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	<title>Vampir Archive - Geister und Legenden</title>
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	<description>In diesem Blog schreibe und veröffentliche ich jeden zweiten Montag eine neue Legende und Geschichte über Geister oder andere übernatürliche Dinge. Viel Spaß beim Gruseln!</description>
	<lastBuildDate>Thu, 09 Oct 2025 21:46:48 +0000</lastBuildDate>
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		<title>The Carter Brothers – Sie wollen dein Blut!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 06 Oct 2025 13:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Geschichten]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Als ich zu mir kam, saß ich in einem dunklen Zimmer. Mein Kopf dröhnte. Ich fühlte Stoff in meinem Mund. Aber als ich versuchte, den Lappen auszuspucken, merkte ich, dass er hinter meinem Kopf zusammengebunden war …</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.geister-und-legenden.de/the-carter-brothers">The Carter Brothers – Sie wollen dein Blut!</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.geister-und-legenden.de">Geister und Legenden</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg02.met.vgwort.de/na/0fffaa6db77e408b8c4844c67e3d59ad" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">The Carter Brothers ist eine Vampirlegende aus den USA. Es geht um ein kleines Mädchen, das in die Fänge der beiden <a href="https://geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer">Kreaturen</a> gerät. Aber lest selbst.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen (Achtung Spoiler!) </strong></summary>
<p>&#8211; Kindesentführung<br>
&#8211; Gewalt gegen Kinder<br>
&#8211; Blut</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt Erfahrungen, die uns nie verlassen. Erfahrungen, die einige von uns in den Wahnsinn treiben können, während andere versuchen, ihr Leben normal weiterzuleben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Name ist Ruth und ich hatte eine solche Erfahrung, als ich noch ein kleines Mädchen war. Damals hatte ich in New Orleans gelebt. Es war das Jahr 1932, die Zeit der Great Depression. Doch obwohl mein Vater wie unzählige andere seinen Job verloren hatte, gehörte ich zu den glücklicheren Kindern. Während viele meiner Mitschüler die Schule verlassen mussten, um zu arbeiten und ihren Eltern zu helfen, hatte meine Familie einige Rücklagen. Aber darum geht es in meiner Geschichte überhaupt nicht. Es geht darum, wie ich von den Carter Brothers entführt wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war ein Tag wie jeder andere. Nach der Schule war ich wie immer in Miss Fergusons Schneiderei gegangen, um ihr auszuhelfen und so etwas Geld zu verdienen. Es war nicht viel, aber ich war froh über jeden Dollar, mit dem ich meine Eltern unterstützen konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Danach machte ich mich auf den Heimweg, um zusammen mit meinen Eltern und meinen beiden Brüdern zu Abend zu essen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Himmel färbte sich bereits rosa, während die flachen Absätze meiner Schuhe über den gepflasterten Weg klackerten. Autos fuhren mit dröhnenden Motoren an mir vorbei. Es roch nach Abgasen und Industrie – einen Geruch, den ich aus Gewohnheit nicht mehr wirklich wahrnahm. Die Gesichter der Menschen, die mir entgegenkamen – Männer in schicken Anzügen und Frauen in mehrschichtigen Kleidern – waren ausdruckslos.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz gesagt: Es war alles wie immer. Mein Heimweg war reine Gewohnheit für mich. Seit Jahren ging ich diese Straßen entlang, fünfmal die Woche, ohne dass je etwas passiert war. Ich achtete gar nicht mehr wirklich auf meine Umgebung. Und so sah ich den Arm nicht kommen, der plötzlich aus einer Seitenstraße schnellte. Er packte mich am Oberarm und riss mich in die Gasse. Ein kurzer spitzer Aufschrei war alles, was ich von mir geben konnte. Dann wurde mir auch schon ein nasser Lappen aufs Gesicht gedrückt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort stieg mir ein süßlich-künstlicher Geruch in die Nase. Er erinnerte mich an die Putzmittel, die meine Mom manchmal benutzte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Natürlich wehrte ich mich gegen meinen Angreifer. Ich trat und schlug um mich, versuchte, den Lappen von meinem Gesicht zu reißen. Aber der Mann – Wayne Carter, wie ich später erfuhr – hielt mich eisern fest.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es dauerte nicht lange, bis mir schwummerig wurde. Mit jedem Atemzug durch den stinkenden Lappen wurden meine Schläge kraftloser. Bald fing die Welt um mich herum an sich zu drehen. Kurz darauf verlor ich das Bewusstsein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich frage mich oft, warum die Carter Brothers ausgerechnet mich ausgesucht hatten. Ihr müsst wissen, dass ihre anderen Opfer ausschließlich Erwachsene waren. War es bloß Zufall gewesen? War ein anderes Opfer gestorben und ein Mädchen wie ich war ein leichtes Ziel gewesen? Eine günstige Gelegenheit, weil ich mich nicht gegen sie wehren konnte? Weil es nicht weiter auffiel, wenn ein Mann ein schlafendes Mädchen durch die Stadt trug? Ich wusste es nicht.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich zu mir kam, saß ich in einem dunklen Zimmer. Mein Kopf dröhnte. Ich fühlte Stoff in meinem Mund. Aber als ich versuchte, den Lappen auszuspucken, merkte ich, dass er hinter meinem Kopf zusammengebunden war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">&nbsp;Auch fielen mir jetzt die Seile auf, mit denen meine Arme an einen Stuhl gefesselt waren. Und auch meine Beine konnte ich nicht wirklich bewegen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich stieß panische Laute aus, erstickt von dem Knebel, warf den Kopf nach links und rechts. Dabei sah ich die anderen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In dem Zimmer standen weitere Stühle. Sie waren – genau wie meiner – mit Schrauben am Boden fixiert. Doch was viel schlimmer war: In jedem der vier Stühle saß ein weiterer Mensch. Sie waren gefesselt und geknebelt, genau wie ich. Ein Mann etwa so alt wie Dad und drei Frauen in ähnlichem Alter. Aber da war noch etwas anderes: Ihre Handgelenke waren mit weißem Stoff umwickelt. Er war von roten Flecken durchzogen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was passierte hier nur? Mit einem erneuten Quieken versuchte ich, die Frau zu meiner Rechten auf mich aufmerksam zu machen. Aber sie sah nicht einmal auf. Obwohl ihre Augen offen waren, hing ihr Kopf schlaff herab. Würde ihre Brust sich nicht langsam heben und senken, hätte ich sie für tot gehalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich hörte ich das Knallen einer Tür und eine Männerstimme aus dem Nebenzimmer. „… sind schon wieder gestiegen. Wer kann das alles noch bezahlen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder machte ich Lärm. Ich versuchte zu schreien, den Mann auf mich aufmerksam zu machen. Und tatsächlich: Die Tür öffnete sich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mach dir keinen Kopf, John. Solange wir unsere Jobs nicht verlieren, müssen wir uns kein Sorgen machen“, sagte ein zweiter Mann, der jetzt den Raum betrat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schlagartig wurde ich still. Es war der Mann, der mich in die Gasse gezerrt hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zum ersten Mal konnte ich meine Entführer richtig sehen. Sie sahen erschreckend normal aus. Zwei Männer im Alter von 30 oder 40 Jahren. Sie trugen schlichte Kleidung, beige Hemden und je eine braune Ballonmütze auf dem Kopf. Sie sahen aus, als wären sie völlig normale Dockarbeiter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ach so“, warf der erste Mann – John – ein, während er die Tür hinter sich schloss. „Die Anderen wollen am Samstag zum Boxen gehen. Harrison hat wohl eine Wette laufen. Sie haben gefragt, ob wir mitwollen. Hast du Lust?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der zweite Mann zuckte mit den Schultern, während er zu einem Tisch ging. „Weiß nicht“, erwiderte er. „Ich bin kein Fan von diesem sinnlosen Rumgeprügel.“ Er nahm irgendetwas von dem Tisch und begann, es mit einer Flüssigkeit zu säubern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ach, hab dich nicht so, Wayne. Gib dir einen Ruck. Das wird bestimmt lustig.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wayne zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Ich denk drüber nach.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Situation kam mir surreal vor. Bisher hatte mich keiner der beiden Männer auch nur eines Blickes gewürdigt. Sie unterhielten sich, als wären fünf Gefangene in ihrem Zimmer das normalste der Welt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann drehte Wayne sich zu mir um. Er war fertig damit, das Skalpell in seinen Händen zu desinfizieren. Mein Atem beschleunigte sich, während ich mit aufgerissenen Augen auf die Klinge starrte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wayne sah zu John, während er auf mich zukam. Doch von dem kam keine Antwort mehr. Stattdessen hielt er einen glänzenden Kelch in der Hand und kam jetzt ebenfalls auf mich zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hektisch sah ich zwischen ihnen hin und her. Was hatten sie vor?</p>



<p class="wp-block-paragraph">John erreichte mich als erster. Er löste mit geschickten Griffen das Seil um meinen linken Arm. Wollten sie mich gehenlassen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sobald mein Arm jedoch frei war, packte er wieder danach. Er hielt ihn fest, sodass ich ihn nicht mehr bewegen konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nun war auch Wayne bei mir. Er hielt das Messer vor sich, als wolle er mir drohen. Sein Blick war dabei stur auf meinen Arm gerichtet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit Entsetzen sah ich dabei zu, wie er die Klinge an meine weiche Haut führte. Ich versuchte, mich zu wehren, den Arm freizubekommen. Aber die Seile und John hielten mich zu sehr fest.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Tränen schossen mir in die Augen. Ich wimmerte und versuchte wieder durch den Stoff zu schreien, ihn anzuflehen, mich in Ruhe zu lassen. Aber Wayne zögerte nicht einmal, da zog er mir die Klinge bereits durch das Handgelenk.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort wurde mir wieder schwindelig. Blut lief in einem kleinen Rinnsal aus der Wunde, das John nun mit seinem Kelch auffing. Je mehr ich mich wehrte, desto mehr Blut schoss aus meinem Arm. Am liebsten hätte ich weggesehen, aber ich konnte es nicht. Mir war speiübel.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und dann war es vorbei. Wayne reichte das blutige Skalpell an John weiter, ehe er eine weiße Rolle Verband hervorkramte. Genauso routiniert, fast beiläufig, wie bei dem Schnitt mit dem Messer verband er mein Handgelenk. Der Verband drückte fest auf die frische Verletzung. Er griff nach dem Seil und schlang es mir um den Arm, ehe er es wieder verknotete. Das alles, ohne mir auch nur ein einziges Mal ins Gesicht zu sehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich dasaß und weinte, gingen sie weiter zu der Frau neben mir. Sie entfernten die Fesseln ihres rechten Arms, ehe sie ihren Verband lösten. Ich sah jede Menge getrocknetes Blut und die kaum verheilte Wunde an ihrem Handgelenk. Auch bei ihr zögerten Wayne und John keine Sekunde, ehe sie die Wunde mit dem Skalpell wieder öffneten und ihr Blut in dem Kelch einfingen. Die Frau zeigte dabei fast so wenig Reaktion wie die Männer selbst.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So gingen die beiden einmal reihum. Die drei anderen Gefangenen reagierten ganz unterschiedlich. Eine der Frauen versuchte erfolglos, sich zu wehren, der Mann weinte und die andere Frau schloss die Augen und wiegte sich langsam vor und zurück, bis Wayne ihren Arm wieder verbunden hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt war der Kelch fast randvoll mit Blut. John und Wayne richteten sich auf, sie sahen einander an und lächelten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Auf dich, Bruderherz“, sagte John, während er Wayne zuprostete. Er nahm einen kräftigen Schluck Blut, schien ihn richtig zu genießen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Allein bei dem Gedanken dreht sich mir noch heute der Magen um. Ich sehe sein Gesicht noch immer vor mir, wie er genüsslich die Augen schließt, Blut an seinen Lippen, und die Flüssigkeit mit völlig zufriedener Miene herunterschluckt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anschließend gab er den Kelch an Wayne weiter. „Auf uns“, sagte dieser, ehe auch er aus dem Kelch trank.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem sie unser Blut brüderlich geteilt hatten, nahmen sie den leeren Kelch mit ins Nebenzimmer, schlossen die Tür hinter sich und ließen uns in der dunklen Kammer allein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am Anfang saß ich noch völlig angespannt auf meinem Stuhl. Ich achtete auf jedes Geräusch, das aus dem Nebenzimmer kam, wartete nur darauf, dass die Brüder zurückkamen. Aber das taten sie nicht. Für den Rest der Nacht ließen sie uns allein. Und so war ich, völlig erschöpft von den Ereignissen des Tages und noch immer angeschlagen von dem Narkosemittel und dem Schnitt in meinem Arm, bald eingeschlafen.