkeit-zurückziehen-Methode.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und so saß ich in meinem Auto und sah den Schülerinnen und Schülern dabei zu, wie sie mit ihren schweren Ranzen aus dem Schulgebäude strömten. Es dauerte nicht lange, bis ich Rory entdeckte. Erst jetzt stieg ich aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Rory war dabei, sich mit seinem besten Freund Harris zu unterhalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Und du weißt wirklich nicht, woher die Narben kommen?“, fragte Harris.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich biss die Zähne zusammen. Keine Ahnung, warum sie ausgerechnet jetzt darüber sprachen. Wahrscheinlich, weil er mich immer sah, wenn sie Schulschluss hatten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Rory schüttelte den Kopf. „Nein. Meine Eltern wollen es mir nicht sagen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Vielleicht war dein Dad früher kriminell. Meine Mama hat gesagt, dass Gangmitglieder oft solche Narben haben.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Keine Ahnung.“ Rory zuckte mit den Schultern. „Vielleicht.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war der Moment, in dem ich mich räusperte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Rory und Harris sahen erschrocken auf. Sie waren wie angewurzelt stehengeblieben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„D-Dad!“, stammelte mein Sohn.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie an jedem anderen Tag lächelte ich ihn an. „Hey, mein Großer“, sagte ich, während ich ihm den Ranzen abnahm. Dabei sah ich, wie Harris ihm einen entschuldigenden Blick zuwarf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hallo, Harris“, ergänzte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hallo, Mr. Morrison“, erwiderte er kleinlaut.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sollen wir dich mitnehmen?“, bot ich an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schnell schüttelte Harris den Kopf. „Keine Zeit. Muss zum Training“, erwiderte er knapp. „Wir sehen uns morgen, Rory.“ Er ging mit schnellen Schritten davon.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sah ihm einen Moment kopfschüttelnd nach. Und auch Rory, der bereits eingestiegen war, machte sich auf dem Beifahrersitz ungewöhnlich klein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem auch ich mich gesetzt und die Tür geschlossen hatte, sah ich ihn eindringlich an. Den Motor ließ ich aus. „Glaubst du das wirklich?“, fragte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Rory sah nicht einmal auf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Glaubst du, dass dein alter Herr ein Verbrecher ist? Dass ich meine Narben daher habe?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„D-Dad, ich … Also … Ich hab keine Ahnung, woher deine Narben kommen!“, fuhr er mich plötzlich an. „Du redest ja nicht darüber!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich seufzte schwer. Ich hatte gefürchtet, dass dieser Tag kommen würde. Also wuschelte ich ihm durch die kurzen Haare. „Ich mach dir keine Vorwürfe“, sagte ich ruhig. „Aber du hast recht: Es ist an der Zeit, dass du erfährst, was mir damals widerfahren ist.“</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Herbst 1992</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Name ist Craig Morrison. Ich bin acht Jahre alt und wohne in Glasgow. Heute war der Tag, der der schlimmste meines Lebens werden sollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bestimmt kennt ihr das auch: Im Herbst, genau genommen in der Zeit vor Halloween, werden an den Schulen oft irgendwelche gruseligen Geschichten erzählt. Dieses Jahr waren Horrorclowns sehr beliebt. Sie waren in aller Munde. Angeblich fuhr eine Gruppe von ihnen in einem blauen Lieferwagen durch die Straßen von Glasgow und entführte Schüler, die allein draußen unterwegs waren. Ich glaube, ich kannte niemanden, der nicht irgendwen kannte, dem die Clowns angeblich schon einmal begegnet waren. Merkwürdigerweise nur hatte niemand aus meinem Bekanntenkreis die Clowns je persönlich zu Gesicht bekommen. Es waren immer nur Gerüchte. Wirklich an die Clowns glauben tat jedenfalls niemand von uns.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber wenn du unzählige Geschichten über gewalttätige Clowns in Transportern hörst, die Schulkinder entführen oder sogar umbringen, bekommst du irgendwann mindestens ein mulmiges Gefühl, wenn dir ein Transporter auf der Straße begegnet. Ehrlich gesagt hatte ich verdammt viel Schiss, wann immer ich einen Lieferwagen sah.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Natürlich dachte niemand von uns, dass darin tatsächlich Killerclowns saßen. Und für gewöhnlich sollten wir recht behalten: Wann immer wir jemanden in den Lieferwagen erkennen konnten, waren es gewöhnliche Arbeiter, Handwerker oder Paketboten. Bis eines Tages tatsächlich Clowns in einem der Wagen saßen …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich ging durch die Straßen Glasgows. Es war ein ungemütlicher Herbstnachmittag. Es nieselte. Der Wind auf meiner feuchten Haut war kalt und schneidend wie Messer. Außerdem waren zu dieser Zeit die meisten Erwachsenen noch bei der Arbeit, weshalb ich heute fast allein auf der Straße war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein bester Freund Kyle, mit dem ich sonst immer zusammen nach Hause ging, hatte sich mit mir gestritten. Mit einem Stock in der Hand hieb ich auf einen Busch ein, an dem ich vorbeiging. Bunte Blätter rieselten zu Boden, begleitet von dicken Wassertropfen. Ich beachtete sie nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Kyle ist so ein Vollidiot!“, schimpfte ich leise vor mich hin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn meine Eltern mitbekamen, dass ich heute allein nach Hause ging, würde ich sicher Ärger bekommen. Auch daran wäre Kyle dann schuld. Seit unsere Schule Briefe an unsere Eltern geschickt hatte, in denen stand, dass sie auf uns aufpassen und wir möglichst nur in Gruppen unterwegs sein sollten, waren meine Eltern superempfindlich geworden, was sowas anging. Von Clowns stand natürlich nichts in dem Brief, aber wir alle wussten, dass sie der Grund dafür waren. Nicht einmal unsere Lehrer konnten vor der Welle an Gerüchten ihre Augen verschließen. Wenn sie doch nur bei anderen Themen wie zum Beispiel Mobbing genauso aufmerksam wären.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich machte mir so meine Gedanken, während ich die fast menschenleeren Straßen entlangschlenderte. Gleichzeitig lauschte ich meinen Schritten auf dem Asphalt. Sie waren leise, wurden ab und an von dem Rauschen des Windes oder dem Regen auf meiner Kapuze übertönt. Aber solange ich nur meine eigenen Schritte hörte, war das für mich ein gutes Zeichen. Die Gegend, durch die ich musste, um nach Hause zu kommen, war nicht gerade für ihren guten Ruf bekannt. Zwar war man vor Einbruch der Dunkelheit relativ sicher – sonst hätten meine Eltern mich nicht hier entlanggehen lassen –, aber das hieß nicht, dass sich hier keine zwielichtigen Gestalten herumtreiben konnten. Drogensüchtige, Dealer, Prostituierte und Menschen, die einem ominös nachstarrten, waren keine Seltenheit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Heute begegnete ich keinem von ihnen. Anscheinend scheuten selbst sie das Wetter. Ich ging lediglich an ein oder zwei Bettlern vorbei, die ihre löchrigen Decken eng um sich geschlungen hatten. Ich beachtete sie nicht weiter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ansonsten fuhr bloß ab und an ein Auto an mir vorbei. Aber auch ihnen schenkte ich keine Beachtung. Bis ich das Quietschen von Reifen hinter mir hörte. Ich wandte mich um, gerade rechtzeitig, dass ich einen königsblauen Lieferwagen um eine Ecke rasen sah.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Herz setzte für einen Moment aus. Sofort waren meine Gedanken wieder bei den Clowns. Denn, wie gesagt, nur weil ich nicht wirklich an die Clowns glaubte, hieß das nicht, dass ich in den letzten Wochen keine Angst vor Lieferwagen entwickelt hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während der Lieferwagen sich mit auf der nassen Straße rauschenden Reifen näherte, brachte ich ein parkendes Auto zwischen mich und die Fahrbahn. Ich ging dahinter nicht in Deckung, aber ich fühlte mich wohler, wenn etwas zwischen mir und dem Transporter stand. Jetzt erkannte ich, dass es sich um einen Ford Transit handelte. Nicht, dass ich mich mit Autos sonderlich gut auskannte, aber Kyle hatte mir mal die Unterschiede zwischen den Modellen erklärt, als wir über die Clowns geredet hatten. War das nicht das Modell, in dem die Clowns unterwegs sein sollten? Und auch die königsblaue Farbe passte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber nein. Natürlich war das nur Zufall. Es <em>musste</em> Zufall sein. Und auch, dass der Transit zu rasen aufhörte, allmählich langsamer wurde, während er sich mir näherte, war rein zufällig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die darauffolgenden Sekunden kamen mir wie in Zeitlupe vor. Ich stand noch immer da, beobachtete mit einer Mischung aus Anspannung und Angst den Lieferwagen, der auf der Straße neben mir zum Stehen kam. Dann entdeckte ich das weiß geschminkte Gesicht hinter der Beifahrerscheibe. Die rot geschminkten Lippen malten ein breites Lächeln um seinen Mund und der winzige quietschgelbe Hut mit der blauen Blume auf seinem grünen Afro rundeten das Bild ab. Es war eindeutig ein Clown.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Langsam kurbelte er die Scheibe hinunter. „Hallo, du!“, sagte er. Seine Stimme klang übertrieben fröhlich und fast zu hoch für einen Mann. „Möchtest du einen Bonbon?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort streckte er mir eine behandschuhte Hand entgegen. Darin lag eine in ein kleines buntes Papier gewickelte Süßigkeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es dauerte einen Moment, bis ich meine Sprache wiedergefunden hatte. „Nein, danke“, sagte ich dann. Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Ich habe keinen Hunger.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt kam ein zweiter Clown in mein Sichtfeld. Er saß am Steuer, lehnte sich an dem anderen Clown vorbei, um mich anzusehen. Seine Schminke war das genaue Gegenteil seines Mitfahrers: Die aufgemalten Mundwinkel waren zu einer traurigen Fratze nach unten verzogen. Ich erkannte drei blaue Tränen auf seiner rechten Wange. „Sicher?“, fragte er. Auch er verstellte seine Stimme, als wolle er einen Cartooncharakter vertonen. „Die schmecken wirklich lecker.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">In dem Lieferwagen saßen also wirklich mehrere Clowns. Es war ein Lieferwagen voller Clowns!</p>



<p class="wp-block-paragraph">„<em>Ich habe gehört, dass sie dich bei lebendigem Leibe aufessen, sobald sie dich in den Wagen gezerrt haben!</em>“, hörte ich Kyles Stimme in meinem Kopf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schluckte trocken. Was sollte ich jetzt tun? Würden sie mich in Ruhe lassen, wenn ich wieder ablehnte? Aber wenn es wirklich die Horrorclowns aus den Geschichten waren, gab es nur eine logische Sache, die ich machen konnte: Ich musste fliehen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber wohin? Ich kannte mich hier nicht aus. Ich hielt mich für gewöhnlich an die Hauptstraße. Auch gab es keine Geschäfte in der unmittelbaren Nähe, in die ich flüchten konnte. Und wenn ich bei einem der Wohnblöcke klingelte, wusste ich nicht, ob mir jemand rechtzeitig öffnen würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hastig sah ich nach links und rechts. Zu meiner Rechten war eine Seitenstraße. Wenn ich dorthin rannte, mussten die Clowns wenden oder zumindest rückwärts fahren. Damit gewann ich hoffentlich etwas Zeit! Also sprintete ich los. Meine Schuhe klatschten auf den nassen Gehweg. Meine Kapuze flog mir vom Kopf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Ford Transit schrie einer der Clowns auf. Es war ein hohes Kreischen, wie das eines Kindes. „Da! Er flieht!“, erklärte er das Offensichtliche.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment heulte der Motor auf. Ein Blick über die Schulter verriet mir, dass der Transporter rückwärts fuhr. Das Heulen wurde zu einem regelmäßigen Brummen. Verdammt! Der Wagen fuhr schneller, als ich gedacht hätte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zum Glück war ich trotzdem schnell genug. Ich stürmte um die Ecke. Wie erwartet war die Straße auch hier wie leergefegt. Außerdem gab es keine Parkmöglichkeiten mehr am Straßenrand, keine Autos, hinter denen ich mich verstecken konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Stattdessen fiel mein Blick auf ein Schild an einem der Häuser. Eine Kneipe! Ohne an Geschwindigkeit zu verlieren, sprintete ich weiter zur Tür. Sofort rüttelte ich daran. Mist! Verschlossen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hilfe!“, schrie ich. Ich hämmerte mit den Händen an die Tür. „Hiiiilfe!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber ich hatte keine Zeit, auf eine Reaktion zu warten. Das Heulen des Motors hinter mir verriet, dass die Clowns die Straße erreicht hatten. Der Lieferwagen fuhr rückwärts an der Abbiegung vorbei, um im nächsten Moment wieder vorwärts auf mich zuzurasen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also rannte ich weiter. Ein kurzes Stück die Straße runter führte eine Gasse nach rechts. Ich wusste nicht, ob sie in eine Sackgasse führte, aber was blieb mir anderes übrig?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war keine Sackgasse. Ich hoffte, dass sie zu schmal für den Lieferwagen waren, dass die Clowns mir nicht in ihrem Auto folgen konnten. Meine Schuhe platschten durch die Pfützen, während ich rannte. Die Wände um mich waren fensterlos.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dafür konnte ich am Ende der Gasse Autos sehen. Sie standen auf einem asphaltierten Platz – wahrscheinlich ein Parkplatz. Wenn ich Glück hatte, waren dort Menschen oder zumindest irgendein Laden, in den ich fliehen konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf halbem Weg wagte ich einen Blick nach hinten. Ich stockte. Die Gasse war leer. Am Ende konnte ich die Straße und das Haus auf der gegenüberliegenden Seite erkennen. Aber da war kein Lieferwagen. Keine Clowns.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hatten sie aufgegeben? Darauf konnte ich mich nicht verlassen, also rannte ich weiter, hatte das andere Ende der Gasse fast erreicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da plötzlich rollte ein Auto vor den Durchgang. Es war der blaue Lieferwagen. Er musste um den Häuserblock herumgefahren sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die fensterlose Seitentür stand offen. Darin stand ein dritter Clown, der mich jetzt direkt ansah. Er war hochgewachsen und dünn. Die bunte Kleidung wirkte viel zu groß für seinen Körper, während er gebückt dastand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wo willst du denn hin?“, fragte er. Seine Stimme war kratzig, ganz anders als die der beiden anderen. Es klang, als müsse er gleich husten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für eine schreckliche Sekunde passierte gar nichts. Ich starrte ihn bloß mit großen Augen an, während er meinen Blick mit seinen je von einem blau geschminkten Stern umrandeten Augen erwiderte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir setzten uns gleichzeitig in Bewegung. Ich machte auf dem Absatz kehrt, während er aus dem Auto sprang, um mir nachzusprinten. Als Kind hatte ich keine Chance gegen einen Erwachsenen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hilfe! Hi-“, schrie ich. Aber ich konnte den zweiten Hilferuf nicht einmal beenden, da wurde ich von hinten an der Jacke gepackt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Clown riss mich an sich, drückte mir einen nach Zigaretten stinkenden Handschuh ins Gesicht. „Schhhh!“, flüsterte er mir zu. „Keine Angst. Wir wollen nur ein bisschen Spaß haben!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Erinnerungen an das, was darauf folgte, waren ziemlich verschwommen. Wahrscheinlich hatte ich das meiste verdrängt. Aber ich weiß noch, wie er mich in den Transporter gezerrt hatte. Am Anfang hatte ich mich noch gewehrt, aber der stinkende Clown hatte mir so lange mit der Faust ins Gesicht geschlagen, bis ich benommen liegenblieb.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In meinem nächsten Erinnerungsfetzen lag ich auf dem Rücken im Wagen. Die Clowns mussten irgendwo gehalten haben, zumindest hielten der traurige Clown und der stinkende Clown meine Arme fest, während der fröhliche Clown mit einem Messer über mir stand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Er ist so schön jung!“, sagte der traurige Clown begeistert. „Seine Haut ist so weich! So unberührt!“</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Das war es jetzt</em>, dachte ich. <em>Kyle hatte recht. Die Clowns würden mich essen.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Da beugte sich der fröhliche Clown auch schon vor. Sein Kopf war unangenehm nah an meinem Gesicht. Ich roch seinen stinkenden Atem, während er mit seiner übertrieben hohen Stimme kicherte. „Keine Angst“, sagte er. „Wir sind Clowns. Wir lieben es, Kinder zum Lachen zu bringen. Also: Zeig uns dein schönstes Lächeln!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment setzte er das Messer an meinem Mundwinkel an und zog es mit einem langen Schnitt bis zu meinem Ohr.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Geistesabwesend fuhr ich mit meiner Hand die Narben nach, während ich neben Rory im Auto saß. Die Clowns hatten mir ein Glasgow Grin verpasst, also einen Schnitt in beiden Wangen, der meinen Mund zu einem permanenten Lächeln verzerrte. Danach hatten sie mich irgendwo außerhalb der Stadt im Wald abgeladen, wo mich ein Spaziergänger durchnässt und völlig unterkühlt gefunden hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Rory schwieg. Natürlich hatte ich ihm nicht alle Details verraten, sondern nur das Nötigste. Erst hatte ich gedacht, er glaubt mir nicht, aber irgendetwas in meinem Blick musste ihm gezeigt haben, dass ich die Wahrheit sagte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Von den Clowns habe ich auch schon gehört“, erklärte er dann leise. „Angeblich sollen sie manchmal immer noch durch die Straßen fahren.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sah ihn einen Moment schweigend an, ehe ich den Kopf schüttelte. „Du brauchst keine Angst haben. Ich denke nicht, dass heutzutage noch irgendwelche Clowns in einem Lieferwagen unterwegs sind“, sagte ich. Andererseits hatte ich das früher auch gedacht. Damals, als es um mein eigenes Leben ging. Was ich davon hatte, konnte ich jeden Tag im Spiegel in meinem Gesicht erkennen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Sache stand für mich jedenfalls fest: Solange mein Sohn sich nicht darüber beschwerte, würde ich ihn von der Schule abholen. Jeden Tag. Nicht ein einziges Mal sollte er allein nach Hause gehen müssen.</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">„Killer Clowns in Transit Vans“, auch „Killer Clowns in Transit Vans in Glasgow“ oder „Killer Clowns in Transit Vans in Scottland“ genannt, ist eine <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden">urbane Legende</a> aus Schottland.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie der Name bereits andeutet, handelt es sich um eine angebliche Gruppe von <a href="https://www.geister-und-legenden.de/horrorclowns">Killerclowns</a>, die in den 1990er Jahren in einem oder mehreren Ford Transits durch die Straßen von Glasgow gefahren sein sollen, um Kinder zu entführen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Täter:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Täter sollen mehrere als Clowns verkleidete Erwachsene gewesen sein, die in einem meist königsblauen Ford Transit durch die Straßen und Gassen von Glasgow gefahren seien.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einigen Versionen war der Ford Transit auch weiß. Außerdem ist oft unklar, ob es sich lediglich um eine Gruppe Clowns in einem Fahrzeug oder mehrere Gruppen in mehreren Fahrzeugen gehandelt haben soll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mehr Details gibt es kaum über die Täter, außer, dass sie in einigen Erzählungen angeblich aus einer Nervenheilanstalt entflohen seien.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ablauf:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der Ablauf der Entführungen durch die Clowns war in den meisten Versionen sehr ähnlich. Es kam aber häufig vor, dass kleinere Details verändert oder hinzugedichtet wurden, um die Geschichte möglichst gruselig zu gestalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es heißt, die Clowns seien Anfang der 1990er Jahre in ihren Vans durch Glasgow gefahren und haben versucht, Schulkinder zu entführen. Oft soll dies auf dem Nachhauseweg oder wenn die Kinder abends noch unterwegs waren, geschehen sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie die Clowns die Kinder entführt haben, kann sich hingegen unterscheiden. Während sie oft ausgestiegen sind, um ihr Opfer ins Auto zu zerren, sollen sie sie andere Male mit Süßigkeiten oder Spielzeug angelockt haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was sie mit den Kindern gemacht haben, ist ebenfalls nicht eindeutig. Manchmal sollen die Clowns in ihrer Vorgehensweise sogar gewechselt haben, sodass man nie wusste, was auf einen zukommt. So sollen die Clowns die Kinder zum Beispiel getötet oder gegessen haben. Manchmal heißt es auch bloß, dass sie nie wieder gesehen wurden. Besonders häufig findet man im Netz hingegen die Version, dass die Clowns ihren Opfern ein breites Lächeln ins Gesicht geschnitten und sie zurück auf die Straße geworfen haben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ort des Geschehens:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Gerüchte über die Killer Clowns in Transit Vans gab es hauptsächlich zwischen 1991 und 1993 in Glasgow, wo die Legende am verbreitetsten war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber auch in anderen Teilen Schottlands und dem Vereinigten Königreich gab es ähnliche Gerüchte, wenn auch meist nicht im selben Umfang.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der Ursprung der Killer Clowns in Transit Vans Legende ist nicht bloß ein Ereignis, sondern eine Kombination aus mehreren Dingen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die meisten Leute vermuten, dass der zweiteilige Fernsehhorrorfilm „Steven Kings Es“ von 1990 <em>der</em> Ursprung der Killerclownlegende war. Manchmal wird in dem Zusammenhang auch die Sci-Fi-Horror-Komödie „Killer Klowns from Outer Space“ von 1988 genannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel wahrscheinlicher ist hingegen eine Kombination der beiden Filme, die eine regelrechte Welle an Coulrophobie, also der Angst vor Clowns, ausgelöst haben, und der schottischen Kriminalkomödie „Die Touristenfalle“ (1985). In Letzterem geht es um zwei Männer, die maskiert Touristen überfallen. Einer der beiden trägt dabei eine Clownsmaske.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem soll ein realer Mordfall aus Glasgow, der Mord der 10-jährigen Christine Lee, die 1990 auf dem Weg von ihrer Oma nach Hause vergewaltigt und ermordet wurde, die Legende inspiriert haben. Sie diente u. a. als Warnung, dass die Kinder nicht mit Fremden reden und nicht alleine nach Hause gehen sollten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem die Legende aufgekommen war, wurde sie hauptsächlich an Schulen erzählt und hat sich so rasant verbreitet. Einige Schulkinder sollen sich wohl einen Spaß daraus gemacht haben, die urbane Legende zu erzählen. Ich habe einen Kommentar im Netz gelesen, dass es in einigen Freundesgruppen sogar eine Art Wettbewerb gab, wer sich die gruseligste Version der Geschichte ausdenken konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Angeblich wussten die meisten Zeitzeugen zwar bereits damals, dass an den Horrorclowns nichts dran war, trotzdem berichten viele, dass sie Angst gehabt hatten – besonders, wenn sie einen Transporter gesehen haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Ganze ging so weit, dass viele Schulen Briefe an die Eltern geschickt und teilweise sogar Notfallversammlungen einberufen haben, in denen sie davor gewarnt haben, mit Fremden zu reden, und die Kinder gebeten haben, immer mindestens zu zweit durch die Straßen zu gehen. Ironischerweise sollen genau diese „offiziellen“ Warnungen der Erwachsenen dazu geführt haben, dass die Angst vor, aber auch das Interesse an den Killer Clowns in Transit Vans gestiegen ist.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Killer Clowns in Transit Vans in der Popkultur:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Für viele Kinder der frühen 1990er Jahre in Glasgow sind die Killer Clowns in Transit Vans fester Bestandteil ihrer Jugend und der Glasgower Kultur. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die vanfahrenden Clowns es auch in die Popkultur geschafft haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So spielen sie eine zentrale Rolle in der schottischen Comicbuchreihe „Sink“ von John Lees. Die Comics haben mich persönlich sehr gut unterhalten, weshalb ich sie euch empfehlen kann, wenn ihr englischsprachige Horrorcomics mögt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem handelt der Kriminalroman „Killer Clowns in Glasgow (the truth behind the myth)“ von P. K. Stein, eine fiktive Handlung, die stark durch den Mordfall Christine Lee inspiriert wurde, von den mörderischen Clowns. Bei dieser Geschichte möchte ich euch jedoch vorwarnen: Ich habe sie zwar nicht selbst gelesen, aber auch wenn die Handlung an sich spannend sein soll, ist die Geschichte den Bewertungen zufolge nicht sonderlich gut geschrieben.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von den Killer Clowns in Transit Vans? Wie hättet ihr reagiert, wenn ihr in der Schule von der Legende erfahren hättet? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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<p class="wp-block-paragraph"></p>
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		<title>Feuerputz – Er trägt das Fegefeuer!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 21 Sep 2026 13:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Aber da war noch etwas. Ihre Hände waren ungewöhnlich dünn, das Gesicht schmal mit leeren Augenhöhlen. Sie trug zwar Kleidung, hatte aber keinerlei Muskeln oder Fleisch auf ihren Knochen …</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg02.met.vgwort.de/na/0f9f7df1de2046e2b25a621a4a3295c2" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Der Feuerputz ist eine alte Sagengestalt aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Dieses brennende Skelett ist jedoch nicht so, wie es zu sein scheint.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">„Seid ihr sicher, dass ich euch nicht fahren soll?“, fragte Kilian, während er uns nach draußen begleitete. Es war das dritte Mal, dass er es heute Abend anbot.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nein, danke“, erwiderte Gina. „Melina und ich sind Nachbarn. Wir können das Stück zu unserem Haus zusammen gehen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Außerdem bist du genauso betrunken wie wir“, mahnte ich. „Am besten, du fährst heute Nacht niemanden mehr.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kilian machte eine wegwerfende Handbewegung. „Wie ihr wollt“, ignorierte er meine Mahnung. „Kommt gut nach Hause. Wir sehen uns nächste Woche auf der Arbeit.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Bis dann“, verabschiedete ich mich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gina winkte ihm nur flüchtig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir drehten uns wieder um, während Kilian seine Haustür hinter sich schloss.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du weißt schon, dass er bloß eine von uns ins Bett bekommen wollte, oder?“, fragte Gina.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sah sie mit großen Augen an. „Meinst du wirklich? Der Typ ist bestimmt zehn Jahre älter als wir!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darauf musste Gina lachen. „Mann, Mel, du bist manchmal so naiv!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mir stieg die Schamesröte ins Gesicht. Das war die Wirkung, die Alkohol auf uns beide hatte: Gina wurde davon sehr direkt und ich besonders leichtgläubig. Wenn wir zusammen feierten, wusste ich die Hälfte der Zeit nicht, ob sie etwas ernst oder nur als Scherz meinte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem war sie eine meiner besten Freundinnen. Wenn wir gerade nicht betrunken waren, verstanden wir uns wortlos. So war es bereits damals in der Grundschule gewesen. Danach waren wir jedoch auf unterschiedliche Schulen gegangen. Wir hatten uns aus den Augen verloren. Ihr könnt euch meine Überraschung also vorstellen, als ich erfuhr, dass die Person, die in der Wohnung über mir wohnte, Gina war, meine beste Freundin aus Grundschulzeiten. Inzwischen arbeiteten wir sogar in derselben Kita.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt gingen Gina und ich schweigend nebeneinanderher. Sie hatte sich bei mir untergehakt. Wobei wir ehrlich gesagt mehr torkelten, als dass wir gingen. Gina hatte definitiv zu tief ins Glas geschaut. Und ich hatte in meinem beschwipsten Zustand Probleme, sie zu stützen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die hohen Absätze von Ginas Schuhen klackten mit jedem ihrer gemächlichen Schritte über den Asphalt, während wir durch die Straßen gingen. Im Moment war ich jedenfalls froh, dass ich meine Sneakers trug.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Verträumt warf ich einen Blick auf die Häuser zu beiden Seiten. Es war dunkel. Die meisten Lichter hinter den Fenstern waren bereits aus, sodass uns nur die Straßenlaternen den Weg leuchteten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem wurde es allmählich kälter. Der Sommer war vorbei. Heute Nacht konnte ich sogar meinen Atem sehen. Mit meiner freien Hand zog ich meine Jacke enger um mich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gina und ich wohnten in einer verschlafenen Vorstadt. Wenn ihr mich fragt, war es das Beste aus beiden Welten. Wenn wir in den Bus stiegen, steckten wir in der einen Richtung in wenigen Minuten im Getümmel der Stadt, während wir in der anderen Richtung zwischen Bauernhöfen, Feldern und Wiesen landeten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der einzige Nachteil, den ich dabei sah: Wann immer wir nachts von Kilian nach Hause gingen – er feierte häufiger ausgelassene Partys –, mussten wir ein Stück über einen unbeleuchteten Feldweg gehen. Das, oder wir gingen einen etwa zehnminütigen Umweg. Wir entschieden uns für das Feld.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Straße war hier zwar nicht gepflastert, trotzdem war der Boden fest genug für Ginas Schuhe. Wir gingen mittig auf dem Weg, weit genug von den Hecken und Büschen auf unserer Linken und dem Maisfeld auf unserer Rechten entfernt, um nicht von irgendwem oder irgendetwas angefallen werden zu können. Ich weiß, es klingt ziemlich paranoid, aber in dieser Nacht sollten wir mit unseren Befürchtungen sogar recht behalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Rascheln im Mais ließ mich zusammenzucken. Ich wandte mich der Wand aus Pflanzen zu, kniff die Augen zusammen, um etwas zwischen den Stängeln erkennen zu können. Aber vor mir lag nur Dunkelheit. Bestimmt war es irgendein Tier.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gina schien es nicht einmal bemerkt zu haben, sie zog mich sanft weiter den Weg entlang.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem sah ich mich vorsichtshalber um, blickte über die Schulter, sah mir auch die Büsche zu unserer Linken an. Nichts. Außer uns war niemand auf dem Weg zu sehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann blieb Gina plötzlich stehen. „Was … ist das?“, fragte sie. Ihr Gesicht war dem Maisfeld zugewandt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also doch. Da war etwas zwischen den Maispflanzen! Es war aber kein Schatten, wie ich zuerst vermutet hatte, sondern eine Art Leuchten. Ein orange-rotes Licht, das ich jetzt im Feld erkennen konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Vielleicht eine Lampe?“, erwiderte ich leise. Ich hatte ehrlich gesagt kein Interesse, es herauszufinden, aber Gina war neugieriger.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hallo?“, rief sie. „Wer ist denn da?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Keine Antwort. Aber das Rascheln wurde lauter, das Leuchten heller. Was auch immer da im Maisfeld war, es kam auf uns zu!</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wir sollten lieber gehen“, drängte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Noch immer bewegte sich Gina keinen Schritt weiter. Sie wollte anscheinend wirklich herausfinden, wer oder was da war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für einen ganz kurzen Moment dachte ich darüber nach, sie zurückzulassen. Einfach weiterzugehen. Aber natürlich tat ich es nicht. Also warteten wir angespannt, während was-auch-immer-es-war näher und näher kam.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt hatte das Rascheln uns fast erreicht. Ich erkannte eine Gestalt. Meine Augen weiteten sich. Es war eine menschliche Gestalt, aber sie hielt keine Lampe, nein, sie leuchtete selbst. Sie war von Feuer umhüllt. Es sah aus, als stünde sie in Flammen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber da war noch etwas. Ihre Hände waren ungewöhnlich dünn, das Gesicht schmal mit leeren Augenhöhlen. Sie trug zwar Kleidung, hatte aber keinerlei Muskeln oder Fleisch auf ihren Knochen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Komm, lass uns abhauen!“, drängte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber Gina hielt mich zurück. Sie ließ sich nicht so schnell einschüchtern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt war die Gestalt bei uns. Sie schob die letzten Maisstauden mit ihrer brennenden Knochenhand beiseite, ehe sie auf den Weg trat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Das ist nicht echt“, erklärte Gina mir ruhig. „Sonst stünde bereits das halbe Maisfeld in Flammen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie hatte recht. Die Pflanzen waren von dem Feuer völlig unberührt geblieben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nettes Kostüm!“, rief Gina dem brennenden Skelett entgegen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es reagierte nicht, stand jetzt da und schien uns zu beobachten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Aber uns machst du keine Angst!“, erklärte sie. Sie ließ mich stehen, trat einige wackelige Schritte auf das Ding zu, streckte die Hand nach ihm aus und …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit einem Aufschrei riss sie ihre Hand zurück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was ist?“, rief ich. Ich hatte einen Satz auf sie zu gemacht, traute mich aber nicht näher an das Ding heran.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Die Flammen sind heiß!“, erklärte Gina. Ihre Ruhe war in Panik umgeschlagen. „Scheiße! Ich weiß nicht wie, aber das Feuer ist echt!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt wurde auch meine Anspannung zu Panik. Wie war das möglich? Sie hatte doch selbst gesagt, dass dann das ganze Feld in Flammen stehen müsste!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber noch wusste ich ja auch nicht, worum es sich bei der Gestalt handelte. Ich wusste nicht, dass es ein Feuerputz war, ein Verstorbener, der im Fegefeuer brannte. Ein Feuer, dass unsere Sünden wegbrennen soll. Der Mais hingegen hatte nie eine Sünde begangen, für die er brennen musste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was ich hingegen wusste, war, dass gerade irgendetwas Seltsames passierte. Und ich wusste, dass ich panische Angst vor der brennenden Gestalt hatte!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann endlich tat Gina das, was wir schon die ganze Zeit hätten tun sollen: Sie nahm die Beine in die Hand, packte mich am Arm und rannte mit mir gemeinsam den Feldweg entlang.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Boden knirschte unter unseren Schuhen. Ich warf einen Blick über die Schulter, um zu sehen, ob das Ding die Verfolgung aufgenommen hatte. Das hatte es. Es ging uns mit schnellen Schritten nach. Trotzdem war es langsamer als wir. Vielleicht hatte es ja körperliche Nachteile, ein brennendes Skelett zu sein. Ich beschloss, jetzt nicht weiter darüber nachzudenken. Stattdessen wollte ich mich lieber auf den Weg konzentrieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In dem Moment wurde ich plötzlich zur Seite gerissen. Mit hochhackigen Schuhen im Dunkeln betrunken über einen unbefestigten Weg zu rennen, war wohl nicht die beste Idee von Gina gewesen. Sie stürzte, riss mich mit sich, verlor dann den Griff um meinen Arm, schlug auf und rollte einmal um ihre eigene Achse. Als sie auf dem Rücken liegenblieb, war ihr dunkles Kleid mit Dreck besudelt, ihr linkes Bein aufgeschürft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort sprang ich zu ihr, griff nach ihrem Arm, um sie wieder auf die Beine zu ziehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Komm weiter!