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	<title>Kinderschreck Archive - Geister und Legenden</title>
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	<description>In diesem Blog schreibe und veröffentliche ich jeden zweiten Montag eine neue Legende und Geschichte über Geister oder andere übernatürliche Dinge. Viel Spaß beim Gruseln!</description>
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		<title>Tokoloshe – Lass ihn nicht aufs Bett!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 24 Nov 2025 14:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Es hatte kein Fell, sondern dunkle, schrumpelige Haut. Sein Gesicht, die Nase und Ohren, der haarlose Kopf. Es wirkte wie ein Mensch. Und zwischen seinen Lippen sah ich schiefe gelbe Zähne hervorblitzen, die ungewöhnlich spitz aussahen. Ich wusste sofort, was es war: Das war eindeutig ein Tokoloshe …</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.geister-und-legenden.de/tokoloshe">Tokoloshe – Lass ihn nicht aufs Bett!</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.geister-und-legenden.de">Geister und Legenden</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg02.met.vgwort.de/na/d0ef61034e9d4556b2b3d903b13119be" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Der Tokoloshe ist eines der bekanntesten Wesen des südafrikanischen Volksglaubens. Da ich schon länger vorhabe, mal wieder über eine afrikanische <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden">Legende</a> zu schreiben, habe ich mich für den Tokoloshe entschieden, ehe es in zwei Wochen mit winterlichen/<a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/weihnachten">weihnachtlichen</a> Geschichten weitergeht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen</strong></summary>
<p>&#8211; Gewalt gegen Jugendliche<br>
&#8211; häusliche Gewalt<br>
&#8211; erwähnung Sexueller gewalt (erst unter &#8222;Die Legende&#8220;)</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Es war eine dieser Nächte, in denen ich partout nicht einschlafen konnte. Ich wälzte mich im Bett hin und her, drehte mich auf die linke Seite, dann auf die rechte. Aber was ich auch versuchte, wie ich mich auch hinlegte, ich konnte einfach nicht in die Welt der Träume eintauchen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem versuchte ich es weiter. Immerhin musste ich morgen in die Schule. Da wollte ich wenigstens einigermaßen ausgeschlafen sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hatte mich gerade wieder mit dem Gesicht zur Wand gedreht, da hörte ich, wie sich meine Zimmertür öffnete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort schlug ich die Augen auf. Außer mir war nur Pa im Haus. Und wenn er um die Uhrzeit in mein Zimmer kam, dann nur, weil er wieder zu viel getrunken hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich drehte mich langsam zu ihm um. Aber als ich gerade fragen wollte, was los sei, blieben mir die Worte im Hals stecken. Das war nicht mein Vater. Eine kleine, kindergroße Gestalt stand dort im Halbdunkel bei der geöffneten Tür und sah mich aus seinen kleinen Augen an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zuerst dachte ich noch, es wäre vielleicht ein Pavian, der sich irgendwie ins Haus geschlichen hat. Dann jedoch rannte das Wesen auf mich zu. Es war kein Pavian. Seine Bewegungen, wie es auf zwei Beinen lief, wirkten menschlich. Außerdem konnte ich es inzwischen besser erkennen. Es hatte kein Fell, sondern dunkle, schrumpelige Haut. Sein Gesicht, die Nase und Ohren, der haarlose Kopf. Es wirkte wie ein Mensch. Und zwischen seinen Lippen sah ich schiefe gelbe Zähne hervorblitzen, die ungewöhnlich spitz aussahen. Ich wusste sofort, was es war: Das war eindeutig ein Tokoloshe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Pa!“, brachte ich endlich hervor. „Paaa!“, rief ich erneut nach meinem Vater.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Haus war ziemlich hellhörig. Wenn er wach war, musste er mich gehört haben. Doch im Haus blieb alles ruhig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Inzwischen hatte der Tokoloshe mein Bett fast erreicht. Ich drückte mich mit dem Rücken an die Wand und zog die Knie an die Brust. „Hilfe! Hilfeee!“, schrie ich jetzt aus voller Lunge.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann endlich tat sich etwas. Aus dem Flur kam ein Poltern. Dann ein Fluchen. „Scheiß Schrank“, hörte ich Pa lallen. Er war also tatsächlich betrunken. Trotzdem war er mir hundertmal lieber als ein schwarzmagisch beschworenes Wesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hilfe!“, schrie ich erneut. Inzwischen war ich dabei, nach dem Tokoloshe zu treten, um ihn daran zu hindern seinen kleinen Körper auf die Matratze zu ziehen. Mein Fuß klatschte gegen kalte Haut, ehe ich ihn schnell wieder zurückzog. Wer wusste schon, was das Ding mit mir anstellen würde, wenn er mich tatsächlich erreichte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und das versuchte es mit aller Kraft. Die Matratze reichte ihm bis knapp über die Brust. Seine kleinen Augen waren auf mich fixiert, sein Mund leicht geöffnet. Immer wieder versuchte es, sich in den Stoff zu krallen und seinen Körper auf die Matratze zu hieven, während ich panisch nach seinen Armen trat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich ging die Deckenlampe an. „Was ist los?“, lallte Pa in meine Richtung. Er musste sich an der Tür festhalten, lehnte sich daran, während sie unter seinem Gewicht langsam vor und zurück schwang.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Tokoloshe wandte ihm den Kopf zu. Er gab einen leisen Aufschrei, eher schon ein hohes Keuchen von sich, ehe er auf Pa zurannte. Der jedoch schien das Wesen gar nicht zu bemerken, während es an ihm vorbei in den Flur flitzte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schwer atmend saß ich auf meinem Bett. Noch immer hatte ich die Knie an die Brust gezogen. Auch merkte ich jetzt, wie ich beide Hände in die Bettdecke gekrallt hatte. Vorsichtig löste ich den Griff.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Also? Was ist? Wieso störst du mich beim Fernsehen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt sah ich wieder Pa an. „Hast du ihn nicht gesehen? Er ist eben an dir vorbeigerannt!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wen gesehen?“, fragte er. Er sah sich im Raum um, ohne die Tür loszulassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Den Tokoloshe!“, brüllte ich. Es war keine Absicht. Ich wollte Pa nicht anschreien. Aber die Verzweiflung in mir musste raus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Pas Augen verengten sich zu schlitzen. Jetzt torkelte er auf mich zu. „Hör zu, Jan. Solange du in meinem Haus wohnst, verbitte ich mir, dass du mich anschreist! Vielleicht muss ich dich dran erinnern, wer hier das Sagen hat …“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder presste ich mich gegen die Wand. Ich spürte, wie mir Tränen in die Augen stiegen. „Nein. Bitte“, flehte ich. „Du hast das Sagen. Das weiß ich. Aber da war ein Tokoloshe. Er wollte mich angreifen.“ Ich wollte vor Pa nicht weinen, aber ich konnte nichts dagegen tun.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Pa hingegen blieb nur wenige Schritte vor meinem Bett stehen. Er schüttelte den Kopf, schwankte gefährlich nach links und rechts. „Ich bin froh, dass deine Ma nicht mehr mitbekommen hat, was aus dir geworden ist.“ Er wandte sich ab, ehe er zurück zur Tür torkelte. „Verdammte Teenager“, hörte ich ihn zu sich selbst lallen. „Es wird Zeit, dass er endlich alt genug wird, damit ich ihn rausschmeißen kann.“ Dann war er wieder im Flur verschwunden und schloss die Tür hinter sich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schluckte schwer, während ich ihm nachsah. „Nein, Pa“, murmelte ich. „Was ist nur aus dir geworden.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Tokoloshe kam in dieser Nacht nicht zurück, aber wie ihr euch sicher vorstellen könnt, hatte ich sämtliches Interesse daran verloren, wieder einzuschlafen. Und so dauerte es Stunden, meine Gedanken kreisten um das Wesen und um Pa, bis die Müdigkeit mich endlich einholte und in einen viel zu kurzen Schlaf zog.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am nächsten Morgen schlürfte ich völlig übermüdet in die Küche. Pa saß bereits da und trank Kaffee.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Morgen“, grüßte ich ihn.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er sah fast genauso beschissen aus, wie ich mich fühlte. Trotzdem sah ich darin eine Gelegenheit, ihn noch einmal auf den Tokoloshe anzusprechen, während er nüchtern war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Tut mir leid, wegen letzter Nacht“, begann ich. „Aber ich hab da wirklich etwas gesehen. Da war ein kleiner Mann mit schwarzer schrumpeliger Haut. Er hat versucht, auf mein Bett zu klettern.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Pa seufzte schwer. „Jan, es gibt keine Tokoloshe. Was auch immer du glaubst, gesehen zu haben, du hast bloß geträumt.“ Es war zwecklos. Pa hatte noch nie an das Übernatürliche geglaubt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich ballte meine Hände zu Fäusten. „Ma hätte mir geglaubt“, sagte ich leise.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt kniff Pa wieder seine Augen zusammen. „Was hast du gesagt?“, fragte er streng.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nichts“, sagte ich schnell. „Sorry, ich bin einfach nur tierisch müde.“ Ich hatte keine Lust auf Streit. Zumal ich wusste, wie es ausgehen konnte. In der Schule hatte ich schon oft genug blaue Flecken unter langer Kleidung verstecken müssen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Pa ging nicht weiter darauf ein. Also machte ich mir mein Frühstück und beeilte mich, aus dem Haus zu kommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Tag in der Schule verlief ohne besondere Vorkommnisse. Ich hatte nicht viele Freunde, also verbrachte ich die meiste Zeit allein. Aber das war in Ordnung. Solange die anderen mich in Ruhe ließen, störte mich das nicht. Und für gewöhnlich taten sie das.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst, als ich nach der Schule auf dem Heimweg war, überkam mich wieder ein mulmiges Gefühl. Was, wenn der Tokoloshe zurückkommen würde? Ich hatte keine Ahnung, was passiert wäre, wenn Pa nicht in mein Zimmer gekommen wäre.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also entschied ich, unserer Sangoma – der Heilerin unseres Dorfes – einen Besuch abzustatten. Sie war eine gute Freundin von Ma gewesen, daher kannte ich sie schon aus Kindertagen. Außerdem lag ihr kleines Geschäft ganz in der Nähe meines Heimwegs.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine kleine Glocke über der Ladentür kündigte mich an, während ich den Laden betrat. Mir schlug ein erdiger Geruch entgegen. An der Decke hingen Blätter und Sträucher zum Trocknen und vor mir, in einem Regal an der Wand standen Flaschen mit allerlei Tinkturen und anderen Flüssigkeiten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gab auch eine Apotheke in unserem Dorf, aber für viele Leute war Thandeka noch immer die erste Anlaufstelle für medizinische Probleme.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ah, Jan“, grüßte mich eine kleine schwarze Frau mit luftiger Kleidung. Sie trug ein rotes Tuch in den Haaren, das oben zu einem eleganten Knoten gebunden war. „Es ist lange her. Wie geht es deinem Vater?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort senkte ich den Kopf zu einem knappen Gruß. „Guten Tag Gogo“, grüßte ich sie mit der förmlichen Anrede für weibliche Sangomas.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Thandeka lachte. Es erinnerte mich an die Glocke über ihrer Tür. „Ach bitte, Jan, sag doch Thandeka zu mir. Immerhin sind wir alte Freunde.“ Sie zwinkerte mir zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das zauberte mir ein Lächeln auf die Lippen. Dann jedoch erinnerte ich mich an den Grund meines Besuchs und mein Gesicht wurde wieder ernst. „Ich brauche deine Hilfe. Ich wurde letzte Nacht von einem Tokoloshe besucht, aber Pa glaubt mir nicht. Er meint, dass ich bloß geträumt hätte.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Thandeka ging um den Tresen, hinter dem sie stand, um sich mir gegenüberzustellen. Obwohl ich erst 15 war, musste ich leicht den Kopf senken, um ihr in die Augen zu sehen. „Und was denkst du?“, fragte sie. „Kann es ein Albtraum gewesen sein?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Ich war hellwach. Er ist aus dem Zimmer gerannt, als Pa mir zur Hilfe geeilt ist. Aber er hat den Tokoloshe nicht gesehen, obwohl er an ihm vorbeigelaufen ist.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Thandeka nickte wissend. „Manche Tokoloshe können nur von ihren Opfern gesehen werden. Ich möchte dir keine Angst machen, aber wenn du wirklich einen Tokoloshe gesehen hast, kann es sein, dass du verflucht wurdest. Das ist eine ernste Angelegenheit. Am besten sollte ich einige Schutzrituale in eurem Haus durchführen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sah sie mit großen Augen an. „Nein, bitte“, sagte ich schnell. „Pa glaubt nicht an Tokoloshes. Er würde das nicht wollen. Gibt es keine andere Möglichkeit?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Thandeka sah mich überrascht an, ehe sie sanft lächelte. „Jan, vielleicht warst du noch zu jung, um dich daran zu erinnern, aber dein Vater war vor vielen Jahren selbst bei mir, damit ich mich um einen Tokoloshe in eurem Haus kümmere. Ich bin sicher, er wird es verstehen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt blickte ich zu Boden. Ich erinnerte mich gut daran. Er hatte mich grün und blau geschlagen, mir dabei den Arm gebrochen, und die Tat schließlich einem Tokoloshe angehängt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wenn du möchtest“, fuhr Thandeka fort, „bringe ich dich das kurze Stück nach Hause. Dann kann ich mit deinem Vater reden.“ Sie griff sanft nach meinem Arm, um mich zur Tür zu begleiten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber ich blockte ab. „Nein!“, sagte ich ein Stück zu energisch. „Nein“, wiederholte ich dann ruhiger. „Bitte. Das damals war kein Tokoloshe. Nach Mas Tod hat Pa mit dem Trinken angefangen. Er versteckt es gut, aber wenn er betrunken ist, wird er oft gewalttätig. Ich hatte mich nicht benommen und da hat er … Er hat …“ Mehr brachte ich nicht hervor. Noch nie zuvor hatte ich mit irgendwem darüber geredet. Ich hatte nicht gewagt, es laut auszusprechen, also sah ich Thandeka nun mit feuchten Augen an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">An ihrer entsetzten Miene sah ich, dass sie verstanden hatte. Mein Vater hatte mich krankenhausreif geschlagen. Anschließend brachte er mich zu Thandeka und erzählte, dass ich von einem Tokoloshe angegriffen wurde, damit sie sich um meine Wunden kümmerte, ohne dass er dafür in Schwierigkeiten geriet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Oh, Jan“, sagte Thandeka. Sie legte mir eine Hand auf die Schulter. „Das wusste ich nicht. Tut mir leid. Wenn ich irgendetwas für dich tun kann …?“ Sie sah mich fragend an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schenkte ihr ein schiefes Lächeln und zuckte mit den Schultern. „Kannst du mir irgendwie gegen den Tokoloshe helfen, ohne dass Pa es mitbekommt?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schnell nickte sie. „Natürlich. Das einfachste Mittel gegen einen Tokoloshe ist, das Bett zu erhöhen. Sie können nicht sonderlich gut klettern. Viele Leute legen Ziegelsteine unter die Bettfüße. Aber ein paar dicke Bücher gehen auch. Und wenn ihn das nicht vertreibt, kannst du eine Linie aus Salz auf die Türschwelle und vor die Fenster streuen. Da kommt er nicht vorbei.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich strahlte Thandeka an. Damit konnte ich auf jeden Fall arbeiten. „Danke, Tante Thandeka“, sagte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nun strahlte auch sie. Tante Thandeka. So hatte ich sie als Kind immer genannt, weil sie eine so gute Freundin meiner Ma war. „Lass dich gerne wieder häufiger hier blicken“, sagte sie, während sie sanft meine Schulter drückte. „Und sollte es mit dem Tokoloshe noch irgendwelche Probleme geben, komm gerne jederzeit vorbei.“</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Gespräch mit Thandeka war inzwischen drei Tage her. Und was soll ich sagen? Das Bett mit einigen Büchern zu erhöhen, hatte geholfen. Der Tokoloshe kam so nicht mehr an mich heran. Dafür stand er jetzt nachts in meinem Zimmer und starrte mich an. Eine kleine dunkle Gestalt, die mitten im Raum stand. Manchmal hörte ich ihn leise atmen. Dass meine Nächte seitdem nur noch aus sehr wenig Schlaf bestanden, muss ich euch wohl nicht erklären.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst hatte ich noch gehofft, dass das Ding irgendwann das Interesse verlieren würde, wenn es mir nicht mehr schaden konnte. Stattdessen wartete es jedoch Nacht für Nacht geduldig in meinem Zimmer. Was, wenn ich einmal nachts auf Toilette musste? Oder wenn ich einschlief und zu nah an die Bettkante geriet? Wenn es einen Arm oder ein Bein zu packen bekam. Nein. So konnte es nicht weitergehen. Also ging ich zu Thandekas anderer Idee über: dem Salz.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich streute damit je eine dünne Linie auf sämtliche Fensterbänke sowie auf die Türschwelle der Haustür und zu meinem Zimmer. Meine Hoffnung war, dass Pa es in seinem berauschten Zustand nicht bemerken oder es zumindest ignorieren würde. Das ging nach hinten los.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich im Bett lag – obwohl es schon lange dunkel war, fehlte von dem Tokoloshe noch immer jede Spur – hörte ich plötzlich aus dem Haus ein lautes Poltern. Kurz darauf fluchte mein Vater.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Verdammte Scheiße!“, schimpfte er lauthals. „Was ist das für ein Scheiß? Jan!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Stapfende Schritte näherten sich meinem Zimmer. Im Flur vor meiner Tür polterte irgendetwas. Erneutes Fluchen. Dann flog meine Zimmertür auf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was zum …!?“ Pa musste das Salz auf meiner Türschwelle entdeckt haben. „Ist das auf deinem Mist gewachsen?“, schrie er mich an. Ich konnte seine Fahne bis hier riechen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ehe ich etwas sagen, mich verteidigen konnte, fuhr er fort. „Findest du das etwa lustig? Ich bin darauf ausgerutscht. Ich hätte sterben können!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment flog auch schon seine Bierflasche. Es kam so unerwartet, dass ich nicht ausweichen konnte. Sie traf mich mitten im Gesicht, knapp unter dem rechten Auge.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort bedeckte ich die Stelle mit meinen Händen. Mein Gesicht bestand nur noch aus pochenden Schmerzen. Ich kauerte weinend auf dem Bett, während Pa auf mich zukam. Aber während ich noch schützend meinen Kopf von ihm wegdrehte, damit seine Schläge nur meinen Rücken trafen, griff er lediglich nach seiner Bierflasche und verließ damit das Zimmer. Ich blieb zitternd und weinend auf meinem Bett zurück.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am nächsten Tag schmerzte meine rechte Gesichtshälfte. Im Badezimmer sah ich, dass ich ein blaues Auge hatte. Ich ging ohne Frühstück noch vor der Schule wieder zu Thandekas Geschäft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Jan, was ist passiert?“, fragte sie entsetzt, als ich den Laden betrat. „War das der Tokoloshe?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schüttelte den Kopf. In wenigen Worten berichtete ich, was passiert war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Thandeka holte sofort ein Kühlpack, das ich mir auf das Auge legen sollte. Sie sah mich mit einer Mischung aus Mitleid und Verzweiflung an. Ich sah ihr an, dass sie mir helfen wollte. „Jan, ich …“ Sie zögerte. „Vielleicht gibt es noch eine andere Möglichkeit. Es wird nicht einfach, aber … Komm nach der Schule noch einmal in den Laden, ja? Gegen 17 Uhr?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und das tat ich. Nach der Schule – dort erzählte ich, dass ich unglücklich gestürzt sei – stand ich um Punkt 17 Uhr wieder vor Thandekas Geschäft. An der Tür hing ein Schild, dass Thandeka gleich zurück sei. Ich trat trotzdem ein. Die Ladenglocke klingelte über mir.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Geschäft selbst war alles wie immer. Von Thandeka fehlte jedoch jede Spur. Stattdessen saß eine Frau auf einem Stuhl in der Ecke. Ihre Haut war dunkel und sie trug offene Dreadlocks, ein weißes T-Shirt und eine Jeans. Irgendwie kam sie mir bekannt vor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„So“, sprach sie mich an, während sie sich langsam erhob. „Du hast also ein Problem mit einem Tokoloshe?“ Irgendetwas an ihr war mir unheimlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Mund war plötzlich sehr trocken. Ich brachte nur ein Nicken zustande.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Und warum denkst du, dass ich ausgerechnet dir helfen sollte?“, fragte sie. „Nach allem, was deine Familie mir angetan hat?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schluckte schwer. „Was … meine Familie Ihnen angetan hat?“, wiederholte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frau antwortete nicht. Stattdessen strich sie sich mit einer von langen schwarzen Fingernägeln besetzten Hand ihre Locks über das rechte Ohr. Darunter kam eine längliche Narbe zum Vorschein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und da fiel mir wieder ein, woher ich sie kannte. „Oh“, sagte ich knapp. „Sie sind Lindiwe, richtig?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frau nickte langsam, während sie mir tief in die Augen starrte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie hatte früher in unserem kleinen Örtchen gewohnt. Das war jedoch, bevor sie von den anderen Bewohnern vertrieben wurde. Es hieß damals, dass sie eine Hexe sei und einen Tokoloshe beschworen hätte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber das Schlimmste: Es war Pas schuld gewesen. Seine Lüge über meine Verletzungen, über den angeblichen Tokoloshe, waren der Grund, warum sie nicht mehr bei uns leben durfte. Ein wütender Mob hatte sie und ihre Tochter bedroht und aus unserem Dorf vertrieben. Wenn ich mich richtig erinnere, kam die Narbe an ihrer Schläfe von einem Stein, den ihr Nachbar nach ihr geworfen hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Also? Warum sollte ich ausgerechnet dir helfen?“, wiederholte sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schluckte schwer. „Es … Es tut mir leid. Was man Ihnen und Ihrer Tochter angetan hat, war nicht richtig. Aber es war nicht meine Schuld. Es war mein Pa. Er … Er hat die Geschichte mit dem Tokoloshe erfunden, um meine Verletzungen zu erklären. Sie müssen wissen, er hat mir den Arm gebrochen. Ich … Bitte, ich kann nichts dafür. Ich möchte doch nur wieder ruhig schlafen können“, sprudelten die Worte nur so aus mir hervor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Lindiwe kniff die Augen zusammen. Sie kam auf mich zu. Ein süßliches Parfum schwang in ihrer Bewegung mit. Ich unterdrückte den Drang, zurückzuweichen, während sie mir ihren Zeigefinger an das Kinn legte und damit vorsichtig meinen Kopf hob, um mir in die Augen zu sehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die folgenden Sekunden kamen mir wie eine Ewigkeit vor. Ich merkte, wie mein Atem ungewöhnlich schnell ging, während sie mich eingehend musterte, als wolle sie irgendetwas in meinen Augen lesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann plötzlich ließ sie mein Kinn los und trat einen Schritt zurück. „Also gut. Du hast Recht. Dich trifft keine Schuld. Immerhin warst du noch ein Kind. Mein Tokoloshe wird dir keine nächtlichen Besuche mehr abstatten.“</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Ihr</em> Tokoloshe? Also war sie wirklich eine Hexe?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ehe ich sie darauf ansprechen konnte, nahm sie jedoch eine schwarze Lederjacke, die mir bisher nicht aufgefallen war, von einem Stuhl und verließ damit den Laden. Das Klingeln der Glocke sollte noch lange in meinem Kopf nachhallen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">War das gerade wirklich passiert? Es kam mir zu einfach vor. Doch die Frau, Lindiwe, sollte recht behalten. Der Tokoloshe ließ mich fortan in Ruhe. In der folgenden Nacht lag ich mehrere Stunden wach, ohne dass irgendwer – oder irgendetwas – mein Zimmer betrat. Neues Salz hatte ich keines gestreut.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dafür weckten mich mitten in der Nacht plötzlich Schreie. Verwirrt sah ich zur Uhr. 02:07 Uhr. Was war da los?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ohne weiter darüber nachzudenken, sprang ich aus meinem Bett und rannte in den Flur. Die Schreie kamen aus Pas Schlafzimmer. Schnell öffnete ich die Tür.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Pa saß an die Rückenlehne gepresst, die Beine an seine Brust gezogen. Er atmete schwer und starrte in den leeren Raum.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Pa!“, rief ich. „Was ist? Was ist los?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt sah er mich mit weit aufgerissenen Augen an. „Da … Da war ein Tokoloshe! Er wollte mich angreifen!“, sagte er laut. In seiner Stimme schwang Alkohol mit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für einen Moment sah ich ihn nur an. Die Hexe hatte ihr Wort gehalten. Sie hatte mich von ihrem Fluch befreit … und ihn auf Pa übertragen. Meine Gedanken rasten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann jedoch setzte ich ein Lächeln auf. Ich schüttelte den Kopf. „Pa, du hast geträumt“, sagte ich. „Es gibt keine Tokoloshe.“</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Tokoloshe, auch Tokkelo oder Tikoloshe genannt, ist ein koboldartiges <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer">Wesen</a> der Zulu Folklore in Südafrika.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Für das Aussehen der Tokoloshes gibt es sehr verschiedene Beschreibungen. Sie sind aber immer unter einen Meter groß, koboldartig und haben oft tierische Eigenschaften.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Generell sollen sie wie ein kleiner Mensch aussehen mit meist schwarzer, oft verschrumpelter Haut oder Fell sowie manchmal mit langen Ohren und/oder einem Tierschwanz.