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	<title>Schule Archive - Geister und Legenden</title>
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	<description>In diesem Blog schreibe und veröffentliche ich jeden zweiten Montag eine neue Legende und Geschichte über Geister oder andere übernatürliche Dinge. Viel Spaß beim Gruseln!</description>
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	<title>Schule Archive - Geister und Legenden</title>
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		<title>Selkies – Sie wollen zurück ins Meer</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 22 Sep 2025 13:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Ich betrachtete die Narben, die zwischen meinen Fingern hervorblitzten. Laut meinen Eltern stammen sie von einem Gendefekt. Ich hätte eine Mutation gehabt, die meine Hände entstellt habe. Aber für mich sah das anders aus. Die Narben waren zu gleichmäßig. Sie waren an der Innenseite all meiner Finger und sogar meiner Zehen. Es sah eher danach aus, als hätte ich bei meiner Geburt Schwimmhäute gehabt, die mir wegoperiert wurden …</p>
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<p class="wp-block-paragraph">Selkies sind zur Abwechslung mal <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer">Wesen</a>, die überhaupt nicht gruselig sind. Trotzdem finde ich diese schottischen Meereswesen unglaublich faszinierend. Ich hoffe, sie gefallen euch ebenfalls!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Lesen!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen (Achtung Spoiler!) </strong></summary>
<p>&#8211; Mobbing<br>
&#8211; Trauer</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Tag begann wie jeder andere. Nichts deutete darauf hin, dass ich an diesem Tag einen Menschen verlieren sollte, der mir so unglaublich viel bedeutete …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich saß in meiner Klasse. Unsere Englischlehrerin war noch nicht da, weshalb die anderen Schüler um mich herum noch schrien, lachten und rumalberten. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie zwei Schülerinnen eine Federtasche hin und herwarfen. Wem sie gehörte, wusste ich nicht. Aber das war mir eigentlich auch egal.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Stattdessen starrte ich auf meine Hände. Ich betrachtete die Narben, die zwischen meinen Fingern hervorblitzten. Laut meinen Eltern stammen sie von einem Gendefekt. Ich hätte eine Mutation gehabt, die meine Hände entstellt habe. Aber für mich sah das anders aus. Die Narben waren zu gleichmäßig. Sie waren an der Innenseite all meiner Finger und sogar meiner Zehen. Es sah eher danach aus, als hätte ich bei meiner Geburt Schwimmhäute gehabt, die mir wegoperiert wurden …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und das war nicht das Einzige, das mich mit dem Ozean verband. Ich war der Sohn eines Fischers. Seit mein Dad klein war, hatte er meinen Opa auf seinem Fischerboot begleitet, bis er irgendwann in seine Fußstapfen getreten war und den alten Kutter von ihm übernommen hatte. Er hatte schon immer eine enge Beziehung zum Meer gehabt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war jedoch nichts im Vergleich zu meiner Mum. Sie fuhr nicht mit Dad auf seinem Boot raus. Sie badete sogar nur selten im Ozean. Aber ihr müsstet sie mal sehen, wenn sie draußen auf der Veranda steht und aufs Meer hinausblickt. Die Sehnsucht in ihren Augen, die Überwindung, die es sie kostet, um ihre Augen von dem tiefen Blau abzuwenden. Es war, als wäre sie von der See besessen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber es gab eine Erklärung dafür. Für ihr Verhalten und sogar für meine Schwimmhäute. Es war ein Verdacht, den ich noch nie laut ausgesprochen hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hey, Fischfresse!“, riss mich eine Stimme aus meinen Gedanken. „Sitzt du ganz allein hier? Hat dein einziger Freund jetzt auch endlich erkannt, was du für ein Versager bist?“ Im nächsten Moment traf mich ein unsanfter Schlag am Hinterkopf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich starrte dabei weiter angespannt auf meine Hände und versuchte, Angus zu ignorieren. Er war der größte Bully aus unserer Klasse. Und das meine ich wörtlich. Er überragte die meisten anderen Schüler, mich eingeschlossen, um mindestens einen Kopf. Und zu meinem Pech hatte er mich auf dem Kieker, seit ich angeblich seine Beziehung ruiniert hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es hatte damit angefangen, dass wir in die weiterführende Schule gekommen waren. Damals war Angus mit Ellie zusammen gewesen, einem Mädchen aus unserer Klasse. In den ersten Wochen wurde mir jedoch klar, dass Ellie heimlich ein Auge auf mich geworfen hatte. Eins hatte zum anderen geführt, bis Angus schließlich voller Eifersucht mit ihr Schluss gemacht hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dabei war das nicht meine Schuld gewesen. Oder zumindest nicht meine Absicht. Ich hatte keinerlei Annäherungsversuche gegenüber Ellie unternommen, ihr sogar gesagt, dass ich kein Interesse an ihr hatte. Aber es hatte nichts gebracht. Und so folgten bisher drei Jahre voller Terror, in denen ich nichts anderes tun konnte, als Angus‘ Schikanen auszusitzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hey! Callum! Hat dir deine Mommy nicht beigebracht, dass du antworten sollst, wenn jemand mit dir spricht?“, fuhr Angus mich an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich konnte ein Zusammenzucken nicht unterdrücken. Er stand noch immer hinter mir. Der erwartete Schlag, der erneute Schmerz an meinem Hinterkopf blieb jedoch aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wenn du dich mit jemandem anlegen willst“, hörte ich eine andere Stimme, „such dir jemanden in deiner Größe.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erleichtert atmete ich auf. Da stand Liam und hielt Angus‘ zum Schlag ausgeholte Hand fest. Er zwinkerte mir zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment befreite Angus seine Hand mit einem Ruck. Er funkelte mich an. „Nächstes Mal, Fischfresse“, sagte er nur, ehe er weiter zu seinem Platz ging.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Liam kam einen Schritt näher. Er legte seine Hand auf meine Schulter. „Mach dir nichts draus, Callum. Angus ist ein Arsch.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich widerstand dem Drang, nach seiner Hand zu greifen. Nicht hier. Die anderen durften nichts von uns wissen. Stattdessen lächelte ich ihn schief an „Danke. Aber das wusste ich schon vorher.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment zog er seinen Stuhl zurück und setzte sich neben mich. „Wie sieht es eigentlich mit unseren Wochenendplänen aus? Steht das Zelten noch?“, fragte er neugierig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Fast sofort spürte ich, wie mein Lächeln wärmer wurde. „Meine Eltern sind einverstanden“, erklärte ich. „Ich muss nur unser altes Zelt wiederfinden. Aber das bekomm ich schon hin.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein ganzes Wochenende. Nur Liam und ich. Zwei Tage, an denen wir nicht aufpassen mussten, ob uns jemand sieht, wenn wir Händchen hielten. Wir mussten uns keine Gedanken machen, wenn wir abends zusammen im Gras lagen und den Sternenhimmel beobachteten. Uns nicht vorher umsehen, wenn wir einander einen flüchtigen Kuss geben wollten.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der restliche Schultag verlief ruhig. Zwar sah ich einige Male, wie Angus mir verächtliche Blicke zuwarf, aber da Liam mir nicht mehr von der Seite wich, ließ er mich in Ruhe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als die Glocke schließlich das Ende der letzten Stunde ankündigte, beeilte ich mich, meine Sachen zu packen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wir sehen uns morgen“, sagte ich zu Liam.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Schreib mir, wenn was dazwischenkommt oder du das Zelt nicht findest“, erwiderte er. „Ansonsten hol ich dich um Punkt 10 ab.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich grinste. „Ich schreib dir auch, wenn mir nichts dazwischenkommt“, erklärte ich. Danach berührte ich ihn sanft an der Schulter – die intimste Berührung, die ich mir in der Schule erlaubte –, ehe ich zum Bus rennen musste.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach einer ruhigen Busfahrt, bei der ich hauptsächlich Musik gehört hatte, und etwa drei Minuten Fußweg näherte ich mich unserem Haus. Es stand in Küstennähe und ich konnte von der Straße aus bereits das Rauschen der Wellen hören. Ein schwacher Geruch nach Meerwasser stieg mir in die Nase und ich spürte, wie mich ein wohliger Schauer überkam. Ich liebte den Strand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz darauf sah ich, dass auch Mum wieder auf der Veranda stand und auf das Meer hinaus starrte. Sie tat das häufig. Eigentlich fast täglich, wenn das Wetter gut war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hey Mum“, begrüßte ich sie. „Bin wieder da.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber Mum reagierte nicht. Es wirkte nicht so, als hätte sie mich bemerkt, obwohl ich laut genug gesprochen hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Genau das meinte ich. Es war, als wäre sie in ihrer eigenen kleinen Welt gefangen. In diesen Momenten gab es nur sie und das Meer. Natürlich könnte das eine Form von Autismus sein oder irgendetwas Ähnliches, aber ich hatte etwas anderes im Verdacht. Etwas anderes, das noch so viel mehr erklären würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hier in Schottland gibt es alte Legenden von den sogenannten Selkies – Schottisch für „Robben“. Und genau das waren sie auch. Bei den Selkies soll es sich um große Robben handeln, die manchmal ihr Fell abstreifen, um als Menschen an Land zu wandeln. Wenn sie nun ihr Fell verloren oder es gestohlen wurde, waren sie dazu verdammt, auf ewig Menschen zu bleiben. Es heißt aber, dass sie die tiefe Sehnsucht nach der See, ihrem wahren Zuhause, nie verlieren sollen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und ja, ich weiß, wie das klingt. Mit 15 sollte man nicht mehr an solche Märchen glauben. Am Anfang war es auch bloß eine alberne Idee gewesen, die ich selbst für bescheuert gehalten hatte. Je mehr ich über die Selkies gelesen hatte, desto mehr erinnerten mich die Erzählungen jedoch an Mum. Als ich dann auch noch erfuhr, dass die Kinder von Selkies oft Schwimmhäute zwischen Fingern und Zehen haben … Seit jenem Tag betrachte ich meine Theorie jedenfalls als reelle Möglichkeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich ertappte mich dabei, wie ich wieder meine Narben musterte. Also ließ ich die Hände wieder sinken. Mum hatte mich noch immer nicht bemerkt und ich wollte sie nicht aus ihren Gedanken reißen, also ging ich weiter ins Haus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich bin wieder da!“, rief ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz darauf steckte Dad seinen Kopf aus dem Wohnzimmer. „Hi Callum“, grüßte er durch seinen vollen Bart. „Wie war die Schule?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„So wie immer“, antwortete ich vage.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Und Liam?“, fragte er weiter. „Wie geht es ihm? Freust du dich schon auf morgen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei dem Gedanken an meinen Freund musste ich sofort lächeln. „Ihm gehts gut. Und ja. Das tu ich. Apropos … Weißt du zufällig, wo unser Zelt ist? In der Garage konnte ich es gestern nicht finden.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dad überlegte einen Moment. „Puh. Es ist schon ewig her, dass wir das benutzt haben. Vielleicht liegt es auf dem Dachboden? Ich kann aber nicht versprechen, dass es nicht inzwischen völlig von Motten zerfressen ist.“ Er lächelte verspielt und zwinkerte mir zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Gesichtsausdruck musste daraufhin so entsetzt gewesen sein, dass Dad lachen musste. Er kam zu mir und wuschelte mir durch die Haare. „Keine Sorge. Wenn das Zelt wirklich kaputt ist, fahre ich persönlich morgen früh in die Stadt und hol dir ein neues. Oder wenn du es nicht finden kannst. Ihr könnt euren kleinen Abenteuerurlaub auf jeden Fall machen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt strahlte ich. „Danke Dad“, sagte ich und gab ihm eine flüchtige Umarmung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„In zwei Stunden gibt es Essen!“, rief er mir nach, während ich auf den Dachboden rannte.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf dem Dachboden roch es nach Staub. Nein, es roch nicht nur danach. Im schwachen Licht, das durch ein einzelnes Fenster fiel, sah ich die Staubpartikel durch die Luft tanzen. Und auch die Möbel, Kisten und anderen Dinge hier oben waren alle von einer dicken Staubschicht bedeckt. Ich war ewig nicht hier oben gewesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Neugierig sah ich mich um. Mein Blick fiel auf einen in sich zusammengesackten Fußball, auf dem das ausgeblichene Gesicht einer Cartoonkatze war. Auch er war von Staub bedeckt. Trotzdem weckte er bei mir sofort Erinnerungen. Meine Eltern hatten ihn mir geschenkt, als ich noch nicht einmal in der Schule war. Wie viele Nachmittage wir ihn hin und her gekickt hatten. Mein Dad hatte extra schlecht gespielt, damit ich überhaupt ein Tor schießen konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder merkte ich, dass ich lächelte, während ich meinen Blick weiterwandern ließ. Hier oben waren so viel Dinge – mir bekannte und unbekannte. Einige mussten von meinen Großeltern stammen. Alte schwarz-weiß Fotos auf einem uralt aussehenden Tisch. Andere von Dad oder von mir. Nur von Mum schien hier nicht wirklich etwas zu liegen. Auch ihre Eltern oder andere Familienmitglieder hatte ich nie kennengelernt. Es gab nicht einmal Fotos von ihnen. Wieder musste ich an meine Selkie-Theorie denken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schüttelte den Kopf. Deswegen war ich nicht hier. Wenn ich vor dem Essen noch irgendetwas erreichen wollte, musste ich mich an die Arbeit machen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem ich grob alles überflogen hatte, ohne dabei etwas zu finden, dass nach einem Zelt aussah, nahm ich mir die Kisten vor. In vielen von ihnen war Ramsch – altes Geschirr, Zeitschriften, aussortierte Wäsche. Ich ignorierte sie. Bei anderen hingegen fiel es mir weniger leicht, sie beiseitezuschieben. In ihnen lagen hauptsächlich alte Dinge von mir. An einer Kiste mit alten Spielsachen und Kuscheltieren verschwendete ich bestimmt eine Viertelstunde, obwohl von vornerein klar war, dass das Zelt nicht darin liegen würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch fand ich Dads alte Angelausrüstung. Sie lag auf einer unbeschrifteten Kiste. Auch hier schwelgte ich in Erinnerungen. Es war Jahre her, dass Dad und ich angeln waren. Warum auch? Fische fangen war immerhin sein Beruf. Da wollte er in seiner Freizeit sicherlich etwas anderes machen. Ich erinnerte mich an ein Lagerfeuer, über dem wir einen viel zu kleinen Fisch gebraten hatten – den einzigen Fisch, den ich an jenem Tag selbst gefangen hatte. Dad hatte mir geholfen, die Gräten zu entfernen, damit ich ihn essen konnte, ehe wir … zurück ins Zelt gegangen waren! Der Angelausflug war ein Campingtrip gewesen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hastig räumte ich die Angelausrüstung beiseite, um an die Kiste zu kommen. Vielleicht war ich dabei etwas unvorsichtig – die Ausrüstung fiel mir mit lautem Gepolter aus der Hand –, aber das war mir gerade egal. Sobald die Kiste frei war, klappte ich die obere Pappe beiseite. Darin lag … etwas Graues, Flauschiges. Unsicher griff ich danach. Es war eine Art dichter, weicher Stoff. Ich holte es aus der Kiste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz darauf lag die Robbenhaut ausgebreitet vor mir auf dem Boden. Sie war grau, mit dunklen Flecken und einem auffälligen hellen Muster in der Mitte – etwa dort, wo der Rücken der Robbe gewesen sein musste. Außerdem war es ungewöhnlich groß.