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	<title>männlicher Protagonist Archive - Geister und Legenden</title>
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	<description>In diesem Blog schreibe und veröffentliche ich jeden zweiten Montag eine neue Legende und Geschichte über Geister oder andere übernatürliche Dinge. Viel Spaß beim Gruseln!</description>
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		<title>The Lake Worth Monster – Das Monster von Lake Worth</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 02 Mar 2026 14:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Plötzlich knackte es neben uns im Unterholz. Fast hätte ich meine Taschenlampe eingeschaltet, um in die Richtung zu leuchten. Stattdessen starrten Suzanne und ich in die Dunkelheit, versuchten, zwischen den Ästen irgendetwas zu erkennen …</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.geister-und-legenden.de/the-lake-worth-monster">The Lake Worth Monster – Das Monster von Lake Worth</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.geister-und-legenden.de">Geister und Legenden</a>.</p>
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<p class="wp-block-paragraph">The Lake Worth Monster ist ein <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer">Kryptid</a>, der in den 1960er seine Bekanntheit erlangt hat, als er mehrere Male auf der Titelseite einer Lokalzeitung auftauchte. Aber was ist im Sommer 1969 in Texas wirklich passiert?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Freitag, 10. Juli 1969</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">„Fischige Mann-Ziege terrorisiert parkende Pärchen bei Lake Worth“, las Suzanne vor. Sie, Wesley und ich kannten den Zeitungsartikel bereits auswendig. Trotzdem entschied sie, ihn noch ein letztes Mal zu lesen, während wir gemeinsam im Auto nach Lake Worth saßen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber ich beschwerte mich gar nicht. Es half mir dabei, mich von der Dummheit abzulenken, die wir gleich vorhatten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sechs entsetzte Anwohner berichteten heute Morgen der Polizei, dass sie von einem Ding angegriffen wurden, das sie als ‚halb Mann, halb Ziege und bedeckt mit Fell und Schuppen‘ beschrieben“, fuhr sie fort.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da ich als Einziger auf dem Rücksitz saß, hatte ich mich zu ihr nach vorne gelehnt, um über ihre Schulter mitzulesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Die Polizei sagt, dass John Reichert folgende Story erzählte: Reichert hatte, zusammen mit seiner Frau und zwei anderen Pärchen, gegen Mitternacht bei Lake Worth geparkt, als jemand oder etwas von einem nahegelegenen Baum auf ihr Auto sprang. Reichert sagte, dass das Ding versucht hat, seine Frau zu packen, aber er fuhr davon, ehe es sie berühren konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem sie mit der Polizei zu dem Ort zurückgekehrt sind, zeigte Reichert, wo der Angriff stattgefunden hat, aber von dem Ding fehlte jede Spur. Er zeigte den Polizisten einen achtzehn Zoll langen Kratzer an der Seite seines Autos, den das Ding mit seinen Krallen verursacht haben soll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">‚Wir führten eine gründliche Untersuchung durch‘, sagte Streifenpolizist James S. McGee, ‚weil diese Leute wirklich verängstigt waren.‘</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem meinte McGee, dass die Pärchen wahrscheinlich die Opfer von Scherzbolden geworden sind, die entweder eine Puppe auf das Auto geworfen oder jemanden in ein Affenkostüm gesteckt haben.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Suzanne faltete die Zeitung raschelnd zusammen. Danach hörte ich nur noch das Dröhnen des Motors, spürte die Vibration unter meinem Sitz.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Meint ihr wirklich, dass das nur ein paar Scherzbolde in einem Kostüm waren?“, fragte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wesley drehte sich zu mir um. Ein breites Grinsen zog sich über sein Gesicht. „Nein. Wer würde denn sowas tun, Curtis?“, fragte er ironisch, ehe er seinen Blick wieder auf die Straße wandte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf einmal wurde mir sehr warm unter meinem Mantel. Ich spürte, wie Schweiß meinen Rücken hinablief. Und das lag nicht nur an der texanischen Sommerhitze oder dem Gorillakostüm, das ich unter dem langen Mantel verbarg.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu meiner Verteidigung: Die ganze Sache war Suzannes Idee gewesen. Wir drei waren an der ganzen Schule für unsere Streiche bekannt. Und dann kam jemand anderes daher und zog den Streich des Jahres, vielleicht sogar des Jahrzehnts ab? Und das auch noch in den Sommerferien? Das konnten wir uns nicht gefallen lassen! Also hatten wir entschieden, dass wir uns selbst als das ominöse Monster verkleiden würden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu meinem Leidwesen war ich der Größte aus unserer Gruppe. Obwohl ich erst sechzehn war, war ich über 1,90 cm groß. Und auch das Gorillakostüm, das Wesley aus der Theatergruppe unserer Schule „ausgeliehen“ hatte, passte mir überraschend gut.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Scheinwerferlicht vor uns kamen parkende Autos zum Vorschein. Sie standen auf beiden Seiten der ungepflasterten Straße auf dem vertrockneten Gras.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ach du scheiße“, sagte Wesley. „Was ist denn hier los?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir hatten den Parkplatz noch nicht einmal ganz erreicht. Trotzdem parkten hier bereits zahlreiche Autos. Menschen standen in Paaren oder Gruppen herum und gingen umher. Ich erkannte, dass einige von ihnen Gewehre geschultert hatten. Ich schluckte schwer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem wir noch ein kleines Stück gefahren waren, fuhr Wesley schließlich selbst in eine Lücke zwischen zwei parkenden Autos.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ohne ein weiteres Wort zu sagen, stiegen wir aus. Ich schlang dabei den Mantel eng um mich. Trotzdem blitzte noch immer graues Fell an meinen Unterschenkeln hervor. Ich hoffte, dass es niemand bemerken oder ihm Beachtung schenken würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So machten wir uns auf den Weg zum Parkplatz in der Nähe des Sees.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hey!“, rief eine Stimme neben uns. Sie kam von einem Mann, vielleicht Mitte 30, der eine Schrotflinte über der Schulter trug. Er saß auf dem Dach seines Pick-ups, ein Bier in der Hand. Zwei andere Männer und eine Frau, die neben ihm standen, sahen zu uns.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erschrocken sah ich sie an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Seid ihr nicht etwas jung, um euch so spät noch hier rumzutreiben?“, fragte der Mann auf dem Pick-up laut. „Habt ihr nicht gehört, dass hier irgendein Wesen lauert? Geht wieder nach Hause!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hätte es liebend gerne als Vorwand genommen, tatsächlich wieder nach Hause zu fahren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber Suzanne funkelte ihn nur an. „Das ist immer noch ein freies Land. Und wenn wir nach dem Monster suchen wollen, dann machen wir das auch!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das wirkte. Der Mann nickte ihr anerkennend zu, ehe er sich wieder abwandte. Und auch die anderen schenkten uns keine weitere Beachtung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sobald man solchen Rednecks was von einem freien Land vorschwärmt, knicken sie immer ein“, erklärte Suzanne, als wir außer Hörweite waren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wusste nicht, ob ich ihr dabei zustimmen konnte, aber für den Moment sollte sie zumindest recht behalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der restliche Weg zum Parkplatz verlief ohne besondere Vorkommnisse, was vielleicht auch daran lag, dass wir inzwischen von regelrechten Menschenmassen umgeben waren, in denen wir nicht mehr wirklich auffielen. Es mussten fast hundert, wenn nicht noch mehr Leute sein, die sich auf die Suche nach dem Monster gemacht hatten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Seid ihr sicher, dass das eine so gute Idee ist?“, fragte ich, als wir uns etwas abseits gestellt hatten. „Habt ihr die ganzen Waffen gesehen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wesley sah sich um, als müsse er noch einmal nachsehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Suzanne hingegen schüttelte den Kopf. „Wir müssen es ja nicht direkt hier machen. Wenn wir uns abseits halten und eine kleine unbewaffnete Gruppe suchen, hast du nichts zu befürchten.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich lächelte schief. Alles in mir schrie danach, ihr zu widersprechen. Aber ich war noch nie der Mutigste gewesen. Auch wenn Suzanne und Wesley meine Freunde waren, knickte ich bei Gruppenzwang sehr schnell ein.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit nichts als unseren Taschenlampen bewaffnet hielten wir uns an die Wege, während wir langsam in einigem Abstand zum Ufer an Lake Worth entlanggingen. Trotzdem konnte ich das Wasser leise ans Ufer schwappen hören. Ab und an knackte es im Unterholz. Eine Eule schrie irgendwo in der Ferne. Ein Geräusch, das hingegen so präsent war, dass es bereits in den Hintergrund rutschte, war das durchgehende Zirpen von Grillen. Aber das war ich als gebürtiger Texaner bereits gewohnt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wirklich etwas Erwähnenswertes passierte jedoch nicht. Abgesehen davon, dass wir ganze Schwärme von Mücken abwehren mussten, kamen uns noch immer zahlreiche Leute entgegen, die einen mehr, die anderen weniger bewaffnet. Aber fast in jeder Gruppe konnte ich mindestens ein Gewehr sehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Vielleicht sollten wir an einem anderen Tag zurückkommen, wenn weniger los ist“, versuchte ich es noch einmal.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Und dann?“, fragte Wesley. „Wenn irgendwer mitbekommt, dass ich das Gorillakostüm ausgeborgt habe, bekomm ich einen Riesenärger! Vielleicht ist das heute unsere einzige Chance. Irgendwo finden wir schon noch ein passendes Opfer.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich biss die Zähne zusammen. Er hatte leicht Reden. Wesley war ja auch nicht derjenige, auf den geschossen wurde, wenn irgendetwas schiefging.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hilfesuchend sah ich zu Suzanne. Sie bemerkte meinen Blick, zuckte aber nur mit den Schultern. „Ich bin da ganz bei Wesley“, erklärte sie. „Keine Angst. Wir passen schon auf, dass nichts passiert.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ja … Das war wirklich <em>sehr</em> beruhigend …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem wir noch einige Minuten schweigend weitergegangen waren – langsam stieg meine Hoffnung, dass wir das Ganze doch abbrechen würden –, passierte etwas. Ich konnte aufgeregte Rufe in der Ferne hören.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich kam uns ein Mann entgegengerannt. Auch er hatte ein Gewehr über der Schulter. „Es wurde beim Pit gesehen!“, rief er. „Das Monster hat beim Pit einen Reifen nach einer Gruppe geworfen!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Pit war eine bekannte Grube in der Nähe. Um genau zu sein, gingen wir gerade genau darauf zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment stürmte eine Gruppe Männer an uns vorbei. Sie mussten den Ruf gehört haben und sich Richtung Pit aufmachen. Und auch Suzanne und ich setzten dazu an, in die Richtung zu laufen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wartet!“, hielt Wesley uns auf. „Das ist unsere Chance! Wenn alle zum Pit laufen, finden wir vielleicht jemanden, der nicht nach dem Monster sucht. Hier ganz in der Nähe ist ein beliebter Treffpunkt für Pärchen!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Suzanne und ich fragten nicht, woher er das wusste. Stattdessen folgten wir ihm ein Stück durchs Unterholz, weg vom Seeufer. Äste knackten, Sträucher raschelten unter unseren Schuhen. Die Mückenschwärme schienen hier dichter zu werden und auch mit dem ein oder anderen Spinnennetz machte mein Gesicht Bekanntschaft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als die Bäume vor uns gerade weniger zu werden schienen, ertönte plötzlich ein Schrei aus der Dunkelheit. Es klang aber nicht nach einem menschlichen Schrei. Wir blieben sofort stehen. Mit unseren Taschenlampen leuchteten wir wild um uns.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was war das?“, fragte ich sofort.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Freunde antworteten nicht sofort. „Vielleicht eine Wildkatze?“, sagte Wesley dann. „Ich hab gehört, hier in der Nähe wurde kürzlich eine gesichtet. Wahrscheinlich hat jemand sie ausgesetzt.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich fand allerdings nicht, dass es wie ein Luchs oder gar ein Puma klang.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Kommt weiter“, drängte Wesley dann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Suzanne und ich folgten ihm ohne Widerworte. Ehrlich gesagt war ich froh, aus dem undurchsichtigen Dickicht herauszukommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenig später stolperten wir auf einem breiten Dreckweg. Wir waren ein gutes Stück Richtung Highway gelaufen, wie ich jetzt erkannte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wesley machte aber keine Pause. Er sah sich flüchtig um, ehe er den Weg entlang weiterlief. Suzanne und ich folgten ihm.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bald wurde der Weg noch breiter. Er erinnerte mich hier an einen kleinen Grandplatz, nur dass in der Mitte Reifenspuren verliefen. Links und rechts parkten einige Autos. Sie lagen dunkel und verlassen vor uns. Ich leuchtete durch die Scheiben, um sicherzugehen, dass niemand darinsaß. Zumindest, bis wir die Rückseite eines fensterlosen Vans ein kleines Stück wieder sahen. Er hielt am linken Wegesrand, sein Motor lief, die Rücklichter leuchteten rot und in der Fahrerkabine brannte Licht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Da!“, flüsterte Suzanne. „Das ist die Gelegenheit.“ Sie schob mich sanft in die Richtung, während wir unsere Taschenlampen ausschalteten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wesley folgte uns.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt waren wir darauf bedacht, keine Geräusche zu machen, damit die Leute im Auto nicht auf uns aufmerksam wurden. Trotzdem knirschten Steinchen unter unseren Füßen. Ich spürte, wie mein Herz schneller schlug. Wieder lief Schweiß meinen Rücken hinunter. Vorsichtig näherten wir uns dem Auto.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es dauerte nicht lange, bis wir direkt dahinterstanden. Jetzt waren wir im toten Winkel, sodass die Insassen uns nicht durch die Seitenspiegel sehen konnten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vorsichtig öffnete ich meinen Mantel. Der Moment der Wahrheit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Warte noch!“, flüsterte Wesley plötzlich. „Ich geh nachsehen, ob sie bewaffnet sind.“ Das war die erste wirklich gute Idee, die er diesen Abend gehabt hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er steckte die Hände in die Hosentaschen, während er am Van vorbeiging. Er legte einen lockeren Gang ein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„’n Abend“, hörte ich ihn sagen, während er entspannt an dem Wagen vorbeischlenderte. Dann blieb er abrupt stehen. Er wandte sich der Beifahrertür zu. „Wie bitte? Nein. Ich bin mit meinem Dad hier. Ja. Ich war nur kurz austreten. Danke. Ihnen auch.“ Er ging weiter, sodass er bald aus unserem Sichtfeld verschwand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Suzanne und ich warteten gespannt. Als mir auffiel, dass ich dabei die Luft anhielt, zwang ich mich, ruhig weiterzuatmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich knackte es neben uns im Unterholz. Fast hätte ich meine Taschenlampe eingeschaltet, um in die Richtung zu leuchten. Stattdessen starrten Suzanne und ich in die Dunkelheit, versuchten, zwischen den Ästen irgendetwas zu erkennen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst jetzt fiel mir auf, wie dunkel es wirklich war. Ohne Taschenlampen, die die Gegend erhellten. Irgendetwas bewegte sich da draußen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wesley?“, flüsterte ich in die Dunkelheit. Ich traute mich nicht, lauter zu sprechen, in der Angst, dass die Fahrzeuginsassen mich hören könnten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder ein Rascheln. „Ja, ich bin es“, kam es zurück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erleichtert atmete ich auf. Bald erkannte ich unseren Freund, wie er langsam aus dem Unterholz zu uns schlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Und?“, fragte Suzanne ungeduldig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Da drinnen sitzen ein Mann und eine Frau. Vielleicht ein Pärchen“, erklärte er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sind sie bewaffnet?“, hakte ich nach.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im roten Schein der Rücklichter sah ich, wie Wesley meinem Blick auswich. „Ich glaube nicht.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du glaubst?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Na ja, das Fenster ist recht hoch. Ich konnte nicht alles erkennen … Aber es ist ein Pärchen. Wahrscheinlich sind sie hier draußen, um rumzumachen oder sowas. Es wird schon alles gut gehen.“</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenig später stand ich in voller Gorillamontur an den Van gedrückt. Suzanne hatte mir meinen Mantel und die Taschenlampe abgenommen, während Wesley mir geholfen hatte, die Gorillamaske richtig aufzusetzen. Trotzdem war meine Sicht eingeschränkt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich spähte an dem Van vorbei. Es war ein Firmenwagen, vermutete ich. Zumindest war an der Seite ein stilisierter Leuchtturm mit dem Schriftzug „Lighthouse“ darunter zu sehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Angestrengt starrte ich in den Seitenspiegel. Ich konnte eine junge Frau auf dem Beifahrersitz erkennen. Zum Glück sah sie nicht in meine Richtung. Sie war in ein Gespräch mit dem Fahrer vertieft. „Denken Sie, dass an dem Vorfall mit dem Reifen irgendetwas dran ist?“, fragte sie. Sie hatte einen ausländischen Akzent. Irgendetwas Europäisches.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Männerstimme antwortete. Obwohl er mit dem vertrauten texanischen Dialekt sprach, musste ich mich anstrengen, um ihn über den laufenden Motor hinweg zu verstehen. „Ich glaube kaum, dass ein Klasse Zwei einen Reifen werfen würde. Wenn doch, geben die anderen uns Bescheid.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die anderen? Das meiste, was er sagte, ergab für mich keinen Sinn, aber das klang definitiv, als wären sie nicht allein. Und hatte vorhin der eine Mann nicht auch gesagt, dass das Monster einen Reifen geworfen habe?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weiter darüber nachdenken konnte ich jedoch nicht. „Jetzt mach schon!“, zischte Suzanne. Sie gab mir einen sanften Schubs, der mich aus dem Gleichgewicht brachte. Ich taumelte mehrere Schritte vorwärts, ehe ich mich wieder fangen konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich aufsah, starrte die Frau mich durch das offene Fenster direkt an. Ihre Augen hatte sie weit aufgerissen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Hirn setzte aus. Ehe ich wusste, was ich tat, hatte ich die Hände hochgerissen und stieß meinen fürchterlichsten Schrei aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das hätte ich besser nicht getan. Die Frau reagierte blitzschnell. Innerhalb von Sekunden blickte ich in den Lauf eines Gewehrs. Entschlossenheit blitzte in ihren Augen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Scheiße! Sie hat eine Waffe!“, hörte ich Suzanne rufen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Schritte meiner Freunde ertönten auf dem Dreckboden, wie sie sich schnell entfernten. So viel zum Thema, dass sie mir helfen würden … Aber ich hatte gerade andere Probleme. Mit noch immer erhobenen Armen stand ich da. Der Schreck hatte mir die Sprache verschlagen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Agentin Fischer, nehmen Sie die Waffe runter! Das sind nur ein paar Kinder!“, rief der Mann plötzlich. Er hatte bereits um sie herumgegriffen, um den Lauf der Waffe beiseitezureißen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frau ließ es geschehen, hielt aber das Gewehr weiter mit verkrampften Armen fest. Ihr Blick blieb unverändert. Erst jetzt erkannte ich, dass das, was ich für Entschlossenheit gehalten hatte, in Wirklichkeit Angst war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Und du?“, brüllte der Mann jetzt mich an. „Findest du das etwa lustig? Du hättest verletzt werden können!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder stieg Panik in mir auf. Es war nicht dieselbe Angst wie eben. Es war keine Todesangst. Sie lähmte mich nicht. Also nahm ich die Beine in die Hand und rannte. Ich machte einen Bogen um die Rückseite des Vans herum, ehe ich weiter ins Unterholz stürmte. In den Schutz der Dunkelheit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Leider brachte die Dunkelheit nicht nur Schutz mit sich. Suzanne hatte noch immer meine Taschenlampe. Und ohne Licht konnte auch ich kaum etwas erkennen. Das Mondlicht reichte kaum bis unter das Blätterdach. Einige Male schützte mich die Gorillamaske vor Ästen, die mir direkt ins Gesicht geschlagen wären.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Blätter und Laub raschelten. Alte Äste knackten unter meinen Füßen, während ich mehr stolperte, als dass ich rannte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dabei blickte ich mich die ganze Zeit panisch um, suchte nach irgendetwas, das mir bekannt vorkam. Aber natürlich fand ich nichts. Nicht nur, dass es viel zu dunkel war, wenn meine Freunde und ich Lake Worth besuchten, hielten wir uns fast immer an die Wege. Jetzt wusste ich hingegen nicht einmal, in welche Richtung der nächste Weg lag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich auf eine kleine Lichtung stolperte, blieb ich stehen. Hier konnte ich etwas besser gucken. Der Mond war eine schmale Sichel über den Baumkronen. Trotzdem reichte sein Licht aus, sodass ich hier den Boden sehen konnte. Es gab mir ein Gefühl von Sicherheit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schnell wandte ich den Kopf hin und her. Ich versuchte, herauszufinden, ob ich verfolgt wurde. Allerdings konnte ich kaum etwas hören. Mein Herz pochte so laut in meinen Ohren, dass es das meiste übertönte. Außerdem wusste ich nicht, ob das leise Geraschel im Unterholz von Menschen oder irgendeinem Tier kam.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Allerdings fiel mir beim Umsehen etwas anderes auf: Das graue Fell meines Kostüms schimmerte silbrig im Mondlicht. Ich stach als haarige Kreatur aus dem dunklen Wald hervor – in einem Gebiet, in dem unzählige bewaffnete Männer nach einem Monster suchten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Panisch riss ich mir die Maske vom Kopf. Der Reißverschluss meines Kostüms befand sich jedoch am Rücken. Ich verrenkte mich, versuchte irgendwie, blind an das kleine Metallstück zu gelangen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da durchschnitt wieder ein Schrei die Nacht. Es war derselbe Schrei wie vorhin – die Wildkatze, wie Wesley sie genannt hatte. Nur, dass ich immer noch nicht fand, dass es wie eine Wildkatze klang. Und, dass der Schrei diesmal deutlich näher war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hektisch sah ich mich um. Ich hatte keine Ahnung, aus welcher Richtung der Schrei gekommen war. Also konzentrierte ich mich weiter auf den Reißverschluss.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Endlich hatte ich den kleinen Metallgriff zwischen Daumen und Zeigefinger. Er bewegte sich ein paar Zentimeter nach unten, ehe er hängenblieb – wahrscheinlich hatte sich Fell zwischen dem Schieber und den Zähnen verheddert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In dem Moment hörte ich, wie sich Schritte aus dem Unterholz näherten. Es war ein leises, fast vorsichtiges Rascheln, als würde sich jemand anschleichen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Bitte!“, rief ich schnell. „Nicht schießen! Es ist nur ein Kostüm!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber was sich da näherte, war kein Monsterjäger. Ich erkannte eine große helle Gestalt zwischen den Bäumen, die langsam auf mich zukam. Sie schlich von Baum zu Baum, als wolle sie sich dahinter verstecken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als sie den Rand der Lichtung erreichte, erkannte ich das weiße Fell, das ihren kompletten Körper bedeckte. War das das Monster? Schuppen konnte ich darin kein Entdecken. Aber was sollte es sonst sein? Ich überlegte, ob ich wegrennen solle, doch meine Beine bewegten sich keinen Zentimeter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment trat die Gestalt auf die Lichtung. Sie machte einige vorsichtige Schritte auf mich zu. Dabei erkannte ich, wie riesig sie war. Sie war über zwei Meter groß. Außerdem war sie ungewöhnlich muskulös, hatte breite Schultern. Und an den Händen erkannte ich spitze Krallen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Obwohl ich sein Gesicht nicht erkennen konnte – es lag im Schatten –, war ich mir jetzt sicher, dass es das Monster sein musste. Die ganze Art, wie es sich bewegte, mich neugierig musterte. Das waren nicht die Bewegungen eines Menschen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt stand das Wesen direkt vor mir, sah auf mich herab. Ich hörte, wie es leise schnaufte, roch seinem Atem, der mich an den eines Hundes erinnerte. Es beugte seinen Kopf zu mir herab. Mein Körper verkrampfte sich. Es hob eine riesige fellbesetzte Hand in Richtung meines Kostüms.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment wurde es plötzlich hell um mich herum. Das Monster lag jetzt klar und deutlich vor mir. Seine Lippen zitterten, entblößten dabei spitze Eckzähne. Vielmehr erkannte ich in dem kurzen Augenblick aber nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Runter!“, brüllte eine Stimme hinter mir.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Immerhin war die Frau bewaffnet. Ich erkannte ihren europäischen Akzent sofort wieder.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Laub raschelte unter meinen Händen, während ich mich auf den Boden warf. Trockenes Gras pikste mich durch den dünnen Stoff. Ich spürte trockene Blätter an meiner Wange.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Knall, der Schuss, mit dem ich fest gerechnet hatte, blieb jedoch aus. Stattdessen hörte ich bloß, wie etwas über meinen Kopf hinwegsurrte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Monster stieß ein erschrockenes Grunzen aus. Als ich aufsah, erkannte ich etwas, das wie rote Federn aussah, das frontal aus seiner rechten Seite ragte. Damals wusste ich noch nicht, was es war, aber inzwischen bin ich mir fast sicher, dass es ein Betäubungspfeil gewesen sein muss.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment wandte es sich um. Es stürmte in den Wald zurück. Die Europäerin nahm sofort die Verfolgung auf. Sie verschwand hinter dem Monster im Unterholz und mit ihr das Licht, das ihre Taschenlampe gebracht hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sah ihr nach, wie sich das Licht schnell entfernte, ehe meine Sicht vor Tränen verschwamm. Kurz darauf kauerte ich wie ein Häuflein Elend am Boden und weinte. Ich hatte die Knie angezogen, umklammerte sie mit meinen Armen, während ich meinen Gefühlen freien Lauf ließ. Noch nie in meinem Leben hatte ich so viel Angst gehabt wie eben gerade. Nicht einmal, als das Gewehr auf mich gerichtet war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich weiß nicht, wie lange ich dort gehockt hatte. Es konnten wenige Minuten, vielleicht auch eine halbe Stunde gewesen sein. Jedenfalls hörte ich irgendwann leise Stimmen in der Ferne.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Curtis? Curtis, bist du hier irgendwo?“ Das war Wesleys Stimme. Er sprach dabei in dieser Mischung aus Flüstern und Rufen, die weder sonderlich unauffällig war noch auf weitere Entfernungen gehört werden konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich bin hier!“, rief ich. Der schwache Klang meiner Stimme überraschte mich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt wurde es wieder hell um mich herum. „Curtis!“, rief Wesley. Dann wandte er sich in den Wald zurück. „Suzanne! Suzanne, ich hab ihn gefunden!“ Von der Vorsicht in seiner Stimme war nichts mehr zu hören.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich weiß noch, wie meine Freunde mir aufgeholfen haben. Suzanne hatte mir sofort meinen Mantel zurückgegeben, damit ich das Kostüm wieder darunter verstecken konnte. Außerdem haben die beiden sich mindestens einhundertmal bei mir entschuldigt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem habe ich bis heute nicht das Gefühl, dass sie mir meine Geschichte von der Begegnung mit dem Lake Worth Monster geglaubt haben. Immerhin waren nicht nur die beiden, sondern auch ich für meine Streiche bekannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vielleicht dachten sie auch nur, die Geschichte sei meine Art gewesen, mich dafür zu rächen, dass sie weggerannt waren. So oder so hatten wir uns an jenem Tag jedenfalls geschworen, niemandem von unserem geplanten Streich bei Lake Worth zu erzählen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und auch den Van, die beiden Leute, die darinsaßen, oder gar das Monster habe ich nie wieder gesehen. Ich muss jedoch gestehen, dass ich auch nie das Verlangen verspürt hatte, nach ihnen zu suchen.</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">The Lake Worth Monster, auch Lake Worth Creature oder Goatman genannt, ist ein Kryptid aus Texas. Es ist hauptsächlich für seine Sichtungen im Jahr 1969 bekannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">An dieser Stelle möchte ich noch einmal auf seinen Namen „Goatman“ hinweisen. Es weist zwar Eigenschaften des <a href="https://www.geister-und-legenden.de/goatman">Maryland Goatman</a> auf, der normalerweise gemeint ist, wenn jemand vom „Goatman“ redet, wird aber als eigenständiges Wesen angesehen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt verschiedene Augenzeugenberichte, die das Aussehen des Lake Worth Monsters beschreiben sollen. Viele von ihnen bezeichnen ihn als „halb Mensch, halb Ziege“, ähnlich wie den Maryland Goatman. Er besitzt also den fellbesetzten Körper eines Mannes und den Kopf einer Ziege.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch werden ihm oft klauenbesetzte Finger und eine Körpergröße von über 2 Metern (genau genommen etwa 7 Fuß, also 213 cm) nachgesagt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Worin sich die Beschreibungen jedoch vom Maryland Goatman völlig unterscheiden, ist die angeblich weiße Farbe seines Fells. Außerdem gab es Augenzeugen, die behaupten, das Lake Worth Monster habe Schuppen zwischen dem Fell oder gar Schuppen statt des Fells am Körper.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ob das Lake Worth Monster Hörner (bzw. manchmal auch nur ein Horn) oder Ziegenbeine besitzt, hängt sehr von der Zeugenaussage ab.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gerade bei neueren Sichtungen fehlt häufig der ziegenhafte Teil komplett. In diesen Sichtungen ist oft von einem Bigfoot-ähnlichen Wesen die Rede.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Über das Verhalten des Lake Worth Monsters und seine genauen Eigenschaften ist nicht viel bekannt. Es scheint aber angriffslustig zu sein und den Kontakt zu Menschen nicht zu scheuen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zumindest gibt es einen Augenzeugenbericht, bei dem das Lake Worth Monster sich erst aus einem Baum auf ein parkendes Auto gestürzt und anschließend versucht hat, die darin sitzende Frau zu packen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei einem weiteren Vorfall soll es einen alten Reifen nach einer Gruppe Leute geworfen haben, nachdem es einen als „bemitleidenswert“ oder „traurig“ klingenden Ruf ausgestoßen hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Davon abgesehen gibt es Berichte von übermenschlichgroßen Fußabdrücken, einigen Tierkadavern – besonders bekannt ist ein Schaf, dem angeblich der Kopf zerquetscht wurde – und Blutspuren, die dem Lake Worth Monster zugeschrieben wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einige Augenzeugen haben außerdem von einem starken Gestank berichtet, wenn das Monster in der Nähe war. Wonach es genau gerochen haben soll, ist mir jedoch nicht bekannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auffällig ist auch, dass das Lake Worth Monster in späteren Sichtungen sein Verhalten geändert haben soll. Es soll weniger angriffslustig gewesen sein und oft sofort die Flucht ergriffen haben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Das Lake Worth Monster wurde hauptsächlich 1969 auf Greer Island im Lake Worth und der näheren Umgebung um den See in Fort Worth Texas gesichtet.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Legende des Lake Worth Monsters geht hauptsächlich auf den Sommer 1969 zurück, wo das Lake Worth Monster erstmals gesichtet worden sein soll.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Die erste Nacht:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Das Lake Worth Monster soll erstmals am 9. Juli 1969 von sechs Leuten gesehen worden sein. Gegen Mitternacht sei es auf das Auto von John Reichert und seiner Frau gesprungen. Reichert saß dabei am See und hat geangelt, während seine Frau im Auto saß und gelesen hat. Daraufhin habe das Monster versucht, Frau Reichert zu packen. In dem Moment war John Reichert jedoch bereits beim Auto. Er habe das Wesen weggestoßen, sei ins Auto gesprungen und geflohen. Als Beweis diente eine etwa 45 cm lange Schramme im Lack, die von der Kreatur verursacht worden sein soll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Reicherts berichteten der Polizei, dass die Kreatur „halb Mensch, halb Ziege und von Fell und Schuppen bedeckt“ gewesen sei.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie die Lokalzeitung „Fort Worth Star-Telegram“ bereits am nächsten Tag berichtete, sollen einige Polizisten mit John Reichert zum Tatort zurückgekehrt sein, haben dort aber nichts Auffälliges gefunden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem gab die Polizei zu, dass sie bereits seit zwei Monaten Berichte über seltsame Vorkommnisse um Lake Worth bekommen haben, sie hatten sie jedoch nicht für voll genommen. Die sechs Augenzeugen am 9. Juli wirkten jedoch sehr verängstigt, weshalb sie der Sache erstmals ernsthaft nachgegangen seien.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Die zweite Nacht:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">In der darauffolgenden Nacht sollen sich über 200 Leute zum Lake Worth begeben haben, um nach dem Lake Worth Monster zu suchen. Es kam dabei zu mehreren angeblichen Sichtungen, eine von ihnen hat aber die größte Bekanntheit erlangt:</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Gruppe von Leuten soll einen mitleiderregenden Schrei gehört haben, woraufhin das Lake Worth Monster einen herumliegenden Autoreifen – die Insel wurde viele Jahre als Mülldeponie missbraucht – etwa 150 Meter nach ihnen durch die Luft geworfen habe. Sie sind daraufhin geflohen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viele Jahre später, im Jahr 2009, soll ein Mann, der sich nur als „Vinzens“ vorgestellt haben soll, zugegeben haben, in dem „Reifenangriff“ involviert gewesen zu sein. Er habe mit einigen Freunden mit dem Reifen herumgealbert und ihn eine Klippe hinunterrollen lassen. Dabei sei der Reifen auf einen kleinen Hügel getroffen, wodurch er in die Luft geschleudert wurde und vom Kurs abgekommen sein soll, ehe er in der Nähe einiger Passanten aufgekommen sei.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Reifen wurde, wenn man der Aussage glaubt, also weder 150 Meter durch die Luft geworfen, noch war die Gruppe das Ziel gewesen.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Das Lake Worth Monster wird fotografiert:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Später im Jahr gab es außerdem einen weiteren bedeutenden Vorfall: Ein Mann namens Allen Plaster hat das Lake Worth Monster mit einer Polaroidkamera fotografiert, während er in einem Auto an ihm vorbeigefahren ist. Das Foto könnt ihr ganz einfach mit einer Suchmaschine eurer Wahl finden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Man erkennt darauf zwar „lediglich“ den Rücken einer Gestalt aus weißem Fell, die im Unterholz steht, das Foto hat aber seitdem internationale Berühmtheit erlangt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einem Interview von 2006 meinte Allen Plaster jedoch, dass er inzwischen glaube, dass es sich um einen Streich gehandelt habe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Looking back, I realize that when we drove by, it stood up. Whatever it was, it wanted to be seen. That was a prank. That was somebody out there waiting for people to drive by. I don’t think an animal would have acted that way.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">(Frei übersetzt: „Wenn ich zurückdenke, fällt mir auf, dass es aufgestanden ist, als wir an ihm vorbeigefahren sind. Was auch immer es war, es wollte gesehen werden. Das war ein Streich. Das war jemand da draußen, der darauf gewartet hat, dass Leute vorbeifahren. Ich denke nicht, dass ein Tier sich so verhalten hätte.“)</p>



<h4 class="wp-block-heading">Weitere Anmerkungen zum Ursprung:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Besonders die Aufmerksamkeit der Presse und die Polizeieinsätze haben zu der damaligen Bekanntheit des Lake Worth Monsters geführt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber wie sind die ersten Gerüchte überhaupt entstanden? Dazu gibt es mehrere Theorien. Zur damaligen Zeit waren die Gerüchte um den Goatman aus Maryland noch immer weit verbreitet. Es gibt daher die Theorie, dass sie sich z. B. durch Summer Camp Gruselgeschichten bis nach Fort Worth verbreitet haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem gaben im Nachhinein einige damalige High School Schüler zu, sich im Sommer 1969 ein Gorillakostüm angezogen zu haben, um bei Lake Worth einige Leute zu erschrecken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein weiterer ehemaliger High School Schüler meldete zudem in einem Brief an das Fort Worth Star-Telegram, dass er mit zwei Mitschülern und einer Maske aus Alufolie im Sommer 1969 einige Passanten erschreckt habe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und auch ein Zwingerbesitzer gab noch im Sommer 1969 bekannt, dass ihm ein Makake entlaufen sei, der in der Gegend gesichtet worden sein konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Polizei hingegen ging davon aus, dass es sich bei den Sichtungen um einen Luchs gehandelt haben könnte, der kurz vor den Sichtungen in dem Wald ausgesetzt wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt also zahlreiche Möglichkeiten, wieso die Augenzeugen – vielleicht mit dem Maryland Goatman im Hinterkopf – der Meinung waren, das Lake Worth Monster gesehen zu haben. Auch würde es erklären, woher die Beschreibung „halb Ziege halb Mensch“ komme, die auch auf den Maryland Goatman zutrifft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erwähnenswert ist außerdem, dass es sich bei der Gegend früher um eine Lovers Lane gehandelt hat, bei denen es überall auf der Welt durchaus vorkommt, dass einige Schülerinnen und Schüler dort Streiche spielen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unterstützt werden diese Vermutungen durch den Fakt, dass die Sichtungen des Lake Worth Monsters zusammen mit dem Ende der Schulferien abrupt abgenommen haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem gibt es noch immer viele Leute – besonders die Menschen, die dem Monster persönlich begegnet sein wollen –, die meinen, es habe sich definitiv nicht um einen Affen, eine Wildkatze oder gar eine kostümierte Person gehandelt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Das Lake Worth Monster in der Popkultur:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt in Fort Worth ein ganzes Fest, das dem Lake Worth Monster gewidmet ist: der Lake Worth Monster Bash. Erstmals fand es 2009 statt, woraufhin es jährlich veranstaltet wurde. 2014 entschied man jedoch, das Fest nur noch alle 5 Jahre zu veranstalten. Nachdem das Fest je 2014, 2019 und 2024 stattgefunden hat, wurde entschieden, es wieder etwas häufiger anzusetzen, weshalb der nächste Lake Worth Monster Bash am 24. Oktober 2026 stattfinden soll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem gibt es zwei durchaus erwähnenswerte Bücher über das Lake Worth Monster.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das erste ist „The Lake Worth Monster of Greer Island, Ft. Worth, Texas“ von Sallie Ann Clarke (September 1969), das – in Ergänzung einiger von der Autorin ausgedachten Begegnungen – die Sichtungen von 1969 nacherzählt. Clarke war bis zu ihrem Tod 2009 eine der führenden Experten zu der Kreatur und will das Wesen selbst ganze fünf Mal gesehen haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das zweite Buch ist „Lake Worth Monster: The True Story of the Greer Island Goatman“ von Lyle Blackburn (2024). Es berichtet mit viel Detail über die zusammengetragenen Informationen zum Lake Worth Monster. Ich habe es selbst für die Recherche gelesen (wobei ich besonders die Nacherzählungen der ersten Sichtungen sowie die Fotos der Zeitungsartikel von 1969 sehr interessant fand).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ansonsten gibt es zahlreiche Podcasts, YouTube-Videos und sogar Folgen verschiedener Dokuserien, die von dem Monster berichten, sowie Zeichnungen, die das Lake Worth Monster darstellen. Die Lakewood Brewing Company hat sogar eine limitierte Edition ihres Biers herausgebracht, dass eine Hommage an das Lake Worth Monster dargestellt hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von dem Lake Worth Monster? Glaubt ihr, dass es sich nur um eine Kombination aus Sichtungen von wilden Tieren und Streichen handelt? Oder ist mehr an der Sache dran? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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<p class="wp-block-paragraph"></p>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 22 Dec 2025 14:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Wieder dieser besorgte, mitleidgeschwängerte Blick. Ich konnte ihn nicht länger ertragen! Ich war nicht senil. Und vor allem war ich nicht verrückt. Was dachten meine Kinder von mir? Dass ich meinen eigenen Weihnachtsbaum anpissen würde!?</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg02.met.vgwort.de/na/5d8849c78b424a94bd9c460c5375c037" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Die Kallikantzaroi sind eine bekannte <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/weihnachten">Weihnachtslegende</a> in Griechenland. Es heißt, dass diese koboldartigen Wesen dort jedes Jahr um die Weihnachtszeit Unruhe stiften.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem hier noch ein kurzer Hinweis: Auf Wunsch eines Patrons habe ich jetzt eine <a href="https://ko-fi.com/geisterlegenden">Ko-fi Seite</a>, auf der ihr mich – wenn ihr möchtet – mit einer einmaligen oder monatlichen Zahlung unterstützen könnt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt will ich euch aber nicht weiter warten lassen. Wir sehen uns nach meiner Winterpause wieder und ich wünsche euch bis dahin frohe Weihnachten, einen guten Rutsch und …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen (Achtung Spoiler!) </strong></summary>