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem habe ich teilweise von spitzen und/oder gelben Zähnen gelesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darüber hinaus haben sie oft einen Nagel oder ein Loch davon in der Stirn, der wohl für ihre Beschwörung genutzt wird. (Über das <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/rituale">Ritual</a>, mit dem man einen Tokoloshe beschwören kann, habe ich jedoch nichts finden können.)</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einigen Versionen sollen sie auch einen sehr langen Penis haben. In einer Quelle habe ich sogar davon gelesen, dass sie ihn über die Schulter werfen müssen, damit er nicht am Boden schleift.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Im Normalfall muss ein Tokoloshe beschworen werden – meist wird das einer Hexe oder einem Hexendoktor zugeschrieben, seltener den Sangoma, wie in Südafrika die Heiler genannt werden. Die Tokoloshes werden dadurch zu ihren Dienern und machen alles, was die Person, die sie erschaffen hat, von ihnen verlangt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das kann je nach Quelle von körperlicher Arbeit über Diebstahl bis hin zu sexuellen Handlungen reichen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Häufig werden Tokoloshes jedoch eingesetzt, um anderen Personen zu schaden. In diesen Fällen sucht der Tokoloshe nachts seine Opfer heim. Dabei sind die Tokoloshes oft unsichtbar – inwieweit sie sich unsichtbar machen können, ist aber umstritten. So habe ich davon gelesen, dass sie entweder nur von ihren Opfern oder nur von Kindern gesehen werden können, andere Male davon, dass sie sich nur unsichtbar machen können, indem sie z. B. einen speziellen Stein haben, den sie bei sich tragen oder herunterschlucken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was genau der Tokoloshe mit seinen Opfern macht, kann sehr unterschiedlich sein. So greift er sie manchmal körperlich an, indem er sie z. B. beißt, schlägt oder kratzt, oder er vergewaltigt sie sogar. Dem Tokoloshe kann so ziemlich alles Negative zuschreiben werden, das den Opfern widerfährt – sei es, dass er sie krank macht, für Unglück sorgt, ihre Beziehung ruiniert oder seine Opfer tötet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Man kann sich jedoch recht einfach gegen Tokoloshes verteidigen: Aufgrund ihrer Körpergröße haben sie Schwierigkeiten, Menschen auf hohen Betten zu erreichen. Man muss also nur sein Bett höher stellen – oft wird dies gemacht, indem man die Bettfüße auf Ziegelsteine stellt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine andere effektive Methode soll Salz sein, das man auf die Türschwelle und vor die Fenster streuen kann. Ich habe sogar spezielles Tokoloshe-Salz und Tokoloshe-Öl von südafrikanischen Anbietern gefunden, das gegen die Monster helfen soll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Will man hingegen auf Nummer Sicher gehen und den Tokoloshe endgültig loswerden, wird dazu geraten, dass man sich an einen Sangoma wendet.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Da die Legende der Tokoloshes aus Südafrika stammt, sollen sie hauptsächlich in Südafrika sowie seltener in angrenzenden Ländern vorkommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Theoretisch wäre ein Tokoloshe aber überall auf der Welt möglich, sofern jemand ihn dort beschwört oder ihn dorthin mitnimmt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Als möglicher Ursprung für den Tokoloshe werden die früheren Lebensbedingungen der Menschen in den ländlichen Regionen Südafrikas genannt. In diesen Regionen sollen die Menschen früher – besonders in kalten Nächten – auf dem Boden (bzw. auf Matratzen auf dem Boden) nahe von Feuerstellen geschlafen haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn es dabei unzureichende Durchlüftung gab, kann es sein, dass sich in dem Zimmer zu viel Kohlendioxid gesammelt hat. Da Kohlendioxid schwerer ist als Luft, ist es zu Boden gesunken und hat dafür gesorgt, dass die Menschen, die am Boden schliefen, erstickt sind. Da andere Menschen auf erhöhten Betten verschont geblieben waren, ist man wahrscheinlich davon ausgegangen, dass ein kleines Wesen, das nicht auf die Betten klettern kann, an den Toden schuld ist: Die Legende des Tokoloshe war geboren – zumindest, wenn man dieser Theorie glaubt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber wie die Legende auch entstanden sein mag, Fakt ist, dass der Glaube an die Tokoloshes in Südafrika noch immer weit verbreitet ist. Sie werden sogar regelmäßig in Zeitungen wie der Daily Sun erwähnt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Leider ist dadurch jedoch ein ganz anderes Problem entstanden: Da die Tokoloshes oft als Grund für unerklärliche Verletzungen, sexuellen Missbrauch oder mysteriöse Schwangerschaften genannt werden, bieten sie den Tätern eine einfache Methode, sich selbst von der Schuld zu befreien, indem sie den Wesen die Schuld zuschieben. So kommt es leider durchaus vor, dass kein gewalttätiger Ehemann, sondern ein Tokoloshe für die Verletzungen einer Ehefrau verantwortlich gemacht wird, oder nicht etwa der Onkel, sondern ein Tokoloshe für eine unerklärliche Schwangerschaft eines Teenagers.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem habe ich auf Zoutnet, einer südafrikanischen Nachrichtenseite, von einem Fall gelesen, bei der eine Frau von ihrer Gemeinde beschuldigt wurde, einen Pavian zu einem Tokoloshe gemacht zu haben, der daraufhin mehrere Frauen vergewaltigt habe. Es hat sich so weit zugespitzt, dass eines Tages ein wütender Mob zu ihrem Haus gewandert ist, um sie umzubringen. Dazu kam es zwar nicht, aber ihr Ruf und der ihrer Familie hat auch nach dem Vorfall sehr darunter gelitten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber zum Glück bringt der Glaube an das Wesen nicht nur Schattenseiten mit sich. Er kann auch Opfern von körperlicher oder sexueller Gewalt dabei helfen, über ihre Erlebnisse zu sprechen und so die entsprechende medizinische Behandlung zu erhalten, die, wenn sie den Täter beim Namen nennen müssten, nie über den entsprechenden Vorfall geredet hätten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Tokoloshe in der Popkultur:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der Tokoloshe hat diverse Auftritte und Erwähnungen in der Popkultur. So gibt es z. B. den südafrikanisch-französischen Thrillerfilm „A Reasonable Man“ (Englisch für „Ein vernünftiger Mann“, 1999), der auf einem echten Fall basiert, bei dem ein Vater seinen Sohn umgebracht hat, in dem Glauben, dass es sich bei ihm um einen Tokoloshe handelt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem gibt es diverse Horrorfilme über die Kreatur wie z. B. „Blood Tokoloshe“ („Blut Tokoloshe“, 2013), „The Tokoloshe“ (2018) oder „Tokoloshe: The Calling“ („Tokoloshe: Die Berufung“, 2020) sowie diverse Romane wie z. B. den Fantasyroman „Tokoloshe Song“ (2014) von Andrew Salomon oder das Monster-Fighting-Manga „Tokoloshe Hunters“ („Tokoloshe Jäger“, 2026) von Bill Masuku.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von dem Tokoloshe? Wie hättet ihr an Jans Stelle reagiert, als er den Tokoloshe gesehen hat und als sein Vater ihm nicht geglaubt hat? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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		<title>Mahaha – Er kitzelt dich zu Tode!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 10 Feb 2025 14:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Geschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Monster und Ungeheuer]]></category>
		<category><![CDATA[Amerika]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>„Ich bin von der Polizei. Bitte bleiben Sie stehen!“, rief ich. Die Waffe hielt ich stur zum Boden gerichtet, um die Person nicht zu verschrecken. „Ich habe einige Fragen an Sie!“<br />
Die Silhouette reagierte mit einem erneuten Lachen. Im nächsten Moment setzte sie zu einem Sprint an. Sie raste auf mich zu. Ihre Bewegungen wirkten dabei unnatürlich, fast wie die eines Tieres …</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg02.met.vgwort.de/na/e8f8d69e4923441fab9b9b8ce407d739" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Der Mahaha ist die erste Legende der Inuit-Folklore, die ich auf meinem Blog behandle. Es handelt sich um ein menschenähnliches <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wesen</a>, das seine Opfer angeblich zu Tode kitzeln soll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn ihr mehr Inuit-Legenden auf meinem Blog lesen wollt, könnt ihr mir gerne einen Kommentar schreiben. Es stehen auf jeden Fall noch einige auf meiner Liste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen</strong></summary>
<p>&#8211; Tod<br>
&#8211; Blut</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich hasse den Winter“, murmelte ich, während ich mich zurück ins Auto setzte. Ich pfefferte den Scheibenkratzer nach hinten in den Fußraum.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Enoki, der auf dem Beifahrersitz saß, schmunzelte. „Soweit ich mich richtig erinnere, hast <em>du</em> um die Versetzung nach Nord-Kanada gebeten, Randy.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ja, schon“, erwiderte ich. Ich startete den Motor. „Aber eigentlich, um einen Mörder zu fangen. Nicht um zweimal am Tag mein Auto kratzen zu müssen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Enokis Grinsen wurde breiter. Er war ein Inuit, oder ein Inuk, wie die Einzahl richtig lautet. Für ihn waren die Wetterbedingungen hier in seiner Heimatstadt völlig normal. „Ach was. Die letzten Tage war es doch gar nicht so kalt. Und mit der Zeit gewöhnst du dich daran“, versuchte er, mich aufzumuntern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wollte mich aber gar nicht daran gewöhnen. Ich seufzte schwer. Eigentlich sollte das hier ein schneller Einsatz werden. Ich sollte nach Nunavut kommen, der Polizei bei den Ermittlungen helfen und sofort wieder nach Hause fahren, sobald der Mörder geschnappt war. Das war jetzt etwas über einen Monat her. Und wir tappten noch immer völlig im Dunkeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Fuck!“ Ich schlug auf das Lenkrad. „Wir haben schon fünf Tote und bei drei Tatorten hab ich selbst ermittelt. Ich war fast zehn Jahre bei der Spurensicherung, verdammt nochmal! Aber alles, was wir an Beweisen sicherstellen konnten, waren die Kratzspuren in den Opfern und ein paar Fotos von vermeintlich nackten Fußabdrücken!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Fall war einer der seltsamsten und außergewöhnlichsten Fälle, in denen ich je ermitteln durfte. Die Opfer hatten scheinbar keine Gemeinsamkeiten. Es gab kein Muster, nach dem der oder die Täter sie auswählten. Wir wussten nur, dass sie alle am äußersten Stadtrand, in den unbewohntesten Gegenden gefunden wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und auch bei der Todesursache standen wir vor einem Rätsel. Zwar wiesen alle Opfer zerfetzte Oberteile mit blutigen Kratzern in ihren Bäuchen und ihren Seiten auf, aber daran waren sie nicht gestorben. Zwei von ihnen erlagen einem Herzinfarkt, während die anderen drei wohl erstickt waren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Seltsamste waren jedoch die Gesichter der Toten. Ich hatte es selbst gesehen. Ihre Münder waren allesamt zu einem schmerzerfüllten Grinsen verzerrt, was bei den Gerichtsmedizinern wiederum zu noch mehr Ratlosigkeit geführt hatte. Einer von ihnen hatte sogar die Theorie aufgestellt, dass es sich um Muskelkrämpfe aufgrund der Kälte handeln könne. Ungläubig schüttelte ich den Kopf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Randy?“, riss mich Enoki aus meinen Gedanken. Er räusperte sich. „Ich weiß, wie du darüber denkst, aber … meinst du nicht, dass an der Mahaha-Theorie doch etwas dran sein könnte?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich unterdrückte ein Augenrollen. Der Mahaha war ein Monster der Inuit-Mythologie. Der Legende nach kitzelte er seine Opfer zu Tode, was zumindest die Gesichter erklären würde. Und zugegeben: Auch die Wunden ließen sich mit seinen langen Fingernägeln begründen. Aber bei dem Mahaha handelte es sich um ein menschenähnliches Monster, das seit Jahrhunderten durch die eisige Kälte ziehen soll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich atmete tief durch, ehe ich antwortete. „Ich möchte dir auf keinen Fall zu nahetreten. Aber denkst du nicht, dass, wenn es so etwas wie Geister oder Monster wirklich gäbe, egal in welcher Kultur, man dafür inzwischen irgendwo auf der Welt einen Beweis hätte finden müssen?“, fragte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war eine Zeugin gewesen, eine alte Frau namens Simone Nanuq, die Enoki auf das Vorgehen des Mahaha hingewiesen hatte. Seitdem hatte Enoki sich daran festgebissen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Andererseits“, fuhr ich fort, „halte ich es weiterhin für denkbar, dass ein Mensch die Vorgehensweise des Mahaha nachahmt. Kennst du wirklich keinen Inuk oder jemand anderen, der sich mit eurer Kultur gut auskennt, der ein auch noch so kleines Motiv dafür hätte? Irgendwelche noch so kleinen Auffälligkeiten?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber Enoki schüttelte entschieden den Kopf. „Randy, bei uns gibt es keine Serienmörder. Sowas gibt es vielleicht bei euch in Toronto. Wahnsinnige, die ihre kranken Fantasien ausleben. Aber das hier ist eine Kleinstadt. Das Spannendste, was hier passiert, ist für gewöhnlich ein Nachbarschaftsstreit oder vielleicht mal ein Einbruch.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie auch die letzten Male, als ich es angesprochen hatte, traf ich auf eine Mauer. Enoki war felsenfest davon überzeugt, dass, wenn es nicht der mythische Mahaha war, der die Morde beging, es jemand von außerhalb sein musste – eine Einstellung, die das restliche Präsidium mit ihm teilte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Normalerweise hätte ich jetzt zu einer Diskussion angesetzt, ihm erneut erklärt, dass man es den meisten Tätern im Alltag nicht ansah, dass sie Mörder waren, erklärt wie gering die Wahrscheinlichkeit war, dass ein Tourist in einer fremden Stadt eine Mordserie über vier ganze Wochen hinweg beging. Aber zum Glück musste ich das heute nicht. Wir hatten Enokis Haus erreicht. Ich hielt den Wagen an der Straße vor seinem Grundstück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Enoki schnallte sich ab. Er wartete, bis das Auto stand, ehe er nach dem Türöffner griff. „Danke für’s Fahren“, sagte er. „Komm gut nach Hause.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Kein Ding. Ich will aber noch schnell zum letzten Tatort. Vielleicht kann ich ja doch noch was finden, was wir bisher übersehen haben.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Enoki hielt mitten beim Aussteigen inne. „Jetzt? Aber es wird gleich dunkel. Soll ich mitkommen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich lachte. „Ach was. Deine Frau wartet auf dich. Außerdem ist es noch hell und ich bin bewaffnet. Sollte ich irgendetwas finden, sag ich dir natürlich sofort Bescheid!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Enoki wirkte nicht sehr glücklich mit meiner Antwort, gab aber keine Widerworte. „Na gut. Aber meld dich bitte, wenn du zuhause bist.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ja, Mama“, sagte ich grinsend. Ich zwinkerte ihm zu, ehe er die Autotür schloss. Anschließend fuhr ich los. Im Rückspiegel sah ich ihn noch winken, bis er aus meinem Sichtfeld verschwunden war. Dann war ich wieder allein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich weiß nicht, welche Art von Menschen ihr seid, aber für einen Stadtmenschen wie mich war die Stille bedrückend. Abgesehen von meinem Motor hörte ich jetzt kein einziges Geräusch mehr, während ich durch die verlassenen Straßen fuhr. In Toronto war immer irgendetwas los gewesen. Ich vermisste den Stadtlärm, der mir zeigte, dass ich nicht völlig allein war in dieser gottverdammten Welt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vielleicht war auch das der Grund, warum ich angeboten hatte, Enoki nach Hause zu fahren. Nicht nur, dass ich meinen neuen Polizeipartner so besser kennenlernen konnte, ich hatte außerdem noch ein paar Minuten mehr, in denen ich nicht allein sein musste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schaltete das Radio ein, drehte es ein kleines Stück lauter als gewöhnlich, während ich dem letzten bisschen Sonne entgegenfuhr.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bald hatte ich das letzte Haus passiert, das noch zur Stadt gehörte. Aber zum Glück musste ich nicht mehr allzu weit über die stetig schlechter werdenden Straßen fahren. Noch ehe ich das Lied zu Ende gehört hatte, bog ich nach links auf einen zugeschneiten Parkplatz ab, auf dem noch immer das Absperrband der Polizei flatterte. Direkt davor hielt ich an.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die wenigen Bäume um mich herum warfen lange Schatten über den Boden. Mit einem leisen Fluchen warf ich einen Blick zur Sonne, von der ich nur noch einen letzten Streifen am Horizont sehen konnte. Sobald sie untergegangen war, würde es rasch dunkel werden. Ich musste mich also beeilen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eilig stapfte ich durch den knirschenden Schnee. Ich bückte mich unter dem Absperrband hindurch und ging an die Stelle, wo noch bis vor kurzem das Auto unseres letzten Opfers gestanden hatte. Knapp davor hatten wir seine Leiche gefunden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Gedanken ging ich den Tathergang noch einmal durch: Das Opfer – ich vermied es generell, Mordopfer beim Namen zu nennen – war genau wie ich von der Straße auf den Parkplatz abgebogen. Vielleicht wollte er eine Pause machen, vielleicht musste er auch nur austreten. Wir hatten seine Fußabdrücke jedenfalls zu einem der nahestehenden Bäume verfolgen können. Dort hatten wir auch Spuren von Urin im Schnee gefunden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Beim Erleichtern musste ihn der Täter jedoch unterbrochen haben. Das Opfer war noch mit geöffnetem Gürtel zurück zum Auto gerannt. Auf halber Strecke hatte ihn der Täter erreicht, der den Abdrücken zu Folge Barfuß von der Seite angerannt gekommen war. Es gab einen kurzen Kampf, wie der aufgewühlte Schnee gezeigt hatte. Dabei musste der Täter die Jacke und den Pullover des Opfers zerschnitten haben, was auch zu den blutigen Kratzern im Bauch geführt hatte. Kurz darauf war das Opfer erstickt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was ist hier nur passiert?“, murmelte ich zu mir selbst. Mir fehlten die Zusammenhänge. Ich konnte mir einfach keinen Reim darauf machen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und dann waren da noch die Fußabdrücke des Täters. Sie führten direkt in die Wildnis, weg von der Straße. Das war auch der Grund, warum wir sie nicht sonderlich weit verfolgen konnten. Irgendwo am Ufer des inzwischen wieder vollständig gefrorenen Flusses hatten wir die Spur verloren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich ließ den Blick über den Parkplatz schweifen, folgte dann den imaginären Spuren des Täters mit meinen Augen bis zum Fluss. Warum war er nicht von der Straße gekommen? Hatte er sein Auto weiter weg geparkt? Oder hatte er vielleicht ein anderes Fortbewegungsmittel? Ein Schneemobil zum Beispiel? Das würde zumindest den Kreis der Täter einschränken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gerade, als ich den Gedanken weiterspinnen wollte, erregte jedoch ein kurzes Geräusch in der Ferne meine Aufmerksamkeit. Es war eine Art Lachen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich drehte den Kopf, um es wieder einzufangen, schob sogar die Mütze von meinen Ohren, aber nichts. Jetzt hörte ich nur noch den Wind, der über den Parkplatz säuselte. Hatte ich es mir bloß eingebildet?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gerade, als ich mich wieder dem Tatort widmen wollte, erklang das Lachen erneut. Es war aber kein helles Lachen. Vielmehr klang es wahnsinnig, völlig ohne Freude darin. Jetzt hörte es gar nicht mehr auf. Und es kam eindeutig näher.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort musste ich an den Mahaha denken. Wie war das noch? Hatte Enoki nicht gesagt, dass man ihn oft an seinem Gelächter erkennt?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Instinktiv wanderte meine Hand zu meiner Waffe. Ich löste die Schnalle, die sie im Holster hielt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann erkannte ich neben dem wahnsinnigen Lachen noch ein weiteres Geräusch im Wind: das Rattern eines Schneemobils. Ein freudloses Lächeln umspielte meine Lippen. Dachte ich es mir doch. Wenn das da draußen tatsächlich der Täter war, ahmte er den Mahaha bloß nach. Wahrscheinlich waren auch die Fußabdrücke nichts weiter als speziell angefertigte Schuhe gewesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit gezogener Waffe schlich ich in die Richtung, aus der die Geräusche kamen. Im Halbdunkel erkannte ich eine Bewegung. Sie war jedoch viel näher, als ich erwartet hatte. Eine Gestalt stand vielleicht dreißig Meter vom Parkplatz entfernt. Sie war dünn, hatte helle Haut und strähnige Haare, durch die mich fast weiße Augen anblitzten. Von dem Schneemobil hingegen, das ich immer noch hören konnte, fehlte jede Spur.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich bin von der Polizei. Bitte bleiben Sie stehen!“, rief ich. Die Waffe hielt ich stur zum Boden gerichtet, um die Person nicht zu verschrecken. „Ich habe einige Fragen an Sie!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Silhouette reagierte mit einem erneuten Lachen. Im nächsten Moment setzte sie zu einem Sprint an. Sie raste auf mich zu. Ihre Bewegungen wirkten dabei unnatürlich, fast wie die eines Tieres.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Anblick jagte einen Schauer durch meinen Körper. Aber zum Glück war ich für solche Situationen trainiert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort riss ich meine Waffe hoch. Der erste Schuss ging in den Boden, sollte zur Abschreckung dienen. Ohne Gehörschutz war der Knall so laut, dass meine Ohren klingelten. Aber das Wesen zögerte nicht einmal in seiner Bewegung. Also feuerte ich den zweiten Schuss auf seine Brust ab. Das Wesen zeigte sich jedoch völlig unbeeindruckt. Er zuckte nicht einmal. Hatte ich verfehlt?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Leider hatte ich keine Möglichkeit mehr, es noch einmal zu versuchen. Das Ding hatte mich erreicht. Ehe ich den Abzug erneut betätigen konnte, wurde ich bereits zu Boden gerissen. Schmerzhaft prallte ich in den Schnee, spürte, wie mir die Waffe aus der Hand glitt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Mahaha – denn ich war mir jetzt sicher, dass er es tatsächlich war – stand über mir. Er trug nichts außer einer zerschlissenen Hose aus Fell. Seine Haut hatte einen blassblauen Ton. Sein Körper wirkte abgemagert, aber gleichzeitig unglaublich kräftig und muskulös.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am furchteinflößendsten war hingegen sein Gesicht. Sein Mund war zu einem schadenfrohen Grinsen verzerrt, das spitzzulaufende Zähne entblößte. Außerdem waren da seine weißen Augen, die in der Dämmerung fast zu leuchten schienen. Es war, als bohrte sein Blick sich direkt in mein Fleisch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich stieß er ein erneutes Gelächter aus. Es war so schrill, dass ich mir am liebsten die Ohren zugehalten hätte. Dazu hatte ich jedoch keine Möglichkeit mehr. Der Mahaha stürzte sich bereits auf mich, während er weiter lachte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er schlug meine schützenden Arme mit solcher Leichtigkeit zur Seite, als wäre ich ein Kind. Im nächsten Moment schlitzte er mit seinen erstaunlich scharfen Fingernägeln bereits meine Daunenjacke auf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Panisch versuchte ich, seine Handgelenke zu packen, ihn festzuhalten, aber es kümmerte ihn gar nicht. Er war so viel stärker als ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann begann er auch schon, nach meinem freigelegten Bauch zu greifen. Sein Grinsen hing direkt über mir, während er anfing, mich zu kitzeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit aller Kraft versuchte ich, mich dagegen zu wehren. Aber seine eiskalten Finger tanzten mit solch einem Geschick über meine Haut, dass ich schnell merkte, wie mein Körper zu beben begann. Ich konnte nichts dagegen tun. Mit angespannten Bauchmuskeln brach ein freudloses Lachen aus meiner Kehle hervor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wand und wälzte mich, versuchte, ihm zu entkommen, doch der Mahaha hatte mich fest im Griff. Ich kam mir vor wie ein Spielzeug.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gleichzeitig spürte ich immer wieder, wie seine Klauen mir ins Fleisch schnitten. Aber ich konnte nichts tun als Lachen. Ich bekam keine Luft mehr, hatte keinerlei Kraft in den Armen, um mich zu wehren. Und die ganze Zeit sah ich dabei nur dieses schrecklich grinsende Gesicht über mir.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Tränen stiegen mir in die Augen. Mein ganzer Körper schrie nach Sauerstoff, doch während des Lachens hatte ich keine Möglichkeit, einzuatmen. Das war es also, was den anderen Opfern widerfahren war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich wurde mir die Kälte des Schnees unter mir schmerzlich bewusst. Ich lag ganz allein hier draußen, fernab jeglicher Zivilisation. Ich würde einsam sterben, mit keiner Begleitung außer dieses noch immer lachenden Monsters über mir. Das letzte, was ich sehen würde, war sein widerwärtiges Grinsen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie aus dem Nichts ertönte in genau dem Moment ein Donnern. Der Mahaha ließ von mir ab, wurde zur Seite gerissen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich rang nach Luft, während ich mich schnell aufrichtete, um mich nach dem Mahaha umzusehen. Er hockte keinen halben Meter neben mir im Schnee. Sein Lachen war zu einem leisen Kichern geworden. Es klang irgendwie wehmütig. Auch konnte ich jetzt rote Flecken auf seiner blauen Haut erkennen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Schnell. Steigen Sie auf!“, rief eine Stimme hinter mir. Simone Nanuq saß auf einem Schneemobil, dessen ratterndes Geräusch ich erst jetzt bemerkte. Im Anschlag hatte sie eine Schrotflinte, die sie noch immer auf den Mahaha gerichtet hielt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Frau Nanuq!