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Selkies können ihr Robbenfell abstreifen, um als Menschen an Land zu wandeln“, murmelte ich. Konnte es sein? War das Mums Fell?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Gedanken kreisten. Sie wirbelten umher und überschlugen sich. Nehmen wir an, dass Mum tatsächlich eine Selkie ist. Warum lag ihr Fell dann auf dem Dachboden? Soweit ich mich erinnerte, hieß es, dass Selkies immer nach kurzer Zeit ins Wasser zurückgekehrt sind. Außer sie haben ihr Fell verloren. Oder es wurde gestohlen. Aber warum lag es dann hier oben. Dad würde doch nie …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurzerhand packte ich das schwere Fell und ging damit zurück ins Wohnzimmer. Meine Schritte stapften laut über die Holztreppe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Dad? Dad, was ist das?“, stellte ich ihn zur Rede.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst sah er neugierig auf. Dann weiteten sich jedoch seine Augen und er sah flüchtig zum Fenster. „Pack das weg“, flüsterte er leise. „Mum darf es nicht sehen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also war es wahr? „Warum nicht?“, hakte ich nach.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Es ist … Es ist ein Geschenk“, sagte er. Ich erkannte die Lüge sofort. Dad war noch nie ein guter Lügner gewesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ist Mum eine Selkie?“, fragte ich also direkt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Daraufhin klappte Dads Mund auf. Es kam aber kein Ton heraus. Er schloss und öffnete ihn wieder. Er sah aus wie ein Fisch, den man an Land geholt hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das reichte mir als Antwort. Also rannte ich weiter Richtung Haustür. Wenn das Mums Fell war, musste sie wissen, dass es im Haus lag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Callum! Warte!“, rief Dad, während er mir nachstürzt. Aber er war zu langsam. Ich war bereits nach draußen auf die Veranda getreten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dort stand Mum. Sie wandte die Augen vom Ozean ab – wahrscheinlich um zu sehen, was der Tumult sollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als sie mich sah, erstarrte sie. Oder besser gesagt als sie das Fell in meinen Händen sah. Ihre weit aufgerissenen Augen waren starr darauf gerichtet. Ungläubig tat sie einen Schritt auf mich zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich kenne dein Geheimnis, Mum“, sagte ich leise, während ich das Robbenfell hochhielt. Ich spürte, wie sich ein Kloß in meinem Hals bildete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt hatte auch Dad die Tür erreicht. „Selene, ich … Ich kann es erklären!“, sagte er schnell.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch Mum beachtete ihn gar nicht. Sie trat weiter auf mich zu, streckte die Hand nach dem Fell aus, zögerte dann jedoch. Ihre Hand griff stattdessen nach meiner Wange. Ihre dunklen Augen sahen tief in meine. „Und ich kenne dein Geheimnis“, sagte sie ruhig. „Dad und ich sehen doch, wie Liam und du einander anseht. Wir wissen es. Und wir freuen uns für euch.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt lächelte sie. Ich stand bloß da, spürte, wie mir heiß und kalt gleichzeitig wurde. „Ich … Wir …“, stammelte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mum streichelte meine Wange. „Es ist in Ordnung“, sagte sie sanft. Jetzt sah sie auch zu Dad. Auch ihn lächelte sie an. „Ich liebe euch.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann griff sie nach dem Fell, warf es sich über die Schultern und rannte den kleinen Abhang zum Strand hinunter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dad stürzte ihr sofort nach. „Selene! Selene!“, brüllte er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich blieb auf der Veranda stehen, sah dabei zu, wie Mum in die Wellen rannte und elegant wie eine Robbe darin verschwand. Nein. Nicht <em>wie</em> eine Robbe. <em>Als</em> Robbe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dad versuchte noch eine Weile, sie einzuholen, ehe er aufgab und völlig durchnässt aus dem Wasser stapfte. Er sackte am Strand in sich zusammen und weinte. Auch ich weinte jetzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war das letzte Mal, dass ich Mum gesehen habe. Zumindest in ihrer menschlichen Gestalt. Aber oft, wenn ich mit Liam am Strand bin, oder mit Dad auf seinem Kutter, kann ich unweit im Wasser eine Robbe entdecken. Eine Robbe mit einem auffällig hellen Muster auf ihrem Rücken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn ihr mich fragt, ob ich bereue, Mum ihr Fell wiedergegeben zu haben, so kann ich nur sagen, dass es das Richtige war. Klar, ich vermisse sie, aber sie ist ein Wesen des Meeres. Niemand sollte sie an Land gefangen halten. Auch nicht aus Liebe. Und ich denke, das hat auch Dad inzwischen eingesehen.</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Selkies (Schottisch für „Robben“), auch Silkies, Sylkies oder Selchies geschrieben, sind Wesen der keltischen Mythologie. Es handelt sich bei ihnen um Robben, die ihre Haut ablegen und sich so in Menschen verwandeln können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Oft werden sie als keltische Version der Meerjungfrauen-Legende bezeichnet.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In den meisten Geschichten sind sie weiblich, es gibt aber auch <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden">Legenden</a> über männliche Selkies.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie bereits erwähnt sind sie Gestaltwandler. In ihrer Robbenform sehen sie wie normale Robben aus. Es handelt sich dabei aber normalerweise um größere Arten als z. B. die in Deutschland heimische Kegelrobbe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Menschengestalt hingegen werden sie als besonders schön und anmutig beschrieben. Man sagt, dass sich Menschen aufgrund ihres Aussehens sehr schnell in Selkies verlieben können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Oft heißt es auch, dass sie dunkle Haare und/oder dunkle Augen hätten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die meiste Zeit sollen die Selkies in ihrer Robbengestalt im Meer verbringen. Es kommt jedoch vor, dass sie ihre Robbenhaut ablegen und sich so in einen Menschen verwandeln. In diesem Zustand müssen sie jedoch gut auf ihre Robbenhaut achtgeben. Wenn sie sie verlieren oder sie gestohlen wird, können sie sich nicht mehr in eine Robbe zurückverwandeln, bis sie ihre Haut wiederhaben. In diesem Zustand sollen sie sich intensiv nach dem Meer sehnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie oft bzw. wann sie ihr Robbenfell ablegen können, um sich zu verwandeln, kann je nach Version variieren. So heißt es manchmal, sie können sich nach Belieben verwandeln, andere Male heißt es hingegen, es ginge nur jede siebte oder neunte Nacht, nur bei Vollmond, nur einmal im Jahr (z. B. zur Sommersonnenwende) oder gar nur alle sieben Jahre.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den meisten Geschichten, die von weiblichen Selkies handeln, stiehlt ein Mann das Fell der Selkie, um sie dazu zu zwingen, an Land zu bleiben. Entweder wird die Selkie dadurch an den Mann gebunden oder sie weiß nicht, dass er das Fell besitzt. So oder so gehen die beiden daraufhin oft eine Beziehung ein. In den meisten Fällen heiraten sie und bekommen sogar Kinder. Irgendwann findet die Selkie das Robbenfell, woraufhin sie es überstreift und als Robbe ins Meer zurückkehrt. Im Normalfall kommt sie nie wieder zu ihrem Mann zurück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Kinder von Selkies haben oft Schwimmhäute zwischen den Fingern und Zehen. Auch sollen sie häufig weitere Eigenschaften wie z. B. die Schönheit oder eine Sehnsucht nach dem Meer von ihrem Selkie-Elternteil erben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einigen eher seltenen Legenden habe ich auch davon gelesen, dass Selkies das Wetter kontrollieren und somit Stürme heraufbeschwören können.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Männliche Selkies:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Die Eigenschaften der männlichen Selkies sind an sich identisch mit denen der weiblichen, jedoch unterscheiden sich ihre Legenden häufig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So sind männliche Selkies eher dafür bekannt, einsame oder unglücklich verheiratete Frauen zu verführen. Es heißt z. B., dass ein Selkie auftauchen soll, wenn eine Frau sieben Tränen ins Meer weint. In den Legenden verbringen die beiden daraufhin oft die Nacht zusammen, ehe der Selkie ins Meer zurückkehrt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Hauptsächlich stammen die Legenden über Selkies aus Schottland, besonders von den Orkney- und Shetlandinseln. Aber auch in anderen Küstenregionen Schottlands und an den Küsten Irlands sollen Selkies den Legenden nach anzutreffen sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt sogar einige Selkie-Legenden, die es bis nach Island und auf die Färöer geschafft haben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die ältesten Erwähnungen von Selkies, die ich finden konnte, stammen aus dem 13. Jahrhundert. Abgesehen davon, dass die Legenden aus Schottland stammen, ist über den Ursprung der Selkies jedoch nicht viel bekannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt aber einige Theorien dazu:</p>



<p class="wp-block-paragraph">So vermuten manche Folkloristen, dass es ein Erklärungsversuch für einige Krankheiten gewesen sein könnte, die zu gewissen Verformungen des Körpers von Kindern geführt haben. Als Beispiel wird hierbei Syndaktylie genannt, eine Krankheit, die in einigen Fällen für schwimmhautähnliche Verformungen zwischen zwei Fingern führen kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch besteht die Möglichkeit, dass sie metaphorisch gemeint sein und Frauen beschrieben haben könnte, die sich nicht in die damalige Gesellschaft eingefügt haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am interessantesten finde ich hingegen eine Theorie, die erst im 19. oder 20. Jahrhundert entstanden ist. Darin wird die Vermutung aufgestellt, dass in früherer Zeit, als die Schotten bereits Kontakt zu den Finnen und/oder Samen gehabt hatten, sie einige der Skandinavier in ihren aus Tierhäuten bestehenden Booten gesehen haben könnten. Besagte Boote schwammen nur so lange gut, wie die Tierhäute noch nicht völlig durchnässt waren. Sie mussten also gelegentlich an Land gehen, um ihre Boote und wahrscheinlich auch ihre (häufig aus Robbenpelz) bestehende Kleidung zu trocknen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn ein Finne oder Same also an Land gegangen ist, wo er sein Robbenfell abgelegt hat, hätte es durchaus so aussehen können, als habe er sich gerade von einer Robbe in einen Menschen verwandelt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Selkies in der Popkultur:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Aufgrund ihrer internationalen Bekanntheit gibt es zahlreiche Auftritte von Selkies in der modernen Popkultur.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In dem irischen Fantasy-Abenteuerfilm „Das Geheimnis des kleinen Seehundes“ (1994), der auf dem Roman „Secret of the Ron Mor Skerry“ (Englisch für „Das Geheimnis von Ron Mor Skerry“, 1957) von Rosalie K. Fry basiert, spielen Selkies eine zentrale Rolle.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weitere bekannte Selkie-Filme sind u. a. der irische Animationsfilm „Die Melodie des Meeres“ (2014), der australische Kinder-Abenteuerfilm „Selkie &#8211; Der Seehundmensch“ (2000) oder der irische Dramafilm „Ondine – Das Mädchen aus dem Meer“ (2009).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch gibt es diverse Bücher über Selkies, so z. B. der Fantasyroman „Sealskin“ („Robbenhaut“, 2016) von Su Bristow oder der Young Adult Roman „A Stranger Came Ashore“ („Ein Fremder kam an Land“, 1975) von Mollie Hunter.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von den Selkies? Hat euch die Geschichte gefallen? Und was würdet ihr tun, wenn ihr die Robbenhaut einer Selkie am Strand findet? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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		<title>Madam Koi Koi – Bleib nachts auf deinem Zimmer!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 16 Sep 2024 13:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Also standen Nneka und ich wie versteinert da, während wir den unheimlichen Schritten lauschten. Waren das die anderen Schülerinnen, die uns einen Streich spielen wollten? Dass es sich dabei tatsächlich um die legendäre Madam Koi Koi handeln könnte, dachte keine von uns beiden …</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg09.met.vgwort.de/na/9595c358e1204ff593605fc5a190c7df" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Madam Koi Koi ist die zweite afrikanische Legende, die ich auf meinem Blog behandle. Sie handelt von dem rachsüchtigen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister">Geist</a> einer nigerianischen Lehrerin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem möchte ich mich an dieser Stelle noch einmal herzlich bei dem neusten Mitglied auf meinem Patreon bedanken. <strong>Vielen Dank für deine Unterstützung Rea!</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen (Achtung Spoiler!) </strong></summary>
<p>&#8211; Blut<br>
&#8211; Gewalt gegen Kinder<br>
&#8211; Tod<br>
