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	<title>Hexe Archive - Geister und Legenden</title>
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	<description>In diesem Blog schreibe und veröffentliche ich jeden zweiten Montag eine neue Legende und Geschichte über Geister oder andere übernatürliche Dinge. Viel Spaß beim Gruseln!</description>
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		<title>La Mulata de Córdoba</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 01 May 2023 13:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Geschichten]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Zwar verriet sie niemand an die Inquisition, da die Córdobaner sie respektierten und auf ihre Hilfe angewiesen waren, trotzdem musste Soledad auf der Hut sein. Jede falsche Bewegung, jede falsche Person, die von ihren Fähigkeiten erfuhr, hätte ihren Tod bedeuten können ...</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.geister-und-legenden.de/la-mulata-de-cordoba">La Mulata de Córdoba</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.geister-und-legenden.de">Geister und Legenden</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg09.met.vgwort.de/na/cd7af3d00f8b4d2c835e2f3dc5b75248" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Ich habe lange überlegt, ob ich einen Beitrag über „La Mulata de Córdoba“ schreiben soll, da es zwar eine sehr bekannte mexikanische Legende ist, bei ihr jedoch wegen des Namens ein gewisser Rassismus mitschwingt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dabei ist die Geschichte an sich nicht rassistisch, sondern lediglich die Erzählart der meisten Versionen. Während ich es bei den alten Versionen der Legende verstehen kann, da es dem damaligen Zeitgeist geschuldet ist, finde ich es erschreckend, dass der Rassismus selbst in modernen Varianten weiterhin verwendet wird. So wird Soledad – so heißt die Frau, von der die Geschichte handelt – noch immer fast ausschließlich als „la Mulata“ bezeichnet, obwohl ihr Name bekannt ist. Und auch das Problem der rassistischen Fetischisierung schwingt bei vielen modernen Varianten der Legende mit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das beides habe ich natürlich in meiner Geschichte versucht, zu vermeiden. Und auch, wenn es mal wieder eine nicht-gruselige Legende ist, hoffe ich, dass sie euch trotzdem gefällt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Lesen!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen</strong></summary>
<p>&#8211; Rassismus</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Kennt ihr die Legende von la Mulata de Córdoba? Sie handelt von einer Frau, die im 17. oder 18. Jahrhundert in der damals kleinen Küstenstadt Córdoba in Mexiko gelebt hat. Ihr Name war Soledad, was auf Deutsch „Einsamkeit“ bedeutet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Soledad war eine Frau, um die sich viele Mysterien ranken. Niemand weiß, wo sie herkam oder wer ihre Eltern waren. Auch ließ sie niemanden zu nahe an sich heran. Sie hatte keine engen Freunde und obwohl sie fast unnatürlich schön war, hatte sie weder einen festen Freund noch einen Ehemann. Aber sie schien nichts daran ändern zu wollen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was sie hingegen hatte, war eine Gabe. Sie war eine Magierin, einige mögen sagen eine Hexe, die ihre übernatürlichen Fähigkeiten genutzt hat, um den Menschen zu helfen. Sie konnte aus Kräutern und anderen Zutaten Heilmittel herstellen, die selbst unheilbare Krankheiten heilen konnten. Mit Ritualen und Zaubertränken befreite sie Leute von Unglück, brachte Arbeitslosen Arbeit und half getrennten Liebenden wieder zusammenzukommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Leute munkelten sogar, dass Soledad das Wetter manipulieren konnte und ihre unbeschreibliche Schönheit und scheinbar ewige Jugend einzig und allein ihrer Magie entsprang.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch während sie allerlei kleine Wunder für die Menschen vollbrachte, hatte niemand ahnen können, wie mächtig Soledad wirklich war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war jedoch nicht alles rosig in ihrem Leben. Soledad lebte in einer Zeit, als Hexen von der Kirche verfolgt wurden. Zwar verriet sie niemand an die Inquisition, da die Córdobaner sie respektierten und immer mal wieder auf ihre Hilfe angewiesen waren, trotzdem musste Soledad auf der Hut sein. Jede falsche Bewegung, jede falsche Person, die von ihren Fähigkeiten erfuhr, hätte ihren Tod bedeuten können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also führte sie ein ruhiges, unauffälliges Leben. Sie ließ sich nie etwas zu Schulden kommen, ging regelmäßig in die Kirche und behandelte ihre Mitmenschen stets freundlich und respektvoll, wenn auch immer mit einer gewissen Distanz. Wie ich schon sagte, ließ sie niemanden an sich heran. Das galt besonders für Männer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem versuchten viele Männer ihr Glück bei ihr. Egal ob jung, ob alt, ob reich, ob arm. Es war ihrer Schönheit geschuldet, dass sie viele Verehrer hatte. Und nicht alle von ihnen waren ledig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass die Freundinnen und Ehefrauen besagter Verehrer nicht sonderlich begeistert darüber waren. Auch wenn Soledad jeden Verehrer zurückwies, waren viele ihrer Frauen von Eifersucht geplagt. Sie streuten Gerüchte, um Soledad in ein schlechteres Licht zu rücken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Soledad merkte schnell, dass die Leute hinter ihrem Rücken redeten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Meine Mamá hat gesagt, dass sie eine Hexe ist“, tuschelte eines Tages ein Kind hinter vorgehaltener Hand, als sie über den Marktplatz ging.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ja, mein Papá meinte, er hat sie nachts über die Häuser fliegen sehen. Sie hat dabei wie ein altes Weib gekichert!“, erwiderte ein anderes Kind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zweifelsohne war besagter Papá einer der Männer, die Soledad zurückgewiesen hatte. Trotzdem konnte sie nichts tun, außer die Kinder zu ignorieren und ihren Einkauf fortzusetzen. Alles andere hätte bloß noch mehr Aufsehen erregt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber Córdoba war eine kleine Stadt. Solche Gerüchte hielten sich hartnäckig. Sie breiteten sich aus wie eine stinkende Woge und festigten sich in den Köpfen der Bewohner.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Spätestens, als das Gerücht aufkam, dass Soledad dem Teufel versprochen sei und das der Grund dafür wäre, dass sie keine Männer an sich heranließ, spürte Soledad die Auswirkungen des Geschwätzes.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Leute wurden ihr gegenüber allmählich misstrauisch. Immer weniger Menschen kamen zu ihr, um sie um Hilfe zu bitten. Aber obwohl die Gerüchte einige potentielle Verehrer verschreckten – immerhin wollte niemand es mit dem Teufel zu tun bekommen –, gab es andere, die sich nicht davon beeindrucken ließen. Geblendet von Soledads Schönheit versuchten sie ihr Glück trotzdem bei ihr.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einer dieser Männer war Don Martin de Ocaña, der Bürgermeister von Córdoba. Er war ein reicher Mann, der es gewohnt war, dass er seinen Willen bekam.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und so klopfte es eines frühen Morgens an Soledads Tür. Für sie war das nichts Ungewöhnliches. Die Leute kamen zu jeder Tages- und Nachtzeit zu ihrem Haus, wann immer sie Hilfe benötigten und sich von ihren Nachbarn unbeobachtet fühlten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als Soledad die Tür jedoch öffnete, fiel das Licht ihrer Lampe auf einen bunten Blumenstrauß. Der bunteste Blumenstrauß, den sie je gesehen hatte. Der Bote, der ihr die Blumen entgegenhielt, wirkte im Vergleich fast klein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Für Sie, Soledad. Mit freundlichen Grüßen von Don Martin de Ocaña“, sagte der Bote überschwänglich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Soledad fand die Blumen wunderschön. Bereits aus der kurzen Distanz konnte sie ihren süßen Duft riechen und ihre Farbpracht bewundern. Am liebsten hätte sie sie angenommen, aber sie wusste, dass ein solches Geschenk nie ohne erwartete Gegenleistung kam. Wenn sie den Blumenstrauß annehmen würde, hätte Don Martin de Ocaña das als Einladung gesehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Danke, aber ich kann das Geschenk nicht annehmen“, erwiderte sie. „Richten Sie dem Bürgermeister bitte aus, dass er sein Glück lieber bei einer anderen Frau versuchen soll.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Bote machte große Augen. „Don Martin wird darüber nicht erfreut sein! Bitte, überdenken Sie es noch einmal!“, flehte er sie an. Wahrscheinlich hatte er Angst, dass der Ärger seines Auftraggebers ihn treffen würde, wenn er mit schlechten Nachrichten zu ihm zurückkehrte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber Soledad ließ sich nicht umstimmen. Wenn sie mit dem Bürgermeister gesehen werden würde, würde das sie nur noch mehr ins Rampenlicht rücken. Und so schickte sie den Boten mitsamt den Blumen zurück zu Don Martin de Ocaña.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Bürgermeister war verwirrt. Er war es nicht gewohnt, abgelehnt zu werden. Also entschied er, es noch einmal zu versuchen. Es dauerte keine Woche, bis ein weiterer Bote vor Soledads Tür stand. Er bot ihr die feinsten Kleider an, die sie je gesehen hatte – mit freundlichen Grüßen von Don Martin de Ocaña. Wieder schickte Soledad den Boten mit den Geschenken fort.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es folgten noch einige weitere Geschenke, doch Soledad lehnte sie alle ab. Also entschied Don Martin, die Sache anders anzugehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war ein angenehm warmer Morgen. Die Sonne schickte ihre warmen Strahlen über den Marktplatz, auf dem Soledad ihre Einkäufe erledigte. Sie war gerade dabei, frisches Obst an einem der Stände zu begutachten, als plötzlich ein Raunen durch die Menge ging.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schnell sah Soledad sich um. Es konnte ja sein, dass die Inquisition gekommen war, weil sie nach ihr suchten. Fast sofort erkannte Soledad, was los war:</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Blumenstrauß, noch größer und bunter als der erste, schob sich durch die Menge auf Soledad zu. Dahinter konnte sie gerade noch so Don Martin erkennen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Soledad, oh schönste aller Blumen, ich weiß jetzt, warum du meine Geschenke abgelehnt hast“, sagte er, sobald er sie erreicht hatte. „Ich war ein Narr. Ich hätte gleich zu Anfang persönlich zu dir kommen sollen. Bitte, nimmst du diese Blumen als Entschuldigung an?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für einen kurzen Moment war Soledad sprachlos. Sie verstand nicht, wie der Bürgermeister sie so missverstanden haben konnte. Kurz bevor die Stille unangenehm wurde, antwortete sie: „Es tut mir wirklich leid, aber ich kann Ihre Blumen nicht annehmen. Bitte verzeihen Sie, Don Martin de Ocaña. Ich bin mir sicher, Sie finden eine andere Frau.