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	<title>Norwegen Archive - Geister und Legenden</title>
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	<description>In diesem Blog schreibe und veröffentliche ich jeden zweiten Montag eine neue Legende und Geschichte über Geister oder andere übernatürliche Dinge. Viel Spaß beim Gruseln!</description>
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		<title>Myling – Folge nicht seinen Schreien!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 25 Mar 2024 14:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Das seltsame Kind begann, an mir zu rütteln, wie ein ganz normaler Junge bei einem Wutanfall. „Bring mich zum Friedhof!“, schrie er, als wolle er zum nächsten McDonalds gefahren werden. „Bring mich zum Friedhof! Bring mich zum Friedhof!“</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg09.met.vgwort.de/na/003c326817c64c0ea42664b2384dc5e4" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Meine Geschichte über den Myling spielt an einem Ort, der euch bereits von einer anderen Geschichte bekannt sein dürfte. Es war zwar nicht geplant, hatte aber zu gut gepasst, damit ich es nicht dort spielen lasse. Und wer weiß, vielleicht erwarten euch ja noch weitere Geschichten aus diesem kleinen schwedischen Dörfchen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen</strong></summary>
<p>&#8211; Tod eines Kindes<br>
&#8211; Trauer</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Schnee knirschte unter meinen Füßen, während ich von Kalle, meinem treuen braunen Labrador, an seiner Leine durch den Wald gezogen wurde. Es war bereits März. Trotzdem lagen die Temperaturen hier in Schweden häufig noch unter 0 °C.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich spürte die Kälte jedoch kaum. Wie so oft, wenn ich mit Kalle allein Gassi ging, wanderten meine Gedanken zu meiner Tochter Maja. Ich hatte sie letzten Monat bei einem Autounfall verloren. Den Fahrer traf keine Schuld. Er war ins Schlittern gekommen und hatte die Kontrolle über sein Auto verloren. Aber natürlich änderte das nichts an der Leere, die ich seit jenem Tag spürte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wäre Thorbjörn, ein alter Schulfreund, den ich letztes Silvester zufällig wiedergetroffen hatte, nicht gewesen, weiß ich nicht, wie ich nach dem Unfall hätte weiterleben sollen. Es war Glück im Unglück, dass er an dem Tag, als Maja starb, bei mir gewesen war, sodass er mich wenigstens etwas hatte auffangen können. Aber auch er konnte das Loch in meinem Herzen nicht füllen, dass der Tod meiner Tochter hineingerissen hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein plötzliches Knurren vor mir riss mich aus meinen Gedanken. Kalle stand am Wegesrand und bellte ins Unterholz.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schnell wischte ich die Tränen aus meinen Augen und ging zu ihm. „Was ist? Was hast du gesehen, mein Junge?“, fragte ich, während ich selbst in den dunklen Wald spähte. Ich konnte nichts Auffälliges entdecken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wahrscheinlich war es bloß ein Reh oder ein Hase. Andererseits verirrten sich manchmal Wölfe und Bären in diese Gegend. Ich selbst war zwar noch nie einem von ihnen begegnet, entschied aber, es nicht darauf ankommen zu lassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich Kalle jedoch zaghaft an seiner Leine weiterziehen wollte, stemmte er sich mit seinem gesamten Gewicht dagegen. Auch das war noch nie vorher vorgekommen. War es also wirklich ein potenziell gefährliches Tier?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Panisch ging ich im Kopf alles durch, was ich über Begegnungen mit Wölfen und Bären erinnerte: Das Wichtigste war, dass ich mich groß machte, Lärm machen sollte und auf keinen Fall weglaufen oder mich umdrehen durfte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also stand ich da, neben meinem bellenden Hund, hob die Arme über den Kopf und rief in den Wald hinein. „Hej Bär, hej Wölfe. Falls ihr da draußen seid, haut ab. Wir wollen euch nichts Böses!“ Vorsichtshalber zog ich sogar die Handschuhe aus und klatschte einige Male in die Hände, ehe ich sie wieder über den Kopf hob.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es rauschte ein sanfter Wind durch die Bäume. Ansonsten hörte ich nichts. Kein Knirschen im Schnee, kein Geraschel oder Knacken im Unterholz. Nichts, das auf ein wildes Tier hindeutete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich ertönte eine leise Stimme. „Hallo?