&#8211; Tod eines Kindes</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Leises Gekicher kam aus einem der Gänge. Ich stand mit meiner Taschenlampe bewaffnet da und leuchtete in die Richtung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Kommt raus!“, rief ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Das ist Frau Uchenna!“, flüsterte eine erschrockene Mädchenstimme.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Abeke, bist du das?“, rief ich. Ich hatte sie schon häufiger nachts auf den Internatsfluren erwischt. „Ich meine es ernst. Kommt raus! Wenn ihr jetzt auf eure Zimmer zurückgeht, werde ich euch nicht verpfeifen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Niemand rührte sich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit schnellen Schritten näherte ich mich dem Gang. Zum Glück führte er in eine Sackgasse, sodass die Kinder nicht vor mir weglaufen konnten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich die Taschenlampe hob, um sie anzuleuchten, drängten sie sich eng aneinander. Sie sahen mit großen Augen zu mir auf, hatten die Köpfe leicht eingezogen. Zwei von ihnen hielten einander sogar an den Händen. Hatten sie solche Angst vor mir?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich seufzte innerlich, zwang mich aber, mein strenges Gesicht beizubehalten. „Ihr wisst genau, dass es nachts auf den Fluren nicht sicher ist“, sagte ich laut. „Wollt ihr, dass Madam Koi Koi euch erwischt? Wollt ihr sterben?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Schülerinnen machten sich noch kleiner, als sie ohnehin schon waren. Einige von ihnen, darunter auch Abeke, schüttelten den Kopf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Worauf wartet ihr dann noch?“ Jetzt schrie ich die Kinder an. „Macht, dass ihr zurück in eure Betten kommt!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das wirkte. Die Mädchen rannten los. Einige quietschten ängstlich, während sie sich an mir vorbei drängten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sah ihnen nach, zufrieden nickend, während ich ihre Zimmertüren in der Ferne knallen hören konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment gefror meine Miene jedoch. Ich starrte traurig in die Dunkelheit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vielleicht denkt ihr jetzt, dass ich die Kinder hasse. Die Internatslehrer und die Schülerinnen dachten das auf jeden Fall. Ich weiß, dass sie hinter meinem Rücken tuschelten und mich die verrückte Hausmeisterin nannten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Wirklichkeit war es jedoch genau andersherum. Ich hasste Kinder nicht, ich liebte sie. Wenn es eine Sache gab, die ich verhindern wollte, dann, dass ihnen etwas zustieß. Ich wollte sie beschützen, wie es mir damals mit Nneka nicht gelungen war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für diejenigen unter euch, die Madam Koi Koi noch nicht kennen: Sie ist eine der bekanntesten urbanen Legenden hier in Nigeria. Es gibt kaum eine Schülerin oder einen Schüler, der sie nicht kennt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Legende nach war Madam Koi Koi einst eine gutaussehende, immer elegant gekleidete Lehrerin. Neben ihrer teuren Kleidung trug sie stets ihre roten High Heels und roten Lippenstift.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber so schön sie auch war, sie soll mindestens genauso grausam gewesen sein. Sie bestrafte ihre Schüler bei jeder Gelegenheit, schlug sie, wann immer ihr danach war, und nahm dafür manchmal sogar ein Holzlineal oder einen Stock.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem konnten ihre Schüler ihr nie etwas nachweisen. Denn immer, wenn eine andere Lehrkraft oder der Rektor anwesend waren, benahm sie sich wie eine wahre Vorzeigelehrerin. Niemand der Erwachsenen nahm es ernst, wenn die Schüler sich über ihre beliebte Kollegin beschwerten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zumindest, bis die Lehrerin eines Tages zu weit ging. Sie gab einer Schülerin eine heftige Ohrfeige, traf sie dabei so unvorteilhaft am Ohr, dass ihr Trommelfell riss. Nun endlich hatten die Schüler ihren Beweis. Der Rektor konnte sie nicht länger ignorieren. Gemeinsam mit den Eltern des verletzten Mädchens, schafften sie es, dass die Lehrerin ihren Job verlor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Schüler freuten sich. Sie fühlten sich befreit. Endlich gab es keine Schläge mehr während des Unterrichts. Was sie jedoch nicht ahnten, war, dass die Lehrerin auf dem Nachhauseweg einen tödlichen Unfall hatte. Sie war mit solch einer Wut losgefahren, dass sie eine rote Ampel übersehen hatte und von einem LKW erwischt wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während sie ihre letzten Atemzüge tat, schwor sie ihren Schülern Rache. Denn sie waren in ihren Augen nicht nur daran schuld, dass sie ihren Job verloren hatte, sondern jetzt auch noch ihr Leben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz darauf begannen ihre Schüler über Nacht einer nach dem anderen auf mysteriöse Weise zu verschwinden. Niemand wusste, was dort vor sich ging, bis die ersten von ihnen von klackenden Geräuschen erzählten, die sie nachts aus dem Flur hören konnten – dieselben klackenden Geräusche, die die roten High Heels ihrer Lehrerin gemacht hatten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und Madam Koi Koi, wie man den Geist der Lehrerin bald nannte, hatte mit ihrer Rache gerade erst begonnen. Selbst, als die Schule wegen der mysteriösen Vermisstenfälle geschlossen wurde, verfolgte sie die Schüler auf ihre neuen Schulen. Bald war auch dort niemand mehr sicher, der sich nachts auf den Fluren herumtrieb.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zumindest war das die Geschichte, die man sich auf meinem Internat erzählt hatte. Und ja, auch ich hatte als Schülerin Angst vor Madam Koi Koi gehabt, aber es war eher ein wohliges Gruseln gewesen als tatsächliche Furcht. Wir machten sogar Mutproben, um zu sehen, wer es nachts am längsten auf dem Flur aushalten würde. Wirklich geglaubt hatte ich die Geschichte nicht. Bis ich Madam Koi Koi vor nicht ganz 30 Jahren fast selbst zum Opfer gefallen wäre.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Damals hatten meine beste Freundin und Zimmernachbarin Nneka und ich allerlei Blödsinn im Kopf gehabt. Wir schlichen uns oft nachts raus, nach der Bettruhe, um uns mit den anderen Schülerinnen zu treffen oder zu beweisen, wie cool wir waren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich weiß noch, wie wir durch die Gänge schlichen. Unsere einzigen Lichter waren Nnekas schwache Taschenlampe und die Notausgangsschilder, während wir mit leisen Sohlen über den Betonboden schlichen. Ansonsten lag der Flur in völliger Dunkelheit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir waren gerade auf dem Weg zu einigen anderen Mädchen, mit denen wir Wahrheit oder Pflicht spielen wollten, als ich aus einem der Gänge ein Geräusch hörte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nneka? Warte mal. Ich glaube, ich hab da was gehört“, flüsterte ich. Ich fasste Nneka am Arm.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie blieb sofort stehen und schaltete die Taschenlampe aus. Wir hatten beide keine Lust, von einer Lehrkraft erwischt zu werden, also lauschten wir angespannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich erinnere mich genau, wie unbehaglich mir damals war. Während man am Tage im Internat immer etwas hören konnte, seien es die Stimmen von Schülerinnen, die entfernten Geräusche von Bewegungen oder auch nur das Surren der Leuchtstoffröhren, herrschte um uns herum jetzt vollkommene Stille. Es war richtig unheimlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann plötzlich hörte ich wieder etwas. Es waren langsame Schritte. <em>‚Klack, klack, klack‘</em>, hallten sie durch die Gänge. Es klang nach hochhackigen Schuhen. Nur hatten wir keine Lehrerin an der Schule, die solche Schuhe trug. Und selbst wenn, hätte sie das Licht eingeschaltet oder wenigstens eine Taschenlampe benutzt, während sie durch die Gänge zog.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also standen Nneka und ich wie versteinert da, während wir den unheimlichen Schritten lauschten. Waren das die anderen Schülerinnen, die uns einen Streich spielen wollten? Dass es sich dabei tatsächlich um die legendäre Madam Koi Koi handeln könnte, dachte keine von uns beiden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem hielt ich völlig still, während sich die Schritte langsam näherten. Ich versuchte, ruhig zu atmen, während ich mein Herz bis zum Hals schlagen spürte.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>‚Klack, klack, klack‘</em>, kamen die Schritte unaufhaltsam auf uns zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich weiß nicht, wieso sie es tat, aber als die Schritte fast bei uns waren, hob Nneka ihre Taschenlampe in die Richtung. Ich merkte es jedoch erst, als sie sie mit einem leisen Klicken einschaltete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Rot war das erste, was ich sah. Nicht nur das Rot ihrer Lippen und ihrer High Heels, sondern auch das Blut, das ihren zerfetzten Körper zierte. Ich kann nur raten, dass es sich dabei um die Wunden handelte, die Madam Koi Koi sich bei ihrem Unfall zugezogen hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel mehr erkannte ich von ihr jedoch nicht. Mit lautem Gekreische rannten Nneka und ich davon. Wir hetzten durch den Flur, zurück Richtung Zimmer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Leider war ich sportlicher als Nneka. Und ich verschwendete nicht einen Gedanken daran, auf sie zu warten. Sobald ich das Zimmer erreicht hatte, stieß ich die Tür auf und stürzte hinein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für einen kurzen Moment zögerte ich. Ich starrte zurück in den dunklen Flur, wartete darauf, dass Nneka mich einholte. Aber als ich hörte, wie nah die inzwischen rennenden Schritte von Madam Koi Koi waren, gingen meine Nerven mit mir durch. Panisch schlug ich die Tür zu. Der Flur lag jetzt wieder in völliger Dunkelheit, aber Nneka hatte ja ihre Taschenlampe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Chinwe! Chinwe!“, rief sie meinen Namen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich zögerte, rang mit mir. Ich überlegte, die Tür wieder zu öffnen, aber ich traute mich nicht. Stattdessen stand ich bloß reglos da und starrte auf den Türknauf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber der Türknauf drehte sich nicht, obwohl Nneka allmählich hier angekommen sein musste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann plötzlich gab es ein lautes Rums und die gesamte Tür erzitterte. Jetzt schrie Nneka wie am Spieß. Direkt hinter der Tür. Und auch die Schritte von Madam Koi Koi waren verstummt. Noch ein Rums. Wieder erzitterte die Tür. Und noch einmal. Nnekas Schreie wurden dumpfer, benommener.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die ganze Zeit stand ich nur wie erstarrt da, zu ängstlich, um mich zu bewegen, während der Kopf meiner besten Freundin wieder und wieder gegen die Tür geschlagen wurde. Nneka wurde nur wenige Zentimeter von mir entfernt ermordet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich denke nicht gerne an jenen Tag zurück, aber er hat mich gezeichnet. Wie oft hatte ich mir schon Vorwürfe gemacht. Vielleicht hätte Nneka überlebt, wenn ich unsere Zimmertür nicht zugeschlagen, sie das Zimmer sofort im dunklen Flur gefunden hätte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich war nicht einmal diejenige, die ihre Leiche gefunden hatte. So viel Angst hatte ich davor, die Tür zu öffnen. Und die Erwachsenen? Sie glaubten mir kein einziges Wort. Sie suchten nach einem menschlichen Täter, der Nneka das angetan haben könnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Natürlich fanden sie niemanden. Ich ging mehrere Jahre in Therapie, um den traumatischen Vorfall zu verarbeiten. Aber trotzdem weiß ich genau, was mir in jener Nacht zugestoßen war. Ich werde niemals die Wut vergessen, dass niemand, nicht einmal meine eigenen Eltern mir geglaubt hatten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also hatte ich entschieden, anders zu sein, wenn ich groß bin. Ich hatte bereits damals den Entschluss getroffen, dass ich andere Kinder vor Madam Koi Koi schützen wollte. Deswegen war ich Hausmeisterin an einem Internat geworden. Und so zog ich jetzt jede Nacht meine Runden durch die Flure, in der Hoffnung, dass ich auch nur eine einzige Schülerin vor einem grausamen Tod bewahren konnte.</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Madam Koi Koi, auch Lady Koi Koi oder Miss Koi Koi genannt, ist der bösartige Geist einer Lehrerin. Sie stammt aus einer <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">urbanen Legende</a> aus Nigeria.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihr Name Madam Koi Koi kommt von den Geräuschen, die ihre hochhackigen Schuhe auf den Schulfluren machen sollen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Zu Lebzeiten war Madam Koi Koi eine gutaussehende stets elegant gekleidete schwarze Frau. Ihr Markenzeichen waren ihre roten High Heels sowie ihr roter Lippenstift.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach ihrem Tod ist – zumindest den meisten Versionen der Legende zu Folge – von ihrer Schönheit jedoch nicht viel übriggeblieben. Durch die Umstände ihres Todes, auf die ich weiter unten näher eingehen werde, wurde Madam Koi Koi entstellt. Daher soll auch ihr Geist von Verletzungen übersät sein. Manchmal heißt es außerdem, dass sie nur noch einen ihrer roten High Heels trägt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In anderen Versionen ist ihr Geist unsichtbar, sodass man ihn nur an den Geräuschen der hochhackigen Schuhe erkennen kann.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Madam Koi Koi ist ein rachsüchtiger Geist, der es hauptsächlich auf Schülerinnen und Schüler abgesehen hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie soll nachts auf der Suche nach Opfern durch Internate, selten auch durch weiterführende Schulen streifen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sollte sie dort jemanden entdecken, der sich auf den Gängen oder Toiletten herumtreibt, statt sich im Bett zu befinden, greift sie ihn an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was genau sie mit ihren Opfern macht, kann sehr unterschiedlich sein. Manchmal schlägt sie sie nur oder verletzt sie leicht, andere Male tötet sie die Schüler oder sie verschwinden spurlos und werden nie wieder gesehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Man kann sich jedoch vor ihr schützen, indem man sich ins Bett legt (oder im Bett liegenbleibt) und die Augen geschlossen hält, bis ihre Schritte in der Ferne verhallt sind.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Madam Koi Koi soll hauptsächlich nachts in Internaten und weiterführenden Schulen gesichtet werden. Obwohl die Legende ursprünglich aus Nigeria stammt, hat sie sich – und somit auch die Sichtungen – auf andere afrikanische Länder ausgeweitet.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der genaue Ursprung der Legende von Madam Koi Koi ist nicht bekannt. Man weiß nur, dass sie etwa Mitte des 20. Jahrhunderts in Nigeria entstanden sein muss.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es heißt, dass damals eine boshafte Lehrerin in einer nigerianischen Schule oder einem nigerianischen Internat unterrichtet haben soll, die die Schüler für jede Kleinigkeit bestraft und geschlagen habt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem hat die Schule nie etwas gegen sie unternommen – entweder, weil sie der Lehrerin nichts nachweisen konnten oder weil sie die Aussagen der Schüler nicht ernstgenommen haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ab diesem Punkt gibt es unzählige Versionen, was passiert sein soll. Die zwei beliebtesten möchte ich euch hier erzählen, auch wenn die anderen Versionen (besonders aus anderen Ländern) auch hiervon stark abweichen können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der ersten soll die Lehrerin einer Schülerin eines Tages eine so heftige Ohrfeige gegeben haben, dass ihr Trommelfell gerissen ist. Daraufhin wurde die Lehrerin gefeuert. Kurz darauf – auf dem Weg nach Hause oder an einem der folgenden Tage – soll sie in einen schweren Unfall verwickelt worden sein, den sie nicht überlebt hat. Ehe sie jedoch starb, soll sie den Schülern Rache geschworen haben, die sie für ihre Kündigung und in einigen Versionen sogar für ihren Tod verantwortlich gemacht hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die zweite Version ist sehr viel düsterer. In dieser machte die Lehrerin nämlich nicht den Fehler, Beweise für ihre üblen Taten zu hinterlassen. Also entschieden die Schüler, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Sie lauerten ihr nach der Schule auf, um sie zusammenzuschlagen. Es ist nicht bekannt, ob es ein Versehen oder Absicht war, aber sie brachten die Lehrerin dabei um. Anschließend ließen sie ihre Leiche verschwinden oder es wie einen Unfall aussehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Seitdem soll der Geist der Lehrerin durch die Schulen und Internate Nigerias streifen und sich für ihren Tod an jeder Schülerin und jedem Schüler rächen, die sie nachts auf den Fluren antrifft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Version, laut der die Schüler sie umgebracht haben, hat sie ihre Mörder einen nach dem anderen umgebracht oder verschwinden lassen. Und selbst als der letzte von ihnen seine Tat gestand und berichtete, dass er nachts ihre Schritte auf dem Flur hören könne, konnte ihn das nicht retten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einen realen Fall, der zu der grausamen Lehrerin und ihrem Unfall oder Mord passt, habe ich jedoch nicht finden können.