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wachte erst wieder auf, als die Sonne durch die Vorhänge vor den Fenstern schien. Sie tauchte den Raum in ein schummriges Licht. Für einen kurzen Moment wusste ich nicht, wo ich war. Es war ein Moment des Friedens. Dann jedoch spürte ich den Schmerz in meinem Handgelenk und wurde gewaltsam in die Realität zurückgerissen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Oberkörper war zur Seite gekippt, mein linker Arm verrutscht, sodass mir die Fessel in der Armbeuge hing. Sie saß locker. Ungläubig starrte ich das Seil an. Wenn ich den Arm soweit darin bewegen konnte, vielleicht konnte ich dann …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort zerrte und rüttelte ich an meinem Arm. Er bewegte sich. Langsam, aber sicher arbeitete ich die Fessel zurück Richtung Hand. Dabei spürte ich, wie ich mir die Haut an dem Seil aufrieb. Und auch die Wunde am Handgelenk riss wieder auf. Ich spürte, wie Blut aus dem Schnitt quoll. Aber das war mir egal. Es funktionierte. Nur noch wenige Zentimeter, dann war ich beim Handgelenk. Jetzt am Handrücken. Die schwierigste Stelle war der Daumen, wo meine Hand am breitesten war. Aber ich schaffte es. Mit einem Ruck zog ich das raue Seil über mein Daumengelenk und meine linke Hand war frei.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für einen Moment starrte ich bloß meinen Arm an, als könne ich es selbst nicht glauben. Ich sah mich zu meinen Mitgefangenen um. Sie hatten es noch nicht bemerkt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schnell machte ich mich daran, das Seil an meinem anderen Arm zu lösen. Es saß deutlich fester und war mit einem komplizierten Knoten versehen, wie ihn nur Seeleute kannten. Oder Dockarbeiter. Leider verstand ich das Prinzip dahinter nicht. Ich weiß nicht, wie lange ich tatsächlich daran saß, aber es kam mir vor wie über zehn Minuten, bis ich ihn endlich offen hatte. Dabei achtete ich die ganze Zeit auf alle möglichen Geräusche, irgendetwas, das mir verriet, dass die beiden Brüder zurückkamen. Aber im Haus blieb es still.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also widmete ich mich den Seilen um meine Beine. Mein Herz raste vor Aufregung. Wieder dauerte es gefühlte Ewigkeiten, auch wenn die zweite freie Hand definitiv half.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich gerade beim letzten Bein war, bemerkten mich eine der Frauen. Sie gab ein „Mhhh! Mhhhmhhh!“ von sich und machte so auch die anderen auf mich aufmerksam. Auch sie machten sofort Geräusche. Es brach ein wahres Konzert aus erstickten Schreien und Rufen aus. Sogar die Frau zu meiner Rechten sah mich aus erschöpften Augen an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Panisch riss ich mir den Knebel aus dem Mund. „Seid leise! Seid leise!“, flehte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber sie hörten nicht auf mich. Als hätten sie jegliche Vernunft verloren, schrien sie gedämpft weiter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Langsam brach in mir Panik aus. Wenn sie so weitermachten, würden sie mich verraten! Ich zerrte und riss an dem Seil, zwang mich zur Ruhe, um den Knoten nicht wieder fester zu ziehen. Mein Puls dröhnte mir in den Ohren, während ich endlich eine Schlaufe aus dem Knoten zog. Ich zwängte meinen Zeigefinger hinein, zog an dem Seil und ich war frei.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort sprang ich auf. Für einen kurzen Moment drehte sich alles, dann bekam mein Kreislauf sich wieder ein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein erster Instinkt war, den anderen zu helfen. Ich wandte mich der Frau zu, die mir am nächsten saß, ging einen Schritt auf sie zu. Dann jedoch fiel mein Blick auf ihre Augen. Sie waren noch immer völlig ausdruckslos, völlig ohne jegliche Hoffnung. Außerdem waren da noch ihre Fesseln. Wie lange würde es dauern, bis ich sie gelöst hatte? Hatte ich so viel Zeit? War sie überhaupt stark genug, selbst zu gehen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich stolperte wieder rückwärts. „Ich … Ich hol Hilfe“, stammelte ich. Dann machte ich auf dem Absatz kehrt und rannte zu der Tür, durch die die beiden Männer letzte Nacht hereingekommen waren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die von Stoff erstickten Schreie meiner Mitgefangenen wurden lauter, panischer. Aber ich war zu feige, hatte zu viel Angst, dass die beiden Brüder zurückkamen, meinen Fluchtversuch vereitelten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vorsichtig spähte ich in das andere Zimmer. Es war ein Wohnzimmer, etwas altmodisch aber ansonsten nicht ungewöhnlich eingerichtet. Von den beiden Männern fehlte jede Spur. Also schlich ich weiter zur Eingangstür. Kurz hatte ich die Befürchtung, dass sie verschlossen sei. Aber sie ließ sich ohne Probleme öffnen. Nach einem kurzen Sprint durch ein Treppenhaus war ich auf der Straße.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort stieg mir wieder der Industriegeruch in die Nase. Es war eine willkommene Abwechslung gegenüber dem süßlichen Gestank in der Wohnung. Trotzdem erlaubte ich mir keine Pause. Ich kannte die Gegend – es war die Ecke, an der die Royal Street und die St. Ann Street aufeinandertrafen. Mein Zuhause war vielleicht zehn Minuten von hier entfernt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ohne weiter darüber nachzudenken, rannte ich los. Um diese Zeit waren die Straßen fast leer. Und die wenigen Menschen, die ich traf, ignorierten mich oder sahen mich bloß uninteressiert an, als ich versuchte, ihnen von den beiden Brüdern zu berichten, die mich und die vier anderen entführt hatten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann jedoch bemerkte ich einen Polizisten, der mir entgegenkam. Ich rannte zu ihm und stellte mich ihm in den Weg.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Bitte. Sie müssen mir helfen! Da waren zwei Männer. Sie haben mich entführt. Und es gibt noch vier andere. Sie brauchen Hilfe!“, schrie ich ihn an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Polizist musterte mich. Er ging in die Hocke, um mir besser ins Gesicht sehen zu können. „Na, meine Kleine. Hast du dich verlaufen?“ Er hörte mir gar nicht richtig zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nein!“, protestierte ich. „Da waren zwei Männer. Sie haben unser Blut getrunken. Bitte, Sie müssen sofort mitkommen!“ Ich griff nach seinem Arm.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dabei fiel sein Blick auf den blutigen Verband um mein Handgelenk. „Bist du verletzt?“, fragte er, endlich etwas mehr Ernst in seiner Stimme.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ja, aber das ist jetzt nicht wichtig. Den anderen geht es viel schlimmer als mir. Kommen Sie. Schnell!“, drängte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So ganz schien er mir nicht zu glauben, aber nach kurzem Zögern erklärte er sich wenigstens bereit, mir zu folgen. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte er ruhig ein Stück schneller gehen können, aber trotzdem standen wir kurze Zeit später vor der Wohnung meiner beiden Entführer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich öffnete die Tür. Dabei stieg mir wieder dieser eklige süßliche Geruch in die Nase. Ich verzog das Gesicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Polizist hingegen war plötzlich in Alarmbereitschaft. Ohne, dass ich ihn erneut dazu auffordern musste, stürmte er in die Wohnung. „Hallo? Ist jemand da?“, fragte er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Keine Antwort.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Der Raum da hinten!“, sagte ich bloß. Ich zeigte auf die Tür.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Den restlichen Tag habe ich nur noch verschwommen in Erinnerung. Ich weiß noch, wie der Polizist die anderen befreit hatte, ehe er auf die Straße gerannt war, um mit seiner Trillerpfeife nach Verstärkung zu rufen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die anderen vier wurden, nachdem der Polizist uns befragt hatte, zusammen mit mir ins Krankenhaus gebracht. Soweit ich weiß, haben alle überlebt. Das heißt alle, die ich kennengelernt hatte. In einem Nebenzimmer lagen zwei Leichen, die die Carter Brothers nicht überlebt hatten. Sie waren auch für den Geruch in der Wohnung verantwortlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was die Carter Brothers selbst angeht, so habe ich von ihnen nur noch in der Zeitung gelesen. Mein Bruder verdiente sein Geld als Zeitungsjunge, daher bekamen wir sie gratis. Und auch, wenn ich mich vorher nie wirklich dafür interessiert hatte – es gab so viele schwierige Wörter und so lange Texte darin – bin ich seit meiner Entführung eine eifrige Zeitungsleserin geworden. Es gab kaum einen Tag, an dem ich die Seiten nicht mindestens durchblätterte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jedenfalls wurden Wayne und John Carter noch am selben Tag verhaftet. Die Polizei wartete in der Wohnung, bis die beiden Brüder am Abend von ihrer Arbeit an den Docks nach Hause kamen. Wenn man den Zeitungen glauben konnte, brauchte es ganze acht Polizisten, um die beiden unscheinbaren Männer zu überwältigen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ihres Prozesses berichteten die Brüder davon, Vampire zu sein, was zumindest ihre Eigenart erklärte, Blut zu trinken. Laut Polizei litten sie an Wahnvorstellungen. Die Brüder gaben ein umfangreiches Geständnis ab, weshalb sie schließlich zu Tode verurteilt wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Danach las ich eine ganze Weile nichts mehr über sie. Der Fall schien in Vergessenheit zu geraten. Zumindest, bis man drei Jahre später einen Cousin in dem Familiengrab der Carters bestatten wollte. Von den Leichen der beiden Brüder fehlte jede Spur. Vielleicht war an ihrer Aussage, Vampire zu sein, ja doch etwas dran. Oder sie waren Leichendieben zum Opfer gefallen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zwei Tage später berichtete die Zeitung davon, dass sich eine gewisse Mildred Fisher, ein anderes Opfer der Carter Brothers, in eine psychiatrische Einrichtung einweisen ließ. Ich denke, dass sie die Frau mit dem ausdruckslosen Blick war, die mich noch manchmal in meinen Träumen verfolgt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt Erfahrungen, die uns nie verlassen. Erfahrungen, die einige von uns in den Wahnsinn treiben können, während andere versuchen, ihr Leben normal weiterzuleben. Ich kann aber sagen, dass es nicht immer einfach ist.</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">„The Carter Brothers“ (Englisch für „die Carter-Brüder“) ist eine <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden">urbane Legende</a> aus New Orleans, USA. Sie handelt von zwei Serienmördern, die sich selbst für Vampire gehalten haben oder tatsächlich welche gewesen sein sollen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Täter:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Täter waren John und Wayne Carter – meist nur „the Carter Brothers“ genannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie waren zwei Hafenarbeiter von durchschnittlicher Größe und Statur. Trotzdem sollen sie ungewöhnlich stark gewesen sein und regelmäßig Blut getrunken haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ob sie tatsächlich Vampire gewesen sein sollen, ist nicht eindeutig geklärt. Zwar gibt es Hinweise darauf, andererseits hatten sie aber keine Probleme damit, bei Tageslicht an den Docks zu arbeiten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel mehr ist über die beiden nicht bekannt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ablauf:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Im Jahr 1932 wurde in New Orleans ein unbenanntes Mädchen von den Carter Brothers entführt. Die Brüder fesselten sie an einen Stuhl in ihrer Wohnung – genau wie die anderen vier Opfer, die mit ihr im selben Zimmer saßen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jeden Abend, wenn die Carter Brothers in die Wohnung kamen, sollen sie ihr und den anderen Opfern einen Schnitt am Handgelenk zugefügt haben, aus dem sie das Blut in einem Gefäß gesammelt und anschließend getrunken haben. Dabei haben die Brüder angeblich kaum geredet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem sie fertig waren, verbanden sie die Schnitte und ließen die Opfer für die restliche Nacht in Frieden, nur um am nächsten Abend wiederzukommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei dem kleinen Mädchen haben die beiden jedoch einen Fehler gemacht: Sie haben die Fesseln, mit denen sie an den Stuhl gebunden war, nicht eng genug gezogen, sodass sie sich befreien konnte, während die Beiden bei der Arbeit waren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Statt die anderen Opfer zu befreien, flieht sie nach draußen, wo sie einem Polizisten begegnet, während sie die Straße entlang rennt. Je nach Version spricht sie ihn an oder wird von ihm aufgehalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem sie ihm panisch die Situation erklärt hat, folgt der Polizist ihr skeptisch zu der Wohnung, wo er die anderen Opfer sowie mehrere Leichen findet. Die Zahl der Leichen variiert dabei zwischen zwei bis zu „über ein Dutzend“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Polizist befreit die Opfer und ruft sofort Verstärkung, um den Carter Brothers aufzulauern. Die Carter Brothers werden am Abend festgenommen, als sie nichtsahnend von der Arbeit zurückkehren. An dieser Stelle heißt es oft, dass bis zu acht Polizisten nötig waren, um die ungewöhnlich kräftigen Männer zu überwältigen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Alternativ können die Brüder entkommen, indem sie vom Balkon springen, werden jedoch am nächsten Tag bei ihrer Arbeit, zu der sie trotzdem zurückkehren, festgenommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Laufe der Gerichtsverhandlungen werden die Carter Brothers schließlich zu Tode verurteilt und hingerichtet. Dabei sollen sie selbst gesagt haben, dass sie Vampire seien und weitere Unschuldige angreifen müssten, sollten sie freikommen. In einigen Versionen sollen sie sogar selbst um ihre Hinrichtung gebeten haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als einige Zeit später eine weitere Person im Familiengrab der Carters, wo auch die Carter Brothers liegen, bestattet werden soll, kommt es jedoch zu einer unheimlichen Entdeckung: Von den Leichen der Brüder fehlt jede Spur.