<p>&#8211; Krankheit: Demenz</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich nach Hause kam, merkte ich sofort, dass etwas nicht stimmte. Ich hörte Geräusche aus dem Wohnzimmer. Das Problem war: Ich wohnte allein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz überlegte ich, ob ich nicht bei der Wohnung gegenüber klopfen solle, jemandem Bescheid sagen. Aber nein. Was auch immer das war, ich wollte meine Nachbarn damit nicht bei ihrem Weihnachtsfest stören. Also ging ich mit vorsichtigen Schritten zum Wohnzimmer. „Hallo? Wer ist da?“, rief ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Baba?“, antwortete eine Stimme.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich atmete erleichtert auf. Das war Ilias. „Ich dachte, du willst erst heute Abend kommen?“, fragte ich, während ich das Wohnzimmer betrat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Sohn stand in der Mitte des Raumes vor meinem Fernsehsessel und sah nun in meine Richtung. „Was ist hier passiert?“, fragte er, ohne auf meine Frage einzugehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sah mich im Raum um. Dort stand der Weihnachtsbaum, über dem Fernseher hing eine goldfarbene Girlande und auf der Fensterbank standen einige zugeschneite Häuschen mit ausgeschalteter Beleuchtung. „Was ist wo passiert?“, fragte ich. Wie so oft konnte ich seinem Gedankengang nicht ganz folgen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ilias nickte Richtung Sessel. „Na hier. Wie hast du das geschafft?“, fragte er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Noch immer irritiert trat ich nun neben ihn. Jetzt sah ich es auch. Die Fußstütze hing schief. Es musste irgendetwas gebrochen sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Keine Ahnung“, sagte ich. Ich runzelte die Stirn. Wann war das passiert? Gestern Abend war mit dem Sessel doch noch alles in Ordnung gewesen, oder?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ilias wirkte nicht sehr überzeugt. „Wenn du mich fragst, sieht das aus, als wäre etwas oder <em>jemand</em> auf das Fußteil gestürzt, als es ausgeklappt war.“ Sofort musterte er mich, als suche er nach irgendwelchen Verletzungen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schnaubte. „Das hätte ich ja wohl mitbekommen. Keine Ahnung, wie das passiert ist.“ Toll. Da sah ich meinen Sohn nach fast einem Jahr zum ersten Mal wieder und das erste, was er machte, waren Vorwürfe. Dabei hätte doch vielmehr <em>ich ihm</em> Vorwürfe machen sollen, dass er mich so selten besuchte, obwohl wir in derselben Stadt wohnten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ilias sah mich noch eine Weile unzufrieden an. Dann jedoch wurde seine Miene sanfter. Er nahm mich in den Arm. „Hey Baba. Es tut gut, dich wiederzusehen“, log er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich unterdrückte ein Schnaufen. Stattdessen fiel mein Blick auf das Fenster, vor dem auch die kleinen Häuschen standen. Erst jetzt merkte ich, dass es einen Spalt breit offenstand. „Und was ist mit dem Fenster?“, fragte ich, während ich darauf zuging, um es zu schließen. „Willst du uns krank machen oder warum ist es so kalt hier drinnen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ilias verlagerte das Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Er wich meinem Blick aus. „Na ja, es …“, sagte er dann zögerlich. „Es hat nicht gerade angenehm gerochen, als ich reingekommen bin“, erklärte er. Es war ihm sichtlich unangenehm, mich darauf anzusprechen. Dann jedoch sah er mich an, als verlange er eine Erklärung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder runzelte ich die Stirn. Es hatte gestunken? Aber in meiner Wohnung stank es nicht. Das wäre mir aufgefallen. Oder?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt seufzte Ilias. „Tut mir leid. Ich wollte dir nicht zu nahetreten. Ich hätte nichts sagen sollen.“ Bevor ich protestieren konnte, wechselte er jedoch das Thema. „Warum ich aber eigentlich so früh hier bin: Ich dachte, wir können vielleicht zusammen das Weihnachtsessen kochen. Ich weiß doch, wie lange du dafür immer in der Küche stehst.“</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während des Kochens blieb die Stimmung angespannt. Ilias gab sich wirklich Mühe, das merkte ich. Aber er war einfach kein guter Koch. Es war mir ein Rätsel, wie er sich das Jahr über allein ernähren konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wie sieht es eigentlich mit einer Freundin aus?“, fragte ich. „Hast du inzwischen jemanden kennengelernt? Deine Schwester hat jetzt ja auch endlich geheiratet.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ilias schüttelte den Kopf. „Nein. Ich komm so weit ganz gut ohne Frau zurecht. Aber irgendwann treff ich schon die Richtige.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich lächelte ihm aufmunternd zu. „Es gibt da ja auch diese Apps …“, schlug ich vor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das hingegen schien ihn zu verärgern. „Können wir bitte über was anderes reden?“, fuhr er mich an. „Ich misch mich ja auch nicht in dein Privatleben ein!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">So ähnlich lief auch das restliche Kochen und sogar das gemeinsame Essen ab. Und so verging ein viel zu langer Abend, an dem mein Sohn und ich kaum ein Wort wechselten. Aber das machte mir nicht allzu viel aus. Trotz allem war es schön, mal nicht allein essen zu müssen. Außerdem hatte ich ja noch genug Tage, an denen ich mich vernünftig mit Ilias unterhalten konnte, ehe er am 06. Januar – dem Ende des 12-tägigen Weihnachtsfestes hier in Griechenland – wieder in der Versenkung verschwand. Noch ahnte ich ja nicht, dass unsere mangelhafte Vater-Sohn-Beziehung nicht mein einziges Problem werden würde.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am nächsten Tag kam Ilias erst kurz vor dem Abendessen. Ich hatte bereits das Hoirino Prasoselino von gestern auf dem Herd stehen, sodass er nur noch meinen kleinen Esstisch decken musste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Währenddessen nahm ich mir vor, heute nicht wieder irgendwelche ungemütlichen Themen wie Beziehungen, seinen Job oder gar meinen Wunsch, Enkelkinder zu bekommen, anzusprechen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und so wechselten wir kaum ein Wort, bis wir gemeinsam vor unseren dampfenden Tellern saßen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Guten Appetit“, sagte Ilias fast sofort, ehe er sich schnell einen Löffel der Suppe in den Mund steckte. Ihm schien die Stille mindestens genauso unangenehm zu sein wie mir.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das änderte sich jedoch in den nächsten Sekunden. Ich sah, wie er fast sofort das Gesicht verzog. Trotzdem kaute er übertrieben langsam und schluckte den Bissen dann in einem viel zu großen Schluck hinunter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was ist?“, fragte ich. Gestern hatte ihm das Essen noch sehr gut geschmeckt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frage erübrigte sich jedoch, als ich selbst einen Löffel des Schweine-Sellerie-Eintopfes in den Mund nahm. Sofort breitete sich ein widerwärtiges Aroma in meinem Mund aus. Es war ein viel zu bitterer, leicht salziger Geschmack, von dem gestern noch jede Spur gefehlt hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich spuckte das Essen zurück auf meinen Teller. „Das ist ja widerlich“, sagte ich, während ich mir den Mund mit meinem Handrücken abwischte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hast du da noch irgendetwas reingetan?“, fragte Ilias.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich zögerte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hast du?“, hakte er nach.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Na ja, ich habe es ein wenig nachgewürzt. Aber wirklich nur mit etwas Salz und getrockneten Kräutern.“ Und ja, ich hatte es nicht abgeschmeckt. Aber selbst, wenn ich mich bei den Gewürzen vergriffen oder mich bei der Menge geirrt hätte, wäre der Eintopf davon doch niemals derartig verdorben worden!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem sah mein Sohn mich wieder mit diesem Blick an. Es war derselbe Blick, den er mir auch bei dem Sessel gestern zugeworfen hatte. Als würde er mir nicht glauben. Als wäre ich schuld an der gebrochenen Fußstütze und dem verdorbenen Essen. Dabei war mir beides ein genauso großes Rätsel wie ihm.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich kippte den restlichen Eintopf weg. Kurz darauf saßen wir wieder mit knurrenden Mägen am Esszimmertisch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Und jetzt?“, fragte Ilias. „Sollen wir gucken, ob wir noch irgendwo etwas bestellen können?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber ich schüttelte den Kopf. „Ich geh schnell rüber zu Frau Georgiou. Meine Nachbarin macht immer zu viel“, erklärte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war Ilias unangenehm, das erkannte ich sofort. Aber er kam aus einer Generation, in der man kaum noch mit seinen Nachbarn sprach. Bei uns alten Hasen war das noch anders. Und so saßen wir kurze Zeit später erneut mit zwei Portionen Hoirino Prasoselino am Esstisch. Es war ein leicht anderes Rezept als meines, aber es schmeckte mir ganz ausgezeichnet. Ich fand sogar, dass es trotz allem ein wirklich netter Abend wurde, an dem Ilias und ich uns hauptsächlich über alte Zeiten und Basketball unterhielten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem dachte ich auch in der Nacht, als Ilias bereits wieder gegangen war, noch die ganze Zeit über den verdorbenen Eintopf nach. Wie zur Hölle konnte mir das nur passiert sein?</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch die folgenden Tage fühlte ich mich, als wäre ich nicht ganz auf der Höhe. Zwar geschah nichts so Verheerendes wie an den beiden ersten Tagen, aber es passierte mehr als einmal, dass ich irgendetwas verlegte. Ich musste nach der Fernbedienung suchen, die mein Sohn eine Viertelstunde später im Kühlschrank wiederfand. Ilias’ Lieblingspralinen, die ich extra für die Weihnachtszeit geholt hatte, waren unauffindbar. Und sogar das Geschenk für ihn war wie vom Erdboden verschluckt. Wenigstens hatte ich bei Letzterem noch bis zum ersten Januar Zeit, es zu finden – denn hier in Griechenland gab es die Weihnachtsgeschenke immer erst am Neujahrstag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Baba?“, fragte Ilias mit einer seltsam belegten Stimme, als ich am Abend des 29. gerade in der Küche stand und uns Schnittchen schmierte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was denn?“, fragte ich. Ich lugte aus der Küche, um Ilias über den Obstteller am Fernsehtisch gebeugt zu sehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wie lange liegen die Äpfel schon hier?“, fragte er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich dachte einen Moment darüber nach. „Ich hab sie kurz vor Weihnachten geholt. Es kann sein, dass sie schon etwas schrumpelig sind, aber wenn du möchtest, kannst du dir gerne einen nehmen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ilias räusperte sich. „<em>Etwas schrumpelig</em> ist gut. Die Teile sind völlig verschimmelt“, er hob einen der Äpfel mit Daumen und Zeigefinger am Stiel hoch, um ihn mir zu zeigen. Er hatte recht. Der Apfel war braun. Auf ihm hatten sich unzählige weiße Schimmelflecken gebildet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich legte die halbgeschmierte Brotscheibe, die ich in der Hand hielt, beiseite, um zu ihm ins Wohnzimmer zu gehen. „Das ist seltsam“, dachte ich laut. „Wie können die Äpfel so schnell verfault sein?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ilias schnupperte leicht daran. Sofort zog er den Kopf zurück. Sein Gesicht war vor ekel verzogen. „Bist du sicher, dass die erst so kurz hier liegen? Ich glaube, es sind die Äpfel, die seit ein paar Tagen so stinken.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit gerunzelter Stirn schnupperte auch ich daran. Ich war nicht zimperlich, also nahm ich einen vollen Zug durch die Nase. Sofort musste ich würgen. Es roch aber nicht nach verfaultem Obst. Es lag keinerlei Süße in dem Gestank. Der Apfel roch vielmehr nach … ja, nach nassem Fell oder etwas Ähnlichem. Sofort kam mir eine Sache in den Kopf, die den Geruch und sogar die seltsamen Vorkommnisse erklären könnte: die Kallikantzaroi.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sprach den Gedanken nicht laut aus. So wie mein Sohn mich gerade ansah, würde er mich wahrscheinlich sofort einweisen lassen, wenn ich meinte, dass die mysteriösen Ereignisse der letzten Tage von koboldartigen Wesen aus der Unterwelt verursacht wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Sohn war noch nie ein gläubiger Mensch gewesen. Verdammt. Ich selbst war alles andere als ein gottesfürchtiger Christ. Also schob ich den Gedanken wieder beiseite. Er wollte mich aber nicht mehr loslassen. Während Ilias die Äpfel entsorgte, während ich die Schnittchen fertigschmierte und sogar als wir sie bei einem Basketballspiel vor dem Fernsehen aßen, schweiften meine Gedanken immer wieder zu den Wesen ab.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber wahrscheinlich muss ich mit meiner Erklärung etwas weiter ausholen. Ich bezweifle fast, dass ihr diese Märchengestalten kennt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Kallikantzaroi sind eine beliebte Weihnachtslegende hier in Griechenland. Vor langer Zeit waren sie wohl mal gefürchtet, aber inzwischen kannten die meisten Leute sie nur noch aus den Weihnachtsschauspielstücken in Schulen und von einigen Traditionen um die Weihnachtszeit. Ich selbst kannte sie ansonsten auch nur von den Gruselgeschichten meiner Großmutter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Legende nach lebten diese koboldartigen Wesen das meiste Jahr über in der Unterwelt, wo sie den Lebensbaum zerstören. Aber meine Großmutter meinte immer, sie seien die Diener des Teufels und würden ihm all seine schrecklichen Wünsche erfüllen. Das heißt, bis auf in der kurzen Zeit, in der sie die Unterwelt verließen – die zwölf Tage vom 25. Dezember bis zum 5. Januar, an denen wir in Griechenland Weihnachten feiern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In dieser Zeit kommen sie in die Städte und Dörfer, wo sie die Menschen terrorisieren und ihnen Streiche spielen. Es heißt, dass sie Gegenstände zerstören, stehlen und verstecken, dass sie Obst und Milch schlecht werden lassen, dass sie in Essen urinieren und noch allen möglichen anderen Schabernack treiben. Kommt euch das bekannt vor? Ich zumindest fand es einen zu großen Zufall, um es zu ignorieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber zum Glück hatte meine Oma mir nicht bloß von den Wesen erzählt, sie hatte mir auch erklärt, wie man sie loswerden und vom eigenen Haus beziehungsweise der eigenen Wohnung ablenken konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die wohl einfachste Methode war, ein Sieb vor die Haustür zu legen. Das brachte Kallikantzaroi dazu, die Löcher darin zu zählen. Allerdings waren die Wesen nicht sonderlich schlau. Meine Großmutter hatte gesagt, dass sie nicht einmal bis drei zählen können und sich so immer wieder verzählen, weshalb sie wieder bei eins anfangen mussten, bis die Nacht zu Ende war. Als ich klein war, hatte ich darüber gelacht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt, da ich ein erwachsener Mann war, selbst in dem Alter, dass ich bald Enkelkinder erwarten konnte, fand ich es nicht mehr so lustig. Stattdessen stand ich auf und ging in die Küche.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ilias sah mir nach. Aber da man von der Küche aus in den Flur gehen konnte, von wo aus man ins Bad kam, fragte er nicht, wo ich hinwollte. Ich ging aber nicht auf die Toilette. Nein. Ich holte mein Küchensieb aus dem Schrank, ging damit zur Wohnungstür und legte es nach draußen auf die Fußmatte. Anschließend ging ich zurück zu meinem Sohn, um mit ihm gemeinsam das Basketballspiel weiterzusehen – diesmal trotz all der Vorkommnisse mit einem guten Gefühl im Bauch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und was soll ich sagen? Es hätte perfekt sein können. Wahrscheinlich hätte es sogar funktioniert, hätte ich nicht eine Kleinigkeit vergessen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wir sehen uns morgen, Baba“, verabschiedete sich Ilias von mir. „Wieder um die gleiche Zeit?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich nickte. „Gern. Bring ruhig Kuchen mit. Ich geb dir das Geld dafür, wenn du hier bist“, schlug ich vor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mach ich.“ Ilias lächelte mich an. Es war ein ehrliches Lächeln. Als hätte er die verfaulten Äpfel und all die anderen Dinge, wegen denen er sich um mich sorgte, für einen Moment vergessen. „Also dann“, sagte er, während er vor die Tür trat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment folgte ein lautes Scheppern. Ilias konnte sich gerade noch fangen. Fast wäre er gestürzt. Dann bückte er sich nach einem metallenen Gegenstand, der am Boden lag. Er musterte ihn für einen Augenblick.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ist das nicht dein Küchensieb?“, fragte er mit tiefen Falten in der Stirn. „Wie ist das in den Flur gekommen? Und jetzt sag mir bitte nicht, dass du es nicht weißt.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schüttelte den Kopf. Peinlich berührt sah ich zu Boden. „Nein. Ich weiß es. Ich hab es selbst dort hingelegt. Es ist eine Art … Vorsichtsmaßnahme“, erklärte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Eine Vorsichtsmaßnahme?“, wiederholte er. Die Falten in seiner Stirn machten inzwischen der Vikos-Schlucht Konkurrenz.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz überlegte ich, ihn abzuwimmeln und es ihm morgen zu erklären, dann jedoch hielt ich meine Tür auf, um ihn wieder reinzulassen. Das Gespräch würde länger dauern. „Du kennst doch die Kallikantzaroi, oder?“, begann ich.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ilias hatte mir geduldig zugehört, während ich ihm von meiner Theorie erzählt hatte. Er hatte dabei ganz ruhig dagesessen. Zu ruhig, wie ich fand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du denkst also, dass das Sieb dafür sorgt, dass du nichts mehr verlegst? Dass das Essen in deiner Wohnung genießbar bleibt?“, fragte er leise. „Hast du dabei auch nur einmal darüber nachgedacht, was passiert, wenn einer deiner Nachbarn über das Sieb stolpert? So wie ich eben?“ Aber seine Tonlage klang nicht, als würde er sich um meine Nachbarn sorgen. Es klang eher nach: „Es reicht, wenn deine Kinder dich für senil halten. Das müssen nicht auch noch deine Nachbarn tun.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich seufzte schwer. „Ich sage ja nur, dass das Sieb die Probleme lösen könnte. Was ist, wenn es tatsächlich klappt? Wir können das Sieb weiter an den Rand legen, wenn es dich beruhigt.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du willst es nicht wahrhaben, oder?“, fragte Ilias. Seine Stimme klang wieder so seltsam belegt. Und als er mich ansah, hatte ich eher das Gefühl, als sähe er direkt durch mich hindurch. „Du willst nicht wahrhaben, dass du nicht mehr der Jüngste bist. Unsere Familie hat eine Veranlagung für Demenz. Zumindest hat Mama das immer gesagt.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nein!“ Ich schüttelte heftig den Kopf. „Das ist es nicht! Anderes Beispiel: Ich bewahre Geschenke immer an derselben Stelle in meinem Kleiderschrank auf. Schon seit Jahren. Aber als ich neulich ein Hemd aus dem Schrank geholt habe, war dein Geschenk weg. Einfach verschwunden!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Pause entstand. „Du hast mein Weihnachtsgeschenk verlegt?“, fragte Ilias. Seine Stimme klang aber nicht vorwurfsvoll, sondern vielmehr besorgt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du hörst mir nicht richtig zu!“, protestierte ich. „Das war nicht ich, sondern die Kallikantzaroi! Sie haben das Geschenk geklaut. Sie haben auch die Fernbedienung versteckt, meinen Sessel zerstört, unser Weihnachtsessen verdorben und die Äpfel verschimmeln lassen!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt schloss Ilias die Augen. Es sah aus, als wenn es ihn große Anstrengung kostete, ruhig zu bleiben. „Okay. Keine Demenz. Wie du willst. Aber selbst dann gibt es noch so viele Dinge, die wahrscheinlicher sind als irgendwelche mythologischen Kobolde! Kann es vielleicht sein, dass du schlafwandelst?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">So ging das noch eine ganze Weile weiter. Es war ein langes Hin und Her, bei dem wir uns kaum einen Millimeter von unserer eigenen Meinung wegbewegten. Ich erspare euch an dieser Stelle die Details. Am Ende einigten wir uns jedenfalls darauf, dass Ilias bei mir übernachten sollte. Er pumpte eine Luftmatratze auf, um bei mir im Schlafzimmer zu schlafen. Nur für den Fall, dass diese Nacht „wieder etwas passiert“.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch wenn ich es am Anfang albern fand, war ich Ilias im Nachhinein dankbar. Nicht, weil er mir Gesellschaft leistete oder nur das Beste für mich wollte, sondern weil sein Schnarchen mich wachhielt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ansonsten hätte ich die Geräusche wohl gar nicht mitbekommen, die gegen 23 Uhr aus meinem Wohnzimmer ertönten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Obwohl ich eben noch mit aller Kraft versucht hatte, endlich einzuschlafen, lag ich jetzt mit weit aufgerissenen Augen im Bett.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Tapp, tapp, tapp, tapp, tapp.</em> Kein Zweifel. Das waren eindeutig leise Schritte!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schnell schwang ich die Beine aus dem Bett. Ich schlüpfte in meine Hausschuhe und richtete mich auf. Die Geräusche waren verstummt. Ich durfte keine Zeit verlieren!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also stürmte ich aus dem Zimmer. Meine Hausschuhe schlappten an meinen Füßen. Als ich das Wohnzimmer erreicht hatte, schaltete ich sofort das Licht an. Hektisch sah ich mich um. Von irgendeinem seltsamen Wesen war nichts zu sehen. Dafür lag ein unverkennbarer Geruch in der Luft. Es war derselbe Gestank, der auch die verfaulten Äpfel umgeben hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Komm schon!“, rief ich. „Zeig dich, du Mistvieh!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Keine Reaktion. Natürlich nicht. Dafür fiel mein Blick auf eine gelbliche Pfütze unter dem Weihnachtsbaum. Ich konnte die Pisse bereits riechen, als ich darauf zuging. Das war der Beweis!</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ilias!“, rief ich. „Ilias, wach auf! Das musst du dir ansehen!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz darauf kam ein völlig verschlafener Ilias in T-Shirt und Unterhose aus dem Schlafzimmer getorkelt. „Was? Was ist denn?“, nuschelte er. Er rieb sich mit den Händen über die Augen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sieh dir das an!“, schrie ich vor Begeisterung. „Sie haben mir in die Wohnung gepisst. Die Kallikantzaroi haben den Weihnachtsbaum angepisst!“ Vielleicht klang ich etwas zu begeistert dafür, dass ich gerade eine Urinpfütze in meinem Wohnzimmer gefunden hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ilias hatte mich unterdessen erreicht. Ihm entglitten sämtliche Gesichtszüge, während er zwischen der Pfütze und mir hin und her sah. Danach griff er sich mit Daumen und Zeigefinger an die Nasenwurzel. Er schloss die Augen, während er sie massierte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hör mal, Baba“, sagte er leise. „Ich weiß, das ist vielleicht nicht die beste Zeit, um das anzusprechen, aber Anastasia und ich haben neulich telefoniert. Ich hab ihr von deinen … Problemen erzählt. Wir wissen, dass es seit Mamas Tod nicht einfach für dich ist. Vielleicht bist du ja auch einfach überfordert. Aber wir denken, dass du vielleicht nicht mehr allein wohnen solltest. Es gibt da eine sehr schöne Einrichtung ganz in der Nähe, die …“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weiter kam er nicht. „Ihr wollt mich in ein Heim abschieben?“, fuhr ich ihn an. „Wo ist deine Schwester denn, wenn ich es doch allein nicht hinbekomme? Wo ist sie? Sie lässt sich nicht einmal zu Weihnachten mehr bei mir blicken!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ilias ging sofort in Abwehrhaltung. Er hob beschwichtigend die Arme. „So ist das doch gar nicht! Sie ist bei ihren Schwiegereltern. Das weißt du. Außerdem ist es kein Heim, sondern lediglich betreutes Wohnen“, versuchte er, sich herauszureden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber ich wollte davon nichts hören. Ich war bereits auf den Weg ins Schlafzimmer, wo ich nach meiner Hose griff.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ilias war mir dicht auf den Fersen. „Wohin willst du?“, fragte er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich geh zur Kirche“, fuhr ich ihn an. „Vielleicht erwische ich ja noch einen Hausmeister oder so, der mich reinlassen kann. Wenn ich in der Wohnung Weihwasser verteile, hat es sich mit den Kallikantzaroi erledigt!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder dieser besorgte, mitleidgeschwängerte Blick. Ich konnte ihn nicht länger ertragen! Ich war nicht senil. Und vor allem war ich nicht verrückt. Was dachten meine Kinder von mir? Dass ich meinen eigenen Weihnachtsbaum anpissen würde!?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Warte, Baba“, sagte Ilias.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nein! Ich lass mich nicht länger bevormunden!“, fuhr ich ihn an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ilias’ Blick wirkte seltsam leer. „So meinte ich das nicht“, sagte er ruhig. „Lass mich zur Kirche gehen. Ich hol dir dein Weihwasser. Aber wenn es danach nicht aufhört, setzen wir uns zusammen hin und reden über das betreute Wohnen, okay?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Augen verengten sich zu Schlitzen. Dann aber nickte ich. Ich wusste, dass das Weihwasser helfen würde. Und wenn nicht … Wenn nicht, lag es ja vielleicht wirklich an mir. „Abgemacht“, sagte ich.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenige Minuten später kniete ich mit Küchenpapier, Lappen und Eimer im Wohnzimmer und war dabei, die stinkende Pfütze aufzuwischen, während Ilias sich auf den Weg zur Kirche gemacht hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aus der Nähe war der Gestank so intensiv, dass ich durch den Mund atmen musste. Nur einmal machte ich den Fehler, kurz durch die Nase Luft zu holen. Mein Körper dankte es mir sofort mit einem Würgen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann jedoch bemerkte ich eine Bewegung aus dem Augenwinkel. Ich starrte durch die offene Tür zum Flur, der hell erleuchtet dalag. Dort sah ich nichts Ungewöhnliches. Hatte ich es mir bloß eingebildet?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nein! Da war es wieder! Es war aber nicht im Flur, sondern es war die Tür selbst. Sie hatte sich minimal bewegt. Jetzt konnte ich auch die dunkle Gestalt dahinter erkennen, die dicht an die Wand gedrängt dastand. Sie war nicht größer als ein Kind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Da bist du ja“, murmelte ich, während ich aufstand. Dabei ließ ich den Blick nicht von dem Schatten weichen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das versetzte den Kallikantzaros – wie sie in der Einzahl heißen – in Alarmbereitschaft. Ich erhaschte einen Blick auf ihn, während er aus seinem Versteck flitzte. Es war eine kleine graue Gestalt. Er hatte keine Haare am Oberkörper oder auf dem Kopf mit den langen spitzen Ohren. Dafür waren seine Beine umso haariger. Sie waren von braunem Fell überzogen und endeten in zwei dunkelgraue Paarhufe wie bei einer Ziege.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment war er auch schon im Flur verschwunden. Ich nahm sofort die Verfolgung auf. Aber mein Körper war wirklich nicht mehr der Jüngste. Als ich den Flur erreichte, fehlte von dem Kallikantzaros jede Spur. Hektisch sah ich mich um. Wo war er hin? Jetzt fiel mir etwas anderes auf: der Gestank. Ich musste nur meiner Nase folgen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also lief ich schnuppernd weiter. Zuerst schnupperte ich an der Haustür. Aber nein, hier wurde der Gestank schwächer. Dann in der Küche und im Badezimmer. Auch nichts. Also blieb nur noch das Schlafzimmer!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber ich musste nicht einmal Luft holen, um zu merken, dass ich richtig war. Der Kallikantzaros stand mitten im Raum, sah unentschlossen nach links und rechts, als suche er nach einem passenden Versteck.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hab ich dich!“, schrie ich. Ich stürmte mit ausgestreckten Händen auf ihn zu, um ihn zu packen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Kallikantzaros versuchte jedoch nicht einmal, auszuweichen. Stattdessen drehte er sich zu mir um. Er ergriff meine Hände, als wolle er mit mir ringen. Dann aber streckte er bloß den einen Arm zur Seite aus, während er mich mit dem anderen an sich zog.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für einen Moment standen wir nun völlig reglos da. Der Gestank der Kreatur ließ Tränen in mir aufsteigen, während er mich mit gelben Zähnen angrinste. Es musste in etwa so aussehen, als wolle die Kreatur mit mir einen Walzer tanzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich weiteten sich meine Augen, während mir ein Gedanke in meinen Kopf schoss. Es war eine Erinnerung. Oma hatte mir doch mal erzählt, dass Kallikantzaroi gerne tanzen. Sie suchten Menschen, die zu Weihnachten allein waren und verwickelten sie in einen nahezu endlosen Tanz. Sie hörten erst damit auf, wenn der Mensch vor Erschöpfung zusammenbrach oder sie ihn in den Wahnsinn getrieben hatten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort versuchte ich, mich von dem Ding zu lösen, meine Hände zurückzuziehen. Aber es war zu spät. Der Kallikantzaros hatte bereits angefangen, nach einer stummen Melodie zu tanzen. Und mein Körper machte einfach mit. Ich hatte mich nicht mehr unter Kontrolle.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst waren es noch langsame Schritte, dann wurde der Tanz hektischer. Schneller und schneller drehten wir uns im Takt umeinander durch mein Schlafzimmer. Es dauerte nicht lange, bis mein gesamter Körper schmerzte. Ich war völlig außer Atem. Mein viel zu schnell pochendes Herz donnerte mir in den Ohren. Solch schnelle Bewegungen war ich nicht mehr gewohnt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was sollte ich nur tun? Mein Körper gehorchte mir nicht mehr. Ich konnte bloß mitansehen, wie sich mein Schlafzimmer, der Kleiderschrank, das ungemachte Bett, Ilias’ Luftmatratze um mich drehten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann jedoch hörte ich einen Schlüssel in der Haustür. „Ich bin wieder da!“, sagte Ilias gerade so laut, dass ich es verstehen konnte. „Ich hab dein Weihwasser bekommen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schritte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Baba? Baba, wo bist du?“, fragte Ilias.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wollte nach ihm schreien, auf mich aufmerksam machen, ihn um Hilfe bitten. Aber auch meine Stimme wollte mir nicht mehr gehorchen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zum Glück hörte ich bereits weitere Schritte aus dem Flur. „Baba?“, rief Ilias wieder. Im nächsten Moment stand er in der Schlafzimmertür. „Baba, was tust du denn!?“ Entsetzen lag in seiner Stimme. Dann musste er die kleine Kreatur in meinen Armen bemerkt haben. „Was zur Hölle …?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber der Kallikantzaros ließ sich von Ilias nicht beunruhigen. Er grinste mich bloß weiter mit an, während er mit mir tanzte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mir war inzwischen völlig schwindelig. Ob es an der ständigen Drehung oder meiner Erschöpfung lag, wusste ich nicht. Dafür wusste ich etwas anderes: Lange würde ich das nicht mehr durchhalten!</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den flüchtigen Momenten, in denen ich Ilias sah, merkte ich jetzt, wie er auf uns zukam. Erst versuchte er, die Kreatur zu packen, doch ihr flinker Körper rutschte ihm immer wieder aus den Händen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also versuchte Ilias sein Glück bei mir. „Baba. Hör auf!“, flehte er. Ich spürte, wie er mich packte. Kräftige Hände griffen nach meinen Armen. Er rutschte ab und kratzte mir mit einem Fingernagel eine Schramme in die Haut. Dann griff er nach meinem T-Shirt. Ich fühlte, wie er von unserem Tanz mitgerissen wurde. Aber bevor er stürzen konnte, gab der Stoff mit einem ratschenden Geräusch nach.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Scheiße!“, fluchte Ilias.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Kallikantzaros antwortete mit einem dreckigen Lachen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber Ilias gab nicht auf. Ich hörte das Knacken von Plastik. Es klang so, als drehe er hektisch den Deckel von einer Plastikflasche. Im nächsten Moment spürte ich einen Schwall kaltes Wasser, dass mich an der Seite traf und … ich war frei.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Boden kam mir entgegen, sodass ich mich auf meinen Knien und Armen auffangen musste. Noch immer drehte sich alles.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem zwang ich mich, nach Ilias und dem Kallikantzaros zu sehen. Ilias stand über mir. Er hielt eine halbvolle Flasche in der Hand – das Weihwasser, wie ich vermutete. Der Kallikantzaros hingegen wand und krümmte sich am Boden. Er schrie. Das Weihwasser schien ihm Schmerzen zuzufügen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ilias machte einen Schritt auf ihn zu, die Flasche zum Schwung ausgeholt. Da rappelte die Kreatur sich plötzlich auf. Sie schrie ein letztes Mal, stolperte, fing sich dann wieder und rannte Richtung Flur. Ich konnte gerade noch sehen, wie sie sich unter dem viel zu engen Türspalt der Wohnungstür hindurchquetschte und im Flur verschwand. Normalerweise hätte er nicht ansatzweise darunter hindurchpassen dürfen. Aber wer weiß, welchen Gesetzen der Physik diese Wesen mit ihrer Magie folgten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Baba?“, wandte sich Ilias an mich. Er streckte mir eine Hand entgegen. „Tut mir leid, dass ich dir nicht geglaubt habe.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich ließ mir von ihm auf die Beine helfen. Der Raum hatte inzwischen aufgehört, sich zu drehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Komm“, sagte er. „Lass uns diese Wohnung ein für alle Mal vor diesen Dingern schützen.“</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Kallikantzaroi (griechisch Καλικάντζαρος), oder Kallikantzaros (Καλικάντζαρος) in der Einzahl, sind koboldartige Wesen des griechischen Volksglaubens. Sie kommen in der Zeit zwischen Weihnachten und dem 06. Januar in die Städte und Dörfer, um dort Unruhe zu stiften und Chaos zu verbreiten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Kallikantzaroi sind kleine, haarige und hässliche humanoide <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer">Wesen</a>. Außerdem sollen sie allesamt stinken und es soll bei ihnen nicht selten zu körperlichen Verformungen kommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch werden ihnen oft tierische Eigenschaften wie spitze Ohren oder Ziegenbeine zugeschrieben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darüber hinaus sollen sie ausschließlich männlich sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ob jeder Mensch die Kallikantzaroi sehen kann, ist jedoch umstritten. So habe ich in verschiedenen Quellen gelesen, dass entweder jeder sie sehen kann, oder dass nur Menschen, die an einem Samstag oder aber in der Zeit vom 25. Dezember bis 06. Januar geboren wurden, sie sehen und sogar mit ihnen sprechen können.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Kallikantzaroi kommen nur in den Dodekaimero (δωδεκαήμερο, griechisch für „zwölf Tage“) zum Vorschein. Das sind die zwölf Tage vom 25. Dezember bis zum 06. Januar, die in anderen Teilen Europas auch als Rauhnächte bekannt sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem heißt es, dass die Kallikantzaroi nachtaktiv sind, da sie das Sonnenlicht scheuen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn die Wesen herauskommen, muss man sich jedoch auf einiges gefasst machen. Es heißt, dass sie dann versuchen, in die Häuser und Wohnungen der Menschen einzudringen, um Chaos zu stiften. Einige von ihnen gehen dabei vergleichsweise harmlos vor, während andere die Menschen angreifen und sogar töten können. Besonders in der modernen Zeit sollen die Kallikantzaroi aber sehr viel ungefährlicher geworden sein und den Menschen hauptsächlich Streiche spielen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Typische Streiche sind z. B., dass sie Möbel zerstören, Eigentum stehlen oder verstecken, Obst verschimmeln oder Milch schlecht werden lassen, auf Zimmerpflanzen oder ins Essen urinieren und Speisen und Getränke im Haus verzehren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn sie hingegen einen Menschen finden, der allein unterwegs ist, zwingen sie ihn manchmal, pausenlos mit ihnen zu tanzen – und zwar so lange, bis er ohnmächtig wird oder den Verstand verliert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die restliche Zeit des Jahres, wenn die Kallikantzaroi nicht die Menschenwelt unsicher machen, sollen sie in der Unterwelt leben. Daher sagen einige Leute auch, dass sie <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/daemonen">Diener des Teufels</a> seien.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn sie in der Unterwelt sind, so heißt es, sollen sie dort versuchen, den Baum des Lebens zu zerstören, der unsere Welt im Gleichgewicht hält, indem sie an seinem Stamm sägen. Wenn sie jedoch am 06. Januar dorthin zurückkehren, müssen sie feststellen, dass sich der Baum vollständig regeneriert hat, und sie müssen ihre Arbeit von vorne beginnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dieses Ereignis wiederholt sich der Legende nach jedes Jahr.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Wie kann man sich vor den Kallikantzaroi schützen?</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Zum Glück gibt es zahlreiche Möglichkeiten, wie man sich vor den Kallikantzaroi schützen kann. So fürchten sie religiöse Symbole, Weihwasser und Feuer. Man kann also Weihwasser im Haus verteilen, Kreuze an Fenster und/oder Türen hängen, Gebete aufsagen oder ein Feuer anzünden, um die Wesen vom Haus fernzuhalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch gibt es eine alte Tradition namens Chistoxylo (Χριστόξυλο, griechisch für „Christholz“), bei der ein großes Stück Holz im Kamin angezündet wird, das die ganzen zwölf Tage des Dodekaimero am Brennen gehalten wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem gibt es diverse andere Methoden, wie man die Kallikantzaroi davon abhalten kann, in das Haus einzudringen. So kann man Essen (meist wird Fleisch oder Brot verwendet) oder Süßigkeiten vor die Tür legen, um sie zu besänftigen. Besonders beliebt sollen dabei Loukoumades sein, ein griechisches Gebäck aus frittiertem Teig mit Honig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Oder man lenkt sie ab, indem man ein Sieb vor die Tür legt. Angeblich versuchen sie dann, die Löcher darin zu zählen. Da sie jedoch nicht bis drei zählen können – entweder, weil sie nicht intelligent genug sind oder weil drei eine heilige Zahl ist, die sie nicht aussprechen können – sitzen sie die ganze Nacht daran.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Andere Leute spannen Fäden im Garten, da die Wesen dann versuchen sollen, daraus etwas zu stricken, wodurch sie abgelenkt sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie ihr seht, gibt es also vielzählige Methoden, sich gegen die Monster zu schützen. Weitere, die ich im Netz gelesen habe, sind: ein altes Paar Schuhe zu verbrennen, den Unterkieferknochen eines Schweins über die Tür zu hängen, Knoblauch im Haus zu verteilen oder einige Oberflächen mit Salz zu bedecken.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wie bereits erwähnt Leben die Kallikantzaroi die meiste Zeit des Jahres in der Unterwelt. Wenn sie zwischen Weihnachten und dem 06. Januar in unsere Welt kommen, sollen sie sich hingegen hauptsächlich in Städten und Dörfern aufhalten und sich nachts in dunklen Höhlen und Löchern verstecken.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt verschiedene Theorien, wie der Glaube an die Kallikantzaroi entstanden sein könnte. Die verbreitetsten sind wohl, dass es sich bei ihnen um eine Verchristlichung von heidnischen Kreaturen handelt, oder aber, dass es Zusammenhänge mit der altgriechischen Mythologie, besonders den Satyrn, geben soll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Besonders verbreitet (und gefürchtet) soll der Glauben an die Kallikantzaroi übrigens im Mittelalter gewesen sein. Seitdem hat er sich in den Bräuchen vieler griechischer Gemeinden gefestigt. Heutzutage lässt er sich besonders in den ländlichen Regionen finden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Offiziell ist der Glaube von der Kirche natürlich nicht anerkannt, aber es gibt auch im kirchlichen Kontext viele Zeremonien, die damit verbunden sind. So wird an vielen Orten Griechenlands am 6. Januar das Meer, ein See oder ein Fluss von einem Geistlichen gesegnet, um die Wesen zu vertreiben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Kallikantzaroi in der Popkultur:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Da die Kallikantzaroi in Griechenland auch heute noch sehr bekannt sind, ist es nicht verwunderlich, dass sie sich auch in der modernen Popkultur finden lassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So spielen sie z. B. eine zentrale Rolle in der amerikanischen Paranormal-Krimiserie Grimm Staffel 4 Folge 7 „Die Geister der Weihnacht“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und auch in der Horror-Kurzgeschichte „Der Flüsterer im Dunkeln“ (1931) von H. P. Lovecraft werden die Kreaturen zumindest kurz beim Namen genannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ansonsten findet man sie hauptsächlich in griechischen Weihnachtsliedern und Schulaufführungen zur Weihnachtszeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von den Kallikantzaroi? Wie hat euch meine Geschichte gefallen? Ab welcher Situation hättet ihr die Wesen verdächtigt, statt weiter nach einer logischen Erklärung zu suchen? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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		<title>Tokoloshe – Lass ihn nicht aufs Bett!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 24 Nov 2025 14:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Es hatte kein Fell, sondern dunkle, schrumpelige Haut. Sein Gesicht, die Nase und Ohren, der haarlose Kopf. Es wirkte wie ein Mensch. Und zwischen seinen Lippen sah ich schiefe gelbe Zähne hervorblitzen, die ungewöhnlich spitz aussahen. Ich wusste sofort, was es war: Das war eindeutig ein Tokoloshe …</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg02.met.vgwort.de/na/d0ef61034e9d4556b2b3d903b13119be" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Der Tokoloshe ist eines der bekanntesten Wesen des südafrikanischen Volksglaubens. Da ich schon länger vorhabe, mal wieder über eine afrikanische <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden">Legende</a> zu schreiben, habe ich mich für den Tokoloshe entschieden, ehe es in zwei Wochen mit winterlichen/<a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/weihnachten">weihnachtlichen</a> Geschichten weitergeht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen</strong></summary>