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit diesen Worten machte Soledad auf dem Absatz kehrt und eilte, gerade so schnell, dass es nicht unhöflich war, vom Marktplatz.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihr könnt euch sicher vorstellen, wie beschämend die Situation für Don Martin gewesen sein musste. Wie er mit offenem Mund dastand, die Blumen noch immer in den Händen, während alle Augen auf ihn gerichtet waren. Und dann hatte die Frau, die ihn abgelehnt hatte, auch noch eine dunkle Hautfarbe!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Denn ihr müsst wissen, dass Menschen mit einem schwarzen Elternteil zu damaligen Zeiten in Mexiko weniger Rechte hatten. So traurig es auch ist, waren sie nicht selten in den Augen ihrer nicht-schwarzen Mitmenschen weniger Wert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber Don Martin war nicht Bürgermeister von Córdoba geworden, indem er mit Druck und unerwarteten Situationen nicht umgehen konnte. Sofort setzte er zu einem Lachen an. „Ha! Frauen!“, verkündigte er fröhlich. „Man muss sie nicht verstehen!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Scheinbar gut gelaunt, begann er, die Blumen an die Passanten zu verschenken, um von der unangenehmen Situation abzulenken. Innerlich brodelte er hingegen. Fieberhaft überlegte er, wie er sein Gesicht vor dem Volk wahren konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weniger als 24 Stunden später hatte er einen Plan ausgearbeitet. Einen Plan, der ihn wieder in ein gutes Licht rücken und Soledad zum Verhängnis werden sollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Don Martin ließ überall herumerzählen, dass Soledad ihm einen Liebestrank eingeflößt habe, nur um ihn anschließend in aller Öffentlichkeit bloßzustellen. Sie habe es aus purer Boshaftigkeit getan, um seinem Ruf zu schaden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Gerücht breitete sich schneller aus als ein Waldbrand im Hochsommer. Bald behaupteten auch andere Männer, Soledad habe ihnen einen Liebestrank gegeben. Es war perfekt! Endlich hatten sie einen Grund, eine Ausrede, weshalb sie ihren Frauen untreu gewesen waren. Die armen Männer konnten gar nichts dafür. Es war die dunkle Magie einer Hexe, die ihren Verstand vernebelt hatte!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und so kam es, wie es kommen musste. Das Gerücht schlug so hohe Wellen, dass schließlich auch die Inquisition von der vermeintlich bösen Hexe erfuhr, die in Córdoba ihr Unwesen trieb.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als die Inquisition schließlich vor Soledads Tür stand, um sie zu verhaften, leistete die Magierin keinen Widerstand. Unter den zufriedenen und spöttischen Blicken der Córdobaner ließ sie sich abführen. Ihre Nachbarn, die noch Wochen zuvor um ihre Hilfe gefleht hatten, hatten nichts als Verachtung in ihren Augen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einige Jugendliche bewarfen Soledad sogar mit faulem Obst, das süßlich stinkende Flecken auf ihrer Kleidung hinterließ. Sie ließen es aber sofort bleiben, als die Inquisitoren sie mit bösen Blicken straften – wahrscheinlich hatten die heiligen Männer Angst, selbst getroffen zu werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was darauf folgten, waren ein schnelles Gerichtsverfahren und eine Verurteilung zum Tod durch Verbrennung. Der Entschluss des Gerichts stand bereits fest, bevor Soledad auch nur einen Fuß in das Gerichtsgebäude gesetzt hatte. Mit Hexen wurde kurzer Prozess gemacht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und so landete sie noch am selben Tag in einer kalten, ungemütlichen Zelle. Aber während die meisten Menschen in ihrer Situation wohl aufgegeben hätten, entschied Soledad, ein letztes Wunder zu vollbringen, eine letzte Demonstration ihrer Macht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wann immer man ihr etwas zu Essen brachte – es gab nur trockenes Brot, manchmal hatte es schon grüne Flecken –, verwickelte sie den Wachmann in Gespräche.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diesmal war es der Mann, der sie auf Distanz hielt. Er war vor ihr gewarnt worden. Trotzdem verfiel bald auch er ihrer Schönheit. Er genoss es, mit ihr zu reden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst waren es nur Kleinigkeiten. Soledad fragte nach dem Wetter, was es Neues aus der Stadt gab oder was der Wachmann zu Mittag gegessen hatte. Später wurde sie persönlicher. Sie erfuhr, dass der Wachmann allein mit seiner kranken Mutter lebte, gab ihm Ratschläge, wie er sie zu pflegen hatte, und redete mit ihm über seinen toten Vater.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So ging es bis zum Tag vor Soledads Hinrichtung weiter. Der Wachmann hatte eine finstere Miene, während er ihr das trockene Brot brachte. Nach einem verstohlenen Blick legte er ihr außerdem einen frischen Apfel hin, den er reingeschmuggelt hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Für dich“, sagte er mit trockenem Hals. Dann wandte er sich zum Gehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Soledad sprang auf. „Bitte warte!“, flehte sie ihn an, blieb aber auf Abstand, um ihn nicht zu verunsichern. „Würdest du mir einen Gefallen tun?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Wachmann wandte sich ihr wieder zu. Misstrauisch sah er sie an. Hatte Soledad ihn noch nicht genug um den Finger gewickelt?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was willst du?“, fragte er nach einer gefühlten Ewigkeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nicht viel. Nur eine Kleinigkeit. Würdest du mir bitte ein Stück Holzkohle bringen? Sieh es als meinen letzten Wunsch!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Wachmann wusste nicht, was sie damit vorhatte. Er überlegte fieberhaft hin und her. Brauchte sie es für irgendeine Art Zauber? Aber was konnte sie mit einem einzigen Stück Kohle schon ausrichten? Also kam er ihrer Bitte schließlich nach.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Soledad dankte ihm überschwänglich. Sobald der Wachmann fort war, nahm sie das Stück Kohle und hockte sich vor eine Wand, wo sie sofort zu zeichnen begann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie ruhte in jener Nacht nicht eine Sekunde. Wie im Wahn malte sie weiter und weiter. Ein Kohlestrich präziser als der nächste zeichnete sie einen Schiffsbug an die Wand. Dann folgten die Masten, die Segel und schließlich das Lenkrad und die Seile.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als der Wachmann am nächsten Morgen wiederkam, saß Soledad müde lächelnd auf der unbequemen Matratze, die ihr Bett darstellte. Mit einer Gelassenheit, die eine zum Tode Verurteilte nicht haben sollte, stand sie auf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ist es so weit?“, fragte sie den Wachmann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dieser nickte bloß traurig. Man sah ihm an, dass er keine Freude daran hatte, Soledad zu ihrem Scheiterhaufen bringen zu müssen. Dann bemerkte er die Kohlezeichnung an der Wand. Staunend stand er davor. Noch nie in seinem Leben hatte er ein solches Kunstwerk gesehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Fehlt dem Schiff irgendetwas?“, fragte Soledad.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Wachmann war nicht in Eile, während er das Schiff genau betrachtete. Er war froh, dass er Soledad noch ein paar wenige Sekunden Leben schenken konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als er das Schiff schließlich fertig studiert hatte, wandte er sich wieder Soledad zu. „Es ist perfekt. Nicht ein einziges Seil fehlt deinem Schiff. Alles, was ihm jetzt noch fehlen könnte, wäre, dass es die Segel setzt.“ Ein trauriges Lächeln lag auf seinem Gesicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Soledad erwiderte sein Lächeln, nur das ihres sehr viel wärmer und fröhlicher wirkte. „Wenn das dein Wunsch ist, wird das Schiff Segel setzen“, antwortete sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann trat sie – so besagt es die Legende – in die Wand hinein. Mit einem Satz sprang sie, nun selbst eine Kohlezeichnung, auf das Schiff, wo sie beim Steuerrad landete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ungläubig starrte der Wachmann sie an, wie sie ihren kleinen Kohlearm hob, um ihm zuzuwinken. Die Segel des Schiffes blähten sich auf, als würde ein Wind in sie blasen, und das Schiff segelte langsam davon. Der Wachmann konnte nur zusehen, wie das Schiff in der nächsten Zellwand verschwand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war das letzte Mal, dass Soledad in Córdoba gesehen wurde. Einige Leute sagen, dass sie an jenem Tag zu ihrem Ehemann, dem Teufel zurückgekehrt sei. Aber das glaube ich nicht. Wenn Soledad wirklich dem Teufel versprochen war, wieso war sie dann solch ein gutherziger Mensch? Wieso sollte sie all die Jahre den Leuten aus Córdoba geholfen haben, wenn sie angeblich böse war?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich glaube viel eher, dass sie sich einen neuen Ort zum Leben gesucht hat. Eventuell ist sie zu ihrer Familie zurückgekehrt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und wer weiß, wenn die Gerüchte wirklich stimmen, dass Soledad dank ihrer Magie nicht gealtert ist, vielleicht lebt sie dann ja sogar noch heute unter uns.</p>



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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">La Mulata de Córdoba ist eine alte <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Legende</a> aus Córdoba in Veracruz, Mexiko. Sie handelt von einer wunderschönen und mächtigen Magierin, die, obwohl sie den Leuten eigentlich nur geholfen hat, als Hexe zu Tode verurteilt wurde.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Kurze Anmerkung zum Wort „Mulata“:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Ich verzichte in diesem Fall auf eine Übersetzung des Wortes, da ich kein rassistisches Vokabular verbreiten möchte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Spanischen sieht es mit dem Wort „Mulata“ jedoch etwas anders aus als in anderen Sprachen. Obwohl sein Ursprung eindeutig rassistisch ist (das Wort kommt von „Mulo“, Spanisch für „Maultier“), nutzen dort viele Mixed People (Leute mit Eltern unterschiedlicher ethnischer Abstammung) das Wort mit Stolz. Sie haben es sich also zu gewissen Teilen angeeignet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem ist das Wort keinesfalls unbefangen und es gibt auch eine Gegenbewegung, die das Wort weiterhin als rassistisch auffasst und aus dem Wortschatz verbannen möchte.