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	<title>nordische Legenden Archive - Geister und Legenden</title>
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	<description>In diesem Blog schreibe und veröffentliche ich jeden zweiten Montag eine neue Legende und Geschichte über Geister oder andere übernatürliche Dinge. Viel Spaß beim Gruseln!</description>
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		<title>Myling – Folge nicht seinen Schreien!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 25 Mar 2024 14:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Das seltsame Kind begann, an mir zu rütteln, wie ein ganz normaler Junge bei einem Wutanfall. „Bring mich zum Friedhof!“, schrie er, als wolle er zum nächsten McDonalds gefahren werden. „Bring mich zum Friedhof! Bring mich zum Friedhof!“</p>
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<p>Meine Geschichte über den Myling spielt an einem Ort, der euch bereits von einer anderen Geschichte bekannt sein dürfte. Es war zwar nicht geplant, hatte aber zu gut gepasst, damit ich es nicht dort spielen lasse. Und wer weiß, vielleicht erwarten euch ja noch weitere Geschichten aus diesem kleinen schwedischen Dörfchen.</p>



<p>Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen</strong></summary>
<p>&#8211; Tod eines Kindes<br>
&#8211; Trauer</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p>Schnee knirschte unter meinen Füßen, während ich von Kalle, meinem treuen braunen Labrador, an seiner Leine durch den Wald gezogen wurde. Es war bereits März. Trotzdem lagen die Temperaturen hier in Schweden häufig noch unter 0 °C.</p>



<p>Ich spürte die Kälte jedoch kaum. Wie so oft, wenn ich mit Kalle allein Gassi ging, wanderten meine Gedanken zu meiner Tochter Maja. Ich hatte sie letzten Monat bei einem Autounfall verloren. Den Fahrer traf keine Schuld. Er war ins Schlittern gekommen und hatte die Kontrolle über sein Auto verloren. Aber natürlich änderte das nichts an der Leere, die ich seit jenem Tag spürte.</p>



<p>Wäre Thorbjörn, ein alter Schulfreund, den ich letztes Silvester zufällig wiedergetroffen hatte, nicht gewesen, weiß ich nicht, wie ich nach dem Unfall hätte weiterleben sollen. Es war Glück im Unglück, dass er an dem Tag, als Maja starb, bei mir gewesen war, sodass er mich wenigstens etwas hatte auffangen können. Aber auch er konnte das Loch in meinem Herzen nicht füllen, dass der Tod meiner Tochter hineingerissen hatte.</p>



<p>Ein plötzliches Knurren vor mir riss mich aus meinen Gedanken. Kalle stand am Wegesrand und bellte ins Unterholz.</p>



<p>Schnell wischte ich die Tränen aus meinen Augen und ging zu ihm. „Was ist? Was hast du gesehen, mein Junge?“, fragte ich, während ich selbst in den dunklen Wald spähte. Ich konnte nichts Auffälliges entdecken.</p>



<p>Wahrscheinlich war es bloß ein Reh oder ein Hase. Andererseits verirrten sich manchmal Wölfe und Bären in diese Gegend. Ich selbst war zwar noch nie einem von ihnen begegnet, entschied aber, es nicht darauf ankommen zu lassen.</p>



<p>Als ich Kalle jedoch zaghaft an seiner Leine weiterziehen wollte, stemmte er sich mit seinem gesamten Gewicht dagegen. Auch das war noch nie vorher vorgekommen. War es also wirklich ein potenziell gefährliches Tier?</p>



<p>Panisch ging ich im Kopf alles durch, was ich über Begegnungen mit Wölfen und Bären erinnerte: Das Wichtigste war, dass ich mich groß machte, Lärm machen sollte und auf keinen Fall weglaufen oder mich umdrehen durfte.</p>



<p>Also stand ich da, neben meinem bellenden Hund, hob die Arme über den Kopf und rief in den Wald hinein. „Hej Bär, hej Wölfe. Falls ihr da draußen seid, haut ab. Wir wollen euch nichts Böses!“ Vorsichtshalber zog ich sogar die Handschuhe aus und klatschte einige Male in die Hände, ehe ich sie wieder über den Kopf hob.</p>



<p>Es rauschte ein sanfter Wind durch die Bäume. Ansonsten hörte ich nichts. Kein Knirschen im Schnee, kein Geraschel oder Knacken im Unterholz. Nichts, das auf ein wildes Tier hindeutete.</p>



<p>Plötzlich ertönte eine leise Stimme. „Hallo?“ Es klang wie ein Kind, das den Tränen nahe war. „Mama?“</p>



<p>‚<em>Maja!</em>‘, schoss es mir sofort in den Kopf. Aber natürlich war sie es nicht. Meine Tochter war tot. Außerdem war das eindeutig eine Jungenstimme.</p>



<p>„Wer ist da?“, rief ich in den Wald hinein. Ich ließ die Hände sinken und zog meine Handschuhe wieder an. „Hast du dich verirrt?“</p>



<p>Das Kind antwortete nicht. Stattdessen ertönte ein leises Schluchzen.</p>



<p>„Hee, alles wird gut“, erwiderte ich, während ich einige vorsichtige Schritte ins Unterholz tat.</p>



<p>Kalle hielt sich eng an mich, während er mir mit eingeklemmtem Schwanz folgte. Wenigstens bellte er nicht mehr.</p>



<p>„Mein Name ist Jonna“, fuhr ich fort. Mit Glück kannte ich den Jungen aus Majas Schule. Oder von früher aus ihrem Kindergarten. „Kommst du aus dem Dorf?“</p>



<p>Aber das Kind antwortete mir nicht mehr. Durch sein lautes Geschluchze hatte ich es trotzdem schnell ausfindig gemacht.</p>



<p>„Um Himmels willen!“, stieß ich aus.</p>



<p>Ein kleiner blonder Junge hockte vor mir im Schnee. Er trug dünne, abgenutzte Kleidung, hatte bleiche, dreckverschmierte Haut und sah abgemagert aus. Wenn es dafür nicht viel zu kalt gewesen wäre, hätte ich fast gedacht, dass er bereits einige Tage durch den Wald geirrt sein muss.</p>



<p>„Was ist passiert? Wo sind deine Eltern?“, fragte ich besorgt.</p>



<p>Sein kleiner Körper zitterte zwar nicht, aber ich war mir trotzdem sicher, dass er völlig durchgefroren sein musste. Also machte ich mich daran, meine Daunenjacke auszuziehen, während ich auf ihn zuging.</p>



<p>Kalle blieb hingegen in einigem Abstand stehen. Er kauerte sich zusammen und knurrte das Kind an.</p>



<p>Erschrocken drehte ich mich zu ihm um. „Kalle! Aus! Du machst dem Jungen noch Angst!“, schimpfte ich, nichtahnend, dass er mich bloß beschützen wollte.</p>



<p>Dann ging alles sehr schnell: In dem kurzen Moment, in dem ich ihm den Rücken zugedreht hatte, schrie der Junge plötzlich auf und stürzte sich auf mich. Er sprang auf meinen Rücken und klammerte sich an mich, indem er fest die Arme um mich legte.</p>



<p>„Was? He … Du tust mir weh!“, schrie ich, während ich panisch versuchte, seine Arme von meinem Hals zu entfernen.</p>



<p>Das Kind war ungewöhnlich stark. Besonders für seinen Zustand. Trotzdem tat ich mein Möglichstes, ihn so sanft ich konnte von meinem Rücken zu entfernen – ohne Erfolg.</p>



<p>Kalle war dabei die ganze Zeit am Bellen. Trotzdem versuchte er nicht, das Kind anzugreifen, fast als hätte er Angst vor ihm. Und so langsam verstand ich, warum: Was auch immer dieses Ding auf meinem Rücken war, es war kein normaler Junge. Wie sonst konnte man erklären, dass ich, eine erwachsene Frau, seine Arme nicht einen Zentimeter bewegen konnte, egal wie sehr ich daran zerrte.</p>



<p>„Bring mich zu einem Friedhof!“, zischte der Junge mir zu.</p>



<p>Das brachte mich zum Innehalten. „W-was?“, fragte ich irritiert. Ich war mir nicht sicher, ob ich ihn richtig verstanden hatte.</p>



<p>„Begrab mich in geweihtem Boden, damit ich endlich Frieden finden kann!“</p>



<p>Für einen Moment hatte ich das Gefühl, als würde mein Gehirn aufhören zu funktionieren. Es ergab für mich keinen Sinn.</p>



<p>War das alles vielleicht nur ein kranker Scherz? Aber wie könnte ein Scherz meinen Hund dazu bringen, den Jungen zu fürchten? Außerdem konnte kein Scherz der Welt einem Kind solche Muskelkraft verleihen, dass ich seine Arme nicht ansatzweise bewegen konnte. Nicht einmal mit all dem Adrenalin, das gerade durch meinen Körper schoss.</p>



<p>Aber wenn das hier kein Scherz war, meinte der Junge die Aufforderung ernst. Er wollte lebendig begraben werden. Oder war er vielleicht gar nicht lebendig?</p>



<p>Das seltsame Kind begann, an mir zu rütteln, wie ein ganz normaler Junge bei einem Wutanfall. „Bring mich zum Friedhof!“, schrie er, als wolle er zum nächsten McDonalds gefahren werden. „Bring mich zum Friedhof! Bring mich zum Friedhof!“</p>



<p>Das befreite mich endlich aus meiner Starre. „Okay! Okay“, erwiderte ich, während ich mich in Bewegung setzte. Kalle folgte mir in einigem Abstand.</p>



<p>Ich hatte zwar keine Ahnung, was hier vor sich ging, aber wenn sich ein anscheinend übermenschlich starkes Wesen an meinen Rücken klammerte, das mir wahrscheinlich mit Leichtigkeit den Kopf abreißen konnte, wollte ich es bestimmt nicht wütend machen.</p>



<p>Auf dem Weg versuchte ich weiter, meine Gedanken zu sortieren. Es gelang mir nicht wirklich.</p>



<p>Stattdessen fiel mir bald auf, dass meine Beine schwächer wurden. Zuerst dachte ich, es wäre bloß der Adrenalinschub, der allmählich nachließ, aber je näher ich meinem Auto kam, desto schwerer lastete der Junge auf meinen Schultern.</p>



<p>Auch merkte ich, wie mein Atem vor Anstrengung immer schwerfälliger wurde. Eine Art Müdigkeit machte sich in mir breit.</p>



<p>Zu Anfang versuchte ich noch, mich mit der Natur um mich herum abzulenken. Aber obwohl es mir sonst nie sonderlich schwerfiel, die Schönheit der Natur wahrzunehmen, wirkte sie jetzt fast schon erdrückend. Die Bäume ragten hoch über mich hinaus, als würden sie auf mich herabblicken. Die Dunkelheit zwischen den Bäumen kam mir vor, als würde sie mich beobachten. Ein Gefühl der Enge machte sich in meinem Brustkorb breit. So ähnlich hatte ich mich auch gefühlt, als ich Maja verloren hatte. Als würde mir der Boden unter den Füßen weggerissen werden.</p>



<p>Ich strauchelte. Erst jetzt fiel mir auf, dass es nicht die Natur war, die mich fast erdrückte, sondern das Gewicht auf meinem Rücken. Der Junge war inzwischen so schwer geworden, dass ich Probleme hatte, geradeaus zu gehen. Mühsam setzte ich einen Fuß vor den anderen, bis ich endlich den Parkplatz erreichte. Selbst das Herauskramen meines Autoschlüssels aus der Jackentasche kam mir wie eine nahezu unschaffbare Aufgabe vor.</p>



<p>Nach einigen Anläufen hatte ich es endlich geschafft. Ich öffnete die Autotür und ließ Kalle auf den Rücksitz springen, ehe ich mich selbst auf den Fahrersitz fallenließ.</p>



<p>Das wiederum schien dem Jungen zu missfallen. „Keine Pause machen! Steh auf und bring mich zum Friedhof!“, schrie er mich an.</p>



<p>„Ich …“, presste ich hervor. Erschrocken stellte ich fest, dass mir selbst das Sprechen inzwischen schwerfiel. „Ich mach keine Pause. Wir fahren das letzte Stück. Geht … schneller …“</p>



<p>Der Junge antwortete nicht, aber ich merkte genau, wie er hibbelig wurde, spürte seinen misstrauischen Blick in meinem Nacken. Wusste er nicht, was ein Auto war?</p>



<p>Sobald ich den Motor gestartet hatte und wir uns in Bewegung setzten, entspannte er sich schnell wieder.</p>



<p>Trotzdem merkte ich, wie ich weiter schwächer wurde. Ich hatte gehofft, dass das Sitzen helfen würde, ich hier wieder zu Kräften kommen könnte. Stattdessen verschwamm meine Sicht allmählich. Kalles Gebell auf dem Rücksitz klang ungewöhnlich weit weg. Ich hatte Probleme, die Spur zu halten, musste mich mehr und mehr auf die Straße konzentrieren, geriet immer wieder auf die Gegenfahrbahn. Zum Glück war ich um diese Uhrzeit allein auf der Straße.</p>



<p>Dann endlich kamen die Lichter meines Heimatdorfes in Sicht. Die Fahrt war nicht sonderlich lang, immerhin ging ich mit Kalle immer nur knapp außerhalb der Gemeinde spazieren, wenn wir eine größere Runde planten. Und so hatte ich die Straße, in der die Kirche und der Friedhof lagen, bald erreicht.</p>



<p>Dort angekommen betätigte ich wieder und wieder die Hupe. Das schien den Jungen, der sich noch immer fest an mich klammerte, zu verwirren. Ich merkte, wie er sich ruckartig umsah. Aber entweder wusste er nicht, dass ich den Lärm machte, oder er hinterfragte es nicht weiter.</p>



<p>Endlich hielt ich an. Ich fuhr jedoch nicht bis zur Kirche oder dem Friedhof ein Grundstück weiter. Ich wusste genau, dass ich es in meinem Zustand niemals schaffen würde, den Jungen zu begraben. Stattdessen hielt ich meinen Wagen bei dem Haus davor. Es gehörte Einar, unserem Pfarrer.</p>



<p>Dort angekommen betätigte ich noch einige Male die Hupe, ehe ich schließlich die Fahrertür aufstieß. Ich versuchte, auszusteigen, aber meinen Beinen fehlte die Kraft. Stattdessen landete ich mit meinen Handflächen auf dem kalten Bürgersteig, schaffte es nur mühsam, meine Beine aus dem Auto zu ziehen, während die Welt um mich mehr und mehr verschwamm.</p>



<p>Das Letzte, was ich sah, war, wie sich die Haustür des Pfarrers öffnete.</p>



<p>„Wer ist da? Um Gottes willen, Jonna!“, hörte ich Einar meinen Namen rufen. Seine Stimme klang weit entfernt. Trotzdem konnte ich noch hören, wie er zu uns rannte. „Lass sie los, Myling!“, schrie Einar. „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes taufe ich dich auf den Namen Jon!“</p>



<p>Mehr bekam ich nicht mehr mit. Im nächsten Moment verlor ich das Bewusstsein.</p>



<p class="has-text-align-center">&#8212;</p>



<p>Als ich wieder zu mir kam, lag ich, zugedeckt mit einer Wolldecke, auf einem Sofa. Von dem Jungen fehlte jede Spur. Dafür lag Kalle dicht an mich gekuschelt bei mir. Sobald er merkte, dass ich wach war, bellte er freudig, wedelte mit dem Schwanz und schlabberte mir durchs Gesicht.</p>



<p>„He! Ist ja gut. Ist ja gut mein Junge, ich bin wach“, sagte ich, während ich mich halbherzig gegen seinen Angriff wehrte.</p>



<p>Im nächsten Moment ging eine Tür auf. Einar kam mit besorgter Miene auf mich zu. „Jonna. Gott sei Dank, du bist wach. Wie geht’s dir?“</p>



<p>„Um ehrlich zu sein, ziemlich beschissen“, gestand ich. „Was ist passiert?“</p>



<p>Der Pfarrer zögerte. „Ich … Ich weiß nicht, wie sehr du dich mit den alten schwedischen Sagen auskennst“, begann er. „Aber dieses Wesen, das du auf dem Rücken hattest, nennt man einen Myling.“ Er musterte mich einen Moment, als wolle er abschätzen, ob ich ihm glaubte.</p>



<p>„Ein Myling?“, wiederholte ich. Vor wenigen Stunden noch hätte ich unseren Pfarrer für solch eine Aussage wahrscheinlich als verrückt bezeichnet, aber nach dem, was mir widerfahren war, war mir jede Erklärung recht, die mir eine Antwort lieferte.</p>



<p>„Ein Myling ist ein Wiedergänger. Ein Untoter. Den Legenden nach entstehen sie, wenn ein ungetauftes Kind getötet oder im Wald ausgesetzt wird. Sie können nur ihren Frieden finden, wenn sie in heiligem Boden begraben werden oder wenn sie …“</p>



<p>„… wenn sie getauft werden“, beendete ich seinen Satz.</p>



<p>Einar nickte.</p>



<p>Deswegen hatte er den Jungen also Jon getauft. Er hatte mir damit das Leben gerettet.</p>



<p>Der Pfarrer legte mir eine Hand auf den Arm. „Es tut mir leid, dass das ausgerechnet dir widerfahren ist, Jonna. Nach allem, was du durchgemacht hast.“</p>



<p>Ich lächelte schief.</p>



<p>„Du kannst jedenfalls hierbleiben, solange du willst“, bot er mir an. „Nur die Nacht oder bis du dich besser fühlst.“ Dann lächelte er noch einmal, ehe er seine Hand von meinem Arm löste. Nach einem kurzen Zögern drehte er sich schließlich um und wollte gehen.</p>



<p>„Warte“, hielt ich ihn auf. „Du siehst aus, als wenn du noch etwas sagen wolltest.“</p>



<p>Einar seufzte schwer. „Es ist nur … Ich hatte schon damit gerechnet, dass so etwas passiert. Zu Weihnachten hatte irgendein Verrückter den Årsgång durchgeführt. Das ist ein unchristliches Ritual, mit dem man angeblich die Zukunft voraussehen kann. Ich hatte bereits befürchtet, dass dadurch übernatürliche Wesen auf unser Dorf aufmerksam geworden sind. Wir können nur hoffen, dass dem Myling keine Weiteren folgen.“</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p>Ein Myling, auch Myrding (Schwedisch für „Ermordetes“), ist ein Wiedergänger des skandinavischen Volksglaubens. In Norwegen wird das <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wesen</a> Utburd genannt, in Island Útburður und bei den Samen u. a. Ihtiriekko.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Entstehung:</h3>



<p>Der <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Legende</a> nach entsteht ein Myling, wenn ein Kind, oft ein Neugeborenes, ungetauft stirbt – meist, weil es von den Eltern ermordet oder im Wald ausgesetzt wurde     – und anschließend nicht ordnungsgemäß bestattet wird.</p>



<p>Das ist besonders früher oft vorgekommen, als Abtreibung noch verboten und uneheliche Kinder als Schande angesehen oder sogar kirchlich bestraft wurden.</p>



<p>Ein anderer häufig genannter Grund ist, dass die Eltern keine finanziellen Mittel besaßen, um das Kind zu ernähren, und keinen anderen Ausweg sahen.</p>



<p>Seltener sind Mylingar die Wiedergänger von Totgeburten, die nicht ordnungsgemäß bestattet wurden.</p>



<p>Im Svenska Akademiens Ordbok (Schwedisch für „Wörterbuch der Schwedischen Akademie“) ist außerdem aufgeführt, dass ein Myling auch der Wiedergänger eines ermordeten Erwachsenen sein kann, der nicht ordnungsgemäß bestattet und dessen Mörder nicht bestraft wurde. Hierzu habe ich jedoch keine historischen Belege gefunden.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p>Obwohl Mylingar im Normalfall Wiedergänger von Neugeborenen sind, nehmen sie das Aussehen von sechs- bis 12-jährigen Kindern an. Sie haben blasse Haut und sind oft abgemagert und verdreckt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p>Als Wiedergänger, also Untote, halten sich Mylingar für gewöhnlich in der Nähe des Ortes auf, an dem sie begraben oder ihre Leiche versteckt wurde. Dort soll man nachts außerdem oft das Geschrei eines Kindes oder Babys hören.</p>



<p>Sollte sich jemand auf die Suche nach dem Ursprung des Geschreis machen oder zufällig dem Myling begegnen, so springt der Myling den meisten Geschichten nach auf den Rücken der Person und klammert sich dort fest. Anschließend verlangt er, zu einem Friedhof oder geweihtem Boden gebracht und dort begraben zu werden.</p>



<p>Da man sie nicht abschütteln kann, folgen die meisten Betroffenen der Bitte. Auf dem Weg zum Friedhof bzw. geweihtem Boden wird der Myling jedoch immer schwerer und schwerer. Sollte man es nicht rechtzeitig schaffen, den Ort zu erreichen, können sie angeblich so schwer werden, dass die Füße des Menschen im Boden versinken oder er unter der Last zusammenbricht, woraufhin der Myling wütend wird und den Menschen ermordet und sich auf die Suche nach seinem nächsten Opfer macht.</p>



<p>In anderen Versionen entzieht ein Myling einem die Lebensenergie, während man ihn trägt. Irgendwann ist man schließlich so schwach, dass man zusammenbricht und stirbt. Diese Version würde auch zu anderen Wiedergängerlegenden passen, da die Berührung eines Wiedergängers den Menschen im Normalfall das Leben entzieht. So kann man daraufhin beispielsweise todkrank werden, die berührte Stelle kann abfallen, verbrennen oder verfaulen oder der Mensch kann sterben.</p>



<p>Sollte man es hingegen schaffen, den geweihten Boden zu erreichen, lässt der Myling von einem ab, woraufhin man ihn begraben und somit seine Seele befreien kann.</p>



<p>In anderen Legenden verlangt der Myling einen Namen und es reicht aus, ihm einen zu geben, oder der Myling muss sich an seiner Mutter rächen, um Frieden zu finden.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p>Mylingar wurden hauptsächlich in Skandinavien gesichtet. Dort können sie überall auftauchen, wo ein ungetauftes Kind gestorben ist bzw. sein Leichnam versteckt oder begraben wurde.</p>



<p>In den meisten Geschichten kommen sie in Wäldern oder auf dem Grundstück der Eltern vor.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p>Der Glaube an Mylingar geht wahrscheinlich auf den früher oft begangenen Kindsmord zurück. Die häufigsten Gründe hierfür waren, wie bereits erwähnt, dass die Eltern keine finanziellen Möglichkeiten hatten, das Kind zu ernähren, oder das Kind unehelich war und die Eltern somit von der Kirche bestraft und gesellschaftlich missachtet worden wären.</p>



<p>Außerdem war die Aufklärung früher nicht so weit wie heute, Verhütungsmittel waren deutlich weniger verbreitet und Abtreibungen waren verboten. Ungewünschte Kinder kamen also sehr viel häufiger vor.</p>



<p>Wie alt der Glaube an die Mylingar ist, habe ich hingegen nicht herausfinden können. Im Svenska Akademiens Ordboka ist eine Quelle aus dem frühen 17. Jahrhundert aufgelistet, die Legende kann aber natürlich noch deutlich älter sein.</p>



<p><em>Was haltet ihr von den Myling? Hat euch meine Geschichte gefallen? Wie würdet ihr reagieren, wenn ihr nachts Kinderschreie aus dem Wald hört? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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		<title>Gloson – Der Jahresgang Teil 2</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 25 Dec 2023 14:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Mehr Zeit zum Überlegen hatte ich nicht. Gloson setzte bereits zum Angriff an. Sie schnaufte, stieß dabei Wolken aus ihren Nasenlöchern und preschte los. Ich hörte ihren schweren Atem, während sie näherkam …</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.geister-und-legenden.de/gloson">Gloson – Der Jahresgang Teil 2</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.geister-und-legenden.de">Geister und Legenden</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg09.met.vgwort.de/na/e579a3a1026a4488a0ada615cc50c1b6" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p>Gloson ist ein Wesen, auf dessen Beitrag ich mich schon lange gefreut habe. Immerhin bin ich ein Skandinavien-, Schweine und Geisterfan.</p>



<p>Bevor ich mich also in meine diesjährige Winterpause verabschiede, folgt hier der zweite Teil der diesjährigen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/weihnachten" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Weihnachts</a>geschichte „<a href="https://www.geister-und-legenden.de/arsgang">Der Jahresgang</a>“.</p>