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Madam Koi Koi in der Popkultur:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Madam Koi Koi zählt zu einer der bekanntesten urbanen Legenden aus Nigeria. Daher dürfte es wenig überraschen, dass sie Einzug in die Popkultur gefunden hat. So gibt es gleich mehrere Filme über sie, wie z. B. den Film „Koi Koi: The Myth“ (englisch für „Koi Koi: Der Mythos“) von 2022 sowie den Netflix-Zweiteiler „The Origin: Madam Koi Koi“ („Der Ursprung: Madam Koi Koi“) von 2023.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Solltet ihr vorhaben, euch den Netflix-Zweiteiler anzusehen, möchte ich an dieser Stelle jedoch eine Warnung aussprechen: Darin spielen Vergewaltigungen eine zentrale Rolle. Die Szenen sind teilweise ziemlich heftig. Solltet ihr also bei dem Thema empfindlich sein, solltet ihr die Filme vielleicht lieber auslassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem ist Madem Koi Koi die Antagonistin in dem Kinderbuch „Feyi Fay and The Case of the Mysterious Madam Koi Koi“ („Feyi Fay und der Fall der mysteriösen Madam Koi Koi“) von Simisayo Brownstone aus dem Jahr 2018.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von Madam Koi Koi? Kanntet ihr die Legende bereits? Und würdet ihr gerne mehr afrikanische Legenden auf meinem Blog lesen? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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		<title>Candyman – sag nicht seinen Namen!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 23 Oct 2023 13:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Also gingen sie gemeinsam ins Badezimmer und stellten sich vor den Spiegel. Dort sprachen sie seinen Namen. Einmal. Zweimal. Dreimal. Viermal. Ehe sie fortfuhren, sahen sie einander bedeutungsvoll an. Sie wussten alle, dass es kein Zurück mehr gab, wenn sie seinen Namen noch ein letztes Mal sagten …</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg09.met.vgwort.de/na/72e69d8989df4d4f9cd67ca2996e3a1e" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Candyman ist ein <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Geist</a> einer <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">urbanen Legende</a>, den man angeblich durch ein einfaches <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/rituale" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Ritual</a> rufen kann. Warum ihr das auf keinen Fall tun solltet, erfahrt ihr in diesem Beitrag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem möchte ich noch kurz mitteilen, dass der nächste Beitrag nicht erst in zwei Wochen, sondern in Form des Halloween-Specials bereits nächste Woche kommt. Und ich verrate so viel: Dass ich für diesen Beitrag vier Charaktere aus meinem Roman (darunter die Hauptperson Luna) ausgewählt habe, war nicht ganz zufällig. ^^</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen</strong></summary>
<p>&#8211; Tod<br>
&#8211; angedeuteter Rassismus</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Es war die Nacht des 31. Oktobers: Halloween. Und obwohl ich mir seit meiner Kindheit nichts mehr aus diesem Datum gemacht hatte, saß ich dieses Jahr zusammen mit drei anderen Mädchen in einem Kreis auf dem Boden und lauschte ihren Gruselgeschichten. Und das, obwohl ich Horror bisher nie wirklich mochte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Angefangen hatte alles mit meinem Umzug vor wenigen Monaten. Ich wohnte jetzt in einer neuen Stadt, ging auf eine neue Schule, hatte neue Freunde. Wobei ich dazu sagen sollte, dass es keine „alten Freunde“ gab. Vor dem Umzug war ich eine Außenseiterin gewesen. Ich hatte mit Mobbing zu kämpfen gehabt, hasste die Zeit in der Schule und verbrachte meine Freizeit hauptsächlich allein mit meinem Zeichenblock und allerlei Büchern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach meinem Umzug hatte sich das zum Glück geändert. Natalie, Lisa und Jenny – drei Mädchen aus meiner Klasse – hatten mich aufgenommen, als hätte ich schon immer zu ihrer kleinen Gruppe dazugehört. Früher hätte mich nie jemand gefragt, ob ich mit ihm oder ihr auf eine Halloweenparty gehen möchte. Natalie hingegen hatte mir wie selbstverständlich mitgeteilt, dass wir dieses Halloween bei Lisa gemeinsam einen Horrorabend verbringen würden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und das taten wir auch. Nachdem wir uns gegen 20 Uhr getroffen hatten, hatten wir zuerst Kürbisse geschnitzt, aus ihren Innereien Kürbissuppe gekocht, sie gemütlich bei einem Horrorfilm – der mir überraschend gut gefiel – gegessen und uns schließlich in einen Kreis auf den Boden gesetzt, um um Punkt Mitternacht mit den Gruselgeschichten anzufangen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Natalie hatte ihre bereits erzählt. Sie handelte von einem Killer, der sich als gruselige Clownspuppe getarnt hatte und völlig reglos in einem Haus stand, während eine ahnungslose Babysitterin auf die Kinder aufgepasst hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hingegen wurde übersprungen. Da es mein erster Horrorabend war und ich keine Ahnung von Gruselgeschichten hatte, erlaubten die anderen mir, diesmal nur zuzuhören. Eine eigene Geschichte könne ich dann beim nächsten Horrorabend erzählen – und wie ich es verstanden hatte, machten sie diese Abende mehrere Male im Jahr.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Luna? Alles in Ordnung?“, riss Natalie mich aus meinem Gedanken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich erstarrte. Erst jetzt fiel mir auf, dass ich die ganze Zeit gedankenversunken die Kerzen angestarrt hatte, anstatt Jenny bei ihrer Geschichte zuzuhören. Jetzt hielt sie in ihrer Erzählung inne und sah mich besorgt an. „Wenn es dir zu gruselig wird, sagst du Bescheid, ja?“, fragte sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am liebsten hätte ich mich selbst geohrfeigt. Da hatte ich endlich Freunde gefunden, die mir wichtig waren – denen <em>ich</em> wichtig war – und ich schaffte es nicht einmal, ihnen ein paar Minuten zuzuhören. Und das bei einem der Horrorabende, die ihnen so wichtig waren. Das hatten sie mir in den letzten Wochen klar zu verstehen gegeben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also schwor ich mir, dass ich es diesen Abend nicht noch einmal verbocken würde, und lächelte sie an. „Danke. Es geht schon“, sagte ich. „Ich bin selbst überrascht, wie sehr mir der Film und die Geschichten gefallen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das entlockte Natalie ein erleichtertes Grinsen. Und auch Jenny lächelte mir aufmunternd zu, ehe sie mit ihrer Geschichte fortfuhr.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anfangs hatte ich Schwierigkeiten, den Anschluss zu finden. Es war eine Geistergeschichte, soweit verstand ich es, aber wer die Hauptpersonen waren und was sie ausgerechnet nachts in ein verlassenes Haus verschlagen hatte, wurde mir aus dem Kontext nicht sofort klar. Trotzdem war sie spannend erzählt und ich merkte bald, wie ich mich mit den anderen gemeinsam wohlig gruselte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nach jener Nacht wurden die drei Jungen nie wieder gesehen“, beendete Jenny ihre Geschichte. „Aber wenn man nachts an dem Haus vorbeigeht, so heißt es, kann man noch immer ihre Schreie hören.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Stille legte sich über uns. Trotzdem sah ich aus dem Augenwinkel, wie Natalie schmunzelte. „Das ist das alte Petter-Haus, oder?“, fragte sie schließlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jenny grinste. „Vielleicht hab ich mich etwas von den Gerüchten inspirieren lassen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Moment. Das Haus gibt es wirklich?“, fragte ich überrascht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jenny nickte. „Es steht nur zehn Minuten von hier entfernt. Wenn ihr wollt, können wir später hingehen“, schlug sie vor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schluckte schwer. Zum ersten Mal diesen Abend fühlte ich mich etwas unwohl.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Viele Gruselgeschichten haben einen wahren Kern“, bestätigte Lisa. „Aber wenn man weiß, was daran echt ist und was nicht, nimmt das den Geschichten häufig den Zauber … oft, aber nicht immer. Das müssen auch die Protagonisten aus meiner Geschichte lernen.“ Lisa warf einen Blick in die Runde. Da niemand protestierte, begann sie zu erzählen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Jenny und Natalie erinnern sich bestimmt noch an den Film, den wir beim letzten Horrorabend gesehen haben: Candyman’s Fluch. Und genau davon handelt meine Geschichte – von Candyman. Aber keine Sorge, Luna, du musst den Film nicht kennen, um die Geschichte zu verstehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war an einem Halloweenabend wie heute, an dem die vier Protagonistinnen sich getroffen hatten, um zusammen Candyman’s Fluch zu sehen. Worum es in dem Film geht, ist nicht wichtig. Ich kann ihn zwar sehr empfehlen, wenn du heute auf den Geschmack gekommen sein solltest, aber das Wichtige ist gerade nur der berüchtigte Candyman. Er ist ein Wesen, der Geist eines schwarzen Mannes, der vor vielen Jahren brutal ermordet wurde, weil er den damals schweren Fehler beging, sich in eine weiße Frau zu verlieben. Man sägte ihm die Hand ab und hetzte einen Schwarm wütender Bienen auf ihn. Er musste völlig zerstochen gewesen sein, als die Insekten ihn tot zurückließen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Heute, so heißt es, wandelt sein Geist umher. Ganz dem Klischee entsprechend hat er jetzt einen rostigen Haken statt seiner abgesägten rechten Hand. Außerdem ist er immer von den Bienen umgeben, die jetzt in seinem Körper leben. Man sagt, dass er sie nach eigenem Willen kontrollieren kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie dem auch sei, genau wie in dem Film gibt es auch in der echten Welt ein Ritual, mit dem man den Candyman rufen kann. Man muss sich nur vor einen Spiegel stellen und fünfmal seinen Namen sagen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber keine Sorge, dabei kann überhaupt nichts passieren. Es ist bekannt, dass er nie wirklich existiert hat. Er und seine Hintergrundgeschichte sind reine Fiktion. Und das wussten auch die vier Schülerinnen Nina, Vanessa, Michelle und Luisa.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie versprachen sich an ihrem Halloweenabend einen schnellen Kick, einen Adrenalinschub, ohne wirklich in Gefahr zu sein. Es konnte schließlich nicht wirklich etwas passieren, wenn man den Candyman rief. Zumindest dachten sie das.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also gingen sie gemeinsam ins Badezimmer und stellten sich vor den Spiegel. Sie hielten einander an den Händen, gaben einander ein Gefühl von Sicherheit, das Gewissen, nicht allein zu sein. Dann sprachen sie seinen Namen. Einmal. Zweimal. Dreimal. Viermal. Ehe sie fortfuhren, sahen sie einander bedeutungsvoll an. Sie wussten alle, dass es kein Zurück mehr gab, wenn sie seinen Namen noch ein letztes Mal sagten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem hatte niemand von ihnen wirklich Lust, aufzuhören, also wandten sie ihren Blick wieder zum Spiegel und sagten seinen Namen das fünfte Mal: ‚Candyman.‘</p>



<p class="wp-block-paragraph">Man konnte die Spannung in dem kleinen Badezimmer förmlich schmecken. Voller angespannter Erwartung standen die vier Mädchen da und starrten erwartungsvoll in den Spiegel.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich fing die Jüngste von ihnen, Nina, schallend an zu lachen. Das war doch albern. Sie hatte tatsächlich Angst gehabt, dass irgendetwas passieren würde. Aber natürlich geschah nichts. Und so stimmten auch die anderen Mädchen in ihr Gelächter ein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich weiß nicht, ob es wirklich der Candyman war oder etwas anderes. Ein dunkles Wesen, das das Ritual der Mädchen als Tor in unsere Welt genutzt hatte. Jedenfalls ahnten die vier Freundinnen noch nichts von der Präsenz, die fortan im Spiegel auf sie lauerte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie feierten ihre kleine Party weiter, als wäre nichts gewesen. Und für sie wirkte es ja auch so. Bald vergaßen sie, dass sie das Ritual überhaupt durchgeführt hatten. Zumindest, bis am Montag in der Schule eine von ihnen fehlte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">‚Hey, wo ist Luisa?‘, fragte Nina Vanessa, die neben ihr saß.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vanessa zuckte mit den Schultern. ‚Weiß nicht. Vielleicht ist sie krank geworden?‘</p>



<p class="wp-block-paragraph">Noch brachte niemand von ihnen den Candyman mit Luisas Verschwinden in Verbindung. Niemand außer Nina. Sie hatte schon immer ein gutes Bauchgefühl gehabt. Und als Luisa nicht auf ihre Nachrichten antwortete, entschuldigte Nina sich bei der Lehrerin und verzog sich auf die Toilette.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dort nahm sie sofort ihr Handy heraus und wählte die Festnetznummer von Luisa. Quälend lange dauerte es, bis das Freizeichen endlich verstummte. Es meldete sich jedoch nicht Luisa oder einer ihrer Eltern, sondern lediglich die Mailbox.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schnell versuchte Nina es noch einmal. Dann auf dem Handy von Luisa, aber nichts. Nirgends konnte sie jemanden erreichen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie wollte gerade aufgeben, das Handy in ihre Tasche zurückstecken und zurück in die Klasse gehen, als eine Bewegung aus dem Augenwinkel ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Ihre Augen weiteten sich, als sie den Mann im Spiegel bemerkte. Er war groß, hatte eine dunkle Hautfarbe und trug einen altmodischen Mantel. An seinem rechten Arm blitzte etwas Metallenes, aber Nina sah nicht lange genug hin, um die Hakenhand zu erkennen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schnell drehte sie sich um. ‚Was wollen Sie hier?‘, fragte sie noch in der Bewegung, aber als sie die Tür ansah, vor der der Mann eben noch gestanden hatte, erstarrte sie. Der kleine Raum war leer. Außer ihr war niemand da. Es hatte niemand die Tür geöffnet oder geschlossen und der einzige Weg zu den Kabinen hätte an Nina vorbeigeführt. Mit einem mulmigen Gefühl im Magen machte sie sich schnell auf den Weg zurück zur Klasse.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Natürlich berichtete sie Vanessa und Michelle von ihrer Begegnung. Aber wie es im echten Leben nun einmal so ist, wenn einem etwas Unerklärliches passiert, glaubten sie ihr nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">‚Wie sah er denn aus?‘, fragte Vanessa. ‚So wie der Candyman aus dem Film?‘</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nina wusste es nicht. ‚Ich hab ihn wirklich nicht lange gesehen. Außerdem war es nicht gerade hell in den Toiletten und &#8230;‘</p>