“ Es klang wie ein Kind, das den Tränen nahe war. „Mama?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">‚<em>Maja!</em>‘, schoss es mir sofort in den Kopf. Aber natürlich war sie es nicht. Meine Tochter war tot. Außerdem war das eindeutig eine Jungenstimme.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wer ist da?“, rief ich in den Wald hinein. Ich ließ die Hände sinken und zog meine Handschuhe wieder an. „Hast du dich verirrt?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Kind antwortete nicht. Stattdessen ertönte ein leises Schluchzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hee, alles wird gut“, erwiderte ich, während ich einige vorsichtige Schritte ins Unterholz tat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kalle hielt sich eng an mich, während er mir mit eingeklemmtem Schwanz folgte. Wenigstens bellte er nicht mehr.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mein Name ist Jonna“, fuhr ich fort. Mit Glück kannte ich den Jungen aus Majas Schule. Oder von früher aus ihrem Kindergarten. „Kommst du aus dem Dorf?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber das Kind antwortete mir nicht mehr. Durch sein lautes Geschluchze hatte ich es trotzdem schnell ausfindig gemacht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Um Himmels willen!“, stieß ich aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein kleiner blonder Junge hockte vor mir im Schnee. Er trug dünne, abgenutzte Kleidung, hatte bleiche, dreckverschmierte Haut und sah abgemagert aus. Wenn es dafür nicht viel zu kalt gewesen wäre, hätte ich fast gedacht, dass er bereits einige Tage durch den Wald geirrt sein muss.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was ist passiert? Wo sind deine Eltern?“, fragte ich besorgt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sein kleiner Körper zitterte zwar nicht, aber ich war mir trotzdem sicher, dass er völlig durchgefroren sein musste. Also machte ich mich daran, meine Daunenjacke auszuziehen, während ich auf ihn zuging.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kalle blieb hingegen in einigem Abstand stehen. Er kauerte sich zusammen und knurrte das Kind an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erschrocken drehte ich mich zu ihm um. „Kalle! Aus! Du machst dem Jungen noch Angst!“, schimpfte ich, nichtahnend, dass er mich bloß beschützen wollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann ging alles sehr schnell: In dem kurzen Moment, in dem ich ihm den Rücken zugedreht hatte, schrie der Junge plötzlich auf und stürzte sich auf mich. Er sprang auf meinen Rücken und klammerte sich an mich, indem er fest die Arme um mich legte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was? He … Du tust mir weh!“, schrie ich, während ich panisch versuchte, seine Arme von meinem Hals zu entfernen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Kind war ungewöhnlich stark. Besonders für seinen Zustand. Trotzdem tat ich mein Möglichstes, ihn so sanft ich konnte von meinem Rücken zu entfernen – ohne Erfolg.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kalle war dabei die ganze Zeit am Bellen. Trotzdem versuchte er nicht, das Kind anzugreifen, fast als hätte er Angst vor ihm. Und so langsam verstand ich, warum: Was auch immer dieses Ding auf meinem Rücken war, es war kein normaler Junge. Wie sonst konnte man erklären, dass ich, eine erwachsene Frau, seine Arme nicht einen Zentimeter bewegen konnte, egal wie sehr ich daran zerrte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Bring mich zu einem Friedhof!“, zischte der Junge mir zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das brachte mich zum Innehalten. „W-was?“, fragte ich irritiert. Ich war mir nicht sicher, ob ich ihn richtig verstanden hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Begrab mich in geweihtem Boden, damit ich endlich Frieden finden kann!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für einen Moment hatte ich das Gefühl, als würde mein Gehirn aufhören zu funktionieren. Es ergab für mich keinen Sinn.</p>