“, rief ich ihr zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gina versuchte es, aber in dem Moment, wo sie sich aufrappeln, ihren linken Fuß belasten wollte, kreischte sie auf und fiel wieder zu Boden. Diesmal wäre ich fast mit ihr gestürzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Scheiße! Mein Knöchel!“, fluchte sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Um uns herum wurde es inzwischen immer heller. Ich konnte das Prasseln des Feuers deutlich hören. Ein Blick zurück bestätigte meine Befürchtung: Das Skelett hatte uns fast erreicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber noch gaben wir nicht auf. Ich trat an Ginas andere Seite, damit ich ihren verletzten Fuß besser stützen konnte. Gemeinsam schafften wir es, sie wieder auf die Beine zu bringen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">&nbsp;Noch ein Blick zu dem Skelett. Es war nicht nähergekommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gina wollte sofort weiter, aber ich zögerte jetzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Melina, was machst du denn?“, kreischte sie mich panisch an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sah sie an, ehe ich wieder zu dem brennenden Skelett sah. Es war tatsächlich stehengeblieben. Weit genug von uns entfernt, dass seine Flammen uns nicht gefährlich werden konnten. Es sah nicht aus, als ob es uns angreifen wolle.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich … Ich denke nicht, dass es gefährlich ist“, sagte ich, selbst davon überrascht, wie ruhig ich plötzlich klang.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ginas Atem ging schnell und unregelmäßig. Sie sah ebenfalls zu dem Ding. Als sie wieder zu mir blickte, wirkte sie zumindest nicht mehr ganz so panisch. „Lass uns trotzdem von hier abhauen. Bitte.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach einem letzten flüchtigen Blick auf das Skelett – es sah uns aus seinen leeren Augenhöhlen an –, setzte ich mich mit Gina wieder in Bewegung. Sie humpelte, weshalb wir noch immer angetrunken nicht sonderlich schnell vorankamen. Hinter uns ertönte ein langsames Stapfen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gina und ich drehten uns gleichzeitig um. Das brennende Skelett verfolgte uns. Es blieb dabei aber auf Abstand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Jetzt hau endlich ab!“, schrie Gina es an. Ihre Nerven lagen also doch noch blank.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als das Skelett uns daraufhin eine Hand entgegenstreckte, wichen wir sofort zurück. Aber auch diese Bewegung wirkte nicht aggressiv oder gefährlich. Es war die Geste, die ein Mensch machte, wenn er missverstanden wurde, beinahe, also wolle es sagen: „So wartet doch. Ihr versteht das falsch.“ Schnell ließ es seine Hand wieder sinken. Es sah uns weiter an. Konnten Skelette traurig gucken? Auf mich wirkte es jedenfalls so.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wusste nicht, ob Gina dasselbe dachte. Aber als sich unsere Blicke trafen, waren wir uns zumindest einig, dass wir lieber weitergehen sollten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gina schien es trotz ihres Knöchels dabei ziemlich eilig zu haben. Ich hingegen konnte nicht anders, als mich immer wieder zu unserem unfreiwilligen Begleiter umzudrehen. Mir war aufgefallen, dass der Weg vor uns nicht mehr in Dunkelheit gehüllt war. Es gab hier keine Straßenlaternen, aber das Feuer hinter uns erhellte den Weg mehr als ausreichend. Ich konnte jeden größeren Stein, jeden kleinsten Erdhaufen und jede Kuhle erkennen. Außerdem konnte ich meinen Atem nicht mehr sehen. Ehrlich gesagt war es dank des Skeletts sogar angenehm warm.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während Gina also noch immer hauptsächlich von Unwohlsein vorangetrieben wurde, hatte ich es gar nicht mehr so eilig, nach Hause zu kommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Bist du ein Geist?“, wandte ich mich schließlich an das Skelett.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es drehte mir das Gesicht zu. Mehr Reaktion zeigte es nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Jetzt rede doch nicht auch noch mit ihm“, zischte Gina mir leise zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich ignorierte sie. „Kannst du mich verstehen? Du musst auch nicht antworten, nur nicken oder mit dem Kopf schütteln.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder dieser traurige Blick. Aber falls das Skelett mich verstand, ließ es sich das nicht anmerken. Andererseits … Ich wusste ja nicht einmal, ob es mich tatsächlich sehen, geschweige denn hören konnte. Augen oder Trommelfelle schien es jedenfalls nicht mehr zu besitzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich seufzte schwer. Dieses Ding hinter uns, das Skelett, es war etwas Paranormales. Wahrscheinlich hatte es den Tod erlebt, wusste, was danach kam, kannte eines der größten Geheimnisse der Menschheit, aber es hatte entweder keine Möglichkeit oder aber keine Lust, mit uns zu kommunizieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hatte noch so viele Fragen, wollte so viele Dinge ausprobieren. Aber leider war unser Heimweg nicht mehr sonderlich lang. Und Gina hatte offensichtlich keine Lust, langsamer zu gehen. Also standen wir bereits nach kurzer Zeit vor unserer Haustür.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dort angekommen schien Gina gar nicht schnell genug ins Haus kommen zu können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hielt sie zurück. „Warte“, bat ich sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wahrscheinlich war das meine letzte Möglichkeit, mit dem Skelett zu reden. Ich bezweifelte, dass es uns bis ins Haus folgen würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für einen kurzen Moment stand ich einfach nur da. Ich beobachtete die Flammen, die um das Skelett herumzüngelten, während ich nach den richtigen Worten suchte. „Danke“, sagte ich dann schlicht. „Dafür, dass du uns begleitet hast. Du hast uns den Weg erleuchtet und uns warmgehalten.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich erwartete nicht, dass das Skelett darauf mehr Reaktion zeigen würde als auf meine bisherigen Worte. Aber so konnte ich es zumindest noch einen Moment betrachten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann geschah plötzlich etwas. Ich sah, wie die Flammen um das Skelett weniger wurden. Sie erloschen. Rauch hüllte es jetzt ein, so dick und schwarz, dass ich es nicht mehr sehen konnte. Und als der Rauch sich langsam legte, stand ein strahlendweißes Skelett vor uns. Kein Schmutz, kein Ruß mehr auf seinen Knochen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder schien es mich anzusehen. Diesmal erkannte ich keinerlei Trauer in seinen Blick.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Danke“, hallte dann plötzlich eine Stimme durch die Luft. Sie war schwach, fast wie ein Windhauch. Nur, dass es völlig windstill war. „Ich musste viele Jahre für meine Sünden brennen. Danke, dass du mich erlöst hast.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Skelett blickte nun Richtung Himmel. Im nächsten Moment war es verschwunden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Warte!“, rief ich in die Dunkelheit. Es konnte also doch sprechen! Ich hatte so viele Fragen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber das Skelett war fort. Was auch immer mit ihm passiert war, es klang, als ob es unsere Welt verlassen hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein nächster Blick galt Gina. Ihre Augen waren weit geöffnet. Sie sah genauso ungläubig aus, wie ich mich fühlte. „Was war das?“, hauchte sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich musste Gina lachen. „Aber eine Sache ist dir ja wohl klar, oder?“, fragte sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sah sie verständnislos an. „Was meinst du?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Das wird uns niemand glauben“, erklärte sie. „Sie werden alle behaupten, dass wir bloß zu viel getrunken hätten.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder sah ich zu der Stelle, wo eben das Skelett verschwunden war. Gina hatte recht. Wir hatten keinerlei Beweise. Aber egal, was die anderen sagen würden, Gina und ich würden nie vergessen, was wir in dieser Nacht erlebt hatten.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Feuerputz, auch Feuermann genannt, ist ein Wiedergänger oder Geist der <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/deutsche-legenden">deutschsprachigen Folklore</a>. Für gewöhnlich ist er nicht bösartig. Ihm wird sogar nachgesagt, dass er den Menschen oft helfen soll.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wie ein Feuerputz aussieht, kann sich je nach Sage stark unterscheiden, sie haben aber immer mit Flammen zu tun.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für gewöhnlich sehen sie aus wie ein brennender Mann oder ein brennendes Skelett, sie können aber auch als Feuersäule oder Feuerball – ähnlich einem Irrlicht – auftreten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden">Legende</a> nach handelt es sich bei einem Feuerputz um einen verstorbenen Menschen, der im Fegefeuer brennt. Als Grund für seine Strafe, warum er im Fegefeuer gelandet ist, wird oft das illegale Versetzen eines Grenzsteins, der die Grundstücksgrenzen im Mittelalter festgelegt hat, genannt. Andere Gründe waren z. B. der Betrug beim Wiegen (und anschließendem Verkauf) von Lebensmitteln oder Urkundenfälschung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Angeblich kehrt der Körper (i. d. F. wäre er ein Wiedergänger) oder die Seele (i. d. F. ein <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister">Geist</a>) des Menschen auf die Erde zurück, um nach Erlösung zu suchen. Daher ist er im Normalfall auch gutmütig und hilft den Menschen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dies passiert in der Regel, indem er ihnen nachts den Weg leuchtet oder verirrte Menschen zurück in die Zivilisation bringt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es heißt, dass, wenn sich ein Mensch bei einem Feuerputz bedankt (besonders wenn bei diesem Dank der Name Gottes genannt wird), der Feuerputz endlich erlöst wird und seine Seele in den Himmel gehen kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während von Wiedergängern in den meisten Legenden jedoch eine gewisse Gefahr ausgeht, da ihre Berührung den Tod bringen soll, besteht diese Gefahr bei dem Feuerputz eher nicht. Wer fasst schon freiwillig brennendes Wesen an?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem habe ich auch Geschichten über bösartige Feuerputze finden können: In anderen Versionen der Legende hilft der Feuerputz den Menschen nur gegen eine Bezahlung. Wenn die Bezahlung ausbleibt oder er die Menschen nicht mag, soll er sie – ähnlich wie ein Irrlicht – in die Irre führen, sodass sie sich verlaufen und im schlimmsten Fall sterben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die häufigste Version der Legende handelt aber von einem gutmütigen Feuerputz, der den Menschen nachts den Weg leuchtet. Die meisten Menschen haben Angst, mit dem Wesen zu interagieren. Erst, als eines Tages ein mutiger Mensch sich bei dem Feuerputz bedankt, erlischt sein Feuer und er kann endlich seinen Frieden finden.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Sagen über Feuerputze kommen hauptsächlich im süddeutschen, österreichischen und deutschsprachigen Schweizer Raum vor. Das sind somit auch die Hauptorte, an denen Feuerputze gesichtet worden sein sollen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Über den genauen Ursprung des Feuerputzes habe ich nichts herausfinden können. Ich bin bei meinen Recherchen aber auf eine Sage aus dem frühen 12. Jahrhundert gestoßen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darüber hinaus sagt man dem Feuerputz nach, dass es sich bei ihm um eine verstorbene Seele handle, die im Fegefeuer brenne. Es ist also anzunehmen, dass die Sage in einer Zeit entstanden ist, in der man das Fegefeuer besonders gefürchtet hat, wie es im europäischen Mittelalter (ca. 500 bis 1500) der Fall war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mir sind außerdem gewisse Ähnlichkeiten zu anderen deutschen Legenden aufgefallen. In einigen Versionen vermischen sich die Eigenschaften des Feuerputzes mit denen eines Irrlichts. Hierbei handelt es sich meiner Einschätzung nach jedoch eher um eine Verwechslung, die auf die optische Ähnlichkeit der beiden Sagengestalten zurückzuführen ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem erinnert mich die Sage in vielen Punkten an die kopflosen Reiter. Auch bei ihnen handelt es sich um einen Wiedergänger, der hauptsächlich durch das Versetzen eines Grenzsteins entstanden sein soll. Die kopflosen Reiter sollen nur dann Erlösung finden, wenn man in ihrer Anwesenheit ein Gebet an Gott ausspricht.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Der Feuerputz in der Popkultur:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der Feuerputz gehört heutzutage nicht zu den bekanntesten Sagengestalten. Trotzdem habe ich einen kleinen Auftritt in der Popkultur finden können:</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Jahr 2021 gab es in dem Free-to-play Kriegsspiel World of Warships im Rahmen des „Battle of the Beasts“-Events die Möglichkeit, sich dem Team „Feuerputz“ anzuschließen, um Belohnungen freizuspielen. Das Team basierte auf der Sagengestalt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von dem Feuerputz? Hat euch die Geschichte gefallen? Wie hättet ihr reagiert, wenn euch nachts ein brennendes Skelett gegenüberstehen würde? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
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		<title>The Faceless Woman of the Waiʻalae Drive-In – Die gesichtslose Frau des Waiʻalae Autokinos</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 31 Aug 2026 13:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Ich liebte meine Arbeit im Kino. Sie hatte 1958 als Sommerferienjob angefangen. Heute, zwei Jahre später, arbeitete ich noch immer gerne hier. Klar, der Job hatte seine Schattenseiten und auch die Bezahlung war eher durchschnittlich, aber ich konnte mir vorstellen, noch viele Jahre hierzubleiben. Noch ahnte ich ja nicht, dass dies mein letzter Arbeitstag werden würde …</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg02.met.vgwort.de/na/b1db4bf84c5e4e6db53b0dfbd70f39c0" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">The Faceless Woman of the Waiʻalae Drive-In ist ein berühmter hawaiianischer <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister">Geist</a>, der in einem Autokino spuken soll. Daher hoffe ich, dass ich den Charme der Autokinos ein wenig einfangen konnte und bei denjenigen von euch, die schon einmal in einem Autokino waren, vielleicht sogar etwas Nostalgie wecken kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Es war ein warmer Spätsommerabend hier auf Hawaii. Die Sonne war bereits untergegangen, aber trotzdem konnte man noch problemlos im T-Shirt draußen herumlaufen. Ich war bei der Arbeit, stand am Schalter des Waiʻalae Drive-In Autokinos und verkaufte die Tickets an die vorbeirollenden Autos.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich liebte meine Arbeit im Kino. Sie hatte 1958 als Sommerferienjob angefangen. Heute, zwei Jahre später, arbeitete ich noch immer gerne hier. Klar, der Job hatte seine Schattenseiten und auch die Bezahlung war eher durchschnittlich, aber ich konnte mir vorstellen, noch viele Jahre hierzubleiben. Noch ahnte ich ja nicht, dass dies mein letzter Arbeitstag werden würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Das macht dann sechs Dollar. Einen Dollar fünfzig pro Person“, sagte ich zu einem jungen Mann, schätzungsweise zwischen 16 und 18, der am Steuer eines roten Chevrolet-Cabrio saß. Es war ein neueres Modell. Vielleicht sogar schon von 1960.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Fahrer konnte sich sein Grinsen kaum verkneifen, während er mir das Geld reichte. Und auch seine Freunde kicherten die ganze Zeit. Ich unterdrückte ein Seufzen, als ich ihnen die Tickets reichte. „Folgt bitte den Anweisungen meiner Kollegen. Sie weisen euch einen freien Platz zu“, sagte ich stattdessen freundlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während er weiterfuhr, griff ich zu dem Funkgerät auf dem Tresen neben mir. „Johnny, bitte kommen“, sprach ich ins Mikrofon.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Johnny hier, was gibt’s, Barbara?“, antwortete seine blecherne Stimme.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Roter Chevrolet. Cabrio. Fährt gerade rein. Vier Personen. Sie haben wahrscheinlich einen blinden Passagier im Kofferraum.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Alles klar. Ich behalt sie im Auge.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nun konnte ich mir das Seufzen doch nicht verkneifen. Dass die Teenies es immer wieder versuchen mussten. Dabei sahen sie in dem teuren Auto alles andere als danach aus, dass sie die ein Dollar fünfzig für das zusätzliche Ticket nicht bezahlen konnten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber wahrscheinlich war das Autokino selbst schuld. Die einzige „Strafe“, die reingeschmuggelte Besucher bekamen, war, dass sie die Tickets nachzahlen mussten. Das, und die Beschämung, wenn sie vor den anderen Kinobesuchern zurechtgewiesen wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zum Glück blieb das heute Abend mein einziger Zwischenfall an der Kasse. Es folgten nur noch zwei weitere Autos – eine weitere Freundesgruppe und ein Pärchen –, ehe Herr Silva, der Manager des Autokinos, zu mir kam.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ah, Barbara. Du wolltest gerne den Film mitgucken, oder?“, grüßte er mich. „Na komm. Geh schon rein. Ich übernehme die letzten Nachzügler.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich strahlte ihn an. „Danke, Herr Silva. Sie sind der Beste!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit einem breiten Grinsen schnappte ich mir eines der tragbaren Funkgeräte, klemmte es an meine Bluse und folgte dem Auto, das ich eben eingelassen hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Herr Silva hatte recht: Ich wollte den Film sehen. Alfred Hitchcocks Psycho war brandneu. Leider hatte ich das erste Screening verpasst, weil ich die ganze Zeit am Einlass stehen musste. Von dem kleinen Kassenhäuschen aus konnte man die Leinwand nicht sehen. Und nun war ich wieder am Einlass eingeteilt worden. Irgendeiner meiner Mitarbeiter musste es Herrn Silva gesteckt haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach einem kurzen Umweg über die Snackbar machte ich mich mit einer Tüte Popcorn in der Hand auf den Weg zur Leinwand. Dabei entdeckte ich Johnny. Er stand bei einem mir verdächtig bekannt vorkommenden roten Chevrolet-Cabrio und war gerade dabei, fünf Kinobesucher zurechtzuweisen. Mit einem breiten Grinsen der Genugtuung sah ich einem der Männer dabei zu, wie er Johnny das Geld überreichte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anschließend wandte ich mich flüchtig der Leinwand zu. Zum Glück lief noch immer der Vorspann darüber. Gerade wurden die Namen der Crew nacheinander eingeblendet, während dramatische Musik aus den Lautsprechern schallte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also wandte ich mich wieder den Autos zu. Tatsächlich sah ich eine Gruppe junger Frauen, etwa in meinem Alter, die Probleme hatten, die Lautsprecher an ihrer Wagentür anzubringen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit schnellen Schritten ging ich zu ihnen. „Ihr müsst die Scheibe runterkurbeln“, erklärte ich. „Daran hält der Lautsprecher besser.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Falls ihr keine Autokinos kennt, vor jedem eingezeichneten Parkplatz befand sich ein kleines Gestell ähnlich einer amerikanischen Parkuhr, an dem links und rechts je ein Lautsprecher mit einem langen Kabel hing. Man musste sie vom Gestell nehmen, sie zur Autotür ziehen und sie dort in die heruntergekurbelten Scheiben hängen, damit man den Film gut verstehen konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich blieb bei dem Auto stehen, um eingreifen zu können, falls die Frauen weitere Hilfe dabei brauchten – außerdem konnte ich so besser dem anfangenden Film lauschen. Aber natürlich schafften sie es allein. Ein Fenster runterzulassen und etwas hineinzuhängen war immerhin kein Hexenwerk.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also ging ich weiter durch die Reihen. Dabei wanderte mein Blick immer wieder zu der Leinwand, während ich versuchte, mich immer in der Nähe eines Lautsprechers aufzuhalten. So konnte ich den Film schauen und gleichzeitig ein Blick auf die Gäste haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Normalerweise begann nun der entspannte Teil des Abends. Die Zeit, nachdem alle ihre Autos geparkt, ihre Snacks geholt, die Lautsprecher angebracht und es sich auf ihren Sitzen gemütlich gemacht hatten. Sofern es keine Störenfriede oder technische Probleme gab, konnte ich von nun an einigermaßen ungestört den Film genießen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der wirklich anstrengende Teil kam ohnehin erst nach dem Film: das Aufräumen. Sobald die Autos den Platz verlassen hatten, mussten wir Angestellten mit Handschuhen und Mülleimern bewaffnet über den Platz gehen und den Müll aufsammeln. Es war undankbare Arbeit, bei der wir auf alles von verschüttetem Popcorn über Plastikverpackungen bis hin zu benutzten Kondomen treffen konnten. Dass das Ganze oft bis drei oder vier Uhr nachts dauerte, machte es bei uns Angestellten nicht gerade beliebter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber darüber wollte ich mir gerade noch keine Gedanken machen. Im Moment musste ich nichts weiter tun, als ein Auge auf die Besucher zu haben, während ich mein Popcorn naschte und Janet Leigh dabei zusah, wie sie mit einem Umschlag voll mit gestohlenem Geld im Bates Motel ankam.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In dem Moment bemerkte ich jedoch eine Frau, die neben einem der Autos hockte. Die Tür vor ihr stand offen, verdeckte zumindest halb die Sicht, die die Leute auf sie hatten. Ihr Höschen war dabei heruntergezogen. Sie wird doch nicht …</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hey!“, sagte ich laut. Mit schnellen Schritten ging ich auf die Frau zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aus dem Augenwinkel sah ich, wie sich einige andere Gäste zu mir umdrehten. Aber das war mir egal. Außerdem hatte mein Ruf seine Wirkung nicht verfehlt: Die Frau war erschrocken aufgesprungen. Hastig zog sie ihr Höschen wieder hoch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wenn du zur Toilette musst, haben wir ein Toilettenhäuschen hier auf dem Gelände!“, wies ich sie lautstark zurecht. Ich ging sicher, dass es möglichst viele Leute mitbekamen. „Das gelb-rosa-grau-gestreifte Gebäude da hinten. Du kannst es nicht verfehlen. Und falls du Angst vor dem Geist hast, nimm eine Freundin mit. Er soll nur auftauchen, wenn du alleine bist!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Geist. Die Faceless Woman of Waiʻalae Drive-In. Seit die Gerüchte letztes Jahr aufgekommen waren, dass die gesichtslose Frau in der Damentoilette spuken soll, hatten wir Mitarbeiter im Autokino nur Ärger damit. Klar, es war ein Gästemagnet – viele wollten selbst versuchen, einen Blick auf den Geist zu werfen –, aber mehr Besucher bedeutete auch mehr Arbeit für uns. Mehr Müll, der nach der Vorstellung liegenblieb. Außerdem gab es inzwischen viele Frauen, die sich nicht mehr trauten, die Toilette zu benutzen. Die meisten von ihnen fuhren dann zum Glück einfach nach Hause. Einige benutzten auch heimlich die Männertoilette. Aber andere …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kopfschüttelnd sah ich der Frau nach, die mit hochrotem Kopf und einer Freundin Richtung Toilette eilte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich persönlich fand es albern. Nicht, dass ich nicht an Geister glaubte – ich konnte mir durchaus vorstellen, dass es mehr zwischen Himmel und Erde gab, als die heutige Wissenschaft erklären konnte –, aber bisher hatte keine meiner Kolleginnen den Geist zu Gesicht bekommen. Wahrscheinlich waren die Gerüchte nur aufgekommen, weil direkt neben dem Autokino ein Friedhof stand. Dabei war selbst der nicht wirklich gruselig. Noch wusste ich ja nicht, dass ich die Faceless Woman of Waiʻalae Drive-In bald selbst kennenlernen würde …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zum Glück geschah während der restlichen Vorstellung nichts Erwähnenswertes mehr, sodass ich voll und ganz den Film genießen konnte. Ein Meisterwerk, wie ich fand. Hitchcock verstand, wie man die gewünschte Stimmung auf die Leinwand brachte. Und auch den Plottwist am Ende hatte ich nicht kommen sehen. Ehrlich gesagt fand ich den Film aber auch ein wenig gruselig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich nach der Vorstellung die Frauentoilette betrat – ich war für den Putzdienst auf den Toiletten eingeteilt worden –, hatte ich tatsächlich ein mulmiges Gefühl. Ich musste immer zu an die Szene denken, in der Janet Leigh unter der Dusche niedergestochen wurde. Klar, hier gab es natürlich keine Duschen, aber die gefliesten Wände und der Boden kamen nahe genug.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war der Moment, als ich <em>sie</em> sah. Sie stand am Waschbecken, kämmte ihre langen schwarzen Haare.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Oh. Verzeihung“, sagte ich schnell. „Ich dachte, alle Besucher seien schon weg. Lassen Sie sich nicht stören. Ich mach hier schonmal sauber, aber bitte nehmen Sie sich die Zeit, die Sie brauchen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frau reagierte nicht auf mich. Sie stand bloß weiter da und kämmte durch ihr Haar.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das mulmige Gefühl wurde stärker. Mein Hals fühlte sich ungewöhnlich eng an. Auch merkte ich, wie mein Puls sich beschleunigte. Natürlich versuchte ich, es zu ignorieren, während ich den nassen Mopp auf die Fliesen klatschte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder warf ich einen flüchtigen Blick zu der Frau. „Passen Sie beim Rausgehen bitte etwas auf. Es könnte rutschig sein.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder bekam ich keine Reaktion.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schluckte schwer. Was war nur mit meinem Herzen los? Wieso raste es auf einmal so? Ich kam mir richtig albern vor. Zumindest, bis ich beim Bodenwischen der Frau nähergekommen war. Ich erhaschte einen flüchtigen Blick auf sie durch den Spiegel. Mit ihrem Gesicht stimmte etwas nicht. Von meinem Winkel aus fielen zu viele Haare vor ihre Augen, um es genau zu sehen, aber zwischen den Strähnen erkannte ich bloß Haut. Eigentlich hätte ich dazwischen das Glänzen ihrer Augen sehen müssen. Oder zumindest ihre dunklen Augenbrauen. Aber da war nichts.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Jetzt reiß dich zusammen, Barbara.</em> Das war doch albern. Ich sah nur, was ich Angst hatte zu sehen. Es gab keine Faceless Woman of Waiʻalae Drive-In!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem wusste ich, dass ich es nicht schaffen würde, in Ruhe meine Arbeit zu verrichten, ohne auf Nummer sicher gegangen zu sein. Also tat ich einen vorsichtigen Schritt auf die Frau zu. Ich spürte, wie mein Puls sich weiter beschleunigte. „Entschuldigung“, sagte ich. Mein Hals fühlte sich plötzlich trocken an. „Kann ich irgendwie helfen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Etwas Besseres war mir nicht eingefallen. Aber ich wollte unbedingt die Aufmerksamkeit der Frau bekommen, wollte, dass sie mich ansah.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch die Frau reagierte nicht. Sie blieb völlig ruhig vor dem Spiegel stehen und kämmte sich die Haare. Ich ging weiter auf sie zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vielleicht verstand sie mich nicht? Ich wusste selbst, dass es unwahrscheinlich war. Warum sollte eine Frau, die sich einen englischen Film im Kino ansah, kein Englisch sprechen? Aber eventuell hatte sie bloß jemanden begleitet. Oder sie hatte keine Lust, mit mir zu sprechen. Vielleicht stand sie auch unter Schock.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Hirn suchte nach allen möglichen Erklärungsversuchen, aber tief in meinem Inneren kannte ich die Wahrheit. Zu oft schon hatte ich die Geschichten der Faceless Woman of Waiʻalae Drive-In gehört, die am Spiegel stand und sich die Haare kämmte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich neben ihr stand, verflogen auch meine letzten Zweifel. Die Frau hörte auf, ihre Haare zu kämmen. Jetzt wandte sie mir ihr Gesicht zu. Oder besser, ihr fehlendes Gesicht. Dort, wo ihr Mund, ihre Nase, ihre Augen sein müssten, spannte sich glatte Haut.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Spätestens jetzt ging mein Atem kurz und stoßweise. Ich stolperte rückwärts, merkte dabei, wie sich alles um mich zu drehen begann. Ich bekam keine Luft! Erst, als ich mit dem Gesäß schmerzhaft auf die Fliesen prallte, merkte ich, dass ich hingefallen war. Dabei starrte die Frau mich die ganze Zeit an. Sie hatte keine Augen und trotzdem spürte ich ihren Blick ganz deutlich!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Endlich entwich meinem Mund ein Schrei. Ich schrie, robbte dabei unbeholfen rückwärts, bis ich die Wand an meinem Rücken spürte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Tränen schossen mir in die Augen. Die Frau sollte verschwinden! Aber sie stand bloß weiter da und wandte mir ihr entsetzlich blankes Gesicht zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich weiß nicht, warum ich solche Angst vor der Frau hatte. Sie kam nicht einmal auf mich zu. Wobei … Vielleicht hatte ich gar keine Angst vor der Frau selbst. Es war ein Gefühl, das von ihr ausging. Eventuell war es also ihre Angst, die auf mich übersprang.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber was es auch war, ich saß kreischend auf dem Boden in der Toilette. Spürte deutlich die vom Wischen feuchten Fliesen unter mir, die kalten Fliesen in meinem Rücken. Ich bekam mich gar nicht mehr ein. Selbst, als Johnny die Tür neben mir öffnete, schrie ich noch immer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Barbara! Was ist passiert?“, rief er mir zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sah zu der gesichtslosen Frau zurück. Sie war verschwunden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Von der darauffolgenden Stunde erinnere ich mich nur noch an Bruchstücke. Johnny hatte mich aus der Toilette gebracht, war mit mir zusammen ins nächste Krankenhaus gefahren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich erinnere mich erst wieder klar daran, wie ich in einem Krankenhausbett lag. Eine Ärztin erklärte mir, dass ich einen Nervenzusammenbruch hatte. Auch gestand sie mir, dass sie noch nie einen so schlimmen Zusammenbruch mitbekommen habe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Bild der Faceless Woman of Waiʻalae Drive-In verfolgte mich danach noch viele Jahre in meinen Träumen. Oft wachte ich schweißgebadet auf, spürte wieder die Angst.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach dem Vorfall hatte ich es jedenfalls nicht mehr geschafft, mich dem Autokino zu nähern. Mein Hals schnürte sich bereits zu, wenn ich nur an das gelb-rosa-grau-gestreifte Toilettengebäude dachte. Meine Kündigung reichte ich noch in derselben Woche ein.</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">The Faceless Woman of Waiʻalae Drive-In (englisch für „Die gesichtslose Frau des Waiʻalae Autokinos“), auch „Faceless Woman of Hawaii“, „Faceless Woman of Honolulu“ oder „Faceless Woman of Oʻahu“ genannt, ist ein Geist aus einer <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden">urbanen Legende</a> Hawaiis.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihren Ursprung hat sie wahrscheinlich in einer japanischen Legende, die von Migranten nach Hawaii gebracht wurde.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wie der Name schon sagt, handelt es sich bei der Faceless Woman of Waiʻalae Drive-In um den gesichtslosen Geist einer Frau.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Abgesehen von der glatten Haut, die sich statt eines Gesichts über ihren Kopf spannt, soll sie relativ normal aussehen. Sie hat lange meist schwarze, seltener rote Haare und trägt entweder unscheinbare Kleidung oder einen Kimono.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einigen wenigen Erzählungen soll ihr Körper außerdem ab den Beinen abwärts unsichtbar sein.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Faceless Woman of Waiʻalae Drive-In wird für gewöhnlich im Zusammenhang mit einem Spiegel gesichtet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Entweder steht sie lediglich davor und kämmt sich die Haare, oder aber sie wird von Augenzeugen zuerst im Spiegel gesehen, wie sie hinter ihnen steht. Wenn die Person sich nach der gesichtslosen Frau umdreht, ist entweder niemand da, oder aber sie bemerkt erst dann, dass die Frau kein Gesicht hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Häufig resultiert dies in einem Panikanfall bis hin zur Bewusstlosigkeit des Augenzeugen. Mehr tut die Frau ihm jedoch nicht an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darüber hinaus wird im Internet oft von einem Gefühl von Trauer oder Schrecken berichtet, wenn die Frau in der Nähe sei, und sie soll gelegentlich gegen Kabinentüren hämmern, wenn sie in einer öffentlichen Toilette gesichtet wird.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Bekannteste Sichtung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die wohl bekannteste Sichtung ist gleichzeitig auch eine der ersten Sichtungen der Faceless Woman of Waiʻalae Drive-In.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Mai 1959 war eine Frau ins Waiʻalae Drive-In gefahren, um in dem Autokino einen Film zu sehen. Irgendwann ist sie auf Toilette gegangen. Als sie dort jedoch vor einem Spiegel stand, um ihren Lippenstift zu erneuern, sah sie plötzlich eine gesichtslose Frau hinter sich stehen, deren Beine unsichtbar waren. Sie drehte sich erschrocken zu der Frau um, aber hinter ihr stand niemand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In dem Moment schlug plötzlich die Tür zu. Die Augenzeugin schrie erschrocken auf und verlor das Bewusstsein. Als sie gefunden wurde, wurde sie ins Krankenhaus gebracht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einigen Leuten zufolge musste sie daraufhin sogar in psychiatrische Behandlung.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der hauptsächliche Erscheinungsort der Faceless Woman of Waiʻalae Drive-In war die Frauentoilette des Waiʻalae Drive-In Autokinos an der Waiʻalae Avenue in Honolulu, Hawaii, USA.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Seit der Schließung des Autokinos 1986 und dem darauffolgenden Abriss wurde der Geist jedoch auch in anderen Gebäuden in der Gegend gesehen. Natürlich weiterhin hauptsächlich in Spiegeln, besonders in Frauentoiletten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der im Netz am häufigsten genannte Ort für moderne Sichtungen ist die öffentliche Toilette im Untergeschoss der Kahala Mall (ganz in der Nähe des ehemaligen Waiʻalae Drive-Ins), die oft (auch ohne Geist) als unheimlich beschrieben wird.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Ich habe Berichte von Sichtungen gesichtsloser Frauen (und weniger Männer) auf Hawaii seit den 1950er Jahren finden können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Ursprung dieser urbanen Legenden liegt wahrscheinlich in der japanischen Legende der Noppera-Bo – ein <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/yokai">Yōkai</a>, der als gesichtslose Frau erscheint –, die von japanischen Einwanderern nach Hawaii gebracht wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anfangs gab es neben dem Autokino noch weitere Orte, an denen diese Wesen gesichtet worden sein sollen. Darunter eine Schule, die es sogar in die Zeitung geschafft hat, nachdem einige Schüler einen alten Mann und eine Frau gesehen haben wollen, die beide kein Gesicht hatten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Extrem verbreitet hat sich die Legende jedoch erst nach der bereits erwähnten Sichtung in der Frauentoilette des Autokinos 1959, die in einem Zeitungsartikel vom 19. Mai 1959 im Honolulu Star-Advertiser erwähnt wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zwar gab es laut Aussage des damaligen Managers Albert Silva keinen einzigen Vorfall, bei dem ein Besucher des Autokinos ins Krankenhaus gebracht wurde, aber das schien die Leute nicht zu stören.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Daraufhin stand das Waiʻalae Drive-In plötzlich im Rampenlicht. Unzählige Leute besuchten die Vorstellungen des Kinos, da sie von den Gerüchten gehört hatten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dafür, wieso die Gerüchte ausgerechnet über das Autokino entstanden sind, gibt es ebenfalls eine schlüssige Theorie: Das Autokino grenzte direkt an einen Friedhof – den Kahala Cemetery –, der die Fantasie der Besucher angekurbelt haben dürfte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem gab es laut Aussage von Albert Silva wohl eine regelmäßige Besucherin, die den Leuten auf der Frauentoilette Streiche gespielt haben soll, indem sie z. B. an die Kabinentüren klopfte oder Zettel darunter hindurchschob.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anschließend ist die urbane Legende zu einem Selbstläufer geworden. Sie wurde immer wieder von unterschiedlichsten Leuten erzählt. 1982 gab es außerdem eine regelrechte Welle neuer Sichtungen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und selbst nach der Schließung des Autokinos 1986 flauten die Gerüchte nicht ab. 1989 wurde die Legende im Rahmen einer Radioshow wieder aufgerollt, als der Reporter Glen Grant sie erst erwähnt hat und anschließend live von einer angeblichen Augenzeugin angerufen wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Grant entwickelte daraufhin solch ein Interesse an dem Thema, dass er 1996 das Buch „Obake Files: Ghostly Encounters in Supernatural Hawai’i“ veröffentlichte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und auch heute noch ist das Internet voll von Leuten, die Kommentare über ihre angeblichen Sichtungen der Faceless Woman of Waiʻalae Drive-In veröffentlichen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">The Faceless Woman of Waiʻalae Drive-In in der Popkultur:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Aufgrund ihrer Bekanntheit hat die Legende der Faceless Woman of Waiʻalae Drive-In es natürlich auch in unsere Popkultur geschafft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zwar kenne ich keine Filme, Serien oder fiktiven Bücher, die sich mit dem Thema auseinandersetzten, aber es gibt unzählige Podcasts und Videos, die sich mit dem Thema beschäftigen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem behandelt das bereits erwähnte Buch „Obake Files: Ghostly Encounters in Supernatural Hawai’i“ (1996) von Glen Grant unter anderem die Legende der Faceless Woman of Waiʻalae Drive-In.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von der Faceless Woman of Waiʻalae Drive-In? Hättet ihr euch nachts auf die Toilette des Autokinos getraut? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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		<title>Baobhan-Sìth – Sie kommen in der Nacht!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 03 Aug 2026 13:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Geschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Monster und Ungeheuer]]></category>