<p class="wp-block-paragraph">‚Du hast ihn dir eingebildet‘, erklärte Michelle. ‚Komm schon? Der Candyman? Du hast dir den Film etwas zu sehr zu Herzen genommen und jetzt, wo Luisa nicht in die Schule gekommen ist, machst du dir natürlich Sorgen. Ich versteh das. Wirklich. Aber sie liegt bestimmt nur im Bett und schläft. Deswegen antwortet sie nicht. Spätestens heute Abend hat sie uns geschrieben, du wirst schon sehen.‘</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihr wisst, wie das ist. Nina war sich 100 Prozent sicher gewesen, jemanden gesehen zu haben, aber jetzt, wo ihre Freunde es ihr ausredeten, war sie es plötzlich nicht mehr.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also kam es, wie es kommen musste. Die drei Mädchen machten weiter, als wäre alles wie immer. Am nächsten Tag jedoch, als Nina und Vanessa wieder nebeneinander in der Schule saßen, fielen ihre Blicke auf den leeren Stuhl von Michelle. Und nicht nur das … Noch in der ersten Stunde bat sie ihre Klassenlehrerin nach draußen. Sie erklärte ihnen, dass bei Luisa am Wochenende eingebrochen wurde. Sie und ihre Eltern hätten es nicht überlebt. Details konnte oder wollte sie jedoch keine verraten – wahrscheinlich, weil die Morde zu grausam gewesen waren. Zumindest dachten sich das Nina und Vanessa.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem weigerten sich die beiden Mädchen, nach Hause zu gehen. Im Gegenteil: Sie bestanden darauf, weiter am Unterricht teilzunehmen. Sie wussten, dass sie einander nur beschützen konnten, wenn sie zusammenblieben. Wer würde ihnen zuhause schon glauben? Und so hatten sie wenigstens eine geringe Chance. Sollte der Candyman tatsächlich auftauchen, wären sie wenigstens zwei gegen einen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also machten die beiden Schülerinnen weiter. Sie erlaubten sich nicht, zu trauern, zu groß war ihre Angst um das eigene Leben. Und so bemühten sie sich den ganzen Tag lang, von jeglichen Spiegeln fernzubleiben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber es war ein langer Schultag. Einer dieser Schultage, die man nicht unbedingt durchhielt, ohne auf Toilette zu gehen. Nach der fünften Stunde war es schließlich so weit. Vanessa hielt es nicht länger aus und so begleitete Nina sie auf die Toilette.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Raum war größtenteils leer. Es stand nur ein Mädchen vorne bei den Waschbecken, das wild auf ihrem Handy herumtippte. Nina und Vanessa ignorierten sie. Sie richteten ihre Blicke auf den Boden, um nicht in die Spiegel zu sehen, und gingen sofort weiter zu den Kabinen. Dort schloss sich Vanessa ein, während Nina ein Stück abseits wartete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zuerst wirkte alles ruhig. Nina hörte, wie das Mädchen bei den Waschbecken eine Sprachnachricht aufnahm, in der sie sich über irgendeine Mitschülerin aufregte. Ansonsten blieb es in dem Raum still. Zumindest, bis das Summen einsetzte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">‚Scheiße, was ist …‘, hörte Nina Vanessa murmeln. Dann begann ihre Freundin plötzlich zu schreien. ‚Nein! Hilfe! Nein!‘</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Poltern ertönte aus der Kabine. Das Summen schwoll zu einem ohrenbetäubenden Lärm an. Nina hörte, wie Vanessa gegen die Tür rempelte. Es klang so, als würde sie panisch versuchen, das Schloss zu öffnen, während ihre Schreie von dem Summen übertönt wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">‚Alles in Ordnung?‘, hörte Nina eine Stimme über das Summen hinwegrufen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war die Schülerin beim Eingang. Aber als Nina zu ihr sah, weiteten sich ihre Augen vor Schrecken. Sie war nicht allein. Direkt hinter ihr stand der Mann, den sie erst gestern im Spiegel gesehen hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann ging alles sehr schnell. Ehe Nina auch nur reagieren konnte, riss die Schülerin plötzlich die Augen auf. Sie begann zu wimmern, starrte Nina voller Entsetzen an, während ihre Füße sich langsam vom Boden hoben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für einen kurzen Moment sah es tatsächlich so aus, als würde sie schweben. Doch dann warf der Candyman sie zur Seite und schüttelte sie von seinem Haken ab. Sie landete auf den kalten Fliesen. Eine blutige Wunde klaffte in ihrem Rücken. Der Candyman hatte sie von hinten mit seiner Hakenhand aufgespießt und langsam in die Luft gehoben. Voller Panik wich Nina zurück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment hörte sie, wie sich hinter ihr eine Kabinentür öffnete. Das Summen schien jetzt noch lauter zu werden. Gerade so sah Nina noch, wie Vanessas Körper regungslos aus der Kabine kippte. Sie war über und über mit Bienen übersät. Die wenigen Stellen Haut, die man noch sehen konnte, waren völlig zerstochen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Entsetzt wandte Nina sich wieder dem Candyman zu. Er kam bedrohlich auf sie zu. ‚Nein! Bitte!‘, flehte sie. ‚Es war doch nur ein Spiel!‘ Tränen strömten über ihr Gesicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber der Candyman hielt nicht inne. Als er sie erreicht hatte, legte er seinen rechten Arm auf ihre Schulter. Fast schon liebevoll sah er ihr in die Augen, während er seinen Haken tief in ihren Nacken bohrte. Nina war auf der Stelle tot. Denn wer den Candyman ruft, kann nicht mehr gerettet werden. Er lässt niemanden am Leben.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder senkte sich Stille über unsere kleine Gruppe, nachdem Lisa ihre Geschichte beendet hatte. Ohne es zu merken, hatte ich mein Gesicht verzogen, so bildlich hatte ich mir die Tode vorgestellt. Das wiederum entlockte Lisa ein Grinsen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Meinst du …“, begann Jenny. Sie zögerte. Dann fuhr sie fort. „Meinst du, das könnte wirklich passieren? Dass ein Dämon oder was weiß ich das Ritual ausnutzt, um als Candyman in unsere Welt zu kommen? Dass es den Candyman nicht gibt, darüber sind wir uns ja wohl einig, oder?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Natalie nickte stumm, während Lisa ihr Grinsen verbreiterte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Vielleicht“, sagte Lisa. Dann sah ich, wie sie einen Spiegel aus ihrer Handtasche zog. „Also? Wer von euch hat Lust, es mit mir zusammen herauszufinden? Lasst uns den Candyman rufen.“</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Candyman (Englisch für „Süßigkeitenmann“) ist eine <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">urbane Legende</a>, die auf der gleichnamigen Filmreihe basiert. Bei ihr geht es um ein <a href="https://www.geister-und-legenden.de/bloody-mary" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Bloody Mary</a> ähnliches <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/rituale" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Ritual</a>, mit dem man den berüchtigten Candyman rufen kann.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Das Ritual:</h3>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Hinweis: Ich rate dringend davon ab, übernatürliche Rituale durchzuführen. Der Kontakt zur Geister- oder Dämonenwelt kann schwerwiegende Folgen mit sich bringen!</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie bereits erwähnt ist das Candyman-Ritual dem Bloody-Mary-Ritual sehr ähnlich. Um ihn zu beschwören, muss man sich lediglich vor einen Spiegel stellen und seinen Namen fünfmal sagen. Anschließend soll der Candyman erscheinen und versuchen, dich umzubringen – entweder sofort oder irgendwann in den kommenden Stunden bis Tagen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch gibt es in einigen Versionen weitere Bedingungen. So müsse es angeblich nachts sein, man müsse das Licht ausschalten oder eine Kerze vor den Spiegel stellen. In dem originalen Candyman-Ritual spielen diese Bedingungen jedoch keine Rolle.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Candyman sieht aus wie ein großgewachsener schwarzer Mann mit kurzen schwarzen Haaren, einem langen fellbesetzten Mantel und einem Haken statt seiner rechten Hand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unter seinem Mantel hat er einen blutigen Brustkorb mit freigelegten Rippen, in dem sich unzählige Bienen tummeln.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Sobald man Candyman einmal beschworen hat, gibt es kein Entkommen mehr. Während es anfangs oft heißt, dass er durch den Spiegel in unsere Welt kommt, kann er anschließend überall aus dem Nichts auftauchen und geht mit präziser Grausamkeit vor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei den meisten Opfern nutzt er seine Hakenhand, um sie aufzuschlitzen oder zu erstechen. Seltener soll er auch seinen Schwarm Bienen, den er nach Belieben kontrollieren kann, auf seine Opfer hetzen und sie zu Tode stechen lassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wann er dies tut, ist jedoch nicht ganz eindeutig. Mal terrorisiert er seine Opfer erst, indem er sich ihnen gelegentlich zeigt, mal tötet er sie sofort.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was ihn außerdem von anderen Legenden dieser Art unterscheidet, sind seine Opfer. Zwar hört er erst auf, wenn die Person oder die Personen tot sind, die ihn beschworen haben, in der Zwischenzeit hat er aber keine Probleme damit, weitere Menschen zu ermorden, die zur falschen Zeit am falschen Ort sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Solltet ihr also vorhaben, den Candyman zu rufen, denkt daran, dass ihr nicht nur euer eigenes Leben in Gefahr bringt …</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der Candyman hat keinen festen Ort, an dem er beschworen werden kann. Aufgrund der Filme wird er zwar gelegentlich mit Cabrini-Green, einem ehemaligen Wohnviertel in Chicago, Illinois, USA in Verbindung gebracht, man soll ihn aber überall auf der Welt rufen können.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Auch wenn man gelegentlich Menschen finden kann, die das Gegenteil behaupten, stammt die Candyman-Legende aus dem Film Candyman’s Fluch (1992). Sie basiert auf keiner wahren Begebenheit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem hat es der Filmantagonist geschafft, zu einer urbanen Legende zu werden. So gab und gibt es unzählige Menschen, die eine Mutprobe daraus machen, den Candyman zu beschwören.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Candyman ist daher neben Slenderman oder Kayako (aus „The Grudge“) eine der wenigen urbanen Legenden, die zwar erst vor wenigen Jahren aus einem fiktiven Werk entstanden sind, aber trotzdem von vielen Menschen als real angesehen werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Grund dafür ist – neben der Vertrautheit aufgrund der Bloody Mary Legende –&nbsp; wahrscheinlich die realitätsnahe Hintergrundgeschichte, die der Candyman in Candyman’s Fluch bekommen hat.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Vorgeschichte:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Bevor er zum Candyman wurde, so heißt es im Film, war er ein schwarzer Mann namens Daniel Robitaille.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Robitaille war der Sohn eines Sklaven und ein begnadeter Künstler. Er war so gut in seinem Handwerk, dass viele Reiche ihn beauftragten, Porträts für sie anzufertigen. Einer dieser reichen Männer war ein weißer Landbesitzer, der Robitaille auftrug, seine Tochter zu porträtieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während Robitaille die junge Frau malte, kamen die beiden ins Gespräch und verliebten sich ineinander – in einer Zeit, als Beziehungen zwischen Schwarzen und Weißen noch verboten waren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schließlich führte eins zum anderen und die Tochter wurde schwanger. Als der Landbesitzer es bemerkte, kam die Beziehung der beiden ans Licht und er hetzte einen wütenden Mob auf den nun fliehenden Robitaille. Als sie ihn erwischten, sägten sie ihm zuerst seine rechte Hand mit einer rostigen Säge ab, ehe sie ihn mit Honig einschmierten und von einem Schwarm Bienen, den sie zuvor provoziert hatten, zu Tode stechen ließen – Grausamkeiten, die man den Menschen leider auch im echten Leben mehr als zutraut.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Die Inspiration des Films:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Wie bereits erwähnt ist die urbane Legende also der Candyman-Filmreihe entsprungen. Candyman selbst – und auch das Handlungsgerüst des ersten Films – stammt jedoch aus der Feder von Clive Barker, der hauptsächlich als Erfinder von Hellraiser bekannt ist. Candyman entspringt seiner Kurzgeschichte „The Forbidden“ (1985), auch wenn er in seiner Geschichte noch weiß ist und nicht durch das fünfmalige Aufsagen seines Namens beschworen wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Bloody-Mary-Touch, der Candyman schließlich zu einer beliebten Mutprobe gemacht hat, sowie seine Hintergrundgeschichte waren hingegen Neuerfindungen der Filmadaptation.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So oder so kann ich euch sowohl die Kurzgeschichte „The Forbidden“ (Deutsch „Das Verbotene: Die Geschichte von Candyman“) als auch den Film „Candyman’s Fluch“ (1992) wirklich sehr empfehlen. Zumindest haben beide mich gut unterhalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von Candyman? Würdet ihr euch trauen, ihn zu beschwören, da seine Legende lediglich einem Film entspringt oder hättet ihr trotzdem zu viel Respekt vor dem Ritual? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 25 Jan 2021 14:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Sämtliche Zweifel, dass es sich um einen seltsamen Streich handeln könnte, waren wie weggewischt. Ich kam mir vor, als würde ich in einen Spiegel starren. Die Gesichtszüge, die Augen, die Nase, sogar die Leberflecken waren identisch ...</p>
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<p class="wp-block-paragraph">Doppelgänger sind übernatürliche <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wesen</a>, die exakt wie ein anderer Mensch aussehen. Berichte von Sichtungen lassen sich überall auf der Welt finden.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Sophie, Alexander und ich saßen auf einer Bank beim Schulgebäude und aßen Brot, als Sophie mir eine merkwürdige Frage stellte:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sag mal Leon. Was hast du in der ersten Stunde eigentlich auf dem Schulhof getrieben?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Alexander und ich sahen sie fragend an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er ergriff zuerst das Wort. „Was meinst du? Wir hatten in der ersten Stunde Mathe. Leon saß die ganze Zeit neben mir.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Quatsch. Ich hab ihn doch vorhin beim Sportplatz gesehen“, widersprach Sophie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort schüttelte ich den Kopf. „Ich war die ganze Stunde im Unterricht. Ich bin nicht mal auf Toilette gewesen. Du musst mich verwechselt haben“, bestätigte ich Alexanders Aussage.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sophie zog eine Augenbraue hoch. „Verarsch mich nicht. Du bist der einzige Emo der Schule, der mit einer knallroten Sweatshirtjacke rumläuft“, sagte sie vorwurfsvoll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es dauerte noch etwas, bis wir sie überzeugen konnte, dass sie mich nicht gesehen haben konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Um ehrlich zu sein, war ich mir immer noch nicht sicher, dass sie mir glaubte, als die Pausenklingel ertönte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Alexander und ich sprangen hastig auf. Wie jeden Mittwoch mussten wir uns beeilen, in den Physikraum zu kommen. Herr Kummer – unser Physiklehrer – duldete kein Zuspätkommen. Er machte seinem Namen jedenfalls alle Ehre.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wir sehen uns in der großen Pause“, sagte ich schnell und gab Sophie einen Kuss. Sie wirkte abwesend, doch ich hatte keine Zeit, sie danach zu fragen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem wir in den Klassenraum gestürmt waren, um unsere Physiksachen zu holen, rannten wir weiter zum Physikraum. Herr Kummer war bereits da.</p>