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Angeblich sollen die beiden Vampire noch heute durch die Straßen von New Orleans ziehen und neue Opfer suchen. Manchmal werden sie angeblich auch auf ihrem Balkon gesichtet.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Die Opfer:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Über den Verbleib der Opfer ist nicht viel bekannt. Es heißt jedoch, dass die Gefangenschaft bei den Brüdern ihre Spuren hinterlassen habe. Eine von ihnen soll sich sogar selbst in eine Nervenheilanstalt einweisen lassen haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem ist in manchen Versionen von einem männlichen Opfer die Rede, das nach den Ereignissen ebenfalls zu einem Vampir und Serienmörder geworden sei. Es ist teilweise von über 400 Opfern die Rede, die der Mann auf dem Gewissen haben soll. Mehr weiß man über ihn jedoch nicht.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ort des Geschehens:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wie bereits erwähnt soll sich die Legende in New Orleans zugetragen haben. Um genau zu sein, in dem Haus an der Royal Street 800 im French Quarter, wo die Carter Brothers gelebt haben sollen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Über den Ursprung der Legende habe ich leider erstaunlich wenig herausfinden können. Es wirkt aber so, als sei sie reine Fiktion. Weder in den Zeitungen von damals noch im Verzeichnis der zu Tode Verurteilten in New Orleans oder irgendwelchen Gerichtsakten aus der Gegend sollen sich Hinweise auf einen ähnlichen Fall finden lassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist jedoch auch nicht weiter verwunderlich. Wie ich bereits in meinem Beitrag über <a href="https://www.geister-und-legenden.de/das-hans-muller-house-die-legende-des-sausage-man">das Hans Muller House</a> erwähnt habe, ist New Orleans eine Stadt voller Spukhäuser und Geistergeschichten. Einige basieren auf wahren Begebenheiten, die meisten sind jedoch fiktiv – so anscheinend auch die Geschichte von John und Wayne Carter.</p>



<h3 class="wp-block-heading">The Carter Brothers in der Popkultur:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Abgesehen von einigen Geistertouren in New Orleans, die das Haus und die Legende der Carter Brothers behandeln, ist mir kein Auftritt der Vampirbrüder in der Popkultur bekannt. Hinterlasst gerne einen Kommentar, solltet ihr einen Film, eine Serie, ein Buch o. Ä. kennen, in denen die Legende aufgegriffen wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von The Carter Brothers? Kanntet ihr die Legende bereits? Was würdet ihr tun, wenn ihr geknebelt und an einen Stuhl gefesselt aufwachen würdet? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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<p class="wp-block-paragraph"></p>
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		<title>Aswang (überarbeitet)</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 28 Aug 2023 13:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Geschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Monster und Ungeheuer]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Mit offenem Mund stand ich da, unfähig, mich zu bewegen. Mein Hirn arbeitete auf Hochtouren, wollte nicht begreifen, was da gerade geschah, während dieses … Ding sich Stück für Stück in eine menschenähnliche Kreatur verwandelte ...</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg09.met.vgwort.de/na/b00fcc7104394a12aa07fb432d616ed1" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Mein Beitrag über die Aswang war einer der ersten Beiträge, die ich je auf meinem Blog hochgeladen habe. Da ich neulich erst bei einer Lesung auf <a href="https://www.patreon.com/geisterlegenden">Patreon</a> mit einer Leserin über den Aswang gesprochen habe, bot es sich für mich an, den alten Beitrag zu entstauben, indem ich ihn komplett überarbeite. Zu der Filipina, die mir damals bei der Recherche geholfen hat, habe ich zwar keinen Kontakt mehr, die <a href="https://www.aswangproject.com/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Website</a> und der <a href="https://youtu.be/2ePhqoyLpXQ?si=EjGgLHn6AxIBbg2P" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Dokumentarfilm „The Aswang Phenomenon“</a> haben mir bei der Überarbeitung aber sehr geholfen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen (Achtung Spoiler!)</strong></summary>
<p>&#8211; Blut<br>
&#8211; fehlgeschlagene Schwangerschaf<br>
&#8211; Tod</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Als mein Lolo, mein Großvater, noch lebte, hatte er mir häufig von den philippinischen Legenden erzählt. Er war vernarrt in die Erzählungen und Geschichten gewesen und hatte sogar behauptet, einige der Kreaturen selbst gesehen zu haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber auch, wenn ich ihm als Erwachsener kein Wort mehr glaubte, waren seine Geschichten in meiner Jugend mehr als einmal der Grund für meine Albträume gewesen. Natürlich wusste ich da noch nicht, dass ich mir eines Tages wünschen würde, ich hätte ihm besser zugehört.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Früher waren meiner Meinung nach die einzigen realen Monster Menschen gewesen. Die Legenden waren für mich nicht mehr als Märchen. Das alles änderte sich jedoch, als eine von Lolos Kreaturen mein Leben zerstörte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">An jenem Abend war ich für die Spätschicht eingeteilt gewesen. Als ich den Supermarkt endlich verlassen hatte, war ich völlig erschöpft. Ich wollte nur noch nach Hause zu Aira, meiner schwangeren Frau, mich an sie kuscheln und ihren Bauch halten, um die Bewegungen unseres Sohnes zu spüren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zum Glück war der Supermarkt nicht weit von zu Hause entfernt. Er war tatsächlich so nah, dass ich bei gutem Wetter oft mit dem Fahrrad zur Arbeit fuhr.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich weiß noch, wie ich gedankenverloren den Sternenhimmel beobachtete, während ich die Straßen entlang radelte. Ich lauschte dem Konzert der Zikaden, spürte den warmen Fahrtwind auf meiner Haut. Der gesamte Stress des Arbeitstages fiel von mir ab.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Gedanken war ich bei Aira. Ich überlegte, ob wir es am kommenden Wochenende endlich schaffen würde, das Kinderzimmer zu streichen. Wir hatten uns bereits für eine Farbe entschieden: ein warmes Orange.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich war gerade dabei, mit dem Fahrrad um eine Ecke zu biegen, dachte darüber nach, wie das fertige Kinderzimmer wohl aussehen würde, als ein Knurren vor mir mich in die Realität zurückriss.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Panisch zog ich die Bremsen an. Mein Fahrrad kam nur wenige Zentimeter später zum Stehen, direkt vor einem großen Hund, der vor mir auf dem Gehweg stand. Knurrend entblößte er im Licht einer einzelnen Laterne seine spitzen gelblichen Zähne.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sein schwarzes Fell sah ungepflegt aus, wirkte stellenweise zu dünn, als wäre er krank oder leide unter Unterernährung. Beides keine Seltenheit für die zahlreichen Straßenhunde der Philippinen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was ihn jedoch deutlich von den anderen Straßenhunden abzeichnete, waren seine enorme Größe und sein Verhalten. Die anderen Hunde wirken für gewöhnlich ängstlich, passiv, mieden Menschen. Dieser Hund hingegen hatte eine aufrechte Körperhaltung, seinen Schwanz hatte er aufgestellt und den Kopf erhoben. Mit blutunterlaufenen Augen starrte er mich direkt an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hingegen bewegte mich keinen Millimeter, musste mich zwingen, langsam weiterzuatmen. Als Stadtmensch hatte ich keine Ahnung, wie ich mich einem wilden Tier gegenüber verhalten musste. Ich war mit der Situation komplett überfordert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zum einen schrien meine Instinkte danach, den Lenker herumzureißen und so schnell ich konnte loszuradeln, zum anderen wusste ich genau, dass ich dadurch wahrscheinlich den Jagdinstinkt des Tieres wecken würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also stand ich bloß weiter reglos da, während der Hund seine Schnauze hob. Er schnupperte in meine Richtung. Dann veränderte sich plötzlich etwas in seinen Augen. Nein. Nicht nur in seinen Augen. Seine gesamte Körperhaltung änderte sich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst dachte ich, er bewege sich nur, aber es war etwas anderes. Stück für Stück verlor das Tier sein Fell. Seine Vorderbeine begannen, kräftiger zu werden. Seine Pfoten wurden breiter, verwandelten sich in klauenartige Hände. Und auch seine Hinterbeine wurden dicker und länger, während sich seine Hinterpfoten langsam zu Füßen verwandelten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit offenem Mund stand ich da, unfähig, mich zu bewegen. Mein Hirn arbeitete auf Hochtouren, wollte nicht begreifen, was da gerade geschah, während dieses … Ding sich Stück für Stück in eine menschenähnliche Kreatur verwandelte. Inzwischen war sein Fell komplett verschwunden. Stattdessen blieb fleckige graue Haut zurück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Seine Schnauze ging langsam zurück, bildete einen Mund, aus dem eine spitze, unnatürlich lange Zunge ragte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann traf mich ein Gestank nach Verwesung. Er war so intensiv, dass ich würgen musste. Hätte ich nicht mein Fahrrad gehalten, wäre ich wohl einige Schritte zurückgetaumelt. Dafür hatte ich jetzt endlich die Kontrolle über meinen Körper zurück. Meine Schockstarre war beendet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit einem letzten Blick auf die Kreatur, die noch immer zusammengekauert dastand, riss ich das Fahrrad herum, sprang wieder auf den Sattel und trat in die Pedale, als würde mein Leben davon abhängen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Hoffnung, dass das Wesen durch die Verwandlung zu geschwächt sei, um sofort die Verfolgung aufzunehmen, wurde von dem klackernden Geräusch hinter mir zunichtegemacht. Scharfe Klauen trafen mit schnellen Schritten lautstark auf den gepflasterten Boden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich mit einer im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubenden Geschwindigkeit durch die Straßen hetzte, schien das Wesen keine Probleme zu haben, mit meinem Fahrrad mitzuhalten. Trotzdem blieben seine Schritte immer auf gleichem Abstand. Sogar, als ich mehrfach bei einigen Kurven ins Straucheln kam, holte es mich nicht ein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich dachte mir nichts dabei. Mein einziger Gedanke war, dass ich gejagt wurde. Dass das Wesen irgendetwas anderes als mich und mein zartes Fleisch im Sinn haben konnte, kam mir nicht einmal in den Kopf. Und so führte ich es direkt zu mir nach Hause – direkt zu Aira.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dort angekommen sprang ich sofort vom Fahrrad, das scheppernd auf dem harten Boden landete. Ein Blick nach hinten verriet mir, dass ich das Wesen abgehängt hatte. Zumindest musste der Abstand so groß geworden sein, dass es die letzte Kurve noch nicht erreicht hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich meine Schlüssel aus der Tasche zerrte, machte sich eine trügerische Hoffnung in mir breit. Fast im selben Moment entglitt der Schlüsselbund jedoch meinen schwitzigen Fingern. Mit einem lauten Rasseln schlug er auf dem Boden vor der Haustür auf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich erstarrte, lauschte auf alle Geräusche, ehe ich mich selbst daran erinnerte, mich zu beeilen. Aber selbst da konnte ich nichts hören außer den nächtlichen Vögeln im Dschungel, den typischen Klängen der Stadt und meinem eigenen rasenden Herzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit zittrigen Fingern schaffte ich es endlich, die Tür aufzuschließen. Ich riss den Schlüssel aus dem Schloss, sprang in den Flur und drückte die Tür hinter mir fest zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst jetzt erlaubte ich es mir, durchzuatmen. Meine Beine fühlten sich an wie Wackelpudding. Als die Anspannung endlich von mir abzulassen schien, ließ ich mich mit zittrigen Knien an der Tür zu Boden sinken. Tränen schossen mir in die Augen, während ich die Beine mit den Armen zur Brust zog.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Joshua? Joshua, bist du das?“, hörte ich Airas Stimme laut aus dem Wohnzimmer rufen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein gesamter Körper verkrampfte sich. Die Angst war schlagartig zurückgekehrt. Unfähig zu antworten, ließ ich meine Hände zu Boden gleiten. Auf allen vieren tastete ich mich langsam zu dem Fenster neben unserer Haustür vor. Es reichte bis zum Boden. Ich würde keine Probleme haben, von hier unten auf die Straße hinauszublicken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem hielt ich für eine Sekunde inne, ehe ich hinaussah. Sicherlich kennt ihr den ein oder anderen Horrorfilm, in dem jemand ängstlich aus einem Fenster schaut, nur um auf der anderen Seite ein fremdes Gesicht zu sehen, wenige Zentimeter von dem eigenen entfernt. Ich sah das Gesicht der Kreatur mit seiner langen Zunge schon förmlich vor mir, ehe ich den Blick nach draußen wagte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann: Erleichterung. Auf der Straße war es völlig ruhig. Das einzige Gesicht, das mir entgegenstarte, war die Reflexion meines eigenen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Inzwischen war die angestaute Anspannung in mir so groß, dass ich mich fast auf den Boden übergeben hätte. Trotzdem zwang ich mich, aufzustehen. Ich musste zu Aira.