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	<title>Seeungeheuer Archiv - Geister und Legenden</title>
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	<description>In diesem Blog schreibe und veröffentliche ich jeden zweiten Montag eine neue Legende und Geschichte über Geister oder andere übernatürliche Dinge. Viel Spaß beim Gruseln!</description>
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		<title>Selkies – Sie wollen zurück ins Meer</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 22 Sep 2025 13:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Ich betrachtete die Narben, die zwischen meinen Fingern hervorblitzten. Laut meinen Eltern stammen sie von einem Gendefekt. Ich hätte eine Mutation gehabt, die meine Hände entstellt habe. Aber für mich sah das anders aus. Die Narben waren zu gleichmäßig. Sie waren an der Innenseite all meiner Finger und sogar meiner Zehen. Es sah eher danach aus, als hätte ich bei meiner Geburt Schwimmhäute gehabt, die mir wegoperiert wurden …</p>
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<p class="wp-block-paragraph">Selkies sind zur Abwechslung mal <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer">Wesen</a>, die überhaupt nicht gruselig sind. Trotzdem finde ich diese schottischen Meereswesen unglaublich faszinierend. Ich hoffe, sie gefallen euch ebenfalls!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Lesen!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen (Achtung Spoiler!) </strong></summary>
<p>&#8211; Mobbing<br>
&#8211; Trauer</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Tag begann wie jeder andere. Nichts deutete darauf hin, dass ich an diesem Tag einen Menschen verlieren sollte, der mir so unglaublich viel bedeutete …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich saß in meiner Klasse. Unsere Englischlehrerin war noch nicht da, weshalb die anderen Schüler um mich herum noch schrien, lachten und rumalberten. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie zwei Schülerinnen eine Federtasche hin und herwarfen. Wem sie gehörte, wusste ich nicht. Aber das war mir eigentlich auch egal.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Stattdessen starrte ich auf meine Hände. Ich betrachtete die Narben, die zwischen meinen Fingern hervorblitzten. Laut meinen Eltern stammen sie von einem Gendefekt. Ich hätte eine Mutation gehabt, die meine Hände entstellt habe. Aber für mich sah das anders aus. Die Narben waren zu gleichmäßig. Sie waren an der Innenseite all meiner Finger und sogar meiner Zehen. Es sah eher danach aus, als hätte ich bei meiner Geburt Schwimmhäute gehabt, die mir wegoperiert wurden …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und das war nicht das Einzige, das mich mit dem Ozean verband. Ich war der Sohn eines Fischers. Seit mein Dad klein war, hatte er meinen Opa auf seinem Fischerboot begleitet, bis er irgendwann in seine Fußstapfen getreten war und den alten Kutter von ihm übernommen hatte. Er hatte schon immer eine enge Beziehung zum Meer gehabt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war jedoch nichts im Vergleich zu meiner Mum. Sie fuhr nicht mit Dad auf seinem Boot raus. Sie badete sogar nur selten im Ozean. Aber ihr müsstet sie mal sehen, wenn sie draußen auf der Veranda steht und aufs Meer hinausblickt. Die Sehnsucht in ihren Augen, die Überwindung, die es sie kostet, um ihre Augen von dem tiefen Blau abzuwenden. Es war, als wäre sie von der See besessen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber es gab eine Erklärung dafür. Für ihr Verhalten und sogar für meine Schwimmhäute. Es war ein Verdacht, den ich noch nie laut ausgesprochen hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hey, Fischfresse!“, riss mich eine Stimme aus meinen Gedanken. „Sitzt du ganz allein hier? Hat dein einziger Freund jetzt auch endlich erkannt, was du für ein Versager bist?“ Im nächsten Moment traf mich ein unsanfter Schlag am Hinterkopf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich starrte dabei weiter angespannt auf meine Hände und versuchte, Angus zu ignorieren. Er war der größte Bully aus unserer Klasse. Und das meine ich wörtlich. Er überragte die meisten anderen Schüler, mich eingeschlossen, um mindestens einen Kopf. Und zu meinem Pech hatte er mich auf dem Kieker, seit ich angeblich seine Beziehung ruiniert hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es hatte damit angefangen, dass wir in die weiterführende Schule gekommen waren. Damals war Angus mit Ellie zusammen gewesen, einem Mädchen aus unserer Klasse. In den ersten Wochen wurde mir jedoch klar, dass Ellie heimlich ein Auge auf mich geworfen hatte. Eins hatte zum anderen geführt, bis Angus schließlich voller Eifersucht mit ihr Schluss gemacht hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dabei war das nicht meine Schuld gewesen. Oder zumindest nicht meine Absicht. Ich hatte keinerlei Annäherungsversuche gegenüber Ellie unternommen, ihr sogar gesagt, dass ich kein Interesse an ihr hatte. Aber es hatte nichts gebracht. Und so folgten bisher drei Jahre voller Terror, in denen ich nichts anderes tun konnte, als Angus‘ Schikanen auszusitzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hey! Callum! Hat dir deine Mommy nicht beigebracht, dass du antworten sollst, wenn jemand mit dir spricht?“, fuhr Angus mich an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich konnte ein Zusammenzucken nicht unterdrücken. Er stand noch immer hinter mir. Der erwartete Schlag, der erneute Schmerz an meinem Hinterkopf blieb jedoch aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wenn du dich mit jemandem anlegen willst“, hörte ich eine andere Stimme, „such dir jemanden in deiner Größe.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erleichtert atmete ich auf. Da stand Liam und hielt Angus‘ zum Schlag ausgeholte Hand fest. Er zwinkerte mir zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment befreite Angus seine Hand mit einem Ruck. Er funkelte mich an. „Nächstes Mal, Fischfresse“, sagte er nur, ehe er weiter zu seinem Platz ging.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Liam kam einen Schritt näher. Er legte seine Hand auf meine Schulter. „Mach dir nichts draus, Callum. Angus ist ein Arsch.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich widerstand dem Drang, nach seiner Hand zu greifen. Nicht hier. Die anderen durften nichts von uns wissen. Stattdessen lächelte ich ihn schief an „Danke. Aber das wusste ich schon vorher.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment zog er seinen Stuhl zurück und setzte sich neben mich. „Wie sieht es eigentlich mit unseren Wochenendplänen aus? Steht das Zelten noch?“, fragte er neugierig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Fast sofort spürte ich, wie mein Lächeln wärmer wurde. „Meine Eltern sind einverstanden“, erklärte ich. „Ich muss nur unser altes Zelt wiederfinden. Aber das bekomm ich schon hin.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein ganzes Wochenende. Nur Liam und ich. Zwei Tage, an denen wir nicht aufpassen mussten, ob uns jemand sieht, wenn wir Händchen hielten. Wir mussten uns keine Gedanken machen, wenn wir abends zusammen im Gras lagen und den Sternenhimmel beobachteten. Uns nicht vorher umsehen, wenn wir einander einen flüchtigen Kuss geben wollten.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der restliche Schultag verlief ruhig. Zwar sah ich einige Male, wie Angus mir verächtliche Blicke zuwarf, aber da Liam mir nicht mehr von der Seite wich, ließ er mich in Ruhe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als die Glocke schließlich das Ende der letzten Stunde ankündigte, beeilte ich mich, meine Sachen zu packen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wir sehen uns morgen“, sagte ich zu Liam.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Schreib mir, wenn was dazwischenkommt oder du das Zelt nicht findest“, erwiderte er. „Ansonsten hol ich dich um Punkt 10 ab.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich grinste. „Ich schreib dir auch, wenn mir nichts dazwischenkommt“, erklärte ich. Danach berührte ich ihn sanft an der Schulter – die intimste Berührung, die ich mir in der Schule erlaubte –, ehe ich zum Bus rennen musste.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach einer ruhigen Busfahrt, bei der ich hauptsächlich Musik gehört hatte, und etwa drei Minuten Fußweg näherte ich mich unserem Haus. Es stand in Küstennähe und ich konnte von der Straße aus bereits das Rauschen der Wellen hören. Ein schwacher Geruch nach Meerwasser stieg mir in die Nase und ich spürte, wie mich ein wohliger Schauer überkam. Ich liebte den Strand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz darauf sah ich, dass auch Mum wieder auf der Veranda stand und auf das Meer hinaus starrte. Sie tat das häufig. Eigentlich fast täglich, wenn das Wetter gut war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hey Mum“, begrüßte ich sie. „Bin wieder da.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber Mum reagierte nicht. Es wirkte nicht so, als hätte sie mich bemerkt, obwohl ich laut genug gesprochen hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Genau das meinte ich. Es war, als wäre sie in ihrer eigenen kleinen Welt gefangen. In diesen Momenten gab es nur sie und das Meer. Natürlich könnte das eine Form von Autismus sein oder irgendetwas Ähnliches, aber ich hatte etwas anderes im Verdacht. Etwas anderes, das noch so viel mehr erklären würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hier in Schottland gibt es alte Legenden von den sogenannten Selkies – Schottisch für „Robben“. Und genau das waren sie auch. Bei den Selkies soll es sich um große Robben handeln, die manchmal ihr Fell abstreifen, um als Menschen an Land zu wandeln. Wenn sie nun ihr Fell verloren oder es gestohlen wurde, waren sie dazu verdammt, auf ewig Menschen zu bleiben. Es heißt aber, dass sie die tiefe Sehnsucht nach der See, ihrem wahren Zuhause, nie verlieren sollen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und ja, ich weiß, wie das klingt. Mit 15 sollte man nicht mehr an solche Märchen glauben. Am Anfang war es auch bloß eine alberne Idee gewesen, die ich selbst für bescheuert gehalten hatte. Je mehr ich über die Selkies gelesen hatte, desto mehr erinnerten mich die Erzählungen jedoch an Mum. Als ich dann auch noch erfuhr, dass die Kinder von Selkies oft Schwimmhäute zwischen Fingern und Zehen haben … Seit jenem Tag betrachte ich meine Theorie jedenfalls als reelle Möglichkeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich ertappte mich dabei, wie ich wieder meine Narben musterte. Also ließ ich die Hände wieder sinken. Mum hatte mich noch immer nicht bemerkt und ich wollte sie nicht aus ihren Gedanken reißen, also ging ich weiter ins Haus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich bin wieder da!“, rief ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz darauf steckte Dad seinen Kopf aus dem Wohnzimmer. „Hi Callum“, grüßte er durch seinen vollen Bart. „Wie war die Schule?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„So wie immer“, antwortete ich vage.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Und Liam?“, fragte er weiter. „Wie geht es ihm? Freust du dich schon auf morgen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei dem Gedanken an meinen Freund musste ich sofort lächeln. „Ihm gehts gut. Und ja. Das tu ich. Apropos … Weißt du zufällig, wo unser Zelt ist? In der Garage konnte ich es gestern nicht finden.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dad überlegte einen Moment. „Puh. Es ist schon ewig her, dass wir das benutzt haben. Vielleicht liegt es auf dem Dachboden? Ich kann aber nicht versprechen, dass es nicht inzwischen völlig von Motten zerfressen ist.“ Er lächelte verspielt und zwinkerte mir zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Gesichtsausdruck musste daraufhin so entsetzt gewesen sein, dass Dad lachen musste. Er kam zu mir und wuschelte mir durch die Haare. „Keine Sorge. Wenn das Zelt wirklich kaputt ist, fahre ich persönlich morgen früh in die Stadt und hol dir ein neues. Oder wenn du es nicht finden kannst. Ihr könnt euren kleinen Abenteuerurlaub auf jeden Fall machen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt strahlte ich. „Danke Dad“, sagte ich und gab ihm eine flüchtige Umarmung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„In zwei Stunden gibt es Essen!“, rief er mir nach, während ich auf den Dachboden rannte.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf dem Dachboden roch es nach Staub. Nein, es roch nicht nur danach. Im schwachen Licht, das durch ein einzelnes Fenster fiel, sah ich die Staubpartikel durch die Luft tanzen. Und auch die Möbel, Kisten und anderen Dinge hier oben waren alle von einer dicken Staubschicht bedeckt. Ich war ewig nicht hier oben gewesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Neugierig sah ich mich um. Mein Blick fiel auf einen in sich zusammengesackten Fußball, auf dem das ausgeblichene Gesicht einer Cartoonkatze war. Auch er war von Staub bedeckt. Trotzdem weckte er bei mir sofort Erinnerungen. Meine Eltern hatten ihn mir geschenkt, als ich noch nicht einmal in der Schule war. Wie viele Nachmittage wir ihn hin und her gekickt hatten. Mein Dad hatte extra schlecht gespielt, damit ich überhaupt ein Tor schießen konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder merkte ich, dass ich lächelte, während ich meinen Blick weiterwandern ließ. Hier oben waren so viel Dinge – mir bekannte und unbekannte. Einige mussten von meinen Großeltern stammen. Alte schwarz-weiß Fotos auf einem uralt aussehenden Tisch. Andere von Dad oder von mir. Nur von Mum schien hier nicht wirklich etwas zu liegen. Auch ihre Eltern oder andere Familienmitglieder hatte ich nie kennengelernt. Es gab nicht einmal Fotos von ihnen. Wieder musste ich an meine Selkie-Theorie denken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schüttelte den Kopf. Deswegen war ich nicht hier. Wenn ich vor dem Essen noch irgendetwas erreichen wollte, musste ich mich an die Arbeit machen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem ich grob alles überflogen hatte, ohne dabei etwas zu finden, dass nach einem Zelt aussah, nahm ich mir die Kisten vor. In vielen von ihnen war Ramsch – altes Geschirr, Zeitschriften, aussortierte Wäsche. Ich ignorierte sie. Bei anderen hingegen fiel es mir weniger leicht, sie beiseitezuschieben. In ihnen lagen hauptsächlich alte Dinge von mir. An einer Kiste mit alten Spielsachen und Kuscheltieren verschwendete ich bestimmt eine Viertelstunde, obwohl von vornerein klar war, dass das Zelt nicht darin liegen würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch fand ich Dads alte Angelausrüstung. Sie lag auf einer unbeschrifteten Kiste. Auch hier schwelgte ich in Erinnerungen. Es war Jahre her, dass Dad und ich angeln waren. Warum auch? Fische fangen war immerhin sein Beruf. Da wollte er in seiner Freizeit sicherlich etwas anderes machen. Ich erinnerte mich an ein Lagerfeuer, über dem wir einen viel zu kleinen Fisch gebraten hatten – den einzigen Fisch, den ich an jenem Tag selbst gefangen hatte. Dad hatte mir geholfen, die Gräten zu entfernen, damit ich ihn essen konnte, ehe wir … zurück ins Zelt gegangen waren! Der Angelausflug war ein Campingtrip gewesen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hastig räumte ich die Angelausrüstung beiseite, um an die Kiste zu kommen. Vielleicht war ich dabei etwas unvorsichtig – die Ausrüstung fiel mir mit lautem Gepolter aus der Hand –, aber das war mir gerade egal. Sobald die Kiste frei war, klappte ich die obere Pappe beiseite. Darin lag … etwas Graues, Flauschiges. Unsicher griff ich danach. Es war eine Art dichter, weicher Stoff. Ich holte es aus der Kiste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz darauf lag die Robbenhaut ausgebreitet vor mir auf dem Boden. Sie war grau, mit dunklen Flecken und einem auffälligen hellen Muster in der Mitte – etwa dort, wo der Rücken der Robbe gewesen sein musste. Außerdem war es ungewöhnlich groß.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Selkies können ihr Robbenfell abstreifen, um als Menschen an Land zu wandeln“, murmelte ich. Konnte es sein? War das Mums Fell?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Gedanken kreisten. Sie wirbelten umher und überschlugen sich. Nehmen wir an, dass Mum tatsächlich eine Selkie ist. Warum lag ihr Fell dann auf dem Dachboden? Soweit ich mich erinnerte, hieß es, dass Selkies immer nach kurzer Zeit ins Wasser zurückgekehrt sind. Außer sie haben ihr Fell verloren. Oder es wurde gestohlen. Aber warum lag es dann hier oben. Dad würde doch nie …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurzerhand packte ich das schwere Fell und ging damit zurück ins Wohnzimmer. Meine Schritte stapften laut über die Holztreppe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Dad? Dad, was ist das?“, stellte ich ihn zur Rede.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst sah er neugierig auf. Dann weiteten sich jedoch seine Augen und er sah flüchtig zum Fenster. „Pack das weg“, flüsterte er leise. „Mum darf es nicht sehen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also war es wahr? „Warum nicht?“, hakte ich nach.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Es ist … Es ist ein Geschenk“, sagte er. Ich erkannte die Lüge sofort. Dad war noch nie ein guter Lügner gewesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ist Mum eine Selkie?“, fragte ich also direkt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Daraufhin klappte Dads Mund auf. Es kam aber kein Ton heraus. Er schloss und öffnete ihn wieder. Er sah aus wie ein Fisch, den man an Land geholt hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das reichte mir als Antwort. Also rannte ich weiter Richtung Haustür. Wenn das Mums Fell war, musste sie wissen, dass es im Haus lag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Callum! Warte!“, rief Dad, während er mir nachstürzt. Aber er war zu langsam. Ich war bereits nach draußen auf die Veranda getreten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dort stand Mum. Sie wandte die Augen vom Ozean ab – wahrscheinlich um zu sehen, was der Tumult sollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als sie mich sah, erstarrte sie. Oder besser gesagt als sie das Fell in meinen Händen sah. Ihre weit aufgerissenen Augen waren starr darauf gerichtet. Ungläubig tat sie einen Schritt auf mich zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich kenne dein Geheimnis, Mum“, sagte ich leise, während ich das Robbenfell hochhielt. Ich spürte, wie sich ein Kloß in meinem Hals bildete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt hatte auch Dad die Tür erreicht. „Selene, ich … Ich kann es erklären!“, sagte er schnell.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch Mum beachtete ihn gar nicht. Sie trat weiter auf mich zu, streckte die Hand nach dem Fell aus, zögerte dann jedoch. Ihre Hand griff stattdessen nach meiner Wange. Ihre dunklen Augen sahen tief in meine. „Und ich kenne dein Geheimnis“, sagte sie ruhig. „Dad und ich sehen doch, wie Liam und du einander anseht. Wir wissen es. Und wir freuen uns für euch.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt lächelte sie. Ich stand bloß da, spürte, wie mir heiß und kalt gleichzeitig wurde. „Ich … Wir …“, stammelte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mum streichelte meine Wange. „Es ist in Ordnung“, sagte sie sanft. Jetzt sah sie auch zu Dad. Auch ihn lächelte sie an. „Ich liebe euch.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann griff sie nach dem Fell, warf es sich über die Schultern und rannte den kleinen Abhang zum Strand hinunter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dad stürzte ihr sofort nach. „Selene! Selene!“, brüllte er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich blieb auf der Veranda stehen, sah dabei zu, wie Mum in die Wellen rannte und elegant wie eine Robbe darin verschwand. Nein. Nicht <em>wie</em> eine Robbe. <em>Als</em> Robbe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dad versuchte noch eine Weile, sie einzuholen, ehe er aufgab und völlig durchnässt aus dem Wasser stapfte. Er sackte am Strand in sich zusammen und weinte. Auch ich weinte jetzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war das letzte Mal, dass ich Mum gesehen habe. Zumindest in ihrer menschlichen Gestalt. Aber oft, wenn ich mit Liam am Strand bin, oder mit Dad auf seinem Kutter, kann ich unweit im Wasser eine Robbe entdecken. Eine Robbe mit einem auffällig hellen Muster auf ihrem Rücken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn ihr mich fragt, ob ich bereue, Mum ihr Fell wiedergegeben zu haben, so kann ich nur sagen, dass es das Richtige war. Klar, ich vermisse sie, aber sie ist ein Wesen des Meeres. Niemand sollte sie an Land gefangen halten. Auch nicht aus Liebe. Und ich denke, das hat auch Dad inzwischen eingesehen.</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Selkies (Schottisch für „Robben“), auch Silkies, Sylkies oder Selchies geschrieben, sind Wesen der keltischen Mythologie. Es handelt sich bei ihnen um Robben, die ihre Haut ablegen und sich so in Menschen verwandeln können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Oft werden sie als keltische Version der Meerjungfrauen-Legende bezeichnet.