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	<title>Draugar Archive - Geister und Legenden</title>
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	<description>In diesem Blog schreibe und veröffentliche ich jeden zweiten Montag eine neue Legende und Geschichte über Geister oder andere übernatürliche Dinge. Viel Spaß beim Gruseln!</description>
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		<title>Årsgång – Der Jahresgang Teil 1</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 18 Dec 2023 14:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Ein plötzliches Piepen riss mich aus meinen Gedanken. Fast instinktiv griff ich nach meiner Armbanduhr, um den Alarm zu deaktivieren. Mitternacht. Das Ritual konnte endlich beginnen …</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.geister-und-legenden.de/arsgang">Årsgång – Der Jahresgang Teil 1</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.geister-und-legenden.de">Geister und Legenden</a>.</p>
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<p class="wp-block-paragraph">Årsgång ist der erste Teil meines diesjährigen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/weihnachten" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Weihnachts</a>-Zweiteilers. Wie vor drei Jahren bei <a href="https://www.geister-und-legenden.de/die-yule-lads" target="_blank" rel="noreferrer noopener">den Yule Lads</a> habe ich die Weihnachtsgeschichte dieses Jahr also wieder auf mehrere Teile aufgeteilt. Den zweiten Teil findet ihr nächste Woche hier auf meinem Blog oder bereits jetzt auf <a href="https://www.patreon.com/geisterlegenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Patreon</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen</strong></summary>
<p>&#8211; Krankheit: Erwähnung von ALS</p>
<p>&#8211; Andeutung an den Tod eines Kindes</details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Ich saß zitternd in meinem Zelt, eine dicke Wolldecke eng um mich gewickelt, während ich meinen knurrenden Bauch hielt und mein Mund sich völlig ausgetrocknet anfühlte. Selten hatte ich mich so schwach gefühlt. Und das an einem Heiligabend, wo die meisten Leute mit ihren Familien in einem warmen Wohnzimmer saßen und mehr aßen und tranken, als sie es sich das restliche Jahr über erlaubten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber bevor ihr euch jetzt Sorgen um mich macht, sollte ich anmerken, dass das hier alles selbstverschuldet war. Und nicht nur das, es war sogar beabsichtigt. Ich war im Begriff ein altes schwedisches Ritual durchzuführen: den Årsgång. Nur hätte ich nicht gedacht, dass ich mich nach einem Tag ohne Essen und Trinken so schwach fühlen würde. Außerdem war da diese unerträgliche Kälte, die mir von Stunde zu Stunde tiefer in die Knochen kroch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als Vorbereitung für den Årsgång musste man sich nämlich einen kompletten Tag isolieren. Man musste sich ohne Wasser oder Nahrung tief in den Wald begeben. In meinen Büchern hieß es: so tief, dass man weder Hund noch Hahn hören konnte. Aber ich ging lieber auf Nummer sicher und war so weit gegangen, dass auch keine Geräusche von fahrenden Autos mehr zu mir vordrangen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine weitere Bedingung war, dass ich in dieser Zeit kein einziges Wort sagen, kein Handy oder Laptop bei mir haben und in kein Licht wie ein Feuer oder eine Lampe blicken durfte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hatte die letzten Stunden also in völliger Stille, Kälte und Dunkelheit verbracht. Die Sonne war schon vor Stunden untergegangen und jetzt wartete ich nur noch darauf, dass es endlich Mitternacht wurde. Dann konnte der Årsgång beginnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber bis dahin saß ich weiter zitternd in meine Decke gewickelt und dachte über mein Leben nach. Noch vor einem Jahr wäre es für mich undenkbar gewesen, ein Ritual wie den Årsgång durchzuführen. Damals saß ich mit meiner Mama, meiner letzten lebenden Verwandten, am Weihnachtstisch und aß mit ihr eine Gans, die wir gemeinsam zubereitet hatten. Unser Leben war in Ordnung gewesen. Das war jedoch vor ihrer Diagnose.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie wir dieses Jahr herausgefunden hatten, litt meine Mutter an amyotropher Lateralsklerose, besser bekannt als ALS. Vielleicht erinnert ihr euch noch an die Ice Bucket Challenge, die vor einigen Jahren durch das Internet kursiert ist. Sie sollte damals auf ALS aufmerksam machen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jedenfalls ist es eine grausame Krankheit, die zu Muskellähmungen und schließlich zum Tod führt. Eine Heilung ist laut unserer Schulmedizin nicht möglich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie so viele Menschen in ähnlichen Situationen hatte ich also das einzige in meiner Macht stehende getan, und angefangen, mich nach alternativen Heilmethoden umzusehen. Aber während andere Menschen sich auf Heilsteine und Homöopathie stürzten, hatte ich mich für einen anderen Weg entschieden: das Übernatürliche. Mein erster Schritt in diese Richtung sollte der Årsgång werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eigentlich war es nicht mehr als ein Wahrsageritual, mit dem man die Zukunft der Gemeinde voraussehen konnte. In einigen Büchern hatte ich jedoch etwas von magischen und sogar heilenden Fähigkeiten gelesen, die man nach einem erfolgreichen Årsgång erhalten solle. Und selbst, wenn das nicht der Fall war, würde das Ritual zumindest mein Gespür für das Paranormale stärken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So oder so, egal, wie verzweifelt der Versuch auch sein mochte, es war immer noch besser, als zuhause zu sitzen und nichts zu tun.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein plötzliches Piepen riss mich aus meinen Gedanken. Fast instinktiv griff ich nach meiner Armbanduhr, um den Alarm zu deaktivieren. Mitternacht. Das Ritual konnte endlich beginnen.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich aus dem Zelt trat, schnitt mir die eisige Winterluft ins Gesicht, stach in meine trockenen Lippen. Nur mein Bart und die dicke Kleidung schützen mich einigermaßen vor der Kälte. Trotzdem hatte ich bereits das meiste Gefühl in meinem Fingern und Zehen verloren – ein Zustand, der hier draußen nicht besser werden würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenigstens reflektierte der Schnee das wenige Mondlicht, das durch die Bäume schien, sodass ich nicht gegen den nächsten Baum laufen würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schnee knirschte mit jedem Schritt unter meinen Stiefeln. Das Geräusch hallte gespenstisch durch den Wald, als würden viele weitere Beine mir folgen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich beachtete es nicht weiter. Stattdessen ging ich in Gedanken noch einmal meine Route durch. Ich würde den Wald verlassen, über den schmalen Weg zwischen den Feldern ins Dorf zurückwandern, am Friedhof vorbei und auf direktem Weg zur Kirche. Dort würde der größte und wichtigste Teil des Rituales stattfinden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Alles, was ich bis dahin tun musste, war nicht zu sprechen oder zu lachen, nicht nach hinten zu blicken, auf dem Weg zu bleiben und keine Furcht zu zeigen. Das war allerdings einfacher gesagt als getan. Wenn man den Büchern glauben durfte, würde die paranormale Welt alles daransetzen, mich von meinem Årsgång abzuhalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder knurrte mein Magen. Ich versuchte, den Hunger zu ignorieren, konzentrierte mich auf meine Schritte und meine Umgebung. Trotzdem bemerkte ich die Silhouette zwischen den Bäumen erst, als sie mich ansprach.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was macht ein einsamer Wanderer hier so spät in der Nacht?“, fragte eine helle Frauenstimme.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Fast hätte ich vor Schreck einen Satz zur Seite gemacht. Ich wusste nicht, ob es meine Erschöpfung oder eine mir bisher unbekannte Selbstkontrolle war, aber ich schaffte es irgendwie, den Instinkt zu unterdrücken und einen neutralen Gesichtsausdruck zu wahren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt musterte ich die Gestalt zwischen den Bäumen aufmerksam. Sie hatte so reglos und still dagestanden, dass ihr weißes Kleid mit dem Schnee verschmolzen war. Und ihre blasse Haut war auch nicht viel dunkler. Lediglich ihre eisblauen Augen und das goldene Haar stachen im direkten Mondlicht deutlich hervor, als sie aus den Schatten trat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Oh. Du zitterst ja“, bemerkte sie. „Soll ich dich etwas wärmen?“ Sie legte mir ihre Hand auf die Brust und fuhr mir ihr langsam an meinem Körper herunter. Ich packte ihr Handgelenk, als sie meinen Bauchnabel erreichte und noch immer nicht zu stoppen schien.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war dann wohl eine Skogsrå, eine übernatürliche Hüterin des Waldes, die in ihrer Freizeit nichts Besseres zu tun hatte, als einsame Wanderer zu verführen, um ihnen die Seelen zu rauben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da ich nichts sagen durfte, schüttelte ich bloß den Kopf und schob ihre Hand beiseite. Ich nahm mir vor, sie möglichst sanft abzulehnen, um sie nicht zu verärgern. Trotzdem wollte ich mich nicht aufhalten lassen, also ging ich langsam weiter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Oh, hast du noch was vor?