		<category><![CDATA[Baobhan Sith]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Was ich dann sah, ließ mich an meinem Verstand zweifeln. Vor unserer Tür standen vier junge Frauen, eine schöner als die nächste. Eine Rothaarige, eine Brünette und zwei Blonde. Sie trugen alle vier lange grüne Kleider, die Arme eng um ihre Körper geschlungen. Sie hatten nichts, was sie gegen den Regen schützte, trugen nicht einmal Jacken …</p>
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<p class="wp-block-paragraph">Die Baobhan-Sìth (ausgesprochen [bɤːvɐn ʃiː], also etwa boowen schii) sind eine alte Legende aus Schottland. Was genau es mit diesen Feenwesen auf sich hat, erfahrt ihr in meinem Beitrag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen (Achtung Spoiler!) </strong></summary>
<p>leichter Alkoholkonsum<br>
Blut<br>
Tod</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Ich war froh, als ich endlich mit einem dampfenden Teller Suppe vor mir am Tisch saß. Nach dem langen Jagdtag war ich erschöpft. Ich hatte zusammen mit meinen Freunden Russell, Craig und Ray Hasen gejagt. Inzwischen lagen die Tiere in ihre Einzelteile zerlegt und sorgfältig gestapelt in der großen Kühltruhe in unserer Hütte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Hütte hatte nur ein Zimmer. Außerdem mussten zwei von uns in Schlafsäcken am Boden schlafen, während die anderen es sich auf dem Bett und dem Sofa bequem machen durften. Wer wo schlafen musste, würde später eine Partie Twenty-Five entscheiden. Das Kartenspiel hatte in unserer Freundschaft eine lange Tradition.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber darüber machte ich mir im Moment noch keine Gedanken. Ich war einfach nur froh über die warme Mahlzeit, die gute Gesellschaft und die trockene Hütte, in der wir saßen. Denn draußen hatte es inzwischen zu regnen begonnen. Durch das Holzdach konnte man deutlich die dicken Tropfen hören, die in Scharen auf uns niederprasselten. Ehrlich gesagt fand ich es richtig gemütlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wisst ihr, Leute“, sagte ich, während ich aufstand, um vier Flaschen Bier aus dem Kühlschrank zu holen. „Ich könnte mir keinen besseren Samstagabend vorstellen, als mit euch hier in der Hütte zu sitzen und dem Regen zu lauschen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Freunde nickten zustimmend. Ich stellte ihnen je ein offenes Bier vor die Nase.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Auf die erfolgreiche Jagd“, sagte Russell. Er hob die Flasche an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Auf die Freundschaft“, erwiderte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anschließend stieß ich mit meinen Freunden an, bevor ich einen Schluck von dem bitterkalten Bier nahm.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schweigend genossen wir den Moment.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ehrlich gesagt“, sagte Craig dann. „<em>Eine</em> bessere Sache könnte ich mir schon vorstellen. Wenn meine Frau heute Nacht bei mir wäre.“ Er grinste frivol.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ja“, entgegnete Ray. „Das würde mir auch gefallen. Wenn deine Frau heute Nacht hier wäre.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort holte Craig nach Ray aus, aber er wich seinem Schlag lachend aus. Es dauerte nicht lange, bis Craig und schließlich auch Russell und ich in das Gelächter einstimmten. Wir wussten genau, dass Ray es nicht ernst gemeint hatte. Immerhin hatte er selbst eine bildhübsche Frau zuhause sitzen, die auf ihn wartete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Genau genommen war ich der Einzige von uns vieren, der keine glückliche Ehe führte. Zumindest noch nicht. Denn obwohl ich meiner Verlobten im Frühling einen Antrag gemacht hatte, waren wir noch nicht verheiratet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir alberten noch einen Augenblick weiter herum, bis ich auf einmal etwas hörte. „Pscht! Leute! Seid mal kurz leise. Ich glaube, da hat eben jemand geklopft.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort verstummten die anderen. Wir lauschten angestrengt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt hörte ich wieder nur den Regen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du spinnst doch“, sagte Russell. „Wir sind mitten im Nirgendwo. Wer soll hier schon klopfen? Dazu noch bei dem Wetter mitten in der Nacht.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann klopfte es noch einmal. Leise. Zaghaft. Aber wir hatten es eindeutig gehört.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort sprangen wir auf und rannten zur Tür. Ray erreichte sie als erster. Er öffnete sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was ich dann sah, ließ mich an meinem Verstand zweifeln. Vor unserer Tür standen vier junge Frauen, eine schöner als die nächste. Eine Rothaarige, eine Brünette und zwei Blonde. Sie trugen alle vier lange grüne Kleider, die Arme eng um ihre Körper geschlungen. Sie hatten nichts, was sie gegen den Regen schützte, trugen nicht einmal Jacken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Verzeihung“, sagte eine von ihnen mit zittrigen Lippen. Ihre roten Locken klebten ihr nass am Kopf. „Wir waren im Wald feiern. Einen Junggesellenabschied. Aber dann wurden wir von unseren Freunden getrennt und haben uns verirrt. Können wir uns vielleicht einen Moment unterstellen? Nur bis der Regen aufgehört hat?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ließen wir uns nicht zweimal fragen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Kommt rein!“, sagte Craig sofort. „Bevor ihr euch da draußen noch den Tod holt. Ihr seid ja völlig durchnässt! Dean, starte doch schonmal den Kamin!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir machten den Frauen sofort Platz, während ich zu besagtem Kamin eilte. Kurz darauf prasselte darin ein kleines Feuerchen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ihr könnt gerne die Nacht hierbleiben“, schlug Ray vor. „Und wenn ihr wollt, nehmen wir euch morgen früh mit in die Stadt.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Das wäre wirklich zauberhaft“, sagte die Rothaarige. Sie fiel Ray dabei fast um den Hals.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schüttelte den Kopf. Aber gut. Wenn sie von einem Junggesellenabschied kamen, waren sie sicher angetrunken. Außerdem konnten wir sie schlecht draußen im Regen stehenlassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und so saßen wir bald dicht gedrängt um den Kamin, hatten den Frauen Suppe und Decken gegeben, damit sie sich aufwärmen konnten. Dass wir dabei auf dem Boden sitzen mussten, störte niemanden von uns. Zumal sich die Frauen dicht zwischen uns gesetzt hatten – wahrscheinlich, um sich an uns zu wärmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Immer, wenn ich ein kleines Stück wegrückte, rückte die brünette Frau neben mir nach. Dabei stieg mir ihr Parfüm in die Nase. Es roch nach Blumen. Aber nur, weil sie ein gut riechendes Parfüm trug, würde ich bestimmt nicht mit ihr kuscheln. Für so etwas hatte ich meine Verlobte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Freunde hingegen sahen das wohl anders. Sie grinsten die Frauen breit an, während sie sich an sie schmiegten. Die Rothaarige hatte sich zu Ray gesetzt, während sich die beiden blonden an Russell und Craig warfen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Warum habt ihr den Junggesellenabschied überhaupt hier draußen im Wald gefeiert?“, fragte ich, um die Stille zu durchbrechen. „Gab es in der Stadt keine besseren Locations? Eine Bar oder sowas?“ Das Wort „Stripclub“ verkniff ich mir. Auch wenn ich es ihnen bei ihrem Verhalten mehr als zugetraut hätte. Ob sie sich die Stripper in den Wald bestellt hatten?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mit diesen schönen Wäldern in der Umgebung?“, fragte die Brünette. „Mit etwas Alkohol können wir Frauen hier draußen mehr als genug Spaß haben. Und bis wir uns verirrt haben, hatten wir einen wirklich fantastischen Abend!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich nickte. Aber gerade, als ich zu einer weiteren Frage ansetzen wollte, begann die Frau neben mir auf einmal zu singen. Es war eine langsame, fast sehnsüchtige Melodie. Nur, dass ich den Text nicht verstand. Sie sang auf Gälisch. Meine Mutter hätte es wahrscheinlich Wort für Wort übersetzen können, aber ich hatte mich noch nie für die alte schottische Sprache interessiert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also blieb mein Mund mitten im ersten Wort offenstehen. Ich wollte nicht unhöflich sein und ihr Lied unterbrechen. Davon abgesehen war ich viel zu perplex, um etwas zu sagen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem wäre ich gerne noch auf ihre Freundinnen zu sprechen gekommen. Wie kam es, dass sie voneinander getrennt wurden? Machten die anderen sich keine Sorgen? Würden sie die vier nicht draußen im Regen suchen? Mir war das alles suspekt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber ich könnte es noch nach ihrem Lied fragen. Zumal die drei anderen Frauen bereits in den Gesang miteingestimmt hatten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Melodie weckte eine tiefe Sehnsucht in mir. Als würde ich etwas vermissen, dass ich noch nie gekannt hatte. Ich merkte erst, dass ich meinen Körper sanft zu dem Lied Hin und Her wog, als ich schon mitten dabei war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann forderten die anderen drei Frauen meine Freunde plötzlich zum Tanzen auf. Sie zogen sie auf die Beine und begannen, sich mit ihnen im Takt zu bewegen. Meine Freunde machten nur allzu bereitwillig mit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und auch die Brünette hielt mir ihre Hand entgegen. Ich schüttelte jedoch den Kopf. Schnell sah ich mich in der Hütte um, als mein Blick auf die Gitarrentasche neben der Tür fiel. Wenn das Wetter gut war, spielte ich manchmal draußen am Lagerfeuer. Jetzt bot mir meine Gitarre hingegen die perfekte Ausrede.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und so holte ich das Instrument und begann, die Seiten zu dem Gesang zu zupfen. Zum Glück nahm die Brünette es mir nicht übel. Sie setze sich mir gegenüber und sang lächelnd weiter, während sie den Klängen meiner Gitarre lauschte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich erwiderte ihren Blick. Sogar ihr Lächeln. Ich schämte mich ein wenig dafür, aber ich konnte kaum wegsehen. Ihre tiefgrünen Augen, die Sommersprossen, die leichten Fältchen um ihren sich bewegenden Mund mit den perfekt weißen Zähnen. Wenigstens schaffte ich es, ihr dabei die ganze Zeit ins Gesicht zu blicken, und meine Augen wanderten nicht unbewusst weiter nach unten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich die Frau so anstarrte, sah ich aus dem Augenwinkel, dass meine Freunde mit ihren Tanzpartnerinnen inzwischen eng umschlungen waren. Sollte ich sie ermahnen? Sie an ihre Frauen erinnern?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich den Gedanken gerade formuliert hatte, fiel mein Blick auf Ray. Nicht nur, dass er mit der Rothaarigen in einer festen Umarmung war, sie presste auch noch ihre Lippen an seinen Hals.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie bereitete ihm aber keinen unangenehmen Knutschfleck, den er morgen seiner Frau erklären müsste, nein, sein Hals glänzte rot. Blut lief daran herab und verschwand in dem dunklen Stoff seines Hemdes. Hatte sie ihn gebissen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da sah ich, wie auch die anderen Frauen mit ihren Händen an Russells und Craigs Hälse wanderten. Ihre Bewegungen waren präzise und schnell, während sie ihnen ihre Fingernägel ohne sichtliche Anstrengungen durch die Hälse zogen. Sofort saugten auch sie an den frischen Wunden. Meine Freunde ließen es einfach geschehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Scheiße!“, stieß ich aus. Die Gitarre glitt mir aus den Händen. Sie prallte mit einem dumpfen Nachhallen der Saiten auf den Boden. „Lasst sie in Ruhe!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber die Frauen reagierten gar nicht. Und meine Freunde waren wie in Trance. Sie tanzten weiter zu der Melodie, die die brünette Frau vor mir noch immer sang.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt streckte auch sie ihre Hand nach mir aus. Es sah aus, als wolle sie nur nach meiner Wange greifen, aber auch sie hatte ungewöhnlich spitze Fingernägel.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort sprang ich auf. Ich musste etwas tun! Unsere Gewehre lehnten an der Wand neben dem Esstisch, aber ich hatte mein Jagdmesser noch immer am Gürtel. Ohne zu zögern, öffnete ich den Verschluss und riss es aus der Scheide. Es war ein altes Jagdmesser aus Eisen, hatte bereits meinem Opa gehört. Aber es war noch immer eines der besten Messer, die ich besaß. Ich richtete die Klinge auf die Brünette.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da verstummte auch sie. Sie wich zurück und fauchte mich an. Das wiederum erregte die Aufmerksamkeit der anderen Frauen. Sie ließen von meinen Freunden ab, wandten sich jetzt mir zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber selbst das brachte meine Freunde nicht wieder zur Besinnung. Ihre verliebten Blicke waren bloß weiter auf ihre Tanzpartnerinnen gerichtet, während das Blut aus ihren Hälsen rann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ray! Russell! Craig!“, schrie ich. „Kommt zu euch!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber es war zwecklos. Sie hörten mich gar nicht. Und um zu ihnen zu kommen, müsste ich an den Frauen vorbei, die weiter auf mich zukamen. Das Blut meiner Freunde glänzte an ihren Lippen. Einer der Blondinen war es bis zum Hals hinuntergelaufen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich streckte ihnen mein Messer entgegen. Da wichen sie mit einem erneuten Fauchen zurück. Es war aber nicht nur ein vorsichtiger Abstand, den sie zu mir aufbauten. Ihre Augen waren voller Angst auf das Metall in meiner Hand gerichtet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich kamen mir die Geschichten in den Kopf, die meine Mutter mir als Kind immer vorgelesen hatte. Es waren alte schottische Volksmärchen. Handelte eines davon nicht genau von solchen Feen? Junge Frauen, die in der Nacht auftauchten, grüne Kleider trugen und das Blut der Männer tranken, die sie verführten? Das würde auch ihr gälisches Lied und die Angst vor Eisen erklären.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ihr seid Baobhan-Sìth“, sagte ich ungläubig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt formte sich der Mund der Brünetten zu einem Lächeln. „Schlauer Junge.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das erklärte ihre Angst vor meinem Messer. Baobhan-Sìth hatten nur zwei Schwächen: Tageslicht und Eisen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frauen waren unterdessen dabei, in einem Bogen um mich herumzugehen. Sie kreisten mich ein!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Inzwischen versperrte eine von ihnen meinen Weg zu den Gewehren. Wobei ich die Waffe eh erst laden müsste, ehe ich damit irgendetwas ausrichten konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und wenn ich stattdessen zu meinen Freunden ging, stolperte ich geradewegs in eine Sackgasse. Ich wäre den Frauen schutzlos ausgeliefert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit meinem Messer könnte ich sie niemals überwältigen. Vielleicht eine von ihnen. Eventuell sogar zwei. Aber niemals alle vier.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also blieb mir nur noch eine Option: die Tür.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ehe ich weiter darüber nachdenken konnte, was das für meine Freunde bedeutete, sprintete ich los. Sobald ich meine Hand um den Türknauf geschlossen hatte, drehte ich mich wieder um, das Messer vor mich gestreckt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Baobhan-Sìth, die bereits dabei waren, auf mich zuzustürzen, blieben ruckartig stehen. Aber fast sofort kamen sie wieder langsam näher. Vorsichtig. Die Augen auf das Messer gerichtet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach einem letzten kurzen Blick zu meinen Freunden, die mit völlig verdrehten Köpfen noch immer die vier Frauen anlächelten, während weiter Blut aus ihren Hälsen lief, rannte ich weiter nach draußen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zum Glück hatte der Regen ein wenig nachgelassen. Es regnete noch immer, aber meine Kleidung war nicht sofort völlig durchnässt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Fieberhaft überlegte ich, wo ich hinlaufen solle. Mein erster Gedanke galt unseren Autos. Aber mein Schlüssel lag zusammen mit meinem Handy in meinem Rucksack. Und der wiederum stand irgendwo in der Hütte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also rannte ich ziellos durch den Wald. Matsch schmatzte unter meinen Füßen. In der Dunkelheit konnte ich kaum etwas erkennen. Doch wie durch ein Wunder rutschte ich nicht aus, stolperte über keine Wurzel.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem war ich noch lange nicht außer Gefahr. Die matschigen Schritte der Baobhan-Sìth waren mir noch immer auf den Fersen. Nie hätte ich gedacht, dass ich einmal vom Jäger zum Gejagten wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu meiner Erleichterung schienen die Baobhan-Sìth nicht mit übernatürlicher Geschwindigkeit gesegnet. Sie waren ausdauernd, ja, besonders für ihre zierlichen Gestalten, aber das war ich auch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und so rannte ich weiter, bis die Schritte hinter mir allmählich verstummten. Ich wusste nicht, wieso die Baobhan-Sìth von mir abließen. Ob ich sie wirklich abgehängt hatte oder ob sie bloß zu ihrer Beute in der Hütte zurückkehren wollten, bevor sie völlig ausblutete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nein. Nicht zu ihrer Beute. Zu meinen Freunden. Zu Russell, Craig und Ray. Tränen stiegen in meinen Augen auf. O Gott. Ich hatte in dieser Nacht meine besten Freunde verloren. Ich hatte sie einfach im Stich gelassen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie gerne hätte ich jetzt gesagt, dass ich zurückgerannt sei, meine Freunde im letzten Moment gerettet hätte. Aber das hatte ich nicht. Ich konnte ein unschuldiges Tier töten, ohne mit der Wimper zu zucken. Aber jetzt, da plötzlich mein eigenes Leben auf dem Spiel stand, konnte ich nicht einmal meine Freunde retten. Ich hatte zu viel Angst.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und so rannte ich weiter, bis meine Beine mich nicht länger tragen wollten. Völlig erschöpft brach ich weinend unter einem schützenden Baum zusammen. Ich zog die Knie an mich und verbrachte die nächsten Stunden zitternd und frierend unter dem Baum.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst, als die Sonne aufgegangen, die Baobhan-Sìth wieder in dem Feenreich verschwunden waren, kehrte ich völlig unterkühlt zur Hütte zurück. Die Leichname meiner Freunde waren bereits kalt. Nicht, dass das einen Unterschied gemacht hätte. Selbst wenn sie gerade erst gestorben wären, hätte ich sie nicht retten können. Die Baobhan-Sìth hatten sie völlig leergesaugt. Und ich hatte es zugelassen. Schuld machte sich in mir breit. Eine Schuld, die ich mein restliches Leben mit mir herumtragen sollte.</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Baobhan-Sìth (Schottisch-Gälisch für „Feen-Hexe“), bzw. Baobh-Shìth in der Einzahl, sind vampirartige Frauen der schottischen Folklore.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Baobhan-Sìth sollen für gewöhnlich wie wunderschöne Frauen aussehen. Meist tragen sie lange grüne Kleider.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Obwohl sie oft mit Vampiren verglichen werden, haben sie keine spitzen Eckzähne o. Ä., stattdessen besitzen sie lange scharfe Fingernägel oder Klauen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem sollen sie in einigen Erzählungen Reh- oder Ziegenbeine haben, die sie unter ihren Kleidern verstecken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einigen Quellen zufolge sollen die Baobhan-Sìth ihre Gestalt wandeln können und als Wolf oder Rabe erscheinen. Hierzu habe ich jedoch keine historischen Geschichten finden können.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Genau wie andere Vampire sollen auch die Baobhan-Sìth sich von menschlichem Blut ernähren (auch wenn sie dafür wie bereits angedeutet ihre Opfer nicht beißen, sondern ihnen blutige Verletzungen mit ihren Fingernägeln/Krallen zufügen, durch die sie sie leersaugen).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie sollen ausschließlich nachts auftreten, verbrennen bei Tageslicht aber nicht etwa, sondern verschwinden lediglich. Zudem sollen sie eine Schwäche vor Eisen haben, weshalb sie das Metall großräumig meiden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den Geschichten über sie geht es oft um vier Jäger, die allein im Wald sind (z. B. in einer Höhle, an einem Lagerfeuer oder in einer Hütte), als sie plötzlich von vier Baobhan-Sìth besucht werden. Meist geschieht dies, nachdem einer oder mehrere der Männer den Wunsch nach weiblicher Gesellschaft oder der Anwesenheit ihrer Ehefrauen geäußert haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Grund dafür, dass die Protagonisten oft Jäger sind, könnte sein, dass Baobhan-Sìth von dem Geruch von Blut angelockt werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Drei der Jäger fallen für gewöhnlich auf die Verführungen der übernatürlichen Frauen herein. Sie verzaubern sie mit einem Tanz, woraufhin sie sie ohne Gegenwehr töten können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der vierte Jäger hingegen schafft es meist, zu überleben. Wie er das hinbekommt, kann ganz unterschiedlich sein. Zum Beispiel kann er sich mit Eisen schützen, vor den Baobhan-Sìth fliehen oder er wird von seinem Hund beschützt, der bei ihm ist. (Hunde haben in Geschichten über Feenwesen oft ein Gespür für das Übernatürliche und durchschauen die <a href="https://geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer">Wesen</a> rechtzeitig.)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am nächsten Tag findet er oft die drei blutleeren Leichen seiner Freunde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es wird außerdem häufig erwähnt, dass die Jäger Freundinnen, Verlobte oder Ehefrauen haben. Am Ende überlebt also nur derjenige, der den Verlockungen der Baobhan-Sìth widersteht und seiner Partnerin treu bleibt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Da die Baobhan-Sìth sehr naturverbunden sind, sollen sie sich hauptsächlich in den schottischen Wäldern und Highlands aufhalten, wo sie auf menschliche Opfer warten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Legenden über die Baobhan-Sìth stammen aus der früher fast ausschließlich mündlich überlieferten Folklore Schottlands. Daher ist es unmöglich, zu sagen, wann und wie die Legende entstanden ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auffällig ist aber die Ähnlichkeit zu anderen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden">Legenden</a> wie z. B. dem Succubus, der skandinavischen Skogsrå/Huldra oder sogar der indianischen Legende der Deer Women. Letztere sind ebenfalls Meisterinnen der Verführung, sie verfügen ebenfalls über Rehbeine und auch in ihren Geschichten sterben die untreuen Ehemänner für gewöhnlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Baobhan-Sìth in der Popkultur:</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Baobhan-Sìth haben mehrere Auftritte in der Popkultur. So gibt es gleich zwei Filme über sie:</p>



<p class="wp-block-paragraph">In dem trashigen Comedy-Horrorfilm „Baobhan Sith“ (2017) spielt eine Baobhan-Sìth eine zentrale Rolle, während der Kurzfilm „Baobhan Sith“ (2023) von Blade &amp; Arrow Films (<a href="https://www.youtube.com/watch?v=IDcE2vqPP14" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Hier</a> findet ihr den Kurzfilm auf YouTube) sie eher im metaphorischen Sinn benutzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darüber hinaus gibt es eine Baobhan-Sìth als Charakter in dem mobilen Gacha-Spiel Fate/Grand Order.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von den Baobhan-Sìth? Kanntet ihr diese Wesen bereits? Und wie hättet ihr reagiert, wenn ihr anstelle einer der vier Jäger gewesen wärt? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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		<title>Seven Sisters Road – Fahr nicht durch ihre Straße!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 15 Jun 2026 13:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Dann schnitt wieder ein Schrei durch die Luft. Wie eben war es eine Frau. Es klang, als habe sie Todesangst. Charly und ich wandten uns in dieselbe Richtung. Wortlos rannten wir los. Ich hielt dabei das Aufnahmegerät vor mich, damit es den nächsten Schrei hoffentlich gut aufnahm …</p>
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<p class="wp-block-paragraph">Die Seven Sisters Road ist ein bekannter Spukort in den USA. Dort sollen paranormale Phänomene an der Tagesordnung sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vielleicht kommen euch die beiden Hauptcharaktere ja aus <a href="https://www.geister-und-legenden.de/the-char-man">einer meiner anderen Geschichten</a> bekannt vor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und auch vielen Dank an meine <a href="https://www.patreon.com/geisterlegenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Patrons</a>, die der Grund sind, warum ich diesen Blog überhaupt so lange betreiben kann: vielen Dank an <strong>AnA, Namenloses_Etwas, Thalyanna, Santanico Pandemonium</strong>, <strong>Kyra, <strong>MiniGrinsekeksin</strong></strong> und <strong>Ralf</strong>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen</strong></summary>
<p>Tod</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">„Wir sind da“, sagte Charly.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort setzte ich mich gerade hin. Ich sah wachsam nach draußen in die Dunkelheit. Im Scheinwerferlicht vor uns sah ich einen schmalen Dreckweg, den Charly jetzt langsam entlangfuhr. Am Straßenrand wuchsen hohe Gräser, Büsche und gelegentliche Bäume.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach einigen Metern parkte Charly das Auto an einer freien Stelle.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ganz schön dunkel hier“, sagte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sonst wäre die Straße wohl auch kein bekannter Spukort“, erwiderte Charly. „Aber wenn du willst, kann ich für die nächste Folge einen Ort raussuchen, an dem es auch tagsüber spuken soll.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schnaufte amüsiert. „Wenn du einen guten findest, gerne.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anschließend bückte ich mich nach meiner Handtasche, die im Fußraum lag. Ich kramte mein Aufnahmegerät heraus, während Charly die App startete, mit der wir die Tonspur nachverfolgen konnten. Das lief bei uns wie automatisch. Immerhin betrieben wir unseren Podcast inzwischen seit einigen Jahren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem ich die Akkuabdeckung des Recorders kontrolliert hatte, schaltete ich ihn mit einem leisen <em>Piep</em> ein. Nach einem kurzen Soundcheck begann ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hey Leute! Danke, dass ihr eingeschaltet habt und willkommen zu einer neuen Folge Visiting Paranormal. Der Podcast, wo wir, Charly und Linda, uns auf die Suche nach dem Übernatürlichen machen. Heute sind wir auf der Seven Sisters Road, einem der bekanntesten Spukorte in Nebraska.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Seit unserer letzten Folge über den Char-Man von Ojai Valley haben wir einige neue Hörer gewonnen. An euch ein herzliches Willkommen. Falls ihr die Folge noch nicht kennt, empfehle ich euch wirklich, sie euch anzuhören. Es war eine unserer bisher unheimlichsten Untersuchungen. Am Ende mussten wir sogar die Polizei einschalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber genug davon. Immerhin geht es heute nicht noch einmal um den Char-Man, sondern um die Seven Sisters Road. Der Legende nach war diese Straße, in der Charly und ich gerade in unserem Auto sitzen, einst der Ort eines furchtbaren Verbrechens geworden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber was genau ist damals passiert? Und wie zeigt sich der Spuk der sieben Schwestern, deren Geister diesen Ort nie verlassen haben?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Charly und ich waren im nahe gelegenen Nebraska City und haben uns mal umgehört. Aber hört selbst, was die Anwohner zu sagen haben.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich machte eine kurze Sprechpause. Später im Schnitt würde ich die Interviews einfügen, die Charly gestern geführt hatte. Dann nahm ich das Mikrofon wieder an meinem Mund.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wie ihr hören konntet, haben die Leute ganz unterschiedliche Ansichten. Einige glauben an den Spuk, andere halten es für völligen Schwachsinn. Aber egal, was sie von der Seven Sisters Road halten, wir haben keine einzige Person in Nebraska City getroffen, die die Legende nicht kannte. Die Geschichte, was vor über einhundert Jahren hier passiert sein soll, wird also noch immer gerne erzählt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Legende nach lebten hier damals sieben Schwestern zusammen mit ihren Eltern und in manchen Versionen auch einem Bruder. Wirklich viel ist über die Familie nicht bekannt, aber es heißt, dass entweder der Bruder oder der Vater der Schwestern eines Tages durchgedreht sei. Eines Nachts habe er die Schwestern eine nach der anderen nach draußen gelockt, um sie hier, je auf einem der sieben Hügel, über die die Straße heutzutage führt, zu überrumpeln und an einem Baum aufzuknüpfen. Ein Hügel für jede Schwester.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was danach aus dem Vater oder Bruder geworden ist, weiß man nicht. Aber die Schwestern, die in der Nacht so grausam ermordet wurden, haben nie ihre Ruhe gefunden. Auch heute noch sollen sie über die Seven Sisters Road spuken. Und so soll man nachts noch immer ihre Schreie hören. Manche Menschen behaupten, merkwürdige Schatten gesehen zu haben. Außerdem sollen Autos und Elektrogeräte auf dieser Straße vollkommen durchdrehen. Also mal sehen, wie lange mein treues Mikrofon heute durchhält.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hatte ein breites Grinsen auf dem Gesicht, als ich die Aufnahme mit einem leisen Piepen meines Recorders stoppte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du hast eindeutig zu viel Spaß daran“, merkte Charly an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ach komm. Ich weiß, dass du die Gruselgeschichten genauso liebst.“ Ich zwinkerte ihm zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ja“, erwiderte er. „Aber im Gegensatz zu dir bekomm ich an solchen Orten wenigstens noch Muffensausen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das entlockte mir ein Lachen. Mit einem Schmunzeln ließ ich das Fenster ein Stück runterfahren. Das war aber nicht für die frische Luft – zumindest nicht nur –, sondern, damit ich hören konnte, falls sich draußen irgendetwas tat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sollen wir einfach die Straße langfahren?“, schlug Charly vor. „Immerhin passieren die meisten Phänomene bei der Fahrt.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hatte nichts dagegen einzuwenden. Und so fuhren wir – für alle Fälle mit eingeschaltetem Mikrofon – langsam den schmalen Dreckweg entlang.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Von draußen gelang das Knirschen von Reifen über Kies an meine Ohren. Es vermischte sich mit dem Konzert unzähliger zirpender Grillen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Charly und ich schwiegen dabei. Nicht, weil wir nichts zu sagen hätten, sondern weil wir uns voll und ganz auf unsere Umgebung konzentrierten. Ich wollte nichts übersehen oder überhören, das auf einen Geist hinwies.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann plötzlich stotterte der Motor. Der Scheinwerfer ging für eine Sekunde aus, ehe das Auto wieder normal weiterfuhr.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hast du das gesehen?“, fragte Charly laut.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hab ich“, erwiderte ich. Ich führte das Mikrofon an den Mund. „Unser Auto hat gerade tatsächlich kurz gestottert. Charly denkt natürlich sofort wieder an einen Geist, aber ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob es nicht einfach an dem alten Auto liegt.“ Ich schenkte Charly mein frechstes Grinsen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er schüttelte den Kopf, musste dabei aber auch grinsen. „Ist ja gut“, sagte er so laut, dass das Mikrofon es vernünftig aufnahm. „Wir halten weiter die Augen offen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf den nächsten Metern wusste das Auto sich wieder zu benehmen. Wir fuhren den nächsten Hügel hinab, ehe es wieder bergauf ging. Wenn es so weiterlief, mussten wir bald umdrehen. Denn die Road L, wie die Seven Sisters Road eigentlich hieß, war nicht sonderlich lang. Selbst von den sieben Hügeln waren nach einigen Ebnungsarbeiten für die Straße heute nur noch vier übrig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber mein Pessimismus war überhaupt nicht angebracht. Noch ehe wir oben auf dem nächsten Hügel angekommen waren, fuhr plötzlich mein Fenster wieder nach oben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„He!“, protestierte ich. „Wir wollen doch alles hören!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber Charly hob demonstrativ die Hand, mit der er nicht das Lenkrad hielt. „Ich hab überhaupt nichts gemacht!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment durchschnitt ein Schrei die Luft. Er war kurz, eine Frau, die völlig verzweifelt kreischte. Kurz darauf war es wieder still.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Charly trat in die Bremse. „Sag mir, dass du das drauf hast!