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	<title>Untote Archive - Geister und Legenden</title>
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	<description>In diesem Blog schreibe und veröffentliche ich jeden zweiten Montag eine neue Legende und Geschichte über Geister oder andere übernatürliche Dinge. Viel Spaß beim Gruseln!</description>
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		<title>The Green Ribbon – die grüne Schleife</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 14 Jul 2025 13:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>„Louise? Was hat es damit auf sich?“, fragte ich. „Mit der grünen Schleife meine ich. Seit wir uns kennen, hab ich dich nicht einmal ohne das Band um den Hals gesehen …“</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.geister-und-legenden.de/the-green-ribbon-die-gruene-schleife">The Green Ribbon – die grüne Schleife</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.geister-und-legenden.de">Geister und Legenden</a>.</p>
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<p class="wp-block-paragraph">The Green Ribbon war für viele Leute in den USA und Kanada der erste Einstieg in die Genres Grusel und Horror. Daher war es natürlich nur eine Frage der Zeit, bis ich diese berühmte Legende auf meinem Blog behandle.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Paris. Die Stadt der Liebe. Zumindest wenn es nach mir geht, ist diese Bezeichnung durchaus zutreffend. Immerhin habe ich hier die Liebe meines Lebens kennengelernt. Aber an sich war das nicht anders zu erwarten, wenn man seit Jahren in dieser Millionenstadt lebt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war ein warmer Sommerabend. Die Luft war schwül, aber in den Abendstunden nicht mehr so drückend, dass es unangenehm war. Ich saß an einem Tisch vor einem kleinen Café nahe des Place de la Concorde, aß ein Erdbeertörtchen und trank einen überteuerten Cappuccino. Wenn ihr mich gefragt hättet, hätte ich wahrscheinlich gesagt, dass es ein perfekter Sommerabend war. Und dann kam <em>sie</em> und machte ihn noch besser.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie trug ein grünes Sommerkleid, dazu einen breitkrempigen Strohhut und ein grünes Band mit Schleife um den Hals. In der Hand hielt sie einige Einkaufstüten. Wahrscheinlich war sie gerade von einem Einkaufsbummel durch die Stadt gekommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während sie an dem Café vorbeiging, trafen sich wie zufällig unsere Blicke und ich spürte, wie mein Herz einen Hüpfer machte. Die Frau schien es auch zu spüren. Zumindest hielt sie mitten in der Bewegung inne.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich weiß nicht, ob ihr an Liebe auf den ersten Blick glaubt, aber seit jenem Tag tue ich es. Für einen Moment kam es mir vor, als würde die Zeit um uns herum stehenbleiben. In diesem Moment gab es nur Louise und mich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann setzte sie sich wieder in Bewegung. Sie änderte die Richtung und kam direkt auf mich zu. „Bonjour. Mein Name ist Louise“, stellte sie sich vor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Gerard“, stellte auch ich mich vor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich deute auf den Stuhl mir gegenüber, um ihr zu zeigen, dass sie sich gerne setzen dürfe. Und das tat sie auch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich erinnere mich nicht mehr, worüber wir uns alles unterhalten hatten. Auf jeden Fall redeten wir viel über uns, unsere Jobs, unsere Hobbys, sogar unsere Familien. Louise lebte allein. Ihre Eltern waren gestorben, als sie noch ein junges Mädchen war. Seitdem hatte sie sich allein durchgekämpft und hangelte sich jetzt von einem Job zum nächsten. Aber es reichte aus, um sich die Miete für eine Wohnung in der Stadt leisten zu können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hingegen hatte mehr Glück im Leben gehabt. Ich hatte zwei mich liebende Eltern, die mir auch zu meinem Studium und später zu meinem Job verholfen hatten. Deshalb konnte ich mir als einigermaßen erfolgreicher Ingenieur ein schönes Leben machen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber natürlich unterhielten wir uns nicht nur über die großen Dinge. Wir sprachen auch über allerlei Belangloses. Jedenfalls saßen wir noch immer auf unseren Stühlen, als eine Kellnerin zu uns kam und uns freundlich darauf hinwies, dass sie bald schließen würden. Mir war gar nicht aufgefallen, wie spät es inzwischen war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also bezahlte ich unsere Rechnung – Louise hatte sich in der Zwischenzeit natürlich auch etwas bestellt –, ehe wir unsere Handynummern austauschten und ich mich glücklich auf den Heimweg machte. Ich hätte Luftsprünge machen können vor Freude. Um ehrlich zu sein, tat ich das sogar ein- oder zweimal. Louise hatte mich bereits bei unserem ersten Treffen in ihren Bann gezogen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und wie ihr euch sicher denken könnt, blieb es nicht bei diesem ersten Treffen. Innerhalb von einer Woche gingen wir gemeinsam Eis essen, ins Kino, in ein schickes Restaurant und sogar ins Musée du Louvre.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Louise sah dabei jedes Mal umwerfender aus. Sie hatte einen großartigen Modegeschmack und trug die verschiedensten Kleider und Accessoires. Was mir jedoch auffiel, war, dass sie hauptsächlich Grün trug. Und eine Sache, die sie immer umhatte, war das grüne Halsband mit der Schleife.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Versteht mich nicht falsch: Es war ein wunderschöner Stoff. Aber verglichen mit ihrer sonstigen Kleidung wirkte es fast ein wenig schlicht. Ich sprach sie das erste Mal darauf an, als wir gerade im Louvre waren. Seit unserer Ankunft hatte ich ihr fast mehr Aufmerksamkeit geschenkt als den Gemälden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Louise? Was hat es damit auf sich?“, fragte ich. „Mit der grünen Schleife meine ich. Seit wir uns kennen, hab ich dich nicht einmal ohne das Band um den Hals gesehen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Louise verkrampfte sich. Sie richtete sich ruckartig auf, als habe meine Frage sie erschreckt. Für einen kurzen Moment dachte ich sogar, dass sie gleich weglaufen würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann entspannte sie sich jedoch wieder. Sie lächelte mich an. „Ich lege das Band niemals ab“, sagte sie geheimnisvoll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mehr schien sie dazu nicht sagen zu wollen. Und ich drängte sie nicht weiter. Wir kannten einander kaum eine Woche. Da konnte ich nicht erwarten, dass sie mir all ihre Geheimnisse verraten würde. Also ließ ich es darauf beruhen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den folgenden Wochen und Monaten wurden wir beide schließlich ein Paar. Und in all der Zeit legte Louise das Band tatsächlich nie ab. Nicht ein einziges Mal.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sprach sie auch nicht mehr darauf an. Zumindest nicht, bis sie mit der grünen Schleife an ihrem Hals in die Dusche steigen wollte. Wir hatten einen Punkt in unserer Beziehung erreicht, in dem es uns nichts mehr ausmachte, wenn der andere mit uns im Badezimmer war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Warte, Schatz! Du hast das Band noch um“, wies ich sie darauf hin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder sah Louise mich mit großen Augen an. Sie legte sanft ihre Finger an den Stoff. Dann lächelte sie wieder. „Ach, Gerard. Ich sagte doch, dass ich das Band nicht abnehme.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Oh?“, sagte ich überrascht. Ich wusste ja nicht, dass sie es so wörtlich meinte. Trotzdem kannten wir einander jetzt etwas besser, weshalb ich mutiger war als damals im Louvre. „Aber warum nicht? Was hat das Band für eine Bedeutung?“, fragte ich also.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Louises Lächeln wirkte jetzt gequält, fast schon traurig. „Ich … Ich kann es dir nicht sagen“, erwiderte sie. „Tut mir leid.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich musterte sie und ihr Band einen Augenblick, ehe auch ich lächelte. „Ich verstehe“, sagte ich. „Du musst es mir nicht verraten. Wenn wir Glück haben, sind wir noch viele Jahre zusammen. Irgendwann komme ich deinen Geheimnissen schon auf die Schliche.“ Ich zwinkerte ihr zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anschließend ging sie mit ihrem Band in die Dusche.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Heutzutage wünschte ich jedoch, ich hätte mit meinen Worten Unrecht gehabt. Ich wünschte, ich hätte das Geheimnis ihrer grünen Schleife nie gelüftet.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein weiterer Moment, der mir lebhaft in Erinnerung geblieben ist, war ein gemeinsamer Strandbesuch. Ich lag in der Sonne, während Louise schwimmen gehen wollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich sah, dass sie mit ihrer grünen Schleife um den Hals Richtung Meer losging, hielt ich sie zurück. „Schatz! Dein grünes Band!“, sagte ich knapp.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Louise lächelte mich an. Wenigstens wirkte sie diesmal nicht erschrocken oder traurig. „Das ist schon in Ordnung“, sagte sie. „Ich nehme das Band nicht ab.“ Sie wandte sich wieder zum Meer, ehe sie mit ihrem grünen Band und einem farblich dazu passenden Bikini weiter ins kühle Nass ging.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Verwundert sah ich ihr nach. Ich akzeptierte, dass Louise ein Geheimnis vor mir hatte. Ich hatte mir lediglich Sorgen um den teuren Stoff gemacht. Wenn das Band Louise so wichtig war, warum nahm sie es dann mit in das salzige Meerwasser?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hatte es damit etwa mehr auf sich als ein rein emotionaler Wert? Vielleicht versteckte es eine Narbe oder etwas anderes an ihrem Hals, das ihr unangenehm war? Aber warum wechselte sie es dann nicht in einem ungesehenen Moment? Warum trug sie immer dasselbe grüne Band?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wusste es nicht. Und es sollte noch einige Zeit dauern, bis ich es endlich herausbekam.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Selbst bei unserer Hochzeit machte Louise keine Ausnahme. Die grüne Schleife war das Erste, was mir auffiel, während sie langsam den Gang entlang auf mich zuschritt. Nicht ihr weißes Kleid, nicht das Funkeln in ihren Augen, ihr glückliches Gesicht, sondern dieses verdammte grüne Band um ihren Hals. Es ärgerte mich, dass das Band mich so sehr beschäftigte, auch wenn ich es mir in diesem Moment nicht anmerken ließ.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Stattdessen strahlte ich Louise an. Immerhin sollte dieser Tag der schönste unseres Lebens werden, wenn man anderen Ehepaaren glaubt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann endlich stand sie vor mir. Meine wunderschöne Verlobte. Und trotzdem konnte ich den Blick kaum von dem Band lösen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nicht einmal heute?“, fragte ich leise. Ich tippte mir an den Hals, um anzudeuten, dass ich die grüne Schleife meinte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nicht einmal heute“, erwiderte Louise nur, während sie mir weiter verliebt in die Augen sah.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anschließend wandten wir uns dem Pastor zu, ehe wir uns kurze Zeit später das Ja-Wort gaben. Band hin oder her, ich hätte in diesem Moment nicht glücklicher sein können. Also versuchte ich, das Band den restlichen Tag zu ignorieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Tatsächlich gelang es mir ziemlich gut. Es gab alle möglichen Dinge, die mir an diesem Tag wichtiger waren. Zumindest, bis wir am Abend allein in unserer gemeinsamen Wohnung standen. Wieder fiel mein Blick auf die grüne Schleife.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Schatz“, begann ich. „Jetzt, wo wir verheiratet sind, möchtest du es mir nicht endlich sagen? Möchtest du mir nicht sagen, warum du das grüne Band nie ablegst?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Louises Blick wurde traurig. „Es tut mir leid. Ich will es dir ja sagen, aber es geht nicht“, erwiderte sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich biss mir auf die Zunge. Fast wünschte ich, ich hätte sie nicht danach gefragt. Ich wollte ihr nicht unseren Hochzeitstag verderben. Andererseits würden wir unser gesamtes restliches Leben miteinander verbringen. Es gefiel mir nicht, dass sie da noch immer ein Geheimnis vor mir hatte. Und so tat ich etwas, was ich für den Rest meines Lebens bereuen würde. Ich entschied, ihr heimlich die Schleife abzunehmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Über die Konsequenzen machte ich mir in dem Moment keine Gedanken. Aber selbst wenn, hätte ich mir niemals auch nur ansatzweise ausmalen können, wie schlimm es wirklich werden würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am Abend lagen Louise und ich gemeinsam im Bett. Ich wartete, bis sie tief und fest schlief, ehe ich mich langsam aufrichtete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für einen kurzen Moment betrachtete ich Louise bloß. Ich bewunderte, wie schön meine Frau war. Wie friedlich sie dalag. Dann jedoch gab ich mir einen Ruck und griff vorsichtig nach der Schleife. Mit zittrigen Fingern zog ich an einem der losen Bänder, um die Schleife zu lösen, währende ich sie mit der anderen Hand festhielt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Stück für Stück, Zentimeter für Zentimeter ließ sich das Band aus dem Knoten ziehen, während eine der Schlaufen immer kleiner wurde. Jetzt war sie kaum noch erkennbar. Plötzlich stoppte das Band jedoch. Das letzte Stück der Schlaufe verharrte vor dem Knoten. Mit einem sanften Ruck zog ich daran und die Schleife ging auf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im selben Moment wurde Louise wach. Erst sah sie mich bloß verschlafen an, riss dann aber weit die Augen auf, als sie realisierte, was geschehen war. Ich sah, wie ihre Augen feucht wurden und sich eine einsame Träne aus ihrem linken Auge löste. Sie rollte ihre Schläfe hinab, während Louise mich reglos anstarrte. Sie sagte kein einziges Wort. Stattdessen drehte sie bloß ihren Kopf zur Seite, um meinem Blick auszuweichen. Nein. Sie drehte ihn nicht, sondern er rollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit jetzt selbst vor Schreck geweiteten Augen musste ich mit ansehen, wie der Kopf meiner Ehefrau vom Kissen rollte. Er landete mit einem dumpfen <em>Bump</em> auf dem Boden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sah wieder zu ihrem Körper, der noch immer reglos auf dem Bett lag. Und jetzt erst erkannte ich, dass das Band mit der grünen Schleife das Einzige war, was Louises Kopf auf ihren Schultern gehalten hatte.</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">The Green Ribbon (Englisch für „Die grüne Schleife“), unter anderem auch „The Red Ribbon“ (Die rote Schleife) oder „The Velvet Ribbon“ (Die Samtschleife) genannt, ist eine ursprünglich französische Legende, die wahrscheinlich in der Zeit der Französischen Revolution entstanden ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerhalb von Frankreich ist sie hauptsächlich durch die Adaptationen von Washington Irving, dem Autor von „Sleepy Hollow“, sowie Alvin Schwartz, dem Autor der „Scary Stories to Tell in The Dark“-Reihe, bekannt geworden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Inzwischen wird „The Green Ribbon“ oft in verschiedensten Versionen als <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden">urbane Legende</a> erzählt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ablauf:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt verschiedene, teilweise sehr unterschiedliche Versionen von „The Green Ribbon“. Die Haupthandlung ist aber immer ähnlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Protagonist, im Normalfall ein Junge oder junger Mann lernt ein Mädchen bzw. eine junge Frau kennen. Sie trägt eine Schleife, ein Band, eine Kette, einen Choker oder Ähnliches um den Hals, den sie nie ablegt. Die Farbe des Accessoires ist im Normalfall grün, rot oder schwarz.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Mann und die Frau verlieben sich ineinander. Die Länge ihrer Beziehung kann variieren, es kommt währenddessen aber immer wieder vor, dass der Mann die Frau nach der grünen Schleife (oder was auch immer sie um den Hals trägt) fragt. Sie weicht seiner Frage jedoch jedes Mal aus und sagt bloß, dass sie die Schleife niemals ablegen darf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ab diesem Punkt gibt es zwei verschiedene Versionen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Entweder wird der Mann zu neugierig und entscheidet irgendwann, das Band ohne Erlaubnis von ihrem Hals zu nehmen – z. B. als sie schläft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Oder aber der Mann akzeptiert ihren Wunsch und nimmt das Band nie ab. In dieser Version werden die beiden oft gemeinsam alt, bis die Frau irgendwann sterbenskrank wird. Im Sterbebett erlaubt sie ihm schließlich, die grüne Schleife zu lösen und das Band zu entfernen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sobald das Band ab ist, fällt ihr der Kopf von den Schultern, der nur von dem Band gehalten wurde. Je nach Version ist sie daraufhin tot, es stellt sich heraus, dass sie ein <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister">Geist</a> war, ihr Kopf kann noch sprechen oder es wird nicht weiter erwähnt, was genau mit ihr los ist.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Alternative Versionen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt außerdem eine ältere Version, wie sie z. B. auch Washington Irving erzählt hat, die sich etwas mehr unterscheidet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In diesen Versionen lernen der Mann und die Frau einander kennen und verbringen die Nacht miteinander. Am nächsten Tag liegt die Frau jedoch tot im Bett.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als der Mann daraufhin die Polizei ruft, entfernen die Beamten das Band und ihr Kopf fällt von den Schultern. Es stellt sich heraus, dass sie am Vortag hingerichtet wurde und bereits tot war, als sie den Mann kennengelernt hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine weitere, wenn auch deutlich seltenere Alternative, ist, dass die Frau nicht geköpft, sondern erhängt wurde oder sich selbst erhängt hat. In diesen Versionen versteckt das Band um ihren Hals die Würgemale des Seils.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ort des Geschehens:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In den modernen Versionen spielt The Green Ribbon meist in dem Land, in dem die Geschichte erzählt wird – oft also in den USA und Kanada. In älteren Versionen spielt die Legende hingegen meist in Frankreich.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">„The Green Ribbon“ bzw. die Legende dahinter stammt aus Frankreich zur Zeit der Französischen Revolution (1789 bis 1799) als unzählige Menschen mit der Guillotine hingerichtet wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu damaliger Zeit war es in Mode, dass Frauen ein rotes Band oder eine rote Schleife um den Hals trugen. Es soll sogar einen Kleidungsstil namens „costume à la victime“ (Französisch für „Kostüm an das Opfer“) gegeben haben, der auf den „Bals des victimes“ (Französisch für „Opferbälle“) getragen wurde. Dazu gehörte oft ein rotes Band oder eine rote Schleife, die an die mit der Guillotine geköpften Opfer erinnern sollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wahrscheinlich ist die Legende aus dieser Mode in Kombination mit den unzähligen Geköpften entstanden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerhalb von Frankreich hat die Legende jedoch erst im nächsten Jahrhundert Anklang gefunden, als der US-amerikanische Schriftsteller Washington Irving die Legende 1824 in seiner Geschichte „Die Abenteuer eines deutschen Studenten“ adaptiert hat. Vier Jahre zuvor hatte Irving die weltberühmte Geschichte „Die Legende von Sleepy Hollow“ veröffentlicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Seitdem wurde die Legende noch von zahlreichen weiteren Personen publiziert – darunter Alexandre Dumas, dem Autor von „Die drei Musketiere“ und „Der Graf von Monte Christo“, als „Die Dame mit dem Samthalsband“ (1849) sowie von Gaston Leroux, dem Autor von „Das Phantom der Oper“ unter demselben Namen „La femme au collier de velours“ (Französisch für „Die Dame mit dem Samthalsband“, 1924).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die grüne Farbe und die heutige Bekanntheit in Amerika erlangte die Legende jedoch erst durch die Kurzgeschichte „The Green Ribbon“ (1984) von Alvin Schwartz. Die Geschichte erschien in dem sich an Zweitklässler richtenden Bilderbuch „In a Dark, Dark Room and Other Scary Stories“ (Englisch für „In einem dunklen, dunklen Raum und andere unheimliche Geschichten“) und wurde in vielen Schulen als Lehrmaterial genutzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Daraus entstand schließlich auch die moderne urbane Legende „The Green Ribbon“, die sich heutzutage besonders gern unter Kindern erzählt wird.</p>