“, fragte sie scheinheilig. „Ich verspreche dir, dass es nicht lange dauert. Danach wirst du dich sehr viel besser fühlen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hörte, wie ihre leisen Schritte mir folgten. Sie holte auf, um neben mir zu gehen, wo sie meinen Arm ergriff und sanft ihren Kopf an meine Schulter schmiegte. Ich spürte, wie ihre Wärme durch die Jacke hindurch an meinem durchgefrorenen Körper drang. Und auch ihr süßlicher Duft gelangte jetzt an meine Nase. Er war nicht aufdringlich, sondern genauso zart und lieblich wie die Skogsrå selbst. Hätte ich jetzt die Augen geschlossen, würde ich mich wohl in dem Gefühl verlieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also schüttelte ich bloß wieder den Kopf. Ich machte aber keine Anstalten, mich loszureißen. Ich redete mir ein, es läge daran, dass ich die Skogsrå nicht verärgern wolle, aber wenn ich ehrlich war, wollte ich ihre Wärme noch für ein paar Meter mehr genießen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Den Waldgeist eng an meine Seite gekuschelt, ging ich weiter meines Weges. Sie flüsterte mir Komplimente zu und erzählte mir, wie schrecklich einsam sie sich zu Weihnachten immer fühle. Und auch ich fühlte mich einsam, jetzt, wo meine Mutter im Krankenhaus war und ich das Haus für mich allein hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Skogsrå galt als Meisterin der Verführung und unter anderen Bedingungen, hätte ich nicht das Ziel vor Augen gehabt, meine Mutter zu heilen, wäre ich ihr vielleicht verfallen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Je näher wir jedoch dem Waldrand kamen, desto verzweifelter wurden ihre Versuche. Inzwischen raunte sie mir die verbotensten Versprechungen ins Ohr, streichelte sanft meinen Oberschenkel und versuchte sogar, mir zwischen die Beine zu greifen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da ich inzwischen die schneebedeckten Felder hinter den Bäumen sehen konnte, drückte ich die Skogsrå von mir weg und beschleunigte meine Schritte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einer letzten Verzweiflungstat griff der Waldgeist nach meinem Handgelenk, versuchte, mich zurückzuhalten, aber ich riss mich wieder los und trat aus dem Wald hinaus. Erleichtert atmete ich auf, als ich ihre Schritte nicht länger hinter mir hören konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du wirst es nicht schaffen!“, rief sie mir nach. Jegliche Zärtlichkeit war jetzt aus ihrer Stimme gewichen. „Du gehst in deinen eigenen Untergang!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Fast hätte ich mich zu ihr umgedreht. Ich erinnerte mich gerade noch rechtzeitig, dass ich während des Årsgångs nicht zurückblicken durfte. Stattdessen atmete ich noch einmal tief durch und ging stur weiter. Ich spürte ihren Blick noch eine ganze Weile in meinem Rücken, während ich das Feld verließ und den schmalen von Fußabdrücken gezeichneten Weg betrat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dort strauchelte ich. Es lag aber nicht nur an dem plattgetretenen Schnee, auf dem ich fast wegrutschte, sondern auch an dem Schwindel, der sich langsam in mir ausbreitete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sanft schlug ich mir auf die Wangen, suchte mir einen Punkt in der Ferne, auf den ich mich konzentrieren konnte, um mich von meiner eigenen Schwäche abzulenken. Ich entschied mich für die bunten Lichter meines Dorfes. Wie jedes Jahr war es zu dieser Zeit festlich geschmückt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Das war aber nicht die feine schwedische Art“, ertönte plötzlich eine hohe, fiepsige Männerstimme hinter mir. „Haben deine Eltern dir beigebracht, so mit einer Frau umzugehen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Gänsehaut zog sich über meinen ohnehin schon kalten Rücken. Die Stimme war direkt hinter meinem linken Ohr erklungen. Sehen konnte ich niemanden, aber ich wusste nicht, ob die Stimme keinen dazugehörigen Körper hatte, oder ob sich das Wesen bloß hinter mir aufhielt, da es genau wusste, dass ich mich nicht umdrehen durfte. Ein zweites Paar Füße, die durch den Schnee stapften, konnte ich jedenfalls nicht hören.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Oh, tut mir leid. Hab ich dich erschreckt?“, fragte die Stimme weiter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hatte sie, aber zum Glück hatte ich es auch diesmal geschafft, mir nichts anmerken zu lassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mein Name ist Grímr, aber du darfst mich Grim nennen. Und wie heißt du?“, fuhr die Stimme unbeirrt fort. Diesmal erklang sie an meinem rechten Ohr.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war ein billiger Trick, um mich zum Reden zu bewegen. Aber natürlich war ich auf so etwas eingestellt und antwortete nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nicht der redselige Typ, was? Also gut. Lass mich raten. Du heißt … Hmmm … Sven? Ja, Sven! Sven, der Schwede!“, brabbelte die Stimme weiter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hieß ich nicht. Mein Name war Thorbjörn. Aber selbst, wenn ich sprechen dürfte, hätte ich aus meinem ausgetrockneten Hals wahrscheinlich kein verständliches Wort herausbringen können, um die Stimme zu korrigieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Stattdessen konzentrierte ich mich stur weiter auf die bunten Lichter der Gemeinde. Nur, dass da auf einmal keine bunten Lichter mehr waren. Um mich herum war es plötzlich taghell. Ich ging zwischen zwei üppig bewachsenen Hefefeldern hindurch, auf denen ein Trecker die reiche Ernte einfuhr.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Staunend sah ich mich um, weiter darauf bedacht, nicht zurückzublicken. Solche Visionen waren normal während des Årsgångs. Sie bedeuteten, dass die Ernte nächstes Jahr gut werden würde. Aber ich hätte nie gedacht, dass sie sich so real anfühlen würden. Der Wind ließ das Getreide tanzen. Ich hörte Grillen in den Feldern zirpen. Fast konnte ich das warme Sonnenlicht auf meiner eiskalten Haut spüren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„A-bab-bab! Sven, behalt deine Augen auf dem Weg!“, mahnte Grim.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort verblasste die Vision um mich herum. Ich sah wieder die dunklen, kalten Felder, hörte wieder Schnee und Eis unter meinen Füßen knirschen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Überrascht weitete ich die Augen. Die Stimme hatte es geschafft, die Vision zu unterbrechen. Davon hatte nichts in meinen Büchern gestanden. Wenn sie das beim Friedhof auch schaffen würde …</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Vielleicht wird es Zeit für einen Witz“, säuselte die Stimme weiter. „Wir wollen ja nicht, dass du noch einen Einblick in die Zukunft erhältst, oder?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die folgenden Minuten fühlten sich wie eine Ewigkeit an. Die ‚Witze‘, die Grim erzählte, bewegten sich alle auf dem Niveau von: „Treffen sich zwei Jäger. Beide tot.“ Um genau zu sein, war das sogar einer der Witze, die er erzählte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber während das ganz und gar nicht meinen Humor traf, waren einige der Witze so bescheuert, dass ich fast lachen musste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Krampfhaft dachte ich an meine Mutter, wie sie im Rollstuhl neben mir saß. Der Doktor erklärte uns, dass er ALS selten so schnell hatte fortschreiten sehen. Aber es gäbe da Medikamente, die den Verlauf verzögern könnten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich kam erst wieder zurück ins Hier und Jetzt, als ich erneut strauchelte. Ich sah, wie Tränen meine Sicht verschleierten, und blinzelte sie schnell weg. Wenigstens war mir nicht mehr zum Lachen zu Mute, weshalb ich keine Probleme hatte, der weiteren Tirade aus Flachwitzen zu entgehen, bis wir endlich das Dorf erreichten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die bunten Lichter, die die Bäume und Häuser schmückten, schienen vor meinen Augen zu flimmern. Ich blinzelte mehrere Male, um den Schwindel zu vertreiben, aber er blieb hartnäckig. Auch bemerkte ich jetzt, wie schwer ich atmete. Obwohl ich nur einen kurzen Spaziergang hinter mir hatte, schnaufte ich wie nach einem Marathon. Blieb nur zu hoffen, dass mir an diesem Abend keine Menschen begegneten, die sich Sorgen um mich machten. Ich sah wahrscheinlich ziemlich scheiße aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zum Glück traf ich bis zum Friedhof lediglich einen Schneemann, der mich bei meinem Gang beobachtete. Als ein Windstoß einen der Fichtenäste, aus denen seine Arme bestanden, zum Schwingen brachte, kam es mir fast so vor, als würde er mir aufmunternd zuwinken. Den längsten Weg hatte ich hinter mir. Bis zur Kirche waren es nur noch ein paar wenige, gut ausgeleuchtete Meter. Nur noch vorbei an dem bereits erwähnten Friedhof.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Oh, guck mal! Ein Friedhof“, sagte Grim mit der Begeisterung eines Kindes beim Auspacken seiner Geschenke. „Sieh ihn dir genau an. Bald wirst du auch dort liegen!