“, rief ich überrascht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ja, ich bin es, Officer Johnson. Enoki hat mich angerufen“, erwiderte sie hastig. „Und jetzt steigen Sie endlich auf! Ich hatte nur einen Schuss!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ließ ich mir kein drittes Mal sagen. So schnell ich konnte, rappelte ich mich auf. Mein blutender Bauch schmerzte bei jeder Bewegung, aber mein Adrenalin und die Angst trieben mich voran. Ich rannte zu Frau Nanuq und schwang mich hinter ihr aufs Schneemobil.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das wiederum schien dem Mahaha zu missfallen. Ich sah bereits, wie er wieder auf die Beine kam, um die Verfolgung aufzunehmen. Die Schussverletzung schien ihn nicht sonderlich zu behindern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment stürmte er auch schon auf uns zu. Diesmal auf allen vieren. Zum Glück reagierte Frau Nanuq mindestens genauso schnell. Ich konnte mich gerade noch an der viel zu niedrigen Rückenlehne meines Sitzes festhalten, da jaulte der Motor des Schneemobils auch schon auf. Rasch setzten wir uns in Bewegung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Frau Nanuq steuerte aber nicht die Straße an. Sie fuhr nicht zurück in die Stadt, wie ich gedacht hätte. Stattdessen bewegten wir uns direkt auf den zugefrorenen Fluss zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was machen Sie denn?“, brüllte ich. „Das Eis ist niemals dick genug, um das Schneemobil zu tragen! Es war die letzten Tage viel zu warm!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich erinnerte mich noch gut daran, dass der Fluss nicht einmal vollständig gefroren war, als das Opfer entdeckt wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber Frau Nanuq konnte mich entweder nicht hören oder sie ignorierte mich. Ein Blick nach hinten verriet mir jedoch, dass es so oder so egal gewesen wäre. Der Mahaha war näher, als ich befürchtet hatte. Wenn wir jetzt abbogen, würde er uns wahrscheinlich einholen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Panik in mir kochte über. Mein Herz schlug mir bis in die Brust. Ich musste mich mit aller Kraft davon abhalten, meinen Instinkten zu folgen und einfach vom Schneemobil zu springen. Dann hatten wir den Fluss erreicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die ersten Meter glitten wir noch problemlos über das Eis. Hier am Rand war es definitiv dick genug. Dann ertönte jedoch ein lautes Knacken, das ich sogar über den Motor hinweg hören konnte. Eisiges Wasser spritzte auf, wurde von der Raupe des Schneemobils hochgewirbelt. Schmerz zuckte durch meinen Bauch, als die Spritzer meine Wunden trafen, aber ich traute mich nicht, die Rückenlehne loszulassen, um den Arm vor die freie Haut zu halten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Danach ging alles sehr schnell. Es kam mir vor, als würde mein Herz stehenbleiben, während ich darauf wartete, dass das Schneemobil unterging. Doch das tat es nicht. Das Eis brach und splitterte, aber die Kufe des Fahrzeugs schafften es irgendwie, uns auf der Oberfläche zu halten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein nächster Blick galt dem Mahaha. Er war noch immer hinter uns, musste einen Umweg um das gebrochene Eis herum nehmen. Dann plötzlich sackte sein Bein weg. Das dünne Eis brach unter ihm, riss ihn in die Tiefe. Ich sah, wie er panisch versuchte, sich an dem Eis festzuhalten, sich aus dem Wasser zu ziehen. Aber er brach wieder ein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er langte um sich, versuchte, neuen Halt zu finden, aber die Strömung unter der Eisoberfläche musste unglaublich stark sein. In einem Moment war er noch da, unsere Blicke trafen sich, sein Grinsen wirkte jetzt voller Verzweiflung, dann wurde sein Kopf Unterwasser gerissen und das Monster war verschwunden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Inzwischen hatten wir wieder festes Eis unter dem Schneemobil. Frau Nanuq fuhr aber noch weiter, bis wir das andere Ufer erreichten. Erst dann blieben wir stehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gemeinsam betrachteten wir den Fluss. Im Halbdunkel wirkte die Landschaft jetzt wieder völlig friedlich. Lediglich das Loch im Eis wies darauf hin, dass hier überhaupt etwas geschehen war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mistvieh!“, stieß Frau Nanuq neben mir plötzlich aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich musterte sie einen Moment. Diese kleine Frau mit den langen grauen Haaren, die ich bis vorhin noch für eine Verrückte gehalten hatte, hatte mir das Leben gerettet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Frau Nanuq. Ich … Es tut mir leid, dass ich Ihnen nicht geglaubt habe. Wie kann ich das je wieder gutmachen?“, fragte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber sie winkte ab. „Bitte. Nenn mich Simone“, sagte sie. Sie lächelte mich aufmunternd an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Randy“, stellte auch ich meinen Vornamen vor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Also Randy, was hast du jetzt vor?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sah noch einmal zum Fluss. Dann fasste ich mir an den inzwischen blutverschmierten Bauch. „Zuerst muss ich meine Wunden versorgen. Und danach muss ich mich bei Enoki entschuldigen. Es tut mir wirklich leid, dass ich euch beiden nicht geglaubt habe.“</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Mahaha ist ein Monster der Inuit-Mythologie. Er ist dafür bekannt, seine Opfer im wahrsten Sinne des Wortes zu Tode zu kitzeln.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Den Legenden der Inuit zufolge hat der Mahaha ein menschenähnliches Äußeres mit blasser bis bläulicher Hautfarbe. Sein Körper ist sehr dünn und sehnig, unter seiner Haut sollen sich aber kräftige Muskeln spannen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem soll er lange scharfe Fingernägel an seinen langen knochigen Fingern haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Seine Augen werden oft als weiß oder blau beschrieben. In einigen Quellen habe ich gelesen, dass er keine Iris habe, in anderen war lediglich von stechenden bis leuchtenden Augen die Rede, die durch sein langes Haar scheinen, das ihm strähnig ins Gesicht hängt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was seine Kleidung angeht, sind die Beschreibungen eher schwammig, was aber vor allem daran liegen könnte, dass er nur wenig bis gar keine Kleidung tragen soll. Auf den Bildern hingegen wird er meist mit einer kurzen oder an den Oberschenkeln abgerissenen Hose dargestellt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am markantesten dürfte hingegen sein durchgehendes boshaftes Grinsen mit seinen vielen spitzen Zähnen sein.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der Mahaha wird oft als eine Art arktischer Dämon beschrieben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er lauert nachts in der Dunkelheit, meist in der Wildnis knapp außerhalb von Gemeinschaften, und gibt sich nur durch sein durchgehendes Kichern und Lachen zu erkennen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trifft er auf einen Menschen, der in der Wildnis unterwegs ist, greift er ihn an und kitzelt ihn im wahrsten Sinne des Wortes zu Tode. Dafür zerreißt er ihre Kleidung mit seinen scharfen Fingernägeln. Auch soll er ihm beim Kitzeln blutige Schrammen zufügen. Die Leichen bleiben daraufhin mit einem zu einem schmerzerfüllten Lachen verzerrten Gesicht zurück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem wird ihm nachgesagt, dass er übernatürlich stark sei und sehr schnell laufen könne. Dem Buch „Mahahaa“ (2023) zufolge läuft er dabei manchmal auf allen vieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt jedoch auch Möglichkeiten, wie man einen Mahaha austricksen kann. So habe ich diverse Geschichten gelesen, in denen die Protagonisten den Mahaha dazu gebracht haben, sich über ein Wasserloch im Eis zu beugen. Z. B. haben sie ihn dazu gebracht, etwas von dem Wasser trinken zu wollen, woraufhin sie ihn in das Loch gestoßen haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In anderen Geschichten haben sie ihn auf dünnes Eis gelockt oder mit Gewalt zu dem Loch befördert. Fast alle Geschichten endeten damit, dass der Mahaha von der starken Strömung fortgerissen wurde und ertrunken ist oder zumindest in dem Gewässer eingesperrt wurde.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Da es sich um eine Legende der Inuit handelt, kommt der Mahaha hauptsächlich in der nordkanadischen Arktis vor. Dort soll er sich in den Randgebieten um die Gemeinden der Inuit, bzw. in moderneren Erzählungen auch um die Gemeinden der nicht-Inuit herum, aufhalten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der genaue Ursprung des Mahaha ist nicht bekannt, da seine Geschichten über viele Generationen hinweg ausschließlich mündlich weitergegeben wurden. Man weiß nur, dass die Legende von den Inuit stammt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich habe aber gelesen, dass es bei Leichen von Leuten, die erfroren sind, manchmal zu einer Art Grinsen oder Lächeln kommen kann, das aufgrund der Kontraktion der Gesichtsmuskeln bei extremer Kälte entsteht. Ob diese Behauptung stimmt, konnte ich zwar nicht herausfinden, aber es gibt die Theorie, dass einige Inuit erfrorene Leichen mit diesem verzerrten „Grinsen“ gefunden haben und daraus die <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Legende</a> entstanden sei.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Seitdem dient die Legende als Kinderschreck, damit die Kinder sich nicht zu spät und vor allem nicht allein außerhalb der Gemeinden herumtreiben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Mahaha in der Popkultur:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt ein Buch über den Mahaha, das denselben Namen trägt: „Mahahaa“ (2023) von Jeela Palluq-Cloutier und Neil Christopher ist ein zweisprachiger Roman (Englisch und Inuktitut), der das Monster behandelt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich kann das Buch jedoch nur Folklore/Mythologie-Nerds und Leuten, die Interesse haben, Inuktitut zu lernen, empfehlen, da es für den wenigen Inhalt (40 Seiten mit sehr wenig Text, dafür aber vielen Illustrationen) leider doch recht teuer ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von dem Mahaha? Kanntet ihr die Legende bereits? Oder kennt ihr vielleicht andere Inuit-Legenden? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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		<title>Wewe Gombel – Sie kommt dein Kind holen!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 25 Nov 2024 14:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Geister]]></category>
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		<category><![CDATA[Monster und Ungeheuer]]></category>
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		<category><![CDATA[Wewe Gombel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Zwei dunkle Augen, die tief in den Höhlen saßen, starrten zurück. Auch bemerkte ich jetzt ihre ungesund blasse Haut, die unnatürlich dünnen Gliedmaßen und ihren nackten Oberkörper. Ihre großen, tief hinabhängenden Brüste wurden nur durch den Körper meines Sohnes bedeckt …</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg02.met.vgwort.de/na/8f6b5eb51b0b4e7588b57d3d27e264da" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Die Wewe Gombel ist ein <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Geist</a> aus Indonesien, der Kinder entführen soll. Sie ist der Antagonist des Videospiels Pamali 2. Da ich durch die <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Monster</a> und Geister aus Pamali 1 einige neue Leser gewinnen konnte, habe ich mich also entschieden, auch ihr einen Beitrag zu widmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen</strong></summary>
<p>&#8211; Gewalt gegen Kinder<br>
&#8211; Kindesentführung</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Sonne war bereits untergegangen, während ich mit meiner Taschenlampe durch den Urwald stolperte. „Edi! Ediii!“, schrie ich in die Finsternis.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch die einzigen Antworten, die ich bekam, waren das entfernte Schreien eines Tieres und das Zirpen der Zikaden. Wo war er nur? Wo war mein Sohn?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war bereits über eine Stunde her, seit er zuhause sein sollte. Während des Maghrib, dem frühen Abendgebet, das meine Frau und ich während der Dämmerung vollführt hatten, hatte ich noch gezittert. Nicht aber, weil mein Sohn weg war, sondern weil ich Angst hatte, was Aminah, meine Ehefrau, ihm antun würde, wenn er endlich nach Hause kam.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wo steckt der Bengel nur?“, hatte sie nach dem Gebet gefragt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">‚<em>Vielleicht ist er ja weggelaufen, weil er Angst vor dir hat</em>‘, hatte ich gedacht. Aber wie immer hatte ich mich nicht getraut, es auszusprechen, denn ehrlich gesagt, hatte auch ich Angst vor der Reaktion meiner Ehefrau.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem hatte ich es geschafft, sie zu überreden, dass sie zu Hause wartete, während ich losgegangen war, um Edi zu suchen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zuerst hatte ich die Häuser unserer Nachbarn und seiner Freunde abgeklappert. Leider hatte niemand von ihnen meinen Sohn gesehen. Lediglich Arif, sein bester Freund, konnte mir verraten, dass sie vorhin auf dem Sportplatz bei der Schule gewesen waren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich war seinen Schulweg abgelaufen, hatte mich mit meiner Taschenlampe sorgfältig umgesehen. Aber nichts. Und auch auf dem Sportplatz hatte ich – abgesehen von einem Fußball, der einsam auf dem Platz lag – nichts finden können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hatte mit meiner Taschenlampe sogar unter die Tribünen gesehen. Erst, als ich bereits fast aufgegeben hatte, war mir eine rote Jacke aufgefallen, die am Waldrand lag. Edis Jacke. Das wiederum hatte mich in den Urwald geführt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Inzwischen war mein Stolpern in ein Laufen übergegangen. Ich hetzte zwischen den Büschen, Ranken und Wurzeln entlang, während ich wie ein Wahnsinniger den Namen meines Sohnes rief. „Edi! Edi, wo bist du?“, schrie ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was, wenn er in den Wald gegangen war und sich hier draußen verirrt hatte? Er wusste, dass er nicht im Regenwald spielen durfte. Aber welches Kind hielt sich schon an das, was seine Eltern ihm vorschrieben? Vielleicht war er ja auf einen Baum geklettert und hatte sich verletzt. Oder aber, ihm war etwas ganz anderes zugestoßen. Auch wenn ich mich zu diesem Zeitpunkt noch nicht traute, meine leise Vorahnung auszuformulieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also rannte ich weiter. Ich war inzwischen so weit in den Dschungel gerannt, dass ich mir nicht einmal mehr sicher war, ob ich selbst wieder hinausfinden würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Edi?“, brüllte ich erneut.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann blieb ich abrupt stehen. Ich war mir nicht ganz sicher, aber hatte ich da eben eine Antwort gehört? Wie erstarrt stand ich da, während ich angespannt lauschte. Und tatsächlich: Irgendwo unter dem Zirpen der Zikaden hörte ich ein leises Rufen. „Papa“, rief Edi aus der Ferne. Angst lag in seiner Stimme.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Edi!“, schrie ich aus voller Lunge. „Bleib, wo du bist! Ich bin sofort bei dir!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hastete weiter in die Richtung, aus der die Stimme noch immer rief, versuchte dabei, mich an die wenig bewachsenen Wege zu halten. Aber so schnell ich auch rannte, so weit ich auch lief, ich kam seinen Rufen nur langsam näher. Es war, als wenn mein Sohn vor mir weglaufen würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem gab ich nicht auf. Immerhin war Edi mein ein und alles, mein einziges Kind. Erst, als ich seine Stimme fast erreicht hatte, tauchte in der Ferne plötzlich eine Gestalt im Schein meiner Taschenlampe auf. Ich wurde langsamer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es sah aus, wie eine gebückt gehende Frau mit wirren langen Haaren. Als sie mein Licht bemerkte, blieb auch sie stehen. Dann drehte sie sich langsam zu mir um.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als Erstes bemerkte ich die kleine Gestalt, die sie fest an ihre Brust drückte. „Edi!“, schrie ich entsetzt. Dann jedoch fiel mein Blick auf ihre langen klauenartigen Fingernägel und ich zwang mich, ihr ins Gesicht zu blicken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zwei dunkle Augen, die tief in den Höhlen saßen, starrten zurück. Auch bemerkte ich jetzt ihre ungesund blasse Haut, die unnatürlich dünnen Gliedmaßen und ihren nackten Oberkörper. Ihre großen, tief hinabhängenden Brüste wurden nur durch den Körper meines Sohnes bedeckt. Sie sah genauso aus, wie meine Mutter sie früher in ihren Geschichten beschrieben hatte. Für mich bestand kein Zweifel. Diese Frau, dieses Wesen, das da gerade meinen Sohn entführte, war die Wewe Gombel.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich merkte erst, wie sehr meine Knie bei dem Anblick zitterten, als ich einen Schritt auf sie, auf meinen Sohn zumachen wollte. Meine Beine bewegten sich keinen Zentimeter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich fühlte ich mich in meine eigene Kindheit zurückversetzt. Wie oft hatte ich Albträume von der Wewe Gombel gehabt, die Kinder entführte, die zu spät noch draußen waren? Wie oft hatte ihr boshaftes Lächeln mich aus unruhigen Träumen gerissen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sei ja vor dem Maghrib zuhause, Wahyudi!“, hatte meine Mutter mich immer gewarnt. „Sonst kommt die Wewe Gombel dich holen!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und ob ihr es glaubt oder nicht, sie hatte das nicht bloß gesagt, damit ich rechtzeitig nach Hause kam. Nein. Sie hatte selbst Angst gehabt, dass ich von der Wewe Gombel entführt wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Denn hier auf Java gibt es auch viele Erwachsene, die noch an das Übernatürliche glauben. Tief in meinem Inneren wusste ich schon immer, dass die Wewe Gombel wirklich existiert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber vielleicht sollte ich euch erst erzählen, was die Wewe Gombel überhaupt ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Legende nach war sie einst selbst ein Mensch gewesen. Sie lebte damals mit ihrem Ehemann zusammen irgendwo hier auf Java.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie führten jedoch keine glückliche Ehe. Etwas, das ich inzwischen nur zu gut nachempfinden konnte. Sie konnte keine Kinder gebären, was ihrem Mann alles andere als passte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es heißt, dass er eine Affäre einging. Seine Frau, die mit der Zeit etwas ahnte, schlich ihm eines Tages nach und erwischte ihn mit einer anderen Frau im Bett. Die Wewe Gombel soll ihren Ehemann daraufhin im Affekt getötet haben. Auch etwas, dass ich nur zu gut nachempfinden konnte. Nicht, dass meine Frau mir untreu wäre, aber hätte ich vor der Hochzeit gewusst, welches Monster sich hinter der Unschuldsmiene von Aminah verbarg, hätte ich sie wohl nie geheiratet. Wie oft hatte ich mir schon vorgestellt, ihr etwas anzutun, wenn sie Edi mal wieder schlug …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber zurück zu der Wewe Gombel. Es heißt, dass die Leute aus ihrer Nachbarschaft bald herausfanden, was sie ihrem Mann angetan hatte. Sie vertrieben sie aus ihrem Dorf und verfolgten sie danach noch weiter. Irgendwann sah die Frau keinen anderen Ausweg mehr, als sich das Leben zu nehmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihr Geist jedoch fand auch nach ihrem Tod keine Ruhe. Stattdessen blieb er hier auf der Erde, wandelt seitdem nachts durch die Wälder und Dörfer auf der Suche nach dem Einen, das ihr im Leben verwehrt geblieben war: ein eigenes Kind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ganz tief in mir drin hatte ich schon immer an sie geglaubt, aber ich war mir nie 100% sicher gewesen, dass sie wirklich existiert. Bis sie an diesem Abend vor mir stand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einen Moment lang starrten wir einander bloß an, während wir reglos dastanden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann jedoch rief Edi erneut nach mir. „Papa! Papa, hilf mir!“, rief er verheult.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das löste mich endlich aus meiner Schockstarre. Ich setzte mich wieder in Bewegung, stürmte auf Edi, auf die Wewe Gombel zu. Sie drehte sich ruckartig um und rannte mit meinem Sohn weiter ins Unterholz.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt musste ich auf jeden Fall an ihr dranbleiben. Ich durfte meinen Sohn nicht verlieren. Nicht an sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich rannte ihr nach, stolperte und kletterte über Ranken und Wurzeln. Aber die Wewe Gombel war ein Wesen des Waldes. Sie wohnte hier, kannte wahrscheinlich jeden Baum, jeden Ast. Außerdem wusste sie jetzt, dass sie verfolgt wurde. Ich hingegen war noch nie durch den Regenwald gerannt – zumindest nie so schnell.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich strauchelte, stürzte, mich zwischen dichten Ranken durchkämpfen musste, hörte ich, wie sich Edis Rufe langsam von mir entfernten. Und dann, von der einen auf die andere Sekunde, verstummten sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Verwundert blieb ich stehen. Ich drehte den Kopf, während ich lauschte. Nichts. Mein Sohn hatte aufgehört, nach mir zu rufen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Edi? Ediii?“, brüllte ich wieder seinen Namen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber ich bekam keine Antwort mehr. Edi war weg.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nein, nein, nein“, jammerte ich. Tränen schossen mir in die Augen. Ich blinzelte sie weg, während ich mich weiter umsah. Aber ich würde jetzt ganz sicher nicht aufgeben!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was blieb mir also anderes übrig, als weiter in die Richtung zu gehen, aus der ich ihn zuletzt gehört hatte?</p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Keine Ahnung, wie lange ich weiterging. Ob es fünf Minuten waren oder zehn, ich wusste es nicht. Ich konzentrierte mich nur auf den Weg vor mir, achtete darauf, ja nicht die Richtung zu wechseln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem schwand meine Hoffnung mit jedem Schritt. Edis Stimme kehrte nicht zurück. Ich hatte das Gefühl, meinen Sohn verloren zu haben. Konnte das das Ende sein?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann hörte ich jedoch völlig unerwartet einen leisen Gesang. Es war eine Frauenstimme. Sie sang ein Schlaflied, das meine Mutter mir früher auch immer vorgesungen hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das musste die Wewe Gombel sein. Wer sonst würde um diese Uhrzeit hier singen? Und dann auch noch in völliger Dunkelheit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also richtete ich meine Taschenlampe auf dem Boden. Ich wollte möglichst wenig auffallen, während ich voller neu gewonnenem Tatendrang weiterschlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich kam dem Ursprung des Gesangs näher und näher. Schließlich schaltete ich meine Taschenlampe ganz aus, ehe ich vorsichtig um einen dicken Baum spähte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und tatsächlich: In der Dunkelheit konnte ich die Silhouette einer alten Frau erkennen. Sie kauerte am Boden und wog sich vor und zurück, während sie leise sang.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Geräuschlos zog ich jetzt mein kleines Taschenmesser aus meiner Hosentasche. Es war kaum als Waffe zu gebrauchen, dafür war es viel zu kurz und wahrscheinlich auch zu stumpf, aber es war besser als gar nichts.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als Nächstes schrie ich auf und schaltete meine Taschenlampe wieder ein, während ich mit ausgestrecktem Messer einen Satz nach vorne machte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Wewe Gombel schnappte überrascht nach Luft. Nahezu unnatürlich schnell sprang sie auf ihre Beine, schob Edi hinter ihren Rücken und nahm eine verteidigende Haltung ein. Es sah fast so aus, als ob sie meinen Sohn vor mir schützen wollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich ignorierte es. „Edi! Alles wird gut!“, sagte ich laut. „Komm her. Komm zu Papa! Ich bring dich nach Hause.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch Edi sah mich bloß an, als ob er mich nicht kennen würde. Die Wewe Gombel musste ihn verhext haben!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch erkannte ich jetzt, dass er an irgendetwas knabberte. Ein Stück Mango, wenn ich es richtig sah.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ehe ich ihn jedoch dazu auffordern konnte, es auszuspucken, unterbrach mich eine Stimme. „Mama!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Verwundert wirbelte ich herum. Zu meiner Rechten stand ein kleines Mädchen, vielleicht fünf oder sechs Jahre alt. Und sie war nicht allein. Im Schein meiner Taschenlampe konnte ich noch weitere Kinder sehen, die ganz in der Nähe standen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was will der Mann von dir?“, fragte das Mädchen die Wewe Gombel. Furcht lag in ihrer Stimme.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und auch die anderen Kinder, Jungen und Mädchen in verschiedenstem Alter, sahen mich verängstigt an. Als wäre ich das Monster.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Keine Sorge“, krächzte die Wewe Gombel dem Mädchen zu. „Der Mann wollte gerade gehen. Bevor noch jemand zu Schaden kommt.“ Ihre kratzige Stimme trieb mir einen Schauer über den Rücken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich musste schlucken, zwang mich aber, keinen Zentimeter zurückzuweichen. Stattdessen sagte ich mit möglichst fester Stimme: „Lass die Kinder gehen, die du entführt hast! Lass Edi gehen!“ Vielleicht war das etwas übermütig. Immerhin war sie ein uralter Geist. Aber ich musste an all die Eltern denken, die ihre Kinder sicherlich schrecklich vermissten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Entführt?“, blaffte die Wewe Gombel zurück! „Ich habe sie gerettet! Vor ihren Familien! Vor deiner Frau und dir!