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ehe ich jedoch auch nur einen Schritt in Richtung Wohnzimmer machen konnte, ertönte plötzlich das Geräusch von splitterndem Glas – dicht gefolgt von einem markerschütternden Schrei meiner Frau.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Aira!“, kreischte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein schmatzendes Geräusch mischte sich unter Airas Geschrei, während ich ins Wohnzimmer sprintete. Aber ich war zu spät. Im Wohnzimmer angekommen sah ich nur noch eine große graue Gestalt, die aus dem kaputten Fenster sprang.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann fiel mein Blick auf Aira. Sie lag am Boden, umgeben von Glasscherben und Blut. Panik glänzte in ihren weit aufgerissenen Augen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Aira! Schatz!“, schrie ich, während ich zu ihr hetzte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt bemerkte ich die klaffende Wunde an ihrem Bauch. Das Monster hatte sie aufgerissen. Vor lauter Rot konnte ich nicht erkennen, wo ihre Haut aufhörte und wo das zerfetzte Kleid begann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hilflos presste ich eine Hand auf die Wunde, während ich mit der anderen den Notruf wählte. Die Stimme eines Mannes meldete sich. Ich beantwortete seine Fragen wie automatisch, schenkte ihm kaum Beachtung, während ich die Umstände und unsere Adresse herunterratterte. Schließlich sollte ich das Telefon auf laut stellen und neben Airas Kopf legen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hallo? Frau Reyes? Aira? Können Sie mich hören?“, fragte die Stimme aus dem Telefon.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aira reagierte nicht. Stattdessen sah sie mich noch immer aus Angst erfüllten Augen an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Herr Reyes? Ist Ihre Frau bei Bewusstsein? Sie müssen sie unbedingt wachhalten. Ein Krankenwagen ist schon auf dem Weg zu Ihnen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Liebevoll streichelte ich Aira mit meiner sauberen Hand über die Wange. „Hast du gehört, Aira? Hilfe ist unterwegs! Du musst nur noch einen Moment durchhalten! Bitte Schatz, halte durch!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aira öffnete den Mund, um etwas zu sagen. Ihre Stimme war so schwach, dass ich mich vorbeugen musste, um sie zu verstehen. „Er hat unseren Jungen gestohlen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wer? Wer hat unseren Jungen gestohlen?“, erwiderte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Aswang“, hauchte sie. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Wort bewegte etwas in mir. Ich kannte den Namen, hatte ihn schon diverse Male gehört, auch wenn ich nicht wusste, was er bedeutete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Aswang? Wer ist Aswang?“, fragte ich sofort, versuchte, meine Frau in ein Gespräch zu verwickeln, sie bei Bewusstsein zu halten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment jedoch verloren Airas Augen ihren Fokus. Ihr Blick ging ins Leere und meine Frau tat ihren letzten Atemzug.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach dem Vorfall war ich für lange Zeit in tiefe Trauer gefallen. Es hatte Monate gedauert, bis ich wieder lächeln konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Polizei hatte mir auf mein Flehen hin erzählt, dass man Aira den Fötus aus dem Bauch gerissen hatte. Sie erklärten, dass sie keine Ahnung hatten, welches Werkzeug der oder die Täter verwendet hatten. Auch wollten sie mir nicht zuhören, als ich ihnen von dem Wesen erzählte. Sie schoben es auf den Schock, den ich erlitten hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem war der brutale Umstand von Airas Tod nicht das Schlimmste, wie ich nur wenige Tage später erfahren sollte. Die ganze Zeit ließ mich ein einzelnes Wort nicht los: Aswang. Ein Name, der sich zusammen mit Airas letzten Worten in mein Gedächtnis gebrannt hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich im Internet danach suchte, wurde ich schnell fündig. Es gab tatsächlich ein philippinisches Wesen mit dem Namen. Was mich jedoch viel mehr schockte, war ein einzelner Satz: Aswang ernähren sich am liebsten von Föten, die sie schwangeren Frauen aus dem Leib reißen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Schock traf mich wie ein kalter Schwall Eiswasser. Ich erinnerte mich, wie der Hund an mir gewittert hatte, ehe er sich verwandelte. Wie die Schritte hinter mir immer auf gleichem Abstand geblieben waren, mich nicht eingeholt hatten. Es war meine Schuld gewesen. Ich hatte Aira umgebracht. Ich hatte den Aswang genau zu unserem ungeborenen Sohn geführt.</p>



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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Aswang ist eine <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer">Kreatur</a>, die auf den Philippinen vorkommen soll. Er ist aber nicht einfach nur ein Monster, sondern kann eine ganze Reihe von verschiedenen Wesen darstellen, die alle unter dem Namen „Aswang“ bekannt sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So wird z. B. der <a href="https://www.geister-und-legenden.de/manananggal">Tikwi bzw. Manananggal</a> manchmal als eine Unterart des Aswang beschrieben, auch wenn andere Leute die Wesen als eigenständige Kreaturen sehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Umfragen zufolge sollen etwa 80% aller Filipinos an die Existenz von Aswang glauben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Das Aussehen der Aswang kann sich, aufgrund der weiten Verbreitung und geographischen Grenzen zwischen den philippinischen Inseln, stark unterscheiden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Tagsüber sollen sie fast wie eine normale Frau, sehr viel seltener auch wie ein Mann, aussehen. Jedoch gibt es auch hier verschiedene Erkennungsmerkmale: Zum Beispiel sollen die Reflexionen in ihren Augen auf dem Kopf stehen oder sie sollen kein Philtrum (die kleine Einbuchtung zwischen Nase und Oberlippe) besitzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Gestalt, in die sie sich nachts verwandeln, reicht hingegen von einer hässlichen Frau mit Vampirzähnen und Fledermausflügeln, über diverse Tiere und ghulähnliche Kreaturen bis hin zu einer vergleichsweise menschlichen Hexe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Einfachheit halber werde ich mich an dieser Stelle hauptsächlich auf die mir am besten bekannte Form konzentrieren, von der Tuyo, die bereits erwähnte Filipina, mir erzählt hat: eine ghulähnliche Kreatur mit gestaltwandlerische Fähigkeiten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Art der Aswang verwandelt sich nachts in eine menschenähnliche Kreatur mit grauer, fleckiger Haut und milchigen Augen. Sie haben meist keine Haare, gelegentlich spitze Ohren und können sowohl einen männlichen als auch einen weiblichen Körper haben. Einige von ihnen sollen außerdem eine unnatürlich lange Zunge besitzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn sie ihre Gestalt in eine andere Form verwandeln, nehmen die hierbei meist die Gestalt eines großen schwarzen Hundes oder eines großen schwarzen Schweins an. Ich habe aber auch von Katzen, Pferden und diversen Vogelarten gelesen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Entstehung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt verschiedene Theroien, wie ein Aswang entstehen kann. Die meisten von ihnen involvieren einen anderen Aswang, der seine Kräfte an sein „Opfer“ weitergibt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine der bekanntesten Theorien ist, dass jeder Aswang ein kleines schwarzes Küken in seinem Bauch trägt. Wenn ein Aswang stirbt, kann er dieses Küken weitergeben, indem es aus seinem Mund hüpft und von dem zukünftigen Aswang geschluckt wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Andere Leute behaupten, dass der Speichel eines Aswang „ansteckend“ ist. So soll eine Person zu einem Aswang werden, wenn ihr ein Aswang ins Ohr spuckt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Neuere Theorien, die von den Vampirlegenden der Kolonisten übernommen wurden, involvieren einen vampirähnlichen Biss, durch den sich Menschen in einen Aswang verwandeln, wenn sie ihn überleben sollten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Aswang werden allerlei schlechte Eigenschaften nachgesagt. Hauptsächlich sind sie aber dafür bekannt, nachts Menschen anzugreifen. Seit Jahrhunderten werden sie auf den Philippinen gefürchtet und wurden bereits für viele grausame Tode verantwortlich gemacht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hauptsächlich greifen sie die Menschen an, weil sei sich von ihnen ernähren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am liebsten sollen ihnen dabei Kinder, Babys und sogar Föten sein. Während sie die Kinder so fressen, reißen sie die Föten aus den Leibern schwangerer Frauen oder saugen sie mit ihrer langen Zunge aus ihnen heraus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber auch für erwachsene Menschen sind vor Aswang nicht sicher. Wenn die Wesen keine gesunden Menschen finden, geben sie sich selbst mit Kranken und sogar kürzlich Verstorbenen zufrieden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf welchen Teil des menschlichen Körpers es die Aswang abgesehen haben, unterscheidet sich je nach Version und Region der Erzählung. Während sie die Föten meist ganz fressen, sind sie bei erwachsenen Menschen manchmal nur hinter ihren Organen, besonders der Leber und dem Herzen, her. Auf welch brutale Weise sie die Menschen aufreißen, um an die Organe zu kommen, muss ich wahrscheinlich nicht erwähnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine andere Variante des Aswang hingegen saugt den Menschen bloß das Blut aus ihren Körpern, indem er entweder seine vampirähnlichen Zähne oder seine hohle Zunge benutzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber seine brutale Art, Menschen anzugreifen, ist natürlich nicht das einzig Außergewöhnliche an den Aswang. Viele Menschen glauben, dass sie ihre Gestalt in einen Hund oder ein Schwein verwandeln können, um sich zu tarnen. Und auch ihre unscheinbare menschliche Gestalt, die sie tagsüber annehmen, wird oft nur als Tarnung bezeichnet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem gibt es Versionen, in denen Aswang noch weitere magische Fähigkeiten nachgesagt werden.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Aswang sollen fast ausschließlich auf den Philippinen leben. Dort werden sie besonders häufig mit der Insel Panay und der darauf liegenden Provinz Capiz in Verbindung gebracht.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der Ursprung des Aswang ist nicht genau geklärt. Die älteste bekannte schriftliche Erwähnung der Aswang kommt aus dem Jahr 1595, als der spanische Kolonist Fray Diego del Villar dokumentiert hat, dass es auf den Philippinen einen weit verbreiteten Glauben an die Wesen gäbe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch ist eine Legende über zwei philippinische Götter, Gugurang, ein Gott des Guten, und sein Bruder Asuang, ein Gott des Bösen bekannt. Es ist jedoch umstritten, ob „Asuang“ tatsächlich der Ursprung des Wortes „Aswang“ ist. Andere Theorien besagen, es leite sich von dem Sanskrit Wort „Azura“ (Dämon) oder einer Kombination der Worte „Asin“ (Salz) und „Bawang“ (Knoblauch) ab, mit denen Aswang gelegentlich in Verbindung gebracht werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während man jedoch nicht weiß, wie genau der Glaube an die Aswang entstanden ist, gibt es verschiedene Gründe, wie die Aswang eine derartige Bekanntheit in der Region erreichen konnten.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Der Aswang als Massenkontrolle:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Als die spanischen Kolonialisten auf die Philippinen kamen, brachten sie das Christentum mit sich. Und wie es die Christen so oft getan haben, taten sie natürlich alles, um den Filipinos ihren Glauben aufzuzwingen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine der effektivsten Methoden hierbei war es, ein Motiv zu nehmen, vor dem sich die Filipinos bereits fürchteten – den Aswang –, und es mit allem Unchristlichen und ihnen im Weg Stehenden in Verbindung zu bringen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So war es den Christen z. B. ein Dorn im Auge, dass die meisten Filipinos sich an die Babaylans, die indigenen Schamanen und Priester, wandten, wenn sie gesundheitliche oder übernatürliche Probleme hatten. Damit sie sich in Zukunft an die westliche Medizin und die Kirche hielten, wurden die Babaylans, die damals übrigens fast ausschließlich Frauen waren, als Aswang dargestellt. So konnten sie die Babaylans zwar nicht völlig auslöschen, es sagt jedoch einiges aus, dass der damals fast ausschließlich den Frauen vorbehaltene Beruf, heutzutage fast nur noch von Männern ausgeübt wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber auch Aufstände gegen das Christentum, die es damals durchaus gab, wurden auf diese Weise zerschlagen, indem die Anführerinnen der Aufstände als Aswang bezeichnet wurden. Dadurch hatten die anderen Menschen zu große Angst, sich den Aufständen anzuschließen, und sie blieben erfolglos.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Aswang als Kinderschreck:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Wie bei vielen anderen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden">Legenden</a> dieser Art bieten sich Monster wie Aswang als Kinderschreckfigur an. Daher ist es nicht verwunderlich, dass viele Filipinos ihren Kindern hinweg erzählt haben, dass Aswang nachts um die Häuser schleichen. So wollten die Eltern ihre Kinder dazu zwingen, abends rechtzeitig im Bett zu sein, da sie sonst „der Aswang hole“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch das hat das Gerücht über die Aswang über Generationen geschürt und im Volksglauben lebendig gehalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von den Aswang? Wie hättet ihr an Joshuas Stelle reagiert? Und findet ihr es auch so spannend, das eine komplette Nation an dieses Wesen glaubt? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>