<p>Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen</strong></summary>
<p>&#8211; Krankheit: ALS</p>
<p>&#8211; Andeutung an den Tod eines Kindes</details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p><em>Diese Geschichte ist der zweite Teil des diesjährigen Weihnachts-Specials. Wenn ihr den vorherigen Teil noch nicht kennt, könnt ihr ihn <a href="https://www.geister-und-legenden.de/arsgang">Hier</a> nachlesen.</em></p>



<p>Meine Knie zitterten – diesmal wusste ich nicht, ob es an der Kälte oder meiner Nervosität lag – während ich auf die Kirchentür zuging.</p>



<p>Zum Glück brannte in den Fenstern kein Licht mehr. Es verlief lediglich eine Lichterkette einmal um das Kirchendach herum, die mir ein willkommenes, wenn auch schwaches Licht spendete.</p>



<p>Vorsichtig kniete ich mich vor die Tür. Was jetzt folgte, war einer der wichtigsten Momente des Årsgång-Rituals. In meinen Büchern wurde es so beschrieben, dass ich damit meinen Glauben ablegte – und somit auch den einzigen Schutz, den Gott mir vor übernatürlichen Wesen geben würde.</p>



<p>Ich holte tief Luft, während ich hoffte, dass das Ganze eher symbolisch gemeint war, ehe ich den Mund zum Schlüsselloch führte und die eingeatmete Luft zusammen mit meinem Glauben hindurchblies. Um auf Nummer sicher zu gehen, dass ich alles richtig machte, hörte ich erst auf, als meine Lungen komplett leer waren.</p>



<p>Sicherlich kennt ihr das Schwindelgefühl, wenn ihr zu viel Luft ausgepustet habt. Wie ich herausfinden musste, ist der Schwindel nochmal um einiges intensiver, wenn ihr euch sowieso schon schwach und ausgelaugt fühlt.</p>



<p>Ich musste mich einen Moment an der rauen Steinwand festhalten. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass die Luft um mich herum plötzlich ein gutes Stück kälter geworden war, hoffte aber, dass ich es mir nur einbildete.</p>



<p>Es folgte das inzwischen vertraute Kichern von Grim an meinem Ohr. „Thorbjörn also. Das ist dein Name. Ich bin ehrlich: Sven gefiel mir besser. Aber man kann sich seinen Namen ja nicht aussuchen.“</p>



<p>Mein Herz rutschte mir in die Hose. Also war es mehr als nur eine symbolische Geste gewesen – das, oder Grim hatte die ganze Zeit nur so getan, als würde er meinen Namen nicht kennen.</p>



<p>Ich atmete einmal tief durch. Das Ritual war fast zu Ende. Alles, was noch fehlte, waren drei kurze Runden gegen den Uhrzeigersinn um die Kirche. Drei kurze Runden, die mich umbringen konnten.</p>



<p class="has-text-align-center">&#8212;</p>



<p>Zu meiner Überraschung begann die erste Runde ruhig. Ich sah mich aufmerksam um, konnte aber nichts Auffälliges entdecken, während ich dicht an die Steinwand des Kirchengebäudes gedrückt durch den knöchelhohen Schnee stapfte.</p>



<p>Bei dem ersten Kirchenfenster hielt ich inne. Allerdings nicht, weil ich etwas gehört hatte, sondern weil das Teil des Årsgångs war. Man sollte durch jedes erreichbare Kirchenfenster sehen, um weitere Visionen zu empfangen.</p>



<p>Ich sah bereits, dass Licht aus dem Fenster schien. Trotzdem musste ich mich auf Zehenspitzen stellen, um mehr zu erkennen. Zum Vorschein kam eine gut gefüllte, prunkvoll mit Blumen dekorierte Kirche. Die Anwesenden trugen allesamt Anzüge und Kleider, während sie auf den Bänken saßen und sich erwartungsvoll zur Eingangstür umdrehten. Als dann auch noch Einar, unser Pfarrer, den Hochzeitsmarsch auf der Orgel anstimmte, wusste ich sofort, was los war. Anja Larsson hatte sich vor wenigen Wochen mit ihrem Freund, einem Norweger, verlobt. Es war seitdem das Klatschthema Nummer 1 gewesen. Als sie wenige Sekunden später tatsächlich in einem weißen Kleid die Kirche betrat, wandte ich mich ab.</p>



<p>Bereits nach wenigen Schritten verstummte die Hochzeitsmusik wieder und ließ mich mit der Kälte, dem Geräusch knirschenden Schnees und meinem knurrenden Magen zurück.</p>



<p>Die nächsten beiden Fenster waren ähnlich unspektakulär. Das zweite blieb dunkel, während ich im dritten Fenster Zeuge von Maja Holmquists Beerdigung wurden. Zwar brach es mir das Herz, Jonna mit einem zerknitterten Zettel in der Hand vor dem viel zu kleinen Sarg ihrer Tochter stehen zu sehen, wie sie weinend versuchte, einige Worte an die anderen Trauernden zu richten, doch auch die Beerdigung von Maja war seit der Vision am Friedhof keine Neuigkeit mehr für mich gewesen.</p>



<p>Das vierte und letzte Fenster blieb wieder dunkel. Aber es bot eh lediglich einen Einblick in einen Anbau mit einer Sofaecke und Küche, die dem Pfarrer und der Kirchengemeinde zur Verfügung standen.</p>



<p>Und so näherte ich mich bereits nach wenigen Minuten wieder der Kirchentür und somit dem Ende meiner ersten Runde. Ich konnte bereits meine eigenen Fußspuren einige Meter vor mir im Schnee sehen, als plötzlich ein Blitz die Nacht erhellte. Fast unmittelbar folgten ein lauter Knall sowie eine heiße Luftwelle, die mich von der Seite traf. Schnell drehte ich mich um.</p>



<p>Das Haus gegenüber der Kirche – soweit ich wusste ein Einfamilienhaus, in dem eine vierköpfige Familie wohnte – hatte wie aus dem Nichts Feuer gefangen.</p>



<p><em>‚Eine Explosion?‘</em>, schoss es mir in den Kopf.</p>



<p>Es dauerte nur Sekunden, bis die Flammen, die an den hölzernen Wänden hochzüngelten, das ganze Haus eingenommen hatten.</p>



<p>Im nächsten Moment öffnete sich die Haustür. Ein brennender Mann kam auf die Straße gerannt, der wild um sich schlug und wie am Spieß kreischte.</p>



<p>Ich würde lügen, wenn ich sage, dass ich nicht fast auf den Trick hereingefallen und ihm zur Hilfe geeilt wäre. Gerade rechtzeitig fiel mir jedoch auf, wie unbekümmert die Bewohner der anderen Häuser zu sein schienen. Niemand trat auf die Straße. Ich konnte nicht einmal neugierige Gesichter an den Fenstern sehen, von Leuten, die die Explosion eindeutig gehört haben mussten.</p>



<p>Schließlich brach der Mann auf der Straße zusammen. Er hörte aber nicht auf, sich zu bewegen. Während noch immer kleine Flammen über seinen inzwischen schwarzgebrannten Körper zuckten, streckte er plötzlich einen Arm nach mir aus. „Wer ist da? Thorbjörn? Bist du das?“, fragte der mir fremde Mann mit erstaunlich fester Stimme.</p>



<p>Jetzt drang auch der Geruch an meine Nase. Es war aber kein abartiger Gestank, wie er manchmal beschrieben wurde, es roch eher nach einem gemütlichen Grillabend. Angewidert wandte ich mich ab.</p>



<p>„Ach komm, das haben wir doch echt gut in Szene gesetzt“, ertönte Grims Stimme wieder aus dem Nichts, während ich hörte, wie der Verbrannte mir mehrfach nachrief, dass ich ein Monster sei.</p>



<p>Ich schüttelte den Kopf. Geister waren echt geschmacklos. Zum Glück musste ich sie nur noch für zwei Runden um die Kirche ertragen. Ich hatte die Tür erreicht.</p>



<p>Wie auch bei der ersten Runde musste ich wieder in das Schlüsselloch pusten. Diesmal blieb ich vorsichtshalber einen Moment länger davor knien, um den Schwindelanfall abklingen zu lassen. Leider half es nur wenig. Wäre mein Magen nicht komplett leer gewesen, hätte ich nach dem Aufstehen wahrscheinlich auf den Boden gekotzt. So würgte ich jedoch nur trocken, während ich versuchte, einigermaßen geradeaus zu gehen. Zur Sicherheit blieb ich mit meiner linken Hand in Kontakt mit der Steinwand, bis ich das erste Fenster erreichte.</p>



<p>Die erste Vision war die einer Taufe. Ich beobachtete gelangweilt, wie der Pfarrer den Kopf eines kleinen Kindes mehrere Male unter Wasser drückte, ehe ich entschied, weiterzugehen.</p>



<p>Als ich mich abwandte, bemerkte ich jedoch eine Bewegung aus dem Augenwinkel, gefolgt von schweren Schritten. Misstrauisch sah ich in Richtung eines sich bewegenden Busches. Erst jetzt wurde mir klar, dass dahinter der Friedhof liegen musste.</p>



<p>Ich entschied, dass es schlauer wäre, nicht abzuwarten, bis ich herausfand, was sich von dort näherte.</p>



<p>Beim nächsten Fenster angekommen konnte ich eine traurige Melodie hören, ich wagte jedoch keinen Blick durch die Scheibe, da in diesem Moment eine Gestalt aus den Büschen trat. Sie hatte eine menschliche Statur – und kam direkt auf mich zu.</p>



<p>Ich wusste nicht, ob ich beim Årsgång rennen durfte. Oder ob ich überhaupt physisch dazu in der Lage wäre. Also beschleunigte ich bloß meine Schritte. Das wiederum schien die Silhouette anzustacheln. Sie gab eine Art Röcheln von sich, ehe sie zu einem Sprint ansetzte.</p>



<p>Mein Magen krampfte sich zusammen, als ich es sah. Aber was konnte ich tun? Ich hatte keine Waffe bei mir, nichts, um mich zu verteidigen, also begann ich zu joggen – schneller schafften es meine Beine in meinem Zustand nicht.</p>



<p>Ich hatte es gerade um die nächste Ecke geschafft, als das Ding mich einholte. Zuerst bemerkte ich einen Geruch nach Verwesung, ehe mich plötzlich eine abgemagerte Hand am Arm packte.</p>



<p>Panisch wirbelte ich herum, um den Angreifer abzuwehren, verlor dabei das Gleichgewicht und fiel mit dem Rücken voran in den Schnee. Gleichzeitig spürte ich, wie etwas Schweres auf mich stürzte. Der Aufprall presste mir mit einem keuchenden Geräusch die Luft aus den Lungen.</p>



<p>Während ich auf dem Rücken lag, sah ich, wie ein bleiches, eingefallenes Gesicht direkt über mir hing. Milchige Augen musterten mich. Und auch der Gestank nach Verwesung hatte deutlich zugenommen. Ein Wiedergänger.</p>



<p>Ihr kennt diese Wesen vielleicht besser als Zombies. Doch während Untote im Fernsehen durchaus gefährlich werden konnten, hatten Wiedergänger eine sehr viel schlimmere Eigenschaft: Ihre bloße Berührung brachte den Tod. Ich hatte Glück, dass der Großteil meines Körpers von dicker Winterkleidung bedeckt war. Würde er mich hingegen im Gesicht berühren …</p>



<p>Ein Röcheln entwich seinen Lippen, als der Mann sich an meinem Körper hochdrückte. Ich sah, dass seine Hand sich meinem Kopf näherte.</p>



<p>Panisch griff ich nach seinem Arm. Ich versuchte, seine Finger von mir fernzuhalten, aber der Untote hatte eine unglaubliche Kraft. Zentimeter für Zentimeter näherten seine abgemagerten Klauen sich meinem Hals.</p>



<p>Ich wühlte unterdessen mit der freien Hand panisch im Schnee neben mir, hoffte, dass ich etwas fand, mit dem ich mich verteidigen konnte – einen Stein, einen Ast, irgendetwas. Aber da war nichts.</p>



<p>Also setzte ich alles auf eine Karte. Als seine Finger meine Haut fast berührten, drehte ich mich leicht nach rechts, um meinen Körper anschließend mit voller Kraft nach links zu werfen.</p>



<p>Es funktionierte nicht ganz wie geplant. Ich hatte gehofft, genug Schwung aufzubringen, um über den Wiedergänger zu gelangen. Aber wenigstens lag er jetzt neben mir.</p>



<p>Ich zögerte keine Sekunde. Hektisch drehte ich mich auf den Bauch und drückte mich hoch. Gerade dachte ich, dass ich es geschafft hätte, als eine knöcherne Hand mein Fußgelenk umschloss.</p>



<p>Ich sah nicht hin, während ich mit dem Fuß wild um mich trat. Mit einem Tritt erwischte ich irgendetwas Hartes, das nach einem widerwärtigen Knacken plötzlich weich nachgab. Wenn ich raten müsste, würde ich auf seinen Brustkorb tippen, auch wenn ich dafür eigentlich schon zu weit weg war. Trotzdem gab die Hand mich schlagartig frei.</p>



<p>Schnell stolperte ich vorwärts. Die Geräusche hinter mir verrieten aber, dass ich den Kampf noch nicht gewonnen hatte. Der Wiedergänger richtete sich ebenfalls auf, also beeilte ich mich, zurück zur Tür zu kommen.</p>



<p>Während die stapfenden Geräusche hinter mir wieder näherkamen, warf ich mich um die Ecke. Ich stolperte, fing mich und stürzte schließlich zur Kirchentür. Gerade noch so schaffte ich es, mich an der Türklinke festzuklammern, knallte mit dem Gesicht schmerzhaft gegen das Holz und schmeckte Blut, ehe ich mehr schlecht als recht einen halben Atemzug in das Schloss hauchte. Trotzdem wusste ich, dass ich zu langsam war. Mir fehlte die Kraft, mich sofort wieder aufzurappeln. Kapitulierend schloss ich die Augen. Der Wiedergänger musste jede Sekunde bei mir sein.</p>



<p>Dann geschah … nichts. Überrascht blinzelnd sah ich mich um. Von dem Wiedergänger fehlte jede Spur. Wo war er hin?</p>



<p>„Er ist abgehauen“, erklärte Grim, als hätte er meine Gedanken gelesen. „Und wenn du schlau bist, machst du das auch. Ob du es glaubst oder nicht, selbst ich habe Angst vor <em>ihr</em>.“</p>



<p>Ich ahnte bereits, von wem er sprach. Es gab nur eine <em>Sie</em>, die laut meinen Büchern am Ende des Årsgångs auftauchen solle: Gloson. Ein fürchterliches Geisterschwein. Es wunderte mich jedoch, dass Grim angeblich Angst vor ihr habe. Was hatte er als Geist noch zu verlieren?</p>



<p>Um etwas Kraft zu tanken, blieb ich einen Moment vor der Kirchentür sitzen. Außerdem nutzte ich die Zeit, um meine gespaltene Unterlippe zu kühlen – eine Verletzung, die ich meiner unsanften Begegnung mit der Kirchentür verdankte. Wie einfach es wäre, jetzt meine Augen zu schließen und mich der süßen Verlockung des Schlafs hinzugeben …</p>



<p>Aber natürlich war das für mich keine Option. Ich war schon so weit gekommen, da konnte ich jetzt nicht einfach aufgeben.</p>



<p>‚<em>Also los, Thorbjörn</em>‘, forderte ich mich in Gedanken auf. ‚<em>Eine letzte Runde, dann darfst du endlich nach Hause gehen.</em>‘</p>



<p>Bereits bei dem Gedanken an ein Glas Wasser, eine Scheibe Brot oder vielleicht ein Müsli und mein kuscheliges Bett wurde mir sofort wärmer ums Herz. Wie sehr ich mich gerade nach der Geborgenheit sehnte. Den Gedanken fest umklammernd rappelte ich mich auf.</p>



<p class="has-text-align-center">&#8212;</p>



<p>Für die letzte Runde hatte ich mir vorgenommen, keine Zeit mehr mit den Visionen zu verschwenden. Stattdessen entschied ich, nur flüchtig durch die Scheiben zu blicken, um möglichst schnell mit der Runde durch zu sein. Die Fenster ganz zu ignorieren, traute ich mich hingegen nicht. Immerhin waren die Visionen ein wichtiger Bestandteil des Årsgångs und ich wollte nicht riskieren, daran jetzt noch zu scheitern.</p>



<p>Beim ersten Fenster klappte mein Plan sehr gut. Ich sah bloß flüchtig irgendeine Konfirmation, die mich auch so nicht wirklich interessiert hätte. Schnell wandte ich den Blick wieder ab, um zum zweiten Fenster weiterzugehen.</p>



<p>Dort erklang dieselbe traurige Musik wie in der letzten Runde. Wieder warf ich einen flüchtigen Blick durch die Scheibe. Eine Beerdigung. Doch auch jetzt wollte ich mich schnell wieder abwenden – bis mein Blick auf das Foto neben dem Sarg fiel: Mama …</p>



<p>Für einen Moment war ich wie erstarrt, als wolle mein Kopf nicht begreifen, was ich da vor mir sah. Aber natürlich begriff ich es. Es war ihre Beerdigung. Meine Mutter würde im kommenden Jahr sterben. Nichts, was ich tat, konnte daran etwas ändern. Meine Recherche, der Årsgång, meine Pläne – alles war umsonst gewesen.</p>



<p>Trotzdem stiegen in mir keine Tränen auf. Es war eine kalte Erkenntnis, die mein Herz gefrieren ließ. In mir fühlte ich nichts als Leere, war wie erstarrt. Es war jedoch in dieser Starre, dass mir eine Frau ins Auge fiel, die ich nicht auf der Beerdigung erwartet hatte: Jonna Holmquist. Sie saß in der ersten Reihe, direkt neben mir, hatte einen Arm um mich gelegt und streichelte sanft meine Schulter, während ich weinte.</p>



<p>Jonna, meine alte Jugendliebe. Was machte sie auf Mamas Beerdigung? War sie meinetwegen gekommen? Ihre Berührung wirkte so zärtlich, so liebevoll. Und genau das war der Funke, der meine Leere wieder füllte. Ich hatte einen Grund, weiterzuleben. In ihrer dunkelsten Stunde, dem Tod ihrer Tochter, würde ich für Jonna da sein – und sie für mich in meiner.</p>



<p>Mit der neu gewonnenen Kraft wollte ich gerade weitergehen, als ich hinter mir ein tiefes Grunzen hörte.</p>



<p>Langsam drehte ich mich um. Sofort sah ich die zwei rot brennenden Augen, die mich aus dem Halbdunkel anstarrten. Der Rest von Glosons weißem Körper, ihr Fell mit den rasiermesserscharfen Borsten am Rücken und der tiefhängende Kopf mit den für eine Wildsau erstaunlich großen Eckzähnen, gingen fast völlig im Schnee unter.</p>



<p>Mein nächster Blick galt dem kleinen Gegenstand, den ich in ihrem Maul entdeckte: eine Schriftrolle. Sie war es, die einem magische Kräfte verleihen sollte. Die Gerüchte waren also real.</p>



<p>Krampfhaft versuchte ich, mich an alles zu erinnern, was ich über Gloson gelesen hatte. Sie würde versuchen, zwischen meinen Beinen hindurchzulaufen, um mich mit ihren scharfen Rückenborsten zu zerteilen. Die beste Möglichkeit, sich dagegen zu schützen, war es, seine Beine zu überkreuzen, sodass sie nicht mehr hindurch konnte. Andererseits musste ich irgendwie an die Schriftrolle gelangen, wenn ich aus dem Årsgång mit magischen Fähigkeiten hinausgehen wollte. Wenn ich also im richtigen Moment die Beine kreuzen würde …</p>



<p>Mehr Zeit zum Überlegen hatte ich nicht. Gloson setzte bereits zum Angriff an. Sie schnaufte, stieß dabei Wolken aus ihren Nasenlöchern und preschte los.</p>



<p>Ich hörte ihren schweren Atem, während sie näherkam. Gleichzeitig spürte ich, wie mein Puls anstieg. Als sie mich fast erreicht hatte, verlagerte ich das Gewicht und trat mit dem linken Fuß nach rechts, sodass meine Beine ein X bildeten.</p>



<p>Gloson rannte nur knapp an mir vorbei, allerdings nicht nah genug, dass ich nach der Schriftrolle hätte greifen können. Hätte ich es versucht, hätte ich wahrscheinlich das Gleichgewicht verloren.</p>



<p>Also brauchte ich einen neuen Plan. Vielleicht, wenn ich rechtzeitig zur Seite sprang …</p>



<p>„Was zur Hölle tust du da?“, drang Grims Stimme an mein Ohr, während ich mich wieder normal hinstellte.</p>



<p>Gleichzeitig behielt ich Gloson genau im Auge. Ich sah, wie sie sich wieder positionierte, zu einem neuen Sprint ansetzte und auf mich zulief.</p>



<p>Erst jetzt merkte ich, wie lückenhaft mein Plan war. Gloson war viel zu schnell. Ich würde es nie schaffen, gleichzeitig die Schriftrolle zu packen und zur Seite zu springen. Nicht mit meinen halb eingefrorenen Gliedern.</p>



<p>Trotzdem versuchte ich es. Ich hatte jedoch zu viel Angst, warf mich zu früh zur Seite, sodass meine Hand nicht einmal in die Nähe der Schriftrolle kam. Ich landete mit dem Gesicht voran im Schnee.</p>



<p>Den Geräuschen nach trampelte Gloson nur knapp an mir vorbei. Sie gab einen quiekenden Schrei von sich.</p>



<p>„Ganz toll, Thorbjörn!“, brüllte Grim mich an. „Wenn du sie wütend machen willst, bist du auf dem besten Weg! Du brauchst die verdammte Schriftrolle doch gar nicht mehr. Deine Mutter ist so gut wie tot!“</p>



<p>Ein Stich fuhr durch mein Herz. Trotzdem hatte Grim recht. Sie war der einzige Grund, warum ich die Schriftrolle haben wollte. Aber seit wann gab er mir Tipps, wie ich überleben konnte? Wollte er nicht die ganze Zeit, dass ich sterbe?</p>



<p>Grim gab ein genervtes Knurren von sich. „Hör zu. Ich weiß, du hast keinen Grund, mir zu vertrauen, aber ich möchte nicht, dass dieses verdammte Biest noch jemanden tötet. Es reicht, dass sie mir damals das Leben genommen hat! Also steh endlich auf und beende die verdammte letzte Runde!“</p>



<p>Mein Hirn raste. Ich wusste nicht, ob das wieder irgendein Trick war. Aber Grim hatte recht. Ich musste hier weg!</p>



<p>Mein ganzer Körper schmerzte, während ich mich aufrappelte. Schnee hing in meinem Bart, klebte an meiner Kleidung.</p>



<p>Gloson ging unterdessen in Kreisen um mich herum, wie ein Hai, der jeden Moment angreifen würde. Jetzt senkte sie wieder den Kopf. Sie schnaufte.</p>



<p>„Beine kreuzen!“, fordere Grim mich auf.</p>



<p>Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Schnell trat ich mit dem linken Bein nach rechts.</p>



<p>Gloson grunzte unzufrieden. Sie hob den Kopf, begann hin und her zu laufen, als warte sie auf den richtigen Moment, um noch einmal zuzuschlagen.</p>



<p>„Gut“, schaltete Grim sich wieder ein. „Ich behalt das Biest im Auge. Kannst du so gehen?“</p>



<p>Ich versuchte es. Meine Beine fühlten sich träge an. Wann immer sie sich berührten, zuckte Schmerz durch meine Schenkel. Aber ich kam voran.</p>



<p>Langsam und unbeholfen arbeitete ich mich vorwärts, während ich Gloson den Rücken zuwandte. Zwar traute ich Grim noch immer nicht wirklich, aber es war meine beste Chance, voranzukommen.</p>



<p>Als ich die Kirchenwand erreicht hatte und mich abstützen konnte, ging es etwas schneller.</p>



<p>Gloson blieb die ganze Zeit hinter mir. Aber tatsächlich griff sie nicht an. Und so dauerte es nicht lange, bis ich wieder fast bei der Kirchentür war.</p>



<p>„Weißt du, Thorbjörn“, hob Grim wieder die Stimme. „Ich hatte echt gedacht, dass du es nicht schaffst. Aber dann hast du dich in deiner eigenen Vision gesehen. Dein Schicksal stand bereits fest. Egal ob ich dir helfe oder nicht, du wirst nächstes Jahr in dieser verdammten Kirche sitzen.“</p>



<p>Ich blinzelte überrascht. Darüber hatte ich gar nicht nachgedacht. Trotzdem erlaubte ich mir nicht, innezuhalten.</p>