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das brachte mich zum Stutzen. „N-nein!“, protestierte ich. „Ich habe Edi nie etwas angetan!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch die Wewe Gombel kniff ihre Augen zu Schlitzen zusammen. „Nein? Was hast du denn getan, als deine Frau ihn geschlagen hat? Was hast du getan, als sie deinen Sohn verprügelt hat, weil er eine schlechte Note geschrieben hat? Oder das angebrannte Essen nicht essen wollte? Hast du ihn da beschützt?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, die Wewe Gombel anzuschreien, aber die Worte blieben mir im Hals stecken. Sie hatte recht. Was hatte ich je getan, wenn Aminah Edi geschlagen hat? Ich hatte doch selbst viel zu viel Angst vor den Fäusten meiner Frau.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich spürte, wie mir Tränen in die Augen stiegen. Wenig später rannen sie über meine Wangen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mama?“, hörte ich Edi plötzlich sagen. „Warum weint der Mann?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es dauerte einen Moment, bis ich realisierte, dass er mit der Wewe Gombel sprach. ‚Mama‘ … Wie lange war es her gewesen, dass er dieses Wort nicht geflüstert oder angsterfüllt geschrien hatte? Ich wusste es nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Durch meinen Tränenschleier blickte ich wieder zu der Wewe Gombel. Doch jetzt sah ich sie mit anderen Augen. Sie war nicht das Monster, für das sie alle hielten. Das wahre Monster saß bei mir zuhause. Vor Aminah musste ich Edi schützen, nicht vor der Wewe Gombel.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann waren die Gerüchte über die Wewe Gombel also wahr. Nicht, dass sie ein schreckliches Monster war, sondern, dass sie sich um die entführten Kinder kümmerte, als seien es ihre eigenen. Hier würde es Edi gutgehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem hieß es, dass, wenn die Eltern sich bessern sollten, die Wewe Gombel die Kinder zurückgeben würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich wieder sprechen wollte, spürte ich einen Kloß in meinem Hals. Mit Mühe schluckte ich ihn hinunter. „Versprichst du, dass du gut auf meinen Sohn achtgeben wirst?“, fragte ich mit brüchiger Stimme.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt wirkte der Blick der Wewe Gombel fast traurig, während sie mich musterte. Sie ließ sogar ihre klauenbesetzte Hand sinken, die sie mir eben noch verteidigend entgegengestreckt hatte, um damit Edi über den Kopf zu streicheln. „Ich verspreche es“, sagte sie ruhig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Atem ging jetzt schnell und stoßweise. Ich zwang mich, ruhiger zu atmen. „Werde ich ihn wiedersehen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder musterte mich die Wewe Gombel. „Das hängt ganz von dir und deiner Frau ab“, antwortete sie ehrlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich nickte. Dann sah ich zu meinem Sohn. Er hatte wieder angefangen, an seiner Mango zu knabbern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schluchzte. Es tut mir so leid, Edi. Aber es ist besser so. „Dann soll mein Sohn bei dir bleiben“, sagte ich und besiegelte damit sein Schicksal.</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Wewe Gombel ist ein Geist aus dem indonesischen Volksglauben, dem man nachsagt, Kinder zu entführen. Sie ist vor allen auf der indonesischen Insel Java bekannt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Entstehung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden">Legende</a> nach war die Wewe Gombel einst eine normale Frau. Sie war verheiratet, führte aber keine glückliche Ehe, da sie keine Kinder bekommen und ihr Ehemann damit nicht umgehen konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aus dem Grund ging ihr Mann eine Affäre ein. Die Frau bekam es mit und brachte ihren Mann voller Schmerz und Wut um.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als die Leute jedoch von dem Mord erfuhren, vertrieben sie sie aus ihrem Dorf. Es heißt, dass sie sie anschließend verfolgt haben. Und als die Frau schließlich keinen anderen Ausweg mehr sah, nahm sie sich das Leben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Seitdem soll ihre ruhelose Seele als Wewe Gombel über die Erde wandeln.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Auch als Geist ist die Wewe Gombel noch immer als Frau zu erkennen. Sie hat wirres langes Haar, blasse Haut und trägt schlichte Kleidung. Manchmal wird sie auch als nackt oder halbnackt beschrieben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihr wohl bekanntestes Merkmal sind hingegen ihre großen Brüste, die bis zum Bauchnabel oder noch weiter herabhängen sollen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darüber hinaus wird ihr oft ein unheimliches Aussehen nachgesagt. Das kann von dünnen Gliedmaßen, über ungewöhnlich große, eingefallene und/oder leuchtende Augen bis hin zu krallenähnlichen Fingernägeln gehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihr genaues Aussehen kann sich von Erzählung zu Erzählung jedoch stark unterscheiden.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Wewe Gombel ist dafür bekannt Kinder zu entführen. Im Gegensatz zu kinderentführenden Schreckgestalten aus anderen Kulturen ist sie jedoch nicht zwangsläufig bösartig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es heißt nämlich, dass sie besonders häufig Kinder entführt, die von ihren Eltern schlecht behandelt werden. Sollten die Eltern daraufhin ihre Fehler einsehen und sich bessern, soll sie die Kinder sogar zurückbringen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Manchmal heißt es zudem, dass sie die Eltern entführter Kinder heimsucht, um sie dazu zu bringen, an ihren Fehlern zu arbeiten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt jedoch auch andere Versionen, in denen sie bösartiger ist. So sagen einige Leute, dass sie die Kinder mit Fäkalien füttern würde. Sie lässt die Kinder dabei auf magische Weise denken, dass sie ihr Lieblingsessen essen würden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder andere Versionen werden hingegen als Kinderschreck erzählt. Hierbei erzählen Eltern ihren Kindern, dass die Wewe Gombel Kinder holen komme, die sich nachts nach draußen schleichen oder während des Maghrib – dem frühen Abendgebet im Islam – noch nicht zuhause sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während sich die verschiedenen Versionen der Legende stark unterscheiden können, haben sie fast alle eine Gemeinsamkeit: Die Wewe Gombel wird oft mit der Arenga pinnata, der Zuckerpalme, in Verbindung gebracht. Es heißt, dass sie in dem Baum wohnen und in der Nähe des Baumes oder sogar in der Baumkrone die Kinder verstecken soll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Glaube, dass Geister Bäume bewohnen, ist im indonesischen Volksglauben weit verbreitet, wie man z. B. auch an der <a href="https://www.geister-und-legenden.de/kuntilanak" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Kuntilanak</a> sieht.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der Mythos der Wewe Gombel ist in Indonesien weit verbreitet. Am bekanntesten ist ihre Legende aber auf der Insel Java – besonders in der Gegend um Semarang, Zentraljava, wo auch der Bukit Gombel, ein Berg, nach dem der Geist benannt sein soll, steht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem soll sie, wie bereits erwähnt, die indonesische Zuckerpalme bewohnen. Die meisten Indonesier meiden es daher, Bäume zu beschädigen oder irgendetwas mit dem Baum zu tun, das den Geist verärgern könnte.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Legende der Wewe Gombel wurde lange Zeit nur mündlich überliefert. Das ist auch der Grund, warum es so viele verschiedene Versionen davon gibt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Besonders als Warnung an Kinder, damit sie sich nicht zu spät noch draußen herumtreiben, ist die Legende viel verbreitet worden. Sie dient aber auch als Warnung an Eltern, dass sie ihre Kinder gut behandeln und niemals als selbstverständlich erachten sollen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie genau die Legende entstanden ist, habe ich hingegen nicht herausfinden können. Es gibt aber die Theorie, dass sie nach dem Bukit Gombel, auf dem es während der niederländischen Kolonialzeit zu viel Leid und Armut gekommen war, benannt wurde. Aufgrund des vielen Leids sollen sich um den Berg einige Geistergeschichten drehen. Die Legende der Wewe Gombel ist eine von ihnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Legende ist inzwischen so weit in den Volksglauben vorgedrungen, dass auf Java noch immer viele Menschen glauben, dass es die Wewe Gombel wirklich gibt. Das reicht von Furcht über Zeugenaussagen von angeblich zurückgekehrten Kindern bis hin zu Beschuldigungen bei Vermisstenfällen und Erwähnungen in den indonesischen Nachrichten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Wewe Gombel in der Popkultur:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Aufgrund ihrer Bekanntheit hat die Wewe Gombel es außerdem geschafft, in die Popkultur einzugehen. So gibt es diverse Filme, Comics, Videospiele und sogar gleichnamige Lieder über sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zwei der bekanntesten Filme sind wohl der 2024 erschienene Film „Marni: The Story of Wewe Gombel“ und der Film „Wewe Gombel“ von 1988.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem gibt es das Android Spiel „Wewe Gombel &#8211; Horror Escape“ und sie wird der Antagonist in dem geplanten Horrorspiel Pamali 2 sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">An dieser Stelle möchte ich ein kleines Update geben, da ich den Film &#8222;Marni: The Story of Wewe Gombel&#8220; inzwischen gesehen habe. Der Anfang war etwas träge, dafür hat mich der Mittelteil voll und ganz in den Bann gezogen, nur um mich mit dem Finale wieder zu verlieren. Insgesamt würde ich den Film nur 6 von 10 Sternen geben, möchte aber trotzdem die Darstellung der Wewe Gombel loben, die mir sehr gefallen hat. Und noch eine kleine Triggerwarnung, da auch dieser Film leider eine kurze Vergewaltigungsszene enthält.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von der Wewe Gombel? Kanntet ihr die Legende bereits? Und was hättet ihr an Wahyudis Stelle getan? Hättet ihr euren Sohn bei der Wewe Gombel gelassen? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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		<title>Aswang (überarbeitet)</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 28 Aug 2023 13:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Geschichten]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Mit offenem Mund stand ich da, unfähig, mich zu bewegen. Mein Hirn arbeitete auf Hochtouren, wollte nicht begreifen, was da gerade geschah, während dieses … Ding sich Stück für Stück in eine menschenähnliche Kreatur verwandelte ...</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg09.met.vgwort.de/na/b00fcc7104394a12aa07fb432d616ed1" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Mein Beitrag über die Aswang war einer der ersten Beiträge, die ich je auf meinem Blog hochgeladen habe. Da ich neulich erst bei einer Lesung auf <a href="https://www.patreon.com/geisterlegenden">Patreon</a> mit einer Leserin über den Aswang gesprochen habe, bot es sich für mich an, den alten Beitrag zu entstauben, indem ich ihn komplett überarbeite. Zu der Filipina, die mir damals bei der Recherche geholfen hat, habe ich zwar keinen Kontakt mehr, die <a href="https://www.aswangproject.com/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Website</a> und der <a href="https://youtu.be/2ePhqoyLpXQ?si=EjGgLHn6AxIBbg2P" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Dokumentarfilm „The Aswang Phenomenon“</a> haben mir bei der Überarbeitung aber sehr geholfen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen (Achtung Spoiler!)</strong></summary>
<p>&#8211; Blut<br>
&#8211; fehlgeschlagene Schwangerschaf<br>
&#8211; Tod</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Als mein Lolo, mein Großvater, noch lebte, hatte er mir häufig von den philippinischen Legenden erzählt. Er war vernarrt in die Erzählungen und Geschichten gewesen und hatte sogar behauptet, einige der Kreaturen selbst gesehen zu haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber auch, wenn ich ihm als Erwachsener kein Wort mehr glaubte, waren seine Geschichten in meiner Jugend mehr als einmal der Grund für meine Albträume gewesen. Natürlich wusste ich da noch nicht, dass ich mir eines Tages wünschen würde, ich hätte ihm besser zugehört.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Früher waren meiner Meinung nach die einzigen realen Monster Menschen gewesen. Die Legenden waren für mich nicht mehr als Märchen. Das alles änderte sich jedoch, als eine von Lolos Kreaturen mein Leben zerstörte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">An jenem Abend war ich für die Spätschicht eingeteilt gewesen. Als ich den Supermarkt endlich verlassen hatte, war ich völlig erschöpft. Ich wollte nur noch nach Hause zu Aira, meiner schwangeren Frau, mich an sie kuscheln und ihren Bauch halten, um die Bewegungen unseres Sohnes zu spüren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zum Glück war der Supermarkt nicht weit von zu Hause entfernt. Er war tatsächlich so nah, dass ich bei gutem Wetter oft mit dem Fahrrad zur Arbeit fuhr.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich weiß noch, wie ich gedankenverloren den Sternenhimmel beobachtete, während ich die Straßen entlang radelte. Ich lauschte dem Konzert der Zikaden, spürte den warmen Fahrtwind auf meiner Haut. Der gesamte Stress des Arbeitstages fiel von mir ab.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Gedanken war ich bei Aira. Ich überlegte, ob wir es am kommenden Wochenende endlich schaffen würde, das Kinderzimmer zu streichen. Wir hatten uns bereits für eine Farbe entschieden: ein warmes Orange.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich war gerade dabei, mit dem Fahrrad um eine Ecke zu biegen, dachte darüber nach, wie das fertige Kinderzimmer wohl aussehen würde, als ein Knurren vor mir mich in die Realität zurückriss.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Panisch zog ich die Bremsen an. Mein Fahrrad kam nur wenige Zentimeter später zum Stehen, direkt vor einem großen Hund, der vor mir auf dem Gehweg stand. Knurrend entblößte er im Licht einer einzelnen Laterne seine spitzen gelblichen Zähne.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sein schwarzes Fell sah ungepflegt aus, wirkte stellenweise zu dünn, als wäre er krank oder leide unter Unterernährung. Beides keine Seltenheit für die zahlreichen Straßenhunde der Philippinen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was ihn jedoch deutlich von den anderen Straßenhunden abzeichnete, waren seine enorme Größe und sein Verhalten. Die anderen Hunde wirken für gewöhnlich ängstlich, passiv, mieden Menschen. Dieser Hund hingegen hatte eine aufrechte Körperhaltung, seinen Schwanz hatte er aufgestellt und den Kopf erhoben. Mit blutunterlaufenen Augen starrte er mich direkt an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hingegen bewegte mich keinen Millimeter, musste mich zwingen, langsam weiterzuatmen. Als Stadtmensch hatte ich keine Ahnung, wie ich mich einem wilden Tier gegenüber verhalten musste. Ich war mit der Situation komplett überfordert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zum einen schrien meine Instinkte danach, den Lenker herumzureißen und so schnell ich konnte loszuradeln, zum anderen wusste ich genau, dass ich dadurch wahrscheinlich den Jagdinstinkt des Tieres wecken würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also stand ich bloß weiter reglos da, während der Hund seine Schnauze hob. Er schnupperte in meine Richtung. Dann veränderte sich plötzlich etwas in seinen Augen. Nein. Nicht nur in seinen Augen. Seine gesamte Körperhaltung änderte sich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst dachte ich, er bewege sich nur, aber es war etwas anderes. Stück für Stück verlor das Tier sein Fell. Seine Vorderbeine begannen, kräftiger zu werden. Seine Pfoten wurden breiter, verwandelten sich in klauenartige Hände. Und auch seine Hinterbeine wurden dicker und länger, während sich seine Hinterpfoten langsam zu Füßen verwandelten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit offenem Mund stand ich da, unfähig, mich zu bewegen. Mein Hirn arbeitete auf Hochtouren, wollte nicht begreifen, was da gerade geschah, während dieses … Ding sich Stück für Stück in eine menschenähnliche Kreatur verwandelte. Inzwischen war sein Fell komplett verschwunden. Stattdessen blieb fleckige graue Haut zurück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Seine Schnauze ging langsam zurück, bildete einen Mund, aus dem eine spitze, unnatürlich lange Zunge ragte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann traf mich ein Gestank nach Verwesung. Er war so intensiv, dass ich würgen musste. Hätte ich nicht mein Fahrrad gehalten, wäre ich wohl einige Schritte zurückgetaumelt. Dafür hatte ich jetzt endlich die Kontrolle über meinen Körper zurück. Meine Schockstarre war beendet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit einem letzten Blick auf die Kreatur, die noch immer zusammengekauert dastand, riss ich das Fahrrad herum, sprang wieder auf den Sattel und trat in die Pedale, als würde mein Leben davon abhängen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Hoffnung, dass das Wesen durch die Verwandlung zu geschwächt sei, um sofort die Verfolgung aufzunehmen, wurde von dem klackernden Geräusch hinter mir zunichtegemacht. Scharfe Klauen trafen mit schnellen Schritten lautstark auf den gepflasterten Boden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich mit einer im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubenden Geschwindigkeit durch die Straßen hetzte, schien das Wesen keine Probleme zu haben, mit meinem Fahrrad mitzuhalten. Trotzdem blieben seine Schritte immer auf gleichem Abstand. Sogar, als ich mehrfach bei einigen Kurven ins Straucheln kam, holte es mich nicht ein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich dachte mir nichts dabei. Mein einziger Gedanke war, dass ich gejagt wurde. Dass das Wesen irgendetwas anderes als mich und mein zartes Fleisch im Sinn haben konnte, kam mir nicht einmal in den Kopf. Und so führte ich es direkt zu mir nach Hause – direkt zu Aira.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dort angekommen sprang ich sofort vom Fahrrad, das scheppernd auf dem harten Boden landete. Ein Blick nach hinten verriet mir, dass ich das Wesen abgehängt hatte. Zumindest musste der Abstand so groß geworden sein, dass es die letzte Kurve noch nicht erreicht hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich meine Schlüssel aus der Tasche zerrte, machte sich eine trügerische Hoffnung in mir breit. Fast im selben Moment entglitt der Schlüsselbund jedoch meinen schwitzigen Fingern. Mit einem lauten Rasseln schlug er auf dem Boden vor der Haustür auf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich erstarrte, lauschte auf alle Geräusche, ehe ich mich selbst daran erinnerte, mich zu beeilen. Aber selbst da konnte ich nichts hören außer den nächtlichen Vögeln im Dschungel, den typischen Klängen der Stadt und meinem eigenen rasenden Herzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit zittrigen Fingern schaffte ich es endlich, die Tür aufzuschließen. Ich riss den Schlüssel aus dem Schloss, sprang in den Flur und drückte die Tür hinter mir fest zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst jetzt erlaubte ich es mir, durchzuatmen. Meine Beine fühlten sich an wie Wackelpudding. Als die Anspannung endlich von mir abzulassen schien, ließ ich mich mit zittrigen Knien an der Tür zu Boden sinken. Tränen schossen mir in die Augen, während ich die Beine mit den Armen zur Brust zog.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Joshua? Joshua, bist du das?“, hörte ich Airas Stimme laut aus dem Wohnzimmer rufen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein gesamter Körper verkrampfte sich. Die Angst war schlagartig zurückgekehrt. Unfähig zu antworten, ließ ich meine Hände zu Boden gleiten. Auf allen vieren tastete ich mich langsam zu dem Fenster neben unserer Haustür vor. Es reichte bis zum Boden. Ich würde keine Probleme haben, von hier unten auf die Straße hinauszublicken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem hielt ich für eine Sekunde inne, ehe ich hinaussah. Sicherlich kennt ihr den ein oder anderen Horrorfilm, in dem jemand ängstlich aus einem Fenster schaut, nur um auf der anderen Seite ein fremdes Gesicht zu sehen, wenige Zentimeter von dem eigenen entfernt. Ich sah das Gesicht der Kreatur mit seiner langen Zunge schon förmlich vor mir, ehe ich den Blick nach draußen wagte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann: Erleichterung. Auf der Straße war es völlig ruhig. Das einzige Gesicht, das mir entgegenstarte, war die Reflexion meines eigenen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Inzwischen war die angestaute Anspannung in mir so groß, dass ich mich fast auf den Boden übergeben hätte. Trotzdem zwang ich mich, aufzustehen. Ich musste zu Aira.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ehe ich jedoch auch nur einen Schritt in Richtung Wohnzimmer machen konnte, ertönte plötzlich das Geräusch von splitterndem Glas – dicht gefolgt von einem markerschütternden Schrei meiner Frau.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Aira!“, kreischte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein schmatzendes Geräusch mischte sich unter Airas Geschrei, während ich ins Wohnzimmer sprintete. Aber ich war zu spät. Im Wohnzimmer angekommen sah ich nur noch eine große graue Gestalt, die aus dem kaputten Fenster sprang.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann fiel mein Blick auf Aira. Sie lag am Boden, umgeben von Glasscherben und Blut. Panik glänzte in ihren weit aufgerissenen Augen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Aira! Schatz!“, schrie ich, während ich zu ihr hetzte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt bemerkte ich die klaffende Wunde an ihrem Bauch. Das Monster hatte sie aufgerissen. Vor lauter Rot konnte ich nicht erkennen, wo ihre Haut aufhörte und wo das zerfetzte Kleid begann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hilflos presste ich eine Hand auf die Wunde, während ich mit der anderen den Notruf wählte. Die Stimme eines Mannes meldete sich. Ich beantwortete seine Fragen wie automatisch, schenkte ihm kaum Beachtung, während ich die Umstände und unsere Adresse herunterratterte. Schließlich sollte ich das Telefon auf laut stellen und neben Airas Kopf legen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hallo? Frau Reyes? Aira? Können Sie mich hören?“, fragte die Stimme aus dem Telefon.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aira reagierte nicht. Stattdessen sah sie mich noch immer aus Angst erfüllten Augen an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Herr Reyes? Ist Ihre Frau bei Bewusstsein? Sie müssen sie unbedingt wachhalten. Ein Krankenwagen ist schon auf dem Weg zu Ihnen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Liebevoll streichelte ich Aira mit meiner sauberen Hand über die Wange. „Hast du gehört, Aira? Hilfe ist unterwegs! Du musst nur noch einen Moment durchhalten! Bitte Schatz, halte durch!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aira öffnete den Mund, um etwas zu sagen. Ihre Stimme war so schwach, dass ich mich vorbeugen musste, um sie zu verstehen. „Er hat unseren Jungen gestohlen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wer? Wer hat unseren Jungen gestohlen?“, erwiderte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Aswang“, hauchte sie. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Wort bewegte etwas in mir. Ich kannte den Namen, hatte ihn schon diverse Male gehört, auch wenn ich nicht wusste, was er bedeutete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Aswang? Wer ist Aswang?“, fragte ich sofort, versuchte, meine Frau in ein Gespräch zu verwickeln, sie bei Bewusstsein zu halten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment jedoch verloren Airas Augen ihren Fokus. Ihr Blick ging ins Leere und meine Frau tat ihren letzten Atemzug.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach dem Vorfall war ich für lange Zeit in tiefe Trauer gefallen. Es hatte Monate gedauert, bis ich wieder lächeln konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Polizei hatte mir auf mein Flehen hin erzählt, dass man Aira den Fötus aus dem Bauch gerissen hatte. Sie erklärten, dass sie keine Ahnung hatten, welches Werkzeug der oder die Täter verwendet hatten. Auch wollten sie mir nicht zuhören, als ich ihnen von dem Wesen erzählte. Sie schoben es auf den Schock, den ich erlitten hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem war der brutale Umstand von Airas Tod nicht das Schlimmste, wie ich nur wenige Tage später erfahren sollte. Die ganze Zeit ließ mich ein einzelnes Wort nicht los: Aswang. Ein Name, der sich zusammen mit Airas letzten Worten in mein Gedächtnis gebrannt hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich im Internet danach suchte, wurde ich schnell fündig. Es gab tatsächlich ein philippinisches Wesen mit dem Namen. Was mich jedoch viel mehr schockte, war ein einzelner Satz: Aswang ernähren sich am liebsten von Föten, die sie schwangeren Frauen aus dem Leib reißen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Schock traf mich wie ein kalter Schwall Eiswasser. Ich erinnerte mich, wie der Hund an mir gewittert hatte, ehe er sich verwandelte. Wie die Schritte hinter mir immer auf gleichem Abstand geblieben waren, mich nicht eingeholt hatten. Es war meine Schuld gewesen. Ich hatte Aira umgebracht. Ich hatte den Aswang genau zu unserem ungeborenen Sohn geführt.</p>