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich kam seiner Aufforderung bereitwillig nach, betrachtete jedes einzelne Grab genauer, das ich finden konnte. Nicht nur, weil ich fürchtete, einer der Toten könne mir einen unerwarteten Besuch abstatten, um mein Ritual aufzuhalten, sondern auch weil der Friedhof einer der wichtigsten Orte beim Årsgång war, an dem man Visionen empfangen konnte. Hier konnte ich sehen, wer aus meiner Gemeinde im kommenden Jahr stirbt. Sollte ich hier irgendwelche Hinweise auf meine Mutter finden, hätte ich wenigstens Gewissheit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zuerst bemerkte ich gar nichts. Mir fiel lediglich auf, wie schwierig es war, das Gleichgewicht zu halten, wenn ich mich nicht auf den Weg konzentrierte. Ich war schon kurz davor, die Visionen abzuschreiben, als ich einen Oberkörper sah. Es war Herr Anderson, ein alter Mann, den ich nur vom gelegentlichen Grüßen auf der Straße kannte. Er stand in einem flachen frisch ausgeschaufelten Grab und starrte mich aus emotionslosen Augen an. Würde er mich nicht mit seinen Augen verfolgen, hätte ich ihn bereits für tot halten können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hey! Sven! Wo siehst du wieder hin?“, drang erneut Grims Stimme an mein Ohr. „Du willst doch nicht stolpern und hinfallen, oder? Schau auf deine Füße!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber diesmal ließ ich mich nicht von ihm ablenken. Ich behielt den Blick weiter auf den Friedhof gerichtet, als ich plötzlich stockte. ‚Maja Holmquist 22.07.2017 &#8211; 13.02.2024‘ stand auf einem der Grabsteine. Als ich genauer hinsah, bemerkte ich den kleinen blonden Haarschopf, der kaum über das hüfttiefe Grab daneben hinausragte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Kloß bildete sich in meinem Hals, während meine Augen wieder feucht wurden. Ich kannte Maja. Aber vor allem kannte ich ihre Mutter, Jonna. Wir waren zusammen zur Schule gegangen. Und jetzt lastete das Wissen auf mir, dass ihre Tochter bald sterben würde. Ein Jahr, nachdem sie sich endlich von ihrem gewalttätigen Ehemann getrennt hatte und es mit ihrem Leben wieder bergauf zu gehen schien.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wischte eine Träne weg, die sich aus meinem Auge gelöst hatte. Erschrocken stellte ich dabei fest, wie sehr die Bewegung wehtat. Das wenige Gefühl, das ich in meinen halb erfrorenen Händen noch hatte, schien nur noch aus Schmerz zu bestehen. Wenn ich mich nicht beeilte, hatte ich bald größere Probleme als die tragische Zukunft eines Mädchens, an der ich nichts ändern konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem waren da noch immer mein Hunger und der unerträgliche Durst. Ich fühlte mich so schwach, dass ich mich am liebsten auf den Boden gelegt hätte und einfach eingeschlafen wäre. Dann würde es nicht lange dauern und all meine Probleme hätten bald ein Ende …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nein! Was dachte ich denn da? Das würde niemandem helfen! Weder mir noch meiner Mutter noch sonst wem. Nein. Ich musste weitergehen, hatte es schon so weit geschafft. Die Kirche lag fast direkt vor mir.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem wusste ich, dass ich noch lange nicht am Ziel war. Es überraschte mich, wie wenig das Übernatürliche bisher versucht hatte, mich von meinem Årsgång abzuhalten. Andererseits wusste ich, was ich als Nächstes tun musste. Danach lag mein Schicksal nicht mehr in Gottes schützender Hand …</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Fortsetzung folgt …</em></p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Årsgång (schwedisch für „Jahresgang“) ist eine alte schwedische Weissagungstechnik, die zu Heiligabend oder Silvester, seltener auch zu Midsommar, durchgeführt wurde.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Das Ritual:</h3>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Hinweis: Ich rate dringend davon ab, übernatürliche Rituale durchzuführen. Der Kontakt zur Geister- oder Dämonenwelt kann schwerwiegende Folgen mit sich bringen!</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei dem <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/rituale" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Ritual</a> handelt es sich um eine nächtliche Wanderung unter speziellen Bedingungen. Wenn man dabei alles richtig macht, offenbaren sich den Durchführenden hierbei Ereignisse des kommenden Jahres – man kann also in die Zukunft sehen. Es begegnen einem jedoch auch verschiedenste übernatürliche Wesen, die den Årsgång verhindern wollen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einigen Versionen soll das Ritual außerdem magische Kräfte und einen Sinn für das Übernatürliche verleihen. Daher wurden Menschen, die den Årsgång erfolgreich durchgeführt haben, gleichermaßen verehrt und gefürchtet.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Vorbereitung:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Bevor man das eigentliche Ritual des Årsgångs durchführen kann, muss man sich am Vortag komplett isolieren. Man muss tief in den Wald gehen, wo man weder sprechen noch etwas essen oder trinken darf. Außerdem darf man nicht in ein Feuer oder anderes Licht blicken und man darf niemandem von seinem Vorhaben erzählen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im modernen Kontext bedeutet das, dass man in der Zeit kein Handy, Tablet, Laptop, Radio o. Ä. benutzen darf und auch Taschenlampen oder andere Lichtquellen sollte man lieber zuhause lassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Durch den Tag in Dunkelheit und Isolation soll die durchführende Person zugänglich für die geistige Welt und das Übernatürliche werden.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Der erste Teil des Årsgångs:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Um Punkt Mitternacht muss man sich schließlich auf den Rückweg ins Dorf oder in die Stadt machen. Ab jetzt beginnt das eigentliche Ritual:</p>



<p class="wp-block-paragraph">Man muss zu Fuß zu einer Kirche gehen – entweder auf direktem Weg oder nachdem man vorher einige andere festgelegte Orte mit spiritueller Bedeutung wie z. B. Friedhöfe oder Kreuzungen abgegangen ist. So oder so sollte das Endziel immer die Kirche sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Währenddessen darf man weiterhin kein einziges Wort sagen, nicht lachen, keine Angst zeigen und nicht nach hinten Blicken. Auch darf man nicht von seinem zuvor festgelegten Weg abweichen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sollte man das nicht schaffen, kann das schwerwiegende Folgen haben. Oft werden die Konsequenzen nicht näher erläutert, aber es gibt Geschichten, in denen die Leute daraufhin wahnsinnig wurden, ein Auge oder ihre Sehkraft verloren, verstümmelt wurden oder für immer verschwunden sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sollte man den Årsgång trotzdem wagen, kann es auf dem Weg zur Kirche bereits zu ersten Visionen, aber auch zu ersten Begegnungen mit dem Übernatürlichen kommen. Wenn der Wandernde z. B. an Feldern vorbeigeht, kann er Visionen empfangen, wie gut oder schlecht die Ernte des kommenden Jahres sein wird. Auch kann er ggf. einen Beerdigungszug sehen, wodurch er von dem Tod einer oder mehrerer Personen erfahren kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">(Zugegeben: Beerdigungszüge sind in der heutigen Zeit eher ungewöhnlich. Allerdings könnte man, sofern man an einem Friedhof vorbeigeht, von Menschen erfahren, die im kommenden Jahr dort begraben werden.)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während die Visionen hingegen der gewünschte Effekt sind, kann es bei der Begegnung mit dem Übernatürlichen zu ersten Herausforderungen kommen. Das Übernatürliche soll nämlich alles daransetzen, den Årsgång zu unterbrechen. Hauptsächlich werden die verschiedensten Wesen versuchen, den Wandernden zu erschrecken, ihn zum Lachen zu bringen oder ihn vom Weg abzubringen – alles Dinge, die den Årsgång mit sofortiger Wirkung beenden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein beliebtes Motiv ist, dass man ein brennendes Haus sieht, manchmal sogar das eigene. Rennt man daraufhin los, um das Feuer zu löschen oder zu helfen, erkennt man, dass es nur ein Trick war. Der Årsgång ist gescheitert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Beispiel für eine lustige Situation, von der ich gelesen habe, beschreibt mehrere Ratten, die einen Karren mit Heu über eine Eisfläche ziehen. Eine der Ratten rutscht dabei auf dem Eis aus, fällt auf den Rücken und furzt dabei so laut, dass das Geräusch widerhallt. In der betreffenden Geschichte brach die Person daraufhin in Gelächter aus, wodurch auch sein Årsgång scheiterte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber es kann auch zu lebensbedrohlichen Begegnungen mit dem Übernatürlichen kommen. So kann man z. B. Wiedergängern, also Untoten, deren bloße Berührung den Tod bringt, <a href="https://www.geister-und-legenden.de/draugr" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Draugar</a>, <a href="https://www.geister-und-legenden.de/trolle-mythologie" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Trollen</a>, einer <a href="https://www.geister-und-legenden.de/skogsra" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Skogsrå</a> oder Bäckahästen begegnen.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Der zweite Teil des Årsgångs:</h4>