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schnell sah ich zum Handy. Aber die beiden Linien, die die aktive Aufnahme zeigten, waren flach. ‚Verbindung getrennt‘, konnte ich stattdessen auf dem Bildschirm lesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Shit!“, fluchte ich. Ich drückte auf dem Aufnahmegerät herum. „Der Akku ist leer!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Charly machte große Augen. „Hast du ihn nicht geladen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Doch!“, protestierte ich. „Ich hab den Recorder heute Morgen erst vom Strom genommen!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich bückte mich nach meiner Handtasche, um den Ersatzakku rauszusuchen. Schnell wechselte ich sie aus. <em>Piep</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Leute! Das glaubt ihr uns nie“, sprach ich ins Mikrofon. „Aber hier hat gerade irgendwer geschrien. Charly und ich gehen jetzt zu Fuß weiter, um rauszufinden, was da draußen los ist!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Tun wir?“, fragte Charly. Er klang nicht begeistert, wehrte sich aber nicht, als ich ihm eine der beiden Taschenlampen aus meiner Handtasche reichte. Die andere nahm ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Draußen schloss Charly das Auto ab. Es war angenehm warm. Während ich tagsüber in der sengenden Hitze noch eingegangen war, war es nachts zu angenehmem T-Shirt-Wetter geworden. Ich wollte nur nicht wissen, wie viele Mücken mich heute zerstechen würden. Aber zum Glück hatte ich gerade ganz andere Sorgen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich lauschte angestrengt, schwenkte die Taschenlampe hin und her, um mich umzusehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Jemand hat mir ins Ohr gehaucht!“, rief Charly plötzlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hielt das Mikrofon in seine Richtung, damit ich es drauf hatte. Anschließend nahm ich es wieder an den Mund. „War das bloß der Wind? Oder hatte Charly gerade Besuch von einem Geist? Wir werden es hoffentlich bald erfahren!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Charly erwiderte nichts. Er war zu beschäftigt, sich umzusehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann schnitt wieder ein Schrei durch die Luft. Wie eben war es eine Frau. Es klang, als habe sie Todesangst.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Charly und ich wandten uns in dieselbe Richtung. Wortlos rannten wir los. Ich hielt dabei das Aufnahmegerät vor mich, damit es den nächsten Schrei hoffentlich gut aufnahm. Dabei merkte ich jedoch, dass das kleine rote Lämpchen nicht mehr leuchtete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was soll das denn?“, fragte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Charly blieb sofort stehen. „Was ist?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Der Recorder ist schon wieder aus“, erklärte ich. Ich drückte darauf herum, aber er gab kein Lebenszeichen mehr von sich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schnell holte Charly sein Handy raus. „Verbindung getrennt“, las er vor. „Und nun? Sollen wir abbrechen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich biss mir auf die Lippe. Wir hatten keine Ersatzakkus mehr. „Nein“, sagte ich dann. „Hierbei geht es um mehr als nur unseren Podcast. Wir müssen wissen, was das ist!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir rannten noch ein kurzes Stück weiter, wurden aber bald wieder langsamer. Wo genau war der Schrei hergekommen? Sehen konnten wir jedenfalls nichts. Und das obwohl die wenigen Bäume und Büsche an sich eine gute Sicht zuließen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Meinst du, das war irgendein Tier?“, fragte Charly. „Oder sind das wirklich die Schwestern?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wusste es nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Warte!“, zischte Charly dann. „Hörst du das?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich lauschte angestrengt. Die Grillen übertönten die meisten Geräusche, aber … wimmerte da jemand leise?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als wir in die Richtung gingen, konnten wir jedoch weit und breit niemanden erkennen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hallo?“, rief Charly.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Wimmern verstummte. Jetzt konnten wir nur noch das Zirpen der Grillen und das leise Säuseln des Windes hören.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Charly und ich sahen einander an. In seinen Augen konnte ich eine Mischung aus Verwirrung und Angst lesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ehe jemand von uns etwas sagen konnte, begann plötzlich wieder dieses grässliche Gekreische. Jetzt hörte es nicht wieder auf. Es war direkt bei uns.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Charly presste sich sofort die Hände auf die Ohren. Wahrscheinlich hatte er sich erschreckt. Das Gekreische war laut, aber nicht so laut, dass es in den Ohren schmerzte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hingegen sah mich hektisch um. Wo kamen die Schreie her? Ich konnte es nicht ausmachen.&nbsp; Es klang, als käme es aus allen Richtungen gleichzeitig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment bekam ich ein Engegefühl im Hals. Es war aber kein Kloß, sondern eher das Gefühl, als habe mir jemand die Hände um den Hals gelegt … oder ein Seil. Mit einem unwohlen Gefühl im Magen rieb ich darüber.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was ist?“, rief Charly über das Geschrei hinweg. Er musste es gesehen haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Vielleicht hast du recht“, schrie ich. „Es ist besser, wenn wir abbrechen. Ohne Mikrofon hat es eh wenig Sinn.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Charly sah erleichtert aus. Und auch ich wollte hier ehrlich gesagt nur noch weg. Weg von den Schreien und dem seltsamen Gefühl um meinen Hals. Also beeilten wir uns, zum Auto zurückzukommen. Zum Glück blieben die Schreie, wo sie waren, wurden allmählich leiser. Das hohe Gras raschelte, kitzelte mich an den Beinen. Ansonsten geschah zum Glück nichts mehr.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sobald wir das Auto erreicht hatten, sprangen wir hinein. Charly betätigte die Zentralverriegelung und die Türen waren verschlossen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erleichtert atmete ich auf. Das Geschrei war jetzt nur noch leise zu hören. Dann plötzlich knallte es neben mir. Charly und ich fuhren herum. Es klang, als habe jemand von außen gegen meine Tür geschlagen. Schnell leuchtete ich mit der Taschenlampe nach draußen, aber da war nichts. Zumindest konnte ich nichts erkennen, während Charly bereits den Motor startete und mit Vollgas davonraste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die nächsten Sekunden hielt ich die Luft an. Dann lachte ich begeistert auf. „Das war der Wahnsinn!“, schrie ich, als wir die Seven Sisters Road verlassen hatten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Charly wirkte weniger begeistert. Und auch ich muss gestehen, dass mich die ganze Sache im Nachhinein, als der Adrenalinschub zu Ende war, mit einem mulmigen Gefühl zurückgelassen hat. Besonders, nachdem wir beim Hotel den Handabdruck an meiner Autotür bemerkt hatten. Was auch immer da von außen gegen die Tür geschlagen hatte, der Abdruck war eindeutig menschlich.</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Seven Sisters Road, oder Road L, wie sie eigentlich heißt, ist ein bekannter Spukort in Nebraska, USA. Dort soll es nachts regelmäßig zu paranormalen Ereignissen und Begegnungen kommen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Entstehung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der Legende nach lebten Anfang des 20. Jahrhunderts an der Stelle, wo heute die Seven Sisters Road verläuft, sieben Schwestern. Viel ist über sie nicht bekannt, aber es heißt, dass – je nach Version – entweder ihr Bruder oder ihr Vater nicht gut mit ihnen ausgekommen sei.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eines Tages soll der Bruder oder Vater die Schwestern eine nach der anderen nach draußen gelockt haben, wo er sie – je eine der Schwestern auf einem der sieben Hügel – angegriffen und an einem Baum erhängt hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was daraufhin aus dem Bruder/Vater geworden ist, ist nicht bekannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Später soll dort die Road L, die Seven Sisters Road, gebaut worden sein.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Besonders nachts soll es auf der Seven Sisters Road immer wieder zu paranormalen Phänomenen kommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So gibt es Berichte von Autos und elektronischen Geräten, die auf der Straße den Geist aufgeben. Autofenster sollen von allein rauf und runter fahren, Scheinwerfer flackern, ausgehen oder dunkler werden, Geschwindigkeitsmesser stehenbleiben und elektronische Geräte plötzlich ausgehen, obwohl der Akku noch nicht leer sein dürfte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem sollen an betroffenen Autos manchmal unerklärliche Handabdrücke auftauchen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das wohl bekannteste Phänomen sind aber die nächtlichen Schreie, die man auf der Straße hören können soll. Es heißt, dass sie die Schreie der <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister">Geister</a> der sieben Schwestern seien, die in der Gegend ermordet wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darüber hinaus habe ich von Berichten über schattenhafte Gestalten, das Klingeln von Kirchenglocken, die von einem nahegelegenen Friedhof kommen sollen (besagten Friedhof konnte ich auf den Karten allerdings nicht finden), und rot leuchtenden Augen in der Dunkelheit gelesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber was auch immer für Erscheinungen oder Phänomene den Leuten auf der Seven Sisters Road begegnen, sie sollen abrupt aufhören, wenn sie die Straße verlassen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ort des Geschehens:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Seven Sisters Road bzw. Road L, liegt etwa fünf bis sieben Kilometer südöstlich von Nebraska City, Nebraska, USA.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dort gab es tatsächlich sieben Hügel, die entlang der Straße verliefen. Inzwischen wurden sie jedoch teilweise geebnet, weshalb heutzutage nur noch vier der sieben Hügel deutlich erkennbar sind.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In Wirklichkeit gibt es keinerlei Beweise, dass an der Seven Sisters Road tatsächlich früher einmal sieben Frauen erhängt oder auch nur ermordet worden waren. Ein solches Ereignis hätte sich mit Sicherheit in den lokalen Zeitungen finden lassen, die es bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts (also vor der Zeit, als das Verbrechen geschehen sein soll) gibt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt zwar Gerüchte darüber, dass die Stadt die Morde verschwiegen hat und die Presse zensiert wurde, sodass nichts davon an die Öffentlichkeit gelangte, aber das finde ich persönlich nur schwer vorstellbar.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem gibt es zahlreiche Leute in der Gegend, die die <a href="http://geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden">Legende</a> kennen und auf der Straße tatsächlich merkwürdige Vorkommnisse erlebt haben wollen. Dass die Vorkommnisse sich von Person zu Person stark unterscheiden können, macht es aber nicht gerade einfacher, sie einzugrenzen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Seven Sisters Road in der Popkultur:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Zwar habe ich keinen Film o. Ä. finden können, der sich mit der Seven Sisters Road befasst, aber es gibt zahlreiche YouTube-Videos (unter anderem von KMTW 3 News, einem führenden Nachrichtensender in der Gegend) und Podcasts, die sich mit dem Spukort beschäftigen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von der Seven Sisters Road? Glaubt ihr, dass dort tatsächlich ein Verbrechen geschehen sein könnte? Würdet ihr dort gerne einmal entlangfahren und euch die Ereignisse genauer ansehen? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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		<title>Biloko – Hör nicht auf seine Glocke!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 11 May 2026 13:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Mir war so unglaublich schlecht. Wie viel Blut hatte ich bereits verloren? Mein Hinterkopf schmerzte von dem Sturz. Sollte das also das Letzte sein, was ich sah?</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg02.met.vgwort.de/na/3d6c405bc0374f19bcfd758cd89c791e" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Die Biloko sind eine afrikanische <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden">Legende</a>, die tief im Regenwald des Kongo spielt. Daher hat der Beitrag auch so lange gedauert – zum einen, weil die Geschichte recht lang geworden ist, zum anderen, weil ich mich erst ausgiebig über das Kongobecken informieren wollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und noch eine kleine Anmerkung: Der nächste Beitrag wird wahrscheinlich etwas auf sich warten lassen, weil ich im Mai kein einziges Wochenende Zeit habe (und unter der Woche schaffe ich die Blogbeiträge nicht). Aber die monatliche Lesung auf Patreon werde ich trotzdem versuchen, unterzubekommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nun wünsche ich euch aber:</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen (Achtung Spoiler!) </strong></summary>
<p>&#8211; Blut</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Ich lag auf dem Rücken. Über mir ragten hohe Bäume empor. Alles drehte sich. Ich sah zahlreiche verschiedene Pflanzen und Lianen, starrte in ein dichtes Blätterdach, durch das ich den Himmel kaum sehen konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mir war so unglaublich schlecht. Wie viel Blut hatte ich bereits verloren? Mein Hinterkopf schmerzte von dem Sturz. Sollte das also das Letzte sein, was ich sah?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Na los, Frau!“, zischte mich eine Kinderstimme an. „Gib mir dein süßes, saftiges Fleisch!“ Dann ertönte wieder das sanfte Klingeln einer Glocke.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich weiß noch gut, wie ich mich gefühlt hatte, als ich in dem kleinen klapprigen Propellerflugzeug ins Kongobecken gesessen hatte. Unter mir hatte sich das scheinbar endlose grüne Blätterdach des Regenwalds erstreckt. Ich hatte eine Mischung aus Ehrfurcht, Bewunderung, aber auch Sorge empfunden. Hier sollte ich die nächsten Wochen leben. Abseits jeglicher Zivilisation zusammen mit völlig fremden Menschen. Noch dazu unter allerlei gefährlichen Tieren mit dem nächsten Krankenhaus in hunderten Kilometern Entfernung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zum Glück waren meine Sorgen unbegründet. Klar, es gab hier gefährliche Tiere, aber wenn man wusste, wie man mit ihnen umzugehen hatte und die Augen und Ohren offenhielt, war das alles halb so wild. Zumal ich die meisten gefährlichen Tiere nie zu Gesicht bekommen würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und auch die Leute konnte ich nur als herzlich beschreiben. Bei meiner Landung hatte sich das ganze Dorf an der Landebahn versammelt, um mich zu begrüßen. Die Erwachsenen hatten gelacht, gewunken und mir die Hände geschüttelt, während die Kinder neugierig zu mir gerannt waren, um mir High-Fives zu geben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Dr. Harrison?“, hatte mich ein Mann begrüßt. Er hatte eine überraschend tiefe Stimme und sprach mit einem starken Akzent.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich bin noch keine Doktorin“, war meine Antwort gewesen. „Aber hoffentlich bald.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Daraufhin hatte der Mann mich breit angelächelt. „Dann sollten Sie sich an den Klang gewöhnen. Ich bin Bokungu, Ihr Guide. Es freut mich, Sie kennenzulernen, Dr. Harrison.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als Guide war es seine Aufgabe, Neuzugänge wie mich im Dorf abzuholen. Immerhin lag der Grund meiner Reise, ein Forschungscamp für Bonobos, etwa zwanzig Kilometer tiefer im Dschungel.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war ein anstrengender Fußweg gewesen. Wir folgten Trampelpfaden, kletterten über umgestürzte Bäume und wateten durch kniehohes Wasser. Zum Glück war das Wasser warm. Trotzdem war es am Anfang höchst ungewohnt, mit Schuhen, Socken und Hose durch den Bach zu wandern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz darauf durfte ich außerdem feststellen, dass die Kleidung wegen der hohen Luftfeuchtigkeit kaum trocknete. Aber man gewöhnt sich ehrlich gesagt daran. Es war ja nicht so, dass meine Kleidung nicht ohnehin schon vor lauter Schweiß völlig durchnässt an meinem Körper klebte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach einem halben Tagesmarsch und einer kurzen Strecke in einem Holzboot erreichten wir schließlich das Camp. Dort lernte ich den Rest des Teams kennen. Sie hatten mich aufgenommen, als wäre ich Teil ihrer Familie. Denn genau so fühlte es sich inzwischen an: wie eine Familie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dabei hätten viele von uns kaum unterschiedlicher sein können. In unserem Camp wohnte ein bunter Mix aus Einheimischen und Ausländern wie mir.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da war Brian, der Arzt unserer kleinen Gruppe. Er war Engländer, war aber schon viele Male hier im Dschungel gewesen. Er hatte diverse Gegengifte und Verbandszeug immer griffbereit. Nur für den Fall der Fälle.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem war da das Forscherteam, das die Bonobos, eine stark gefährdete Primatenart, untersuchte. Beziehungsweise waren es genau genommen zwei Forscherteams.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie hatten die wohl härteste Arbeit unserer ganzen Gruppe. Jeden Morgen machte sich eins der beiden Teams um etwa 3 Uhr auf den Weg, um zu den Bonobos zu gehen. Sie beobachteten sie, machten Notizen und begleiteten sie den kompletten Tag über, bis die Primaten am späten Abend wieder schlafen gingen. Am nächsten Tag stand schon das zweite Team bereit, um dieselbe Arbeit zu verrichten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war wichtig, dass sie die Bonobos nie aus den Augen verloren. Wenn die Primaten nicht schliefen, musste immer ein Forscherteam bei ihnen sein, damit wir die Gruppe nicht verloren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darüber hinaus gab es einige Leute, die das Camp in Schuss hielten und sich um neue Verpflegung kümmerten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Favorit unter ihnen – sagt das aber bitte nicht den anderen – war Bokungu. Er war ein schwarzer Mann, dessen tiefes, lautes Lachen man im ganzen Camp hören konnte. Seine Arbeit als Guide machte er unglaublich gut. Ich kannte niemanden, der sich so im Regenwald auskannte, wie er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem war er abergläubisch. Wobei … Ich sollte besser gläubig sagen, immerhin war es seine Religion. Er hatte uns von so vielen Geistern und Monstern erzählt, die im Dschungel hausten. Ich sog all seine Geschichten auf wie ein Schwamm. Nicht, dass ich auch nur an eine davon glauben würde, aber ich liebte es, seine Kultur auf diese Weise kennenzulernen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und dann war da natürlich noch ich: Mein Name ist Natalia Harrison, hoffentlich bald Dr. Natalia Harrison.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich war in die Demokratische Republik Kongo geflogen, um für meine Doktorarbeit Bonobos zu beobachten. Das Kongobecken ist der einzige Ort der Welt, an dem diese Primatenart lebt. Sie sind, zusammen mit den Schimpansen, der nächste Verwandte der Menschen. Sie teilen 98,7% unserer DNA.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Um genau zu sein, sind wir so nahe miteinander verwandt, dass wir eine medizinische Maske tragen müssen, wann immer wir uns den Bonobos nähern, damit wir keine Krankheiten an sie übertragen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich könnte euch jetzt so viel über die Bonobos erzählen. Zum Beispiel, dass sie in einem Matriarchat leben, ihre Anführer also weiblich waren. Im Gegensatz zu den Menschen und Schimpansen waren sie eine sanfte und friedliche Art – ihre Konflikte lösten sie oft mit einvernehmlichem Sex statt mit Gewalt. Das Geschlecht spielte dabei keine Rolle. Außerdem hatten sie eine trüffelartige Delikatesse, die sie im Regenwald suchten, ausgruben und aßen. Und das, obwohl er außer Natrium keinen wichtigen Nährwert für die Tiere brachte. Der trüffelartige Pilz Hysterangium bonobo war sogar nach ihnen benannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber die Bonobos sind nicht der Grund, warum ich diese Geschichte erzähle, warum ich euch mit in den Regenwald der Demokratischen Republik Kongo nehme.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es begann wie ein völlig normaler Tag im Dschungel. Um 3 Uhr klingelte der Wecker, der eines der beiden Forscherteams und mich in unseren regulären Arbeitstag schickte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Selbst in der Nacht wurde es nicht kalt im Kongobecken – selten fielen die Temperaturen unter 20 °C –, aber im Vergleich zur schwülen Tageshitze fand ich es angenehm erfrischend.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Dschungel begrüßte uns mit seiner nächtlichen Symphonie. Aus allen Richtungen zirpten Insekten, schrien nachtaktive Vögel und brüllten gelegentlich Affen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was nun folgte, war ein dreizig- bis vierzigminütiger Weg durch überwucherten Regenwald. Wir hielten uns an die Trampelpfade, wo wir nur konnten, aber die meiste Zeit mussten wir uns durch dichtestes Dickicht kämpfen. Das hatten wir den Bonobos zu verdanken, die sich vor wenigen Tagen entschieden hatten, tiefer in den Regenwald zu wandern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Lianen, gefallene Bäume und allerlei anderes Blattwerk versperrte uns den Weg, als würde es uns mit aller Macht am Durchkommen hindern wollen. Ohne unsere treuen Gartenscheren hätten die meisten von uns sicher schon lange aufgegeben. Ich hätte es jedenfalls.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Müde stolperte ich den anderen nach. Der Vorteil, wenn man so weit hinten lief, war, dass die meisten Lianen auf meinem Weg bereits durchtrennt waren. Trotzdem fand sich immer mal wieder eine Pflanze, in der auch ich mich verhedderte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bald mischte sich das Quaken unzähliger Frösche unter die wirre Soundkulisse. Wir näherten uns einem kleinen Bach, durch den wir ein gutes Stück hindurchwaten würden. Dort langzugehen war sehr viel weniger anstrengend.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem folgte kurz darauf eine alte Elefantenspur, die sich durch das Unterholz zog. Auch hier war das Vorankommen vergleichsweise einfach, bis wir wieder ins Unterholz abbiegen mussten, um zum Schlafplatz der Bonobos zu gelangen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Noch vor ein paar Wochen hatte ich mich gewundert, wie die Forscher sich hier draußen nicht regelmäßig verirrten. Aber mit der Zeit lernt man die Unterschiede: Man lernt, einen frischen Pfad von unberührter Wildnis zu unterscheiden, erkannte die durchtrennten Lianen unter all den gesunden Pflanzen und hatte seine Wegweiser wie z. B. den Elefantenpfad oder den Bach, an denen man sich orientieren konnte. Auch ich brauchte hier draußen nur noch selten meinen Kompass.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Nachtlager der Bonobos war alles ruhig. Sie schliefen hoch oben in den Bäumen, wo sie sich jeden Abend ein neues Schlafnest aus Ästen und Blättern bauten. Jeder Primat sein eigenes.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also machten wir es uns im Unterholz gemütlich. Zumindest so gemütlich, wie es möglich war. Wir packten unsere Ausrüstung aus, während die Bonobos langsam aus ihrem Schlaf erwachten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Guten Morgen, Mary-Ann“, hörte ich eine der anderen Forscherinnen sagen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sah auf. Sie hatte recht. Mary-Ann, die Anführerin der kleinen Bonobogruppe, kam gerade einen Baum heruntergeklettert. Schnell setzten wir unsere medizinischen Masken auf, um die Bonobos zu schützen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt begann unsere eigentliche Arbeit. Wir machten Notizen zum Verhalten der Bonobos, beobachteten sie, machten gelegentlich Fotos und hielten alles so detailliert fest, wie wir nur konnten. Oder besser gesagt taten das die anderen. Ich half ihnen zwar dabei, so gut ich konnte, aber mein primärer Fokus war meine Doktorarbeit. Ich möchte euch nicht mit den Details langweilen, doch es hatte mit der Ernährung der Bonobos im matriarchalen Hierarchiesystem zu tun.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Leider war heute keiner der angenehmsten Tage für die Bonobobeobachtung. Es gab kein Unwetter oder so etwas, aber dafür bekamen wir Besuch von einer der lästigsten Tierarten hier im Kongobecken: die Ostafrikanische Hochlandbiene. Zumindest, wenn man von meiner Erfahrung der letzten Wochen ausging.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Bienenart war hier im Kongobecken fast überall zu finden. Ich hatte schon einige Male die unangenehme Ehre, dieser Honigbienenart zu begegnen. Und wenn man eine von ihnen fand, blieben die anderen oft nicht fern. Sie liebten unseren Schweiß beziehungsweise die Salze darin. Und so besetzten sie oft scharenweise unsere Körper, um an ihre salzige Nahrungsquelle zu gelangen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber es gab auch einen kleinen Trost: Sie waren nicht aggressiv. Man konnte sie oft problemlos mit Blättern vom Körper schlagen, um sie loszuwerden. Das hieß aber nicht, dass sie nicht innerhalb kürzester Zeit wieder zurückkamen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und so dauerte es heute nicht lange, bis ich mich auf den Rückweg zum Camp machte. Ihr braucht euch darüber aber nicht wundern. Ich blieb selten den ganzen Tag bei den Forscherteams, da ich es bevorzugte, meine Notizen im Camp zu ordnen, wo ich einen Tisch und einen Stuhl hatte. Außerdem waren die Bienen ein wirklich gutes Argument, meine Untersuchungen heute frühzeitig zu beenden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also war ich bereits gegen Mittag auf dem Rückweg ins Camp. Die Luft war drückend schwül. Noch immer lief mir der Schweiß am ganzen Körper hinunter, aber immerhin waren hier keine Bienen mehr. Ich kämpfte mich zurück durchs Unterholz zum Elefantenpfad. Von dort aus ging es weiter, bis ich auf der linken Seite zerschnittene Lianen sah. Dann folgten wieder etwa drei Minuten Unterholz, ehe ich den Bach erreichen würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach fünf Minuten blieb ich stehen. Ich hätte den Bach schon lange erreichen müssen. War ich falsch abgebogen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Fast schon genervt kramte ich meinen Kompass aus der Seitentasche am Rucksack. Ich war mir sicher, dass ich in die richtige Richtung gegangen war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war ich nicht. Verdammt nochmal! Heute lief nichts so, wie es sollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz überlegte ich, ob ich zurückgehen solle. Aber nein. Ich war nur etwas zu weit nach rechts gegangen. Wenn ich mich jetzt Richtung Osten durch das Unterholz kämpfte, müsste ich so oder so zum Bach gelangen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wahrscheinlich wäre mein Plan aufgegangen. Ich war zwar mehr dabei, mich mit meiner Gartenschere durch Lianen zu schneiden, als zu gehen, doch ich kam langsam, aber sicher voran. In der Ferne konnte ich bald das Plätschern des Baches hören. Dann jedoch fiel mir auf, wie ungewöhnlich still es ansonsten war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eigentlich kann man überall im Dschungel Lärm hören. Zu jeder Tages- und Nachtzeit war man von einem Gewirr aus Blätterrascheln, Insektenzirpen und Tierstimmen umgeben. Hier jedoch wirkten die Geräusche fast dumpf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war mir unheimlich. Also beeilte ich mich. Ich zog sogar als zusätzliche Hilfe das Messer aus meiner Gürteltasche, um mich schneller durch die Lianen schneiden zu können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich kam nicht weit. Plötzlich erklang ein anderes Geräusch aus dem dichten Grün: das leise Klingeln einer Glocke.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort spitzte ich die Ohren. Mit gerunzelter Stirn stand ich da. Hatte ich mich geirrt? Aber nein! Da war es wieder.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hallo?“, rief ich laut. „Ist da jemand? Bonjour?“ Aber auf meine Rufe kam keine Antwort, außer einem weiteren leisen Klingeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mich überkam ein seltsames Gefühl. Ich konnte es nicht genauer beschreiben. Es war ein abgrundtiefes Verlangen, herauszufinden, was es mit dem Geräusch auf sich hatte. In dem Moment machte ich meine Forschernatur dafür verantwortlich, aber inzwischen weiß ich, dass es etwas anderes war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder arbeitete ich mich mit Messer und Gartenschere durch die Lianen und Blätter, diesmal auf das Geräusch zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es dauerte nicht lange, bis ich eine Lichtung erreichte. Sie war aber nicht von Sonnenlicht erhellt wie unser Camp, sondern lag unter einem dichten Blätterdach. Nur die Baumstämme und anderen Pflanzen wirkten hier unten, als würden sie einen Bogen um das kleine Fleckchen machen. Ich fragte mich, ob es an hartem Stein lag, der hier knapp unter der Oberfläche sein könnte, ähnlich wie in der Savanne.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment zog ein Rascheln vor mir meine Aufmerksamkeit auf sich. Die Pflanzen bewegten sich. Dort kam etwas aus dem Unterholz. Oder nein … Es war das Unterholz! Vor mir bewegte sich ein Wesen, das mit Gras und blättern überwuchert war. Es richtete sich auf zwei Beine auf, erreichte dabei eine stolze Höhe von einem Meter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst dachte ich, es sei ein Affe. Aber selbst im Gegensatz zu den Bonobos wirkte es dafür zu menschlich. Es hatte keine Haare an seinem Körper. An der Stelle, wo bei uns Menschen die Kopfhaare wuchsen, wuchs bei ihm Gras. Auch trug es Kleidung, die aus Blättern gefertigt war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und dann war da noch die kleine Glocke, die es in seiner klauenbesetzten Hand hielt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wusste sofort, was es war. Aber nicht aus dem Biologieunterricht oder meinen Recherchen zu der Fauna des Kongobeckens, sondern aus Bokungus Geschichten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er hatte mir von den Biloko erzählt. Zwergenhafte Wesen, die im Dschungel wohnen. Sie sollen die Geister der Ahnen von den Einheimischen sein oder irgend so ein Quatsch. Wie hatte er gesagt? Biloko seien böse Geister, die nichts lieber mögen als unser menschliches Fleisch. Der Klang ihrer Glocke könne uns völlig den Kopf verdrehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn ich also eine Sache aus seinen Erzählungen gelernt hatte, dann, dass ich hier schnellstens wegmusste! Zumindest hatte ich keine Lust, mein Leben zu riskieren, um herauszufinden, ob es stimmte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Panisch drehte ich mich um. „Hilfe!“, schrie ich aus voller Lunge. „Hiiiilfe!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber ich erreichte nicht einmal das Unterholz. Als ich gerade zwischen den Pflanzen verschwinden wollte, ertönte wieder dieses engelsgleiche Klingeln der Glocke, das mich mindestens so sehr anzog, wie unser Schweiß die afrikanischen Bienen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Langsam wandte ich mich dem Eloko – so hießen sie in der Einzahl – zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Bleib hier“, sagte er mit einer kindesgleichen Stimme.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Spätestens jetzt zog sich eine Gänsehaut über meinen gesamten Körper. Ich war gleichermaßen erschrocken wie fasziniert von diesem Wesen, das aus einem mir unerfindlichen Grund Englisch sprach.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Gib mir ein Stück von deinem saftigen Fleisch!“, fuhr es fort. Es untermalte den Befehl mit seiner Glocke.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wahrscheinlich denkt ihr jetzt, dass niemand solch einem wahnsinnigen Befehl nachgehen würde. Aber ich war von seiner Glocke verzaubert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie in Trance ließ ich meine Schere fallen. Ich setzte das Messer, das ich noch immer in der linken Hand hielt, an meinen rechten Arm. Ich zögerte nicht einmal eine Sekunde, ehe ich tief in mein Fleisch schnitt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Blut quoll aus der Wunde hervor. Ich wollte weiterschneiden, aber es gibt da eine Sache, die ich euch noch nicht erzählt hatte: Ich konnte kein Blut sehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Statt also dem Befehl des Eloko nachzukommen, erstarrte ich. Ich musste kreidebleich im Gesicht geworden sein. Im nächsten Moment kippte ich rücklings um.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich lag auf dem Rücken. Über mir ragten hohe Bäume empor. Alles drehte sich. Ich sah zahlreiche verschiedene Pflanzen und Lianen, starrte in ein dichtes Blätterdach, durch das ich den Himmel kaum sehen konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mir war so unglaublich schlecht. Wie viel Blut hatte ich bereits verloren? Mein Hinterkopf schmerzte von dem Sturz. Sollte das also das Letzte sein, was ich sah?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Na los, Frau!“, zischte mich eine Kinderstimme an. „Gib mir dein süßes, saftiges Fleisch!“ Dann ertönte wieder das sanfte Klingeln einer Glocke.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit aller Kraft versuchte ich, mich aufzurichten. Ich musste mein Messer wiederfinden, das ich fallengelassen hatte, musste seinem Befehl nachkommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch in dem Moment, als ich meinen Kopf hob, um mich umzusehen, fiel mein Blick wieder auf den Schnitt in meinem Arm. Das Blut, das daraus hervorquoll, hatte mein Hemd erreicht, das sich langsam vollsog. Warum musste ich heute nur weiß tragen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich ließ meinen Kopf zurückfallen. Nein. So leid es mir tat, wenn der Eloko ein Stück von mir wollte, musste er es sich selbst holen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also schloss ich die Augen. Wenn ich ihn schon nicht füttern konnte, wollte ich wenigstens keine Gegenwehr leisten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Dr. Harrison!“, hörte ich Bokungus Stimme in meinem Kopf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hatte keine Ahnung, warum ich in meinen letzten Momenten ausgerechnet an ihn dachte. Vielleicht, weil er mir von den Biloko erzählt hatte. Vielleicht, weil wir gute Freunde geworden waren, oder weil er mich an meinen Vater erinnerte. Er war hier draußen so etwas wie meine Bezugsperson geworden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Dr. Harrison!“, erklang seine Stimme erneut.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber Moment … Sie kam nicht aus meinem Kopf!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unter großer Anstrengung zwang ich mich, wieder die Augen zu öffnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Dr. Harrison, können Sie mich hören?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da war Bokungu. Er stand über mir, hatte sein eigenes Messer gezückt und richtete es auf den Eloko. In der anderen Hand hatte er irgendeinen hölzernen Gegenstand, den er mir entgegenhielt. „Nehmen Sie das. Schnell!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kraftlos streckte ich die Hand nach ihm aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Tu es nicht!“, rief der Eloko. Er klang wütend, klingelte jetzt wie wild mit seiner Glocke. „Nimm nichts von ihm an!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber es war zu spät. Ich hatte den Fetisch bereits mit der Hand umschlossen. Aber bitte denkt jetzt nicht an etwas Versautes. Fetische waren heilige Artefakte aus Afrika. Dieses hier war eine Holzstatue, die einen Menschen mit langem, maskenartigem Gesicht darstellte. Wahrscheinlich war es irgendein Schutzzauber.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf einmal war ich wieder klar im Kopf. Ich sah den Eloko, der inzwischen schrie und tobte, nicht länger als Kind, dem ich helfen musste, sondern als das, was er war: ein blutrünstiges Ungeheuer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem war mir noch immer schwindelig. Es dauerte eine ganze Weile, bis Bokungu mir auf die Beine geholfen hatte. Und auch dann musste er mich stützen, damit ich nicht wieder zusammenklappte, während er die ganze Zeit das Messer auf den Eloko gerichtet hielt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu meiner Überraschung griff das Wesen nicht an. Bokungu hatte erklärt, dass Biloko übermenschlich stark seien, aber anscheinend machte sie das nicht immun vor Messerklingen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hatte unterdessen den Fetisch in meine rechte Hand genommen, um mir mit der linken auf die Wunde zu pressen. Natürlich ohne sie anzusehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So gingen wir langsam rückwärts. Wir verließen die Lichtung, stolperten über Wurzeln, durch Blätter und Lianen. Bald näherten wir uns dem Bach. Aber erst, als wir im Wasser standen, traute Bokungu sich, das Messer sinken zu lassen. Er holte eine verpackte Mullbinde aus seinem Rucksack und band sie mir mit geschickten Griffen um den Arm.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wie hast du mich gefunden?“, fragte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bokungu sah mich an, während er die Wunde weiter verband. „Die Götter müssen mich geführt haben“, erklärte er. „Ich war auf dem Weg zu euch, wollte gerade aus dem Bach steigen, als ich dich rufen gehört habe.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Den restlichen Weg bis zum Camp – Bokungu wich dabei nicht mehr von meiner Seite – dachte ich über seine Worte nach. Die Götter … Früher hätte ich ihn für solch eine Aussage belächelt. Aber jetzt? Wenn die Biloko real waren, was von seinem Glauben stimmte dann noch?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zurück im Camp gingen wir sofort zu Brian, unserem Arzt. Die Anderen bekamen es natürlich mit. Sie waren sofort in hellem Aufruhr, sobald klar wurde, dass Brian meine Wunde nähen musste. Sie wollten wissen, was mir passiert war. Ich erzählte es ihnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die meisten glaubten mir nicht. Sie suchten nach logischeren Erklärungen: Ich sei dehydriert gewesen oder vergiftet, habe halluziniert. Sie waren Forschende, genau wie ich. Wenn ich ehrlich war, hätte ich die Geschichte wahrscheinlich selbst nicht geglaubt, wenn sie mir nicht widerfahren wäre.</p>