<h3 class="wp-block-heading">The Green Ribbon in der Popkultur:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wie bereits erwähnt wurde die Legende „The Green Ribbon“ in vielen Kurzgeschichten aufgegriffen. Darunter z. B. „The Velvet Ribbon“ (Englisch für „Die Samtschleife“, 1970) von Ann McGovern in „Ghostly Fun“ („Geisterhafter Spaß“), „The Black Velvet Ribbon („Die schwarze Samtschleife“, 1977) von Judith Bauer Stamper in „Tales for the Midnight Hour“ („Geschichten für die Mitternachtsstunde“) und das bereits erwähnte „The Green Ribbon“ (1984) von Alvin Schwartz in „In a Dark, Dark Room and Other Scary Stories“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darüber hinaus gibt es diverse Kurzfilme über die Legende, sie wurde in dem US-amerikanischen Horrorfilm „Campfire Tales“ („Lagerfeuergeschichten“, 1997) aufgegriffen und spielt eine Rolle in der Comicreihe sowie dem gleichnamigen Videospiel „The Wolf Among Us“ („Der Wolf unter uns“).</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Wie sieht es mit euch aus? Was haltet ihr von „The Green Ribbon“? Kanntet ihr die Geschichte bereits? Und wenn ja, wo habt ihr sie kennengelernt? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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		<title>Der kopflose Reiter – Er darf dich nicht berühren! (überarbeitet)</title>
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		<pubDate>Mon, 14 Apr 2025 13:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Ich fuhr herum. Am Anfang sah ich noch gar nichts. Dann jedoch erschien im Licht meines Handys eine Gestalt auf einem Pferd – der kopflose Reiter. Langsam, fast gespenstisch kam er auf mich zu …</p>
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<p class="wp-block-paragraph">Der kopflose Reiter war die erste <a href="http://geister-und-legenden.de/geschichten/deutsche-legenden">deutsche Legende</a>, die ich 2019 auf meinem Blog behandelt habe. Sie war auch eine der ersten Geschichten, die von jemandem vertont wurde, auch wenn das YouTube-Video von Johanna Christin leider nicht mehr online ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hoffe, euch gefällt meine überarbeitete Fassung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen (Achtung Spoiler!) </strong></summary>
<p>&#8211; Tod<br>
&#8211; Trauer</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Ich rümpfte die Nase. Obwohl wir schon eine Woche hier waren, hatte ich mich noch immer nicht an den Geruch nach Kuhdung gewöhnt, der fast durchgehend in der Luft lag. Als Stadtmensch kannte ich so etwas gar nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hennes, mein Verlobter, war hier hingegen aufgewachsen. Es war seine Idee gewesen, für eine Woche ins Rheinland zu fahren, in das Dorf, wo er seine gesamte Kindheit verbracht hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für mich war das eine ganz neue Erfahrung. In der Stadt waren die Menschen nichts als fremde Gesichter, die an mir vorbeizogen. Klar hatten sie alle ihre eigenen Probleme und Geschichten, aber sie behielten sie für gewöhnlich für sich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hier auf Land hingegen war das völlig anders. Die Leute waren alle so nett, grüßten Hennes sogar beim Namen, obwohl er schon vor vielen Jahren hier weggezogen war. Wie oft wir stehengeblieben waren, um mit einem alten Bekannten zu quatschen. Und obwohl Hennes mit ihnen viel über seine Kindheit redete, hatte ich nie das Gefühl, das fünfte Rad am Wagen zu sein. Sie banden mich in die Gespräche ein, fragten mich nach meiner Meinung oder erzählten mir Anekdoten aus Hennes‘ Jugend.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nie hätte ich gedacht, dass ein schlichter Urlaub auf dem Land so traumhaft werden könnte. Doch wie bei so vielen Dingen sollte auch hier aus einem Traum ein Albtraum werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war der letzte Abend vor der Heimreise. Gleichzeitig war es das erste Mal, dass ich mich in dem kleinen Dorf unwohl fühlte. Es war fast so, als hätte ich etwas geahnt, während wir auf dem Weg zu der Kneipe, in der Hennes immer als Jugendlicher mit seinen Freuden abgehangen hatte, eine Abkürzung über einen kleinen Feldweg nahmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Obwohl Hennes einen Arm um mich gelegt hatte, um mich zu wärmen, fröstelte ich. Schweigend gingen wir nebeneinander her. Unsere Schritte knirschten im Kies, Grillen zirpten in den Feldern. Dann plötzlich mischte sich Hufgetrappel in die Geräuschkulisse.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hennes und ich sahen einander fragend an. Wir dachten genau dasselbe: Wer ritt zu so später Stunde noch ein Pferd aus? Die Sonne war längst untergegangen. Das einzige Licht kam von den letzten Momenten der Dämmerung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Neugierig blickten wir dem Reiter entgegen, der gemächlich auf uns zu getrabt kam. Gerade jedoch, als ich mich an den Wegesrand stellen wollte, um ihn vorbeizulassen, fiel mein Blick auf seinen Kopf – oder eher auf die Stelle, wo sein Kopf hätte sein müssen. Der Platz zwischen seinen Schultern war leer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein spitzer Schrei entfuhr mir, als ich es bemerkte. Hennes trat sofort schützend vor mich. Der Kopflose ließ sich davon nicht beirren. Stattdessen brachte er sein Pferd direkt vor uns zum Stehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hennes wich einen Schritt zurück, während er zu ihm aufsah. Doch von Angst fehlte in seiner Stimme jede Spur. „Hey!“, sagte er laut. „Findest du es witzig, meine Freundin so zu erschrecken?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Fast rechnete ich damit, dass der Mann sich entschuldigte, uns erklärte, dass er bloß zu einer Kostümparty unterwegs sei. Es hätte zu meinem Eindruck von den sonstigen Bewohnern des Dorfes gepasst. Er blieb jedoch einfach nur stumm stehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich merkte, wie Hennes versuchte, sich möglichst groß zu machen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Schatz, lass ihn einfach vorbei“, drängte ich ihn, während ich an seinem Ärmel zupfte. Ich hatte keine Lust auf Streit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hennes sah das jedoch anders. „Ohne Entschuldigung?“, fragte mein Verlobter. „Na warte, gleich wissen wir, wer sich unter dem Kostüm versteckt. Mal sehen, wie gruselig du dann noch bist!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hennes …“, drängte ich erneut. Aber er hörte nicht auf mich. Ich unterdrückte ein Augenrollen. Männer und ihr Machogehabe. Dass sie immer denken mussten, uns Frauen irgendetwas beweisen zu müssen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er ging einen kleinen Bogen um den Kopf des Pferdes herum und trat seitlich an den noch immer reglosen Reiter heran. Dort griff er nach seiner Jacke.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Kopflose reagierte blitzschnell. Noch ehe Hennes an dem Stoff zerren konnte, packte der Fremde ihn am Handgelenk. Er hielt ihn eisern fest. Im selben Augenblick stieß mein Verlobter überrascht den Atem aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für einen Moment bewegte sich niemand von uns. Ich hörte, wie mein Herz raste, während Hennes den Fremden bloß reglos anstarrte. Dann plötzlich ließ der Reiter meinen Verlobten los. Er setzte sich mit seinem Pferd wieder in Bewegung und ritt langsam an uns vorbei. Bald war er wieder in der Dunkelheit verschwunden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wandte ich mich zu meinen Verlobten. Er hatte sich noch immer keinen Zentimeter bewegt. „Hennes? Hennes, alles in Ordnung?“, fragte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das löste ihn aus seiner Starre. Er sah zu mir, sein Blick suchte meinen. „Ich … weiß nicht. Das war seltsam. Seine Berührung war eiskalt.“</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Den restlichen Weg zur Kneipe legten wir mit schnellen Schritten zurück. Ich war erleichtert, als wir den dunklen Feldweg hinter uns ließen und endlich wieder über beleuchtete Straßen gingen. Trotzdem sprachen Hennes und ich kein einziges Wort, bis wir die Kneipe erreichten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Gebäude war nicht sonderlich viel los. Zwar gab es einige Grüppchen, die an verschiedenen Tischen zusammensaßen, aber Hennes schien niemanden von ihnen zu erkennen. Also setzten wir uns auf zwei Barhocker und bestellten zwei Bier, die die Gastwirtin sofort für uns abzapfte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sah zu Hennes. „Du bist immer noch ganz blass.“ Besorgt streichelte ich seinen Arm.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er zuckte mit den Schultern. „Ich weiß auch nicht. Ich muss die ganze Zeit an seine Berührung denken. Sie war so furchtbar kalt. Unnatürlich kalt.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich zog die Augenbrauen zusammen. „Aber das war doch nur ein Kostüm, oder?“, fragte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hennes gab mir ein schwaches Lächeln. Wieder ein Schulterzucken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ach Schatz, es gibt keine Kopflosen. Lass dir von dem Idioten doch keine Angst machen!“ Er konnte nicht ernsthaft glauben, dass das ein Geist gewesen war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hennes reagierte nicht. Er starrte bloß gedankenverloren die Theke an, auf die die Gastwirtin jetzt unser Bier stellte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dafür erregten meine Worte die Aufmerksamkeit von jemand anderem: Ein Mann einige Hocker weiter sah zu uns. Er erhob sich und torkelte in unsere Richtung. „Ihr habt ihn gesehen, nicht war?“, lallte er. Ich roch seine Fahne bis hier. „Den kopflosen Reiter?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sah ihn mit großen Augen an. „Kennen Sie den Bekloppten etwa? Verkleidet er sich häufiger?“, fragte ich. Ich hoffte, dass es einfach bejahen würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber natürlich tat er das nicht. „Verkleidet? Meine Liebe, das ist keine Verkleidung“, lallte er mir entgegen. „Er trägt wirklich keinen Kopf mehr auf seinen Schultern.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hennes, dar gerade sein Bier an die Lippen heben wollte, erstarrte in der Bewegung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Betrunkene fuhr unbeirrt fort. „Aber keine Sorge. An sich ist er harmlos. Das einzig Wichtige bei Begegnungen mit Wiedergängern wie ihm ist aber, dass ihr sie auf keinen Fall berührt. So eine Berührung kann tödlich enden.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt merkte ich, wie auch mein Herz Richtung Hose rutschte. Aber das war doch irrsinnig. Es gab keine Geister. Wen auch immer wir da gesehen hatten, ich war mir sicher, es war bloß irgendein Typ.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hennes hingegen schien der Betrunkene gehörig den Abend verdorben zu haben. Ich sah, wie er einen Zehn-Euro-Schein auf die Theke legte und nach seiner Jacke griff. „Komm Anni, wir gehen!“</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf dem Weg zum Gasthof sagte Hennes kein einziges Wort mehr. Ich versuchte, ihm zu erklären, dass der Betrunkene sicher auch nur irgendein Spinner war, genau wie der kopflose Reiter, aber er hörte mir gar nicht richtig zu. Stattdessen ging er so schnell, dass ich Schwierigkeiten hatte, mit ihm mitzuhalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Verschnaufpause erlaubte er mir erst, als wir sicher auf unserem Zimmer angekommen waren. Dort ging er fast sofort ins Bett.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es sah Hennes nicht ähnlich, so still zu sein. Auch war er noch immer ungewöhnlich blass. Ich machte mir Sorgen um ihn.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jedoch war es erst am nächsten Morgen, dass ich Angst um ihn bekam. Er war eiskalt und zitterte am ganzen Körper. Als ich versuchte, mit ihm zu reden, sah er mich bloß an, gab aber keinen einzigen Laut von sich. Ich fuhr sofort mit ihm ins Krankenhaus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die folgenden Tage waren die schmerzhaftesten meines Lebens. Ich konnte nichts tun, als zuzusehen, wie Hennes von Tag zu Tag schwächer wurde. Und auch die Ärzte waren völlig ratlos.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eines Abends saß ich – wie jeden Tag – bei Hennes am Bett. Ich war eingeschlafen, lag vornübergebeugt, während ich seine Hand hielt. Da weckte mich eine schwache Stimme.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Anni?“, fragte Hennes schwach.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hatte schon immer einen sehr leichten Schlaf, weshalb ich sofort davon wach wurde. „Hennes!“, rief ich. „Du bist wach! Wie fühlst du dich? Kann ich irgendetwas …“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weiter kam ich nicht. Hennes hatte seine zittrige Hand gehoben und hielt mir einen Finger an die Lippen. „Bitte. Du musst was für mich erledigen“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Alles. Was auch immer du brauchst.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann sagte er jedoch etwas, mit dem ich nicht gerechnet hatte. „Hilf dem kopflosen Reiter. Er kann nichts dafür.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schlagartig richtete ich mich auf. „Was? Wieso?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch ich bekam keine Antwort mehr. Hennes war bereits wieder eingeschlafen.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">An die Hoffnung geklammert, dass ich meinem Verlobten damit auf irgendeine noch so seltsame Weise helfen könne, fuhr ich direkt in das Dorf zurück. Meine erste Anlaufstelle war die Kneipe. So verzweifelt mir der Gedanke auch vorkam, der Betrunkene von neulich war die einzige Person, die auf jeden Fall mehr über den kopflosen Reiter wusste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu meinem Glück war der Mann trotz der späten Stunde tatsächlich noch in der Kneipe … an einem Mittwoch. Na toll. Er schien jedenfalls zu den Stammalkis des Dorfes zu gehören. Trotzdem war er noch ansprechbar und beantwortete meine Fragen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Für deinen Verlobten ist es zu spät“, lallte er. Von seinem Atem wurde ich fast selbst betrunken. „Aber wenn du dem Kopflosen wirklich helfen willst, soll es den Legenden nach ausreichen, wenn du vor ihm ein Gebet aufsagst. Das Vaterunser oder was weiß ich.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel mehr konnte er mir zwar nicht verraten, aber ich nahm, was ich kriegen konnte. Sofort lief ich zum Feldweg zurück. Als ich den Pfad erreichte, zögerte ich jedoch. Er lag dunkel vor mir. Irgendwie unheimlich. Aber das würde mich heute nicht aufhalten. Ich musste es tun. Für Hennes. Zwar hatte der Alki gesagt, ich könne meinem Verlobten nicht mehr helfen. Aber woher wollte er das wissen? Anscheinend hatte es ja noch niemand geschafft, den Kopflosen von seinem Schicksal zu erlösen. Sicherlich irrte er sich. Er <em>musste</em> sich irren!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hastig eilte ich den Weg entlang. Ich nutzte mein Handy, um den Pfad zu erleuchten, aber auch das spendete mir kaum Licht. Erst, als ich in etwa den Ort erreicht hatte, wo wir dem Reiter das erste Mal begegnet waren, blieb ich stehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war windig. Die Blätter säuselten und flüsterten um mich herum. Und auch die Grillen zirpten heute anders, irgendwie trauriger als letztes Mal.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt wartete ich. Und wartete. Und wartete. Meine Augen begannen bereits immer wieder zuzufallen. Meine Beine schmerzten. Da trug der Wind ein anderes Geräusch zu mir herüber: Hufgetrappel.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich fuhr herum. Am Anfang sah ich noch gar nichts. Dann jedoch erschien im Licht meines Handys eine Gestalt auf einem Pferd – der kopflose Reiter. Langsam, fast gespenstisch kam er auf mich zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich spürte, wie sich eine Gänsehaut über meinen Körper zog. Trotzdem blieb ich völlig ruhig stehen, während er näherkam.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt war er direkt vor mir. Sein Pferd bäumte sich auf, gab ein lautes Wiehern von sich. Ich erschrak, kämpfte aber gegen den Drang an, davonzulaufen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schluckte schwer. Dann endlich begann ich, das Vaterunser aufzusagen, das ich noch gut aus dem Konfirmationsunterricht kannte. „Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name …“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der kopflose Reiter stand jetzt völlig ruhig da.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ehrfürchtig sah ich zu ihm auf. „Dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden“, fuhr ich fort.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann plötzlich schwang der Mann sich von seinem Pferd. Ich trat schnell einen Schritt zurück, um ihm nicht zu nahe zu kommen, sagte das Gebet aber unbeirrt weiter auf. Zum Glück blieb der Mann neben seinem Pferd stehen. Mir fiel auf, wie klein er eigentlich war. Nicht nur, weil sein Kopf fehlte, sondern auch mit musste er noch immer kleiner gewesen sein als ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich das Gebet beendete, schien er mich die ganze Zeit zu beobachten – zumindest soweit jemand ohne Kopf einen beobachten konnte. Erst, als ich den heiligen Text mit dem „Amen“ beendete, bewegte er sich. Oder nein, er bewegte sich nicht, er veränderte sich. Seine dunkle Kleidung verwandelte sich, bis er in ein sauberes weißes Tuch gehüllt vor mir stand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für einen Moment sah es so aus, als würde er seinen Körper betrachten, an sich heruntersehen wollen. Dann trat er einen Schritt auf mich zu. Er streckte die Arme nach mir aus, umfasste meine Hände in einer eiskalten Berührung mit den seinen, drückte sie kurz dankbar und war verschwunden. Jetzt war ich wieder allein. Von dem Mann und seinem Pferd fehlte jede Spur.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unsicher, was ich tun oder auch nur denken sollte, blieb ich noch eine Weile reglos stehen. Was war da gerade passiert? Hatte ich ihn tatsächlich erlöst? Ich wusste es nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Irgendwann, ich hatte keine Ahnung, wie lange ich dort stand, riss mich das Klingeln meines Handys aus den Gedanken. Ich ging ran.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Anni Winkler“, meldete ich mich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Guten Abend Frau Winkler, hier ist das Krankenhaus“, antwortete eine Frauenstimme. „Es tut mir sehr leid, es ihnen mitteilen zu müssen, aber Ihr Verlobter ist gerade verstorben.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frau erzählte noch irgendetwas von psychologischer Unterstützung, aber ich hörte ihr gar nicht mehr richtig zu. Hennes war tot. Er würde nie wieder zu mir zurückkehren. Mich nie wieder in seinen sanften Armen halten. Nie wieder meinen Namen rufen. Tränen stiegen mir in die Augen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann fiel mein Blick auf meine Hände. Auch ich hatte den kopflosen Reiter berührt. Wenn Hennes trotzdem gestorben war, obwohl ich den Reiter gerettet hatte, würde mich dann dasselbe Schicksal ereilen? Würde ich auch sterben müssen? Oder war der Wiedergänger in seinem erlösten Zustand ungefährlich?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Antwort auf diese Frage bekam ich bereits am nächsten Morgen. Mir war eiskalt und ich zitterte am ganzen Körper. Es war dasselbe Zittern, das bereits Hennes‘ Tod angekündigt hatte.</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der kopflose Reiter ist ein Wiedergänger, also ein Untoter, der deutschen Sagenwelt. Jedoch ist der Name „der“ kopflose Reiter nicht ganz zutreffend, da es nicht nur einen, sondern viele kopflose Reiter geben soll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der irischen Mythologie gibt es ebenfalls kopflose Reiter, wo sie als Dullahan bezeichnet werden. Sie unterscheiden sich jedoch in ihren Eigenschaften von der deutschen Sagengestalt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Das Aussehen der kopflosen Reiter ist – von dem fehlenden Kopf und dem Pferd einmal abgesehen – meist nicht genauer beschrieben. Es ist jedoch anzunehmen, dass sie altertümliche Kleidung tragen, da die meisten der Legenden aus dem Mittelalter stammen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einigen Sagen haben sie ihren abgetrennten Kopf sogar bei sich, tragen ihn jedoch unter dem Arm oder haben ihn in ihrem Schoß liegen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Kopflose Reiter tauchen ausschließlich nachts auf. Sie sind an sich harmlos, haben keine bösen Absichten und versuchen auch nicht, den Menschen zu schaden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es heißt jedoch, dass ihr Auftauchen eine Warnung sein kann. So ist in einigen Quellen von einem baldigen Tod die Rede, wenn man einen kopflosen Reiter sieht, in anderen erscheinen sie hauptsächlich kriminellen Menschen, um ihnen zu zeigen, dass ihnen dasselbe Schicksal wie ihnen blühen könne und sie so auf den rechten Weg zurückzuführen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem kann die Begegnung mit einem kopflosen Reiter gefährlich sein oder so tödlich ausgehen. Denn obwohl sie nicht versuchen, den Menschen zu schaden, ist die Berührung eines Wiedergängers tödlich. Wenn man den kopflosen Reiter also in irgendeiner Weise berührt, kann das innerhalb weniger Tage zum Tod führen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Andererseits soll es sehr einfach sein, einen kopflosen Reiter zu erlösen. Laut den Legenden muss man dafür lediglich ein Gebet laut aufsagen oder den Reiter sogar nur mit einem Gruß anreden, in dem Gott oder Christus vorkommt. Daraufhin soll der Reiter in ein weißes Leichentuch gehüllt erscheinen und sich bedanken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch auch dann darf man nicht den Fehler machen und den Wiedergänger berühren, da seine Berührung auch in diesem Zustand noch immer töten soll.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die meisten Legenden und Berichte von kopflosen Reitern gab es im Rheinland. Es ist jedoch möglich, dass Sichtungen an anderen Orten lediglich nicht bis zum heutigen Tag überliefert wurden, die Wiedergänger also deutlich weiter verbreitet waren.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der genaue Ursprung des kopflosen Reiters ist nicht bekannt. Es lassen sich jedoch kirchliche Einflüsse in den meisten Berichten finden. Eine weit verbreitete Theorie besagt, dass die Legende als Warnung entstanden ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So hieß es z. B. oft, dass die kopflosen Reiter zu Lebzeiten entweder Verbrecher waren, die durch Köpfung hingerichtet wurden, oder Selbstmörder, deren Leichen bis ins 17. Jahrhundert ebenfalls geköpft und anschließend an ungeweihter Stelle begraben wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine andere Entstehungsgeschichte besagt, dass sie Menschen waren, die den Grenzstein ihres Grundstücks versetzt haben. Früher wurden die Grundstücke der einfachen Bürger nämlich nur durch Grenzsteine markiert. Wenn jemand heimlich den Grenzstein versetzt hat, konnte er somit unerlaubt sein eigenes Grundstück vergrößern, während seine Nachbarn darunter gelitten haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine mögliche, wenn auch nur selten durchgeführte Strafe dafür war, dass der Schuldige bis zum Kopf in der Erde begraben wurde. Daraufhin durfte der Geschädigte – dessen Grundstück verkleinert worden wäre – so lange mit seinem Pflug über den Kopf des Schuldigen pflügen, bis von ihm fast nichts mehr übrig war.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Der kopflose Reiter in der Popkultur:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">An dieser Stelle komme ich wohl nicht um Sleepy Hollow herum. Die Verfilmungen, darunter auch der bekannte Film „Sleepy Hollow“ (1999) mit Johnny Depp, aber auch die Buchvorlage „Die Sage von der schläfrigen Schlucht“ (1820) von Washington Irving beinhalten den kopflosen Reiter als Antagonisten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch spielt der Wiedergänger in der Folge „Der kopflose Reiter“ von DiE DR3i eine entscheidende Rolle. (Falls ihr „DiE DR3i“ nicht mehr kennt, dabei handelt es sich um eine Parallelreihe zu „Die drei ???“, die wegen eines Rechtsstreits statt der originalen Hörpielreihe von 2006 bis 2007 erschien.)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem findet man den kopflosen Reiter in zahlreichen anderen Filmen, als NPC in Videospielen wie The Elder Scrolls oder World of Warcraft und sogar als eigene Karte des beliebten Sammelkartenspiels Magic: The Gathering.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von der Legende der kopflosen Reiter? Kanntet ihr sie bereits? Wusstet ihr, dass es eine deutsche Legende ist? Wie würdet ihr reagieren, wenn ihr einem kopflosen Reiter begegnet? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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<p class="wp-block-paragraph"></p>
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		<title>Myling – Folge nicht seinen Schreien!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 25 Mar 2024 14:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Das seltsame Kind begann, an mir zu rütteln, wie ein ganz normaler Junge bei einem Wutanfall. „Bring mich zum Friedhof!“, schrie er, als wolle er zum nächsten McDonalds gefahren werden. „Bring mich zum Friedhof! Bring mich zum Friedhof!“</p>
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<p class="wp-block-paragraph">Meine Geschichte über den Myling spielt an einem Ort, der euch bereits von einer anderen Geschichte bekannt sein dürfte. Es war zwar nicht geplant, hatte aber zu gut gepasst, damit ich es nicht dort spielen lasse. Und wer weiß, vielleicht erwarten euch ja noch weitere Geschichten aus diesem kleinen schwedischen Dörfchen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen</strong></summary>
<p>&#8211; Tod eines Kindes<br>
&#8211; Trauer</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Schnee knirschte unter meinen Füßen, während ich von Kalle, meinem treuen braunen Labrador, an seiner Leine durch den Wald gezogen wurde. Es war bereits März. Trotzdem lagen die Temperaturen hier in Schweden häufig noch unter 0 °C.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich spürte die Kälte jedoch kaum. Wie so oft, wenn ich mit Kalle allein Gassi ging, wanderten meine Gedanken zu meiner Tochter Maja. Ich hatte sie letzten Monat bei einem Autounfall verloren. Den Fahrer traf keine Schuld. Er war ins Schlittern gekommen und hatte die Kontrolle über sein Auto verloren. Aber natürlich änderte das nichts an der Leere, die ich seit jenem Tag spürte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wäre Thorbjörn, ein alter Schulfreund, den ich letztes Silvester zufällig wiedergetroffen hatte, nicht gewesen, weiß ich nicht, wie ich nach dem Unfall hätte weiterleben sollen. Es war Glück im Unglück, dass er an dem Tag, als Maja starb, bei mir gewesen war, sodass er mich wenigstens etwas hatte auffangen können. Aber auch er konnte das Loch in meinem Herzen nicht füllen, dass der Tod meiner Tochter hineingerissen hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein plötzliches Knurren vor mir riss mich aus meinen Gedanken. Kalle stand am Wegesrand und bellte ins Unterholz.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schnell wischte ich die Tränen aus meinen Augen und ging zu ihm. „Was ist? Was hast du gesehen, mein Junge?“, fragte ich, während ich selbst in den dunklen Wald spähte. Ich konnte nichts Auffälliges entdecken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wahrscheinlich war es bloß ein Reh oder ein Hase. Andererseits verirrten sich manchmal Wölfe und Bären in diese Gegend. Ich selbst war zwar noch nie einem von ihnen begegnet, entschied aber, es nicht darauf ankommen zu lassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich Kalle jedoch zaghaft an seiner Leine weiterziehen wollte, stemmte er sich mit seinem gesamten Gewicht dagegen. Auch das war noch nie vorher vorgekommen. War es also wirklich ein potenziell gefährliches Tier?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Panisch ging ich im Kopf alles durch, was ich über Begegnungen mit Wölfen und Bären erinnerte: Das Wichtigste war, dass ich mich groß machte, Lärm machen sollte und auf keinen Fall weglaufen oder mich umdrehen durfte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also stand ich da, neben meinem bellenden Hund, hob die Arme über den Kopf und rief in den Wald hinein. „Hej Bär, hej Wölfe. Falls ihr da draußen seid, haut ab. Wir wollen euch nichts Böses!“ Vorsichtshalber zog ich sogar die Handschuhe aus und klatschte einige Male in die Hände, ehe ich sie wieder über den Kopf hob.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es rauschte ein sanfter Wind durch die Bäume. Ansonsten hörte ich nichts. Kein Knirschen im Schnee, kein Geraschel oder Knacken im Unterholz. Nichts, das auf ein wildes Tier hindeutete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich ertönte eine leise Stimme. „Hallo?“ Es klang wie ein Kind, das den Tränen nahe war. „Mama?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">‚<em>Maja!</em>‘, schoss es mir sofort in den Kopf. Aber natürlich war sie es nicht. Meine Tochter war tot. Außerdem war das eindeutig eine Jungenstimme.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wer ist da?“, rief ich in den Wald hinein. Ich ließ die Hände sinken und zog meine Handschuhe wieder an. „Hast du dich verirrt?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Kind antwortete nicht. Stattdessen ertönte ein leises Schluchzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hee, alles wird gut“, erwiderte ich, während ich einige vorsichtige Schritte ins Unterholz tat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kalle hielt sich eng an mich, während er mir mit eingeklemmtem Schwanz folgte. Wenigstens bellte er nicht mehr.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mein Name ist Jonna“, fuhr ich fort. Mit Glück kannte ich den Jungen aus Majas Schule. Oder von früher aus ihrem Kindergarten. „Kommst du aus dem Dorf?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber das Kind antwortete mir nicht mehr. Durch sein lautes Geschluchze hatte ich es trotzdem schnell ausfindig gemacht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Um Himmels willen!“, stieß ich aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein kleiner blonder Junge hockte vor mir im Schnee. Er trug dünne, abgenutzte Kleidung, hatte bleiche, dreckverschmierte Haut und sah abgemagert aus. Wenn es dafür nicht viel zu kalt gewesen wäre, hätte ich fast gedacht, dass er bereits einige Tage durch den Wald geirrt sein muss.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was ist passiert? Wo sind deine Eltern?“, fragte ich besorgt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sein kleiner Körper zitterte zwar nicht, aber ich war mir trotzdem sicher, dass er völlig durchgefroren sein musste. Also machte ich mich daran, meine Daunenjacke auszuziehen, während ich auf ihn zuging.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kalle blieb hingegen in einigem Abstand stehen. Er kauerte sich zusammen und knurrte das Kind an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erschrocken drehte ich mich zu ihm um. „Kalle! Aus! Du machst dem Jungen noch Angst!“, schimpfte ich, nichtahnend, dass er mich bloß beschützen wollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann ging alles sehr schnell: In dem kurzen Moment, in dem ich ihm den Rücken zugedreht hatte, schrie der Junge plötzlich auf und stürzte sich auf mich. Er sprang auf meinen Rücken und klammerte sich an mich, indem er fest die Arme um mich legte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was? He … Du tust mir weh!“, schrie ich, während ich panisch versuchte, seine Arme von meinem Hals zu entfernen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Kind war ungewöhnlich stark. Besonders für seinen Zustand. Trotzdem tat ich mein Möglichstes, ihn so sanft ich konnte von meinem Rücken zu entfernen – ohne Erfolg.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kalle war dabei die ganze Zeit am Bellen. Trotzdem versuchte er nicht, das Kind anzugreifen, fast als hätte er Angst vor ihm. Und so langsam verstand ich, warum: Was auch immer dieses Ding auf meinem Rücken war, es war kein normaler Junge. Wie sonst konnte man erklären, dass ich, eine erwachsene Frau, seine Arme nicht einen Zentimeter bewegen konnte, egal wie sehr ich daran zerrte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Bring mich zu einem Friedhof!“, zischte der Junge mir zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das brachte mich zum Innehalten. „W-was?“, fragte ich irritiert. Ich war mir nicht sicher, ob ich ihn richtig verstanden hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Begrab mich in geweihtem Boden, damit ich endlich Frieden finden kann!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für einen Moment hatte ich das Gefühl, als würde mein Gehirn aufhören zu funktionieren. Es ergab für mich keinen Sinn.</p>