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		<title>Der Gorbals Vampire &#8211; Er lauert in der Dunkelheit!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 03 Apr 2023 13:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Es spielten oft Schulkinder auf dem Friedhof. Von ihnen hatte ich aufgeschnappt, dass es Gerüchte über einen Vampir gab, der hier auf dem Friedhof sein Unwesen treiben soll. Ein riesiges Ungetüm mit Zähnen aus Metall ...</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg09.met.vgwort.de/na/518fc9385d30414491826af1fd394cd4" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Heute widme ich mich mit dem Gorbals Vampire einem der wohl größten Vampirphänomene des letzten Jahrhunderts. Am 23. September 1954 haben sich nämlich über 400 Kinder versammelt, um den Vampir zu jagen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bevor es jedoch losgeht, möchte ich mich noch bei meinen neusten Patrons bedanken: Vielen Dank <strong>MiniGrinsekeksin</strong> und <strong>Thalyanna</strong>, dass ihr mich unterstützt! Wenn es so weitergeht, dauert es bis zum Podcast nicht mehr lange. 😀</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und jetzt viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen</strong></summary>
<p>&#8211; Erwähnung häuslicher Gewalt<br>
&#8211; Tod</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Sonne war bereits untergegangen. Ich schlenderte mit langsamen Schritten über den Friedhof, während ich meine Füße fast träge durch das kurze Gras zog. Wenn ihr euch jetzt jedoch einen romantischen Abendspaziergang über einen idyllischen Friedhof mit frischer Luft und dem Zirpen von Grillen vorstellt, muss ich euch leider enttäuschen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Friedhof – die Southern Necropolis in Gorbals – war ein schmutziger Ort. Das ganze Stadtviertel war ein schmutziger Ort, ein Armenviertel, das von der stinkenden Luft der Industrie und des Fortschritts verpestet wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn der Wind aus Süden kam, konnte man auf dem Friedhof selbst an wolkenlosen Tagen manchmal die Sonne nicht sehen. Schuld daran war das Dixon Eisenwerk, das direkt an den Friedhof grenzte. Sogar in der Nacht konnte man seinen Schornstein sehen, wie er unablässig Rauch und in unregelmäßigen Abständen Flammen in den Himmel spie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem erfüllte das Industriegebäude die Luft mit Lärm von aneinanderschlagendem Metall und dem Gestank seiner Abgase. Ich war froh, dass ich diesen Ort, den ich mehr als alles andere verachtete, bald verlassen würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Normalerweise war ich in der Southern Necropolis als Gärtner tätig. Nach dem Zwischenfall vor einigen Tagen hatte mich die Friedhofsleitung jedoch gebeten, nachts nach dem Rechten zu sehen und darauf zu achten, dass sich keine Kinder und Jugendlichen zu so später Stunde noch zwischen all die Gräber und Bäume verirrten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Wahl, mich dazu zu verdonnern, war einleuchtend. Nicht nur, dass ich in meinem Alter nicht mehr der beste Gärtner war und Probleme mit meinen Knien hatte, sie mussten auch keine Angst haben, mich von hier zu vergraulen, wo ich doch eh in wenigen Wochen in Rente gehen würde. Dann würde ich endlich wegziehen aus der stinkenden Stadt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich war in meine Gedanken versunken, ließ das schwache Licht meiner Taschenlampe die Gräber entlangschweifen und achtete mal mehr mal weniger auf die Geräusche, die ich zwischen dem metallischen Geklapper und Geklimper hören konnte. Dabei fiel mein Blick auf einen Ast, der auf dem Weg zu meiner Rechten lag. Kurz überlegte ich, weiterzugehen, aber die zehn Jahre, die ich seit dem Zweiten Weltkrieg als Friedhofsgärtner tätig war, hatten ihre Spuren hinterlassen. Ich brachte es nicht übers Herz, ihn einfach dort liegen zu lassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie automatisch steuerte ich darauf zu. Erst wollte ich ihn bloß mit dem Fuß auf den Rasen kicken, bis plötzlich eine Flamme vom Eisenwerk den Friedhof erhellte. Das war an sich nichts Ungewöhnliches. Denn auch, wenn die Kinder, die sich hier manchmal nachts rumtrieben und einander Gruselgeschichten erzählten, sich wohlig gruselten, immer wenn die Gräber durch die Flammen aus dem Schornstein lange Schatten über den Boden warfen, hatte ich mich schon lange daran gewöhnt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dafür hatte der kurze Lichtblitz meine Aufmerksamkeit auf etwas Anderes gelenkt: Ein Ende des Stocks war mit einem Messer angespitzt worden. Ein Lächeln huschte über mein Gesicht, nur unterbrochen von meiner vor Anstrengung verzerrten Miene, während ich mich nach dem Ast bückte. Prüfend drückte ich den Daumen auf die Spitze. Das Holz war vielleicht ein wenig zu weich, aber an sich war es ein ganz annehmbarer Speer für eine Vampirjagd.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Verzeiht. Hatte ich davon noch gar nicht erzählt? Vielleicht sollte ich mit dem Grund anfangen, wieso ich überhaupt zu meinen nächtlichen Rundgängen über den Friedhof überredet wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Angefangen hatte alles vor einigen Wochen. Es spielten oft Schulkinder auf dem Friedhof, weil er das grünste Stück Land in unserem dreckigen Stadtviertel war. Von ihnen hatte ich aufgeschnappt, dass es Gerüchte über einen Vampir gab, der hier auf dem Friedhof sein Unwesen treiben soll. Ein riesiges Ungetüm mit Zähnen aus Metall.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war natürlich Unfug. Davon abgesehen, dass ich nicht an solche Ammenmärchen glaubte, kannte ich den Friedhof wie meine Westentasche. Wenn sich hier irgendein Monster herumtreiben würde, wüsste ich davon.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem fühlte ich mich an meine Kindheit erinnert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mr. Ferguson! Mr. Ferguson! Stimmt es, dass ein Vampir mit Eisenzähnen auf dem Friedhof lebt?“, hatte mich eines der Kinder erst neulich gefragt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hatte mir nichts weiter dabei gedacht. Um ehrlich zu sein, musste ich an meinen Bruder denken – Gott hab ihn selig –, der mir früher auch immer Gruselgeschichten erzählt hatte. „Hmm. Ein Vampir sagt ihr?“, hatte ich gefragt. „Gesehen habe ich nichts. Aber manchmal hört man hier schon komische Geräusche. Als würde Metall auf Metall schlagen!“ Ich hatte mehrfach meine Zähne aufeinander geschlagen, um zu verdeutlichen, dass ich auf die Eisenzähne anspielte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Kinder waren schreiend weggelaufen. Genau das wollten sie hören. Ich war mir sicher, dass sie ihren Freunden davon erzählen würden, aber welches Ausmaß ihre Vampirjagd bald erreichen würde, hätte niemand ahnen können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sechs Tage ist es jetzt her, dass der Friedhof am Abend plötzlich von unzähligen Kindern überrannt wurde, die allesamt nach dem Vampir mit den Eisenzähnen suchten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Zeitungen sprachen von über 400 Kindern. Einige von ihnen gerade alt genug, dass sie laufen konnten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich selbst war nicht dabei gewesen. Zum Glück. Auf eine Armee aus schreienden Kindern, die mit spitzen Stöckern, Küchenmessern und Hunden bewaffnet nach einem imaginären Vampir suchten, konnte ich verzichten. Besonders, wenn ich einer der wenigen Erwachsenen gewesen wäre, der erfolglos versucht hatte, für Ordnung zu sorgen. Sogar die Polizei war an der Übermacht an Kindern kläglich gescheitert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">400 Kinder … Eine solch riesige Schar konnte ich mir nicht einmal vorstellen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Kollege von mir meinte, dass der Schulrektor schließlich aufgetaucht war und ihnen Vernunft eingeredet hatte. Das und der plötzlich aufkommende Regen hatte die Kinder schließlich vertreiben können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem ließen sie sich davon ihre Pläne noch nicht durchkreuzen. Eine kleine Kerntruppe kam die folgenden beiden Nächte wieder, ehe auch sie aufgaben. Und auch letzte Nacht hatte ich noch ein paar wenige Jugendliche gefunden, die sich hinter einem Busch versteckt hatten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und so kam es, dass ich in einer meiner letzten Arbeitswochen nachts über den Friedhof streifen durfte, um abenteuerlustige Kinder zu verscheuchen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Andererseits konnte ich sie verstehen. Die Kinder aus Gorbals hatten nicht viele Freuden im Leben. Ich wusste, dass einige Zuhause geschlagen wurden. Aber auch die anderen hatten keine leichte Kindheit umgeben von all dem Schmutz und Gestank.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein plötzlich aufkommender Wind ließ mich frösteln. Als wolle sie meine Gedanken unterstreichen, blies die Brise mir den Gestank der Fabrik entgegen. Es war eine Mischung aus Autoauspuff und Schweißgerät.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit gerümpfter Nase kehrte ich dem Eisenwerk den Rücken zu. Vielleicht war die Luft am anderen Ende des Friedhofs etwas erträglicher.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich meiner Wege ging, musste ich wieder an die Kinder denken. Ich betrachtete die Grabsteine, die von meiner Taschenlampe und den gelegentlichen Flammen des Industrieschornsteins erhellt wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich stockte ich. Dort stand jemand zwischen den Gräbern. Ich hob meine Taschenlampe, um ihn anzuleuchten, doch der Lichtkegel traf nur auf die beiden Gräber und plattgetretenes Gras.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Verwundert sah ich mich um. „Hallo?“, rief ich vorsichtshalber.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch als Antwort ertönte nur das metallische Schlagen aus der Fabrik. <em>Klonk, klonk, klonk</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erschöpft rieb ich mir über die Augen. Kein Wunder, dass die Kinder bei ihrer Vampirjagd nicht nach Hause gehen wollten. Wenn ich bedenke, dass es in der Nacht auch noch neblig gewesen war, hatten sie wahrscheinlich an jeder Ecke einen Schatten gesehen, den sie für ihren Vampir gehalten hatten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann hörte ich etwas in der Dunkelheit: Stimmen. Sie waren leise, aber wenn ich genau hinhörte, konnte ich einzelne Worte ausmachen:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Meint ihr, das ist er?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann irgendetwas mit „Vampir“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und schließlich ein: „Schhht! Er kommt!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hielt meine Taschenlampe vor mich, während ich den Stimmen folgte. Hinter einem der Grabsteine konnte ich einen blonden Haarschopf erkennen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Kommt raus. Ich seh euch doch hinter den Gräbern!“, rief ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es folgte ein kollektives Aufatmen. „Das ist nur der alte Mr. Ferguson.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenig später standen drei Jungen vor mir. Sie hatten sich der Größe nach aufgestellt. Da waren der junge William, ein blonder Junge, dessen Namen ich nicht kannte, und ein großer schwarzhaariger, der schuldbewusst dreinblickte – Ian, Brian oder so ähnlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Geht nach Hause“, grummelte ich gerade laut genug, dass sie mich verstehen konnten. „Um diese Uhrzeit ist es draußen nicht sicher für ein paar Kinder wie euch. Nicht in Gorbals …“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wieso?“, fragte der blonde Junge, der jetzt einen Schritt auf mich zukam. „Weil sich hier ein gefährlicher Vampir rumtreibt?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ach, so ein Blödsinn“, erwiderte ich sofort. „Die Stadt ist auch ohne Vampire kein sicherer Ort. Für keinen von uns!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Also ist es auf dem Friedhof nachts gefährlich?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich seufzte schwer. „Nicht gefährlicher als in der Stadt. Aber wenn ihr nicht geht, werde ich euch wohl oder übel bei eurem Rektor und euren Eltern anschwärzen müssen.“ Die Friedhofsleitung hatte mir aufgetragen, das zu sagen. Natürlich würde ich weder das eine noch das andere tun. Die Kinder hatten es auch so schon schwer genug.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es überraschte mich nicht, wie unbeeindruckt sich die Kinder zeigten. Ian oder Brian bekam zwar große Augen und wirkte fast sofort einen halben Kopf kleiner, aber der Blonde starrte bloß weiter stur gegen mein Taschenlampenlicht an. Zumindest, bis eine erneute Flamme den Friedhof erhellte. Fast sofort sahen die Jungen zeitgleich ein kleines Stück an mir vorbei. Dann rannten sie schreiend weg.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich zögerte. Mit der Reaktion hatte ich nicht gerechnet. Kurz überlegte ich, ihnen nachzulaufen, aber sie waren zu schnell für mich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also drehte ich mich vorsichtshalber um. Ich schwenkte meine Taschenlampe langsam von links nach rechts. Grabsteine, Grabsteine, ein Baum, noch mehr Grabsteine. Als ich alles abgeleuchtet hatte, leuchtete ich denselben Weg noch einmal zurück. Aber da war nichts.