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In den meisten Geschichten sind sie weiblich, es gibt aber auch <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden">Legenden</a> über männliche Selkies.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie bereits erwähnt sind sie Gestaltwandler. In ihrer Robbenform sehen sie wie normale Robben aus. Es handelt sich dabei aber normalerweise um größere Arten als z. B. die in Deutschland heimische Kegelrobbe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Menschengestalt hingegen werden sie als besonders schön und anmutig beschrieben. Man sagt, dass sich Menschen aufgrund ihres Aussehens sehr schnell in Selkies verlieben können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Oft heißt es auch, dass sie dunkle Haare und/oder dunkle Augen hätten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die meiste Zeit sollen die Selkies in ihrer Robbengestalt im Meer verbringen. Es kommt jedoch vor, dass sie ihre Robbenhaut ablegen und sich so in einen Menschen verwandeln. In diesem Zustand müssen sie jedoch gut auf ihre Robbenhaut achtgeben. Wenn sie sie verlieren oder sie gestohlen wird, können sie sich nicht mehr in eine Robbe zurückverwandeln, bis sie ihre Haut wiederhaben. In diesem Zustand sollen sie sich intensiv nach dem Meer sehnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie oft bzw. wann sie ihr Robbenfell ablegen können, um sich zu verwandeln, kann je nach Version variieren. So heißt es manchmal, sie können sich nach Belieben verwandeln, andere Male heißt es hingegen, es ginge nur jede siebte oder neunte Nacht, nur bei Vollmond, nur einmal im Jahr (z. B. zur Sommersonnenwende) oder gar nur alle sieben Jahre.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den meisten Geschichten, die von weiblichen Selkies handeln, stiehlt ein Mann das Fell der Selkie, um sie dazu zu zwingen, an Land zu bleiben. Entweder wird die Selkie dadurch an den Mann gebunden oder sie weiß nicht, dass er das Fell besitzt. So oder so gehen die beiden daraufhin oft eine Beziehung ein. In den meisten Fällen heiraten sie und bekommen sogar Kinder. Irgendwann findet die Selkie das Robbenfell, woraufhin sie es überstreift und als Robbe ins Meer zurückkehrt. Im Normalfall kommt sie nie wieder zu ihrem Mann zurück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Kinder von Selkies haben oft Schwimmhäute zwischen den Fingern und Zehen. Auch sollen sie häufig weitere Eigenschaften wie z. B. die Schönheit oder eine Sehnsucht nach dem Meer von ihrem Selkie-Elternteil erben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einigen eher seltenen Legenden habe ich auch davon gelesen, dass Selkies das Wetter kontrollieren und somit Stürme heraufbeschwören können.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Männliche Selkies:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Die Eigenschaften der männlichen Selkies sind an sich identisch mit denen der weiblichen, jedoch unterscheiden sich ihre Legenden häufig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So sind männliche Selkies eher dafür bekannt, einsame oder unglücklich verheiratete Frauen zu verführen. Es heißt z. B., dass ein Selkie auftauchen soll, wenn eine Frau sieben Tränen ins Meer weint. In den Legenden verbringen die beiden daraufhin oft die Nacht zusammen, ehe der Selkie ins Meer zurückkehrt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Hauptsächlich stammen die Legenden über Selkies aus Schottland, besonders von den Orkney- und Shetlandinseln. Aber auch in anderen Küstenregionen Schottlands und an den Küsten Irlands sollen Selkies den Legenden nach anzutreffen sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt sogar einige Selkie-Legenden, die es bis nach Island und auf die Färöer geschafft haben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die ältesten Erwähnungen von Selkies, die ich finden konnte, stammen aus dem 13. Jahrhundert. Abgesehen davon, dass die Legenden aus Schottland stammen, ist über den Ursprung der Selkies jedoch nicht viel bekannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt aber einige Theorien dazu:</p>



<p class="wp-block-paragraph">So vermuten manche Folkloristen, dass es ein Erklärungsversuch für einige Krankheiten gewesen sein könnte, die zu gewissen Verformungen des Körpers von Kindern geführt haben. Als Beispiel wird hierbei Syndaktylie genannt, eine Krankheit, die in einigen Fällen für schwimmhautähnliche Verformungen zwischen zwei Fingern führen kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch besteht die Möglichkeit, dass sie metaphorisch gemeint sein und Frauen beschrieben haben könnte, die sich nicht in die damalige Gesellschaft eingefügt haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am interessantesten finde ich hingegen eine Theorie, die erst im 19. oder 20. Jahrhundert entstanden ist. Darin wird die Vermutung aufgestellt, dass in früherer Zeit, als die Schotten bereits Kontakt zu den Finnen und/oder Samen gehabt hatten, sie einige der Skandinavier in ihren aus Tierhäuten bestehenden Booten gesehen haben könnten. Besagte Boote schwammen nur so lange gut, wie die Tierhäute noch nicht völlig durchnässt waren. Sie mussten also gelegentlich an Land gehen, um ihre Boote und wahrscheinlich auch ihre (häufig aus Robbenpelz) bestehende Kleidung zu trocknen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn ein Finne oder Same also an Land gegangen ist, wo er sein Robbenfell abgelegt hat, hätte es durchaus so aussehen können, als habe er sich gerade von einer Robbe in einen Menschen verwandelt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Selkies in der Popkultur:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Aufgrund ihrer internationalen Bekanntheit gibt es zahlreiche Auftritte von Selkies in der modernen Popkultur.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In dem irischen Fantasy-Abenteuerfilm „Das Geheimnis des kleinen Seehundes“ (1994), der auf dem Roman „Secret of the Ron Mor Skerry“ (Englisch für „Das Geheimnis von Ron Mor Skerry“, 1957) von Rosalie K. Fry basiert, spielen Selkies eine zentrale Rolle.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weitere bekannte Selkie-Filme sind u. a. der irische Animationsfilm „Die Melodie des Meeres“ (2014), der australische Kinder-Abenteuerfilm „Selkie &#8211; Der Seehundmensch“ (2000) oder der irische Dramafilm „Ondine – Das Mädchen aus dem Meer“ (2009).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch gibt es diverse Bücher über Selkies, so z. B. der Fantasyroman „Sealskin“ („Robbenhaut“, 2016) von Su Bristow oder der Young Adult Roman „A Stranger Came Ashore“ („Ein Fremder kam an Land“, 1975) von Mollie Hunter.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von den Selkies? Hat euch die Geschichte gefallen? Und was würdet ihr tun, wenn ihr die Robbenhaut einer Selkie am Strand findet? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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		<title>Die Ningyo – Wirf sie zurück ins Wasser!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 12 Sep 2022 13:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Ich starrte ihn an, dann sah ich wieder zu der Ningyo, die ihren Mund noch immer öffnete und schloss. Öffnete und schloss. Öffnete und schloss. Dann wieder zu Hiroshi. In seinen Augen zeichnete sich keinerlei Wahnsinn ab, während er mich ernst ansah ...</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg09.met.vgwort.de/na/46a48506faed4848a3a01d0bc165751b" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Die Ningyo ist ein japanisches <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wesen</a>, das zum Teil Fisch und zum Teil Mensch ist. Trotzdem unterscheiden sie sich starkt von den westlichen Meerjungfrauen. Warum das so ist, erfahrt ihr in diesem Beitrag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">(Ich muss übrigens gestehen, dass ich nur wenig Ahnung vom Fischen habe. Natürlich habe ich versucht, mich so gut es geht zu informieren, habe über das Fischen mit Netzen jedoch nur sehr wenig Infos gefunden. Daher hoffe ich einfach mal, dass ich nicht allzu viel Müll geschrieben habe und euch die Geschichte trotzdem gefällt! <strong>😅</strong>)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen</strong></summary>
<p>&#8211; Blut<br>
&#8211; Naturkatastrophe</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Ich stand an der Reling und sah mit einem Lächeln aufs Meer hinaus. Die Sonne glitzerte in den sanft rauschenden Wellen, die das Boot in ein langsames, gemütliches Schaukeln versetzten. Es war ein herrlicher Spätsommerabend knapp vor der japanischen Küste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„André, hilf Naoto mit dem Netz!“, rief Hiroshi von hinten. Er hatte einen befehlenden, fast überheblichen Tonfall, der mir normalerweise nicht gepasst hätte, aber immerhin bezahlte er mich dafür, dass ich ihm diese Woche beim Fischen half.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich also zu ihnen eilte, stand Hiroshi halb im Cockpit und sah mich an. Sein strenger Blick wurde von seinen Falten und den teilweise grauen Haaren untermalt. Naoto hingegen hatte freundliche, dunkle Augen und ein sanftes Gesicht, auch wenn er es gerade vor Anstrengung verzog.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich beeilte mich, ihm zu helfen, das gut gefüllte Fischernetz an Bord zu ziehen. Schnell stieg mir der Geruch von Fisch in die Nase, als das zappelnde Netz vor uns lag. Zwar quoll es nicht über vor Fischen, aber es war ein guter Fang.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hiroshi machte sich sofort daran, die Ausbeute zu inspizieren. Mit geschickten Fingern leerte er das Netz in eine Plastikwanne, durchwühlte die Fische, als wären sie Erde, in der ein Schatz vergraben ist, &#8230; und kippte anschließend den gesamten Fang unter lautem Platschen und Plätschern zurück ins Meer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu Anfang hatte ich ihm noch entsetzt dabei zugesehen, aber inzwischen hatte ich mich daran gewöhnt. Immerhin machte er das schon die ganze Woche so. Zugegeben: Am Montagvormittag hatte er sich noch bemüht, nur die großen Fische zu behalten. Die kleineren – auch die, die bei Weitem groß genug waren, um sie zu verkaufen – warf er allesamt ins Meer zurück. Aber bereits am selben Abend verwarf er seine Prinzipien und kippte alle Fische, ganz egal wie groß oder klein sie waren, in seine große Kühlbox.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sobald die Kühlbox voll war, fuhren wir aber nicht zum Hafen. Nein, wir fischten einfach weiter und warfen den Fang zurück ins Meer. Hiroshi sah dann zwar jedes Mal die gesamte Ausbeute durch, aber war nie zufrieden. Es kam mir fast vor, als würde er irgendetwas suchen. Als ich ihn jedoch danach gefragt hatte, hatte er nur schroff gemeint, dass ich sein Angelverhalten nicht in Frage stellen solle und er mich gut bezahle. Anschließend war das Gespräch für ihn beendet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Es wird langsam spät. Wir sollten allmählich umkehren“, warf Naoto ein, nachdem die Plastikwanne wieder leer war. „Ich hab meiner Frau versprochen, dass wir heute Abend gemeinsam essen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hiroshi musterte ihn, als habe er ihm vor die Füße gespuckt, ehe er einen flüchtigen Blick zur Sonne warf, die sich langsam dem Horizont näherte. Schließlich erwiderte er: „Na, meinetwegen. Eine halbe Stunde machen wir noch. Danach können wir zurück zum Hafen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Naoto nickte knapp. Anschließend verschwand Hiroshi im halb offenen Cockpit, startete den Motor, der sofort leise zu summen begann, und das Boot fuhr weiter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wusste nicht, ob er irgendeinem System folgte, während wir durch das offene Meer fuhren, oder ob Hiroshi ziellos durch die Gegend tuckerte, bis sein komisches Gerät irgendetwas anzeigte. Es war eine Art Tablet, das fest neben dem Lenkrad verbaut war. Soweit ich es verstanden hatte, zeigte es ihm, wo sich unter uns Fischschwärme und größere Fische befanden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gelegentlich piepte das Tablet. Das war immer der Moment, wo Hiroshi es aufgeregt ansah. Kurz darauf sah er entweder enttäuscht wieder nach vorn, oder aber er drehte am Lenkrad, steuerte das Boot an eine bestimmte Stelle und befahlt Naoto, das Netz auszuwerfen – ein Befehl, dem Naoto in Windeseile nachkommen musste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So ging das schon die ganze Woche. Die meiste Zeit kam ich mir dabei völlig nutzlos vor. Naoto wurde von Hiroshi wohl angeheuert, weil er Ahnung vom Fischen hatte. Im Notfall könnte er sogar das Boot steuern. Ich hingegen war die größte Landratte, die man sich vorstellen konnte. Abgesehen von meinen Muskeln hatte ich nichts, was mich für den Job qualifizierte. Vielleicht war ich als Weißer auch bloß aus der Masse hervorgestochen, weswegen Hiroshi mich angesprochen hatte. Ein anderer Grund wollte mir jedenfalls nicht einfallen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber was es auch war, ich war froh, hier zu sein. Immerhin wurde ich gut bezahlt, obwohl ich kaum mehr tat, als auf dem Boot zu sitzen und das Meer zu genießen – abgesehen von dem gelegentlichen Einholen des Netzes, heißt das natürlich. Und so störte mich auch Hiroshis Verhalten nicht, als er auch den Inhalt der beiden letzten Netze, die wir vor unserem Heimweg auswarfen, ohne mit der Wimper zu zucken ins Meer zurückwarf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Also gut, Männer“, sagte er mürrisch. „Wir machen uns auf den Rückweg. Hoffentlich haben wir morgen mehr Erfolg.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Naoto und ich warfen einander einen verwirrten Blick zu. Ich kannte mich zwar nicht so gut mit Fischen aus, aber soweit ich es beurteilen konnte, war unser Anglerglück die letzten Tage nahezu überirdisch gewesen. Es war kaum ein Tag vergangen, an dem unsere kleine Kühltruhe am Abend nicht randvoll war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ehe ich Hiroshi jedoch darauf ansprechen konnte, war er bereits im Cockpit verschwunden. Aber wahrscheinlich hätte er eh wieder nur ausweichend darauf reagiert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn er uns doch wenigstens sagen würde, wonach er suchte. Ich mochte keine Ahnung von der See und Fischen haben, aber Naotos Wissen reichte für uns beide aus!</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den nächsten Minuten, in denen die ersten Gebäude in der Ferne auftauchten und langsam größer wurden, beobachtete ich den Himmel. Die Sonne war bereits untergegangen und färbte den Horizont nun in ein warmes, feuriges Rot. Ein gutes Zeichen: Immerhin deutete Abendrot auf gutes Wetter hin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch während ich mich schon darauf freute, bald in meiner kleinen, warmen Wohnung zu sitzen und gemeinsam mit meinem Kater Mr. Fluff fernzusehen, hörte ich plötzlich ein vertrautes Piepen. Es war das komische Tablet, das beim Fischefinden half. Kurz darauf folgte ein ungläubig gemurmeltes „Ich wusste nicht, dass sie so groß werden“ und ein lauteres „Naoto! Mach das Netz bereit! Wir wagen einen letzten Wurf!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Enthusiasmus in Hiroshis Stimme überraschte mich. Und wie ich an Naotos Reaktion sah – er sprang sofort auf und griff, ohne zu murren, nach dem Netz –, ging es ihm ähnlich. Was auch immer Hiroshi auf seinem Fischradar gesehen hatte, vielleicht war es ja das, wonach er suchte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diesmal ließ er den Motor laufen, während Naoto das Netz auswarf. Es bildete platschend einen fast perfekten Kreis auf der Wasseroberfläche, bevor es schnell in der Tiefe verschwand. Aber während Naoto und ich gebannt auf das langsam verschwindende Netz starrten, blieb Hiroshi im Cockpit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Verdammt!“, rief er. „Daneben! Holt das Netz ein! Holt es ein!“ Er sprach dabei schnell und ungehalten. Fast klang es, als wäre er wütend auf Naoto, aber ich war mir sicher, dass es nur die Aufregung war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort sprang ich auf und half Naoto mit dem Netz. Es war nicht sonderlich tief gesunken und hatte keinen einzigen Fisch eingefangen, also war es sehr viel einfacher, es einzuholen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anschließend steuerte Hiroshi das Boot einige Meter weiter und befahl uns, das Netz erneut auszuwerfen. Wieder war er nicht zufrieden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem Naoto das Netz noch ein drittes und viertes Mal ausgeworfen und wir es eingeholt hatten, merkte ich, wie schwer er inzwischen atmete. Es sah so leicht aus, wie er das Netz warf, aber wenn ich bedachte, wie schwer das verdammte Teil war und weit er es werfen musste &#8230;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nochmal!“, rief Hiroshi. „Kommt schon, kommt schon! Wir haben sie gleich!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nur eine kurze Pause“, bat Naoto schnaufend. Er stützte sich am Boot ab, während er versuchte, wieder zu Atem zu kommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das passte Hiroshi jedoch nicht. Er stürmte kurzerhand aus dem Cockpit, packte das Netz und warf es selbst ins Meer. Die Kraft und Geschicklichkeit, die er dabei bewies, hätte ich ihm in seinem Alter nicht mehr zugetraut. Zwar flog das Netz bei Weitem nicht so rund wie bei Naotos Würfen, aber man konnte deutlich erkennen, dass es nicht sein erster Netzwurf war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich jedenfalls hatte nicht ansatzweise so gut geworfen, als ich es vorgestern spaßeshalber unter Naotos Anleitung versucht hatte. Mir war nicht ein einziger Fisch ins Netz gegangen. Und wahrscheinlich könnt ihr euch denken, wie begeistert Hiroshi darüber gewesen war. Im Gegensatz dazu sah er aus wie ein Profi.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Noch bevor das Netz das Wasser berührt hatte, stürmte Hiroshi zurück ins Cockpit, um auf sein Tablet zu sehen. Aber das wäre gar nicht nötig gewesen: Kurz nachdem das Netz untergegangen war, spannte sich das Seil, das das Netz mit dem Boot verband. Ein Ruck fuhr durch das Boot, nicht stark genug, um mich aus dem Gleichgewicht zu bringen, aber er war deutlich spürbar. Was auch immer wir im Netz hatten, es wehrte sich mit Leibeskräften.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Holt es ein!“, schrie Hiroshi, während er aus dem Cockpit gerannt kam. Er packte als Erster das Netz, dann folgten Naoto und ich. Gemeinsam zogen und zerrten wir daran. Stück für Stück, Meter für Meter zogen wir das Netz langsam aber sicher aus dem Wasser, bis es schließlich vor uns an Deck lag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich den Fisch sah, wie er am Boden im Netz zappelte, war ich erst erstaunt über seine Größe. Er war groß wie eine Robbe. Als ich jedoch näher hinsah, überkam mich das Gefühl von Überraschung, Entsetzen und einem Hauch von Ekel. Sein Körper sah aus, wie der eines ganz normalen Fisches mit Flossen und allem drum und dran, der Kopf jedoch &#8230; war menschlich. Er hatte ein Gesicht, einen Hals, kleine Ohren und sogar Haare. Es sah aus, als hätte man einen unförmigen Frauenkopf am Körper eines großen Fisches befestigt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie jeder normale Fisch öffnete und schloss das Wesen panisch den Mund. Aber seine Augen, seine ungewöhnlich menschlichen Augen starrten wild hin und her. Als es sie einen Moment genau auf mich richtete, stolperte ich einen Schritt zurück, rutschte auf dem nassen Boden weg und landete mit einem leisen <em>Fump</em> auf dem Hintern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber was mich noch mehr verstörte, als das merkwürdige Wesen selbst, war Hiroshis Reaktion. Während er es mit einer Hand durch das Netz an seinem „Hals“ zu Boden drückte, streichelte er mit der anderen Hand ganz zärtlich über seine Schuppen. Er musterte es mit einem liebkosenden Blick, als wäre es sein Kind oder seine Geliebte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„E-eine Ningyo!“, stieß Naoto aus. Er starrte Hiroshi mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Eine Meerjungfrau?“, fragte ich verwirrt. Ich wusste nicht, dass „Ningyo“ nicht nur das japanische Wort für Meerjungfrau war, sondern auch dieses seltsame, mir völlig fremde Wesen beschrieb.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Naoto ignorierte meine Frage. Er sah bloß weiter entsetzt zu dem Wesen. „Du musst sie zurückwerfen! Sofort!“, befahl er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hiroshi lächelte ihn an. Da war sie wieder, seine überhebliche Art. „Das werde ich nicht tun“, sagte er ruhig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Naoto griff nach einer Stange, die an der Bootswand hing, und richtete ein Ende, an dem ein metallener Haken befestigt war, auf Hiroshi.