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ablauf:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Legende von La Mulata del Córdoba spielt im 17. oder 18. Jahrhundert. Damals lebte eine Frau namens Soledad (Spanisch für „Einsamkeit“) in Córdoba, die von den Leuten jedoch nur „la Mulata“ genannt wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Soledad soll wunderschön gewesen sein. Sie hatte magische Fähigkeiten, mit denen sie den Leuten half. Und auch ihre scheinbar ewig währende Jugend und Schönheit schrieb man ihrer Magie zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gleichzeitig wusste niemand etwas über sie. Man wusste nicht, woher sie kam, wer ihre Eltern waren oder woher sie ihr Wissen und ihre Magie bezog. Es gab sogar Gerüchte, dass sie eine Hexe sei, die mit dem Teufel im Bunde ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem meldete niemand Soledad bei der Kirche oder der Inquisition, da sie ihnen bei ihren Problemen half und ein gutes Leben führte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch wie es oft mit dem Übernatürlichen und Unerklärlichen ist, war Soledads ruhiges Leben nicht von Dauer. Aufgrund ihrer Schönheit hatte sie viele Verehrer, deren Freundinnen und Ehefrauen ihr gegenüber schnell eifersüchtig wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie verbreiteten Gerüchte über sie, dass sie nachts durch die Luft flöge, dabei unheimlich lache und dass Satan in ihrem Haus ein und ausginge. Da sie kein Interesse an den Männern zeigte, die ihr Glück bei ihr versuchten, kam sogar das Gerücht auf, dass sie dem Teufel als Ehefrau versprochen sei.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Mann, der Soledad schließlich zum Verhängnis wurde, war der Bürgermeister von Córdoba: Don Martin de Ocaña. Er umwarb Soledad und beschenkte sie mit teuren Geschenken, um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. Doch Soledad blieb auch ihm gegenüber kalt und gab ihm keine Chance.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das machte Don Martin de Ocaña wütend. So wütend, dass er ihr die Inquisition auf den Hals hetzte. Kurz darauf wurde Soledad wegen Hexerei verhaftet und zum Tod durch Verbrennung verurteilt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als Soledad im Gefängnis saß, wartete sie jedoch nicht tatenlos auf ihre Hinrichtung. Stattdessen bat sie einen Wächter um ein Stück Kohle. In einigen Versionen hat sie sich dafür mit ihm angefreundet, in anderen reichte ihre Schönheit aus und in wieder anderen war das Stück Kohle ihr letzter Wunsch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sobald sie die Kohle hatte, machte sie sich sofort an die Arbeit. Sie begann, ein Schiff an die Wand ihrer Zelle zu malen. Und zwar in solcher Präzision, dass jedes einzelne Stück Stoff, jede Planke und jedes Detail da waren. Sie brauchte hierfür entweder mehrere Tage oder fertigte die komplette Zeichnung in der Nacht vor ihrer Hinrichtung an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als sie schließlich zur Hinrichtung abgeholt werden sollte, zeigte sie dem Wachmann ihr Werk. Sie fragte ihn, ob an der Zeichnung irgendetwas fehle.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Wachmann nahm sich Zeit, die Zeichnung anzusehen. Er betrachtete sämtliche Details, bis er schließlich meinte, dass an dem Schiff alles dran sei. Das Einzige, was fehle, wäre, dass es Segel setzte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Daraufhin erwiderte Soledad, dass, wenn das so wäre, das Schiff Segel setzen solle.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vor den Augen des Wachmanns sprang die Frau plötzlich in die Wand und stand als Kohlezeichnung auf dem Schiff. Das Schiff segelte los und verschwand zusammen mit Soledad in der Zellenwand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Manchmal endet die Geschichte an dieser Stelle. In anderen Fällen heißt es, dass der Wachmann vor Schock gestorben oder wahnsinnig geworden sei. Manchmal sollte statt des Wachmanns auch ein Mitglied der Inquisition Soledad aus ihrer Zelle holen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darüber, ob Soledad nun wirklich eine böse Hexe war, die mit dem Teufel im Bunde war, oder eine gutmütige Frau mit magischen Fähigkeiten, gibt es verschiedene Aussagen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ort des Geschehens:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">La Mulata de Córdoba spielt, wie der Name schon sagt, in Córdoba, einer Stadt in Veracruz, Mexiko.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Zu dem Ursprung von La Mulata del Córdoba habe ich erstaunlich wenig herausfinden können. Zwar gab es zur Kolonialzeit in Mexiko durchaus Hinrichtungen von vermeintlichen Hexen, aber ob eine Frau namens Soledad darunter war, ist nicht bekannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und auch den Namen des Bürgermeisters Don Martin de Ocaña habe ich nur im Zusammenhang mit der Legende gefunden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich weiß nur, dass schriftliche Aufzeichnungen der Legende bereits seit über 200 Jahren existieren. Mündliche Überlieferungen könnten sogar noch älter sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem ist die Legende in der Literatur und Kunst weit verbreitet. So gibt es bereits viele, hauptsächlich mexikanische Kunstschaffende und Schriftstellende, die die Legende in ihren Bildern und Geschichten behandelt haben. Auch gibt es ein Theaterstück und eine Oper, die die Legende nacherzählen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Film „La Mulata de Córdoba“ von 1945 hingegen hat hingegen nichts mit der Legende zu tun.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was vielleicht auch noch interessant ist, ist ein mexikanisches Sprichwort, das sich auf die Legende bezieht. Wenn jemand um etwas Unmögliches gebeten wird oder etwas gefragt wird, das er nicht wissen kann, so kann er antworten: „Yo no soy la Mulata de Córdoba!“ (Spanisch für: „Ich bin nicht la Mulata de Córdoba!“)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von der Legende? Wie hat euch meine Geschichte dazu gefallen? Denkt ihr, dass Soledad eine böse Hexe war oder zu Unrecht beschuldigt wurde? Was glaubt ihr, ist mit ihr passiert, nachdem sie mit dem Schiff verschwunden ist? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Wenn ihr regelmäßig solche Geschichten oder Legenden lesen wollt, unterstützt mich auf <a href="https://www.patreon.com/geisterlegenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Patreon</a>, abonniert meinen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/newsletter" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Newsletter</a> oder folgt mir auf <a href="https://twitter.com/geisterlegenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/geisterlegenden/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Facebook</a> oder <a href="https://www.instagram.com/geisterlegenden/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Instagram</a>!</em></p>
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		<title>Huggin&#8216; Molly</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 28 Feb 2022 14:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Geister]]></category>
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		<category><![CDATA[Monster und Ungeheuer]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>„Sie drückt dich also ganz doll ... Mehr nicht?“, fragte Kyle. Er ließ mir aber keine Zeit zu antworten. Stattdessen schnaubte er verächtlich. „War ja klar, dass Mom und Dad ihren kleinen Aidan wieder beschützen müssen. Sie wollten dir wohl keine Angst machen. Sonst hätten sie dir die Wahrheit gesagt.“</p>
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<p class="wp-block-paragraph">Mit Huggin&#8216; Molly habe ich heute wieder eine amerikanische Geistergeschichte für euch.</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen (Achtung Spoiler!) </strong></summary>
<p>&#8211; Gewalt gegen Kinder</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist bereits einige Jahre her, seit meine Eltern – Dad um genau zu sein – mir von Huggin‘ Molly erzählt haben. <em>‚Die umarmende Molly‘</em>, hatte ich damals gedacht. <em>‚Klingt wie ein Buch oder eine Serie aus dem Fernsehen.‘</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber an den besorgten Gesichtern meiner Eltern und der Tatsache, dass sie nicht wütend waren, obwohl ich über zwei Stunden später zuhause war, als vereinbart, erkannte ich, dass es etwas anderes sein musste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sollte mich auf einen Stuhl in der Küche setzen. Dad saß mir gegenüber, während Mom mit verschränkten Armen und ausdruckslosem Gesicht in der Tür stand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Aidan, mein Sohn“, begann Dad mit seiner rauchigen Stimme.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Tut mir leid“, entschuldigte ich mich. „Ich hab nicht auf die Uhr geguckt. Außerdem kann ich da gar nichts für. Jason hat ein neues Fahrrad zum Geburtstag bekommen und da wollten wir &#8230;“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich brach ab, weil Dad mir die Hand auf die Schulter gelegt und sanft zugedrückt hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Lass mich doch erst einmal zu Wort kommen“, bat er ruhig. „Wir sind dir nicht böse, weil du zu spät bist. Aber wir haben uns wirklich große Sorgen gemacht. Um die Uhrzeit ist es für Kinder draußen nicht mehr sicher.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wegen Huggin‘ Molly?“, fragte ich mit großen Augen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dad sah mich eindringlich an und nickte langsam, wie er es nur tat, wenn er seinem Nicken einen besonderen Nachdruck verleihen wollte. „Du weißt ja, dass es Menschen gibt, die nicht nett zu Kindern sind. Deshalb sollst du nicht mit Fremden reden. Aber wenn es dunkel wird &#8230;“, er sah mich ernst an, „dann gibt es da draußen noch eine ganz andere Gefahr: einen Geist namens Huggin‘ Molly.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schluckte schwer. Von Geistern hatte mir bisher immer nur mein großer Bruder Kyle erzählt. Aber noch nie Mom oder Dad. Ich fand Geister wirklich gruselig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Huggin‘ Molly kommt heraus, sobald die Sonne untergegangen ist“, begann Dad zu erzählen. „Sie ist der Geist einer großen Frau, noch größer als deine Mom oder ich. Ihre Kleidung ist schwarz wie die Nacht und auf dem Kopf trägt sie eine dunkle Kapuze.“ Dad deutete mit seinen Händen eine Kapuze an. „Sie wandert durch unsere Straßen, hier in Abbeville. Die Erwachsenen lässt sie in Ruhe. Sie geht ihnen aus dem Weg. Aber wenn sie ein Kind oder einen Teenager wie deinen Bruder findet &#8230; Ihr seid leichte Opfer für sie. Ihr könnt nicht so schnell rennen. Eure Beine sind zu kurz. Und sie macht wirklich sehr, sehr große Schritte.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dad machte eine dramatische Pause. Als er nicht weiterredete, sah ich hilfesuchend zu Mom. Sie nickte nur betreten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„U-und dann?“, fragte ich, weil Dad nach einer gefühlten Ewigkeit noch immer nichts gesagt hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sein Stuhl knarzte, während er sich zurücklehnte. „Dann solltest du schnell wegrennen. So schnell du nur kannst. Denn wenn Huggin‘ Molly dich erwischt, packt sie dich und umarmt dich so fest, dass du keine Luft mehr bekommst. Viel fester als Mom oder ich es je wagen würden. Und während sie dich festhält, brüllt sie dir ins Ohr, so laut sie nur kann. Weißt du noch, als der Feueralarm losgegangen ist?“ Dad deutete auf den Rauchmelder an der Decke.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich nickte stumm.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ihre Stimme ist noch viel lauter. Und dann kannst du dir nicht die Ohren zuhalten. Deine Arme hält sie in ihrer Umarmung nämlich fest.