<p class="wp-block-paragraph"><em>(Hinweis: Dieser Teil des Årsgång kommt erst im zweiten Teil der Geschichte vor. Solltet ihr ohne Vorwissen an die Geschichte herangehen wollen, empfehle ich euch, diesen Abschnitt vorerst zu überspringen.)</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei der Kirche angekommen hat man die längste Strecke hinter sich, jedoch noch nicht die größte Herausforderung. Die Wandernden müssen hier beginnen, die Kirche dreimal oder siebenmal gegen den Uhrzeigersinn zu umrunden, während sie einem bestimmten Muster folgen. Z. B. müssen sie jedes Mal in das Schlüsselloch pusten oder hineinspähen, wenn sie an der Kirchentür vorbeikommen, oder durch jedes Kirchenfenster spähen, dass sie erreichen. In einer Quelle war sogar davon die Rede, ein Gebet dreimal rückwärts aufzusagen, ehe man in das Schlüsselloch pustet. Das Pusten in das Schlüsselloch symbolisiert übrigens, dass man seinen Glauben abgibt – wenn auch nur vorübergehend.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei den Umrundungen empfängt der Durchführende weitere Visionen – entweder auf dem Kirchgrundstück oder innerhalb der Kirche, wenn er hineinspäht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So kann er z. B. sehen, welche Leute im kommenden Jahr heiraten oder sterben, wenn er die Hochzeit oder Trauerfeier sieht. Sollte ein Friedhof auf dem Kirchgrundstück liegen, kann es außerdem passieren, dass der Wandernde neue Gräber sieht, in denen entweder eine noch lebende Person liegt, die im kommenden Jahr stirbt oder deren Name auf dem Grabstein steht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber Vorsicht: Viele Årsgång-Legenden erzählen davon, dass die Durchführenden ihren eigenen Tod für das kommende Jahr vorausgesehen haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Je mehr Runden man um die Kirche geht, desto klarer und häufiger sollen die Visionen werden, aber auch das Übernatürliche wird immer stärker versuchen, den Årsgång zu unterbrechen. Hierbei kann es auch zu physischer Gewalt und Mordversuchen kommen. Da, wie bereits erwähnt, sogar die bloße Berührung durch Untote und <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Geister</a> zu Unglück, Krankheit oder sogar Tod führen kann, muss man sich also sehr in Acht nehmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ist die Person kurz davor, das Ritual zu vollenden, soll schließlich Gloson, ein Geisterschwein, von dem ich im zweiten Teil des Weihnachts-Specials ausführlich berichten werde, als letzte Hürde auftauchen.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Nach dem Årsgång:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Hat man es geschafft, den Årsgång zu beenden, hat man in den Visionen die Zukunft seiner Gemeinde gesehen und dem Übernatürlichen getrotzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber obwohl man nun nach Hause gehen kann, heißt das nicht, dass man den Årsgång fortan ignorieren darf, denn das Wort „Jahresgang“ kommt nicht von ungefähr. Es ist eine jährliche Tradition, die die meisten Årsgång-Durchführenden jedes Jahr wiederholt haben. Dadurch sollen sie nicht nur mit jedem Jahr ihr Gespür für das Übernatürliche und ggf. ihre neugewonnenen magischen Fähigkeiten verstärkt haben, sondern auch die Gefahren des Årsgång können im Laufe der Jahre zunehmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ob die Personen den Årsgång jedes Jahr freiwillig aufs Neue durchgeführt haben oder es tun mussten, habe ich nicht herausfinden können. Zwar habe ich davon gelesen, dass man sonst seine magischen Fähigkeiten wieder verliert oder einem das Übernatürliche oder der Teufel persönlich einen Hausbesuch abstattet, aber die meisten Texte beschreiben lediglich den Årsgång selbst.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Allerdings gibt es einen Bericht von einem Mann, der das Ritual angeblich viele Jahre in Folge durchgeführt hat. Als er schließlich zu alt und schwach wurde, um sich dem Übernatürlichen zu widersetzen, ist er von seinem letzten Årsgång nie zurückgekehrt – er hat es also selbst dann nicht gewagt, den Årsgång ausfallen zu lassen.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Moderne Version:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Der Årsgång wird inzwischen nicht mehr wirklich praktiziert. Trotzdem habe ich eine moderne Version des Årsgångs gefunden. Sie ist deutlich ungefährlicher, da man keinen ganzen Tag allein im kalten Wald verbringt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Stattdessen muss sich die durchführende Person am Tag vor dem tatsächlichen Gang, also den Tag vor Heiligabend oder Silvester, komplett isolieren. Sie muss sich in einen abgedunkelten Raum setzen, darf nichts essen, nichts trinken und darf nicht sprechen. Auch hier bedeutet das natürlich, auf Handy, Tablet, PC, Radio, Fernseher usw. zu verzichten. Das Ziel dieser Isolation ist es, in eine Art meditativen Zustand zu gelangen, wodurch die Person zugänglicher für die geistige Welt und das Übernatürliche werden soll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sobald es Mitternacht wird, muss die Person schließlich das Haus verlassen und zur nächsten Kirche gehen. Ab hier sind das Ritual und die angeblichen Gefahren identisch.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die erste bekannte Erwähnung des Årsgångs findet sich in dem Manuskript „Småländska Antiqviteter“ (Småländische Antiquitäten). Sie wird auf ca. 1697 bis 1700 datiert und wurde von Petter Rudebeck verfasst.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Rudebeck bezeichnete den Årsgång in seinem Text als altes Ritual, was darauf hindeutet, dass er schon sehr viel älter als das Dokument sein könnte. Andererseits gibt es keinerlei Hinweise, dass bereits vor dem 17. Jahrhundert auch nur ein einziger Årsgång stattgefunden hat. Daher gibt es die Theorie, dass es sich bei dem Årsgång lediglich um eine recht alte urbane Legende handelt, die um die Zeit der ersten Erwähnungen erfunden wurde. Es ist aber auch durchaus möglich, dass er bis dahin hauptsächlich mündlich überliefert wurde und ältere Texte lediglich noch unentdeckt sind oder nicht bis heute überdauert haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Jahr 2013 ist außerdem ein Videospiel namens „Year Walk“ für iOS-Geräte herausgekommen, das den Årsgång thematisiert. Inzwischen gibt es das Spiel auch für den PC.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von dem Årsgång? Würdet ihr euch trauen, ein solches Ritual durchzuführen? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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		<title>Draugr – Öffne nicht sein Grab!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 14 Feb 2022 14:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>„Ich bitte Sie“, erwiderte die Fremde in gefasstem Tonfall. „Ich habe schon Dutzende Ausgrabungen geleitet. Bisher hat sich noch kein Toter beschwert.“ Sie lachte leise über ihrem Witz, doch Oddvar schien das gar nicht zu gefallen.<br />
„Du bringst Unheil über das ganze Dorf!“, schrie er sie an. „Du bringst uns alle in Gefahr!"</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg08.met.vgwort.de/na/d96d6961050f44948ef2ca9237ef5823" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Ein Draugr ist ein Untoter der nordischen Mythologie. Vielleicht kennt ihn bereits aus Videospielen, Büchern oder Fernsehserien.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie versprochen hat die Geschichte dieses Mal übrigens Überlänge.<br>Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen (Achtung Spoiler!) </strong></summary>
<p>&#8211; Blut<br>
&#8211; explizite Darstellung körperlicher Gewalt<br>
&#8211; Tod</p></details>



<h2 class="wp-block-heading" id="die-geschichte">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">„Bitte sehr“, sagte ich freundlich, während ich der Fremden an meinem Tresen ein Bier hinstellte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Danke“, erwiderte sie, gefolgt von einem breiten Lächeln. Sie nahm einen großen Schluck.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es kam nicht häufig vor, dass sich Fremde in unseren kleinen Ort verirrten. Noch seltener aber war es, dass jemand meinen Gasthof nicht nur als Kneipe nutzte, sondern tatsächlich hier übernachtete. Meinen Lebensunterhalt verdiente ich jedenfalls an meinen Stammkunden, die allesamt im Ort wohnten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Also“, sagte ich freundlich, „was treibt eine bezaubernde junge Dame wie Sie in unser bescheidenes Örtchen? Besuchen Sie jemanden?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frau lachte über das Kompliment – die Fältchen in ihrem Gesicht und die vereinzelten grauen Haare verrieten mir, dass sie nicht mehr oft ‚junge Dame‘ genannt wurde. „Sie schmeicheln mir“, sagte sie. Ich hörte einen deutschen Akzent heraus, ansonsten war ihr Norwegisch fließend. Sie musterte mich einen Moment abschätzend, bevor sie auf meine Frage antwortete. „Ich bin beruflich hier. Kennen Sie das alte Hügelgrab, das hier kürzlich entdeckt wurde?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Pah! Entdeckt“, meldete sich ein Mann am äußeren Ende des Tresens zu Wort. Das war Oddvar, einer der Stammalkis. Er lallte ein wenig. „Selbst mein Großvater wusste schon, dass das kein einfacher Hügel war!