<p>Inzwischen war ich bei der Tür angekommen. Es stellte sich als schwieriger heraus, als gedacht, mich mit überkreuzten Beinen hinzuhocken, aber nach wenigen Versuchen klappte es.</p>



<p>Grim lachte bitter. „Hätte mir jemand vorhin gesagt, dass ich mich einmal freuen würde, dass ein Mensch den Årsgång schafft, hätte ich dir nicht geglaubt.“ Er sprach lauter. „Hörst du das, Gloson? Thorbjörn hat dich überlebt!“ Dann wieder leiser: „Verdammtes Mistvieh. Aber genug geredet. Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist. Also dann: Frohe Weihnachten … Sven.“</p>



<p>Mit diesen Worten blies ich ein letztes Mal in das Schlüsselloch.</p>



<p>Ich spürte die Veränderung bereits in der Luft. Auch ohne mich umzudrehen, wusste ich, dass Gloson und Grim fort waren. Trotzdem kam ich nicht umhin, in die Luft zu lächeln. „Frohe Weihnachten, Grim“, krächzte ich mit trockenem Hals. Dann stand ich auf und machte mich auf den Heimweg.</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p>Gloson ist ein <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wesen</a> der schwedischen Folklore. Es ist ein fürchterliches <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Geister</a>schwein, das fast ausschließlich im Zusammenhang mit dem Årsgång erwähnt wird.</p>



<p>Der Name „Gloson“ setzt sich aus den schwedischen Wörtern „glo“ (glotzen, blenden) und „son“ (die Sau) zusammen. Wie der Name verrät, ist Gloson also weiblich.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p>Gloson ist ein schneeweißes Schwein oder Wildschwein bzw. eine Sau oder Wildsau. Sie hat große Haken (Bezeichnung der Eckzähne weiblicher Wildschweine) und rotglühende oder brennende Augen.</p>



<p>Auf ihrem Rücken hat sie rasiermesserscharfe Borsten, die an Klingen oder ein Sägeblatt erinnern. Da sie ihre Borsten als Waffe nutzt, rennt sie meist gebückt und hält ihren Kopf dicht am Boden.</p>



<p>In einigen Geschichten hat sie noch weitere Merkmale. So hält sie manchmal etwas im Maul, z. B. eine Sichel, ein Buch oder eine Schriftrolle, hat brennende Borsten, trägt einen kleinen Mann oder Jungen auf dem Rücken, hat unzählige Augen, ist unsichtbar, hat Ferkel bei sich uvm.</p>



<p>Wie ihr seht, kann sich das Aussehen von Gloson also sehr unterscheiden. Trotzdem wird sie in fast jeder Geschichte als eine schneeweiße Sau mit feurigen Augen und messerscharfen Rückenborsten beschrieben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p>Gloson taucht hauptsächlich in dunklen Winternächten auf. Sie ist Teil des Årsgångs, einer alten schwedischen Weissagungstechnik, und erscheint als letzte Hürde, um jemanden an der Ausführung des Årsgångs zu hindern.</p>



<p>Wenn sie erscheint, versucht sie, zwischen den Beinen ihres Opfers hindurchzurennen, um es mit ihren scharfen Borsten in der Mitte zu zerteilen oder es auf ihren Rücken zu werfen und fortzutragen. Wenn das Opfer fortgetragen wird, stirbt es entweder an den Verletzungen durch die scharfen Borsten, weil es verdurstet oder an Erschöpfung, da der wilde Ritt mehrere Tage bis Wochen dauern kann.</p>



<p>In anderen Geschichten wirft Gloson ihre Opfer nach einiger Zeit ab. Auch hier ist man aufgrund des kalten Winters oder der Verletzungen jedoch oft dem Tode geweiht. Hat man hingegen „Glück“ und überlebt, ist man dank des wilden Ritts dem Wahnsinn verfallen.</p>



<p>Laut einigen Versionen der <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Legende</a> hat Gloson außerdem etwas bei sich, das der Årsgång-Durchführende braucht, um den Årsgång zu beenden oder magische Fähigkeiten zu erlangen. Dabei kann es sich z. B. um ein Buch oder eine Schriftrolle über schwarze Magie oder geheimes Wissen oder um einen anderen magischen Gegenstand handeln.</p>



<p>Wenn man Gloson tatsächlich begegnet, gibt es viele Möglichkeiten, wie man sich gegen sie schützen kann. So ist Silber, besonders, wenn es geweiht wurde, aber auch Stahl oder Eisen eine bewährte Waffe gegen das Übernatürliche. Zudem helfen Gebete, das Kreuzzeichen oder wenn man seine Beine kreuzt. Gerade Letzteres wird oft im Zusammenhang mit Gloson erwähnt, da es nicht nur vor dem Bösen schützen soll, sondern auch verhindert, dass Gloson zwischen den Beinen ihres Opfers hindurchlaufen kann.</p>



<p>Alternativ soll es einige Nahrungsmittel geben, mit denen man Gloson ablenken kann. In einer Quelle habe ich von sieben Jahre alten Nüssen gelesen, die man ihr hinwerfen muss, damit sie sich darauf statt auf ihr Opfer konzentriert.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p>Die Legende von Gloson wurde hauptsächlich im Süden Schwedens verbreitet. Daher soll Gloson hauptsächlich dort vorkommen. Es gibt aber auch Texte aus anderen Orten Schwedens, in denen von ihr die Rede ist.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p>In den ältesten Texten über den Årsgång ist von Gloson noch keine Rede. Stattdessen wird von einem Reiter berichtet, dessen Pferd mit brennender Mähne einen Runenstab im Maul trägt, das dem Årsgång-Durchführenden magische Fähigkeiten verleiht, sofern er ihn dem Pferd entwenden kann.</p>



<p>Erst später wird dieser Reiter samt Pferd durch Gloson abgelöst. Die brennende Mähne wurde zu den brennenden Borsten bzw. Augen Glosons, während andere Motive wie der magische Stab oder der Reiter, wenn auch jetzt in kleinerer Form, in einigen Versionen komplett übernommen wurde.</p>



<p>Wieso für Gloson das Motiv des Schweins gewählt wurde, ist naheliegend: Schweine (auch Hausschweine) sind früher oft in der Wildnis umhergelaufen und konnten eine Gefahr für unschuldige Passanten darstellen. Besonders aggressiv und gefährlich waren sie, wenn sie Junge hatten.</p>



<p>Das Schwein war früher also, auch wenn es als Haustier sehr beliebt war, durchaus gefürchtet. Und auch heute noch haben viele Menschen (zurecht) Angst vor Wildschweinen, da sie schnell aggressiv werden, Menschen angreifen und sie schwer bis tödlich verletzen können.</p>



<p><em>Was haltet ihr von Gloson? Würdet ihr den Årsgång durchführen, auch wenn ihr wisst, was euch bei der Kirche alles erwarten kann? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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		<title>Årsgång – Der Jahresgang Teil 1</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 18 Dec 2023 14:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Ein plötzliches Piepen riss mich aus meinen Gedanken. Fast instinktiv griff ich nach meiner Armbanduhr, um den Alarm zu deaktivieren. Mitternacht. Das Ritual konnte endlich beginnen …</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg09.met.vgwort.de/na/78a33b9b7da049b9992416d08c98ae92" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p>Årsgång ist der erste Teil meines diesjährigen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/weihnachten" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Weihnachts</a>-Zweiteilers. Wie vor drei Jahren bei <a href="https://www.geister-und-legenden.de/die-yule-lads" target="_blank" rel="noreferrer noopener">den Yule Lads</a> habe ich die Weihnachtsgeschichte dieses Jahr also wieder auf mehrere Teile aufgeteilt. Den zweiten Teil findet ihr nächste Woche hier auf meinem Blog oder bereits jetzt auf <a href="https://www.patreon.com/geisterlegenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Patreon</a>.</p>



<p>Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen</strong></summary>
<p>&#8211; Krankheit: Erwähnung von ALS</p>
<p>&#8211; Andeutung an den Tod eines Kindes</details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p>Ich saß zitternd in meinem Zelt, eine dicke Wolldecke eng um mich gewickelt, während ich meinen knurrenden Bauch hielt und mein Mund sich völlig ausgetrocknet anfühlte. Selten hatte ich mich so schwach gefühlt. Und das an einem Heiligabend, wo die meisten Leute mit ihren Familien in einem warmen Wohnzimmer saßen und mehr aßen und tranken, als sie es sich das restliche Jahr über erlaubten.</p>



<p>Aber bevor ihr euch jetzt Sorgen um mich macht, sollte ich anmerken, dass das hier alles selbstverschuldet war. Und nicht nur das, es war sogar beabsichtigt. Ich war im Begriff ein altes schwedisches Ritual durchzuführen: den Årsgång. Nur hätte ich nicht gedacht, dass ich mich nach einem Tag ohne Essen und Trinken so schwach fühlen würde. Außerdem war da diese unerträgliche Kälte, die mir von Stunde zu Stunde tiefer in die Knochen kroch.</p>



<p>Als Vorbereitung für den Årsgång musste man sich nämlich einen kompletten Tag isolieren. Man musste sich ohne Wasser oder Nahrung tief in den Wald begeben. In meinen Büchern hieß es: so tief, dass man weder Hund noch Hahn hören konnte. Aber ich ging lieber auf Nummer sicher und war so weit gegangen, dass auch keine Geräusche von fahrenden Autos mehr zu mir vordrangen.</p>



<p>Eine weitere Bedingung war, dass ich in dieser Zeit kein einziges Wort sagen, kein Handy oder Laptop bei mir haben und in kein Licht wie ein Feuer oder eine Lampe blicken durfte.</p>



<p>Ich hatte die letzten Stunden also in völliger Stille, Kälte und Dunkelheit verbracht. Die Sonne war schon vor Stunden untergegangen und jetzt wartete ich nur noch darauf, dass es endlich Mitternacht wurde. Dann konnte der Årsgång beginnen.</p>



<p>Aber bis dahin saß ich weiter zitternd in meine Decke gewickelt und dachte über mein Leben nach. Noch vor einem Jahr wäre es für mich undenkbar gewesen, ein Ritual wie den Årsgång durchzuführen. Damals saß ich mit meiner Mama, meiner letzten lebenden Verwandten, am Weihnachtstisch und aß mit ihr eine Gans, die wir gemeinsam zubereitet hatten. Unser Leben war in Ordnung gewesen. Das war jedoch vor ihrer Diagnose.</p>



<p>Wie wir dieses Jahr herausgefunden hatten, litt meine Mutter an amyotropher Lateralsklerose, besser bekannt als ALS. Vielleicht erinnert ihr euch noch an die Ice Bucket Challenge, die vor einigen Jahren durch das Internet kursiert ist. Sie sollte damals auf ALS aufmerksam machen.</p>



<p>Jedenfalls ist es eine grausame Krankheit, die zu Muskellähmungen und schließlich zum Tod führt. Eine Heilung ist laut unserer Schulmedizin nicht möglich.</p>



<p>Wie so viele Menschen in ähnlichen Situationen hatte ich also das einzige in meiner Macht stehende getan, und angefangen, mich nach alternativen Heilmethoden umzusehen. Aber während andere Menschen sich auf Heilsteine und Homöopathie stürzten, hatte ich mich für einen anderen Weg entschieden: das Übernatürliche. Mein erster Schritt in diese Richtung sollte der Årsgång werden.</p>



<p>Eigentlich war es nicht mehr als ein Wahrsageritual, mit dem man die Zukunft der Gemeinde voraussehen konnte. In einigen Büchern hatte ich jedoch etwas von magischen und sogar heilenden Fähigkeiten gelesen, die man nach einem erfolgreichen Årsgång erhalten solle. Und selbst, wenn das nicht der Fall war, würde das Ritual zumindest mein Gespür für das Paranormale stärken.</p>



<p>So oder so, egal, wie verzweifelt der Versuch auch sein mochte, es war immer noch besser, als zuhause zu sitzen und nichts zu tun.</p>



<p>Ein plötzliches Piepen riss mich aus meinen Gedanken. Fast instinktiv griff ich nach meiner Armbanduhr, um den Alarm zu deaktivieren. Mitternacht. Das Ritual konnte endlich beginnen.</p>



<p class="has-text-align-center">&#8212;</p>



<p>Als ich aus dem Zelt trat, schnitt mir die eisige Winterluft ins Gesicht, stach in meine trockenen Lippen. Nur mein Bart und die dicke Kleidung schützen mich einigermaßen vor der Kälte. Trotzdem hatte ich bereits das meiste Gefühl in meinem Fingern und Zehen verloren – ein Zustand, der hier draußen nicht besser werden würde.</p>



<p>Wenigstens reflektierte der Schnee das wenige Mondlicht, das durch die Bäume schien, sodass ich nicht gegen den nächsten Baum laufen würde.</p>



<p>Schnee knirschte mit jedem Schritt unter meinen Stiefeln. Das Geräusch hallte gespenstisch durch den Wald, als würden viele weitere Beine mir folgen.</p>



<p>Ich beachtete es nicht weiter. Stattdessen ging ich in Gedanken noch einmal meine Route durch. Ich würde den Wald verlassen, über den schmalen Weg zwischen den Feldern ins Dorf zurückwandern, am Friedhof vorbei und auf direktem Weg zur Kirche. Dort würde der größte und wichtigste Teil des Rituales stattfinden.</p>



<p>Alles, was ich bis dahin tun musste, war nicht zu sprechen oder zu lachen, nicht nach hinten zu blicken, auf dem Weg zu bleiben und keine Furcht zu zeigen. Das war allerdings einfacher gesagt als getan. Wenn man den Büchern glauben durfte, würde die paranormale Welt alles daransetzen, mich von meinem Årsgång abzuhalten.</p>



<p>Wieder knurrte mein Magen. Ich versuchte, den Hunger zu ignorieren, konzentrierte mich auf meine Schritte und meine Umgebung. Trotzdem bemerkte ich die Silhouette zwischen den Bäumen erst, als sie mich ansprach.</p>



<p>„Was macht ein einsamer Wanderer hier so spät in der Nacht?“, fragte eine helle Frauenstimme.</p>



<p>Fast hätte ich vor Schreck einen Satz zur Seite gemacht. Ich wusste nicht, ob es meine Erschöpfung oder eine mir bisher unbekannte Selbstkontrolle war, aber ich schaffte es irgendwie, den Instinkt zu unterdrücken und einen neutralen Gesichtsausdruck zu wahren.</p>



<p>Jetzt musterte ich die Gestalt zwischen den Bäumen aufmerksam. Sie hatte so reglos und still dagestanden, dass ihr weißes Kleid mit dem Schnee verschmolzen war. Und ihre blasse Haut war auch nicht viel dunkler. Lediglich ihre eisblauen Augen und das goldene Haar stachen im direkten Mondlicht deutlich hervor, als sie aus den Schatten trat.</p>



<p>„Oh. Du zitterst ja“, bemerkte sie. „Soll ich dich etwas wärmen?“ Sie legte mir ihre Hand auf die Brust und fuhr mir ihr langsam an meinem Körper herunter. Ich packte ihr Handgelenk, als sie meinen Bauchnabel erreichte und noch immer nicht zu stoppen schien.</p>



<p>Das war dann wohl eine Skogsrå, eine übernatürliche Hüterin des Waldes, die in ihrer Freizeit nichts Besseres zu tun hatte, als einsame Wanderer zu verführen, um ihnen die Seelen zu rauben.</p>



<p>Da ich nichts sagen durfte, schüttelte ich bloß den Kopf und schob ihre Hand beiseite. Ich nahm mir vor, sie möglichst sanft abzulehnen, um sie nicht zu verärgern. Trotzdem wollte ich mich nicht aufhalten lassen, also ging ich langsam weiter.</p>



<p>„Oh, hast du noch was vor?“, fragte sie scheinheilig. „Ich verspreche dir, dass es nicht lange dauert. Danach wirst du dich sehr viel besser fühlen.“</p>



<p>Ich hörte, wie ihre leisen Schritte mir folgten. Sie holte auf, um neben mir zu gehen, wo sie meinen Arm ergriff und sanft ihren Kopf an meine Schulter schmiegte. Ich spürte, wie ihre Wärme durch die Jacke hindurch an meinem durchgefrorenen Körper drang. Und auch ihr süßlicher Duft gelangte jetzt an meine Nase. Er war nicht aufdringlich, sondern genauso zart und lieblich wie die Skogsrå selbst. Hätte ich jetzt die Augen geschlossen, würde ich mich wohl in dem Gefühl verlieren.</p>



<p>Also schüttelte ich bloß wieder den Kopf. Ich machte aber keine Anstalten, mich loszureißen. Ich redete mir ein, es läge daran, dass ich die Skogsrå nicht verärgern wolle, aber wenn ich ehrlich war, wollte ich ihre Wärme noch für ein paar Meter mehr genießen.</p>



<p>Den Waldgeist eng an meine Seite gekuschelt, ging ich weiter meines Weges. Sie flüsterte mir Komplimente zu und erzählte mir, wie schrecklich einsam sie sich zu Weihnachten immer fühle. Und auch ich fühlte mich einsam, jetzt, wo meine Mutter im Krankenhaus war und ich das Haus für mich allein hatte.</p>



<p>Die Skogsrå galt als Meisterin der Verführung und unter anderen Bedingungen, hätte ich nicht das Ziel vor Augen gehabt, meine Mutter zu heilen, wäre ich ihr vielleicht verfallen.</p>



<p>Je näher wir jedoch dem Waldrand kamen, desto verzweifelter wurden ihre Versuche. Inzwischen raunte sie mir die verbotensten Versprechungen ins Ohr, streichelte sanft meinen Oberschenkel und versuchte sogar, mir zwischen die Beine zu greifen.</p>



<p>Da ich inzwischen die schneebedeckten Felder hinter den Bäumen sehen konnte, drückte ich die Skogsrå von mir weg und beschleunigte meine Schritte.</p>



<p>In einer letzten Verzweiflungstat griff der Waldgeist nach meinem Handgelenk, versuchte, mich zurückzuhalten, aber ich riss mich wieder los und trat aus dem Wald hinaus. Erleichtert atmete ich auf, als ich ihre Schritte nicht länger hinter mir hören konnte.</p>



<p>„Du wirst es nicht schaffen!“, rief sie mir nach. Jegliche Zärtlichkeit war jetzt aus ihrer Stimme gewichen. „Du gehst in deinen eigenen Untergang!“</p>



<p>Fast hätte ich mich zu ihr umgedreht. Ich erinnerte mich gerade noch rechtzeitig, dass ich während des Årsgångs nicht zurückblicken durfte. Stattdessen atmete ich noch einmal tief durch und ging stur weiter. Ich spürte ihren Blick noch eine ganze Weile in meinem Rücken, während ich das Feld verließ und den schmalen von Fußabdrücken gezeichneten Weg betrat.</p>



<p>Dort strauchelte ich. Es lag aber nicht nur an dem plattgetretenen Schnee, auf dem ich fast wegrutschte, sondern auch an dem Schwindel, der sich langsam in mir ausbreitete.</p>



<p>Sanft schlug ich mir auf die Wangen, suchte mir einen Punkt in der Ferne, auf den ich mich konzentrieren konnte, um mich von meiner eigenen Schwäche abzulenken. Ich entschied mich für die bunten Lichter meines Dorfes. Wie jedes Jahr war es zu dieser Zeit festlich geschmückt.</p>



<p>„Das war aber nicht die feine schwedische Art“, ertönte plötzlich eine hohe, fiepsige Männerstimme hinter mir. „Haben deine Eltern dir beigebracht, so mit einer Frau umzugehen?“</p>



<p>Eine Gänsehaut zog sich über meinen ohnehin schon kalten Rücken. Die Stimme war direkt hinter meinem linken Ohr erklungen. Sehen konnte ich niemanden, aber ich wusste nicht, ob die Stimme keinen dazugehörigen Körper hatte, oder ob sich das Wesen bloß hinter mir aufhielt, da es genau wusste, dass ich mich nicht umdrehen durfte. Ein zweites Paar Füße, die durch den Schnee stapften, konnte ich jedenfalls nicht hören.</p>



<p>„Oh, tut mir leid. Hab ich dich erschreckt?“, fragte die Stimme weiter.</p>



<p>Hatte sie, aber zum Glück hatte ich es auch diesmal geschafft, mir nichts anmerken zu lassen.</p>



<p>„Mein Name ist Grímr, aber du darfst mich Grim nennen. Und wie heißt du?“, fuhr die Stimme unbeirrt fort. Diesmal erklang sie an meinem rechten Ohr.</p>



<p>Es war ein billiger Trick, um mich zum Reden zu bewegen. Aber natürlich war ich auf so etwas eingestellt und antwortete nicht.</p>



<p>„Nicht der redselige Typ, was? Also gut. Lass mich raten. Du heißt … Hmmm … Sven? Ja, Sven! Sven, der Schwede!“, brabbelte die Stimme weiter.</p>



<p>Hieß ich nicht. Mein Name war Thorbjörn. Aber selbst, wenn ich sprechen dürfte, hätte ich aus meinem ausgetrockneten Hals wahrscheinlich kein verständliches Wort herausbringen können, um die Stimme zu korrigieren.</p>



<p>Stattdessen konzentrierte ich mich stur weiter auf die bunten Lichter der Gemeinde. Nur, dass da auf einmal keine bunten Lichter mehr waren. Um mich herum war es plötzlich taghell. Ich ging zwischen zwei üppig bewachsenen Hefefeldern hindurch, auf denen ein Trecker die reiche Ernte einfuhr.</p>



<p>Staunend sah ich mich um, weiter darauf bedacht, nicht zurückzublicken. Solche Visionen waren normal während des Årsgångs. Sie bedeuteten, dass die Ernte nächstes Jahr gut werden würde. Aber ich hätte nie gedacht, dass sie sich so real anfühlen würden. Der Wind ließ das Getreide tanzen. Ich hörte Grillen in den Feldern zirpen. Fast konnte ich das warme Sonnenlicht auf meiner eiskalten Haut spüren.</p>



<p>„A-bab-bab! Sven, behalt deine Augen auf dem Weg!“, mahnte Grim.</p>



<p>Sofort verblasste die Vision um mich herum. Ich sah wieder die dunklen, kalten Felder, hörte wieder Schnee und Eis unter meinen Füßen knirschen.</p>



<p>Überrascht weitete ich die Augen. Die Stimme hatte es geschafft, die Vision zu unterbrechen. Davon hatte nichts in meinen Büchern gestanden. Wenn sie das beim Friedhof auch schaffen würde …</p>



<p>„Vielleicht wird es Zeit für einen Witz“, säuselte die Stimme weiter. „Wir wollen ja nicht, dass du noch einen Einblick in die Zukunft erhältst, oder?“</p>



<p>Die folgenden Minuten fühlten sich wie eine Ewigkeit an. Die ‚Witze‘, die Grim erzählte, bewegten sich alle auf dem Niveau von: „Treffen sich zwei Jäger. Beide tot.“ Um genau zu sein, war das sogar einer der Witze, die er erzählte.</p>



<p>Aber während das ganz und gar nicht meinen Humor traf, waren einige der Witze so bescheuert, dass ich fast lachen musste.</p>



<p>Krampfhaft dachte ich an meine Mutter, wie sie im Rollstuhl neben mir saß. Der Doktor erklärte uns, dass er ALS selten so schnell hatte fortschreiten sehen. Aber es gäbe da Medikamente, die den Verlauf verzögern könnten.</p>



<p>Ich kam erst wieder zurück ins Hier und Jetzt, als ich erneut strauchelte. Ich sah, wie Tränen meine Sicht verschleierten, und blinzelte sie schnell weg. Wenigstens war mir nicht mehr zum Lachen zu Mute, weshalb ich keine Probleme hatte, der weiteren Tirade aus Flachwitzen zu entgehen, bis wir endlich das Dorf erreichten.</p>



<p>Die bunten Lichter, die die Bäume und Häuser schmückten, schienen vor meinen Augen zu flimmern. Ich blinzelte mehrere Male, um den Schwindel zu vertreiben, aber er blieb hartnäckig. Auch bemerkte ich jetzt, wie schwer ich atmete. Obwohl ich nur einen kurzen Spaziergang hinter mir hatte, schnaufte ich wie nach einem Marathon. Blieb nur zu hoffen, dass mir an diesem Abend keine Menschen begegneten, die sich Sorgen um mich machten. Ich sah wahrscheinlich ziemlich scheiße aus.</p>