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der wiederum sah ihn unbeeindruckt an. „André, steh auf und halt mir diesen Irren vom Leib“, sagte er zu mir. „Dann verdopple ich deinen Lohn.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass sein Angebot nicht verlockend klang, dass ich nicht darüber nachgedacht hätte, aber am Ende gewann mein Gewissen. Naoto hatte mir nichts getan. Er war bisher immer superfreundlich gewesen und aus irgendeinem Grund hatte er Angst vor dem Wesen. Ganz bestimmt hatte er keine bösen Absichten, wenn er wollte, dass Hiroshi es zurückwarf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als Hiroshi jedoch bemerkte, dass ich mich nicht rührte, eskalierte die Situation vollständig. „Ach, ihr könnt mich mal!“, rief er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gleichzeitig tat Naoto einen Schritt auf ihn zu, die Stange weiter auf ihn gerichtet. „Wirf sie zurück, sonst &#8230;“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weiter kam er nicht. Mit geschickten Händen griff Hiroshi plötzlich in seine Jacke und zog eine Pistole hervor, die er auf Naoto richtete. „Sonst was?“ In seinen Augen funkelte Abscheu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erschrocken richtete ich mich auf. Jetzt zeigte der Lauf der Waffe auf mich. Ich hatte noch nie zuvor eine echte Pistole gesehen, die auf jemanden gerichtet wurde. Und schon gar nicht auf mich. Ich kann kaum erklären, wie es sich anfühlte. Plötzlich war ich völlig hilflos. Mein Magen fühlte sich an, als hätte er sich verknotet, während meine Beine zu Eis erstarrten und mein Hirn schrie, dass ich weglaufen solle. Aber ich konnte nirgendwo hin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Naoto ging es ähnlich. Er hob eine Hand, legte bedacht langsam die Stange zu Boden und hob dann auch die andere Hand. Währenddessen trat er vorsichtig einen Schritt zurück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hiroshi hingegen blieb ganz ruhig. Während er die Pistole weiter abwechselnd auf uns richtete, kramte er mit seiner freien Hand ein Fischermesser hervor. Als er es schließlich zum Hals des seltsamen Fischwesens führte, trat Naoto wieder einen Schritt nach vorn, die Hände vor sich haltend, um zu zeigen, dass er Hiroshi nichts tun wollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Panik stand ihm ins Gesicht geschrieben, auch wenn ich das seltsame Gefühl hatte, dass sie jetzt nicht mehr der Pistole galt. „B-bitte. Du musst das nicht tun“, flehte er. „Wirf sie einfach zurück. Dann kommt niemand zu Schaden. Ich habe Frau und Kinder!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich weiß nicht, wie ich genug Mut aufbringen konnte, um zu sprechen. Vielleicht war es die Überforderung, vielleicht der Fakt, dass Hiroshi die Pistole nun wieder auf Naoto gerichtet hatte. „Was ist das für ein Ding? Warum sollte jemand zu Schaden kommen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nun sah Hiroshi mich an, hielt die Pistole aber weiter auf Naoto gerichtet. „Das ist eine Ningyo. Ich suche schon seit Jahren nach einer. Und endlich habe ich sie gefunden. Wenn man ihr Fleisch isst, wird man unsterblich! Ich werde wieder jung sein!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich starrte ihn an, dann sah ich wieder zu der Ningyo, die ihren Mund noch immer öffnete und schloss. Öffnete und schloss. Öffnete und schloss. Dann wieder zu Hiroshi. In seinen Augen zeichnete sich keinerlei Wahnsinn ab, während er mich ernst ansah.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Und zu welchem Preis?“, fuhr Naoto dazwischen. „Wenn du sie nicht zurückwirfst, könnte das Unwetter die ganze Stadt zerstören. Bitte, komm zur Vernunft! Meine Familie &#8230;“ Jetzt sah er mich an. „André, bitte. Hilf mir. Wenn man eine Ningyo umbringt oder mitnimmt, hat das verheerende Katastrophen zur Folge. Gemeinsam können wir ihn aufhalten. Gemeinsam können wir &#8230;“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weiter kam er nicht. In genau diesem Moment zog Hiroshi die Klinge durch die Kehle der Ningyo. Blut schoss aus ihrem Hals hervor. Es ergoss sich über das Deck und Hiroshis Hose. Kurz darauf hörte die Ningyo auf, sich zu bewegen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich, noch immer völlig überfordert von der Situation, wieder zu Naoto blickte, sah ich, dass er auf die Knie gesunken war. Er sah aus wie ein Mann, der gerade seinen Lebenswillen verloren hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ungläubig starrte ich wieder zu dem toten Fischwesen in Hiroshis Armen. Das konnte doch nicht ihr Ernst sein. Sie waren zwei erwachsene Männer. Wie konnte auch nur einer von ihnen ein Wort dessen glauben, was sie da von sich gaben? Ein magischer Fisch, der unsterblich machte und Katastrophen herbeirief? Hörten sie sich selbst überhaupt zu?!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ehe ich den Gedanken jedoch laut aussprechen konnte, um die beiden zur Besinnung zu bringen, fegte plötzlich ein heftiger Windstoß über das Deck. Er war so stark, dass er mich straucheln ließ. Kurz darauf folgten die Wellen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mehr und mehr geriet unser Schiff ins Wanken, und als ich zum Himmel sah, weiteten sich meine Augen vor Schreck und Unglauben: Dunkle Wolken zogen auf, so schnell, wie ich einen Wetterumschwung noch nie beobachtet hatte. Erneut starrte ich ungläubig die tote Ningyo an. Wie war das möglich?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du solltest dich lieber beeilen“, rief Hiroshi über das inzwischen sehr laute Rauschen der Wellen Naoto zu. „Wenn wir rechtzeitig an Land sind, kannst du deine Familie noch aus der Stadt bringen!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Naoto sah auf. Jetzt blitze ein Funken Hoffnung in seinen Augen. Ohne auch nur eine weitere Sekunde verstreichen zu lassen, sprang er auf und rannte ins Cockpit. Kurz darauf heulte der Motor auf und das Boot raste los.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Noch nie in meinem Leben war ich mir so klein vorgekommen. Nicht nur, dass die Wellen immer größer wurden – unser Boot kam mir mehr und mehr vor wie ein Spielzeugboot im offenen Meer –, ich befand mich mitten in einem Spiel aus Mächten, die ich nicht verstand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wasser spritze mir ins Gesicht, traf mich im Mund und in meinen Augen. Sofort schmeckte ich das Salz. Gleichzeitig klammerte ich mich mit aller Kraft an dem Geländer der Bootswand fest. Die Wellen und die Geschwindigkeit des Motorboots waren dabei so heftig, dass ich mehrfach schmerzhaft gegen die Bootswand geschleudert wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hiroshi hingegen saß, scheinbar den Regeln der Physik trotzend, zufrieden auf dem Boden. Zwar wurde er auch hin und her geschleudert, während er sich und die Ningyo am Seil des Fischernetzes festhielt, aber es schien ihm überhaupt nichts auszumachen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Weißt du André, ich hätte mehr von dir erwartet!“ Trotzdem er aus voller Lunge brüllte, ging seine Stimme fast in dem Lärm unter. „Ich dachte, als Weißer würdest du mich verstehen. Ich hätte dir sogar etwas von dem Fleisch abgegeben. Du könntest unsterblich sein, wenn du mir hilfst!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich starrte ihn an, wie er dasaß und mich angrinste &#8230; Ich wusste nicht, wie schlimm das Unwetter noch werden würde, aber wir waren nicht das einzige Boot auf dem Meer gewesen. Nicht alle würden es zurückschaffen. Ihr Blut klebte an Hiroshis Händen und da besaß er die Dreistigkeit, mich noch weiter in die Sache hineinziehen zu wollen, als er es ohnehin schon getan hatte?!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Angewidert wandte ich den Blick ab. In dem Chaos aus Wellen sah ich, dass wir uns dem Anleger näherten. Inzwischen waren die Wellen so heftig, dass ich mehr als einmal befürchtete, unser Boot könnte kippen. Trotzdem schafften wir es irgendwie in einem Stück an den Hafen. Naoto versuchte sein Bestes, die Geschwindigkeit zu verringern und das Boot zu drehen. Trotzdem krachten wir mit einem lauten Knall an den Anleger. Ich wurde durchgeschüttelt. Schmerzen zuckten durch meine Finger, als das Metallgeländer durch den Aufprall vibrierte. Trotzdem hielt ich mich eisern fest.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber wenn ich darauf gehofft hatte, dass die Wellen am Hafen nicht ganz so schlimm sein würden, hatte ich mich geschnitten. Sie waren so hoch, dass sie immer wieder über den betonierten Anleger schwappten. Das Boot hob und senkte sich mit den Wellen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Inzwischen stand ich ganz hinten am Boot. Ich müsste nur einen großen Schritt wagen, dann wäre ich an Land. Aber ich traute mich nicht. Vor meinem inneren Auge malten sich Bilder aus, wie ich abrutschte, den Schritt nicht schaffte. Ich würde zwischen das Boot und den Anleger geraten. Vielleicht würden die Wellen mich auch gegen den Beton schleudern. Oder aber ich würde ertrinken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich stürmte Naoto an mir vorbei. Er hatte Anlauf genommen. In dem Moment, als das Boot durch das Wasser nach oben gedrückt wurde, sprang er an Land. Er strauchelte, konnte sich aber auf den Füßen halten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schluckte schwer. Er hatte es geschafft. Dann konnte ich das auch. Außerdem trieb das Boot langsam aber sicher vom Anleger weg. Wenn ich mich jetzt nicht traute &#8230;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich zwang mich, mein Hirn abzuschalten. Dann wartete ich die nächste Welle ab und tat es Naoto gleich. Zwar unterschätzte ich, wie tief ich fallen würde, landete erst schmerzhaft auf meinen Füßen und wurde von der Wucht weiter auf meine Knie geschleudert, aber ich hatte es geschafft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Naoto sah mich mit verzweifeltem Gesicht an, während er mir hoch half. Er hatte abgewartet, ob ich den Sprung schaffen würde. Dann sah er nervös zu den Gebäuden. „Sorry, ich muss &#8230;“, rief er über das Rauschen der tosenden Wellen. Ohne eine Antwort abzuwarten, rannte er los.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eigentlich hatte ich ihm anbieten wollen, ihn mitzunehmen – immerhin war er zu Fuß hier –, aber als ich ihm nachrief, drehte er sich nicht einmal um. Wahrscheinlich konnte er mich nicht mehr hören.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also war ich auf mich allein gestellt. Zum Glück stand mein Auto direkt am Anleger und ich war nach nur wenigen Schritten da.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bevor ich jedoch einstieg, warf ich einen flüchtigen Blick zum Boot zurück. Ich weiß nicht wie, aber Hiroshi hatte es ebenfalls an Land geschafft. Die Ningyo lag schlaff in ihrem Netz, während er sie hinter sich herzog. Aber er war verdammt langsam.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich wusste nicht, dass sie so groß werden“, schoss mir seine Stimme in den Kopf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anscheinend hatte er sich selbst überschätzt. Das geschah ihm recht. Ich würde ihm jedenfalls nicht helfen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf meinem Nachhauseweg setzte schließlich der Regen ein. Er war so heftig, dass ich unter normalen Umständen angehalten hätte, aber ich durfte keine Zeit verlieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Klitschnass kam ich bei meiner Wohnung an. Mr. Fluff wehrte sich mit seinen Krallen, als ich seinen zierlichen Katzenkörper an mein nasses T-Shirt drückte. Ich ignorierte es. Und auch wenn ich wusste, dass es ihm ganz und gar nicht gefiel, wie eng ich ihn an mich presste, während ich nach draußen in den Regen lief, ließ ich nicht zu, dass er sich befreite.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er wandte sich in meinem Griff, schlug mir sogar seine Zähne ins Fleisch, aber ich hielt ihn ganz fest, bis die Autotür hinter uns geschlossen war. Fast sofort zog er sich beleidigt auf die Rücksitzbank zurück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Tut mir leid, kleiner Prinz“, entschuldigte ich mich bei ihm. Aber der Regen prasselte so laut auf das Autodach, dass ich meine eigene Stimme nicht hören konnte. Trotzdem war ich mir sicher, dass er mir eines Tages verzeihen würde – auch wenn er nicht wusste, was ich gerade für ihn getan hatte. Schließlich startete ich meinen Motor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Von der Katastrophe, die diese Nacht meine Heimatstadt verwüstete und unzählige Menschen das Leben gekostet hatte, hörte ich erst am nächsten Tag im Radio.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Naoto – so erfuhr ich einige Jahre später, als ich ihn zufällig im Supermarkt traf – hatte seine Familie retten können. Genau wie ich hatte er seine Wohnung verloren, aber das hatte uns beide nicht aufgehalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was hingegen Hiroshi anging, habe ich keine Ahnung, was aus ihm geworden ist. Vielleicht hat er es ja tatsächlich geschafft, unsterblich zu werden. Aber wenn ich ehrlich bin, hoffe ich insgeheim, dass er es nie lebend aus der Stadt geschafft hat.</p>



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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Ningyo (japanisch für „menschlicher Fisch“ oder „Meerjungfrau“) gelten als japanische Meerjungfrauen, unterscheiden sich jedoch stark von ihren westlichen Verwandten. Sie zählen zu den <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/yokai" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Yōkai</a>.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Bei dem Wort Meerjungfrau denken die meisten von euch sicherlich sofort an eine Frau mit einem Fischschwanz statt Beinen. Doch obwohl diese Variante in den neueren Geschichten über Ningyo durchaus vertreten sein kann, sahen die Ningyo in den ursprünglichen Legenden völlig anders aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ningyo sind generell mehr Fisch als Mensch und werden fast immer als hässlich beschrieben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den meisten Legenden handelt es sich um einen großen Fisch mit einem menschlichen Kopf – meist dem einer Frau – oder einem menschlichen Gesicht. Ihre Zähne sollen fischähnlich, klein und scharf sein. Außerdem haben sie manchmal Hörner auf dem Kopf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch gibt es Erzählungen, in denen die Ningyo den Oberkörper eines Affen und den Unterkörper eines Fisches haben. Diese Beschreibungen sind aber wahrscheinlich den gefälschten Ningyo-Mumien zu verschulden, die sich im 19. Jahrhundert verbreitet haben. Für ihre Herstellung wurde häufig der Oberkörper eines Affen verwendet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was die Größe der Ningyo angeht, habe ich verschiedenste Angaben gelesen. Sie reichten dabei von Kleinkindgröße bis zu einer Länge von 3 Metern.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die wohl bekannteste Eigenschaft der Ningyo ist ihr Fleisch. Es soll nicht nur sehr gut schmecken, sondern jedem, der es isst, auch ein übernatürlich langes Leben – manche reden sogar von Unsterblichkeit und ewiger Jugend – bescheren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Yao Bikuni, einer der bekanntesten Ningyo-Legenden, isst ein junges Mädchen das Fleisch einer Ningyo. Anfangs scheint noch alles normal zu sein, aber als sie erwachsen wird, hört sie plötzlich auf zu altern. Sie lebt ein langes Leben und stirbt erst im Alter von etwa 800 Jahren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber während einige die Ningyo wegen dieser Eigenschaft verehren und versuchen, sie zu fangen, werden sie von anderen Fischern gefürchtet. Jeder Mensch, so heißt es, der eine Ningyo fängt und nicht zurückwirft oder eine Ningyo tötet, soll nämlich von einem fürchterlichen Fluch getroffen werden. Ganze Dörfer sollen schon durch plötzlich aufkommende Unwetter überflutet worden sein, nachdem einer der Bewohner eine Ningyo gefangen und mit nach Hause genommen hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und auch, wenn man die Ningyo nicht selbst tötet, sondern nur ihre Leiche am Strand findet, soll das Unglück bringen. So kann eine Ningyo-Leiche Krieg, Naturkatastrophen oder ein ähnliches Unheil ankündigen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Ningyo leben, wenn man der Verbreitung der Legenden nach urteilt, ausschließlich im Japanischen Meer und dem Pazifischen Ozean. Aber auch, dass sie Flüsse hinaufschwimmen, kann nicht ausgeschlossen werden.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Legende der Ningyo ist eine uralte Legende. Bereits im Nihonshoki, dem zweitältesten Buch der japanischen Geschichte, das im Jahr 720 fertiggestellt wurde, finden sich erste Erwähnungen des Wesens – auch wenn es damals noch nicht „Ningyo“ genannt wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die erste schriftliche Erwähnung ihres Namens ließ sich erst in dem japanisch-chinesischen Wörterbuch Wamyō Ruijūshō (erschienen im Jahr 937) finden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im 19. Jahrhundert tauchten plötzlich unzählige Ningyo-Mumien auf – es waren natürlich Fälschungen –, die der Ningyo zu einer weltweiten Bekanntheit verhalfen. Sie wurden damals sogar unter anderem in europäischen Museen ausgestellt. Und auch heute noch lassen sich in einigen Tempeln und Museen die angeblich mumifizierten Überreste von Ningyo finden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von den Ningyo? Würdet ihr ihr Fleisch essen wollen? Empfindet ihr ewige Jugend eher als Segen oder als Fluch? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Wenn ihr mehr solche Geschichten oder Legenden lesen wollt, abonniert auch gerne meinen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/newsletter" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Newsletter</a>, oder folgt mir auf <a href="https://twitter.com/geisterlegenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/geisterlegenden/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Facebook</a> oder <a href="https://www.instagram.com/geisterlegenden/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Instagram</a>!</em></p>
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		<title>Nure-onna – Du kannst ihr nicht trauen!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 24 Jan 2022 14:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Geschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Monster und Ungeheuer]]></category>
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		<category><![CDATA[Urbane Legenden]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Das Nächste, was ich spürte, war, wie mich etwas packte. Ich wurde im Wasser hin und her geschleudert, bekam Wasser in Mund und Nase, hatte das Gefühl zu ersticken, und plötzlich bekam ich wieder Luft. Was auch immer mich gepackt hatte, hielt meinen Kopf jetzt über Wasser ...</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg08.met.vgwort.de/na/71500f78d5ac4863bf7788d940cfe455" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Die Nure-onna sind in Japan (und inzwischen auch anderen Teilen der Welt) sehr beliebte <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/yokai">Yōkai</a>. Was es mit diesen Wesen auf sich hat, erfahrt ihr in meinem Beitrag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen (Achtung Spoiler!) </strong></summary>
<p>&#8211; explizite Darstellung von körperlicher Gewalt<br>
&#8211; Blut<br>