<p>&#8211; Gewalt gegen Jugendliche<br>
&#8211; häusliche Gewalt<br>
&#8211; erwähnung Sexueller gewalt (erst unter &#8222;Die Legende&#8220;)</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Es war eine dieser Nächte, in denen ich partout nicht einschlafen konnte. Ich wälzte mich im Bett hin und her, drehte mich auf die linke Seite, dann auf die rechte. Aber was ich auch versuchte, wie ich mich auch hinlegte, ich konnte einfach nicht in die Welt der Träume eintauchen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem versuchte ich es weiter. Immerhin musste ich morgen in die Schule. Da wollte ich wenigstens einigermaßen ausgeschlafen sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hatte mich gerade wieder mit dem Gesicht zur Wand gedreht, da hörte ich, wie sich meine Zimmertür öffnete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort schlug ich die Augen auf. Außer mir war nur Pa im Haus. Und wenn er um die Uhrzeit in mein Zimmer kam, dann nur, weil er wieder zu viel getrunken hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich drehte mich langsam zu ihm um. Aber als ich gerade fragen wollte, was los sei, blieben mir die Worte im Hals stecken. Das war nicht mein Vater. Eine kleine, kindergroße Gestalt stand dort im Halbdunkel bei der geöffneten Tür und sah mich aus seinen kleinen Augen an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zuerst dachte ich noch, es wäre vielleicht ein Pavian, der sich irgendwie ins Haus geschlichen hat. Dann jedoch rannte das Wesen auf mich zu. Es war kein Pavian. Seine Bewegungen, wie es auf zwei Beinen lief, wirkten menschlich. Außerdem konnte ich es inzwischen besser erkennen. Es hatte kein Fell, sondern dunkle, schrumpelige Haut. Sein Gesicht, die Nase und Ohren, der haarlose Kopf. Es wirkte wie ein Mensch. Und zwischen seinen Lippen sah ich schiefe gelbe Zähne hervorblitzen, die ungewöhnlich spitz aussahen. Ich wusste sofort, was es war: Das war eindeutig ein Tokoloshe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Pa!“, brachte ich endlich hervor. „Paaa!“, rief ich erneut nach meinem Vater.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Haus war ziemlich hellhörig. Wenn er wach war, musste er mich gehört haben. Doch im Haus blieb alles ruhig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Inzwischen hatte der Tokoloshe mein Bett fast erreicht. Ich drückte mich mit dem Rücken an die Wand und zog die Knie an die Brust. „Hilfe! Hilfeee!“, schrie ich jetzt aus voller Lunge.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann endlich tat sich etwas. Aus dem Flur kam ein Poltern. Dann ein Fluchen. „Scheiß Schrank“, hörte ich Pa lallen. Er war also tatsächlich betrunken. Trotzdem war er mir hundertmal lieber als ein schwarzmagisch beschworenes Wesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hilfe!“, schrie ich erneut. Inzwischen war ich dabei, nach dem Tokoloshe zu treten, um ihn daran zu hindern seinen kleinen Körper auf die Matratze zu ziehen. Mein Fuß klatschte gegen kalte Haut, ehe ich ihn schnell wieder zurückzog. Wer wusste schon, was das Ding mit mir anstellen würde, wenn er mich tatsächlich erreichte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und das versuchte es mit aller Kraft. Die Matratze reichte ihm bis knapp über die Brust. Seine kleinen Augen waren auf mich fixiert, sein Mund leicht geöffnet. Immer wieder versuchte es, sich in den Stoff zu krallen und seinen Körper auf die Matratze zu hieven, während ich panisch nach seinen Armen trat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich ging die Deckenlampe an. „Was ist los?“, lallte Pa in meine Richtung. Er musste sich an der Tür festhalten, lehnte sich daran, während sie unter seinem Gewicht langsam vor und zurück schwang.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Tokoloshe wandte ihm den Kopf zu. Er gab einen leisen Aufschrei, eher schon ein hohes Keuchen von sich, ehe er auf Pa zurannte. Der jedoch schien das Wesen gar nicht zu bemerken, während es an ihm vorbei in den Flur flitzte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schwer atmend saß ich auf meinem Bett. Noch immer hatte ich die Knie an die Brust gezogen. Auch merkte ich jetzt, wie ich beide Hände in die Bettdecke gekrallt hatte. Vorsichtig löste ich den Griff.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Also? Was ist? Wieso störst du mich beim Fernsehen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt sah ich wieder Pa an. „Hast du ihn nicht gesehen? Er ist eben an dir vorbeigerannt!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wen gesehen?“, fragte er. Er sah sich im Raum um, ohne die Tür loszulassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Den Tokoloshe!“, brüllte ich. Es war keine Absicht. Ich wollte Pa nicht anschreien. Aber die Verzweiflung in mir musste raus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Pas Augen verengten sich zu schlitzen. Jetzt torkelte er auf mich zu. „Hör zu, Jan. Solange du in meinem Haus wohnst, verbitte ich mir, dass du mich anschreist! Vielleicht muss ich dich dran erinnern, wer hier das Sagen hat …“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder presste ich mich gegen die Wand. Ich spürte, wie mir Tränen in die Augen stiegen. „Nein. Bitte“, flehte ich. „Du hast das Sagen. Das weiß ich. Aber da war ein Tokoloshe. Er wollte mich angreifen.“ Ich wollte vor Pa nicht weinen, aber ich konnte nichts dagegen tun.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Pa hingegen blieb nur wenige Schritte vor meinem Bett stehen. Er schüttelte den Kopf, schwankte gefährlich nach links und rechts. „Ich bin froh, dass deine Ma nicht mehr mitbekommen hat, was aus dir geworden ist.“ Er wandte sich ab, ehe er zurück zur Tür torkelte. „Verdammte Teenager“, hörte ich ihn zu sich selbst lallen. „Es wird Zeit, dass er endlich alt genug wird, damit ich ihn rausschmeißen kann.“ Dann war er wieder im Flur verschwunden und schloss die Tür hinter sich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schluckte schwer, während ich ihm nachsah. „Nein, Pa“, murmelte ich. „Was ist nur aus dir geworden.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Tokoloshe kam in dieser Nacht nicht zurück, aber wie ihr euch sicher vorstellen könnt, hatte ich sämtliches Interesse daran verloren, wieder einzuschlafen. Und so dauerte es Stunden, meine Gedanken kreisten um das Wesen und um Pa, bis die Müdigkeit mich endlich einholte und in einen viel zu kurzen Schlaf zog.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am nächsten Morgen schlürfte ich völlig übermüdet in die Küche. Pa saß bereits da und trank Kaffee.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Morgen“, grüßte ich ihn.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er sah fast genauso beschissen aus, wie ich mich fühlte. Trotzdem sah ich darin eine Gelegenheit, ihn noch einmal auf den Tokoloshe anzusprechen, während er nüchtern war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Tut mir leid, wegen letzter Nacht“, begann ich. „Aber ich hab da wirklich etwas gesehen. Da war ein kleiner Mann mit schwarzer schrumpeliger Haut. Er hat versucht, auf mein Bett zu klettern.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Pa seufzte schwer. „Jan, es gibt keine Tokoloshe. Was auch immer du glaubst, gesehen zu haben, du hast bloß geträumt.“ Es war zwecklos. Pa hatte noch nie an das Übernatürliche geglaubt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich ballte meine Hände zu Fäusten. „Ma hätte mir geglaubt“, sagte ich leise.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt kniff Pa wieder seine Augen zusammen. „Was hast du gesagt?“, fragte er streng.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nichts“, sagte ich schnell. „Sorry, ich bin einfach nur tierisch müde.“ Ich hatte keine Lust auf Streit. Zumal ich wusste, wie es ausgehen konnte. In der Schule hatte ich schon oft genug blaue Flecken unter langer Kleidung verstecken müssen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Pa ging nicht weiter darauf ein. Also machte ich mir mein Frühstück und beeilte mich, aus dem Haus zu kommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Tag in der Schule verlief ohne besondere Vorkommnisse. Ich hatte nicht viele Freunde, also verbrachte ich die meiste Zeit allein. Aber das war in Ordnung. Solange die anderen mich in Ruhe ließen, störte mich das nicht. Und für gewöhnlich taten sie das.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst, als ich nach der Schule auf dem Heimweg war, überkam mich wieder ein mulmiges Gefühl. Was, wenn der Tokoloshe zurückkommen würde? Ich hatte keine Ahnung, was passiert wäre, wenn Pa nicht in mein Zimmer gekommen wäre.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also entschied ich, unserer Sangoma – der Heilerin unseres Dorfes – einen Besuch abzustatten. Sie war eine gute Freundin von Ma gewesen, daher kannte ich sie schon aus Kindertagen. Außerdem lag ihr kleines Geschäft ganz in der Nähe meines Heimwegs.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine kleine Glocke über der Ladentür kündigte mich an, während ich den Laden betrat. Mir schlug ein erdiger Geruch entgegen. An der Decke hingen Blätter und Sträucher zum Trocknen und vor mir, in einem Regal an der Wand standen Flaschen mit allerlei Tinkturen und anderen Flüssigkeiten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gab auch eine Apotheke in unserem Dorf, aber für viele Leute war Thandeka noch immer die erste Anlaufstelle für medizinische Probleme.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ah, Jan“, grüßte mich eine kleine schwarze Frau mit luftiger Kleidung. Sie trug ein rotes Tuch in den Haaren, das oben zu einem eleganten Knoten gebunden war. „Es ist lange her. Wie geht es deinem Vater?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort senkte ich den Kopf zu einem knappen Gruß. „Guten Tag Gogo“, grüßte ich sie mit der förmlichen Anrede für weibliche Sangomas.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Thandeka lachte. Es erinnerte mich an die Glocke über ihrer Tür. „Ach bitte, Jan, sag doch Thandeka zu mir. Immerhin sind wir alte Freunde.“ Sie zwinkerte mir zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das zauberte mir ein Lächeln auf die Lippen. Dann jedoch erinnerte ich mich an den Grund meines Besuchs und mein Gesicht wurde wieder ernst. „Ich brauche deine Hilfe. Ich wurde letzte Nacht von einem Tokoloshe besucht, aber Pa glaubt mir nicht. Er meint, dass ich bloß geträumt hätte.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Thandeka ging um den Tresen, hinter dem sie stand, um sich mir gegenüberzustellen. Obwohl ich erst 15 war, musste ich leicht den Kopf senken, um ihr in die Augen zu sehen. „Und was denkst du?“, fragte sie. „Kann es ein Albtraum gewesen sein?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Ich war hellwach. Er ist aus dem Zimmer gerannt, als Pa mir zur Hilfe geeilt ist. Aber er hat den Tokoloshe nicht gesehen, obwohl er an ihm vorbeigelaufen ist.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Thandeka nickte wissend. „Manche Tokoloshe können nur von ihren Opfern gesehen werden. Ich möchte dir keine Angst machen, aber wenn du wirklich einen Tokoloshe gesehen hast, kann es sein, dass du verflucht wurdest. Das ist eine ernste Angelegenheit. Am besten sollte ich einige Schutzrituale in eurem Haus durchführen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sah sie mit großen Augen an. „Nein, bitte“, sagte ich schnell. „Pa glaubt nicht an Tokoloshes. Er würde das nicht wollen. Gibt es keine andere Möglichkeit?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Thandeka sah mich überrascht an, ehe sie sanft lächelte. „Jan, vielleicht warst du noch zu jung, um dich daran zu erinnern, aber dein Vater war vor vielen Jahren selbst bei mir, damit ich mich um einen Tokoloshe in eurem Haus kümmere. Ich bin sicher, er wird es verstehen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt blickte ich zu Boden. Ich erinnerte mich gut daran. Er hatte mich grün und blau geschlagen, mir dabei den Arm gebrochen, und die Tat schließlich einem Tokoloshe angehängt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wenn du möchtest“, fuhr Thandeka fort, „bringe ich dich das kurze Stück nach Hause. Dann kann ich mit deinem Vater reden.“ Sie griff sanft nach meinem Arm, um mich zur Tür zu begleiten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber ich blockte ab. „Nein!“, sagte ich ein Stück zu energisch. „Nein“, wiederholte ich dann ruhiger. „Bitte. Das damals war kein Tokoloshe. Nach Mas Tod hat Pa mit dem Trinken angefangen. Er versteckt es gut, aber wenn er betrunken ist, wird er oft gewalttätig. Ich hatte mich nicht benommen und da hat er … Er hat …“ Mehr brachte ich nicht hervor. Noch nie zuvor hatte ich mit irgendwem darüber geredet. Ich hatte nicht gewagt, es laut auszusprechen, also sah ich Thandeka nun mit feuchten Augen an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">An ihrer entsetzten Miene sah ich, dass sie verstanden hatte. Mein Vater hatte mich krankenhausreif geschlagen. Anschließend brachte er mich zu Thandeka und erzählte, dass ich von einem Tokoloshe angegriffen wurde, damit sie sich um meine Wunden kümmerte, ohne dass er dafür in Schwierigkeiten geriet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Oh, Jan“, sagte Thandeka. Sie legte mir eine Hand auf die Schulter. „Das wusste ich nicht. Tut mir leid. Wenn ich irgendetwas für dich tun kann …?“ Sie sah mich fragend an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schenkte ihr ein schiefes Lächeln und zuckte mit den Schultern. „Kannst du mir irgendwie gegen den Tokoloshe helfen, ohne dass Pa es mitbekommt?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schnell nickte sie. „Natürlich. Das einfachste Mittel gegen einen Tokoloshe ist, das Bett zu erhöhen. Sie können nicht sonderlich gut klettern. Viele Leute legen Ziegelsteine unter die Bettfüße. Aber ein paar dicke Bücher gehen auch. Und wenn ihn das nicht vertreibt, kannst du eine Linie aus Salz auf die Türschwelle und vor die Fenster streuen. Da kommt er nicht vorbei.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich strahlte Thandeka an. Damit konnte ich auf jeden Fall arbeiten. „Danke, Tante Thandeka“, sagte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nun strahlte auch sie. Tante Thandeka. So hatte ich sie als Kind immer genannt, weil sie eine so gute Freundin meiner Ma war. „Lass dich gerne wieder häufiger hier blicken“, sagte sie, während sie sanft meine Schulter drückte. „Und sollte es mit dem Tokoloshe noch irgendwelche Probleme geben, komm gerne jederzeit vorbei.“</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Gespräch mit Thandeka war inzwischen drei Tage her. Und was soll ich sagen? Das Bett mit einigen Büchern zu erhöhen, hatte geholfen. Der Tokoloshe kam so nicht mehr an mich heran. Dafür stand er jetzt nachts in meinem Zimmer und starrte mich an. Eine kleine dunkle Gestalt, die mitten im Raum stand. Manchmal hörte ich ihn leise atmen. Dass meine Nächte seitdem nur noch aus sehr wenig Schlaf bestanden, muss ich euch wohl nicht erklären.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst hatte ich noch gehofft, dass das Ding irgendwann das Interesse verlieren würde, wenn es mir nicht mehr schaden konnte. Stattdessen wartete es jedoch Nacht für Nacht geduldig in meinem Zimmer. Was, wenn ich einmal nachts auf Toilette musste? Oder wenn ich einschlief und zu nah an die Bettkante geriet? Wenn es einen Arm oder ein Bein zu packen bekam. Nein. So konnte es nicht weitergehen. Also ging ich zu Thandekas anderer Idee über: dem Salz.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich streute damit je eine dünne Linie auf sämtliche Fensterbänke sowie auf die Türschwelle der Haustür und zu meinem Zimmer. Meine Hoffnung war, dass Pa es in seinem berauschten Zustand nicht bemerken oder es zumindest ignorieren würde. Das ging nach hinten los.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich im Bett lag – obwohl es schon lange dunkel war, fehlte von dem Tokoloshe noch immer jede Spur – hörte ich plötzlich aus dem Haus ein lautes Poltern. Kurz darauf fluchte mein Vater.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Verdammte Scheiße!“, schimpfte er lauthals. „Was ist das für ein Scheiß? Jan!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Stapfende Schritte näherten sich meinem Zimmer. Im Flur vor meiner Tür polterte irgendetwas. Erneutes Fluchen. Dann flog meine Zimmertür auf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was zum …!?“ Pa musste das Salz auf meiner Türschwelle entdeckt haben. „Ist das auf deinem Mist gewachsen?“, schrie er mich an. Ich konnte seine Fahne bis hier riechen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ehe ich etwas sagen, mich verteidigen konnte, fuhr er fort. „Findest du das etwa lustig? Ich bin darauf ausgerutscht. Ich hätte sterben können!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment flog auch schon seine Bierflasche. Es kam so unerwartet, dass ich nicht ausweichen konnte. Sie traf mich mitten im Gesicht, knapp unter dem rechten Auge.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort bedeckte ich die Stelle mit meinen Händen. Mein Gesicht bestand nur noch aus pochenden Schmerzen. Ich kauerte weinend auf dem Bett, während Pa auf mich zukam. Aber während ich noch schützend meinen Kopf von ihm wegdrehte, damit seine Schläge nur meinen Rücken trafen, griff er lediglich nach seiner Bierflasche und verließ damit das Zimmer. Ich blieb zitternd und weinend auf meinem Bett zurück.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am nächsten Tag schmerzte meine rechte Gesichtshälfte. Im Badezimmer sah ich, dass ich ein blaues Auge hatte. Ich ging ohne Frühstück noch vor der Schule wieder zu Thandekas Geschäft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Jan, was ist passiert?“, fragte sie entsetzt, als ich den Laden betrat. „War das der Tokoloshe?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schüttelte den Kopf. In wenigen Worten berichtete ich, was passiert war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Thandeka holte sofort ein Kühlpack, das ich mir auf das Auge legen sollte. Sie sah mich mit einer Mischung aus Mitleid und Verzweiflung an. Ich sah ihr an, dass sie mir helfen wollte. „Jan, ich …“ Sie zögerte. „Vielleicht gibt es noch eine andere Möglichkeit. Es wird nicht einfach, aber … Komm nach der Schule noch einmal in den Laden, ja? Gegen 17 Uhr?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und das tat ich. Nach der Schule – dort erzählte ich, dass ich unglücklich gestürzt sei – stand ich um Punkt 17 Uhr wieder vor Thandekas Geschäft. An der Tür hing ein Schild, dass Thandeka gleich zurück sei. Ich trat trotzdem ein. Die Ladenglocke klingelte über mir.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Geschäft selbst war alles wie immer. Von Thandeka fehlte jedoch jede Spur. Stattdessen saß eine Frau auf einem Stuhl in der Ecke. Ihre Haut war dunkel und sie trug offene Dreadlocks, ein weißes T-Shirt und eine Jeans. Irgendwie kam sie mir bekannt vor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„So“, sprach sie mich an, während sie sich langsam erhob. „Du hast also ein Problem mit einem Tokoloshe?“ Irgendetwas an ihr war mir unheimlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Mund war plötzlich sehr trocken. Ich brachte nur ein Nicken zustande.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Und warum denkst du, dass ich ausgerechnet dir helfen sollte?“, fragte sie. „Nach allem, was deine Familie mir angetan hat?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schluckte schwer. „Was … meine Familie Ihnen angetan hat?“, wiederholte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frau antwortete nicht. Stattdessen strich sie sich mit einer von langen schwarzen Fingernägeln besetzten Hand ihre Locks über das rechte Ohr. Darunter kam eine längliche Narbe zum Vorschein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und da fiel mir wieder ein, woher ich sie kannte. „Oh“, sagte ich knapp. „Sie sind Lindiwe, richtig?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frau nickte langsam, während sie mir tief in die Augen starrte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie hatte früher in unserem kleinen Örtchen gewohnt. Das war jedoch, bevor sie von den anderen Bewohnern vertrieben wurde. Es hieß damals, dass sie eine Hexe sei und einen Tokoloshe beschworen hätte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber das Schlimmste: Es war Pas schuld gewesen. Seine Lüge über meine Verletzungen, über den angeblichen Tokoloshe, waren der Grund, warum sie nicht mehr bei uns leben durfte. Ein wütender Mob hatte sie und ihre Tochter bedroht und aus unserem Dorf vertrieben. Wenn ich mich richtig erinnere, kam die Narbe an ihrer Schläfe von einem Stein, den ihr Nachbar nach ihr geworfen hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Also? Warum sollte ich ausgerechnet dir helfen?“, wiederholte sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schluckte schwer. „Es … Es tut mir leid. Was man Ihnen und Ihrer Tochter angetan hat, war nicht richtig. Aber es war nicht meine Schuld. Es war mein Pa. Er … Er hat die Geschichte mit dem Tokoloshe erfunden, um meine Verletzungen zu erklären. Sie müssen wissen, er hat mir den Arm gebrochen. Ich … Bitte, ich kann nichts dafür. Ich möchte doch nur wieder ruhig schlafen können“, sprudelten die Worte nur so aus mir hervor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Lindiwe kniff die Augen zusammen. Sie kam auf mich zu. Ein süßliches Parfum schwang in ihrer Bewegung mit. Ich unterdrückte den Drang, zurückzuweichen, während sie mir ihren Zeigefinger an das Kinn legte und damit vorsichtig meinen Kopf hob, um mir in die Augen zu sehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die folgenden Sekunden kamen mir wie eine Ewigkeit vor. Ich merkte, wie mein Atem ungewöhnlich schnell ging, während sie mich eingehend musterte, als wolle sie irgendetwas in meinen Augen lesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann plötzlich ließ sie mein Kinn los und trat einen Schritt zurück. „Also gut. Du hast Recht. Dich trifft keine Schuld. Immerhin warst du noch ein Kind. Mein Tokoloshe wird dir keine nächtlichen Besuche mehr abstatten.“</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Ihr</em> Tokoloshe? Also war sie wirklich eine Hexe?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ehe ich sie darauf ansprechen konnte, nahm sie jedoch eine schwarze Lederjacke, die mir bisher nicht aufgefallen war, von einem Stuhl und verließ damit den Laden. Das Klingeln der Glocke sollte noch lange in meinem Kopf nachhallen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">War das gerade wirklich passiert? Es kam mir zu einfach vor. Doch die Frau, Lindiwe, sollte recht behalten. Der Tokoloshe ließ mich fortan in Ruhe. In der folgenden Nacht lag ich mehrere Stunden wach, ohne dass irgendwer – oder irgendetwas – mein Zimmer betrat. Neues Salz hatte ich keines gestreut.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dafür weckten mich mitten in der Nacht plötzlich Schreie. Verwirrt sah ich zur Uhr. 02:07 Uhr. Was war da los?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ohne weiter darüber nachzudenken, sprang ich aus meinem Bett und rannte in den Flur. Die Schreie kamen aus Pas Schlafzimmer. Schnell öffnete ich die Tür.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Pa saß an die Rückenlehne gepresst, die Beine an seine Brust gezogen. Er atmete schwer und starrte in den leeren Raum.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Pa!“, rief ich. „Was ist? Was ist los?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt sah er mich mit weit aufgerissenen Augen an. „Da … Da war ein Tokoloshe! Er wollte mich angreifen!“, sagte er laut. In seiner Stimme schwang Alkohol mit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für einen Moment sah ich ihn nur an. Die Hexe hatte ihr Wort gehalten. Sie hatte mich von ihrem Fluch befreit … und ihn auf Pa übertragen. Meine Gedanken rasten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann jedoch setzte ich ein Lächeln auf. Ich schüttelte den Kopf. „Pa, du hast geträumt“, sagte ich. „Es gibt keine Tokoloshe.“</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Tokoloshe, auch Tokkelo oder Tikoloshe genannt, ist ein koboldartiges <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer">Wesen</a> der Zulu Folklore in Südafrika.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Für das Aussehen der Tokoloshes gibt es sehr verschiedene Beschreibungen. Sie sind aber immer unter einen Meter groß, koboldartig und haben oft tierische Eigenschaften.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Generell sollen sie wie ein kleiner Mensch aussehen mit meist schwarzer, oft verschrumpelter Haut oder Fell sowie manchmal mit langen Ohren und/oder einem Tierschwanz.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem habe ich teilweise von spitzen und/oder gelben Zähnen gelesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darüber hinaus haben sie oft einen Nagel oder ein Loch davon in der Stirn, der wohl für ihre Beschwörung genutzt wird. (Über das <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/rituale">Ritual</a>, mit dem man einen Tokoloshe beschwören kann, habe ich jedoch nichts finden können.)</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einigen Versionen sollen sie auch einen sehr langen Penis haben. In einer Quelle habe ich sogar davon gelesen, dass sie ihn über die Schulter werfen müssen, damit er nicht am Boden schleift.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Im Normalfall muss ein Tokoloshe beschworen werden – meist wird das einer Hexe oder einem Hexendoktor zugeschrieben, seltener den Sangoma, wie in Südafrika die Heiler genannt werden. Die Tokoloshes werden dadurch zu ihren Dienern und machen alles, was die Person, die sie erschaffen hat, von ihnen verlangt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das kann je nach Quelle von körperlicher Arbeit über Diebstahl bis hin zu sexuellen Handlungen reichen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Häufig werden Tokoloshes jedoch eingesetzt, um anderen Personen zu schaden. In diesen Fällen sucht der Tokoloshe nachts seine Opfer heim. Dabei sind die Tokoloshes oft unsichtbar – inwieweit sie sich unsichtbar machen können, ist aber umstritten. So habe ich davon gelesen, dass sie entweder nur von ihren Opfern oder nur von Kindern gesehen werden können, andere Male davon, dass sie sich nur unsichtbar machen können, indem sie z. B. einen speziellen Stein haben, den sie bei sich tragen oder herunterschlucken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was genau der Tokoloshe mit seinen Opfern macht, kann sehr unterschiedlich sein. So greift er sie manchmal körperlich an, indem er sie z. B. beißt, schlägt oder kratzt, oder er vergewaltigt sie sogar. Dem Tokoloshe kann so ziemlich alles Negative zuschreiben werden, das den Opfern widerfährt – sei es, dass er sie krank macht, für Unglück sorgt, ihre Beziehung ruiniert oder seine Opfer tötet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Man kann sich jedoch recht einfach gegen Tokoloshes verteidigen: Aufgrund ihrer Körpergröße haben sie Schwierigkeiten, Menschen auf hohen Betten zu erreichen. Man muss also nur sein Bett höher stellen – oft wird dies gemacht, indem man die Bettfüße auf Ziegelsteine stellt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine andere effektive Methode soll Salz sein, das man auf die Türschwelle und vor die Fenster streuen kann. Ich habe sogar spezielles Tokoloshe-Salz und Tokoloshe-Öl von südafrikanischen Anbietern gefunden, das gegen die Monster helfen soll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Will man hingegen auf Nummer Sicher gehen und den Tokoloshe endgültig loswerden, wird dazu geraten, dass man sich an einen Sangoma wendet.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Da die Legende der Tokoloshes aus Südafrika stammt, sollen sie hauptsächlich in Südafrika sowie seltener in angrenzenden Ländern vorkommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Theoretisch wäre ein Tokoloshe aber überall auf der Welt möglich, sofern jemand ihn dort beschwört oder ihn dorthin mitnimmt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Als möglicher Ursprung für den Tokoloshe werden die früheren Lebensbedingungen der Menschen in den ländlichen Regionen Südafrikas genannt. In diesen Regionen sollen die Menschen früher – besonders in kalten Nächten – auf dem Boden (bzw. auf Matratzen auf dem Boden) nahe von Feuerstellen geschlafen haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn es dabei unzureichende Durchlüftung gab, kann es sein, dass sich in dem Zimmer zu viel Kohlendioxid gesammelt hat. Da Kohlendioxid schwerer ist als Luft, ist es zu Boden gesunken und hat dafür gesorgt, dass die Menschen, die am Boden schliefen, erstickt sind. Da andere Menschen auf erhöhten Betten verschont geblieben waren, ist man wahrscheinlich davon ausgegangen, dass ein kleines Wesen, das nicht auf die Betten klettern kann, an den Toden schuld ist: Die Legende des Tokoloshe war geboren – zumindest, wenn man dieser Theorie glaubt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber wie die Legende auch entstanden sein mag, Fakt ist, dass der Glaube an die Tokoloshes in Südafrika noch immer weit verbreitet ist. Sie werden sogar regelmäßig in Zeitungen wie der Daily Sun erwähnt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Leider ist dadurch jedoch ein ganz anderes Problem entstanden: Da die Tokoloshes oft als Grund für unerklärliche Verletzungen, sexuellen Missbrauch oder mysteriöse Schwangerschaften genannt werden, bieten sie den Tätern eine einfache Methode, sich selbst von der Schuld zu befreien, indem sie den Wesen die Schuld zuschieben. So kommt es leider durchaus vor, dass kein gewalttätiger Ehemann, sondern ein Tokoloshe für die Verletzungen einer Ehefrau verantwortlich gemacht wird, oder nicht etwa der Onkel, sondern ein Tokoloshe für eine unerklärliche Schwangerschaft eines Teenagers.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem habe ich auf Zoutnet, einer südafrikanischen Nachrichtenseite, von einem Fall gelesen, bei der eine Frau von ihrer Gemeinde beschuldigt wurde, einen Pavian zu einem Tokoloshe gemacht zu haben, der daraufhin mehrere Frauen vergewaltigt habe. Es hat sich so weit zugespitzt, dass eines Tages ein wütender Mob zu ihrem Haus gewandert ist, um sie umzubringen. Dazu kam es zwar nicht, aber ihr Ruf und der ihrer Familie hat auch nach dem Vorfall sehr darunter gelitten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber zum Glück bringt der Glaube an das Wesen nicht nur Schattenseiten mit sich. Er kann auch Opfern von körperlicher oder sexueller Gewalt dabei helfen, über ihre Erlebnisse zu sprechen und so die entsprechende medizinische Behandlung zu erhalten, die, wenn sie den Täter beim Namen nennen müssten, nie über den entsprechenden Vorfall geredet hätten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Tokoloshe in der Popkultur:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der Tokoloshe hat diverse Auftritte und Erwähnungen in der Popkultur. So gibt es z. B. den südafrikanisch-französischen Thrillerfilm „A Reasonable Man“ (Englisch für „Ein vernünftiger Mann“, 1999), der auf einem echten Fall basiert, bei dem ein Vater seinen Sohn umgebracht hat, in dem Glauben, dass es sich bei ihm um einen Tokoloshe handelt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem gibt es diverse Horrorfilme über die Kreatur wie z. B. „Blood Tokoloshe“ („Blut Tokoloshe“, 2013), „The Tokoloshe“ (2018) oder „Tokoloshe: The Calling“ („Tokoloshe: Die Berufung“, 2020) sowie diverse Romane wie z. B. den Fantasyroman „Tokoloshe Song“ (2014) von Andrew Salomon oder das Monster-Fighting-Manga „Tokoloshe Hunters“ („Tokoloshe Jäger“, 2026) von Bill Masuku.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von dem Tokoloshe? Wie hättet ihr an Jans Stelle reagiert, als er den Tokoloshe gesehen hat und als sein Vater ihm nicht geglaubt hat? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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		<title>Hitori Kakurenbo – Spiel nie allein verstecken!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 20 Oct 2025 13:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Anschließend nahm ich ein Küchenmesser – das kleinste aus meinem Messerblock – von dem Glastisch neben der Wanne und stach damit auf den Teddy ein. Es gab ein matschiges Geräusch, während die Klinge auf den Stoff traf. Es entstanden kleine Löcher, durch die ein paar Reiskörner fielen. Damit soll man den Geist oder Dämon provozieren, der in diesem Moment bereits in dem Stofftier sein soll …</p>
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<p class="wp-block-paragraph">Hitori Kakurenbo ist ein japanisches <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/rituale">Ritual</a>, das besonders in der Zeit vor <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/halloween">Halloween</a> sehr beliebt ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen (Achtung Spoiler!) </strong></summary>
<p>&#8211; Blut<br>