<p class="wp-block-paragraph">War das alles vielleicht nur ein kranker Scherz? Aber wie könnte ein Scherz meinen Hund dazu bringen, den Jungen zu fürchten? Außerdem konnte kein Scherz der Welt einem Kind solche Muskelkraft verleihen, dass ich seine Arme nicht ansatzweise bewegen konnte. Nicht einmal mit all dem Adrenalin, das gerade durch meinen Körper schoss.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber wenn das hier kein Scherz war, meinte der Junge die Aufforderung ernst. Er wollte lebendig begraben werden. Oder war er vielleicht gar nicht lebendig?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das seltsame Kind begann, an mir zu rütteln, wie ein ganz normaler Junge bei einem Wutanfall. „Bring mich zum Friedhof!“, schrie er, als wolle er zum nächsten McDonalds gefahren werden. „Bring mich zum Friedhof! Bring mich zum Friedhof!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das befreite mich endlich aus meiner Starre. „Okay! Okay“, erwiderte ich, während ich mich in Bewegung setzte. Kalle folgte mir in einigem Abstand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hatte zwar keine Ahnung, was hier vor sich ging, aber wenn sich ein anscheinend übermenschlich starkes Wesen an meinen Rücken klammerte, das mir wahrscheinlich mit Leichtigkeit den Kopf abreißen konnte, wollte ich es bestimmt nicht wütend machen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf dem Weg versuchte ich weiter, meine Gedanken zu sortieren. Es gelang mir nicht wirklich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Stattdessen fiel mir bald auf, dass meine Beine schwächer wurden. Zuerst dachte ich, es wäre bloß der Adrenalinschub, der allmählich nachließ, aber je näher ich meinem Auto kam, desto schwerer lastete der Junge auf meinen Schultern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch merkte ich, wie mein Atem vor Anstrengung immer schwerfälliger wurde. Eine Art Müdigkeit machte sich in mir breit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu Anfang versuchte ich noch, mich mit der Natur um mich herum abzulenken. Aber obwohl es mir sonst nie sonderlich schwerfiel, die Schönheit der Natur wahrzunehmen, wirkte sie jetzt fast schon erdrückend. Die Bäume ragten hoch über mich hinaus, als würden sie auf mich herabblicken. Die Dunkelheit zwischen den Bäumen kam mir vor, als würde sie mich beobachten. Ein Gefühl der Enge machte sich in meinem Brustkorb breit. So ähnlich hatte ich mich auch gefühlt, als ich Maja verloren hatte. Als würde mir der Boden unter den Füßen weggerissen werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich strauchelte. Erst jetzt fiel mir auf, dass es nicht die Natur war, die mich fast erdrückte, sondern das Gewicht auf meinem Rücken. Der Junge war inzwischen so schwer geworden, dass ich Probleme hatte, geradeaus zu gehen. Mühsam setzte ich einen Fuß vor den anderen, bis ich endlich den Parkplatz erreichte. Selbst das Herauskramen meines Autoschlüssels aus der Jackentasche kam mir wie eine nahezu unschaffbare Aufgabe vor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach einigen Anläufen hatte ich es endlich geschafft. Ich öffnete die Autotür und ließ Kalle auf den Rücksitz springen, ehe ich mich selbst auf den Fahrersitz fallenließ.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das wiederum schien dem Jungen zu missfallen. „Keine Pause machen! Steh auf und bring mich zum Friedhof!“, schrie er mich an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich …“, presste ich hervor. Erschrocken stellte ich fest, dass mir selbst das Sprechen inzwischen schwerfiel. „Ich mach keine Pause. Wir fahren das letzte Stück. Geht … schneller …“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Junge antwortete nicht, aber ich merkte genau, wie er hibbelig wurde, spürte seinen misstrauischen Blick in meinem Nacken. Wusste er nicht, was ein Auto war?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sobald ich den Motor gestartet hatte und wir uns in Bewegung setzten, entspannte er sich schnell wieder.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem merkte ich, wie ich weiter schwächer wurde. Ich hatte gehofft, dass das Sitzen helfen würde, ich hier wieder zu Kräften kommen könnte. Stattdessen verschwamm meine Sicht allmählich. Kalles Gebell auf dem Rücksitz klang ungewöhnlich weit weg. Ich hatte Probleme, die Spur zu halten, musste mich mehr und mehr auf die Straße konzentrieren, geriet immer wieder auf die Gegenfahrbahn. Zum Glück war ich um diese Uhrzeit allein auf der Straße.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann endlich kamen die Lichter meines Heimatdorfes in Sicht. Die Fahrt war nicht sonderlich lang, immerhin ging ich mit Kalle immer nur knapp außerhalb der Gemeinde spazieren, wenn wir eine größere Runde planten. Und so hatte ich die Straße, in der die Kirche und der Friedhof lagen, bald erreicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dort angekommen betätigte ich wieder und wieder die Hupe. Das schien den Jungen, der sich noch immer fest an mich klammerte, zu verwirren. Ich merkte, wie er sich ruckartig umsah. Aber entweder wusste er nicht, dass ich den Lärm machte, oder er hinterfragte es nicht weiter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Endlich hielt ich an. Ich fuhr jedoch nicht bis zur Kirche oder dem Friedhof ein Grundstück weiter. Ich wusste genau, dass ich es in meinem Zustand niemals schaffen würde, den Jungen zu begraben. Stattdessen hielt ich meinen Wagen bei dem Haus davor. Es gehörte Einar, unserem Pfarrer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dort angekommen betätigte ich noch einige Male die Hupe, ehe ich schließlich die Fahrertür aufstieß. Ich versuchte, auszusteigen, aber meinen Beinen fehlte die Kraft. Stattdessen landete ich mit meinen Handflächen auf dem kalten Bürgersteig, schaffte es nur mühsam, meine Beine aus dem Auto zu ziehen, während die Welt um mich mehr und mehr verschwamm.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Letzte, was ich sah, war, wie sich die Haustür des Pfarrers öffnete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wer ist da? Um Gottes willen, Jonna!“, hörte ich Einar meinen Namen rufen. Seine Stimme klang weit entfernt. Trotzdem konnte ich noch hören, wie er zu uns rannte. „Lass sie los, Myling!“, schrie Einar. „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes taufe ich dich auf den Namen Jon!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mehr bekam ich nicht mehr mit. Im nächsten Moment verlor ich das Bewusstsein.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich wieder zu mir kam, lag ich, zugedeckt mit einer Wolldecke, auf einem Sofa. Von dem Jungen fehlte jede Spur. Dafür lag Kalle dicht an mich gekuschelt bei mir. Sobald er merkte, dass ich wach war, bellte er freudig, wedelte mit dem Schwanz und schlabberte mir durchs Gesicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„He! Ist ja gut. Ist ja gut mein Junge, ich bin wach“, sagte ich, während ich mich halbherzig gegen seinen Angriff wehrte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment ging eine Tür auf. Einar kam mit besorgter Miene auf mich zu. „Jonna. Gott sei Dank, du bist wach. Wie geht’s dir?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Um ehrlich zu sein, ziemlich beschissen“, gestand ich. „Was ist passiert?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Pfarrer zögerte. „Ich … Ich weiß nicht, wie sehr du dich mit den alten schwedischen Sagen auskennst“, begann er. „Aber dieses Wesen, das du auf dem Rücken hattest, nennt man einen Myling.“ Er musterte mich einen Moment, als wolle er abschätzen, ob ich ihm glaubte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ein Myling?“, wiederholte ich. Vor wenigen Stunden noch hätte ich unseren Pfarrer für solch eine Aussage wahrscheinlich als verrückt bezeichnet, aber nach dem, was mir widerfahren war, war mir jede Erklärung recht, die mir eine Antwort lieferte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ein Myling ist ein Wiedergänger. Ein Untoter. Den Legenden nach entstehen sie, wenn ein ungetauftes Kind getötet oder im Wald ausgesetzt wird. Sie können nur ihren Frieden finden, wenn sie in heiligem Boden begraben werden oder wenn sie …“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„… wenn sie getauft werden“, beendete ich seinen Satz.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einar nickte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Deswegen hatte er den Jungen also Jon getauft. Er hatte mir damit das Leben gerettet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Pfarrer legte mir eine Hand auf den Arm. „Es tut mir leid, dass das ausgerechnet dir widerfahren ist, Jonna. Nach allem, was du durchgemacht hast.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich lächelte schief.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du kannst jedenfalls hierbleiben, solange du willst“, bot er mir an. „Nur die Nacht oder bis du dich besser fühlst.“ Dann lächelte er noch einmal, ehe er seine Hand von meinem Arm löste. Nach einem kurzen Zögern drehte er sich schließlich um und wollte gehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Warte“, hielt ich ihn auf. „Du siehst aus, als wenn du noch etwas sagen wolltest.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einar seufzte schwer. „Es ist nur … Ich hatte schon damit gerechnet, dass so etwas passiert. Zu Weihnachten hatte irgendein Verrückter den Årsgång durchgeführt. Das ist ein unchristliches Ritual, mit dem man angeblich die Zukunft voraussehen kann. Ich hatte bereits befürchtet, dass dadurch übernatürliche Wesen auf unser Dorf aufmerksam geworden sind. Wir können nur hoffen, dass dem Myling keine Weiteren folgen.“</p>