<p>Zum Glück traf ich bis zum Friedhof lediglich einen Schneemann, der mich bei meinem Gang beobachtete. Als ein Windstoß einen der Fichtenäste, aus denen seine Arme bestanden, zum Schwingen brachte, kam es mir fast so vor, als würde er mir aufmunternd zuwinken. Den längsten Weg hatte ich hinter mir. Bis zur Kirche waren es nur noch ein paar wenige, gut ausgeleuchtete Meter. Nur noch vorbei an dem bereits erwähnten Friedhof.</p>



<p>„Oh, guck mal! Ein Friedhof“, sagte Grim mit der Begeisterung eines Kindes beim Auspacken seiner Geschenke. „Sieh ihn dir genau an. Bald wirst du auch dort liegen!“</p>



<p>Ich kam seiner Aufforderung bereitwillig nach, betrachtete jedes einzelne Grab genauer, das ich finden konnte. Nicht nur, weil ich fürchtete, einer der Toten könne mir einen unerwarteten Besuch abstatten, um mein Ritual aufzuhalten, sondern auch weil der Friedhof einer der wichtigsten Orte beim Årsgång war, an dem man Visionen empfangen konnte. Hier konnte ich sehen, wer aus meiner Gemeinde im kommenden Jahr stirbt. Sollte ich hier irgendwelche Hinweise auf meine Mutter finden, hätte ich wenigstens Gewissheit.</p>



<p>Zuerst bemerkte ich gar nichts. Mir fiel lediglich auf, wie schwierig es war, das Gleichgewicht zu halten, wenn ich mich nicht auf den Weg konzentrierte. Ich war schon kurz davor, die Visionen abzuschreiben, als ich einen Oberkörper sah. Es war Herr Anderson, ein alter Mann, den ich nur vom gelegentlichen Grüßen auf der Straße kannte. Er stand in einem flachen frisch ausgeschaufelten Grab und starrte mich aus emotionslosen Augen an. Würde er mich nicht mit seinen Augen verfolgen, hätte ich ihn bereits für tot halten können.</p>



<p>„Hey! Sven! Wo siehst du wieder hin?“, drang erneut Grims Stimme an mein Ohr. „Du willst doch nicht stolpern und hinfallen, oder? Schau auf deine Füße!“</p>



<p>Aber diesmal ließ ich mich nicht von ihm ablenken. Ich behielt den Blick weiter auf den Friedhof gerichtet, als ich plötzlich stockte. ‚Maja Holmquist 22.07.2017 &#8211; 13.02.2024‘ stand auf einem der Grabsteine. Als ich genauer hinsah, bemerkte ich den kleinen blonden Haarschopf, der kaum über das hüfttiefe Grab daneben hinausragte.</p>



<p>Ein Kloß bildete sich in meinem Hals, während meine Augen wieder feucht wurden. Ich kannte Maja. Aber vor allem kannte ich ihre Mutter, Jonna. Wir waren zusammen zur Schule gegangen. Und jetzt lastete das Wissen auf mir, dass ihre Tochter bald sterben würde. Ein Jahr, nachdem sie sich endlich von ihrem gewalttätigen Ehemann getrennt hatte und es mit ihrem Leben wieder bergauf zu gehen schien.</p>



<p>Ich wischte eine Träne weg, die sich aus meinem Auge gelöst hatte. Erschrocken stellte ich dabei fest, wie sehr die Bewegung wehtat. Das wenige Gefühl, das ich in meinen halb erfrorenen Händen noch hatte, schien nur noch aus Schmerz zu bestehen. Wenn ich mich nicht beeilte, hatte ich bald größere Probleme als die tragische Zukunft eines Mädchens, an der ich nichts ändern konnte.</p>



<p>Außerdem waren da noch immer mein Hunger und der unerträgliche Durst. Ich fühlte mich so schwach, dass ich mich am liebsten auf den Boden gelegt hätte und einfach eingeschlafen wäre. Dann würde es nicht lange dauern und all meine Probleme hätten bald ein Ende …</p>



<p>Nein! Was dachte ich denn da? Das würde niemandem helfen! Weder mir noch meiner Mutter noch sonst wem. Nein. Ich musste weitergehen, hatte es schon so weit geschafft. Die Kirche lag fast direkt vor mir.</p>



<p>Trotzdem wusste ich, dass ich noch lange nicht am Ziel war. Es überraschte mich, wie wenig das Übernatürliche bisher versucht hatte, mich von meinem Årsgång abzuhalten. Andererseits wusste ich, was ich als Nächstes tun musste. Danach lag mein Schicksal nicht mehr in Gottes schützender Hand …</p>



<p><em>Fortsetzung folgt …</em></p>


<p><b>Bleibt auf dem neusten Stand und folgt mir auf:</b></p>
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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p>Der Årsgång (schwedisch für „Jahresgang“) ist eine alte schwedische Weissagungstechnik, die zu Heiligabend oder Silvester, seltener auch zu Midsommar, durchgeführt wurde.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Das Ritual:</h3>



<p><strong>Hinweis: Ich rate dringend davon ab, übernatürliche Rituale durchzuführen. Der Kontakt zur Geister- oder Dämonenwelt kann schwerwiegende Folgen mit sich bringen!</strong></p>



<p>Bei dem <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/rituale" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Ritual</a> handelt es sich um eine nächtliche Wanderung unter speziellen Bedingungen. Wenn man dabei alles richtig macht, offenbaren sich den Durchführenden hierbei Ereignisse des kommenden Jahres – man kann also in die Zukunft sehen. Es begegnen einem jedoch auch verschiedenste übernatürliche Wesen, die den Årsgång verhindern wollen.</p>



<p>In einigen Versionen soll das Ritual außerdem magische Kräfte und einen Sinn für das Übernatürliche verleihen. Daher wurden Menschen, die den Årsgång erfolgreich durchgeführt haben, gleichermaßen verehrt und gefürchtet.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Vorbereitung:</h4>



<p>Bevor man das eigentliche Ritual des Årsgångs durchführen kann, muss man sich am Vortag komplett isolieren. Man muss tief in den Wald gehen, wo man weder sprechen noch etwas essen oder trinken darf. Außerdem darf man nicht in ein Feuer oder anderes Licht blicken und man darf niemandem von seinem Vorhaben erzählen.</p>



<p>Im modernen Kontext bedeutet das, dass man in der Zeit kein Handy, Tablet, Laptop, Radio o. Ä. benutzen darf und auch Taschenlampen oder andere Lichtquellen sollte man lieber zuhause lassen.</p>



<p>Durch den Tag in Dunkelheit und Isolation soll die durchführende Person zugänglich für die geistige Welt und das Übernatürliche werden.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Der erste Teil des Årsgångs:</h4>



<p>Um Punkt Mitternacht muss man sich schließlich auf den Rückweg ins Dorf oder in die Stadt machen. Ab jetzt beginnt das eigentliche Ritual:</p>



<p>Man muss zu Fuß zu einer Kirche gehen – entweder auf direktem Weg oder nachdem man vorher einige andere festgelegte Orte mit spiritueller Bedeutung wie z. B. Friedhöfe oder Kreuzungen abgegangen ist. So oder so sollte das Endziel immer die Kirche sein.</p>



<p>Währenddessen darf man weiterhin kein einziges Wort sagen, nicht lachen, keine Angst zeigen und nicht nach hinten Blicken. Auch darf man nicht von seinem zuvor festgelegten Weg abweichen.</p>



<p>Sollte man das nicht schaffen, kann das schwerwiegende Folgen haben. Oft werden die Konsequenzen nicht näher erläutert, aber es gibt Geschichten, in denen die Leute daraufhin wahnsinnig wurden, ein Auge oder ihre Sehkraft verloren, verstümmelt wurden oder für immer verschwunden sind.</p>



<p>Sollte man den Årsgång trotzdem wagen, kann es auf dem Weg zur Kirche bereits zu ersten Visionen, aber auch zu ersten Begegnungen mit dem Übernatürlichen kommen. Wenn der Wandernde z. B. an Feldern vorbeigeht, kann er Visionen empfangen, wie gut oder schlecht die Ernte des kommenden Jahres sein wird. Auch kann er ggf. einen Beerdigungszug sehen, wodurch er von dem Tod einer oder mehrerer Personen erfahren kann.</p>



<p>(Zugegeben: Beerdigungszüge sind in der heutigen Zeit eher ungewöhnlich. Allerdings könnte man, sofern man an einem Friedhof vorbeigeht, von Menschen erfahren, die im kommenden Jahr dort begraben werden.)</p>



<p>Während die Visionen hingegen der gewünschte Effekt sind, kann es bei der Begegnung mit dem Übernatürlichen zu ersten Herausforderungen kommen. Das Übernatürliche soll nämlich alles daransetzen, den Årsgång zu unterbrechen. Hauptsächlich werden die verschiedensten Wesen versuchen, den Wandernden zu erschrecken, ihn zum Lachen zu bringen oder ihn vom Weg abzubringen – alles Dinge, die den Årsgång mit sofortiger Wirkung beenden.</p>



<p>Ein beliebtes Motiv ist, dass man ein brennendes Haus sieht, manchmal sogar das eigene. Rennt man daraufhin los, um das Feuer zu löschen oder zu helfen, erkennt man, dass es nur ein Trick war. Der Årsgång ist gescheitert.</p>



<p>Ein Beispiel für eine lustige Situation, von der ich gelesen habe, beschreibt mehrere Ratten, die einen Karren mit Heu über eine Eisfläche ziehen. Eine der Ratten rutscht dabei auf dem Eis aus, fällt auf den Rücken und furzt dabei so laut, dass das Geräusch widerhallt. In der betreffenden Geschichte brach die Person daraufhin in Gelächter aus, wodurch auch sein Årsgång scheiterte.</p>



<p>Aber es kann auch zu lebensbedrohlichen Begegnungen mit dem Übernatürlichen kommen. So kann man z. B. Wiedergängern, also Untoten, deren bloße Berührung den Tod bringt, <a href="https://www.geister-und-legenden.de/draugr" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Draugar</a>, <a href="https://www.geister-und-legenden.de/trolle-mythologie" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Trollen</a>, einer <a href="https://www.geister-und-legenden.de/skogsra" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Skogsrå</a> oder Bäckahästen begegnen.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Der zweite Teil des Årsgångs:</h4>



<p><em>(Hinweis: Dieser Teil des Årsgång kommt erst im zweiten Teil der Geschichte vor. Solltet ihr ohne Vorwissen an die Geschichte herangehen wollen, empfehle ich euch, diesen Abschnitt vorerst zu überspringen.)</em></p>



<p>Bei der Kirche angekommen hat man die längste Strecke hinter sich, jedoch noch nicht die größte Herausforderung. Die Wandernden müssen hier beginnen, die Kirche dreimal oder siebenmal gegen den Uhrzeigersinn zu umrunden, während sie einem bestimmten Muster folgen. Z. B. müssen sie jedes Mal in das Schlüsselloch pusten oder hineinspähen, wenn sie an der Kirchentür vorbeikommen, oder durch jedes Kirchenfenster spähen, dass sie erreichen. In einer Quelle war sogar davon die Rede, ein Gebet dreimal rückwärts aufzusagen, ehe man in das Schlüsselloch pustet. Das Pusten in das Schlüsselloch symbolisiert übrigens, dass man seinen Glauben abgibt – wenn auch nur vorübergehend.</p>



<p>Bei den Umrundungen empfängt der Durchführende weitere Visionen – entweder auf dem Kirchgrundstück oder innerhalb der Kirche, wenn er hineinspäht.</p>



<p>So kann er z. B. sehen, welche Leute im kommenden Jahr heiraten oder sterben, wenn er die Hochzeit oder Trauerfeier sieht. Sollte ein Friedhof auf dem Kirchgrundstück liegen, kann es außerdem passieren, dass der Wandernde neue Gräber sieht, in denen entweder eine noch lebende Person liegt, die im kommenden Jahr stirbt oder deren Name auf dem Grabstein steht.</p>



<p>Aber Vorsicht: Viele Årsgång-Legenden erzählen davon, dass die Durchführenden ihren eigenen Tod für das kommende Jahr vorausgesehen haben.</p>



<p>Je mehr Runden man um die Kirche geht, desto klarer und häufiger sollen die Visionen werden, aber auch das Übernatürliche wird immer stärker versuchen, den Årsgång zu unterbrechen. Hierbei kann es auch zu physischer Gewalt und Mordversuchen kommen. Da, wie bereits erwähnt, sogar die bloße Berührung durch Untote und <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Geister</a> zu Unglück, Krankheit oder sogar Tod führen kann, muss man sich also sehr in Acht nehmen.</p>



<p>Ist die Person kurz davor, das Ritual zu vollenden, soll schließlich Gloson, ein Geisterschwein, von dem ich im zweiten Teil des Weihnachts-Specials ausführlich berichten werde, als letzte Hürde auftauchen.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Nach dem Årsgång:</h4>



<p>Hat man es geschafft, den Årsgång zu beenden, hat man in den Visionen die Zukunft seiner Gemeinde gesehen und dem Übernatürlichen getrotzt.</p>



<p>Aber obwohl man nun nach Hause gehen kann, heißt das nicht, dass man den Årsgång fortan ignorieren darf, denn das Wort „Jahresgang“ kommt nicht von ungefähr. Es ist eine jährliche Tradition, die die meisten Årsgång-Durchführenden jedes Jahr wiederholt haben. Dadurch sollen sie nicht nur mit jedem Jahr ihr Gespür für das Übernatürliche und ggf. ihre neugewonnenen magischen Fähigkeiten verstärkt haben, sondern auch die Gefahren des Årsgång können im Laufe der Jahre zunehmen.</p>



<p>Ob die Personen den Årsgång jedes Jahr freiwillig aufs Neue durchgeführt haben oder es tun mussten, habe ich nicht herausfinden können. Zwar habe ich davon gelesen, dass man sonst seine magischen Fähigkeiten wieder verliert oder einem das Übernatürliche oder der Teufel persönlich einen Hausbesuch abstattet, aber die meisten Texte beschreiben lediglich den Årsgång selbst.</p>



<p>Allerdings gibt es einen Bericht von einem Mann, der das Ritual angeblich viele Jahre in Folge durchgeführt hat. Als er schließlich zu alt und schwach wurde, um sich dem Übernatürlichen zu widersetzen, ist er von seinem letzten Årsgång nie zurückgekehrt – er hat es also selbst dann nicht gewagt, den Årsgång ausfallen zu lassen.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Moderne Version:</h4>



<p>Der Årsgång wird inzwischen nicht mehr wirklich praktiziert. Trotzdem habe ich eine moderne Version des Årsgångs gefunden. Sie ist deutlich ungefährlicher, da man keinen ganzen Tag allein im kalten Wald verbringt.</p>



<p>Stattdessen muss sich die durchführende Person am Tag vor dem tatsächlichen Gang, also den Tag vor Heiligabend oder Silvester, komplett isolieren. Sie muss sich in einen abgedunkelten Raum setzen, darf nichts essen, nichts trinken und darf nicht sprechen. Auch hier bedeutet das natürlich, auf Handy, Tablet, PC, Radio, Fernseher usw. zu verzichten. Das Ziel dieser Isolation ist es, in eine Art meditativen Zustand zu gelangen, wodurch die Person zugänglicher für die geistige Welt und das Übernatürliche werden soll.</p>



<p>Sobald es Mitternacht wird, muss die Person schließlich das Haus verlassen und zur nächsten Kirche gehen. Ab hier sind das Ritual und die angeblichen Gefahren identisch.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p>Die erste bekannte Erwähnung des Årsgångs findet sich in dem Manuskript „Småländska Antiqviteter“ (Småländische Antiquitäten). Sie wird auf ca. 1697 bis 1700 datiert und wurde von Petter Rudebeck verfasst.</p>



<p>Rudebeck bezeichnete den Årsgång in seinem Text als altes Ritual, was darauf hindeutet, dass er schon sehr viel älter als das Dokument sein könnte. Andererseits gibt es keinerlei Hinweise, dass bereits vor dem 17. Jahrhundert auch nur ein einziger Årsgång stattgefunden hat. Daher gibt es die Theorie, dass es sich bei dem Årsgång lediglich um eine recht alte urbane Legende handelt, die um die Zeit der ersten Erwähnungen erfunden wurde. Es ist aber auch durchaus möglich, dass er bis dahin hauptsächlich mündlich überliefert wurde und ältere Texte lediglich noch unentdeckt sind oder nicht bis heute überdauert haben.</p>



<p>Im Jahr 2013 ist außerdem ein Videospiel namens „Year Walk“ für iOS-Geräte herausgekommen, das den Årsgång thematisiert. Inzwischen gibt es das Spiel auch für den PC.</p>



<p><em>Was haltet ihr von dem Årsgång? Würdet ihr euch trauen, ein solches Ritual durchzuführen? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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		<title>Skogsrå – Sie wartet im Wald</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 21 Nov 2022 14:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>„Ich kenne mich hier zufällig ziemlich gut aus“, fuhr sie fort. „Wenn du willst, kann ich dir die schönsten Pilze im ganzen Wald zeigen. Dann müsstest du aber auch etwas für mich tun.“ Mit diesen Worten zog sie ihr Kleid ein Stück hoch und streichelte an ihrem nackten Oberschenkel zärtlich nach oben.</p>
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<p>Skogsrå sind skandinavische Waldgeister, die nur darauf warten, dass sich einsame Männer in ihren Wald verirren. Was sie dort mit ihnen machen, erfahrt ihr in meinem Beitrag.</p>



<p>Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p>Kennt ihr das Gefühl, im Wald nicht allein zu sein? Dass jemand oder etwas zwischen den Bäumen lauert und euch beobachtet? Manchmal ist es mehr als nur ein Gefühl …</p>



<p>„Eure Wälder sind wirklich traumhaft“, sagte Dennis. Seine Stimme wurde von den Geräuschen der Natur begleitet. Vögel, die in den Bäumen sangen, Nadeln und Äste, durch die der Wind säuselte und das gelegentliche Knacken und Rascheln im Unterholz. „Besonders die Kiefern. Bei uns in Norddeutschland sterben die Nadelwälder allmählich weg, aber hier …“ Ehrfürchtig trat er an einen Baum heran und legte seine Hand an den Stamm.</p>



<p>Ich grinste. Seit wir gestern im Wald angekommen waren und unsere Zelte aufgeschlagen hatten, war Dennis nur am Schwärmen. „Das liegt daran, dass eure Nadelwälder künstlich angelegt wurden. Hier in Schweden sind sie hingegen heimisch“, erklärte ich. Unwillkürlich musste ich an letzte Woche denken, als ich bei ihm in Deutschland war. Ich war entsetzt gewesen, wie tot der Nadelwald aussah, in dem wir zum Pilzesammeln waren. Es war, als wären die Bäume ab der Hälfte des Stamms abwärts bereits vertrocknet gewesen.</p>



<p>Plötzlich hielt ich inne. „Dennis, warte mal“, meinte ich, während ich meine Taschen abtastete. Ich hatte kontrollieren wollen, ob ich auch wirklich alles dabei hatte. Als ich jedoch auf die Tasche mit dem Kompass klopfte, war sie leer. Wo konnte er nur sein? Vage erinnerte ich mich an gestern Abend. Ich hatte Dennis meine Ausrüstung gezeigt. „Mist. Ich hab den Kompass im Zelt vergessen. Warte hier. Ich hol ihn schnell!“</p>



<p>„Ach, lass das olle Teil doch. Wir wollen nur Pilze sammeln. Den Rückweg finden wir schon.“</p>



<p>Aber ich schüttelte entschieden den Kopf. „Vergiss es. Der Wald erstreckt sich über Kilometer. Außerdem bewegen wir uns abseits der Wege. Wenn wir uns hier verlaufen … Ich will jedenfalls nicht als Wolfs- oder Bärenfutter enden.“</p>



<p>Das wirkte. Dennis kannte sich mit wilden Tieren, die ihm gefährlich werden konnten, nicht aus. Er kannte höchstens Wildschweine. Vor Wölfen hingegen schien er eine nahezu irrationale Angst zu haben. Dabei hatten die Tiere meist mehr Angst vor ihm als er vor ihnen.</p>



<p>Während Dennis also wartete, beeilte ich mich, zum Zelt zurückzukommen. Zwar war der Weg nicht gerade weit – immerhin waren wir eben erst losgegangen –, aber es dauerte eine Weile, bis ich meinen treuen Kompass unter einem Stapel Wäsche gefunden hatte. Im Nachhinein betrachtet war es dumm gewesen, Dennis so lange im Wald allein zu lassen.</p>



<p>Als ich mich ihm wieder näherte, konnte ich Stimmen hören. Eine war die von Dennis, ganz eindeutig, die andere hingegen, eine Frauenstimme, hatte ich noch nie zuvor gehört.</p>



<p>„Aber was macht so ein schöner Mann ganz allein im Wald?“, säuselte sie.</p>



<p>„Das Gleiche könnte ich dich fragen“, erwiderte Dennis. Dann stockte er. „Also … das … das heißt, wenn du ein Mann wärst. Was macht eine so schöne Frau ganz allein im Wald, meinte ich natürlich?“, korrigierte er sich schnell. Er verhaspelte sich beim Sprechen und klang unbeholfen wie ein Teenager, der noch nie mit einer fremden Frau geredet hatte.</p>



<p>Die Frau hingegen lachte nur. Es war aber kein spöttisches Lachen, sondern ein klares und ehrliches, als habe er einen Witz gemacht.</p>



<p>Endlich kamen sie in Sichtweite. Die Frau – sie stand nur wenige Schritte von Dennis entfernt, spielte mit ihren langen blonden Haaren, während sie Dennis mit einem strahlenden Lächeln in die Augen sah. Sie trug ein feines weißes Kleid. Zu fein für einen Spaziergang so tief im Wald, wie ich fand.</p>



<p>Als ich mich näherte, sah sie mich erschrocken an.</p>



<p>Und auch Dennis drehte sich zu mir um. „Ah. Da bist du ja. Ich hab gerade diese sympathische junge Dame getroffen“, erklärte er grinsend.</p>



<p>„Hej“, begrüßte ich sie. „Was machen Sie ganz allein hier draußen?“</p>



<p>Sie spitzte die Lippen, während sie mich einen Moment nur stumm ansah. Ich kann nicht genau sagen, was es war, aber irgendetwas an ihr wirkte falsch. Zudem schien es ihr ganz und gar nicht zu passen, dass ich aufgetaucht war.</p>



<p>Als die Stille gerade anfing, unangenehm zu werden, antwortete sie endlich. „Ich wollte allein sein, etwas Zeit für mich haben, aber dann habe ich diesen“, sie musterte Dennis mit einem fast hungrigen Blick von Fuß bis Kopf, „attraktiven Mann gefunden. Und ich dachte, ich versuch mal mein Glück.“ Sie zwinkerte ihm zu, woraufhin Dennis noch breiter grinste.</p>



<p>Ich hingegen wurde allmählich misstrauisch. Die Frau wirkte völlig fehl am Platze. Das weiße Kleid, ihre Anmachsprüche, sogar ihre Bewegungen, wie sie ihren Körper uns beiden gleichermaßen zuwandte, mich aber kaum eines Blickes würdigte. Langsam ahnte ich, um wen – oder besser gesagt um was – es sich bei der Frau handelte.</p>



<p>„Und was machst du hier?“, fragte die Fremde Dennis.</p>



<p>„Wir sammeln Pilze“, antwortete ich schnell für uns beide.</p>



<p>Wieder wurde ich keines Blickes gewürdigt. Stattdessen war die Frau ganz nah an Dennis herangetreten. Sie sah ihm so tief in die Augen, als wolle sie ein Wett-Starren gewinnen, während sie in mit ihren schneeweißen Zähnen weiter breit anlächelte. „Pilze also? Ich mag Pilze. Sie haben so eine schöne … aufrechte Form.“</p>



<p>‚<em>O Gott</em>‘, dachte ich. Die Frau war wirklich mehr als verzweifelt. Aber was noch schlimmer war: Ihre billige Anmache funktionierte. Dennis&#8216; breites Grinsen wirkte inzwischen mehr als nur naiv.</p>



<p>„Ich kenne mich hier zufällig ziemlich gut aus“, fuhr sie fort. „Wenn du willst, kann ich dir die schönsten Pilze im ganzen Wald zeigen. Dann müsstest du aber auch etwas für mich tun.“ Mit diesen Worten zog sie ihr Kleid ein Stück hoch und streichelte an ihrem nackten Oberschenkel zärtlich nach oben.</p>



<p>Dennis starrte ungeniert hin. Und ich konnte es ihm nicht verübeln. Die Frau forderte ihn geradezu dazu auf. Trotzdem wusste ich, dass er bei Wesen wie ihr vorsichtig sein musste – zumindest, wenn meine Vermutung stimmte.</p>