<p class="wp-block-paragraph">‚<em>Na toll &#8230;</em>‘, dachte ich. ‚<em>Er sieht heute besonders schlecht gelaunt aus – und das ausgerechnet in der Doppelstunde!</em>‘</p>



<p class="wp-block-paragraph">An Sophies Behauptung, sie habe mich in der ersten Stunde auf dem Schulhof gesehen, dachte ich jetzt überhaupt nicht mehr &#8230; Zumindest nicht bis ich etwa zwanzig Minuten später gelangweilt aus dem Fenster starrte. Mein Blick fiel auf einen Jungen, der einsam bei den Tischtennisplatten stand. Er hatte bleiche Haut, schwarze Haare, die ihm halb ins Gesicht hingen und trug eine etwas zu große, knallrote Sweatshirtjacke – er sah haargenau so aus wie ich!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber wie war das möglich? Spielte mir jemand einen Streich?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Alex“, flüsterte ich. „Alexander!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als er nicht reagierte – wahrscheinlich hatte er keine Lust, Anschiss von Herrn Kummer zu bekommen – drehte ich mich zu ihm um.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sieh nach draußen!“, forderte ich im Flüsterton.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er warf mir einen Blick zu, der mir eindeutig ein genervtes „Was ist?“ symbolisierte. Dann sah er nach draußen, bevor er mich fragend ansah. „Was soll da sein?“, flüsterte er zurück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Überrascht wandte ich mich wieder dem Fenster zu. Wie konnte er ihn denn übersehen? Er stand doch genau dort bei den &#8230; Ich atmete überrascht auf. Der Schulhof war menschenleer. Mein Doppelgänger war verschwunden!</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Da war eben der Junge, von dem Sophie gesprochen hatte“, versuchte ich, mein Verhalten zu erklären.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Alexander schien nicht zu verstehen, worauf ich hinaus wollte. Doch ehe ich auch nur ein weiteres Wort sagen konnte, fuhr Herr Kummer uns an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Alexander. Leon. Es wäre schön, wenn Sie weiter dem Unterricht folgen würden! Fürs Quatschen sind die Pausen da! Erste Ermahnung!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Alexander und ich versteiften uns schlagartig. Wenn man bei Herrn Kummer drei Ermahnungen bekam, musste man nachsitzen. Das würden weder Alexander noch ich riskieren wollen. Ich würde bis zur Mittagspause warten müssen, bevor ich Alexander erklären konnte, was ich gesehen hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch obwohl ich versuchte, dem Unterricht zu folgen, wanderte mein Blick immer wieder zu den Tischtennisplatten. Wie hatte der Junge so schnell verschwinden können? Von meinem Platz aus konnte ich den halben Schulhof überblicken. Es gab keinen Ort, an dem er sich in so kurzer Zeit hätte verstecken können &#8230;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Zeit zog sich wie Kaugummi. Jedes Mal, wenn ich auf die Uhr sah, kam es mir vor, als würde der Sekundenzeiger langsamer ticken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als endlich die Schulklingel ertönte, war ich der Erste, der aufsprang. Ich hatte bereits mein Physikbuch auf dem Arm, als Herr Kummer ein lautes „Der Lehrer beendet den Unterricht!“ von sich gab.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unruhig setzte ich mich zurück auf den Stuhl. Eine qualvolle letzte Minute mussten wir uns von Herrn Kummer anhören, was wir nächste Woche im Unterricht behandeln würden. Dann endlich entließ er uns in die Pause.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sobald wir auf dem Flur waren, erklärte ich Alexander, was ich gesehen hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Deinen Doppelgänger?“, fragte er verwirrt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ja. Und als ich dich darauf angesprochen hatte, war er plötzlich weg!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ach was, du hast bestimmt nur dein Spiegelbild gesehen“, erwiderte Alexander.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nein, ganz sicher nicht. Er stand bei den Tischtennisplatten!“, widersprach ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wer stand bei den Tischtennisplatten?“, fragte plötzlich Sophie. Sie kam gerade aus ihrem Klassenzimmer und war uns auf dem Flur entgegengekommen. Ich hatte sie gar nicht bemerkt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Leon meint, er hätte seinen Doppelgänger gesehen. Er sei auf magische Weise verschwunden, als er ihn mir zeigen wollte“, erklärte Alexander leicht spöttisch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sophie nahm es weniger belustigt auf. Sie sah mich besorgt an. In der Mensa sollte ich schließlich erfahren, wieso:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Doppelgänger sind ein schlechtes Omen, wisst ihr?“, erklärte sie. „Es heißt, dass einem etwas Schlimmes bevorsteht, wenn man seinen eigenen Doppelgänger sieht. Er ist eine Art dunkles Abbild von einem selbst. Sozusagen ein böser Zwilling.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Uhhhhhhh“, warf Alexander in gruseligem Tonfall ein. Dann musste er lachen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mir war jedoch nicht nach Lachen zu Mute. Das Wort „Zwilling“ hatte mich wie ein Schlag ins Gesicht getroffen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich redete nicht häufig darüber, doch ich hatte tatsächlich mal einen Zwillingsbruder gehabt. Im Mutterleib. Im Gegensatz zu mir hatte er die Geburt jedoch nicht überlebt &#8230;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die restliche Mittagspause konnte ich an nichts anderes mehr denken. Selbst als Sophie und Alexander das Thema wechselten, blieb ich bei meinem Zwillingsbruder hängen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Konnte das wirklich der Geist oder die Seele meines toten Bruders sein? Und wenn ja, was wollte er von mir?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Pausenklingel riss mich aus meinen Gedanken. Im Gegensatz zum Physikunterricht war die Zeit in der Pause wie im Flug vergangen. Wenigstens hatten wir nur noch drei Schulstunden vor uns, bevor wir endlich nach Hause konnten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch obwohl wir nach einer Stunde Biologie eine Doppelstunde Musik hatten – mein Lieblingsfach – konnte ich an nichts anderes denken, als an meinen Doppelgänger. Immer wieder spähte ich verstohlen aus dem Fenster, konnte jedoch niemand entdecken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als der Unterricht zu Ende war, verabschiedete Alexander sich recht hastig. Wie jeden Mittwoch hatte er direkt nach der Schule Sport und musste sich beeilen. Ich wartete ich im Flur noch auf Sophie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hey“, sagte sie, als sie aus ihrem Klassenzimmer geschlendert kam.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hey“, erwiderte ich. Ich gab ihr einen Kuss zur Begrüßung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hast du &#8230; deinen Doppelgänger noch einmal gesehen?“, fragte sie zögerlich. Scheinbar war ich nicht der Einzige, der sich den Tag über Gedanken darüber gemacht hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich überlegte kurz, ihr von meinem Zwillingsbruder zu erzählen, entschied mich dann jedoch dagegen. Ich wollte nicht, dass sie sich Sorgen um mich machte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir gingen gerade durch die Eingangshalle – ein zweistöckiger Raum mit einem Geländer im ersten Stock, wo die fünften bis neunten Klassen waren – als mein Blick plötzlich auf einen vertrauten roten Pulli fiel. Als ich das Gesicht sah, blieb ich überrascht stehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sämtliche Zweifel, dass es sich um einen seltsamen Streich handeln könnte, waren wie weggewischt. Ich kam mir vor, als würde ich in einen Spiegel starren. Die Gesichtszüge, die Augen, die Nase, sogar die Leberflecken waren identisch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sophie schien ihn nicht bemerkt zu haben. Stattdessen drehte sie sich zu mir um.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was ist?“, fragte sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wollte gerade antworten, als sie ihren Kopf erschrocken nach oben riss. Im nächsten Moment zerrte sie mich beiseite. Ein Schulranzen knallte an der Stelle auf den Boden, an der ich eben noch gestanden hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Seid ihr verrückt?! Das ist gefährlich!“, schrie Sophie einigen Fünftklässlern entgegen, die jetzt leicht beschämt dreinschauten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einer von ihnen – er sah leicht verheult aus – kam ins Erdgeschoss geflitzt, schnappte sich den Schulranzen und rannte weiter nach draußen. Sophie warf ihm einen giftigen Blick zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ist alles in Ordnung?“, fragte sie mich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich nickte bloß, während ich zur Tür starrte. Mein Doppelgänger war wieder verschwunden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann sah ich an die Stelle zurück, wo eben der Schulranzen gelegen hatte. Wenn der Ranzen mich erwischt hätte, hätte das böse enden können &#8230; War das die Absicht meines Doppelgängers gewesen? Hatte er dafür gesorgt, dass ich genau an der Stelle stehengeblieben war?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber wenn er tatsächlich mein Zwillingsbruder war, wieso sollte er das tun? War er wütend auf mich, weil ich überlebt hatte? War er einsam? Oder war der Schulranzen bloß ein Zufall gewesen? Immerhin hätte er doch nicht planen können, dass ich genau in der Sekunde auf ihn aufmerksam wurde, in der ich am richtigen Ort stand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während Sophie und ich nach draußen gingen, kreisten meine Gedanken. Eine Theorie löste die andere ab, doch trotzdem waren sie alle nur genau das: Theorien. Ich konnte nicht wissen, was seine Beweggründe waren, außer ich würde ihn fragen &#8230;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Den gesamten Weg, den wir zur Bushaltestelle gingen, regte sich Sophie über die Fünftklässler auf. Ich stimmte hin und wieder zu, damit sie nicht merkte, dass ich mir Gedanken machte. Außerdem war ich froh, wie sehr sie sich um mich sorgte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als sie jedoch meinte, dass sie wisse, wie der Junge aussähe und sie morgen zum Schulleiter gehen würde, unterbrach ich sie. Ich hatte genau gesehen, wie traurig der Junge aussah, dessen Ranzen mich fast erschlagen hätte. Wahrscheinlich hatten die anderen Kinder ihn geärgert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sophie, lass gut sein“, versuchte ich, sie zu beschwichtigen. „Die Kinder wollten doch niemanden verletzen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ja und? Wenn man dagegen nicht vorgeht, lernen Sie es doch nie! Wer sagt denn, dass sie es nicht noch einmal tun. Und vielleicht steht dann tatsächlich jemand darunter!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie fuhr mit ihrer Schimpftirade fort, doch ich hörte ihr gar nicht mehr zu. Stattdessen war mein Blick an einen Jungen hängengeblieben, der auf der anderen Straßenseite stand: Meinem Doppelgänger.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war meine Chance. Wenn ich wirklich wissen wollte, warum er hier war, brauchte ich ihn nur zu fragen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vorsichtig stand ich auf. Ich nahm meinen Blick keine Sekunde von ihm, traute mich nicht einmal, zu blinzeln. Wenn ich ihn aus den Augen ließ, würde er sicher wieder verschwinden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was ist?“, fragte Sophie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich ignorierte sie. Stattdessen ging ich mit schnellen Schritten auf meine Kopie zu. Ich konnte an nichts anderes mehr denken. Es fühlte sich fast an, als würde er nach mir rufen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich auf die Straße trat, kreischte Sophie hinter mir auf. „Pass auf!“, schrie sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gleichzeitig ertönten eine Hupe und das scharfe Quietschen von Reifen direkt neben mir. Ich bemerkte das Auto erst, als es bereits zu spät war. Hätte ich schnellere Reflexe gehabt, wäre ich vielleicht rechtzeitig nach hinten gesprungen. Doch so erwischte mich das Auto mit voller Geschwindigkeit. Mehrere Knochen zersplitterten bei dem Aufprall. Ich wurde durch die Luft geschleudert. Dann wurde alles um mich herum dunkel &#8230;</p>



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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Doppelgänger ist ein Wesen, das eine exakte Kopie eines anderen Menschen darstellt. Wenn man seinen eigenen Doppelgänger sieht, soll das ein schlechtes Omen sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Anmerkung: Hierbei muss man natürlich von menschlichen Doppelgängern – also zwei Personen, die sich sehr ähnlich sehen, obwohl sie nicht miteinander verwandt sind – unterscheiden.</em></p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der Doppelgänger eines Menschen soll exakt so aussehen, wie er. Die Frisur, Narben, Muttermale, Kleidung und alle weiteren Merkmale sollen identisch sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Selten heißt es auch, dass ein Doppelgänger kein Spiegelbild und keinen Schatten habe.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Doppelgänger sollen ein böses Omen sein. Es heißt, dass es ein Zeichen für den baldigen Tod oder ein kommendes Unglück ist, wenn man seinen eigenen Doppelgänger sieht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Besonders kritisch wird es, wenn man seinen Doppelgänger in kurzen Zeitabständen mehrere Male sieht, da das fast immer ein Zeichen dafür sein soll, dass man bald stirbt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber man kann auch den Doppelgänger anderer Leute sehen. So gab es bereits Berichte von Leuten, die eine bekannte Person gesehen haben, obwohl sie wussten, dass die Person an einem anderen Ort ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch in diesem Fall ist der Doppelgänger ein schlechtes Omen. Es kann bedeuten, dass die Person krank ist oder ihr etwas Schlimmes bevorsteht.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Doppelgänger kann überall auf der Welt vorkommen. Meist sieht man ihn in der Öffentlichkeit. Es soll aber auch schon Fälle gegeben haben, bei denen der Doppelgänger im Haus oder der Wohnung gesehen wurde.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Geschichten und Mythen über Doppelgänger gibt es bereits seit Jahrtausenden in den unterschiedlichsten Regionen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So gab es den Glauben an Doppelgänger z.&nbsp;B. bereits im alten Ägypten, aber auch in den nordischen Religionen und bei vielen Indianerstämmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch auch heute noch glauben viele Menschen überall auf der Welt, dass es ein böses Omen ist, seinem Doppelgänger zu begegnen.</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von Doppelgängern? Glaubt ihr, dass es ein solches Phänomen gibt? Und wenn ja, was denkt ihr, was Doppelgänger sein könnten. Schreibt es in die Kommentare!</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Wenn ihr mehr solcher Geschichten oder Legenden lesen wollt, abonniert auch gerne meinen <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.geister-und-legenden.de/newsletter" target="_blank">Newsletter</a>, oder folgt mir auf <a rel="noreferrer noopener" href="https://twitter.com/geisterlegenden" target="_blank">Twitter</a>, <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.facebook.com/geisterlegenden/" target="_blank">Facebook</a> oder <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.instagram.com/geisterlegenden/" target="_blank">Instagram</a>!</em></p>