&#8211; Tod</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">„Dann wollen wir mal“, murmelte ich. Ich nahm das Messer und stach dem Teddy damit in den Bauch. Es war schwieriger, als ich gedacht hätte. Der alte Stoff war ziemlich stabil. Trotzdem hatte der Teddy bald einen gut fünf Zentimeter langen Schnitt im Bauch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort machte ich mich daran, die Watte aus seinem Körper zu ziehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hast du’s?“, hörte ich Leonies Stimme aus meinem Smartphone. Wir kannten einander von der Arbeit. Unsere Kollegen spekulierten oft, ob wir zusammen seien, aber in Wirklichkeit war sie bloß meine beste Freundin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Genau wie ich war sie ein Horrorfan. Eigentlich feierten wir Halloween immer zusammen. Es war jedoch das Jahr 2020. Corona hatte uns einen dicken Strich durch unsere Feiertagspläne gemacht. Also hatten wir entschieden, uns an diesem 31. Oktober lediglich telefonisch zu treffen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So hatten wir bereits einige Stunden gequatscht, zwei Horrorfilme zusammen geschaut und jede Menge rumgealbert. Das Hauptevent des Abends stand uns aber noch bevor. Wir wollten zusammen das japanische Ritual Hitori Kakurenbo durchführen – „allein Versteckspielen“, wie es auf Deutsch übersetzt heißt. Und dafür brauchte man ein Stofftier.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Teddy vor mir wirkte jetzt, wo er keine Watte mehr im Körper hatte, noch kläglicher als ohnehin schon. Sein Stoff war fleckig und abgenutzt, ihm fehlte ein Auge und nun sah er auch noch aus wie ein Ballon, aus dem man die Luft gelassen hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„So. Ich füll jetzt den Reis in meinen Teddy“, erklärte ich Leonie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich bin schon dabei, meine Puppe wieder zuzunähen“, erwiderte sie, als sei es ein Wettrennen. Sie hatte sich für eine billige Stoffpuppe entschieden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du musstest auch keine Watte aus den Ohren pulen“, konterte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Danach schwiegen wir wieder konzentriert, während sie ihre Puppe zusammennähte und ich meinen Teddy mit dem ungekochten Reis füllte. Jetzt fehlte nur noch eine Zutat. Ich griff nach dem Toilettenpapier, auf das ich meine frisch geschnittenen Fingernägel gelegt hatte. Ich kippte sie zu dem Reis. Das Stofftier brauchte einen Teil der Person, die das Ritual durchführen wollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als Nächstes nahm ich die Nadel mit dem roten Faden, die ich bereits vorbereitet hatte. Man musste das Stofftier mit einem roten Faden vernähen und anschließend mit dem restlichen Faden umwickeln. Ich machte mich sofort an die Arbeit. Zugegeben, ich war kein Nähmeister – die Stiche waren alles andere als gleichmäßig, aber sie schienen zu halten. Also wickelte ich den restlichen Faden um den dünnen braunen Körper, ehe ich ihn festknotete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Okay. Ich bin fertig“, erklärte ich. „Bei dir alles klar?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Jap. Annabelle ist einsatzbereit.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mir entfuhr ein Lacher. „Annabelle? Ernsthaft?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ja. Ich dachte, der Name passt zu einer besessenen Puppe. Wieso? Wie hast du deinen Teddy genannt?“, fragte sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich grinste. „Herr von und zu Flausch“, sagte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt musste auch Leonie lachen. „O Mann, Dom, du bist echt bescheuert“, neckte sie mich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Grinsen wurde breiter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann wurde sie wieder ernst. „Als Nächstes müssen wir das Salzwasser vorbereiten und in unser Versteck stellen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich nickte – auch wenn sie das natürlich nicht sehen konnte –, ehe ich in die Küche ging. Dort füllte ich einige Teelöffel Salz in eine Flasche mit warmem Wasser, drehte den Deckel zu und schüttelte sie. Von Leonie hörte ich das Rühren eines Löffels in einem Glas.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem wir fertig waren, brachte ich die Flasche ins Schlafzimmer. Zugegeben, der Wandschrank war nicht unbedingt das beste Versteck, aber ich ging ja auch nicht davon aus, dass <em>wirklich</em> etwas passieren würde.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>03:00 Uhr</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hast du dein Handy auf stumm gestellt?“, fragte Leonie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich nickte. „Jap. Du hoffentlich auch?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Klar. Also dann. Wir hören uns, wenn wir im Versteck sind. Bis gleich.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Bis gleich.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">In dem Moment brach die Verbindung ab. Leonie hatte aufgelegt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich atmete einmal tief durch. „Also dann“, wiederholte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Obwohl schon den ganzen Abend niemand außer mir im Haus war, fühlte ich mich jetzt zum ersten Mal allein. Ein Schauer lief mir über den Rücken. Ich würde es vor Leonie niemals zugeben, aber jetzt, wo es wirklich ernst wurde, war mir tatsächlich etwas mulmig zu Mute. Trotzdem würde ich sie nicht mit dem Ritual allein lassen. Also griff ich nach Herrn von und zu Flausch. Ich betrachtete sein entstelltes Gesicht, während ich ihn in die gefüllte Badewanne legte. Das Wasser war kalt. Erneutes Durchatmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Saisho no Oni wa Dominik da kara“, sagte ich laut: Weil Dominik zuerst der Oni ist. Ich hatte die japanischen Sprüche für das Ritual extra auswendig gelernt, falls sie auf Deutsch nicht funktionierten. „Saisho no Oni wa Dominik da kara“, wiederholte ich. Und ein drittes Mal: „Saisho no Oni wa Dominik da kara.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Daraufhin drehte ich mich um, ging durch den Flur und schaltete die Lichter aus. Anschließend machte ich den Fernseher im Wohnzimmer an. Sofort wurde ich von einem lauten Rauschen begrüßt. Aber so musste das sein, wenn ich das Ritual genau befolgen wollte. Nun schaltete ich auch das Licht im Wohnzimmer aus. Die einzigen Lichter im gesamten Haus waren jetzt der rauschende Fernseher und meine Handytaschenlampe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schloss die Augen und zählte laut bis zehn: „Eins. Zwei. Drei. Vier. Fünf. Sechs. Sieben. Acht. Neun. Zehn. Ich komme!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schnell ging ich zurück zum Badezimmer. Ich stieß die Tür auf, leuchtete mit dem Handy zur Wanne und ging darauf zu. Der Teddy war auf den Grund gesunken, weshalb ich den Ärmel hochkrempeln musste, ehe ich das tropfende Teil aus dem kalten Wasser zog.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt kam der nächste Part. „Mitsuketa!“, rief ich lauter als beabsichtigt: Ich habe dich gefunden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anschließend nahm ich ein Küchenmesser – das kleinste aus meinem Messerblock – von dem Glastisch neben der Wanne und stach damit auf den Teddy ein. Es gab ein matschiges Geräusch, während die Klinge auf den Stoff traf. Es entstanden kleine Löcher, durch die ein paar Reiskörner fielen. Damit soll man den Geist oder Dämon provozieren, der in diesem Moment bereits in dem Stofftier sein soll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Tsugi wa Herr von und zu Flausch ga Oni!“, rief ich. Als Nächstes ist Herr von und zu Flausch der Oni. „Tsugi wa Herr von und zu Flausch ga Oni! Tsugi wa Herr von und zu Flausch ga Oni!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich atmete schwer. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Wasser lief geräuschvoll aus dem Teddy in die Wanne. Ansonsten war es völlig still.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für einen Moment war ich wie erstarrt. Dann warf ich das Stofftier zurück in die Wanne, ließ das Messer klappernd auf die Fliesen fallen und rannte auf meinen Socken aus dem Badezimmer. Ich sprintete weiter ins Schlafzimmer, ehe ich mich in den Wandschrank stürzte und die Tür hinter mir zuschob.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Atem ging noch immer ungewöhnlich schnell. Ich blieb einige Sekunden völlig regungslos, ehe ich bemerkte, dass meine Handytaschenlampe noch immer an war. Mit unruhigen Fingern schaltete ich das Display ein, wischte hektisch zur Taschenlampenfunktion und schaltete sie ab. Scheiße! Wieso war ich so nervös? Es war doch nur ein Spiel.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt war es völlig dunkel um mich herum. Ich achtete auf jedes Geräusch. Aber abgesehen von dem statischen Rauschen des Fernsehers in der Ferne war da nur noch mein leiser Atem. Langsam beruhigte ich mich wieder. Alles war in Ordnung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich leuchtete mein Handydisplay auf. Ich zuckte zusammen. Leonie rief an. Sofort tippte ich auf den grünen Hörer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hey“, flüsterte Leonie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hi“, flüsterte ich zurück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Na? Wie siehts bei dir aus?“, fragte sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich bin in meinem Versteck.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich auch.“ An ihrer Aussprache konnte ich hören, wie sie grinste. Wie konnte sie nur immer so cool bleiben?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Also? Was meinst du?“, fragte ich. „Wie lange müssen wir warten, bis etwas passiert?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Leonie schien einen Moment zu überlegen. „Weiß nicht. Aber das Spiel darf maximal zwei Stunden dauern. Zuuu lange sollte es also nicht sein.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt musste auch ich grinsen. „Wir sollten also lieber hoffen, dass Annabelle und Herr von und zu Flausch von der langsamen Sorte sind. Wenn ich zwei Stunden hätte, um das ganze Haus zu durchsuchen, würde ich mich locker finden. Ich hock im Wandschrank. Wo hast du dich versteckt?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hörte ein belustigtes Schnaufen. „Hinter dem Sofa.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wow. Leonie war ja noch unkreativer bei ihrer Versteckwahl gewesen als ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir hockten noch eine Weile in unseren Verstecken und alberten im Flüsterton herum, während alles ruhig zu bleiben schien. Dann plötzlich brach Leonie jedoch mitten im Satz ab und sagte leise: „Schh! Ich glaub, da war was!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Angespanntes Schweigen. Bei mir im Haus war alles still. Trotzdem traute ich mich nicht, als erster etwas zu sagen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Scheiße! Auf dem Flur ist irgendetwas!“, flüsterte Leonie. Ihre Stimme war jetzt so leise, dass ich sie kaum hören konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meinte sie das ernst? War es vielleicht nur Einbildung? Oder wollte sie mich ärgern?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment hörte ich etwas, das sich nach einem umfallenden Wasserglas anhörte, das kurz darauf über Parkettboden rollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Scheiße!“, wiederholte Leonie lauter. Diesmal lag eindeutig Panik in ihrer Stimme.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz meinte ich, eine andere Person durch den Lautsprecher zu hören: „Mitsuketa!“ Es war einer der Sprüche, die ich auswendig gelernt hatte. Ich habe dich gefunden. Vorhin hatte ich es noch selbst zu Herrn von und zu Flausch gesagt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann brach am anderen Ende der Leitung Chaos aus. „Nein!“ Leonie entfuhr ein spitzer Aufschrei. Es folgte das Rascheln von Kleidung, panische bis schmerzerfüllte Rufe von Leonie und schließlich ein dumpfer Aufprall. Dann war wieder alles Still.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Leonie?“, fragte ich. Kurz vergaß ich zu flüstern. „Leonie?“, wiederholte ich dann wieder leiser.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber es kam keine Antwort. Stattdessen war der Anruf plötzlich beendet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn das ein Scherz war, ging Leonie definitiv zu weit! Schnell wählte ich sie wieder in meinen Kontakten aus. Es klingelte. Und klingelte. Und klingelte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hey, hier ist Leonie Siemens. Leider kann ich gerade nicht ans Telefon gehen. Versuchen Sie es später noch einmal oder hinterlassen Sie mir eine Nachricht.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schnell versuchte ich es erneut. Aber wieder nichts. Als ich sie gerade ein drittes Mal anrufen wollte, hörte ich jedoch selbst etwas in meinem Haus. Das statische Rauschen klang irgendwie anders. „Dominik.“ Hatte es gerade meinen Namen gerauscht? Aber nein, das musste ich mir einbilden. „Dominik, Dominik, Dominik.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich unterdrückte den Drang, mir die Ohren zuzuhalten. War das gerade eine Tür gewesen? Wahrscheinlich waren es nur die Nerven, die mit mir durchgingen. Andererseits hatte ich nicht vor, ein Risiko einzugehen. Ich griff nach der Flasche mit dem Salzwasser, drehte sie auf und nahm ein wenig der Flüssigkeit in den Mund.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort verzog ich das Gesicht. Ich hatte es mit dem Salz wirklich <em>sehr</em> gut gemeint.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem: Wenn man der Anleitung im Internet glauben durfte, sollte ich jetzt vor dem Geist oder Dämon in Sicherheit sein, der Herrn von und zu Flausch besetzt haben könnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Fast kam ich mir albern vor, während ich die Schranktür aufschob, das Salzwasser im Mund. Aber Leonie war nicht der Typ für solche geschmacklosen Scherze. Auch nicht an Halloween. Ich nahm das Ganze also gerade sehr ernst.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf leisen Sohlen schlich ich, die Handytaschenlampe in der einen Hand, die Flasche mit Salzwasser in der anderen, Richtung Badezimmer. Gegen das Licht der Taschenlampe konnte ich wenig tun – ansonsten würde ich wohl überall gegenlaufen. Außerdem wollte ich gerade nicht in völliger Dunkelheit sein. Aber ich war froh, dass ich sämtliche Türen offengelassen hatte. So konnte ich mich wenigstens geräuschlos durch das Haus bewegen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz vorm Badezimmer trat ich mit der Socke in etwas Nasses. Ich erstarrte. Vom Badezimmer zog sich eine Pfütze den Flur entlang. Wo kam das Wasser her?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schnell betrat ich das Badezimmer. Ich leuchtete zur Wanne. Herr von und zu Flausch war weg. Abgesehen vom Wasser und einigen Reiskörnern war die Badewanne leer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt setzte in mir Panik ein. Bis eben konnte ich mir noch einreden, dass es eine andere Erklärung für die seltsamen Phänomene gab. Aber ein Stofftier konnte nicht einfach von selbst aus einer Badewanne verschwinden. Zumindest nicht, ohne von einem Geist oder Dämon besessen zu sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Wasser schwappte in meinem Mund hin und her, während ich mich hektisch umsah. Aber natürlich war Herr von&nbsp;und zu Flausch nicht mehr im Badezimmer. Also ging ich weiter in den Flur. Ich musste ihn schnellstens mit dem Salzwasser übergießen und bespucken, um das Ritual zu beenden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich folgte der Spur aus Wasser. Bei näherer Betrachtung sah ich in unregelmäßigen Abständen Reiskörner darin liegen. Herr von und zu Flausch musste einiges an Strecke zurückgelegt haben. Die feuchte Spur führte ins Arbeitszimmer, von dort aus zurück in den Flur, ehe sie schließlich in der Küche so schwach wurde, dass man sie kaum noch erkennen konnte. Bisher hatte ich den Teddy jedenfalls nirgends gesehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit gerunzelter Stirn trat ich zurück in den Flur. Wo konnte er sein? Im Schlafzimmer war er eben jedenfalls noch nicht gewesen. Wenn er also nicht in den Keller gegangen war, blieb nur noch das Wohnzimmer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich spähte zu der offenen Tür. Noch immer hörte ich deutlich das Rauschen des Fernsehers. Zum Glück konnte ich jetzt keine Stimmen mehr darin hören. Mit leisen Schritten ging ich darauf zu. Als ich nahe genug war, schaltete ich vorsichtshalber sogar die Taschenlampe aus und steckte das Handy weg.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Fernsehbild warf ein schwach flackerndes Licht ins Wohnzimmer. Und direkt davor auf dem Teppich stand eine kleine Gestalt. Herr von und zu Flausch stand auf beiden Beinen, das kleine Küchenmesser am Ende seines linken Arms, wo es auf übernatürliche Weise festhielt. Ich hatte ihn gefunden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für einen Moment zögerte ich. Dann nahm ich all meinen Mut zusammen und ging auf das Ding zu. Dabei spürte ich, wie mein Magen sich zusammenkrampfte. Alles in mir schrie danach, mich von dem Teddy fernzuhalten. Aber das durfte ich nicht. Ich musste das Ritual beenden!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war unmöglich, zu sagen, ob er mich bemerkt hatte. Ich hatte keine Ahnung, wie genau mich das Salzwasser in meinem Mund vor ihm schützen würde. Im Moment stand er jedenfalls völlig reglos da.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„DOMINIK!“, schrie plötzlich eine Stimme aus dem Fernseher.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich stolperte erschrocken zurück, verschluckte mich an dem Salzwasser und … schluckte es versehentlich hinunter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit geweiteten Augen starrte ich nun den Teddy an. Noch hatte er sich nicht bewegt. Also griff ich langsam nach dem Deckel der Salzwasserflasche, um sie aufzudrehen. Sobald sich meine Hand jedoch bewegte, brach die Hölle los.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mitsuketa!“, schrie plötzlich eine zierliche Stimme. Gleichzeitig setzte sich Herr von und zu Flausch in Bewegung. Er rannte auf mich zu, sprang in die Luft und schnitt mir mit dem Messer ins Schienbein. Das wiederum sorgte dafür, dass ich noch weiter zurückwich. Ich stolperte, kam ins Straucheln und fiel rücklings zu Boden. Mein Kopf knallte auf das Parkett.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber ich gab mir keinen Moment, mich zu erholen. Obwohl sich alles drehte, griff ich wieder nach der Flasche, die ich noch immer in der Hand hielt. Zum Glück hatte ich sie noch nicht aufdrehen können, sodass sie nicht ausgelaufen war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch auch Herr von und zu Flausch zögerte keine Sekunde. Er rannte weiter auf mich zu, sprang auf mein linkes Bein und lief darauf entlang. Dabei hackte er wie in Raserei um sich. Schmerz zuckte durch mein Bein und ich spürte, wie sich die Hose schnell mit einer warmen Flüssigkeit vollsog.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zum Glück arbeitete mein Hirn auf Hochtouren. Statt zu versuchen, den wahnsinnigen Teddy abzuwehren, drehte ich die Flasche auf. Ich führte sie an die Lippen und nahm einen Schwall der salzigen Flüssigkeit in den Mund.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Herr von und zu Flausch hatte inzwischen meinen Bauch erreicht. Mit der Spitze nach unten hob er das Messer und … erstarrte. In dem Moment, wo ich das Salzwasser im Mund hatte, hörte er auf, sich zu bewegen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich atmete schwer, musste den Drang unterdrücken, zu schlucken. Stattdessen rappelte ich mich auf, schlug den Teddy von mir, als wäre er eine große Spinne – natürlich darauf bedacht, nicht ins Messer zu fassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er flog einen halben Meter durch den Raum und landete auf dem Rücken, das Messer noch immer über den Kopf erhoben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort schüttete ich die restliche Flüssigkeit aus der Flasche über ihn. Das Stofftier wurde schlaff, ließ sogar das Messer fallen. Zu guter Letzt bespuckte ich ihn mit der Flüssigkeit aus meinem Mund.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Watashi no Kachi!“, rief ich. Ich gewinne. „Watashi no Kachi! Watashi no Kachi!“ Aber ich fühlte mich nicht, als hätte ich gewonnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch wenn der Teddy sich daraufhin nicht mehr bewegte, nahm ich ihn und legte ihn in eine Bratpfanne. Ich übergoss ihn mit Brandbeschleuniger und zündete ihn an. Ich sah dabei zu, wie sein kleiner unscheinbarer Körper von den Flammen zerfressen wurde. Erst, als er fast nur noch aus Asche bestand, löschte ich die Glut und kümmerte mich um meine Wunden. Es waren viele, aber zum Glück waren sie nicht sonderlich tief.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dabei wählte ich wieder und wieder Leonies Nummer in meinem Smartphone aus. Sie ging nicht ran. Aber ich wusste bereits, was passiert war. Annabelle hatte sie getötet. Ein Verdacht, der sich bereits am nächsten Tag bestätigte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber das war noch nicht alles: Von Annabelle, der Mörderin meiner besten Freundin, fehlte jede Spur.</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Das Ritual:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Hitori Kakurenbo (ひとりかくれんぼ, Japanisch für „eine Person Versteckspiel“ oder „allein Versteckspielen“), im westlichen Raum auch unter der englischen Übersetzung „Hide and Seek Alone“ bekannt, ist eine <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden">urbane Legende</a> aus Japan. Dabei handelt es sich um ein Ritual, bei dem eine Stoffpuppe oder ein Stofftier von einem <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister">Geist</a> oder einem <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/daemonen">Dämon</a> besessen wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Ritual ist auch in Korea sehr beliebt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Anleitung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Hinweis: Ich rate dringend davon ab, übernatürliche Rituale durchzuführen. Der Kontakt zur Geister- oder Dämonenwelt kann schwerwiegende Folgen mit sich bringen!</strong></p>



<h4 class="wp-block-heading">Vorbereitung:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Du benötigst:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>eine Puppe aus Stoff oder ein Stofftier mit Gliedmaßen</li>



<li>ungekochten Reis</li>



<li>eine Nadel und roten Faden</li>



<li>einen spitzen Gegenstand <em>(es wird empfohlen, einen Bleistift, eine Nadel oder einen Zahnstocher zu nehmen, auch wenn du theoretisch auch ein Messer oder eine Schere nehmen kannst)</em></li>



<li>abgeschnittene Finger- oder Fußnägel von dir selbst (<em>es sind auch andere körpereigene Materialien wie Haare, Blut oder Hautschuppen möglich, aber damit soll das Ritual gefährlicher werden)</em></li>



<li>ein Glas oder eine Flasche mit Salzwasser</li>



<li>eine mit Wasser gefüllte Badewanne oder ein gefülltes Waschbecken (<em>darüber, ob auch ein gefüllter Eimer oder eine Wäscheschüssel funktionieren, habe ich geteilte Meinungen gelesen</em>)</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph">Zuerst musst du dem Stofftier einen Namen geben, falls es noch keinen hat. Ich würde allerdings davon abraten, ein Stofftier zu nehmen, an dem dir etwas liegt, da man das Stofftier nach dem Ritual vernichten muss.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schneide das Stofftier auf, entferne die Watte und ersetze sie vollständig mit dem ungekochten Reis. Leg die Finger- oder Fußnägel (oder für was auch immer du dich sonst entschieden hast) hinein und vernähe den Schnitt mit dem roten Faden. Wickel den restlichen roten Faden um das Stofftier und knote ihn zusammen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nun solltest du dich für ein Versteck entscheiden. Ich empfehle, dass du dort auch bereits das Glas oder die Flasche mit dem Salzwasser deponierst.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Ablauf:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Das Ritual beginnt um 3 Uhr morgens. Nimm das Stofftier und sag zu ihm dreimal: „最初の鬼は(dein Name)だから“ („Saisho no Oni wa <em>dein Name</em> da kara“, auf Deutsch etwa: „Weil <em>dein Name</em> der erste Oni ist.“ – In Japan werden die Suchenden beim Versteckspielen als „<a href="https://www.geister-und-legenden.de/oni">Oni</a>“ bezeichnet.)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Danach musst du mit dem Stofftier ins Badezimmer gehen und es in die gefüllte Wanne (oder das gefüllte Waschbecken) legen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schalte nun alle Lichter im Haus aus und den Fernseher ein. Der Fernseher darf allerdings kein Programm anzeigen (im besten Fall sollte er Bildrauschen darstellen).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn du damit fertig bist, schließe die Augen und zähle bis zehn.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt musst du ins Badezimmer gehen und mit dem spitzen Gegenstand auf das Stofftier in der Wanne einstechen, während du sagst: „見つけた“ („Mitsuketa“, „Ich habe dich gefunden“). Anschließend musst du dreimal „次は(Name des Stofftiers)が鬼“ („Tsugi wa <em>Name des Stofftiers</em> ga Oni“, „Als Nächstes ist <em>Name das Stofftiers</em> der Oni!“) sagen, ehe du dich in deinem Versteck mit dem Salzwasser versteckst. (Was genau du mit dem spitzen Gegenstand machen sollst, nachdem du das Stofftier damit gestochen hast, geht nicht aus der verbreiteten Anleitung hervor. Viele Leute lassen es bei dem Stofftier liegen, damit es nun sie damit sie jagen kann.)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ab jetzt kann es passieren, dass das Stofftier sich bewegt, um dich zu suchen, während weitere paranormale Phänomene passieren. Um welche Phänomene es sich genau handelt, kann von Erzählung zu Erzählung variieren. Es ist aber u. a. von Poltergeistphänomenen und Geräuschen, Stimmen oder Gesichtern im Fernsehrauschen die Rede.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es sollte an dieser Stelle natürlich klar sein, dass das Stofftier dich auf keinen Fall finden darf, da du sonst in Lebensgefahr schwebst oder der Geist bzw. Dämon von dir Besitz ergreifen können soll.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Hitori Kakurenbo beenden:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Um das Spiel zu beenden, musst du nun einen Schluck Salzwasser in den Mund nehmen. Achte aber darauf, dass du ihn die ganze Zeit im Mund behältst und nicht herunterschluckst oder ausspuckst.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nun musst du dich auf die Suche nach dem Stofftier machen, das restliche Salzwasser aus dem Becher oder der Flasche darauf gießen und das Wasser aus deinem Mund darüber spucken. Sag nun dreimal laut: „私の勝ち“ („Watashi no Kachi“, „Ich gewinne“).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Geist oder Dämon sollte das Stofftier nun verlassen haben. Da er jedoch zurückkehren könnte, solltest du das Stofftier schnellstmöglich vernichten, indem du es verbrennst.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch wenn du alles korrekt durchführst, soll es jedoch passieren können, dass du nach dem Spiel krank wirst oder paranormale Phänomene erlebst.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Alternative Version:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">In einer anderen Version dient das Stofftier hauptsächlich als Objekt für die Beschwörung. Der Geist oder Dämon ist zwar in gewisser Weise daran gebunden und es soll trotzdem passieren können, dass das Stofftier sich bewegt, er kann sich aber unabhängig von ihm durch das Haus bewegen. In dieser Version versucht also der Geist oder Dämon in seiner eigenen Gestalt (nicht als Stofftier) die Durchführenden zu finden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Um das Ritual zu beenden, musst du auch in dieser Version das Stofftier suchen, mit dem Salzwasser übergießen und bespucken, dreimal sagen, dass du gewonnen hast, und es anschließend verbrennen.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Weitere Regeln:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Zu den weiteren Regeln gehören, dass du während des gesamten Rituals allein im Haus sein musst (es sollten auch keine Haustiere da sein). Man darf das Ritual also nicht mit mehreren Personen durchführen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Lichter müssen die ganze Zeit über ausgeschaltet bleiben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Du darfst während des Rituals auf keinen Fall einschlafen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Verlass nicht das Haus, während das Ritual noch im Gange ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und besonders wichtig: Das Versteckspiel darf niemals länger als 2 Stunden andauern. Ansonsten läufst du Gefahr, dass der Dämon oder Geist zu mächtig wird und sich nicht mehr so leicht vertreiben lässt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die urbane Legende soll ursprünglich aus der Kansai- und der Shikokuregion in Japan stammen. Es gibt Gerüchte, dass Hitori Kakurenbo als Experiment in einer japanischen Universität entstanden sei, mit dem man herausfinden wollte, wie gut sich urbane Legenden verbreiten können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es heißt außerdem, dass Hitori Kakurenbo mit dem Kokkuri-san Ritual zusammenhänge, einem alten japanischen Ritual, dass der Geisterbeschwörung mit einem Ouija-Brett ähnelt. Den genauen Zusammenhang habe ich nicht herausfinden können. Ich kann mir aber vorstellen, dass, sollte die Theorie mit dem Universitätsexperiment stimmen, das Kokkuri-san Ritual nur erwähnt wurde, um der Legende mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jedenfalls wurde am 18. April 2007 erstmals eine detaillierte Anleitung des Hitori-Kakurenbo-Rituals auf der japanischen Website 2chan gepostet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zahlreiche Leute haben das Ritual daraufhin ausprobiert, auf 2chan davon berichtet und es teilweise auch gefilmt. Die anderen Leute, die davon gelesen oder die Videos gesehen haben, haben es wiederum selbst ausprobiert und ihre Erfahrungen ins Netz gestellt, woraufhin weitere Leute diese Erfahrungen gelesen haben usw.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So hat sich das Ritual recht schnell verbreitet und es bald über die Landesgrenzen geschafft. Bereits im Herbst 2008 soll Hitori Kakurenbo in Amerika angekommen sein. Von dort aus hat es sich schließlich in die weitere westliche Welt verbreitet.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Hitori Kakurenbo in der Popkultur:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Auf YouTube und ähnlichen Plattformen gibt es zahlreiche Videos über Leute aus allen möglichen Ländern, die Hitori Kakurenbo durchführen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem gibt es die japanische Horrorfilmreihe „Hitori Kakurenbo Gekijōban“ (Japanisch für „Allein Versteckspielen: Der Film“, 2009), „Hitori Kakurenbo Shin Gekijōban“ („Allein Versteckspielen: Der neue Film“, 2010) und „Hitori Kakurenbo Gekijōban Shin Toshidensetsu“ (Allein Versteckspielen: Der Film – wahre urbane Legende“, 2012) sowie den alleinstehenden Film „Hitori Kakurenbo“ (2008), die das Ritual aufgreifen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">2010 kam sogar von der berühmten virtuellen Sängerin Hatsune Miku das gleichnamige Lied „ひとりかくれんぼ“ (Hitori Kakurenbo) heraus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darüber hinaus gibt es einige Videospiele über die Legende, z. B. das Smartphonegame „Alone Hide and Seek“ für iOS und Android, das Multiplayerhorrorspiel „Hitori Kakurenbo Online“ (es befindet sich jedoch im Early Access und wurde seit 18 Monaten nicht geupdatet) sowie diverse weitere Spiele, die ihr unter den Namen „Hide and Seek Alone“ und „Hitori Kakurenbo“ auf itch.io finden könnt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von Hitori Kakurenbo? Kanntet ihr das Ritual bereits? Habt ihr es vielleicht schon einmal selbst durchgeführt oder würdet es gerne versuchen? Schreibt es in die Kommentare!</em> </p>


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<p class="wp-block-paragraph"></p>
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		<title>Selkies – Sie wollen zurück ins Meer</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 22 Sep 2025 13:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Ich betrachtete die Narben, die zwischen meinen Fingern hervorblitzten. Laut meinen Eltern stammen sie von einem Gendefekt. Ich hätte eine Mutation gehabt, die meine Hände entstellt habe. Aber für mich sah das anders aus. Die Narben waren zu gleichmäßig. Sie waren an der Innenseite all meiner Finger und sogar meiner Zehen. Es sah eher danach aus, als hätte ich bei meiner Geburt Schwimmhäute gehabt, die mir wegoperiert wurden …</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg02.met.vgwort.de/na/c4efa1fc809e45aa8779f129ea03e064" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Selkies sind zur Abwechslung mal <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer">Wesen</a>, die überhaupt nicht gruselig sind. Trotzdem finde ich diese schottischen Meereswesen unglaublich faszinierend. Ich hoffe, sie gefallen euch ebenfalls!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Lesen!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen (Achtung Spoiler!) </strong></summary>
<p>&#8211; Mobbing<br>
&#8211; Trauer</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Tag begann wie jeder andere. Nichts deutete darauf hin, dass ich an diesem Tag einen Menschen verlieren sollte, der mir so unglaublich viel bedeutete …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich saß in meiner Klasse. Unsere Englischlehrerin war noch nicht da, weshalb die anderen Schüler um mich herum noch schrien, lachten und rumalberten. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie zwei Schülerinnen eine Federtasche hin und herwarfen. Wem sie gehörte, wusste ich nicht. Aber das war mir eigentlich auch egal.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Stattdessen starrte ich auf meine Hände. Ich betrachtete die Narben, die zwischen meinen Fingern hervorblitzten. Laut meinen Eltern stammen sie von einem Gendefekt. Ich hätte eine Mutation gehabt, die meine Hände entstellt habe. Aber für mich sah das anders aus. Die Narben waren zu gleichmäßig. Sie waren an der Innenseite all meiner Finger und sogar meiner Zehen. Es sah eher danach aus, als hätte ich bei meiner Geburt Schwimmhäute gehabt, die mir wegoperiert wurden …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und das war nicht das Einzige, das mich mit dem Ozean verband. Ich war der Sohn eines Fischers. Seit mein Dad klein war, hatte er meinen Opa auf seinem Fischerboot begleitet, bis er irgendwann in seine Fußstapfen getreten war und den alten Kutter von ihm übernommen hatte. Er hatte schon immer eine enge Beziehung zum Meer gehabt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war jedoch nichts im Vergleich zu meiner Mum. Sie fuhr nicht mit Dad auf seinem Boot raus. Sie badete sogar nur selten im Ozean. Aber ihr müsstet sie mal sehen, wenn sie draußen auf der Veranda steht und aufs Meer hinausblickt. Die Sehnsucht in ihren Augen, die Überwindung, die es sie kostet, um ihre Augen von dem tiefen Blau abzuwenden. Es war, als wäre sie von der See besessen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber es gab eine Erklärung dafür. Für ihr Verhalten und sogar für meine Schwimmhäute. Es war ein Verdacht, den ich noch nie laut ausgesprochen hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hey, Fischfresse!“, riss mich eine Stimme aus meinen Gedanken. „Sitzt du ganz allein hier? Hat dein einziger Freund jetzt auch endlich erkannt, was du für ein Versager bist?“ Im nächsten Moment traf mich ein unsanfter Schlag am Hinterkopf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich starrte dabei weiter angespannt auf meine Hände und versuchte, Angus zu ignorieren. Er war der größte Bully aus unserer Klasse. Und das meine ich wörtlich. Er überragte die meisten anderen Schüler, mich eingeschlossen, um mindestens einen Kopf. Und zu meinem Pech hatte er mich auf dem Kieker, seit ich angeblich seine Beziehung ruiniert hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es hatte damit angefangen, dass wir in die weiterführende Schule gekommen waren. Damals war Angus mit Ellie zusammen gewesen, einem Mädchen aus unserer Klasse. In den ersten Wochen wurde mir jedoch klar, dass Ellie heimlich ein Auge auf mich geworfen hatte. Eins hatte zum anderen geführt, bis Angus schließlich voller Eifersucht mit ihr Schluss gemacht hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dabei war das nicht meine Schuld gewesen. Oder zumindest nicht meine Absicht. Ich hatte keinerlei Annäherungsversuche gegenüber Ellie unternommen, ihr sogar gesagt, dass ich kein Interesse an ihr hatte. Aber es hatte nichts gebracht. Und so folgten bisher drei Jahre voller Terror, in denen ich nichts anderes tun konnte, als Angus‘ Schikanen auszusitzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hey! Callum! Hat dir deine Mommy nicht beigebracht, dass du antworten sollst, wenn jemand mit dir spricht?“, fuhr Angus mich an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich konnte ein Zusammenzucken nicht unterdrücken. Er stand noch immer hinter mir. Der erwartete Schlag, der erneute Schmerz an meinem Hinterkopf blieb jedoch aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wenn du dich mit jemandem anlegen willst“, hörte ich eine andere Stimme, „such dir jemanden in deiner Größe.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erleichtert atmete ich auf. Da stand Liam und hielt Angus‘ zum Schlag ausgeholte Hand fest. Er zwinkerte mir zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment befreite Angus seine Hand mit einem Ruck. Er funkelte mich an. „Nächstes Mal, Fischfresse“, sagte er nur, ehe er weiter zu seinem Platz ging.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Liam kam einen Schritt näher. Er legte seine Hand auf meine Schulter. „Mach dir nichts draus, Callum. Angus ist ein Arsch.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich widerstand dem Drang, nach seiner Hand zu greifen. Nicht hier. Die anderen durften nichts von uns wissen. Stattdessen lächelte ich ihn schief an „Danke. Aber das wusste ich schon vorher.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment zog er seinen Stuhl zurück und setzte sich neben mich. „Wie sieht es eigentlich mit unseren Wochenendplänen aus? Steht das Zelten noch?“, fragte er neugierig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Fast sofort spürte ich, wie mein Lächeln wärmer wurde. „Meine Eltern sind einverstanden“, erklärte ich. „Ich muss nur unser altes Zelt wiederfinden. Aber das bekomm ich schon hin.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein ganzes Wochenende. Nur Liam und ich. Zwei Tage, an denen wir nicht aufpassen mussten, ob uns jemand sieht, wenn wir Händchen hielten. Wir mussten uns keine Gedanken machen, wenn wir abends zusammen im Gras lagen und den Sternenhimmel beobachteten. Uns nicht vorher umsehen, wenn wir einander einen flüchtigen Kuss geben wollten.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der restliche Schultag verlief ruhig. Zwar sah ich einige Male, wie Angus mir verächtliche Blicke zuwarf, aber da Liam mir nicht mehr von der Seite wich, ließ er mich in Ruhe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als die Glocke schließlich das Ende der letzten Stunde ankündigte, beeilte ich mich, meine Sachen zu packen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wir sehen uns morgen“, sagte ich zu Liam.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Schreib mir, wenn was dazwischenkommt oder du das Zelt nicht findest“, erwiderte er. „Ansonsten hol ich dich um Punkt 10 ab.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich grinste. „Ich schreib dir auch, wenn mir nichts dazwischenkommt“, erklärte ich. Danach berührte ich ihn sanft an der Schulter – die intimste Berührung, die ich mir in der Schule erlaubte –, ehe ich zum Bus rennen musste.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach einer ruhigen Busfahrt, bei der ich hauptsächlich Musik gehört hatte, und etwa drei Minuten Fußweg näherte ich mich unserem Haus. Es stand in Küstennähe und ich konnte von der Straße aus bereits das Rauschen der Wellen hören. Ein schwacher Geruch nach Meerwasser stieg mir in die Nase und ich spürte, wie mich ein wohliger Schauer überkam. Ich liebte den Strand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz darauf sah ich, dass auch Mum wieder auf der Veranda stand und auf das Meer hinaus starrte. Sie tat das häufig. Eigentlich fast täglich, wenn das Wetter gut war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hey Mum“, begrüßte ich sie. „Bin wieder da.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber Mum reagierte nicht. Es wirkte nicht so, als hätte sie mich bemerkt, obwohl ich laut genug gesprochen hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Genau das meinte ich. Es war, als wäre sie in ihrer eigenen kleinen Welt gefangen. In diesen Momenten gab es nur sie und das Meer. Natürlich könnte das eine Form von Autismus sein oder irgendetwas Ähnliches, aber ich hatte etwas anderes im Verdacht. Etwas anderes, das noch so viel mehr erklären würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hier in Schottland gibt es alte Legenden von den sogenannten Selkies – Schottisch für „Robben“. Und genau das waren sie auch. Bei den Selkies soll es sich um große Robben handeln, die manchmal ihr Fell abstreifen, um als Menschen an Land zu wandeln. Wenn sie nun ihr Fell verloren oder es gestohlen wurde, waren sie dazu verdammt, auf ewig Menschen zu bleiben. Es heißt aber, dass sie die tiefe Sehnsucht nach der See, ihrem wahren Zuhause, nie verlieren sollen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und ja, ich weiß, wie das klingt. Mit 15 sollte man nicht mehr an solche Märchen glauben. Am Anfang war es auch bloß eine alberne Idee gewesen, die ich selbst für bescheuert gehalten hatte. Je mehr ich über die Selkies gelesen hatte, desto mehr erinnerten mich die Erzählungen jedoch an Mum. Als ich dann auch noch erfuhr, dass die Kinder von Selkies oft Schwimmhäute zwischen Fingern und Zehen haben … Seit jenem Tag betrachte ich meine Theorie jedenfalls als reelle Möglichkeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich ertappte mich dabei, wie ich wieder meine Narben musterte. Also ließ ich die Hände wieder sinken. Mum hatte mich noch immer nicht bemerkt und ich wollte sie nicht aus ihren Gedanken reißen, also ging ich weiter ins Haus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich bin wieder da!“, rief ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz darauf steckte Dad seinen Kopf aus dem Wohnzimmer. „Hi Callum“, grüßte er durch seinen vollen Bart. „Wie war die Schule?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„So wie immer“, antwortete ich vage.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Und Liam?“, fragte er weiter. „Wie geht es ihm? Freust du dich schon auf morgen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei dem Gedanken an meinen Freund musste ich sofort lächeln. „Ihm gehts gut. Und ja. Das tu ich. Apropos … Weißt du zufällig, wo unser Zelt ist? In der Garage konnte ich es gestern nicht finden.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dad überlegte einen Moment. „Puh. Es ist schon ewig her, dass wir das benutzt haben. Vielleicht liegt es auf dem Dachboden? Ich kann aber nicht versprechen, dass es nicht inzwischen völlig von Motten zerfressen ist.“ Er lächelte verspielt und zwinkerte mir zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Gesichtsausdruck musste daraufhin so entsetzt gewesen sein, dass Dad lachen musste. Er kam zu mir und wuschelte mir durch die Haare. „Keine Sorge. Wenn das Zelt wirklich kaputt ist, fahre ich persönlich morgen früh in die Stadt und hol dir ein neues. Oder wenn du es nicht finden kannst. Ihr könnt euren kleinen Abenteuerurlaub auf jeden Fall machen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt strahlte ich. „Danke Dad“, sagte ich und gab ihm eine flüchtige Umarmung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„In zwei Stunden gibt es Essen!“, rief er mir nach, während ich auf den Dachboden rannte.