<p>„Danke, aber wir wollen die Pilze selbst suchen. Das ist doch der halbe Spaß“, sagte ich schnell, während ich näher an Dennis trat. „Aber ihr könnt eure Nummern austauschen. Dann könnt ihr das nachholen“, schlug ich vor. Dabei beobachtete ich die Fremde sehr genau.</p>



<p>Dennis war von der Idee sofort begeistert. Ohne weiter abzuwarten, zog er sein Handy aus der Tasche.</p>



<p>Die Frau hingegen sah mich jetzt das erste Mal richtig an. In ihren geweiteten Augen lag eine Mischung aus Entsetzen und ertappt Fühlens. „Ich … Ich habe kein Telefon“, stammelte sie. Dann ging sie langsam rückwärts. „D-das war ein Fehler. Tut mir leid.“</p>



<p>„Halt! Warte!“, sagte Dennis schnell, während sie sich mit schnellen Schritten entfernte.</p>



<p>Dass sie dabei weiterhin rückwärtsging und uns keine Sekunde den Rücken zuwandte, bestätigte meinen Verdacht.</p>



<p>Dennis hingegen, dem das Ganze nicht völlig seltsam vorzukommen schien, legte die Hände wie einen Trichter an den Mund. „Falls du es dir anders überlegst: Wir sind noch bis morgen hier!“, rief er ihr nach.</p>



<p>Doch das Einzige, was ihm antwortete, waren die Vögel und der schwache Widerhall seiner Stimme. Die Frau war im Unterholz verschwunden.</p>



<p>Jetzt wandte sich Dennis mir zu. „Was sollte das?!“, fuhr er mich an. Er hatte ins Deutsche gewechselt. „Du hast ihr Angst gemacht!“</p>



<p>„Sie hat viel eher mir Angst gemacht“, erwiderte ich. Ich hielt seinem Blick stand. „Wie kannst du nur so leichtsinnig sein?“</p>



<p>Das brachte ihn aus der Fassung. „Leichtsinnig? Wie meinst du das?“, fragte er verwirrt.</p>



<p>„Findest du nicht, dass die Frau sich etwas seltsam verhalten hat?“, erwiderte ich.</p>



<p>„Seltsam? Sie war halt nett!“</p>



<p>„Nett? Sie wäre dir am liebsten um den Hals gefallen!“</p>



<p>„Lass sie doch! Ich hätte jedenfalls nichts dagegen gehabt!“, sagte er laut.</p>



<p>Ich hob eine Augenbraue. Dann seufzte ich, ehe ich mit der Sprache rausrückte. „Ich glaube, sie ist eine Skogsrå.“</p>



<p>Dennis blinzelte verwirrt. „Eine was? Ist sie in irgendeiner Sekte oder sowas?“</p>



<p>Ich schüttelte den Kopf. „Du weißt doch, dass ich mich viel mit skandinavischer Mythologie beschäftige, oder?“, begann ich zaghaft. Ich hatte keine Ahnung, wie ich es ihm erklären sollte, ohne wie ein durchgeknallter Spinner zu wirken. Aber das Verhalten der Frau war einfach zu eindeutig.</p>



<p>Dennis nickte, während er mich skeptisch ansah. „Ja. Ich denke schon.“</p>



<p>„Nun, eine Skogsrå ist eine Art … Waldgeist“, erklärte ich. Noch immer suchte ich nach den richtigen Worten. „Sie gehen zu einsamen Männern, die sie im Wald finden, um sie … Nun ja … Um sie ins Bett zu bekommen.“</p>



<p>Dennis starrte mich mit offenem Mund an. „Moment. Du willst mir gerade sagen, dass du eine der hübschesten Frauen, die ich je gesehen habe, vertrieben hast, weil du dachtest, sie sei ein Geist?!“</p>



<p>Schnell schüttelte ich den Kopf. „Ich mein es ernst: Skogsrå sind keine Menschen. Wenn sie sich umgedreht hätte, hättest du es sofort gemerkt. Ihr Rücken besteht aus Rinde. Außerdem klafft in ihm ein großes Loch. Deswegen ist sie auch rückwärts weggelaufen. Das muss dir doch aufgefallen sein!“</p>



<p>Dennis hingegen blieb skeptisch. „Weißt du, wie Frauen sich in der Öffentlichkeit fühlen? Meine Schwester hat schon Angst, wenn sie nachts allein auf der Straße ist. Was denkst du, wie eingeschüchtert sie war, als ihr hier, mitten im Nirgendwo, plötzlich zwei fremde Männer gegenüberstanden? Ich an ihrer Stelle hätte uns auch nicht den Rücken zugewandt!“</p>



<p>Es war sinnlos. Sie hatte ihm hoffnungslos den Kopf verdreht.</p>



<p>Wir diskutierten noch eine Weile hin und her, ohne wirklich weiterzukommen. Die Deutschen und ihre Sturheit. Wäre Dennis in seinem Glauben nicht so festgefahren gewesen, dass es keine Waldgeister gibt, hätte ich ihn vielleicht überzeugen können, aber so …?</p>



<p>„Ich bin jedenfalls froh, dass du ihr nicht deinen Namen gesagt hast“, sagte ich. „Solange sie den nicht weiß, hat sie keine Macht über dich.“</p>



<p>Dennis schwieg. Er hatte alles gesagt, was er zu dem Thema sagen wollte.</p>



<p>Und so hatte auch ich nichts mehr dazu beizutragen.</p>



<p>Nach einer Weile, in der wir schweigend im Wald standen, räusperte ich mich schließlich. „Wir sollten langsam weiter. Wenn wir heute Abend nicht hungrig ins Bett wollen, müssen wir dringend noch einige Pilze finden.“</p>



<p>Dennis nickte. „Ja. Ist gut“, sagte er knapp. Er klang beleidigt.</p>



<p>Aber so schnell, wie die Stimmung zwischen uns beiden eiskalt geworden war, so schnell taute sie auch wieder auf, als wir uns auf die Suche nach unserem Abendessen machten. Denn Pilze Sammeln war unsere gemeinsame Leidenschaft. Wir hatten uns vor fast zehn Jahren auf einer Fremdsprachen-Website kennengelernt, weil wir an der jeweiligen Sprache des anderen interessiert waren. Eine richtige Freundschaft ist daraus jedoch erst erblüht, als wir auf das Pilzesammeln zu sprechen gekommen waren.</p>



<p>Und so konnten wir einander – oder eher Dennis mir – nicht lange böse sein. Spätestens, als wir eine Gruppe prächtige Flockenstielege Hexenröhrlinge gefunden hatten, war der Ärger wie weggeblasen. Begeistert machte Dennis mich auf den Fund aufmerksam. Die Speisepilze umringten einen riesigen Fliegenpilz, der an einer Seite angeknabbert war. Die Hexenröhrlinge hingegen waren fast völlig intakt.</p>



<p>Und es blieb nicht bei dem einen Fund. Wir fanden außerdem jede Menge Kiefernsteinpilze, Maronenröhrlinge und einige Pfifferlinge. Während der letzten Sonnenstrahlen, kurz bevor wir uns auf den Rückweg machten, sammelten wir nicht einmal mehr alles ein, so voll waren unsere Körbe bereits.</p>



<p>Dafür, dass wir erst so spät im Jahr sammelten, hatten wir eine regelrechte Glückssträhne. Und das war ein gutes Zeichen. Hätte die Skogsrå irgendeine Macht über uns gehabt, hätte sie uns beim Sammeln Pech beschert. Und wer weiß, welche fiesen Tricks der Waldgeist noch alles im Ärmel ihres hübschen weißen Kleides gehabt hätte.</p>



<p>&#8212;</p>



<p>Als wir wieder bei unserem Zelt waren, beeilten wir uns, ein Lagerfeuer zu machen, ehe es völlig dunkel wurde. Dennis putzte die Pilze, während ich die Pfannen und das Besteck vorbereitete.</p>



<p>Kurz darauf erfüllte der wundervolle Duft von gebratenen Pilzen die Luft. Wir bereiteten zwei Pfannen vor: Die Pfifferlinge als Vorspeise und die Röhrlinge und Steinpilze als Hauptgericht. Vervollständigt wurde das Rezept mit einigen Kräutern und frischer Soße, die wir gestern vor der Abreise vorbereitet hatten.</p>



<p>Spätestens bei der Hauptspeise fühlte ich mich wie im siebten Himmel. Es ging nichts über frisch gesammelte Pilze. Und diese hier – so kam es mir zumindest vor – hatten einen besonders intensiven Geschmack.</p>



<p>Nach dem Essen kümmerten wir uns gemeinsam um den Abwasch. Wir unterhielten uns über alles Mögliche. Auf die Skogsrå kamen wir jedoch nicht mehr zu sprechen. Um ehrlich zu sein, dachte ich nicht einmal mehr an sie, bis ich das Abwaschwasser wegbrachte und Dennis sich um das Feuer kümmerte.</p>



<p>Wie beim Wildcampen üblich, ging ich ein Stück weiter vom Zelt weg, um das Wasser zu entsorgen. Immerhin wollten wir mit den Essensresten keine wilden Tiere anlocken. Als ich mich auf dem Rückweg jedoch wieder dem Zelt näherte, hörte ich ein klares, völlig unschuldig klingendes Lachen. <em>Ihr</em> Lachen.</p>



<p>„Genau“, sagte Dennis. „In Deutschland hab ich jedenfalls noch nie so einen herrlichen Sternenhimmel gesehen.“</p>



<p>Ich sah, wie die beiden beim Feuer standen und sich unterhielten.</p>



<p>Am liebsten hätte ich Dennis den Kopf gewaschen. Ihn gefragt, ob er sich gar nicht wunderte, dass die Frau, die laut ihm vorhin noch solche Angst vor zwei Fremden hatte, jetzt ohne Taschenlampe ganz allein durch den dunklen Wald irrte. Aber ich tat es nicht. Ich wusste genau, dass ich meine nächsten Worte mit Bedacht wählen musste, um die Skogsrå nicht zu verärgern.</p>



<p>Dann bemerkte mich jedoch Dennis und die Situation eskalierte: „Ah. Da ist er ja“, sagte er überlegen. „Du wirst nicht glauben, was mein Freund Erik hier vorhin für einen Schwachsinn gelabert hat. Er meinte doch tatsächlich, dass du ein Waldgeist seist und ein riesiges Loch in deinem Rücken klafft. Magst du dich vielleicht kurz umdrehen, damit er beruhigt ins Zelt gehen kann?“ Er lächelte mich überheblich an.</p>



<p>Noch ahnte er ja nicht, welch riesen Fehler er gerade begangen hatte. Nicht nur, dass er sie auf ihren Rücken angesprochen hatte – eine Sache, die man bei einer Skogsrå auf keinen Fall tun durfte –, er hatte ihr auch noch meinen Namen genannt.</p>



<p>In der Zwischenzeit war das Lächeln der Skogsrå gefroren. Als mein Freund wieder zu ihr sah, lag in ihrem Blick eine tiefe Enttäuschung, die schnell in Zorn umschlug.</p>



<p>„Ihr Menschen seid doch alle gleich“, zischte sie ihm zu.</p>



<p>Sie tat einen Schritt zurück, ehe sie sich umdrehte und ihm einen giftigen Blick über die Schulter zuwarf. Aber ich war mir nicht einmal sicher, ob er ihren Blick bemerkte. Seine Augen waren entsetzt auf ihren Rücken gerichtet. Im tanzenden Licht des Feuers konnte man darin deutlich das große, klaffende Loch sehen. Der Rest ihres Rückens hingegen erinnerte an einen morschen Baum.</p>



<p>Dann wandte sie ihren vor Wut funkelnden Blick mir zu. „Ich hoffe, ihr seid jetzt glücklich!“, sagte sie mit bebender Stimme. Eine gefährliche Mischung aus Enttäuschung und Wut schwang in ihrer Stimme mit. Es klang, als sei sie den Tränen nahe.</p>



<p>„Bitte!“, sagte ich schnell. „Wir wollten dich nicht verletzen! Es stört uns nicht, dass du kein Mensch bist!“</p>



<p>Aber es war zu spät. Wir hatten die Skogsrå verärgert. Sie stieß einen hasserfüllten Schrei aus. Gleichzeitig kam solch ein starker und beißender Wind auf, dass ich meine Augen abschirmen musste. Aus dem Augenwinkel sah ich noch, wie unser Lagerfeuer erlosch. Dann waren wir in Dunkelheit gehüllt.</p>



<p>„Dennis!“, rief ich sofort, während der Wind sich rasch legte. „Dennis!“</p>



<p>„Ich bin hier. Ich bin hier!“, hörte ich seine Stimme ganz in der Nähe.</p>



<p>Dann raschelte unser Zelt. Keine zehn Sekunden später leuchtete unsere Campinglaterne, die wir nachts als Lampe nahmen, in Dennis&#8216; Händen.</p>



<p>Jetzt, da es wieder hell genug war, sahen wir uns nach der Skogsrå um. Aber um uns herum waren nur Bäume, unser Zelt, das erloschene Lagerfeuer und wirres Gestrüpp. Von dem Waldgeist fehlte jede Spur.</p>



<p>„Wo ist sie?“, fragte Dennis panisch, während er den Kopf hektisch in verschiedene Richtungen wendete.</p>



<p>„Keine Ahnung, aber wir müssen hier weg. Der Wald ist ihr Gebiet. Nimm, was du tragen kannst. Den Rest lassen wir hier!“</p>



<p>Dennis folgte meinen Anweisungen, ohne zu murren. Inzwischen bereute er, dass er mir nicht geglaubt hatte. Aber dafür war es jetzt zu spät.</p>



<p>„Schnell, wir müssen weiter“, sagte ich mit einem Blick auf meinen Kompass.</p>



<p>Wir hatten uns kaum mehr als die Handys, meine Autoschlüssel und die Campinglaterne geschnappt.</p>



<p>Mit raschelnden Schritten rannten wir durch den Wald Richtung Süden. Dennis‘ Schritte ertönten dicht hinter mir. In der einen Hand hielt ich die Campinglaterne, um den Weg zu erleuchten, in der anderen meinen treuen Kompass.</p>



<p>„Also? Was ist das für ein Ding?“, fragte Dennis, jetzt, wo er mir endlich zuhörte.</p>



<p>„Sie ist eine Art Hüterin des Waldes“, erklärte ich beim Rennen. „Skogsrå passen auf den Wald auf. Gleichzeitig suchen sie aber auch nach einsamen Männern.“</p>



<p>„Und dann? Was machen sie mit ihnen? Was hätte sie mit mir gemacht?“</p>



<p>„Ich weiß es nicht“, gestand ich. „Über Skogsrå gibt es viele Legenden. Sie hätte mit dir geschlafen, aber was das für Auswirkungen hat …?“ Ich unterbrach, um nach Luft zu schnappen. „Manchmal wachst du allein mitten im Wald auf, ohne Möglichkeit, den Weg zurückzufinden. Oder aber, du wärst völlig introvertiert geworden, hättest kaum noch gesprochen. In dem Fall spricht man davon, dass deine Seele bei der Skogsrå zurückgeblieben sei.“</p>



<p>Dass es nicht in jeder Legende für den Mann schlecht ausging, verschwieg ich ihm. Manchmal belohnte sie Jäger nach einer gemeinsamen Nacht mit einer guten Jagd. Aber das Risiko, dass Dennis etwas zugestoßen wäre, war mir zu groß gewesen. Dafür war das Übernatürliche zu unberechenbar.</p>



<p>&#8212;</p>



<p>Obwohl wir stur dem Kompass folgten, hatte ich das Gefühl, dass wir zu weit rannten. Aber das konnte gar nicht sein. Selbst, wenn wir den Parkplatz verfehlen würden, stießen wir im Süden unweigerlich auf die Straße.</p>



<p>Dann blieb Dennis abrupt stehen. „Erik, warte mal!“</p>



<p>Verwirrt drehte ich mich zu ihm um. „Was ist? Wir müssen weiter!“</p>



<p>Er sagte nichts, sondern zeigte bloß auf den Boden vor sich, den er mit seiner Handytaschenlampe anleuchtete. Jetzt sah ich es auch: Direkt vor ihm stand ein prächtiger Fliegenpilz, der an einer Seite angeknabbert war. Um ihn herum waren mehrere kleine Löcher im Boden. Es war derselbe Fliegenpilz, den Dennis mir vorhin gezeigt hatte. Der, der von den leckeren Hexenröhrlingen umringt gewesen war.</p>



<p>„Das … Das ist nicht möglich“, stammelte ich. Wir waren zum Pilzesammeln nach Norden gegangen. Weg von der Straße. Egal, wie ungenau wir dem Kompass gefolgt wären, wir hätten niemals hier landen können.</p>



<p>Irritiert sah ich auf meinen Kompass. Die Nadel zeigte weiter stur in die Richtung, aus der wir gekommen waren.</p>



<p>„Vielleicht ist er kaputt. Hat sich die Nadel verhakt?“, fragte Dennis.</p>



<p>Ich schüttelte erst den Kompass, dann meinen Kopf. „Nein. Er müsste eigentlich nach Norden zeigen!“</p>



<p>„Vielleicht liest du ihn falsch?“ Dennis trat einen Schritt auf mich zu, um ihn sich selbst anzusehen.</p>



<p>Plötzlich erklang ein helles Lachen. „Was ist? Funktioniert euer kleines Spielzeug nicht mehr?“, hallte die Frauenstimme aus dem Wald.</p>



<p>Ich konnte nicht ausmachen, aus welcher Richtung ihre Stimme kam – es klang, als käme sie aus allen Richtungen gleichzeitig –, aber ihre Tonlage wirkte gehässig und sogar ein wenig amüsiert.</p>



<p>„Was willst du von uns?“, brüllte Dennis in den Wald. „Wir haben dir nichts getan. Bitte! Lass uns einfach in Ruhe!“</p>



<p>Angespannt wartete ich, während seine Stimme zwischen den Bäumen verhallte. Von der Skogsrå kam keine Antwort. Ganz im Gegenteil: Der gesamte Wald schien den Atem anzuhalten. Für einen kurzen Moment herrschte Totenstille um uns herum. Es raschelte kein einziger Ast. Kein Windstoß war zu hören, der durch die Bäume pfiff. Nicht ein einziges Tier gab einen Laut von sich.</p>



<p>Dann zerschnitt ein Geheul die Stille. Ich wusste nicht, ob es Zufall war, dass die Wölfe gerade jetzt anfingen zu heulen, oder ob die Skogsrå etwas damit zu tun hatte, aber sie klangen noch weit entfernt. Sie würden wahrscheinlich keine Gefahr für uns darstellen.</p>



<p>Trotzdem war das der Tropfen, der Dennis‘ Fass zum Überlaufen brachte. Ehe ich ihn daran hindern konnte, sprintete er los.</p>



<p>„Dennis! Warte!“, brüllte ich, während ich ihm nachrannte. „Sie lockt uns nur noch tiefer in den Wald!“ Dann bemerkte ich meinen Fehler und biss mir auf die Zunge. Fuck! Ich hatte der Skogsrå gerade seinen Namen verraten!</p>



<p>Und das war noch nicht alles: Während ich rannte, wurde der Abstand zwischen Dennis und mir immer größer. Er war sportlich, fuhr mit dem Fahrrad zur Arbeit, joggte mehrmals die Woche. Ich hingegen verließ das Haus fast nur zum Einkaufen.</p>



<p>Es dauerte nicht lange, ehe ich ihn nur noch das Licht seines Handys zwischen den Bäumen sah.</p>



<p>„Dennis!“, brüllte ich. „Dennis! Warte auf mich!“</p>



<p>Doch mein Freund blieb nicht stehen. Ich rannte ihm noch eine Weile nach, bis ich auch das Licht aus den Augen verloren hatte. Dann wurde ich langsamer. Mein Körper machte den Sprint nicht länger mit. Keuchend schnappte ich nach Luft, presste die Hand in meine schmerzende Seite und taumelte ihm weiter nach, ehe ich mich auf die Knie fallenließ. Ich hatte Dennis im Wald verloren.</p>



<p>„Bitte!“, rief ich laut in den Wald. „Er meinte es nicht böse. Er wusste nicht, wer du bist. Tu ihm nichts. Nimm mich an seiner Stelle!“</p>



<p>Aber es kam keine Antwort. Während ich weiter auf dem feuchten Waldboden kniete und mein wild schlagendes Herz sich allmählich beruhigte, geschah nichts. Keine Frau, die aus dem Wald auf mich zutrat. Kein Dennis, der nach mir rief oder zu mir zurückrannte.</p>



<p>&#8212;</p>



<p>Mein Schädel pochte, während ich aufstand. Ich machte mir Vorwürfe. Es gab viele Gerüchte darüber, wie man einer Skogsrå entkommen konnte. Ich wusste das. Dennis hingegen war da draußen ganz auf sich allein gestellt. Warum hatte ich ihm nicht vorhin schon gesagt, dass man sich ihrem Zauber entziehen kann, indem man sein Oberteil auf links drehte? Oder wenn man laut betete? Sogar lautes Fluchen konnte helfen.</p>



<p>Ich starrte leer in die Gegend, während ich meine Jacke auszog, die Ärmel nach innen stülpte und sie mit der Innenseite nach außen wieder anzog. Dann blickte ich auf den Kompass. Ich stockte. Die Nadel hatte tatsächlich die Richtung geändert.</p>



<p>Ein Funken Hoffnung machte sich in mir breit, während ich wieder in den Wald sah. „Dennis? Dennis? Ich hab den Rückweg gefunden!“, brüllte ich aus voller Lunge.</p>



<p>Aber auch, wenn ich es so sehr gehofft hatte, bekam ich keine Antwort. Dennis blieb verschwunden. Ich suchte noch eine Weile nach ihm, aber als ich schließlich sehen konnte, wie Nebel zwischen den Bäumen aufkam, brach ich ab. Ich war mir sicher, dass der Nebel keinen natürlichen Ursprung hatte. Also machte ich mich schweren Herzens auf den Weg nach Süden. Diesmal lief ich in die richtige Richtung. Keine fünf Minuten später – der Nebel wurde immer dichter –, stand ich an der Straße.</p>



<p>Inzwischen rannte ich wieder. Immer wieder hatte ich das Gefühl, im Augenwinkel eine Gestalt im Nebel zu erkennen, aber immer, wenn ich sie direkt ansah, war sie verschwunden. Sobald ich mein Auto erreichte, stieg ich hektisch ein.</p>



<p>Trotzdem fuhr ich nicht sofort los. Stattdessen verriegelte ich das Auto und betätigte die Hupe. Wieder und wieder hupte ich. Ich kam mir vor wie in Trance. Doch im Wald um mich herum blieb es still.</p>



<p>Ich kann nicht sagen, wie lange ich noch dagesessen und wie ein Wahnsinniger gehupt hatte, ehe ich aufgab. Von Dennis oder der Skogsrå habe ich jedenfalls nie wieder etwas gehört. Ich habe keine Ahnung, was aus ihm geworden ist.</p>



<p>Allerdings war auch nie jemand bei mir gewesen, der nach ihm gesucht hatte. Keine Polizei, die wissen wollte, ob ich etwas über sein Verschwinden weiß, keine Familienmitglieder, die wissen wollten, was passiert war, niemand.</p>



<p>Manchmal, um mein Gewissen zu beruhigen, stelle ich mir also vor, dass er es irgendwie aus dem Wald geschafft hatte. Vielleicht konnte er mit der Skogsrå reden, nachdem ich weg war, oder aber, er hatte ein Gebet gesprochen und sich so von ihrem Zauber befreit. Falls er es bis zu einer Straße geschafft hatte, hätte ein vorbeifahrendes Auto ihn mitnehmen können. Oder aber er war in jener Nacht im Wald gestorben.</p>



<p>Was auch immer mit ihm passiert war, ich sollte es nie erfahren. Für mich blieb Dennis nur eine schmerzliche Erinnerung und eine verlorene Freundschaft.</p>



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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p>Die Skogsrå (Schwedisch für „Wald-Rå“), unter anderem auch Skogsråa, Skogsfru (Waldfrau) oder Skogsjungfru (Waldjungfrau) genannt, ist ein weiblicher Naturgeist des schwedischen Volksglaubens.</p>



<p><em>Anmerkung: Ein Rå ist ein <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Geist</a> der skandinavischen Folklore. Oft sind sie Hüter oder Wächter bestimmter Gebiete und besitzen übernatürliche Fähigkeiten. Die Skogsrå sind also die Hüter des Waldes.</em></p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p>Skogsrå sind hübsche Frauen, die entweder einen Tierschwanz haben – oft den einer Kuh, eines Pferdes oder eines Fuchses – oder deren Rücken hohl ist und aus (morscher) Rinde besteht. Welches Merkmal sie auszeichnet, hängt stark von der Region ab.</p>