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder schluckte ich schwer. Ich mochte es nicht, angeschrien zu werden. Und eine so feste Umarmung, dass ich nicht mehr atmen kann? „Tut &#8230; Tut das denn weh, wenn Molly mich umarmt?“, fragte ich nervös. Ich bereute die Frage sofort wieder.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dad sah mich streng an. „Willst du das etwa herausfinden?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schüttelte heftig den Kopf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Gut“, sagte Dad. Seine Gesichtszüge entspannten sich. Dann beugte er sich vor und wuschelte mir durch die kurzen blonden Haare. „Richtige Entscheidung. Und nun mach, dass du ins Bett kommst.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Ich sprang auf und drängelte mich an Mom vorbei aus der Küche. Keine fünf Minuten später stand ich mit geputzten Zähnen in Kyles und meinem Zimmer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du bist spät“, stellte mein Bruder fest. Er saß mit einem Buch in der Hand im Bett.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich hab nicht auf die Uhr geguckt. Und dann wollte Dad noch mit mir reden“, nuschelte ich ausweichend, während ich mich umzog. Noch ehe Kyle etwas erwidern konnte, lag ich unter meiner warmen Decke, meinen lila Stoffelefanten Mr. Puddles eng an mich gedrückt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wollte Dad mit dir reden, weil du so spät bist?“, fragte mein Bruder ungewöhnlich interessiert. „Haben sie dir den Huggin‘ Molly Vortrag gehalten?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei der Erwähnung ihres Namens drückte ich Mr. Puddles fester an mich, nickte aber tapfer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Licht der Nachttischlampe sah ich, dass mein Bruder grinste. „Hast du Angst?“, fragte er spöttisch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nein. Natürlich nicht“, log ich. Ich setzte mich möglichst lässig hin – jedoch ohne Mr. Puddles loszulassen. „Ich bin doch kein Baby mehr!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kyle kicherte leise. Dann setzte er eine ernste Miene auf. „Das solltest du aber. Haben sie dir erzählt, was Huggin‘ Molly mit dir macht?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ohne die Decke fühlten sich meine Arme plötzlich sehr kalt an. „Ja. Sie drückt mich ganz, ganz doll und dann brüllt sie mir ganz laut ins Ohr.“ Ich versuchte, die Bilder zu verdrängen, die in meinem Kopf entstanden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sie drückt dich also ganz doll &#8230; Mehr nicht?“, fragte Kyle. Er ließ mir aber keine Zeit zu antworten. Stattdessen schnaubte er verächtlich. „War ja klar, dass Mom und Dad ihren kleinen Aidan wieder beschützen müssen. Sie wollten dir wohl keine Angst machen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Keine Angst machen?“, fragte ich. Meine Stimme klang höher als beabsichtigt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Na ja. Weil sie dir nicht die ganze Wahrheit gesagt haben. Aber das ist ihre Sache. Gute Nacht.“ Mit diesen Worten griff Kyle wieder nach seinem Buch und las weiter, als wäre nichts gewesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Fassungslos starrte ich ihn an. Er verlangte von mir doch nicht ernsthaft, dass ich mich jetzt hinlegen und schlafen konnte, nachdem er mir gesagt hat, dass Dad gelogen hatte?!</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Kyle?“, fragte ich mit pipsiger Stimme.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er ignorierte mich. Hatte er mich nicht gehört?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich versuchte es noch einmal. „Kyle?“ Diesmal achtete ich darauf, lauter und nicht ganz so hoch zu sprechen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Bruder klappte das Buch wieder zu, behielt jedoch einen Finger zwischen den Seiten. „Was ist?“, fragte er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was meinst du damit? Dad hat mir nicht die ganze Wahrheit gesagt?“, fragte ich mit einem mulmigen Gefühl im Bauch. Gleichzeitig ärgerte ich mich über meine Neugier.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Na ja“, erklärte er. „Huggin‘ Molly knuddelt ihre Opfer nicht einfach, weißt du?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sah ihn mit großen Augen an, traute mich aber nicht, weiter nachzufragen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Bruder redete trotzdem weiter. „In Wirklichkeit ist es auch weniger eine Umarmung. Wenn sie dich erwischt, packt sie dich und drückt mit aller Kraft zu. Sie versucht nicht, dich festzuhalten oder zu umarmen, sie versucht, dich zu zerquetschen. Und in den meisten Fällen gelingt ihr das auch. Sie drückt so doll zu, dass dein Brustkorb bricht. Und das letzte, was du dabei hörst, ist ihr ohrenbetäubendes Schreien.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du spinnst“, sagte ich. Sowas hätte Dad mir niemals verschwiegen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber mein Bruder schüttelte den Kopf. „Nein, wirklich. Letztes Jahr hat man in der Innenstadt einen Jungen gefunden. Etwa in deinem Alter. Sein Brustkorb war nur noch matsch.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Übelkeit stieg in mir auf. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, rutschte ich langsam im Bett hinab und zog die Decke bis zum Kinn. Ich merkte, wie meine Beine zitterten. Obwohl ich unter der warmen Decke lag, war mir plötzlich eiskalt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Bruder schien es auch zu bemerken. „Hee. Mach dir deswegen keinen Kopf“, versuchte er, mich zu beruhen. „Huggin‘ Molly kommt nicht in Häuser. Außerdem bin ich ja da, um dich zu beschützen. Hier drinnen bist du in Sicherheit.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Selten war ich so froh gewesen, dass ich nachts nicht allein in meinem Zimmer schlafen musste. Trotzdem zitterte ich noch eine ganze Weile weiter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„K-können wir heute Nacht das Licht anlassen?“, fragte ich nach einiger Überwindung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Klar“, antwortete mein Bruder. „Aber wenn du dich in mein Bett schleichst, schubs ich dich auf den Boden!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich nickte bloß. Dann drückte ich Mr. Puddles so fest an mich, wie ich konnte, und versuchte zu schlafen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In jener Nacht hatte ich mir hoch und heilig geschworen, dass ich niemals, aber wirklich niemals wieder nachts allein auf die Straße gehen würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war jetzt fast fünf Jahre her. Trotzdem erinnere ich mich noch gut daran, wie viel Angst ich vor Huggin‘ Molly hatte. Es hatte Wochen gedauert, bis ich wieder ruhig schlafen konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch wie heißt es so schön? Die Zeit heilt alle Wunden. Inzwischen wusste ich natürlich, dass Huggin‘ Molly nichts weiter als ein Schauermärchen war, das Eltern ihren Kindern erzählten, damit sie abends rechtzeitig nach Hause kamen. Und was soll ich sagen? Es hatte funktioniert. Seither hatte ich mich nicht eine Nacht um mehr als eine Viertelstunde verspätet. Wenn mich niemand fahren konnte, versuchte ich immer, vor Sonnenuntergang im Haus zu sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jedenfalls bis heute. Heute war Jasons vierzehnter Geburtstag und Isabella, das hübscheste, intelligentesten und umwerfendste Mädchen, das ich je getroffen hatte, war eingeladen gewesen. Gegen Abend wollte ich schließlich nach Hause gehen. Aber als sie mit ihren kastanienbraunen Augen geklimpert und mich gebeten hatte, dass ich noch eine Runde Flaschendrehen mitspielen solle, war es um mich geschehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihr wisst, wie das ist: Aus einer Runde waren zwei geworden, aus zwei drei und aus drei vier. Irgendwann hatte ich aufgehört zu zählen. Und so war es fast Mitternacht, als ich mich endlich auf den Weg machte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zunächst dachte ich mir nichts dabei. Die Strecke war nicht sonderlich weit, die Straßen waren menschenleer und sogar die fehlenden Straßenlaternen störten mich nicht weiter. Wozu hatte man sonst eine Handytaschenlampe?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst, als ich der Meinung war, aus dem Augenwinkel einen großen Schatten zu sehen, wurde mir etwas mulmig zu Mute. Ich leuchte sofort in die Richtung. Rasen, Bäume, eine Mülltonne. Etwas weiter hinten sah ich ein Auto bei einem Haus stehen. Aber von einer großen Person oder etwas, das ähnlich aussah, war nichts zu sehen. Bestimmt hatte ich es mir bloß eingebildet. Ein Mensch hätte jedenfalls nicht geräuschlos so schnell verschwinden können. Und was sollte es sonst sein? Huggin‘ Molly?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich lachte leise. „Hör auf Aidan. Du bist doch kein Kind mehr“, murmelte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem ging ich einen Schritt schneller. Ich zog den Reißverschluss meiner Sweatshirtjacke zu und bemühte mich, die kühle Nachtluft langsam ein- und auszuatmen, während ich aufmerksam die Umgebung beobachtete und die Ohren spitze. Ich hörte bloß meine eigenen Schritte, die dumpf über den Asphalt der Straße hallten, und den schwachen Wind, der durch die Bäume und den Rasen streifte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Moment! War da noch etwas? Ich hatte das Gefühl, Schritte hinter mir zu hören, die im Takt meiner Schritte mitgingen. Schnell drehte ich mich um. Nichts.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Guten Abend“, sagte ich laut in die Dunkelheit, in der Hoffnung, dass mich ein bekanntes Gesicht zurückgrüßen würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch mir antwortete nur der Wind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schluckte den Kloß in meinem Hals hinunter und beschleunigte meine Schritte noch mehr. In ein vielleicht zwei Minuten war ich zuhause. Ich musste bloß einen kühlen Kopf bewahren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch dann sah ich sie erneut: die dunkle Gestalt in meinem Augenwinkel. Blitzschnell drehte ich mich zu ihr, die Taschenlampe in ihre Richtung gestreckt. Diesmal verschwand sie nicht spurlos. Vor mir, nur ein paar Meter entfernt, stand eine großgewachsene Person, komplett in Schwarz gekleidet. Das schwarze Kleid, die schwarzen Schuhe, die schwarzen Handschuhe und sogar die schwarze Kapuze. Sie sah genauso aus, wie ich sie mir vorgestellt hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Huggin‘ Molly“, hauchte ich ungläubig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die einzige Haut, die nicht im Schatten oder unter ihrer Kleidung verborgen lag, waren die blasse Kinnpartie und ihre Lippen, die sich jetzt zu einem dezenten Lächeln verzogen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich setzte sie sich in Bewegung. Sie streckte ihre Arme aus. Mit großen Schritten kam sie auf mich zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Herz setze einen Schlag aus. Dann drehte ich mich schreiend um und sprintete los. Mein Haus war nicht mehr weit. Bei Tageslicht hätte ich es bereits sehen können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mom! Dad!“, kreischte ich, in der Hoffnung, dass sie mich hören und zur Tür kommen würden. „Mooom! Daaad!