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf dem Dachboden roch es nach Staub. Nein, es roch nicht nur danach. Im schwachen Licht, das durch ein einzelnes Fenster fiel, sah ich die Staubpartikel durch die Luft tanzen. Und auch die Möbel, Kisten und anderen Dinge hier oben waren alle von einer dicken Staubschicht bedeckt. Ich war ewig nicht hier oben gewesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Neugierig sah ich mich um. Mein Blick fiel auf einen in sich zusammengesackten Fußball, auf dem das ausgeblichene Gesicht einer Cartoonkatze war. Auch er war von Staub bedeckt. Trotzdem weckte er bei mir sofort Erinnerungen. Meine Eltern hatten ihn mir geschenkt, als ich noch nicht einmal in der Schule war. Wie viele Nachmittage wir ihn hin und her gekickt hatten. Mein Dad hatte extra schlecht gespielt, damit ich überhaupt ein Tor schießen konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder merkte ich, dass ich lächelte, während ich meinen Blick weiterwandern ließ. Hier oben waren so viel Dinge – mir bekannte und unbekannte. Einige mussten von meinen Großeltern stammen. Alte schwarz-weiß Fotos auf einem uralt aussehenden Tisch. Andere von Dad oder von mir. Nur von Mum schien hier nicht wirklich etwas zu liegen. Auch ihre Eltern oder andere Familienmitglieder hatte ich nie kennengelernt. Es gab nicht einmal Fotos von ihnen. Wieder musste ich an meine Selkie-Theorie denken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schüttelte den Kopf. Deswegen war ich nicht hier. Wenn ich vor dem Essen noch irgendetwas erreichen wollte, musste ich mich an die Arbeit machen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem ich grob alles überflogen hatte, ohne dabei etwas zu finden, dass nach einem Zelt aussah, nahm ich mir die Kisten vor. In vielen von ihnen war Ramsch – altes Geschirr, Zeitschriften, aussortierte Wäsche. Ich ignorierte sie. Bei anderen hingegen fiel es mir weniger leicht, sie beiseitezuschieben. In ihnen lagen hauptsächlich alte Dinge von mir. An einer Kiste mit alten Spielsachen und Kuscheltieren verschwendete ich bestimmt eine Viertelstunde, obwohl von vornerein klar war, dass das Zelt nicht darin liegen würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch fand ich Dads alte Angelausrüstung. Sie lag auf einer unbeschrifteten Kiste. Auch hier schwelgte ich in Erinnerungen. Es war Jahre her, dass Dad und ich angeln waren. Warum auch? Fische fangen war immerhin sein Beruf. Da wollte er in seiner Freizeit sicherlich etwas anderes machen. Ich erinnerte mich an ein Lagerfeuer, über dem wir einen viel zu kleinen Fisch gebraten hatten – den einzigen Fisch, den ich an jenem Tag selbst gefangen hatte. Dad hatte mir geholfen, die Gräten zu entfernen, damit ich ihn essen konnte, ehe wir … zurück ins Zelt gegangen waren! Der Angelausflug war ein Campingtrip gewesen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hastig räumte ich die Angelausrüstung beiseite, um an die Kiste zu kommen. Vielleicht war ich dabei etwas unvorsichtig – die Ausrüstung fiel mir mit lautem Gepolter aus der Hand –, aber das war mir gerade egal. Sobald die Kiste frei war, klappte ich die obere Pappe beiseite. Darin lag … etwas Graues, Flauschiges. Unsicher griff ich danach. Es war eine Art dichter, weicher Stoff. Ich holte es aus der Kiste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz darauf lag die Robbenhaut ausgebreitet vor mir auf dem Boden. Sie war grau, mit dunklen Flecken und einem auffälligen hellen Muster in der Mitte – etwa dort, wo der Rücken der Robbe gewesen sein musste. Außerdem war es ungewöhnlich groß.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Selkies können ihr Robbenfell abstreifen, um als Menschen an Land zu wandeln“, murmelte ich. Konnte es sein? War das Mums Fell?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Gedanken kreisten. Sie wirbelten umher und überschlugen sich. Nehmen wir an, dass Mum tatsächlich eine Selkie ist. Warum lag ihr Fell dann auf dem Dachboden? Soweit ich mich erinnerte, hieß es, dass Selkies immer nach kurzer Zeit ins Wasser zurückgekehrt sind. Außer sie haben ihr Fell verloren. Oder es wurde gestohlen. Aber warum lag es dann hier oben. Dad würde doch nie …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurzerhand packte ich das schwere Fell und ging damit zurück ins Wohnzimmer. Meine Schritte stapften laut über die Holztreppe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Dad? Dad, was ist das?“, stellte ich ihn zur Rede.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst sah er neugierig auf. Dann weiteten sich jedoch seine Augen und er sah flüchtig zum Fenster. „Pack das weg“, flüsterte er leise. „Mum darf es nicht sehen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also war es wahr? „Warum nicht?“, hakte ich nach.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Es ist … Es ist ein Geschenk“, sagte er. Ich erkannte die Lüge sofort. Dad war noch nie ein guter Lügner gewesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ist Mum eine Selkie?“, fragte ich also direkt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Daraufhin klappte Dads Mund auf. Es kam aber kein Ton heraus. Er schloss und öffnete ihn wieder. Er sah aus wie ein Fisch, den man an Land geholt hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das reichte mir als Antwort. Also rannte ich weiter Richtung Haustür. Wenn das Mums Fell war, musste sie wissen, dass es im Haus lag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Callum! Warte!“, rief Dad, während er mir nachstürzt. Aber er war zu langsam. Ich war bereits nach draußen auf die Veranda getreten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dort stand Mum. Sie wandte die Augen vom Ozean ab – wahrscheinlich um zu sehen, was der Tumult sollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als sie mich sah, erstarrte sie. Oder besser gesagt als sie das Fell in meinen Händen sah. Ihre weit aufgerissenen Augen waren starr darauf gerichtet. Ungläubig tat sie einen Schritt auf mich zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich kenne dein Geheimnis, Mum“, sagte ich leise, während ich das Robbenfell hochhielt. Ich spürte, wie sich ein Kloß in meinem Hals bildete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt hatte auch Dad die Tür erreicht. „Selene, ich … Ich kann es erklären!“, sagte er schnell.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch Mum beachtete ihn gar nicht. Sie trat weiter auf mich zu, streckte die Hand nach dem Fell aus, zögerte dann jedoch. Ihre Hand griff stattdessen nach meiner Wange. Ihre dunklen Augen sahen tief in meine. „Und ich kenne dein Geheimnis“, sagte sie ruhig. „Dad und ich sehen doch, wie Liam und du einander anseht. Wir wissen es. Und wir freuen uns für euch.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt lächelte sie. Ich stand bloß da, spürte, wie mir heiß und kalt gleichzeitig wurde. „Ich … Wir …“, stammelte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mum streichelte meine Wange. „Es ist in Ordnung“, sagte sie sanft. Jetzt sah sie auch zu Dad. Auch ihn lächelte sie an. „Ich liebe euch.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann griff sie nach dem Fell, warf es sich über die Schultern und rannte den kleinen Abhang zum Strand hinunter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dad stürzte ihr sofort nach. „Selene! Selene!“, brüllte er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich blieb auf der Veranda stehen, sah dabei zu, wie Mum in die Wellen rannte und elegant wie eine Robbe darin verschwand. Nein. Nicht <em>wie</em> eine Robbe. <em>Als</em> Robbe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dad versuchte noch eine Weile, sie einzuholen, ehe er aufgab und völlig durchnässt aus dem Wasser stapfte. Er sackte am Strand in sich zusammen und weinte. Auch ich weinte jetzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war das letzte Mal, dass ich Mum gesehen habe. Zumindest in ihrer menschlichen Gestalt. Aber oft, wenn ich mit Liam am Strand bin, oder mit Dad auf seinem Kutter, kann ich unweit im Wasser eine Robbe entdecken. Eine Robbe mit einem auffällig hellen Muster auf ihrem Rücken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn ihr mich fragt, ob ich bereue, Mum ihr Fell wiedergegeben zu haben, so kann ich nur sagen, dass es das Richtige war. Klar, ich vermisse sie, aber sie ist ein Wesen des Meeres. Niemand sollte sie an Land gefangen halten. Auch nicht aus Liebe. Und ich denke, das hat auch Dad inzwischen eingesehen.</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Selkies (Schottisch für „Robben“), auch Silkies, Sylkies oder Selchies geschrieben, sind Wesen der keltischen Mythologie. Es handelt sich bei ihnen um Robben, die ihre Haut ablegen und sich so in Menschen verwandeln können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Oft werden sie als keltische Version der Meerjungfrauen-Legende bezeichnet.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In den meisten Geschichten sind sie weiblich, es gibt aber auch <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden">Legenden</a> über männliche Selkies.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie bereits erwähnt sind sie Gestaltwandler. In ihrer Robbenform sehen sie wie normale Robben aus. Es handelt sich dabei aber normalerweise um größere Arten als z. B. die in Deutschland heimische Kegelrobbe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Menschengestalt hingegen werden sie als besonders schön und anmutig beschrieben. Man sagt, dass sich Menschen aufgrund ihres Aussehens sehr schnell in Selkies verlieben können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Oft heißt es auch, dass sie dunkle Haare und/oder dunkle Augen hätten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die meiste Zeit sollen die Selkies in ihrer Robbengestalt im Meer verbringen. Es kommt jedoch vor, dass sie ihre Robbenhaut ablegen und sich so in einen Menschen verwandeln. In diesem Zustand müssen sie jedoch gut auf ihre Robbenhaut achtgeben. Wenn sie sie verlieren oder sie gestohlen wird, können sie sich nicht mehr in eine Robbe zurückverwandeln, bis sie ihre Haut wiederhaben. In diesem Zustand sollen sie sich intensiv nach dem Meer sehnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie oft bzw. wann sie ihr Robbenfell ablegen können, um sich zu verwandeln, kann je nach Version variieren. So heißt es manchmal, sie können sich nach Belieben verwandeln, andere Male heißt es hingegen, es ginge nur jede siebte oder neunte Nacht, nur bei Vollmond, nur einmal im Jahr (z. B. zur Sommersonnenwende) oder gar nur alle sieben Jahre.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den meisten Geschichten, die von weiblichen Selkies handeln, stiehlt ein Mann das Fell der Selkie, um sie dazu zu zwingen, an Land zu bleiben. Entweder wird die Selkie dadurch an den Mann gebunden oder sie weiß nicht, dass er das Fell besitzt. So oder so gehen die beiden daraufhin oft eine Beziehung ein. In den meisten Fällen heiraten sie und bekommen sogar Kinder. Irgendwann findet die Selkie das Robbenfell, woraufhin sie es überstreift und als Robbe ins Meer zurückkehrt. Im Normalfall kommt sie nie wieder zu ihrem Mann zurück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Kinder von Selkies haben oft Schwimmhäute zwischen den Fingern und Zehen. Auch sollen sie häufig weitere Eigenschaften wie z. B. die Schönheit oder eine Sehnsucht nach dem Meer von ihrem Selkie-Elternteil erben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einigen eher seltenen Legenden habe ich auch davon gelesen, dass Selkies das Wetter kontrollieren und somit Stürme heraufbeschwören können.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Männliche Selkies:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Die Eigenschaften der männlichen Selkies sind an sich identisch mit denen der weiblichen, jedoch unterscheiden sich ihre Legenden häufig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So sind männliche Selkies eher dafür bekannt, einsame oder unglücklich verheiratete Frauen zu verführen. Es heißt z. B., dass ein Selkie auftauchen soll, wenn eine Frau sieben Tränen ins Meer weint. In den Legenden verbringen die beiden daraufhin oft die Nacht zusammen, ehe der Selkie ins Meer zurückkehrt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Hauptsächlich stammen die Legenden über Selkies aus Schottland, besonders von den Orkney- und Shetlandinseln. Aber auch in anderen Küstenregionen Schottlands und an den Küsten Irlands sollen Selkies den Legenden nach anzutreffen sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt sogar einige Selkie-Legenden, die es bis nach Island und auf die Färöer geschafft haben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die ältesten Erwähnungen von Selkies, die ich finden konnte, stammen aus dem 13. Jahrhundert. Abgesehen davon, dass die Legenden aus Schottland stammen, ist über den Ursprung der Selkies jedoch nicht viel bekannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt aber einige Theorien dazu:</p>



<p class="wp-block-paragraph">So vermuten manche Folkloristen, dass es ein Erklärungsversuch für einige Krankheiten gewesen sein könnte, die zu gewissen Verformungen des Körpers von Kindern geführt haben. Als Beispiel wird hierbei Syndaktylie genannt, eine Krankheit, die in einigen Fällen für schwimmhautähnliche Verformungen zwischen zwei Fingern führen kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch besteht die Möglichkeit, dass sie metaphorisch gemeint sein und Frauen beschrieben haben könnte, die sich nicht in die damalige Gesellschaft eingefügt haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am interessantesten finde ich hingegen eine Theorie, die erst im 19. oder 20. Jahrhundert entstanden ist. Darin wird die Vermutung aufgestellt, dass in früherer Zeit, als die Schotten bereits Kontakt zu den Finnen und/oder Samen gehabt hatten, sie einige der Skandinavier in ihren aus Tierhäuten bestehenden Booten gesehen haben könnten. Besagte Boote schwammen nur so lange gut, wie die Tierhäute noch nicht völlig durchnässt waren. Sie mussten also gelegentlich an Land gehen, um ihre Boote und wahrscheinlich auch ihre (häufig aus Robbenpelz) bestehende Kleidung zu trocknen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn ein Finne oder Same also an Land gegangen ist, wo er sein Robbenfell abgelegt hat, hätte es durchaus so aussehen können, als habe er sich gerade von einer Robbe in einen Menschen verwandelt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Selkies in der Popkultur:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Aufgrund ihrer internationalen Bekanntheit gibt es zahlreiche Auftritte von Selkies in der modernen Popkultur.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In dem irischen Fantasy-Abenteuerfilm „Das Geheimnis des kleinen Seehundes“ (1994), der auf dem Roman „Secret of the Ron Mor Skerry“ (Englisch für „Das Geheimnis von Ron Mor Skerry“, 1957) von Rosalie K. Fry basiert, spielen Selkies eine zentrale Rolle.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weitere bekannte Selkie-Filme sind u. a. der irische Animationsfilm „Die Melodie des Meeres“ (2014), der australische Kinder-Abenteuerfilm „Selkie &#8211; Der Seehundmensch“ (2000) oder der irische Dramafilm „Ondine – Das Mädchen aus dem Meer“ (2009).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch gibt es diverse Bücher über Selkies, so z. B. der Fantasyroman „Sealskin“ („Robbenhaut“, 2016) von Su Bristow oder der Young Adult Roman „A Stranger Came Ashore“ („Ein Fremder kam an Land“, 1975) von Mollie Hunter.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von den Selkies? Hat euch die Geschichte gefallen? Und was würdet ihr tun, wenn ihr die Robbenhaut einer Selkie am Strand findet? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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		<title>The Green Ribbon – die grüne Schleife</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 14 Jul 2025 13:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>„Louise? Was hat es damit auf sich?“, fragte ich. „Mit der grünen Schleife meine ich. Seit wir uns kennen, hab ich dich nicht einmal ohne das Band um den Hals gesehen …“</p>
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<p class="wp-block-paragraph">The Green Ribbon war für viele Leute in den USA und Kanada der erste Einstieg in die Genres Grusel und Horror. Daher war es natürlich nur eine Frage der Zeit, bis ich diese berühmte Legende auf meinem Blog behandle.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Paris. Die Stadt der Liebe. Zumindest wenn es nach mir geht, ist diese Bezeichnung durchaus zutreffend. Immerhin habe ich hier die Liebe meines Lebens kennengelernt. Aber an sich war das nicht anders zu erwarten, wenn man seit Jahren in dieser Millionenstadt lebt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war ein warmer Sommerabend. Die Luft war schwül, aber in den Abendstunden nicht mehr so drückend, dass es unangenehm war. Ich saß an einem Tisch vor einem kleinen Café nahe des Place de la Concorde, aß ein Erdbeertörtchen und trank einen überteuerten Cappuccino. Wenn ihr mich gefragt hättet, hätte ich wahrscheinlich gesagt, dass es ein perfekter Sommerabend war. Und dann kam <em>sie</em> und machte ihn noch besser.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie trug ein grünes Sommerkleid, dazu einen breitkrempigen Strohhut und ein grünes Band mit Schleife um den Hals. In der Hand hielt sie einige Einkaufstüten. Wahrscheinlich war sie gerade von einem Einkaufsbummel durch die Stadt gekommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während sie an dem Café vorbeiging, trafen sich wie zufällig unsere Blicke und ich spürte, wie mein Herz einen Hüpfer machte. Die Frau schien es auch zu spüren. Zumindest hielt sie mitten in der Bewegung inne.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich weiß nicht, ob ihr an Liebe auf den ersten Blick glaubt, aber seit jenem Tag tue ich es. Für einen Moment kam es mir vor, als würde die Zeit um uns herum stehenbleiben. In diesem Moment gab es nur Louise und mich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann setzte sie sich wieder in Bewegung. Sie änderte die Richtung und kam direkt auf mich zu. „Bonjour. Mein Name ist Louise“, stellte sie sich vor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Gerard“, stellte auch ich mich vor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich deute auf den Stuhl mir gegenüber, um ihr zu zeigen, dass sie sich gerne setzen dürfe. Und das tat sie auch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich erinnere mich nicht mehr, worüber wir uns alles unterhalten hatten. Auf jeden Fall redeten wir viel über uns, unsere Jobs, unsere Hobbys, sogar unsere Familien. Louise lebte allein. Ihre Eltern waren gestorben, als sie noch ein junges Mädchen war. Seitdem hatte sie sich allein durchgekämpft und hangelte sich jetzt von einem Job zum nächsten. Aber es reichte aus, um sich die Miete für eine Wohnung in der Stadt leisten zu können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hingegen hatte mehr Glück im Leben gehabt. Ich hatte zwei mich liebende Eltern, die mir auch zu meinem Studium und später zu meinem Job verholfen hatten. Deshalb konnte ich mir als einigermaßen erfolgreicher Ingenieur ein schönes Leben machen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber natürlich unterhielten wir uns nicht nur über die großen Dinge. Wir sprachen auch über allerlei Belangloses. Jedenfalls saßen wir noch immer auf unseren Stühlen, als eine Kellnerin zu uns kam und uns freundlich darauf hinwies, dass sie bald schließen würden. Mir war gar nicht aufgefallen, wie spät es inzwischen war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also bezahlte ich unsere Rechnung – Louise hatte sich in der Zwischenzeit natürlich auch etwas bestellt –, ehe wir unsere Handynummern austauschten und ich mich glücklich auf den Heimweg machte. Ich hätte Luftsprünge machen können vor Freude. Um ehrlich zu sein, tat ich das sogar ein- oder zweimal. Louise hatte mich bereits bei unserem ersten Treffen in ihren Bann gezogen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und wie ihr euch sicher denken könnt, blieb es nicht bei diesem ersten Treffen. Innerhalb von einer Woche gingen wir gemeinsam Eis essen, ins Kino, in ein schickes Restaurant und sogar ins Musée du Louvre.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Louise sah dabei jedes Mal umwerfender aus. Sie hatte einen großartigen Modegeschmack und trug die verschiedensten Kleider und Accessoires. Was mir jedoch auffiel, war, dass sie hauptsächlich Grün trug. Und eine Sache, die sie immer umhatte, war das grüne Halsband mit der Schleife.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Versteht mich nicht falsch: Es war ein wunderschöner Stoff. Aber verglichen mit ihrer sonstigen Kleidung wirkte es fast ein wenig schlicht. Ich sprach sie das erste Mal darauf an, als wir gerade im Louvre waren. Seit unserer Ankunft hatte ich ihr fast mehr Aufmerksamkeit geschenkt als den Gemälden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Louise? Was hat es damit auf sich?“, fragte ich. „Mit der grünen Schleife meine ich. Seit wir uns kennen, hab ich dich nicht einmal ohne das Band um den Hals gesehen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Louise verkrampfte sich. Sie richtete sich ruckartig auf, als habe meine Frage sie erschreckt. Für einen kurzen Moment dachte ich sogar, dass sie gleich weglaufen würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann entspannte sie sich jedoch wieder. Sie lächelte mich an. „Ich lege das Band niemals ab“, sagte sie geheimnisvoll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mehr schien sie dazu nicht sagen zu wollen. Und ich drängte sie nicht weiter. Wir kannten einander kaum eine Woche. Da konnte ich nicht erwarten, dass sie mir all ihre Geheimnisse verraten würde. Also ließ ich es darauf beruhen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den folgenden Wochen und Monaten wurden wir beide schließlich ein Paar. Und in all der Zeit legte Louise das Band tatsächlich nie ab. Nicht ein einziges Mal.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sprach sie auch nicht mehr darauf an. Zumindest nicht, bis sie mit der grünen Schleife an ihrem Hals in die Dusche steigen wollte. Wir hatten einen Punkt in unserer Beziehung erreicht, in dem es uns nichts mehr ausmachte, wenn der andere mit uns im Badezimmer war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Warte, Schatz! Du hast das Band noch um“, wies ich sie darauf hin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder sah Louise mich mit großen Augen an. Sie legte sanft ihre Finger an den Stoff. Dann lächelte sie wieder. „Ach, Gerard. Ich sagte doch, dass ich das Band nicht abnehme.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Oh?“, sagte ich überrascht. Ich wusste ja nicht, dass sie es so wörtlich meinte. Trotzdem kannten wir einander jetzt etwas besser, weshalb ich mutiger war als damals im Louvre. „Aber warum nicht? Was hat das Band für eine Bedeutung?“, fragte ich also.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Louises Lächeln wirkte jetzt gequält, fast schon traurig. „Ich … Ich kann es dir nicht sagen“, erwiderte sie. „Tut mir leid.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich musterte sie und ihr Band einen Augenblick, ehe auch ich lächelte. „Ich verstehe“, sagte ich. „Du musst es mir nicht verraten. Wenn wir Glück haben, sind wir noch viele Jahre zusammen. Irgendwann komme ich deinen Geheimnissen schon auf die Schliche.“ Ich zwinkerte ihr zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anschließend ging sie mit ihrem Band in die Dusche.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Heutzutage wünschte ich jedoch, ich hätte mit meinen Worten Unrecht gehabt. Ich wünschte, ich hätte das Geheimnis ihrer grünen Schleife nie gelüftet.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein weiterer Moment, der mir lebhaft in Erinnerung geblieben ist, war ein gemeinsamer Strandbesuch. Ich lag in der Sonne, während Louise schwimmen gehen wollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich sah, dass sie mit ihrer grünen Schleife um den Hals Richtung Meer losging, hielt ich sie zurück. „Schatz! Dein grünes Band!“, sagte ich knapp.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Louise lächelte mich an. Wenigstens wirkte sie diesmal nicht erschrocken oder traurig. „Das ist schon in Ordnung“, sagte sie. „Ich nehme das Band nicht ab.“ Sie wandte sich wieder zum Meer, ehe sie mit ihrem grünen Band und einem farblich dazu passenden Bikini weiter ins kühle Nass ging.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Verwundert sah ich ihr nach. Ich akzeptierte, dass Louise ein Geheimnis vor mir hatte. Ich hatte mir lediglich Sorgen um den teuren Stoff gemacht. Wenn das Band Louise so wichtig war, warum nahm sie es dann mit in das salzige Meerwasser?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hatte es damit etwa mehr auf sich als ein rein emotionaler Wert? Vielleicht versteckte es eine Narbe oder etwas anderes an ihrem Hals, das ihr unangenehm war? Aber warum wechselte sie es dann nicht in einem ungesehenen Moment? Warum trug sie immer dasselbe grüne Band?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wusste es nicht. Und es sollte noch einige Zeit dauern, bis ich es endlich herausbekam.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Selbst bei unserer Hochzeit machte Louise keine Ausnahme. Die grüne Schleife war das Erste, was mir auffiel, während sie langsam den Gang entlang auf mich zuschritt. Nicht ihr weißes Kleid, nicht das Funkeln in ihren Augen, ihr glückliches Gesicht, sondern dieses verdammte grüne Band um ihren Hals. Es ärgerte mich, dass das Band mich so sehr beschäftigte, auch wenn ich es mir in diesem Moment nicht anmerken ließ.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Stattdessen strahlte ich Louise an. Immerhin sollte dieser Tag der schönste unseres Lebens werden, wenn man anderen Ehepaaren glaubt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann endlich stand sie vor mir. Meine wunderschöne Verlobte. Und trotzdem konnte ich den Blick kaum von dem Band lösen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nicht einmal heute?“, fragte ich leise. Ich tippte mir an den Hals, um anzudeuten, dass ich die grüne Schleife meinte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nicht einmal heute“, erwiderte Louise nur, während sie mir weiter verliebt in die Augen sah.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anschließend wandten wir uns dem Pastor zu, ehe wir uns kurze Zeit später das Ja-Wort gaben. Band hin oder her, ich hätte in diesem Moment nicht glücklicher sein können. Also versuchte ich, das Band den restlichen Tag zu ignorieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Tatsächlich gelang es mir ziemlich gut. Es gab alle möglichen Dinge, die mir an diesem Tag wichtiger waren. Zumindest, bis wir am Abend allein in unserer gemeinsamen Wohnung standen. Wieder fiel mein Blick auf die grüne Schleife.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Schatz“, begann ich. „Jetzt, wo wir verheiratet sind, möchtest du es mir nicht endlich sagen? Möchtest du mir nicht sagen, warum du das grüne Band nie ablegst?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Louises Blick wurde traurig. „Es tut mir leid. Ich will es dir ja sagen, aber es geht nicht“, erwiderte sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich biss mir auf die Zunge. Fast wünschte ich, ich hätte sie nicht danach gefragt. Ich wollte ihr nicht unseren Hochzeitstag verderben. Andererseits würden wir unser gesamtes restliches Leben miteinander verbringen. Es gefiel mir nicht, dass sie da noch immer ein Geheimnis vor mir hatte. Und so tat ich etwas, was ich für den Rest meines Lebens bereuen würde. Ich entschied, ihr heimlich die Schleife abzunehmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Über die Konsequenzen machte ich mir in dem Moment keine Gedanken. Aber selbst wenn, hätte ich mir niemals auch nur ansatzweise ausmalen können, wie schlimm es wirklich werden würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am Abend lagen Louise und ich gemeinsam im Bett. Ich wartete, bis sie tief und fest schlief, ehe ich mich langsam aufrichtete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für einen kurzen Moment betrachtete ich Louise bloß. Ich bewunderte, wie schön meine Frau war. Wie friedlich sie dalag. Dann jedoch gab ich mir einen Ruck und griff vorsichtig nach der Schleife. Mit zittrigen Fingern zog ich an einem der losen Bänder, um die Schleife zu lösen, währende ich sie mit der anderen Hand festhielt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Stück für Stück, Zentimeter für Zentimeter ließ sich das Band aus dem Knoten ziehen, während eine der Schlaufen immer kleiner wurde. Jetzt war sie kaum noch erkennbar. Plötzlich stoppte das Band jedoch. Das letzte Stück der Schlaufe verharrte vor dem Knoten. Mit einem sanften Ruck zog ich daran und die Schleife ging auf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im selben Moment wurde Louise wach. Erst sah sie mich bloß verschlafen an, riss dann aber weit die Augen auf, als sie realisierte, was geschehen war. Ich sah, wie ihre Augen feucht wurden und sich eine einsame Träne aus ihrem linken Auge löste. Sie rollte ihre Schläfe hinab, während Louise mich reglos anstarrte. Sie sagte kein einziges Wort. Stattdessen drehte sie bloß ihren Kopf zur Seite, um meinem Blick auszuweichen. Nein. Sie drehte ihn nicht, sondern er rollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit jetzt selbst vor Schreck geweiteten Augen musste ich mit ansehen, wie der Kopf meiner Ehefrau vom Kissen rollte. Er landete mit einem dumpfen <em>Bump</em> auf dem Boden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sah wieder zu ihrem Körper, der noch immer reglos auf dem Bett lag. Und jetzt erst erkannte ich, dass das Band mit der grünen Schleife das Einzige war, was Louises Kopf auf ihren Schultern gehalten hatte.</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">The Green Ribbon (Englisch für „Die grüne Schleife“), unter anderem auch „The Red Ribbon“ (Die rote Schleife) oder „The Velvet Ribbon“ (Die Samtschleife) genannt, ist eine ursprünglich französische Legende, die wahrscheinlich in der Zeit der Französischen Revolution entstanden ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerhalb von Frankreich ist sie hauptsächlich durch die Adaptationen von Washington Irving, dem Autor von „Sleepy Hollow“, sowie Alvin Schwartz, dem Autor der „Scary Stories to Tell in The Dark“-Reihe, bekannt geworden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Inzwischen wird „The Green Ribbon“ oft in verschiedensten Versionen als <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden">urbane Legende</a> erzählt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ablauf:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt verschiedene, teilweise sehr unterschiedliche Versionen von „The Green Ribbon“. Die Haupthandlung ist aber immer ähnlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Protagonist, im Normalfall ein Junge oder junger Mann lernt ein Mädchen bzw. eine junge Frau kennen. Sie trägt eine Schleife, ein Band, eine Kette, einen Choker oder Ähnliches um den Hals, den sie nie ablegt. Die Farbe des Accessoires ist im Normalfall grün, rot oder schwarz.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Mann und die Frau verlieben sich ineinander. Die Länge ihrer Beziehung kann variieren, es kommt währenddessen aber immer wieder vor, dass der Mann die Frau nach der grünen Schleife (oder was auch immer sie um den Hals trägt) fragt. Sie weicht seiner Frage jedoch jedes Mal aus und sagt bloß, dass sie die Schleife niemals ablegen darf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ab diesem Punkt gibt es zwei verschiedene Versionen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Entweder wird der Mann zu neugierig und entscheidet irgendwann, das Band ohne Erlaubnis von ihrem Hals zu nehmen – z. B. als sie schläft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Oder aber der Mann akzeptiert ihren Wunsch und nimmt das Band nie ab. In dieser Version werden die beiden oft gemeinsam alt, bis die Frau irgendwann sterbenskrank wird. Im Sterbebett erlaubt sie ihm schließlich, die grüne Schleife zu lösen und das Band zu entfernen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sobald das Band ab ist, fällt ihr der Kopf von den Schultern, der nur von dem Band gehalten wurde. Je nach Version ist sie daraufhin tot, es stellt sich heraus, dass sie ein <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister">Geist</a> war, ihr Kopf kann noch sprechen oder es wird nicht weiter erwähnt, was genau mit ihr los ist.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Alternative Versionen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt außerdem eine ältere Version, wie sie z. B. auch Washington Irving erzählt hat, die sich etwas mehr unterscheidet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In diesen Versionen lernen der Mann und die Frau einander kennen und verbringen die Nacht miteinander. Am nächsten Tag liegt die Frau jedoch tot im Bett.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als der Mann daraufhin die Polizei ruft, entfernen die Beamten das Band und ihr Kopf fällt von den Schultern. Es stellt sich heraus, dass sie am Vortag hingerichtet wurde und bereits tot war, als sie den Mann kennengelernt hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine weitere, wenn auch deutlich seltenere Alternative, ist, dass die Frau nicht geköpft, sondern erhängt wurde oder sich selbst erhängt hat. In diesen Versionen versteckt das Band um ihren Hals die Würgemale des Seils.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ort des Geschehens:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In den modernen Versionen spielt The Green Ribbon meist in dem Land, in dem die Geschichte erzählt wird – oft also in den USA und Kanada. In älteren Versionen spielt die Legende hingegen meist in Frankreich.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">„The Green Ribbon“ bzw. die Legende dahinter stammt aus Frankreich zur Zeit der Französischen Revolution (1789 bis 1799) als unzählige Menschen mit der Guillotine hingerichtet wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu damaliger Zeit war es in Mode, dass Frauen ein rotes Band oder eine rote Schleife um den Hals trugen. Es soll sogar einen Kleidungsstil namens „costume à la victime“ (Französisch für „Kostüm an das Opfer“) gegeben haben, der auf den „Bals des victimes“ (Französisch für „Opferbälle“) getragen wurde. Dazu gehörte oft ein rotes Band oder eine rote Schleife, die an die mit der Guillotine geköpften Opfer erinnern sollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wahrscheinlich ist die Legende aus dieser Mode in Kombination mit den unzähligen Geköpften entstanden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerhalb von Frankreich hat die Legende jedoch erst im nächsten Jahrhundert Anklang gefunden, als der US-amerikanische Schriftsteller Washington Irving die Legende 1824 in seiner Geschichte „Die Abenteuer eines deutschen Studenten“ adaptiert hat. Vier Jahre zuvor hatte Irving die weltberühmte Geschichte „Die Legende von Sleepy Hollow“ veröffentlicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Seitdem wurde die Legende noch von zahlreichen weiteren Personen publiziert – darunter Alexandre Dumas, dem Autor von „Die drei Musketiere“ und „Der Graf von Monte Christo“, als „Die Dame mit dem Samthalsband“ (1849) sowie von Gaston Leroux, dem Autor von „Das Phantom der Oper“ unter demselben Namen „La femme au collier de velours“ (Französisch für „Die Dame mit dem Samthalsband“, 1924).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die grüne Farbe und die heutige Bekanntheit in Amerika erlangte die Legende jedoch erst durch die Kurzgeschichte „The Green Ribbon“ (1984) von Alvin Schwartz. Die Geschichte erschien in dem sich an Zweitklässler richtenden Bilderbuch „In a Dark, Dark Room and Other Scary Stories“ (Englisch für „In einem dunklen, dunklen Raum und andere unheimliche Geschichten“) und wurde in vielen Schulen als Lehrmaterial genutzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Daraus entstand schließlich auch die moderne urbane Legende „The Green Ribbon“, die sich heutzutage besonders gern unter Kindern erzählt wird.</p>



<h3 class="wp-block-heading">The Green Ribbon in der Popkultur:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wie bereits erwähnt wurde die Legende „The Green Ribbon“ in vielen Kurzgeschichten aufgegriffen. Darunter z. B. „The Velvet Ribbon“ (Englisch für „Die Samtschleife“, 1970) von Ann McGovern in „Ghostly Fun“ („Geisterhafter Spaß“), „The Black Velvet Ribbon („Die schwarze Samtschleife“, 1977) von Judith Bauer Stamper in „Tales for the Midnight Hour“ („Geschichten für die Mitternachtsstunde“) und das bereits erwähnte „The Green Ribbon“ (1984) von Alvin Schwartz in „In a Dark, Dark Room and Other Scary Stories“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darüber hinaus gibt es diverse Kurzfilme über die Legende, sie wurde in dem US-amerikanischen Horrorfilm „Campfire Tales“ („Lagerfeuergeschichten“, 1997) aufgegriffen und spielt eine Rolle in der Comicreihe sowie dem gleichnamigen Videospiel „The Wolf Among Us“ („Der Wolf unter uns“).</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Wie sieht es mit euch aus? Was haltet ihr von „The Green Ribbon“? Kanntet ihr die Geschichte bereits? Und wenn ja, wo habt ihr sie kennengelernt? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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		<title>Baku – Komm und friss meine Träume! (überarbeitet)</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 28 Apr 2025 13:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Geschichten]]></category>