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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Aswang ist eine <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer">Kreatur</a>, die auf den Philippinen vorkommen soll. Er ist aber nicht einfach nur ein Monster, sondern kann eine ganze Reihe von verschiedenen Wesen darstellen, die alle unter dem Namen „Aswang“ bekannt sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So wird z. B. der <a href="https://www.geister-und-legenden.de/manananggal">Tikwi bzw. Manananggal</a> manchmal als eine Unterart des Aswang beschrieben, auch wenn andere Leute die Wesen als eigenständige Kreaturen sehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Umfragen zufolge sollen etwa 80% aller Filipinos an die Existenz von Aswang glauben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Das Aussehen der Aswang kann sich, aufgrund der weiten Verbreitung und geographischen Grenzen zwischen den philippinischen Inseln, stark unterscheiden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Tagsüber sollen sie fast wie eine normale Frau, sehr viel seltener auch wie ein Mann, aussehen. Jedoch gibt es auch hier verschiedene Erkennungsmerkmale: Zum Beispiel sollen die Reflexionen in ihren Augen auf dem Kopf stehen oder sie sollen kein Philtrum (die kleine Einbuchtung zwischen Nase und Oberlippe) besitzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Gestalt, in die sie sich nachts verwandeln, reicht hingegen von einer hässlichen Frau mit Vampirzähnen und Fledermausflügeln, über diverse Tiere und ghulähnliche Kreaturen bis hin zu einer vergleichsweise menschlichen Hexe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Einfachheit halber werde ich mich an dieser Stelle hauptsächlich auf die mir am besten bekannte Form konzentrieren, von der Tuyo, die bereits erwähnte Filipina, mir erzählt hat: eine ghulähnliche Kreatur mit gestaltwandlerische Fähigkeiten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Art der Aswang verwandelt sich nachts in eine menschenähnliche Kreatur mit grauer, fleckiger Haut und milchigen Augen. Sie haben meist keine Haare, gelegentlich spitze Ohren und können sowohl einen männlichen als auch einen weiblichen Körper haben. Einige von ihnen sollen außerdem eine unnatürlich lange Zunge besitzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn sie ihre Gestalt in eine andere Form verwandeln, nehmen die hierbei meist die Gestalt eines großen schwarzen Hundes oder eines großen schwarzen Schweins an. Ich habe aber auch von Katzen, Pferden und diversen Vogelarten gelesen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Entstehung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt verschiedene Theroien, wie ein Aswang entstehen kann. Die meisten von ihnen involvieren einen anderen Aswang, der seine Kräfte an sein „Opfer“ weitergibt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine der bekanntesten Theorien ist, dass jeder Aswang ein kleines schwarzes Küken in seinem Bauch trägt. Wenn ein Aswang stirbt, kann er dieses Küken weitergeben, indem es aus seinem Mund hüpft und von dem zukünftigen Aswang geschluckt wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Andere Leute behaupten, dass der Speichel eines Aswang „ansteckend“ ist. So soll eine Person zu einem Aswang werden, wenn ihr ein Aswang ins Ohr spuckt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Neuere Theorien, die von den Vampirlegenden der Kolonisten übernommen wurden, involvieren einen vampirähnlichen Biss, durch den sich Menschen in einen Aswang verwandeln, wenn sie ihn überleben sollten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Aswang werden allerlei schlechte Eigenschaften nachgesagt. Hauptsächlich sind sie aber dafür bekannt, nachts Menschen anzugreifen. Seit Jahrhunderten werden sie auf den Philippinen gefürchtet und wurden bereits für viele grausame Tode verantwortlich gemacht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hauptsächlich greifen sie die Menschen an, weil sei sich von ihnen ernähren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am liebsten sollen ihnen dabei Kinder, Babys und sogar Föten sein. Während sie die Kinder so fressen, reißen sie die Föten aus den Leibern schwangerer Frauen oder saugen sie mit ihrer langen Zunge aus ihnen heraus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber auch für erwachsene Menschen sind vor Aswang nicht sicher. Wenn die Wesen keine gesunden Menschen finden, geben sie sich selbst mit Kranken und sogar kürzlich Verstorbenen zufrieden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf welchen Teil des menschlichen Körpers es die Aswang abgesehen haben, unterscheidet sich je nach Version und Region der Erzählung. Während sie die Föten meist ganz fressen, sind sie bei erwachsenen Menschen manchmal nur hinter ihren Organen, besonders der Leber und dem Herzen, her. Auf welch brutale Weise sie die Menschen aufreißen, um an die Organe zu kommen, muss ich wahrscheinlich nicht erwähnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine andere Variante des Aswang hingegen saugt den Menschen bloß das Blut aus ihren Körpern, indem er entweder seine vampirähnlichen Zähne oder seine hohle Zunge benutzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber seine brutale Art, Menschen anzugreifen, ist natürlich nicht das einzig Außergewöhnliche an den Aswang. Viele Menschen glauben, dass sie ihre Gestalt in einen Hund oder ein Schwein verwandeln können, um sich zu tarnen. Und auch ihre unscheinbare menschliche Gestalt, die sie tagsüber annehmen, wird oft nur als Tarnung bezeichnet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem gibt es Versionen, in denen Aswang noch weitere magische Fähigkeiten nachgesagt werden.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Aswang sollen fast ausschließlich auf den Philippinen leben. Dort werden sie besonders häufig mit der Insel Panay und der darauf liegenden Provinz Capiz in Verbindung gebracht.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der Ursprung des Aswang ist nicht genau geklärt. Die älteste bekannte schriftliche Erwähnung der Aswang kommt aus dem Jahr 1595, als der spanische Kolonist Fray Diego del Villar dokumentiert hat, dass es auf den Philippinen einen weit verbreiteten Glauben an die Wesen gäbe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch ist eine Legende über zwei philippinische Götter, Gugurang, ein Gott des Guten, und sein Bruder Asuang, ein Gott des Bösen bekannt. Es ist jedoch umstritten, ob „Asuang“ tatsächlich der Ursprung des Wortes „Aswang“ ist. Andere Theorien besagen, es leite sich von dem Sanskrit Wort „Azura“ (Dämon) oder einer Kombination der Worte „Asin“ (Salz) und „Bawang“ (Knoblauch) ab, mit denen Aswang gelegentlich in Verbindung gebracht werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während man jedoch nicht weiß, wie genau der Glaube an die Aswang entstanden ist, gibt es verschiedene Gründe, wie die Aswang eine derartige Bekanntheit in der Region erreichen konnten.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Der Aswang als Massenkontrolle:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Als die spanischen Kolonialisten auf die Philippinen kamen, brachten sie das Christentum mit sich. Und wie es die Christen so oft getan haben, taten sie natürlich alles, um den Filipinos ihren Glauben aufzuzwingen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine der effektivsten Methoden hierbei war es, ein Motiv zu nehmen, vor dem sich die Filipinos bereits fürchteten – den Aswang –, und es mit allem Unchristlichen und ihnen im Weg Stehenden in Verbindung zu bringen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So war es den Christen z. B. ein Dorn im Auge, dass die meisten Filipinos sich an die Babaylans, die indigenen Schamanen und Priester, wandten, wenn sie gesundheitliche oder übernatürliche Probleme hatten. Damit sie sich in Zukunft an die westliche Medizin und die Kirche hielten, wurden die Babaylans, die damals übrigens fast ausschließlich Frauen waren, als Aswang dargestellt. So konnten sie die Babaylans zwar nicht völlig auslöschen, es sagt jedoch einiges aus, dass der damals fast ausschließlich den Frauen vorbehaltene Beruf, heutzutage fast nur noch von Männern ausgeübt wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber auch Aufstände gegen das Christentum, die es damals durchaus gab, wurden auf diese Weise zerschlagen, indem die Anführerinnen der Aufstände als Aswang bezeichnet wurden. Dadurch hatten die anderen Menschen zu große Angst, sich den Aufständen anzuschließen, und sie blieben erfolglos.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Aswang als Kinderschreck:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Wie bei vielen anderen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden">Legenden</a> dieser Art bieten sich Monster wie Aswang als Kinderschreckfigur an. Daher ist es nicht verwunderlich, dass viele Filipinos ihren Kindern hinweg erzählt haben, dass Aswang nachts um die Häuser schleichen. So wollten die Eltern ihre Kinder dazu zwingen, abends rechtzeitig im Bett zu sein, da sie sonst „der Aswang hole“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch das hat das Gerücht über die Aswang über Generationen geschürt und im Volksglauben lebendig gehalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von den Aswang? Wie hättet ihr an Joshuas Stelle reagiert? Und findet ihr es auch so spannend, das eine komplette Nation an dieses Wesen glaubt? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>



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<p>Der Beitrag <a href="https://www.geister-und-legenden.de/aswang">Aswang (überarbeitet)</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.geister-und-legenden.de">Geister und Legenden</a>.</p>
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		<title>Die Mittagsfrau – Sie wartet auf dem Feld!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 15 May 2023 13:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Ich wischte mir die Schweißtropfen von der Stirn, während ich zurück zu meinen Freunden blickte. Die Luft flimmerte vor Hitze, sodass ich sie auf die Entfernung nur schlecht erkennen konnte. Ich wollte gerade zu ihnen zurückgehen, als ich eine Stimme hinter mir hörte ...</p>
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<p class="wp-block-paragraph">Heute habe ich einen Beitrag über die Mittagsfrau für euch. Es ist eine slawische, zu kleinen Teilen aber auch <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/deutsche-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">deutsche Legende</a> über eine Art Korn<a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/daemonen" target="_blank" rel="noreferrer noopener">dämon</a>, der manchmal mit der deutschen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/die-roggenmuhme" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Roggenmuhme</a> verwechselt wird. Dabei haben die beiden Wesen nur wenige Gemeinsamkeiten. Ich möchte an dieser Stelle aber nicht zu viel verraten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem muss ich euch leider mitteilen, dass übernächste Woche kein neuer Beitrag kommt. Der nächste Beitrag kommt also erst am 12.06.2023 bzw. für <a href="https://www.patreon.com/geisterlegenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Patrons</a> am 05.06.2023.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">„Andreas, nicht so schnell!“, sagte Bjarne hinter mir.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich drehte mich um. Als ich sah, dass ich meinen Freunden ein gutes Stück voraus war, blieb ich stehen, bis sie mich eingeholt hatten. In der Zwischenzeit fächerte ich mir Luft mit der Hand zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war ein heißer Sommertag. Einer dieser heißen Sommertage, an denen man am liebsten den ganzen Tag im Freibad verbringen und sich nur von Eis ernähren würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zumindest einen Teil davon hatten wir uns fest vorgenommen. Ich hatte mich direkt heute Morgen mit Karin und Bjarne getroffen. Wir waren gemeinsam ins örtliche Freibad gefahren, wo wir drei Tageskarten geholt hatten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Lediglich zum Mittagessen, meine Mutter hat meine Freunde zu uns eingeladen, mussten wir wieder zuhause sein. Also schoben wir mit feuchten Haaren, nassen Badesachen und einem Geruch nach Chlor unsere Fahrräder schweigend die Straße zwischen den Feldern entlang.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wind gab es fast keinen. Obwohl die Getreideähren – Gerste, wie ich neulich bei einem Schulausflug gelernt hatte – ab und an sanft hin und her wogen, kam von der angenehmen Brise nichts bei uns an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich warf meinem Fahrrad einen flüchtigen Blick zu. Allein der Gedanke, darauf zu fahren, brachte meine Schweißporen zum Arbeiten. Auch wenn ich bestimmt schon zwei Liter Wasser getrunken hatte, würde ich wahrscheinlich augenblicklich tot umfallen, wenn ich auch nur einmal in die Pedale treten müsste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also schoben wir unsere Fahrräder gemächlich neben uns her, während wir versuchten, unter den Bäumen am Straßenrand schützenden Schatten zu finden. Mehr als einmal hatte ich mich bereits gefragt, warum wir die Fahrräder nicht beim Freibad gelassen hatten. Immerhin wollten wir nach dem Essen eh so schnell wie möglich wieder ins kalte Nass springen. Wir hätten unsere Fahrräder heute Abend mit nach Hause nehmen können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unsere Tageskarten wollten wir jedenfalls voll ausnutzen. Zumindest war das der Plan gewesen. Aber wie das Leben es so wollte, durchkreuzte das Schicksal gerne solche Pläne.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Planänderung kam in Form eines alten Mannes auf uns zu, der ein offenes Hawaiihemd, eine kurze Hose, Sandalen und durchgeschwitzte Tennissocken trug. Er schwankte leicht, als sei er betrunken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Freunde und ich machten bereits einen Bogen um ihn, wechselten extra die Straßenseite, doch der Mann schien entschlossen, uns abzufangen. Zumindest kam er weiter auf uns zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„He! Ihr!“, rief er mit kratziger Stimme. Entweder war er heiser oder sein Hals völlig ausgetrocknet. „Wartet mal!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wir ha’m kein Geld“, erwiderte Bjarne sofort.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Genau. Das haben wir alles für Freibadkarten und Eis ausgegeben“, bestätigte Karin. Sie sagte das völlig ernst, auch wenn wir noch mehr als genug Geld für weiteres Eis in unserem Rucksack hatten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Mann hingegen winkte ab. „Ich will euer Geld nicht“, krächzte er ruhig. „Ich will euch nur warnen. Um diese Uhrzeit treibt die Mittagsfrau ihr Unwesen. Egal, was ihr tut, ihr dürft nicht aufs Feld gehen. Auch nicht, falls es eine Abkürzung sein sollte.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Karin, Bjarne und ich warfen einander fragende Blicke zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bjarne fand als Erster die Worte wieder. „Die Mittagsfrau?“, fragte er. „Wenn eine schöne Frau was von mir will, sag ich doch nicht nein!“ Er grinste den Mann schamlos an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Mann hingegen kam einen Schritt näher. Jetzt erkannte ich den Schweiß, der sich tropfenweise in seinen grauen Haaren, seinem Bart und sogar seinen Brusthaaren gesammelt hatte. Ich versuchte, nicht zu genau hinzusehen, bemerkte aber trotzdem den Sonnenbrand auf seiner Brust und in seinem Gesicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich mein es ernst, Junge!“, rief er plötzlich laut. „Wenn ihr aufs Feld geht, wird die Mittagsfrau euch töten! Ihr müsst mir versprechen, dass ihr auf der Straße bleibt!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Von seinem plötzlichen Ausbruch völlig überrumpelt, starrte ich den Mann sprachlos an. Und auch Karin und Bjarne fanden keine Worte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Versprecht es mir!“, forderte der Mann erneut.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da keiner meiner Freunde sich zu trauen schien, ergriff ich das Wort. „Ja. Klar. Wir versprechen es. Wir müssen sowieso geradeaus.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt starrte der Mann mich an. Sein linkes Auge zuckte nervös. Es wirkte so, als dachte er nach. Jedenfalls dauerte es einige Sekunden, bis er endlich wieder etwas sagte. Er sprach jetzt wieder ruhiger. „Und der Rest? Versprecht ihr es auch?“, fragte er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Karin nickte, während Bjarne ein fast schuldbewusstes „Ja“ nuschelte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Noch einmal musterte der Mann uns. Dann drehte er sich weg und ging weiter seines Weges, als sei nie etwas gewesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir sahen ihm mit offenen Mündern nach. Halb eingeschüchtert, halb verwirrt sah ich Bjarne und Karin an. Plötzlich brach Karin in schallendes Gelächter aus. Es dauerte nicht lange, bis Bjarne und ich uns anschlossen. Wir lachten, als hätten wir ewig nichts so Lustiges erlebt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was war das denn für ein Vogel?“, fragte Bjarne, als er sich weit genug beruhigt hatte. Dann äffte er die kratzige Stimme nach. „Nehmt euch in Acht vor der Mittagsfrau!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mittagsfrau. Was ist das überhaupt für ein Name?“, warf Karin ein. „Was Kreativeres ist ihm wohl nicht eingefallen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sah sie überrascht an. „Moment. Ihr kennt die Mittagsfrau nicht?“, fragte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was? Nein“, meinte Karin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du veräppelst uns“, sagte Bjarne. „Die gibt’s wirklich?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich nickte. „Meine Mama hat mir als Kind manchmal ein Märchen über sie erzählt. Hauptsächlich, wenn ich mich nicht an das gehalten habe, was sie gesagt hat. Die Mittagsfrau ist ein Wesen, das nur in der Mittagshitze zwischen zwölf und ein Uhr auftaucht. Sie erscheint jedem, der es wagt, allein auf ein Feld zu gehen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich machte eine Spannungspause.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Und dann?“, drängte Bjarne. „Was macht sie mit einem?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich grinste. „Sie köpft ihre Opfer mit ihrer Sichel.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Karin machte große Augen. „Und so eine Scheiße hat deine Mutter dir als Kind erzählt!?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nein“, gestand ich. „Sie hat mir nur erzählt, dass die Mittagsfrau ihre Opfer angreift. Bei ihrer Geschichte ging es vielmehr um ein Mädchen, dass der Mittagsfrau entkommen konnte. Sie greift nämlich nicht an, wenn man sie in ein Gespräch über Feldarbeit verwickeln kann. Das Mädchen hat eine Stunde lang mit der Frau nur über die Flachsernte geredet, bis die Mittagsfrau um ein Uhr verschwunden ist.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Und das hat funktioniert?“, fragte sie überrascht. „Als Erziehungsmaßnahme deiner Mutter, meine ich?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich nickte. „Ja, sie hat mir gesagt, dass ich eine Stunde lang nur über langweilige Dinge reden müsste, ohne das Thema wechseln zu dürfen. Um mir zu beweisen, wie langweilig das ist, hat sie einmal angefangen, mit mir über Kartoffeln zu reden. Ich hatte keine zehn Minuten durchgehalten.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Karin schmunzelte, während Bjarne wieder sein schamloses Grinsen aufsetzte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du und deine Mutter, ihr seid manchmal echt bescheuert!“, sagte er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sah ihn gespielt entsetzt an. „Wie? Ihr glaubt nicht an die Mittagsfrau?“, fragte ich dramatisch. „Das solltet ihr.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bjarne rollte sofort mit den Augen. Seit wir Halloween von 2018 gesehen hatten, zitierte ich die Szene viel zu häufig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt grinste ich ihn blöd an. „Aber wenn du mir nicht glaubst, geh doch raus ins Feld. Du wolltest die Mittagsfrau doch kennenlernen. Wie meintest du? Da sagst du nicht nein!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ja, klar“, erwiderte er. „Ich lauf schnell raus in die pralle Sonne. Mir ist ja noch nicht heiß genug.“ Zur Verdeutlichung zog er mehrmals an seinem T-Shirt, um sich Luft zuzuwedeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Awww! Hast du etwa Angst?“, drängte ich ihn. Ich wusste nicht, wieso ich es tat. Vielleicht lag es an der Pubertät. Vielleicht auch an der Hitze, die mir langsam zu Kopf stieg.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bjarne schnaubte verächtlich. „Ich hab keine Angst. Ich hab nur keinen Bock auf einen Sonnenstich. Aber wenn du schon so große Töne spuckst, geh du doch! Oder hast <em>du</em> Angst?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das saß. Als Kind hatte ich tatsächlich Angst vor der Mittagsfrau gehabt. Besonders, nachdem ich rausgefunden hatte, dass sie ihre Opfer köpft. Aber jetzt war ich älter. Ich glaubte nicht mehr an Geister und Spukgestalten. Und selbst <em>falls</em> noch ein klitzekleines bisschen Restangst aus meiner Kindheit übriggeblieben <em>wäre</em>, würde ich das meinen Freunden ganz bestimmt nicht zeigen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Gut“, sagte ich, während ich mein Fahrrad abstellte. „Ich gehe. Wie weit soll ich raus?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Jungs, lasst den Quatsch. Wir sind fast da“, warf Karin ein. Wir ignorierten sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„50 Schritte. Normalgroße, nicht so ein Babykram“, forderte Bjarne.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Abgemacht“, erwiderte ich. Ich ging sofort los.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Andreas, jetzt bleib schon hier!“, forderte Karin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ach. Die paar Sekunden Sonne werden mir schon nichts anhaben. Das heißt … solange die Mittagsfrau nicht auftaucht.“ Ich zwinkerte ihr zu, ehe ich begann, ins Feld zu waten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sobald ich aus dem Schatten der Bäume trat, fühlte ich mich, als wäre ich gegen eine Wand gelaufen. Die Hitze war erdrückend. Ich versuchte, es zu ignorieren. Stattdessen konzentrierte ich mich auf meine Schritte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sieben, acht, neun, zehn Schritte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Gerste, die mir bis über die Knie reichte, war schon fast ausgewachsen. Sie war zwar noch immer grünlich, hatte aber schon voll ausgebildete Köpfe mit kratzigen Härchen, die mich an den Beinen kitzelten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zwanzig Schritte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Irgendwo in den Pflanzen hockten Insekten. Ich konnte sie zwar nicht sehen, aber dafür umso deutlicher hören, wie sie mich mit ihrem Gesang anfeuerten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dreißig Schritte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich weiter durch das Feld ging, wanderten meine Gedanken zurück zur Mittagsfrau. Ich wollte es gar nicht, aber mein Kopf wollte mir nicht gehorchen. Ich erinnerte mich daran, wie ich sie mir als Kind immer vorgestellt hatte. In den Geschichten meiner Mutter war sie eine große, in weiß gekleidete Frau. Ich hatte sie mir immer wie ein gruseliges Gespenst vorgestellt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vierzig Schritte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und als ich dann erfuhr, dass sie eine Sichel bei sich tragen soll, mit der sie Menschen köpft, war der Stoff meiner Kindheitsalbträume geboren. Inzwischen hatte ich das natürlich überwunden. Ich hatte schon seit Jahre nicht mehr von ihr geträumt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Fünfzig Schritte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Grinsen bildete sich auf meinem Gesicht. Ich wischte mir die Schweißtropfen von der Stirn, während ich zurück zu meinen Freunden blickte. Die Luft flimmerte vor Hitze, sodass ich sie auf die Entfernung nur schlecht erkennen konnte. Ich wollte gerade zu ihnen zurückgehen, als ich eine Stimme hinter mir hörte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sag mir, Mensch. Welches Getreide wächst auf diesem Feld, das du so achtlos zertrampelst?“ Es war die Stimme einer Frau. Sie klang jung und schön. Sanft wie ein Windhauch, aber trotzdem laut genug, dass ich mir sie nicht eingebildet haben konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit einem Kloß im Hals drehte ich mich um. Das Bild von ihr, das ich als Kind immer im Kopf hatte, das mich bis in meine Träume verfolgte, wurde ihr nicht gerecht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hatte sie mir immer menschlich vorgestellt. Aber dieses … Ding vor mir, war kein Mensch. Sie hatte menschliche Züge, ja, aber alles an ihr wirkte falsch. Ihre Haut war blass, unterschied sich kaum von dem Weiß ihres Kleides. Ähnlich war es mit ihren blonden Haaren. Ihr Gesicht war völlig abgemagert mit eingefallenen Wangen. Ich hatte eher das Gefühl, als würde eine Leiche vor mir stehen statt eines lebendigen Wesens. Wenn da nicht ihre dunklen Augen gewesen wären, die mich jetzt fixierten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann fiel mein Blick auf die Sichel, die sie in ihrer rechten Hand hielt. Auch sie war anders, als ich sie mir vorgestellt hatte. Sie wirkte alt, sah stellenweise sogar rostig aus. Trotzdem war ich mir sicher, dass sie noch immer verdammt scharf war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vorsichtig versuchte ich, einen Schritt zurückzutreten. Meine Beine gehorchten mir nicht. Sie blieben einfach stehen. Ich konnte meinen Körper nicht mehr bewegen. Das Einzige, über das ich noch Kontrolle hatte, waren mein Hals, mein Kopf, meine Augen und mein Mund.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hilfesuchend sah ich zu Karin und Bjarne zurück, aber sie standen nur da. Sie machten keine Anstalten, zu mir zu kommen. Karin hob sogar die Hand, um mir zu winken. Sie beachteten das Monster gar nicht!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein nächster Blick galt wieder der Mittagsfrau. Sie hatte ihre Sichel zum Schlag erhoben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Gerste!“, schrie ich panisch. „Gerste! Auf dem Feld wächst Gerste!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Herz raste. War das noch rechtzeitig gewesen? Oder schnitt mir die Mittagsfrau in wenigen Sekunden den Kopf ab? Was, wenn sie mehrere Anläufe brauchte? Wenn ihre Sichel doch nicht scharf genug war?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch die Frau legte bloß ihren Kopf schief. Sie kniff die Augen zusammen, musterte mich wieder. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis sie endlich die Sichel sinken ließ.