<p>Daher sind sie bemüht, niemals ihren Rücken zu zeigen. Außerdem nutzen sie ihr langes, oft goldenes Haar und ihre Kleidung, um ihren unnatürlichen Rücken oder den Tierschwanz zu verbergen.</p>



<p>Ihre Kleidung wird meist als sehr fein oder edel beschreiben und besteht entweder aus einem Kleid oder einem Oberteil und einem Rock. In seltenen Fällen sind sie nackt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p>Die Skogsrå sind die Hüterinnen des Waldes. Sie schützen die Tiere und Pflanzen. Daher sollte man immer respektvoll mit der Natur umgehen, um sie nicht zu verärgern.</p>



<p>Außerdem sind Skogsrå dafür bekannt, einsame Männer zu verführen und zu Geschlechtsverkehr zu überreden. Sie flirten mit ihnen, machen ihnen Komplimente und berühren sie zärtlich. Ihre Versuche werden dabei immer aufdringlicher, bis sie schließlich, sollte nichts anderes funktioniert haben, ihr Kleid oder ihren Rock anheben, um ihre Genitalien zu entblößen.</p>



<p>Lässt sich ein Mann auf eine Skogsrå ein, kann es passieren, dass er daraufhin sehr introvertiert wird, sich zurückzieht und kaum noch spricht. In dem Fall redet man davon, dass seine Seele bei der Skogsrå zurückgeblieben sei.</p>



<p>In anderen Fällen sorgt der Waldgeist dafür, dass der Mann nach der gemeinsamen Nacht tief im Wald aufwacht und den Rückweg nicht finden kann.</p>



<p>Sich auf eine Skogsrå einzulassen, muss allerdings nicht immer schlecht sein. Jäger wurden für die gemeinsame Nacht oft belohnt, indem die Skogsrå ihnen z. B. einen besonders prächtigen Hirsch oder Elch gezeigt hat, oder indem sie in den Lauf ihres Jagdgewehrs gepustet hat, woraufhin die Waffe ihr Ziel nie wieder verfehlt haben soll.</p>



<p>Es kann sogar passieren, dass sich eine Skogsrå in einen Menschen verliebt. Dann steht ihm ggf. großes Jagdglück bevor und sie schützt ihn, wenn er im Wald ist. So gibt es Geschichten über Liebesbeziehungen zwischen Mensch und Skogsrå, aus denen sogar Kinder hervorgegangen sind.</p>



<p>Trotzdem sollte man, auch wenn die Skogsrå freundlich ist, vorsichtig sein, dass man sie nicht verärgert. Bricht man ihr Herz, geht unachtsam mit der Natur um oder kränkt sie, indem man sie auf ihren Tierschwanz oder ihren Rücken anspricht, kann man sie leicht erzürnen.</p>



<p>Dann sorgt sie dafür, dass einem in der Natur Unglück widerfährt: Sie löscht das Lagerfeuer oder sorgt dafür, dass man es gar nicht entzünden kann, verscheucht die Beute von Jägern, sorgt dafür, dass man sich im Wald verirrt und greift in seltenen Fällen sogar persönlich an.</p>



<p>Aber auch hier gibt es Methoden, um sich vor ihr zu schützen. So kann man z. B. sein Oberteil auf links gedreht anziehen, laut fluchen, beten oder das Vater Unser sprechen. Das alles soll ihre Magie zerstören. Alternativ kann man vermeiden, ihr den eigenen Namen mitzuteilen, da sie ohne ihn keine Macht über den Menschen haben soll.</p>



<p>Wie ihr seht, können Skogsrå und die Legenden über sie sehr vielseitig sein. Während einige Skogsrå den Menschen schaden wollen, helfen andere ihnen und zeigen verirrten Kindern den Weg nach Hause und wieder andere sind mal gut, mal böse.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p>Wie der Name bereits sagt, leben Skogsrå in den Wäldern Skandinaviens. Gerade in Schweden und Finnland ist das ein sehr großes Gebiet, weil die beiden Länder aus etwa 70% Waldanteil bestehen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p>Die Legenden der Skogsrå stammen wahrscheinlich aus der Zeit, als noch Wikinger in Skandinavien lebten und das Christentum noch keine oder nur wenig Einflüsse in der Region hatte.</p>



<p>Es gibt die Theorie, dass die koketten Waldgeister den erotischen Fantasien einsamer Männer entsprungen sind, die in den Wäldern gejagt und gearbeitet haben.</p>



<p>Als das Christentum schließlich mehr Einflüsse gewann, hat die Kirche angefangen, die Skogsrå – wie so ziemlich alle <a href="http://geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wesen</a>, die nicht ihrem Glauben entsprachen – zu dämonisieren. Es ist möglich, dass sie erst hierdurch ihre gefährlichen, menschenfeindlichen Eigenschaften bekommen haben.</p>



<p>Doch obwohl die Legende schon so alt ist, hat sich der Glaube an die Skogsrå hartnäckig gehalten.</p>



<p>Im 17. und 18. Jahrhundert gab es sogar mehrere Gerichtsverfahren, bei denen Leuten eine Beziehung zu einer Skogsrå vorgeworfen wurde. Viele dieser Leute wurden von der Kirche zum Tode verurteilt.</p>



<p>Und selbst im 20. Jahrhundert gab es noch viele Menschen, die an die Skogsrå geglaubt haben.</p>



<p>Also wer weiß? Vielleicht sind sie ja tatsächlich irgendwo da draußen.</p>



<p><em>Wie fandet ihr meine Geschichte und die Legende über die Skogsrå? Was denkt ihr, ist mit Dennis geschehen? Hat er es geschafft oder ist er dem Wald zum Opfer gefallen? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>



<p><em>Wenn ihr mehr solcher Geschichten oder Legenden lesen wollt, abonniert auch gerne meinen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/newsletter" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Newsletter</a>, oder folgt mir auf <a href="https://twitter.com/geisterlegenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/geisterlegenden/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Facebook</a> oder <a href="https://www.instagram.com/geisterlegenden/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Instagram</a>!</em></p>
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		<title>Draugr – Öffne nicht sein Grab!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 14 Feb 2022 14:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Geschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Monster und Ungeheuer]]></category>
		<category><![CDATA[Dänemark]]></category>
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		<category><![CDATA[Wiedergänger]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>„Ich bitte Sie“, erwiderte die Fremde in gefasstem Tonfall. „Ich habe schon Dutzende Ausgrabungen geleitet. Bisher hat sich noch kein Toter beschwert.“ Sie lachte leise über ihrem Witz, doch Oddvar schien das gar nicht zu gefallen.<br />
„Du bringst Unheil über das ganze Dorf!“, schrie er sie an. „Du bringst uns alle in Gefahr!"</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg08.met.vgwort.de/na/d96d6961050f44948ef2ca9237ef5823" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p>Ein Draugr ist ein Untoter der nordischen Mythologie. Vielleicht kennt ihn bereits aus Videospielen, Büchern oder Fernsehserien.</p>



<p>Wie versprochen hat die Geschichte dieses Mal übrigens Überlänge.<br>Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen (Achtung Spoiler!) </strong></summary>
<p>&#8211; Blut<br>
&#8211; explizite Darstellung körperlicher Gewalt<br>
&#8211; Tod</p></details>



<h2 class="wp-block-heading" id="die-geschichte">Die Geschichte:</h2>



<p>„Bitte sehr“, sagte ich freundlich, während ich der Fremden an meinem Tresen ein Bier hinstellte.</p>



<p>„Danke“, erwiderte sie, gefolgt von einem breiten Lächeln. Sie nahm einen großen Schluck.</p>



<p>Es kam nicht häufig vor, dass sich Fremde in unseren kleinen Ort verirrten. Noch seltener aber war es, dass jemand meinen Gasthof nicht nur als Kneipe nutzte, sondern tatsächlich hier übernachtete. Meinen Lebensunterhalt verdiente ich jedenfalls an meinen Stammkunden, die allesamt im Ort wohnten.</p>



<p>„Also“, sagte ich freundlich, „was treibt eine bezaubernde junge Dame wie Sie in unser bescheidenes Örtchen? Besuchen Sie jemanden?“</p>



<p>Die Frau lachte über das Kompliment – die Fältchen in ihrem Gesicht und die vereinzelten grauen Haare verrieten mir, dass sie nicht mehr oft ‚junge Dame‘ genannt wurde. „Sie schmeicheln mir“, sagte sie. Ich hörte einen deutschen Akzent heraus, ansonsten war ihr Norwegisch fließend. Sie musterte mich einen Moment abschätzend, bevor sie auf meine Frage antwortete. „Ich bin beruflich hier. Kennen Sie das alte Hügelgrab, das hier kürzlich entdeckt wurde?“</p>



<p>„Pah! Entdeckt“, meldete sich ein Mann am äußeren Ende des Tresens zu Wort. Das war Oddvar, einer der Stammalkis. Er lallte ein wenig. „Selbst mein Großvater wusste schon, dass das kein einfacher Hügel war!“</p>



<p>Die Fremde sah ihn irritiert an, dann sah sie hilfesuchend zu mir. Scheinbar wusste sie nicht, was sie darauf antworten sollte.</p>



<p>Ich lachte freundlich. „Beachten Sie ihn gar nicht. Oddvar ist einer meiner besten Kunden“, erklärte ich mit vielsagendem Blick.</p>



<p>Allerdings wusste auch ich schon seit meiner Kindheit, dass der Hügel in Wirklichkeit eine Grabstätte war. Das war im Ort kein Geheimnis, trotzdem schien es erst kürzlich zur Außenwelt durchgedrungen zu sein.</p>



<p>„Sie sind also Archäologin? Ich habe gehört, dass man eine Gruppe herschicken wollte, um das Grab untersuchen zu lassen.“</p>



<p>Die Frau setzte sich gerade hin und warf sich stolz in die Brust. „Ich bin nicht nur eine Archäologin, ich leite die Ausgrabungen. Wir wollen &#8230;“</p>



<p>Weiter kam sie nicht, da Oddvar sich wieder zu Wort meldete. „Ausgrabungen? Du willst das Grab doch wohl nicht ausgraben!?“ Inzwischen war er aufgestanden und torkelte auf sie zu.</p>



<p>Ihr bisher so freundliches Lächeln wurde nervös, während sie mir wieder einen hilfesuchenden Blick zuwarf. Ich eilte unterdessen um den Tresen, um Oddvar zu stützen, bevor er hinfallen oder einen Streit anfangen konnte.</p>



<p>„Doch“, sagte die Fremde zögerlich. „Deswegen sind wir hier. Gibt es ein Problem?“</p>



<p>„Ein Problem?“, lallte Oddvar laut. „Natürlich habe ich damit ein Problem. Weißt du nicht, was da schlummert? Die Toten sollten in Ruhe gelassen werden!“</p>



<p>„Ich bitte Sie“, erwiderte die Fremde in gefasstem Tonfall. „Ich habe schon Dutzende Ausgrabungen geleitet. Bisher hat sich noch kein Toter beschwert.“ Sie lachte leise über ihrem Witz, aber Oddvar fand das gar nicht komisch.</p>



<p>„Du bringst Unheil über das ganze Dorf!“, schrie er sie an. „Du bringst uns alle in Gefahr! Der Draugr, er &#8230;“</p>



<p>„Das reicht jetzt! Du hast genug getrunken“, unterbrach ich ihn mit fester Stimme. „Du weißt, ich hab dich immer gerne hier, aber wenn du meine Gäste anbrüllst, musst du gehen!“</p>



<p>Oddvar wollte etwas erwidern, aber als er meinen warnenden Blick sah, gab er kleinlaut bei. „Ist ja gut, ist ja gut. Ich geh ja schon.“</p>



<p>Ich wollte ihn stützen, während ich ihn nach draußen begleitete, doch er schlug meine Hände weg. Also folgte ich ihm in den Schnee.</p>



<p>„Wenn du nicht allein nach Hause gehen willst, fahr ich dich schnell“, schlug ich vor. Zwar war seine Hütte, obwohl sie außerhalb des Dorfs lag, nicht zu weit entfernt, aber bei seinem Zustand wollte ich es wenigstens anbieten.</p>



<p>„Der Tag, an dem ich nicht mehr allein nach Hause komme, ist der Tag, an dem du mich begraben kannst“, lehnte er auf seine schroffe Art ab. „Aber &#8230;“, sagte er etwas ruhiger, während er mich am Hemd packte und grob zu sich zog. „Versprich mir bitte, dass du sie damit nicht durchkommen lässt. Sie darf das Grab nicht öffnen!“ Sein Atem stank nach Alkohol.</p>



<p>Ich seufzte. „Ich werd’s versuchen“, log ich.</p>



<p>Einen Moment hielt er mich noch fest und atmete mir dabei ins Gesicht. Dann nickte er, ließ mich los und torkelte langsam davon.</p>



<p>Während ich mein Hemd glattstrich, sah ich ihm nachdenklich nach. Ich hasste es, Leute anzulügen, aber anders wäre ich ihn wohl nicht losgeworden. Außerdem hatte er das Gespräch morgen eh wieder vergessen.</p>



<p>Mit einem Seufzen drehte ich mich um und ging zurück nach drinnen.</p>



<p>„Verzeihen Sie bitte sein Benehmen“, entschuldigte ich mich bei der Archäologin. „Er weiß manchmal nicht, wann Schluss ist.“</p>



<p>Sie lächelte wieder ihr freundliches Lächeln. „Ach, machen Sie sich keine Sorgen. Sie können ja nichts dafür.“ Dann zögerte sie. „Aber eine Frage hätte ich da. Wissen Sie, was dieser Drauger ist, von dem der Mann gesprochen hat?“</p>



<p>„Draugr ohne e“, korrigierte ich sie. „Aber machen Sie sich darum keine Sorgen: Die Draugar gibt es nur in alten Märchen, die man sich hier in der Gegend erzählt. Ich weiß nur, dass sie &#8230;“</p>



<p>Das Klingeln eines Telefons schnitt mir das Wort ab.</p>



<p>Die Archäologin guckte entschuldigend, während sie in ihrer Handtasche kramte. Sie holte ein altes Klapphandy hervor. „Ja bitte? Hmm? Wie bitte?“ Sie hielt sich das andere Ohr zu. „Ich versteh dich ganz schlecht. Hallo? Hallo?“ Mit gerunzelter Stirn klappte sie ihr Handy zu und steckte es zurück in die Handtasche. „Das war unser Techniker“, erklärte sie. „Mein Team übernachtet in Wohnwagen beim Hügelgrab. Irgendetwas ist passiert, aber die Verbindung war zu schlecht. Ich gehe wohl besser nachsehen.“</p>



<p>Ich nickte ihr kurz zu. „Alles klar. Lassen Sie ihr Bier ruhig stehen, ich hab ein Auge darauf, bis Sie zurück sind“, bot ich an.</p>



<p>Sie lächelte dankbar. Dann machte sie sich mit einem flüchtigen „hoffentlich bis gleich“ auf den Weg.</p>



<p>Als sie weg war, wurde es still in der Bar. Normalerweise unterhielt ich mich um die Uhrzeit mit Oddvar, aber den hatte ich heute ja rausgeschmissen.</p>



<p>Stattdessen saßen in meinem Gasthof nur noch zwei Leute: Agnes, die müde in ihr Getränk starrte, und ihr Mann Sven, der mit dem Kopf auf der Tischplatte eingeschlafen war. Er schnarchte leise.</p>



<p>Bald hatte Agnes ihr Glas geleert. Sie kam an die Bar, um zu zahlen, und gab mir ein etwas mageres Trinkgeld. Anschließend weckte sie ihren Mann, um mit ihm nach Hause zu gehen.</p>



<p>Jetzt war ich ganz allein. Ich räumte die leeren Gläser weg, während ich wartete. Als ich fertig war, war die Archäologin immer noch nicht zurück. Gelangweilt lehnte ich mich an die Theke und starrte ihr gerade einmal angefangenes Bier an. Ich überlegte bereits, ob ich es wegkippen und ihr dafür morgen ein neues anbieten solle, damit ich endlich ins Bett konnte, als draußen ein Wagen vorfuhr. Es klang so, als hätte er eine Vollbremsung gemacht.</p>



<p>Dann ertönte das Knallen einer Autotür dicht gefolgt von dem hastigen Aufreißen und Schließen meiner Eingangstür. Es war die Archäologin. Ihr schneller Atem und die weit aufgerissenen Augen versetzten mich sofort in Alarmbereitschaft.</p>



<p>„Ist etwas passiert?“, fragte ich, während ich zu ihr rannte.</p>



<p>„Mein Team &#8230; Die Wohnwagen. Es war völliges Chaos! Da war &#8230; Da war &#8230;“, ihre Worte überschlugen sich. Bei ihrem Akzent konnte ich kaum etwas verstehen.</p>



<p>„Immer mit der Ruhe“, sagte ich. „Was ist passiert? Soll ich die Polizei oder einen Arzt rufen?“</p>



<p>Die Frau schüttelte heftig den Kopf. „Nein &#8230; Nein! Da war &#8230; Ich glaube, da war ein Draugr!“</p>



<p>Ungläubig starrte ich sie an, während mein Kopf versuchte, das Gesagte zu verarbeiten. Sie war eine Frau der Wissenschaft. Und wie ein Spaßvogel wirkte sie nicht gerade. Hatte ich sie falsch verstanden?</p>



<p>„Was genau haben Sie gesehen?“, fragte ich möglichst ruhig.</p>



<p>Ehe die Frau jedoch antworten konnte, hörte ich draußen eine Scheibe zerbersten. Im selben Moment ging ein Autoalarm los.</p>



<p>Ohne große Umschweife riss ich die Tür auf. Was ich dort sah, konnte ich nur als furchteinflößend beschreiben: Ein Wesen, das wie ein bleicher, völlig abgemagerter Mann in mittelalterlicher Kleidung aussah, zog gerade ein rostiges Schwert aus der zersplitterten Heckscheibe eines roten PKWs. Im nächsten Moment schlug es mit seiner Faust auf das Dach. Es verbog sich mit einem hässlichen Knirschen und weiterem zerberstendem Glas, als wäre ein ganzer Baum auf das Auto gestürzt.</p>



<p>Dann hob das Wesen seinen Kopf und sah uns mit toten Augen an. Ich starrte das abgemagerte Gesicht, die viel zu blasse, leicht bläuliche Haut, die völlig vertrocknet aussah, und die lumpige Kleidung an – ein Draugr. Aber das war nicht möglich!</p>



<p>Meine Augen waren anderer Meinung. Und auch mein restlicher Körper setzte sich sofort in Bewegung, als der Draugr einen Schritt auf uns zukam. Ehe ich wusste, was ich tat, hatte ich die Tür zugeschlagen. Ich packte die Archäologin beim Arm und sprintete mit ihr los. Sie leistete keinen Widerstand. Wir rannten hinter den Tresen, durch die Tür in die leere Küche und weiter zum Hinterausgang. Ein Rumpeln gefolgt von einem lauten Knall war zu hören. Ich konnte nur vermuten, dass das meine Eingangstür gewesen sein musste, die aus den Scharnieren gebrochen wurde.</p>



<p>Während wir nach draußen eilten, schlug mir wieder die Kälte entgegen. Der knöchelhohe Schnee knirschte unter unseren Füßen, während wir rannten. Ich hatte kein Ziel im Kopf. Meine Wohnung befand sich im Gasthof und wenn wir zu einem der Häuser rannten, würden wir andere Leute in Gefahr bringen. Zumindest so lange, bis wir den Draugr abhängen konnten.</p>



<p>Also rannten wir in den Wald, der das Dorf umgab. Zu weit durften wir uns nicht hinaustrauen – abgesehen von Wölfen wartete dort nur der sichere Kältetod – aber wenigstens konnten wir uns dort verstecken.</p>



<p>Nach einigen hundert Metern merkte ich, dass die Archäologin allmählich langsamer wurde. Mehr und mehr musste ich an ihrem Arm ziehen. Anscheinend war sie den tiefen Schnee nicht gewohnt.</p>



<p>„Hier“, zischte ich ihr zu, als wir an einer besonders dicken Tanne vorbeikamen.</p>



<p>Sanft aber bestimmt zog ich sie unter die tiefhängenden Äste. Schnee rieselte auf uns herab, während wir uns darunter dicht an den Stamm pressten.</p>



<p>Wir gaben keinen Mucks von uns, achteten auf jedes Geräusch. Doch abgesehen vom leisen Heulen des Windes und unseren schnellen, regelmäßigen Atemzügen hatte sich Stille über den Wald gelegt.</p>



<p>Es vergingen mehrere Minuten, bis sich die Archäologin wieder traute, etwas zu sagen. „Sie sind ja völlig am Zittern“, flüsterte sie mit besorgtem Blick.</p>



<p>Jetzt bemerkte ich es auch. Die Kälte hatte sich bis in meine Knochen geschlichen. Meine Hände fühlten sich fast völlig taub an und der dünne Stoff meines Hemdes brachte fast gar keinen Schutz.</p>



<p>Sofort zog die Archäologin einen Arm aus ihrer Jacke und legte sie halb um mich, um mich zu wärmen.</p>



<p>Ich zwang mich zu einem schüchternen Lächeln. „Danke“, hauchte ich.</p>



<p>Sie erwiderte das Lächeln, auch wenn es sehr gezwungen aussah. „Anne“, flüsterte sie knapp. „Mein Name ist Anne.“</p>



<p>„Henrik“, erwiderte ich genauso leise.</p>



<p>Ich weiß nicht, wieso wir uns unterhielten – es war ziemlich riskant – , aber ich schätze, wir wollten uns irgendwie ablenken.</p>



<p>„Weißt du, Henrik, ich arbeite jetzt fast 40 Jahre als Archäologin, aber noch nie zuvor habe ich einen Geist gesehen“, flüsterte Anne.</p>



<p>„Draugr sind Untote“, flüsterte ich zurück. „Keine Geister.“</p>



<p>„Du meinst ein Zombie hat mich gerade quer durch das Dorf verfolgt?!“</p>



<p>„Klingt ein Geist etwa besser?“ Trotz allem, der Kälte, der Angst, meiner völligen Überforderung, musste ich schmunzeln.</p>



<p>Doch der kurze Moment der Unbeschwertheit hielt nicht lange an. Er wich sofort wieder Panik, als Anne plötzlich aufhorchte und den Zeigefinger hob. Hatte sie etwas gehört?</p>



<p><em>Knirsch</em>, ertönte es leise. <em>Knirsch</em>. Langsame Schritte im Schnee. Schwer und schleppend. <em>Knirsch</em>.</p>



<p>Sämtliche Instinkte in mir schrien danach, wegzurennen. Trotzdem zwang ich mich, einen kühlen Kopf zu bewahren. Aus welcher Richtung kamen die Schritte? Wie nah waren sie? Und vor allem: Kamen sie auf uns zu?</p>



<p>Es dauerte noch einige Sekunden, bis ich sie zuordnen konnte. Sie kamen von rechts, etwa die Richtung, aus der auch wir gekommen waren. Und ja, sie kamen näher.</p>



<p><em>Knirsch</em>. Anne und ich hielten fast gleichzeitig den Atem an. <em>Knirsch</em>. Mein Magen krampfte sich zusammen. <em>Knirsch</em>. Die Schritte waren jetzt ganz nah. Ein leicht modriger Geruch, wie von einem verwesenden Tier drang an meine Nase. <em>Knirsch</em>. Anne entfuhr ein ängstliches Winseln, bevor sie aufsprang und losrannte.</p>



<p>„Anne!“, fluchte ich.</p>



<p>Was tat sie denn? Wir durften uns auf keinen Fall aufteilen!</p>



<p>Panisch sprang ich hinterher. Als auch ich den Schutz der Äste verlassen hatte, sah ich, wie Anne wie ein ängstliches Reh in Schockstarre verfallen war. Direkt vor ihr stand der Draugr. Er sah sie mit seinen kalten Augen an. Sein rostiges Schwert hob sich zum Schlag.</p>



<p>Mein Verstand setzte aus. Ich merkte nicht einmal, wie ich auf Anne zusprintete, um sie aus dem Weg zu stoßen. Erst, als nicht mehr sie dem Draugr gegenüberstand, sondern ich, realisierte ich, was geschehen war. Die rostige Klinge raste auf mich zu. Schützend riss ich die Arme vor mich.</p>