&#8211; Tod</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Mit einem erschöpften Seufzen ließ ich mich auf meinen Campingstuhl fallen. Ich wischte mir den Schweiß aus dem Gesicht, während ich dem Gesang der Zikaden lauschte. Hätten wir gewusst, dass es im September hier in Japan immer noch so heiß werden würde, hätten wir unseren Urlaub verschoben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„He, Luca, nicht faulenzen“, mahnte Till. „Dein Zelt ist noch nicht abgebaut und wir wollen in ein paar Stunden im Hotel sein.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ach.“ Ich machte eine wegwerfende Handbewegung. „Die Mädchen sind auch noch nicht wieder da. Außerdem sind meine Sachen fast alle gepackt. Bis die zwei abgebaut haben, liegt mein Zelt schon sicher verstaut im Kofferraum.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Till sah mich mit gehobener Augenbraue an. „Von ‚Helfen‘ hast du wohl noch nichts gehört, oder?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich grinste bloß.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit einem Kopfschütteln und einem Schmunzeln – ich war mir zu 90% sicher, ein Schmunzeln gesehen zu haben – machte sich Till daran, sein Zelt weiter abzubauen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Till und ich kannten uns bereits seit der Grundschule, auch wenn wir uns damals noch nicht wirklich nahestanden. Das änderte sich erst im Gymnasium, wo wir beide beste Freunde geworden waren – eine Freundschaft, die bis heute anhielt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir hatten zusammen unsere ersten Beziehungen und unsere ersten gebrochenen Herzen durchgestanden, die wildesten Partys gefeiert, zusammen unseren Abschluss gemacht und alles, was sonst noch dazugehört.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und auch jetzt, wo wir in zwei verschiedenen Städten studierten, taten wir alles dafür, dass unsere Freundschaft nicht darunter litt: Wir besuchten einender häufig, planten gemeinsame Urlaube, erzählten uns regelmäßig, was in unseren Leben so passierte, und schwärmten ab und an von einem Mädchen, in das wir gerade verknallt waren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eines dieser Mädchen war Marlene. Till war bis über beide Ohren ins sie verschossen – und das beruhte auf Gegenseitigkeit. Aber weder er noch sie trauten sich, den ersten Schritt zu wagen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem spürte ich sofort, dass das zwischen den beiden etwas Ernstes werden würde – ein Gefühl, dass auch Sina teilte, Marlenes beste Freundin. Der gemeinsame Japanurlaub war Sinas Idee gewesen, in der Hoffnung, dass Marlene und Till sich endlich küssen würden. Ich war sofort dabei gewesen. Mal sehen, wie Till heute Abend darauf reagieren würde, dass er und Marlene sich ein Doppelzimmer teilen mussten &#8230;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was ist?“, fragte Till verdutzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst jetzt fiel mir auf, dass ich ihn die ganze Zeit blöd angegrinst hatte. „Oh, nichts“, sagte ich schnell. „Ich finde nur, du machst das ziemlich gut. Willst du nicht gleich mit meinem Zelt weitermachen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Till erwiderte mein Grinsen. „Träum weiter.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was?“, protestierte ich. „Du hast doch eben vom Helfen geredet.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Aber doch nicht dir, während du hier auf der faulen Haut sitzt!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ach so, verstehe. Du willst natürlich nur Marlene helfen“, ärgerte ich ihn weiter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Na klar“, erwiderte er ironisch und rollte mit den Augen. Till tat auf cool. Trotzdem bekam sein sonst so bleiches Gesicht einen leichten Rotstich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Knirschen von Kies in der Ferne, das sich unter das Geklapper der Zeltstangen mischte, hielt mich davon ab, ihn weiter zu piesacken. Das mussten die Mädchen sein. Ich seufzte. Das war es dann wohl mit meiner Pause.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und tatsächlich: Keine halbe Minute später trat Marlene zurück in unser kleines Lager. Sie begrüßte mich mit einem kurzen Lächeln und Till mit einer flüchtigen Umarmung – natürlich nur so kurz, dass sich niemand etwas dabei denken konnte. Dann sah sie sich verwirrt um. „Wo ist Sina?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir sahen sie verständnislos an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich dachte, sie ist bei dir?“, ergriff Till das Wort.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Marlene schüttelte den Kopf. „Nein, ich hab den halben Tag Fotos gemacht.“ Demonstrativ hielt sie ihre Spiegelreflexkamera hoch, die um ihren Hals hing. „War sie seit heute Mittag nicht mehr hier?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nein. Nicht, seit ihr zusammen losgegangen seid“, bestätigte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sorgenfalten legten sich in Marlenes Gesicht. „Sie wollte im Fluss baden gehen und danach direkt zurück ins Lager. Meint ihr, sie hat sich verlaufen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ach was.“ Till legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter. „Sie ist bestimmt noch am Fluss und sonnt sich.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Oder sie badet noch. Bei den Temperaturen kann ich es ihr nicht verübeln“, fügte ich hinzu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wie wär’s? Du wartest hier, für den Fall, dass sie zurückkommt, und Luca und ich gehen zum Fluss, um sie abzuholen?“, schlug Till vor.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>‚Oder zu suchen &#8230;‘</em>, fügte ich gedanklich hinzu. Ich sprach es jedoch nicht aus, um Marlene nicht unnötig Sorgen zu bereiten. Soweit ich es beurteilen konnte, hielten sich ihre Sorgen jedenfalls noch in Grenzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während Marlene etwas zögerlich anfing, ihre Sachen zu packen, machten Till und ich uns sofort auf den Weg. Es dauerte keine zwei Minuten, bis wir den Fluss rauschen hörten. Kurz darauf konnten wir ihn sehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sina?“, rief ich in das Flussrauschen hinaus. Ich konnte sie nirgends entdecken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hey, ist das nicht ihr Rucksack?“, fragte Till. Er zeigte auf eine beige Tasche, die auf den Steinen am Ufer lag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir rannten sofort hin. Es war tatsächlich ihr Rucksack. Direkt daneben lagen ihre Kleidung und ihre Schuhe. Sie war also hier gewesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sinaaa?“, rief Till jetzt aus voller Lunge. Seine Stimme hallte schwach in der Ferne. „Sina, wo bist du?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit einem flauen Gefühl im Magen sahen wir einander an. Wieso antwortete sie nicht?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sie hat ja noch ihren Bikini. Bestimmt war ihr die Kleidung zu warm“, versuchte ich, uns zu beruhigen. Aber wieso lagen ihre Schuhe dann noch hier? War sie barfuß unterwegs?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Till sah jedenfalls genauso nervös aus, wie ich mich fühlte. Also machten wir uns daran, das Ufer abzusuchen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sina? Sina hörst du uns?“, riefen wir abwechselnd.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber das Einzige, was uns antwortete, waren der Fluss und einige Zikaden in der Ferne.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich blieb Till stehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was ist?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er deutete auf den Boden. „Ist &#8230; ist das &#8230;?“, stammelte er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sah sofort, was er meinte: Am Boden, direkt zu unseren Füßen, klebte etwas Rotes an den Steinen. Es sah aus wie &#8230; „Blut“, sagte ich beunruhigt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es waren maximal ein paar Tropfen, aber Blut war nie ein gutes Zeichen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Meinst du, sie ist gestürzt? Hat sich den Kopf angeschlagen?“, fragte Till jetzt panisch. „Was, wenn sie in den Fluss gefallen ist? Denkst du, sie ist &#8230;“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Stopp!“, unterbrach ich ihn. „So darfst du gar nicht denken! Vielleicht hat sie sich ja nur irgendwo geschnitten. Oder es ist gar nicht ihr Blut.“ Ich sah ihm an, dass er sich bereits das Schlimmste ausmalte. Und mir ging es nicht viel besser. Aber wir durften jetzt nicht unseren Mut verlieren. Vielleicht war Sina verletzt und brauchte unsere Hilfe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir beschlossen, uns aufzuteilen. Till würde das Gebiet rund um die Kleidung absuchen – vielleicht war sie ja gar nicht im Wasser – und dann flussaufwärts gehen, während ich flussabwärts ging.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Je weiter ich mich entfernte, desto leiser wurden Tills Rufe. Sie begannen bereits, mit dem Flussrauschen und dem Gekreische der Zikaden zu verschwimmen, doch von Sina fehlte jede Spur.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich ging, sah ich nervös zwischen Ufer und Fluss hin und her. Schweiß stand mir im Gesicht, als ich wieder und wieder ihren Namen rief. Hatte sie sich wirklich den Kopf angeschlagen? Wenn sie sich nur geschnitten hätte, wäre sie doch bestimmt zum Lager zurückgekehrt. Aber vielleicht war es ja auch gar kein Blut, sondern irgendein Saft von Beeren oder was weiß ich &#8230; Vielleicht hatte sie bloß einen Sonnenstich. Oder sie wurde an Land gespült und lag jetzt irgendwo benommen im Kies. Sie konnte doch nicht &#8230;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Flut an Gedanken riss sofort ab, als ich in der Ferne etwas im Wasser sah – oder besser gesagt jemanden. Ich rannte sofort los.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sina! Sina ist alles in Ordnung?“, schrie ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber als ich näherkam, sank mein Herz sofort in meine Hose. Es war eine Frau, ja, aber es war nicht Sina. Sie war eindeutig eine Japanerin mit glattem, schwarzem Haar, viel dunkler als Sinas brauner Lockenkopf. Sie stand im Wasser und drückte ein Stoffbündel an ihre Brust.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>‚Wahrscheinlich ein Baby‘</em>, dachte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber was viel schlimmer war: Sie war nackt. Sollte ich wirklich zu ihr gehen und sie ansprechen? Was, wenn sie sich bedroht fühlte? Oder nur Japanisch sprach und die Situation eskalierte?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Andererseits konnte Sinas Leben auf dem Spiel stehen. Ich musste es riskieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also wandte ich den Kopf ab, um klar zu symbolisieren, dass ich sie nicht ansehen wolle. Ich ging auf sie zu und fragte in meinem mäßigen Englisch: „Entschuldigung? Es tut mir leid, dass ich Sie störe, aber meine Freundin wird vermisst. Haben Sie sie gesehen? Eine Europäerin?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aus dem Augenwinkel sah ich, wie die Frau sich erschrocken zu mir umdrehte. Sie kam einige Schritte auf mich zu, bevor sie mit starkem Akzent antwortete. „Bitte, können Sie kurz mein Baby nehmen? Ich bin so erschöpft.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich runzelte die Stirn. Hatte sie mich falsch verstanden?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst, als sie bei mir war, erkannte ich, was sie meinte – oder dachte es zumindest: Sie stand noch immer gut einen Meter tiefer als ich. Mit dem Baby auf dem Arm konnte es also schwierig werden, aus dem Fluss zu klettern. Trotzdem &#8230; wieso wollte sie, dass ich – ein wildfremder Mann – ihr Baby nahm, statt es kurz auf den Boden zu legen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie machte keine großen Umschweife und streckte mir das weiße Stoffbündel entgegen. Dabei entblößte sie ihren Oberkörper. Wenn ich sie ansehen würde, würde ich alles sehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schnell drehte ich ihr den Rücken zu. „Warten Sie, ich helfe Ihnen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit den Augen suchte ich das Ufer nach ihrer Kleidung oder einem Handtuch ab, damit sie sich bedecken konnte, wenn sie aus dem Wasser kam. Aber da war nichts. Nur Steine und Gras. War sie woanders in den Fluss gestiegen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Oh bitte, nehmen Sie kurz mein Baby“, flehte sie wieder.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Flüchtig sah ich sie an, wandte meinen Blick aber sofort wieder ab. Es schien sie nicht zu stören, dass ich sie nackt sah, aber wollte sie tatsächlich so aus dem Fluss steigen? Oder war ich das Problem? War ich zu verklemmt? Stellte ich mich an?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was es auch war, die Frau war mir irgendwie unheimlich. Kurz dachte ich sogar darüber nach, Till zu rufen. Aber wie würde es bitte aussehen, wenn ich jetzt einen anderen Mann zur Verstärkung rief? Außerdem wollte ich nicht, dass er dachte, dass ich Sina gefunden hätte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Also gut“, seufzte ich. „Geben Sie schon her.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hockte mich zu ihr, um das Baby entgegenzunehmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Oh, ganz schön schwer“, sagte ich vorsichtig lachend. „Also, haben Sie &#8230;“ Weiter kam ich nicht. Ich wollte sie gerade noch einmal nach Sina fragen, als ich merkte, dass das Bündel in meinen Armen immer schwerer wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst dachte ich, ich bildete es mir nur ein, aber es dauerte nicht lange, bis meine Arme vor Kraftaufwand zitterten. An Aufstehen war gar nicht mehr zu denken. Stattdessen beschloss ich, das Bündel loszulassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Versteht mich bitte nicht falsch. Ich bin niemand, der ein Kind einfach so ins Wasser fallenlassen würde, aber dieses ‚Baby‘, dieses Ding in meinen Händen war kein Kind. Es wog inzwischen mehr als eine erwachsene Frau.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu meinem Entsetzen bewegten sich meine Arme keinen Zentimeter. Ich versuchte krampfhaft, sie zurückzuziehen, das Stoffbündel von mir zu werfen, aber es gelang mir nicht. Es war, als hielte eine unsichtbare Macht meine Arme fest.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hilfe! Hilfeee!“, schrie ich jetzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Irgendetwas stimmte hier nicht. Und ich wollte nicht warten, bis ich herausgefunden hatte, was es war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Entsetzt sah ich zu dem Bündel in meiner Hand, das noch immer schwerer wurde. Schließlich schwankte ich, verlor mein Gleichgewicht, bevor ich vorneüber ins Wasser kippte. Ich schaffte es gerade noch, tief Luft zu holen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Nächste, was ich spürte, war, wie mich etwas packte. Ich wurde im Fluss hin und her geschleudert, bekam Wasser in Mund und Nase. Ich hatte das Gefühl zu ersticken. Plötzlich bekam ich wieder Luft. Was auch immer mich gepackt hatte, hielt meinen Kopf jetzt über Wasser.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann sah ich die Frau. Ihr Gesicht war keinen halben Meter mehr von meinem entfernt. Hätte ich sie früher angesehen, wäre mir wohl aufgefallen, wie unmenschlich sie aussah. Sie hatte reptilienartige Züge, mit flacher Nase und schlitzartigen Pupillen. Und ihr Mund, ich weiß nicht, was es war, er sah seltsam aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst als sie ihn öffnete, erkannte ich es: Zwei spitze Zähne ragten aus ihrem Oberkiefer wie die Zähne eines Vampirs. Ihre Zunge, die sich langsam hervorschob, war lang und dünn, an der Spitze gespalten wie die einer Schlange. Und dieses Lächeln, dieses grausame Lächeln …</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hilfe! Hilfe!“, schrie ich erneut. Oder besser gesagt: Ich versuchte es. In dem Moment, als der erste Ton aus meinem Mund kam, spürte ich, wie der Druck an meinem ganzen Körper stärker wurde. Die Luft wurde gewaltsam aus meinen Lungen gepresst. Heraus kam nur noch ein leises Krächzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ungläubig starrte ich an mir herab. Ich sah große Schuppen. Eine riesige Schlange hatte sich um meinen Körper gewickelt. Sie schnürte mir mit unglaublicher Kraft die Luft ab. Erst dann sah ich, was es wirklich war: Es war der Unterkörper der seltsamen Frau. Ihr Oberkörper sah menschlich aus, aber dort, wo ihre Hüfte hätte sein müssen, begann der Körper einer riesigen Schlange. Sie war wie eine Meerjungfrau des Todes.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ungläubig sah ich wieder in ihr Gesicht. In ihren Augen funkelte Gier – Hunger. Dann schoss ihr Kopf blitzschnell auf mich zu. Ich konnte es zwar nicht sehen, aber ich spürte, wie sie ihre Zähne in meinem Hals versenkte. Der Schrei, den ich schreien wollte, war nicht mehr als ein Röcheln, während Blut aus der Wunde spritzte und sie gierig trank.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber noch wollte ich nicht aufgeben, noch hatte ich einen Funken Hoffnung. Also wehrte ich mich mit aller Kraft. Je mehr ich jedoch versuchte, mich zu befreien, desto fester drückte sie zu. Sie war ein Raubtier, das nur auf ihre Beute gewartet hatte, und ich war ihr Opfer. Ich hatte keine Chance.</p>



<p class="wp-block-paragraph">War es das, was mit Sina passiert war? Würde dasselbe mit Till und Marlene passieren, wenn sie nach uns suchten?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich riss meine Mörderin ihren Kopf zurück. Sie starrte den Fluss hinauf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Luca? Luca, wo bist du? Hast du Sina gefunden?“ Das war Till. Er musste meinem Hilferuf gefolgt sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schnell ließ die Schlangenfrau sich nach hinten in den Fluss fallen. Ihr Griff lockerte sich dabei leicht. Ehe ich jedoch nach Luft schnappen und brüllen konnte, dass Till wegrennen solle, war mein Kopf bereits unter Wasser. Zu spät atmete ich ein, sog Wasser in meine Lungen, während die Wunde an meinem Hals schmerzhaft brannte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein letztes Mal versuchte ich, mich zu wehren, aber die Erschöpfung und der aufkommende Schwindel raubten mir jede Kraft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es heißt immer, dass kurz vor deinem Tod dein Leben an dir vorbeiziehe. Während ich langsam das Bewusstsein verlor, erinnerte ich mich jedoch nicht an meine Kindheit, meine Schulzeit oder meine Familie. Stattdessen konnte ich nur eines denken: <em>‚Bitte, lieber Gott, wenn es dich wirklich geben sollte, lass Till und Marlene nicht auch diesem Monster zum Opfer fallen!‘</em></p>



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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Nure-onna (japanisch für „nasse Frau“) sind Schlangenfrauen der japanischen Mythologie. Sie zählen zu den <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/yokai">Yōkai</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem werden sie oft als Vampir bezeichnet, da sie das Blut ihrer Opfer trinken.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Entweder sollen die Nure-onna wie Frauen mit einem Schlangenunterkörper aussehen, oder aber sie sind große Schlangen mit dem menschlichen Kopf einer Frau.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Gegensatz zu den meisten weiblichen Yōkai werden die Nure-onna oft als hässlich beschrieben. Sie haben reptilienartige Gesichtszüge, Fangzähne und eine gespaltene Zunge wie die einer Schlange.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Schlangen mit Frauenkopf sollen sich zudem in eine wunderschöne Frau verwandeln können. Bei den Nure-onna mit Frauenoberkörper ist das seltener der Fall.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Des Weiteren heißt es, dass Nure-onna immer, auch wenn sie verwandelt sind, nasse Haare, nasse Haut und – sofern sie überhaupt welche tragen – nasse Kleidung haben sollen. Daher haben sie auch ihren Namen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Länge des Schlangenunterkörpers kann variieren. So ist oft von mehreren Metern die Rede – genug, um einen Menschen einzuwickeln –, es gibt aber auch mindestens eine Geschichte, in der von einer besonders langen Nure-onna die Rede ist, die mindestens 3 Chō (etwa 327 Meter) lang gewesen sein soll.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Neben der Verwandlungsfähigkeit, die manchen Nure-onna nachgesagt wird, besitzen sie auch noch andere Fähigkeiten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So sollen sie z. B. übernatürlich stark sein, so stark, dass sie ausgewachsene Bäume und sogar ganze Hauswände niederreißen können. Trotzdem bevorzugen sie es, sich bei der Jagd nach menschlichen Opfern auf ihre Hinterlist zu verlassen, statt auf ihre Stärke.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihre gängigste Methode hierfür ist, dass sie sich als erschöpfte Frau ausgeben, die ein vermeintliches Baby in den Händen hält. Dabei verstecken sie entweder ihren Schlangenunterleib im Wasser oder stehen in verwandelter Form als Frau am Ufer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn ein Wanderer, Fischer oder anderer Mann auf sie aufmerksam wird, bitten sie ihn darum, kurz ihr Baby zu nehmen, damit sie sich einen Moment ausruhen könne. In den meisten Geschichten gehen die Männer (selten sind es auch Frauen) darauf ein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das „Baby“, das die Nure-onna dem ahnungslosen Menschen gibt, ist jedoch in Wirklichkeit ein in Stoff gewickelter magischer Stein. Sobald der Stein den Besitzer wechselt, wird er augenblicklich schwerer und schwerer, sodass der Mensch es meist nicht mehr schafft, ihn rechtzeitig abzulegen. Manchmal heißt es auch, dass die Menschen wie gelähmt sind, während sie den immer schwerer werdenden Stein halten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist der Moment, in dem die Nure-onna zuschlägt: Sie wickelt ihren Schlangenkörper um ihr hilfloses Opfer und hält es mit eisernem Griff fest oder zerquetscht es mit unglaublicher Kraft. Gleichzeitig nutzt sie ihre Fangzähne oder die gespaltene Zunge, um dem Menschen das Blut aus dem Körper zu saugen, bis er stirbt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie nutzen aber auch andere Methoden, um vorbeigehende Menschen zu täuschen. Manchmal tun sie so, als würden sie ertrinken und schreien um Hilfe. Wenn jemand ins Wasser springt, um sie zu retten, greifen sie an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem kann es vorkommen, dass die Nure-onna nicht allein jagen. So soll es schon vorgekommen sein, dass sie mit einem Ushi-oni oder einer Iso-onna zusammengearbeitet haben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Nure-onna leben hauptsächlich in Seen, Flüssen und dem Meer in Japan. Daher werden sie fast immer im Wasser oder am Ufer bzw. dem Strand gesichtet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die meisten von ihnen sollen auf der Insel Kyūshū vorkommen, sie sind aber auch in anderen Teil Japans verbreitet.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die ältesten bekannten Zeichnungen der Nure-onna stammen aus der Edo-Zeit (1603 bis 1868). Damals wurde sie noch hauptsächlich als Schlange mit Frauenkopf, selten auch mit klauenähnlichen Händen, dargestellt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Inzwischen sind sie zu einem weit verbreiteten und beliebten Yōkai geworden, der hauptsächlich als halb Frau, halb Schlange dargestellt wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Entsprungen ist die Legende wahrscheinlich der Legende der Ubume, die aus dem 12. Jahrhundert stammt. Die Ubume sind Yōkai, die genau wie die Nure-onna ein in Stoff gewickeltes Bündel auf dem Arm tragen sollen und vorbeikommende Menschen darum bitten, ihr „Baby“ kurz zu nehmen. Wenn sie das Bündel annehmen, wird es daraufhin so schwer, dass die Menschen sich nicht mehr bewegen konnten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei den Ubume gibt es jedoch keinen Bezug zu Schlangen. Daher ist es denkbar, dass noch weitere Legenden einen Einfluss auf die Nure-onna-Legenden hatten oder sich diese Merkmale extra für sie ausgedacht wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von den Nure-onna? Würdet ihr das Baby einer erschöpft aussehenden fremden Frau nehmen, wenn sie euch darum bittet, es kurz zu halten? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Wenn ihr mehr solcher Geschichten oder Legenden lesen wollt, abonniert meinen&nbsp;<a rel="noreferrer noopener" href="https://www.geister-und-legenden.de/newsletter" target="_blank">Newsletter</a>&nbsp;oder folgt mir auf&nbsp;<a rel="noreferrer noopener" href="https://twitter.com/geisterlegenden" target="_blank">Twitter</a>,&nbsp;<a rel="noreferrer noopener" href="https://www.facebook.com/geisterlegenden/" target="_blank">Facebook</a>&nbsp;oder&nbsp;<a rel="noreferrer noopener" href="https://www.instagram.com/geisterlegenden/" target="_blank">Instagram</a>!</em></p>