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		<title>Carmen Winstead</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 03 Aug 2020 13:00:00 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Geschichten]]></category>
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		<category><![CDATA[Kettenbrief]]></category>
		<category><![CDATA[Legende]]></category>
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		<category><![CDATA[weibliche Protagonistin]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Glaubt ihr an Geister? Ich war mir nie ganz sicher. Zwar fand ich den Gedanken irgendwie beruhigend, dass nach dem Tod noch etwas kommen würde, der Realist in mir sagte jedoch, dass das nicht möglich sei. Das sollte sich jedoch bald ändern … Mein Name ist Carmen Winstead und das ist meine Geschichte ...</p>
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<p class="wp-block-paragraph">Carmen Winstead ist eine vor allem in Amerika weit verbreitete <a aria-label="undefined (opens in a new tab)" href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">urbane Legende</a>. Seit 2006 ist dort ein Kettenbrief über die Legende im Umlauf.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Glaubt ihr an Geister? Ich war mir nie ganz sicher. Zwar fand ich den Gedanken irgendwie beruhigend, dass nach dem Tod noch etwas kommen würde, der Realist in mir sagte jedoch, dass das nicht möglich sei. Das sollte sich jedoch bald ändern … Mein Name ist Carmen Winstead und das ist meine Geschichte:</p>



<p class="wp-block-paragraph">Alles begann vor einigen Wochen. Mein Dad hatte eine neue Arbeitsstelle bekommen, weswegen ich meine Taschen packen und all meine Freunde zurücklassen musste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Seit dem Umzug war ich die meiste Zeit alleine. In der Schule hatten alle schon ihre Cliquen und Freundeskreise. Da hatte niemand Lust, sich mit der Neuen anzufreunden. Und ich war zu schüchtern, um den ersten Schritt zu wagen. Es vergingen Schultage, an denen ich kein einziges Wort sprach …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann jedoch lernte ich Ashley und ihre Freundinnen Madison, Kaylin, Amy und Beccy kennen. Ein Lichtblick in meinem Leben – so dachte ich jedenfalls.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich saß alleine in der Mensa und aß still meine Käse Makkaroni, als sich die fünf Mädchen plötzlich zu mir setzten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hey Carmen, wir dürfen doch hier sitzen, oder? Die anderen Tische sind uns zu voll“, sagte Ashley und wartete gar nicht erst auf eine Antwort.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich lachten die Mädchen. Ich dachte mir nichts dabei. Vielleicht hatten sie eben etwas Lustiges erlebt, über das sie sich noch amüsierten. Hätte ich meinen Blick nicht krampfhaft auf mein Essen gerichtet, um jeglichen Augenkontakt zu vermeiden, hätte ich wohl die Gehässigkeit in Ashley Blick bemerkt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Also Carmen, wie gefällt es dir hier in Indiana? Du kommst schließlich von ziemlich weit weg, oder?“, fragte sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Redete sie mit mir? Niemand redete mit mir! Etwas ungläubig sah ich auf. Sie lächelte freundlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„An sich ganz gut. Obwohl es auch etwas einsam ist. Ich vermisse meine Freunde“, gestand ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Oh, das glaube ich. Aber wenn du möchtest, können wir ja deine Freunde werden“, erwiderte Ashley.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihre Freundinnen kicherten wieder.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wirklich?“, fragte ich mit großen Augen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich weiß nicht, ob es an meiner Einsamkeit oder meiner Naivität lag, dass ich ihre wahren Absichten nicht sofort durchschaute.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den folgenden Tagen behandelten Ashley und ihre Freundinnen mich wie ihr Dienstmädchen. „Carmen, ich habe durst. Hol mir bitte etwas zu trinken.“ „Carmen, meine Sporttasche liegt noch in der Klasse. Kannst du sie mir bitte bringen?“ „Carmen, ich hab die Hausaufgaben nicht geschafft. Darf ich sie bei dir abschreiben?“ … Carmen, Carmen, Carmen. Und ich ließ mich darauf ein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich war zu glücklich darüber, die Pausen nicht mehr alleine verbringen zu müssen, um zu erkennen, dass die Mädchen mich nur ausnutzten. Das war jedenfalls so, bis ich eines Tages mit zwei Tabletts zurück an den Tisch kam. Ich hatte Ashley und Madison einen Nachschlag geholt, weil sie mich darum gebeten hatten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du hattest recht, Ashley. Carmen ist so nützlich. Wie ein kleines Hündchen, das alles macht, was man ihr sagt“, sagte Madison belustigt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sah, wie Kaylin sie unter dem Tisch unauffällig trat und eindringlich ansah.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Au! Was soll das?“, fragte Madison verärgert. Dann drehte sie sich sofort um. „Oh … Hey, Carmen, hast du unser Essen?“, fragte sie scheinheilig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wie ein kleines Hündchen? So seht ihr mich also?“, fragte ich wütend.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Madison sah schuldbewusst drein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch Ashley zog nur die Augenbraue hoch. „Hast du es etwa immer noch nicht verstanden? Das ist der einzige Grund, warum wir dich überhaupt dulden. Denkst du etwa, dass wir mit dem Klassenfreak befreundet sein wollen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das tat weh. Es fühlte sich an, als hätte sie einen Dolch aus Eis in meine Brust gerammt, der mir die Sprache verschlug. Ich stand mit offenem Mund da.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hast du sie etwa nicht gehört?“, fragte Kaylin. „Wenn du uns unser Essen nicht gibst, darfst du nicht mehr mit uns befreundet sein.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu überfordert, um irgendetwas anderes zu tun, stellte ich die Tabletts auf den Tisch. War das irgendeine Art dummer Scherz?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Awww. Seht sie euch an. Unser eigenes kleines Hündchen!“, sagte Ashley.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Woof!“, bellte Madison mich an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann schaltete sich Kaylin, Amy und Beccy ein: „Woof! Woof!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es dauerte nicht lange, bis alle fünf Mädchen dasaßen und mich anbellten. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie einige andere Schüler sich zu uns umdrehten und leise tuschelten. Redeten sie über mich?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich merkte, wie meine Augen feucht wurden, hielt ich es nicht länger aus. Ich rannte aus der Mensa zu den Toiletten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieso? Wieso taten sie das nur? Ich dachte, sie seien meine Freunde!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich leise in einer Kabine weinte, hörte ich, wie sich die Tür öffnete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Carmen? Bist du hier drin?“, hörte ich Amy rufen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schwieg. Was wollte sie von mir? Wollte sie mich noch mehr ärgern?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Es tut mir leid“, fuhr sie fort. „Ich wollte nicht gemein zu dir sein. Es ist nur … Hätten die anderen gemerkt, dass ich nicht mitmachen will, hätten sie mich rausgeschmissen …“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Dann könntest du dir wenigstens bessere Freunde suchen“, antwortete ich leise. Ich klang verheulter, als ich gehofft hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt klopfte Amy an meine Tür. „Bist du da drin? Es tut mir leid. Wirklich! Ich hab hier ein Geschenk für dich … als Entschuldigung“, sagte sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Verwundert schloss ich die Tür auf. Was könnte sie mir schon schenken wollen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich schließlich vor Amy stand, hielt sie mir einen Stock entgegen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was ist das?“, fragte ich verwundert. Was sollte ich denn mit einem Stock anfangen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Das ist ein Stock, Dummerchen. Ich hab gehört, dass kleine Hündchen wie du sowas mögen“, sagte sie im selben mitleidigen Ton wie vorher.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt ertönte tosendes Gelächter von der Toilettentür. Die anderen Mädchen hatten uns die ganze Zeit belauscht …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wütend ging ich zum Eingang, drängte mich an Ashley und den anderen vorbei und ging. Die Sprüche, die sie mir an den Kopf warfen, ignorierte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber das sollte noch längst nicht alles gewesen sein. Seit jenem Tag hatten mich die Mädchen täglich geärgert. Es war, als hätte sich ein Schalter umgelegt und sie wären plötzlich von meinen besten Freunden zu meinen schlimmsten Feinden geworden. Aber in Wahrheit hatte ich wahrscheinlich bloß meine rosarote Brille abgenommen …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die meiste Zeit waren es nur harmlose Streiche. Sie beleidigten mich, schmierten Schimpfwörter in meine Bücher oder versuchten, mich vor der Klasse bloßzustellen. Es tat zwar weh, doch ich ließ mir äußerlich nichts anmerken. Das war die einzige Möglichkeit – so hoffte ich –, dass sie mich eines Tages in Ruhe ließen, es ihnen langweilig wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch leider passierte das nicht. Im Gegenteil: Ihre Streiche wurden schlimmer. Eines Tages kam ich in die Schule, wo ich meinen Spind völlig demoliert vorfand. Er war aufgebrochen worden und meine Zettel, Hefte und Bücher lagen überall auf dem Boden verteilt. Zerrissen hatten sie zum Glück nichts, doch alles aufzusammeln und einem Lehrer Bescheid zu sagen, der mir einen neuen Spind zuwies, dauerte ewig. Nachweisen konnte ich es Ashley und ihren Freundinnen leider nie. Trotzdem weiß ich, dass sie es waren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein weiterer Vorfall ereignete sich nicht einmal eine Woche später. Ich war vor dem Unterrichtsbeginn nur kurz auf Toilette verschwunden, merkte aber sofort, dass etwas nicht stimmte, als ich die Klasse betrat. Die anderen Schüler wurden plötzlich sehr still. Sie kicherten und tuschelten miteinander.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich schließlich meine Federtasche und die Schulsachen aus meiner Tasche holen wollte, packte ich in eine schleimige Flüssigkeit – die Mädchen hatten Joghurt in meine Tasche gekippt!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die gesamte Klasse brach in tosendes Gelächter aus. Und während ich meine Tasche ausräumte, versuchte, die Hefte und Bücher zu retten, die noch zu retten waren, schrie und tobte meine Lehrerin. Doch als sie verlangte, zu erfahren, wer das getan hatte, schwieg meine Klasse. Nicht ein einziger Schüler trat vor oder verteidigte mich. Dabei hatten sie es alle gesehen. Sie alle waren dabei gewesen, während die fünf Mädchen den Joghurt in meine Tasche gekippt hatten! Innerlich kochte ich vor Wut.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ähnliche Dinge passierten immer wieder. Es gab Tage, an denen ich tat, als wäre ich krank, nur, um nicht in die Schule gehen, die Schikane nicht mehr ertragen zu müssen. Doch natürlich musste ich am nächsten Tag wieder hin. Ich wusste nicht, wie lange ich es noch durchhalten würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und dann kam der heutige Tag. Der Tag, der das Fass zum Überlaufen brachte …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie immer hatte ich einen Knoten in der Magengegend, als ich das Schulgebäude betrat. Ich wusste bereits, dass ich wieder geärgert werden würde. Ashley, Madison, Kaylin, Amy und Beccy würden mich wieder mobben, und meine gesamte Klasse würde wegsehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es fing wie immer mit einigen verletzenden Sprüchen an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Na, Hündchen? Wieso bist du den nicht an der Leine“, war zum Beispiel ein Spruch, den ich fast täglich zu hören bekam. Andere Sprüche, wie „Willst du dich nicht zu deinen Freunden setzen? Ach ne, du hast ja gar keine!“, taten hingegen schon mehr weh.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Heute waren die Hündchen-Sprüche wieder sehr beliebt. Es dauerte jedoch bis nach der Sportstunde, dass ich verstand, warum.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unser Sportlehrer erinnerte uns daran, dass es in der nächsten Stunde einen Probefeurealarm geben würde, bevor er uns aus der Stunde entließ.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Umkleide bemerkte ich sofort einen unangenehmen Geruch. Der gesamte Raum stank nach Hundekot. Ich bemühte mich also, mich möglichst schnell umzuziehen, um den Raum schnell wieder verlassen zu können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Da ist wohl jemand noch nicht stubenrein!“, lästerte Ashley, als sie die Kabine betrat und den Geruch wahrnahm.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hat dein Frauchen dich nicht gelehrt, dass du nicht in die Wohnung machen sollst?“, schloss Amy sich an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann lachten sie wild durcheinander. Aber auch dabei dachte ich mir noch nichts.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst, als ich mich umgezogen hatte und nach meiner Jacke griff, bemerkte ich es: Der Gestank kam von meiner Jacke! Ungläubig roch ich daran. Eindeutig! Meine Jacke stank nach Hundescheiße!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu sehen war jedoch nichts. Ohne nachzudenken, durchwühlte ich meine Taschen … und griff direkt in eine schmierige, klebrige Substanz.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erschrocken zog ich meine Hand zurück, an der jetzt eindeutig etwas Braunes klebte … Mir drehte sich fast der Magen um, während mein Puls anstieg. Die Mädchen hatten mir Hundescheiße in die Jackentasche gesteckt!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich überlegte kurz, meine Hand an Ashley abzuwischen, die direkt neben mir stand und wie wahnsinnig lachte. Aber nein. Ich würde mich nicht auf ihr Niveau herab begeben. Ich würde mich an einen Lehrer wenden und ihm alles erzählen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bis meine Hand endlich nicht mehr stank, dauerte es eine ganze Weile. Wieder und wieder hatte ich sie mit Seife gewaschen. Und als ich schließlich in die Umkleide zurückgegangen war, waren die anderen Mädchen schon weg.