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schnelle Schritte hinter mir verrieten mir, dass Molly immer näher kam. Trotzdem traute ich mich nicht, den Kopf zu ihr zu drehen. Noch nie in meinem Leben hatte ich solche Angst gehabt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Ferne sah ich, wie in unserem Flur Licht anging.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mooom! Daaad!“, schrie ich erneut aus voller Lunge.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es waren vielleicht noch 20 Meter. 15. 10. 5. Ich hatte die Haustür fast erreicht, als ich plötzlich von hinten gepackt wurde. Zwei dünne, lange, aber erstaunlich kräftige Arme hatten mich gepackt. Ich spürte, wie Molly mich zu sich zog. Sie presste mich an ihren eiskalten Körper, als wäre ich ein Sohn, den sie jahrelang nicht gesehen hatte. Doch es fühlte sich nicht liebevoll an. In ihrer Umarmung lag keinerlei Wärme, während der Druck auf meine Brust stärker und stärker wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mom!“, presste ich hervor. Dad hatte recht gehabt: Ich konnte im wahrsten Sinne des Wortes spüren, wie mir die Luft aus den Lungen gequetscht wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann setzte ihr Geschrei ein. Es war ein ohrenbetäubendes Kreischen, das so laut war, dass es mir die Orientierung raubte. Hätte Huggin‘ Molly mich nicht festgehalten, wäre ich wohl gestürzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem war da noch dieser Druck, dieser unerträgliche Druck, mit dem sie mich an sich presste. Mein Brustkorb schmerzte bereits. Ich hatte das Gefühl, dass meine Rippen jeden Moment brechen würden. Und dann &#8230; war der Geist verschwunden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich fiel auf die Knie, schnappte panisch nach Luft. Endlich &#8230; Endlich konnte ich wieder atmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Aidan! Aidan, ist alles in Ordnung?“ Das war Mom.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich den Kopf hob, drehte sich vor mir alles, aber ich konnte im schwachen Licht der geöffneten Haustür sehen, wie sie auf mich zu rannte. Trotzdem brachte ich kein einziges Wort hervor. Tränen rannen wie Wasserfälle über meine Wangen, während ich laut schluchzte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mom kniete sich neben mich. Sie nahm mich sofort in den Arm und zog mich an sich, in eine liebevolle, schützende Umarmung.</p>



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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Huggin‘ Molly (Englisch für „Umarmende Molly“) ist der Geist einer urbanen Legende aus den USA. Um genau zu sein, aus Abbeville, einer kleinen Stadt in Alabama.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Legende ist dort so bekannt, dass sie sogar auf dem Willkommensschild der Stadt abgebildet ist. Dort ist der Spruch „Welcome to Abeeville – Home of Huggin‘ Molly“ zu lesen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Viel ist über das Aussehen von Huggin‘ Molly nicht bekannt. Es heißt aber oft, dass sie etwa sieben Fuß (ca. 2,13 m) groß sei und schwarze Kleidung trägt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem ist oft von einer schwarzen Kopfbedeckung in Form einer Kapuze oder eines Huts mit breiter Krempe die Rede.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch wenn heutzutage fast ausschließlich von dem Geist einer Frau erzählt wird, gab es früher einige Varianten, bei denen Huggin‘ Molly trotz ihres weiblich klingenden Namens ein Mann war.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Huggin‘ Molly streift als Geist abends und nachts durch die Straßen von Abbeville. Sie ist auf der Suche nach Kindern und Jugendlichen, die zu später Stunde noch draußen unterwegs sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Besonders beliebt sind bei ihr Minderjährige, die sich ohne Erlaubnis ihrer Eltern noch draußen aufhalten. Entweder, weil sie sich rausgeschlichen haben oder später nach Hause kommen als vereinbart.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn sie ein potenzielles Opfer findet, verfolgt sie es. Manchmal holt sie nur langsam auf, während sie in anderen Fällen mit großen Schritten auf ihr Opfer zu sprintet. Wenn sie es erwischt, packt sie es mit ihren Armen, drückt es in einer festen Umarmung an sich und schreit ihm aus voller Lunge ins Ohr. Anschließend lässt sie es wieder gehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Generell tut Huggin‘ Molly den Kindern und Jugendlichen also nicht weh – abgesehen von einem gelegentlichen Hörschaden. Eine mögliche Erklärung hierfür findet ihr weiter unten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einigen wenigen Erzählungen ist Huggin‘ Molly jedoch nicht so harmlos. Dort heißt es, dass sie ihre Opfer toddrücken würde. Wahrscheinlich ist diese Variante jedoch nur entstanden, weil einige Leute ihren Verwandten oder Freunden Angst machen wollten und ihnen die „normale“ Huggin‘ Molly Legende nicht gruselig genug war.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Heimat von Huggin‘ Molly ist Abbeville in Alabama, USA. Sie ist zwar auch in den angrenzenden Gebieten bekannt und wurde dort angeblich ebenfalls gesichtet, aber nirgends ist ihre Legende so verbreitet wie in Abbeville.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Bei Huggin‘ Molly handelt es sich um eine Legende, die hauptsächlich mündlich von Generation zu Generation als Kinderschreck weitergegeben wurde. Der genaue Ursprung ist daher nicht bekannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es soll aber einen Zeitungsartikel aus Pheonix City, Alabama geben, der angeblich im späten 19. Jahrhundert im Columbus Newspaper abgedruckt wurde. Darin war von dem Huggin‘ Molly Geist die Rede (bisher habe ich den Zeitungsartikel noch nicht finden können. Sollte sich das in Zukunft ändern, werde ich den Text anpassen und den Artikel ggf. hier verlinken).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ende des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts hatte die Legende von Huggin‘ Molly ihren Höhepunkt. In Louisiana soll es sogar einen Mann gegeben haben, der sich als Huggin‘ Molly verkleidet hat, um nachts junge Frauen zu umarmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während die Legende in den meisten Orten danach wieder an Bekanntheit verlor, hielt sie sich hartnäckig in Abbeville und hat dort ihre neue Heimat gefunden. In der kleinen Stadt erzählen noch heute Eltern, Großeltern, Brüder, Schwestern, Cousins und Cousinen in ihren Familien die Legende von Huggin‘ Molly.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darüber, wer Huggin‘ Molly zu Lebzeiten war, gibt es ebenfalls einige Erzählungen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Version besagt, dass sie vor ihrem Tod eine Frau war, die ihr Kind verloren hat. Um ihre Trauer zu überwältigen, hat sie fremde Kinder auf der Straße umarmt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einer anderen Erzählung nach war sie eine Lehrerin oder anderweitig für Kinder zuständige Person, die besonders darauf bedacht war, Kinder nachts von der Straße fernzuhalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dass eine dieser Versionen der wahre Ursprung der Legende ist, ist jedoch unwahrscheinlich. Obwohl ich zugeben muss, dass mir persönlich die Idee eines freundlichen Geists, der sich bloß um die Kinder sorgt, sehr gefällt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von Huggin&#8216; Molly? Hättet ihr als Kind Angst vor ihr gehabt, wenn eure Eltern euch von ihr erzählt hätten? Welche Version bevorzugt ihr? Die harmlose, bei der sie die Kinder bloß erschreckt, oder die Version, bei der sie sie zu Tode drückt? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>



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		<title>Bloody Mary (überarbeitet)</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 30 Nov 2020 14:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Dämonen]]></category>
		<category><![CDATA[Geister]]></category>
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		<category><![CDATA[weibliche Protagonistin]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Nach einem letzten tiefen Atemzug gab ich mir einen Ruck.<br />
„Bloody Mary, Bloody Mary, Bloody Mary“, presste ich Wort für Wort hervor, während mein Herz mir in die Hose rutschte.<br />
Dann wartete ich. Stille. Vorsichtig öffnete ich die Augen ...</p>
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<p class="wp-block-paragraph">Bloody Mary war einer der vier Beiträge, mit denen ich meinen Blog gestartet habe. Daher habe ich mich entschieden, den Beitrag zu überarbeiten, bevor ich mich nächste Woche den <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/weihnachten" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Weihnachtslegenden</a> für dieses Jahr zuwende.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Es war ein warmer Sommerabend. Mein Freund Theo und ich saßen im Wohnzimmer in einer der Ferienwohnungen, die unser Abiturjahrgang für die Abschlussfahrt gebucht hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die anderen waren draußen beim Pool, in den anderen Wohnungen oder trieben sich sonst wo herum. Jedenfalls waren wir alleine, was wohl auch der Grund dafür war, dass Theo immer wieder versuchte, mir mein Top auszuziehen. Ich hielt ihn davon ab.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Theo, lass das. Du bist betrunken!“, mahnte ich ihn.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich selbst trank nur selten Alkohol und muss gestehen, dass ich mir seit Beginn der Abschlussreise ziemlich fehl am Platz vorkam. Während die anderen tranken, kifften und teilweise noch härtere Drogen nahmen, saß ich nur daneben und sah zu. Dass Lilly – meine beste Freundin und das einzige Mädchen der Klasse, das Alkohol noch weniger mochte, als ich – krank Zuhause geblieben war, machte das Ganze nicht besser.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich ertönte lautes Jubeln und Gegröle aus dem Flur. Ich wandte mich um, um zu sehen, wer es war. Lukas und seine Jungs – die „Coolen“ der Klasse – betraten das Wohnzimmer, dicht gefolgt von Laura, der größten Schlampe der Schule.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ah, Julia. Da bist du ja!“, sagte sie gespielt freundlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was willst du?“, fragte ich genervt. Ich konnte sie nicht ausstehen – und das beruhte auf Gegenseitigkeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ach nichts. Jakob hat uns da nur ein interessantes Video gezeigt“, erwiderte sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich erstarrte. Jakob? Er wird doch nicht …!?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du bist ja ganz schön rangegangen“, meldete sich Lukas zu Wort.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jakob war mein Ex. Ich hatte damals mit ihm Schluss gemacht, als ich herausgefunden hatte, dass er uns heimlich im Bett gefilmt hat. Ich dachte jedoch, dass er alle Videos gelöscht hätte!