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wann war die Blütezeit der Pflanzen?“, fragte sie weiter. Die Bewegung ihrer Lippen war das Einzige, was halbwegs menschlich wirkte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich spürte, wie der Kloß in meinem Hals wuchs. Er drohte, mich zu ersticken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Juni“, presste ich hervor. „Die Gerste hat Mitte Juni geblüht.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Krampfhaft kratzte ich alles zusammen, was wir auf unserem Schulausflug zum örtlichen Bauernhof gelernt hatten. Wir waren genau zur Blütezeit dort gewesen. Aber viel mehr wusste ich nicht über Gerste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Mittagsfrau würde mich nicht in Ruhe lassen. Sie würde weiterfragen, bis ich eine ihrer Fragen nicht beantworten konnte. Oder bis es 13 Uhr war … Wie spät war es jetzt? Ich konnte meine Armbanduhr nicht erkennen, den Arm noch immer nicht bewegen. Aber da wir um 13 Uhr zuhause sein wollten, konnte es sich nur noch um Minuten handeln!</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wie gut sind die Pflanzen dieses Jahr gewachsen?“, stellte sie ihre nächste Frage. Ihre Stimme klang lieblich. Darin lag nicht ein Hauch Böses.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Flüchtig spähte ich über das Feld. Die schnelle Kopfbewegung ließ Schwindel in mir aufkommen. Auch wurde mir allmählich übel, während die Sonne weiter unerbittlich mit ihren Strahlen auf meinen Kopf knallte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">‚<em>Die Frage!</em>‘, mahnte ich mich in Gedanken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Getreide sah gut aus. Zumindest hoffte ich das. Andererseits war es in den letzten Tagen sehr heiß gewesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich versuchte, möglichst langsam und deutlich zu sprechen, um etwas Zeit zu gewinnen. „Die Pflanzen sind gut gewachsen. Es war ein gutes Jahr. Lediglich die letzten Tage waren etwas heiß, aber ich denke nicht, dass das der Ernte groß schaden wird. Ein gutes Jahr.“ Mehr wagte ich nicht zu sagen. Wenn ich etwas Falsches sagte … Ich wollte gar nicht darüber nachdenken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es folgten noch einige weitere Fragen, die ich mehr schlecht als recht beantworten konnte. Trotzdem saß mein Kopf noch immer auf meinen Schultern. Es musste der Mittagsfrau also genügt haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn da doch nur nicht diese verdammte Sonne gewesen wäre …! Ich wünschte, ich könnte meinen Arm über meinen Kopf halten, irgendwie auch nur ein kleines bisschen Schatten bekommen, aber die lähmende Magie der Mittagsfrau hatte mich voll im Griff. Wenn mich ihre Fragen nicht dahinrafften, würde die Sonne bald ihr Übriges tun.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was wird aus dieser Gerste gemacht?“, stellte die Frau ihre nächste Frage.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Inzwischen war mir speiübel. Ich konzentrierte mich mit aller Kraft darauf, zu antworten. „Bier“, hauchte ich. Ich atmete schwer. Der Schwindel wurde immer schlimmer. Ich konnte kaum noch etwas erkennen. Trotzdem redete ich weiter. „Bier. Das konnte ich mir merken. Die Gerste wird für Bier verwendet. Fast 90 Prozent der Gerste hier wird … wird als Braugerste angebaut. Der Rest wird hauptsächlich zu … Mehl verarbeitet. Der Bauer hat da einen … einen Käufer.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich strauchelte. Mehr fiel mir nicht ein. Inzwischen fühlte mein Kopf sich an, als würde er gleich platzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Insekten, die im Feld hockten, zirpten inzwischen so laut, dass ich kaum etwas anderes hören konnte. Konnten sie nicht einfach still sein?! Ich musste die nächste Frage hören!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und dann war da noch mein Atem. Er ging kurz und stoßweise. Auch er kam mir viel lauter vor, als er hätte sein dürfen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Krampfhaft versuchte ich, die Luft anzuhalten, damit ich die nächste Frage nicht verpasste, aber es kostete mich zu viel Anstrengung. Auf meine Augen konnte ich mich bereits nicht mehr verlassen. Ich sah nicht einmal mehr, wie der Boden auf mich zuraste. Dann verlor ich das Bewusstsein.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Andreas! Scheiße, Andreas wach auf!“, hörte ich eine entfernte Stimme. Gleichzeitig spürte ich etwas Nasses in meinem Gesicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mühsam stemmte ich die Augen auf. Die Sonne war schwächer geworden. Nein, das war etwas anderes … Bjarne hielt ein Handtuch über mich, um mir schützenden Schatten zu spenden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und da war auch Karin. Sie hielt eine offene Wasserflasche in der Hand, während sie mit der anderen Hand meine Stirn fühlte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wie spät ist es?“, fragte ich schwach.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich konnte die Erleichterung in Karins und Bjarnes Gesichtern fast schmecken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Scheiße, du hast uns Angst gemacht!“, sagte Bjarne. „Es ist kurz nach eins.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Keine Sorge. Deine Mutter weiß Bescheid. Sie wird jeden Moment hier sein“, ergänzte Karin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich lächelte schwach. Dann fiel mir etwas anderes ein. „Warum habt ihr mir nicht geholfen?“, fragte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was meinst du?“, erwiderte Karin. „Wir sind sofort zu dir gerannt, als du umgefallen bist!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schüttelte den Kopf. Der Schwindel wurde wieder stärker. „Ich meinte wegen der Frau. Der Mittagsfrau.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Karin und Bjarne warfen einander einen fragenden Blick zu. Dann sahen sie mich besorgt an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Da … Da war keine Frau“, erklärte Karin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bjarne nickte bestätigend. „Du bist rausgegangen, eine Weile stehengeblieben und dann plötzlich umgefallen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darüber nachzudenken, war mir in dem Moment zu anstrengend. Also ruhte ich mich aus, bis meine Mutter auf dem Feldweg ankam. Gemeinsam brachten sie mich ins Auto und fuhren mit mir ins Krankenhaus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zwar durfte ich noch am selben Tag wieder nach Hause, aber ich hatte mich die nächsten zwei Tage hundeelend gefühlt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und was die Mittagsfrau anging … Karin, Bjarne und meine Eltern waren sich einig, dass ich sie mir eingebildet haben musste. Die Hitze, dazu das Erlebnis mit dem alten Mann. Das alles habe meine Fantasie angekurbelt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hingegen war mir da nicht so sicher. Es erklärte nicht, wieso ich mich nicht mehr bewegen konnte. Oder wieso die Mittagsfrau anders aussah, als ich sie mir vorgestellt hatte. Außerdem hatte ich doch bis genau 13 Uhr durchgehalten, oder?</p>



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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Mittagsfrau ist ein Feld<a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister" target="_blank" rel="noreferrer noopener">geist</a> der slawischen Mythologie. Die <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Legende</a> ist fast im kompletten slawischen Raum verbreitet – darunter auch die Gegend um den Spreewald in Brandenburg.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie im Deutschen leitet sich ihr Name auch in anderen Sprachen vom jeweiligen Wort für „Mittag“ ab – z. B. Południca (von „południe“) im Polnischen, Polednice (von „polední“) im Tschechischen oder полу́дница (Poludnitsa) (von „полдень (polden‘)“) im Russischen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt verschiedenste Beschreibungen, wie die Mittagsfrau aussehen soll, generell lassen sie sich aber zu drei verschiedenen Erscheinungen zusammenfassen:</p>



<h4 class="wp-block-heading">Die große Frau:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Die erste und wahrscheinlich am weitesten verbreitete Erscheinung ist das Aussehen einer großen Frau. Während sie manchmal als schön bezeichnet wird, beschreiben andere Quellen sie als abgemagert und fast totenähnlich mit eingefallenen Wangen und blasser Haut.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie trägt weiße Kleidung oder ist in ein weißes Tuch gehüllt, das den traditionellen niedersorbischen Trauertüchern ähnelt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihre Haare werden oft als blond oder schwarz beschrieben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Manchmal werden ihr zudem animalische Züge wie z. B. Pferdehufe oder Wildschweinhauer nachgesagt.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Das junge Mädchen:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Erscheinung sieht aus wie ein etwa 12-jähriges Mädchen. Ebenfalls in weiß gekleidet, wirkt sie so besonders harmlos und unschuldig, ist aber genauso gefährlich wie ihre anderen Formen.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Das alte Weib:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Die letzte Erscheinung ist hingegen die einer alten hässlichen Frau mit grauen oder weißen Haaren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie trägt entweder weiße Kleidung oder alte Lumpen.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Gemeinsamkeiten:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Neben der weißen Kleidung gibt es noch ein paar weitere Gemeinsamkeiten der drei Erscheinungen. So kann die Mittagsfrau je nach Region und Erzählung z. B. eine Bratpfanne, eine Sichel, eine Sense, eine Peitsche oder ein anderes Utensil bei sich haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem wird sie gelegentlich mit einem kleinen Wirbelwind in Verbindung gebracht, auf dem sie entweder reitet oder der sie selbst ist.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die wohl bekannteste Eigenschaft der Mittagsfrau findet sich in ihrem Namen: Sie taucht nur in der Mittagszeit auf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der genaue Zeitpunkt kann sich je nach Region unterscheiden, aber im Normalfall ist es eine feste Uhrzeit, die eine oder zwei Stunden dauert. Am häufigsten habe ich von der Stunde zwischen 12 und 13 Uhr gelesen. Die Mittagsfrau lauert den Menschen auf, die sich zu dieser Zeit auf dem Feld aufhalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Häufig sind das Arbeiter, die ihre Ruhepause ignorieren oder nicht auf die Uhr gesehen haben. Aber sie greift auch Kinder und andere Leute an, die sich aufs Feld verirrt haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Besonders häufig handeln die Geschichten von Mädchen oder Frauen, die zur Mittagsstunde auf Flachsfeldern arbeiten.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Die Methoden der Mittagsfrau:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn jemand das Pech hat, der Mittagsfrau zu begegnen, versucht sie im Normalfall, ihn zu töten. Wie sie dabei vorgeht, kann sich ebenfalls je nach Region und Erzählung stark unterscheiden.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Die redselige Mittagsfrau:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Einige Leute sagen, dass die Mittagsfrau so lange auf ihr Opfer einredet oder es mit Fragen löchert, bis es stirbt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine meiner Meinung nach sinnvollere Version hiervon besagt, dass sie ihr Opfer nur dann tötet, wenn es sich von ihr abwendet, statt ihr weiter zuzuhören.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Alternativ lässt sie einen so lange leben, wie man über seine Arbeit auf dem Feld reden oder ihre Fragen beantworten kann – oft stellt sie hierbei Fragen zur Feldarbeit, seltener Rätsel. Auch kann sie spezifische Fragen zu dem Feld fragen, auf dem man sich gerade befindet: Wann wurde ausgesät? Wann war die Blütezeit? Wie gut wachsen die Pflanzen dieses Jahr? Beantwortet man die Frage falsch oder versucht, das Thema zu wechseln, wird man getötet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die einzige Möglichkeit, der Mittagsfrau in diesen Situationen zu entkommen, ist, wenn man bis 13 Uhr durchhält. Dann verlassen die Mittagsfrau ihre Kräfte und sie verschwindet.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Die mordlustige Mittagsfrau:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">In anderen Versionen ist die Mittagsfrau weniger redselig. Sie greift jeden Menschen an, der sich in ihrer Stunde allein aufs Feld wagt. Dafür taucht sie vor ihren Opfern auf und köpft sie mit ihrer Sichel oder Sense.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sollte sie keine Waffe bei sich haben, bricht sie ihnen das Genick oder tötet mit ihrer bloßen Berührung. Manchmal bewegt sie sich hierbei fort, indem sie auf einem Wirbelwind reitet.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Andere Methoden:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Anderen Versionen zufolge löst sie Mittagsfrau bei den Menschen Wahnsinn oder Verwirrung aus. Sie zerrt an ihren Haaren, wodurch sie Kopf- oder Nackenschmerzen verursacht, lässt sie Halluzinieren, verbrennt ihre Haut oder löst Schwindel aus – alles Symptome, die man heutzutage einem Sonnenstich oder Hitzeschlag zuordnen würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Alternativ schlägt die Mittagsfrau ihre Opfer so lange, dass sie mehrere Tage Schmerzen haben, lähmt sie oder sticht ihnen die Augen aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So oder so möchte man der Mittagsfrau also auf keinen Fall begegnen. Das gilt besonders, wenn man ein Kind ist. Kleinkinder und Babys werden von der Mittagsfrau entführt und durch Wechselbälger ausgetauscht. Dabei ist es egal, ob die Eltern das Kind unbeaufsichtigt auf dem Feld lassen, das Kind von sich aus auf das Feld gegangen ist oder die Mittagsfrau es auf das Feld gelockt hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Älteren Kindern ergeht es hingegen wie den Erwachsenen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch so grausam die Mittagsfrau auch ist, so ist sie nicht nur schlecht. Sie ist auch eine Beschützerin der Felder. Dabei greift sie nicht nur Menschen an, die sich unrechtmäßig auf das Feld wagen, während die Bauern ihre Mittagspause machen, sondern sie schützt auch die Pflanzen vor der sengenden Mittagshitze.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Aufgrund der regionalen Verbreitung der Legende waren die bisherigen Sichtungen hauptsächlich auf Feldern (meist Getreidefeldern) in den slawischen Regionen, seltener auch in Obstgärten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gesichtet werden kann sie angeblich von der Blütezeit der Felder bis zur Ernte, sie taucht jedoch nur in der Mittagsstunde an sonnigen, besonders heißen Tagen auf.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wie ich unter „Eigenschaften“ bereits angedeutet habe, ist die Legende der Mittagsfrau wahrscheinlich aus den natürlichen Phänomenen des Sonnenstichs und des Hitzeschlags entstanden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Früher hatten die Menschen keine Erklärung dafür, wie es zu den plötzlichen Toden, Halluzinationen und anderen Symptomen kam. Sie erfanden die Mittagsfrau, um sie zu begründen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So gesehen ist die Mittagsfrau eine Mahnung, dass Feldarbeiter ihre Ruhestunde, in der die Sonne meist am höchsten steht und die Hitze am schlimmsten ist, ernstnehmen sollen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gleichzeitig dient sie als Kinderschreckfigur. Dank ihr konnten Eltern ihre Kinder überzeugen, nicht bei der sengenden Hitze auf den Feldern zu spielen, und konnten gleichzeitig verhindern, dass die Kinder dabei versehentlich die Ernte zerstörten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Glaube an die Mittagsfrau war dabei so weit verbreitet, dass viele Menschen selbst Anfang des 20. Jahrhunderts noch glaubten, die Mittagsfrau sei real. Und auch, wenn sie seitdem an Bekanntheit verloren hat, ist sie noch heute kein unbekanntes <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wesen</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So findet man sie z. B. in der Popkultur wieder – sei es in <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/creepypasta" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Creepypastas</a> oder als ein Wesen mit dem Namen „Mittagserscheinung“ in der Videospielreihe The Witcher.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von der Mittagsfrau? Kanntet ihr die Legende schon? Und hat Andreas sich die Mittagsfrau eurer Meinung nach bloß eingebildet, oder ist ihm wirklich ein Naturgeist erschienen? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Wenn ihr regelmäßig solche Geschichten oder Legenden lesen wollt, unterstützt mich auf <a href="https://www.patreon.com/geisterlegenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Patreon</a>, abonniert meinen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/newsletter" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Newsletter</a> oder folgt mir auf <a href="https://twitter.com/geisterlegenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/geisterlegenden/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Facebook</a> oder <a href="https://www.instagram.com/geisterlegenden/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Instagram</a>!</em></p>
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		<title>El Coco &#8211; Beschützt eure Kinder!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 16 May 2022 13:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Einen Moment saß ich stocksteif da, lauschte angespannt. Aber ich hörte nur meinen Atem, der jetzt schnell und unregelmäßig ging, und das Pochen meines Herzens. Vorsichtig zog ich die Decke von meinem Kopf. Ich hoffte so sehr, dass ich mich geirrt hatte.</p>
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<p class="wp-block-paragraph">El Coco ist ein Beitrag, mit dem ich mich etwas länger herumgeschlagen habe. Erst hat mir meine Idee für die Geschichte nicht gut genug gefallen, dann hatte ich eine Zahn-Op und war nicht ganz auf der Höhe und jetzt stand der Beitrag wieder auf der Kippe, weil ich ihn fast nicht fertig bekommen habe. (Das Bild reiche ich natürlich nach!)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hoffe, euch gefällt meine Geschichte über den spanisch-portugiesischen Boogeyman.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen (Achtung Spoiler!) </strong></summary>
<p>&#8211; Gewalt gegen Kinder<br>
&#8211; Kindesentführung</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Glaubt ihr an den schwarzen Mann? Den Boogeyman? Den Butzemann? Hier in Spanien kennen wir ihn unter dem Namen „el Coco“, und ich habe ihn gesehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Damals war ich noch ein junges Mädchen, gerade einmal acht oder neun Jahre alt. Ich war nicht die Artigste, habe mich oft mit irgendwelchen Jungs angelegt, die sich darüber lustig gemacht haben, dass ich als Mädchen Fußball gespielt habe. Außerdem hatte ich ein Faible für Streiche, die außer mir seltsamerweise niemand lustig fand. Ich hatte deshalb oft Ärger mit den Lehrern oder meinen Eltern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es dürfte also niemanden überraschen, dass el Coco es ausgerechnet auf mich abgesehen hatte. Ich war nahezu ein Paradebeispiel für ein Kind, dass von dem Boogeyman heimgesucht wurde. Aber obwohl ich damals eine unvorstellbare Angst vor der dunklen Gestalt hatte, die plötzlich an meinem Bett stand, obwohl ich dachte, dass mein junges Leben viel zu früh vorüber wäre, war es nicht meine furchteinflößendste Begegnung mit el Coco. Nein, die sollte ich erst viele Jahre später haben, als ich bereits eine erwachsene Frau war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Erinnerung an el Coco hatte ich längst verdrängt. Als Krankenschwester war ich eine Frau der Wissenschaft. Ich glaubte nicht an das Übernatürliche. Meine erste Begegnung tat ich als bloßen Albtraum ab. Ich vergaß die Angst, die ich vor dem Wesen hatte. Sie kam erst zurück, als ich mit meinem Mann in der Küche stand und über unseren gemeinsamen Sohn sprach.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Manchmal erinnert Raul mich an dich, als du noch klein warst“, sagte Antonio.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sah meinen Mann mit gerunzelter Stirn an. Die Hände hatte ich in die Hüfte gestemmt. Raul sah mir nicht gerade ähnlich. Ich hatte glatte schwarze Haare, während er hellbraune Locken trug. Außerdem war seine Haut ein gutes Stück heller als meine. Abgesehen von unserer gemeinsamen Liebe für Fußball hatten wir nicht viele Gemeinsamkeiten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Na ja, du warst auch nicht gerade ein Unschuldsengel“, erklärte Antonio. „Weißt du noch, als du unserer Klassenlehrerin Frau Lopez einen Wassereimer auf die Tür gestellt hattest? Du warst beleidigt, weil sie dir eine schlechte Note gegeben hat“, sagte er grinsend.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei der Erinnerung hatte ich Mühe, ein Schmunzeln zu unterdrücken. Trotzdem sah ich meinen Mann weiter streng an. „Raul ist aber kein Kind mehr. Er ist 12. Dios mio, er hat ein Mädchen geschlagen! In dem Alter war ich schon sehr viel vernünftiger. Ich war in keiner einzigen Prügelei mehr, nachdem &#8230;“, ich brach ab. Warum eigentlich? Wieso hatte ich damals damit aufgehört?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich war sie wieder da: meine Erinnerung an el Coco. Ich sah ihn fast vor mir, den schwarzen Schatten am Fußende meines Bettes. Er streckte seine pechschwarze Hand nach mir aus. Ich umklammerte meine Beine, starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mi amor, alles in Ordnung?“, fragte Antonio.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aus meinen Gedanken gerissen blinzelte ich erschrocken. „Hmm?“, fragte ich. Ich versuchte, die Bilder aus meinem Kopf zu verdrängen. „Ja, alles gut. Aber ich muss langsam los. Wir reden nachher weiter, ja?“ Ich trank hastig einen letzten Schluck von meinem noch immer halb vollen Kaffee, gab Antonio einen Kuss und beeilte mich, zur Arbeit zu kommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Wirklichkeit hatte ich es nicht eilig, aber ich brauchte Zeit zum Nachdenken. Was genau war diese Erinnerung? War es bloß ein Traum, den ich als Kind hatte? Oder steckte mehr dahinter? Nein. Es musste ein Traum gewesen sein. Aber was wenn nicht? War Raul in Gefahr? El Coco hatte sich damals so real angefühlt. Ich schauderte jetzt noch, als ich mir vorstellte, wie seine rot leuchtenden Augen mich anstarrten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich zerbrach mir den halben Arbeitstag den Kopf darüber. Die andere Hälfte war ich im Stress. Im Krankenhaus war ziemlich viel los, da mussten sich die eigenen Gedanken schonmal hinten anstellen. Und so kam es, dass ich auf dem Weg von der Bushaltestelle nach Hause noch immer nicht wusste, was ich tun sollte. Ich entschied, Antonio um Rat zu bitten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er machte mir gerade das Essen warm, das er zu Mittag für sich und Raul gekocht hatte, als ich endlich genug Mut hatte, es anzusprechen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du Schatz, sag mal &#8230; wegen heute Morgen“, begann ich zaghaft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Das Mädchen?“, fragte Antonio sofort. „Mach dir keine Sorgen. Ich habe mich um alles gekümmert. Ich habe mit Frau Martín geredet. Ihre Tochter und Raul haben sich vertragen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Das ist gut, aber &#8230;“ Ich räusperte mich nervös. „Raul muss sein Verhalten ändern.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Antonio seufzte schwer. „Ach Lucía, mi amor, er ist noch ein Kind. Außerdem kommt er langsam in die Pubertät. Da hatten wir alle solchen Quatsch im Kopf.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich nicht“, sagte ich mit trockenem Mund. Die Bilder von heute Morgen schwirrten mir noch immer durch den Kopf. „Aber da ist noch etwas anderes. Kennst du die Legende von el Coco?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Antonio wurde plötzlich sehr still. Er sah mich einen Moment an, bevor er sehr leise erwiderte: „Ich hoffe, du willst damit nicht sagen, was ich denke. Ich halte von solchen Erziehungsmethoden nichts.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich nickte schnell. „Das weiß ich doch. Aber &#8230; stell dir mal vor, dass es el Coco wirklich gibt“, versuchte ich es zaghaft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Mann verstand nicht, worauf ich hinaus wollte. „Ich weiß, dass es mit Raul manchmal schwierig ist, aber ich mache unserem Sohn keine Angst, nur damit er sich besser benimmt. Das wäre nicht anders, als würden wir ihn zur Bestrafung schlagen!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nervös knetete ich meine Hände. In jeder anderen Situation würde ich ihm zustimmen. Psychischer Terror konnte genauso schlimm sein wie körperlicher. Aber es ging mir ja nicht darum, Raul Angst zu machen, sondern ihn zu beschützen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich atmete tief durch, während ich meinen Mut zusammennahm. Die Worte kamen mir nicht leicht über die Lippen. „Was ich eigentlich meinte &#8230; Also &#8230; El Coco gibt es wirklich. Ich habe ihn als Kind gesehen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Antonio schwieg. Es kostete mich einige Überwindung, meinen Mann anzusehen. Er musterte mich, als hätte ich behauptet, Papá Noel – der spanische Weihnachtsmann – persönlich zu sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich weiß, wie das klingt“, sagte ich. „Aber es ist mein voller Ernst.“ Ich erzählte ihm, was mir als Kind widerfahren war – zumindest das, an was ich mich erinnerte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Antonio war nicht überzeugt. „Mi amor. Du warst ein Kind und hattest einen Albtraum. Vielleicht eine Schlafparalyse. Das ist eine Art Wachzustand, in dem du immer noch träumst. Dabei liegst du reglos im Bett und kannst die furchteinflößendsten Dinge sehen, wie zum Beispiel &#8230;“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich weiß, was eine Schlafparalyse ist!“, unterbrach ich ihn etwas zu laut. Sofort senkte ich meine Stimme. „Ich weiß, was eine Schlafparalyse ist“, wiederholte ich ruhiger. „Aber ich schwöre dir, dass ich damals wach war. Ich bin mir ganz sicher.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir redeten noch eine Weile hin und her. Ich versuchte, ihn zu überzeugen, aber ich schaffte es nicht. Je mehr wir redeten, desto mehr zweifelte ich an mir. War ich nicht am Morgen selbst noch unsicher gewesen? Hatte mich selbst gefragt, ob es nicht alles nur ein Traum gewesen war?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir einigten uns schließlich darauf, künftig bei Raul härter durchzugreifen. So würde er es sich wenigstens zweimal überlegen, bevor er das nächste Mal Mist baute. Von el Coco durfte ich ihm natürlich nicht erzählen, aber ich war mir gar nicht so sicher, ob ich das überhaupt noch wollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die folgenden Tage waren ruhig – zu Hause, auf der Arbeit und sogar mit Raul. Er benahm sich fast schon vorbildlich, zumindest soweit wir wussten. Ab und an musste ich noch an el Coco denken, aber ich belächelte mich dabei eher selbst. Ich hatte mich damit abgefunden, dass es ein Traum gewesen sein musste. Wenn es el Coco wirklich gäbe, hätte bestimmt schon jemand einen Beweis dafür gefunden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst, als ich etwa eine Woche später die Wäsche machte, bekam ich wieder ein leichtes Unwohlsein in meiner Magengegend. Ich holte gerade Rauls Fußballtrikot aus dem Trockner und schwelgte dabei wie so oft in Erinnerungen. Es sah meinem Fußballtrikot von früher zum Verwechseln ähnlich. Ich erinnerte mich an die Zeit, als ich es fast täglich getragen hatte, egal ob ich Training hatte oder nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber während meine Erinnerungen an damals sonst immer schön waren, kam mir heute ein schon längst vergessener Streit in den Sinn. Ein Junge aus meiner Schule – Rafael – hatte sich auf dem Pausenhof darüber beschwert, dass ich, ein Mädchen, in seinem Fußballteam spielen solle. Es war ein von uns Schülern gemachtes Turnier, das darüber entschied, wer die nächsten Tage den Fußballplatz in den Pausen nutzen durfte. Eine ziemlich große Sache. Ich hatte Rafael gegen sein Schienbein getreten und einen Idioten genannt, woraufhin er weinend weggelaufen war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich erinnerte mich noch so gut daran, weil ich danach verdammt viel Ärger mit meinen Eltern und meiner Klassenlehrerin hatte. Rafael war beim Rennen nämlich gestürzt und hatte sich die Nase gebrochen. Und mir gab man die Schuld dafür.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber auch, wenn ich über so etwas heute wohl gelacht hätte, war da noch etwas anderes: Es war mein letzter großer Streit, bevor el Coco mich heimgesucht hatte &#8230;</p>