<p class="wp-block-paragraph">An ihrem Verhalten oder der Route zu den Bonobos änderten sie jedenfalls nichts. Es blieb also nur zu hoffen, dass niemand aus dem Forscherteam dem Eloko begegnen würde, bis die Bonobos weitergezogen waren. Denn noch einmal so viel Glück, dass ausgerechnet in dem Moment Bokungu auftauchen würde, hatte sicher niemand von ihnen.</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Biloko, in der Einzahl „Eloko“, sind Wesen aus der Folklore der Mongo, einem Volk, das in der Demokratischen Republik Kongo in Afrika lebt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mir ist dabei nicht ganz klar, ob ich sie als „<a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer">Monster</a>“ oder als „<a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister">Geister</a>“ einordnen soll. Mehr dazu aber weiter unten im Beitrag.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In den meisten Darstellungen sind Biloko zwergenhafte humanoide Wesen, manchmal mit tierischen Eigenschaften.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie besitzen keinerlei Haare am Körper. Stattdessen wächst ihnen Moos oder Gras aus der Haut, meist an den Stellen, wo man Kopfhaare und/oder einen Bart erwarten würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und auch ihre Kleidung besteht ausschließlich aus Pflanzen bzw. hauptsächlich aus Blättern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem sollen sie lange scharfe Krallen haben und einen Mund, den sie – ähnlich wie eine Schlange – ausrenken können, sodass sie ihn so weit aufbekommen, dass sie sogar einen ganzen Menschen verschlingen können sollen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Biloko gelten generell als bösartige Wesen, zumindest uns Menschen gegenüber. Gleichzeitig wird ihnen in einigen Legenden nachgesagt, Besitzer und/oder Beschützer des Regenwaldes zu sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darüber hinaus sollen sie Jagdtiere und die seltensten Früchte des Dschungels „sammeln“ bzw. schützen, was ihre Lebensräume besonders bei Jägern sehr beliebt machen soll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gerade Letzteres könnte auch eine Jagdstrategie der Biloko sein, da ihr Hauptnahrungsmittel, teilweise sogar ihr einziges Nahrungsmittel, Menschenfleisch sein soll. Sie sollen dabei besonders das Fleisch von Frauen mögen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem sollen sie die Stimme eines Kindes haben, mit der sie Menschen in die Irre führen können und dank der sie oft unterschätzt werden, und übermenschlich stark sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihre wohl gefürchtetste Jagdmethode ist jedoch eine magische Glocke, die sie immer bei sich tragen. Ihr Klang soll in der Lage sein, Menschen zu betören und zu beeinflussen. Sie soll dabei so mächtig sein, dass die Menschen sich freiwillig von den Biloko essen lassen oder gar ihr eigenes Fleisch abschneiden, um den Eloko damit zu füttern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Man soll sich jedoch mit Amuletten, Fetischen und anderen Schutzzaubern vor ihnen und der Wirkung ihrer Glocke schützen können, wodurch man ihren Lebensraum – mehr oder weniger sicher – durchqueren können soll.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Eloko sollen ausschließlich in den tiefsten Regenwäldern im Kongo leben. Dort wohnen sie angeblich in Baumhöhlen und hohlen Bäumen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Legenden über die Biloko wurden früher ausschließlich mündlich weitergegeben. Daher ist es heutzutage wahrscheinlich unmöglich, den genauen Ursprung der Wesen zu bestimmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt aber die Theorie, dass sie die Gefahr des Dschungels darstellen sollen. Sie könnten als eine Art Warnung dienen, sich nicht zu tief in den Urwald zu wagen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem finde ich eine Sache besonders interessant: Obwohl die Biloko definitiv als physische Wesen bzw. Kryptide angesehen werden, sollen sie gleichzeitig die Geister der Ahnen sein. Der Legende nach sind die Seelen der Verstorbenen, die z. B. einen grausamen Tod oder eine mangelhafte Bestattung erleidet haben, in Form der Biloko als Monster auf die Erde zurückgekehrt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Biloko in der Popkultur:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Besonders bekannt dürften Biloko aus der Welt des Pen and Paper Rollenspiels „Pathfinder“ sein, wo sie als bösartige Monster auftreten. Außerdem gibt es sie ebenfalls in dem weniger bekannten Pen and Paper Rollenspiel „White Wolf“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darüber hinaus haben sie Auftritte in diversen Romanen wie z. B. „A Song Below Water“ von Bethany C. Morrow, „Bacchanal“ von Veronica G. Henry oder der „Dark Star“-Trilogie von Marlon James.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem kommen sie in dem Jagd-Videospiel „theHunter: Call of the Wild“ bzw. in der Questreihe des DLC „Vurhonga Savanna“ vor, und es gibt einige Lieder über sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von den Biloko? Und wie würdet ihr reagieren, wenn ihr im tiefsten Regenwald eine Glocke hört? Würdet ihr versuchen, herauszufinden, wo das Geräusch herkommt? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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		<title>The Hairy Hands of Dartmoor – Sie sind in deinem Auto!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 13 Apr 2026 13:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Dann plötzlich schnallte Samuel sich bei voller Fahrt ab. Er rollte das Fenster runter. „Nun zeigt euch endlich, ihr scheiß Hände!“, schrie er in die Dunkelheit. „Damals habt ihr eure dreckigen Griffel doch auch nicht von meinem Lenkrad lassen können!“</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg02.met.vgwort.de/na/f43959949ce843a69b5e6769e0e4fd82" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">The Hairy Hands of Dartmoor ist eine Legende aus England. Sie handelt von einem Phänomen, das bereits zu diversen Auto- und Motorradunfällen auf der B3212 geführt haben soll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen (Achtung Spoiler!) </strong></summary>
<p>&#8211; Tod</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Sonne näherte sich bereits dem Horizont, als wir durch Dartmoor fuhren. Mein Mann Samuel war früher oft hier gewesen. Er hatte in der Nähe in einer Autowerkstatt gearbeitet. Für mich hingegen war es mein erster Besuch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Beifahrerfenster war halb heruntergelassen. Ich hielt mein Gesicht in den Fahrtwind. Gleichzeitig beobachtete ich einige Schafe, die auf den grünen Wiesen herumtollten, sich in die Schatten der wenigen Bäume drängten oder genüsslich am Grasen waren. Es war ein wirklich schöner Sommertag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war aber nicht der Grund, warum wir hier waren. Zumindest war es nicht der Grund, warum Samuel hier war. Er wollte mir oder vielleicht auch sich selbst etwas beweisen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bevor er damals aus der Gegend weggezogen war, hatte er einen Autounfall gehabt. Das wäre nicht weiter schlimm gewesen – ihm war nichts passiert und die Versicherung sprang für den größten Schaden ein –, hätte es sich nicht um das Auto eines Kunden gehandelt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihr könnt euch sicher vorstellen, wie eine Autowerkstatt darauf reagiert, wenn ein Angestellter bei einer Testfahrt ein Kundenauto zu Schrott fährt. Und wenn besagter Angestellter dann auch noch behauptet, es sei ein paranormales Phänomen gewesen, das ihn von der Straße gedrängt habe …</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Läuft die Kamera, Katie?“, fragte Samuel.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich seufzte. Dann drehte ich mich zum Rücksitz, um die Kamera einzuschalten. Wir hatten sie so angebracht, dass sowohl mein Mann als auch das Lenkrad gut auf dem Bild zu sehen waren. Gerade das Lenkrad war Samuel sehr wichtig gewesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Kamera läuft“, erklärte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was darauf folgte, waren die wohl langweiligsten Stunden meines Lebens. Am Anfang genoss ich es noch, beobachtete weiter die Felder, sah dem Himmel dabei zu, wie er sich langsam rot färbte und dann allmählich dunkel wurde. Aber wenn man mehrere Stunden dieselben 4 Meilen auf der B3212 zwischen Postbridge und Two Bridges hin und her und hin und her und hin und her fuhr, wurde selbst die schönste Natur irgendwann langweilig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und auch unser Gesprächsstoff war uns schon lange ausgegangen, weshalb wir nur noch schweigend nebeneinandersaßen und um die Wette gähnten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Vielleicht sollten wir langsam in den Gasthof fahren“, schlug ich vor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber Samuel blieb stur. „Bitte, Katie, nur noch ein paar Mal. Irgendwann müssen diese verdammten Hände doch auftauchen!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Oh. Stimmt. Das hatte ich ja noch gar nicht erzählt. Der Grund, warum mein Mann hier war. Es geht um die sogenannten Hairy Hands of Dartmoor. Sie sollen auf der B3212, auf der wir nun schon seit Stunden auf und abfuhren, ihr Unwesen treiben. Dabei handelt es sich um zwei geisterhafte Hände, die angeblich plötzlich an den Lenkrädern von Autos oder den Lenkstangen von Motorrädern auftauchen, die die B3212 entlangfuhren. Sie kämpften mit den Fahrzeugführenden um die Kontrolle über den Lenker, bis das Fahrzeug in den meisten Fällen verunglückte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihr könnt euch das Gesicht von Samuels Chef also sicher vorstellen, als er das als „Ausrede“ für seinen Unfall nannte. Und auch mein Gesicht war wohl nicht besser gewesen. Aber Samuel beharrte seit dem Vorfall darauf, dass er die Wahrheit gesagt habe.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Schafe waren inzwischen in ihre Nachtruhe übergegangen. Sie schreckten nicht einmal auf, wenn wir mit dem Auto direkt an ihnen vorbeifuhren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich muss schon sagen, dass die Straße sehr eng war. Und auch die zahlreichen Hügel, wie der, den wir gerade hinauffuhren, schränkten deutlich die Sicht ein. Bis man an der Spitze war, hatte man keinerlei Einblicke auf eventuelle Hindernisse oder den Gegenverkehr.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Besonders hinterlistig war die Stelle, der wir uns jetzt näherten. Direkt hinter dem Hügel war eine scharfe Linkskurve, die auf eine einspurige Brücke führte. Wenn man hier nicht aufpasste, konnte das sicher schnell zu einem Unfall führen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber wenn man die Gegend kannte, aufmerksam blieb und sich an die 40 Meilen pro Stunde – etwa 64 km/h –, hielt, war die Strecke eigentlich unbedenklich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Moment achtete ich aber gar nicht mehr auf die Straße. Ich hatte meinen Kopf an die Scheibe gelehnt und betrachtete gelangweilt den Sternenhimmel, den ich vorhin noch als atemberaubend bezeichnet hatte. Aber auch ihm wurde ich inzwischen überdrüssig. Gerade würde ich auf jeden Fall nichts lieber tun, als mir die Beine zu vertreten, ehe ich mich mit einer Tasse Tee oder vielleicht einem kalten Bier in irgendein gemütliches Etablissement setzte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Warum passiert denn nichts?“, schimpfte Samuel leise.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Das</em> fragte ich mich allerdings auch. Wieso gab er es nicht endlich auf?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann plötzlich schnallte Samuel sich bei voller Fahrt ab. Er rollte das Fenster runter. „Nun zeigt euch endlich, ihr scheiß Hände!“, schrie er in die Dunkelheit. „Damals habt ihr eure dreckigen Griffel doch auch nicht von meinem Lenkrad lassen können!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu allem Überdruss trat er auch noch das Gaspedal voll durch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wurde nach hinten in den Sitz gedrückt. „Samuel! Fahr langsamer!“, schrie ich ihn an, während ich mich mit der linken Hand an der Autotür und der rechten im Sitz festkrallte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber mein Mann dachte gar nicht daran. Er donnerte mit über 150 Sachen über den Asphalt. Bei einigen Hügeln kam es mir sogar so vor, als würden die Reifen den Boden verlassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hatte Todesangst. Und auch ein Auto, das uns entgegenkam, fuhr fast in den Graben. Es war wie wild am Hupen, während wir daran vorbeirasten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei jedem Hügel und jeder kleinsten Kurve sah ich mein Leben an mir vorbeiziehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber zum Glück dauern 4 Meilen mit 150 km/h nicht sonderlich lange. Nach etwa zwei Minuten purem Adrenalinrausch wurde Samuel endlich langsamer. An der gewohnten Stelle setzte er zum Wenden an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Halt an!“, kreischte ich jetzt. „Halt sofort den Wagen an!“ Ich klammerte mich noch immer im Auto fest. Mein Herz raste. Meine Atmung ging so stoßweise, dass ich Angst hatte, nicht genug Sauerstoff zu bekommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zum Glück hörte Samuel diesmal auf mich. Noch bevor er den Wagen ganz gehalten hatte, schnallte ich mich ab, öffnete die Autotür und stieg mit zittrigen Knien aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was machst du?“, fragte Samuel laut. „Katie, wo willst du hin?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich geh zurück zum Hotel!“, schrie ich ihn an. „Aber zuerst brauch ich ein kaltes Bier, um meine Nerven zu beruhigen!“ Mit noch immer zittrigen Beinen stapfte ich am Wegesrand entlang.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Samuel holte mich ein. Er fuhr in Schrittgeschwindigkeit neben mir her. „Katie, es tut mir leid“, entschuldigte er sich. „Bitte. Steig wieder ein. Wir fahren zusammen zurück zum Hotel. In einer normalen Geschwindigkeit.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nur zögerlich stieg ich zurück in sein Auto. Aber tatsächlich hielt er sich daran. Es dauerte nicht lange, bis wir mit je einem kühlen Bier im Barbereich unseres Hotels saßen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was hast du dir dabei eigentlich erhofft?“, fragte ich. „Wie ein Wahnsinniger über die Straße zu brettern. Selbst, wenn wir mal annehmen, dass die Hände echt wären …“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sie sind echt!“, unterbrach er mich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Gut. Selbst, wenn die Hände echt sind, was hättest du dann getan, wenn sie dir ins Lenkrad gegriffen hätten? Den Unfall hätten wir beide nicht überlebt!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Daraufhin wurde Samuel sehr still. „Tut mir leid“, sagte er leise. „Ich hab nicht nachgedacht.“ Er nahm einen großen Schluck von seinem Bier.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber während unsere Stimmung am Anfang noch angespannt war, wurden wir mit steigendem Alkoholpegel immer lockerer. Wir waren nicht wirklich betrunken, aber das Bier half uns, zumindest etwas besser drauf zu sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du hättest damals dabei sein müssen!“, erklärte er. „Ich hab mega Schiss gehabt, als da plötzlich diese Hände an dem Lenkrad waren!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wusste allerdings noch immer nicht, ob ich ihm glauben sollte. Normalerweise schwieg ich darüber, aber heute machte mich das Bier etwas leichtsinniger. „Und das hatte sicher nichts damit zu tun, dass du eine Testfahrt in einem Sportwagen machen solltest und etwas schnell gefahren bist?“, hakte ich nach.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was willst du damit sagen?“ Samuel sah fast wütend aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Na ja … wäre es nicht vielleicht … ganz eventuell … theoretisch möglich, dass du dich geirrt hast?“, fragte ich. „Vielleicht war es auch ein Sekundenschlaf. Kann man dabei träumen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber Samuel wollte davon nichts hören. „Sag mal, spinnst du jetzt?“, fuhr er mich an. „Bisher konnte ich mich wenigstens immer auf dich verlassen. Auf meine eigene Frau. Wieso fällst du mir jetzt in den Rücken?“ Wütend sprang er auf und ging Richtung Ausgang.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Baby! So war das nicht gemein!“, rief ich ihm nach. „Warte doch!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber er wurde nicht einmal langsamer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hektisch kramte ich einige Scheine aus meinem Portemonnaie und drückte sie dem verdutzten Mann an der Bar in die Hand. Dass ich dabei ein etwas zu großzügiges Trinkgeld gab, war mir im Moment egal.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schnell rannte ich Samuel nach. Er war aber nicht auf dem Weg in unser Zimmer, wie ich erst gedacht hatte, sondern ging nach draußen zu den Parkplätzen. Er wird doch nicht …?!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sprintete ihm hinterher nach draußen. Tatsache: Samuel saß wieder am Steuer seines Autos. Der Motor lief bereits.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Samuel, Stopp!“, schrie ich ihn an. „Du bist betrunken! So darfst du nicht fahren!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gut. Betrunken war vielleicht das falsche Wort. Aber er war auf alle Fälle angetrunken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch entweder hörte mein Mann mich nicht, oder er wollte mich nicht hören. Er warf mir bloß einen fast schon genervten Blick zu, ehe er mit quietschenden Reifen zurück Richtung B3212 losraste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war das letzte Mal, dass ich Samuel lebend gesehen hatte. Wir waren in einem Streit auseinandergegangen. Innerhalb der nächsten Minuten baute er einen tödlichen Unfall.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wusste nicht, woran es lag. Daran, dass er aufgebracht Auto fuhr, oder am Alkohol. Vielleicht sogar eine Mischung aus beidem. Ich gab mir die Schuld. Und es sollte noch viele Jahre dauern, bis ich mir verzeihen konnte. Warum hatte ich damals nicht einfach die Klappe gehalten?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war zumindest, bis ich mir die Aufnahmen von jenem Abend noch einmal ansah. Es war ein sentimentaler Moment. Ich wollte meinen Ehemann wiedersehen. Also sichtete ich diverse Stunden Filmmaterial und unzählige SD-Karten, die ich je während der Fahrt ausgetauscht hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Tränen rannen mir über die Wangen, als ich den Moment noch einmal erleben musste, als Samuel die Beherrschung verlor. „Nun zeigt euch endlich, ihr scheiß Hände! Damals habt ihr eure dreckigen Griffel doch auch nicht von meinem Lenkrad lassen können!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich ließ die folgenden Minuten im Schnelldurchlauf über den Monitor laufen, wollte nicht noch einmal sehen, wie wir uns stritten, ehe er uns zur Kneipe fuhr.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich gerade dachte, die Aufnahme sei zu Ende, folgte völlig unerwartet ein weiteres Bild. Es zeigte Samuel, der die Kamera einschaltete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Verdammtes Drecksding, geh an!“, grummelte er. Er klang angetrunken. „Geht doch.“ Dann wandte er sich wieder der Straße zu. Ohne sich anzuschnallen – diesmal hatte er es wahrscheinlich wirklich vergessen – fuhr er los. Es folgte die vertraute Strecke, die ich heute bereits unzählige Male gesehen hatte. Obwohl … Bei der Dunkelheit sah ich die Straße kaum. Es gab dort keine Straßenlaternen, weshalb das einzige Licht Samuels Scheinwerfer waren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Auto fuhr viel zu schnell. Irgendwann geriet Samuel von der Straße ab. Kurz darauf überschlug sich das Auto mehrere Male. Die Kamera löste sich aus der Halterung und die Aufnahme brach ab.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich starrte jetzt jedoch mit gerunzelter Stirn auf den Bildschirm, hatte nicht einmal weggesehen, als mein Mann den tödlichen Unfall baute. War da gerade …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schnell spulte ich zurück bis kurz vor dem Unfall. Ich drückte auf Play. Diesmal pausierte ich aber, kurz bevor Samuel von der Straße abkam.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ungläubig starrte ich das Standbild an. Dort, direkt neben Samuels eigener, befand sich eine zweite linke Hand am Lenkrad. Sie hatte keinen Arm, an dem sie befestigt war. Außerdem war sie unglaublich haarig.</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">The Hairy Hands of Dartmoor (Englisch für „Die Haarigen Hände von Dartmoor“), manchmal auch „The Hairy Hands of Devon“ oder nur „Hairy Hands“ genannt, ist eine <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden">Legende</a> aus Dartmoor, einem Nationalpark in Devon, England.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Legende zufolge soll, besonders im 20. Jahrhundert, ein Paar haarige körperlose Hände zu mehreren Auto- und Motorradunfällen in der Gegend geführt haben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt zwei Arten von Begegnungen mit den Hairy Hands of Dartmoor. Bei der einen sind die Hände unsichtbar.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sind die Hairy Hands hingegen sichtbar, so soll es sich laut Augenzeugen um eine oder zwei große haarige Hände handeln, die körperlos an dem Lenker, Lenkrad oder der Scheibe erscheinen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Normalfall werden sie als menschlich oder menschenähnlich beschrieben, ich habe aber auch einen Augenzeugenbericht gelesen, in dem es hieß, dass sich zwei haarige Pfoten um den Lenker gelegt hätten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Entstehung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wie die Hairy Hands of Dartmoor entstanden sein sollen, unterscheidet sich je nach Version der Legende. Bei meiner Recherche habe ich drei Versionen gefunden, die wohl sehr geläufig sein sollen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der ersten Version sollen die Hairy Hands selbst der <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister">Geist</a> eines Verunglückten sein, der auf derselben Straße, wo sie erscheinen, gestorben sein soll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Laut der zweiten Version handele es sich bei ihnen um den Geist eines (meist geisteskranken) Häftlings, der im nahegelegenen His Majesty’s Prison Dartmoor gestorben sein soll. Das HMP Dartmoor war eine der ältesten Haftanstalten Englands, ehe es im Jahr 2024 geschlossen wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die dritte Version der Legende bezieht sich hingegen auf eine Pulverfabrik, von denen es einige in Dartmoor gab. Angeblich sei es darin eines Tages zu einer Explosion gekommen, bei der einer der Arbeiter gestorben sei. Es seien nur seine großen haarigen Hände übriggeblieben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Hairy Hands of Dartmoor tauchen fast ausschließlich während der Fahrt in einem Auto oder auf einem Motorrad auf. Es gibt aber auch zwei Berichte, bei denen sie bei einem stehenden Fahrzeug gesehen wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn sie während der Fahrt auftauchen, sollen sie jedenfalls dem Fahrenden ins Lenkrad bzw. den Lenker greifen und versuchen, ihn von der Straße abzubringen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dabei gab es verschiedene Berichte von unsichtbaren Händen, die am Lenker gezerrt haben, aber auch von sichtbaren haarigen Händen, die plötzlich am Lenkrad oder über den Händen der Fahrenden aufgetaucht sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sobald man es schafft, das Fahrzeug anzuhalten, oder einen Unfall baut, sollen die Hände wieder spurlos verschwinden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem soll es vorkommen können, dass das Fahrzeug beim Erscheinen der Hände plötzlich beschleunigt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie bereits erwähnt gibt es darüber hinaus mindestens zwei Berichte, in denen die Hände bei einem stehenden Fahrzeug aufgetaucht sind. Mehr dazu erfahrt ihr unter Ursprung.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">The Hairy Hands of Dartmoor sollen ausschließlich im Nationalpark Dartmoor auftauchen. Fast alle Berichte erzählen davon, dass sich die Vorfälle auf der B3212 zugetragen haben sollen, besonders im Abschnitt zwischen Postbridge und Two Bridges.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die erste bekannte Begegnung mit den Hairy Hands of Dartmoor passierte im Juni 1921. Damals fuhr Dr. Ernest Hasler Helby, ein Doktor im nahegelegenen Gefängnis HMP Dartmoor, am Abend mit seinem Motorrad die B3212 entlang, als er plötzlich von der Straße abgekommen ist. Im Beiwagen des Motorrads saßen seine beiden jungen Töchter. Seinen Töchtern zufolge habe er auf einmal angefangen, über die Kontrolle mit dem Lenker zu kämpfen, woraufhin er sie anschrie, dass sie abspringen sollen. Dr. Helby hat den Unfall nicht überlebt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Noch im selben Jahr gab es zwei weitere unerklärliche Unfälle. Bei einem hat ein Busfahrer die Kontrolle über seinen Bus verloren – angeblich habe es sich so angefühlt, als würde jemand den Lenker beiseite reißen –, bei dem anderen soll ein Motorradfahrer die Kontrolle verloren haben. Die Person auf dem Soziussitz (dem „Rücksitz“ eines Motorrads) berichtete, dass sie eine große haarige Hand am Lenker gesehen habe, während der Fahrer um die Kontrolle kämpfte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anschließend sollen mehrere Zeitungsartikel über die Vorfälle veröffentlicht worden sein. Es soll sogar einen Artikel in einer Londoner Zeitung gegeben haben. So haben die Hairy Hands of Dartmoor schließlich nationale Bekanntheit erreicht. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis es weitere angebliche Vorfälle gab. Die meisten von ihnen liefen ähnlich ab, wie die bisherigen Unfälle. Auch heutzutage soll es noch zu solchen Vorfällen kommen.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Zwei Fälle bei stehenden Autos:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Zwei Ereignisse stechen jedoch hervor: 1924 soll ein campendes Ehepaar in der Gegend eine Begegnung mit den Hairy Hands gehabt haben, jedoch nicht während der Fahrt. Die Ehefrau ist nachts wach geworden, soll eine haarige Hand am Wohnwagenfenster gesehen haben, die laut ihrer Aussage, ihr und ihrem Mann etwas Böses antun wollte. Sie machte ein Kreuzzeichen mit den Fingern und die Hand sei verschwunden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein ähnlicher Fall trug sich 1962 zu, als eine Frau auf der Straße anhielt, um auf die Karte zu sehen. Als sie von der Karte aufsah, habe sie zwei haarige Hände gesehen, die sich von außen an ihre Windschutzscheibe gepresst hätten.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Erklärungsversuche:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Natürlich gibt es auch viele nicht-übernatürliche Erklärungsversuche, wieso es zu den zahlreichen Unfällen auf der B3212 gekommen sei.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zum einen hat die Straße zwei scharfe Kurven, die gerade Touristen und ortsfremde Personen häufig unterschätzen (es ist sogar möglich, dass es früher noch mehr Kurven gab, bis die Straße irgendwann ausgebessert wurde). Sie fahren zu schnell auf der engen, nicht beleuchteten Straße, weshalb es zu den zahlreichen Unfällen käme.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein weiterer Erklärungsversuch hat mit dem Zustand der Straße zu tun, der nicht an allen Stellen optimal sei. Straßenschäden, Hubbel und Absenkungen im Asphalt sollen auf der B3212 keine Seltenheit gewesen sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erschwerend kommt zu diesen beiden Erklärungen hinzu, dass es aufgrund der Landschaft in Dartmoor oft Nebel gibt, der die Sicht auf die Straße beeinträchtigt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Hinweis, dass einer oder wahrscheinlich eine Kombination dieser Faktoren tatsächlich Schuld an den vermehrten Unfällen sein dürfte, ist, dass die Unfälle nach einigen Reparaturen und Ausbesserungen der Straße deutlich abgenommen haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Allerdings erklärt natürlich nichts hiervon die optische Erscheinung der haarigen Hände, von denen viele Verunglückte berichtet haben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">The Hairy Hands of Dartmoor in der Popkultur:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt einen 12-minütigen Kurzfilm namens „The Hairy Hands“ (2010), geschrieben und produziert von Ashley Thorpe, der von der Legende handelt. Ich würde ihn allerdings fast schon als Kunstfilm einordnen, aufgrund der Art, wie er gedreht wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darüber hinaus gibt es die „Audio Experience“ Hairy Hands FM, die ihr selbst mit eurem Smartphone und einem Paar Kopfhörer erleben könnt. Ich würde jedoch nicht unbedingt sagen, dass ich sie empfehlen kann, da sie meiner Meinung nach weder sonderlich gut gemacht noch in irgendeiner Weise akkurat in Bezug auf die tatsächliche Legende ist. Falls ihr trotzdem etwa 20 Minuten eurer Zeit dafür opfern wollt, findet ihr sie <a href="https://chronicinsanity.itch.io/hairy-hands-fm" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Hier</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem gibt es diverse YouTube-Videos und Podcasts, die sich mit der Legende beschäftigen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weitere Auftritte der Hairy Hands of Dartmoor in Filmen, Serien oder Videospielen sind mir jedoch nicht bekannt. Solltest du irgendetwas in die Richtung kennen, würde ich mich sehr über einen Kommentar freuen!</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von den Hairy Hands of Dartmoor? Glaubt ihr, an der Legende könnte etwas dran sein? Oder sind eher die Straßenlage und Fehler von den Fahrzeugführenden schuld? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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		<title>Hone-Onna – Ihre Liebe bringt dich um!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 30 Mar 2026 13:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Ich warf den Kopf nach links und rechts. Wo war ich hier? Ich stand in einer Gasse. In beide Richtungen sah ich Reihen von altmodischen Häuschen und Mauern, die vom warmen Licht mehrerer Laternen beleuchtet wurden. Ich hatte keine Ahnung, wie ich hergekommen war. Was passierte nur mit mir …</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg02.met.vgwort.de/na/37e39f7454054e94ac03577dbaaea142" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Die Hone-Onna ist ein japanischer Geist. Tatsächlich ist auf meinem Blog in einer anderen Geschichte schon einmal eine Hone-Onna vorgekommen. Um welche Geschichte es sich dabei handelt, erfahrt ihr in diesem Beitrag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen (Achtung Spoiler!) </strong></summary>
<p>&#8211; Tod einer geliebten Person<br>