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder zuckte ein helles Licht von einer Flamme über den Friedhof. Moment … stand da nicht jemand? Ich leuchtete die Stelle an. Aber nein. Es war nur ein Grabstein. Bei dem Spiel aus Licht und Schatten musste er kurz wie eine Person ausgesehen haben. Es würde schon kein Vampir sein … Oder?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ach, sei kein Dummkopf. Das ist alles nur kindliche Fantasie!“, murmelte ich mir beruhigend zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem war da dieses Ziehen in meiner Magengegend. Ein Ziehen, das ich nur aus dem Krieg kannte. Und damals hatte ich gelernt, mich auf mein Bauchgefühl zu verlassen …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt kam ich mir sehr klein vor, wie ich allein in fast völliger Dunkelheit auf dem Friedhof stand. Mein Puls beschleunigte sich. Dann folgte mein Atem. Ich versuchte zwanghaft, mich zu beruhigen. Mir einzureden, dass alles gut war.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Knack</em>. Ein plötzliches Knacken hinter mir ließ mich herumfahren. Erst jetzt merkte ich, dass ich den spitzen Stock von vorhin noch in der Hand hielt. Ich hielt ihn schützend vor mich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„S-Seid ihr immer noch da?“, rief ich in die Dunkelheit. „Kommt schon, geht nach Hause. Bitte.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sandte ein Stoßgebet zum Himmel, hoffte, dass ich wieder ein leises Tuscheln hören würde. Vielleicht konnte ich wieder einen Haarschopf hinter einem der Gräber sehen …? Aber nein. Da war absolut gar nichts. Nichts außer dem bekannten Gefühl, beobachtet zu werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">‚<em>Klonk, klonk, klonk</em>‘, ertönte es weiter vom Eisenwerk. Diesmal kamen mir die Schläge ungewöhnlich aggressiv vor. Ich spürte, wie sich allmählich mein Hals zuschnürte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war der Moment, als ich entschied, nach Hause zu gehen. Ich hatte keine Ahnung, ob hier irgendwer oder irgendetwas auf mich lauerte, aber ich wollte nicht riskieren, es herauszufinden. Selbst, wenn es kein Vampir war, gab es mehr als genug zwielichtige Gestalten in den Gorbals, denen ich nachts nicht begegnen wollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem … was konnte die Friedhofsleitung schon machen? Mich rausschmeißen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich nahm denselben Weg Richtung Ausgang, den auch die drei Jungen genommen hatten. Bald merkte ich jedoch, wie meine Schritte mit jedem ‚<em>Klonk</em>‘ des Eisenwerks schneller wurden. Es dauerte nicht lange, bis aus meinem Gehen ein Joggen wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann plötzlich hörte ich etwas hinter mir. Schritte. Sehr schnelle Schritte. Und sie kamen näher.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich weiß nicht, warum ich nicht einfach weitergelaufen war. Vielleicht hätte ich es bis zum Ausgang geschafft. Andererseits hatte der Krieg mir beigebracht, einem potentiellen Feind niemals den Rücken zuzuwenden. Also drehte ich mich um und riss dabei wieder den spitzen Stock vor mich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Leider vergaß ich dabei für einen Moment, wie kaputt meine Knie waren. Ich drehte mich zu schnell, verlor dabei das Gleichgewicht und stürzte zu Boden. Meine Taschenlampe flog in einem hohen Bogen davon.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt saß ich im Gras, musterte panisch die Dunkelheit vor mir, während ich versuchte, irgendetwas zu erkennen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch das einzige Licht kam von meiner Taschenlampe. Sie lag zu weit weg, ihr Lichtkegel erhellte aber ein kleines Stück Rasen vor mir. Und genau in diesen Kegel trat nun eine Person. Ich konnte ihre Beine nur kurz erkennen, aber sie trug große Schuhe. Definitiv kein Kind oder Jugendlicher!</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wer … Wer ist da?“, fragte ich. Ich bemühte mich, eine feste Stimme zu behalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch der Schatten, den ich jetzt in der Dunkelheit ausmachen konnte, antwortete nicht. Stumm trat er bloß weiter auf mich zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Bleib weg!“, rief ich und fuchtelte dabei mit dem Stock. Er war das Einzige, was zwischen mir und dem Schatten stand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Schatten zeigte sich hingegen unbeeindruckt. Er hielt nicht einmal inne.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt stand er über mir. Da ich nicht wusste, was ich anderes tun konnte, stieß ich mit dem Stock zu. Ich hatte dabei so eine Kraft, dass der Stock sich in den Bauch meines Angreifers bohrte. Ich spürte genau, wie die Spitze in sein Fleisch eindrang. Trotzdem folgte kein Schmerzensschrei. Um genau zu sein, folgte gar keine Reaktion. Völlig unbeirrt beugte der Schatten sich über mich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nein. Nein!“, schrie ich. Ich zerrte an dem Stock, versuchte, ihn freizubekommen, aber er steckte zu fest. Also drückte ich doller zu. Ich spürte, wie er noch weiter in die Gestalt eindrang, aber es kümmerte sie gar nicht. Meine Hände zitterten, während ich ungläubig zu dem dunklen Fleck hochsah, wo das Gesicht der Gestalt sein musste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war der Moment, als eine weitere Flamme den Friedhof erhellte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Gütiger Gott“, hauchte ich ungläubig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Licht hatte ich deutlich die Zähne meines Angreifers erkennen können. Sie waren lang, scharf und glänzten wie Metall, während sie auf meinen Hals zu schnellten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war das Letzte, was ich sehen sollte. Doch in den letzten Sekunden meines Lebens bereute ich nur eins: Dass ich es bis zu meinem Tod nicht geschafft hatte, meiner stinkenden Heimatstadt zu entkommen.</p>



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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Gorbals Vampire (Englisch für „Vampir von Gorbals“) ist eine <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Legende</a> über einen Vampir des letzten Jahrhunderts. Er erregte 1954 in Gorbals, einem Stadtteil von Glasgow, Schottland, eine solche Aufmerksamkeit, dass sich über 400 Schulkinder versammelten, um den Gorbals Vampire zu töten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Über das Aussehen des Gorbals Vampire ist nicht viel bekannt. Die Kinder erzählten 1954 hauptsächlich von einem 7 Fuß (ca. 213 cm) großen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Monster</a> mit Eisenzähnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unter anderem wurden auch Zähne wie bei einem Walross oder rot leuchtenden Augen erwähnt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weitere Vampireigenschaften hat er keine, was daran liegen kann, das nur die wenigsten Kinder aus den Gorbals wussten, was ein Vampir überhaupt ist.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Auch was die Eigenschaften angeht, gibt es nur wenig Informationen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Gorbals Vampire soll aber, im Gegensatz zu herkömmlichen Vampiren, kein Blut gesaugt, sondern seine Opfer – der Legende nach zwei Schuljungen – getötet und gefressen haben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Das Ereignis:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Stellt euch folgende Situation vor: Ihr seid ein Polizist, der gebeten wird, sich eine Unruhe auf dem örtlichen Friedhof näher anzusehen. Aber als ihr dort ankommt, findet ihr eine Armee aus hunderten Kindern. Sie sind mit Stöcken, Küchenmessern, Steinen und Hunden bewaffnet, während sie den Friedhof stürmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das mag zwar völlig an den Haaren herbeigezogen klingen, aber genauso hat es sich am 23. September in den Gorbals zugetragen. Angeblich waren es mehr als 400 Kinder, die sich getroffen haben, um den Gorbals Vampire zu töten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Kinder kamen aus allen möglichen Altersgruppen. Die Jüngsten von ihnen sollen gerade einmal 4 Jahre alt gewesen sein, während die Ältesten bereits Teenager waren. Und auch einige besorgte Eltern sollen auf dem Friedhof gewesen sein. Sie erkundigten sich bei den Polizisten, ob irgendetwas an den Gerüchten über den Gorbals Vampire dran sei.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hinzu kommt, dass es an dem Abend nebelig war. Das Dixon Eisenwerk direkt hinter dem Friedhof hat regelmäßig Feuer gespien, wodurch die Grabsteine und Bäume gespenstische Schatten geworfen haben. Die Kinder sahen an jeder Ecke Silhouetten im Nebel, die sie für den Vampir hielten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Polizei hatte keine Chance, die Kinder aufzuhalten. Erst, als der Schulrektor aufgetaucht war, um die Kinder zurechtzuweisen, und es kurz danach angefangen hatte, zu regnen, kehrten die jungen Vampirjäger nach Hause zurück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Noch waren die Kinder jedoch nicht bereit, aufzugeben. Einige von ihnen setzten die Suche in den folgenden zwei Nächten fort. Erst in der dritten Nacht verloren auch sie das Interesse und gaben die Jagd auf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass das Ereignis für große Aufmerksamkeit gesorgt hat. Es wurde von der Presse behandelt und hat sogar zu einem Gesetz geführt, dass den Verkauf von Horror- und Krimicomics an Kinder verboten hat.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wie der Name schon sagt, soll der Gorbals Vampire in Gorbals, einem Stadtteil in Glasgow, Schottland, leben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dort soll er in der Southern Necropolis (Englisch für „Südliche Nekropole“), einem riesigen Friedhof mit über 250.000 stattgefundenen Begräbnissen, sein Unwesen treiben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wie bereits angedeutet, wurden Comichefte über Vampire und andere Monster für die Legende des Gorbals Vampire verantwortlich gemacht. Der Grund dafür war wahrscheinlich der 1953 erschienene Comic „The Vampire with the Iron Teeth“ (Der Vampir mit den Eisenzähnen) der Dark Mysteries Reihe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber auch, wenn das auf den ersten Blick logisch klingen mag, wurde dabei nicht bedacht, dass die armen Kinder aus den Gorbals sich im Normalfall keine Comichefte leisten konnten – schon gar keine aus Amerika. Als einige der ehemaligen Kinder 2016 zu der Vampirjagd interviewt wurden, erklärten sie, dass sie damals keine Comics besessen haben. Die meisten von ihnen hatten nicht einmal Fernseher und einige nicht einmal fließend Wasser im Haus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und auch ihre Aussage, dass sie zu damaliger Zeit nicht wussten, was ein Vampir überhaupt ist, sollte man nicht außer Acht lassen. Z. B. wusste niemand von ihnen, dass man einem Vampir einen Pflock ins Herz hämmern müsse, um ihn zu töten. Der Plan der Kinder war stattdessen gewesen, den Vampir zu köpfen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist daher nicht verwunderlich, dass es noch drei weitere, vielleicht sogar wahrscheinlichere Theorien über den Ursprung der Legende gibt.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Weitere Theorien:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">So gab es in Glasgow im 19. Jahrhundert das Kinderschrecklied „Jenny wi‘ the Iron Teeth“ (Jenny mit den Eisenzähnen). Ein Lied über ein Wesen, dass eiserne Zähne hat und Kinder beißt und entführt, wenn sie nicht schlafen wollen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die zweite Theorie ist eine Passage aus der Bibel. So wird in Daniel 7-7 von einem Tier mit eisernen Zähnen berichtet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und die dritte Theorie berichtet von dem „Iron Man“ (Eisenmann), einem Mann mit eisernen Zähnen, von dem einige Eltern in Gorbals geredet haben sollen. Hierzu habe ich jedoch – abgesehen von einer Zeugenaussage eines damals beteiligten Kindes – keine weiteren Informationen finden können.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Verbreitung der Legende:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Aber auch, wenn man nicht sagen kann, woher die Legende kommt, weiß man, wie sie sich derart verbreiten konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Friedhof soll damals nämlich einer der wenigen grünen Flecken im schmutzigen Armenviertel Gorbals gewesen sein. Daher hatten sich dort oft Kinder zum Spielen getroffen. Aufgrund der gruseligen Atmosphäre eignete sich der Ort jedoch ebenfalls wunderbar für Gruselgeschichten. Die Kinder trafen sich dort oft, um sich gemeinsam zu gruseln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als unter den Kindern das Gerücht aufkam, dass ein schrecklicher, sieben Fuß großer Vampir mit eisernen Zähnen zwei Jungen getötet und gefressen haben soll, hat sich das unter den Kindern schnell rumgesprochen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es dauerte nicht lange, bis es erste angebliche Augenzeugen gab, die den Fängen des Gorbals Vampire nur knapp entkommen seien.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber anstatt sich ängstlich zu verstecken und den Friedhof zu meiden, hatten die Kinder von Gorbals in den 1950er Jahren eine andere Vorstellung, wie sie mit einem Monster umzugehen hatten: Sie organisierten die riesige Vampirjagd, die dafür sorgen sollte, dass der Gorbals Vampire in die schottische Geschichte eingeht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach der erfolglosen Jagd war die Legende aber längst nicht vergessen. Die Bevölkerung wusste nun von dem Monster, und auch, wenn die meisten Erwachsenen es als Kinderfantasie abgetan haben, soll es andere gegeben haben, die selbst an den Gorbals Vampire glaubten. Dass es die zwei vermissten Schulkinder, die der Vampir auf dem Gewissen haben soll, nie gegeben hat, hat sie dabei anscheinend nicht interessiert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Gorbals Vampire ist solch eine ikonische Figur der Folklore von Glasgow geworden, dass 2016 Schulen in Glasgow der Legende fast ein komplettes Jahr gewidmet haben. 10 Monate lang haben Schülerinnen und Schüler Zeichnungen, Geschichten und sogar ein berühmtes Graffiti erstellt, die von dem Gorbals Vampire und der Jagd auf ihn inspiriert wurden. Abgerundet wurde das Ganze von einem Theaterstück, das die Gemeinde gemeinsam organisiert hatte. Es wurde Ende Oktober 2016 kurz vor <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/halloween" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Halloween</a> im Britannia Panopticon aufgeführt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von dem Gorbals Vampire? Hättet ihr euch als Kind getraut, mit den anderen Kindern auf den Friedhof zu gehen? Und wie hättet ihr euch an Mr. Fergusons Stelle verhalten? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Wenn ihr mehr solche Geschichten oder Legenden lesen wollt, unterstützt mich auf <a href="https://www.patreon.com/geisterlegenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Patreon</a>, abonniert meinen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/newsletter" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Newsletter</a> oder folgt mir auf <a href="https://twitter.com/geisterlegenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/geisterlegenden/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Facebook</a> oder <a href="https://www.instagram.com/geisterlegenden/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Instagram</a>!</em></p>