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		<category><![CDATA[Urbane Legenden]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Eigentlich komisch, dass man ausgerechnet diese Kreatur als Talisman gegen Albträume gewählt hatte. Immerhin hätte der Baku selbst, mit seinen Stoßzähnen und den spitzen Krallen, aus einem Albtraum entsprungen sein können …</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.geister-und-legenden.de/baku">Baku – Komm und friss meine Träume! (überarbeitet)</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.geister-und-legenden.de">Geister und Legenden</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg08.met.vgwort.de/na/2254b9c21c314d979f9a35c6317c4ddf" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Meinen Beitrag über die Baku habe ich auf Wunsch einer meiner <a href="https://www.patreon.com/geisterlegenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Patrons</a> überarbeitet. Somit ist dies der erste Beitrag, den ich bereits ein zweites Mal überarbeitet habe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Passenderweise gehört der Baku zu einer meiner absoluten Lieblingslegenden. Ich hätte 2019 sogar fast eine Comicreihe über einen jungen Baku gestartet, habe mich dann aber stattdessen für den Geister und Legenden Blog entschieden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Schritte hallten durch die enge Gasse, während ich rannte. Die Wände waren so nah, dass ich kaum Luft bekam. Trotzdem durfte ich nicht langsamer werden. Das Bellen hinter mir machte das sehr deutlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Flüchtig warf ich einen Blick über die Schulter. Der Hund hatte mich fast erreicht. Es war jedoch kein normaler Hund. Er hatte keine Schnauze, sondern trug das Gesicht meines Chefs – eines griesgrämig dreinschauenden Mannes mit Halbglatze in seinen späten 40ern. Schaum bildete sich in seinen Mundwinkeln, während er mich mit gebleckten Zähnen weiter anbellte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schnell sah ich wieder nach vorn. Die Gasse schien jetzt enger und enger zu werden. Bald begannen die Ziegel an meinen Schultern zu kratzen, sodass ich seitwärts rennen musste. Es dauerte nicht lange, bis auch mein Brustkorb schmerzhaft an der Wand scheuerte. Dann blieb ich stecken. Jetzt konnte ich mich weder vor- noch zurückbewegen. Ich schaffte es gerade so, den Kopf zu drehen, da sah ich auch schon ein aufgerissenes Maul mit menschlichen Zähnen direkt auf mein Gesicht zuschnellen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich saß kerzengerade im Bett. Kalter Schweiß rann meinen Körper hinunter. Erst nach einigen Augenblicken realisierte ich, dass ich in meinem Schlafzimmer war. Es war bloß ein Albtraum gewesen. Derselbe, den ich auch die letzten Nächte gehabt hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Albträume hatten letzte Woche begonnen. Ich hatte mir bereits letztes Jahr vorgenommen, dass ich bald kündigen würde, um ein eigenes Unternehmen zu gründen. Und mit meinem nächsten Gehalt hatte ich endlich genug finanzielle Mittel dafür zusammen. Das Einzige, was dann noch fehlte, war die Kündigung bei meinem Chef. Das wiederum war jedoch einfacher gesagt als getan. Mein Chef war ein sehr jähzorniger Mann. Um ehrlich zu sein, hatte ich eine Heidenangst vor ihm.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihr könnt euch also sicher vorstellen, wie wenig ich mich auf das Kündigungsgespräch freute. Es würde mich nicht einmal wundern, wenn mein Chef bei seiner Schimpftirade Schaum vor dem Mund bekommen würde, genau wie in meinem Albtraum.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also ließ ich mich mit einem flauen Gefühl im Magen wieder zurück unter die Bettdecke gleiten. Ich wälzte mich hin und her, hatte eigentlich keine Lust zu schlafen, obwohl ich mich so furchtbar müde fühlte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann jedoch hatte ich eine Idee. Es war albern, aber ich erinnerte mich plötzlich an ein Ritual, das ich als Kind immer durchgeführt hatte, wann immer ich schlecht schlief. Meine Mutter hatte es mir beigebracht. Es ging dabei darum, einen Baku zu rufen, ein albtraumfressendes Wesen aus einer alten japanischen Legende. Dazu musste ich lediglich dreimal laut „Baku, komm und friss meine Träume!“ sagen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da mir nichts Besseres einfiel, legte ich mich also bequem hin, starrte an meine dunkle Zimmerdecke und sagte dann laut: „Baku, komm und friss meine Träume! Baku, komm und friss meine Träume! Baku, komm und friss meine Träume!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Fast musste ich lachen, so lächerlich kam es mir vor. Trotzdem lenkte es mich von dem bevorstehenden Kündigungsgespräch ab, weshalb ich bald wieder einschlafen konnte.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am nächsten Morgen riss mich mein Wecker aus dem Schlaf. Müde setzte ich mich auf. Ich rieb mir durchs Gesicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war jedoch nicht, bevor ich in Richtung Küche schlurfte, um mir einen Kaffee zu machen, dass mir mein kleines Ritual von letzter Nacht wieder einfiel. Zu meiner Überraschung hatte ich danach durchgeschlafen. Während ich in den letzten Nächten bestimmt drei- bis viermal wachgeworden war, hatten mich meine Albträume letzte Nacht nur ein einziges Mal heimgesucht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schüttelte amüsiert den Kopf. Bereits als Kind hatte das Ritual bei mir die Albträume vertrieben. Ich hätte jedoch nicht gedacht, dass es heutzutage, wo ich nicht mehr an Baku glaubte, noch immer funktionieren würde. Das menschliche Gehirn war schon ein seltsames Organ.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und so machte ich mich an diesem Morgen vergleichsweise ausgeschlafen auf den Weg zur Arbeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unter der Woche liefen meine Tage fast immer gleich ab. Ich arbeite bis zum Nachmittag, machte danach den Haushalt, ging einmal die Woche einkaufen und zweimal die Woche ins Fitnessstudio, kochte mir mein Abendessen und verbrachte den restlichen Abend vorm Fernseher. Anschließend ging ich, meist so gegen 22 Uhr, ins Bett.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Heute war es nicht anders. Außer, dass ich vor dem Schlafengehen mein kleines Baku-Ritual wiederholte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu meiner Überraschung schlief ich auch diese Nacht durch. Also entschied ich, das Ritual auch die folgenden Abende vor dem Schlafengehen zu wiederholen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Morgen für morgen war ich erstaunter. Und so war das Ritual bald zu einem festen Bestandteil meiner Abendroutine geworden. Außerdem rückte der Tag meines Kündigungsgesprächs immer näher. Danach würde ich so oder so Ruhe vor den Albträumen haben.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als zwischen dem Gespräch und mir nur noch zwei Nächte lagen, kam meine Mutter zu Besuch, um mir mit meiner Wäsche zu helfen. Eigentlich brauchte ich keine Hilfe dabei. Und das wusste sie. Aber weil ich wegen meines Jobs nur wenig Zeit hatte, sie zu besuchen, dachte sie sich gerne solch Vorwände aus, um mir einen Besuch abzustatten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihr müsst wissen, sie und mein Vater waren schon lange geschieden. Und den Rest unserer Familie hatte sie noch vor meiner Geburt in Japan zurückgelassen. Ich war also ihr einziger Verwandter in der näheren Umgebung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei ihrem Besuch kamen wir zufällig auf den Baku zu sprechen. Eigentlich hatte ich ihr nur belustigt erzählen wollen, dass mein Kindheitsritual noch immer funktionierte. Sie war darüber jedoch deutlich weniger begeistert als ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Bist du verrückt?“, wies sie mich zurecht. Sie hatte nach all den Jahren in Deutschland noch immer einen starken japanischen Akzent, den sie nie ablegen konnte oder es nicht wollte. „Baku sind keine Werkzeuge, die du nach Belieben rufen kannst. Sie kommen zu uns, um unsere Albträume zu fressen, ja. Aber was denkst du passiert, wenn sie von deinen Albträumen nicht mehr satt werden? Sie werden auch deine Wünsche und Träume fressen!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ach Mama“, erwiderte ich. „Selbst, wenn es die Baku wirklich gibt – was ich übrigens nicht glaube –, brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Ich hab den Albtraum so häufig, dass jeder Albtraumfresser daran satt werden würde.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie musterte mich streng. „Immer den gleichen Traum?“, fragte sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Immer den gleichen Traum“, erwiderte ich. Wenn ich jedoch hoffte, dass die Aussage sie beschwichtigen würde, hatte ich mich geirrt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Und wenn du jeden Tag das gleich essen müsstest?“, fuhr sie mich an. „Glaubst du nicht, dass du dich dann bald nach etwas anderem sehnen würdest? Einem saftigen Lebenstraum vielleicht? Oder einem Herzenswunsch?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich rollte mit den Augen. Zum Glück sah meine Mutter das nicht. Ich musste zwar gestehen, dass ich selbst überrascht war, wie gut das Ritual funktionierte – fast schon zu gut –, aber das bedeutete noch lange nicht, dass es Baku wirklich gab. Trotzdem musste ich Mama versprechen, dass ich den Baku nie wieder leichtsinnig rufen würde. Besonders nicht die nächsten Tage.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anschließend verließ sie meine Wohnung. Es dauerte jedoch keine Stunde, bis sie wieder bei mir klingelte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mama? Was machst du wieder hier?“, fragte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie antwortete nicht. Stattdessen hielt sie mir eine hölzerne Figur entgegen. Sie stellte einen Baku dar. Der Elefantenkopf, die Löwenmähne, der kuhartige Schwanz und sogar die Tigerpfoten waren kunstvoll in das Holz eingearbeitet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wow, den hab ich ja ewig nicht gesehen.“ Ich lachte überrascht. „Wo hast du den her?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du denkst doch nicht, dass ich irgendwelche alten Sachen von meinem Sohn wegwerfe, oder?“, fragte sie. „Besonders, wenn sie dir mal so wichtig waren. Als Kind wolltest du keine Nacht schlafen, wenn der Baku nicht auf deinem Nachttisch stand. Er mag nicht so effizient sein, wie die echten, aber die Leute nutzen Abbildungen von Baku schon seit Jahrhunderten, um böse Geister und schlechte Träume fernzuhalten.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich strahlte sie breit an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir unterhielten uns noch einen Moment über die guten alten Zeiten, wie sie mir damals immer Gute-Nacht-Geschichten vorgelesen hatte, während ich die Bakufigur wie ein Stofftier an mich gedrückt hatte. In einigen Nächten musste sie meine Finger richtig auseinanderbiegen, obwohl ich bereits schlief, nur um die Figur aus meiner Hand zu bekommen. Wie sich herausstellte, hatte ich auch als Kind schon schwer mit Albträumen zu kämpfen gehabt.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich einige Stunden später im Bett saß, hielt ich die Bakufigur wie früher in der Hand. Diesmal jedoch, um sie näher zu betrachten. Eigentlich komisch, dass man ausgerechnet diese Kreatur als Talisman gegen Albträume gewählt hatte. Immerhin hätte der Baku selbst, mit seinen Stoßzähnen und den spitzen Krallen, aus einem Albtraum entsprungen sein können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schließlich stellte ich die Holzfigur auf meinen Nachttisch, schaltete das Licht aus und rutschte unter die Bettdecke. Das Ritual führte ich an diesem Abend nicht durch, wie ich es meiner Mutter versprochen hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Leider kam der Albtraum zurück. Wie auch die letzten Male rannte ich durch die immer enger werdende Gasse. Der grässliche Hunde-Chef-Mischling war mir wieder dicht auf den Fersen. Und wie auch die letzten Male blieb ich irgendwann stecken, ehe ich schweißgebadet aufwachte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nun lag ich also da, starrte die dunkle Zimmerdecke über mir an. Mein Herz raste, während meine Gedanken kreisten. Kaum rief ich eine Nacht keinen Baku, kehrten meine Albträume schlagartig zurück. Wie war das möglich? Konnte man das wirklich damit erklären, dass ich mit dem Ritual mein Hirn austrickste, oder war doch mehr an der Sache dran?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch überlegte ich, das Ritual einfach noch einmal durchzuführen. Mama würde es nie erfahren. Doch irgendetwas in mir hielt mich davon ab. Es fühlte sich falsch an, sie so zu hintergehen. Also drehte ich mich auf die Seite und versuchte, wieder einzuschlafen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die restliche Nacht verlief ähnlich unruhig, sodass ich am nächsten Morgen müde und unausgeruht meinen Wecker ausschaltete. Kurz funkelte ich die Bakufigur auf meinem Nachttisch wütend an, als wäre sie schuld an meinen schlechten Träumen. Anschließend stand ich auf und machte mich fertig für die Arbeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dort war meine Stimmung ähnlich schlecht wie am Morgen. Erst in der Mittagspause hatte ich einen kleinen Lichtblick, als mir plötzlich eine Idee kam. Ich druckte über zwanzig verschiedene Bilder von Baku aus, die ich am Abend überall in meinem Schlafzimmer verteilte: auf dem Boden, an den Wänden, auf dem Nachttisch und sogar unter meinem Kopfkissen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn ich den Baku schon nicht rufen konnte, wollte ich wenigstens alles daransetzen, die letzte Nacht durchschlafen zu können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Nacht wälzte ich mich jedoch wieder in meinem Bett hin und her. Obwohl ich völlig übermüdet war, hatte ich so große Angst vor morgen, dass es mir fast den Hals zuschnürte. Wieder und wieder musste ich an das bevorstehende Gespräch mit meinem Chef denken. Wenn ich jetzt schon solche Probleme hatte, einzuschlafen, wie sollte ich dann die Nacht überstehen? Wäre es nicht besser, das Kündigungsgespräch ausgeruht zu führen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich dachte ernsthaft darüber nach, das Versprechen an meine Mutter zu brechen. Trotzdem entschied ich mich, den Bakubildern in meinem Zimmer eine Chance zu geben. Und so schaffte ich es, nach gefühlten Ewigkeiten endlich einzuschlafen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber natürlich kam es, wie es kommen musste. Sobald ich in das Reich der Träume eingetaucht war, fand ich mich in der inzwischen vertrauten Gasse wieder. Aus der Ferne näherte sich aggressives Hundegebell.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nur wenige Momente später saß ich wieder im Bett. Mein Atem ging schnell und stoßweise. Schweißtropfen liefen meinen Rücken hinunter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es reicht! Genug ist genug! Baku waren nicht echt. Und wenn mir das Ritual half, ruhig zu schlafen, würde ich das ausnutzen. Außerdem war es ja nur noch eine einzige Nacht. Was sollte da schon passieren?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also schluckte ich meine Gewissensbisse herunter und sagte drei letzte Male den Satz: „Baku, komm und friss meine Träume!“</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am nächsten Morgen merkte ich sofort, dass etwas anders war. Ich hatte keine Angst mehr, kein mulmiges Gefühl im Magen, wenn ich an meinen Chef dachte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Andererseits fühlte ich auch keine Vorfreude mehr, wenn ich an meine Zukunft dachte. Ich spürte kein Kribbeln im Bauch, wie ich es sonst immer getan hatte. Das Gefühl der Freiheit, bald mein eigener Boss zu sein, ließ mich unberührt. Warum fühlte ich nichts?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hätte ich auf die Warnungen meiner Mutter hören sollen? Hatte der Baku meine Wünsche und Träume gefressen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">An diesem Morgen blieb ich im Bett liegen. Ich ging nicht einmal zur Arbeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein paar Mal klingelte mein Telefon. Gegen Mittag klingelte es sogar an der Tür. Ich ignorierte es.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Selbst, als Mama plötzlich in meiner Schlafzimmertür stand, entsetzt die überall verteilten Bilder des Baku anstarrte, war es mir egal.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Um genau zu sein, war mir alles egal. Meine Mutter schaffte es zwar, mich zu überreden, dass ich wieder zur Arbeit ging, aber meine Kündigung reichte ich nie ein. Inzwischen sind einige Jahre vergangen. Noch immer arbeite ich für schlechtes Geld bei meinem jähzornigen Chef – und selbst das ist mir völlig egal.</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Baku (獏 oder 貘) sind albtraumfressende Chimären der japanischen Mythologie. Generell gelten sie als heilige und gute Wesen, können laut einigen Versionen der <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden">Legende</a> jedoch auch Unheil über die Menschen bringen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Optisch erinnern sie stark an einen Tapir, weshalb 獏 bzw. 貘 (gesprochen „Baku“) auch als „Tapir“ übersetzt werden kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie zählen zu den <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/yokai">Yōkai</a>.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Entstehung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der Legende nach haben die Götter einst die Tiere erschaffen. Als sie damit fertig waren, hatten sie jedoch noch einige Teile übrig, aus denen sie schließlich den Baku zusammensetzten. Das ist auch der Grund, warum die Baku als heilig gelten. Außerdem erklärt es ihr merkwürdiges Aussehen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wie bereits erwähnt handelt es sich bei den Baku um Chimären, also Mischwesen. Sie setzen sich aus verschiedenen Säugetierteilen zusammen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So sollen sie den Kopf oder auch nur den Rüssel eines Elefanten besitzen, die Mähne eines Löwen, die Augen eines Rhinozerosses, den Körper eines Bären, den Schwanz eines Ochsen und die Beine eines Tigers.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einigen Versionen gibt es auch andere Zusammensetzungen, die Ähnlichkeit zu einem Tapir ist allerdings fast immer vorhanden. Das war auch der Grund, warum die Menschen in Japan damals, als sie von Tapiren erfuhren, der Meinung waren, dass es sich dabei um Baku handeln müsse.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die bekannteste Eigenschaft der Baku ist, dass sie Albträume fressen sollen. Außerdem heißt es, dass sie böse <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister">Geister</a> und <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/daemonen">Dämonen</a> fernhalten, weshalb ihre Anwesenheit gute Gesundheit und Glück verspricht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aus diesen Gründen werden in Japan häufig kleine Baku-Talismane in Form von Bildern oder Figuren in oder um die Betten platziert. Besonders beliebt waren dabei früher wohl Kopfkissen, die mit dem Kanji für Baku bestickt waren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Des Weiteren heißt es, dass man einen Baku gezielt herbeirufen kann, wenn man einen Albtraum hat oder sogar, um Albträume vorzubeugen. Dazu muss man lediglich dreimal laut sagen: „Ich gebe diesen Traum an den Baku.“ (Japanisch: „この夢獏にあげます“, „Kono yume baku ni arimasu.“) Es soll aber auch noch andere Beschwörungsformeln geben, wie z. B. „Baku, komm und friss meine Träume!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Man sollte das jedoch niemals achtlos tun. In einigen Legenden heißt es nämlich, dass ein Baku, der von den Albträumen einer Person nicht satt wird, ebenfalls ihre Träume und Wünsche frisst und sie ohne Hoffnungen und Träume zurücklässt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Es heißt, dass Baku, wenn sie sich nicht gerade in der Nähe der Menschen aufhalten, tief in den Wäldern Japans leben sollen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Legende des Baku kommt ursprünglich aus China, wo eine ähnliche Kreatur namens Mo (貘) existiert. (Anmerkung: Einigen von euch mag hier auffallen, dass das Schriftzeichen 貘 dasselbe ist, wie eines der beiden japanische Kanji für den Baku. Das liegt daran, dass die japanischen Kanji ursprünglich aus dem Chinesischen übernommen wurden, weshalb viele Kanji ähnlich oder sogar identisch wie ihre chinesischen Gegenstücke sind.)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Mo wurde im alten China jedoch angeblich gejagt und sein Fell als Bettdecke oder Unterlage zum Schlafen genutzt, da man seinem Fell nachsagte, es würde böse Geister und Krankheiten fernhalten. Eine unbestätigte Theorie besagt, dass früher tatsächlich Tapire in China gelebt haben könnten. Sie könnten dort für ihr Fell so lange gejagt worden sein, bis sie ausgestorben seien, weshalb nur die Legenden des Wesens überdauert hätten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Egal, ob das nun stimmt oder nicht, die Legende des Mo ist jedenfalls etwa im 14. oder 15. Jahrhundert von China nach Japan gelangt, wo man dem Wesen den Namen Baku gab. Erst in Japan entstand auch die Legende, dass Baku Albträume fressen – eine Eigenschaft, die sich bis heute durchsetzen konnte.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Baku in der Popkultur:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Das wohl prominenteste Beispiel des Baku in der modernen Popkultur ist das Pokémon Traumato, dass nicht nur optisch dem Baku ähnelt, sondern ebenfalls Träume fressen soll. In dem Pokédex-Eintrag von Pokémon Feuerrot heißt es sogar, dass Traumato ein Nachfahre des Baku sei.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und auch in der Videospiel-, Anime- und Mangareihe Yo-Kai Watch ist ein Baku anzutreffen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem spielt ein Baku eine Rolle in „Sandman: Traumjäger“ von Neil Gaiman, das sowohl als Novelle (1999) als auch als vierteilige Comicreihe (2008 bis 2009) herausgebracht wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von den Baku? Würdet ihr euch trauen, einen von ihnen zu rufen, wenn ihr Albträume habt? Oder wäre euch das Risiko zu groß? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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		<title>Tsukumogami – Monster sind real!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 31 Mar 2025 13:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Geister]]></category>
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		<category><![CDATA[Monster und Ungeheuer]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Als wir fast mit dem letzten Zimmer fertig waren – es war bereits Sonntagnachmittag – entdeckte ich jedoch den kaputten Papier-Regenschirm wieder. Zumindest dachte ich erst, dass er es sei. Er stand in der hintersten Ecke des Raumes, völlig unscheinbar an die Wand gelehnt.<br />
Langsam, fast schon vorsichtig ging ich auf ihn zu. „Das ist seltsam“, sagte ich. „Ich hätte schwören können, dass ich den Regenschirm letztes Wochenende schon einmal entsorgt habe …"</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg02.met.vgwort.de/na/02ea5e58dcfb432fac64b734ec28e975" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Tsukumogami behandelt endlich wieder einen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/yokai">Yōkai</a>. Mir ist ehrlich gesagt nicht einmal aufgefallen, dass meine letzte japanische Legende schon 9 Monate her war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dafür hat die heutige Geschichte mit schnuckeligen 4.448 Wörtern deutliche Überlänge. Ich hoffe, sie gefällt euch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Ich saß neben Kichiro in dem kleinen weißen Transporter, den wir vorhin in Tokio gemietet hatten. Die Natur war grün, die Sonne schien und unsere Playlist schallte aus den Boxen, während wir die engen und kurvigen Straßen entlangfuhren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir näherten uns unserer neuen Heimat. Shizuka-Mura war ein kleines Dorf, nur etwa zwei Stunden von Tokio entfernt. Einsam, fast unbedeutend stand es am Fuß eines Berges. Ohne den Arbeitskollegen von Kichiro, der uns auf das verschlafene Örtchen aufmerksam gemacht hatte, hätten wir es wahrscheinlich nie entdeckt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er wusste jedoch, dass wir gemeinsam ein Haus kaufen wollten. Auch hatte er mitbekommen, dass wir uns bereits nach einigen Akiyas umgesehen hatten. So nennt man die zahlreichen leerstehenden Häuser, die in den ländlichen Gegenden Japans zu finden sind. Meist kann man sie zu spottbilligen Preisen erstehen, da sie langsam am Zerfallen sind. Und wenn ich spottbillig sage, meine ich spottbillig: Die Häuser inklusive Grundstück fangen teilweise schon bei umgerechnet 300 bis 400 Euro an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Haus, für das wir uns dank des Kontakts des Arbeitskollegen letztendlich entschieden hatten, war mit seinen 2,5 Millionen Yen, etwa 15.500 Euro, zwar etwas teurer, aber der Zustand war mehr als nur überzeugend. Klar mussten wir noch einiges an Geld in die Renovierung stecken, zum Beispiel mussten wir die komplette Elektrik sowie die Leitungen erneuern lassen, aber vieles konnten wir tatsächlich selbst erledigen. Immerhin hatte ich in den zehn Jahren, in denen ich in Deutschland als Handwerker gearbeitet hatte, einiges gelernt. Außerdem war das Haus trocken, weder von Schimmel noch von Termiten befallen und selbst die meisten Möbel und Tatami-Matten waren in einem noch durchaus brauchbaren Zustand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wenn ich in Deutschland für den Preis so ein Haus gefunden hätte, hätte ich Angst gehabt, dass es darin spukt“, hatte ich scherzhaft zu Kichiro gesagt, nachdem ein Gutachter uns einen groben Überblick über die anfallenden Kosten gegeben hatte. Dass ich mit der Aussage ins Schwarze getroffen hatte, hätte ich mir jedoch nicht träumen lassen. Wir hatten den Kaufvertrag noch am selben Abend unterzeichnet.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Endlich hatten wir das Dorf erreicht. Wir fuhren durch enge, teilweise baufällige Straßen, sodass wir nur im Schritttempo fahren konnten. Währenddessen begegneten wir einigen Bewohnern, die uns allesamt neugierig nachsahen. Wir begrüßten sie je mit einem freundlichen nicken, bis wir schließlich in unsere Straße einfuhren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unser Haus war nicht das erste Akiya, dem wir heute begegneten. Obwohl Shizuka-Mura nur wenige Einwohner hatte, gab es davon in der Gegend einige. Manche von ihnen sahen, genau wie unseres, vergleichsweise gut aus, andere waren völlig zerfallen und überwuchert. Wahrscheinlich waren die meisten jüngeren Leute aus der Gegend in die Städte gezogen und hatten die Häuser leer zurückgelassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann endlich fuhren wir auf unsere kleine Auffahrt. Unsere neue Nachbarin, eine ältere Dame, war gerade in ihrem Garten. Auch sie sah neugierig zu uns rüber.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Guten Tag“, grüßte ich freundlich, während ich ausstieg.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Guten Tag“, grüßte sie zurück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wir sind die neuen Nachbarn. Das ist Herr Suzuki und ich bin Berger“, stellte ich uns, wie in Japan üblich, mit unseren Nachnamen vor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Guten Tag“, grüßte nun auch Kichiro.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Gotō“, stellte sich die Frau vor. Sie beäugte uns einen Augenblick neugierig. „Sie müssen gute Freunde sein“, stellte sie schließlich fest. Ein anderer Grund, warum zwei Männer sich gemeinsam ein Haus kauften, fiel ihr anscheinend nicht ein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wir sind verlobt“, erklärte ich. Leider ein Dauerzustand, da zwei Männer hier in Japan noch nicht heiraten durften.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Frau Gotō guckte überrascht, dann aber nickte sie freundlich. „Es ist schön, dass junge Leute wie Sie in unser kleines Dorf ziehen. Ich kann zwar nicht schwer tragen, aber falls Sie Hilfe gebrauchen können, sagen Sie bitte Bescheid.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir bedankten uns, woraufhin sie weiter zu ihrer Haustür ging. Bevor sie sie jedoch öffnete, drehte sie sich noch einmal zu uns um.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ach so. Bevor ich es vergesse: Ich höre manchmal nachts Geräusche aus Ihrem Haus. Ich weiß nicht, wer oder was das ist, aber passen Sie bitte auf sich auf. Nicht, dass Sie ungewollte Gäste haben.“ Dann war sie auch schon in ihrem Haus verschwunden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kichiro und ich sahen einander überrascht an. Ich verzog das Gesicht. „Na das klingt ja vielversprechend“, sagte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Verlobter klopfte mir auf die Schulter. „Mach dir nichts draus, Lennart. Wenn das irgendwelche Tiere sind, finden wir sie beim Entrümpeln, und falls es ein Obdachloser ist, zieht er bestimmt weiter ins nächste Akiya. Es ist ja nicht so, dass es nicht genug davon in der Gegend gibt.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das brachte mich zum Lachen. Sein Optimismus und seine immer lockere Art, mit Problemen umzugehen, waren zwei der Gründe, warum ich mich damals in ihn verliebt hatte.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Den restlichen Tag passierte nichts Außergewöhnliches. Wir fingen an, die Möbel und Haushaltsgegenstände einen Raum nach dem anderen durchzusehen. Wir sortierten, was wir noch gebrauchen konnten, und was wegsollte. Wie bereits gesagt waren viele der Möbel noch immer in einem guten Zustand, weshalb wir die meisten Stühle, Tische, Schränke und sogar ein Radio, das in der Küche stand, behielten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die anderen Dinge – ein kaputter Besen, ein Stuhl mit gebrochener Armlehne, alte Zeitschriften, kaputtes Geschirr, diverse ausgeblichene Bilder und die alten Futons, um nur ein paar Dinge zu nennen – brachten wir nach draußen. Wir stellten sie auf die Auffahrt, von wo aus wir sie später geordnet in den Transporter laden würden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am frühen Abend machte uns das schwindende Sonnenlicht jedoch ein Strich durch die Rechnung. Da der Strom nicht funktionierte, konnten wir bald kaum noch etwas erkennen. Die batteriebetriebene Camping-Lampe, die wir extra für diesen Zweck organisiert hatten, spendete zwar genug Licht für eine gemütliche Atmosphäre, aber es war zu schwach, um die Möbel ausreichend zu beleuchten. Daher entschieden wir, es für heute gut sein zu lassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zum Abendessen gab es Instant-Ramen. Frau Gotō war so freundlich, uns dafür heißes Wasser zu spendieren. Wir aßen die Nudeln bei ihr, während sie uns von der Gegend erzählte. Trotz der bescheidenen Größe hatte Shizuka-Mura einen kleinen Supermarkt, zwei empfehlenswerte Restaurants und einen gut gepflegten Schrein – nur für denn Fall, dass wir uns noch etwas aus den Göttern machten, wie Frau Gotō mit einem Augenzwinkern erzählt hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach dem Essen bedankten wir uns bei ihr für das heiße Wasser und die gute Gesellschaft, woraufhin sie uns anbot, dass wir gerne am nächsten Abend wiederkommen könnten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anschließend gingen wir zufrieden und erschöpft von der vielen Arbeit ins Bett. Dafür hatten wir einen Futon im Gästezimmer ausgebreitet – dem einzigen Raum, der nicht völlig mit Ramsch zugestellt gewesen war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem wir uns hingelegt und unsere Camping-Lampe ausgeschaltet hatten, war es um uns herum stockdunkel. Die Luft roch noch immer nach Staub, auch wenn wir uns größte Mühe gegeben hatten, den Raum zumindest oberflächlich zu putzen. Jetzt lauschte ich Kichiros langsamen Atem neben mir. Und so war ich bald eingeschlafen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mitten in der Nacht wurden wir jedoch von seltsamen Geräuschen aus dem Schlaf gerissen. <em>‚Klack. Klack‘</em>, ertönte es leise aus dem Flur. <em>Klack.</em> Es klang fast wie Schritte, nur dass es dafür zu langsam und irgendwie zu aggressiv war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Lennart? Was ist das?“, fragte Kichiro, als er merkte, dass ich wach war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Keine Ahnung“, erwiderte ich. Vielleicht waren das die nächtlichen Geräusche, von denen Frau Gotō erzählt hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Leise, um selbst keinen Lärm zu machen, stand ich auf. Ich tastete nach der Camping-Lampe, schaltete sie aber noch nicht ein, um nicht auf mich aufmerksam zu machen. Anschließend schlich ich auf leisen Sohlen zur Zimmertür. Kichiro war dicht hinter mir. Als ich den Shoji, die japanische Schiebetür, erreicht hatte, schob ich ihn langsam auf. <em>Klack. Klack.</em> Die Geräusche waren jetzt ganz in der Nähe. Vorsichtig hob ich den Arm mit der Camping-Laterne in den Flur hinaus, während ich mit der freien Hand nach den Einschaltknopf tastete.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Klick.</em> Der Flur vor uns war nun in sanftes Licht gehüllt. Ich spähte nach links und rechts. Er war leer. Allerdings hatten jetzt auch die Geräusche aufgehört.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nichts“, sagte ich zu Kichiro. Ich schob den Shoji weiter auf, damit auch er etwas sehen konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zur Sicherheit gingen wir die angrenzenden Räume ab. Aber auch hier war alles wie vorher. Zwischen dem Gerümpel schien sich zumindest niemand zu verstecken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Vielleicht sind es die alten Rohre?“, schlug Kichiro vor. „Wenn ich mich richtig erinnere, verlaufen Sie hier genau unter dem Boden.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich nickte. Das war eine Möglichkeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Komm Lennart, lass uns zurück ins Bett gehen. Wir haben morgen noch einen anstrengenden Tag vor uns.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ist gut“, stimmte ich zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anschließend legten wir uns wieder hin. Die restliche Nacht blieb ruhig.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am nächsten Morgen wollten wir keine Zeit verlieren. Nach einem knappen Frühstück machten wir uns direkt an die Arbeit. Auch heute kamen wir gut voran.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zuerst war das Wohnzimmer dran. Es dauerte anderthalb, vielleicht zwei Stunden, bis wir den meisten Ramsch aussortiert hatten. Kichiro ging bereits weiter in den nächsten Raum, während ich dabei war, den letzten Rest nach draußen zu bringen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich jedoch ins Wohnzimmer zurückkam, stockte ich. Am Tisch lehnte ein weißer Regenschirm mit aufwendiger Musterung. Er war mir vorher nicht aufgefallen, obwohl wir mit dem Raum bereits fast fertig waren. Misstrauisch ging ich auf ihm zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war einer dieser Schirme aus gewachstem Papier. Er musste schon sehr alt sein. Sein Weiß ging bereits ins Gelbliche. Trotzdem war er wunderschön verarbeitet. Vorsichtig öffnete ich ihn ein Stück. Äste mit rosa Kirschblüten verzierten seine Oberfläche. Doch leider war er an einigen Stellen bereits gerissen. Also klappte ich ihn wieder zu und brachte ihn zusammen mit einer kaputten Vase zum Transporter. Anschließend folgte ich Kichiro in den hinteren Teil des Hauses.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„So ein Mist!“, hörte ich Kichiro entsetzt rufen, als ich auf halbem Weg war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich beschleunigte meine Schritte. „Was ist?“, fragte ich, bereits auf unerwartete Kosten eingestellt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kichiro sah mich mit großen Augen an, als hätte er mich nicht erwartet. Dann lachte er plötzlich. „Ach, nichts. Nur ein dummer Aberglaube“, er deutete auf den Shoji neben ihm. Eines der oberen Papierfenster war gerissen. „Wir sollten das möglichst schnell austauschen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich lehnte mich an die Wand, den Mund zu einem Schmunzeln verzerrt. „Sonst was? Kommt sonst ein Yōkai vorbei und zerreißt auch die anderen?“, riet ich drauf los.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder lachte Kichiro. „Du bist doof. Nein. Es geht um eine Geschichte, die meine Oma mir mal erzählt hat. Wenn man einen kaputten Shoji zu lange ignoriert, kann er zu einem Mokumokuren werden. Dann wachsen ihm ganz viele Augen, mit denen er uns anstarrt.“ Mein Verlobter schüttelte sich übertrieben. „Darauf kann ich gerne verzichten. Ich hab jedenfalls keine Lust, in unserem neuen Haus beobachtet zu werden.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Grinsend schüttelte ich den Kopf. „Oh. Nein. Darauf kann ich auch verzichten. Also gut. Bis nächstes Wochenende organisieren wir neues Shoji-Papier.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kichiro strahlte mich an. Bei solchen Dingen wusste ich nie, woran ich bei ihm war. An manche von ihnen glaubte er, über andere konnte er genauso lachen wie ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schuld daran war seine Oma mütterlicherseits. Sie hatte ihn schon von klein auf mit ihren Geschichten über Yōkai und Geister bei Laune gehalten. Viele davon waren ihr angeblich selbst widerfahren. Und diesen Glauben an das Übernatürliche hatte Kichiro nie verloren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich war da völlig anders. Meine Familie in Deutschland hatte mir seit meiner Geburt klar gemacht, dass es so etwas wie Geister und Monster nur in Geschichten gab. Nichts davon war real – so dachte ich zumindest.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem blieb mir Kichiros Satz mit dem Beobachtetwerden im Gedächtnis. Jedes Mal, wenn ich an dem kaputten Shoji vorbeiging, musste ich mir vorstellen, wie tatsächlich Augen aus ihm wuchsen. Über mich selbst belustigt schüttelte ich den Kopf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich war mit den Gedanken noch immer bei dem Shoji, als mir etwas anderes auffiel: Kichiro und ich trugen einen kaputten Schrank nach draußen, wo wir ihn direkt neben die kaputte Vase aus dem Wohnzimmer stellten. Ich hatte den Schirm vorhin hineingestellt, damit er nicht umfiel. Jetzt war die Vase jedoch leer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit gerunzelter Stirn sah ich mich um.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was? Hast du was verloren?“, fragte Kichiro.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Ich hatte vorhin einen kaputten Papierschirm hier in die Vase gestellt. Irgendwer muss ihn wohl mitgenommen haben.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt kräuselte sich auch Kichiros Stirn. „Na ja. Unser Verlust soll es nicht sein. Wir hätten ihn eh nur weggeworfen. Wenn der Schirm irgendwen glücklich macht, soll er ihn doch haben.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich nickte zögerlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mehr Erwähnenswertes geschah an dem Wochenende zum Glück nicht. Am Samstag arbeiteten wir wieder so lange weiter, wie es das Sonnenlicht erlaubte. Den Abend verbrachten wir dann bei Frau Gotō. Sie hatte uns wie selbstverständlich gebratenen Fisch mit allerlei Beilagen gemacht. Erst wollte Kichiro es gar nicht annehmen, aber da Frau Gotō darauf bestand, wäre es unhöflich gewesen, das Essen abzulehnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Zeit bei der alten Dame kam mir vor, als würden wir einander schon ewig kennen. Sie erzählte uns weiter von der Gegend, während wir von Tokio und Deutschland erzählten. Auch erwähnten wir die nächtlichen Geräusche – die in der folgenden Nacht übrigens wiederkamen – sowie unseren Verdacht, dass es sich dabei um die alten Rohre handeln könne. Das erleichterte Frau Gotō sichtlich. Wir wünschten einander eine gute Nacht, ehe wir zurück in unser Haus gingen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am Sonntag räumten wir weiter auf, bevor wir gegen Nachmittag den Transporter einräumten. Anschließend verabschiedeten wir uns von unserer Nachbarin und machten uns auf den Rückweg nach Tokio. Shizuka-Mura würden wir erst am nächsten Wochenende wiedersehen.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das zweite Wochenende in dem Dorf verlief ähnlich wie das erste – zumindest, nachdem wir direkt am Freitag den kaputten Shoji repariert hatten. Tagsüber räumten wir weiter die Zimmer auf und die Abende verbrachten wir auf Frau Gotōs Wunsch hin wieder bei ihr. Sie hatte selbst keine Kinder, was vielleicht der Grund war, warum sie uns so herzlich aufnahm. Ihre liebenswürdige Art zauberte mir jedenfalls bald ein Lächeln ins Gesicht, wann immer ich sie sah.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ungewöhnliches geschah hingegen kaum etwas. Ja, die nächtlichen Geräusche kamen wieder, aber auch diesmal konnten wir nichts Auffälliges entdecken. In der Nacht von Samstag auf Sonntag machten wir uns nicht einmal mehr die Mühe, aufzustehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als wir fast mit dem letzten Zimmer fertig waren – es war bereits Sonntagnachmittag – entdeckte ich jedoch den kaputten Papier-Regenschirm wieder. Zumindest dachte ich erst, dass er es sei. Er stand in der hintersten Ecke des Raumes, völlig unscheinbar an die Wand gelehnt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Langsam, fast schon vorsichtig ging ich auf ihn zu. „Das ist seltsam“, sagte ich. „Ich hätte schwören können, dass ich den Regenschirm letztes Wochenende schon einmal entsorgt habe.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kichiro trat neben mich, um sich das unscheinbare Objekt selbst anzusehen. Aber er zuckte bloß mit den Schultern. „Vielleicht hat er dieselbe Musterung? Ich bin mir sicher, solche Schirme werden zuhauf angefertigt. Vielleicht trugen unsere Vorbesitzer sie im Partnerlook. Oder sie haben einfach mehrere geholt.“ Mehr Gedanken verschwendete er nicht daran.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mir hingegen wollte der Schirm nicht mehr so recht aus dem Kopf gehen. Ich starrte ihn die ganze Zeit lang an, während ich ihm zum Transporter brachte. Dort schob ich ihn zwischen die anderen Möbel, die wir bereits eingeräumt hatten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„So. Das war’s“, sagte ich. Ich schlug die Tür zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kichiro hatte bereits unsere Tasche geschultert. Er stieg auf der Beifahrerseite ein, während ich zur Fahrertür ging.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gerade, als ich die Tür geöffnet hatte, hörte ich jedoch ein Geräusch von der Rückseite des Autos. Es klang fast wie die Tür. Mit gerunzelter Stirn ging ich die wenigen Schritte zurück. Aber hier hinten sah alles ganz normal aus. Vielleicht war nur irgendetwas im Auto heruntergefallen. Also zuckte ich nur wieder mit den Schultern, stieg endlich ein und startete den Motor. Wir fuhren auf direktem Weg zurück nach Tokio.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Woche über musste ich immer wieder an unser Akiya denken. Wie gut wir vorankamen, wie nett uns Frau Gotō aufgenommen hatte, aber auch an den Papier-Regenschirm. Ich gestand es Kichiro jedoch erst am Freitag, als wir nach der Arbeit im Auto nach Shizuka-Mura saßen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Es ist albern. Aber der Regenschirm geht mir einfach nicht aus dem Kopf“, sagte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kichiro sah mich ratlos an. „Welcher Regenschirm?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Den, von dem ich dachte, dass ich ihn schon einmal entsorgt habe“, half ich ihm auf die Sprünge. „Weißt du, erst verschwindet er spurlos von unserer Auffahrt und dann finden wir einen identischen Schirm in der hintersten Ecke vom Arbeitszimmer. Natürlich hast du recht, dass es nur dasselbe Modell ist. Es muss so sein. Aber das war schon irgendwie unheimlich.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kichiro schmunzelte. „Und ich dachte immer, du glaubst nicht an Geistergeschichten“, zog er mich auf. Dann starrte er plötzlich aus dem Fenster. „Wobei ich gestehen muss, dass ich abends manchmal Bewegungen aus dem Augenwinkel gesehen habe. Im Haus meine ich. Aber bisher ist ja noch nichts passiert, das auf einen bösen Geist hindeutet.“ Er schenkte mir ein aufmunterndes Lächeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich lächelte zurück. Auch wenn mein Lächeln eher halbherzig war. Das war nicht gerade die Art von Kommentar, die mich aufheitern konnte.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">An diesem Wochenende ging es um den ersten groben Hausputz. Bevor wir die Elektriker und die Sanitärinstallateure in das Haus ließen, wollten wir wenigstens die Wände, den Boden und die Möbel vom gröbsten Schmutz befreien.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit Putzlappen und Besen bewaffnet, teilten wir uns auf. Ich übernahm das Wohnzimmer, während Kichiro ins Arbeitszimmer ging.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zuerst fegte ich den kompletten Boden ab und war dabei darauf bedacht, möglichst viel Dreck aus den Tatami-Matten zu schrubben. Ich wirbelte dabei jedoch mehr Staub auf, als dass ich ihn entfernte. Zum Glück würde die Elektrik bereits nächste Woche ausgetauscht werden. Danach hatten wir endlich Licht und konnten auch einen Staubsauger benutzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anschließend machte ich mich daran, die Tische und Schränke mit dem Lappen zu reinigen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hey, Lennart“, hörte ich Kichiro plötzlich aus dem Nachbarzimmer rufen, als ich gerade dabei war, einen besonders hartnäckigen Fleck vom Esstisch zu schrubben. „Ich glaube, ich hab deinen Regenschirm wiedergefunden.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich erstarrte in der Bewegung. Was? Das war unmöglich! Wir hatten alle Räume bereits durchgesehen. Mein Körper fühlte sich verkrampft an, während ich die Gummihandschuhe auszog. Langsam, fast mechanisch ging ich zu Kichiro ins Arbeitszimmer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Verlobter stand vor einem Schreibtisch, die oberste Schublade geöffnet, und hielt ein Stück Papier in den Händen. Bei genauerer Betrachtung fiel mir auf, dass es ein Schwarz-Weiß-Foto war. Ich nahm es ihm ab.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich sah, was darauf abgebildet war, atmete ich erleichtert auf. Es war eine junge Frau in einem Kimono. Sie hatte ein hübsches Gesicht und lächelte in die Kamera, während sie einen aufgespannten Regenschirm an ihre Schulter gelehnt festhielt. <em>Den</em> Regenschirm.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt musste ich lachen. „Und ich dachte schon, der Regenschirm ist auf magische Weise wieder aufgetaucht.