&#8211; Krankheit: MS</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Ich warf den Kopf nach links und rechts. Wo war ich hier? Ich stand in einer Gasse. In beide Richtungen sah ich Reihen von altmodischen Häuschen und Mauern, die vom warmen Licht mehrerer Laternen beleuchtet wurden. Zwischen ihnen gab es fast keine Gassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war eine typische japanische Altstadt. Alles kam mir seltsam vertraut vor, aber ich wusste beim besten Willen nicht, woher. Ich konnte mich an fast nichts erinnern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Verunsichert sah ich an mir hinab. Ich trug einen traditionellen Kimono. Es war mein Kimono. So viel wusste ich. Aber normalerweise trug ich ihn nur zu feierlichen Anlässen. Ansonsten hatte ich … ja, ich erinnerte mich an einen grauen Pulli, den ich oft getragen hatte. Er brachte noch eine weitere Erinnerung mit sich, aber als ich mich darauf konzentrierte, war sie bereits wieder verschwunden. Was passierte nur mit mir?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da mir nichts anderes übrigblieb, entschied ich, die Gasse entlangzugehen. Zum Glück spendeten die Laternen genügend Licht, sodass die nächtliche Straße ausreichend beleuchtet war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schnell setzte ich einen Fuß vor den anderen. Meine Geta – die Holzsandalen, die man traditionell zum Kimono trug – klackten mit jedem Schritt über die Pflastersteine.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich die Straße entlangging, versuchte ich krampfhaft, mich an irgendetwas zu erinnern. Aber ich wusste nicht einmal meinen eigenen Namen. Und auch die Umgebung weckte keinerlei Erinnerungen. Zumindest, bis ich an eine Kreuzung kam. Ich stockte. Zwar wusste ich immer noch nicht, wo ich war, aber irgendetwas in mir wollte, dass ich links abbog. Es war mehr ein Gefühl. Als wäre ich diese Straße irgendwann schon einmal entlanggegangen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es dauerte nicht lange, bis ich die Altstadt hinter mir gelassen hatte. Jetzt wurden die traditionellen Häuser durch moderne Gebäude und gelegentliche Neonschilder abgelöst. Das Gute war: Die Gegend kam mir mehr und mehr bekannt vor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich beschleunigte meine Schritte, merkte es aber erst, als ich in ein Joggen übergegangen war. Ich wusste, wo ich war! Die Straße runter, hinter dem kleinen Ramenrestaurant rechts, dann an dem Konbini vorbei und weiter in die Wohngegend.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf dem gesamten Weg begegneten mir nur eine Handvoll Leute. Ich kannte sie nicht, also ignorierte ich sie. Und auch sie schenkten mir keine weitere Beachtung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann endlich stand ich vor einem zweistöckigen Haus. Ich hatte keine Ahnung, warum mir das Gebäude so vertraut vorkam. Meine Füße trugen mich wie von selbst die außen liegende Treppe hinauf. Ich ging einen schmalen Gang entlang, zu meiner Linken mehrere Wohnungen, zu meiner Rechten nur ein Geländer. Ich war hier schon oft gewesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich eine Frau erblickte, die gerade aus einer Tür kam, blieb ich stehen. Und auch sie hielt mitten in der Bewegung inne. Sie war alt, hatte ein faltiges, wenn auch freundliches Gesicht. Ihre grauen Haare trug sie zu einem Dutt gebunden. Ich kannte die Frau! Aber woher? Und wie war ihr Name?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da es mir nicht einfiel, versuchte ich es mit einem einfachen: „Guten Abend.“ Dabei tat ich einen Schritt auf sie zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das hingegen schien der Frau nicht zu passen. Mit einer Geschwindigkeit, die ich ihr in ihrem Alter kaum zugetraut hätte, sprintete sie in ihre Wohnung zurück. Die Tür schloss sie hastig hinter sich. Ich hörte das mechanische Klicken eines Schlosses, das abgeschlossen wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt stand ich mit offenem Mund da. Was war gerade passiert? Aber als mein Blick auf die Wohnung eine Tür weiter fiel, war das alles nicht mehr wichtig. Ich kannte die Wohnung. Ein plötzliches Gefühl von Wärme stieg in mir auf. Es war so überwältigend, dass es mich zu erdrücken drohte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Atem ging jetzt schnell und stoßweise, während ich auf die Wohnungstür zuging. Wie oft ich schon hier gewesen war … Es kam mir vor wie mein zweites Zuhause. Ohne zu zögern, betätigte ich die Klingel. Ich brauchte nicht einmal hinzusehen, um zu wissen, dass „Osaki“ auf dem Schild darunter stand. Anschließend klopfte ich ungeduldig an der Tür.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ist gut“, kam eine Stimme von drinnen. „Ich komm ja schon. Ich komm ja schon!“ Es war <em>seine</em> Stimme.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment öffnete er die Tür.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er sah mich mit offenem Mund an, erstarrte dabei genauso wie die Frau eben auf dem Flur. Erst runzelte er die Stirn, dann wurde seine Miene weicher.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hingegen spürte, wie mir jetzt Tränen in die Augen stiegen. „Hey, Taro“, sagte ich. Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Masami?“, kam es von ihm zurück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Augenblick lagen wir einander in den Armen. Jetzt weinten wir beide. Kurz drückte Taro mich weg, um mich anzusehen, dann schloss er mich wieder fest in die Arme. „Ich versteh das nicht“, schluchzte er. „Ich dachte, du bist tot.“</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einige Minuten später saßen wir aneinandergekuschelt in seinem Wohnzimmer. Je mehr ich mich umsah, desto mehr erinnerte ich mich an alles. Taro und ich waren seit über drei Jahren ein Paar, aber wir kannten uns schon sehr viel länger. Wir waren sogar zur selben Schule gegangen. Alles war perfekt gewesen, bis …</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich hatte einen Unfall“, dachte ich laut.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Taro nickte. „Als man dein Auto gefunden hat, war es völlig ausgebrannt“, erklärte er. „Die Person am Steuer war bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Wir dachten, du seist tot. Was ist passiert?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich versuchte, mich zu erinnern. Da war ein helles Licht. Scheinwerfer aus dem Gegenverkehr. Aber danach? „Ich erinnere mich nicht.“ Ich fasste mir an den Kopf. Darüber nachzudenken bereitete mir Kopfschmerzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Taro drückte mich fest an sich. „He“, sagte er. „Alles wird gut. Wir finden das schon heraus. Gemeinsam. Dafür haben wir jetzt alle Zeit der Welt. Im Moment ist erstmal wichtig, dass es dir gutgeht.“ Er lehnte sich zu mir, um mir einen leidenschaftlichen Kuss zu geben.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am nächsten Morgen wachte ich neben Taro im Bett auf. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, weshalb ich seine Umrisse nur im Halbdunkel einer Straßenlaterne erahnen konnte, deren Licht durchs Fenster fiel. Dafür spürte ich seine Wärme, roch seine Haut. Es fühlte sich alles so verdammt richtig an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem musste ich aufstehen. Ich konnte es nicht erklären, aber es war ein Gefühl, eher schon ein tiefsitzender Instinkt, dass ich irgendwo sein musste. Also löste ich mich vorsichtig von ihm.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich ging zu unserem Kleiderschrank. Zu meiner Überraschung waren meine Sachen, die ich damals bei ihm gelassen hatte, noch immer hier. Frische Unterwäsche, eine Jeans, mehrere T-Shirts und … mein Pullover!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ungläubig griff ich danach. Er hatte in abgeblätterten weißen Lettern den Namen meiner Uni aufgedruckt. Ich versenkte mein Gesicht in dem grauen Stoff. Er roch nach Taro. Natürlich tat er das. Seit meinem Unfall hatte er in seiner Wohnung gelegen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gut gelaunt zog ich mich an. Als ich in den Pullover schlüpfte, hatte ich ein breites Lächeln auf dem Gesicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich ging hinter mir das Licht an. „Musst du weg?“, fragte Taro verschlafen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich fuhr herum. Mein Freund lag noch im Bett. Seine schwarzen Haare standen wirr in alle Richtungen. Er rieb sich Schlaf aus den Augen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ja“, sagte ich. „Ich hab noch was zu erledigen. Aber heute Abend bin ich wieder hier. Versprochen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Taro fragte nicht weiter nach. Also ging ich zu ihm und gab ihm einen Kuss. Er erwiderte ihn. „Ich werde auf dich warten“, sagte er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich lächelte. Dann drehte ich mich um und ging wieder aus der Wohnung. Ich ging denselben Weg zurück, den ich gekommen war. Dabei musste ich nicht einmal nachdenken. Meine Füße bewegten sich wie von selbst. Ich folgte meinen Instinkten zurück in die Altstadt. Doch während die Sonne langsam aufging, umgab mich allmählich Dunkelheit. Ich hatte keine Ahnung, was mit mir passierte, aber ich spürte keine Angst. Dann war da nur noch Schwärze.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich wieder zu mir kam, war die Sonne bereits untergegangen. Es war Abend. Ich hatte keine Ahnung, was in der Zwischenzeit passiert war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie auch am Tag zuvor stand ich wieder in der Altstadt, nur, dass ich diesmal wusste, wo ich hinwollte. Ich rannte durch die Straßen, konnte es gar nicht erwarten, Taro wiederzusehen. Bald hatte ich die Altstadt hinter mir gelassen, eilte zwischen den mit Neonschildern behangenen Läden hindurch und war bereits nach wenigen Minuten wieder bei Taros Wohnhaus angekommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dort ging ich mit schnellen Schritten die Treppen rauf. Ich rannte den vertrauten Gang zwischen Geländer und Wohnungstüren entlang. Bei der Wohnung der alten Frau, die gestern so komisch reagiert hatte, blieb ich stehen. Verwundert sah ich zu ihrer Tür. Sie war nicht ganz geschlossen. Stattdessen konnte ich erkennen, wie ihr faltiges Gesicht mich durch den mit einer Türkette gesicherten Spalt anstarrte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sobald sie meinen Blick bemerkte, knallte sie die Tür zu. Wieder hörte ich, wie ein Schlüssel im Schloss herumgedreht wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Warum verhielt sie sich so? Hatte ich ihr etwas getan? Ich konnte mich nicht erinnern. In meinem Gedächtnis war sie eine liebenswerte ältere Dame gewesen, der Taro und ich oft bei den Einkäufen geholfen hatten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kopfschüttelnd ging ich weiter zu Taros Wohnung. Dort erwartete mich bereits die nächste Überraschung: Als Taro mir öffnete, hielt er mir einen bunten Blumenstrauß entgegen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Für dich“, sagte er, ehe er mich mit einem Kuss begrüßte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dabei bemerkte ich, dass er humpelte. „Alles in Ordnung?“, fragte ich schnell.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber Taro schüttelte nur den Kopf. „Mach dir keine Sorgen“, versuchte er, mich zu beruhigen. „Meine MS meldet sich nur mal wieder zu Wort.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Seine Multiple Sklerose. Ich erinnerte mich. Aber eigentlich hatte er die Schübe doch mit seinen Medikamenten in den Griff bekommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Besorgt half ich ihm zum Sofa, wo wir die Blumen in eine Vase stellten. Meine Sorge war jedoch nur von kurzer Dauer. Nicht nur, dass Taro sich nicht wirklich darüber Gedanken machte, ich war bereits wieder von einem Gefühl der Glückseligkeit umgeben, während ich in seinen Armen lag. Bei ihm zu sein, mit ihm die Nächte zu verbringen war das schönste Gefühl, das ich mir vorstellen konnte.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am nächsten Morgen schlich ich mich wieder aus dem Bett. Anscheinend hatte Taro einen leichten Schlaf entwickelt, denn auch an diesem Morgen ging hinter mir das Licht an, während ich mich anzog.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Musst du wieder arbeiten?“, fragte Taro.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hielt in der Bewegung inne. Ich hatte nie behauptet, dass ich arbeiten müsste. Aber … was tat ich eigentlich den ganzen Tag? Ich wusste es nicht. Also nickte ich. „Ja“, sagte ich knapp. Anschließend verabschiedete ich mich mit einem langen Kuss. „Wir sehen uns heute Abend“, sagte ich, ehe ich mit schlechtem Gewissen zurück Richtung Altstadt ging.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Warum hatte ich gelogen, hatte ihm nicht gesagt, dass ich nicht arbeiten ging? Es gab keinen Grund dazu. Andererseits wollte ich nicht, dass sich irgendetwas änderte. Wie es gerade zwischen uns lief, war perfekt. Ich wollte nicht, dass er mir nachspioniert. Auch spürte ich keinerlei Verlangen, herauszufinden, was mit mir los war. Ich war glücklich, wollte einfach nur bei Taro sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was konnte eine kleine Notlüge da also schaden?</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die folgenden Tage verliefen sehr ähnlich. Während ich tagsüber völlige Blackouts hatte, verbrachte ich die Nächte bei Taro. Seine Nachbarin traf ich dabei nicht mehr, obwohl ich gestehen muss, dass ich mich beobachtet fühlte, wann immer ich an ihrem Türspion vorbeiging.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine andere Sache war Taros Gesundheitszustand. Seine Beine schienen immer schwächer zu werden. Inzwischen hatte er sogar seine alte Gehhilfe wieder herausgekramt, um sich einfacher durchs Haus bewegen zu können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Normalerweise hätte ich ihn deswegen schon lange zum Arzt geschickt. Aber ich wollte nicht, dass er ins Krankenhaus ging. Es war egoistisch, ich weiß, aber es gab dort keine nächtlichen Besuchszeiten. Und ihn tagsüber zu besuchen, würde mir bei meinen Blackouts wahrscheinlich nicht gelingen. Ich wollte ihn nicht noch einmal verlieren!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber leider tat ich das. Es war die fünfte Nacht seit meiner Rückkehr. Taro und ich lagen gemeinsam im Bett. Er streichelte meinen Arm, während er neben mir lag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich klopfte es an der Tür. Es war kein kräftiges, dafür aber ein sehr eindringliches Klopfen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Erwartest du jemanden?“, fragte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Taro schüttelte den Kopf. „Nein. Schon gar nicht um die Uhrzeit.“ Er hievte die Beine aus dem Bett, um mit seiner Gehhilfe zum Eingang zu humpeln. „Ich komm ja schon!“, rief er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am liebsten hätte ich ihm meine Hilfe angeboten, ihm den Weg abgenommen, aber wie ich meinen kleinen Sturkopf kannte, hätte er es sowieso abgelehnt. Also blieb ich mit gespitzten Ohren im Bett liegen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Frau Tanaka?“, hörte ich Taro fragen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war die alte Nachbarin. „Ist sie hier?“, fragte sie mit gebrechlicher Stimme. „Du musst sie loswerden. Sofort. Sie wird dich umbringen!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Frau Tanaka, bitte. Beruhigen Sie sich. Ist etwas passiert?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nein! Du hörst mir nicht zu“, schrie sie. „Es geht um die Frau. Sie ist nicht die, für die du sie hältst!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ließ mich aufhorchen. Natürlich war ich die, für die er mich hielt. Ich war Masami, seine feste Freundin. Ich sprang aus dem Bett, warf mir meinen Pulli über und ging mit schnellen Schritten zur Tür.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ist alles in Ordnung?“, fragte ich scheinheilig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ahhh!“, schrie Frau Tanaka. Sofort zückte sie ein Feuerzeug. Ihre dürren Hände zitterten, während sie hastig etwas in ihrer anderen Hand anzündete. Es sah nach einem Bündel aus zusammengebundenem Gestrüpp aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anschließend drängelte sie sich an Taro vorbei. Er war zu überrascht, um sie aufzuhalten. Dann fuchtelte sie mit dem brennenden Gestrüpp Rauch in meine Richtung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Taro wedelte sich mit der Hand vor dem Gesicht herum, als wolle er den Geruch loswerden. „Bah. Was ist das für ein Zeug?“, fragte er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hingegen wich sofort zurück. Dort, wo der Rauch meine Haut berührte, entstand ein brennender Schmerz. Es fühlte sich an, als stünde ich in Flammen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Scheiße! Was ist das? Was ist das!?“, schrie ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Frau Tanaka fuchtelte nur weiter in meine Richtung. „Zurück mit dir! Zurück!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da packte Taro sie endlich am Handgelenk. Er zog sie von mir weg. „Jetzt beruhigen Sie sich! Das ist Masami, meine totgeglaubte Freundin!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Frau Tanaka sah flüchtig zu mir. Zum Glück hatte sie aufgehört, mit dem Rauch um sich zu wedeln. „Du verstehst nicht. Sie ist nicht bloß totgeglaubt“, erklärte sie dann. „Masami ist eine Hone-Onna.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Eine Knochenfrau?“, fragte er. Er ließ sie los, stand nun aber mit verschränkten Armen vor ihr. „Was soll das sein?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wusste es genauso wenig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hone-Onna“, erklärte Frau Tanaka ruhig, „sind ruhelose Geister, die nachts zurückkehren, um ihre Geliebten zu besuchen. Leider entziehen sie ihnen dabei auch ihre Lebensenergie.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Taro und ich sahen sie fassungslos an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Das ist doch verrückt“, sagte er dann. „Es ist besser, wenn Sie jetzt gehen!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nein!“, protestierte Frau Tanaka. „Verrückt ist nur, dass du es nicht erkennst. Setz deine rosarote Brille ab! Sieh dir Masami doch einmal an! Sie hat nicht einmal mehr Haut an ihrem Schädel. Sie ist ein wandelndes Skelett.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie automatisch fasste ich mir ins Gesicht. Und tatsächlich. Ich spürte keinerlei Haut. Meine Finger trafen auf etwas Hartes.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann fiel mein Blick auf meine Hände. Sie waren schwarz, bestanden nur aus Knochen. Wie war mir das vorher nie aufgefallen? Und auch Taro sah mich jetzt mit großen, vor Schreck geweiteten Augen an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Entsetzt rannte ich ins Badezimmer, um mich im Spiegel anzusehen. Leere Augenhöhlen starrten zurück. Mein Schädel, denn mehr war es nicht, war rußgeschwärzt. Frau Tanaka sagte die Wahrheit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du wusstest es also auch nicht?“, krächzte eine Stimme hinter mir. Frau Tanaka war mir ins Bad gefolgt. „Sieh dir Taro doch einmal an!“, zischte sie mir zu. „Ist dir nicht aufgefallen, dass er Tag für Tag schwächer wird? Du entziehst ihm seine Kraft. Wenn ihr noch eine Nacht zusammen verbringt, wird er das nicht überleben!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Aber …“, protestierte ich. „Ich möchte das nicht. Ich würde Taro niemals schaden!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Frau Tanaka nickte langsam. Mitleid lag in ihrem Blick. „Das glaube ich dir sogar. Wenn du ihn wirklich liebst, dann gehst du jetzt. Kehr nie wieder hierher zurück.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich weiß nicht, ob Skelette weinen können, aber es fühlte sich zumindest so an, als würden Tränen meine Wangenknochen hinablaufen, während ich aus der Wohnung stürmte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Masami! Warte!“, rief Taro mir nach.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber Frau Tanaka hinderte ihn daran, mir zu folgen. „Schließ die Tür, Taro. Wir müssen uns unterhalten.“</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die restliche Nacht irrte ich durch die Straßen. Ich wusste nicht, was ich denken oder fühlen sollte, kam mir verloren vor. Dafür wusste ich jetzt, wo ich jeden Tag hin verschwand. In der Altstadt gab es einen Friedhof. Im Laufe der Nacht hatte ich dort mein Grab entdeckt. Ich blieb bei dem gepflegten Grabstein, bis mich bei Sonnenaufgang die bittersüße Schwärze empfing.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber zu meiner Überraschung stand ich bereits am nächsten Abend wieder in der inzwischen vertrauten Straße in der Altstadt. Warum? Warum war ich noch immer hier? Hatte ich nicht im Leben schon genug Pech gehabt?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für einen Moment versuchte ich, mich dagegen zu wehren, aber schließlich trugen mich meine Füße wieder in die Richtung von Taros Wohnung. Mein Verlangen, ihn wiederzusehen, war zu mächtig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und so dauerte es nicht lang, bis ich wieder vor seiner Wohnung stand. Ich hatte Gewissensbisse. Sollte unsere gemeinsame Zeit ihm wirklich schaden? Warum fühlte es sich dann so richtig an? Andererseits könnte es erklären, wieso sein Zustand so schlecht war. Es lag nicht an seiner MS. Oder vielleicht doch?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hin- und hergerissen betätigte ich die Klingel. Kurz darauf stand Taro vor mir. Seine Augen waren eingefallen, seine Wangen hohl. War das schon immer so? Warum war es mir die ganze Zeit nicht aufgefallen? War wirklich ich daran schuld? Unsere gemeinsamen Nächte?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Masami“, sagte er mit einem Lächeln. Sogar seine Stimme klang schwach. „Komm rein. Es ist mir egal, was du bist. Mit dir zusammen bin ich glücklich.“ Er hielt mir die Tür auf, um mich reinzulassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich trat einen Schritt auf ihn zu. Wenn ich jetzt mit ihm ging, könnte das seine letzte Nacht sein. Aber wäre das so schlimm? Dann wären wir im Tod vereint. Er würde für immer bei mir bleiben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich die Türschwelle erreichte, zögerte ich. „Nein“, sagte ich dann. Was dachte ich denn da? Ich liebte Taro. Da würde ich ihm doch niemals den Tod wünschen! „Es tut mir leid“, sagte ich leise. „Taro, ich kann nicht.“ Ich taumelte zurück. „Ich kann dich nicht mit mir in den Tod reißen. Aber ich werde auf dich warten. Leb dein Leben! Werde glücklich! Irgendwann werden wir wieder vereint sein.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit den Worten machte ich auf dem Absatz kehrt und rannte zurück in die Dunkelheit. Es war die letzte Nacht, in der meine ruhelose Seele auf die Erde zurückgekehrt war.</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Hone-Onna (骨女, Japanisch für „Knochenfrau“) ist ein <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister" type="link" id="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister">Geist</a> der japanischen Mythologie. Sie zählt zu den <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/yokai">Yōkai</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine der bekanntesten Geschichten über eine Hone-Onna ist die japanische Geistergeschichte <a href="https://www.geister-und-legenden.de/botan-doro">Botan Dōrō</a>, über die ich bereits 2020 einen Beitrag geschrieben habe.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Hone-Onna haben zwei verschiedene Formen, in denen sie erscheinen können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für gewöhnlich sehen sie wie völlig normale Frauen aus. Meist werden sie als jung und schön beschrieben. Außerdem handelt es sich bei ihnen im Normalfall um Japanerinnen, da die Legende aus Japan stammt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt jedoch Menschen, die durch diese Fassade hindurchsehen können. Sie sehen die Hone-Onna als ein Skelett, manchmal inklusive verwesendem Fleisch. Besonders häufig ist dabei von ihrem Gesicht die Rede, das nur noch aus einem Schädel besteht.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt zwei verbreitete Versionen der Hone-Onna. In einer ist sie ein von Liebe getriebener Geist, in der anderen ein <a href="https://www.geister-und-legenden.de/onryo">Rachegeist</a>.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Der von Liebe getriebene Geist:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Version ist der Geschichte von Botan Dōrō sehr ähnlich. Es geht darin um einen Mann, dessen Geliebte verstorben ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eines Tages begegnet er ihr jedoch plötzlich wieder. Von seiner Liebe geblendet glaubt er, dass seine Geliebte in Wirklichkeit noch lebt. Manchmal gibt es eine Erklärung hierfür, dass ihr Tod vorgetäuscht war o. Ä., andere Male hinterfragt der Mann es nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während sie sich also fortan wieder regelmäßig treffen, entzieht sie ihm – oft unwissentlich – Stück für Stück die Lebensenergie. Mit der Zeit wird er schwächer und schwächer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meist ist es ein Freund oder Angestellter des Mannes, der nicht von seinen Gefühlen geblendet wird und die wahre Gestalt der Hone-Onna sehen kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er erzählt dem Mann davon, der entweder entsetzt reagiert und sich von der Frau distanziert oder ihm nicht glaubt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So oder so endet die Geschichte häufig damit, dass der Mann – entweder weil er sich weiter mit ihr trifft oder weil seine Sehnsucht zu groß wird – bei einem letzten Treffen mit der Frau selbst sein Leben lässt. Anschließend sind sie auf Ewig im Tode vereint.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Der Rachegeist:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">In anderen Versionen sucht die Hone-Onna nicht ihren ehemaligen Geliebten heim, sondern ist hinter Männern generell her. Sie verführt sie mit ihrer Schönheit, um ihnen bei einer oder mehreren gemeinsamen Nächten die Lebensenergie zu entziehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In diesen Geschichten kommt es oft gegen Ende zu einem Schockmoment, wenn die Hone-Onna dem Mann ihren Schädel zeigt. Manchmal mit Absicht, andere Male, weil einfallendes Licht ihr Skelettgesicht zum Vorschein bringt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Legenden der Hone-Onna kommen fast ausschließlich aus Japan. Dort soll sie sich in Städten und Dörfern, aber insbesondere auf Friedhöfen, in dunklen Gassen oder auch in Rotlichtvierteln herumtreiben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Über den Ursprung der Hone-Onna habe ich nicht viel herausfinden können. Laut <a href="https://yokai.com/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">yokai.com</a> (eine sehr verlässliche Quelle, was Yōkai angeht und eine große Empfehlung von mir) ist aber davon die Rede, dass die Hone-Onna mindestens seit dem 17. Jahrhundert in Japan bekannt sei, wo sie in Form der Botan-Dōrō-Legende aus einer alten chinesischen Geistergeschichte entstanden ist.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Hone-Onna in der Popkultur:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In der Manga- und Animereihe „Hell Girl“ tritt eine Hone-Onna regelmäßig auf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem gibt es eine Hone-Onna in dem von NetEase Games entwickelten Gacha-Game Onmyoji, das für Pc, Android und iOS erschienen ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ansonsten gibt es zu Botan Dōro, wo die weibliche Hauptperson eine Hone-Onna ist, zahlreiche Theaterstücke und Puppenspiele, die heute noch aufgeführt werden, sowie diverse Filme.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von der Hone-Onna? Mögt ihr sie als die zurückkehrende Geliebte oder als Rachegeist lieber? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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		<title>The Lake Worth Monster – Das Monster von Lake Worth</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 02 Mar 2026 14:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Plötzlich knackte es neben uns im Unterholz. Fast hätte ich meine Taschenlampe eingeschaltet, um in die Richtung zu leuchten. Stattdessen starrten Suzanne und ich in die Dunkelheit, versuchten, zwischen den Ästen irgendetwas zu erkennen …</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg02.met.vgwort.de/na/e074e20ddcdf4eafb5e4f3166a38b430" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">The Lake Worth Monster ist ein <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer">Kryptid</a>, der in den 1960er seine Bekanntheit erlangt hat, als er mehrere Male auf der Titelseite einer Lokalzeitung auftauchte. Aber was ist im Sommer 1969 in Texas wirklich passiert?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Freitag, 10. Juli 1969</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">„Fischige Mann-Ziege terrorisiert parkende Pärchen bei Lake Worth“, las Suzanne vor. Sie, Wesley und ich kannten den Zeitungsartikel bereits auswendig. Trotzdem entschied sie, ihn noch ein letztes Mal zu lesen, während wir gemeinsam im Auto nach Lake Worth saßen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber ich beschwerte mich gar nicht. Es half mir dabei, mich von der Dummheit abzulenken, die wir gleich vorhatten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sechs entsetzte Anwohner berichteten heute Morgen der Polizei, dass sie von einem Ding angegriffen wurden, das sie als ‚halb Mann, halb Ziege und bedeckt mit Fell und Schuppen‘ beschrieben“, fuhr sie fort.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da ich als Einziger auf dem Rücksitz saß, hatte ich mich zu ihr nach vorne gelehnt, um über ihre Schulter mitzulesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Die Polizei sagt, dass John Reichert folgende Story erzählte: Reichert hatte, zusammen mit seiner Frau und zwei anderen Pärchen, gegen Mitternacht bei Lake Worth geparkt, als jemand oder etwas von einem nahegelegenen Baum auf ihr Auto sprang. Reichert sagte, dass das Ding versucht hat, seine Frau zu packen, aber er fuhr davon, ehe es sie berühren konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem sie mit der Polizei zu dem Ort zurückgekehrt sind, zeigte Reichert, wo der Angriff stattgefunden hat, aber von dem Ding fehlte jede Spur. Er zeigte den Polizisten einen achtzehn Zoll langen Kratzer an der Seite seines Autos, den das Ding mit seinen Krallen verursacht haben soll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">‚Wir führten eine gründliche Untersuchung durch‘, sagte Streifenpolizist James S. McGee, ‚weil diese Leute wirklich verängstigt waren.‘</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem meinte McGee, dass die Pärchen wahrscheinlich die Opfer von Scherzbolden geworden sind, die entweder eine Puppe auf das Auto geworfen oder jemanden in ein Affenkostüm gesteckt haben.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Suzanne faltete die Zeitung raschelnd zusammen. Danach hörte ich nur noch das Dröhnen des Motors, spürte die Vibration unter meinem Sitz.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Meint ihr wirklich, dass das nur ein paar Scherzbolde in einem Kostüm waren?“, fragte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wesley drehte sich zu mir um. Ein breites Grinsen zog sich über sein Gesicht. „Nein. Wer würde denn sowas tun, Curtis?“, fragte er ironisch, ehe er seinen Blick wieder auf die Straße wandte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf einmal wurde mir sehr warm unter meinem Mantel. Ich spürte, wie Schweiß meinen Rücken hinablief. Und das lag nicht nur an der texanischen Sommerhitze oder dem Gorillakostüm, das ich unter dem langen Mantel verbarg.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu meiner Verteidigung: Die ganze Sache war Suzannes Idee gewesen. Wir drei waren an der ganzen Schule für unsere Streiche bekannt. Und dann kam jemand anderes daher und zog den Streich des Jahres, vielleicht sogar des Jahrzehnts ab? Und das auch noch in den Sommerferien? Das konnten wir uns nicht gefallen lassen! Also hatten wir entschieden, dass wir uns selbst als das ominöse Monster verkleiden würden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu meinem Leidwesen war ich der Größte aus unserer Gruppe. Obwohl ich erst sechzehn war, war ich über 1,90 cm groß. Und auch das Gorillakostüm, das Wesley aus der Theatergruppe unserer Schule „ausgeliehen“ hatte, passte mir überraschend gut.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Scheinwerferlicht vor uns kamen parkende Autos zum Vorschein. Sie standen auf beiden Seiten der ungepflasterten Straße auf dem vertrockneten Gras.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ach du scheiße“, sagte Wesley. „Was ist denn hier los?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir hatten den Parkplatz noch nicht einmal ganz erreicht. Trotzdem parkten hier bereits zahlreiche Autos. Menschen standen in Paaren oder Gruppen herum und gingen umher. Ich erkannte, dass einige von ihnen Gewehre geschultert hatten. Ich schluckte schwer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem wir noch ein kleines Stück gefahren waren, fuhr Wesley schließlich selbst in eine Lücke zwischen zwei parkenden Autos.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ohne ein weiteres Wort zu sagen, stiegen wir aus. Ich schlang dabei den Mantel eng um mich. Trotzdem blitzte noch immer graues Fell an meinen Unterschenkeln hervor. Ich hoffte, dass es niemand bemerken oder ihm Beachtung schenken würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So machten wir uns auf den Weg zum Parkplatz in der Nähe des Sees.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hey!“, rief eine Stimme neben uns. Sie kam von einem Mann, vielleicht Mitte 30, der eine Schrotflinte über der Schulter trug. Er saß auf dem Dach seines Pick-ups, ein Bier in der Hand. Zwei andere Männer und eine Frau, die neben ihm standen, sahen zu uns.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erschrocken sah ich sie an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Seid ihr nicht etwas jung, um euch so spät noch hier rumzutreiben?“, fragte der Mann auf dem Pick-up laut. „Habt ihr nicht gehört, dass hier irgendein Wesen lauert? Geht wieder nach Hause!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hätte es liebend gerne als Vorwand genommen, tatsächlich wieder nach Hause zu fahren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber Suzanne funkelte ihn nur an. „Das ist immer noch ein freies Land. Und wenn wir nach dem Monster suchen wollen, dann machen wir das auch!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das wirkte. Der Mann nickte ihr anerkennend zu, ehe er sich wieder abwandte. Und auch die anderen schenkten uns keine weitere Beachtung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sobald man solchen Rednecks was von einem freien Land vorschwärmt, knicken sie immer ein“, erklärte Suzanne, als wir außer Hörweite waren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wusste nicht, ob ich ihr dabei zustimmen konnte, aber für den Moment sollte sie zumindest recht behalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der restliche Weg zum Parkplatz verlief ohne besondere Vorkommnisse, was vielleicht auch daran lag, dass wir inzwischen von regelrechten Menschenmassen umgeben waren, in denen wir nicht mehr wirklich auffielen. Es mussten fast hundert, wenn nicht noch mehr Leute sein, die sich auf die Suche nach dem Monster gemacht hatten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Seid ihr sicher, dass das eine so gute Idee ist?“, fragte ich, als wir uns etwas abseits gestellt hatten. „Habt ihr die ganzen Waffen gesehen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wesley sah sich um, als müsse er noch einmal nachsehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Suzanne hingegen schüttelte den Kopf. „Wir müssen es ja nicht direkt hier machen. Wenn wir uns abseits halten und eine kleine unbewaffnete Gruppe suchen, hast du nichts zu befürchten.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich lächelte schief. Alles in mir schrie danach, ihr zu widersprechen. Aber ich war noch nie der Mutigste gewesen. Auch wenn Suzanne und Wesley meine Freunde waren, knickte ich bei Gruppenzwang sehr schnell ein.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit nichts als unseren Taschenlampen bewaffnet hielten wir uns an die Wege, während wir langsam in einigem Abstand zum Ufer an Lake Worth entlanggingen. Trotzdem konnte ich das Wasser leise ans Ufer schwappen hören. Ab und an knackte es im Unterholz. Eine Eule schrie irgendwo in der Ferne. Ein Geräusch, das hingegen so präsent war, dass es bereits in den Hintergrund rutschte, war das durchgehende Zirpen von Grillen. Aber das war ich als gebürtiger Texaner bereits gewohnt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wirklich etwas Erwähnenswertes passierte jedoch nicht. Abgesehen davon, dass wir ganze Schwärme von Mücken abwehren mussten, kamen uns noch immer zahlreiche Leute entgegen, die einen mehr, die anderen weniger bewaffnet. Aber fast in jeder Gruppe konnte ich mindestens ein Gewehr sehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Vielleicht sollten wir an einem anderen Tag zurückkommen, wenn weniger los ist“, versuchte ich es noch einmal.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Und dann?“, fragte Wesley. „Wenn irgendwer mitbekommt, dass ich das Gorillakostüm ausgeborgt habe, bekomm ich einen Riesenärger! Vielleicht ist das heute unsere einzige Chance. Irgendwo finden wir schon noch ein passendes Opfer.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich biss die Zähne zusammen. Er hatte leicht Reden. Wesley war ja auch nicht derjenige, auf den geschossen wurde, wenn irgendetwas schiefging.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hilfesuchend sah ich zu Suzanne. Sie bemerkte meinen Blick, zuckte aber nur mit den Schultern. „Ich bin da ganz bei Wesley“, erklärte sie. „Keine Angst. Wir passen schon auf, dass nichts passiert.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ja … Das war wirklich <em>sehr</em> beruhigend …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem wir noch einige Minuten schweigend weitergegangen waren – langsam stieg meine Hoffnung, dass wir das Ganze doch abbrechen würden –, passierte etwas. Ich konnte aufgeregte Rufe in der Ferne hören.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich kam uns ein Mann entgegengerannt. Auch er hatte ein Gewehr über der Schulter. „Es wurde beim Pit gesehen!“, rief er. „Das Monster hat beim Pit einen Reifen nach einer Gruppe geworfen!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Pit war eine bekannte Grube in der Nähe. Um genau zu sein, gingen wir gerade genau darauf zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment stürmte eine Gruppe Männer an uns vorbei. Sie mussten den Ruf gehört haben und sich Richtung Pit aufmachen. Und auch Suzanne und ich setzten dazu an, in die Richtung zu laufen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wartet!“, hielt Wesley uns auf. „Das ist unsere Chance! Wenn alle zum Pit laufen, finden wir vielleicht jemanden, der nicht nach dem Monster sucht. Hier ganz in der Nähe ist ein beliebter Treffpunkt für Pärchen!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Suzanne und ich fragten nicht, woher er das wusste. Stattdessen folgten wir ihm ein Stück durchs Unterholz, weg vom Seeufer. Äste knackten, Sträucher raschelten unter unseren Schuhen. Die Mückenschwärme schienen hier dichter zu werden und auch mit dem ein oder anderen Spinnennetz machte mein Gesicht Bekanntschaft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als die Bäume vor uns gerade weniger zu werden schienen, ertönte plötzlich ein Schrei aus der Dunkelheit. Es klang aber nicht nach einem menschlichen Schrei. Wir blieben sofort stehen. Mit unseren Taschenlampen leuchteten wir wild um uns.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was war das?“, fragte ich sofort.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Freunde antworteten nicht sofort. „Vielleicht eine Wildkatze?