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Fremde sah ihn irritiert an, dann sah sie hilfesuchend zu mir. Scheinbar wusste sie nicht, was sie darauf antworten sollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich lachte freundlich. „Beachten Sie ihn gar nicht. Oddvar ist einer meiner besten Kunden“, erklärte ich mit vielsagendem Blick.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Allerdings wusste auch ich schon seit meiner Kindheit, dass der Hügel in Wirklichkeit eine Grabstätte war. Das war im Ort kein Geheimnis, trotzdem schien es erst kürzlich zur Außenwelt durchgedrungen zu sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sie sind also Archäologin? Ich habe gehört, dass man eine Gruppe herschicken wollte, um das Grab untersuchen zu lassen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frau setzte sich gerade hin und warf sich stolz in die Brust. „Ich bin nicht nur eine Archäologin, ich leite die Ausgrabungen. Wir wollen &#8230;“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weiter kam sie nicht, da Oddvar sich wieder zu Wort meldete. „Ausgrabungen? Du willst das Grab doch wohl nicht ausgraben!?“ Inzwischen war er aufgestanden und torkelte auf sie zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihr bisher so freundliches Lächeln wurde nervös, während sie mir wieder einen hilfesuchenden Blick zuwarf. Ich eilte unterdessen um den Tresen, um Oddvar zu stützen, bevor er hinfallen oder einen Streit anfangen konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Doch“, sagte die Fremde zögerlich. „Deswegen sind wir hier. Gibt es ein Problem?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ein Problem?“, lallte Oddvar laut. „Natürlich habe ich damit ein Problem. Weißt du nicht, was da schlummert? Die Toten sollten in Ruhe gelassen werden!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich bitte Sie“, erwiderte die Fremde in gefasstem Tonfall. „Ich habe schon Dutzende Ausgrabungen geleitet. Bisher hat sich noch kein Toter beschwert.“ Sie lachte leise über ihrem Witz, aber Oddvar fand das gar nicht komisch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du bringst Unheil über das ganze Dorf!“, schrie er sie an. „Du bringst uns alle in Gefahr! Der Draugr, er &#8230;“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Das reicht jetzt! Du hast genug getrunken“, unterbrach ich ihn mit fester Stimme. „Du weißt, ich hab dich immer gerne hier, aber wenn du meine Gäste anbrüllst, musst du gehen!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Oddvar wollte etwas erwidern, aber als er meinen warnenden Blick sah, gab er kleinlaut bei. „Ist ja gut, ist ja gut. Ich geh ja schon.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wollte ihn stützen, während ich ihn nach draußen begleitete, doch er schlug meine Hände weg. Also folgte ich ihm in den Schnee.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wenn du nicht allein nach Hause gehen willst, fahr ich dich schnell“, schlug ich vor. Zwar war seine Hütte, obwohl sie außerhalb des Dorfs lag, nicht zu weit entfernt, aber bei seinem Zustand wollte ich es wenigstens anbieten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Der Tag, an dem ich nicht mehr allein nach Hause komme, ist der Tag, an dem du mich begraben kannst“, lehnte er auf seine schroffe Art ab. „Aber &#8230;“, sagte er etwas ruhiger, während er mich am Hemd packte und grob zu sich zog. „Versprich mir bitte, dass du sie damit nicht durchkommen lässt. Sie darf das Grab nicht öffnen!“ Sein Atem stank nach Alkohol.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich seufzte. „Ich werd’s versuchen“, log ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einen Moment hielt er mich noch fest und atmete mir dabei ins Gesicht. Dann nickte er, ließ mich los und torkelte langsam davon.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich mein Hemd glattstrich, sah ich ihm nachdenklich nach. Ich hasste es, Leute anzulügen, aber anders wäre ich ihn wohl nicht losgeworden. Außerdem hatte er das Gespräch morgen eh wieder vergessen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit einem Seufzen drehte ich mich um und ging zurück nach drinnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Verzeihen Sie bitte sein Benehmen“, entschuldigte ich mich bei der Archäologin. „Er weiß manchmal nicht, wann Schluss ist.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie lächelte wieder ihr freundliches Lächeln. „Ach, machen Sie sich keine Sorgen. Sie können ja nichts dafür.“ Dann zögerte sie. „Aber eine Frage hätte ich da. Wissen Sie, was dieser Drauger ist, von dem der Mann gesprochen hat?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Draugr ohne e“, korrigierte ich sie. „Aber machen Sie sich darum keine Sorgen: Die Draugar gibt es nur in alten Märchen, die man sich hier in der Gegend erzählt. Ich weiß nur, dass sie &#8230;“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Klingeln eines Telefons schnitt mir das Wort ab.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Archäologin guckte entschuldigend, während sie in ihrer Handtasche kramte. Sie holte ein altes Klapphandy hervor. „Ja bitte? Hmm? Wie bitte?“ Sie hielt sich das andere Ohr zu. „Ich versteh dich ganz schlecht. Hallo? Hallo?“ Mit gerunzelter Stirn klappte sie ihr Handy zu und steckte es zurück in die Handtasche. „Das war unser Techniker“, erklärte sie. „Mein Team übernachtet in Wohnwagen beim Hügelgrab. Irgendetwas ist passiert, aber die Verbindung war zu schlecht. Ich gehe wohl besser nachsehen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich nickte ihr kurz zu. „Alles klar. Lassen Sie ihr Bier ruhig stehen, ich hab ein Auge darauf, bis Sie zurück sind“, bot ich an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie lächelte dankbar. Dann machte sie sich mit einem flüchtigen „hoffentlich bis gleich“ auf den Weg.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als sie weg war, wurde es still in der Bar. Normalerweise unterhielt ich mich um die Uhrzeit mit Oddvar, aber den hatte ich heute ja rausgeschmissen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Stattdessen saßen in meinem Gasthof nur noch zwei Leute: Agnes, die müde in ihr Getränk starrte, und ihr Mann Sven, der mit dem Kopf auf der Tischplatte eingeschlafen war. Er schnarchte leise.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bald hatte Agnes ihr Glas geleert. Sie kam an die Bar, um zu zahlen, und gab mir ein etwas mageres Trinkgeld. Anschließend weckte sie ihren Mann, um mit ihm nach Hause zu gehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt war ich ganz allein. Ich räumte die leeren Gläser weg, während ich wartete. Als ich fertig war, war die Archäologin immer noch nicht zurück. Gelangweilt lehnte ich mich an die Theke und starrte ihr gerade einmal angefangenes Bier an. Ich überlegte bereits, ob ich es wegkippen und ihr dafür morgen ein neues anbieten solle, damit ich endlich ins Bett konnte, als draußen ein Wagen vorfuhr. Es klang so, als hätte er eine Vollbremsung gemacht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann ertönte das Knallen einer Autotür dicht gefolgt von dem hastigen Aufreißen und Schließen meiner Eingangstür. Es war die Archäologin. Ihr schneller Atem und die weit aufgerissenen Augen versetzten mich sofort in Alarmbereitschaft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ist etwas passiert?“, fragte ich, während ich zu ihr rannte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mein Team &#8230; Die Wohnwagen. Es war völliges Chaos! Da war &#8230; Da war &#8230;“, ihre Worte überschlugen sich. Bei ihrem Akzent konnte ich kaum etwas verstehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Immer mit der Ruhe“, sagte ich. „Was ist passiert? Soll ich die Polizei oder einen Arzt rufen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frau schüttelte heftig den Kopf. „Nein &#8230; Nein! Da war &#8230; Ich glaube, da war ein Draugr!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ungläubig starrte ich sie an, während mein Kopf versuchte, das Gesagte zu verarbeiten. Sie war eine Frau der Wissenschaft. Und wie ein Spaßvogel wirkte sie nicht gerade. Hatte ich sie falsch verstanden?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was genau haben Sie gesehen?“, fragte ich möglichst ruhig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ehe die Frau jedoch antworten konnte, hörte ich draußen eine Scheibe zerbersten. Im selben Moment ging ein Autoalarm los.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ohne große Umschweife riss ich die Tür auf. Was ich dort sah, konnte ich nur als furchteinflößend beschreiben: Ein Wesen, das wie ein bleicher, völlig abgemagerter Mann in mittelalterlicher Kleidung aussah, zog gerade ein rostiges Schwert aus der zersplitterten Heckscheibe eines roten PKWs. Im nächsten Moment schlug es mit seiner Faust auf das Dach. Es verbog sich mit einem hässlichen Knirschen und weiterem zerberstendem Glas, als wäre ein ganzer Baum auf das Auto gestürzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann hob das Wesen seinen Kopf und sah uns mit toten Augen an. Ich starrte das abgemagerte Gesicht, die viel zu blasse, leicht bläuliche Haut, die völlig vertrocknet aussah, und die lumpige Kleidung an – ein Draugr. Aber das war nicht möglich!