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kichiro grinste mich frech an. Anscheinend war genau das seine Intention gewesen. „Langsam fürchte ich, du glaubst doch an Geister“, neckte er mich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schüttelte grinsend den Kopf, ehe ich flüchtig die Rückseite des Bildes ansah.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Vielleicht hätten wir den Schirm doch nicht wegwerfen sollen“, merkte ich an. ‚Mariko 1921‘ stand dort in verblasster Handschrift geschrieben. „Den Schirm gab es schon in den 1920ern.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das brachte Kichiro zum Erstarren. Nur für höchstens eine Sekunde, aber ich hatte es bemerkt. „Der Schirm ist über 100 Jahre alt?“, fragte er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich nickte. „Ja. Denkst du, er wäre was wert gewesen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kichiro zögerte. „Vielleicht.“ Dann winkte er jedoch ab. „Aber er war kaputt. Es ist gut, dass wir ihn entsorgt haben. Bei so alten Gegenständen kann man nie wissen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hatte das Gefühl, dass er noch mehr sagen wollte. Stattdessen widmete er sich jedoch schnell wieder der Schublade und machte damit weiter, sie auszuräumen. Die meisten Sachen landeten in einem Müllsack. Ich warf das Foto dazu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den folgenden Wochen dachte ich noch einige Male an den Regenschirm, aber er tauchte nicht mehr auf. Weder im Haus noch auf irgendwelchen Fotos. Und so kam es, dass er langsam, aber sicher aus meinem Gedächtnis verschwand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was hingegen blieb, waren die nächtlichen Geräusche. Mal klangen sie weiter entfernt, mal, als seien sie direkt vor der Tür. Aber wie gesagt schenkten Kichiro und ich ihnen keine wirkliche Aufmerksamkeit mehr.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nur ein einziges Mal, nachdem der Strom endlich funktionierte, ging ich erneut nachts auf den Flur. Jetzt war er hell erleuchtet. Wie auch die letzten Male war er leer. Ich muss gestehen, dass ich kurz überlegte, die anderen Räume noch einmal abzulaufen. Nur zur Sicherheit. Aber das wäre bescheuert gewesen. Ganz davon abgesehen, dass ich dort sicherlich nichts gefunden hätte, sollten nächste Woche die alten Rohre ausgetauscht werden. Ab dann waren die Geräusche wahrscheinlich eh vorbei.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am folgenden Wochenende waren Kichiro und ich auf einem gefühlstechnischen Hoch, während wir wieder nach Shizuka-Mura fuhren. Es war bereits dunkel, da wir vorhin noch die Wohnung leergeräumt hatten. Kichiros kleiner Toyota war bis unter das Dach mit unseren Sachen beladen. Heute würden wir endlich vollends umziehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Klar gab es noch einiges, was wir im Haus zu erledigen hatten, aber das würden wir machen, während wir dort bereits lebten. Das Wichtigste – die Möbel, funktionierender Strom, die neuen Wasserleitungen und die neuen Sanitäranlagen – war immerhin schon dort.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir grinsten wie zwei Lottogewinner, während Kichiro auf der Auffahrt parkte. Ich schnappte mir einen Umzugskarton aus dem Auto und betrat dicht hinter Kichiro das Haus. Dort blieb ich einen Moment stehen, schloss die Augen und atmete tief ein. Der inzwischen vertraute Geruch des Hauses stieg mir in die Nase. Es roch nicht länger nach Staub oder abgestandener Luft – die Gerüche hatte die Grundreinigung letztes Wochenende beseitigt –, sondern einfach nur nach Heimat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich brachte den Karton ins Schlafzimmer, ehe ich mit meinem Verlobten zusammen das restliche Auto ausräumte. Im Nachhinein war ich ein wenig überrascht, wie die Kartons, die sich jetzt vor uns stapelten, überhaupt in das kleine Auto gepasst hatten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kichiro grinste noch immer breit. „Ich weih dann mal die Dusche ein“, sagte er, ehe er mir einen Kuss gab.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ist gut“, erwiderte ich. „Ich räum schonmal unsere Klamotten in den Schrank. Aber lass mir noch heißes Wasser nach!“ Den letzten Satz musste ich rufen, so enthusiastisch war er bereits losgestürmt. Es dauerte nicht lange, da hörte ich auch schon die Dusche. Ich schüttelte schmunzelnd den Kopf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann widmete ich mich wieder den Kartons. Ich öffnete sie einen nach dem anderen, bis ich unsere Kleidung gefunden hatte. Vorsichtig hob ich einen Stapel von Kichiros Hemden daraus hervor. So viele würde er im Homeoffice wahrscheinlich gar nicht mehr benötigen, trotzdem gab ich mir alle Mühe, sie nicht zu zerknittern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Langsam balancierte ich sie zu unserem Wandschrank. Es war einer dieser japanischen Schränke, der sich in der Wand verbarg. Ich schob die Tür erst mit dem Ellenbogen, dann mit dem Fuß beiseite. Als ich jedoch gerade die Hemden hineinlegen wollte, fiel mein Blick auf einen Gegenstand, der in der unteren Ecke lehnte: ein mir sehr vertrauter elegant gearbeiteter Papier-Regenschirm.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Hemden raschelten, während sie mir aus der Hand glitten. Kichiro wäre wahrscheinlich in Ohnmacht gefallen, hätte er es gesehen. Aber das war mir in diesem Moment ehrlich gesagt egal.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Hand zitterte, während ich sie nach dem Schirm ausstreckte. Meine Finger hatten das Papier fast erreicht, da bewegte er sich plötzlich. Zuerst dachte ich, er falle bloß um, bis ein großes Auge mich völlig unerwartet durch das an einer Stelle gerissene Papier anblinzelte. Als Nächstes folgte eine lange Zunge, die sich knapp darunter aus einem weiteren Loch schlängelte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unfähig, auch nur einen einzigen Ton von mir zu geben, torkelte ich rückwärts, meinen Mund und meine Augen weit aufgerissen. Mein Fuß verfing sich in einem der Hemden, weshalb ich mit einem leisen <em>‚Fump‘</em> auf den Tatami-Matten landete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt bemerkte ich auch das Bein, das nun statt des Griffs aus dem Regenschirm ragte. Es sah menschlich aus und trug eine japanische Holzsandale.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit einem Sprung setzte der Schirm sich in Bewegung. <em>‚Tock‘</em>, machte seine Sandale einen dumpfen Laut auf der Strohmatte. <em>Tock. Tock.</em> Es war nicht dasselbe Geräusch, das wir nachts vom Flur gehört hatten, aber es hatte eindeutig denselben Rhythmus. Ich war mir sicher, dass es dieses Ding gewesen sein musste, das wir gehört hatten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Langsam, sein einzelnes Auge stur auf mich gerichtet, kam mir der Schirm näher. Seine Zunge schwang bei jeder Bewegung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Panisch krabbelte ich rückwärts. So wie ich dalag, befand sich dieses Wesen genau zwischen der Tür und mir.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hilfe! Kichiro! Hilfe!“, schrie ich. Meine Stimme war so voller Panik, dass ich sie selbst kaum erkannte. Aber was konnte ich anderes tun? Wenn jemand eine Ahnung hatte, was dieses Ding war, was ich jetzt machen musste, dann war das mein Verlobter.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Tock. Tock.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Inzwischen spürte ich die Wand in meinem Rücken.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Tock.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Schirm hatte mich fast erreicht. Dann blieb er vor mir stehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hilfe!“, kreischte ich erneut. Tränen bildeten sich in meinen Augen. Mein Herz raste in meiner Brust, während sich meine Kehle wie zugeschnürt anfühlte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt streckte der Schirm mir seine Zunge entgegen. Langsam kam sie mir näher und näher. Ich presste mich so eng an die Wand, wie ich nur konnte, traute mich nicht einmal, nach dem Ding zu treten. Die Zunge wischte kalt und schleimig über meinen Arm, während der Schirm mich ableckte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich befürchtete bereits, dass er gleich einen kräftigen Bissen von mir nehmen würde, da stürmte plötzlich Kichiro in den Raum. Er trug einen hastig übergeworfenen Bademantel, blieb für eine Sekunde ungläubig in der Tür stehen. Dann trafen sich unsere Blicke.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Weg! Weg!“, schrie er den Schirm an, während er auf mich zurannte. Er machte wedelnde Bewegungen mit den Armen, als wenn er ein Hühnchen verscheuchen wolle.</p>



<p class="wp-block-paragraph">&nbsp;Zu meiner Überraschung hüpfte der Schirm beiseite. Er drehte sich zu meinem Verlobten um, ehe er einige Sätze zurück Richtung Wandschrank machte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kichiro beachtete ihn nicht weiter. Stattdessen hockte er sich vor mich, beäugte mich einen Moment und schloss mich kurz darauf in den Arm. „Alles in Ordnung?“, fragte er mich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Keine Ahnung“, schluchzte ich in seinen Bademantel. „Er hat mich abgeleckt. Was ist das für ein Ding?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Schhhh“, machte Kichiro, während er meinen Rücken streichelte. „Alles ist gut. Das ist ein Kasa-Obake. Sie spielen gerne Streiche, sind aber nicht gefährlich.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich antwortete nicht, nahm die Erklärung schweigend hin, als wäre sie in irgendeiner Weise logisch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann plötzlich musste Kichiro lachen. „Ich hätte echt nicht gedacht, dass es sie gibt. Meine Oma hat zwar gesagt, dass sie mal einen Tsukumogami, einen belebten Haushaltsgegenstand gesehen habe, aber wir haben ihr nicht geglaubt.“ Er drückte mich sanft von sich, sah dann in die Luft. „Hörst du, Oma, es tut mir leid, dass ich dir nicht geglaubt habe“, sagte er, als ob ihr Geist hier wäre und uns hören könnte. Aber vielleicht war er das ja sogar. Der Kasa-Obake hatte mein Weltbild völlig zerstört. Alles, was ich über Monster zu wissen glaubte, war falsch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vorsichtig wagte ich einen Blick Richtung Wandschrank. Der Regenschirm lehnte davor an der Wand, jetzt wieder völlig unscheinbar. „Was machen wir jetzt mit ihm?“, fragte ich. Meine Stimme war immer noch leicht zittrig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kichiro sah ebenfalls zum Schirm, dann sah er mir wieder ins Gesicht. „Ich … weiß es nicht“, sagte er ehrlich. „Manchmal sollen Tsukumogami das Haus verlassen, wenn sie sich ignoriert fühlen. Andererseits … Du wolltest doch schon immer ein Haustier, oder?“</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Tsukumogami (付喪神) sind zum Leben erwachte Haushaltsgegenstände der japanischen Folklore. Sie zählen zu den Yōkai.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das wohl bekannteste Tsukumogami ist der Kasa-Obake (傘おばけ, Japanisch für „Schirmgeist“ oder „Schirmmonster“), ein zum Leben erwachter Regen- oder Sonnenschirm.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Name Tsukumogami setzt sich aus den Kanji 付 (haften, befestigen), 喪 (Trauer) und 神 (Geist, Seele, Gott) zusammen. Grob kann man den Namen also mit „Trauer anhaftende Seele“ oder „Trauer anhaftender Geist“ übersetzen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Tsukumogami ähneln noch immer stark den Haushaltsgegenständen, die sie einst waren – z. B. Regenschirme, Töpfe, Kannen, Kleidung, Futons, Besen oder sogar Schiebetüren. Sie besitzen jedoch häufig menschenähnliche Eigenschaften wie Augen, einen Mund mit meist langer Zunge sowie Arme und Beine inkl. Hände und Füße.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem weisen sie oft Gebrauchs- und Altersspuren auf, da ein Tsukumogami erst entsteht, wenn ein Haushaltsgegenstand das Alter von 100 Jahren erreicht.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Kasa-Obake:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Um beim Beispiel des Kasa-Obake zu bleiben: Sie sehen meist aus wie aufrecht stehende Papierregenschirme, wie sie in Japan früher häufig benutzt wurden. Statt eines Griffs besitzen sie jedoch ein einzelnes, oft menschlich aussehendes Bein mit einem Fuß. In vielen Darstellungen tragen sie eine einzelne Holzsandale.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am auffälligsten dürften hingegen ihr einzelnes großes Auge sowie der Mund mit der ungewöhnlich langen Zunge sein, die aus dem Schirm wachsen oder durch Löcher im Papier hervorlugen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Manchmal besitzen sie auch zwei Arme, die aus dem Schirm wachsen, und/oder ein zweites Bein.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Entstehung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der Legende nach entstehen Tsukumogami, wenn ein Haushaltsgegenstand 100 Jahre (oder in einigen Erzählungen 99 Jahre) alt wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Laut den meisten Quellen muss er vernachlässigt oder achtlos weggeworfen worden sein, damit das passiert. In diesen Fällen wollen die Gegenstände oft Rache an ihren ehemaligen Besitzern oder den Menschen generell ausüben. Ein anderes beliebtes Motiv, warum der Gegenstand plötzlich zum Leben erwacht, ist Langeweile, da sie nicht mehr genutzt oder gebraucht werden und sonst nichts mit sich anzufangen wissen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn man in modernen Erzählungen von Tsukumogami hört, sind es meist harmlose Wesen, die den Menschen gerne Streiche spielen. Sie erschrecken sie, machen Lärm, wecken sie nachts o. Ä. Das genaue Verhalten kann sich von Tsukumogami zu Tsukumogami stark unterscheiden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Man kann ihre Streiche und Phänomene durchaus mit den westlichen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/poltergeister">Poltergeistern</a> vergleichen, wenn sie z. B. Gegenstände durch die Gegend bewegen, nachts durch den Flur laufen oder an Wände klopfen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch sind sie meist neidisch auf die modernen Haushaltsgeräte, die sie ersetzt haben, weshalb es durchaus vorkommen kann, dass sie das Haus verwüsten oder die Gegenstände zerstören.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anders sieht es hingegen bei den Tsukumogami aus älteren Erzählungen aus. Vor 500 bis 1.000 Jahren galten die belebten Haushaltsgegenstände noch als blutrünstig und äußerst gefährlich. So kam es nicht selten vor, dass sich ein Tsukumogami in den damaligen Geschichten an den Menschen gerächt hat, die es weggeworfen haben, indem er sie schwer verletzt oder sogar getötet hat.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Kasa-Obake:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Da ich den Kasa-Obake als Tsukumogami für meine Geschichte gewählt und ihn bisher auch beim Aussehen gesondert erwähnt habe, möchte ich euch die spezifischen Eigenschaften der Kasa-Obake natürlich nicht vorenthalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Den einbeinigen Schirmen wird nachgesagt, dass sie es lieben, sich an Menschen anzuschleichen, um sie mit ihrer langen Zunge abzulecken. Das kann durchaus erschreckend bis traumatisierend sein, hinterlässt aber keine weiteren Schäden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem macht der <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister">Geist</a> oft Lärm, während er auf seiner Holzsandale durch die Gegend hüpft, was in einem leeren Haus oder auf verlassener Straße durchaus als beängstigend empfunden werden kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Davon abgesehen ist er aber völlig harmlos.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Da es sich bei den Tsukumogami um eine japanische Legende handelt, sollen sie fast ausschließlich in Japan vorkommen. Weitere Einschränkungen bezüglich ihres Lebensraums gibt es jedoch nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zwar gibt es viele Geschichten, in denen sie in verlassenen Häusern oder Tempeln gesichtet wurden, Tsukumogami können die Häuser jedoch auch verlassen oder außerhalb der Häuser entsorgt worden sein, weshalb sie auch auf offener Straße oder sogar in der Wildnis ihren Schabernack treiben können.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die ältesten bekannten Erzählungen von lebendigen Haushaltsobjekten innerhalb Japans stammen aus der Heian-Zeit (794 bis 1185). Damals waren sie jedoch noch nicht unter dem Namen „Tsukumogami“ bekannt. Auch hieß es in damaligen Erzählungen noch häufig, dass der Geist eines <a href="https://www.geister-und-legenden.de/oni">Oni</a> oder ein anderes übernatürliches Wesen Besitz von dem Haushaltsgegenstand ergriffen habe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihren Namen erhielten die Tsukumogami erst in der Muromachi-Zeit (1336 bis 1573). Von dort an wurde den Yōkai auch nachgesagt, dass sie ausschließlich von der Seele der tatsächlichen Objekte belebt wurden und nicht länger von bösen Geistern oder <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer">Monstern</a>, die Besitz von ihnen ergriffen haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Glaube, dass auch Dinge wie Haushaltsgegenstände eine Seele besäßen, geht dabei auf die Lehren des Shingon-shū Buddhismus sowie einigen Ideen des Shintoismus zurück, laut denen man auch Gegenstände stets gut behandeln solle.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihre Hochzeit hatten die Tsukumogami hingegen erst in der Edo-Zeit (1603 bis 1868), in der unzählige (meist fiktive) Geschichten über sie erzählt und niedergeschrieben worden. In dieser Zeit waren die beseelten Gegenstände außerdem zumeist zu harmlosen Scherzen statt tatsächlichen Rachefeldzügen übergegangen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gerade in der späten Edo-Zeit gab es jedoch kaum noch Leute, die an die tatsächliche Existenz dieser Wesen glaubten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem hat der Glaube an die Tsukumogami bis heute überdauert, weshalb sie es bis in die moderne Popkultur geschafft haben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Tsukumogami in der Popkultur:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Gerade in der japanischen Popkultur gibt es unzählige Filme, Manga, Anime, Kabuki-Stücke und sogar Videospiele, in denen Tsukumogami zu finden sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn ich auch nur einen Bruchteil von ihnen hier auflisten wollte, könnte ich wahrscheinlich einen eigenen Blogbeitrag nur darüber schreiben, daher hier nur einige prominente Beispiele:</p>



<p class="wp-block-paragraph">So lassen sich Tsukumogami z. B. in den „Gegege No Kitarō“-Manga und Anime finden, die sich besonders in Japan an großer Beliebtheit erfreuen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darüber hinaus haben die Yōkai diverse Auftritte in dem Manga und Anime sowie der gleichnamigen Videospielreihe „Yo-Kai Watch“, die in Japan kurzzeitig beliebter war als Pokémon.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und sie haben es sogar in die westliche Popkultur geschafft, wie z. B. die kleinen Nebenrollen eines Besen- und eines Bambusmatten-Tsukumogami in dem Fantasie-Liebesroman „Mona – verliebt, verlobt, beschworen“ (2022) von I. B. Zimmermann zeigen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem gibt es ein japanisches RPG/Puzzle-Videospiel von 2012, das den Namen „Tsukumogami“ (oder „99 Spirits“, wie es im Westen heißt) trägt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sollte ich in Zukunft über weitere besonders erwähnenswerte Filme, Videospiele etc. stolpern, werde ich sie an dieser Stelle gerne ergänzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von den Tsukumogami? Glaubt ihr, dass auch Gegenstände Seelen haben können? Wir würdet ihr reagieren, wenn euch ein Kasa-Obake gegenüberstehen würde? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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		<title>The Midnight Game – das Mitternachtsspiel</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 24 Feb 2025 14:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Wir legten die Zettel mit unseren Namen und unserem Blut davor auf den Boden, holten zwei Kerzen und stellten sie je auf den Zettel. Danach kramten wir die neuen Feuerzeuge hervor und zündeten sie einige Male an, um sicherzugehen, dass sie funktionierten. Sollte eines von beiden später versagen, könnte das unseren Tod bedeuten …</p>
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<p class="wp-block-paragraph">The Midnight Game ist ein modernes <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/rituale" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Ritual</a>, das vor etwas über 10 Jahren erstmals im Internet gepostet wurde. Da ich schon länger keinen Beitrag mehr über ein Ritual geschrieben habe, dachte ich, dass es sich gut für meinen nächsten Beitrag eignen würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen (Achtung Spoiler!) </strong></summary>
<p>&#8211; Blut<br>
&#8211; Selbstverletzung<br>
&#8211; Tod</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">„Das ist kein Schönschreibwettbewerb“, kommentierte Mark mit einem Grinsen, während er mir dabei zusah, wie ich meinen Namen auf das Stück Papier zeichnete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich ließ mich davon nicht aus der Ruhe bringen. Sorgfältig schrieb ich weiter. Hierbei wollte ich mir keine Unsauberkeit erlauben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mark war deutlich weniger zimperlich. Er schmierte seinen Namen auf das Papier, als wäre es ein Aufgabenzettel aus der Schule.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach einer gefühlten Ewigkeit war auch ich fertig. ‚Leonard Carsten Richter‘, stand in meiner schönsten Schrift da.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was jetzt?“, fragte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da hielt Mark mir auch schon eine Stecknadel entgegen. „Jetzt der Tropfen Blut“, sagte er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich beobachtete ihn, wie er mehrere Anläufe nahm. Immer wieder führte er seine Nadel an den Zeigefinger, atmete tief durch, zögerte und traute sich dann doch nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Jetzt steck ihn schon rein“, scherzte ich bewusst zweideutig, nahm meine eigene Nadel und rammte sie mir, ohne innezuhalten, in den Daumen. Bei so etwas galt Augen zu und durch. Wenn man zögerte, kamen einem nur Gedanken, die einen davon abhielten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich drückte die Haut um den Einstich zusammen, sodass ein Tropfen Blut daraus hervorquoll. Anschließend hielt ich ihn so dicht an das Papier mit meinem Namen, dass der Tropfen darauf landete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war nur ein kleiner Tropfen, aber das musste genügen. Anschließend steckte ich meinen Daumen in den Mund. Sofort schmeckte ich den vertrauten eisernen Geschmack.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich zu Mark sah, erkannte ich, dass auch er es endlich geschafft hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit unseren Fingern in den Mündern warteten wir, bis das Blut in das Papier eingezogen war. Der erste Schritt des Rituals war vollendet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Falls ihr euch fragt, was wir hier eigentlich machen, wir bereiten das Midnight Game vor. Es handelte sich dabei um ein altes heidnisches Ritual, mit dem man eine böse Entität namens the Midnight Man beschwören kann. So stand es zumindest im Internet. Wir hatten auf einer Creepypastaseite davon gelesen und waren beide hellauf begeistert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihr müsst wissen, Mark und ich waren Fans vom Okkulten. Bereits in der Grundschule hatten wir zusammen das Bloody Mary Ritual durchgeführt, später versuchten wir dasselbe mit dem Candyman und sogar mit Hanako-san.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Passiert war natürlich nie etwas. Trotzdem könnt ihr euch unsere Begeisterung sicher vorstellen, als wir von „The Midnight Game“ erfahren hatten – einem dreieinhalbstündigen Ritual, das bei den Durchführenden zu schweren mentalen Schäden oder sogar dem Tod führen konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wirklich daran glauben taten wir natürlich beide nicht. Wir liebten allerdings den Nervenkitzel, die Momente, in denen man sich nie ganz sicher war, ob wir nicht vielleicht doch gerade in Lebensgefahr schwebten. Noch ahnten wir beide ja nicht, wie anders the Midnight Game werden würde …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als Nächstes gingen wir noch einmal die Räume des alten Hauses ab, um sicherzugehen, dass nirgends mehr Licht brannte – eine der Regeln des Midnight Games. Die einzige Lichtquelle, die wir von Mitternacht bis 03:33 Uhr haben würden, war jeweils eine einzelne Kerze.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anschließend gingen wir weiter zur Haustür. Sie war aus massivem Holz. Wir legten die Zettel mit unseren Namen und unserem Blut davor auf den Boden, holten zwei Kerzen und stellten sie je auf den Zettel. Danach kramten wir die neuen Feuerzeuge hervor und zündeten sie einige Male an, um sicherzugehen, dass sie funktionierten. Sollte eines von beiden später versagen, könnte das unseren Tod bedeuten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Entschlossen zündeten wir die Kerzen an, ehe wir auch das Licht im Flur ausschalteten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mark holte sein Smartphone heraus. Er öffnete die Weltuhr. „In einer Minute ist Mitternacht. Genau zweiundzwanzig Sekunden vorher fangen wir mit dem Klopfen an“, erklärte er unnötigerweise. Den Plan hatten wir bestimmt schon ein Dutzend Mal durchgesprochen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Um den Midnight Man zu beschwören, mussten wir genau zweiundzwanzig Mal gegen die Tür klopfen. Das letzte Klopfen musste dabei auf Punkt Mitternacht fallen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Angespannt wartete ich, bis Mark anfing, die Sekunden anzusagen. „Noch zehn Sekunden. Fünf Sekunden. Drei, zwei, eins, jetzt!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort fingen wir mit dem Klopfen an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Eins, zwei, drei“, zählte Mark laut mit. Er hielt dabei den Blick stur auf sein Smartphone gerichtet, während er den Takt vorgab. „Neunzehn, zwanzig, einundzwanzig, zweiundzwanzig.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie auf Kommando begann in genau diesem Moment die große Standuhr im Flur zu schlagen. ‚<em>Ding Dong, Ding Dong</em>‘, tönte sie laut. Ich zählte mit. Genau zwölf Schläge. Mitternacht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich spürte, wie sich eine wohlige Gänsehaut über meinen Rücken zog. „Also dann“, sagte ich. „Mögen die Spiele beginnen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mark griff nach der Türklinke und öffnete die Haustür. Anschließend beugten wir uns zu unseren Kerzen und pusteten sie aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war’s. Wir hatten dem Midnight Man gerade erlaubt, mein Elternhaus zu betreten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment hörte ich, wie Mark die Haustür wieder schloss. Schnell kramte ich mein Feuerzeug hervor. Ich war froh, dass Mark in der Dunkelheit nicht sehen konnte, wie panisch ich an dem Feuerzeug fummelte, um die Flamme anzubekommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Kerzenschein sah ich, wie Mark mich angrinste. Genau wie ich steckte er voller angespannter Erwartung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Na los“, flüsterte er, „lass uns in Bewegung bleiben.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war eine weitere Regel des Midnight Games. Wir durften niemals zu lange an einem Ort verweilen, oder der Midnight Man würde uns finden. Wenn er das tat, würden unsere Kerzen ausgehen. Dann hatten wir genau zehn Sekunden Zeit, die Flammen wieder zu entzünden. Sollten wir das hingegen nicht schaffen, mussten wir schnell einen schützenden Kreis aus Salz um uns ziehen. Ansonsten würden wir eines grausamen Todes sterben.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am Anfang passierte noch nicht viel. Trotzdem kam mir das Haus völlig fremd vor. Obwohl ich hier schon seit fünfzehn Jahren wohnte, war es fast so, als erkannte ich die Räume im schwachen Licht unserer Kerzen nicht wieder. Nicht nur, dass die Möbel – die Schränke im Flur, die Stühle in der Küche, sogar die offenen Türen – nur als schemenhafte Umrisse auftauchten, auch waberten überall über die Wände Schatten, die im flackernden Licht fast lebendig wirkten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als wir das Wohnzimmer betraten, erstarrte ich. In einigen Metern Entfernung starrten uns zwei leuchtende Augen aus der Dunkelheit an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was ist?“, flüsterte Mark mir zu. Sein Körper wirkte angespannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Scheiße!“, fluchte ich leise. Dann musste ich lachen. „Ich hab die Reflexion im Fenster gerade für zwei Augen gehalten.“ Ich deutete auf die beiden kleinen Flammen, die sich in der Fensterfront spiegelten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt lachte auch Mark leise. „Mach nicht gleich so ne Panik. Wenn wir keinen kühlen Kopf bewahren, sehen wir den Midnight Man gleich an jeder …“ Er brach mitten im Satz ab. Seine Augen waren ungläubig geweitet, ehe er plötzlich den Arm mit der Kerze ausstreckte und in Richtung Sofa leuchtete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich folgte seinem Blick, konnte aber nichts Ungewöhnliches entdecken, ehe Mark mich wortlos am Arm packte und zurück in den Flur zerrte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir gingen noch einige Meter weiter, ehe ich mich traute, etwas zu sagen. Das Verhalten war für Mark absolut untypisch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was?“, flüsterte ich, so leise, dass ich fast befürchtete, mein Freund würde mich nicht hören.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mark sah mich mit großen Augen an. „Da hat sich was bewegt“, erklärte er. Auch er sprach so leise, dass ich mich anstrengen musste, um alles zu verstehen. „Irgendeine Art Schatten. Direkt beim Sofa.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Prüfend musterte ich ihn, suchte nach irgendetwas, das darauf hindeutete, dass er mich bloß ärgern wollte. Aber sein Blick war todernst. Auch sah es im Kerzenschein so aus, als sei seinem Gesicht sämtliche Farbe entwichen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ach, du spinnst. Das hast du dir eingebildet“, sagte ich dann. Ich lachte nervös. „Wer macht jetzt wem Panik?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mark gab mir ein schiefes Lächeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ohne ein weiteres Wort zu sagen, setzten wir uns wieder in Bewegung. Wieder gingen wir durch die verschiedenen Räume. Jetzt bildete auch ich mir ein, aus dem Augenwinkel Bewegungen in der Dunkelheit zu sehen. Aber nein, meine Augen spielten mir einen Streich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Irgendwann jedoch kam zu den Bewegungen ein Geräusch hinzu. Es war eine Art Säuseln. Oder ein Flüstern?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit gerunzelter Stirn sah ich zu Mark. „Hörst du das?“, zischte ich ihm zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er hielt in der Bewegung inne. Jetzt lauschten wir beide angespannt. Da war definitiv eine Art Flüstern. Nur, dass ich nicht erkennen konnte, wo es herkam. Auch konnte ich keinerlei Worte darin ausmachen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Ding Dong.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Mark und ich zuckten gleichermaßen zusammen. Vor Schreck hätte ich fast die Kerze fallenlassen. 1 Uhr. Wir hatten erst eine Stunde in dem Ritual ausgehalten und ich hatte schon jetzt das Gefühl, langsam den Verstand zu verlieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder lachte ich nervös. Diesmal um mein schweres Atmen zu überdecken. Ehe ich jedoch etwas sagen konnte, waren wir plötzlich in Dunkelheit gehüllt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ungläubig starrte ich auf die nachglimmende Spitze des Dochts vor mir. Marks und meine Kerze waren im exakt selben Augenblick ausgegangen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment kramten wir hektisch unsere Feuerzeuge hervor, während wir zurück in den Flur stolperten. Es klackerte, während wir versuchten, sie einzuschalten. Dann endlich gab es wieder Licht. Mark hatte es als erstes geschafft, seine Kerze wieder zu entzünden, und hielt mir mit ernster Miene das Feuerzeug hin. Dankbar hielt ich auch meinen Docht in die Flamme.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Heilige Scheiße, was war das?“, flüsterte ich, nachdem wir sichergegangen waren, dass um uns herum alles normal aussah.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Vielleicht ein Windzug?“, erwiderte Mark. Er hatte immer für alles eine Erklärung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber wahrscheinlich hatte er recht. Außer … Aber nein. The Midnight Game war nur ein Spiel. Eine Mutprobe unter Freunden. Genau wie Bloody Mary und all die anderen Rituale. Nichts davon war echt. Ich durfte mich jetzt wirklich nicht wegen sowas verrückt machen lassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem hatte ich ein mulmiges Gefühl in der Magengegend, während wir weitergingen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Inzwischen sah ich in allen Ecken Bewegungen. Dunkle Schatten, die sich aufrichteten. Natürlich wusste ich, dass mein Hirn mir nur Streiche spielte. Dennoch hätte ich mehr als einmal am liebsten das Licht eingeschaltet, um mich wirklich davon zu überzeugen. Aber das war gegen die Regeln. Und wenn an dem Ritual auch nur ein kleines Fünkchen Wahrheit war, wollte ich nicht herausfinden, was mit Regelbrechern geschehen würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Runde für Runde schlichen wir durch die Zimmer. Nur das Wohnzimmer und das Gästezimmer, in dem ich vorhin das Geflüster gehört hatte, ließen wir aus. Die Bewegungen, die ich sah, wurden dabei immer häufiger. Auch kam mir die Stille manchmal gar nicht mehr so still vor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ist dir auch plötzlich so kalt?“, flüsterte ich Mark zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch er zuckte mit den Schultern. „Nicht kälter als eben“, antwortete er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie konnte Mark bei all dem nur so cool bleiben? Das Einzige, was mich noch bei Verstand hielt, war die Tatsache, dass unsere Kerzen erst ein einziges Mal ausgegangen waren. In den meisten Zeugenaussagen aus dem Internet geschah das sehr viel häufiger.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wahrscheinlich hatte Mark also recht: Es war nur ein Windzug gewesen, der die Kerzen ausgepustet hatte. Der würde auch das säuselnde Geräusch erklären. Das Haus war alt. Da kam so etwas schon einmal vor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und die Schatten? Das war nichts als meine Fantasie. Natürlich bildete ich mir Dinge ein, wenn ich die letzten Tage ständig davon gelesen hatte. In der Dunkelheit ließen die Augen sich nun einmal sehr leicht austricksen. Wenn ich mich jetzt also nicht beruhigte, würde es bloß schlimmer werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich atmete tief durch, dachte an all die anderen Rituale, bei denen auch nie etwas geschehen war. Ich war in Sicherheit. Wir waren in Sicherheit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es funktionierte. Langsam beruhigte sich mein Herzschlag wieder. Von mir selbst belustigt schüttelte ich den Kopf. Natürlich war das alles nur Einbildung gewesen. Genau wie die dunkle Gestalt, die jetzt vor uns beiden stand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Augen weiteten sich. Und auch Mark war wie angewurzelt stehengeblieben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Gestalt vor uns war anders als die schattenhaften Bewegungen, die ich bisher gesehen hatte. Sie war dunkler. Um genau zu sein, erkannte ich sie nur, weil sie noch schwärzer als die Dunkelheit hinter ihr war. Sie stach nahezu daraus hervor. Außerdem war ihre Form eindeutig menschlich. Sie war groß und dünn, hatte deutlich erkennbare Arme. Einen Torso. Einen Kopf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann bewegte sie sich. Es sah aus, als würde sie einen Arm nach uns ausstrecken. Und plötzlich … Schwärze. Unsere Kerzen waren zeitgleich erloschen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Panik stieg in mir auf. Noch während ich in meiner Hosentasche nach dem Feuerzeug kramte, stolperte ich rückwärts davon. Ich rannte zurück in den Flur, versuchte hektisch, meine Kerze wieder anzuzünden. Wie viele Sekunden waren vergangen, seit die Kerze erloschen war? Ich wusste es nicht, hatte nicht mitgezählt. Waren es schon zehn Sekunden?</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Klack. Klack.</em> Wieso kam kein Feuer? <em>Klack.</em> Dann endlich wurde es hell. Die winzige Flamme meines Feuerzeugs kam mir vor wie ein rettendes Leuchtfeuer. Schnell hielt ich sie an meine Kerze und entzündete den Docht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als Nächstes sah ich mich um. Von der dunklen Gestalt fehlte jede Spur. Jedoch auch von Mark.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich unterdrückte ein Fluchen. Wieso hatte ich nicht darauf geachtet, wo er hingelaufen war? Ohne zu zögern, ging ich zurück. Meine Füße bewegten sich schnell und leise über den alten Holzboden. Gleichzeitig achtete ich auf jede Bewegung, jeden Schatten, der mir merkwürdig vorkam.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich um eine Ecke bog, rannte ich fast in Mark hinein. Mein Herz machte einen Hüpfer. Die Flamme von Marks Kerze streifte mein Gesicht. Gerade noch so konnten wir verhindern, ineinander zu laufen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Fuck!“, stieß ich aus. Diesmal konnte ich das Fluchen nicht unterdrücken. Ich atmete tief durch. „Du hast das doch auch gesehen, oder?“, fragte ich. „Die schwarze Gestalt?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ja.“ Mark nickte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Scheiße, scheiße, scheiße!“, fluchte ich. „Das ist kein Spiel!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich eilte in den Flur zurück, diesmal darauf bedacht, dass Mark mir folgte. Dort stellte ich die Kerze auf den Boden und fummelte die Packung Salz aus meiner Hosentasche, die ich für den Notfall eingesteckt hatten. Ich weiß noch, wie Mark mich dafür ausgelacht hatte. Aber ich war lieber auf Nummer sicher gegangen. Immerhin sollte man in einem Kreis aus Salz vor den Midnight Man sicher sein. Auch wenn ich nie gedacht hätte, dass wir das Salz wirklich brauchten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Behutsam streute ich den Inhalt in einem Kreis um mich auf den Boden. Ich machte ihn groß genug, damit Mark ebenfalls darin Platz finden konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er hingegen blieb einige Meter vor mir stehen. Im schwachen Kerzenlicht konnte ich den Zweifel in seinem Gesicht erkennen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Jetzt komm schon! Bevor der Midnight Man wieder auftaucht“, forderte ich ihn auf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber Mark bewegte sich nicht. „Das … Das ist doch verrückt. Es gibt keinen Midnight Man. The Midnight Game ist nicht echt.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Und wenn doch?“, erwiderte ich. „Jetzt komm endlich her! Wem willst du denn noch was beweisen? Du hast länger durchgehalten als ich, okay?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mark zögerte. Ich konnte es deutlich erkennen. Doch dann schüttelt er den Kopf. „Nein“, sagt er entschlossen. „Es ist schon fast zwei Uhr. Die letzten anderthalb Stunden halt ich auch noch durch.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Verdammter Sturkopf! Er war schon immer der Vernünftige von uns gewesen. Wahrscheinlich war er sich sicher, dass die Gestalt nur Einbildung gewesen war. Natürlich hoffte ich das auch. Aber ich würde nicht länger mein Leben darauf verwetten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich muss in Bewegung bleiben“, fügte Mark knapp hinzu. Ehe er sich jedoch umdrehen konnte, war er plötzlich verschwunden. Vor mir lag nur noch Dunkelheit. Seine Kerze war wieder erloschen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vor Anspannung hielt ich den Atem an. Im Kopf zählte ich mit: 1, 2, 3. Angestrengt starrte ich in die Schwärze. 4, 5, 6. Wo blieb die Flamme seines Feuerzeugs? 7, 8, 9, 10. Nichts.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mark?“, rief ich zaghaft. Ich traute mich nicht, lauter zu rufen. „Mark, bist du da?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Keine Antwort.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für einen kurzen Moment überlegte ich, ob mein Freund mich auf den Arm nahm. Dann hörte ich jedoch ein angsterfülltes Gewimmer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nein … Nein!“, jammerte Mark. Noch nie hatte ich so viel Panik in seiner Stimme gehört. „Nein, nein, nein, nein, nein!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, nahm ich all meinen Mut zusammen, umklammerte meine Kerze und trat aus dem Salzkreis hinaus. Mit ausgestreckter Kerzenhand ging ich auf das Gewimmer zu. Zuerst sah ich nur die Dielen im Licht der Kerze, dann unsere Kommode und direkt daneben einen völlig verängstigten Mark.