<p class="wp-block-paragraph">War das alles vielleicht nur ein kranker Scherz? Aber wie könnte ein Scherz meinen Hund dazu bringen, den Jungen zu fürchten? Außerdem konnte kein Scherz der Welt einem Kind solche Muskelkraft verleihen, dass ich seine Arme nicht ansatzweise bewegen konnte. Nicht einmal mit all dem Adrenalin, das gerade durch meinen Körper schoss.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber wenn das hier kein Scherz war, meinte der Junge die Aufforderung ernst. Er wollte lebendig begraben werden. Oder war er vielleicht gar nicht lebendig?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das seltsame Kind begann, an mir zu rütteln, wie ein ganz normaler Junge bei einem Wutanfall. „Bring mich zum Friedhof!“, schrie er, als wolle er zum nächsten McDonalds gefahren werden. „Bring mich zum Friedhof! Bring mich zum Friedhof!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das befreite mich endlich aus meiner Starre. „Okay! Okay“, erwiderte ich, während ich mich in Bewegung setzte. Kalle folgte mir in einigem Abstand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hatte zwar keine Ahnung, was hier vor sich ging, aber wenn sich ein anscheinend übermenschlich starkes Wesen an meinen Rücken klammerte, das mir wahrscheinlich mit Leichtigkeit den Kopf abreißen konnte, wollte ich es bestimmt nicht wütend machen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf dem Weg versuchte ich weiter, meine Gedanken zu sortieren. Es gelang mir nicht wirklich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Stattdessen fiel mir bald auf, dass meine Beine schwächer wurden. Zuerst dachte ich, es wäre bloß der Adrenalinschub, der allmählich nachließ, aber je näher ich meinem Auto kam, desto schwerer lastete der Junge auf meinen Schultern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch merkte ich, wie mein Atem vor Anstrengung immer schwerfälliger wurde. Eine Art Müdigkeit machte sich in mir breit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu Anfang versuchte ich noch, mich mit der Natur um mich herum abzulenken. Aber obwohl es mir sonst nie sonderlich schwerfiel, die Schönheit der Natur wahrzunehmen, wirkte sie jetzt fast schon erdrückend. Die Bäume ragten hoch über mich hinaus, als würden sie auf mich herabblicken. Die Dunkelheit zwischen den Bäumen kam mir vor, als würde sie mich beobachten. Ein Gefühl der Enge machte sich in meinem Brustkorb breit. So ähnlich hatte ich mich auch gefühlt, als ich Maja verloren hatte. Als würde mir der Boden unter den Füßen weggerissen werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich strauchelte. Erst jetzt fiel mir auf, dass es nicht die Natur war, die mich fast erdrückte, sondern das Gewicht auf meinem Rücken. Der Junge war inzwischen so schwer geworden, dass ich Probleme hatte, geradeaus zu gehen. Mühsam setzte ich einen Fuß vor den anderen, bis ich endlich den Parkplatz erreichte. Selbst das Herauskramen meines Autoschlüssels aus der Jackentasche kam mir wie eine nahezu unschaffbare Aufgabe vor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach einigen Anläufen hatte ich es endlich geschafft. Ich öffnete die Autotür und ließ Kalle auf den Rücksitz springen, ehe ich mich selbst auf den Fahrersitz fallenließ.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das wiederum schien dem Jungen zu missfallen. „Keine Pause machen! Steh auf und bring mich zum Friedhof!“, schrie er mich an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich …“, presste ich hervor. Erschrocken stellte ich fest, dass mir selbst das Sprechen inzwischen schwerfiel. „Ich mach keine Pause. Wir fahren das letzte Stück. Geht … schneller …“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Junge antwortete nicht, aber ich merkte genau, wie er hibbelig wurde, spürte seinen misstrauischen Blick in meinem Nacken. Wusste er nicht, was ein Auto war?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sobald ich den Motor gestartet hatte und wir uns in Bewegung setzten, entspannte er sich schnell wieder.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem merkte ich, wie ich weiter schwächer wurde. Ich hatte gehofft, dass das Sitzen helfen würde, ich hier wieder zu Kräften kommen könnte. Stattdessen verschwamm meine Sicht allmählich. Kalles Gebell auf dem Rücksitz klang ungewöhnlich weit weg. Ich hatte Probleme, die Spur zu halten, musste mich mehr und mehr auf die Straße konzentrieren, geriet immer wieder auf die Gegenfahrbahn. Zum Glück war ich um diese Uhrzeit allein auf der Straße.