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		<title>Der Nöck</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 17 May 2021 13:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Deutsche Legenden]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Monster und Ungeheuer]]></category>
		<category><![CDATA[Seeungeheuer]]></category>
		<category><![CDATA[deutsche Legende]]></category>
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		<category><![CDATA[Nöck]]></category>
		<category><![CDATA[Ungeheuer]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Plötzlich war ein leises Plätschern aus dem Wasser vor uns zu hören.<br />
Noch ehe ich meine Augen öffnen konnte, schrie Mama auf. „Hey! Wir angeln hier. Sie können hier nicht schwimmen!“<br />
Als ich den Mann im Wasser sah, sprang ich auf. Wo war er hergekommen? Wir konnten fast den ganzen See überblicken. Wieso war uns der Mann jetzt erst aufgefallen, als er in der Mitte des Sees war?</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg08.met.vgwort.de/na/9ab7402ef0fb47ca9515de3dcd00f12f" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Ein Nöck ist eine männliche Nixe. Wie bei meinem Beitrag über <a href="https://www.geister-und-legenden.de/die-nixen" target="_blank" rel="noreferrer noopener">die Nixen</a> versprochen, habe ich dem Nöck einen eigenen Beitrag gewidmet.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Schweigend saß Mama neben mir. Wir hatten seit fast zwei Stunden kein Wort mehr miteinander gesprochen. Stattdessen blickten wir gedankenverloren über den See, der vor uns lag, und lauschten den Vögeln und dem Rauschen der Bäume, die sich sanft im Wind wiegten. Aber bitte denkt jetzt nicht, dass unser langes Schweigen ungewöhnlich sei. Schließlich musste man beim Angeln leise sein, um die Fische nicht zu verscheuchen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Heute schien das Anglerglück jedoch nicht auf unserer Seite zu sein. Seit wir hier saßen, hatten wir gerade einmal einen einzigen Fisch gefangen. Das war das Risiko, wenn man in unbekannten Gewässern fischte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem ließen Mama und ich uns unser Angelwochenende dadurch nicht versauen. Wir liebten das Angeln, egal, ob wir viel fingen oder nicht. Schlechte Tage gehörten einfach dazu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vielleicht würden wir uns morgen nach einem neuen Gewässer umsehen, aber für heute würden wir hierbleiben, an diesem idyllischen See, umgeben von unberührter Natur.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich lehnte mich für einen Moment zurück, schloss die Augen und atmete die frische Waldluft tief ein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich war ein leises Plätschern aus dem Wasser vor uns zu hören.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Noch ehe ich meine Augen öffnen konnte, schrie Mama auf. „Hey! Wir angeln hier. Sie können hier nicht schwimmen!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich den Mann im Wasser sah, sprang ich auf. Wo war er hergekommen? Wir konnten fast den ganzen See überblicken. Wieso war uns der Mann jetzt erst aufgefallen, als er in der Mitte des Sees war?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Mann hingegen ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Er hob entschuldigend einen Arm. „Oh, Verzeihung. Wartet, ich komme rüber.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann schwamm er ans Seeufer weiter links, wo er zwischen einigen Schilfen verschwand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ist der bekloppt?“, fragte ich. „Er muss uns doch gesehen haben. Bestimmt hat er alle Fische vertrieben!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ach, Jannik, lass nur. Guck mal, da kommt er schon.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie hatte recht. Der Mann trug ein lockeres, beiges Oberteil und eine braune Stoffhose, als er mit einer kleinen Harfe in den Händen barfuß auf uns zu schlenderte. Seine Kleidung tropfte an den Ärmeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mama stand sofort auf. „Entschuldigen Sie. Ich wollte Sie nicht anfahren. Ich habe mich bloß so erschrocken, als ich Sie gesehen habe. Wissen Sie, man hat uns gesagt, dass das hier ein Angelsee sei.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Oh, nein. Es gibt hier viele Angelseen, aber dieser See gehört mir“, erwiderte er mit einem herzlichen Lächeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„P-Privatbesitz?“, stammelte Mama. „Tut uns wirklich leid, das wussten wir nicht.“ Sie machte sich daran, ihre Angel einzuholen, und deutete mir an, dasselbe mit meiner zu tun.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wartet. Bitte“, hielt der Mann uns auf. „Ihr könnt hier gerne angeln. Wisst ihr, es ist schön, etwas Gesellschaft zu haben.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gesellschaft? Der Mann kam doch sicher nicht so weit raus in die Natur, weil er gerne Gesellschaft hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mama schien sich keine Gedanken darüber zu machen. „Danke, sehr freundlich“, sagte sie. Dann fiel ihr Blick auf seine Harfe. „Sind Sie Musiker?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nein, das nicht. Aber ich spiele ganz gerne mal ein, zwei Noten.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ohne auf eine Aufforderung zu warten, begann er an den Saiten zu zupfen. Eine liebliche Melodie erklang. Sie hallte über den gesamten See.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Lassen Sie das! Sie verscheuchen noch die ganzen Fische!“, protestierte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mama warf mir einen giftigen Blick zu, als wolle sie mir sagen: ‚Der Mann lässt uns in seinem See angeln, also zeig ihm gefälligst etwas Respekt.‘</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich rollte mit den Augen, während ich mich genervt in meinen Stuhl fallen ließ. Es gefiel mir nicht, dass unser Angelausflug eine solche Wendung nahm. Ich wollte doch bloß in Ruhe angeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ach, keine Sorge, mein Junge. Meine Musik wird die Fische schon nicht stören“, sagte der Mann mit einem liebevollen, fast väterlichen Tonfall. Was glaubte er eigentlich, wer er ist?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch ehe ich zu einer schnippischen Antwort ansetzen konnte, fiel mein Blick auf meine Angel. Sie zuckte leicht. Ungläubig sprang ich auf. Tatsächlich. Es hatte ein Fisch angebissen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber das war nicht alles: Noch ehe ich den Fisch eingeholt hatte, fing auch Mamas Angel an zu zucken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich warf dem Mann, der noch immer seine Harfe spielte, einen ungläubigen Blick zu. Er zwinkerte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und es sollte nicht bei den beiden Fischen bleiben. In der nächsten Stunde fingen wir über zehn weitere Fische, während der Mann die ganze Zeit spielte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine anfängliche Begeisterung hatte sich inzwischen zu Unbehagen gewandelt. Ich sah den Mann misstrauisch an. Hatte er etwas damit zu tun?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was soll ich sagen? Die Fische lieben meine Musik“, scherzte er – zumindest hoffte ich, dass es ein Scherz war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Das kann man aber auch verstehen. Sie können so wunderbar spielen“, lobte Mama ihn. Kam ihr das gar nicht komisch vor?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Oh, bitte. Bei solch einem tollen und attraktiven Publikum muss man sich doch inspiriert fühlen“, schleimte der Mann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mama lachte, als fühle sie sich geschmeichelt. Flirteten die beiden gerade miteinander?!</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wir haben genug Fisch“, erklärte ich. „Die Kühlbox ist randvoll.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mama sah erst überrascht mich, dann die Kühlbox an. „Mein Sohn hat recht. Das reicht wohl für heute“, stimmte sie zu. „Aber vielleicht können wir ja morgen wiederkommen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich machte große Augen. „Nein Mama, ich meinte, der Fisch reicht wohl fürs ganze Wochenende.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt warf Mama mir einen leicht genervten Blick zu. „Beachten Sie ihn gar nicht. Wir haben einen netten Mann gefunden, der uns die Fische abkauft. Wenn Sie die Gesellschaft mögen, kommen wir also gerne wieder.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieso sagte sie ihm das? Fisch ohne Genehmigung zu verkaufen war nicht erlaubt. Und jetzt erzählte sie einem wildfremden Mann davon.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Mann lachte bloß. „Keine Sorge. Euer Geheimnis ist bei mir sicher.“ Wieder zwinkerte er mir zu. „Ich würde mich freuen, wenn ihr Morgen wiederkommt.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mama strahlte. Dann verabschiedeten wir uns und machten uns auf den Rückweg.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem wir einige Minuten gegangen waren, erhob ich schließlich das Wort. „Willst du wirklich morgen wieder dahingehen? Irgendwie war mir der Mann unheimlich.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was meinst du?“, fragte Mama. Es war ihr also nicht aufgefallen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Na ja, alles. Wo kam er überhaupt her? Ist er bis in die Mitte des Sees getaucht, bevor er an die Oberfläche gekommen ist? Und hast du seine Kleidung gesehen? Sie hat gar nicht aufgehört zu tropfen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Er war halt nass vom Schwimmen“, versuchte sie, mich zu beschwichtigen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Und der See? Meinst du wirklich, dass er ihm gehört? Welcher Mann besitzt schon einen See mitten im Nirgendwo? Und dann ist da noch die Harfe.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Die Musik war schön, nicht?“, fragte sie verträumt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hörte sie mir überhaupt zu?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich meinte, wie plötzlich so viele Fische angebissen haben, als er angefangen hat, zu spielen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ach, das lässt sich doch alles erklären. Der See ist bestimmt randvoll mit Fischen, weil er Privatbesitz ist und niemand dort angeln geht. Die Fische haben erst gebissen, als der Mann gespielt hat, weil er vorher im Wasser war. Er hat die Fische vertrieben.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Für zwei Stunden? Du kannst doch nicht ernsthaft denken, dass er solange im Wasser war, ohne dass wir ihn bemerkt haben?!“, protestierte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber Mama zuckte nur mit den Schultern. „Du machst dir zu viele Gedanken. Freu dich doch einfach. Immerhin haben wir heute Abend was Leckeres zu essen und gleichzeitig noch ein paar Euro verdient.“ Damit war das Gespräch für sie beendet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch obwohl wir den restlichen Tag nicht mehr über den seltsamen Mann sprachen, bekam ich ihn nicht mehr aus dem Kopf. Es waren aber nicht einmal die seltsamen Vorfälle, die mich störten. Vielmehr war es seine übertriebene Freundlichkeit. Vielleicht war es auch bloß der Gedanke, dass Mama mit ihm geflirtet hatte. Die Vorstellung, dass sie Papa untreu werden würde, wollte jedenfalls nicht in meinen Kopf gehen. Zum Glück würden wir übermorgen wieder nach Hause fahren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am nächsten Tag war Mama vor mir wach. Sie ließ mich ausschlafen, bis wir gegen 11 Uhr schließlich wieder zum Angeln aufbrachen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Bist du sicher, dass wir wieder zu demselben See wollen?“, versuchte ich es ein letztes Mal. „Es gibt hier doch noch genug andere Seen. Wie wäre es mit etwas Abwechslung?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Und den netten Mann sollen wir auf uns warten lassen? Nein. Wir haben, gesagt, dass wir heute wieder an seinen See gehen, also gehen wir auch an seinen See.“</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>‚DU hast gesagt, dass wir wieder an seinen See gehen‘</em>, korrigierte ich sie gedanklich. Ich sprach den Gedanken aber nicht aus. Stattdessen biss ich meine Zähne zusammen und folgte ihr. Spätestens heute Nachmittag hätte ich es hinter mir.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als wir uns dem See näherten, hörten wir bereits die Klänge einer Harfe in der Ferne.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Er ist schon da“, erklärte Mama überflüssigerweise. Sie klang aufgeregt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hingegen war weitaus weniger begeistert. Trotzdem beeilte ich mich, ihrem beschleunigten Schritt zu folgen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ah, hallo. Ich dachte mir schon, dass ich dich heute wiedersehe“, begrüßte er Mama. Mich ignorierte er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich verzog das Gesicht zu einer Fratze. Genau so stellte ich mir einen bösen Stiefvater vor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann fiel mein Blick auf seine Kleidung. Genau wie gestern tropfte sie. War er wieder schwimmen gewesen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich beachtete es nicht weiter. Um ehrlich zu sein versuchte ich, ihm und seinem Geflirte mit Mama so wenig Aufmerksamkeit zu schenken, wie ich konnte. Zum Glück dauerte es nicht lange, bis er wieder zu spielen anfing und wir in ein Schweigen übergingen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Genau wie gestern bissen die Fische wie verrückt. Wieder dauerte es nicht lange, bis unsere Kühltruhe voll war. Der Mann erlaubte uns sogar, die Truhe wegzubringen und noch einmal wiederzukommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Das ist wirklich sehr nett von Ihnen. Jannik, möchtest du die Kühltruhe wegbringen? Ich bleibe solange hier und passe auf die Angeln auf“, schlug Mama vor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber ich würde sie ganz sicher nicht mit diesem fremden Mann allein lassen. „Ich weißt nicht, ob ich den Weg kenne“, log ich. „Kannst du nicht mitkommen? Ich möchte mich nicht verlaufen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie sah entschuldigend zu dem Mann, der jetzt aufhörte, zu spielen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ach, das ist schon in Ordnung“, sagte er. „Ich bin mir sicher, dass wir noch genug Zeit haben, einander besser kennenzulernen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wut stieg in mir auf, als er das sagte. Als würde er sie anbaggern wollen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Oh“, sagte Mama nur. „Habe ich das gar nicht gesagt? Wir fahren morgen wieder nach Hause. Wir sind hier nur im Urlaub.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das bisher so übertrieben freundliche Lächeln des Mannes erstarrte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du hast mich also bloß ausgenutzt?“, fragte er kühl. „Ich gebe dir meinen Fisch. Spiele für dich. Erlaube dir, in meinem See zu angeln &#8230;“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Na hören Sie mal“, unterbrach Mama ihn. „Wir haben uns doch bloß nett unterhalten. Sie können doch nicht ernsthaft erwarten, dass das etwas anderes war. Ich habe einen Ehemann. Wo sonst soll ein so fantastischer Sohn herkommen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Mann erwiderte nichts. Er starrte Mama bloß mit leerem Gesicht an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Okay, Sie können den Fisch behalten. Ich wollte Sie keineswegs beleidigen. Ich gebe Ihnen auch gerne das Geld, das wir für Ihren Fisch bekommen haben.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mama kramte ihr Portemonnaie hervor. Doch als sie dem Mann die Scheine entgegenhielt, starrte er sie bloß an, als würde Mama ihm Müll anbieten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hatte unterdessen unsere Angelausrüstung zusammengeräumt. „Komm Mama, lass uns gehen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie zögerte noch einen Moment, bis sie das Geld zurücksteckte. Dann hob sie die Kühltruhe und ihre Angel auf. Sie warf dem Mann noch einen flüchtigen Blick zu, bis sie mir schließlich folgte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir kamen jedoch nicht weit. Bereits nach ein paar Metern hörte ich den sanften Klang seiner Harfe. Erst dachte ich, er würde uns ignorieren, bis ich merkte, dass Mama nicht mehr neben mir ging.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Fump.</em> Ein dumpfer Schlag übertönte das Harfenspiel. Überrascht drehte ich mich um. Mama war stehengeblieben. Sie hatte einen völlig entspannten Gesichtsausdruck. Die Kühltruhe und ihre Angel hatte sie ins Gras fallenlassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mama?“, fragte ich unruhig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie reagierte nicht. Stattdessen drehte sie sich zu dem Mann um, der jetzt bis zur Hüfte im Wasser stand. Er trug keine Kleidung mehr, spielte jedoch noch immer auf seiner Harfe. Ein kaltes Lächeln zog sich über seine Lippen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ein Nöck kann mit seinem Harfenspiel nicht nur Fische anlocken, weißt du?“, sagte er ruhig. Obwohl er dabei Mama eindringlich ansah, hatte ich das Gefühl, dass er mit mir sprach.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wusste zwar nicht, was ein Nöck war, sah aber sofort, was er meinte. Als wäre sie verhext worden, begann Mama, auf den Mann zuzugehen. Selbst, als sie sich dem Ufer näherte, machte sie keine Anstalten, langsamer zu werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mama, nicht!“, rief ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie ignorierte mich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als sie über den Uferrand trat und mit einem lauten Platschen ins Wasser stürzte, sprintete ich ihr nach. Ich zögerte nicht einmal, bevor ich ihr in den See folgte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Wasser war eiskalt. Meine Kleidung sog sich sofort voll, doch ich ignorierte es.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mama! Mama!