<p class="wp-block-paragraph">An diesem Tag ging ich früh ins Bett. Mein Kopf kreiste. So sehr ich auch versuchte, mich abzulenken, es gelang mir nicht. Und so verfolgte meine Erinnerung mich bis in meine Träume.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war eine Nacht kurz nach dem Streit mit Rafael. Ich hatte Hausarrest und durfte mein Zimmer nur verlassen, um auf Toilette zu gehen, oder wenn meine Eltern mich zum Essen riefen – meine Strafe dafür, dass ich meine Eltern angeschrien hatten. Aber was hätte ich anderes tun sollen. Ich hatte ihnen schon über 20 Mal gesagt, dass ich Rafael die Nase nicht gebrochen hatte. Ich hatte ihn ja nicht einmal geschlagen, nur getreten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und so saß ich in meinem Bett, die Decke über mich geworfen und blätterte heimlich in einem Fußballmagazin, das ich vor meinen Eltern versteckt hatte. Sie hatten mir sonst alles weggenommen, was Spaß machte. Mir blieben nur meine Hausaufgaben und irgendwelche langweiligen Bücher.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich blätterte also durch das Magazin und las die Artikel bestimmt schon das fünfte oder sechste Mal, als plötzlich ein leises Quietschen wie das einer Tür zu hören war. Natürlich war ich die ganze Zeit aufmerksam gewesen, hatte gelauscht, ob ich Schritte im Flur hören konnte, für den Fall, das meine Eltern zu mir wollten. Aber da waren keine Schritte. Und das Quietschen gehörte auch nicht zu meiner Zimmertür, sondern zu meiner Schranktür.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einen Moment saß ich stocksteif da, lauschte angespannt. Aber ich hörte nur meinen Atem, der jetzt schnell und unregelmäßig ging, und das Pochen meines Herzens. Vorsichtig zog ich die Decke von meinem Kopf. Ich hoffte so sehr, dass ich mich geirrt hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war der Moment, als ich ihn das erste Mal sah: el Coco. Er stand dort, mitten in meinem Zimmer zwischen Schreibtisch und Bett. Kaum mehr als ein Schatten, ein menschenähnlicher Umriss, dem sämtliche Farbe fehlte. Wie ein schwarzes Loch, das mich mit glühend roten Augen anstarrte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schrie wie am Spieß, kreischte nach Mamá und Papá, wieder und wieder, während el Coco an mein Bett trat und seine pechschwarze Hand nach mir ausstreckte. Ich zog meine Beine an die Brust, verlor dabei die Bettdecke, presste mich mit dem Rücken an die Wand, während ich weiter schrie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch el Coco kam näher und näher. Seine Hand hatte mich fast erreicht. Was sollte ich also anderes tun, als mich zu wehren? Ich trat um mich, versuchte, seine Hand zu erwischen, doch der Schatten war zu schnell für mich. In dem Moment, als ich nach ihm trat, zog er die Hand zurück. Ehe ich mein Bein wieder angezogen hatte, schnellte sie jedoch wieder vor und packte meinen Unterschenkel mit eiskalten Fingern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich spürte, wie er mit eiserner Kraft an mir zog, versuchte, mich irgendwo festzuhalten, doch mein Laken war zu rutschig. Aber noch gab ich nicht auf. Mit meinem freien Bein trat ich wieder und wieder nach seiner Hand. Es klappte! Sie lockerte sich. Nach einem weiteren kräftigen Tritt rutschte seine Hand weg. Ein schneidender Schmerz fuhr durch mein Bein, aber ich war frei! Zumindest dachte ich das für den Bruchteil einer Sekunde. Dann spürte ich seinen kalten Griff jedoch um mein Fußgelenk. Ich hatte vielleicht zehn Zentimeter meines Beins zurückgewonnen. Und diesmal drückte er fester zu. So fest, dass er mir die Adern abschnüren musste.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich war es um mich herum stockdunkel. Schweißgebadet saß ich da. Ich war noch immer im Bett, aber, wie ich an dem leisen Schnarchen neben mir erkannte, nicht mehr in meinem Kinderbett, sondern in meinem Ehebett. Ich war in Sicherheit. Es war nur ein Traum gewesen &#8230; Oder eher eine Erinnerung. Eine Erinnerung an jene Nacht, in der el Coco mich heimgesucht hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In meinem Kopf war es wieder so klar, als wäre es erst gestern gewesen. El Coco war gerade dabei, mich aus dem Bett zu zerren, als plötzlich meine Mutter ins Zimmer gestürzt kam. Sie kam zu mir gerannt, fragte, was passiert sei, und nahm mich tröstend in den Arm. El Coco hatte sie nie gesehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Eltern waren damals der Meinung, dass ich bloß einen Albtraum gehabt hätte. Der Schmerz, den ich in meinem Bein gespürt hatte, war ein Kratzer gewesen, den el Coco mir zugefügt hatte. Aber selbst der überzeugte meine Eltern nicht. Sie erklärten mir, dass ich mir während des Albtraums das Bein mit einem Zehennagel selbst zerkratzt hätte. Aber ich kannte die Wahrheit. Ich hatte nicht geschlafen. Es war kein Albtraum gewesen, sondern el Coco. Er war real.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die restliche Nacht hatte ich Probleme, weiterzuschlafen. Ich kuschelte mich an Antonio, versuchte, an etwas anderes zu denken, aber mein Kopf wanderte immer zum selben Gedanken zurück: Mein Sohn schwebt in Lebensgefahr.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich konnte es nicht genau erklären. Es gab unzählige Kinder da draußen, die aufmüpfig waren und trotzdem von el Coco in Ruhe gelassen wurden. Wieso sollte ausgerechnet Raul in Gefahr sein? Aber ich spürte es. Ich spürte, dass el Coco auf ihn aufmerksam geworden war. Nennt es, wie ihr wollt: Paranoia oder eine Vorahnung. Ich sollte recht behalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am nächsten Tag musste ich ständig an el Coco denken. Beim Aufstehen, unter der Dusche, beim Anziehen. Die schwache Narbe an meinem Bein, kaum mehr als ein Strich, den man nur sah, wenn man wusste, dass er überhaupt da war, zog meinen Blick auf sich, wie ein Leuchtfeuer. In meinem Kopf sah ich wieder und wieder el Cocos Hand, die mein Bein gepackt hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und auch auf der Arbeit hatte ich Probleme. Obwohl ich sonst keine Probleme hatte, Beruf und Privatleben zu trennen, war ich heute nicht bei der Sache. Einem vegetarisch lebenden Patienten brachte ich ein Fleischgericht, wollte eine ältere Dame waschen, die sich sehr gut allein duschen konnte, und bei einem jungen Mann brachte ich fast den Medikamentenplan durcheinander. Ich konnte von Glück reden, dass ich es noch rechtzeitig bemerkt hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber der größte Schock sollte erst kommen, als ich wieder zuhause war. Ich merkte schnell, dass etwas nicht stimmte. Nicht nur, dass Rauls Handy auf dem Küchentisch lag, obwohl er es sonst nie freiwillig weggab, sondern auch Antonio schien mir aus dem Weg zu gehen. Ich musste ihm folgen und mehrfach fragen, was los war, bis er endlich mit der Sprache rausrückte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Rauls Klassenlehrer hat vorhin angerufen“, sagte er zögerlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Und? Was wollte er?“, hakte ich nach.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Na ja, es könnte sein, dass &#8230; also Raul, er &#8230; Sein Lehrer meinte, er habe auf dem Schulhof geraucht &#8230;“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was?!“, entfuhr es mir. Geraucht? Mein kleiner Raul? Er wusste genau, wie Antonio und ich zu Zigaretten standen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Es war wohl nur eine von diesen E-Zigaretten“, versuchte mein Mann es herunterzuspielen. „Ich hab ihm sein Handy weggenommen und Stubenarrest gegeben. Er meinte, dass die Zigarette David gehört hat. Er wollte es nur einmal probieren. Also hab ich ihm erklärt, wie gefährlich das Rauchen ist.“ Er schien mein noch immer entsetzen Blick zu bemerken, also fügte er schnell hinzu: „Und sein Klassenlehrer hat beide Augen zugedrückt! Er bekommt nur eine Verwarnung!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sah ihn fassungslos an. „Darum geht es mir doch gar nicht!“ Er verstand es nicht! „Unser Sohn ist in Gefahr! El Coco, er &#8230;“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Jetzt fang nicht wieder damit an!“, unterbrach Antonio mich streng.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Bitte, ich &#8230; Hör mich doch wenigstens erst einmal zu!“, flehte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und das tat Antonio. Ich erzählte ihm von meiner Begegnung mit el Coco, berichtete ihm jedes Detail, das mir wichtig vorkam. Ich zeigte ihm sogar den Kratzer an meinem Bein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Antonio räusperte sich. Er wirkte ungewöhnlich gefasst. „Und deine Eltern sagen, du hast dir das Bein beim Schlafen selbst aufgekratzt?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich nickte. „Ja. Ist das zu glauben? Ich hab in dem Magazin gelesen, als el Coco angegriffen hat. Ich hab nicht geschlafen!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder räusperte Antonio sich. „Und wenn du es doch getan hast? Mi amor, vielleicht bist du beim Lesen eingeschlafen, ohne es zu merken. Mir ist es auch schon einmal passiert, dass ich im Traum hätte schwören können, dass ich wach bin &#8230;“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weiter hörte ich ihm gar nicht zu. Er glaubte mir nicht. Er wollte mir nicht glauben. Genau wie meine Eltern damals. Sie hatten mich belächelt, als ich nicht mehr allein in meinem Zimmer schlafen wollte, es auf meine kindliche Fantasie geschoben. Und mein Mann tat jetzt dasselbe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber ich würde nicht denselben Fehler wie meine Eltern machen. Ich würde nicht die Augen verschließen, während mein Kind in Gefahr war. Mein Entschluss stand fest: Ich würde Raul von el Coco erzählen, ob Antonio einverstanden war oder nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sobald sich die Gelegenheit ergab, schlich ich unbemerkt zu Rauls Zimmer. Er saß auf seinem Bett, ein Buch in der Hand, würdigte mich nur eines kurzen Blickes und schmollte. Die Zimmertür schloss ich hinter mir, bevor ich sprach.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hey mein Spatz“, versuchte ich es möglichst freundlich. Ich ging zu seinem Kleiderschrank, um sicherzugehen, dass darin alles in Ordnung war. „Papa hat mir erzählt, was passiert ist.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Raul starrte stur weiter in sein Buch. Ich sah flüchtig unter seinen Schreibtisch, bevor ich zu ihm ging.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich bin nicht hier, um dir einen Vortrag über dein Verhalten zu halten. Auch wenn du natürlich weißt, wie ich zum Rauchen stehe. Aber &#8230; ich hab Angst um dich. Weißt du, ich war früher auch kein einfaches Kind.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ließ Raul aufhorchen. Er versuchte, bockig zu bleiben, aber ich konnte eindeutig Neugierde in seinem Gesicht erkennen. Er runzelte ganz leicht die Stirn, als ich mich bückte, um unter sein Bett zu sehen. Von el Coco fehlte jede Spur.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Daher weiß ich auch, wie gefährlich es werden kann“, führ ich fort, während ich mich zu ihm aufs Bett setzte. „Nicht, weil Mama und Papa so böse auf dich sind. Und ein Zug aus einer E-Zigarette wird dich auch nicht umbringen, aber &#8230; es gibt da noch etwas anderes. Ein Wesen namens el Coco.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt hatte ich seine volle Aufmerksamkeit. Wir hatten ihm – abgesehen von Papá Noel oder der Zahnmaus – noch nie von irgendwelchen Wesen erzählt. Höchstens, wenn sie in irgendeinem Buch oder einem Film vorkamen. „El Coco?“, wiederholte er neugierig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich nickte. „Ja. Kennst du ihn? Hat dir schonmal jemand von ihm erzählt?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Raul schüttelte den Kopf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„El Coco ist ein &#8230; ein Monster“, erklärte ich. „Er hat es auf unartige Kinder abgesehen.“ Obwohl ich wusste, dass el Coco echt war, kam ich mir bescheuert vor, während ich das sagte. Wie sollte ich meinen Sohn nur überzeugen, dass ich es ernst meinte?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bevor ich mir darüber jedoch Gedanken machen konnte, flog plötzlich die Tür auf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mi amor, hier bist du“, sagte Antonio. Dann zögerte er. „Worüber redet ihr?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schamesröte stieg mir ins Gesicht. Ich fühlte mich wie ein Kind, das dabei ertappt wurde, wie es heimlich Kekse aß. „Ich &#8230; also &#8230; wir“, stammelte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mama will mir gerade von el Coco erzählen!“, sagte Raul ehrlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Blick, mit dem Antonio mich daraufhin ansah, brach mir das Herz. Verachtung, Missbilligung, Enttäuschung und ein Hauch von Wut. „Ist das wahr?“, fragte er kühl.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich nickte beschämt. „Ich will unseren Sohn doch nur beschützen!“, sagte ich flehend.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber Antonio zeigte keinerlei Verständnis. „Ich denke, du gehst jetzt besser.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit gesenktem Kopf stand ich auf. Ich wollte nicht mit Antonio streiten. Nicht vor Raul. Wenigstens wusste ich, dass el Coco sich nicht in Rauls Zimmer versteckte. Oder ich dachte zumindest, es zu wissen. Für mich war das wenigstens ein kleiner Trost.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Antonio blieb noch eine ganze Weile bei Raul. Ich hatte keine Ahnung, worüber sie sprachen, aber er wirkte immer noch wütend, als er zu mir ins Wohnzimmer kam.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was ist nur falsch bei dir?“, begann er. „Wieso bist du so versessen darauf, unserem Kind Angst zu machen!?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Streit, der daraufhin ausbrach, war der Schlimmste, den wir je hatten. Hauptsächlich schrie Antonio mich an. Sagte mir, wie sehr ich ihn enttäuscht und verletzt hatte, dass ich mich schämen solle. Und das tat ich auch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich gab nicht einmal Widerworte. Nicht, weil ich Angst vor Antonio hatte – er würde mir nie etwas antun, egal wie wütend er war –, sondern, weil ich mich so sehr schämte. Ich hätte noch einmal mit ihm reden müssen. Ihm klar machen müssen, dass ich wirklich an el Coco glaubte. Dass ich wusste, dass er echt war. Er hätte zustimmen müssen, dass wir Raul von dem Wesen erzählten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber auch, wenn mir jetzt so viele Worte in den Kopf schossen, mit denen ich ihn vielleicht hätte überzeugen können, meine Chance hatte ich für heute vertan. Ich konnte es nicht aussprechen, nicht, ohne den Streit noch weiter anzufachen. Vielleicht morgen, wenn er sich wieder etwas beruhigt hatte &#8230;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Den restlichen Abend blieb die Stimmung kühl. Wir sprachen beide wenig, gingen einander aus dem Weg und verzogen uns früh ins Bett, wo wir schweigend nebeneinanderlagen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Heute schlief ich mit Bauchschmerzen ein. Aber nicht wegen meiner Angst vor el Coco, sondern wegen des Streits. Raul wiegte ich diese Nacht in Sicherheit. Ich ahnte ja nicht, wie sehr ich mich dabei irrte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mitten in der Nacht wurde ich von Schreien geweckt. Erst lag ich noch benommen da, dachte, ich würde träumen, doch dann wurde ich auf einen Schlag hellwach. Das war mein Sohn! Raul schrie aus Leibeskräften!</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Antonio! Antonio!“, schrie ich meinen Mann wach, während ich aus dem Bett sprang.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hmm. Was ist?“, fragte er verschlafen. Dann hörte er es auch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber dass er aufsprang, sah ich gar nicht mehr. Ich war bereits im Flur verschwunden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Je näher ich Rauls Zimmer kam, desto lauter wurden seine Schreie. Sie waren panisch. Voller Todesangst.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schlagartig fühlte ich mich an meine Begegnung mit el Coco erinnert. Hatte meine Mutter sich genauso gefühlt, bevor sie in mein Zimmer gestürmt kam?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mir blieb keine Zeit, darüber nachzudenken. Ich hatte Rauls Zimmer erreicht. Ohne zu zögern, stieß ich die Tür auf, fiel fast in sein Zimmer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein erster Blick galt Rauls Bett. Es war leer. Seine Bettdecke war achtlos zu Boden gerissen. Sein Kopfkissen lag quer im Bett. Sogar das Laken war nicht mehr ganz auf der Matratze.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mama!“, kreischte Raul jetzt voller Panik.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich riss den Kopf herum, starrte in Richtung Fenster, wo ich ihn sah: el Coco. Derselbe Schatten, der mich vor all den Jahren angegriffen hatte. Er hielt Raul fest an sich gepresst, als wäre er nichts weiter als eine Puppe, die ihm gehörte. Seine roten Augen fixierten mich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mama!“, kreischte Raul erneut.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vielleicht kennt ihr die Geschichten aus den Nachrichten? Berichte über Mütter, die mit Bären gekämpft oder Autos angehoben haben. Sie schienen das Unmögliche möglich zu machen, nur weil ihr Kind in Gefahr war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei mir war es anders. Ich wollte mich auf el Coco stürzen, wollte Raul aus seinen Armen reißen, aber ich konnte es nicht. Meine Beine waren wie erstarrt, mein Körper wie gelähmt. Zu tief saß meine Angst. Jetzt erst merkte ich, wie wenig ich darauf vorbereitet war, el Coco wiederzusehen, wie groß meine Angst vor ihm wirklich war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich konnte nichts tun, als zuzusehen, wie el Coco zum Fenster hetzte. Er riss es auf und stürzte sich in die Dunkelheit, Raul noch immer fest an sich gepresst.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mamaaaa!“, hörte ich seine Stimme ein letztes Mal.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als mein Mann das Zimmer endlich erreichte, war unser Sohn bereits verschwunden. Ich war auf die Knie gesackt, hatte das Gesicht in den Händen Verborgen und weinte. Ich weinte so heftig, wie ich es noch nie zuvor in meinem Leben getan hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Lucía! Mi amor! Was ist passiert?“, fragte Antonio entsetzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich ließ die Hände sinken und sah ihn an. Meine Sicht war vor Tränen verschwommen, sodass ich nicht einmal sein Gesicht erkennen konnte. Dann schluchzte ich zwei Worte, gerade so deutlich, dass er sie verstehen konnte: „El Coco.“</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach dem Verlust unseres Sohnes waren Antonio und ich nie wieder dieselben. Er machte sich Vorwürfe, dass er nicht auf mich gehört hatte, und ich gab mir die Schuld, weil ich nicht wusste, dass el Coco sich auch in Schubladen verstecken konnte. Erst, als ich Rauls weit geöffnete Schreibtischschublade sah und die Stifte, die am Boden lagen, fiel es mir wie Schuppen von den Augen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Antonios und meine Ehe ging recht bald in die Brüche. Ich weiß nicht, was aus meinem Exmann geworden ist, aber ich machte es zu meiner Lebensaufgabe, andere Eltern aufzuklären. Sie mussten wissen, welche Gefahren in den Kinderzimmern lauern konnten. Und so erzähle ich es jetzt auch euch, damit ihr nicht denselben Fehler macht wie ich. Damit ihr eure Kinder vor el Coco beschützen könnt.</p>



<p><b>Bleibt auf dem Neusten Stand und folgt mir auf:</b></p>
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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">El Coco, je nach Region auch unter den Namen el Cuco, el Cucu, el Cucuy und el Cucuí bekannt, ist eine Kinderschreckfigur aus fast allen spanisch- und portugiesischsprachigen Ländern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die weibliche Form des <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wesens</a> ist als la Coca und la Cuca bekannt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Über das Aussehen von el Coco ist man sich uneinig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während einige Eltern nicht näher auf das Aussehen eingehen und es bloß als „schrecklich“ oder „furchteinflößend“ beschreiben – wahrscheinlich, damit die Kinder es sich selbst ausdenken können – haben andere Eltern ein genaueres Bild im Kopf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein verbreitetes Aussehen ist dabei eine schatten- oder geisterhafte Gestalt, die man nicht näher erkennen kann. Hier heißt es oft, dass el Coco sich wegen seines Aussehens besonders gut verstecken könne.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine andere Version von el Coco beschreibt ihn als haariges Monster mit fledermausartigen Ohren, rot leuchtenden Augen und zahlreichen spitzen Zähnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt aber auch andere Versionen, in denen er z. B. menschlich aussieht, sein Aussehen nach Belieben verändern kann oder einem Tier ähnelt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">El Coco ist ein Boogeyman. Er geht also nachts in Kinderzimmer, um unartige oder ungehorsame Kinder zu erschrecken, zu verletzen, zu entführen oder zu fressen. In den Versionen, in denen er sie entführen soll, heißt es oft, dass er sie in seine Höhle bringt, um sie dort zu fressen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Den Kindern wird außerdem beigebracht, dass el Coco sie nicht besuchen kommt, wenn sie ihre Schuld gestehen, die Strafe akzeptieren und sie sich entschuldigen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das typische Boogeymanklischee also.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem heißt es, dass el Coco sich im Kinderzimmer in Schränken, Schubladen oder unter dem Bett verstecken soll – ebenfalls ein Konzept, dass den meisten von euch bekannt sein dürfte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt jedoch auch einige Besonderheiten in seinem Verhalten. So heißt es, dass Eltern ihn gezielt rufen können, um unartige Kinder zu bestrafen. Außerdem soll el Coco gelegentlich auf Hausdächern lauern, um das Verhalten der Kinder zu beobachten und sein nächstes Opfer auszuwählen. Hierbei wird manchmal ein dunkler Schatten auf einem Hausdach gesichtet.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wie bereits gesagt ist el Coco vor allem in spanisch- und portugiesischsprachigen Ländern und Familien bekannt. Daher ist es nicht verwunderlich, dass er hauptsächlich in Spanien sowie Mittel- und Südamerika leben soll.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt einige spanische und portugiesische Schlaflieder, die sich um el Coco drehen. Hierbei geht es oft darum, dass el Coco die Kinder holen kommt, wenn sie nicht artig sind oder nicht bald schlafen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">An dieser Stelle möchte ich kurz ein wenig ausholen, da ich neulich mit einem Leser ein Gespräch darüber hatte, wieso so viele Schlaflieder davon handeln, dass den Kindern etwas Schlimmes passiert, wenn sie nicht schlafen. Dem schnellen Einschlafen kann das immerhin nicht sonderlich zuträglich sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich neulich noch keine genaue Antwort darauf hatte, habe ich bei meiner Recherche zu el Coco herausgefunden, dass es weniger darum geht, dass die Kinder tatsächlich sofort schlafen, sondern vielmehr darum, dass sie artig im Bett liegen und <em>versuchen</em> zu schlafen. Sie sollen also nicht heimlich aufstehen oder sich mit einem Buch, Handy, einer Handheld-Konsole o. Ä. wachhalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nun aber zurück zu el Coco. Wie bereits erwähnt handelt es sich bei ihm um einen Boogeyman. Wahrscheinlich stammt die <a href="http://geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Legende</a> ursprünglich aus Europa bzw. Spanien und ist von Einwanderern nach Mittel- und Südamerika gebracht worden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darüber, wo sein Name herkommt, gibt es ebenfalls Theorien. „El Coco“ ist das spanische Wort für die Kokosnuss. Hierbei könnte es sich um eine Anspielung an sein behaartes-Monster-Aussehen handeln – immerhin erinnern Kokosnüsse an stark behaarte Köpfe. Mit etwas Fantasie kann man in den typischen drei „Löchern“ der Kokosnuss auch zwei Augen und einen Mund sehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„El Cuco“ – ein anderer Name für el Coco – bedeutet hingegen „der Kuckuck“ auf Deutsch. Das könnte darauf zurückzuführen sein, dass Kuckucke sich in die Nester von anderen Vögeln schleichen, um die Eier hinauszuwerfen und ihre eigenen hineinzulegen. Sie greifen also genau wie el Coco den Nachwuchs an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ob Kokosnüsse oder Kuckucke tatsächlich etwas mit el Coco zu tun haben, lässt sich jedoch weder eindeutig bestätigen noch widerlegen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von el Coco? Hattet ihr früher Angst vor Monstern, die sich in euren Schränken oder unter dem Bett verstecken? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Wenn ihr mehr solche Geschichten oder Legenden lesen wollt, abonniert auch gerne meinen <a label=" (öffnet in neuem Tab)" href="https://www.geister-und-legenden.de/newsletter" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Newsletter</a>, oder folgt mir auf <a href="https://twitter.com/geisterlegenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/geisterlegenden/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Facebook</a> oder <a href="https://www.instagram.com/geisterlegenden/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Instagram</a>!</em></p>