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich packte meine Sachen und rannte zum Schulgebäude – meine stinkende Jacke ließ ich draußen über einer Bank hängen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die nächste Stunde hatte bereits angefangen. Mrs. Clark musterte mich mit strengem Blick, als ich in die Klasse gestürmt kam. Ich entschuldigte mich für meine Verspätung. Sie sagte nichts und fuhr mit ihrem Unterricht fort. Ich würde bis nach der Stunde warten müssen, um ihr von dem Vorfall zu erzählen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gerade, als ich mich hingesetzt hatte, ertöte der Feueralarm. Mrs. Clark legte genervt das Stück Kreide zurück zur Tafel. Hoffentlich würde ihre Stimmung nicht meine Pläne beeinträchtigen. Mrs. Clark wäre immerhin die perfekte Lehrerin dafür. Sie war streng, konnte aber auch sehr mitfühlend sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Stellt euch in Zweierreihen auf!“, befahl sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Widerwillig sah, ich, wie Ashley sich neben mich stellte. Sie grinste gemein. „Wo ist denn deine Jacke? Meinst du nicht, dass es draußen etwas kalt ist?“, rief sie gehässig über den Feueralarm hinweg.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hasste sie dafür, hasste, dass sie mich grundlos ärgerte, hasste, dass sie jedes mal ohne Konsequenzen davonkam. Doch damit wäre nachher Schluss. Ich würde nur noch die Brandschutzübung und mit etwas Pech einige Minuten Unterricht überstehen müssen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als wir schließlich draußen waren, gingen wir sofort zu den Parkplätzen – der Ort, wo wir uns bei Probealarmen immer versammelten. Ich stand etwas abseits, in der Hoffnung, dass Ashley und ihre Clique bei der Klasse blieben. Zu meinem Leid taten sie es jedoch nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sah, wie sie wild miteinander tuschelten und kicherten, während sie auf mich zukamen. Was hatten sie nun schon wieder vor?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hündchen, was stehst du denn hier so alleine?“, fragte Madison.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wahrscheinlich ist sie ein Streuner!“, erwiderte Ashley.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ihhh! Sie hat bestimmt Flöhe!“, mischte sich jetzt auch Amy ein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kaylin und Beccy lachten nur.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann begannen sie plötzlich mich zu schubsen. Ich hasste es, wenn sie körperlich wurden. Die Beleidigungen konnte ich ausblenden, aber gegen fünf Mädchen gleichzeitig konnte ich mich nicht wehren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hey, lasst das!“, sagte ich übertrieben laut, in der Hoffnung, dass Mrs. Clark oder einer der anderen Lehrer es hören würde. Doch sie beachteten mich gar nicht. Schließlich schrien auch die anderen Schüler wild durcheinander. Was war da schon ein Mädchen mehr?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Völlig unerwartet gab mir Ashley dann einen deutlich kräftigeren Stoß. Normalerweise hielten sie sich zurück, wenn wir in größeren Gruppen waren. Wirklich verletzt hatten sie mich bisher nur, wenn wir alleine waren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich bereitete mich darauf vor, auf den harten Boden zu stürzen, doch der erwartete Aufprall blieb aus. Ich fiel zu tief!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst, als mein Gesicht mit voller Wucht an die Leiter knallte, bemerkte ich, dass sie mich in einen offenen Gully geschubst hatten!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schlug so hart auf den schmutzig-nassen Boden auf, dass ich für einen Moment benommen liegenblieb. Zu meiner Überraschung spürte ich keine Schmerzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Carmen ist in der Kanalisation. Bei der restlichen Scheiße, wo sie hingehört!“, hörte ich Ashley laut rufen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gelächter ertönte von oben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Aber Ashley, Abfall wirft man doch nicht in den Gully!“, warf Amy ein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In mir stieg eine unglaubliche Wut auf, wie ich sie noch nie zuvor gespürt hatte. Ich richtete mich auf und starrte wütend auf die Öffnung über mir.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sah, wie sich Ashley und die anderen Mädchen um den Gully versammelten. Plötzlich sahen sie furchtbar schockiert aus. Sie tuschelten miteinander.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mrs. Clark!“, schrie Kaylin. „Carmen ist in die Kanalisation gestürzt!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie konnte sie es wagen? „Das stimmt nicht! Ashley hat mich geschubst!“, brüllte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort kam Mrs. Clark zu dem Gully gerannt. Als sie mich sah, riss sie ihre Hand vor ihren Mund. „Wir brauchen einen Notarzt!“, kreischte sie panisch. „Carmen! Carmen, kannst du mich hören?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Es geht mir gut!“, rief ich. „Aber Sie sollten die Polizei rufen. Ashley hat versucht, mich umzubringen!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich erwartete eine schnippische Antwort. Einen empörten Ausruf, der ihr Wort gegen meins stellte, doch nichts geschah. Die Mädchen tuschelten nur wild durcheinander. Ich konnte nur Wortfetzen entziffern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es fielen Worte wie ‚tot‘ oder ‚umgebracht‘. Dann sagte Kaylin ganz deutlich. „Seht euch nur ihren Hals an. Sie bewegt sich nicht!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst verstand ich nicht, was sie meinten. Ich war doch hier. Natürlich bewegte ich mich! Doch als ich an mir herabsah, sah ich eine zweite Person. Sie lag unter mir. Nein. Das war keine zweite Person. ICH lag dort. Von meinem Gesicht hing lose Haut. Überall war Blut, das sich jetzt mit dem Dreck und Unrat der Kanalisation mischte. Mein Hals hatte eine unnatürliche Position eingenommen …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schon lange hatte ich mich gefragt, ob ich an Geister glaube. Ich war mir nie ganz sicher gewesen. Konnte es tatsächlich Seelen geben, die in unserer Welt blieben, weil sie noch etwas zu erledigen hatten?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt hatte ich meine Antwort. Und ich wusste genau, was ich noch erledigen musste. Wütend starrte ich die Mädchen über mir an. Ich würde mich an meinen Mördern rächen!</p>



<p><b>Bleibt auf dem Neusten Stand und folgt mir auf:</b></p>
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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Carmen Winstead ist die urbane Legende einer 17-jährigen Schülerin, die durch extremes Mobbing ums Leben gekommen sein soll. Die Verbreitung der Legende fand fast ausschließlich über Kettenbriefe statt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Über das Aussehen von Carmen Winstead ist nicht sonderlich viel bekannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es heißt nur, dass ihr <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister">Geist</a> einen gebrochenen Hals und ein blutiges und stellenweise oder völlig abgerissenes Gesicht habe.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Der Kettenbrief:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Den Kettenbrief selbst gibt es in verschiedenen Versionen. Entweder ist er so geschrieben, dass er von Carmen Winstead berichtet oder als wäre er von ihr selbst verfasst.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei der berichtenden Version gibt es zudem eine sehr ausführliche Variante, die hauptsächlich das beschreibt, was ihr weiter unten unter „Die Vorgeschichte“ lesen könnt. Hier werde ich daher lediglich eine kürzere Version aufführen, die es sowohl aus Carmens Sicht, als auch leicht abgeändert als berichtende Version gibt:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hi, mein Name ist Carmen Winstead. Ich bin 17 Jahre alt. Ich bin dir sehr ähnlich … Habe ich erwähnt, dass ich tot bin? Vor einigen Jahren hat mich eine Gruppe Mädchen in die Kanalisation geschubst, um mich zu blamieren. Als ich nicht wieder herausgekommen bin, ist die Polizei gekommen. Die Mädchen haben behauptet, ich wäre gestürzt und alle haben ihnen geglaubt. Die Polizei hat meine Leiche in der Kanalisation gefunden. Ich hatte einen gebrochenen Nacken und mein Gesicht war abgerissen. Sende diese Nachricht an 15 Personen, nachdem du sie vollständig gelesen hast, wenn dir dein Leben lieb ist! Ein Junge namens David hat diese Nachricht bekommen. Er hat nur gelacht und sie gelöscht. Als er in der Dusche war, hörte er ein Lachen … MEIN LACHEN! Er wurde sehr ängstlich, ist zu seinem Handy gerannt, um die Nachricht zu teilen … Aber es war zu spät. Am nächsten Morgen betrat seine Mutter sein Zimmer und alles, was sie vorfand, war eine Nachricht in seinem Blut geschrieben, die besagte „Du wirst ihn nie zurückbekommen!“ Bisher hat noch niemand seine Leiche gefunden … weil er bei mir ist! … Sende diesen Text an 15 Personen in den nächsten 5 Minuten, wenn du nicht willst, dass dich das gleiche Schicksal ereilt, wie David. Deine Zeit läuft … JETZT! Die Geschichte ist wahr, du kannst sie auf Google recherchieren.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Neben der geschriebenen Variante hat sich zudem in letzter Zeit eine Sprachnachricht verbreitet, die angeblich von Carmen selbst gesprochen wurde.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Vorgeschichte:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Es heißt, dass Carmen Winstead 17 Jahre alt war, als ihre Eltern nach Indiana umgezogen sind. Carmen musste all ihre Freunde zurücklassen und eine neue Schule besuchen, wo sie niemanden kannte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da Carmen große Probleme hatte, neue Freunde zu finden, verbrachte sie die meiste Zeit alleine, bis sie sich einer Gruppe von fünf Mädchen anschloss. Es dauerte jedoch nicht lange, bis sie bemerkte, dass die Mädchen hinter ihrem Rücken über sie lästerten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie stellte die Mädchen zur Rede, woraufhin diese sich völlig gegen Carmen richten und anfingen, sie mobben. Sie beleidigten sie, schrieben Schimpfwörter in ihre Schulbücher und demolierten ihren Spind. Es heißt sogar, dass sie Joghurt in ihre Schultasche gekippt und Hundekot in ihre Jackentasche gelegt haben sollen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schließlich wurde es Carmen zu viel. Sie beschloss, die Mädchen nach Schulschluss zu verpetzen. Sie wusste jedoch nicht, dass sie dazu nicht mehr die Gelegenheit haben würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Noch vor Schulschluss gab es einen Probealarm, bei dem alle Schüler das Gebäude verlassen mussten. Carmen stand alleine an der Straße, ganz in der Nähe eines offenen Gullys. Warum der Gully geöffnet war, wird nicht näher erklärt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die fünf Mädchen gingen zu Carmen und begannen, sie zu ärgern. Sie drängten sie unauffällig immer weiter zum Gully, bis sie nahe genug daran stand. Dann schubsten sie Carmen, sodass sie mit dem Kopf zuerst in die Kanalisation stürzte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zuerst scherzten sie noch. Sie lachten und erklärten, dass Carmen in der Kanalisation liegt. Andere Schüler sollen in das Gelächter eingestimmt haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schließlich hat ein Lehrer in den Gully gesehen. Zu seinem entsetzen, war Carmen wirklich dort unten. Ihr Kopf war in einer unnatürlichen Haltung gedreht, ihr Gesicht blutig. Es heißt, dass sie sich ihr Gesicht bei dem Sturz an der Wand oder der Leiter abgerissen habe. Carmen war tot.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem Carmens Leiche aus der Kanalisation geholt wurde, hat die Polizei ihre Klassenkameraden befragt. Die fünf Mädchen, die sie geschubst hatten, behaupteten, dass Carmen gestürzt sei. Die Polizei glaubte ihnen. Carmens Tod wurde als Unfall eingestuft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch das war nicht das letzte Mal, dass man von Carmen gehört hatte. Monate nach dem Vorfall bekamen die Klassenkameraden von Carmen, seltsame E-Mails, die besagten, dass Carmen geschubst wurde. Sie forderte die Schuldigen auf, sich zu stellen, da es sonst schreckliche Konsequenzen gäbe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Natürlich meldete sich niemand, da sie die E-Mails als Streich abtaten. Doch nur wenige Tage später begannen die fünf Schülerinnen eine nach der anderen spurlos zu verschwinden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als sie schließlich gefunden wurden, lagen alle fünf Mädchen in der Kanalisation. Es heißt fast immer, dass sie verstümmelt waren. Die Beschreibungen reichen hierbei von abgerissenen Gesichtern bis hin zu fast vollständiger Unkenntlichkeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch Carmens ruheloser Geist war noch immer wütend. Es heißt, dass sie seither wieder und wieder Menschen töten soll, die ihre Geschichte nicht glauben oder selber andere Leute mobben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn man selbst betroffen ist, soll Carmen Winstead aus der Kanalisation zu einem herauf kommen – sei es durch die Dusche, durch die Toilette oder gar durch ein Waschbecken. Nachts, wenn man schläft, soll sie einen entführen, in die Kanalisation bringen und dort töten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der Ursprung der Legende von Carmen Winstead lässt sich grob auf das Jahr 2006 zurückverfolgen, wo der Kettenbrief anfing, sich rasant auf MySpace und per E-Mail zu verbreiten. Damals wurde unter anderem auch der Name „Jessica Smith“ verwendet, der sich – wahrscheinlich wegen seines deutlich geringeren Wiedererkennungswerts im Vergleich zu „Carmen Winstead“ – nicht durchsetzen konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und auch heute ist der Kettenbrief noch im Umlauf – auf Facebook, Instagram, Whatsapp, per E-Mail, auf Twitter und sonstigen sozialen Medien.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Hintergrund zu der Legende wurde jedoch nie bestätigt. Trotz langer Recherche hat bisher niemand eine Carmen Winstead finden können, die durch einen Sturz in einen Gully gestorben ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass Carmen Winstead nichts weiter, als eine urbane Legende ist.</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von Carmen Winstead? Wie würdet ihr reagieren, wenn ihr den Kettenbrief bekommen und die Legende nicht kennen würdet? Würdet ihr ihn verschicken oder würdet ihr ihn ignorieren? Und wenn ihr ihn ignoriert, hätten ihr dann Bedenken? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Euch wird zwar keine Carmen Winstead töten, wenn ihr es nicht tut, trotzdem würde ich mich natürlich wahnsinnig darüber freuen, wenn ihr meinen Blog oder einen Artikel mit euren Freunden oder Bekannten teilen würdet!</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Wenn ihr mehr solche Geschichten oder Legenden lesen wollt, abonniert auch gerne meinen&nbsp;<a rel="noreferrer noopener" href="https://www.geister-und-legenden.de/newsletter" target="_blank">Newsletter</a>, oder folgt mir auf&nbsp;<a rel="noreferrer noopener" href="https://twitter.com/geisterlegenden" target="_blank">Twitter</a>,&nbsp;<a rel="noreferrer noopener" href="https://www.facebook.com/geisterlegenden/" target="_blank">Facebook</a>&nbsp;oder <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.instagram.com/geisterlegenden/" target="_blank">Instagram</a></em>.</p>
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