<p><b>Bleibt auf dem neusten Stand und folgt mir auf:</b></p>
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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Myling, auch Myrding (Schwedisch für „Ermordetes“), ist ein Wiedergänger des skandinavischen Volksglaubens. In Norwegen wird das <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wesen</a> Utburd genannt, in Island Útburður und bei den Samen u. a. Ihtiriekko.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Entstehung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Legende</a> nach entsteht ein Myling, wenn ein Kind, oft ein Neugeborenes, ungetauft stirbt – meist, weil es von den Eltern ermordet oder im Wald ausgesetzt wurde     – und anschließend nicht ordnungsgemäß bestattet wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist besonders früher oft vorgekommen, als Abtreibung noch verboten und uneheliche Kinder als Schande angesehen oder sogar kirchlich bestraft wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein anderer häufig genannter Grund ist, dass die Eltern keine finanziellen Mittel besaßen, um das Kind zu ernähren, und keinen anderen Ausweg sahen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Seltener sind Mylingar die Wiedergänger von Totgeburten, die nicht ordnungsgemäß bestattet wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Svenska Akademiens Ordbok (Schwedisch für „Wörterbuch der Schwedischen Akademie“) ist außerdem aufgeführt, dass ein Myling auch der Wiedergänger eines ermordeten Erwachsenen sein kann, der nicht ordnungsgemäß bestattet und dessen Mörder nicht bestraft wurde. Hierzu habe ich jedoch keine historischen Belege gefunden.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Obwohl Mylingar im Normalfall Wiedergänger von Neugeborenen sind, nehmen sie das Aussehen von sechs- bis 12-jährigen Kindern an. Sie haben blasse Haut und sind oft abgemagert und verdreckt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Als Wiedergänger, also Untote, halten sich Mylingar für gewöhnlich in der Nähe des Ortes auf, an dem sie begraben oder ihre Leiche versteckt wurde. Dort soll man nachts außerdem oft das Geschrei eines Kindes oder Babys hören.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sollte sich jemand auf die Suche nach dem Ursprung des Geschreis machen oder zufällig dem Myling begegnen, so springt der Myling den meisten Geschichten nach auf den Rücken der Person und klammert sich dort fest. Anschließend verlangt er, zu einem Friedhof oder geweihtem Boden gebracht und dort begraben zu werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da man sie nicht abschütteln kann, folgen die meisten Betroffenen der Bitte. Auf dem Weg zum Friedhof bzw. geweihtem Boden wird der Myling jedoch immer schwerer und schwerer. Sollte man es nicht rechtzeitig schaffen, den Ort zu erreichen, können sie angeblich so schwer werden, dass die Füße des Menschen im Boden versinken oder er unter der Last zusammenbricht, woraufhin der Myling wütend wird und den Menschen ermordet und sich auf die Suche nach seinem nächsten Opfer macht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In anderen Versionen entzieht ein Myling einem die Lebensenergie, während man ihn trägt. Irgendwann ist man schließlich so schwach, dass man zusammenbricht und stirbt. Diese Version würde auch zu anderen Wiedergängerlegenden passen, da die Berührung eines Wiedergängers den Menschen im Normalfall das Leben entzieht. So kann man daraufhin beispielsweise todkrank werden, die berührte Stelle kann abfallen, verbrennen oder verfaulen oder der Mensch kann sterben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sollte man es hingegen schaffen, den geweihten Boden zu erreichen, lässt der Myling von einem ab, woraufhin man ihn begraben und somit seine Seele befreien kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In anderen Legenden verlangt der Myling einen Namen und es reicht aus, ihm einen zu geben, oder der Myling muss sich an seiner Mutter rächen, um Frieden zu finden.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Mylingar wurden hauptsächlich in Skandinavien gesichtet. Dort können sie überall auftauchen, wo ein ungetauftes Kind gestorben ist bzw. sein Leichnam versteckt oder begraben wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den meisten Geschichten kommen sie in Wäldern oder auf dem Grundstück der Eltern vor.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der Glaube an Mylingar geht wahrscheinlich auf den früher oft begangenen Kindsmord zurück. Die häufigsten Gründe hierfür waren, wie bereits erwähnt, dass die Eltern keine finanziellen Möglichkeiten hatten, das Kind zu ernähren, oder das Kind unehelich war und die Eltern somit von der Kirche bestraft und gesellschaftlich missachtet worden wären.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem war die Aufklärung früher nicht so weit wie heute, Verhütungsmittel waren deutlich weniger verbreitet und Abtreibungen waren verboten. Ungewünschte Kinder kamen also sehr viel häufiger vor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie alt der Glaube an die Mylingar ist, habe ich hingegen nicht herausfinden können. Im Svenska Akademiens Ordboka ist eine Quelle aus dem frühen 17. Jahrhundert aufgelistet, die Legende kann aber natürlich noch deutlich älter sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von den Myling? Hat euch meine Geschichte gefallen? Wie würdet ihr reagieren, wenn ihr nachts Kinderschreie aus dem Wald hört? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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		<title>Der Wendigo – Er lauert im Wald (überarbeitet)</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 25 Apr 2022 13:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Mit Entsetzen starrte ich ein gigantisches Wesen an, das Giwedi am Arm packte und wie eine Puppe hochhob – eine zappelnde, kreischende Puppe. Der Wendigo sah fast menschlich aus, war aber locker fünf Meter groß und hatte unnatürlich dünne Gliedmaßen ...</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg09.met.vgwort.de/na/cecf50b703404290990979753732f59f" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Der Wendigo ist eine der bekanntesten Indianerlegenden und einer meiner ältesten Beiträge. Viele kennen ihn als eine Art Hirschmensch mit Geweih und Fell. Diese Darstellung ist jedoch völlig falsch. Sie ist ein gutes Beispiel dafür, wie es einer Legende schaden kann, wenn man sie abändert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eigentlich war für heute ein regulärer Beitrag geplant, ich war mit meinen Ideen für die Geschichte jedoch nicht wirklich zufrieden. Also habe ich beschlossen, mir mehr Zeit für die Planung zu nehmen und den Beitrag um zwei Wochen zu verschieben. Stattdessen habe ich meinen Beitrag über die Wendigowak für euch überarbeitet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen (Achtung Spoiler!) </strong></summary>
<p>&#8211; explizite Darstellung von körperlicher Gewalt<br>
&#8211; Blut<br>
&#8211; Tod</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Ich drückte meiner Freundin gerade den sechsten Kuss auf den Mund, als hinter mir eine Hupe zu hören war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Rummachen könnt ihr noch genug, wenn wir zurück sind!“, rief Mike mir aus dem Auto zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Giwedi saß neben ihm am Steuer und grinste breit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich komm ja schon!“, rief ich, bevor ich wieder zu Sue sah. „Und du willst wirklich nicht mitkommen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber meine Freundin schüttelte den Kopf. „Ich stör doch nicht eure Männertour. Außerdem bin ich nicht so bekloppt, im Winter zelten zu gehen.“ Sie gab mir einen siebten und letzten Kuss, bevor sie mich sanft Richtung Auto stieß.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„He“, protestierte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Jetzt geh schon“, erwiderte Sue. „Ich bin auch noch da, wenn du zurückkommst. Und Lucas? Ich liebe dich.“ Sie schenkte mir ihr bezauberndes Lächeln. Dasselbe Lächeln, mit dem sie mich vor einigen Wochen vom Spielfeldrand angesehen hatte, kurz vor unserem ersten Date.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich lächelte zurück. „Ich liebe dich auch. Wir sehen uns Sonntag.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann drehte ich mich um, stapfte durch den Schnee zum Auto, verstaute meine Tasche und stieg ein. Wir fuhren sofort los.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einen Moment sah ich noch zurück, um Sue zu winken, bis ich mich schließlich Mike und Giwedi zuwandte. Mike und Giwedi &#8230; Meine besten Freunde seit der Highschool. Und das, obwohl wir unterschiedlicher nicht sein konnten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mike war der typische Nerd. Er hing die meiste Zeit am Computer, sammelte Comichefte und hatte eine beachtliche Sammlung Actionfiguren – seine ‚Rente‘, wie er sie scherzhaft nannte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hingegen war das, was die meisten wohl als ‚Jock‘ bezeichneten: sportlich, viele Muskeln und ehrlich gesagt nicht gerade der Schlauste. Aber das war mir egal. Dann schrieb ich eben nicht die besten Noten. Und ja, ohne mein Stipendium hätte ich es wahrscheinlich nicht auf die Uni geschafft. Aber dafür war ich glücklich. Ich liebte mein Leben, den Sport und natürlich meine Freundin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und dann war da noch Giwedi – oder Giiwedinikwe, wie er eigentlich hieß. Er stammte von den Ojibwa Indianern ab. Aus unserer kleinen Truppe war er der Bodenständigste. Er war immer auf alles vorbereitet, hatte Notfallpläne für seine Notfallpläne und behielt selbst in den merkwürdigsten Situationen einen kühlen Kopf. Das ausgerechnet auf diesem Campingtrip etwas so unvorstellbar Grausames passieren würde, dass selbst Giwedi damit überfordert war, hätte sich niemand von uns träumen lassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dabei fing alles so gut an: Die Stimmung im Auto war ausgelassen. Obwohl wir über drei Stunden unterwegs waren, verging die Zeit wie im Flug. Wir unterhielten uns, hörten lautstark Musik und brüllten die Texte mit, auch wenn einer von uns schiefer sang als der nächste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich vergaß sogar fast, wie sehr ich Sue bereits jetzt vermisste. So ein Wochenende konnte sich für frisch Verliebte wie eine Ewigkeit anfühlen, aber meinen jährlichen Campingtrip mit Mike und Giwedi wollte ich um nichts in der Welt verpassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als wir den kleinen Waldparkplatz erreichten, schallte noch immer laute Musik aus dem Radio. Aber das störte wohl niemanden. Wie immer um diese Jahreszeit war Giwedis kleiner PKW das einzige Auto auf dem Parkplatz. Wir fühlten uns, als gehörte der Wald uns ganz allein. Und so schaltete Giwedi das Radio erst aus, als wir unsere Rucksäcke, die drei Klappstühle und das Bier aus dem Auto geholt hatten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich war es ganz still um uns herum. Als das laute Knallen der Fahrertür und dessen Echo, das noch einen Moment durch den Wald gehallt war, verstummt waren, hörten wir kein einziges Geräusch mehr. Keinen Wind, der durch die Bäume fegte, kein knirschender Schnee, keine knackenden Äste. Es sang nicht einmal ein Vogel. Es war, als hätte man die Zeit um uns herum angehalten – und genau das liebte ich an unseren winterlichen Campingtouren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Dann lasst uns mal“, durchbrach Mike die Stille. „Ohne Feuer wird es nicht wärmer.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er hatte Recht. Es war wirklich verdammt kalt. Wir schulterten unsere Rucksäcke, ich nahm den Kasten Bier und meine Freunde trugen die Campingstühle. Gemeinsam machten wir uns auf den Weg.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schnee knirschte unter unseren Schuhen. Wir zelteten jedes Jahr an derselben Stelle. Die Lichtung war keine fünf Minuten Fußweg entfernt. Im Sommer war sie ein beliebter Campingspot, aber im Winter gehörte sie uns allein. Nach einigen Metern blieb ich überrascht stehen. Ein süßlicher Gestank lag in der Luft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Riecht ihr das?“, fragte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Giwedi und Mike blieben stehen und schnupperten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Irgendein totes Tier“, sagte Giwedi schulterzuckend.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Damit war das Thema beendet. Immerhin war ein totes Tier in einem Wald nichts Ungewöhnliches. Als wir die Lichtung erreichten, hatte ich es bereits wieder vergessen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich stellte den Kasten Bier etwas abseits in den Schnee, damit er schön kalt blieb. Dann machten Mike und ich uns daran, den Schnee wegzuschaufeln, um die Zelte aufzubauen, während Giwedi sich auf die Suche nach Feuerholz machte. Es mag klischeehaft klingen, aber Giwedi war der Einzige von uns, der auch bei Schnee keine Probleme mit dem Feuerholz hatte. Dafür waren Mike und ich mit den Zelten ein eingespieltes Team. Und so dauerte es nicht lange, bis unsere drei Zelte um ein prasselndes Feuer standen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erschöpft ließen wir uns in unsere Campingstühle fallen. Mike seufzte schwer. Es war aber kein ‚das Leben ist so anstrengend‘-Seufzen, sondern eher ein ‚das gemütliche Wochenende kann kommen‘-Seufzen. Ich konnte es voll und ganz nachvollziehen. Jeden Winter freute ich mich wie ein kleines Kind auf diese Campingtour. Ein Wochenende mit nichts als meinen besten Freunden, abseits der Zivilisation und der Probleme, die sie mit sich brachte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mike schaltete sein kleines Feldradio ein. Es lief ein Rocksender, den wir alle drei gerne hörten. Dann stand er auf und teilte eine Runde Bier aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Auf euch“, sagte ich, während ich die Flasche in die Luft hielt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Auf uns“, erwiderten Giwedi und Mike wie aus einem Munde. Dann grinsten sie einander breit an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schüttelte bloß lachend den Kopf, bevor ich den ersten Schluck nahm. Kalt lief mir das Getränk die Speiseröhre hinunter. Ich fröstelte, doch das hielt mich nicht davon ab, weiterzutrinken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir saßen schweigend da und lauschten der Rockmusik aus dem Radio. Ich hatte den Kopf in den Nacken gelegt, um die langsam am dunkler werdenden Himmel auftauchenden Sterne zu beobachten. In ein, zwei Stunden würde der Sternenhimmel uns einen Anblick bieten, der mich jedes Jahr aufs Neue begeisterte. Noch ahnte ich ja nicht, was diesen Abend noch alles passieren würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich muss mal pissen“, warf Mike in die Runde. Er stellte seine leere Bierflasche in den Kasten zurück, bevor er ein Stück in den Wald hineinging. Dann verlor ich ihn aus den Augen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Giwedi und ich saßen weiter da und lauschten der Musik, während wir gedankenverloren ins Feuer starrten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich hörte ich Mike in der Ferne rufen: „Leute? Das müsst ihr euch ansehen!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Giwedi sah mich mit gerunzelter Stirn an. Was wollte Mike?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wenn wir jetzt aufstehen, nur weil er seinen Namen in den Schnee &#8230;“, weiter kam ich nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Blut!“, rief Mike lauter. „Hier sind Fußspuren und Blut!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sprang sofort auf. Blut? „Wenn das irgendein dummer Scherz ist &#8230;“, mahnte ich. Aber auch wenn Horrorgeschichten bei unseren Campingausflügen durchaus Tradition hatten, erzählten wir sie normalerweise am Lagerfeuer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich gerade losgehen wollte, ertönte ein gellender Schrei aus dem Wald.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mike?“, brüllten Giwedi und ich wie aus einem Munde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber anstatt loszulaufen, blieb ich wie angewurzelt stehen. Meine Beine waren starr vor Angst. Giwedi war mutiger. Er holte seine Taschenlampe aus dem Rucksack und leuchtete in den Wald hinein. Zwischen den Bäumen stand eine Gestalt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Giwedi erkannte ihn zuerst. „Mike?“, fragte er, während er vorsichtig auf ihn zuging. „Alles in Ordnung?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mike stieß einen weiteren Schrei aus. Diesmal klang er jedoch eher wütend als panisch. Mit Gebrüll stürzte er sich auf Giwedi, riss ihn unsanft zu Boden und rammte seine Zähne in den schützenden Arm, den Giwedi vor sich hielt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mike! Bist du bescheuert?! Du tust mir weh!“, brüllte Giwedi ihn an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich stand noch immer reglos daneben, wusste nicht, was ich tun sollte. Noch war ich nicht sicher, ob es kein dämlicher Scherz war. Andererseits würde Mike dabei niemals so weit gehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Blut, das jetzt Giwedis Arm hinab lief, war Bestätigung genug für mich. Ohne zu zögern, schnappte ich mir den kleinen Kochtopf, der neben dem Feuer stand, rannte zu meinen Freunden und knallte ihn Mike mit voller Wucht an die Schläfe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ‚Dong‘, das dabei ertönte, hallte noch eine Weile in nach. Meine Hand tat weh, ich ließ den Topf jedoch erst los, als ich sah, dass Mike benommen im Schnee liegen blieb. Scheinbar hatte ich ihn ausgeknockt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Giwedi krabbelte panisch rückwärts. „Scheiße, was war das gerade?“, stieß er aus, während ich ihm auf die Beine half.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir machten uns sofort daran, Mike zu fesseln, bevor er wieder zu Bewusstsein kommen konnte. Dann kümmerten wir uns um Giwedis Wunde. Man konnte einen blutigen Abdruck jedes einzelnen Zahns auf seinem Unterarm erkennen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich spürte, wie ich noch immer unter Schock stand, während mein Hirn nach einer plausiblen Erklärung für all das suchte. Es gab eine Erklärung, aber &#8230;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Mund fühlte sich trocken an, während ich ihn öffnete. Ich zögerte, bevor ich sprach. „Denkst du &#8230; Mike ist ein Zombie?“, fragte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Giwedi sah mich mit großen Augen an. „Lucas, sei nicht albern!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich biss mir auf die Unterlippe. „Na ja &#8230; vorhin hat es nach Verwesung gerochen, dann hat Mike Fußspuren und Blut gefunden und jetzt hat er dich &#8230;“ Mein Blick wanderte zu dem Verband um Giwedis Arm. Würde er sich auch verwandeln? Was sonst hätte Mike dazu bewegen können, Giwedi anzugreifen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„A-ach Quatsch. Es gibt keine Zombies!“, erwiderte Giwedi. Seine Stimme zitterte jedoch, während er sprach.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da wir nicht wussten, was wir sonst tun sollten, trug ich Mikes bewusstlosen Körper zum Feuer, um ihn zu untersuchen, währen Giwedi die Umgebung im Auge behielt. Ich fand nichts außer der Wunde am Kopf, die ich zu verschulden hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Alles gut“, sagte ich erleichtert. „Keine Kratzer oder Bissspuren. Mike ist kein Zombie.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Giwedi sah erleichtert aus, ließ den umliegenden Wald jedoch nicht lange aus den Augen. Wahrscheinlich dachte er dasselbe wie ich: Wenn Mike kein Zombie war, wieso hatte er ihn dann angegriffen? Er war einer der friedfertigsten Menschen, die ich kannte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hilfe! Hilfeee!“, ertönten plötzlich Schreie aus der Richtung, aus der auch Mike gekommen war. Das Seltsame dabei war: Das war Mikes Stimme!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ohne weiter darüber nachzudenken, sprang ich auf. Ich wollte bereits lossprinten, als Giwedi mich am Arm packte. „Nicht“, sagte er schnell. „Das ist nicht Mike. Mike liegt hier vor uns.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da hatte er recht. Wieder biss ich mir auf die Lippe. Ich kam mir völlig hilflos vor. Was zur Hölle war hier nur los?</p>