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		<title>Huggin&#8216; Molly</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 28 Feb 2022 14:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Geister]]></category>
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		<category><![CDATA[Monster und Ungeheuer]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>„Sie drückt dich also ganz doll ... Mehr nicht?“, fragte Kyle. Er ließ mir aber keine Zeit zu antworten. Stattdessen schnaubte er verächtlich. „War ja klar, dass Mom und Dad ihren kleinen Aidan wieder beschützen müssen. Sie wollten dir wohl keine Angst machen. Sonst hätten sie dir die Wahrheit gesagt.“</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg08.met.vgwort.de/na/63747361dec841ec977c523d67008728" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Mit Huggin&#8216; Molly habe ich heute wieder eine amerikanische Geistergeschichte für euch.</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen (Achtung Spoiler!) </strong></summary>
<p>&#8211; Gewalt gegen Kinder</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist bereits einige Jahre her, seit meine Eltern – Dad um genau zu sein – mir von Huggin‘ Molly erzählt haben. <em>‚Die umarmende Molly‘</em>, hatte ich damals gedacht. <em>‚Klingt wie ein Buch oder eine Serie aus dem Fernsehen.‘</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber an den besorgten Gesichtern meiner Eltern und der Tatsache, dass sie nicht wütend waren, obwohl ich über zwei Stunden später zuhause war, als vereinbart, erkannte ich, dass es etwas anderes sein musste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sollte mich auf einen Stuhl in der Küche setzen. Dad saß mir gegenüber, während Mom mit verschränkten Armen und ausdruckslosem Gesicht in der Tür stand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Aidan, mein Sohn“, begann Dad mit seiner rauchigen Stimme.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Tut mir leid“, entschuldigte ich mich. „Ich hab nicht auf die Uhr geguckt. Außerdem kann ich da gar nichts für. Jason hat ein neues Fahrrad zum Geburtstag bekommen und da wollten wir &#8230;“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich brach ab, weil Dad mir die Hand auf die Schulter gelegt und sanft zugedrückt hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Lass mich doch erst einmal zu Wort kommen“, bat er ruhig. „Wir sind dir nicht böse, weil du zu spät bist. Aber wir haben uns wirklich große Sorgen gemacht. Um die Uhrzeit ist es für Kinder draußen nicht mehr sicher.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wegen Huggin‘ Molly?“, fragte ich mit großen Augen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dad sah mich eindringlich an und nickte langsam, wie er es nur tat, wenn er seinem Nicken einen besonderen Nachdruck verleihen wollte. „Du weißt ja, dass es Menschen gibt, die nicht nett zu Kindern sind. Deshalb sollst du nicht mit Fremden reden. Aber wenn es dunkel wird &#8230;“, er sah mich ernst an, „dann gibt es da draußen noch eine ganz andere Gefahr: einen Geist namens Huggin‘ Molly.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schluckte schwer. Von Geistern hatte mir bisher immer nur mein großer Bruder Kyle erzählt. Aber noch nie Mom oder Dad. Ich fand Geister wirklich gruselig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Huggin‘ Molly kommt heraus, sobald die Sonne untergegangen ist“, begann Dad zu erzählen. „Sie ist der Geist einer großen Frau, noch größer als deine Mom oder ich. Ihre Kleidung ist schwarz wie die Nacht und auf dem Kopf trägt sie eine dunkle Kapuze.“ Dad deutete mit seinen Händen eine Kapuze an. „Sie wandert durch unsere Straßen, hier in Abbeville. Die Erwachsenen lässt sie in Ruhe. Sie geht ihnen aus dem Weg. Aber wenn sie ein Kind oder einen Teenager wie deinen Bruder findet &#8230; Ihr seid leichte Opfer für sie. Ihr könnt nicht so schnell rennen. Eure Beine sind zu kurz. Und sie macht wirklich sehr, sehr große Schritte.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dad machte eine dramatische Pause. Als er nicht weiterredete, sah ich hilfesuchend zu Mom. Sie nickte nur betreten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„U-und dann?“, fragte ich, weil Dad nach einer gefühlten Ewigkeit noch immer nichts gesagt hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sein Stuhl knarzte, während er sich zurücklehnte. „Dann solltest du schnell wegrennen. So schnell du nur kannst. Denn wenn Huggin‘ Molly dich erwischt, packt sie dich und umarmt dich so fest, dass du keine Luft mehr bekommst. Viel fester als Mom oder ich es je wagen würden. Und während sie dich festhält, brüllt sie dir ins Ohr, so laut sie nur kann. Weißt du noch, als der Feueralarm losgegangen ist?“ Dad deutete auf den Rauchmelder an der Decke.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich nickte stumm.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ihre Stimme ist noch viel lauter. Und dann kannst du dir nicht die Ohren zuhalten. Deine Arme hält sie in ihrer Umarmung nämlich fest.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder schluckte ich schwer. Ich mochte es nicht, angeschrien zu werden. Und eine so feste Umarmung, dass ich nicht mehr atmen kann? „Tut &#8230; Tut das denn weh, wenn Molly mich umarmt?“, fragte ich nervös. Ich bereute die Frage sofort wieder.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dad sah mich streng an. „Willst du das etwa herausfinden?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schüttelte heftig den Kopf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Gut“, sagte Dad. Seine Gesichtszüge entspannten sich. Dann beugte er sich vor und wuschelte mir durch die kurzen blonden Haare. „Richtige Entscheidung. Und nun mach, dass du ins Bett kommst.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Ich sprang auf und drängelte mich an Mom vorbei aus der Küche. Keine fünf Minuten später stand ich mit geputzten Zähnen in Kyles und meinem Zimmer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du bist spät“, stellte mein Bruder fest. Er saß mit einem Buch in der Hand im Bett.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich hab nicht auf die Uhr geguckt. Und dann wollte Dad noch mit mir reden“, nuschelte ich ausweichend, während ich mich umzog. Noch ehe Kyle etwas erwidern konnte, lag ich unter meiner warmen Decke, meinen lila Stoffelefanten Mr. Puddles eng an mich gedrückt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wollte Dad mit dir reden, weil du so spät bist?“, fragte mein Bruder ungewöhnlich interessiert. „Haben sie dir den Huggin‘ Molly Vortrag gehalten?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei der Erwähnung ihres Namens drückte ich Mr. Puddles fester an mich, nickte aber tapfer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Licht der Nachttischlampe sah ich, dass mein Bruder grinste. „Hast du Angst?“, fragte er spöttisch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nein. Natürlich nicht“, log ich. Ich setzte mich möglichst lässig hin – jedoch ohne Mr. Puddles loszulassen. „Ich bin doch kein Baby mehr!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kyle kicherte leise. Dann setzte er eine ernste Miene auf. „Das solltest du aber. Haben sie dir erzählt, was Huggin‘ Molly mit dir macht?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ohne die Decke fühlten sich meine Arme plötzlich sehr kalt an. „Ja. Sie drückt mich ganz, ganz doll und dann brüllt sie mir ganz laut ins Ohr.“ Ich versuchte, die Bilder zu verdrängen, die in meinem Kopf entstanden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sie drückt dich also ganz doll &#8230; Mehr nicht?“, fragte Kyle. Er ließ mir aber keine Zeit zu antworten. Stattdessen schnaubte er verächtlich. „War ja klar, dass Mom und Dad ihren kleinen Aidan wieder beschützen müssen. Sie wollten dir wohl keine Angst machen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Keine Angst machen?“, fragte ich. Meine Stimme klang höher als beabsichtigt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Na ja. Weil sie dir nicht die ganze Wahrheit gesagt haben. Aber das ist ihre Sache. Gute Nacht.“ Mit diesen Worten griff Kyle wieder nach seinem Buch und las weiter, als wäre nichts gewesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Fassungslos starrte ich ihn an. Er verlangte von mir doch nicht ernsthaft, dass ich mich jetzt hinlegen und schlafen konnte, nachdem er mir gesagt hat, dass Dad gelogen hatte?!</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Kyle?“, fragte ich mit pipsiger Stimme.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er ignorierte mich. Hatte er mich nicht gehört?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich versuchte es noch einmal. „Kyle?“ Diesmal achtete ich darauf, lauter und nicht ganz so hoch zu sprechen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Bruder klappte das Buch wieder zu, behielt jedoch einen Finger zwischen den Seiten. „Was ist?“, fragte er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was meinst du damit? Dad hat mir nicht die ganze Wahrheit gesagt?“, fragte ich mit einem mulmigen Gefühl im Bauch. Gleichzeitig ärgerte ich mich über meine Neugier.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Na ja“, erklärte er. „Huggin‘ Molly knuddelt ihre Opfer nicht einfach, weißt du?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sah ihn mit großen Augen an, traute mich aber nicht, weiter nachzufragen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Bruder redete trotzdem weiter. „In Wirklichkeit ist es auch weniger eine Umarmung. Wenn sie dich erwischt, packt sie dich und drückt mit aller Kraft zu. Sie versucht nicht, dich festzuhalten oder zu umarmen, sie versucht, dich zu zerquetschen. Und in den meisten Fällen gelingt ihr das auch. Sie drückt so doll zu, dass dein Brustkorb bricht. Und das letzte, was du dabei hörst, ist ihr ohrenbetäubendes Schreien.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du spinnst“, sagte ich. Sowas hätte Dad mir niemals verschwiegen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber mein Bruder schüttelte den Kopf. „Nein, wirklich. Letztes Jahr hat man in der Innenstadt einen Jungen gefunden. Etwa in deinem Alter. Sein Brustkorb war nur noch matsch.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Übelkeit stieg in mir auf. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, rutschte ich langsam im Bett hinab und zog die Decke bis zum Kinn. Ich merkte, wie meine Beine zitterten. Obwohl ich unter der warmen Decke lag, war mir plötzlich eiskalt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Bruder schien es auch zu bemerken. „Hee. Mach dir deswegen keinen Kopf“, versuchte er, mich zu beruhen. „Huggin‘ Molly kommt nicht in Häuser. Außerdem bin ich ja da, um dich zu beschützen. Hier drinnen bist du in Sicherheit.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Selten war ich so froh gewesen, dass ich nachts nicht allein in meinem Zimmer schlafen musste. Trotzdem zitterte ich noch eine ganze Weile weiter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„K-können wir heute Nacht das Licht anlassen?“, fragte ich nach einiger Überwindung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Klar“, antwortete mein Bruder. „Aber wenn du dich in mein Bett schleichst, schubs ich dich auf den Boden!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich nickte bloß. Dann drückte ich Mr. Puddles so fest an mich, wie ich konnte, und versuchte zu schlafen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In jener Nacht hatte ich mir hoch und heilig geschworen, dass ich niemals, aber wirklich niemals wieder nachts allein auf die Straße gehen würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war jetzt fast fünf Jahre her. Trotzdem erinnere ich mich noch gut daran, wie viel Angst ich vor Huggin‘ Molly hatte. Es hatte Wochen gedauert, bis ich wieder ruhig schlafen konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch wie heißt es so schön? Die Zeit heilt alle Wunden. Inzwischen wusste ich natürlich, dass Huggin‘ Molly nichts weiter als ein Schauermärchen war, das Eltern ihren Kindern erzählten, damit sie abends rechtzeitig nach Hause kamen. Und was soll ich sagen? Es hatte funktioniert. Seither hatte ich mich nicht eine Nacht um mehr als eine Viertelstunde verspätet. Wenn mich niemand fahren konnte, versuchte ich immer, vor Sonnenuntergang im Haus zu sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jedenfalls bis heute. Heute war Jasons vierzehnter Geburtstag und Isabella, das hübscheste, intelligentesten und umwerfendste Mädchen, das ich je getroffen hatte, war eingeladen gewesen. Gegen Abend wollte ich schließlich nach Hause gehen. Aber als sie mit ihren kastanienbraunen Augen geklimpert und mich gebeten hatte, dass ich noch eine Runde Flaschendrehen mitspielen solle, war es um mich geschehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihr wisst, wie das ist: Aus einer Runde waren zwei geworden, aus zwei drei und aus drei vier. Irgendwann hatte ich aufgehört zu zählen. Und so war es fast Mitternacht, als ich mich endlich auf den Weg machte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zunächst dachte ich mir nichts dabei. Die Strecke war nicht sonderlich weit, die Straßen waren menschenleer und sogar die fehlenden Straßenlaternen störten mich nicht weiter. Wozu hatte man sonst eine Handytaschenlampe?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst, als ich der Meinung war, aus dem Augenwinkel einen großen Schatten zu sehen, wurde mir etwas mulmig zu Mute. Ich leuchte sofort in die Richtung. Rasen, Bäume, eine Mülltonne. Etwas weiter hinten sah ich ein Auto bei einem Haus stehen. Aber von einer großen Person oder etwas, das ähnlich aussah, war nichts zu sehen. Bestimmt hatte ich es mir bloß eingebildet. Ein Mensch hätte jedenfalls nicht geräuschlos so schnell verschwinden können. Und was sollte es sonst sein? Huggin‘ Molly?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich lachte leise. „Hör auf Aidan. Du bist doch kein Kind mehr“, murmelte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem ging ich einen Schritt schneller. Ich zog den Reißverschluss meiner Sweatshirtjacke zu und bemühte mich, die kühle Nachtluft langsam ein- und auszuatmen, während ich aufmerksam die Umgebung beobachtete und die Ohren spitze. Ich hörte bloß meine eigenen Schritte, die dumpf über den Asphalt der Straße hallten, und den schwachen Wind, der durch die Bäume und den Rasen streifte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Moment! War da noch etwas? Ich hatte das Gefühl, Schritte hinter mir zu hören, die im Takt meiner Schritte mitgingen. Schnell drehte ich mich um. Nichts.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Guten Abend“, sagte ich laut in die Dunkelheit, in der Hoffnung, dass mich ein bekanntes Gesicht zurückgrüßen würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch mir antwortete nur der Wind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schluckte den Kloß in meinem Hals hinunter und beschleunigte meine Schritte noch mehr. In ein vielleicht zwei Minuten war ich zuhause. Ich musste bloß einen kühlen Kopf bewahren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch dann sah ich sie erneut: die dunkle Gestalt in meinem Augenwinkel. Blitzschnell drehte ich mich zu ihr, die Taschenlampe in ihre Richtung gestreckt. Diesmal verschwand sie nicht spurlos. Vor mir, nur ein paar Meter entfernt, stand eine großgewachsene Person, komplett in Schwarz gekleidet. Das schwarze Kleid, die schwarzen Schuhe, die schwarzen Handschuhe und sogar die schwarze Kapuze. Sie sah genauso aus, wie ich sie mir vorgestellt hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Huggin‘ Molly“, hauchte ich ungläubig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die einzige Haut, die nicht im Schatten oder unter ihrer Kleidung verborgen lag, waren die blasse Kinnpartie und ihre Lippen, die sich jetzt zu einem dezenten Lächeln verzogen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich setzte sie sich in Bewegung. Sie streckte ihre Arme aus. Mit großen Schritten kam sie auf mich zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Herz setze einen Schlag aus. Dann drehte ich mich schreiend um und sprintete los. Mein Haus war nicht mehr weit. Bei Tageslicht hätte ich es bereits sehen können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mom! Dad!“, kreischte ich, in der Hoffnung, dass sie mich hören und zur Tür kommen würden. „Mooom! Daaad!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schnelle Schritte hinter mir verrieten mir, dass Molly immer näher kam. Trotzdem traute ich mich nicht, den Kopf zu ihr zu drehen. Noch nie in meinem Leben hatte ich solche Angst gehabt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Ferne sah ich, wie in unserem Flur Licht anging.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mooom! Daaad!“, schrie ich erneut aus voller Lunge.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es waren vielleicht noch 20 Meter. 15. 10. 5. Ich hatte die Haustür fast erreicht, als ich plötzlich von hinten gepackt wurde. Zwei dünne, lange, aber erstaunlich kräftige Arme hatten mich gepackt. Ich spürte, wie Molly mich zu sich zog. Sie presste mich an ihren eiskalten Körper, als wäre ich ein Sohn, den sie jahrelang nicht gesehen hatte. Doch es fühlte sich nicht liebevoll an. In ihrer Umarmung lag keinerlei Wärme, während der Druck auf meine Brust stärker und stärker wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mom!“, presste ich hervor. Dad hatte recht gehabt: Ich konnte im wahrsten Sinne des Wortes spüren, wie mir die Luft aus den Lungen gequetscht wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann setzte ihr Geschrei ein. Es war ein ohrenbetäubendes Kreischen, das so laut war, dass es mir die Orientierung raubte. Hätte Huggin‘ Molly mich nicht festgehalten, wäre ich wohl gestürzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem war da noch dieser Druck, dieser unerträgliche Druck, mit dem sie mich an sich presste. Mein Brustkorb schmerzte bereits. Ich hatte das Gefühl, dass meine Rippen jeden Moment brechen würden. Und dann &#8230; war der Geist verschwunden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich fiel auf die Knie, schnappte panisch nach Luft. Endlich &#8230; Endlich konnte ich wieder atmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Aidan! Aidan, ist alles in Ordnung?“ Das war Mom.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich den Kopf hob, drehte sich vor mir alles, aber ich konnte im schwachen Licht der geöffneten Haustür sehen, wie sie auf mich zu rannte. Trotzdem brachte ich kein einziges Wort hervor. Tränen rannen wie Wasserfälle über meine Wangen, während ich laut schluchzte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mom kniete sich neben mich. Sie nahm mich sofort in den Arm und zog mich an sich, in eine liebevolle, schützende Umarmung.</p>



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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Huggin‘ Molly (Englisch für „Umarmende Molly“) ist der Geist einer urbanen Legende aus den USA. Um genau zu sein, aus Abbeville, einer kleinen Stadt in Alabama.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Legende ist dort so bekannt, dass sie sogar auf dem Willkommensschild der Stadt abgebildet ist. Dort ist der Spruch „Welcome to Abeeville – Home of Huggin‘ Molly“ zu lesen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Viel ist über das Aussehen von Huggin‘ Molly nicht bekannt. Es heißt aber oft, dass sie etwa sieben Fuß (ca. 2,13 m) groß sei und schwarze Kleidung trägt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem ist oft von einer schwarzen Kopfbedeckung in Form einer Kapuze oder eines Huts mit breiter Krempe die Rede.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch wenn heutzutage fast ausschließlich von dem Geist einer Frau erzählt wird, gab es früher einige Varianten, bei denen Huggin‘ Molly trotz ihres weiblich klingenden Namens ein Mann war.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Huggin‘ Molly streift als Geist abends und nachts durch die Straßen von Abbeville. Sie ist auf der Suche nach Kindern und Jugendlichen, die zu später Stunde noch draußen unterwegs sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Besonders beliebt sind bei ihr Minderjährige, die sich ohne Erlaubnis ihrer Eltern noch draußen aufhalten. Entweder, weil sie sich rausgeschlichen haben oder später nach Hause kommen als vereinbart.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn sie ein potenzielles Opfer findet, verfolgt sie es. Manchmal holt sie nur langsam auf, während sie in anderen Fällen mit großen Schritten auf ihr Opfer zu sprintet. Wenn sie es erwischt, packt sie es mit ihren Armen, drückt es in einer festen Umarmung an sich und schreit ihm aus voller Lunge ins Ohr. Anschließend lässt sie es wieder gehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Generell tut Huggin‘ Molly den Kindern und Jugendlichen also nicht weh – abgesehen von einem gelegentlichen Hörschaden. Eine mögliche Erklärung hierfür findet ihr weiter unten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einigen wenigen Erzählungen ist Huggin‘ Molly jedoch nicht so harmlos. Dort heißt es, dass sie ihre Opfer toddrücken würde. Wahrscheinlich ist diese Variante jedoch nur entstanden, weil einige Leute ihren Verwandten oder Freunden Angst machen wollten und ihnen die „normale“ Huggin‘ Molly Legende nicht gruselig genug war.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Heimat von Huggin‘ Molly ist Abbeville in Alabama, USA. Sie ist zwar auch in den angrenzenden Gebieten bekannt und wurde dort angeblich ebenfalls gesichtet, aber nirgends ist ihre Legende so verbreitet wie in Abbeville.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Bei Huggin‘ Molly handelt es sich um eine Legende, die hauptsächlich mündlich von Generation zu Generation als Kinderschreck weitergegeben wurde. Der genaue Ursprung ist daher nicht bekannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es soll aber einen Zeitungsartikel aus Pheonix City, Alabama geben, der angeblich im späten 19. Jahrhundert im Columbus Newspaper abgedruckt wurde. Darin war von dem Huggin‘ Molly Geist die Rede (bisher habe ich den Zeitungsartikel noch nicht finden können. Sollte sich das in Zukunft ändern, werde ich den Text anpassen und den Artikel ggf. hier verlinken).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ende des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts hatte die Legende von Huggin‘ Molly ihren Höhepunkt. In Louisiana soll es sogar einen Mann gegeben haben, der sich als Huggin‘ Molly verkleidet hat, um nachts junge Frauen zu umarmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während die Legende in den meisten Orten danach wieder an Bekanntheit verlor, hielt sie sich hartnäckig in Abbeville und hat dort ihre neue Heimat gefunden. In der kleinen Stadt erzählen noch heute Eltern, Großeltern, Brüder, Schwestern, Cousins und Cousinen in ihren Familien die Legende von Huggin‘ Molly.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darüber, wer Huggin‘ Molly zu Lebzeiten war, gibt es ebenfalls einige Erzählungen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Version besagt, dass sie vor ihrem Tod eine Frau war, die ihr Kind verloren hat. Um ihre Trauer zu überwältigen, hat sie fremde Kinder auf der Straße umarmt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einer anderen Erzählung nach war sie eine Lehrerin oder anderweitig für Kinder zuständige Person, die besonders darauf bedacht war, Kinder nachts von der Straße fernzuhalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dass eine dieser Versionen der wahre Ursprung der Legende ist, ist jedoch unwahrscheinlich. Obwohl ich zugeben muss, dass mir persönlich die Idee eines freundlichen Geists, der sich bloß um die Kinder sorgt, sehr gefällt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von Huggin&#8216; Molly? Hättet ihr als Kind Angst vor ihr gehabt, wenn eure Eltern euch von ihr erzählt hätten? Welche Version bevorzugt ihr? Die harmlose, bei der sie die Kinder bloß erschreckt, oder die Version, bei der sie sie zu Tode drückt? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>



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