“, brüllte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch sie schien meine Stimme überhaupt nicht wahrzunehmen. Mein einziger Vorteil war, dass sie recht langsam ging.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Beim Rennen wirbelte ich Wasser auf, das überall um mich herum aufspritzte und gleichzeitig meine Bewegungen erschwerte. Mama reichte das Wasser schon bis zur Brust.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Den Mann mit seiner Harfe schien es jedoch nicht zu stören, dass ich ihr näherkam. Im Gegenteil: Es schien ihm völlig egal zu sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mama! Mama!“, brüllte ich erneut.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Endlich hatte ich sie eingeholt. Ich packte sie mit beiden Armen, um sie zurück ans Ufer zu zerren. Doch sie wehrte sich. Mit Händen, Ellenbogen und Füßen versuchte sie, mich abzuschütteln. Als sie es schließlich schaffte, drehte sie sich zu mir und stieß mich mit einer Grobheit, die ich überhaupt nicht von ihr kannte, von sich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich konnte mich nicht halten, fiel nach hinten und wurde von der Wucht Unterwasser gedrückt. Hastig kämpfte ich mich zurück an die Oberfläche, schaffte es, mich wieder aufzurichten. Ich wischte mir Seewasser aus dem Gesicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Mann war inzwischen so tief, dass er schwimmen musste und seine Harfe nicht mehr spielen konnte. Trotzdem war Mama noch immer wie verhext. Sie hatte ihn fast erreicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich ging in ein panisches Schwimmen über, versuchte, sie noch einmal einzuholen, bevor sie bei dem Mann war. Doch ich war nicht schnell genug. Meine nasse Kleidung zog mich nach unten, sodass ich nicht nur Probleme dabei hatte, an der Oberfläche zu bleiben, sondern auch dabei, voranzukommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment waren Mama und der Mann verschwunden. Nein. Nicht verschwunden, untergetaucht!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort tauchte ich hinterher. Mamas gelbe Regenjacke, die sie immer beim Angeln trug, konnte ich im dreckigen Wasser deutlich erkennen. Sie sank schnell.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem versuchte ich, hinterherzukommen. Doch obwohl meine Kleidung mich herunterzog, kam ich nicht so schnell voran, wie Mama von dem Mann in die Tiefe gezogen wurde. Wie tief war dieser verdammte See?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Gelb ihrer Jacke wurde zu einem schmutzigen Orange. Dann zu einem Braun. Und dann war es schließlich verschwunden. Tränen mischten sich mit dem Seewasser um meine Augen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schließlich merkte ich, wie mein Sauerstoff knapp wurde. Panisch begann ich, zurück an die Oberfläche zu schwimmen. Ich konnte das Sonnenlicht sehen, doch nährte mich viel zu langsam. Wasser drang in meine Lungen. Ich zwang mich, weiterzuschwimmen. Ich kämpfte jetzt nicht mehr um Mama, sondern um mein eigenes Überleben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann endlich tauchte ich auf. Ich hustete und spuckte Seewasser, während ich in Richtung Ufer schwamm. Endlich bekam ich wieder schlammigen Boden unter den Füßen. Halb schwimmend, halb laufend kämpfe ich mich bis zum Ufer vor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit nassen Händen klammerte ich mich in das Gras und den Boden und zog mich an Land, wo ich erschöpft liegenblieb.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es dauerte eine Weile, bis ich mich traute, zurückzublicken. Der See war inzwischen wieder völlig ruhig, als wäre nie etwas geschehen. Mama war mit dem Mann in der Tiefe des Sees verschwunden. Ich konnte nur vermuten, dass sie beide ertrunken waren.</p>



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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Nöck, auch als Nix, Neck oder Nickert bekannt, ist die männliche Form der Nixe. Er gehört zu den Wassermännern der <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/deutsche-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">deutschen Mythologie</a>.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wie ich bei den Nixen beschrieben haben, besitzen sie die Fähigkeit, ihren Fischschwanz in menschliche Beine zu verwandeln, um an Land zu gehen. Hierzu habe ich bei den Nöcken jedoch nichts finden können. Daher weiß ich leider nicht, ob ein Nöck im Wasser einen Fischschwanz besitzt oder nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">An Land sehen sie aber auf jeden Fall menschlich aus. Genauso wie bei den Nixen tragen sie hierbei Kleidung, die am Saum immer nass ist – sofern sie nicht nackt sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem heißt es manchmal, dass sie grüne Zähne oder Fischzähne hätten und eine rote Mütze tragen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das generelle Aussehen variiert hingegen je nach Region. So sollen sie mal sehr hässlich aussehen, andere Male recht durchschnittlich und wieder andere Male sollen sie ein schöner Jüngling mit goldenen Locken sein.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Auch die Eigenschaften der Nöcken können von Ort zu Ort variieren. Häufig werden sie aber als bösartig dargestellt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die meisten Geschichten handeln davon, dass ein Nöck einem oder mehreren Menschen Schaden zufügt – sei es, dass er Leute ertränkt, ein Dorf überflutet oder Schiffe untergehen lässt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Besonders häufig wird davon erzählt, dass Nöck Kinder ins Wasser zerren würden, die zu nahe am Ufer spielen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie sind aber auch für ihre Musik- und Gesangskünste bekannt. So sollen sie wunderschön Harfe spielen und singen können. In einigen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Legenden</a> können sie damit sogar Menschen – besonders Mädchen und Frauen – betören und ins Wasser locken. Dort sollen sie sie ertränken oder in manchen Fällen sogar vergewaltigen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Andere Nöcken sollen Menschen mit Geschenken oder falschen Versprechen ins Wasser locken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch ein Nöck ist nicht immer böse. Es gibt auch zahlreiche Sagen über freundliche Nöcken, die z. B. Menschen helfen oder sie vor dem Ertrinken retten. Trotzdem sollen auch die freundlichen Nöcken meist sehr launisch sein. Man sollte daher darauf achten, einen Nöcken nicht zu verärgern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So gibt es z. B. eine Legende eines Nöcken, der mit einer menschlichen Frau verheiratet war. Als die Frau ihn verlassen hat, nahm er ihr gemeinsames Kind und riss es entzwei, um mit seiner Hälfte im See zu verschwinden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber auch untereinander können Nixen und Nöcken heiraten. So gibt es zahlreiche Geschichten von Nöcken, die eine Nixenfrau und Kinder haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und natürlich kann sich ein Nöck auch an Land aufhalten. So mischen sie sich manchmal unter die Menschen, um z. B. auf dem Markt Getreide zu verkaufen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Ähnlich wie Nixen leben Nöcken nicht im Meer, sondern hauptsächlich in Flüssen, Seen, Teichen und Tümpeln. Es soll sogar vorkommen, dass ein Nöck in einem Brunnen lebt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem besitzen sie – genau wie die Nixen – in manchen Legenden ein eigenes Haus am Grund des Sees.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wie die Legende der Nixen ist auch die Legende der Nöcken schon viele hunderte, wenn nicht tausende Jahre alt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie wurden hauptsächlich als Kinderschreck benutzt, da man den Kindern erzählte, dass ein Nöck sie ins Wasser zerren würde, wenn sie dem Ufer zu nahe kämen. Das hat man hauptsächlich getan, damit die Kinder nicht ins Wasser fallen und im schlimmsten Fall ertrinken, wenn sie sich dem Ufer nähern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem hat man Nöcken häufig für Ertrunkene und Überflutungen verantwortlich gemacht. Sie waren u.&nbsp;A. eine Möglichkeit, zu erklären, warum einige Menschen im See oder Fluss untergegangen sind, ihre Leiche jedoch nie an die Wasseroberfläche zurückgekehrt sind – der Nöck habe sie geholt.</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<p class="wp-block-paragraph"><em><strong>Was haltet ihr von dem Nöck? Wie würdet ihr reagieren, wenn ihr einem begegnet? Würdet ihr versuchen, euch mit ihm unterhalten oder würdet ihr euch fernhalten? Schreibt es in die Kommentare!</strong></em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em><strong>Wenn ihr mehr solcher Geschichten oder Legenden lesen wollt, abonniert meinen <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.geister-und-legenden.de/newsletter" target="_blank">Newsletter</a> oder folgt mir auf <a rel="noreferrer noopener" href="https://twitter.com/geisterlegenden" target="_blank">Twitter</a>, <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.facebook.com/geisterlegenden/" target="_blank">Facebook</a> oder <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.instagram.com/geisterlegenden/" target="_blank">Instagram</a>!</strong></em></p>
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		<title>Die Nixen</title>
		<link>https://www.geister-und-legenden.de/die-nixen</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 15 Mar 2021 14:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Deutsche Legenden]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Monster und Ungeheuer]]></category>
		<category><![CDATA[Seeungeheuer]]></category>
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		<category><![CDATA[Wald]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Als ich zurück beim Lagerfeuer war, war meine Familie bereits am Essen.<br />
„Wieso hat das so lange gedauert?“, fragte Mama. Dann lachte sie plötzlich. „Nein. Halt. Ich brauche keine Details.“<br />
Wieder musste ich breit grinsen. „Ihr werdet es nicht glauben, aber ich habe die Meerjungfrau getroffen.“</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg08.met.vgwort.de/na/32e3f366612845e6bbbe3242b3d54e61" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Nixen sind eine sehr alte <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/deutsche-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">deutsche Legende</a>. Sie ähneln den Meerjungfrauen, leben jedoch nicht im Meer, sondern in Seen und Flüssen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Mama und ich saßen am Lagerfeuer, als sich in der Ferne schnelle Schritte näherte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Christoph! Christoph! Da war eine Meerjungfrau!“, rief meine kleine Schwester Lilli aufgeregt, während sie auf mich zu rannte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„In der Nähe des Feuers wird nicht gerannt!“, mahnte Mama sie sofort.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Lilli verlangsamte ihre Schritte – wenn auch nur ein wenig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich ließ sie auf meinen Schoß. „Eine Meerjungfrau, ja?“, fragte ich mit gespielter Begeisterung. Ich mochte Lillis ausgeprägte Fantasie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Lilli nickte energisch. „Sie war im Wasser, als Papa und ich geangelt haben. Sie hatte einen Fischschwanz und alles!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Papa, der inzwischen auch bei unserem kleinen Zeltlager angekommen war, stellte seine Angelausrüstung ab. Er hob entschuldigend die Hände. „Ich hab sie nicht gesehen“, erklärte er mit seiner ruhigen Stimme. „Aber“, stolz zeigte er uns seinen Fang, „wir haben einen guten Fang gemacht. Und Lilli hat fleißig mitgeholfen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ist das so? Wie hast du Papa denn geholfen?“, wandte Mama sich an Lilli.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder nickte meine kleine Schwester energisch. „Ich hab die Angel gehalten, bis ein Fisch angebissen hat. Und einen Fisch durfte ich sogar mit einholen!“ Der Stolz stand ihr ins Gesicht geschrieben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Dann bist du ja eine richtige kleine Anglerin“, erwiderte Mama. „Was ist, hilft du mir mit den Kartoffeln?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Oh ja“, rief sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wuschelte ihr durch die Haare, bevor ich sie von meinem Schoß ließ. Wie konnte ein so kleiner Mensch nur so voller Energie stecken?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Und was ist mit dir?“, fragte Papa an mich. Als ich sein breites Grinsen sah, wusste ich sofort, was er von mir wollte. „Hilfst du mir beim Fisch?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich seufzte schwer. Das durfte ich mir bereits seit Jahren anhören. Mit sechs oder sieben hatte ich mich fast übergeben, als ich einen Fisch ausgenommen hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem schämte ich mich nicht dafür. Es war mir egal, ob es einige als unmännlich sahen, dass ich mir nicht gerne die Hände schmutzig machte. Trotzdem schien es Papa einen riesen Spaß zu machen, mich damit aufzuziehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich geh lieber noch schnell auf Toilette. Dann muss ich nicht während des Essens“, entschuldigte ich mich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Papa grinste blöd. Ich ignorierte ihn.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Aber beeil dich. Kalt schmeckt der Fisch nicht“, rief Mama mir nach, als ich mich ins Unterholz kämpfte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was dachte sie denn, wie lange ich brauchte?! Ich ging zwar etwas in den halbdunklen Wald hinein, aber doch nur, um außer Sichtweite zu sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich mich erleichterte, schloss ich die Augen und sog die kühle Abendluft ein. Sie war angenehm. Ganz anders, als in der Stadt. Die fehlenden Abgase machten die Luft nahezu geruchslos, mit einer schwachen Note von Erde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieso ging ich eigentlich nicht häufiger in die Natur? Ich liebte unsere Campingausflüge. Eigentlich war es schade, dass wir sie nur einmal im Jahr machten. Vielleicht sollte ich Papa fragen, ob ich mal auf einen seiner Angelausflüge mitdürfe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Knacken in meiner Nähe riss mich aus meinen Gedanken. Es klang, als wäre jemand auf einen Ast getreten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Leicht unwohl sah ich mich um. Meine Eltern oder meine Schwester konnten es nicht sein. Niemand von ihnen würde mit dem Kochen aufhören, nur um mich zu ärgern.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>‚Wahrscheinlich nur ein Tier oder ein herunterfallender Ast‘</em>, redete ich mir ein. Trotzdem beeilte ich mich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gerade, als ich meinen Hosenstall schloss, ertönte noch ein Knacken. Diesmal klang es näher. Dann ein Rascheln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Obwohl es keine gefährlichen Tiere in der Gegend gab, hatte ich keine Lust, herauszufinden, was es war. Also ging ich schnellen Schrittes zurück in Richtung Camp &#8230; Ich kam nicht weit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als das Mädchen wie aus dem Nichts vor mir auftauchte, erschraken wir uns beide gleichzeitig. Sie wich einen Schritt zurück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Verdammt. Hast du mich erschreckt!“, sagte sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wunderte mich kurz darüber, dass sie im Wald ein Kleid trug. In der Dämmerung sah es weiß aus. Dafür brachte es ihre braunen Haare zur Geltung, die wiederum ihr bleiches Gesicht betonten. Sie sah wunderschön aus &#8230;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was soll ich denn sagen?“ Ich fasste mir etwas zu dramatisch an die Brust, in der mein Herz nicht nur wegen des Schreckens ein klein wenig schneller schlug. „Ich hatte nicht erwartet, hier draußen jemanden zu treffen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie hatte intelligente Augen, mit denen sie mich jetzt musterte. Im schwachen Licht sahen sie sehr hell aus – vielleicht himmelblau? „Was machst du hier draußen?“, fragte sie. „Ich hab dich hier noch nie gesehen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Meine Familie und ich campen ganz in der Nähe. Wir sind vor wenigen Stunden angekommen“, erklärte ich. „Und du? Wohnst du im Dorf oder machst du auch Urlaub?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie schien entschieden zu haben, dass von mir keine Gefahr ausging. Also lächelte sie mich an. Ein süßes Lächeln, das mehr Wärme ausstrahle, als ich einem Lächeln je zugetraut hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ja. Ich wohne hier“, sagte sie knapp. „Ich war im See schwimmen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt bemerkte ich, dass ihr helles Kleid leicht feucht war. Besonders an den Stellen, wo es ihre Haut berührte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ah &#8230; Die Meerjungfrau“, sagte ich mit einem breiten Grinsen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Mädchen riss die Augen auf. Überrascht starrte sie mich an. „W-was?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich lachte kurz auf. „Ach nichts. Meine Schwester hat vorhin ein Mädchen im See baden sehen und war fest überzeugt, eine Meerjungfrau gesehen zu haben“, erklärte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt lachte auch das Mädchen. Es klang wie kleine Glöckchen, die eine wunderschöne Melodie spielten. „Ach so, na dann. Kinder haben wirklich eine lebhafte Fantasie.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir standen noch einen Moment grinsend da. Wobei es bei ihr eher ein herzliches Lächeln, als ein belustigtes Grinsen war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Christoph? Wo bleibst du denn?“, ertönte die Stimme meiner Mutter in der Ferne.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Geräusch schien das Mädchen erneut zu erschrecken. „Ich &#8230; Ich sollte gehen“, sagte sie. Dann ging sie schnellen Schrittes davon.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Warte!“, rief ich ihr nach. „Wie heißt du eigentlich? Ich bin Chris.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Mädchen blieb stehen. „Serena“, stellte sie sich vor, während sie sich zu mir umdrehte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Serena. Ein schöner Name.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ein guter Name für eine Meerjungfrau!“, sagte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder grinsten wir einander an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Vielleicht sehen wir uns ja noch einmal, Chris“, verabschiedete sich Serena.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Gerne. Wir sind das ganze Wochenende hier.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Serena lächelte. Dann ging sie weiter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich blieb noch einen Moment stehen. „Wow“, hauchte ich, während ich mir durch die Haare fuhr. Es wäre schön, sie noch einmal wiederzusehen. Dann ging auch ich weiter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich zurück beim Lagerfeuer war, war meine Familie bereits am Essen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wieso hat das so lange gedauert?“, fragte Mama. Dann lachte sie plötzlich. „Nein. Halt. Ich brauche keine Details.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder musste ich breit grinsen. „Ihr werdet es nicht glauben, aber ich habe die Meerjungfrau getroffen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mama verschluckte sich fast an dem Bissen, den sie gerade in den Mund genommen hatte, Papa zog eine Augenbraue hoch und Lillis Kinnlade klappte herunter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich hab doch gesagt, dass sie echt ist! Eine echte Meerjungfrau!“, schrie Lilli laut.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Lärm scheuchte einige Vögel auf, die in der Dunkelheit panisch davonflatterten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ja. Nur, dass sie keine Meerjungfrau ist. Ihr Name ist Serena. Und sie hat keinen Fischschwanz, sondern ganz normale Beine“, erklärte ich. „Sie war im See schwimmen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Um die Uhrzeit?“, fragte Mama. Sie klang aber nicht skeptisch, sondern eher besorgt. Sie war nun einmal eine Mutter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Keine Sorge. Sie wohnt im Dorf hier in der Nähe. Sie ist sicher schon zu Hause“, beruhigte ich sie. „Und es kann sein, dass sie uns das Wochenende mal besuchen kommt“, fügte ich hinzu. Wieder konnte ich mir ein breites Grinsen nicht verkneifen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Oh, den Blick kenn ich“, meldete sich Papa zu Wort. „Ist sie hübsch?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was? Nein! Also &#8230; doch, ist sie. A-Aber so ist das nicht!