<p><em>Fump</em>. Ein dumpfes Geräusch ertönte hinter mir. Auch wenn der Draugr nicht eine Miene verzog, hätte ich schwören können, dass seine glanzlosen Augen genauso ungläubig auf den rostigen Schwertstummel in seiner Hand starrten, wie ich. Die Klinge war knapp über dem Griff abgebrochen. Der Großteil von ihr lag jetzt irgendwo hinter mir im Schnee.</p>



<p>„Renn los!“, kreischte Anne mich an. Jetzt war es an ihr, mich am Arm zu packen und mit sich zu ziehen.</p>



<p>Während wir rannten, sah ich, wie der Draugr mit einem Röcheln seinen Schwertgriff in den Schnee warf. Dann nahm er die Verfolgung auf.</p>



<p>„Warte! Wir müssen ins Dorf zurück. Wir überleben die Nacht hier draußen nicht“, rief ich keuchend.</p>



<p>„Das ist deine Heimat. Wohin sollen wir?“</p>



<p>Ich dachte fieberhaft nach, aber mir fiel nichts ein. Die Leute würden alle schon schlafen. Außerdem hatte niemand eine Waffe, außer &#8230;</p>



<p>„Der alte Oddvar!“, rief ich. „Er wohnt in einer Hütte im Wald!“</p>



<p>„Der Trunkenbold?“, erwiderte Anne. „Bist du sicher?“</p>



<p>„Er hat eine Waffe. Und wenn jemand weiß, wie man mit einem Draugr umzugehen hat, dann er.“</p>



<p>Das schien Anne zu genügen. Sie leistete keine Widerworte mehr, sondern hielt sich – ihre Hand inzwischen krampfhaft in meinen Arm gekrallt – dicht an meinen Fersen.</p>



<p>Ein flüchtiger Blick nach hinten verriet mir, dass der Draugr zwar noch immer hinter uns war, wir aber einen guten Vorsprung bekommen hatten. Wenn wir es bis zu Oddvar schafften, hatten wir eine Chance!</p>



<p>Noch während ich dabei war, meinen Blick wieder nach vorne zu wenden, bemerkte ich, dass der Draugr im Rennen nicht uns, sondern den Schnee vor sich anstarrte. Die Spuren! Aber natürlich: Der Draugr verfolgte unsere Spuren. Wir hätten uns hier draußen nirgends vor ihm verstecken können!</p>



<p>Ich geriet mehr und mehr außer Atem. An Annes immer unregelmäßiger werdenden Schritten merkte ich, dass es ihr nicht besser ging. Aber noch trieb uns das Adrenalin voran.</p>



<p>Hektisch starrte ich in der Dunkelheit hin und her. Schnee, Bäume, noch mehr Schnee. Irgendwo in dieser Richtung musste die Hütte doch sein. Hatten wir sie verfehlt? Aber nein: Es dauerte nicht lange, bis in der Ferne einige Lichter auftauchten. Es war Oddvars Hütte. Und wie es aussah, war er noch wach!</p>



<p>„Oddvar!“, brüllte ich. „Oddvar!“</p>



<p>Anne schloss sich mir sofort an. Wie zwei Wahnsinnige brüllten wir völlig außer Atem wieder und wieder seinen Namen.</p>



<p>Erst, als wir schon fast bei der Haustür waren, öffnete sie sich. Oddvar stand in nichts als einer weißen Unterhose vor uns, ein Gewehr im Anschlag. Die misstrauischen Augen auf uns geheftet.</p>



<p>„Wer ist da? Was wollt ihr hier?“, rief er. Er klang noch betrunkener als vorhin.</p>



<p>Anne und ich blieben schlitternd stehen.</p>



<p>„Du?!“, sagte er wütend. Er richtete den Lauf auf Anne, die augenblicklich ihre Hände hob.</p>



<p>„Bitte! Nicht!“, keuchte sie außer Atem.</p>



<p>„Oddvar, wir brauchen Hilfe. Hinter uns &#8230;“</p>



<p>Ich brauchte den Satz nicht zu beenden. Oddvar riss die Augen auf und seine Waffe herum. Fast sofort fiel ein Schuss.</p>



<p>Der Knall raubte mir einen Moment die Orientierung. Reflexartig riss ich die Hände an meine klingelnden Ohren. Dann drehte ich mich um.</p>



<p>Der Draugr stand keine fünf Meter hinter uns. Den Kopf hatte er gesenkt, seinen Blick auf das kleine, unscheinbare Loch in seiner Brust gerichtet. Aus seiner vertrockneten Haut kam kein einziger Tropfen Blut.</p>



<p>Fast ungläubig hob der Untote seine Hand. Er schob seinen knochigen Zeigefinger durch das Loch in der Kleidung einige Zentimeter in seine Brust hinein. Mit einem wütenden Röcheln zog er ihn wieder heraus und hob seinen Kopf. Jetzt starrte er Oddvar direkt an. Ich hatte das Gefühl, Hass in seinen gefühlskalten Augen zu erkennen.</p>



<p>Bedrohlich ging er auf ihn zu. Schnell feuerte Oddvar noch einen Schuss ab. Dann noch einen. Und noch einen. Selbst in seinem betrunkenen Zustand war er ein verdammt guter Schütze.</p>



<p>Doch die Schüsse schienen den Draugr nicht einmal zu kümmern. Zwar zuckte er jedes Mal zusammen, wenn eine weitere Kugel ihn traf, aber es war wohl bloß die Wucht des Aufpralls. Er schien keinerlei Schmerz zu empfinden.</p>



<p>Als der Draugr sich uns nährte, wich ich schnell einige Schritte zurück. Aber er nahm uns gar nicht mehr wahr. Seine ganze Aufmerksamkeit galt nun Oddvar.</p>



<p>Es dauerte nicht lange, bis er ihn erreicht hatte. Der alte Mann versuchte noch, die Tür zuzuschlagen, doch der Draugr stieß sie mit einer schnellen Bewegung seines Arms wieder auf, als wäre sie aus Pappe. Er stürzte sich mit ausgestreckten Händen auf Oddvar.</p>



<p>„Nein!“, schrie ich entsetzt. Ich wusste nicht, was ich erwartet hatte, aber wenn Oddvar jetzt starb, wäre es meine Schuld. Ich hatte den Draugr zu ihm geführt.</p>



<p>Bevor ich überlegen konnte, welche Gründe dagegen sprachen, nahm ich Anlauf und stürzte mich auf den Untoten. Erst versuchte ich, ihn zu Boden zu werfen. Als das nicht klappte, klammerte ich mich an ihn. Der modrige Geruch nach Verwesung war jetzt so intensiv, dass er mir Tränen in die Augen trieb.</p>



<p>Für einen Moment hatte ich Hoffnung, dass ich tatsächlich etwas ausrichten konnte, Oddvar genug Zeit zum Fliehen verschaffen würde, aber als der Draugr sich aufrichtete, merkte ich, wie sehr ich mich irrte. Ich war nicht mehr als ein Kleinkind, das es mit einem Bären aufnehmen wollte. Mit einem kräftigen Stoß seines linken Ellenbogens stieß er mich von sich. Ich flog mehrere Meter durch die Luft, bis mein Aufprall vom Schnee gebremst wurde.</p>



<p>Anne rannte sofort zu mir. „Henrik, alles in Ordnung?“</p>



<p>Ohne ihr zu antworten, rappelte ich mich auf. Ich wollte mich ein weiteres Mal auf den Draugr stürzen, auch wenn ich tief in meinem Inneren wusste, dass es nichts bringen würde, doch Anne hielt mich auf.</p>



<p>„Nein! Nicht. Es ist zu spät! Wir müssen hier weg!“</p>



<p>Erst wollte ich sie ignorieren. Ich wollte nicht zulassen, dass Oddvar etwas zustieß. Auch wenn ich dafür mein eigenes Leben in Gefahr brachte. Dann sah ich jedoch das ganze Blut: Die Tür, der Boden, der Schnee, alles war von Blutspritzern übersät.</p>



<p>Der Draugr schlug in Rage wieder und wieder auf Oddvar ein, der reglos unter ihm lag. Als der Untote dann auch noch seine Hand durch Oddvars Bauchdecke rammte und irgendetwas aus ihm herausriss – wahrscheinlich seinen Darm –, drehte ich mich um. Wir mussten hier weg!</p>



<p>„Versuch, in unsere alten Spuren zu treten. Vielleicht können wir so etwas Zeit gewinnen“, befahl ich.</p>



<p>Anne gehorchte sofort. So schnell sie konnte, lief sie vor mir her, immer darauf bedacht, in meine oder ihre Fußspuren im Schnee zu treten. Ich war ihr dicht auf den Fersen.</p>



<p>„Wir müssen bloß Zeit gewinnen“, erklärte ich, inzwischen wieder völlig außer Atem. „Draugar wagen sich nur nachts aus ihren Gräbern. Bei Tagesanbruch ist der Spuk vorbei.“</p>



<p>Aus Annes Schweigen deutete ich, dass sie verstanden hatte.</p>



<p>Es dauerte nicht lange, bis wir den Gasthof erreichten. Schnee war durch die offene Hintertür hineingeweht und blockierte das Holz. So schnell wir konnten, fegten wir ihn mit Händen und Füßen beiseite, um die Tür zu schließen. Dann gingen wir nach vorn.</p>



<p>Einen Moment betrachtete ich entsetzt das Chaos: Die Eingangstür lag einige Meter von ihrem zersplitterten Rahmen entfernt auf dem Boden. Der Schnee, der durch den Eingang geweht war, war größtenteils geschmolzen und bildete nun schlammige Pfützen auf den Holzdielen.</p>



<p>Ich schluckte den Schock hinunter und machte mich daran, einen der Tische umzukippen. Zusammen schoben wir ihn vor das Loch am Eingang und stapelten einige Stühle darüber. Das würde zwar nichts gegen die Kälte bringen, aber wenigstens würden wir hören, wenn der Draugr durch den Vordereingang in den Gasthof wollte.</p>



<p>„Wo verstecken wir uns?“, fragte Anne nervös. Sie sah sich in der Kneipe um, schien aber keinen geeigneten Ort zu finden.</p>



<p>„Wir gehen nach oben zu den Zimmern“, erklärte ich. „Sollte der Draugr die Treppe hochkommen, können wir den Notausgang nehmen.“</p>



<p>Sie folgte mir stumm. Zwar konnte ich ihr ansehen, dass sie nicht sonderlich begeistert von dem ‚Versteck‘ war, aber was hatten wir für andere Optionen?</p>



<p>Wir versteckten uns in Zimmer 5, wo wir uns auf den harten Holzboden direkt neben der Tür setzten. Die Tür ließen wir einen Spaltbreit offen, damit ich in den Flur spähen konnte. Außerdem würden wir so keine Geräusche machen, wenn wir das Zimmer verlassen mussten.</p>



<p>Dann warteten wir. Und warteten. Und warteten. Sekunden fühlten sich an wie Minuten, Minuten wie Stunden, Stunden wie Tage. Irgendwann merkte ich, wie Annes Kopf auf meine Schulter fiel. Sie war eingeschlafen.</p>



<p>Kurz betrachtete ich sie lächelnd. Sie war nicht mehr die Jüngste. Um ehrlich zu sein fand ich es erstaunlich, wie jemand in ihrem Alter so lange durchgehalten hatte. Ich ließ sie schlafen. Wache konnte ich auch gut allein halten. So dachte ich zumindest. Aber mein Adrenalin war schon lange verflogen. Erschöpfung und Müdigkeit hatten sich in meinem Körper ausgebreitet und meine einzige Beschäftigung war es, Annes langsamen Atem zu lauschen. Und so dauerte es nicht lange, bis auch meine Augen zugefallen waren.</p>



<p><em>Rumms</em>. Erschrocken fuhr ich hoch. <em>Rumms</em>. Ich sah zu Anne, die noch immer seelenruhig schlief. <em>Knack</em>. Von hier oben aus klangen die Geräusche unscheinbar, fast ungefährlich, aber ich wusste, dass gerade jemand die Hintertür aufgebrochen hatte – oder besser gesagt etwas.</p>



<p>„Anne“, flüsterte ich. Ich schüttelte sanft an ihrer Schulter. „Er ist hier!“</p>



<p>Ihre Augen, die mich eben noch müde angeblinzelt hatten, waren jetzt weit aufgerissen. Angst funkelte in ihnen.</p>



<p>Dann hörten wir schwere Schritte. Angestrengt starrte ich in die Dunkelheit im Flur. Waren sie schon auf der Treppe oder noch im Erdgeschoss?</p>



<p>So leise es ging, richteten wir uns auf, ohne den Flur aus den Augen zu lassen. Noch war er leer.</p>



<p><em>Krach</em>. Von unten war ein lauter Knall und Gerumpel zu hören. Kurz herrschte Stille, dann rumpelte es weiter. Holz knackte und splitterte. Es klang, als würde jemand den ganzen Gasthof auseinandernehmen.</p>



<p>Plötzlich brachen die Geräusche ab. Kein Gerumpel mehr, kein Knacken, nicht einmal Schritte waren zu hören. Erst jetzt merkte ich, dass ich den Atem angehalten hatte. Mit einem tiefen, langsamen Atemzug atmete ich aus. Ich wollte jetzt bloß keine Geräusche machen.</p>



<p>Nachdem einige Minuten nichts mehr passiert war, sah ich Anne irritiert an. War der Draugr weg?</p>



<p>Vorsichtig zog ich die Tür weiter auf. Ich trat einen Schritt auf den Flur, was Anne ein geflüstertes „Henrik, nicht!“ entlockte.</p>



<p>Ich ignorierte sie. Stattdessen schlich ich den Flur entlang. So leise ich konnte, ging ich zur Treppe und spähte hinunter. Ich sah umgekippte Stühle, ein Tisch, der nur noch drei Beine hatte, sogar ein zerbrochenes Trinkglas, von dem ich keine Ahnung hatte, wo es herkam, aber von dem Draugr fehlte jede Spur.</p>



<p>Während Anne oben an der Treppe stehenblieb, schlich ich hinunter, bereit, jede Sekunde umzudrehen. Der Tisch und die Stühle – so erkannte ich jetzt – waren die, die wir vor dem Eingang gestapelt hatten. Der Draugr musste also gegangen sein. Aber wieso?</p>



<p>Erst, als ich vorsichtig nach draußen ging, erkannte ich es.</p>



<p>„Anne!“, rief ich. „Anne! Die Sonne geht auf!“ Tränen schossen mir in die Augen, als ich den hellen Streifen am Himmel sah.</p>



<p>Anne eilte sofort zu mir. Sie atmete erleichtert, fast ungläubig aus.</p>



<p>Noch nie in meinem Leben war ich so froh gewesen, den Sonnenaufgang zu sehen. Wir hatten die Nacht überlebt. Der Draugr war verschwunden.</p>



<p>Wie ich später herausfand, waren wir die einzigen Überlebenden, die den Draugr gesehen hatten. Das restliche Dorf und die Polizei kannten nur die offizielle Variante: Ein Tier hatte das Archäologenteam überfallen und Oddvar getötet. Daran gab es für sie keine Zweifel. Und ich habe die wahre Geschichte bis heute niemandem erzählt. Wer würde mir auch glauben?</p>



<p>Stattdessen haben Anne und ich alles so gut vertuscht, wie wir konnten. Sie hatte versprochen, das Grab wieder zu verschließen und ihre Spuren zu verwischen. Sie wollte dafür sorgen, dass kein anderer Archäologe jemals von dem Hügelgrab erfuhr.</p>



<p>Das alles ist jetzt über zehn Jahre her. All die Jahre war es gut gegangen. Aber jetzt, so hatte Anne mir gerade am Telefon gesagt, war ein neues Archäologenteam auf dem Weg in unser kleines Dorf. Sie wollten das Hügelgrab untersuchen.</p>



<p><b>Bleibt auf dem Neusten Stand und folgt mir auf:</b></p>
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<h2 class="wp-block-heading" id="die-legende">Die Legende:</h2>



<p>Ein Draugr (Plural &#8222;Draugar&#8220;) ist ein <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Untoter</a> der skandinavischen Mythologie. Oft handelt es sich um wiederauferstandene Wikinger.</p>



<p>Sie lassen sich in Landdraugr und in Meerdraugr unterteilen, unterscheiden sich jedoch fast nur in Aussehen und ihrer Grabstätte – entweder einem Grab, Grabhügel etc. oder dem Meer.</p>



<h3 class="wp-block-heading" id="aussehen">Aussehen:</h3>



<p>Die Draugar sehen größtenteils menschlich aus. Je nach Erzählung können ihre Körper jedoch völlig abgemagert oder aufgebläht sein.</p>



<p>Außerdem hat ihre Haut eine ungesunde blau-gräuliche, bleiche oder schwarze Farbe.</p>



<p>Den meisten Draugar sieht man ihre Todesursache an. Sind sie in der Schlacht gestorben, ist ihr Körper häufig von blutigen Wunden übersät. Sind sie hingegen ertrunken, sind ihreKörper, ihre Kleidung und ihre Haare nass.</p>



<p>Da Draugar oft untote Wikinger waren, wurden sie mit alltagstauglicher Kleidung und ihren Waffen begraben, die sie daher meist mit sich führen.</p>



<h3 class="wp-block-heading" id="entstehung">Entstehung:</h3>



<p>Es gibt verschiedene Möglichkeiten, durch die Verstorbene zu einem Draugr werden sollen.</p>



<p>Oft heißt es, dass die Draugar vor ihrem Tod schlechte Menschen oder Unruhestifter waren. In seltenen Fällen reichte es auch, wenn sie bloß unbeliebt waren. Auch egoistische Menschen, die sich geweigert haben, in die Welt der Toten überzugehen, sollen zu einem Draugr geworden sein.</p>



<p>Ein weiterer häufiger Grund, wie Draugar entstanden sein sollen, ist, indem sie im Sitzen oder Stehen begraben wurde.</p>



<p>Seltener sollen auch andere Faktoren wie Flüche oder der Tod durch einen anderen Draugr eine Rolle spielen.</p>



<h3 class="wp-block-heading" id="eigenschaften">Eigenschaften:</h3>



<p>Auch hier gibt es verschiedene Arten von Draugar, die sich unterschiedlich verhalten.</p>



<p>Die meisten Draugar werden als Grabwächter beschrieben. Sie bewachen also die Hügelgräber und die Schätze, mit denen sie begraben wurden.</p>



<p>Diese Art von Draugr ist oft harmlos, sofern man das Grab versiegelt lässt oder es zumindest nicht betritt.</p>



<p>Es gibt aber auch andere Draugar, die es auf Menschen abgesehen haben. Sie sind sehr viel gefährlicher, da sie nachts ihre Gräber verlassen, um nach Menschen zu suchen. Wenn sie einen Menschen finden, treiben sie mit ihm Schabernack, ängstigen ihn, machen ihn im wahrsten Sinne des Wortes wahnsinnig oder versuchen, ihn zu töten.</p>



<p>In manchen Sagen werden ihre Opfer dadurch selbst zu einem Draugr, wodurch die Gefahr immer größer wird.</p>



<p>Generell verfügen Draugar über menschliche Intelligenz und stinken nach Tod und Verwesung. Sie besitzen übermenschliche Stärke, was sie noch bedrohlicher macht.</p>



<p>Außerdem besitzen sie manchmal magische Fähigkeiten:</p>



<p>So soll es Draugar geben, die sich durch Erde und Stein bewegen können, um ihr Grab zu verlassen, aus dem Nichts aufzutauchen oder zu fliehen.</p>



<p>Manchmal heißt es auch, dass sie gegen herkömmliche Waffen immun seien und zum Beispiel nur mit Waffen aus reinem Eisen verletzt werden können. Zudem fühlen sie keinen Schmerz und sind unerbittliche Kämpfer.</p>



<p>Andere, seltener aufgeführte Fähigkeiten sind beispielsweise die Fähigkeit, Menschen zu verfluchen, nach Belieben ihre Körper zu vergrößern oder sich in Tiere verwandeln zu können.</p>



<p>Und als ob all das es nicht bereits schwer genug machen würde, einen Draugr zu töten, heißt es außerdem, dass sie nur dann sterben, wenn sie – je nach Sage – geköpft werden, verbrannt werden oder beides.</p>



<h3 class="wp-block-heading" id="lebensraum-vorkommen">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p>Die <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Legende</a> der Draugar gibt es hauptsächlich in den skandinavischen Ländern. Um genau zu sein, in Dänemark, Schweden, Norwegen, auf den Färöer und besonders auf Island.</p>



<p>Die meisten Draugar wandeln als lebende Tote in ihren Grabhügeln umher. Einige von ihnen verlassen sie nachts und suchen die Gegend heim, während andere ihr Grab niemals verlassen.</p>



<p>Die Meerdraugar hingegen schlummern tagsüber im Ozean und kommen nachts an den Strand und in die nahegelegenen Orte.</p>



<h3 class="wp-block-heading" id="ursprung">Ursprung:</h3>



<p>Laut altem skandinavischem Glauben bleibt die Lebenskraft auch nach dem Tod im Körper erhalten, sodass theoretisch jeder Tote zu einem Untoten werden könnte. Das könnte der Hauptgrund sein, wie die Legende des Draugr entstanden ist.</p>



<p>Besonders gefürchtet schienen die Draugar übrigens im Mittelalter gewesen zu sein. In den skandinavischen Grabhügeln aus der Zeit finden sich oft Schutzzauber in Form von Runenschriften an den Wänden, um die Draugar am Wiederauferstehen zu hindern.</p>



<p>Andere Methoden hierfür, die man in Gräbern gefunden hat, waren zum Beispiel zusammengebundene große Zehen und Nägel in den Fußsohlen, sodass die Toten nicht mehr aufstehen und umherwandern können.</p>



<p>Die Angst vor einem Draugr, der das Dorf heimsucht, war im Mittelalter also sehr real.</p>



<p>Heutzutage werden Draugar natürlich nicht mehr gefürchtet. Stattdessen findet man sie hauptsächlich in Videospielen wie Skyrim oder Valheim sowie Anspielungen auf sie in Büchern wie Herr der Ringe oder Serien wie Game of Thrones.</p>



<p><em>Was haltet ihr von den Draugar? Waren diese Untoten euch neu oder kanntet ihr sie bereits? Wie hättet ihr an Henriks oder Annes Stelle reagiert? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>



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		<title>Trolle (Mythologie)</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 Apr 2021 13:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Geschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Monster und Ungeheuer]]></category>
		<category><![CDATA[Berge]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>„Riechst du das?“, zischte Maja mir zu.<br />
Es stank wie eine ganze Fußballmannschaft nach einem Spiel im Hochsommer. Wie sollte ich das nicht riechen?<br />
„Damals hat es genauso gestunken!“<br />
Ich starrte sie ungläubig an. Konnte an ihrer Trollgeschichte doch etwas dran sein?</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg08.met.vgwort.de/na/827795570c3d42b189d05d303bb778d8" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p>Die Trolle der nordischen Mythologie sind ein Thema, vor dem ich mich bisher gedrückt habe, weil die Recherche sehr umfangreich ist. Da ich aber ein großer Fan von Skandinavien bin, habe ich mich jetzt entschieden, den Beitrag endlich zu schreiben.</p>



<p>Außerdem habe ich mich – wie bereits angekündigt –, dazu entschlossen, aus Zeitgründen nur noch jeden zweiten Montag ein Beitrag hochzuladen. Dafür werde ich dann endlich wieder Zeit haben, an meinem Buch zu arbeiten.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p>„Bist du sicher, dass wir nicht lieber umkehren sollten?“, fragte ich, als Maja zum dritten Mal die Karte in ihren Händen hin- und herdrehte.</p>



<p>Sie nahm die Taschenlampe aus dem Mund und leuchtete mir ins Gesicht. „Stine, <em>du</em> wolltest mir doch nicht glauben, dass ich als Kind einen echten Troll gesehen habe“, erwiderte sie schnippisch. „Außerdem sind wir fast da. Es muss hier irgendwo sein.“</p>



<p>Unwohl sah ich mich um, während ich meine pinke Jacke enger um mich schlang. Es war stockdunkel. Ohne unsere Taschenlampen hätten wir wohl nichts als die zahlreichen Sterne am Himmel gesehen. Die Berge hätte man maximal erahnen können. Wieso hatte Maja sich nicht wenigstens eine Vollmondnacht für ihr kleines Abenteuer ausgesucht?</p>



<p>Ihr mochte es vielleicht nichts ausmachen, sich die halbe Nacht durch die Berge zu schlagen. Sie war für so etwas geboren, hatte als Kind schon immer nur Forscherin oder Kriegerin spielen wollen. Ich hingegen war eher ein Mädchen für Nagellack und Glitzerzeug. Ich brauchte keine Nachtwanderung durch die dunklen Berge, um einen Kick zu bekommen. Ein Shoppingtrip hätte mir völlig gereicht.</p>