<p class="wp-block-paragraph">An Giwedis angestrengtem Gesichtsausdruck sah ich, dass er fieberhaft nachdachte. Dann schien irgendetwas Klick zu machen. Auf einen Schlag wurde Giwedis Gesicht blass, während seine Augen sich weiteten. „Wir müssen hier weg“, sagte er leise.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wir müssen hier weg!“, wiederholte er lauter. „Lass alles liegen. Wir müssen zum Auto!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wusste nicht, was los war, aber wenn Giwedi etwas befahl, widersprach ich nur selten. Also packte ich Mike und warf ihn mir über die Schulter. Er stöhnte, als hätte er Schmerzen, blieb ansonsten aber reglos.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nein“, sagte Giwedi sofort. „Wir schaffen es nicht, wenn du ihn trägst &#8230; wir &#8230; wir müssen ihn hierlassen!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wollte protestieren. Ich ließ meine Freunde nicht zurück! Aber der Ausdruck in Giwedis Augen raubte mir jegliche Widerworte. Er hatte panische Angst.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was ist denn los?“, fragte ich, während wir Mike in ein Zelt brachten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich glaube, das ist ein Wendigo“, erklärte Giwedi, während er Mikes Fesseln löste. „Ein böser Geist, von dem mein Vater mir einmal erzählt hat.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ein Geist? Aber Zombies sind Quatsch?“, fragte ich verzweifelt. Das konnte nicht sein Ernst sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während wir Mike hastig in eine Decke wickelten, erklärte Giwedi weiter: „Wendigowak stinken nach Verwesung. Sie hinterlassen blutige Fußabdrücke und können Stimmen imitieren. Außerdem können sie Menschen dazu bringen, ihre Freunde zu essen. Sag du mir, wonach das klingt!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es klang nach Wahnsinn. Ein böser Geist &#8230; Andererseits hatte er recht: Es passte. Und es war auch nicht unrealistischer als meine Zombie-Theorie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem wir Mike warm genug eingewickelt hatten, beugte ich mich zu ihm. „Wir kommen dich morgen abholen. Versprochen“, flüsterte ich mit trockenem Hals. Dann verließ ich das Zelt. Ich hoffte inständig, dass er die Nacht unbeschadet überstehen würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Draußen hielt Giwedi mir den Autoschlüssel entgegen. „Du bist schneller als ich. Falls du mich abhängst, starte den Motor und warte im Auto auf mich!“, befahl er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir rannten sofort los. Den Schlüssel hielt ich fest umklammert in meiner Hand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Mond und die Sterne waren jetzt unsere einzige Lichtquelle. Zum Glück waren sie hell genug, um uns den Weg zu leuchten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach einigen Metern verlangsamten wir unsere Schritte bereits wieder. Vor uns im Schnee, der wegen der Dunkelheit eine leicht gräuliche Farbe angenommen hatte, prangten unnatürlich große Fußspuren. Sie sahen menschlich aus, waren aber fast dreimal so groß wie meine eigenen und mit Blut gefüllt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Giwedi und ich sahen uns nur stumm an. Uns beiden fehlten die Worte. Was auch immer dieses Wesen war, ob Wendigo oder etwas anderes, es musste uns verfolgt haben, als wir zur Lichtung gegangen waren. Jedenfalls führten die Spuren auf direktem Weg Richtung Auto.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Schnee knirschte unter unseren Schuhen, während mir eiskalte Luft ins Gesicht schlug. Gelegentlich knackte und raschelte es hinter mir. Ich betete, dass es nur Giwedi war, der mir folgte. Ansonsten hörte ich nur unseren schnellen Atem.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Beeilung! Wir haben es gleich geschafft!“, rief ich, ohne nach hinten zu sehen. Das war gelogen. Giwedi würde genauso gut wie ich wissen, dass wir gerade einmal die Hälfte der Strecke hinter uns hatten. Aber beim Sport hatte mir solches Anfeuern immer geholfen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein plötzlicher Aufschrei ließ mich herumwirbeln. „Giwedi!“, brüllte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit Entsetzen starrte ich ein gigantisches Wesen an, das Giwedi am Arm packte und wie eine Puppe hochhob – eine zappelnde, kreischende Puppe. Der Wendigo sah fast menschlich aus, war aber locker fünf Meter groß und hatte unnatürlich dünne Gliedmaßen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Obwohl ich panische Angst hatte, setzte ich zu einem Sprint an. Ich wollte auf das Ding zurennen, um sein Bein wegzutackeln, ihn anzugreifen, damit der Giwedi losließ. Aber es war zu spät. Ich konnte nur mit ansehen, wie er im Licht des Mondscheins seinen großen Mund um Giwedis Oberkörper legte und zubiss. Blut spritzte in alle Richtungen, während ein scheußliches Knirschen ertönte. Im selben Moment erstarben Giwedis Schreie. Er hörte auf, sich zu wehren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Magen drehte sich um. Tränen schossen mir in die Augen. Trotzdem wollte ich nicht aufgeben. Ich schämte mich für den Gedanken, aber vielleicht verschaffte Giwedis Tod mir genug Zeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So schnell ich konnte, hetzte ich durch den Wald. In meinem Kopf hallte das fürchterliche Knirschen von Giwedis Brustkorb noch immer nach. Trotzdem versuchte ich, auf jedes Geräusch um mich herum zu achten. Abgesehen von meinen Schritten und einem aufgescheuchten Tier, das panisch flüchtete, war es totenstill. Sollte der Wendigo mich tatsächlich verfolgen, machte er dabei kein einziges Geräusch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Inzwischen war ich fast beim Auto. Ich musste nur noch zwischen zwei dünnen Baumstämmen hindurch, dann war ich auf dem Parkplatz! Aber noch ehe ich die Baumstämme erreicht hatte, blieb ich erschrocken stehen. Der Geruch nach Verwesung lag in der Luft. Noch viel intensiver als vorhin. Und dann sah ich es: Die beiden Baumstämme bewegten sich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt erkannte ich auch die seltsam gelbliche Farbe und die fehlende Maserung der Rinde. Das waren keine Bäume!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als der Wendigo sich zu mir herabbeugte, stolperte ich rückwärts. Ich versuchte umzudrehen, von ihm wegzulaufen, aber seine Hand hatte mich bereits erreicht. Wie zuvor Giwedi packte er mich am Arm. Er drückte so doll zu, dass es wehtat. Dann verlor ich den Boden unter den Füßen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Panisch schrie ich auf. Ich schlug mit voller Kraft wieder und wieder auf seinen Arm ein, trat mit den Füßen nach seinem Oberkörper, aber er schien es nicht einmal zu bemerken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eisern hielten seine knöchernen Finger mich fest. Ich konnte seine Rippen sehen und seine Schlüsselbeine, die deutlich unter der Haut hervortraten. Er war völlig abgemagert. Als ich mich seinem Kopf näherte, konnte ich zwei tiefsitzende Augen sehen, die mich kalt anstarrten. Schließlich sah ich seine Zähne. Gelb und spitz. Ein Speichelfaden lief aus seinem Mund.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich die Augen schloss, spürte ich, wie Tränen meine Wangen hinab liefen. Ich versuchte, an etwas Schönes zu denken. Meine Gedanken wanderten zu Sue. Vorhin war ich noch traurig, dass meine Freundin unbedingt zu Hause bleiben wollte, aber jetzt war ich einfach nur froh, dass sie nicht mitgekommen ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das letzte, was ich spürte, war, wie sich scharfe Zähne in mein Fleisch senkten. Dann wurde alles Dunkel.</p>