</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Aber eins muss man dir lassen: Du hast geile Titten“, redete Lukas weiter, während er dämlich grinste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich war wie gelähmt. Mir war heiß und kalt gleichzeitig. Ich konnte nicht einmal sagen, ob ich knallrot wurde oder meinem Gesicht sämtliche Farbe entwich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Theo hob mich von seinem Schoß, damit er aufstehen konnte. Er schob seine Ärmel hoch, während er bedrohlich auf Lukas zuging. Doch obwohl Theo einen Kopf größer war, blieb Lukas völlig gelassen. Er hob warnend den Zeigefinger.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Na, na, na. Wir wollen doch nicht, dass das Video im Internet landet.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das wirkte, Theo blieb wie angewurzelt stehen. Er sah mich an, als wollte er fragen, ob er zuschlagen solle. Ich schüttelte den Kopf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was wollt ihr?“, wandte ich mich jetzt an Lukas. Meine Kehle fühlte sich ausgetrocknet an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Vielleicht können wir deine Brüste ja mal in echt sehen?“, antwortete er, während er mich von Kopf bis Fuß musterte. Sein Grinsen wurde breiter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sah, wie Theo seine Fäuste ballte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Laura beachtete ihn nicht, während sie einen Schritt nach vorne tat. „Ich hab da eine bessere Idee“, sagte sie gehässig. „Erinnerst du dich noch an die achte Klasse?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich starrte sie mit großen Augen an. Es gab nur eine Sache, auf die sie anspielen konnte:</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der achten Klasse waren Laura und ich beste Freundinnen gewesen. Wir hatten alles zusammen gemacht. Zumindest bis zu einem Wahrheit oder Pflicht Spiel, das wir bei einer Hausparty in Haus meiner Eltern gefeiert hatten. Ich war an der Reihe gewesen und Laura durfte mir eine Pflicht zuteilen. Sie befahl mir, das Bloody Mary Ritual durchzuführen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bis heute habe ich nicht verstanden, wieso sie das getan hatte. Sie wusste genau, dass ich an solche Dinge glaubte. Und so geben wir uns bis heute gegenseitig die Schuld daran, dass wir uns fürchterlich gestritten und ich alle Gäste nach Hause geschickt hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du hast noch zehn Minuten.“ Lauras Worte rissen mich aus meiner Starre.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Panisch sah ich zur Uhr. Es war zehn Minuten vor Mitternacht. Sie wollet also tatsächlich, dass ich Bloody Mary beschwor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„W-wir haben keine Kerzen!“, log ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch Laura grinste nur, während sie eine lange, weiße Kerze aus ihrer Handtasche zog. Ich spürte, wie mein Puls schneller wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was ist los? Was soll Julia machen?“, fragte Theo verwirrt. Noch immer klang Wut in seiner Stimme mit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Bloody Mary, Bloody Mary, Bloody Mary“, antwortete Laura sie mit einem teuflischen Grinsen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das verwirrte Theo noch mehr. „Was?“, fragte er. „Das ist alles? Bloody Mary gibt es doch gar nicht. Das ist nur eine urbane Legende!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sag das mal ihr“, erwiderte Laura und nickte in meine Richtung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Theo sah mich kurz an, dann wieder Laura. „Mehr nicht? Wenn Julia bei eurer bescheuerten Mutprobe mitmacht, löscht ihr das Video?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich war weniger erleichtert. Was, wenn Bloody Mary tatsächlich auftauchte? Andererseits hatte ich noch nie von jemandem gehört, dem bei dem Ritual tatsächlich etwas passiert ist. Und das Video durfte auf keinen Fall hochgeladen werden. Die Macht, die Laura dann über mich hätte …</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Okay, ich machs!“, sagte ich entschlossen. „Aber das Video wird danach gelöscht! Damit das klar ist!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Entschlossenheit schien Laura zu amüsieren. Sie lächelte mich an, als wolle sie sagen: „Du traust dich das eh nicht!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenige Minuten später stand ich im Badezimmer. Die Kerze stand auf dem Waschbecken und ließ Lichter und Schatten über mein Gesicht tanzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unwohl sah ich zu Theo hinüber, der mit den anderen vor der offenen Tür im Flur stand. Im schwachen Licht konnte ich ihn kaum erkennen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Noch eine Minute“, sagte Laura.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie stand direkt neben ihm. Lukas und die anderen Jungs standen hinter ihr und reckten die Hälse, um alles gut sehen zu können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schluckte. Kalter Schweiß klebte mir im Nacken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zweifel stiegen in mir auf. Sollte ich es wirklich riskieren? Wenn sie das Video veröffentlichte, könnte das nur mein Leben ruinieren. Wenn Bloody Mary hingegen real war, könnte es meinen Tod bedeuten. ‚<em>Sie ist nicht real. Sie ist nicht real!</em>‘, versuchte ich mir einzureden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Dreißig Sekunden!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich spürte, wie mir schwindlig wurde. Ich war so angespannt, dass ich mich sogar daran erinnern musste, zu atmen. Gleichzeitig hämmerte mein Herz so laut in meiner Brust, dass ich kaum etwas anderes hörte. Bumm bumm, bumm bumm, bumm bumm.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Zehn, neun, acht“, begann Laura herunterzuzählen. Alle außer Theo stimmten mit ein. „Sieben, sechs, fünf, …“ Mein Herz schien aus meiner Brust ausbrechen zu wollen. „Vier, drei, zwei, eins.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schloss meine Augen und merkte, wie mir Tränen über die Wangen rollte. Nach einem letzten tiefen Atemzug gab ich mir einen Ruck.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Bloody Mary, Bloody Mary, Bloody Mary“, presste ich Wort für Wort hervor, während mein Herz mir in die Hose rutschte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann wartete ich. Stille. Vorsichtig öffnete ich die Augen. Ich rechnete fest damit, dass jemand hinter mir stehen würde … doch da war niemand. Im flackernden Licht der Kerze blickten mir nur meine eigenen feuchten Augen entgegen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erleichtert sah ich zu den anderen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Pff, hätte ja nicht gedacht, dass du dich traust“, warf Laura ein. Sie klang enttäuscht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Stolz stieg in mir auf, während ich mich vorbeugte, um die Kerze auszupusten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ihr löscht das Video auf der Stelle. Damit das klar ist!“, forderte Theo.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ughhh, was auch immer. Deal ist Deal“, erwiderte Laura genervt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hörte den beiden jedoch nicht einmal zu. Als ich die Kerze auspusten wollte, hatte ich eine Bewegung im Spiegel wahrgenommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Langsam richtete ich mich auf, während ich ungläubig die Stelle im Spiegel anstarrte. Es war eine junge Frau. Ihr blutverschmiertes Gesicht und die langen dunklen Haare waren in der Dunkelheit kaum zu erkennen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gelähmt vor Angst sah ich, wie sie ihre Hände mit völlig gleichgültigem Gesichtsausdruck um meinen Kopf legte. Sie brachte ihre Fingernägel näher und näher an meine Augen. Jetzt hätten ihre Finger meine Sicht blockieren müssen, doch da war nichts. Ich sah die Frau nur im Spiegel.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich den markerschütternsten Schrei meines Lebens ausstieß, machte die Frau eine ruckartige Bewegung mit ihren Händen. Das Kerzenlicht erlosch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gleichzeitig explodierte ein Schmerz in meinen Augen, der sich über mein gesamtes Gesicht ausbreitete – ein pochender, brennender Schmerz. Etwas Warmes lief meine Wangen hinunter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Panisch trat ich in Richtung Tür, stolperet jedoch über den Badvorleger und klatsche schmerzhaft auf die kalten Fliesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Licht! Schaltet das Licht an!“, flehte ich panisch, während ich weiterkroch. Ich musste aus dem Badezimmer raus!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch es blieb dunkel.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wo bleibt das Licht?“, kreischte ich noch panischer. Endlich hatte ich den Türrahmen erreicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Das Licht ist doch an!“, sagte Theo laut. Auch in seiner Stimme klang Panik mit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Um mich herum blieb es jedoch weiter dunkel.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich spürte, wie mich zwei kräftige Hände an den Armen packten und mich hochzogen, während mir Theos vertrauter Geruch in die Nase stieg.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Entsetztes Gemurmel wurde laut. Dann hörte ich ganz deutlich Lukas‘ Stimme: „O Gott, was ist mit ihren Augen passiert! Da ist überall Blut!“</p>



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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Bloody Mary (englisch für „Blutige Mary“) ist eine sehr bekannte <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">urbane Legende</a> und Mutprobe. Es heißt, dass Bloody Mary einem erscheinen solle, wenn man ihr <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/rituale" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Ritual</a> vor einem Spiegel ausführt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Das Ritual:</h3>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Hinweis: Ich rate dringend davon ab, übernatürliche Rituale durchzuführen. Der Kontakt zur Geister- oder Dämonenwelt kann schwerwiegende Folgen mit sich bringen!</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt viele verschiedene Varianten des Bloody Mary Rituals. Die bekannteste Variante besagt, dass man sich um Mitternacht im Licht einer einzigen Kerze vor einen dunklen Spiegel stellen und dreimal hintereinander den Namen „Bloody Mary“ sagen muss.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Andere Versionen besagen, dass man den Namen 13-mal, 99-mal oder 100-mal sagen, die Kerze auspusten oder sich während des Sprechens im Kreis drehen soll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Manchmal heißt es auch, dass man nicht den Namen, sondern Sätze wie „Bloody Mary, ich habe dein Kind gestohlen!“, „Bloody Mary, ich habe dein Kind getötet!“ oder „Ich glaube an Mary Worth!“ sagen muss.