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Augen waren anderer Meinung. Und auch mein restlicher Körper setzte sich sofort in Bewegung, als der Draugr einen Schritt auf uns zukam. Ehe ich wusste, was ich tat, hatte ich die Tür zugeschlagen. Ich packte die Archäologin beim Arm und sprintete mit ihr los. Sie leistete keinen Widerstand. Wir rannten hinter den Tresen, durch die Tür in die leere Küche und weiter zum Hinterausgang. Ein Rumpeln gefolgt von einem lauten Knall war zu hören. Ich konnte nur vermuten, dass das meine Eingangstür gewesen sein musste, die aus den Scharnieren gebrochen wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während wir nach draußen eilten, schlug mir wieder die Kälte entgegen. Der knöchelhohe Schnee knirschte unter unseren Füßen, während wir rannten. Ich hatte kein Ziel im Kopf. Meine Wohnung befand sich im Gasthof und wenn wir zu einem der Häuser rannten, würden wir andere Leute in Gefahr bringen. Zumindest so lange, bis wir den Draugr abhängen konnten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also rannten wir in den Wald, der das Dorf umgab. Zu weit durften wir uns nicht hinaustrauen – abgesehen von Wölfen wartete dort nur der sichere Kältetod – aber wenigstens konnten wir uns dort verstecken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach einigen hundert Metern merkte ich, dass die Archäologin allmählich langsamer wurde. Mehr und mehr musste ich an ihrem Arm ziehen. Anscheinend war sie den tiefen Schnee nicht gewohnt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hier“, zischte ich ihr zu, als wir an einer besonders dicken Tanne vorbeikamen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sanft aber bestimmt zog ich sie unter die tiefhängenden Äste. Schnee rieselte auf uns herab, während wir uns darunter dicht an den Stamm pressten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir gaben keinen Mucks von uns, achteten auf jedes Geräusch. Doch abgesehen vom leisen Heulen des Windes und unseren schnellen, regelmäßigen Atemzügen hatte sich Stille über den Wald gelegt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es vergingen mehrere Minuten, bis sich die Archäologin wieder traute, etwas zu sagen. „Sie sind ja völlig am Zittern“, flüsterte sie mit besorgtem Blick.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt bemerkte ich es auch. Die Kälte hatte sich bis in meine Knochen geschlichen. Meine Hände fühlten sich fast völlig taub an und der dünne Stoff meines Hemdes brachte fast gar keinen Schutz.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort zog die Archäologin einen Arm aus ihrer Jacke und legte sie halb um mich, um mich zu wärmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich zwang mich zu einem schüchternen Lächeln. „Danke“, hauchte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie erwiderte das Lächeln, auch wenn es sehr gezwungen aussah. „Anne“, flüsterte sie knapp. „Mein Name ist Anne.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Henrik“, erwiderte ich genauso leise.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich weiß nicht, wieso wir uns unterhielten – es war ziemlich riskant – , aber ich schätze, wir wollten uns irgendwie ablenken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Weißt du, Henrik, ich arbeite jetzt fast 40 Jahre als Archäologin, aber noch nie zuvor habe ich einen Geist gesehen“, flüsterte Anne.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Draugr sind Untote“, flüsterte ich zurück. „Keine Geister.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du meinst ein Zombie hat mich gerade quer durch das Dorf verfolgt?!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Klingt ein Geist etwa besser?“ Trotz allem, der Kälte, der Angst, meiner völligen Überforderung, musste ich schmunzeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch der kurze Moment der Unbeschwertheit hielt nicht lange an. Er wich sofort wieder Panik, als Anne plötzlich aufhorchte und den Zeigefinger hob. Hatte sie etwas gehört?</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Knirsch</em>, ertönte es leise. <em>Knirsch</em>. Langsame Schritte im Schnee. Schwer und schleppend. <em>Knirsch</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sämtliche Instinkte in mir schrien danach, wegzurennen. Trotzdem zwang ich mich, einen kühlen Kopf zu bewahren. Aus welcher Richtung kamen die Schritte? Wie nah waren sie? Und vor allem: Kamen sie auf uns zu?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es dauerte noch einige Sekunden, bis ich sie zuordnen konnte. Sie kamen von rechts, etwa die Richtung, aus der auch wir gekommen waren. Und ja, sie kamen näher.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Knirsch</em>. Anne und ich hielten fast gleichzeitig den Atem an. <em>Knirsch</em>. Mein Magen krampfte sich zusammen. <em>Knirsch</em>. Die Schritte waren jetzt ganz nah. Ein leicht modriger Geruch, wie von einem verwesenden Tier drang an meine Nase. <em>Knirsch</em>. Anne entfuhr ein ängstliches Winseln, bevor sie aufsprang und losrannte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Anne!“, fluchte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was tat sie denn? Wir durften uns auf keinen Fall aufteilen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Panisch sprang ich hinterher. Als auch ich den Schutz der Äste verlassen hatte, sah ich, wie Anne wie ein ängstliches Reh in Schockstarre verfallen war. Direkt vor ihr stand der Draugr. Er sah sie mit seinen kalten Augen an. Sein rostiges Schwert hob sich zum Schlag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Verstand setzte aus. Ich merkte nicht einmal, wie ich auf Anne zusprintete, um sie aus dem Weg zu stoßen. Erst, als nicht mehr sie dem Draugr gegenüberstand, sondern ich, realisierte ich, was geschehen war. Die rostige Klinge raste auf mich zu. Schützend riss ich die Arme vor mich.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Fump</em>. Ein dumpfes Geräusch ertönte hinter mir. Auch wenn der Draugr nicht eine Miene verzog, hätte ich schwören können, dass seine glanzlosen Augen genauso ungläubig auf den rostigen Schwertstummel in seiner Hand starrten, wie ich. Die Klinge war knapp über dem Griff abgebrochen. Der Großteil von ihr lag jetzt irgendwo hinter mir im Schnee.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Renn los!“, kreischte Anne mich an. Jetzt war es an ihr, mich am Arm zu packen und mit sich zu ziehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während wir rannten, sah ich, wie der Draugr mit einem Röcheln seinen Schwertgriff in den Schnee warf. Dann nahm er die Verfolgung auf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Warte! Wir müssen ins Dorf zurück. Wir überleben die Nacht hier draußen nicht“, rief ich keuchend.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Das ist deine Heimat. Wohin sollen wir?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich dachte fieberhaft nach, aber mir fiel nichts ein. Die Leute würden alle schon schlafen. Außerdem hatte niemand eine Waffe, außer &#8230;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Der alte Oddvar!“, rief ich. „Er wohnt in einer Hütte im Wald!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Der Trunkenbold?“, erwiderte Anne. „Bist du sicher?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Er hat eine Waffe. Und wenn jemand weiß, wie man mit einem Draugr umzugehen hat, dann er.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das schien Anne zu genügen. Sie leistete keine Widerworte mehr, sondern hielt sich – ihre Hand inzwischen krampfhaft in meinen Arm gekrallt – dicht an meinen Fersen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein flüchtiger Blick nach hinten verriet mir, dass der Draugr zwar noch immer hinter uns war, wir aber einen guten Vorsprung bekommen hatten. Wenn wir es bis zu Oddvar schafften, hatten wir eine Chance!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Noch während ich dabei war, meinen Blick wieder nach vorne zu wenden, bemerkte ich, dass der Draugr im Rennen nicht uns, sondern den Schnee vor sich anstarrte. Die Spuren! Aber natürlich: Der Draugr verfolgte unsere Spuren. Wir hätten uns hier draußen nirgends vor ihm verstecken können!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich geriet mehr und mehr außer Atem. An Annes immer unregelmäßiger werdenden Schritten merkte ich, dass es ihr nicht besser ging. Aber noch trieb uns das Adrenalin voran.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hektisch starrte ich in der Dunkelheit hin und her. Schnee, Bäume, noch mehr Schnee. Irgendwo in dieser Richtung musste die Hütte doch sein. Hatten wir sie verfehlt? Aber nein: Es dauerte nicht lange, bis in der Ferne einige Lichter auftauchten. Es war Oddvars Hütte. Und wie es aussah, war er noch wach!</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Oddvar!“, brüllte ich. „Oddvar!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anne schloss sich mir sofort an. Wie zwei Wahnsinnige brüllten wir völlig außer Atem wieder und wieder seinen Namen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst, als wir schon fast bei der Haustür waren, öffnete sie sich. Oddvar stand in nichts als einer weißen Unterhose vor uns, ein Gewehr im Anschlag. Die misstrauischen Augen auf uns geheftet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wer ist da? Was wollt ihr hier?“, rief er. Er klang noch betrunkener als vorhin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anne und ich blieben schlitternd stehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du?!