“, stammelte ich. Ich konnte dabei jedoch nicht verhindern, dass ich rot wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann brach völliges Chaos aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was? Was ist so nicht?“, fragte Lilli verwirrt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich glaube, dein großer Bruder ist in diese Serena verliebt“, erklärte Papa.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Oh &#8230; Christoph ist verlie-hiebt. Christoph ist verlie-hiebt!“, rief sie jetzt wieder und wieder.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Papa klatschte im Takt, während Mama daneben saß und das Ganze belustigt beobachtete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es dauerte sicherlich fünf Minuten, bis ich Lilli und Papa wieder beruhigen konnte – fünf Minuten, in denen ich am liebsten im Erdboden versunken wäre.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während wir aßen, kam Serena noch einige Male zur Sprache. Nachdem ich unsere Begegnung geschildert hatte, wandten wir uns aber endlich anderen Themen zu. Wir planten den nächsten Tag – Papa wollte mit der ganzen Familie eine Wanderung machen, bevor er gegen Mittag wieder angeln ging, während Mama sich einen entspannten Tag machen wollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Entspannen kannst du dich auch zu Hause“, warf Papa ein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Stimmt, aber in der Natur ist es viel schöner“, erwiderte Mama.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Eben. Deswegen sollten wir sie möglichst viel genießen – bei einer Wanderung.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es ging noch eine Weile so weiter. Ich hörte ihnen jedoch gar nicht mehr zu. Stattdessen starrte ich ins Feuer und lauschte dem Knistern. Wind raschelte in den dunklen Bäumen. Ab und hörte man auch das Geraschel von Tieren. Grillen zirpten in der Dunkelheit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Gedanken waren bei Serena. Ich war doch nicht wirklich nach der einen Begegnung bereits in sie verliebt, oder? Klar, sie war nett und sieht wirklich toll aus, aber wir hatten uns nicht einmal fünf Minuten gesehen. Außerdem war es dunkel gewesen. Ich wusste ja nicht einmal, ob ich sie tatsächlich noch einmal wiedersah.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es fiel mir den gesamten Abend über schwer, an etwas anderes zu denken. Es war, als wäre sie mit Gewalt in meinen Kopf eingebrochen und hätte alle anderen Gedanken vertrieben. Selbst, als es langsam spät wurde und wir in unsere Zelte gingen – Mama, Papa und Lilli in ein großes, ich in ein kleines eigenes –, spukte sie noch durch meinen Kopf. Ihre braunen Haare, die blauen Augen, das Lächeln ihrer makellosen Zähne.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gott, was war bloß los mit mir? Sonst dauerte es immer einige Zeit, bis ich Gefühle für jemanden entwickelt hatte. Noch nie hatte ich mich so Hals über Kopf verschossen, wie in Serena. Und so kam es, dass ich an jenem Abend mit einem Lächeln einschlief.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das nächste, an das ich mich erinnerte, war, dass jemand mein Zelt von außen öffnete. Das Geräusch des Reißverschlusses war leise, jedoch nicht leise genug, um mich schlafen zu lassen. Verwirrt schaltete ich meine Campinglampe ein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hatte mit vielem gerechnet. Etwa, dass meine Schwester lieber bei mir schlafen wolle oder das Papa eine spontane Nachtwanderung im Sinn habe, aber nicht mit &#8230;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Serena?“, fragte ich überrascht. „Was machst du hier?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mir fiel nur ein einziger Grund ein, warum sie hier vor mir stehen wurde: <em>‚Na toll &#8230; Jetzt träume ich sogar schon von ihr!‘</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch je länger die Situation andauerte, desto mehr wurde mit bewusst, dass ich wach war. Träume waren seltsam, wirr, oft zusammenhangslos. Das hier war nichts davon. Ich war bei vollem Bewusstsein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Serena kam vorsichtig zu mir ins Zelt. Sie hockte sich neben meinen Schlafsack. Zusammen mit ihr kam ein süßlicher Duft nach Blumen zu mir. Vielleicht ein Parfüm?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich hatte Lust, im See schwimmen zu gehen. Und da dachte ich mir, wieso frage ich dich nicht, ob du mitkommst &#8230;?“, flüsterte sie mit ihrer sanften Stimme.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Augen weiteten sich. „J-Jetzt? Mitten in der Nacht?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Serena zuckte unschuldig mit den Schultern, bevor sie mich mit ihrem warmen Lächeln anstrahlte. „Warum nicht?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Aber ich &#8230; Ich habe keine Schwimmsachen dabei!“, protestierte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aus Serenas Lächeln wurde ein herausforderndes Grinsen. „Ich auch nicht“, erwiderte sie zwinkernd.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort merkte ich, wie mein Gesicht heiß wurde. Ich musste knallrot geworden sein. Serena schien es nicht zu stören. Im Gegenteil: Es schien ihr zu gefallen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Spätestens jetzt hatte ich kein Argument mehr im Kopf, das dagegen sprach. Serena hatte mich voll in ihren Bann gezogen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als sie nach meiner Hand griff, um mich aus dem Zelt zu ziehen, wehrte ich mich nicht gegen sie. Ich wusste, dass es nicht richtig war. Ich sollte nicht einfach einer fremden Frau folgen. Doch mein Kopf ignoriere die Vernunft. Ich <em>wollte</em> mit ihr gehen. Ich <em>musste</em> mit ihr gehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit nichts als meiner Unterhose und meinem T-Shirt folgte ich Serena durch den Wald. Immer wieder piksten mich Stöcker und Steine in die Fußsohlen. Ich stolperte über Wurzeln, trat in weiches Moos. Doch das alles bemerkte ich kaum. Meine Augen waren nur auf Serena gerichtet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im schwachen Mondlicht konnte man kaum mehr als ihre groben Umrisse erkennen, doch trotzdem sah ich, wie wunderschön sie war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als wir den See erreichten, war er sehr ruhig. Der schwache Wind, den man am Ufer spüren konnte, sorgte kaum für Wellen auf der fast völlig flachen Wasseroberfläche. Man konnte sogar die Spiegelung des Halbmondes deutlich erkennen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Serena machte sie sich nicht einmal die Mühe, ihr Kleid auszuziehen. Sie sprang ins Wasser, ohne meine Hand loszulassen. Ich ließ es geschehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Wasser war eiskalt. Es legte sich wie ein feuchter Mantel aus Eis um meinen gesamten Körper. Obwohl ich mir dabei unmännlich vorkam, konnte ich einen kurzen Aufschrei nicht vermeiden. Zum Glück schien Serena es nicht bemerkt zu haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie hielt noch immer meine Hand, während sie weiter und weiter auf den See hinausschwamm. Wäre ich nicht völlig in ihren Bann gezogen gewesen, hätte ich wohl bemerkt, wie unnatürlich schnell sie war. Wie sie fast ohne ihre Arme zu benutzen mehrere Meter pro Sekunde schwimmen konnte. Mir wäre aufgefallen, wie ihre Haare im weißen Mondlicht grünlich schimmerten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als sie schließlich anfing, auf der Stelle zu schwimmen, mussten wir etwa in der Mitte des Sees sein. Sie drehte sich zu mir. Erst jetzt bemerkte ich, dass ihr Kleid verschwunden war. Sie war nackt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hätte ich einen Moment darüber nachgedacht, hätte ich mich wohl gewundert, wie sie das Kleid ausziehen konnte, ohne meine Hand loszulassen. Aber ich dachte nicht darüber nach. Ich bemerkte nicht einmal, wie ich vor Kälte am ganzen Körper zitterte. Vielleicht bemerkte ich es auch und es war mir bloß egal &#8230; Für mich zählte gerade nur Serena.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Liebevoll legte sie eine Hand auf meine Wange. Sie streichelte sie vorsichtig mit ihrem Daumen, während sie mich näher zu sich zog.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>‚Sie wird mich gleich küssen‘</em>, dachte ich. Und es gab nichts, was ich gerade lieber tun würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihre Hand wanderte von meiner Wange an meinen Hinterkopf. Sie fuhr mir sanft durch die Haare. Gott, wie schön sie war!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch sie zog meinen Kopf nicht weiter zu sich heran. Sehnsüchtig wartete ich darauf, dass sie mich in eine liebkosende Umarmung hüllte, ihre Lippen auf meine drückte, ihren Körper gegen meinen. Doch es passierte nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Stattdessen merkte ich, wie sie mich bei den Haaren packte. Plötzlich war alles Sanfte aus ihrer Bewegung verschwunden. Sie packte so fest zu, dass es wehtat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Verwirrt blickte ich ihr ins Gesicht. Wo war ihr Lächeln? Das Funkeln in ihren Augen? Das Gesicht, das mir entgegenblickte, war jetzt kalt und grausam. Es fehlte die so vertraute Wärme.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie packte meine Haare noch fester. Ich wollte einen Schrei ausstoßen, als sie meinen Kopf plötzlich unter Wasser drückte. Ich wehrte mich, trat um mich, schlug auf ihre Hand ein, um ihren Griff zu lösen. Doch es half nichts. Sie hatte mich fest im Griff.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Stattdessen merkte ich, wie sie sich in Bewegung setzte. Sie zerrte an meinen Haaren, zog mich weiter in die Tiefe. Etwas Schleimiges, Kräftiges streifte mich im Rhythmus ihrer Bewegungen. Ihr Fischschwanz!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich war umgeben von endloser Schwärze. Das Wasser hatte sämtliches Mondlicht geschluckt. Schnell hatte ich die Wasseroberfläche aus den Augen verloren. Dass wir tiefer und tiefer schwammen, merkte ich nur an dem immer stärker werdenden Druck auf meinen Ohren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es heißt immer, dein Leben würde an dir vorbeiziehen, wenn du stirbst. Bei mir das nicht der Fall. Meine Gedanken waren auch nicht bei meinen Freunden oder meiner Familie, sie waren bei Serena. Als ich die Luft nicht mehr anhalten konnte, Wasser in meine Lungen strömte, konnte ich nur an Serena denken. Daran, wie sie mich verraten hatte. Wie sie jetzt aber trotzdem bei mir war. Wie ich an ihrer Seite sterben würde &#8230;</p>



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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Nixen sind <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/seeungeheuer" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wasserwesen</a> der <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/deutsche-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">deutschen Mythologie</a>. Aufgrund ihres Äußeren werden sie häufig mit den Meerjungfrauen verwechselt. Zwischen ihnen gibt es jedoch entscheidende Unterschiede.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Skandinavien sind außerdem sehr ähnliche Wesen bekannt. Darunter z. B. die Nøkken in Dänemark , die Näck in Schweden oder die Nykk in Norwegen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Hinweis: Da sich der männlichen Nix in seinen Eigenschaften stark genug von der weiblichen Nixe unterscheiden, sodass ich einen eigenen Beitrag inkl. Geschichte darüber schreiben kann, werde ich den Nix in einem zukünftigen Beitrag separat behandeln.</em></p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn sich eine Nixe im Wasser aufhält, sieht sie den Meerjungfrauen sehr ähnlich: Sie besitzt den Oberkörper einer Frau und den Unterkörper eines Fisches.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Manchmal soll ihre Haut leicht grünlich sein oder sie soll grün schimmernde bis grüne Haare besitzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Verlässt eine Nixe das Wasser, verschwinden ihre unmenschlichen Eigenschaften jedoch. Sie sieht dann aus, wie eine völlig normale Frau – entweder eine wunderschöne junge Frau oder eine sehr alte Frau. Der einzige Unterschied ist, dass der Saum ihrer Kleidung immer nass sein soll. In anderen Geschichten hat sie auch feuchte Haut, Kleidung oder Haare.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sowohl in ihrer jungen menschlichen Gestalt als auch in ihrer natürlichen Form wird den Nixen eine außergewöhnliche, teilweise betörende Schönheit nachgesagt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Nixen sind dafür bekannt, dass sie Menschen – hauptsächlich junge Männer oder Kinder – in das Wasser locken und ertränken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es heißt, dass sie Musik, Tanz und Gesang lieben. Ihr betörender Gesang soll – ähnlich wie bei den Sirenen – die Fähigkeit haben, Männer in seinen Bann zu ziehen, um sie in den See oder Fluss zu locken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine der bekanntesten Nixen ist wohl die <a href="https://www.geister-und-legenden.de/loreley" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Loreley</a>, über die ich bereits einen Beitrag verfasst habe. Sie soll mit ihrem zauberhaften Gesang viele Schiffe im Rhein zum Sinken gebracht haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem sollen Nixen in einigen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Legenden</a> das Wetter kontrollieren können. So handelt eine Legende von einer Nixe, die sich in eine alte Frau verwandelt hat. Sie ist bei einem Unwetter zu einer Burg geflüchtet, um dort Schutz vor dem Wetter zu suchen. Als ihr der Einlass jedoch verweigert wurde, soll sie starken Regen beschworen haben, der die gesamte Burg überflutet hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die meisten Nixen sind bösartig. Es gibt aber auch Geschichten von Nixen, die harmlos, freundlich oder hilfsbereit waren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einige von ihnen sollen z. B. die Zukunft voraussagen können und die Menschen warnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem soll es Nixen gegeben haben, die sich in Menschen verliebt haben. Manche von ihnen haben sogar geheiratet und Kinder bekommen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Im Gegensatz zu den Meerjungfrauen leben Nixen nicht im Ozean. Sie bevorzugen Flüsse, Seen und Bäche, können sich aber auch an Land aufhalten. Trotzdem kehren sie immer wieder zu ihrem Gewässer zurück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Laut einigen Legenden besitzen manche Nixen außerdem eine Art Haus am Grund ihres Sees.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Erzählungen von Nixen gibt es schon seit tausenden von Jahren. So wurden z. B. bereits in germanischen Stämmen Geschichten über sie erzählt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch werden sie in der Nibelungensage erwähnt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Leider konnte ich nicht sonderlich viel über die frühere Darstellung der Nixen herausfinden. Es ist jedoch bekannt, dass sie in der kulturgeschichtlichen Epoche der Romantik (ca. 1795–1848) einen gewissen Wandel durchgemacht haben. Aus den vorher fast ausschließlich boshaften Nixen wurden in dieser Zeit immer häufiger freundliche und hilfsbereite Wesen.</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<p class="wp-block-paragraph">Was haltet ihr von den Nixen? Wusstet ihr, dass es zwischen ihnen und den Meerjungfrauen einen Unterschied gibt? Und was glaubt ihr, treibt die Nixen an? Aus welchem Grund hat Serena Christoph im See ertränkt? Schreibt es in die Kommentare!</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Wenn ihr mehr solche Geschichten oder Legenden lesen wollt, abonniert auch gerne meinen <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.geister-und-legenden.de/newsletter" target="_blank">Newsletter</a>, oder folgt mir auf <a rel="noreferrer noopener" href="https://twitter.com/geisterlegenden" target="_blank">Twitter</a>, <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.facebook.com/geisterlegenden/" target="_blank">Facebook</a> oder <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.instagram.com/geisterlegenden/" target="_blank">Instagram</a>!</em></p>
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		<title>Der Kraken</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 01 Jun 2020 13:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Geschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Monster und Ungeheuer]]></category>
		<category><![CDATA[Seeungeheuer]]></category>
		<category><![CDATA[Legende]]></category>
		<category><![CDATA[männlicher Protagonist]]></category>
		<category><![CDATA[Meer]]></category>
		<category><![CDATA[Monster]]></category>
		<category><![CDATA[nordische Legende]]></category>
		<category><![CDATA[Ozean]]></category>
		<category><![CDATA[Schiff]]></category>
		<category><![CDATA[Ungeheuer]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Jetzt brach Panik aus. Ich hörte dumpfe Schreie und einige Angestellte, die lautstark versuchten, die Passagiere zu beruhigen. Es klang nach völligem Chaos. Von den Lektionen der Seenotrettungsübung, die wir kurz vor Beginn der Fahrt mitmachen mussten, war nichts mehr zu sehen ...</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg08.met.vgwort.de/na/4d3acfe4d08a4ec194deba8a18f1960a" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Der Kraken ist mein erster Blogbeitrag über ein <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/seeungeheuer" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Seeungeheuer</a>. Bisher habe ich mich nicht an Seefahrtslegenden herangetraut, da ich mich wenig bis gar nicht mit der Seefahrt oder Schiffen auskenne. Trotzdem werde ich in Zukunft versuchen, mich mehr darüber zu informieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">(Solltet ihr irgendwelche guten Bücher, Internetseiten, Videos oder Dokus über die Seefahrt kennen, würde ich mich sehr über eine Nachricht freuen!)</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Es war spät am Abend, als ich von einem seltsamen Geräusch geweckt wurde. Erst wusste ich nicht, ob ich es bloß geträumt hatte, doch dann ertönte es erneut: Ein lautes Ächzen, als würde Metall unter großer Spannung stehen, zog durch die gesamte Oceans Pride – das Kreuzfahrtschiff, auf dem mein Mann und ich unsere Flitterwochen verbrachten. Konnte das an dem Sturm liegen, der draußen wütete?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann gab es einen plötzlichen Ruck, der mich fast aus dem Bett schleuderte. Möbel kippten um. Irgendwo in der Kabine ging etwas zu Bruch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Panisch tastete ich nach dem Lichtschalter. Doch als ich ihn betätigte, geschah nichts. Hatten wir Stromausfall?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich merkte bereits, wie mein Puls anstieg, als eine Durchsage startete:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Hier spricht der Kapitän. Wir möchten Sie bitten, Ruhe zu bewahren und sich auf Ihre Kabinen zu begeben. Das Personal wird Ihnen …“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein erneuter Stoß erschütterte das Schiff.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Kap’tän, was ist das?“</em>, ertönte eine andere leisere Stimme durch die Lautsprecher.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Heilige Scheiße!“</em>, hörte ich den Kapitän fluchen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann herrschte Stille – jedoch nur für einen Moment. Kurz darauf war wieder das Ächzen zu hören – dicht gefolgt von einem lauten, metallischen Knacken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt brach Panik aus. Ich hörte dumpfe Schreie und einige Angestellte, die lautstark versuchten, die Passagiere zu beruhigen. Es klang nach völligem Chaos. Von den Lektionen der Seenotrettungsübung, die wir kurz vor Beginn der Fahrt mitmachen mussten, war nichts mehr zu sehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>‚Mein Mann!‘</em>, schoss es mir in den Kopf. Chris war noch mit einigen Freunden an die Bar gegangen, während ich mich auf die Kabine zurückgezogen hatte!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Fieberhaft dachte ich darüber nach, was ich tun sollte. Niemals hätte ich damit gerechnet, dass das Kreuzfahrtschiff während unserer Hochzeitsreise einen Unfall haben würde. Meine schlimmsten Befürchtungen waren homophobe Bemerkungen oder schlechtes Essen gewesen …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was würde mein Mann tun? Würde er zur Kabine kommen? Aber was, wenn er direkt zu der uns zugewiesenen Musterstation – den Stationen, wo sich die Rettungsboote befanden – rennen würde? Nein. Ich musste ihn suchen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Panisch eilte ich zur Tür. Ich warf mir einen Bademantel über und trat in den Flur.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dort funktionierte der Strom noch. Ruhige klassische Musik mischte sich unter die Schreie, die jetzt nicht mehr gedämpft waren, und erzeugte einen merkwürdigen Kontrast.