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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Wendigo (plural Wendigowak) ist ein kannibalistisches <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wesen</a>, ein böser <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Geist</a> aus den Legenden vieler amerikanischer Ureinwohnerstämme, darunter die Ojibwa, Cree, Saulteaux, Naskapi und Innu.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wendigowak sehen extrem abgemagert aus. Oft werden sie als Skelette, die mit Haut überspannt sind und tief im Schädel sitzende Augen haben, beschrieben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihre Haut hat eine ungesunde Farbe. Sie soll gelblich sein oder mit schwarzen, an Verwesung erinnernden Flecken übersät sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und auch ihre spitzen Zähne, die in einem lippenlosen Mund sitzen, sollen eine gelbe Farbe haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einigen Legenden wird der Wendigo außerdem als Riese beschrieben. Dort heißt es, dass ein Wendigo immer genau um die Masse wächst, die er frisst. Er wächst also, statt zuzunehmen, wodurch sein Hunger auf Menschenfleisch nie gestillt wird. Häufig wird Wendigowak daher eine Größe von bis zu fünf Metern nachgesagt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das typische Bild des Wendigo mit Fell und einem Geweih, das ihr vielleicht kennt, hat seinen Ursprung übrigens in einem Film, der nur lose an die tatsächliche Legende angelehnt ist. Trotzdem hat sich dieses falsche Aussehen durchgesetzt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wendigowak sind perfekte Jäger und Spurenleser. Sie verfügen über verstärkte Sinne wie z. B. ein sehr gutes Gehör. Außerdem sollen sie übernatürlich schnell sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es heißt, ein Wendigo könne dich kilometerweit verfolgen, ohne, dass du es bemerkst.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem haben Wendigowak, wie bereits erwähnt, einen unstillbaren Hunger auf Menschenfleisch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sollte man hingegen auf die Spur eines Wendigo treffen, ist sie oft leicht zu erkennen. Sie sollen nämlich blutige Fußabdrücke hinterlassen. Da Wendigowak häufig im Winter unterwegs sind, lassen sich die roten Abdrücke im Schnee besonders gut erkennen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine etwas weniger offensichtliche Eigenschaft ist hingegen ihr Herz, das aus purem Eis bestehen soll. Wendigowak könnten also auf die Kälte angewiesen sein, um zu überleben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Je nach Region und Stamm werden dem Wendigo aber noch weitere Fähigkeiten zugesagt. So kann er Stimmen imitieren, um Leute in die Falle zu locken, oder er soll Besitz von Menschen ergreifen können, wodurch diese selbst ihre engsten Freunde und ihre Familie angreifen und versuchen, sie zu essen. Sollte ihnen das gelingen, werden sie daraufhin oft selbst zu einem Wendigo.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In fast jedem Stamm haben die Wendigowak eines gemeinsam: Sie werden so gut wie immer mit dem Winter, Kälte, Hungersnöten, Gier und dem Verhungern in Verbindung gebracht.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Legenden über den Wendigo kommen aus Kanada und den USA. Dort sollen diese Wesen hauptsächlich bei kalten Jahreszeiten in den Wäldern gesichtet worden sein.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Legende der Wendigowak ist wahrscheinlich aus der Angst vor der Kälte und Hungersnöten entstanden. Wie bei den meisten Indianerlegenden lässt sich der genaue Ursprung jedoch nicht mehr festlegen, da die Christen in der Vergangenheit ihr Möglichstes getan haben, um den Glauben und die damit verbundenen Legenden der Indianerstämme zu zerstören.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dafür gibt es mehrere Legenden, wie die Wendigowak entstehen sollen. In den meisten Fällen drehen sie sich um eine Gruppe indianischer Jäger, die sich im Winter im Wald verirrt hat. Sie irren oft tagelang ziellos durch die Kälte, finden nicht genug Nahrung, sodass sie der Reihe nach sterben. Einer von ihnen ist daraufhin so verzweifelt, dass er dem Kannibalismus verfällt, um zu überleben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kannibalismus ist in den meisten Indianerstämmen jedoch eines der schlimmsten Verbrechen, egal, aus welchen Gründen er begangen wurde. Also haben die Geister den Jäger bestraft, auf ewig dazu verdammt, durch die Wälder zu streifen – mit einem unstillbaren Hunger auf Menschenfleisch.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von dem Wendigo? Wie würdet ihr reagieren, wenn ihr einem begegnet? Und noch viel wichtiger? Was wäre, wenn ein Wendigo Besitz von einem engen Freund, eurer Geliebten/eurem Geliebten oder gar einem eurer Familienmitglieder ergreifen würde? Würdet ihr euch zutrauen, ihnen Schaden zuzufügen, um euch zu verteidigen? Scheibt es in die Kommentare!</em></p>



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		<title>Draugr – Öffne nicht sein Grab!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 14 Feb 2022 14:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Geschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Monster und Ungeheuer]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>„Ich bitte Sie“, erwiderte die Fremde in gefasstem Tonfall. „Ich habe schon Dutzende Ausgrabungen geleitet. Bisher hat sich noch kein Toter beschwert.“ Sie lachte leise über ihrem Witz, doch Oddvar schien das gar nicht zu gefallen.<br />
„Du bringst Unheil über das ganze Dorf!“, schrie er sie an. „Du bringst uns alle in Gefahr!"</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg08.met.vgwort.de/na/d96d6961050f44948ef2ca9237ef5823" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Ein Draugr ist ein Untoter der nordischen Mythologie. Vielleicht kennt ihn bereits aus Videospielen, Büchern oder Fernsehserien.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie versprochen hat die Geschichte dieses Mal übrigens Überlänge.<br>Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen (Achtung Spoiler!) </strong></summary>
<p>&#8211; Blut<br>
&#8211; explizite Darstellung körperlicher Gewalt<br>
&#8211; Tod</p></details>