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		<title>Nure-onna – Du kannst ihr nicht trauen!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 24 Jan 2022 14:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Geschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Monster und Ungeheuer]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Das Nächste, was ich spürte, war, wie mich etwas packte. Ich wurde im Wasser hin und her geschleudert, bekam Wasser in Mund und Nase, hatte das Gefühl zu ersticken, und plötzlich bekam ich wieder Luft. Was auch immer mich gepackt hatte, hielt meinen Kopf jetzt über Wasser ...</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg08.met.vgwort.de/na/71500f78d5ac4863bf7788d940cfe455" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Die Nure-onna sind in Japan (und inzwischen auch anderen Teilen der Welt) sehr beliebte <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/yokai">Yōkai</a>. Was es mit diesen Wesen auf sich hat, erfahrt ihr in meinem Beitrag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen (Achtung Spoiler!) </strong></summary>
<p>&#8211; explizite Darstellung von körperlicher Gewalt<br>
&#8211; Blut<br>
&#8211; Tod</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Mit einem erschöpften Seufzen ließ ich mich auf meinen Campingstuhl fallen. Ich wischte mir den Schweiß aus dem Gesicht, während ich dem Gesang der Zikaden lauschte. Hätten wir gewusst, dass es im September hier in Japan immer noch so heiß werden würde, hätten wir unseren Urlaub verschoben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„He, Luca, nicht faulenzen“, mahnte Till. „Dein Zelt ist noch nicht abgebaut und wir wollen in ein paar Stunden im Hotel sein.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ach.“ Ich machte eine wegwerfende Handbewegung. „Die Mädchen sind auch noch nicht wieder da. Außerdem sind meine Sachen fast alle gepackt. Bis die zwei abgebaut haben, liegt mein Zelt schon sicher verstaut im Kofferraum.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Till sah mich mit gehobener Augenbraue an. „Von ‚Helfen‘ hast du wohl noch nichts gehört, oder?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich grinste bloß.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit einem Kopfschütteln und einem Schmunzeln – ich war mir zu 90% sicher, ein Schmunzeln gesehen zu haben – machte sich Till daran, sein Zelt weiter abzubauen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Till und ich kannten uns bereits seit der Grundschule, auch wenn wir uns damals noch nicht wirklich nahestanden. Das änderte sich erst im Gymnasium, wo wir beide beste Freunde geworden waren – eine Freundschaft, die bis heute anhielt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir hatten zusammen unsere ersten Beziehungen und unsere ersten gebrochenen Herzen durchgestanden, die wildesten Partys gefeiert, zusammen unseren Abschluss gemacht und alles, was sonst noch dazugehört.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und auch jetzt, wo wir in zwei verschiedenen Städten studierten, taten wir alles dafür, dass unsere Freundschaft nicht darunter litt: Wir besuchten einender häufig, planten gemeinsame Urlaube, erzählten uns regelmäßig, was in unseren Leben so passierte, und schwärmten ab und an von einem Mädchen, in das wir gerade verknallt waren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eines dieser Mädchen war Marlene. Till war bis über beide Ohren ins sie verschossen – und das beruhte auf Gegenseitigkeit. Aber weder er noch sie trauten sich, den ersten Schritt zu wagen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem spürte ich sofort, dass das zwischen den beiden etwas Ernstes werden würde – ein Gefühl, dass auch Sina teilte, Marlenes beste Freundin. Der gemeinsame Japanurlaub war Sinas Idee gewesen, in der Hoffnung, dass Marlene und Till sich endlich küssen würden. Ich war sofort dabei gewesen. Mal sehen, wie Till heute Abend darauf reagieren würde, dass er und Marlene sich ein Doppelzimmer teilen mussten &#8230;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was ist?“, fragte Till verdutzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst jetzt fiel mir auf, dass ich ihn die ganze Zeit blöd angegrinst hatte. „Oh, nichts“, sagte ich schnell. „Ich finde nur, du machst das ziemlich gut. Willst du nicht gleich mit meinem Zelt weitermachen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Till erwiderte mein Grinsen. „Träum weiter.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was?“, protestierte ich. „Du hast doch eben vom Helfen geredet.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Aber doch nicht dir, während du hier auf der faulen Haut sitzt!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ach so, verstehe. Du willst natürlich nur Marlene helfen“, ärgerte ich ihn weiter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Na klar“, erwiderte er ironisch und rollte mit den Augen. Till tat auf cool. Trotzdem bekam sein sonst so bleiches Gesicht einen leichten Rotstich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Knirschen von Kies in der Ferne, das sich unter das Geklapper der Zeltstangen mischte, hielt mich davon ab, ihn weiter zu piesacken. Das mussten die Mädchen sein. Ich seufzte. Das war es dann wohl mit meiner Pause.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und tatsächlich: Keine halbe Minute später trat Marlene zurück in unser kleines Lager. Sie begrüßte mich mit einem kurzen Lächeln und Till mit einer flüchtigen Umarmung – natürlich nur so kurz, dass sich niemand etwas dabei denken konnte. Dann sah sie sich verwirrt um. „Wo ist Sina?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir sahen sie verständnislos an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich dachte, sie ist bei dir?“, ergriff Till das Wort.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Marlene schüttelte den Kopf. „Nein, ich hab den halben Tag Fotos gemacht.“ Demonstrativ hielt sie ihre Spiegelreflexkamera hoch, die um ihren Hals hing. „War sie seit heute Mittag nicht mehr hier?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nein. Nicht, seit ihr zusammen losgegangen seid“, bestätigte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sorgenfalten legten sich in Marlenes Gesicht. „Sie wollte im Fluss baden gehen und danach direkt zurück ins Lager. Meint ihr, sie hat sich verlaufen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ach was.“ Till legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter. „Sie ist bestimmt noch am Fluss und sonnt sich.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Oder sie badet noch. Bei den Temperaturen kann ich es ihr nicht verübeln“, fügte ich hinzu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wie wär’s? Du wartest hier, für den Fall, dass sie zurückkommt, und Luca und ich gehen zum Fluss, um sie abzuholen?“, schlug Till vor.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>‚Oder zu suchen &#8230;‘</em>, fügte ich gedanklich hinzu. Ich sprach es jedoch nicht aus, um Marlene nicht unnötig Sorgen zu bereiten. Soweit ich es beurteilen konnte, hielten sich ihre Sorgen jedenfalls noch in Grenzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während Marlene etwas zögerlich anfing, ihre Sachen zu packen, machten Till und ich uns sofort auf den Weg. Es dauerte keine zwei Minuten, bis wir den Fluss rauschen hörten. Kurz darauf konnten wir ihn sehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sina?“, rief ich in das Flussrauschen hinaus. Ich konnte sie nirgends entdecken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hey, ist das nicht ihr Rucksack?“, fragte Till. Er zeigte auf eine beige Tasche, die auf den Steinen am Ufer lag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir rannten sofort hin. Es war tatsächlich ihr Rucksack. Direkt daneben lagen ihre Kleidung und ihre Schuhe. Sie war also hier gewesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sinaaa?“, rief Till jetzt aus voller Lunge. Seine Stimme hallte schwach in der Ferne. „Sina, wo bist du?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit einem flauen Gefühl im Magen sahen wir einander an. Wieso antwortete sie nicht?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sie hat ja noch ihren Bikini. Bestimmt war ihr die Kleidung zu warm“, versuchte ich, uns zu beruhigen. Aber wieso lagen ihre Schuhe dann noch hier? War sie barfuß unterwegs?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Till sah jedenfalls genauso nervös aus, wie ich mich fühlte. Also machten wir uns daran, das Ufer abzusuchen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sina? Sina hörst du uns?“, riefen wir abwechselnd.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber das Einzige, was uns antwortete, waren der Fluss und einige Zikaden in der Ferne.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich blieb Till stehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was ist?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er deutete auf den Boden. „Ist &#8230; ist das &#8230;?“, stammelte er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sah sofort, was er meinte: Am Boden, direkt zu unseren Füßen, klebte etwas Rotes an den Steinen. Es sah aus wie &#8230; „Blut“, sagte ich beunruhigt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es waren maximal ein paar Tropfen, aber Blut war nie ein gutes Zeichen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Meinst du, sie ist gestürzt? Hat sich den Kopf angeschlagen?“, fragte Till jetzt panisch. „Was, wenn sie in den Fluss gefallen ist? Denkst du, sie ist &#8230;“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Stopp!“, unterbrach ich ihn. „So darfst du gar nicht denken! Vielleicht hat sie sich ja nur irgendwo geschnitten. Oder es ist gar nicht ihr Blut.“ Ich sah ihm an, dass er sich bereits das Schlimmste ausmalte. Und mir ging es nicht viel besser. Aber wir durften jetzt nicht unseren Mut verlieren. Vielleicht war Sina verletzt und brauchte unsere Hilfe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir beschlossen, uns aufzuteilen. Till würde das Gebiet rund um die Kleidung absuchen – vielleicht war sie ja gar nicht im Wasser – und dann flussaufwärts gehen, während ich flussabwärts ging.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Je weiter ich mich entfernte, desto leiser wurden Tills Rufe. Sie begannen bereits, mit dem Flussrauschen und dem Gekreische der Zikaden zu verschwimmen, doch von Sina fehlte jede Spur.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich ging, sah ich nervös zwischen Ufer und Fluss hin und her. Schweiß stand mir im Gesicht, als ich wieder und wieder ihren Namen rief. Hatte sie sich wirklich den Kopf angeschlagen? Wenn sie sich nur geschnitten hätte, wäre sie doch bestimmt zum Lager zurückgekehrt. Aber vielleicht war es ja auch gar kein Blut, sondern irgendein Saft von Beeren oder was weiß ich &#8230; Vielleicht hatte sie bloß einen Sonnenstich. Oder sie wurde an Land gespült und lag jetzt irgendwo benommen im Kies. Sie konnte doch nicht &#8230;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Flut an Gedanken riss sofort ab, als ich in der Ferne etwas im Wasser sah – oder besser gesagt jemanden. Ich rannte sofort los.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sina! Sina ist alles in Ordnung?“, schrie ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber als ich näherkam, sank mein Herz sofort in meine Hose. Es war eine Frau, ja, aber es war nicht Sina. Sie war eindeutig eine Japanerin mit glattem, schwarzem Haar, viel dunkler als Sinas brauner Lockenkopf. Sie stand im Wasser und drückte ein Stoffbündel an ihre Brust.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>‚Wahrscheinlich ein Baby‘</em>, dachte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber was viel schlimmer war: Sie war nackt. Sollte ich wirklich zu ihr gehen und sie ansprechen? Was, wenn sie sich bedroht fühlte? Oder nur Japanisch sprach und die Situation eskalierte?