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hat man das Ritual richtig durchgeführt, soll Bloody Mary im Spiegel erscheinen. Entweder soll sie hinter einem stehen, oder aber das eigene Gesicht soll aussehen, wie das der Bloody Mary oder blutverschmiert sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weniger bekannt als das Ritual sind hingegen die Folgen. Die meisten Leute, die Bloody Mary erfolgreich beschworen haben, reden davon, dass sie lediglich im Spiegel aufgetaucht sei und sie beobachtet habe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Andere Theorien und Berichte besagen hingegen, dass Bloody Mary einen angreife. So soll sie einem die Augen auskratzen, den gesamten Körper mit Kratzspuren übersähen, einen umbringen oder sogar in das Innere des Spiegels zerren, wo man auf Ewigkeit gefangen sei.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Dafür, dass so viele Leute Bloody Mary gesehen haben wollen, gibt es erstaunlich wenige Aussagen über ihr Aussehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Häufig ist von dem <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Geist</a> eines Mädchen oder einer jungen Frau mit langen, meist dunklen Haaren und bleicher Haut die Rede. Es heißt oft – wenn auch nicht immer –, dass die Bloody Mary ein blutverschmiertes Gesicht habe. Das Blut kommt dabei entweder von einer oder mehrerer Wunden in ihrem Gesicht oder läuft aus ihren Augen wie Tränen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Manchmal ist auch die Rede davon, dass ihre Kleidung blutverschmiert oder ihr Körper mit Kratzern übersäht sei.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Von der Art ihrer Kleidung, ihrer genauen Haarfarbe oder sonstigen Merkmalen wird hingegen fast nie gesprochen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Darüber, woher die Bloody Mary Legende kommt, ranken sich viele Gerüchte. Seit sie zu einer beliebten Mutprobe geworden ist, hat sie sich durch Mund-zu-Mund-Propaganda, verschiedene Legenden und mehrere Filme auf der ganzen Welt verbreitet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der meiner Meinung nach wahrscheinlichste Ursprung ist eine alte Wahrsagetechnik, bei der eine Frau angeblich ihren zukünftigen Ehemann in einem Spiegel sehen konnte. Wenn die Frau jedoch unverheiratet sterben würde, sei statt ihrem Kopf im Spiegel ein Totenkopf erschienen. Bei der Wahrsagetechnik musste die einzige Lichtquelle ebenfalls eine Kerze sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein weiterer möglicher Ursprung ist Königin Maria I. von England (engl. Queen Mary I.), unter deren Herrschaft 300 Protestanten hingerichtet wurden. Daher verlieh man ihr den Spitznamen „Bloody Mary“. Abgesehen von dem Namen gibt es jedoch keine Gemeinsamkeiten mit dem Ritual.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Andere Leute behaupten, dass Bloody Mary zu Lebzeiten eine Frau gewesen sei, die auf grausame Weise ermordet wurde oder gar eine Hexe, die bei einer Hinrichtung starb. Da ihr Name jedoch je nach Version anders lautet – z. B. Mary Worth, Mary Wothington, Mary Jane oder Mary Lou – und es hierfür keine historischen Belege gibt, ist es wahrscheinlicher, dass dieser angebliche Ursprung erst nach der Entstehung der Legende erfunden wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber auch wenn man nicht weiß, wer oder was Bloody Mary tatsächlich war, ändert es nichts daran, dass das Ritual noch heute eine beliebte Mutprobe Gruselgeschichte ist.</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von Bloody Mary? Würdet ihr euch trauen, das Ritual durchzuführen? Habt ihr es vielleicht schon einmal getan und tatsächlich etwas gesehen? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Wenn ihr mehr solcher Geschichten oder Legenden lesen wollt, abonniert auch gerne meinen <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.geister-und-legenden.de/newsletter" target="_blank">Newsletter</a>, oder folgt mir auf <a rel="noreferrer noopener" href="https://twitter.com/geisterlegenden" target="_blank">Twitter</a>, <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.facebook.com/geisterlegenden/" target="_blank">Facebook</a> oder <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.instagram.com/geisterlegenden/" target="_blank">Instagram</a>!</em></p>
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		<title>Yamauba</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 21 Sep 2020 13:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Dämonen]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Monster und Ungeheuer]]></category>
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		<category><![CDATA[Ungeheuer]]></category>
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		<category><![CDATA[urbane Legenden]]></category>
		<category><![CDATA[Yamauba]]></category>
		<category><![CDATA[Yokai]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Und Yōko traute ihr. Obwohl sie die Frau nicht kannte, war sie sich sicher, dass sie ihr nichts Böses wollte. Dafür war sie viel zu nett, zu fürsorglich. Doch das war die eine Sache, bei der Yōko sich irrte ...</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg08.met.vgwort.de/na/61c584a33f9042ba9287a738e26efec4" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Yamauba sind <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wesen</a> des japanischen Volksglaubens, die in den Bergen leben und auf verirrte Wanderer hoffen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich muss dich warnen“, begann ich. „Was ich dir jetzt erzähle, ist keine schöne Geschichte. Sie ist sogar etwas gruselig, aber ich denke, du solltest sie hören.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist bereits viele, viele Jahre her, dass ein Mädchen sich in den Bergen verlaufen hat. Nennen wir sie Yōko. Das ist nicht ihr richtiger Name, aber der ist auch nicht so wichtig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Yōko war nur knapp älter als dein großer Bruder. Fünfzehn, um genau zu sein – sie war also größer und kräftiger als du. Doch trotzdem ist sie in Gefahr geraten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei einem Klassenausflug in den Bergen wurde Yōko von einigen anderen Mädchen geärgert, weswegen sie in den Wald gelaufen ist. Eigentlich wollte sie nur einen Moment alleine sein, doch weil sie ein Stadtkind war, das nie gelernt hatte, sich in Wäldern zu orientieren, hatte sie sich bald verirrt. Nicht einmal die Steigung des Berges half ihr dabei, zum Weg zurückzufinden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie brüllte die Namen ihrer Freunde, den Namen ihrer Lehrerin, sie schrie sogar um Hilfe. Doch niemand konnte sie hören.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Je mehr sie versuchte, zu ihrer Klasse zurückzufinden, desto weiter verirrte sie sich. Als es dann zu allem Überdruss auch noch zu Regnen begann, setzte Yōko sich unter einen Baum und weinte. Sie weinte, weil ihre Freundinnen sie geärgert hatten, weinte, weil sie ihre Klasse verloren hatte, und sie weinte, weil sie jetzt völlig durchnässt war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch dann tauchte plötzlich – wie aus dem Nichts – diese Frau auf, während es wie durch ein Wunder schlagartig zu regnen aufhörte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">‚Aber Kleines, wieso weinst du denn?‘, hatte die Frau gefragt. Sie hatte die wärmste und freundlichste Stimme, die du dir nur vorstellen kannst.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie wirkte sehr alt und ich fühlte … <em>Yōko</em> fühlte sich sofort geborgen. Sie erinnerte sie an ihre Oma.</p>



<p class="wp-block-paragraph">‚Ich wurde von meiner Klasse getrennt‘, jammerte Yōko.</p>



<p class="wp-block-paragraph">‚Und du bist ja auch völlig durchnässt‘, merkte die alte Frau an. ‚Komm mit. Ich hab hier in der Nähe eine Hütte. Da kannst du dich aufwärmen!‘</p>



<p class="wp-block-paragraph">Yōko zögerte nicht lange. Sie wusste, dass sie nicht mit Fremden gehen sollte, aber die Frau wirkte so unschuldig. Außerdem war sie so alt, dass Yōko bezweifelte, dass von ihr eine Gefahr ausging.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und die Frau hatte nicht gelogen: Sie hatte eine Hütte in der Nähe. Es war eine schöne Holzhütte, in deren warmen und trockenen Inneren man sich sofort geborgen fühlte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die alte Frau gab Yōko eine warme Decke, in die sie sich einwickeln konnte. Es war eine beige Wolldecke, die mit kleinen, niedlichen Häschen bestickt war. Dann hängte sie Yōkos nasse Kleidung über den Kamin und machte ihr einen Tee. Gemeinsam warteten sie, bis die Kleidung trocken war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch die Kleidung wurde nicht trocken. Es war, als würde ein dunkler Zauber auf ihr liegen, der sie gegen das Feuer immun machte. Normalerweise hätte es über dem warmen Kamin nur Minuten dauern dürfen, doch in diesem Fall war es anders.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Stattdessen erzählte die alte Frau Geschichten aus ihrem Leben und fragte Yōko nach der Schule, ihren Freunden, ihren Eltern, sodass sie völlig das Zeitgefühl verlor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst als es langsam dämmerte, sprang Yōko erschrocken auf. ‚Ich sollte jetzt wirklich los‘, sagte sie. ‚Meine Eltern machen sich bestimmt schon Sorgen!‘</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die alte Frau hinderte sie nicht daran, doch als Yōko ihre Kleidung von Kamin nehmen wollte, war sie noch immer nass – zu nass, um sie anzuziehen, ohne eine Erkältung zu riskieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frau schien genau so verwundert zu sein, wie Yōko. Sie konnten sich nicht erklären, wieso die Kleidung nicht trocknen wollte – zumindest tat sie so.</p>



<p class="wp-block-paragraph">‚Wie wäre es, wenn du hier übernachtest und ich dich morgen bei Tagesanbruch zu den Miethütten bringe, die hier in der Nähe stehen? Der Verwalter dort hat ein Telefon‘, schlug die Frau vor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und Yōko traute ihr. Obwohl sie die Frau nicht kannte, war sie sich sicher, dass sie ihr nichts Böses wollte. Dafür war sie viel zu nett, zu fürsorglich. Doch das war die eine Sache, bei der Yōko sich irrte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Du musst wissen, die alte Frau war keine normale alte Frau. Sie war eine Yamauba – eine Berghexe. Ein Wesen, das dafür bekannt ist, Menschen zu fressen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Tagsüber verwandeln sie sich mit ihrer Magie in eine unschuldige alte Frau. Doch des Nachts, wenn sie ihre Tarnung nicht mehr brauchen, werden zu einer Bestie. Ihre grauen Haare werden wirr und weiß, ihre Haut blass und schlaff, ihre Augen verlieren ihren Glanz und ihre Kleidung wird ausgebleicht und lumpig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch das Schlimmste an ihnen ist wohl der Mund. Er wird riesig und zieht sich fast von einem Ohr zum anderen. Ich denke, das ist, damit sie ihre Opfer leichter fressen kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Yōko lag also auf der Couch in die beige Decke mit den kleinen Häschen gewickelt, während sie versuchte, zu schlafen. Doch sie war zu tief in ihren Gedanken versunken. Was würden ihre Eltern denken? Wie würden sie regieren, wenn sie zurück nach Hause kam? Wären sie erleichtert oder wären sie wütend, weil Yōko weggelaufen war?