<p>Aber vielleicht sollte ich erst einmal erzählen, wie ich in diese Situation gekommen war. Es hatte alles mit einem Streit begonnen. Maja, meine Mitbewohnerin, hatte mir beim Frühstück vor der Uni erzählt, wie sie früher mit ihrem Vater häufig in den Bergen war. Bei einer Nachtwanderung hätten die beiden sogar einmal einen echten, lebenden Troll gesehen. Ich glaubte ihr natürlich kein Wort. Trolle gab es nur in Märchen, Kindergeschichten und Filmen. Hätte jemals jemand einen echten Troll gesehen, hätte es davon bestimmt Bilder auf Instagram gegeben.</p>



<p>Maja hingegen war von ihrer angeblichen Begegnung so überzeugt, dass sie mich keine Woche später nachts mit in die Berge nehmen wollte, um es mir zu beweisen.</p>



<p>Sie war wie besessen von der Idee. Einen Tag, nachdem ich meine Bedenken geäußert hatte, dass wir uns im Dunklen verirren könnte, hatte sie mir eine Signalpistole auf den Tisch gelegt. Die fallen unter das Waffengesetz! Sie nahm das Thema jedenfalls sehr ernst. Und so bin ich schließlich eingeknickt.</p>



<p>Inzwischen war ich mir trotz Signalpistole in meinem Rucksack jedoch ganz und gar nicht mehr sicher, ob das so eine gute Idee war. Obwohl Maja mir versichert hatte, dass sie sich in den Bergen auskenne, irrten wir bereits seit über einer halben Stunde umher.</p>



<p>„Lass uns einfach wieder gehen. Bitte“, flehte ich. „Hier sind keine Trolle.“</p>



<p>Maja warf mir einen giftigen Blick zu.</p>



<p>Ich rollte bloß mit den Augen. Ohne weiter darüber nachzudenken, legte ich die Hände um den Mund und brüllte aus voller Lunge: „Hallooo? Ist hier irgendwo ein Troll? Dann soll er bitte herkommen!“</p>



<p>Stille.</p>



<p>„Siehst du? Hier sind keine Trolle“, sagte ich schließlich.</p>



<p>Wieder ein giftiger Blick. Dann machte Maja plötzlich große Augen.</p>



<p>Ein seltsamer Gestank breitete sich um uns herum aus.</p>



<p>„Riechst du das?“, zischte Maja mir zu.</p>



<p>Es stank wie eine ganze Fußballmannschaft nach einem Spiel im Hochsommer. Wie sollte ich das <em>nicht</em> riechen?</p>



<p>„Damals hat es genauso gestunken!“</p>



<p>Ich starrte sie ungläubig an. Konnte an ihrer Trollgeschichte doch etwas dran sein?</p>



<p>Vorsichtshalber schaltete ich die Taschenlampe aus und versteckte mich in einem Gebüsch.</p>



<p>Im Schein von Majas Lampe konnte ich jetzt sehen, wie sie triumphierend grinste. Sie machte keine Anstalten, sich zu verstecken. „Glaubst du immer noch, dass ich mir alles eingebildet habe? Außerdem bringt Verstecken nichts. Trolle können dich riechen. Wenn du ihnen entkommen willst, wirst du sie schon austricksen m-“</p>



<p>„Mit wem redest du?“, unterbrach sie eine grobe Stimme. Sie war sehr tief und klang, als würde ein Mann betont dümmlich sprechen.</p>



<p>Erschrocken drehte Maja sich um. Sie leuchtete das Wesen direkt an.</p>



<p>Ich blieb mit offenem Mund völlig reglos im Busch sitzen. Das was dort vor Maja stand, war ein Troll. Anders konnte man es nicht nennen. Es traf genau auf die Beschreibung zu, die Maja mir gegeben hatte: große, knollige Nase, hässlich und mit unintelligentem Gesicht. Davon abgesehen sah er fast wie ein Mensch aus – ein mehrere Meter großer Mensch.</p>



<p>„I-ich &#8230;“, stammelte Maja. Dann schien sie sich wieder zu fassen. „Na mit dir“, antwortete sie frech.</p>



<p>„Du redest mit mir?“, fragte der Troll.</p>



<p>„Ja, wir reden doch gerade miteinander, oder?“, erwiderte Maja gelassen.</p>



<p>Der Troll kratzte sich nachdenklich am Kopf.</p>



<p>„J-ja“, sagte er leicht verwirrt.</p>



<p>Ich verstand die Welt nicht mehr. Wie konnte Maja nur so ruhig bleiben? Hatte sie mir nicht neulich noch erzählt, dass Trolle Menschen fressen?!</p>



<p>„Aber warum rede ich mit dir?“, dachte der Troll laut. „Mama sagt, ich soll nicht mit dem Essen reden.“</p>



<p>Mama? Gab es hier in der Gegend eine ganze Trollfamilie?</p>



<p>„Ach ja? Und machst du immer, was deine Mama dir sagt?“, erwiderte Maja noch immer viel zu entspannt.</p>



<p>Wieder kratzte der Troll sich am Kopf. „Ja, eigentlich schon. Mama ist eine schlaue Frau. Ich sollte dich einfach essen.“</p>



<p>Der Troll bückte sich leicht, als er seine große Hand nach Maja ausstreckte.</p>



<p>„Warte. Warte!“, schrie Maja, während sie zurückwich, endlich mit etwas Panik in ihrer Stimme. „Du solltest mich lieber mit in deine Höhle nehmen und dort kochen. Roh schmecke ich ganz fürchterlich.“</p>



<p>Jetzt fiel ich aus allen Wolken. Was zur Hölle hatte sie vor? So dumm, wie der Troll sich anstellte, hätte es tausend andere Möglichkeiten gegeben, Zeit zu gewinnen. Wieso wollte sie sich von ihm entführen lassen.</p>



<p>Der Troll dachte nicht einmal erst über ihr Angebot nach. Stattdessen klatschte er und sprang voller Vorfreude von einem Bein auf das andere, sodass der Boden bebte. „Oh ja, oder ich brate dich. Ich liebe gebratenen Mensch.“</p>



<p>Dann schnappte er sich Maja und schwang sie über seine Schulter. Sie wehrte sich nicht einmal.</p>



<p>War das irgendeine Art Zauber? Konnten Trolle Menschen gefügig machen? Oder hatte sie einen Plan?</p>



<p>Was es auch war, ich musste hinterher. Ich durfte den Troll nicht mit meiner Mitbewohnerin entkommen lassen.</p>



<p>Ich stolperte mehr, als dass ich rannte. Das Licht von Majas Taschenlampe, die sie immer noch in der Hand hielt, reichte so gerade aus, damit ich die gröbsten Umrisse vor mir erkennen konnte. Zum Glück ging der Troll nicht sonderlich schnell. Sein Gang erinnerte mich eher an die langsame, aber bedrohliche Gangart eines Filmbösewichtes.</p>



<p>Nach ein paar Metern räusperte Maja sich schließlich. Doch anstatt etwas zu sagen, damit der Troll sie gehen ließ, verwirrte sie mich bloß noch mehr.</p>



<p>„Weißt du, Herr Troll, wenn mich jemand suchen sollte, braucht er sich keine Sorgen machen.“</p>



<p>Der Troll blieb verwirrt stehen, um das fast reglose Bündel auf seiner Schulter zu betrachten. „Was? Wieso sollte er sich keine Sorgen machen?“</p>



<p>„Na ja, ich werde doch eh bald von dir gegessen“, erwiderte sie völlig gleichgültig.</p>



<p>„Stimmt.“ Dann ging der Troll entspannt weiter.</p>



<p>War das eine Botschaft für mich gewesen? Es musste eine Botschaft sein. Aber was wollte Maja mir damit sagen? Dass sie einen Plan hatte? Ich wünschte, ich hätte sie fragen können.</p>



<p>Nach einigen weiteren Metern ergriff sie erneut das Wort. „Herr Troll? Stimmt es eigentlich, dass Trolle Gold und Silber sammeln?“</p>



<p>„Heh“, gab der Troll dümmlich von sich. „Alles, was glänzt. Ich habe eine beachtliche Sammlung zu Hause.“</p>



<p>Meine Augen weiteten sich. War das Majas Plan? Wollte sie dem Troll seine Wertsachen stehlen? Dafür würde sie doch nicht ernsthaft ihr Leben aufs Spiel setzen?</p>



<p>„So, wir sind gleich da“, erklärte der Troll.</p>



<p>Noch immer wehrte sich Maja nicht. War sie wirklich so leichtsinnig? Oder stand sie doch unter irgendeinem Zauber?</p>



<p>Inzwischen hatte ich Probleme, dem Troll zu folgen. Der Boden war so uneben und felsig geworden, dass ich mich mehr auf meine Bewegungen, als auf ihn konzentrieren musste. Ich kletterte, rutschte und stolperte langsam voran.</p>



<p>Als der Troll schließlich in einer Felsspalte im Berg verschwand, bemerkte ich es erst daran, dass der Schein von Majas Taschenlampe aus einer großen, aber unauffälligen Höhle kam. Wenn sie ihre Taschenlampe nicht noch in der Hand gehabt hätte, hätte ich sie spätestens jetzt verloren.</p>



<p>Vorsichtig spähte ich in die Höhle. Das Licht wurde immer schwächer.</p>



<p>„Ich glaub, ich grill dich über dem Feuer. Sodass du schön knusprig bist. Mhmmm &#8230;“, hallte die tiefe Stimme des Trolls aus der Höhle. Ich hoffte, dass es am Hall lag, dass sie so weit entfernt klang.</p>



<p>Trotzdem wagte ich es nicht, noch mehr Zeit zu verlieren. Schnell schlitterte ich einen kleinen Abhang hinunter. Hoffentlich war der Troll zu abgelenkt, um den Lärm zu bemerken, den ich dabei machte.</p>



<p>Als ich auf das Licht zu rannte, achtete ich darauf, leiser zu sein. Zum Glück war der Troll mit Maja in ein Gespräch vertieft.</p>



<p>„Du solltest mich lieber kochen“, erklärte Maja ruhig. „Gekocht schmecke ich viel besser. Ich warte auch hier, während du das Wasser holst.“</p>



<p>Der Troll schnaubte verächtlich. „Für wie blöd hältst du mich eigentlich? Bis ich das Wasser den Berg raufgeschleppt habe, ist es Tag. Ich habe keine Lust, mich in Stein zu verwandeln.“</p>



<p>Stimmt. Davon hatte Maja auch erzählt. Wenn ein Troll Sonnenlicht abbekam, verwandelte sich sein ganzer Körper in einen leblosen Felsen. War das ihr Plan?</p>



<p>„N-Na gut, das verstehe ich. Vielleicht möchtest du aber einige Kräuter sammeln, damit du mich etwas würzen kannst?“, schlug Maja vor. Ich merkte, dass ihre Gelassenheit langsam schwand.</p>



<p>„Hm. Nein. Grünzeug verdirbt nur den Geschmack“, erklärte der Troll. Dabei leckte er sich über die Lippen, während er Maja gierig ansah. „Vielleicht sollte ich dich doch roh essen.“</p>



<p>Maja wollte etwas erwidern, doch der Troll hatte bereits nach ihr gepackt. Diesmal wehrte sie sich mit Händen und Füßen.</p>



<p>Er war bereits dabei, sie zu seinem vor seinem vor Speichel triefenden Mund zu führen.</p>



<p>„Nein. Nein!“, kreischte sie. Sie konnte sich nicht befreien!</p>



<p>Ehe ich wusste, was ich tat, sprang ich aus meinem Versteck. „Warte!“</p>



<p>Der Troll sah sich verdutzt um. Es dauerte einen Moment, bis sein Blick auf mich fiel. Ich hatte unterdessen die Signalpistole aus dem Rucksack gekramt und richtete sie auf ihn.</p>



<p>„Noch ein Mensch? Das wird ja ein richtiges Festmahl.“</p>



<p>Jetzt, wo er mir direkt gegenüberstand, die großen Augen auf mich gerichtet, kam er mir noch riesiger vor. Wie der Tannenbaum, der im Winter im Shoppingcenter stand – bloß, dass dieser Tannenbaum sich jeden Moment auf mich stürzen könnte.</p>



<p>„Keinen Schritt weiter!“, brüllte ich leicht hilflos. Ich wusste, dass die Signalpistole den Troll kaum verletzen würde.</p>



<p>Dann ergriff Maja das Wort. „Du solltest besser auf sie hören“, empfahl sie. Sie wirkte wieder gelassener.</p>



<p>Ich sah sie kurz verwirrt an, bis ich meinen Blick wieder möglichst selbstbewusst auf den Troll richtete.</p>



<p>„Das ist eine Sonnenpistole“, erklärte sie.</p>



<p>„Eine S-Sonnenpistole?“, fragte der Troll. Man merkte sofort, dass ihm bereits das Erwähnen der Sonne Angst zu machen schien.</p>



<p>„Stine, schieß doch mal in den Gang da vorne“, sagte Maja.</p>



<p>Aber sie wusste doch, dass ich nur einen Schuss hatte? Andererseits schien sie einen Plan zu haben – ich hoffte nur, dass er besser war, als ihr letzter.</p>



<p>Nach kurzem Zögern und einem bestätigenden Zunicken von Maja, wandte ich mich schließlich dem Gang zu, auf den sie gezeigt hatte. Ich zielte mit der Signalpistole und betätigte den Abzug.</p>



<p>Mit einem Zischen schoss das Signalfeuer in den Gang, wo der Lichtschein sich rasch entfernte. Gleichzeitig hörte ich, wie der Troll ängstlich aufschrie.</p>



<p>Er ließ Maja fallen, die sich sofort wieder aufrichtete. Mit schmerzverzerrtem Gesicht rieb sie sich den Hintern.</p>



<p>„Ganz recht“, sagte sie leicht gequält. „Meine Freundin hier kann Sonnenlicht verschießen. Willst du etwa, dass der nächste Schuss in deine Richtung geht?“</p>



<p>Der Troll wurde sofort kreidebleich. „N-Nein, bitte!“, flehte er. „Ich will noch nicht sterben!“ Es war erschreckend, wie menschlich seine Emotionen wirkten. Ich hatte fast Mitleid.</p>



<p>„Dann rennst du jetzt sofort aus dieser Höhle“, forderte Maja. „Du wirst dir diese Nacht einen anderen Platz zum Schlafen suchen müssen.“</p>



<p>Das ließ sich der Troll nicht zweimal sagen. Er nahm seine Beine in die die Hand und sprintete ich Richtung Höhleneingang.</p>



<p>Nachdem er weg war, rannte ich sofort zu Maja und schloss sie fest in den Arm. „Verdammt. Ich dachte schon, das war’s mit dir. Lass uns von hier abhauen.“</p>



<p>Doch Maja machte keine Anstalten, mitzukommen. Stattdessen begann sie, sich im Raum umzusehen. „Was meinst du, wo er sein Gold versteckt hat?“</p>



<p>Ich starrte sie mit offenem Mund an. Das konnte nicht ihr Ernst sein.</p>



<p>„Guck nicht so. Der Troll ist weg. Wenn du mit suchst, finden wir es schneller.“</p>



<p>„Wir hätten tot sein können!“, schimpfte ich. Sie war also doch bloß hinter seinem Schatz her. „Ich gehe jetzt. Wenn du noch hierbleiben willst, ist das deine Sache.“</p>



<p>Maja ließ sich davon nicht beirren. Selbst, als ich in Richtung Ausgang ging, in der Hoffnung, dass sie mir leicht beleidigt folgen würde, blieb sie stur.</p>



<p>Kurz, bevor ich die Höhle tatsächlich verließ, blieb ich stehen. Was sollte ich tun? Ich konnte sie nicht einfach zurücklassen. Außerdem würde ich ungern allein durch die dunklen Berge irren. Sollte ich ihr doch beim Suchen helfen?</p>



<p>Plötzlich hörte ich Stimmen von draußen. Fluchtartig rannte ich in einen der Seitentunnel.</p>



<p>„Wenn auch nur eines meiner Goldkettchen weg ist, dann kannst du was erleben!“, schimpfte eine Frauenstimme. Sie erinnerte mich an Donnergrollen.</p>



<p>„J-ja, Mama“, sagte der Troll kleinlaut. Ich erkannte seine dümmliche Stimme sofort wieder.</p>



<p>„Sonnenpistole, so ein Schwachsinn“, schimpfte sie weiter. „Menschen können keine Sonnenstrahlen erschaffen!“</p>



<p>Sie schien jedenfalls deutlich schlauer zu sein, als ihr Sohn. Aber das Schlimmste war, dass ihre Schritte sich schnell näherten. Sie kamen in die Höhle.</p>



<p>In den nächsten Sekunden hielt ich die Luft an. Ich wünschte, ich hätte Maja warnen können. Aber das wäre nicht gegangen, ohne auf mich selbst aufmerksam zu machen oder mit ihr zusammen in der Falle zu sitzen.</p>



<p>Die Schritte waren jetzt fast bei mir. Dann entfernten sie sich wieder – in die Richtung, in der Maja jetzt in der Falle saß.</p>



<p>„Na sowas, wen haben wir denn hier?“, ertönte die Stimme der Trollfrau hallend.</p>



<p>Ich ergriff die Gelegenheit, um aus der Höhle zu fliehen. Draußen angekommen, dachte ich darüber nach, etwas in die Höhle zu brüllen, um die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Aber was sollte ich dann tun? Ich hatte vorhin schon Probleme gehabt, mit dem Troll mitzuhalten, als er gemütlich gegangen war. Jetzt würden sie rennen. Außerdem waren sie zu zweit.</p>



<p>Schweren Herzens entschloss ich, meine Mitbewohnerin zurückzulassen. Ich rannte bergabwärts, versuchte grob, dem Weg zu folgen, den wir gekommen waren, musste aber irgendwo falsch abgebogen sein. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich durch die Berge geirrt war, bis ich schließlich zu einem Wanderweg kam.</p>



<p>Maja habe ich nie wieder gesehen. Ihren Eltern und der Polizei erzählte ich, sie sei allein in die Berge gefahren. Zu sehr schämte ich mich, dass ich nicht versucht hatte, sie zu retten.</p>



<p>Und so habe ich noch nie jemandem von jener Nacht erzählt – bis heute jedenfalls. Daher hoffe ich, dass ihr euch diese Geschichte zu Herzen nehmt. Vielleicht könnt ihr aus Majas und meinen Fehlern ja etwas lernen.</p>



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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p>Trolle sind nicht nur ein bekanntes Internetphänomen, sondern auch Teil der nordischen Mythologie. Dort existieren sie schon seit über 1.000 Jahren.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p>Die Trolle der nordischen Mythologie können stark in ihrem Aussehen variieren. Einige von ihnen sind groß wie Berge, andere bloß wie sehr große Menschen und wieder andere sehr klein, wie Zwerge. Sie alle sollen jedoch eine verhältnismäßig große Nase und – sofern sie Haare haben – eine wilde, ungepflegte Frisur besitzen.</p>



<p>In früheren Erzählungen waren Trolle noch sehr menschenähnlich. In der Neuzeit haben sie jedoch vermehrt Tiermerkmale wie spitze Ohren, Fell oder Tierschwänze bekommen.</p>



<p>Aber auch die eher menschenähnlichen Trolle können unmenschliche Merkmale wie mehrere Köpfe (in der alten Liedersammlung Edda ist sogar von einem vierköpfigen Troll die Rede), spitze, raubtierartige Zähne, klauenartige Fingernägel oder nur ein Auge besitzen.</p>



<p>Außerdem wird Trollen meist eine außergewöhnliche Hässlichkeit zugeschrieben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p>Auch wenn es einige Geschichten über gute oder hilfreiche Trolle gibt, sind die meisten von ihnen bösartig.</p>



<p>Sie fressen für ihr Leben gerne Menschen – besonders Kinder. Dabei haben sie einen sehr guten Geruchssinn, der ihnen bei der Jagd hilft. Zudem sie sind übernatürlich stark und ihre Verletzungen heilen unglaublich schnell.</p>



<p>Trotzdem ist es nicht allzu schwierig, einem Troll zu entkommen. Sie können sich zwar mit Menschen verständigen und unsere Sprache sprechen, sind ansonsten aber sehr dumm.</p>



<p>Man muss sich also nur einen Trick einfallen lassen, um den Troll zu überlisten, oder ihn solange hinhalten, bis die Sonne aufgeht. Es heißt nämlich, dass sich Trolle sofort zu Stein verwandeln, wenn ein Sonnenstrahl sie berührt. Daher sind Trolle ausschließlich nachtaktiv.</p>



<p>Alternativ gibt es einige Erzählungen, die davon berichten, dass Trolle bei Kontakt mit Sonnenlicht zerplatzen. Die Versteinerung ist jedoch deutlich weiter verbreitet.</p>



<p>Es gibt in Skandinavien ganze Gebirge und Berge, die nach Trollen benannt sind. Z. B. heißt der Felsvorsprung „Trolltunga“ in Norwegen übersetzt „Trollzunge“ und soll laut Legende die versteinerte Zunge eines Trolls sein.</p>



<p>Doch nicht immer können sich Trolle einfach überlisten lassen. Einige von ihnen sollen sogar über magische Kräfte verfügen, mit denen sie Lawinen oder Unwetter auslösen können.</p>



<p>Außerdem heißt es, dass Trolle Gold und Silber lieben, weswegen manche Trollhöhlen große Reichtümer bergen.</p>



<p>Um an diese Reichtümer zu gelangen, reicht es jedoch nicht immer aus, einen einzelnen Troll zu überlisten. Denn obwohl viele Trolle allein leben, gibt es auch einige, die sich ihr Zuhause mit ihrer Familie teilen. Und die Trollfamilie wäre nicht sonderlich erfreut, wenn sie einen Menschen in ihrer Höhle bemerken oder herausfinden, dass er eines ihrer Familienmitglieder getötet hat.</p>



<p>Andere Dinge, die man Trollen nachsagt, sind, dass sie sehr naturverbunden seien – teilweise sollen sie sogar bedürftige Tiere und Bäume pflegen – und, dass sie Angst vor Kirchenglocken haben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p>Die Trolle der nordischen Mythologie leben sehr abgeschieden. Meist leben sie in Höhlen in Wäldern, den Bergen oder unter der Erde. Seltener bewohnen sie Hütten oder Burgen. Einige von ihnen sollen sogar im Ozean leben.</p>



<p>In anderen Versionen leben sie in Utgard, einer Welt, die fast ausschließlich von Trollen und Riesen bewohnt sein soll.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p>Die erste bekannte schriftliche Erwähnung von Trollen stammt aus dem 9. oder 10. Jahrhundert aus den Schilderungen der Skalden. Seither – und wahrscheinlich auch schon davor – wurden Trolle als beliebter Kinderschreck in Skandinavien genutzt.</p>



<p>Im 18. oder 19. Jahrhundert entstand schließlich eine teilweise freundlichere Form des ursprünglich gefürchteten Trolls, als er erstmals als <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wesen</a> in Märchen aufgetaucht ist.</p>



<p>Außerdem sorgte J. R. R. Tolkien Anfang des 20. Jahrhundert mit seinem inzwischen weltberühmten Buch „Der Hobbit“, in dem drei Trolle vorkommen, für einen Bekanntheitsschub der Wesen.</p>



<p>Seit 1945, als die Schriftstellerin Tove Jansson die Mumins – freundliche, nilpferdartige Trollwesen – erfunden hat, wurden Trolle zudem vermehrt niedlich dargestellt.</p>



<p>Aber obwohl in den größten Teilen Skandinaviens der Glaube an echte Trolle nur bis ins 19. Jahrhundert andauerte, gibt es auf Island noch heute viele Menschen, die an die Trolle der nordischen Mythologie glauben. Schuld daran könnten u. a. <a href="https://www.geister-und-legenden.de/gryla" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Grýla</a> und ihre <a href="https://www.geister-und-legenden.de/die-yule-lads" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Yule Lads</a> sein, um die sich das isländische Weihnachtsfest dreht.</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<p><em>Was haltet ihr von der Geschichte? Ich muss gestehen, dass sie mir persönlich nicht ganz so gut gefällt, aber vielleicht bin ich auch bloß zu selbstkritisch. Wie hättet ihr an Stines Stelle reagiert? Wärt ihr auch weggerannt, um euch in Sicherheit zu bringen, oder hättet ihr versucht, Maja zu retten? Schreibt es in die Kommentare.</em></p>



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