“, sagte Wesley dann. „Ich hab gehört, hier in der Nähe wurde kürzlich eine gesichtet. Wahrscheinlich hat jemand sie ausgesetzt.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich fand allerdings nicht, dass es wie ein Luchs oder gar ein Puma klang.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Kommt weiter“, drängte Wesley dann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Suzanne und ich folgten ihm ohne Widerworte. Ehrlich gesagt war ich froh, aus dem undurchsichtigen Dickicht herauszukommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenig später stolperten wir auf einem breiten Dreckweg. Wir waren ein gutes Stück Richtung Highway gelaufen, wie ich jetzt erkannte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wesley machte aber keine Pause. Er sah sich flüchtig um, ehe er den Weg entlang weiterlief. Suzanne und ich folgten ihm.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bald wurde der Weg noch breiter. Er erinnerte mich hier an einen kleinen Grandplatz, nur dass in der Mitte Reifenspuren verliefen. Links und rechts parkten einige Autos. Sie lagen dunkel und verlassen vor uns. Ich leuchtete durch die Scheiben, um sicherzugehen, dass niemand darinsaß. Zumindest, bis wir die Rückseite eines fensterlosen Vans ein kleines Stück wieder sahen. Er hielt am linken Wegesrand, sein Motor lief, die Rücklichter leuchteten rot und in der Fahrerkabine brannte Licht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Da!“, flüsterte Suzanne. „Das ist die Gelegenheit.“ Sie schob mich sanft in die Richtung, während wir unsere Taschenlampen ausschalteten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wesley folgte uns.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt waren wir darauf bedacht, keine Geräusche zu machen, damit die Leute im Auto nicht auf uns aufmerksam wurden. Trotzdem knirschten Steinchen unter unseren Füßen. Ich spürte, wie mein Herz schneller schlug. Wieder lief Schweiß meinen Rücken hinunter. Vorsichtig näherten wir uns dem Auto.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es dauerte nicht lange, bis wir direkt dahinterstanden. Jetzt waren wir im toten Winkel, sodass die Insassen uns nicht durch die Seitenspiegel sehen konnten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vorsichtig öffnete ich meinen Mantel. Der Moment der Wahrheit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Warte noch!“, flüsterte Wesley plötzlich. „Ich geh nachsehen, ob sie bewaffnet sind.“ Das war die erste wirklich gute Idee, die er diesen Abend gehabt hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er steckte die Hände in die Hosentaschen, während er am Van vorbeiging. Er legte einen lockeren Gang ein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„’n Abend“, hörte ich ihn sagen, während er entspannt an dem Wagen vorbeischlenderte. Dann blieb er abrupt stehen. Er wandte sich der Beifahrertür zu. „Wie bitte? Nein. Ich bin mit meinem Dad hier. Ja. Ich war nur kurz austreten. Danke. Ihnen auch.“ Er ging weiter, sodass er bald aus unserem Sichtfeld verschwand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Suzanne und ich warteten gespannt. Als mir auffiel, dass ich dabei die Luft anhielt, zwang ich mich, ruhig weiterzuatmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich knackte es neben uns im Unterholz. Fast hätte ich meine Taschenlampe eingeschaltet, um in die Richtung zu leuchten. Stattdessen starrten Suzanne und ich in die Dunkelheit, versuchten, zwischen den Ästen irgendetwas zu erkennen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst jetzt fiel mir auf, wie dunkel es wirklich war. Ohne Taschenlampen, die die Gegend erhellten. Irgendetwas bewegte sich da draußen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wesley?“, flüsterte ich in die Dunkelheit. Ich traute mich nicht, lauter zu sprechen, in der Angst, dass die Fahrzeuginsassen mich hören könnten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder ein Rascheln. „Ja, ich bin es“, kam es zurück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erleichtert atmete ich auf. Bald erkannte ich unseren Freund, wie er langsam aus dem Unterholz zu uns schlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Und?“, fragte Suzanne ungeduldig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Da drinnen sitzen ein Mann und eine Frau. Vielleicht ein Pärchen“, erklärte er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sind sie bewaffnet?“, hakte ich nach.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im roten Schein der Rücklichter sah ich, wie Wesley meinem Blick auswich. „Ich glaube nicht.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du glaubst?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Na ja, das Fenster ist recht hoch. Ich konnte nicht alles erkennen … Aber es ist ein Pärchen. Wahrscheinlich sind sie hier draußen, um rumzumachen oder sowas. Es wird schon alles gut gehen.“</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenig später stand ich in voller Gorillamontur an den Van gedrückt. Suzanne hatte mir meinen Mantel und die Taschenlampe abgenommen, während Wesley mir geholfen hatte, die Gorillamaske richtig aufzusetzen. Trotzdem war meine Sicht eingeschränkt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich spähte an dem Van vorbei. Es war ein Firmenwagen, vermutete ich. Zumindest war an der Seite ein stilisierter Leuchtturm mit dem Schriftzug „Lighthouse“ darunter zu sehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Angestrengt starrte ich in den Seitenspiegel. Ich konnte eine junge Frau auf dem Beifahrersitz erkennen. Zum Glück sah sie nicht in meine Richtung. Sie war in ein Gespräch mit dem Fahrer vertieft. „Denken Sie, dass an dem Vorfall mit dem Reifen irgendetwas dran ist?“, fragte sie. Sie hatte einen ausländischen Akzent. Irgendetwas Europäisches.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Männerstimme antwortete. Obwohl er mit dem vertrauten texanischen Dialekt sprach, musste ich mich anstrengen, um ihn über den laufenden Motor hinweg zu verstehen. „Ich glaube kaum, dass ein Klasse Zwei einen Reifen werfen würde. Wenn doch, geben die anderen uns Bescheid.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die anderen? Das meiste, was er sagte, ergab für mich keinen Sinn, aber das klang definitiv, als wären sie nicht allein. Und hatte vorhin der eine Mann nicht auch gesagt, dass das Monster einen Reifen geworfen habe?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weiter darüber nachdenken konnte ich jedoch nicht. „Jetzt mach schon!“, zischte Suzanne. Sie gab mir einen sanften Schubs, der mich aus dem Gleichgewicht brachte. Ich taumelte mehrere Schritte vorwärts, ehe ich mich wieder fangen konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich aufsah, starrte die Frau mich durch das offene Fenster direkt an. Ihre Augen hatte sie weit aufgerissen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Hirn setzte aus. Ehe ich wusste, was ich tat, hatte ich die Hände hochgerissen und stieß meinen fürchterlichsten Schrei aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das hätte ich besser nicht getan. Die Frau reagierte blitzschnell. Innerhalb von Sekunden blickte ich in den Lauf eines Gewehrs. Entschlossenheit blitzte in ihren Augen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Scheiße! Sie hat eine Waffe!“, hörte ich Suzanne rufen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Schritte meiner Freunde ertönten auf dem Dreckboden, wie sie sich schnell entfernten. So viel zum Thema, dass sie mir helfen würden … Aber ich hatte gerade andere Probleme. Mit noch immer erhobenen Armen stand ich da. Der Schreck hatte mir die Sprache verschlagen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Agentin Fischer, nehmen Sie die Waffe runter! Das sind nur ein paar Kinder!“, rief der Mann plötzlich. Er hatte bereits um sie herumgegriffen, um den Lauf der Waffe beiseitezureißen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frau ließ es geschehen, hielt aber das Gewehr weiter mit verkrampften Armen fest. Ihr Blick blieb unverändert. Erst jetzt erkannte ich, dass das, was ich für Entschlossenheit gehalten hatte, in Wirklichkeit Angst war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Und du?“, brüllte der Mann jetzt mich an. „Findest du das etwa lustig? Du hättest verletzt werden können!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder stieg Panik in mir auf. Es war nicht dieselbe Angst wie eben. Es war keine Todesangst. Sie lähmte mich nicht. Also nahm ich die Beine in die Hand und rannte. Ich machte einen Bogen um die Rückseite des Vans herum, ehe ich weiter ins Unterholz stürmte. In den Schutz der Dunkelheit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Leider brachte die Dunkelheit nicht nur Schutz mit sich. Suzanne hatte noch immer meine Taschenlampe. Und ohne Licht konnte auch ich kaum etwas erkennen. Das Mondlicht reichte kaum bis unter das Blätterdach. Einige Male schützte mich die Gorillamaske vor Ästen, die mir direkt ins Gesicht geschlagen wären.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Blätter und Laub raschelten. Alte Äste knackten unter meinen Füßen, während ich mehr stolperte, als dass ich rannte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dabei blickte ich mich die ganze Zeit panisch um, suchte nach irgendetwas, das mir bekannt vorkam. Aber natürlich fand ich nichts. Nicht nur, dass es viel zu dunkel war, wenn meine Freunde und ich Lake Worth besuchten, hielten wir uns fast immer an die Wege. Jetzt wusste ich hingegen nicht einmal, in welche Richtung der nächste Weg lag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich auf eine kleine Lichtung stolperte, blieb ich stehen. Hier konnte ich etwas besser gucken. Der Mond war eine schmale Sichel über den Baumkronen. Trotzdem reichte sein Licht aus, sodass ich hier den Boden sehen konnte. Es gab mir ein Gefühl von Sicherheit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schnell wandte ich den Kopf hin und her. Ich versuchte, herauszufinden, ob ich verfolgt wurde. Allerdings konnte ich kaum etwas hören. Mein Herz pochte so laut in meinen Ohren, dass es das meiste übertönte. Außerdem wusste ich nicht, ob das leise Geraschel im Unterholz von Menschen oder irgendeinem Tier kam.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Allerdings fiel mir beim Umsehen etwas anderes auf: Das graue Fell meines Kostüms schimmerte silbrig im Mondlicht. Ich stach als haarige Kreatur aus dem dunklen Wald hervor – in einem Gebiet, in dem unzählige bewaffnete Männer nach einem Monster suchten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Panisch riss ich mir die Maske vom Kopf. Der Reißverschluss meines Kostüms befand sich jedoch am Rücken. Ich verrenkte mich, versuchte irgendwie, blind an das kleine Metallstück zu gelangen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da durchschnitt wieder ein Schrei die Nacht. Es war derselbe Schrei wie vorhin – die Wildkatze, wie Wesley sie genannt hatte. Nur, dass ich immer noch nicht fand, dass es wie eine Wildkatze klang. Und, dass der Schrei diesmal deutlich näher war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hektisch sah ich mich um. Ich hatte keine Ahnung, aus welcher Richtung der Schrei gekommen war. Also konzentrierte ich mich weiter auf den Reißverschluss.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Endlich hatte ich den kleinen Metallgriff zwischen Daumen und Zeigefinger. Er bewegte sich ein paar Zentimeter nach unten, ehe er hängenblieb – wahrscheinlich hatte sich Fell zwischen dem Schieber und den Zähnen verheddert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In dem Moment hörte ich, wie sich Schritte aus dem Unterholz näherten. Es war ein leises, fast vorsichtiges Rascheln, als würde sich jemand anschleichen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Bitte!“, rief ich schnell. „Nicht schießen! Es ist nur ein Kostüm!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber was sich da näherte, war kein Monsterjäger. Ich erkannte eine große helle Gestalt zwischen den Bäumen, die langsam auf mich zukam. Sie schlich von Baum zu Baum, als wolle sie sich dahinter verstecken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als sie den Rand der Lichtung erreichte, erkannte ich das weiße Fell, das ihren kompletten Körper bedeckte. War das das Monster? Schuppen konnte ich darin kein Entdecken. Aber was sollte es sonst sein? Ich überlegte, ob ich wegrennen solle, doch meine Beine bewegten sich keinen Zentimeter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment trat die Gestalt auf die Lichtung. Sie machte einige vorsichtige Schritte auf mich zu. Dabei erkannte ich, wie riesig sie war. Sie war über zwei Meter groß. Außerdem war sie ungewöhnlich muskulös, hatte breite Schultern. Und an den Händen erkannte ich spitze Krallen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Obwohl ich sein Gesicht nicht erkennen konnte – es lag im Schatten –, war ich mir jetzt sicher, dass es das Monster sein musste. Die ganze Art, wie es sich bewegte, mich neugierig musterte. Das waren nicht die Bewegungen eines Menschen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt stand das Wesen direkt vor mir, sah auf mich herab. Ich hörte, wie es leise schnaufte, roch seinem Atem, der mich an den eines Hundes erinnerte. Es beugte seinen Kopf zu mir herab. Mein Körper verkrampfte sich. Es hob eine riesige fellbesetzte Hand in Richtung meines Kostüms.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment wurde es plötzlich hell um mich herum. Das Monster lag jetzt klar und deutlich vor mir. Seine Lippen zitterten, entblößten dabei spitze Eckzähne. Vielmehr erkannte ich in dem kurzen Augenblick aber nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Runter!“, brüllte eine Stimme hinter mir.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Immerhin war die Frau bewaffnet. Ich erkannte ihren europäischen Akzent sofort wieder.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Laub raschelte unter meinen Händen, während ich mich auf den Boden warf. Trockenes Gras pikste mich durch den dünnen Stoff. Ich spürte trockene Blätter an meiner Wange.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Knall, der Schuss, mit dem ich fest gerechnet hatte, blieb jedoch aus. Stattdessen hörte ich bloß, wie etwas über meinen Kopf hinwegsurrte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Monster stieß ein erschrockenes Grunzen aus. Als ich aufsah, erkannte ich etwas, das wie rote Federn aussah, das frontal aus seiner rechten Seite ragte. Damals wusste ich noch nicht, was es war, aber inzwischen bin ich mir fast sicher, dass es ein Betäubungspfeil gewesen sein muss.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment wandte es sich um. Es stürmte in den Wald zurück. Die Europäerin nahm sofort die Verfolgung auf. Sie verschwand hinter dem Monster im Unterholz und mit ihr das Licht, das ihre Taschenlampe gebracht hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sah ihr nach, wie sich das Licht schnell entfernte, ehe meine Sicht vor Tränen verschwamm. Kurz darauf kauerte ich wie ein Häuflein Elend am Boden und weinte. Ich hatte die Knie angezogen, umklammerte sie mit meinen Armen, während ich meinen Gefühlen freien Lauf ließ. Noch nie in meinem Leben hatte ich so viel Angst gehabt wie eben gerade. Nicht einmal, als das Gewehr auf mich gerichtet war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich weiß nicht, wie lange ich dort gehockt hatte. Es konnten wenige Minuten, vielleicht auch eine halbe Stunde gewesen sein. Jedenfalls hörte ich irgendwann leise Stimmen in der Ferne.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Curtis? Curtis, bist du hier irgendwo?“ Das war Wesleys Stimme. Er sprach dabei in dieser Mischung aus Flüstern und Rufen, die weder sonderlich unauffällig war noch auf weitere Entfernungen gehört werden konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich bin hier!“, rief ich. Der schwache Klang meiner Stimme überraschte mich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt wurde es wieder hell um mich herum. „Curtis!“, rief Wesley. Dann wandte er sich in den Wald zurück. „Suzanne! Suzanne, ich hab ihn gefunden!“ Von der Vorsicht in seiner Stimme war nichts mehr zu hören.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich weiß noch, wie meine Freunde mir aufgeholfen haben. Suzanne hatte mir sofort meinen Mantel zurückgegeben, damit ich das Kostüm wieder darunter verstecken konnte. Außerdem haben die beiden sich mindestens einhundertmal bei mir entschuldigt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem habe ich bis heute nicht das Gefühl, dass sie mir meine Geschichte von der Begegnung mit dem Lake Worth Monster geglaubt haben. Immerhin waren nicht nur die beiden, sondern auch ich für meine Streiche bekannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vielleicht dachten sie auch nur, die Geschichte sei meine Art gewesen, mich dafür zu rächen, dass sie weggerannt waren. So oder so hatten wir uns an jenem Tag jedenfalls geschworen, niemandem von unserem geplanten Streich bei Lake Worth zu erzählen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und auch den Van, die beiden Leute, die darinsaßen, oder gar das Monster habe ich nie wieder gesehen. Ich muss jedoch gestehen, dass ich auch nie das Verlangen verspürt hatte, nach ihnen zu suchen.</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">The Lake Worth Monster, auch Lake Worth Creature oder Goatman genannt, ist ein Kryptid aus Texas. Es ist hauptsächlich für seine Sichtungen im Jahr 1969 bekannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">An dieser Stelle möchte ich noch einmal auf seinen Namen „Goatman“ hinweisen. Es weist zwar Eigenschaften des <a href="https://www.geister-und-legenden.de/goatman">Maryland Goatman</a> auf, der normalerweise gemeint ist, wenn jemand vom „Goatman“ redet, wird aber als eigenständiges Wesen angesehen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt verschiedene Augenzeugenberichte, die das Aussehen des Lake Worth Monsters beschreiben sollen. Viele von ihnen bezeichnen ihn als „halb Mensch, halb Ziege“, ähnlich wie den Maryland Goatman. Er besitzt also den fellbesetzten Körper eines Mannes und den Kopf einer Ziege.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch werden ihm oft klauenbesetzte Finger und eine Körpergröße von über 2 Metern (genau genommen etwa 7 Fuß, also 213 cm) nachgesagt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Worin sich die Beschreibungen jedoch vom Maryland Goatman völlig unterscheiden, ist die angeblich weiße Farbe seines Fells. Außerdem gab es Augenzeugen, die behaupten, das Lake Worth Monster habe Schuppen zwischen dem Fell oder gar Schuppen statt des Fells am Körper.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ob das Lake Worth Monster Hörner (bzw. manchmal auch nur ein Horn) oder Ziegenbeine besitzt, hängt sehr von der Zeugenaussage ab.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gerade bei neueren Sichtungen fehlt häufig der ziegenhafte Teil komplett. In diesen Sichtungen ist oft von einem Bigfoot-ähnlichen Wesen die Rede.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Über das Verhalten des Lake Worth Monsters und seine genauen Eigenschaften ist nicht viel bekannt. Es scheint aber angriffslustig zu sein und den Kontakt zu Menschen nicht zu scheuen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zumindest gibt es einen Augenzeugenbericht, bei dem das Lake Worth Monster sich erst aus einem Baum auf ein parkendes Auto gestürzt und anschließend versucht hat, die darin sitzende Frau zu packen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei einem weiteren Vorfall soll es einen alten Reifen nach einer Gruppe Leute geworfen haben, nachdem es einen als „bemitleidenswert“ oder „traurig“ klingenden Ruf ausgestoßen hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Davon abgesehen gibt es Berichte von übermenschlichgroßen Fußabdrücken, einigen Tierkadavern – besonders bekannt ist ein Schaf, dem angeblich der Kopf zerquetscht wurde – und Blutspuren, die dem Lake Worth Monster zugeschrieben wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einige Augenzeugen haben außerdem von einem starken Gestank berichtet, wenn das Monster in der Nähe war. Wonach es genau gerochen haben soll, ist mir jedoch nicht bekannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auffällig ist auch, dass das Lake Worth Monster in späteren Sichtungen sein Verhalten geändert haben soll. Es soll weniger angriffslustig gewesen sein und oft sofort die Flucht ergriffen haben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Das Lake Worth Monster wurde hauptsächlich 1969 auf Greer Island im Lake Worth und der näheren Umgebung um den See in Fort Worth Texas gesichtet.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Legende des Lake Worth Monsters geht hauptsächlich auf den Sommer 1969 zurück, wo das Lake Worth Monster erstmals gesichtet worden sein soll.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Die erste Nacht:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Das Lake Worth Monster soll erstmals am 9. Juli 1969 von sechs Leuten gesehen worden sein. Gegen Mitternacht sei es auf das Auto von John Reichert und seiner Frau gesprungen. Reichert saß dabei am See und hat geangelt, während seine Frau im Auto saß und gelesen hat. Daraufhin habe das Monster versucht, Frau Reichert zu packen. In dem Moment war John Reichert jedoch bereits beim Auto. Er habe das Wesen weggestoßen, sei ins Auto gesprungen und geflohen. Als Beweis diente eine etwa 45 cm lange Schramme im Lack, die von der Kreatur verursacht worden sein soll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Reicherts berichteten der Polizei, dass die Kreatur „halb Mensch, halb Ziege und von Fell und Schuppen bedeckt“ gewesen sei.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie die Lokalzeitung „Fort Worth Star-Telegram“ bereits am nächsten Tag berichtete, sollen einige Polizisten mit John Reichert zum Tatort zurückgekehrt sein, haben dort aber nichts Auffälliges gefunden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem gab die Polizei zu, dass sie bereits seit zwei Monaten Berichte über seltsame Vorkommnisse um Lake Worth bekommen haben, sie hatten sie jedoch nicht für voll genommen. Die sechs Augenzeugen am 9. Juli wirkten jedoch sehr verängstigt, weshalb sie der Sache erstmals ernsthaft nachgegangen seien.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Die zweite Nacht:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">In der darauffolgenden Nacht sollen sich über 200 Leute zum Lake Worth begeben haben, um nach dem Lake Worth Monster zu suchen. Es kam dabei zu mehreren angeblichen Sichtungen, eine von ihnen hat aber die größte Bekanntheit erlangt:</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Gruppe von Leuten soll einen mitleiderregenden Schrei gehört haben, woraufhin das Lake Worth Monster einen herumliegenden Autoreifen – die Insel wurde viele Jahre als Mülldeponie missbraucht – etwa 150 Meter nach ihnen durch die Luft geworfen habe. Sie sind daraufhin geflohen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viele Jahre später, im Jahr 2009, soll ein Mann, der sich nur als „Vinzens“ vorgestellt haben soll, zugegeben haben, in dem „Reifenangriff“ involviert gewesen zu sein. Er habe mit einigen Freunden mit dem Reifen herumgealbert und ihn eine Klippe hinunterrollen lassen. Dabei sei der Reifen auf einen kleinen Hügel getroffen, wodurch er in die Luft geschleudert wurde und vom Kurs abgekommen sein soll, ehe er in der Nähe einiger Passanten aufgekommen sei.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Reifen wurde, wenn man der Aussage glaubt, also weder 150 Meter durch die Luft geworfen, noch war die Gruppe das Ziel gewesen.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Das Lake Worth Monster wird fotografiert:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Später im Jahr gab es außerdem einen weiteren bedeutenden Vorfall: Ein Mann namens Allen Plaster hat das Lake Worth Monster mit einer Polaroidkamera fotografiert, während er in einem Auto an ihm vorbeigefahren ist. Das Foto könnt ihr ganz einfach mit einer Suchmaschine eurer Wahl finden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Man erkennt darauf zwar „lediglich“ den Rücken einer Gestalt aus weißem Fell, die im Unterholz steht, das Foto hat aber seitdem internationale Berühmtheit erlangt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einem Interview von 2006 meinte Allen Plaster jedoch, dass er inzwischen glaube, dass es sich um einen Streich gehandelt habe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Looking back, I realize that when we drove by, it stood up. Whatever it was, it wanted to be seen. That was a prank. That was somebody out there waiting for people to drive by. I don’t think an animal would have acted that way.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">(Frei übersetzt: „Wenn ich zurückdenke, fällt mir auf, dass es aufgestanden ist, als wir an ihm vorbeigefahren sind. Was auch immer es war, es wollte gesehen werden. Das war ein Streich. Das war jemand da draußen, der darauf gewartet hat, dass Leute vorbeifahren. Ich denke nicht, dass ein Tier sich so verhalten hätte.“)</p>



<h4 class="wp-block-heading">Weitere Anmerkungen zum Ursprung:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Besonders die Aufmerksamkeit der Presse und die Polizeieinsätze haben zu der damaligen Bekanntheit des Lake Worth Monsters geführt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber wie sind die ersten Gerüchte überhaupt entstanden? Dazu gibt es mehrere Theorien. Zur damaligen Zeit waren die Gerüchte um den Goatman aus Maryland noch immer weit verbreitet. Es gibt daher die Theorie, dass sie sich z. B. durch Summer Camp Gruselgeschichten bis nach Fort Worth verbreitet haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem gaben im Nachhinein einige damalige High School Schüler zu, sich im Sommer 1969 ein Gorillakostüm angezogen zu haben, um bei Lake Worth einige Leute zu erschrecken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein weiterer ehemaliger High School Schüler meldete zudem in einem Brief an das Fort Worth Star-Telegram, dass er mit zwei Mitschülern und einer Maske aus Alufolie im Sommer 1969 einige Passanten erschreckt habe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und auch ein Zwingerbesitzer gab noch im Sommer 1969 bekannt, dass ihm ein Makake entlaufen sei, der in der Gegend gesichtet worden sein konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Polizei hingegen ging davon aus, dass es sich bei den Sichtungen um einen Luchs gehandelt haben könnte, der kurz vor den Sichtungen in dem Wald ausgesetzt wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt also zahlreiche Möglichkeiten, wieso die Augenzeugen – vielleicht mit dem Maryland Goatman im Hinterkopf – der Meinung waren, das Lake Worth Monster gesehen zu haben. Auch würde es erklären, woher die Beschreibung „halb Ziege halb Mensch“ komme, die auch auf den Maryland Goatman zutrifft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erwähnenswert ist außerdem, dass es sich bei der Gegend früher um eine Lovers Lane gehandelt hat, bei denen es überall auf der Welt durchaus vorkommt, dass einige Schülerinnen und Schüler dort Streiche spielen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unterstützt werden diese Vermutungen durch den Fakt, dass die Sichtungen des Lake Worth Monsters zusammen mit dem Ende der Schulferien abrupt abgenommen haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem gibt es noch immer viele Leute – besonders die Menschen, die dem Monster persönlich begegnet sein wollen –, die meinen, es habe sich definitiv nicht um einen Affen, eine Wildkatze oder gar eine kostümierte Person gehandelt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Das Lake Worth Monster in der Popkultur:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt in Fort Worth ein ganzes Fest, das dem Lake Worth Monster gewidmet ist: der Lake Worth Monster Bash. Erstmals fand es 2009 statt, woraufhin es jährlich veranstaltet wurde. 2014 entschied man jedoch, das Fest nur noch alle 5 Jahre zu veranstalten. Nachdem das Fest je 2014, 2019 und 2024 stattgefunden hat, wurde entschieden, es wieder etwas häufiger anzusetzen, weshalb der nächste Lake Worth Monster Bash am 24. Oktober 2026 stattfinden soll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem gibt es zwei durchaus erwähnenswerte Bücher über das Lake Worth Monster.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das erste ist „The Lake Worth Monster of Greer Island, Ft. Worth, Texas“ von Sallie Ann Clarke (September 1969), das – in Ergänzung einiger von der Autorin ausgedachten Begegnungen – die Sichtungen von 1969 nacherzählt. Clarke war bis zu ihrem Tod 2009 eine der führenden Experten zu der Kreatur und will das Wesen selbst ganze fünf Mal gesehen haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das zweite Buch ist „Lake Worth Monster: The True Story of the Greer Island Goatman“ von Lyle Blackburn (2024). Es berichtet mit viel Detail über die zusammengetragenen Informationen zum Lake Worth Monster. Ich habe es selbst für die Recherche gelesen (wobei ich besonders die Nacherzählungen der ersten Sichtungen sowie die Fotos der Zeitungsartikel von 1969 sehr interessant fand).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ansonsten gibt es zahlreiche Podcasts, YouTube-Videos und sogar Folgen verschiedener Dokuserien, die von dem Monster berichten, sowie Zeichnungen, die das Lake Worth Monster darstellen. Die Lakewood Brewing Company hat sogar eine limitierte Edition ihres Biers herausgebracht, dass eine Hommage an das Lake Worth Monster dargestellt hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von dem Lake Worth Monster? Glaubt ihr, dass es sich nur um eine Kombination aus Sichtungen von wilden Tieren und Streichen handelt? Oder ist mehr an der Sache dran? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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<p>Der Beitrag <a href="https://www.geister-und-legenden.de/the-lake-worth-monster">The Lake Worth Monster – Das Monster von Lake Worth</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.geister-und-legenden.de">Geister und Legenden</a>.</p>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 22 Dec 2025 14:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Wieder dieser besorgte, mitleidgeschwängerte Blick. Ich konnte ihn nicht länger ertragen! Ich war nicht senil. Und vor allem war ich nicht verrückt. Was dachten meine Kinder von mir? Dass ich meinen eigenen Weihnachtsbaum anpissen würde!?</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg02.met.vgwort.de/na/5d8849c78b424a94bd9c460c5375c037" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Die Kallikantzaroi sind eine bekannte <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/weihnachten">Weihnachtslegende</a> in Griechenland. Es heißt, dass diese koboldartigen Wesen dort jedes Jahr um die Weihnachtszeit Unruhe stiften.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem hier noch ein kurzer Hinweis: Auf Wunsch eines Patrons habe ich jetzt eine <a href="https://ko-fi.com/geisterlegenden">Ko-fi Seite</a>, auf der ihr mich – wenn ihr möchtet – mit einer einmaligen oder monatlichen Zahlung unterstützen könnt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt will ich euch aber nicht weiter warten lassen. Wir sehen uns nach meiner Winterpause wieder und ich wünsche euch bis dahin frohe Weihnachten, einen guten Rutsch und …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen (Achtung Spoiler!) </strong></summary>
<p>&#8211; Krankheit: Demenz</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich nach Hause kam, merkte ich sofort, dass etwas nicht stimmte. Ich hörte Geräusche aus dem Wohnzimmer. Das Problem war: Ich wohnte allein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz überlegte ich, ob ich nicht bei der Wohnung gegenüber klopfen solle, jemandem Bescheid sagen. Aber nein. Was auch immer das war, ich wollte meine Nachbarn damit nicht bei ihrem Weihnachtsfest stören. Also ging ich mit vorsichtigen Schritten zum Wohnzimmer. „Hallo? Wer ist da?“, rief ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Baba?“, antwortete eine Stimme.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich atmete erleichtert auf. Das war Ilias. „Ich dachte, du willst erst heute Abend kommen?“, fragte ich, während ich das Wohnzimmer betrat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Sohn stand in der Mitte des Raumes vor meinem Fernsehsessel und sah nun in meine Richtung. „Was ist hier passiert?“, fragte er, ohne auf meine Frage einzugehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sah mich im Raum um. Dort stand der Weihnachtsbaum, über dem Fernseher hing eine goldfarbene Girlande und auf der Fensterbank standen einige zugeschneite Häuschen mit ausgeschalteter Beleuchtung. „Was ist wo passiert?“, fragte ich. Wie so oft konnte ich seinem Gedankengang nicht ganz folgen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ilias nickte Richtung Sessel. „Na hier. Wie hast du das geschafft?“, fragte er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Noch immer irritiert trat ich nun neben ihn. Jetzt sah ich es auch. Die Fußstütze hing schief. Es musste irgendetwas gebrochen sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Keine Ahnung“, sagte ich. Ich runzelte die Stirn. Wann war das passiert? Gestern Abend war mit dem Sessel doch noch alles in Ordnung gewesen, oder?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ilias wirkte nicht sehr überzeugt. „Wenn du mich fragst, sieht das aus, als wäre etwas oder <em>jemand</em> auf das Fußteil gestürzt, als es ausgeklappt war.“ Sofort musterte er mich, als suche er nach irgendwelchen Verletzungen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schnaubte. „Das hätte ich ja wohl mitbekommen. Keine Ahnung, wie das passiert ist.“ Toll. Da sah ich meinen Sohn nach fast einem Jahr zum ersten Mal wieder und das erste, was er machte, waren Vorwürfe. Dabei hätte doch vielmehr <em>ich ihm</em> Vorwürfe machen sollen, dass er mich so selten besuchte, obwohl wir in derselben Stadt wohnten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ilias sah mich noch eine Weile unzufrieden an. Dann jedoch wurde seine Miene sanfter. Er nahm mich in den Arm. „Hey Baba. Es tut gut, dich wiederzusehen“, log er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich unterdrückte ein Schnaufen. Stattdessen fiel mein Blick auf das Fenster, vor dem auch die kleinen Häuschen standen. Erst jetzt merkte ich, dass es einen Spalt breit offenstand. „Und was ist mit dem Fenster?“, fragte ich, während ich darauf zuging, um es zu schließen. „Willst du uns krank machen oder warum ist es so kalt hier drinnen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ilias verlagerte das Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Er wich meinem Blick aus. „Na ja, es …“, sagte er dann zögerlich. „Es hat nicht gerade angenehm gerochen, als ich reingekommen bin“, erklärte er. Es war ihm sichtlich unangenehm, mich darauf anzusprechen. Dann jedoch sah er mich an, als verlange er eine Erklärung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder runzelte ich die Stirn. Es hatte gestunken? Aber in meiner Wohnung stank es nicht. Das wäre mir aufgefallen. Oder?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt seufzte Ilias. „Tut mir leid. Ich wollte dir nicht zu nahetreten. Ich hätte nichts sagen sollen.“ Bevor ich protestieren konnte, wechselte er jedoch das Thema. „Warum ich aber eigentlich so früh hier bin: Ich dachte, wir können vielleicht zusammen das Weihnachtsessen kochen. Ich weiß doch, wie lange du dafür immer in der Küche stehst.“</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während des Kochens blieb die Stimmung angespannt. Ilias gab sich wirklich Mühe, das merkte ich. Aber er war einfach kein guter Koch. Es war mir ein Rätsel, wie er sich das Jahr über allein ernähren konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wie sieht es eigentlich mit einer Freundin aus?“, fragte ich. „Hast du inzwischen jemanden kennengelernt? Deine Schwester hat jetzt ja auch endlich geheiratet.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ilias schüttelte den Kopf. „Nein. Ich komm so weit ganz gut ohne Frau zurecht. Aber irgendwann treff ich schon die Richtige.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich lächelte ihm aufmunternd zu. „Es gibt da ja auch diese Apps …“, schlug ich vor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das hingegen schien ihn zu verärgern. „Können wir bitte über was anderes reden?“, fuhr er mich an. „Ich misch mich ja auch nicht in dein Privatleben ein!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">So ähnlich lief auch das restliche Kochen und sogar das gemeinsame Essen ab. Und so verging ein viel zu langer Abend, an dem mein Sohn und ich kaum ein Wort wechselten. Aber das machte mir nicht allzu viel aus. Trotz allem war es schön, mal nicht allein essen zu müssen. Außerdem hatte ich ja noch genug Tage, an denen ich mich vernünftig mit Ilias unterhalten konnte, ehe er am 06. Januar – dem Ende des 12-tägigen Weihnachtsfestes hier in Griechenland – wieder in der Versenkung verschwand. Noch ahnte ich ja nicht, dass unsere mangelhafte Vater-Sohn-Beziehung nicht mein einziges Problem werden würde.