<h2 class="wp-block-heading" id="die-geschichte">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">„Bitte sehr“, sagte ich freundlich, während ich der Fremden an meinem Tresen ein Bier hinstellte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Danke“, erwiderte sie, gefolgt von einem breiten Lächeln. Sie nahm einen großen Schluck.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es kam nicht häufig vor, dass sich Fremde in unseren kleinen Ort verirrten. Noch seltener aber war es, dass jemand meinen Gasthof nicht nur als Kneipe nutzte, sondern tatsächlich hier übernachtete. Meinen Lebensunterhalt verdiente ich jedenfalls an meinen Stammkunden, die allesamt im Ort wohnten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Also“, sagte ich freundlich, „was treibt eine bezaubernde junge Dame wie Sie in unser bescheidenes Örtchen? Besuchen Sie jemanden?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frau lachte über das Kompliment – die Fältchen in ihrem Gesicht und die vereinzelten grauen Haare verrieten mir, dass sie nicht mehr oft ‚junge Dame‘ genannt wurde. „Sie schmeicheln mir“, sagte sie. Ich hörte einen deutschen Akzent heraus, ansonsten war ihr Norwegisch fließend. Sie musterte mich einen Moment abschätzend, bevor sie auf meine Frage antwortete. „Ich bin beruflich hier. Kennen Sie das alte Hügelgrab, das hier kürzlich entdeckt wurde?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Pah! Entdeckt“, meldete sich ein Mann am äußeren Ende des Tresens zu Wort. Das war Oddvar, einer der Stammalkis. Er lallte ein wenig. „Selbst mein Großvater wusste schon, dass das kein einfacher Hügel war!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Fremde sah ihn irritiert an, dann sah sie hilfesuchend zu mir. Scheinbar wusste sie nicht, was sie darauf antworten sollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich lachte freundlich. „Beachten Sie ihn gar nicht. Oddvar ist einer meiner besten Kunden“, erklärte ich mit vielsagendem Blick.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Allerdings wusste auch ich schon seit meiner Kindheit, dass der Hügel in Wirklichkeit eine Grabstätte war. Das war im Ort kein Geheimnis, trotzdem schien es erst kürzlich zur Außenwelt durchgedrungen zu sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sie sind also Archäologin? Ich habe gehört, dass man eine Gruppe herschicken wollte, um das Grab untersuchen zu lassen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frau setzte sich gerade hin und warf sich stolz in die Brust. „Ich bin nicht nur eine Archäologin, ich leite die Ausgrabungen. Wir wollen &#8230;“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weiter kam sie nicht, da Oddvar sich wieder zu Wort meldete. „Ausgrabungen? Du willst das Grab doch wohl nicht ausgraben!?“ Inzwischen war er aufgestanden und torkelte auf sie zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihr bisher so freundliches Lächeln wurde nervös, während sie mir wieder einen hilfesuchenden Blick zuwarf. Ich eilte unterdessen um den Tresen, um Oddvar zu stützen, bevor er hinfallen oder einen Streit anfangen konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Doch“, sagte die Fremde zögerlich. „Deswegen sind wir hier. Gibt es ein Problem?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ein Problem?“, lallte Oddvar laut. „Natürlich habe ich damit ein Problem. Weißt du nicht, was da schlummert? Die Toten sollten in Ruhe gelassen werden!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich bitte Sie“, erwiderte die Fremde in gefasstem Tonfall. „Ich habe schon Dutzende Ausgrabungen geleitet. Bisher hat sich noch kein Toter beschwert.“ Sie lachte leise über ihrem Witz, aber Oddvar fand das gar nicht komisch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du bringst Unheil über das ganze Dorf!“, schrie er sie an. „Du bringst uns alle in Gefahr! Der Draugr, er &#8230;“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Das reicht jetzt! Du hast genug getrunken“, unterbrach ich ihn mit fester Stimme. „Du weißt, ich hab dich immer gerne hier, aber wenn du meine Gäste anbrüllst, musst du gehen!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Oddvar wollte etwas erwidern, aber als er meinen warnenden Blick sah, gab er kleinlaut bei. „Ist ja gut, ist ja gut. Ich geh ja schon.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wollte ihn stützen, während ich ihn nach draußen begleitete, doch er schlug meine Hände weg. Also folgte ich ihm in den Schnee.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wenn du nicht allein nach Hause gehen willst, fahr ich dich schnell“, schlug ich vor. Zwar war seine Hütte, obwohl sie außerhalb des Dorfs lag, nicht zu weit entfernt, aber bei seinem Zustand wollte ich es wenigstens anbieten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Der Tag, an dem ich nicht mehr allein nach Hause komme, ist der Tag, an dem du mich begraben kannst“, lehnte er auf seine schroffe Art ab. „Aber &#8230;“, sagte er etwas ruhiger, während er mich am Hemd packte und grob zu sich zog. „Versprich mir bitte, dass du sie damit nicht durchkommen lässt. Sie darf das Grab nicht öffnen!“ Sein Atem stank nach Alkohol.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich seufzte. „Ich werd’s versuchen“, log ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einen Moment hielt er mich noch fest und atmete mir dabei ins Gesicht. Dann nickte er, ließ mich los und torkelte langsam davon.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich mein Hemd glattstrich, sah ich ihm nachdenklich nach. Ich hasste es, Leute anzulügen, aber anders wäre ich ihn wohl nicht losgeworden. Außerdem hatte er das Gespräch morgen eh wieder vergessen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit einem Seufzen drehte ich mich um und ging zurück nach drinnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Verzeihen Sie bitte sein Benehmen“, entschuldigte ich mich bei der Archäologin. „Er weiß manchmal nicht, wann Schluss ist.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie lächelte wieder ihr freundliches Lächeln. „Ach, machen Sie sich keine Sorgen. Sie können ja nichts dafür.“ Dann zögerte sie. „Aber eine Frage hätte ich da. Wissen Sie, was dieser Drauger ist, von dem der Mann gesprochen hat?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Draugr ohne e“, korrigierte ich sie. „Aber machen Sie sich darum keine Sorgen: Die Draugar gibt es nur in alten Märchen, die man sich hier in der Gegend erzählt. Ich weiß nur, dass sie &#8230;“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Klingeln eines Telefons schnitt mir das Wort ab.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Archäologin guckte entschuldigend, während sie in ihrer Handtasche kramte. Sie holte ein altes Klapphandy hervor. „Ja bitte? Hmm? Wie bitte?“ Sie hielt sich das andere Ohr zu. „Ich versteh dich ganz schlecht. Hallo? Hallo?“ Mit gerunzelter Stirn klappte sie ihr Handy zu und steckte es zurück in die Handtasche. „Das war unser Techniker“, erklärte sie. „Mein Team übernachtet in Wohnwagen beim Hügelgrab. Irgendetwas ist passiert, aber die Verbindung war zu schlecht. Ich gehe wohl besser nachsehen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich nickte ihr kurz zu. „Alles klar. Lassen Sie ihr Bier ruhig stehen, ich hab ein Auge darauf, bis Sie zurück sind“, bot ich an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie lächelte dankbar. Dann machte sie sich mit einem flüchtigen „hoffentlich bis gleich“ auf den Weg.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als sie weg war, wurde es still in der Bar. Normalerweise unterhielt ich mich um die Uhrzeit mit Oddvar, aber den hatte ich heute ja rausgeschmissen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Stattdessen saßen in meinem Gasthof nur noch zwei Leute: Agnes, die müde in ihr Getränk starrte, und ihr Mann Sven, der mit dem Kopf auf der Tischplatte eingeschlafen war. Er schnarchte leise.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bald hatte Agnes ihr Glas geleert. Sie kam an die Bar, um zu zahlen, und gab mir ein etwas mageres Trinkgeld. Anschließend weckte sie ihren Mann, um mit ihm nach Hause zu gehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt war ich ganz allein. Ich räumte die leeren Gläser weg, während ich wartete. Als ich fertig war, war die Archäologin immer noch nicht zurück. Gelangweilt lehnte ich mich an die Theke und starrte ihr gerade einmal angefangenes Bier an. Ich überlegte bereits, ob ich es wegkippen und ihr dafür morgen ein neues anbieten solle, damit ich endlich ins Bett konnte, als draußen ein Wagen vorfuhr. Es klang so, als hätte er eine Vollbremsung gemacht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann ertönte das Knallen einer Autotür dicht gefolgt von dem hastigen Aufreißen und Schließen meiner Eingangstür. Es war die Archäologin. Ihr schneller Atem und die weit aufgerissenen Augen versetzten mich sofort in Alarmbereitschaft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ist etwas passiert?“, fragte ich, während ich zu ihr rannte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mein Team &#8230; Die Wohnwagen. Es war völliges Chaos! Da war &#8230; Da war &#8230;“, ihre Worte überschlugen sich. Bei ihrem Akzent konnte ich kaum etwas verstehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Immer mit der Ruhe“, sagte ich. „Was ist passiert? Soll ich die Polizei oder einen Arzt rufen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frau schüttelte heftig den Kopf. „Nein &#8230; Nein! Da war &#8230; Ich glaube, da war ein Draugr!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ungläubig starrte ich sie an, während mein Kopf versuchte, das Gesagte zu verarbeiten. Sie war eine Frau der Wissenschaft. Und wie ein Spaßvogel wirkte sie nicht gerade. Hatte ich sie falsch verstanden?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was genau haben Sie gesehen?“, fragte ich möglichst ruhig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ehe die Frau jedoch antworten konnte, hörte ich draußen eine Scheibe zerbersten. Im selben Moment ging ein Autoalarm los.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ohne große Umschweife riss ich die Tür auf. Was ich dort sah, konnte ich nur als furchteinflößend beschreiben: Ein Wesen, das wie ein bleicher, völlig abgemagerter Mann in mittelalterlicher Kleidung aussah, zog gerade ein rostiges Schwert aus der zersplitterten Heckscheibe eines roten PKWs. Im nächsten Moment schlug es mit seiner Faust auf das Dach. Es verbog sich mit einem hässlichen Knirschen und weiterem zerberstendem Glas, als wäre ein ganzer Baum auf das Auto gestürzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann hob das Wesen seinen Kopf und sah uns mit toten Augen an. Ich starrte das abgemagerte Gesicht, die viel zu blasse, leicht bläuliche Haut, die völlig vertrocknet aussah, und die lumpige Kleidung an – ein Draugr. Aber das war nicht möglich!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Augen waren anderer Meinung. Und auch mein restlicher Körper setzte sich sofort in Bewegung, als der Draugr einen Schritt auf uns zukam. Ehe ich wusste, was ich tat, hatte ich die Tür zugeschlagen. Ich packte die Archäologin beim Arm und sprintete mit ihr los. Sie leistete keinen Widerstand. Wir rannten hinter den Tresen, durch die Tür in die leere Küche und weiter zum Hinterausgang. Ein Rumpeln gefolgt von einem lauten Knall war zu hören. Ich konnte nur vermuten, dass das meine Eingangstür gewesen sein musste, die aus den Scharnieren gebrochen wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während wir nach draußen eilten, schlug mir wieder die Kälte entgegen. Der knöchelhohe Schnee knirschte unter unseren Füßen, während wir rannten. Ich hatte kein Ziel im Kopf. Meine Wohnung befand sich im Gasthof und wenn wir zu einem der Häuser rannten, würden wir andere Leute in Gefahr bringen. Zumindest so lange, bis wir den Draugr abhängen konnten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also rannten wir in den Wald, der das Dorf umgab. Zu weit durften wir uns nicht hinaustrauen – abgesehen von Wölfen wartete dort nur der sichere Kältetod – aber wenigstens konnten wir uns dort verstecken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach einigen hundert Metern merkte ich, dass die Archäologin allmählich langsamer wurde. Mehr und mehr musste ich an ihrem Arm ziehen. Anscheinend war sie den tiefen Schnee nicht gewohnt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hier“, zischte ich ihr zu, als wir an einer besonders dicken Tanne vorbeikamen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sanft aber bestimmt zog ich sie unter die tiefhängenden Äste. Schnee rieselte auf uns herab, während wir uns darunter dicht an den Stamm pressten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir gaben keinen Mucks von uns, achteten auf jedes Geräusch. Doch abgesehen vom leisen Heulen des Windes und unseren schnellen, regelmäßigen Atemzügen hatte sich Stille über den Wald gelegt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es vergingen mehrere Minuten, bis sich die Archäologin wieder traute, etwas zu sagen. „Sie sind ja völlig am Zittern“, flüsterte sie mit besorgtem Blick.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt bemerkte ich es auch. Die Kälte hatte sich bis in meine Knochen geschlichen. Meine Hände fühlten sich fast völlig taub an und der dünne Stoff meines Hemdes brachte fast gar keinen Schutz.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort zog die Archäologin einen Arm aus ihrer Jacke und legte sie halb um mich, um mich zu wärmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich zwang mich zu einem schüchternen Lächeln. „Danke“, hauchte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie erwiderte das Lächeln, auch wenn es sehr gezwungen aussah. „Anne“, flüsterte sie knapp. „Mein Name ist Anne.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Henrik“, erwiderte ich genauso leise.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich weiß nicht, wieso wir uns unterhielten – es war ziemlich riskant – , aber ich schätze, wir wollten uns irgendwie ablenken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Weißt du, Henrik, ich arbeite jetzt fast 40 Jahre als Archäologin, aber noch nie zuvor habe ich einen Geist gesehen“, flüsterte Anne.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Draugr sind Untote“, flüsterte ich zurück. „Keine Geister.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du meinst ein Zombie hat mich gerade quer durch das Dorf verfolgt?!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Klingt ein Geist etwa besser?“ Trotz allem, der Kälte, der Angst, meiner völligen Überforderung, musste ich schmunzeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch der kurze Moment der Unbeschwertheit hielt nicht lange an. Er wich sofort wieder Panik, als Anne plötzlich aufhorchte und den Zeigefinger hob. Hatte sie etwas gehört?</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Knirsch</em>, ertönte es leise. <em>Knirsch</em>. Langsame Schritte im Schnee. Schwer und schleppend. <em>Knirsch</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sämtliche Instinkte in mir schrien danach, wegzurennen. Trotzdem zwang ich mich, einen kühlen Kopf zu bewahren. Aus welcher Richtung kamen die Schritte? Wie nah waren sie? Und vor allem: Kamen sie auf uns zu?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es dauerte noch einige Sekunden, bis ich sie zuordnen konnte. Sie kamen von rechts, etwa die Richtung, aus der auch wir gekommen waren. Und ja, sie kamen näher.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Knirsch</em>. Anne und ich hielten fast gleichzeitig den Atem an. <em>Knirsch</em>. Mein Magen krampfte sich zusammen. <em>Knirsch</em>. Die Schritte waren jetzt ganz nah. Ein leicht modriger Geruch, wie von einem verwesenden Tier drang an meine Nase. <em>Knirsch</em>. Anne entfuhr ein ängstliches Winseln, bevor sie aufsprang und losrannte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Anne!“, fluchte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was tat sie denn? Wir durften uns auf keinen Fall aufteilen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Panisch sprang ich hinterher. Als auch ich den Schutz der Äste verlassen hatte, sah ich, wie Anne wie ein ängstliches Reh in Schockstarre verfallen war. Direkt vor ihr stand der Draugr. Er sah sie mit seinen kalten Augen an. Sein rostiges Schwert hob sich zum Schlag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Verstand setzte aus. Ich merkte nicht einmal, wie ich auf Anne zusprintete, um sie aus dem Weg zu stoßen. Erst, als nicht mehr sie dem Draugr gegenüberstand, sondern ich, realisierte ich, was geschehen war. Die rostige Klinge raste auf mich zu. Schützend riss ich die Arme vor mich.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Fump</em>. Ein dumpfes Geräusch ertönte hinter mir. Auch wenn der Draugr nicht eine Miene verzog, hätte ich schwören können, dass seine glanzlosen Augen genauso ungläubig auf den rostigen Schwertstummel in seiner Hand starrten, wie ich. Die Klinge war knapp über dem Griff abgebrochen. Der Großteil von ihr lag jetzt irgendwo hinter mir im Schnee.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Renn los!“, kreischte Anne mich an. Jetzt war es an ihr, mich am Arm zu packen und mit sich zu ziehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während wir rannten, sah ich, wie der Draugr mit einem Röcheln seinen Schwertgriff in den Schnee warf. Dann nahm er die Verfolgung auf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Warte! Wir müssen ins Dorf zurück. Wir überleben die Nacht hier draußen nicht“, rief ich keuchend.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Das ist deine Heimat. Wohin sollen wir?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich dachte fieberhaft nach, aber mir fiel nichts ein. Die Leute würden alle schon schlafen. Außerdem hatte niemand eine Waffe, außer &#8230;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Der alte Oddvar!“, rief ich. „Er wohnt in einer Hütte im Wald!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Der Trunkenbold?“, erwiderte Anne. „Bist du sicher?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Er hat eine Waffe. Und wenn jemand weiß, wie man mit einem Draugr umzugehen hat, dann er.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das schien Anne zu genügen. Sie leistete keine Widerworte mehr, sondern hielt sich – ihre Hand inzwischen krampfhaft in meinen Arm gekrallt – dicht an meinen Fersen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein flüchtiger Blick nach hinten verriet mir, dass der Draugr zwar noch immer hinter uns war, wir aber einen guten Vorsprung bekommen hatten. Wenn wir es bis zu Oddvar schafften, hatten wir eine Chance!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Noch während ich dabei war, meinen Blick wieder nach vorne zu wenden, bemerkte ich, dass der Draugr im Rennen nicht uns, sondern den Schnee vor sich anstarrte. Die Spuren! Aber natürlich: Der Draugr verfolgte unsere Spuren. Wir hätten uns hier draußen nirgends vor ihm verstecken können!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich geriet mehr und mehr außer Atem. An Annes immer unregelmäßiger werdenden Schritten merkte ich, dass es ihr nicht besser ging. Aber noch trieb uns das Adrenalin voran.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hektisch starrte ich in der Dunkelheit hin und her. Schnee, Bäume, noch mehr Schnee. Irgendwo in dieser Richtung musste die Hütte doch sein. Hatten wir sie verfehlt? Aber nein: Es dauerte nicht lange, bis in der Ferne einige Lichter auftauchten. Es war Oddvars Hütte. Und wie es aussah, war er noch wach!</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Oddvar!“, brüllte ich. „Oddvar!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anne schloss sich mir sofort an. Wie zwei Wahnsinnige brüllten wir völlig außer Atem wieder und wieder seinen Namen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst, als wir schon fast bei der Haustür waren, öffnete sie sich. Oddvar stand in nichts als einer weißen Unterhose vor uns, ein Gewehr im Anschlag. Die misstrauischen Augen auf uns geheftet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wer ist da? Was wollt ihr hier?“, rief er. Er klang noch betrunkener als vorhin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anne und ich blieben schlitternd stehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du?!“, sagte er wütend. Er richtete den Lauf auf Anne, die augenblicklich ihre Hände hob.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Bitte! Nicht!“, keuchte sie außer Atem.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Oddvar, wir brauchen Hilfe. Hinter uns &#8230;“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich brauchte den Satz nicht zu beenden. Oddvar riss die Augen auf und seine Waffe herum. Fast sofort fiel ein Schuss.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Knall raubte mir einen Moment die Orientierung. Reflexartig riss ich die Hände an meine klingelnden Ohren. Dann drehte ich mich um.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Draugr stand keine fünf Meter hinter uns. Den Kopf hatte er gesenkt, seinen Blick auf das kleine, unscheinbare Loch in seiner Brust gerichtet. Aus seiner vertrockneten Haut kam kein einziger Tropfen Blut.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Fast ungläubig hob der Untote seine Hand. Er schob seinen knochigen Zeigefinger durch das Loch in der Kleidung einige Zentimeter in seine Brust hinein. Mit einem wütenden Röcheln zog er ihn wieder heraus und hob seinen Kopf. Jetzt starrte er Oddvar direkt an. Ich hatte das Gefühl, Hass in seinen gefühlskalten Augen zu erkennen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bedrohlich ging er auf ihn zu. Schnell feuerte Oddvar noch einen Schuss ab. Dann noch einen. Und noch einen. Selbst in seinem betrunkenen Zustand war er ein verdammt guter Schütze.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch die Schüsse schienen den Draugr nicht einmal zu kümmern. Zwar zuckte er jedes Mal zusammen, wenn eine weitere Kugel ihn traf, aber es war wohl bloß die Wucht des Aufpralls. Er schien keinerlei Schmerz zu empfinden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als der Draugr sich uns nährte, wich ich schnell einige Schritte zurück. Aber er nahm uns gar nicht mehr wahr. Seine ganze Aufmerksamkeit galt nun Oddvar.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es dauerte nicht lange, bis er ihn erreicht hatte. Der alte Mann versuchte noch, die Tür zuzuschlagen, doch der Draugr stieß sie mit einer schnellen Bewegung seines Arms wieder auf, als wäre sie aus Pappe. Er stürzte sich mit ausgestreckten Händen auf Oddvar.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nein!“, schrie ich entsetzt. Ich wusste nicht, was ich erwartet hatte, aber wenn Oddvar jetzt starb, wäre es meine Schuld. Ich hatte den Draugr zu ihm geführt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bevor ich überlegen konnte, welche Gründe dagegen sprachen, nahm ich Anlauf und stürzte mich auf den Untoten. Erst versuchte ich, ihn zu Boden zu werfen. Als das nicht klappte, klammerte ich mich an ihn. Der modrige Geruch nach Verwesung war jetzt so intensiv, dass er mir Tränen in die Augen trieb.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für einen Moment hatte ich Hoffnung, dass ich tatsächlich etwas ausrichten konnte, Oddvar genug Zeit zum Fliehen verschaffen würde, aber als der Draugr sich aufrichtete, merkte ich, wie sehr ich mich irrte. Ich war nicht mehr als ein Kleinkind, das es mit einem Bären aufnehmen wollte. Mit einem kräftigen Stoß seines linken Ellenbogens stieß er mich von sich. Ich flog mehrere Meter durch die Luft, bis mein Aufprall vom Schnee gebremst wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anne rannte sofort zu mir. „Henrik, alles in Ordnung?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ohne ihr zu antworten, rappelte ich mich auf. Ich wollte mich ein weiteres Mal auf den Draugr stürzen, auch wenn ich tief in meinem Inneren wusste, dass es nichts bringen würde, doch Anne hielt mich auf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nein! Nicht. Es ist zu spät! Wir müssen hier weg!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst wollte ich sie ignorieren. Ich wollte nicht zulassen, dass Oddvar etwas zustieß. Auch wenn ich dafür mein eigenes Leben in Gefahr brachte. Dann sah ich jedoch das ganze Blut: Die Tür, der Boden, der Schnee, alles war von Blutspritzern übersät.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Draugr schlug in Rage wieder und wieder auf Oddvar ein, der reglos unter ihm lag. Als der Untote dann auch noch seine Hand durch Oddvars Bauchdecke rammte und irgendetwas aus ihm herausriss – wahrscheinlich seinen Darm –, drehte ich mich um. Wir mussten hier weg!</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Versuch, in unsere alten Spuren zu treten. Vielleicht können wir so etwas Zeit gewinnen“, befahl ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anne gehorchte sofort. So schnell sie konnte, lief sie vor mir her, immer darauf bedacht, in meine oder ihre Fußspuren im Schnee zu treten. Ich war ihr dicht auf den Fersen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wir müssen bloß Zeit gewinnen“, erklärte ich, inzwischen wieder völlig außer Atem. „Draugar wagen sich nur nachts aus ihren Gräbern. Bei Tagesanbruch ist der Spuk vorbei.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aus Annes Schweigen deutete ich, dass sie verstanden hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es dauerte nicht lange, bis wir den Gasthof erreichten. Schnee war durch die offene Hintertür hineingeweht und blockierte das Holz. So schnell wir konnten, fegten wir ihn mit Händen und Füßen beiseite, um die Tür zu schließen. Dann gingen wir nach vorn.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einen Moment betrachtete ich entsetzt das Chaos: Die Eingangstür lag einige Meter von ihrem zersplitterten Rahmen entfernt auf dem Boden. Der Schnee, der durch den Eingang geweht war, war größtenteils geschmolzen und bildete nun schlammige Pfützen auf den Holzdielen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schluckte den Schock hinunter und machte mich daran, einen der Tische umzukippen. Zusammen schoben wir ihn vor das Loch am Eingang und stapelten einige Stühle darüber. Das würde zwar nichts gegen die Kälte bringen, aber wenigstens würden wir hören, wenn der Draugr durch den Vordereingang in den Gasthof wollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wo verstecken wir uns?“, fragte Anne nervös. Sie sah sich in der Kneipe um, schien aber keinen geeigneten Ort zu finden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wir gehen nach oben zu den Zimmern“, erklärte ich. „Sollte der Draugr die Treppe hochkommen, können wir den Notausgang nehmen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie folgte mir stumm. Zwar konnte ich ihr ansehen, dass sie nicht sonderlich begeistert von dem ‚Versteck‘ war, aber was hatten wir für andere Optionen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir versteckten uns in Zimmer 5, wo wir uns auf den harten Holzboden direkt neben der Tür setzten. Die Tür ließen wir einen Spaltbreit offen, damit ich in den Flur spähen konnte. Außerdem würden wir so keine Geräusche machen, wenn wir das Zimmer verlassen mussten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann warteten wir. Und warteten. Und warteten. Sekunden fühlten sich an wie Minuten, Minuten wie Stunden, Stunden wie Tage. Irgendwann merkte ich, wie Annes Kopf auf meine Schulter fiel. Sie war eingeschlafen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz betrachtete ich sie lächelnd. Sie war nicht mehr die Jüngste. Um ehrlich zu sein fand ich es erstaunlich, wie jemand in ihrem Alter so lange durchgehalten hatte. Ich ließ sie schlafen. Wache konnte ich auch gut allein halten. So dachte ich zumindest. Aber mein Adrenalin war schon lange verflogen. Erschöpfung und Müdigkeit hatten sich in meinem Körper ausgebreitet und meine einzige Beschäftigung war es, Annes langsamen Atem zu lauschen. Und so dauerte es nicht lange, bis auch meine Augen zugefallen waren.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Rumms</em>. Erschrocken fuhr ich hoch. <em>Rumms</em>. Ich sah zu Anne, die noch immer seelenruhig schlief. <em>Knack</em>. Von hier oben aus klangen die Geräusche unscheinbar, fast ungefährlich, aber ich wusste, dass gerade jemand die Hintertür aufgebrochen hatte – oder besser gesagt etwas.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Anne“, flüsterte ich. Ich schüttelte sanft an ihrer Schulter. „Er ist hier!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihre Augen, die mich eben noch müde angeblinzelt hatten, waren jetzt weit aufgerissen. Angst funkelte in ihnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann hörten wir schwere Schritte. Angestrengt starrte ich in die Dunkelheit im Flur. Waren sie schon auf der Treppe oder noch im Erdgeschoss?</p>