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch konnte ich jetzt die ersten Leute erkennen, die hektisch durch den Gang rannten. Einer von ihnen wäre direkt in mich hinein gelaufen, wäre ich nicht beiseite gesprungen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann ertönte wieder dieses seltsame ächzende Geräusch. Sein Echo hallte gespenstisch durch die Gänge, während die Lichter flackerten und der Boden begann, sich in eine Schräglage zu bringen. Ich hatte keine Zeit zu verlieren! Ich musste meinen Mann finden!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf dem Weg stieß ich immer wieder mit Leuten zusammen, die in Gruppen durch die Gänge hetzten und keine Rücksicht auf Gegenverkehr nahmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zweimal begegneten mir Mitarbeiter, die erfolglos in mehreren Sprachen die Leute dazu aufforderten, ruhig zu bleiben und ihre Rettungswesten aus den Kabinen zu holen oder sich zu den Musterstationen zu begeben. Ich ignorierte sie ebenfalls.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann erreichte ich endlich die Bar. Überall lagen zerbrochenes Geschirr und Besteck am Boden. Essen und Flüssigkeiten liefen zusammen und bildeten schleimige Pfützen. Viele der Stühle waren umgekippt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Es tut mir leid. Ich spreche kein Spanisch. Sie müssen die Rettungsweste aus ihrer Kabine holen!“, redete eine Kellnerin wild auf einen Mann ein. Sie war noch sehr jung. Vielleicht sogar noch eine Teenagerin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„¡Pero mi familia! ¿Donde estan mi hijo y mi madre?“, schrie der Mann völlig aufgelöst.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich eilte zu ihnen. „Entschuldigung. Mein Name ist Michael. Haben Sie vielleicht meinen Ehemann Chris gesehen?“, fragte ich schnell. „Groß, braune Haare, braune Augen. Er trägt eine Jeans und ein weißes Hemd!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sir, Sie beschrieben fast ein Drittel der Männer, die sich an Bord befinden“, erwiderte sie schnell, bevor sie sich wieder an den Spanier wandte, der noch immer wild auf sie einredete: „Señor, ich spreche kein Español!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wissen Sie vielleicht, was los ist. Ich will doch nur zu meinem Mann!“, jammerte ich panisch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich bemerkte erst, wie überfordert die Frau selbst war, als sie in Tränen ausbrach. Doch mir blieb keine Zeit, sie zu trösten. Nicht nur, dass das Schiff inzwischen eine solche Schräglage erreicht hatte, dass die Stühle und das kaputte Geschirr anfingen, über den Boden zu rutschen, draußen zuckte auch noch ein Blitz durch die Luft und erhellte für einen kurzen Moment die Terrasse, die zur Bar und dem Restaurant gehörten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„¡Dios mío!“, schrie der Spanier und ergriff die Flucht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich war stocksteif vor Anspannung, den Blick nach draußen in die Dunkelheit gerichtet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sir. Bitte, wir müssen hier weg!“, schrie die Kellnerin mir entgegen, während Sie jetzt an meinem Arm zerrte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Haben Sie eine Taschenlampe?“, fragte ich ganz ruhig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Haben Sie eine Taschenlampe?“, fuhr ich sie an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hinter der Bar, aber …“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Holen Sie sie!“, befahl ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie protestierte nicht weiter, sondern rannte zur Theke. Sofort kam sie mit einer großen, schwarzen Taschenlampe zurück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich nahm sie, schaltete sie ein und leuchtete nach draußen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Das … Das ist nicht möglich …“, hauchte die Kellnerin. Ihr ohnehin schon bleiches Gesicht hatte jetzt sämtliche Farbe verloren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Draußen auf der Terrasse lag ein gigantischer, orange-beiger Tentakel. Riesige Saugnäpfe hatten sich an das Deck geheftet, während die Muskeln angespannt zudrückten. Wie es aussah, hatte sich ein Tintenfisch um das Schiff gewickelt. Es war aber nicht irgendein einfacher Oktopus, es war ein gigantischer Riesenkrake, wie man ihn sonst nur aus Geschichten kannte!</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wir müssen hier weg!“, drängte die Kellnerin, während wir beobachteten, wie der Tentakel sich bewegte. Wieder ertönte das ächzende Geräusch. „Zu welcher Musterstation müssen Sie?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„M7“, sagte ich schnell, „Aber denken Sie, dass das noch irgendwen interessiert?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Haben Sie nicht gesagt, dass Sie ihren Mann suchen? Wo denken Sie sonst, dass er hinrennt? Folgen Sie mir!“, erwiderte die Kellnerin und packte wieder meinen Arm. Diesmal leistete ich keinen Widerstand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während wir durch den Flur stolperten, war die Schräglage des Boots bereits so steil, dass wir uns am Geländer festhalten mussten, um nicht abzurutschen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die klassische Musik spielte noch immer, und jetzt, wo man keine Schreie mehr hören konnte, fühlte ich mich, wie in einem Film, in dem dramatische Szenen mit Mozart oder Beethoven unterlegt wurden. Nur, dass das hier kein Film war, es war die grausame, bittere Realität.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hier jetzt links. Wir müssen die Treppe runter“, sagte die Kellnerin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zum Glück war der Gang auf der Seite, auf der sich das Geländer befand. Die Treppen stellten hingegen ein größeres Problem dar: Aufgrund der Neigung, die das Schiff inzwischen erreicht hatte, verlor man auf den Stufen schnell den Halt. Ich klammerte mich mit aller Kraft an das Treppengeländer, während meine Füße wieder und wieder wegrutschten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vor meinem geistigen Auge bildete sich ein gigantischer Krake ab, der das Kreuzfahrtschiff fest umschlungen hatte. Was, wenn das Ungetüm kräftig genug war, um das Schiff entzweizubrechen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich auf der Hälfte der Stufen war, ertönte plötzlich ein erneuter metallischer Knall, der durch das Schiff hallte. Der Ruck, der damit einherging, erwischte mich völlig unerwartet. Ich purzelte und fiel wie ein fallengelassenes Stofftier die Treppen hinunter, knallte schmerzhaft auf jede Stufe, bis ich mit einem dumpfen Knall gegen eine Wand donnerte. Gleichzeitig erlosch das Licht und mich traf etwas Hartes am Kopf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ist alles in Ordnung bei Ihnen?“, schrie die Kellnerin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit jedem Herzschlag raste ein pochender Schmerz durch meinen gesamten Körper, doch es schien nichts gebrochen zu sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ja … Ja, ich denke schon!“, erwiderte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Scheiße, ich hab die Taschenlampe verloren. Eben hatte ich sie noch!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war also das Objekt, mit dem mein Kopf eben Bekanntschaft gemacht hatte …</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Meinen Sie diese hier?“, fragte ich, nachdem ich sie wiedergefunden hatte. Ich schaltete sie ein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Gott sei dank!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich leuchtete ihr, sodass sie zu mir herabsteigen konnte. Dann half sie mir auf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Können Sie laufen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich belastete nacheinander meine Beine. Auch wenn es wehtat, war der Schmerz erträglich. „Ja. Wir müssen weiter!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als wir in den unteren Gang traten, hörte ich wieder Stimmen in der Ferne. Es waren deutlich weniger, als vorhin, doch ich hörte weiterhin Leute schreien und um Hilfe rufen. Dann bemerkte ich ein anderes Geräusch: ein leises Plätschern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unsicher leuchtete ich den Gang hinab. Das Schiff schien sich langsam mit Wasser zu füllen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Fuck!“, fluchte die Kellnerin. „Wenn das Schiff vollläuft … Oh Gott, was, wenn das Schiff durchbricht?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vor meinem geistigen Auge zeigte sich wieder das Szenario, wie der Riesenkrake das Schiff zerbrach und mir sich in die Tiefe zerrte. Nie hätte ich gedacht, dass das je ein realistischer Gedanke sein könnte, doch jetzt … Hoffentlich hatte Chris es bereits auf eines der Rettungsboote geschafft! Aber was, wenn er zurück zur Kabine gelaufen ist, um mich zu holen …?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein erneutes Ächzen riss mich aus den Gedanken. Wir durften keine Zeit verlieren!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Kellnerin und ich rannten weiter. Jetzt, wo wir die durch die Schräglage entstandene Steigung aufwärts mussten, kamen wir deutlich langsamer voran.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Da liegt einer!“, kreischte die Kellnerin. Ich hatte ihn auch gesehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort rannten wir zu dem Mann. Er war bereits älter, wie ich aus seinen grauen Haaren und den Falten schloss. Seine blauen Augen waren weit aufgerissen und er atmete nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem ich seinen Puls gefühlt hatte, hatten wir Gewissheit: „Er ist tot.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Oh Gott!“, jammerte die Kellnerin. Doch anstatt weiterzulaufen, kauerte sie sich am Boden zusammen. „Wir werden auch sterben, oder?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„N-Nein! Hören Sie … Wie ist Ihr Name?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Kathy.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Kathy. Sie werden nicht sterben! Wir sind fast bei der Musterstation, richtig? Ich verspreche Ihnen, dass wir in ein paar Minuten gemeinsam in einem Rettungsboot sitzen werden. Dann müssen Sie sich nur noch Sorgen darum machen, dass sie es einige Stunden mit mir darin aushalten müssen!“ Ich zwang mich zu einem kurzen Lächeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Okay“, erwiderte Kathy. Sie war stark für ihr Alter. Nachdem sie ihre Tränen weggewischt hatte, stand sie auf und eilte mit mir weiter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Endlich nährten wir uns unserem Ziel. Durch die Fenster hatte ich bereits gesehen, dass bei den Musterstationen Panik ausgebrochen war, doch welches Chaos dort wirklich herrschte, erkannte ich erst, als wir bei Musterstation M7 nach draußen rannten:</p>



<p class="wp-block-paragraph">Von der Ordnung, die uns bei der Seenotrettungsübung beigebracht wurde, fehlte jede Spur. Nicht nur, dass die Leute panisch durcheinanderliefen, -stolperten und -fielen, von den Angestellten nichts zu sehen war und ich sogar einige Menschen sah, die in dem Durcheinander über die Reling gestoßen wurden. Dort, wo die Rettungsboote hingen, zappelte stattdessen die Spitze eines gigantischen Tentakels übers Deck und warf jeden Menschen von Bord, den er packen konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Die Rettungsboote können wir vergessen! Kommen Sie, weiter hinten sind Rettungsflöße, die wir nehmen können!“, schrie Kathy mir über die Schreie zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch ich reagierte nicht. Stattdessen suchte ich fieberhaft nach meinem Mann. „Chris? Chris, wo bist du?“, brüllte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kathy packte mich wieder am Arm. „Kommen Sie! Sie müssen sich in Sicherheit bringen. Tot nützen Sie Ihrem Mann auch nichts!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie hatte recht. Bei dem Durcheinander und dem schwachen Licht würde ich Chris niemals finden. Stattdessen redete ich mir ein, dass er sicherlich schon auf einem der Rettungsboote sein würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kathy und ich rutschten mehr über das klitschnasse Deck, als dass wir rannten. Trotzdem kamen wir den Behältern mit den Rettungsflößen immer näher.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir waren fast da, als ein lautes Ächzen ertönte. Es war langgezogener als die bisherigen. Dann bebte plötzlich das gesamte Schiff. Ein lautes Knirschen und mehrere leisere Knalle ertönten, bis ein gewaltiger Ruck durch den Boden fuhr. Die Oceans Pride kippte wieder in eine waagerechte Position zurück und schleuderte mich zu Boden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Blick war starr auf den Fleck gerichtet, wo eben noch die Rettungsflöße waren. Dort war nur noch Luft … Das Schiff war gerade entzweigebrochen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Scheiße, was machen wir jetzt?“, fluchte ich, während ich mich zu Kathy umdrehte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch von Kathy fehlte jede Spur. Sie war eben rechts von mir gewesen, genau an der Stelle, wo das Geländer fehlte. Sie war doch nicht …!</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Kathy!“, brüllte ich und kroch zum Rand des Schiffs.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Wasseroberfläche näherte sich schnell, während sich das Schiff mit Wasser füllte. Dann sah ich Kathy ganz in der Nähe eines treibenden Rettungsboots aus dem Wasser stoßen. Sie strampelte, wurde unter Wasser gerissen, tauchte wieder auf. Sie würde es nicht zum Boot schaffen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Kathy!“, schrie ich erneut. Ich sah sie nicht mehr. Aber was sollte ich tun? Ich konnte sie nicht ertrinken lassen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Magen krampfte sich zusammen, als ich zum Sprung ansetzte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Obwohl es gar nicht so hoch aussah, durchfuhr meine Beine ein heftiger Schmerz, als ich auf die Wasseroberfläche knallte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort wurde ich von der Wucht des Aufpralls unter Wasser gerissen. Ich trat um mich, strampelte mit den Armen. Wo war die Oberfläche.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich dachte schon, dass es das Ende wäre, als mein Kopf aus dem Wasser stieß. Gierig schnappte ich nach Luft, während ich hin und her gewirbelt wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Kathy! Kathy, wo sind Sie?“, schrie ich aus voller Lunge.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch sie war fort. Ich hoffte so sehr, ihren Ruf zu hören, erinnerte mich an mein Versprechen, mit ihr gemeinsam im Rettungsboot zu sitzen … Das Rettungsboot!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch wenn ich Kathy nicht mehr retten konnte, würde ich wenigsten mich selbst retten können!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich versuchte, loszuschwimmen, merkte ich, dass mein Bein sich in etwas verfangen hatte. Es fühlte sich weich an, wie eine Art Tuch oder Plane.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst, als der Kraken mit seinem Tentakel zudrückte, erkannte ich, was es wirklich war …</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Kraken (altnorwegisch für „Krake“ oder „Oktopus“), häufig auch Riesenkrake genannt, ist eine alte Seefahrtslegende, die seit Jahrhunderten in vielen verschiedenen Mythologien existiert.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Anders, als der Name vermuten lässt, handelt es sich bei dem Kraken bzw. Riesenkraken nicht immer um einen Oktopus, sondern häufig auch um einen Riesenkalmar.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihre Größe kann stark variieren. So wurden sie früher teilweise als mehrere Kilometer lang bezeichnet oder gar mit schwimmenden Inseln verglichen, bis sie mit der Zeit deutlich kleiner gemacht wurden – jedoch immer noch groß genug, um Schiffe zu umschlingen und zu versenken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem wurden dem Kraken manchmal noch weitere Merkmale, wie z.B. Hörner oder ein riesiges, mit spitzen Zähnen besetztes Maul nachgesagt, die man normalerweise nicht bei den uns bekannten Kopffüßlern findet.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der Kraken ist dafür berüchtigt, große Schiffe zu zerstören und mit sich in die Tiefe zu ziehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das bekannte Bild eines Riesenkraken, der ein Schiff umschlingt, wie wir es aus Filmen, Videospielen, Büchern und von Bildern kennen, entspricht ziemlich genau dem Verhalten, das man dem Kraken zuschreibt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Neben großen Schiffen soll der Kraken aber auch kleinere Boote angegriffen haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In anderen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Legenden</a> heißt es, dass der Kraken die Schiffe gar nicht selbst versenken würde, sondern einen riesigen Malstrom erzeugen könne, der die Schiffe nach unten ziehe. Hin und wieder wird auch behauptet, der Malstrom entstehe immer, wenn der Kraken abtauche.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Motivation dafür, warum der Kraken die Schiffe versenkt, wurde in den meisten Erzählungen hingegen ausgelassen. Wenn sie jedoch erwähnt wurde, heißt es fast immer, dass der Kraken die Seeleute an Bord des Schiffes fressen wollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Kraken wird aber nicht immer nur als böse bezeichnet. In einigen Legenden heißt es, dass er stets von gewaltigen Fischschwärmen begleitet wurde. So würden Fischer, die mutig genug waren, sich dem Seeungeheuer zu nähern, mit einem reichen Fang belohnt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie bei vielen Legenden, die so als und so weit verbreitet sind, wie die Legende der Riesenkraken, gibt es natürlich auch einige Geschichten, die völlig absurd klingen. So soll z.B. die Kirche im Mittelalter das Gerücht verbreitet haben, dass der Kraken erst wieder abtauchen würde, nachdem man auch seinem Rücken eine vollständige Messe abgehalten habe.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der hauptsächliche Lebensraum des Kraken soll der Atlantische Ozean sein. Besonders vor den Küsten Norwegens und Grönlands – was wahrscheinlich auf den nordischen Ursprung der Legende zurückzuführen ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn man jedoch nach den Riesenkalmaren – einer tatsächlich lebenden Kalmarenart – geht, wäre der Kraken in allen Ozeanen der Erde anzutreffen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Legende des Kraken ist bereits sehr alt. Bereits im 7. Jahrhundert vor Christi berichtete Homer in seiner Odyssee von einem Wesen – der Skylla –, das viele Arme besitzt und Seeleute frisst. Jedoch soll die Skylla – im Gegensatz zum Kraken – Köpfe an ihrem Armen besessen haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem kommen derartige Geschichten als Ursprung des Kraken in Erwägung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch wäre es möglich, dass der Kraken bloß eine Abwandlung normaler Tintenfische oder Oktopoden ist, die im Stil des klassischen Seemannsgarns zu gewaltigen <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer" target="_blank">Monstern</a> herangewachsen sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Andererseits besteht auch die Möglichkeit, dass es sich bei dem Kraken um eine reale Kreatur handelt. So gibt es z.B. Risenkalmare, die eine Länge von mindestens 13 Metern erreichen können. Diese können sogar Wale töten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und auch, wenn Riesenkalmare wahrscheinlich nicht in der Lage wären, ein Schiff zu versenken, könnte ein an Land gespülter Kadaver eines solchen Tieres der Stoff von Legenden geworden sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem kann niemand so genau sagen, welche tatsächlichen Seeungeheuer noch unentdeckt in den Weltmeeren lauern …</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von der Legende des Kraken? Denkt ihr, dass es bloßer Seemannsgarn ist, oder glaubt ihr, dass solche Kraken tatsächlich existieren oder existiert haben? Wie findet ihr Seefahrtslegenden generell? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Wenn ihr mehr solche Geschichten oder Legenden lesen wollt, abonniert auch gerne meinen&nbsp;<a rel="noreferrer noopener" href="https://www.geister-und-legenden.de/newsletter" target="_blank">Newsletter</a>, oder folgt mir auf&nbsp;<a rel="noreferrer noopener" href="https://twitter.com/geisterlegenden" target="_blank">Twitter</a>,&nbsp;<a rel="noreferrer noopener" href="https://www.facebook.com/geisterlegenden/" target="_blank">Facebook</a>&nbsp;oder <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.instagram.com/geisterlegenden/" target="_blank">Instagram</a></em>.</p>
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