“, sagte er wütend. Er richtete den Lauf auf Anne, die augenblicklich ihre Hände hob.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Bitte! Nicht!“, keuchte sie außer Atem.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Oddvar, wir brauchen Hilfe. Hinter uns &#8230;“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich brauchte den Satz nicht zu beenden. Oddvar riss die Augen auf und seine Waffe herum. Fast sofort fiel ein Schuss.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Knall raubte mir einen Moment die Orientierung. Reflexartig riss ich die Hände an meine klingelnden Ohren. Dann drehte ich mich um.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Draugr stand keine fünf Meter hinter uns. Den Kopf hatte er gesenkt, seinen Blick auf das kleine, unscheinbare Loch in seiner Brust gerichtet. Aus seiner vertrockneten Haut kam kein einziger Tropfen Blut.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Fast ungläubig hob der Untote seine Hand. Er schob seinen knochigen Zeigefinger durch das Loch in der Kleidung einige Zentimeter in seine Brust hinein. Mit einem wütenden Röcheln zog er ihn wieder heraus und hob seinen Kopf. Jetzt starrte er Oddvar direkt an. Ich hatte das Gefühl, Hass in seinen gefühlskalten Augen zu erkennen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bedrohlich ging er auf ihn zu. Schnell feuerte Oddvar noch einen Schuss ab. Dann noch einen. Und noch einen. Selbst in seinem betrunkenen Zustand war er ein verdammt guter Schütze.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch die Schüsse schienen den Draugr nicht einmal zu kümmern. Zwar zuckte er jedes Mal zusammen, wenn eine weitere Kugel ihn traf, aber es war wohl bloß die Wucht des Aufpralls. Er schien keinerlei Schmerz zu empfinden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als der Draugr sich uns nährte, wich ich schnell einige Schritte zurück. Aber er nahm uns gar nicht mehr wahr. Seine ganze Aufmerksamkeit galt nun Oddvar.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es dauerte nicht lange, bis er ihn erreicht hatte. Der alte Mann versuchte noch, die Tür zuzuschlagen, doch der Draugr stieß sie mit einer schnellen Bewegung seines Arms wieder auf, als wäre sie aus Pappe. Er stürzte sich mit ausgestreckten Händen auf Oddvar.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nein!“, schrie ich entsetzt. Ich wusste nicht, was ich erwartet hatte, aber wenn Oddvar jetzt starb, wäre es meine Schuld. Ich hatte den Draugr zu ihm geführt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bevor ich überlegen konnte, welche Gründe dagegen sprachen, nahm ich Anlauf und stürzte mich auf den Untoten. Erst versuchte ich, ihn zu Boden zu werfen. Als das nicht klappte, klammerte ich mich an ihn. Der modrige Geruch nach Verwesung war jetzt so intensiv, dass er mir Tränen in die Augen trieb.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für einen Moment hatte ich Hoffnung, dass ich tatsächlich etwas ausrichten konnte, Oddvar genug Zeit zum Fliehen verschaffen würde, aber als der Draugr sich aufrichtete, merkte ich, wie sehr ich mich irrte. Ich war nicht mehr als ein Kleinkind, das es mit einem Bären aufnehmen wollte. Mit einem kräftigen Stoß seines linken Ellenbogens stieß er mich von sich. Ich flog mehrere Meter durch die Luft, bis mein Aufprall vom Schnee gebremst wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anne rannte sofort zu mir. „Henrik, alles in Ordnung?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ohne ihr zu antworten, rappelte ich mich auf. Ich wollte mich ein weiteres Mal auf den Draugr stürzen, auch wenn ich tief in meinem Inneren wusste, dass es nichts bringen würde, doch Anne hielt mich auf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nein! Nicht. Es ist zu spät! Wir müssen hier weg!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst wollte ich sie ignorieren. Ich wollte nicht zulassen, dass Oddvar etwas zustieß. Auch wenn ich dafür mein eigenes Leben in Gefahr brachte. Dann sah ich jedoch das ganze Blut: Die Tür, der Boden, der Schnee, alles war von Blutspritzern übersät.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Draugr schlug in Rage wieder und wieder auf Oddvar ein, der reglos unter ihm lag. Als der Untote dann auch noch seine Hand durch Oddvars Bauchdecke rammte und irgendetwas aus ihm herausriss – wahrscheinlich seinen Darm –, drehte ich mich um. Wir mussten hier weg!</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Versuch, in unsere alten Spuren zu treten. Vielleicht können wir so etwas Zeit gewinnen“, befahl ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anne gehorchte sofort. So schnell sie konnte, lief sie vor mir her, immer darauf bedacht, in meine oder ihre Fußspuren im Schnee zu treten. Ich war ihr dicht auf den Fersen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wir müssen bloß Zeit gewinnen“, erklärte ich, inzwischen wieder völlig außer Atem. „Draugar wagen sich nur nachts aus ihren Gräbern. Bei Tagesanbruch ist der Spuk vorbei.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aus Annes Schweigen deutete ich, dass sie verstanden hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es dauerte nicht lange, bis wir den Gasthof erreichten. Schnee war durch die offene Hintertür hineingeweht und blockierte das Holz. So schnell wir konnten, fegten wir ihn mit Händen und Füßen beiseite, um die Tür zu schließen. Dann gingen wir nach vorn.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einen Moment betrachtete ich entsetzt das Chaos: Die Eingangstür lag einige Meter von ihrem zersplitterten Rahmen entfernt auf dem Boden. Der Schnee, der durch den Eingang geweht war, war größtenteils geschmolzen und bildete nun schlammige Pfützen auf den Holzdielen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schluckte den Schock hinunter und machte mich daran, einen der Tische umzukippen. Zusammen schoben wir ihn vor das Loch am Eingang und stapelten einige Stühle darüber. Das würde zwar nichts gegen die Kälte bringen, aber wenigstens würden wir hören, wenn der Draugr durch den Vordereingang in den Gasthof wollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wo verstecken wir uns?“, fragte Anne nervös. Sie sah sich in der Kneipe um, schien aber keinen geeigneten Ort zu finden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wir gehen nach oben zu den Zimmern“, erklärte ich. „Sollte der Draugr die Treppe hochkommen, können wir den Notausgang nehmen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie folgte mir stumm. Zwar konnte ich ihr ansehen, dass sie nicht sonderlich begeistert von dem ‚Versteck‘ war, aber was hatten wir für andere Optionen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir versteckten uns in Zimmer 5, wo wir uns auf den harten Holzboden direkt neben der Tür setzten. Die Tür ließen wir einen Spaltbreit offen, damit ich in den Flur spähen konnte. Außerdem würden wir so keine Geräusche machen, wenn wir das Zimmer verlassen mussten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann warteten wir. Und warteten. Und warteten. Sekunden fühlten sich an wie Minuten, Minuten wie Stunden, Stunden wie Tage. Irgendwann merkte ich, wie Annes Kopf auf meine Schulter fiel. Sie war eingeschlafen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz betrachtete ich sie lächelnd. Sie war nicht mehr die Jüngste. Um ehrlich zu sein fand ich es erstaunlich, wie jemand in ihrem Alter so lange durchgehalten hatte. Ich ließ sie schlafen. Wache konnte ich auch gut allein halten. So dachte ich zumindest. Aber mein Adrenalin war schon lange verflogen. Erschöpfung und Müdigkeit hatten sich in meinem Körper ausgebreitet und meine einzige Beschäftigung war es, Annes langsamen Atem zu lauschen. Und so dauerte es nicht lange, bis auch meine Augen zugefallen waren.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Rumms</em>. Erschrocken fuhr ich hoch. <em>Rumms</em>. Ich sah zu Anne, die noch immer seelenruhig schlief. <em>Knack</em>. Von hier oben aus klangen die Geräusche unscheinbar, fast ungefährlich, aber ich wusste, dass gerade jemand die Hintertür aufgebrochen hatte – oder besser gesagt etwas.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Anne“, flüsterte ich. Ich schüttelte sanft an ihrer Schulter. „Er ist hier!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihre Augen, die mich eben noch müde angeblinzelt hatten, waren jetzt weit aufgerissen. Angst funkelte in ihnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann hörten wir schwere Schritte. Angestrengt starrte ich in die Dunkelheit im Flur. Waren sie schon auf der Treppe oder noch im Erdgeschoss?</p>