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am nächsten Tag kam Ilias erst kurz vor dem Abendessen. Ich hatte bereits das Hoirino Prasoselino von gestern auf dem Herd stehen, sodass er nur noch meinen kleinen Esstisch decken musste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Währenddessen nahm ich mir vor, heute nicht wieder irgendwelche ungemütlichen Themen wie Beziehungen, seinen Job oder gar meinen Wunsch, Enkelkinder zu bekommen, anzusprechen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und so wechselten wir kaum ein Wort, bis wir gemeinsam vor unseren dampfenden Tellern saßen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Guten Appetit“, sagte Ilias fast sofort, ehe er sich schnell einen Löffel der Suppe in den Mund steckte. Ihm schien die Stille mindestens genauso unangenehm zu sein wie mir.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das änderte sich jedoch in den nächsten Sekunden. Ich sah, wie er fast sofort das Gesicht verzog. Trotzdem kaute er übertrieben langsam und schluckte den Bissen dann in einem viel zu großen Schluck hinunter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was ist?“, fragte ich. Gestern hatte ihm das Essen noch sehr gut geschmeckt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frage erübrigte sich jedoch, als ich selbst einen Löffel des Schweine-Sellerie-Eintopfes in den Mund nahm. Sofort breitete sich ein widerwärtiges Aroma in meinem Mund aus. Es war ein viel zu bitterer, leicht salziger Geschmack, von dem gestern noch jede Spur gefehlt hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich spuckte das Essen zurück auf meinen Teller. „Das ist ja widerlich“, sagte ich, während ich mir den Mund mit meinem Handrücken abwischte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hast du da noch irgendetwas reingetan?“, fragte Ilias.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich zögerte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hast du?“, hakte er nach.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Na ja, ich habe es ein wenig nachgewürzt. Aber wirklich nur mit etwas Salz und getrockneten Kräutern.“ Und ja, ich hatte es nicht abgeschmeckt. Aber selbst, wenn ich mich bei den Gewürzen vergriffen oder mich bei der Menge geirrt hätte, wäre der Eintopf davon doch niemals derartig verdorben worden!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem sah mein Sohn mich wieder mit diesem Blick an. Es war derselbe Blick, den er mir auch bei dem Sessel gestern zugeworfen hatte. Als würde er mir nicht glauben. Als wäre ich schuld an der gebrochenen Fußstütze und dem verdorbenen Essen. Dabei war mir beides ein genauso großes Rätsel wie ihm.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich kippte den restlichen Eintopf weg. Kurz darauf saßen wir wieder mit knurrenden Mägen am Esszimmertisch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Und jetzt?“, fragte Ilias. „Sollen wir gucken, ob wir noch irgendwo etwas bestellen können?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber ich schüttelte den Kopf. „Ich geh schnell rüber zu Frau Georgiou. Meine Nachbarin macht immer zu viel“, erklärte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war Ilias unangenehm, das erkannte ich sofort. Aber er kam aus einer Generation, in der man kaum noch mit seinen Nachbarn sprach. Bei uns alten Hasen war das noch anders. Und so saßen wir kurze Zeit später erneut mit zwei Portionen Hoirino Prasoselino am Esstisch. Es war ein leicht anderes Rezept als meines, aber es schmeckte mir ganz ausgezeichnet. Ich fand sogar, dass es trotz allem ein wirklich netter Abend wurde, an dem Ilias und ich uns hauptsächlich über alte Zeiten und Basketball unterhielten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem dachte ich auch in der Nacht, als Ilias bereits wieder gegangen war, noch die ganze Zeit über den verdorbenen Eintopf nach. Wie zur Hölle konnte mir das nur passiert sein?</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch die folgenden Tage fühlte ich mich, als wäre ich nicht ganz auf der Höhe. Zwar geschah nichts so Verheerendes wie an den beiden ersten Tagen, aber es passierte mehr als einmal, dass ich irgendetwas verlegte. Ich musste nach der Fernbedienung suchen, die mein Sohn eine Viertelstunde später im Kühlschrank wiederfand. Ilias’ Lieblingspralinen, die ich extra für die Weihnachtszeit geholt hatte, waren unauffindbar. Und sogar das Geschenk für ihn war wie vom Erdboden verschluckt. Wenigstens hatte ich bei Letzterem noch bis zum ersten Januar Zeit, es zu finden – denn hier in Griechenland gab es die Weihnachtsgeschenke immer erst am Neujahrstag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Baba?“, fragte Ilias mit einer seltsam belegten Stimme, als ich am Abend des 29. gerade in der Küche stand und uns Schnittchen schmierte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was denn?“, fragte ich. Ich lugte aus der Küche, um Ilias über den Obstteller am Fernsehtisch gebeugt zu sehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wie lange liegen die Äpfel schon hier?“, fragte er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich dachte einen Moment darüber nach. „Ich hab sie kurz vor Weihnachten geholt. Es kann sein, dass sie schon etwas schrumpelig sind, aber wenn du möchtest, kannst du dir gerne einen nehmen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ilias räusperte sich. „<em>Etwas schrumpelig</em> ist gut. Die Teile sind völlig verschimmelt“, er hob einen der Äpfel mit Daumen und Zeigefinger am Stiel hoch, um ihn mir zu zeigen. Er hatte recht. Der Apfel war braun. Auf ihm hatten sich unzählige weiße Schimmelflecken gebildet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich legte die halbgeschmierte Brotscheibe, die ich in der Hand hielt, beiseite, um zu ihm ins Wohnzimmer zu gehen. „Das ist seltsam“, dachte ich laut. „Wie können die Äpfel so schnell verfault sein?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ilias schnupperte leicht daran. Sofort zog er den Kopf zurück. Sein Gesicht war vor ekel verzogen. „Bist du sicher, dass die erst so kurz hier liegen? Ich glaube, es sind die Äpfel, die seit ein paar Tagen so stinken.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit gerunzelter Stirn schnupperte auch ich daran. Ich war nicht zimperlich, also nahm ich einen vollen Zug durch die Nase. Sofort musste ich würgen. Es roch aber nicht nach verfaultem Obst. Es lag keinerlei Süße in dem Gestank. Der Apfel roch vielmehr nach … ja, nach nassem Fell oder etwas Ähnlichem. Sofort kam mir eine Sache in den Kopf, die den Geruch und sogar die seltsamen Vorkommnisse erklären könnte: die Kallikantzaroi.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sprach den Gedanken nicht laut aus. So wie mein Sohn mich gerade ansah, würde er mich wahrscheinlich sofort einweisen lassen, wenn ich meinte, dass die mysteriösen Ereignisse der letzten Tage von koboldartigen Wesen aus der Unterwelt verursacht wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Sohn war noch nie ein gläubiger Mensch gewesen. Verdammt. Ich selbst war alles andere als ein gottesfürchtiger Christ. Also schob ich den Gedanken wieder beiseite. Er wollte mich aber nicht mehr loslassen. Während Ilias die Äpfel entsorgte, während ich die Schnittchen fertigschmierte und sogar als wir sie bei einem Basketballspiel vor dem Fernsehen aßen, schweiften meine Gedanken immer wieder zu den Wesen ab.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber wahrscheinlich muss ich mit meiner Erklärung etwas weiter ausholen. Ich bezweifle fast, dass ihr diese Märchengestalten kennt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Kallikantzaroi sind eine beliebte Weihnachtslegende hier in Griechenland. Vor langer Zeit waren sie wohl mal gefürchtet, aber inzwischen kannten die meisten Leute sie nur noch aus den Weihnachtsschauspielstücken in Schulen und von einigen Traditionen um die Weihnachtszeit. Ich selbst kannte sie ansonsten auch nur von den Gruselgeschichten meiner Großmutter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Legende nach lebten diese koboldartigen Wesen das meiste Jahr über in der Unterwelt, wo sie den Lebensbaum zerstören. Aber meine Großmutter meinte immer, sie seien die Diener des Teufels und würden ihm all seine schrecklichen Wünsche erfüllen. Das heißt, bis auf in der kurzen Zeit, in der sie die Unterwelt verließen – die zwölf Tage vom 25. Dezember bis zum 5. Januar, an denen wir in Griechenland Weihnachten feiern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In dieser Zeit kommen sie in die Städte und Dörfer, wo sie die Menschen terrorisieren und ihnen Streiche spielen. Es heißt, dass sie Gegenstände zerstören, stehlen und verstecken, dass sie Obst und Milch schlecht werden lassen, dass sie in Essen urinieren und noch allen möglichen anderen Schabernack treiben. Kommt euch das bekannt vor? Ich zumindest fand es einen zu großen Zufall, um es zu ignorieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber zum Glück hatte meine Oma mir nicht bloß von den Wesen erzählt, sie hatte mir auch erklärt, wie man sie loswerden und vom eigenen Haus beziehungsweise der eigenen Wohnung ablenken konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die wohl einfachste Methode war, ein Sieb vor die Haustür zu legen. Das brachte Kallikantzaroi dazu, die Löcher darin zu zählen. Allerdings waren die Wesen nicht sonderlich schlau. Meine Großmutter hatte gesagt, dass sie nicht einmal bis drei zählen können und sich so immer wieder verzählen, weshalb sie wieder bei eins anfangen mussten, bis die Nacht zu Ende war. Als ich klein war, hatte ich darüber gelacht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt, da ich ein erwachsener Mann war, selbst in dem Alter, dass ich bald Enkelkinder erwarten konnte, fand ich es nicht mehr so lustig. Stattdessen stand ich auf und ging in die Küche.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ilias sah mir nach. Aber da man von der Küche aus in den Flur gehen konnte, von wo aus man ins Bad kam, fragte er nicht, wo ich hinwollte. Ich ging aber nicht auf die Toilette. Nein. Ich holte mein Küchensieb aus dem Schrank, ging damit zur Wohnungstür und legte es nach draußen auf die Fußmatte. Anschließend ging ich zurück zu meinem Sohn, um mit ihm gemeinsam das Basketballspiel weiterzusehen – diesmal trotz all der Vorkommnisse mit einem guten Gefühl im Bauch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und was soll ich sagen? Es hätte perfekt sein können. Wahrscheinlich hätte es sogar funktioniert, hätte ich nicht eine Kleinigkeit vergessen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wir sehen uns morgen, Baba“, verabschiedete sich Ilias von mir. „Wieder um die gleiche Zeit?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich nickte. „Gern. Bring ruhig Kuchen mit. Ich geb dir das Geld dafür, wenn du hier bist“, schlug ich vor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mach ich.“ Ilias lächelte mich an. Es war ein ehrliches Lächeln. Als hätte er die verfaulten Äpfel und all die anderen Dinge, wegen denen er sich um mich sorgte, für einen Moment vergessen. „Also dann“, sagte er, während er vor die Tür trat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment folgte ein lautes Scheppern. Ilias konnte sich gerade noch fangen. Fast wäre er gestürzt. Dann bückte er sich nach einem metallenen Gegenstand, der am Boden lag. Er musterte ihn für einen Augenblick.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ist das nicht dein Küchensieb?“, fragte er mit tiefen Falten in der Stirn. „Wie ist das in den Flur gekommen? Und jetzt sag mir bitte nicht, dass du es nicht weißt.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schüttelte den Kopf. Peinlich berührt sah ich zu Boden. „Nein. Ich weiß es. Ich hab es selbst dort hingelegt. Es ist eine Art … Vorsichtsmaßnahme“, erklärte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Eine Vorsichtsmaßnahme?“, wiederholte er. Die Falten in seiner Stirn machten inzwischen der Vikos-Schlucht Konkurrenz.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz überlegte ich, ihn abzuwimmeln und es ihm morgen zu erklären, dann jedoch hielt ich meine Tür auf, um ihn wieder reinzulassen. Das Gespräch würde länger dauern. „Du kennst doch die Kallikantzaroi, oder?“, begann ich.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ilias hatte mir geduldig zugehört, während ich ihm von meiner Theorie erzählt hatte. Er hatte dabei ganz ruhig dagesessen. Zu ruhig, wie ich fand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du denkst also, dass das Sieb dafür sorgt, dass du nichts mehr verlegst? Dass das Essen in deiner Wohnung genießbar bleibt?“, fragte er leise. „Hast du dabei auch nur einmal darüber nachgedacht, was passiert, wenn einer deiner Nachbarn über das Sieb stolpert? So wie ich eben?“ Aber seine Tonlage klang nicht, als würde er sich um meine Nachbarn sorgen. Es klang eher nach: „Es reicht, wenn deine Kinder dich für senil halten. Das müssen nicht auch noch deine Nachbarn tun.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich seufzte schwer. „Ich sage ja nur, dass das Sieb die Probleme lösen könnte. Was ist, wenn es tatsächlich klappt? Wir können das Sieb weiter an den Rand legen, wenn es dich beruhigt.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du willst es nicht wahrhaben, oder?“, fragte Ilias. Seine Stimme klang wieder so seltsam belegt. Und als er mich ansah, hatte ich eher das Gefühl, als sähe er direkt durch mich hindurch. „Du willst nicht wahrhaben, dass du nicht mehr der Jüngste bist. Unsere Familie hat eine Veranlagung für Demenz. Zumindest hat Mama das immer gesagt.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nein!“ Ich schüttelte heftig den Kopf. „Das ist es nicht! Anderes Beispiel: Ich bewahre Geschenke immer an derselben Stelle in meinem Kleiderschrank auf. Schon seit Jahren. Aber als ich neulich ein Hemd aus dem Schrank geholt habe, war dein Geschenk weg. Einfach verschwunden!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Pause entstand. „Du hast mein Weihnachtsgeschenk verlegt?“, fragte Ilias. Seine Stimme klang aber nicht vorwurfsvoll, sondern vielmehr besorgt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du hörst mir nicht richtig zu!“, protestierte ich. „Das war nicht ich, sondern die Kallikantzaroi! Sie haben das Geschenk geklaut. Sie haben auch die Fernbedienung versteckt, meinen Sessel zerstört, unser Weihnachtsessen verdorben und die Äpfel verschimmeln lassen!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt schloss Ilias die Augen. Es sah aus, als wenn es ihn große Anstrengung kostete, ruhig zu bleiben. „Okay. Keine Demenz. Wie du willst. Aber selbst dann gibt es noch so viele Dinge, die wahrscheinlicher sind als irgendwelche mythologischen Kobolde! Kann es vielleicht sein, dass du schlafwandelst?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">So ging das noch eine ganze Weile weiter. Es war ein langes Hin und Her, bei dem wir uns kaum einen Millimeter von unserer eigenen Meinung wegbewegten. Ich erspare euch an dieser Stelle die Details. Am Ende einigten wir uns jedenfalls darauf, dass Ilias bei mir übernachten sollte. Er pumpte eine Luftmatratze auf, um bei mir im Schlafzimmer zu schlafen. Nur für den Fall, dass diese Nacht „wieder etwas passiert“.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch wenn ich es am Anfang albern fand, war ich Ilias im Nachhinein dankbar. Nicht, weil er mir Gesellschaft leistete oder nur das Beste für mich wollte, sondern weil sein Schnarchen mich wachhielt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ansonsten hätte ich die Geräusche wohl gar nicht mitbekommen, die gegen 23 Uhr aus meinem Wohnzimmer ertönten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Obwohl ich eben noch mit aller Kraft versucht hatte, endlich einzuschlafen, lag ich jetzt mit weit aufgerissenen Augen im Bett.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Tapp, tapp, tapp, tapp, tapp.</em> Kein Zweifel. Das waren eindeutig leise Schritte!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schnell schwang ich die Beine aus dem Bett. Ich schlüpfte in meine Hausschuhe und richtete mich auf. Die Geräusche waren verstummt. Ich durfte keine Zeit verlieren!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also stürmte ich aus dem Zimmer. Meine Hausschuhe schlappten an meinen Füßen. Als ich das Wohnzimmer erreicht hatte, schaltete ich sofort das Licht an. Hektisch sah ich mich um. Von irgendeinem seltsamen Wesen war nichts zu sehen. Dafür lag ein unverkennbarer Geruch in der Luft. Es war derselbe Gestank, der auch die verfaulten Äpfel umgeben hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Komm schon!“, rief ich. „Zeig dich, du Mistvieh!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Keine Reaktion. Natürlich nicht. Dafür fiel mein Blick auf eine gelbliche Pfütze unter dem Weihnachtsbaum. Ich konnte die Pisse bereits riechen, als ich darauf zuging. Das war der Beweis!</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ilias!“, rief ich. „Ilias, wach auf! Das musst du dir ansehen!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz darauf kam ein völlig verschlafener Ilias in T-Shirt und Unterhose aus dem Schlafzimmer getorkelt. „Was? Was ist denn?“, nuschelte er. Er rieb sich mit den Händen über die Augen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sieh dir das an!“, schrie ich vor Begeisterung. „Sie haben mir in die Wohnung gepisst. Die Kallikantzaroi haben den Weihnachtsbaum angepisst!“ Vielleicht klang ich etwas zu begeistert dafür, dass ich gerade eine Urinpfütze in meinem Wohnzimmer gefunden hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ilias hatte mich unterdessen erreicht. Ihm entglitten sämtliche Gesichtszüge, während er zwischen der Pfütze und mir hin und her sah. Danach griff er sich mit Daumen und Zeigefinger an die Nasenwurzel. Er schloss die Augen, während er sie massierte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hör mal, Baba“, sagte er leise. „Ich weiß, das ist vielleicht nicht die beste Zeit, um das anzusprechen, aber Anastasia und ich haben neulich telefoniert. Ich hab ihr von deinen … Problemen erzählt. Wir wissen, dass es seit Mamas Tod nicht einfach für dich ist. Vielleicht bist du ja auch einfach überfordert. Aber wir denken, dass du vielleicht nicht mehr allein wohnen solltest. Es gibt da eine sehr schöne Einrichtung ganz in der Nähe, die …“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weiter kam er nicht. „Ihr wollt mich in ein Heim abschieben?“, fuhr ich ihn an. „Wo ist deine Schwester denn, wenn ich es doch allein nicht hinbekomme? Wo ist sie? Sie lässt sich nicht einmal zu Weihnachten mehr bei mir blicken!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ilias ging sofort in Abwehrhaltung. Er hob beschwichtigend die Arme. „So ist das doch gar nicht! Sie ist bei ihren Schwiegereltern. Das weißt du. Außerdem ist es kein Heim, sondern lediglich betreutes Wohnen“, versuchte er, sich herauszureden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber ich wollte davon nichts hören. Ich war bereits auf den Weg ins Schlafzimmer, wo ich nach meiner Hose griff.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ilias war mir dicht auf den Fersen. „Wohin willst du?“, fragte er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich geh zur Kirche“, fuhr ich ihn an. „Vielleicht erwische ich ja noch einen Hausmeister oder so, der mich reinlassen kann. Wenn ich in der Wohnung Weihwasser verteile, hat es sich mit den Kallikantzaroi erledigt!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder dieser besorgte, mitleidgeschwängerte Blick. Ich konnte ihn nicht länger ertragen! Ich war nicht senil. Und vor allem war ich nicht verrückt. Was dachten meine Kinder von mir? Dass ich meinen eigenen Weihnachtsbaum anpissen würde!?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Warte, Baba“, sagte Ilias.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nein! Ich lass mich nicht länger bevormunden!“, fuhr ich ihn an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ilias’ Blick wirkte seltsam leer. „So meinte ich das nicht“, sagte er ruhig. „Lass mich zur Kirche gehen. Ich hol dir dein Weihwasser. Aber wenn es danach nicht aufhört, setzen wir uns zusammen hin und reden über das betreute Wohnen, okay?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Augen verengten sich zu Schlitzen. Dann aber nickte ich. Ich wusste, dass das Weihwasser helfen würde. Und wenn nicht … Wenn nicht, lag es ja vielleicht wirklich an mir. „Abgemacht“, sagte ich.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenige Minuten später kniete ich mit Küchenpapier, Lappen und Eimer im Wohnzimmer und war dabei, die stinkende Pfütze aufzuwischen, während Ilias sich auf den Weg zur Kirche gemacht hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aus der Nähe war der Gestank so intensiv, dass ich durch den Mund atmen musste. Nur einmal machte ich den Fehler, kurz durch die Nase Luft zu holen. Mein Körper dankte es mir sofort mit einem Würgen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann jedoch bemerkte ich eine Bewegung aus dem Augenwinkel. Ich starrte durch die offene Tür zum Flur, der hell erleuchtet dalag. Dort sah ich nichts Ungewöhnliches. Hatte ich es mir bloß eingebildet?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nein! Da war es wieder! Es war aber nicht im Flur, sondern es war die Tür selbst. Sie hatte sich minimal bewegt. Jetzt konnte ich auch die dunkle Gestalt dahinter erkennen, die dicht an die Wand gedrängt dastand. Sie war nicht größer als ein Kind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Da bist du ja“, murmelte ich, während ich aufstand. Dabei ließ ich den Blick nicht von dem Schatten weichen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das versetzte den Kallikantzaros – wie sie in der Einzahl heißen – in Alarmbereitschaft. Ich erhaschte einen Blick auf ihn, während er aus seinem Versteck flitzte. Es war eine kleine graue Gestalt. Er hatte keine Haare am Oberkörper oder auf dem Kopf mit den langen spitzen Ohren. Dafür waren seine Beine umso haariger. Sie waren von braunem Fell überzogen und endeten in zwei dunkelgraue Paarhufe wie bei einer Ziege.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment war er auch schon im Flur verschwunden. Ich nahm sofort die Verfolgung auf. Aber mein Körper war wirklich nicht mehr der Jüngste. Als ich den Flur erreichte, fehlte von dem Kallikantzaros jede Spur. Hektisch sah ich mich um. Wo war er hin? Jetzt fiel mir etwas anderes auf: der Gestank. Ich musste nur meiner Nase folgen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also lief ich schnuppernd weiter. Zuerst schnupperte ich an der Haustür. Aber nein, hier wurde der Gestank schwächer. Dann in der Küche und im Badezimmer. Auch nichts. Also blieb nur noch das Schlafzimmer!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber ich musste nicht einmal Luft holen, um zu merken, dass ich richtig war. Der Kallikantzaros stand mitten im Raum, sah unentschlossen nach links und rechts, als suche er nach einem passenden Versteck.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hab ich dich!“, schrie ich. Ich stürmte mit ausgestreckten Händen auf ihn zu, um ihn zu packen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Kallikantzaros versuchte jedoch nicht einmal, auszuweichen. Stattdessen drehte er sich zu mir um. Er ergriff meine Hände, als wolle er mit mir ringen. Dann aber streckte er bloß den einen Arm zur Seite aus, während er mich mit dem anderen an sich zog.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für einen Moment standen wir nun völlig reglos da. Der Gestank der Kreatur ließ Tränen in mir aufsteigen, während er mich mit gelben Zähnen angrinste. Es musste in etwa so aussehen, als wolle die Kreatur mit mir einen Walzer tanzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich weiteten sich meine Augen, während mir ein Gedanke in meinen Kopf schoss. Es war eine Erinnerung. Oma hatte mir doch mal erzählt, dass Kallikantzaroi gerne tanzen. Sie suchten Menschen, die zu Weihnachten allein waren und verwickelten sie in einen nahezu endlosen Tanz. Sie hörten erst damit auf, wenn der Mensch vor Erschöpfung zusammenbrach oder sie ihn in den Wahnsinn getrieben hatten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort versuchte ich, mich von dem Ding zu lösen, meine Hände zurückzuziehen. Aber es war zu spät. Der Kallikantzaros hatte bereits angefangen, nach einer stummen Melodie zu tanzen. Und mein Körper machte einfach mit. Ich hatte mich nicht mehr unter Kontrolle.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst waren es noch langsame Schritte, dann wurde der Tanz hektischer. Schneller und schneller drehten wir uns im Takt umeinander durch mein Schlafzimmer. Es dauerte nicht lange, bis mein gesamter Körper schmerzte. Ich war völlig außer Atem. Mein viel zu schnell pochendes Herz donnerte mir in den Ohren. Solch schnelle Bewegungen war ich nicht mehr gewohnt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was sollte ich nur tun? Mein Körper gehorchte mir nicht mehr. Ich konnte bloß mitansehen, wie sich mein Schlafzimmer, der Kleiderschrank, das ungemachte Bett, Ilias’ Luftmatratze um mich drehten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann jedoch hörte ich einen Schlüssel in der Haustür. „Ich bin wieder da!“, sagte Ilias gerade so laut, dass ich es verstehen konnte. „Ich hab dein Weihwasser bekommen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schritte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Baba? Baba, wo bist du?“, fragte Ilias.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wollte nach ihm schreien, auf mich aufmerksam machen, ihn um Hilfe bitten. Aber auch meine Stimme wollte mir nicht mehr gehorchen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zum Glück hörte ich bereits weitere Schritte aus dem Flur. „Baba?“, rief Ilias wieder. Im nächsten Moment stand er in der Schlafzimmertür. „Baba, was tust du denn!?“ Entsetzen lag in seiner Stimme. Dann musste er die kleine Kreatur in meinen Armen bemerkt haben. „Was zur Hölle …?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber der Kallikantzaros ließ sich von Ilias nicht beunruhigen. Er grinste mich bloß weiter mit an, während er mit mir tanzte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mir war inzwischen völlig schwindelig. Ob es an der ständigen Drehung oder meiner Erschöpfung lag, wusste ich nicht. Dafür wusste ich etwas anderes: Lange würde ich das nicht mehr durchhalten!</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den flüchtigen Momenten, in denen ich Ilias sah, merkte ich jetzt, wie er auf uns zukam. Erst versuchte er, die Kreatur zu packen, doch ihr flinker Körper rutschte ihm immer wieder aus den Händen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also versuchte Ilias sein Glück bei mir. „Baba. Hör auf!“, flehte er. Ich spürte, wie er mich packte. Kräftige Hände griffen nach meinen Armen. Er rutschte ab und kratzte mir mit einem Fingernagel eine Schramme in die Haut. Dann griff er nach meinem T-Shirt. Ich fühlte, wie er von unserem Tanz mitgerissen wurde. Aber bevor er stürzen konnte, gab der Stoff mit einem ratschenden Geräusch nach.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Scheiße!“, fluchte Ilias.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Kallikantzaros antwortete mit einem dreckigen Lachen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber Ilias gab nicht auf. Ich hörte das Knacken von Plastik. Es klang so, als drehe er hektisch den Deckel von einer Plastikflasche. Im nächsten Moment spürte ich einen Schwall kaltes Wasser, dass mich an der Seite traf und … ich war frei.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Boden kam mir entgegen, sodass ich mich auf meinen Knien und Armen auffangen musste. Noch immer drehte sich alles.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem zwang ich mich, nach Ilias und dem Kallikantzaros zu sehen. Ilias stand über mir. Er hielt eine halbvolle Flasche in der Hand – das Weihwasser, wie ich vermutete. Der Kallikantzaros hingegen wand und krümmte sich am Boden. Er schrie. Das Weihwasser schien ihm Schmerzen zuzufügen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ilias machte einen Schritt auf ihn zu, die Flasche zum Schwung ausgeholt. Da rappelte die Kreatur sich plötzlich auf. Sie schrie ein letztes Mal, stolperte, fing sich dann wieder und rannte Richtung Flur. Ich konnte gerade noch sehen, wie sie sich unter dem viel zu engen Türspalt der Wohnungstür hindurchquetschte und im Flur verschwand. Normalerweise hätte er nicht ansatzweise darunter hindurchpassen dürfen. Aber wer weiß, welchen Gesetzen der Physik diese Wesen mit ihrer Magie folgten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Baba?“, wandte sich Ilias an mich. Er streckte mir eine Hand entgegen. „Tut mir leid, dass ich dir nicht geglaubt habe.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich ließ mir von ihm auf die Beine helfen. Der Raum hatte inzwischen aufgehört, sich zu drehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Komm“, sagte er. „Lass uns diese Wohnung ein für alle Mal vor diesen Dingern schützen.“</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Kallikantzaroi (griechisch Καλικάντζαρος), oder Kallikantzaros (Καλικάντζαρος) in der Einzahl, sind koboldartige Wesen des griechischen Volksglaubens. Sie kommen in der Zeit zwischen Weihnachten und dem 06. Januar in die Städte und Dörfer, um dort Unruhe zu stiften und Chaos zu verbreiten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Kallikantzaroi sind kleine, haarige und hässliche humanoide <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer">Wesen</a>. Außerdem sollen sie allesamt stinken und es soll bei ihnen nicht selten zu körperlichen Verformungen kommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch werden ihnen oft tierische Eigenschaften wie spitze Ohren oder Ziegenbeine zugeschrieben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darüber hinaus sollen sie ausschließlich männlich sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ob jeder Mensch die Kallikantzaroi sehen kann, ist jedoch umstritten. So habe ich in verschiedenen Quellen gelesen, dass entweder jeder sie sehen kann, oder dass nur Menschen, die an einem Samstag oder aber in der Zeit vom 25. Dezember bis 06. Januar geboren wurden, sie sehen und sogar mit ihnen sprechen können.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Kallikantzaroi kommen nur in den Dodekaimero (δωδεκαήμερο, griechisch für „zwölf Tage“) zum Vorschein. Das sind die zwölf Tage vom 25. Dezember bis zum 06. Januar, die in anderen Teilen Europas auch als Rauhnächte bekannt sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem heißt es, dass die Kallikantzaroi nachtaktiv sind, da sie das Sonnenlicht scheuen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn die Wesen herauskommen, muss man sich jedoch auf einiges gefasst machen. Es heißt, dass sie dann versuchen, in die Häuser und Wohnungen der Menschen einzudringen, um Chaos zu stiften. Einige von ihnen gehen dabei vergleichsweise harmlos vor, während andere die Menschen angreifen und sogar töten können. Besonders in der modernen Zeit sollen die Kallikantzaroi aber sehr viel ungefährlicher geworden sein und den Menschen hauptsächlich Streiche spielen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Typische Streiche sind z. B., dass sie Möbel zerstören, Eigentum stehlen oder verstecken, Obst verschimmeln oder Milch schlecht werden lassen, auf Zimmerpflanzen oder ins Essen urinieren und Speisen und Getränke im Haus verzehren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn sie hingegen einen Menschen finden, der allein unterwegs ist, zwingen sie ihn manchmal, pausenlos mit ihnen zu tanzen – und zwar so lange, bis er ohnmächtig wird oder den Verstand verliert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die restliche Zeit des Jahres, wenn die Kallikantzaroi nicht die Menschenwelt unsicher machen, sollen sie in der Unterwelt leben. Daher sagen einige Leute auch, dass sie <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/daemonen">Diener des Teufels</a> seien.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn sie in der Unterwelt sind, so heißt es, sollen sie dort versuchen, den Baum des Lebens zu zerstören, der unsere Welt im Gleichgewicht hält, indem sie an seinem Stamm sägen. Wenn sie jedoch am 06. Januar dorthin zurückkehren, müssen sie feststellen, dass sich der Baum vollständig regeneriert hat, und sie müssen ihre Arbeit von vorne beginnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dieses Ereignis wiederholt sich der Legende nach jedes Jahr.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Wie kann man sich vor den Kallikantzaroi schützen?</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Zum Glück gibt es zahlreiche Möglichkeiten, wie man sich vor den Kallikantzaroi schützen kann. So fürchten sie religiöse Symbole, Weihwasser und Feuer. Man kann also Weihwasser im Haus verteilen, Kreuze an Fenster und/oder Türen hängen, Gebete aufsagen oder ein Feuer anzünden, um die Wesen vom Haus fernzuhalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch gibt es eine alte Tradition namens Chistoxylo (Χριστόξυλο, griechisch für „Christholz“), bei der ein großes Stück Holz im Kamin angezündet wird, das die ganzen zwölf Tage des Dodekaimero am Brennen gehalten wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem gibt es diverse andere Methoden, wie man die Kallikantzaroi davon abhalten kann, in das Haus einzudringen. So kann man Essen (meist wird Fleisch oder Brot verwendet) oder Süßigkeiten vor die Tür legen, um sie zu besänftigen. Besonders beliebt sollen dabei Loukoumades sein, ein griechisches Gebäck aus frittiertem Teig mit Honig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Oder man lenkt sie ab, indem man ein Sieb vor die Tür legt. Angeblich versuchen sie dann, die Löcher darin zu zählen. Da sie jedoch nicht bis drei zählen können – entweder, weil sie nicht intelligent genug sind oder weil drei eine heilige Zahl ist, die sie nicht aussprechen können – sitzen sie die ganze Nacht daran.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Andere Leute spannen Fäden im Garten, da die Wesen dann versuchen sollen, daraus etwas zu stricken, wodurch sie abgelenkt sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie ihr seht, gibt es also vielzählige Methoden, sich gegen die Monster zu schützen. Weitere, die ich im Netz gelesen habe, sind: ein altes Paar Schuhe zu verbrennen, den Unterkieferknochen eines Schweins über die Tür zu hängen, Knoblauch im Haus zu verteilen oder einige Oberflächen mit Salz zu bedecken.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wie bereits erwähnt Leben die Kallikantzaroi die meiste Zeit des Jahres in der Unterwelt. Wenn sie zwischen Weihnachten und dem 06. Januar in unsere Welt kommen, sollen sie sich hingegen hauptsächlich in Städten und Dörfern aufhalten und sich nachts in dunklen Höhlen und Löchern verstecken.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt verschiedene Theorien, wie der Glaube an die Kallikantzaroi entstanden sein könnte. Die verbreitetsten sind wohl, dass es sich bei ihnen um eine Verchristlichung von heidnischen Kreaturen handelt, oder aber, dass es Zusammenhänge mit der altgriechischen Mythologie, besonders den Satyrn, geben soll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Besonders verbreitet (und gefürchtet) soll der Glauben an die Kallikantzaroi übrigens im Mittelalter gewesen sein. Seitdem hat er sich in den Bräuchen vieler griechischer Gemeinden gefestigt. Heutzutage lässt er sich besonders in den ländlichen Regionen finden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Offiziell ist der Glaube von der Kirche natürlich nicht anerkannt, aber es gibt auch im kirchlichen Kontext viele Zeremonien, die damit verbunden sind. So wird an vielen Orten Griechenlands am 6. Januar das Meer, ein See oder ein Fluss von einem Geistlichen gesegnet, um die Wesen zu vertreiben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Kallikantzaroi in der Popkultur:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Da die Kallikantzaroi in Griechenland auch heute noch sehr bekannt sind, ist es nicht verwunderlich, dass sie sich auch in der modernen Popkultur finden lassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So spielen sie z. B. eine zentrale Rolle in der amerikanischen Paranormal-Krimiserie Grimm Staffel 4 Folge 7 „Die Geister der Weihnacht“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und auch in der Horror-Kurzgeschichte „Der Flüsterer im Dunkeln“ (1931) von H. P. Lovecraft werden die Kreaturen zumindest kurz beim Namen genannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ansonsten findet man sie hauptsächlich in griechischen Weihnachtsliedern und Schulaufführungen zur Weihnachtszeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von den Kallikantzaroi? Wie hat euch meine Geschichte gefallen? Ab welcher Situation hättet ihr die Wesen verdächtigt, statt weiter nach einer logischen Erklärung zu suchen? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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