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann endlich kamen die Lichter meines Heimatdorfes in Sicht. Die Fahrt war nicht sonderlich lang, immerhin ging ich mit Kalle immer nur knapp außerhalb der Gemeinde spazieren, wenn wir eine größere Runde planten. Und so hatte ich die Straße, in der die Kirche und der Friedhof lagen, bald erreicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dort angekommen betätigte ich wieder und wieder die Hupe. Das schien den Jungen, der sich noch immer fest an mich klammerte, zu verwirren. Ich merkte, wie er sich ruckartig umsah. Aber entweder wusste er nicht, dass ich den Lärm machte, oder er hinterfragte es nicht weiter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Endlich hielt ich an. Ich fuhr jedoch nicht bis zur Kirche oder dem Friedhof ein Grundstück weiter. Ich wusste genau, dass ich es in meinem Zustand niemals schaffen würde, den Jungen zu begraben. Stattdessen hielt ich meinen Wagen bei dem Haus davor. Es gehörte Einar, unserem Pfarrer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dort angekommen betätigte ich noch einige Male die Hupe, ehe ich schließlich die Fahrertür aufstieß. Ich versuchte, auszusteigen, aber meinen Beinen fehlte die Kraft. Stattdessen landete ich mit meinen Handflächen auf dem kalten Bürgersteig, schaffte es nur mühsam, meine Beine aus dem Auto zu ziehen, während die Welt um mich mehr und mehr verschwamm.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Letzte, was ich sah, war, wie sich die Haustür des Pfarrers öffnete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wer ist da? Um Gottes willen, Jonna!“, hörte ich Einar meinen Namen rufen. Seine Stimme klang weit entfernt. Trotzdem konnte ich noch hören, wie er zu uns rannte. „Lass sie los, Myling!“, schrie Einar. „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes taufe ich dich auf den Namen Jon!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mehr bekam ich nicht mehr mit. Im nächsten Moment verlor ich das Bewusstsein.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich wieder zu mir kam, lag ich, zugedeckt mit einer Wolldecke, auf einem Sofa. Von dem Jungen fehlte jede Spur. Dafür lag Kalle dicht an mich gekuschelt bei mir. Sobald er merkte, dass ich wach war, bellte er freudig, wedelte mit dem Schwanz und schlabberte mir durchs Gesicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„He! Ist ja gut. Ist ja gut mein Junge, ich bin wach“, sagte ich, während ich mich halbherzig gegen seinen Angriff wehrte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment ging eine Tür auf. Einar kam mit besorgter Miene auf mich zu. „Jonna. Gott sei Dank, du bist wach. Wie geht’s dir?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Um ehrlich zu sein, ziemlich beschissen“, gestand ich. „Was ist passiert?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Pfarrer zögerte. „Ich … Ich weiß nicht, wie sehr du dich mit den alten schwedischen Sagen auskennst“, begann er. „Aber dieses Wesen, das du auf dem Rücken hattest, nennt man einen Myling.“ Er musterte mich einen Moment, als wolle er abschätzen, ob ich ihm glaubte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ein Myling?“, wiederholte ich. Vor wenigen Stunden noch hätte ich unseren Pfarrer für solch eine Aussage wahrscheinlich als verrückt bezeichnet, aber nach dem, was mir widerfahren war, war mir jede Erklärung recht, die mir eine Antwort lieferte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ein Myling ist ein Wiedergänger. Ein Untoter. Den Legenden nach entstehen sie, wenn ein ungetauftes Kind getötet oder im Wald ausgesetzt wird. Sie können nur ihren Frieden finden, wenn sie in heiligem Boden begraben werden oder wenn sie …“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„… wenn sie getauft werden“, beendete ich seinen Satz.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einar nickte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Deswegen hatte er den Jungen also Jon getauft. Er hatte mir damit das Leben gerettet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Pfarrer legte mir eine Hand auf den Arm. „Es tut mir leid, dass das ausgerechnet dir widerfahren ist, Jonna. Nach allem, was du durchgemacht hast.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich lächelte schief.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du kannst jedenfalls hierbleiben, solange du willst“, bot er mir an. „Nur die Nacht oder bis du dich besser fühlst.