<p class="wp-block-paragraph">So leise es ging, richteten wir uns auf, ohne den Flur aus den Augen zu lassen. Noch war er leer.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Krach</em>. Von unten war ein lauter Knall und Gerumpel zu hören. Kurz herrschte Stille, dann rumpelte es weiter. Holz knackte und splitterte. Es klang, als würde jemand den ganzen Gasthof auseinandernehmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich brachen die Geräusche ab. Kein Gerumpel mehr, kein Knacken, nicht einmal Schritte waren zu hören. Erst jetzt merkte ich, dass ich den Atem angehalten hatte. Mit einem tiefen, langsamen Atemzug atmete ich aus. Ich wollte jetzt bloß keine Geräusche machen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem einige Minuten nichts mehr passiert war, sah ich Anne irritiert an. War der Draugr weg?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vorsichtig zog ich die Tür weiter auf. Ich trat einen Schritt auf den Flur, was Anne ein geflüstertes „Henrik, nicht!“ entlockte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich ignorierte sie. Stattdessen schlich ich den Flur entlang. So leise ich konnte, ging ich zur Treppe und spähte hinunter. Ich sah umgekippte Stühle, ein Tisch, der nur noch drei Beine hatte, sogar ein zerbrochenes Trinkglas, von dem ich keine Ahnung hatte, wo es herkam, aber von dem Draugr fehlte jede Spur.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während Anne oben an der Treppe stehenblieb, schlich ich hinunter, bereit, jede Sekunde umzudrehen. Der Tisch und die Stühle – so erkannte ich jetzt – waren die, die wir vor dem Eingang gestapelt hatten. Der Draugr musste also gegangen sein. Aber wieso?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst, als ich vorsichtig nach draußen ging, erkannte ich es.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Anne!“, rief ich. „Anne! Die Sonne geht auf!“ Tränen schossen mir in die Augen, als ich den hellen Streifen am Himmel sah.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anne eilte sofort zu mir. Sie atmete erleichtert, fast ungläubig aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Noch nie in meinem Leben war ich so froh gewesen, den Sonnenaufgang zu sehen. Wir hatten die Nacht überlebt. Der Draugr war verschwunden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie ich später herausfand, waren wir die einzigen Überlebenden, die den Draugr gesehen hatten. Das restliche Dorf und die Polizei kannten nur die offizielle Variante: Ein Tier hatte das Archäologenteam überfallen und Oddvar getötet. Daran gab es für sie keine Zweifel. Und ich habe die wahre Geschichte bis heute niemandem erzählt. Wer würde mir auch glauben?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Stattdessen haben Anne und ich alles so gut vertuscht, wie wir konnten. Sie hatte versprochen, das Grab wieder zu verschließen und ihre Spuren zu verwischen. Sie wollte dafür sorgen, dass kein anderer Archäologe jemals von dem Hügelgrab erfuhr.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das alles ist jetzt über zehn Jahre her. All die Jahre war es gut gegangen. Aber jetzt, so hatte Anne mir gerade am Telefon gesagt, war ein neues Archäologenteam auf dem Weg in unser kleines Dorf. Sie wollten das Hügelgrab untersuchen.</p>



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<h2 class="wp-block-heading" id="die-legende">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Draugr (Plural &#8222;Draugar&#8220;) ist ein <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Untoter</a> der skandinavischen Mythologie. Oft handelt es sich um wiederauferstandene Wikinger.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie lassen sich in Landdraugr und in Meerdraugr unterteilen, unterscheiden sich jedoch fast nur in Aussehen und ihrer Grabstätte – entweder einem Grab, Grabhügel etc. oder dem Meer.</p>



<h3 class="wp-block-heading" id="aussehen">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Draugar sehen größtenteils menschlich aus. Je nach Erzählung können ihre Körper jedoch völlig abgemagert oder aufgebläht sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem hat ihre Haut eine ungesunde blau-gräuliche, bleiche oder schwarze Farbe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Den meisten Draugar sieht man ihre Todesursache an. Sind sie in der Schlacht gestorben, ist ihr Körper häufig von blutigen Wunden übersät. Sind sie hingegen ertrunken, sind ihreKörper, ihre Kleidung und ihre Haare nass.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da Draugar oft untote Wikinger waren, wurden sie mit alltagstauglicher Kleidung und ihren Waffen begraben, die sie daher meist mit sich führen.</p>



<h3 class="wp-block-heading" id="entstehung">Entstehung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt verschiedene Möglichkeiten, durch die Verstorbene zu einem Draugr werden sollen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Oft heißt es, dass die Draugar vor ihrem Tod schlechte Menschen oder Unruhestifter waren. In seltenen Fällen reichte es auch, wenn sie bloß unbeliebt waren. Auch egoistische Menschen, die sich geweigert haben, in die Welt der Toten überzugehen, sollen zu einem Draugr geworden sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein weiterer häufiger Grund, wie Draugar entstanden sein sollen, ist, indem sie im Sitzen oder Stehen begraben wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Seltener sollen auch andere Faktoren wie Flüche oder der Tod durch einen anderen Draugr eine Rolle spielen.</p>



<h3 class="wp-block-heading" id="eigenschaften">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Auch hier gibt es verschiedene Arten von Draugar, die sich unterschiedlich verhalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die meisten Draugar werden als Grabwächter beschrieben. Sie bewachen also die Hügelgräber und die Schätze, mit denen sie begraben wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Art von Draugr ist oft harmlos, sofern man das Grab versiegelt lässt oder es zumindest nicht betritt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt aber auch andere Draugar, die es auf Menschen abgesehen haben. Sie sind sehr viel gefährlicher, da sie nachts ihre Gräber verlassen, um nach Menschen zu suchen. Wenn sie einen Menschen finden, treiben sie mit ihm Schabernack, ängstigen ihn, machen ihn im wahrsten Sinne des Wortes wahnsinnig oder versuchen, ihn zu töten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In manchen Sagen werden ihre Opfer dadurch selbst zu einem Draugr, wodurch die Gefahr immer größer wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Generell verfügen Draugar über menschliche Intelligenz und stinken nach Tod und Verwesung. Sie besitzen übermenschliche Stärke, was sie noch bedrohlicher macht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem besitzen sie manchmal magische Fähigkeiten:</p>



<p class="wp-block-paragraph">So soll es Draugar geben, die sich durch Erde und Stein bewegen können, um ihr Grab zu verlassen, aus dem Nichts aufzutauchen oder zu fliehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Manchmal heißt es auch, dass sie gegen herkömmliche Waffen immun seien und zum Beispiel nur mit Waffen aus reinem Eisen verletzt werden können. Zudem fühlen sie keinen Schmerz und sind unerbittliche Kämpfer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Andere, seltener aufgeführte Fähigkeiten sind beispielsweise die Fähigkeit, Menschen zu verfluchen, nach Belieben ihre Körper zu vergrößern oder sich in Tiere verwandeln zu können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und als ob all das es nicht bereits schwer genug machen würde, einen Draugr zu töten, heißt es außerdem, dass sie nur dann sterben, wenn sie – je nach Sage – geköpft werden, verbrannt werden oder beides.</p>



<h3 class="wp-block-heading" id="lebensraum-vorkommen">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Legende</a> der Draugar gibt es hauptsächlich in den skandinavischen Ländern. Um genau zu sein, in Dänemark, Schweden, Norwegen, auf den Färöer und besonders auf Island.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die meisten Draugar wandeln als lebende Tote in ihren Grabhügeln umher. Einige von ihnen verlassen sie nachts und suchen die Gegend heim, während andere ihr Grab niemals verlassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Meerdraugar hingegen schlummern tagsüber im Ozean und kommen nachts an den Strand und in die nahegelegenen Orte.</p>



<h3 class="wp-block-heading" id="ursprung">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Laut altem skandinavischem Glauben bleibt die Lebenskraft auch nach dem Tod im Körper erhalten, sodass theoretisch jeder Tote zu einem Untoten werden könnte. Das könnte der Hauptgrund sein, wie die Legende des Draugr entstanden ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Besonders gefürchtet schienen die Draugar übrigens im Mittelalter gewesen zu sein. In den skandinavischen Grabhügeln aus der Zeit finden sich oft Schutzzauber in Form von Runenschriften an den Wänden, um die Draugar am Wiederauferstehen zu hindern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Andere Methoden hierfür, die man in Gräbern gefunden hat, waren zum Beispiel zusammengebundene große Zehen und Nägel in den Fußsohlen, sodass die Toten nicht mehr aufstehen und umherwandern können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Angst vor einem Draugr, der das Dorf heimsucht, war im Mittelalter also sehr real.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Heutzutage werden Draugar natürlich nicht mehr gefürchtet. Stattdessen findet man sie hauptsächlich in Videospielen wie Skyrim oder Valheim sowie Anspielungen auf sie in Büchern wie Herr der Ringe oder Serien wie Game of Thrones.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von den Draugar? Waren diese Untoten euch neu oder kanntet ihr sie bereits? Wie hättet ihr an Henriks oder Annes Stelle reagiert? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>



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