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich hörte Yōko ein Geräusch aus dem Schlafzimmer. Es war eine Art Grunzen oder Stöhnen. Jedenfalls klang es nicht menschlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Barfuß schlich sie zu der Tür, die einen Spalt breit offen stand. Als sie hinein spähte, erschrak sie: Was dort auf dem Boden hockte, war nicht die alte Frau von vorhin. Es war ein Bündel aus wirren Haaren, die über ihre Schultern fielen und zerfetzter Kleidung. Ihr Blick war völlig wahnsinnig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">‚Vielleicht sollte ich sie roh essen‘, murmelte die Yamauba vor sich hin. ‚Aber ich hatte schon so lange keinen frischen … saftigen … Menschen mehr. Ich sollte es genießen. Vielleicht sollte ich sie kochen?‘</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann sprang die Yamauba plötzlich auf und kam in Richtung Tür. Yōko wusste nicht, wo sie hinsollte. Sie durfte keinen Lärm machen. Also rannte sie auf Zehenspitzen zurück zum Sofa und legte sich hin. Gerade noch rechtzeitig. Bereits im nächsten Moment hatte die Frau die Tür erreicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie stapfte ins Wohnzimmer, blieb neben Yōko stehen. Mit einem langen, dünnen Finger fuhr sie über die Haut von Yōkos Schulter, während Yōko darauf achtete, keinen Mucks von sich zu geben. Sie bemühte sich, langsam zu atmen und so zu tun, als würde sie schlafen, machte sich aber gleichzeitig dazu bereit, sich mit allen Kräften zu wehren, falls die Hexe sie angreifen würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch zum Glück entschied sie, Yōko nicht sofort zu fressen. Sie ging weiter zur Eingangstür und verschwand draußen in der Dunkelheit der Nacht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Yōko wartete angespannt, achtete auf jedes Geräusch. Erst, als sie die Schritte nicht mehr hören konnte, sprang sie schließlich auf. Sie schlich zur Tür. Doch als sie sie öffnen wollte, konnte sie sie nicht öffnen. Merkwürdig. Dabei hatte Yōko doch gar nicht gehört, wie die Frau die Tür abgeschlossen hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch Yōko hatte keine Zeit, darüber nachzudenken. Sie musste aus der Hütte raus, bevor die Frau wiederkam. Leider konnte man die Fenster nicht öffnen, doch sie bestanden nur aus Holz und Glas.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Yōko zögerte nicht lange, nahm einen Stuhl, der vor einem Fenster stand und zerschmetterte das Glas. Sorgfältig schlug sie die Scherben aus dem Rahmen, um sich nicht zu verletzen, und kletterte nach draußen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ohne sich umzusehen, rannte sie in die kalte Nacht – mit nichts bekleidet, als der beigen Decke mit den Häschen darauf. Sie rannte, bis ihre Füße wund waren, und hielt erst an, als sie in der Ferne Lichter sehen konnte. Es waren die Miethütten, von denen die Yamauba geredet hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenigstens hatte die alte Frau dabei nicht gelogen. Aber sie hatte bei etwas anderem gelogen: Sie hatte alles in ihrer Macht Stehende getan, damit Yōko ihr vertraut hatte und bei ihr blieb.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und deshalb, solltest du nie, wirklich niemals einem Fremden vertrauen, egal, wie freundlich oder harmlos er wirkt. Deshalb hat Mama dich vorhin angeschrien, als du mit dem fremden Mann auf dem Parkplatz gesprochen hast, als sie dich abgeholt hat. Sie war nicht böse auf dich. Sie hatte Angst.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der kleine Hiro sah mich mit großen Augen an. Er hatte kein einziges Wort gesagt, da seine Eltern im beigebracht hatten, andere nicht zu unterbrechen. Also ließ ich ihm jetzt eine Pause für seine Fragen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du, Oma?“, fragte er. „Hat man die böse Frau verhaftet?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich lächelte, während ich in Gedanken schwelgte. Die Polizisten und einige Freiwillige hatten den gesamten Wald nach ihr abgesucht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nein“, sagte ich. „Die Yamauba war wie vom Erdboden verschluckt. Nicht einmal ihre Hütte hat man gefunden.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hiro schwieg. Er schien nachzudenken. Dann öffnete er wieder den Mund. „Also ist die Hexe immer noch da draußen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich weiß es nicht“, gestand ich. „Aber keine Sorge. Wenn du nicht mit ihr gehst, kann sie dir nichts anhaben. Und jetzt schlaf. Ich habe dich schon viel zu lange wach gehalten.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hiro leistete keine Widerrede. Er legte sich hin und sog die Bettdecke bis zum Kinn. „Gute Nacht, Oma“, sagte er. Dann zögerte er. „Kannst du das Licht im Flur anlassen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Aber natürlich mein Schatz. Gute Nacht!“, erwiderte ich. Dann ging ich auf den Flur.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich dachte diese Nacht noch häufiger an meine Nacht in der Waldhütte. Wie die Erwachsenen nach und nach aufgehört hatten, meine verrückte Geschichte zu glauben, bis sie die Suche nach der Yamauba schließlich aufgaben. Doch ich hatte den Beweis: Meine Kleidung von jenem Tag war nie wieder aufgetaucht. Stattdessen besaß ich seither jedoch eine beige Wolldecke, die mit kleinen Hasen bestickt war. Ich hatte mich in all den Jahren nie getraut, sie wegzuwerfen …</p>



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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Yamauba (Japanisch für „Berghexe“) sind als unschuldige alte Frau getarnte <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/yokai" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Yōkai</a>, die in den Bergen leben und unwissende Wanderer in ihre Hütten oder ihr Häuser locken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es wird vermutet, dass sie zu den weiblichen Oni gehören.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Entstehung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Es heißt, dass Yamauba entstehen können, wenn eine kriminelle Frau in die Wälder oder Berge flieht, um sich dort über längere Zeit zu verstecken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Andere Versionen besagen, dass Yamauba früher alte Frauen waren, die in die Berge geführt und dort zum Sterben zurückgelassen wurden. Dies soll z.B. während der Hungersnöte der Edo-Periode (1603 bis 1868) häufiger vorgekommen sein.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die meiste Zeit über sehen Yamauba wie gewöhnliche alte Frauen aus. Sie werden hierbei oft als freundlich und warmherzig beschrieben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dieses Aussehen ist jedoch lediglich eine Täuschung, um Leute dazu zu bringen, der Frau zu vertrauen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihr wahres Aussehen soll das einer hässlichen alten Frau sein. Sie soll zerlumpte, dreckige Kleidung tragen und ihre langen weißen Haare sollen wirr und ungepflegt sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem sollen sie einen sehr großen bzw. breiten Mund haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In selteneren Fällen soll sich die Yamauba auch als junge hübsche Frau tarnen oder Hörner und Reißzähne besitzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem habe ich zwei Seiten gefunden, die davon berichten, dass die Yamauba ähnlich die wie die Futakuchi-Onna einen Mund unter ihren Haaren am Hinterkopf hätten. Ich habe jedoch nichts Genaueres hierzu gefunden, was diese Aussage belegen konnte.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Yamauba können sehr vielseitig sein. Meistens werden sie als böse dargestellt, sie können jedoch auch eine gute Seite haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So gibt es Geschichten von einer Yamauba, die ein verwaistes Kind großzieht oder einer Yamauba, die eine Theatertruppe verschont, nachdem diese ihr Stück über eine Yamauba vorführen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da diese Ausführungen meinen Beitrag jedoch sprengen würden, beziehe ich mich hier nur auf die bösartigen Yamauba, die verirrte und erschöpfte Wanderer in ihre Hütte locken und angreifen sollen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie tarnen sich meist als alte, harmlose und häufig sehr freundliche alte Frau, die den Wanderern eine Unterkunft für die Nacht und etwas zu Essen anbietet. Wenn man ihr Angebot annimmt und tatsächlich in ihrer Hütte schläft, zeigen sie des Nachts jedoch ihr wahres Gesicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Entweder sollen sie ihre Gäste töten und verspeisen, oder aber sie sollen – wahrscheinlich ist diese Version erst mit den westlichen Einflüssen entstanden – ihre Gäste gefangen halten, mästen und dann erst verspeisen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Häufig heißt es außerdem, dass sie starke Magie beherrschen. Abgesehen davon, dass ihre Magie dunkel sein soll, habe ich jedoch nichts darüber herausfinden können, welche Kräfte sie neben ihrer Gestaltwandlung beherrschen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem soll es nicht unmöglich sein, die Begegnung mit einer Yamauba zu überleben. So gibt es Geschichten, in denen sich ihre potentiellen Opfer aus dem Haus schleichen konnten oder die Hexe gar mit kochendem Wasser überschüttet haben, um zu fliehen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Yamauba leben meist in einer einsamen Hütte in den Bergen, wo sie erschöpften oder verirrten Wanderern leicht Unterschlupf bieten können.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Legenden</a> und Geschichten über Yamauba existieren bereits mindestens seit dem 12. Jahrhundert. Wodurch genau ihre Legende entstanden ist, konnte ich jedoch nicht herausfinden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es heißt im Internet häufiger, dass die Yamauba entstanden seien, als man bei den Hungersnöten in der Edo-Periode alte Menschen in die Berge gelockt und dort zum sterben zurückgelassen hat. Die Menschen sollen dies angeblich getan haben, da sie sonst nicht genau Essen für alle gehabt hätten. Andere Aussagen gehen sogar so weit, dass die Menschen die älteren Menschen getötet und gegessen haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da die Edo-Periode jedoch erst einige hundert Jahre nach den ersten bekannten Erwähnungen der Yamauba begann, kann diese Theorie nicht stimmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Heutzutage werden Yamauba übrigens gerne als Kinderschreck genutzt und sind noch immer in der Kultur beliebt.</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von den Yamauba? Wie hättet ihr reagiert, wenn ihr euch in den Bergen verirrt hättet und eine alte Frau euch ihre Hilfe angeboten hätte? Schreibt es mir in die Kommentare!</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Wenn ihr mehr solche Geschichten oder Legenden lesen wollt, abonniert auch gerne meinen <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.geister-und-legenden.de/newsletter" target="_blank">Newsletter</a>, oder folgt mir auf <a rel="noreferrer noopener" href="https://twitter.com/geisterlegenden" target="_blank">Twitter</a>, <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.facebook.com/geisterlegenden/" target="_blank">Facebook</a> oder <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.instagram.com/geisterlegenden/" target="_blank">Instagram</a>!</em></p>
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