<p class="wp-block-paragraph">So leise es ging, richteten wir uns auf, ohne den Flur aus den Augen zu lassen. Noch war er leer.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Krach</em>. Von unten war ein lauter Knall und Gerumpel zu hören. Kurz herrschte Stille, dann rumpelte es weiter. Holz knackte und splitterte. Es klang, als würde jemand den ganzen Gasthof auseinandernehmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich brachen die Geräusche ab. Kein Gerumpel mehr, kein Knacken, nicht einmal Schritte waren zu hören. Erst jetzt merkte ich, dass ich den Atem angehalten hatte. Mit einem tiefen, langsamen Atemzug atmete ich aus. Ich wollte jetzt bloß keine Geräusche machen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem einige Minuten nichts mehr passiert war, sah ich Anne irritiert an. War der Draugr weg?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vorsichtig zog ich die Tür weiter auf. Ich trat einen Schritt auf den Flur, was Anne ein geflüstertes „Henrik, nicht!“ entlockte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich ignorierte sie. Stattdessen schlich ich den Flur entlang. So leise ich konnte, ging ich zur Treppe und spähte hinunter. Ich sah umgekippte Stühle, ein Tisch, der nur noch drei Beine hatte, sogar ein zerbrochenes Trinkglas, von dem ich keine Ahnung hatte, wo es herkam, aber von dem Draugr fehlte jede Spur.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während Anne oben an der Treppe stehenblieb, schlich ich hinunter, bereit, jede Sekunde umzudrehen. Der Tisch und die Stühle – so erkannte ich jetzt – waren die, die wir vor dem Eingang gestapelt hatten. Der Draugr musste also gegangen sein. Aber wieso?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst, als ich vorsichtig nach draußen ging, erkannte ich es.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Anne!“, rief ich. „Anne! Die Sonne geht auf!“ Tränen schossen mir in die Augen, als ich den hellen Streifen am Himmel sah.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anne eilte sofort zu mir. Sie atmete erleichtert, fast ungläubig aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Noch nie in meinem Leben war ich so froh gewesen, den Sonnenaufgang zu sehen. Wir hatten die Nacht überlebt. Der Draugr war verschwunden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie ich später herausfand, waren wir die einzigen Überlebenden, die den Draugr gesehen hatten. Das restliche Dorf und die Polizei kannten nur die offizielle Variante: Ein Tier hatte das Archäologenteam überfallen und Oddvar getötet. Daran gab es für sie keine Zweifel. Und ich habe die wahre Geschichte bis heute niemandem erzählt. Wer würde mir auch glauben?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Stattdessen haben Anne und ich alles so gut vertuscht, wie wir konnten. Sie hatte versprochen, das Grab wieder zu verschließen und ihre Spuren zu verwischen. Sie wollte dafür sorgen, dass kein anderer Archäologe jemals von dem Hügelgrab erfuhr.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das alles ist jetzt über zehn Jahre her. All die Jahre war es gut gegangen. Aber jetzt, so hatte Anne mir gerade am Telefon gesagt, war ein neues Archäologenteam auf dem Weg in unser kleines Dorf. Sie wollten das Hügelgrab untersuchen.</p>



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<h2 class="wp-block-heading" id="die-legende">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Draugr (Plural &#8222;Draugar&#8220;) ist ein <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Untoter</a> der skandinavischen Mythologie. Oft handelt es sich um wiederauferstandene Wikinger.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie lassen sich in Landdraugr und in Meerdraugr unterteilen, unterscheiden sich jedoch fast nur in Aussehen und ihrer Grabstätte – entweder einem Grab, Grabhügel etc. oder dem Meer.</p>



<h3 class="wp-block-heading" id="aussehen">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Draugar sehen größtenteils menschlich aus. Je nach Erzählung können ihre Körper jedoch völlig abgemagert oder aufgebläht sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem hat ihre Haut eine ungesunde blau-gräuliche, bleiche oder schwarze Farbe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Den meisten Draugar sieht man ihre Todesursache an. Sind sie in der Schlacht gestorben, ist ihr Körper häufig von blutigen Wunden übersät. Sind sie hingegen ertrunken, sind ihreKörper, ihre Kleidung und ihre Haare nass.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da Draugar oft untote Wikinger waren, wurden sie mit alltagstauglicher Kleidung und ihren Waffen begraben, die sie daher meist mit sich führen.</p>



<h3 class="wp-block-heading" id="entstehung">Entstehung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt verschiedene Möglichkeiten, durch die Verstorbene zu einem Draugr werden sollen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Oft heißt es, dass die Draugar vor ihrem Tod schlechte Menschen oder Unruhestifter waren. In seltenen Fällen reichte es auch, wenn sie bloß unbeliebt waren. Auch egoistische Menschen, die sich geweigert haben, in die Welt der Toten überzugehen, sollen zu einem Draugr geworden sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein weiterer häufiger Grund, wie Draugar entstanden sein sollen, ist, indem sie im Sitzen oder Stehen begraben wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Seltener sollen auch andere Faktoren wie Flüche oder der Tod durch einen anderen Draugr eine Rolle spielen.</p>



<h3 class="wp-block-heading" id="eigenschaften">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Auch hier gibt es verschiedene Arten von Draugar, die sich unterschiedlich verhalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die meisten Draugar werden als Grabwächter beschrieben. Sie bewachen also die Hügelgräber und die Schätze, mit denen sie begraben wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Art von Draugr ist oft harmlos, sofern man das Grab versiegelt lässt oder es zumindest nicht betritt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt aber auch andere Draugar, die es auf Menschen abgesehen haben. Sie sind sehr viel gefährlicher, da sie nachts ihre Gräber verlassen, um nach Menschen zu suchen. Wenn sie einen Menschen finden, treiben sie mit ihm Schabernack, ängstigen ihn, machen ihn im wahrsten Sinne des Wortes wahnsinnig oder versuchen, ihn zu töten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In manchen Sagen werden ihre Opfer dadurch selbst zu einem Draugr, wodurch die Gefahr immer größer wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Generell verfügen Draugar über menschliche Intelligenz und stinken nach Tod und Verwesung. Sie besitzen übermenschliche Stärke, was sie noch bedrohlicher macht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem besitzen sie manchmal magische Fähigkeiten:</p>



<p class="wp-block-paragraph">So soll es Draugar geben, die sich durch Erde und Stein bewegen können, um ihr Grab zu verlassen, aus dem Nichts aufzutauchen oder zu fliehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Manchmal heißt es auch, dass sie gegen herkömmliche Waffen immun seien und zum Beispiel nur mit Waffen aus reinem Eisen verletzt werden können. Zudem fühlen sie keinen Schmerz und sind unerbittliche Kämpfer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Andere, seltener aufgeführte Fähigkeiten sind beispielsweise die Fähigkeit, Menschen zu verfluchen, nach Belieben ihre Körper zu vergrößern oder sich in Tiere verwandeln zu können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und als ob all das es nicht bereits schwer genug machen würde, einen Draugr zu töten, heißt es außerdem, dass sie nur dann sterben, wenn sie – je nach Sage – geköpft werden, verbrannt werden oder beides.</p>



<h3 class="wp-block-heading" id="lebensraum-vorkommen">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Legende</a> der Draugar gibt es hauptsächlich in den skandinavischen Ländern. Um genau zu sein, in Dänemark, Schweden, Norwegen, auf den Färöer und besonders auf Island.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die meisten Draugar wandeln als lebende Tote in ihren Grabhügeln umher. Einige von ihnen verlassen sie nachts und suchen die Gegend heim, während andere ihr Grab niemals verlassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Meerdraugar hingegen schlummern tagsüber im Ozean und kommen nachts an den Strand und in die nahegelegenen Orte.</p>



<h3 class="wp-block-heading" id="ursprung">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Laut altem skandinavischem Glauben bleibt die Lebenskraft auch nach dem Tod im Körper erhalten, sodass theoretisch jeder Tote zu einem Untoten werden könnte. Das könnte der Hauptgrund sein, wie die Legende des Draugr entstanden ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Besonders gefürchtet schienen die Draugar übrigens im Mittelalter gewesen zu sein. In den skandinavischen Grabhügeln aus der Zeit finden sich oft Schutzzauber in Form von Runenschriften an den Wänden, um die Draugar am Wiederauferstehen zu hindern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Andere Methoden hierfür, die man in Gräbern gefunden hat, waren zum Beispiel zusammengebundene große Zehen und Nägel in den Fußsohlen, sodass die Toten nicht mehr aufstehen und umherwandern können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Angst vor einem Draugr, der das Dorf heimsucht, war im Mittelalter also sehr real.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Heutzutage werden Draugar natürlich nicht mehr gefürchtet. Stattdessen findet man sie hauptsächlich in Videospielen wie Skyrim oder Valheim sowie Anspielungen auf sie in Büchern wie Herr der Ringe oder Serien wie Game of Thrones.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von den Draugar? Waren diese Untoten euch neu oder kanntet ihr sie bereits? Wie hättet ihr an Henriks oder Annes Stelle reagiert? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Wenn ihr mehr solcher Geschichten oder Legenden lesen wollt, abonniert meinen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/newsletter" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Newsletter</a> oder folgt mir auf <a href="https://twitter.com/geisterlegenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/geisterlegenden/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Facebook</a> oder <a href="https://www.instagram.com/geisterlegenden/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Instagram</a>!</em></p>
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