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Andererseits konnte Sinas Leben auf dem Spiel stehen. Ich musste es riskieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also wandte ich den Kopf ab, um klar zu symbolisieren, dass ich sie nicht ansehen wolle. Ich ging auf sie zu und fragte in meinem mäßigen Englisch: „Entschuldigung? Es tut mir leid, dass ich Sie störe, aber meine Freundin wird vermisst. Haben Sie sie gesehen? Eine Europäerin?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aus dem Augenwinkel sah ich, wie die Frau sich erschrocken zu mir umdrehte. Sie kam einige Schritte auf mich zu, bevor sie mit starkem Akzent antwortete. „Bitte, können Sie kurz mein Baby nehmen? Ich bin so erschöpft.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich runzelte die Stirn. Hatte sie mich falsch verstanden?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst, als sie bei mir war, erkannte ich, was sie meinte – oder dachte es zumindest: Sie stand noch immer gut einen Meter tiefer als ich. Mit dem Baby auf dem Arm konnte es also schwierig werden, aus dem Fluss zu klettern. Trotzdem &#8230; wieso wollte sie, dass ich – ein wildfremder Mann – ihr Baby nahm, statt es kurz auf den Boden zu legen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie machte keine großen Umschweife und streckte mir das weiße Stoffbündel entgegen. Dabei entblößte sie ihren Oberkörper. Wenn ich sie ansehen würde, würde ich alles sehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schnell drehte ich ihr den Rücken zu. „Warten Sie, ich helfe Ihnen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit den Augen suchte ich das Ufer nach ihrer Kleidung oder einem Handtuch ab, damit sie sich bedecken konnte, wenn sie aus dem Wasser kam. Aber da war nichts. Nur Steine und Gras. War sie woanders in den Fluss gestiegen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Oh bitte, nehmen Sie kurz mein Baby“, flehte sie wieder.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Flüchtig sah ich sie an, wandte meinen Blick aber sofort wieder ab. Es schien sie nicht zu stören, dass ich sie nackt sah, aber wollte sie tatsächlich so aus dem Fluss steigen? Oder war ich das Problem? War ich zu verklemmt? Stellte ich mich an?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was es auch war, die Frau war mir irgendwie unheimlich. Kurz dachte ich sogar darüber nach, Till zu rufen. Aber wie würde es bitte aussehen, wenn ich jetzt einen anderen Mann zur Verstärkung rief? Außerdem wollte ich nicht, dass er dachte, dass ich Sina gefunden hätte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Also gut“, seufzte ich. „Geben Sie schon her.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hockte mich zu ihr, um das Baby entgegenzunehmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Oh, ganz schön schwer“, sagte ich vorsichtig lachend. „Also, haben Sie &#8230;“ Weiter kam ich nicht. Ich wollte sie gerade noch einmal nach Sina fragen, als ich merkte, dass das Bündel in meinen Armen immer schwerer wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst dachte ich, ich bildete es mir nur ein, aber es dauerte nicht lange, bis meine Arme vor Kraftaufwand zitterten. An Aufstehen war gar nicht mehr zu denken. Stattdessen beschloss ich, das Bündel loszulassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Versteht mich bitte nicht falsch. Ich bin niemand, der ein Kind einfach so ins Wasser fallenlassen würde, aber dieses ‚Baby‘, dieses Ding in meinen Händen war kein Kind. Es wog inzwischen mehr als eine erwachsene Frau.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu meinem Entsetzen bewegten sich meine Arme keinen Zentimeter. Ich versuchte krampfhaft, sie zurückzuziehen, das Stoffbündel von mir zu werfen, aber es gelang mir nicht. Es war, als hielte eine unsichtbare Macht meine Arme fest.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hilfe! Hilfeee!“, schrie ich jetzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Irgendetwas stimmte hier nicht. Und ich wollte nicht warten, bis ich herausgefunden hatte, was es war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Entsetzt sah ich zu dem Bündel in meiner Hand, das noch immer schwerer wurde. Schließlich schwankte ich, verlor mein Gleichgewicht, bevor ich vorneüber ins Wasser kippte. Ich schaffte es gerade noch, tief Luft zu holen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Nächste, was ich spürte, war, wie mich etwas packte. Ich wurde im Fluss hin und her geschleudert, bekam Wasser in Mund und Nase. Ich hatte das Gefühl zu ersticken. Plötzlich bekam ich wieder Luft. Was auch immer mich gepackt hatte, hielt meinen Kopf jetzt über Wasser.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann sah ich die Frau. Ihr Gesicht war keinen halben Meter mehr von meinem entfernt. Hätte ich sie früher angesehen, wäre mir wohl aufgefallen, wie unmenschlich sie aussah. Sie hatte reptilienartige Züge, mit flacher Nase und schlitzartigen Pupillen. Und ihr Mund, ich weiß nicht, was es war, er sah seltsam aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst als sie ihn öffnete, erkannte ich es: Zwei spitze Zähne ragten aus ihrem Oberkiefer wie die Zähne eines Vampirs. Ihre Zunge, die sich langsam hervorschob, war lang und dünn, an der Spitze gespalten wie die einer Schlange. Und dieses Lächeln, dieses grausame Lächeln …</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hilfe! Hilfe!“, schrie ich erneut. Oder besser gesagt: Ich versuchte es. In dem Moment, als der erste Ton aus meinem Mund kam, spürte ich, wie der Druck an meinem ganzen Körper stärker wurde. Die Luft wurde gewaltsam aus meinen Lungen gepresst. Heraus kam nur noch ein leises Krächzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ungläubig starrte ich an mir herab. Ich sah große Schuppen. Eine riesige Schlange hatte sich um meinen Körper gewickelt. Sie schnürte mir mit unglaublicher Kraft die Luft ab. Erst dann sah ich, was es wirklich war: Es war der Unterkörper der seltsamen Frau. Ihr Oberkörper sah menschlich aus, aber dort, wo ihre Hüfte hätte sein müssen, begann der Körper einer riesigen Schlange. Sie war wie eine Meerjungfrau des Todes.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ungläubig sah ich wieder in ihr Gesicht. In ihren Augen funkelte Gier – Hunger. Dann schoss ihr Kopf blitzschnell auf mich zu. Ich konnte es zwar nicht sehen, aber ich spürte, wie sie ihre Zähne in meinem Hals versenkte. Der Schrei, den ich schreien wollte, war nicht mehr als ein Röcheln, während Blut aus der Wunde spritzte und sie gierig trank.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber noch wollte ich nicht aufgeben, noch hatte ich einen Funken Hoffnung. Also wehrte ich mich mit aller Kraft. Je mehr ich jedoch versuchte, mich zu befreien, desto fester drückte sie zu. Sie war ein Raubtier, das nur auf ihre Beute gewartet hatte, und ich war ihr Opfer. Ich hatte keine Chance.</p>



<p class="wp-block-paragraph">War es das, was mit Sina passiert war? Würde dasselbe mit Till und Marlene passieren, wenn sie nach uns suchten?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich riss meine Mörderin ihren Kopf zurück. Sie starrte den Fluss hinauf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Luca? Luca, wo bist du? Hast du Sina gefunden?“ Das war Till. Er musste meinem Hilferuf gefolgt sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schnell ließ die Schlangenfrau sich nach hinten in den Fluss fallen. Ihr Griff lockerte sich dabei leicht. Ehe ich jedoch nach Luft schnappen und brüllen konnte, dass Till wegrennen solle, war mein Kopf bereits unter Wasser. Zu spät atmete ich ein, sog Wasser in meine Lungen, während die Wunde an meinem Hals schmerzhaft brannte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein letztes Mal versuchte ich, mich zu wehren, aber die Erschöpfung und der aufkommende Schwindel raubten mir jede Kraft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es heißt immer, dass kurz vor deinem Tod dein Leben an dir vorbeiziehe. Während ich langsam das Bewusstsein verlor, erinnerte ich mich jedoch nicht an meine Kindheit, meine Schulzeit oder meine Familie. Stattdessen konnte ich nur eines denken: <em>‚Bitte, lieber Gott, wenn es dich wirklich geben sollte, lass Till und Marlene nicht auch diesem Monster zum Opfer fallen!‘</em></p>



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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Nure-onna (japanisch für „nasse Frau“) sind Schlangenfrauen der japanischen Mythologie. Sie zählen zu den <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/yokai">Yōkai</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem werden sie oft als Vampir bezeichnet, da sie das Blut ihrer Opfer trinken.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Entweder sollen die Nure-onna wie Frauen mit einem Schlangenunterkörper aussehen, oder aber sie sind große Schlangen mit dem menschlichen Kopf einer Frau.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Gegensatz zu den meisten weiblichen Yōkai werden die Nure-onna oft als hässlich beschrieben. Sie haben reptilienartige Gesichtszüge, Fangzähne und eine gespaltene Zunge wie die einer Schlange.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Schlangen mit Frauenkopf sollen sich zudem in eine wunderschöne Frau verwandeln können. Bei den Nure-onna mit Frauenoberkörper ist das seltener der Fall.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Des Weiteren heißt es, dass Nure-onna immer, auch wenn sie verwandelt sind, nasse Haare, nasse Haut und – sofern sie überhaupt welche tragen – nasse Kleidung haben sollen. Daher haben sie auch ihren Namen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Länge des Schlangenunterkörpers kann variieren. So ist oft von mehreren Metern die Rede – genug, um einen Menschen einzuwickeln –, es gibt aber auch mindestens eine Geschichte, in der von einer besonders langen Nure-onna die Rede ist, die mindestens 3 Chō (etwa 327 Meter) lang gewesen sein soll.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Neben der Verwandlungsfähigkeit, die manchen Nure-onna nachgesagt wird, besitzen sie auch noch andere Fähigkeiten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So sollen sie z. B. übernatürlich stark sein, so stark, dass sie ausgewachsene Bäume und sogar ganze Hauswände niederreißen können. Trotzdem bevorzugen sie es, sich bei der Jagd nach menschlichen Opfern auf ihre Hinterlist zu verlassen, statt auf ihre Stärke.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihre gängigste Methode hierfür ist, dass sie sich als erschöpfte Frau ausgeben, die ein vermeintliches Baby in den Händen hält. Dabei verstecken sie entweder ihren Schlangenunterleib im Wasser oder stehen in verwandelter Form als Frau am Ufer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn ein Wanderer, Fischer oder anderer Mann auf sie aufmerksam wird, bitten sie ihn darum, kurz ihr Baby zu nehmen, damit sie sich einen Moment ausruhen könne. In den meisten Geschichten gehen die Männer (selten sind es auch Frauen) darauf ein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das „Baby“, das die Nure-onna dem ahnungslosen Menschen gibt, ist jedoch in Wirklichkeit ein in Stoff gewickelter magischer Stein. Sobald der Stein den Besitzer wechselt, wird er augenblicklich schwerer und schwerer, sodass der Mensch es meist nicht mehr schafft, ihn rechtzeitig abzulegen. Manchmal heißt es auch, dass die Menschen wie gelähmt sind, während sie den immer schwerer werdenden Stein halten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist der Moment, in dem die Nure-onna zuschlägt: Sie wickelt ihren Schlangenkörper um ihr hilfloses Opfer und hält es mit eisernem Griff fest oder zerquetscht es mit unglaublicher Kraft. Gleichzeitig nutzt sie ihre Fangzähne oder die gespaltene Zunge, um dem Menschen das Blut aus dem Körper zu saugen, bis er stirbt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie nutzen aber auch andere Methoden, um vorbeigehende Menschen zu täuschen. Manchmal tun sie so, als würden sie ertrinken und schreien um Hilfe. Wenn jemand ins Wasser springt, um sie zu retten, greifen sie an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem kann es vorkommen, dass die Nure-onna nicht allein jagen. So soll es schon vorgekommen sein, dass sie mit einem Ushi-oni oder einer Iso-onna zusammengearbeitet haben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Nure-onna leben hauptsächlich in Seen, Flüssen und dem Meer in Japan. Daher werden sie fast immer im Wasser oder am Ufer bzw. dem Strand gesichtet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die meisten von ihnen sollen auf der Insel Kyūshū vorkommen, sie sind aber auch in anderen Teil Japans verbreitet.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die ältesten bekannten Zeichnungen der Nure-onna stammen aus der Edo-Zeit (1603 bis 1868). Damals wurde sie noch hauptsächlich als Schlange mit Frauenkopf, selten auch mit klauenähnlichen Händen, dargestellt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Inzwischen sind sie zu einem weit verbreiteten und beliebten Yōkai geworden, der hauptsächlich als halb Frau, halb Schlange dargestellt wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Entsprungen ist die Legende wahrscheinlich der Legende der Ubume, die aus dem 12. Jahrhundert stammt. Die Ubume sind Yōkai, die genau wie die Nure-onna ein in Stoff gewickeltes Bündel auf dem Arm tragen sollen und vorbeikommende Menschen darum bitten, ihr „Baby“ kurz zu nehmen. Wenn sie das Bündel annehmen, wird es daraufhin so schwer, dass die Menschen sich nicht mehr bewegen konnten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei den Ubume gibt es jedoch keinen Bezug zu Schlangen. Daher ist es denkbar, dass noch weitere Legenden einen Einfluss auf die Nure-onna-Legenden hatten oder sich diese Merkmale extra für sie ausgedacht wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von den Nure-onna? Würdet ihr das Baby einer erschöpft aussehenden fremden Frau nehmen, wenn sie euch darum bittet, es kurz zu halten? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>



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