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er saß mit dem Rücken an die Wand gedrängt, die Arme schützend erhoben, während er entsetzt in die Luft starrte. „Nein, nein, nein!“, jammerte er weiter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mark. Mark, ich bin es“, versuchte ich, ihn zu beruhigen. Ich versuchte, nach seiner Schulter zu greifen, doch er schlug meinen Arm sofort weg.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach einem zweiten und dritten Versuch gab ich auf. Er erkannte mich nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also stellte ich meine noch brennende Kerze auf den Boden. Ich packte mit beiden Armen nach Marks Schultern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er wehrte sich mit Leibeskräften. Was auch immer er in der Dunkelheit sah, es musste ihm panische Angst bereiten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich ihn also auf die Beine zog, schlug und trat er um sich. Es tat verdammt weh, aber ich schluckte den Schmerz hinunter. Wenn die Internetseiten recht hatten, auf denen wir über the Midnight Game gelesen hatten, würde der Midnight Man Mark umbringen, während er ihm Visionen seiner schlimmsten Ängste zeigte. Das musste ich auf jeden Fall verhindern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hatte keine Ahnung, wie ich es bewerkstelligte, aber schließlich schaffte ich es, Mark in Richtung Salzkreis zu bewegen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Inzwischen zuckte sein Kopf hin und her. Sein Gewimmer war zu Schreien übergegangen. „Nein! Nein, nein!“, schrie er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann endlich standen wir beide im Salzkreis. Für einen kurzen Moment sah Mark mich direkt an. Es war, als würde er mich endlich erkennen. Dann sackte er am Boden zusammen und fing bitterlich an zu weinen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem ich mit meinem Feuerzeug kontrolliert hatte, ob der Kreis noch intakt war und zwei Stellen ausgebessert hatte, widmete ich mich schließlich Mark.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unbeholfen streichelte ich über seinen Rücken. „He. Alles wird gut“, redete ich beruhigend auf ihn ein. „Wir sind jetzt in Sicherheit.“</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die restliche Zeit des Rituals, bis 03:33 Uhr, als der Midnight Man wieder verschwinden sollte, verharrten wir fast reglos im Salzkreis. Zum Glück geschah, abgesehen davon, dass meine Kerze recht schnell erlosch, nichts Ungewöhnliches mehr. Trotzdem sprach Mark in der gesamten Zeit kein einziges Wort mehr. Erst, als nach gefühlten Ewigkeiten unsere Handywecker gleichzeitig losgingen und das Ende des Midnight Games verkündeten, sprang er ruckartig auf und rannte zum nächsten Lichtschalter.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Klack.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Flur lag völlig ruhig vor uns. Wären da nicht der Salzkreis, die beiden erloschenen Kerzen und zwei blutbefleckten Papiere bei der Eingangstür gewesen, hätte wohl niemand geahnt, dass hier gerade ein dunkles Ritual durchgeführt worden war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mark hingegen sah man es deutlich an. Er war noch immer leichenblass, sah völlig verheult aus und zitterte am ganzen Körper. In dieser Nacht hatten wir im selben Bett geschlafen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber obwohl Mark am nächsten Morgen schon deutlich besser aussah, war er seit jener Nacht nie wieder derselbe gewesen. Er lachte weniger, hatte wohl oft noch Albträume. Seitdem haben wir jedenfalls einen großen Bogen um alles gemacht, was auch nur ansatzweise okkult wirkte.</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">The Midnight Game, englisch für „das Mitternachtsspiel“, ist ein Ritual, das ursprünglich als <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/creepypasta" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Creepypasta</a> veröffentlicht wurde. Mit dem Ritual wird angeblich ein <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer">Wesen</a> namens „The Midnight Man“ beschworen, das versucht, die Durchführenden zu töten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Inzwischen gibt es unzählige Menschen, die das Ritual durchgeführt oder eigene Geschichten dazu geschrieben haben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Das Ritual:</h3>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Hinweis: Ich rate dringend davon ab, übernatürliche Rituale durchzuführen. Der Kontakt zur Geister- oder Dämonenwelt kann schwerwiegende Folgen mit sich bringen!</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Angeblich soll the Midnight Game ein altes heidnisches Ritual sein, das dazu genutzt wurde, Anhänger der betreffenden heidnischen Religion zu bestrafen, wenn sie gegen die Regeln verstoßen haben. Um welche heidnische Religion es sich dabei genau gehandelt haben soll, ist jedoch nicht bekannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es heißt, dass das Ritual zu schweren mentalen Schäden oder sogar zum Tod führen kann. Sollte man das Ritual nicht schaffen, soll der Midnight Man seinen Opfern Halluzinationen ihrer größten Ängste erscheinen lassen, während er ihnen die Organe herausreißt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine positive Folge oder einen anderen Grund, warum man das Ritual durchführen sollte, gibt es nicht.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Vorbereitung:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Für das Ritual benötigt man eine Kerze, ein Feuerzeug oder Streichhölzer (möglichst zuverlässig, sodass man die Kerze oft und möglichst schnell wieder entzünden kann), ein Blatt Papier, etwas zum Schreiben, Salz (genug, um einen schützenden Kreis um sich auf den Boden zu streuen), eine Holztür sowie einen Tropfen des eigenen Blutes.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als Erstes muss man seinen vollständigen Namen (inkl. mittlere Namen, falls vorhanden) auf das Papier schreiben. Anschließend muss man einen Tropfen des eigenen Blutes auf das Papier träufeln und warten, bis das Papier das Blut aufgesaugt hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann soll man alle Lichter im Haus ausschalten und das Papier mit dem Namen vor die Holztür legen. Die Kerze muss auf das Papier gestellt und angezündet werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als Nächstes muss man genau 22-mal an die Holztür klopfen. Wichtig hierbei ist, dass das letzte Klopfen auf Punkt Mitternacht fallen muss.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn man nun die Tür öffnet, die Kerze auspustet und die Tür wieder schließt, soll der Midnight Man im Haus auftauchen und das Ritual beginnt. Jetzt sollte man die Kerze, so schnell es geht, wieder anzünden.</p>



<h4 class="wp-block-heading">The Midnight Man:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Viel ist über den Midnight Man nicht bekannt. Man weiß nur, dass er während des Rituals als pechschwarze humanoide Gestalt oder als Schatten auftauchen soll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch soll man seine unmittelbare Nähe an einem plötzlichen Temperaturabfall und einem Geflüster, das aus keiner bestimmten Richtung zu kommen scheint, erkennen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn man den Midnight Man sieht oder wahrnimmt, wird empfohlen, den Raum schnellstmöglich zu verlassen.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Ablauf:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Sobald der Midnight Man beschworen ist, sollte man nicht zu lange an ein und demselben Ort verharren, um nicht von ihm gefunden zu werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem darf man kein einziges Licht einschalten (auch keine Taschenlampe o. Ä.) und muss dafür sorgen, dass die Kerze die ganze Zeit über brennt. Sollte die Kerze ausgehen, muss man sie innerhalb von 10 Sekunden erneut entzünden, oder – falls man das nicht schafft – einen Kreis aus Salz um sich herumstreuen. Diesen Kreis darf man während des Rituals nicht mehr verlassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn man es schafft, bis genau 03:33 Uhr zu überleben – egal, ob durch in Bewegung bleiben und die Kerze am Brennen halten oder, indem man im Salzkreis verweilt – hat man das Ritual erfolgreich beendet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gesondert erwähnt sind zusätzlich die Regeln, dass man während des Rituals nicht einschlafen darf, nicht das Blut einer anderen Person auf das Papier träufeln darf, kein Feuerzeug statt der Kerze verwenden kann und, dass man den Midnight Man unter keinen Umständen beleidigen oder sonst wie verärgern darf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Des Weiteren heißt es, dass, sollte man das Ritual überleben, der Midnight Man, auch, wenn er keine unmittelbare Gefahr mehr darstellt, die durchführenden Personen (wahrscheinlich ihr ganzes Leben lang) weiter beobachten wird.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Einigen Seiten zufolge wurde die älteste Version von the Midnight Game ursprünglich auf 4chan gepostet. Den alten 4chan-Post habe ich zwar nicht finden können, die ältesten beiden Versionen, die ich ausfindig machen konnte (ein Bild auf <a href="https://imgur.com/gallery/lets-play-midnight-game-gentlemen-j4RZw#-1" target="_blank" rel="noreferrer noopener">imgur</a> von 2011 und ein Post in der <a href="https://creepypasta.fandom.com/wiki/Midnight_Game">Creepypasta Wiki</a> von 2012) sind jedoch identisch, weshalb ich davon ausgehe, dass sie denselben Text wie auf 4chan beinhalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vor den besagten Posts habe ich keine Erwähnung des Rituals finden können. Die einzige ältere Übereinstimmung ist der Film „The Midnight Man“ von 1974, der abgesehen vom Namen keine Gemeinsamkeiten mit dem Ritual hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch deutet das Ritual an sich darauf hin, dass es sich um eine neuere Erfindung und nicht tatsächlich um ein „altes heidnisches Ritual“ handelt. Zum einen waren die meisten Häuser früher sehr viel kleiner, sodass man nicht vor dem Midnight Man hätte flüchten können, zum anderen wäre das erneute Entzünden einer erloschenen Kerze innerhalb von 10 Sekunden mit damaligen Mitteln ein Problem gewesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Ritual selbst kann hingegen tatsächlich funktionieren. Bzw. könnten durchführende Personen tatsächlich denken, dass es funktioniert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wann man in einem dunklen Haus umherstreift, dabei nichts außer einer flackernden Kerze als Lichtquelle hat, ist es nicht ungewöhnlich, dass man sich Dinge einbildet. Wenn jetzt noch Faktoren wie Angst, Nervosität und Müdigkeit hinzukommen, kann es passieren, dass die Durchführenden tatsächlich eine dunkle Gestalt sehen, seltsames Geflüster hören oder sich einbilden, dass es kälter wird. Da dies wiederum die Nervosität oder Angst noch weiter steigern kann, kann es sein, dass einige Personen in dieser Situation tatsächlich zu halluzinieren beginnen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">The Midnight Game in der Popkultur:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Aufgrund der Beliebtheit der Creepypasta gab es bereits zahlreiche Personen, die das Ritual selbst ausprobiert oder eigene Geschichten dazu geschrieben haben. Dementsprechend lassen sich viele Creepypastas, Zeugenaussagen und Kurzgeschichten finden, die von dem Ritual handeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem gibt es den irischen Low-Budget-Film „The Midnight Game“ (2013) sowie den US-amerikanischen Film „The Midnight Man“ (2016), die von dem Ritual handeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Jahr 2014 hat Unicorn Studios sogar ein gleichnamiges Videospiel herausgebracht, in dem das Ritual nachgestellt wurde. Es fand Anklang bei zahlreichen Let’s Playern, die die Bekanntheit des Rituals somit weiter gepusht haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von the Midnight Game? Würdet ihr das Ritual durchführen? Habt ihr es vielleicht schon einmal getan? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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		<title>Mahaha – Er kitzelt dich zu Tode!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 10 Feb 2025 14:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Geschichten]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>„Ich bin von der Polizei. Bitte bleiben Sie stehen!“, rief ich. Die Waffe hielt ich stur zum Boden gerichtet, um die Person nicht zu verschrecken. „Ich habe einige Fragen an Sie!“<br />
Die Silhouette reagierte mit einem erneuten Lachen. Im nächsten Moment setzte sie zu einem Sprint an. Sie raste auf mich zu. Ihre Bewegungen wirkten dabei unnatürlich, fast wie die eines Tieres …</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg02.met.vgwort.de/na/e8f8d69e4923441fab9b9b8ce407d739" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Der Mahaha ist die erste Legende der Inuit-Folklore, die ich auf meinem Blog behandle. Es handelt sich um ein menschenähnliches <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wesen</a>, das seine Opfer angeblich zu Tode kitzeln soll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn ihr mehr Inuit-Legenden auf meinem Blog lesen wollt, könnt ihr mir gerne einen Kommentar schreiben. Es stehen auf jeden Fall noch einige auf meiner Liste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen</strong></summary>
<p>&#8211; Tod<br>
&#8211; Blut</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich hasse den Winter“, murmelte ich, während ich mich zurück ins Auto setzte. Ich pfefferte den Scheibenkratzer nach hinten in den Fußraum.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Enoki, der auf dem Beifahrersitz saß, schmunzelte. „Soweit ich mich richtig erinnere, hast <em>du</em> um die Versetzung nach Nord-Kanada gebeten, Randy.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ja, schon“, erwiderte ich. Ich startete den Motor. „Aber eigentlich, um einen Mörder zu fangen. Nicht um zweimal am Tag mein Auto kratzen zu müssen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Enokis Grinsen wurde breiter. Er war ein Inuit, oder ein Inuk, wie die Einzahl richtig lautet. Für ihn waren die Wetterbedingungen hier in seiner Heimatstadt völlig normal. „Ach was. Die letzten Tage war es doch gar nicht so kalt. Und mit der Zeit gewöhnst du dich daran“, versuchte er, mich aufzumuntern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wollte mich aber gar nicht daran gewöhnen. Ich seufzte schwer. Eigentlich sollte das hier ein schneller Einsatz werden. Ich sollte nach Nunavut kommen, der Polizei bei den Ermittlungen helfen und sofort wieder nach Hause fahren, sobald der Mörder geschnappt war. Das war jetzt etwas über einen Monat her. Und wir tappten noch immer völlig im Dunkeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Fuck!“ Ich schlug auf das Lenkrad. „Wir haben schon fünf Tote und bei drei Tatorten hab ich selbst ermittelt. Ich war fast zehn Jahre bei der Spurensicherung, verdammt nochmal! Aber alles, was wir an Beweisen sicherstellen konnten, waren die Kratzspuren in den Opfern und ein paar Fotos von vermeintlich nackten Fußabdrücken!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Fall war einer der seltsamsten und außergewöhnlichsten Fälle, in denen ich je ermitteln durfte. Die Opfer hatten scheinbar keine Gemeinsamkeiten. Es gab kein Muster, nach dem der oder die Täter sie auswählten. Wir wussten nur, dass sie alle am äußersten Stadtrand, in den unbewohntesten Gegenden gefunden wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und auch bei der Todesursache standen wir vor einem Rätsel. Zwar wiesen alle Opfer zerfetzte Oberteile mit blutigen Kratzern in ihren Bäuchen und ihren Seiten auf, aber daran waren sie nicht gestorben. Zwei von ihnen erlagen einem Herzinfarkt, während die anderen drei wohl erstickt waren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Seltsamste waren jedoch die Gesichter der Toten. Ich hatte es selbst gesehen. Ihre Münder waren allesamt zu einem schmerzerfüllten Grinsen verzerrt, was bei den Gerichtsmedizinern wiederum zu noch mehr Ratlosigkeit geführt hatte. Einer von ihnen hatte sogar die Theorie aufgestellt, dass es sich um Muskelkrämpfe aufgrund der Kälte handeln könne. Ungläubig schüttelte ich den Kopf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Randy?“, riss mich Enoki aus meinen Gedanken. Er räusperte sich. „Ich weiß, wie du darüber denkst, aber … meinst du nicht, dass an der Mahaha-Theorie doch etwas dran sein könnte?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich unterdrückte ein Augenrollen. Der Mahaha war ein Monster der Inuit-Mythologie. Der Legende nach kitzelte er seine Opfer zu Tode, was zumindest die Gesichter erklären würde. Und zugegeben: Auch die Wunden ließen sich mit seinen langen Fingernägeln begründen. Aber bei dem Mahaha handelte es sich um ein menschenähnliches Monster, das seit Jahrhunderten durch die eisige Kälte ziehen soll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich atmete tief durch, ehe ich antwortete. „Ich möchte dir auf keinen Fall zu nahetreten. Aber denkst du nicht, dass, wenn es so etwas wie Geister oder Monster wirklich gäbe, egal in welcher Kultur, man dafür inzwischen irgendwo auf der Welt einen Beweis hätte finden müssen?“, fragte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war eine Zeugin gewesen, eine alte Frau namens Simone Nanuq, die Enoki auf das Vorgehen des Mahaha hingewiesen hatte. Seitdem hatte Enoki sich daran festgebissen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Andererseits“, fuhr ich fort, „halte ich es weiterhin für denkbar, dass ein Mensch die Vorgehensweise des Mahaha nachahmt. Kennst du wirklich keinen Inuk oder jemand anderen, der sich mit eurer Kultur gut auskennt, der ein auch noch so kleines Motiv dafür hätte? Irgendwelche noch so kleinen Auffälligkeiten?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber Enoki schüttelte entschieden den Kopf. „Randy, bei uns gibt es keine Serienmörder. Sowas gibt es vielleicht bei euch in Toronto. Wahnsinnige, die ihre kranken Fantasien ausleben. Aber das hier ist eine Kleinstadt. Das Spannendste, was hier passiert, ist für gewöhnlich ein Nachbarschaftsstreit oder vielleicht mal ein Einbruch.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie auch die letzten Male, als ich es angesprochen hatte, traf ich auf eine Mauer. Enoki war felsenfest davon überzeugt, dass, wenn es nicht der mythische Mahaha war, der die Morde beging, es jemand von außerhalb sein musste – eine Einstellung, die das restliche Präsidium mit ihm teilte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Normalerweise hätte ich jetzt zu einer Diskussion angesetzt, ihm erneut erklärt, dass man es den meisten Tätern im Alltag nicht ansah, dass sie Mörder waren, erklärt wie gering die Wahrscheinlichkeit war, dass ein Tourist in einer fremden Stadt eine Mordserie über vier ganze Wochen hinweg beging. Aber zum Glück musste ich das heute nicht. Wir hatten Enokis Haus erreicht. Ich hielt den Wagen an der Straße vor seinem Grundstück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Enoki schnallte sich ab. Er wartete, bis das Auto stand, ehe er nach dem Türöffner griff. „Danke für’s Fahren“, sagte er. „Komm gut nach Hause.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Kein Ding. Ich will aber noch schnell zum letzten Tatort. Vielleicht kann ich ja doch noch was finden, was wir bisher übersehen haben.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Enoki hielt mitten beim Aussteigen inne. „Jetzt? Aber es wird gleich dunkel. Soll ich mitkommen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich lachte. „Ach was. Deine Frau wartet auf dich. Außerdem ist es noch hell und ich bin bewaffnet. Sollte ich irgendetwas finden, sag ich dir natürlich sofort Bescheid!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Enoki wirkte nicht sehr glücklich mit meiner Antwort, gab aber keine Widerworte. „Na gut. Aber meld dich bitte, wenn du zuhause bist.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ja, Mama“, sagte ich grinsend. Ich zwinkerte ihm zu, ehe er die Autotür schloss. Anschließend fuhr ich los. Im Rückspiegel sah ich ihn noch winken, bis er aus meinem Sichtfeld verschwunden war. Dann war ich wieder allein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich weiß nicht, welche Art von Menschen ihr seid, aber für einen Stadtmenschen wie mich war die Stille bedrückend. Abgesehen von meinem Motor hörte ich jetzt kein einziges Geräusch mehr, während ich durch die verlassenen Straßen fuhr. In Toronto war immer irgendetwas los gewesen. Ich vermisste den Stadtlärm, der mir zeigte, dass ich nicht völlig allein war in dieser gottverdammten Welt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vielleicht war auch das der Grund, warum ich angeboten hatte, Enoki nach Hause zu fahren. Nicht nur, dass ich meinen neuen Polizeipartner so besser kennenlernen konnte, ich hatte außerdem noch ein paar Minuten mehr, in denen ich nicht allein sein musste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schaltete das Radio ein, drehte es ein kleines Stück lauter als gewöhnlich, während ich dem letzten bisschen Sonne entgegenfuhr.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bald hatte ich das letzte Haus passiert, das noch zur Stadt gehörte. Aber zum Glück musste ich nicht mehr allzu weit über die stetig schlechter werdenden Straßen fahren. Noch ehe ich das Lied zu Ende gehört hatte, bog ich nach links auf einen zugeschneiten Parkplatz ab, auf dem noch immer das Absperrband der Polizei flatterte. Direkt davor hielt ich an.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die wenigen Bäume um mich herum warfen lange Schatten über den Boden. Mit einem leisen Fluchen warf ich einen Blick zur Sonne, von der ich nur noch einen letzten Streifen am Horizont sehen konnte. Sobald sie untergegangen war, würde es rasch dunkel werden. Ich musste mich also beeilen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eilig stapfte ich durch den knirschenden Schnee. Ich bückte mich unter dem Absperrband hindurch und ging an die Stelle, wo noch bis vor kurzem das Auto unseres letzten Opfers gestanden hatte. Knapp davor hatten wir seine Leiche gefunden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Gedanken ging ich den Tathergang noch einmal durch: Das Opfer – ich vermied es generell, Mordopfer beim Namen zu nennen – war genau wie ich von der Straße auf den Parkplatz abgebogen. Vielleicht wollte er eine Pause machen, vielleicht musste er auch nur austreten. Wir hatten seine Fußabdrücke jedenfalls zu einem der nahestehenden Bäume verfolgen können. Dort hatten wir auch Spuren von Urin im Schnee gefunden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Beim Erleichtern musste ihn der Täter jedoch unterbrochen haben. Das Opfer war noch mit geöffnetem Gürtel zurück zum Auto gerannt. Auf halber Strecke hatte ihn der Täter erreicht, der den Abdrücken zu Folge Barfuß von der Seite angerannt gekommen war. Es gab einen kurzen Kampf, wie der aufgewühlte Schnee gezeigt hatte. Dabei musste der Täter die Jacke und den Pullover des Opfers zerschnitten haben, was auch zu den blutigen Kratzern im Bauch geführt hatte. Kurz darauf war das Opfer erstickt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was ist hier nur passiert?“, murmelte ich zu mir selbst. Mir fehlten die Zusammenhänge. Ich konnte mir einfach keinen Reim darauf machen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und dann waren da noch die Fußabdrücke des Täters. Sie führten direkt in die Wildnis, weg von der Straße. Das war auch der Grund, warum wir sie nicht sonderlich weit verfolgen konnten. Irgendwo am Ufer des inzwischen wieder vollständig gefrorenen Flusses hatten wir die Spur verloren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich ließ den Blick über den Parkplatz schweifen, folgte dann den imaginären Spuren des Täters mit meinen Augen bis zum Fluss. Warum war er nicht von der Straße gekommen? Hatte er sein Auto weiter weg geparkt? Oder hatte er vielleicht ein anderes Fortbewegungsmittel? Ein Schneemobil zum Beispiel? Das würde zumindest den Kreis der Täter einschränken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gerade, als ich den Gedanken weiterspinnen wollte, erregte jedoch ein kurzes Geräusch in der Ferne meine Aufmerksamkeit. Es war eine Art Lachen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich drehte den Kopf, um es wieder einzufangen, schob sogar die Mütze von meinen Ohren, aber nichts. Jetzt hörte ich nur noch den Wind, der über den Parkplatz säuselte. Hatte ich es mir bloß eingebildet?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gerade, als ich mich wieder dem Tatort widmen wollte, erklang das Lachen erneut. Es war aber kein helles Lachen. Vielmehr klang es wahnsinnig, völlig ohne Freude darin. Jetzt hörte es gar nicht mehr auf. Und es kam eindeutig näher.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort musste ich an den Mahaha denken. Wie war das noch? Hatte Enoki nicht gesagt, dass man ihn oft an seinem Gelächter erkennt?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Instinktiv wanderte meine Hand zu meiner Waffe. Ich löste die Schnalle, die sie im Holster hielt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann erkannte ich neben dem wahnsinnigen Lachen noch ein weiteres Geräusch im Wind: das Rattern eines Schneemobils. Ein freudloses Lächeln umspielte meine Lippen. Dachte ich es mir doch. Wenn das da draußen tatsächlich der Täter war, ahmte er den Mahaha bloß nach. Wahrscheinlich waren auch die Fußabdrücke nichts weiter als speziell angefertigte Schuhe gewesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit gezogener Waffe schlich ich in die Richtung, aus der die Geräusche kamen. Im Halbdunkel erkannte ich eine Bewegung. Sie war jedoch viel näher, als ich erwartet hatte. Eine Gestalt stand vielleicht dreißig Meter vom Parkplatz entfernt. Sie war dünn, hatte helle Haut und strähnige Haare, durch die mich fast weiße Augen anblitzten. Von dem Schneemobil hingegen, das ich immer noch hören konnte, fehlte jede Spur.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich bin von der Polizei. Bitte bleiben Sie stehen!“, rief ich. Die Waffe hielt ich stur zum Boden gerichtet, um die Person nicht zu verschrecken. „Ich habe einige Fragen an Sie!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Silhouette reagierte mit einem erneuten Lachen. Im nächsten Moment setzte sie zu einem Sprint an. Sie raste auf mich zu. Ihre Bewegungen wirkten dabei unnatürlich, fast wie die eines Tieres.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Anblick jagte einen Schauer durch meinen Körper. Aber zum Glück war ich für solche Situationen trainiert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort riss ich meine Waffe hoch. Der erste Schuss ging in den Boden, sollte zur Abschreckung dienen. Ohne Gehörschutz war der Knall so laut, dass meine Ohren klingelten. Aber das Wesen zögerte nicht einmal in seiner Bewegung. Also feuerte ich den zweiten Schuss auf seine Brust ab. Das Wesen zeigte sich jedoch völlig unbeeindruckt. Er zuckte nicht einmal. Hatte ich verfehlt?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Leider hatte ich keine Möglichkeit mehr, es noch einmal zu versuchen. Das Ding hatte mich erreicht. Ehe ich den Abzug erneut betätigen konnte, wurde ich bereits zu Boden gerissen. Schmerzhaft prallte ich in den Schnee, spürte, wie mir die Waffe aus der Hand glitt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Mahaha – denn ich war mir jetzt sicher, dass er es tatsächlich war – stand über mir. Er trug nichts außer einer zerschlissenen Hose aus Fell. Seine Haut hatte einen blassblauen Ton. Sein Körper wirkte abgemagert, aber gleichzeitig unglaublich kräftig und muskulös.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am furchteinflößendsten war hingegen sein Gesicht. Sein Mund war zu einem schadenfrohen Grinsen verzerrt, das spitzzulaufende Zähne entblößte. Außerdem waren da seine weißen Augen, die in der Dämmerung fast zu leuchten schienen. Es war, als bohrte sein Blick sich direkt in mein Fleisch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich stieß er ein erneutes Gelächter aus. Es war so schrill, dass ich mir am liebsten die Ohren zugehalten hätte. Dazu hatte ich jedoch keine Möglichkeit mehr. Der Mahaha stürzte sich bereits auf mich, während er weiter lachte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er schlug meine schützenden Arme mit solcher Leichtigkeit zur Seite, als wäre ich ein Kind. Im nächsten Moment schlitzte er mit seinen erstaunlich scharfen Fingernägeln bereits meine Daunenjacke auf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Panisch versuchte ich, seine Handgelenke zu packen, ihn festzuhalten, aber es kümmerte ihn gar nicht. Er war so viel stärker als ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann begann er auch schon, nach meinem freigelegten Bauch zu greifen. Sein Grinsen hing direkt über mir, während er anfing, mich zu kitzeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit aller Kraft versuchte ich, mich dagegen zu wehren. Aber seine eiskalten Finger tanzten mit solch einem Geschick über meine Haut, dass ich schnell merkte, wie mein Körper zu beben begann. Ich konnte nichts dagegen tun. Mit angespannten Bauchmuskeln brach ein freudloses Lachen aus meiner Kehle hervor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wand und wälzte mich, versuchte, ihm zu entkommen, doch der Mahaha hatte mich fest im Griff. Ich kam mir vor wie ein Spielzeug.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gleichzeitig spürte ich immer wieder, wie seine Klauen mir ins Fleisch schnitten. Aber ich konnte nichts tun als Lachen. Ich bekam keine Luft mehr, hatte keinerlei Kraft in den Armen, um mich zu wehren. Und die ganze Zeit sah ich dabei nur dieses schrecklich grinsende Gesicht über mir.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Tränen stiegen mir in die Augen. Mein ganzer Körper schrie nach Sauerstoff, doch während des Lachens hatte ich keine Möglichkeit, einzuatmen. Das war es also, was den anderen Opfern widerfahren war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich wurde mir die Kälte des Schnees unter mir schmerzlich bewusst. Ich lag ganz allein hier draußen, fernab jeglicher Zivilisation. Ich würde einsam sterben, mit keiner Begleitung außer dieses noch immer lachenden Monsters über mir. Das letzte, was ich sehen würde, war sein widerwärtiges Grinsen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie aus dem Nichts ertönte in genau dem Moment ein Donnern. Der Mahaha ließ von mir ab, wurde zur Seite gerissen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich rang nach Luft, während ich mich schnell aufrichtete, um mich nach dem Mahaha umzusehen. Er hockte keinen halben Meter neben mir im Schnee. Sein Lachen war zu einem leisen Kichern geworden. Es klang irgendwie wehmütig. Auch konnte ich jetzt rote Flecken auf seiner blauen Haut erkennen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Schnell. Steigen Sie auf!“, rief eine Stimme hinter mir. Simone Nanuq saß auf einem Schneemobil, dessen ratterndes Geräusch ich erst jetzt bemerkte. Im Anschlag hatte sie eine Schrotflinte, die sie noch immer auf den Mahaha gerichtet hielt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Frau Nanuq!“, rief ich überrascht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ja, ich bin es, Officer Johnson. Enoki hat mich angerufen“, erwiderte sie hastig. „Und jetzt steigen Sie endlich auf! Ich hatte nur einen Schuss!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ließ ich mir kein drittes Mal sagen. So schnell ich konnte, rappelte ich mich auf. Mein blutender Bauch schmerzte bei jeder Bewegung, aber mein Adrenalin und die Angst trieben mich voran. Ich rannte zu Frau Nanuq und schwang mich hinter ihr aufs Schneemobil.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das wiederum schien dem Mahaha zu missfallen. Ich sah bereits, wie er wieder auf die Beine kam, um die Verfolgung aufzunehmen. Die Schussverletzung schien ihn nicht sonderlich zu behindern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment stürmte er auch schon auf uns zu. Diesmal auf allen vieren. Zum Glück reagierte Frau Nanuq mindestens genauso schnell. Ich konnte mich gerade noch an der viel zu niedrigen Rückenlehne meines Sitzes festhalten, da jaulte der Motor des Schneemobils auch schon auf. Rasch setzten wir uns in Bewegung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Frau Nanuq steuerte aber nicht die Straße an. Sie fuhr nicht zurück in die Stadt, wie ich gedacht hätte. Stattdessen bewegten wir uns direkt auf den zugefrorenen Fluss zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was machen Sie denn?“, brüllte ich. „Das Eis ist niemals dick genug, um das Schneemobil zu tragen! Es war die letzten Tage viel zu warm!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich erinnerte mich noch gut daran, dass der Fluss nicht einmal vollständig gefroren war, als das Opfer entdeckt wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber Frau Nanuq konnte mich entweder nicht hören oder sie ignorierte mich. Ein Blick nach hinten verriet mir jedoch, dass es so oder so egal gewesen wäre. Der Mahaha war näher, als ich befürchtet hatte. Wenn wir jetzt abbogen, würde er uns wahrscheinlich einholen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Panik in mir kochte über. Mein Herz schlug mir bis in die Brust. Ich musste mich mit aller Kraft davon abhalten, meinen Instinkten zu folgen und einfach vom Schneemobil zu springen. Dann hatten wir den Fluss erreicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die ersten Meter glitten wir noch problemlos über das Eis. Hier am Rand war es definitiv dick genug. Dann ertönte jedoch ein lautes Knacken, das ich sogar über den Motor hinweg hören konnte. Eisiges Wasser spritzte auf, wurde von der Raupe des Schneemobils hochgewirbelt. Schmerz zuckte durch meinen Bauch, als die Spritzer meine Wunden trafen, aber ich traute mich nicht, die Rückenlehne loszulassen, um den Arm vor die freie Haut zu halten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Danach ging alles sehr schnell. Es kam mir vor, als würde mein Herz stehenbleiben, während ich darauf wartete, dass das Schneemobil unterging. Doch das tat es nicht. Das Eis brach und splitterte, aber die Kufe des Fahrzeugs schafften es irgendwie, uns auf der Oberfläche zu halten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein nächster Blick galt dem Mahaha. Er war noch immer hinter uns, musste einen Umweg um das gebrochene Eis herum nehmen. Dann plötzlich sackte sein Bein weg. Das dünne Eis brach unter ihm, riss ihn in die Tiefe. Ich sah, wie er panisch versuchte, sich an dem Eis festzuhalten, sich aus dem Wasser zu ziehen. Aber er brach wieder ein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er langte um sich, versuchte, neuen Halt zu finden, aber die Strömung unter der Eisoberfläche musste unglaublich stark sein. In einem Moment war er noch da, unsere Blicke trafen sich, sein Grinsen wirkte jetzt voller Verzweiflung, dann wurde sein Kopf Unterwasser gerissen und das Monster war verschwunden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Inzwischen hatten wir wieder festes Eis unter dem Schneemobil. Frau Nanuq fuhr aber noch weiter, bis wir das andere Ufer erreichten. Erst dann blieben wir stehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gemeinsam betrachteten wir den Fluss. Im Halbdunkel wirkte die Landschaft jetzt wieder völlig friedlich. Lediglich das Loch im Eis wies darauf hin, dass hier überhaupt etwas geschehen war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mistvieh!“, stieß Frau Nanuq neben mir plötzlich aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich musterte sie einen Moment. Diese kleine Frau mit den langen grauen Haaren, die ich bis vorhin noch für eine Verrückte gehalten hatte, hatte mir das Leben gerettet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Frau Nanuq. Ich … Es tut mir leid, dass ich Ihnen nicht geglaubt habe. Wie kann ich das je wieder gutmachen?“, fragte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber sie winkte ab. „Bitte. Nenn mich Simone“, sagte sie. Sie lächelte mich aufmunternd an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Randy“, stellte auch ich meinen Vornamen vor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Also Randy, was hast du jetzt vor?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sah noch einmal zum Fluss. Dann fasste ich mir an den inzwischen blutverschmierten Bauch. „Zuerst muss ich meine Wunden versorgen. Und danach muss ich mich bei Enoki entschuldigen. Es tut mir wirklich leid, dass ich euch beiden nicht geglaubt habe.“</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Mahaha ist ein Monster der Inuit-Mythologie. Er ist dafür bekannt, seine Opfer im wahrsten Sinne des Wortes zu Tode zu kitzeln.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Den Legenden der Inuit zufolge hat der Mahaha ein menschenähnliches Äußeres mit blasser bis bläulicher Hautfarbe. Sein Körper ist sehr dünn und sehnig, unter seiner Haut sollen sich aber kräftige Muskeln spannen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem soll er lange scharfe Fingernägel an seinen langen knochigen Fingern haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Seine Augen werden oft als weiß oder blau beschrieben. In einigen Quellen habe ich gelesen, dass er keine Iris habe, in anderen war lediglich von stechenden bis leuchtenden Augen die Rede, die durch sein langes Haar scheinen, das ihm strähnig ins Gesicht hängt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was seine Kleidung angeht, sind die Beschreibungen eher schwammig, was aber vor allem daran liegen könnte, dass er nur wenig bis gar keine Kleidung tragen soll. Auf den Bildern hingegen wird er meist mit einer kurzen oder an den Oberschenkeln abgerissenen Hose dargestellt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am markantesten dürfte hingegen sein durchgehendes boshaftes Grinsen mit seinen vielen spitzen Zähnen sein.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der Mahaha wird oft als eine Art arktischer Dämon beschrieben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er lauert nachts in der Dunkelheit, meist in der Wildnis knapp außerhalb von Gemeinschaften, und gibt sich nur durch sein durchgehendes Kichern und Lachen zu erkennen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trifft er auf einen Menschen, der in der Wildnis unterwegs ist, greift er ihn an und kitzelt ihn im wahrsten Sinne des Wortes zu Tode. Dafür zerreißt er ihre Kleidung mit seinen scharfen Fingernägeln. Auch soll er ihm beim Kitzeln blutige Schrammen zufügen. Die Leichen bleiben daraufhin mit einem zu einem schmerzerfüllten Lachen verzerrten Gesicht zurück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem wird ihm nachgesagt, dass er übernatürlich stark sei und sehr schnell laufen könne. Dem Buch „Mahahaa“ (2023) zufolge läuft er dabei manchmal auf allen vieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt jedoch auch Möglichkeiten, wie man einen Mahaha austricksen kann. So habe ich diverse Geschichten gelesen, in denen die Protagonisten den Mahaha dazu gebracht haben, sich über ein Wasserloch im Eis zu beugen. Z. B. haben sie ihn dazu gebracht, etwas von dem Wasser trinken zu wollen, woraufhin sie ihn in das Loch gestoßen haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In anderen Geschichten haben sie ihn auf dünnes Eis gelockt oder mit Gewalt zu dem Loch befördert. Fast alle Geschichten endeten damit, dass der Mahaha von der starken Strömung fortgerissen wurde und ertrunken ist oder zumindest in dem Gewässer eingesperrt wurde.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Da es sich um eine Legende der Inuit handelt, kommt der Mahaha hauptsächlich in der nordkanadischen Arktis vor. Dort soll er sich in den Randgebieten um die Gemeinden der Inuit, bzw. in moderneren Erzählungen auch um die Gemeinden der nicht-Inuit herum, aufhalten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der genaue Ursprung des Mahaha ist nicht bekannt, da seine Geschichten über viele Generationen hinweg ausschließlich mündlich weitergegeben wurden. Man weiß nur, dass die Legende von den Inuit stammt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich habe aber gelesen, dass es bei Leichen von Leuten, die erfroren sind, manchmal zu einer Art Grinsen oder Lächeln kommen kann, das aufgrund der Kontraktion der Gesichtsmuskeln bei extremer Kälte entsteht. Ob diese Behauptung stimmt, konnte ich zwar nicht herausfinden, aber es gibt die Theorie, dass einige Inuit erfrorene Leichen mit diesem verzerrten „Grinsen“ gefunden haben und daraus die <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Legende</a> entstanden sei.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Seitdem dient die Legende als Kinderschreck, damit die Kinder sich nicht zu spät und vor allem nicht allein außerhalb der Gemeinden herumtreiben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Mahaha in der Popkultur:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt ein Buch über den Mahaha, das denselben Namen trägt: „Mahahaa“ (2023) von Jeela Palluq-Cloutier und Neil Christopher ist ein zweisprachiger Roman (Englisch und Inuktitut), der das Monster behandelt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich kann das Buch jedoch nur Folklore/Mythologie-Nerds und Leuten, die Interesse haben, Inuktitut zu lernen, empfehlen, da es für den wenigen Inhalt (40 Seiten mit sehr wenig Text, dafür aber vielen Illustrationen) leider doch recht teuer ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von dem Mahaha? Kanntet ihr die Legende bereits? Oder kennt ihr vielleicht andere Inuit-Legenden? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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