“ Dann lächelte er noch einmal, ehe er seine Hand von meinem Arm löste. Nach einem kurzen Zögern drehte er sich schließlich um und wollte gehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Warte“, hielt ich ihn auf. „Du siehst aus, als wenn du noch etwas sagen wolltest.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einar seufzte schwer. „Es ist nur … Ich hatte schon damit gerechnet, dass so etwas passiert. Zu Weihnachten hatte irgendein Verrückter den Årsgång durchgeführt. Das ist ein unchristliches Ritual, mit dem man angeblich die Zukunft voraussehen kann. Ich hatte bereits befürchtet, dass dadurch übernatürliche Wesen auf unser Dorf aufmerksam geworden sind. Wir können nur hoffen, dass dem Myling keine Weiteren folgen.“</p>


<p><b>Bleibt auf dem neusten Stand und folgt mir auf:</b></p>
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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Myling, auch Myrding (Schwedisch für „Ermordetes“), ist ein Wiedergänger des skandinavischen Volksglaubens. In Norwegen wird das <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wesen</a> Utburd genannt, in Island Útburður und bei den Samen u. a. Ihtiriekko.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Entstehung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Legende</a> nach entsteht ein Myling, wenn ein Kind, oft ein Neugeborenes, ungetauft stirbt – meist, weil es von den Eltern ermordet oder im Wald ausgesetzt wurde     – und anschließend nicht ordnungsgemäß bestattet wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist besonders früher oft vorgekommen, als Abtreibung noch verboten und uneheliche Kinder als Schande angesehen oder sogar kirchlich bestraft wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein anderer häufig genannter Grund ist, dass die Eltern keine finanziellen Mittel besaßen, um das Kind zu ernähren, und keinen anderen Ausweg sahen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Seltener sind Mylingar die Wiedergänger von Totgeburten, die nicht ordnungsgemäß bestattet wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Svenska Akademiens Ordbok (Schwedisch für „Wörterbuch der Schwedischen Akademie“) ist außerdem aufgeführt, dass ein Myling auch der Wiedergänger eines ermordeten Erwachsenen sein kann, der nicht ordnungsgemäß bestattet und dessen Mörder nicht bestraft wurde. Hierzu habe ich jedoch keine historischen Belege gefunden.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Obwohl Mylingar im Normalfall Wiedergänger von Neugeborenen sind, nehmen sie das Aussehen von sechs- bis 12-jährigen Kindern an. Sie haben blasse Haut und sind oft abgemagert und verdreckt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Als Wiedergänger, also Untote, halten sich Mylingar für gewöhnlich in der Nähe des Ortes auf, an dem sie begraben oder ihre Leiche versteckt wurde. Dort soll man nachts außerdem oft das Geschrei eines Kindes oder Babys hören.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sollte sich jemand auf die Suche nach dem Ursprung des Geschreis machen oder zufällig dem Myling begegnen, so springt der Myling den meisten Geschichten nach auf den Rücken der Person und klammert sich dort fest. Anschließend verlangt er, zu einem Friedhof oder geweihtem Boden gebracht und dort begraben zu werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da man sie nicht abschütteln kann, folgen die meisten Betroffenen der Bitte. Auf dem Weg zum Friedhof bzw. geweihtem Boden wird der Myling jedoch immer schwerer und schwerer. Sollte man es nicht rechtzeitig schaffen, den Ort zu erreichen, können sie angeblich so schwer werden, dass die Füße des Menschen im Boden versinken oder er unter der Last zusammenbricht, woraufhin der Myling wütend wird und den Menschen ermordet und sich auf die Suche nach seinem nächsten Opfer macht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In anderen Versionen entzieht ein Myling einem die Lebensenergie, während man ihn trägt. Irgendwann ist man schließlich so schwach, dass man zusammenbricht und stirbt. Diese Version würde auch zu anderen Wiedergängerlegenden passen, da die Berührung eines Wiedergängers den Menschen im Normalfall das Leben entzieht. So kann man daraufhin beispielsweise todkrank werden, die berührte Stelle kann abfallen, verbrennen oder verfaulen oder der Mensch kann sterben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sollte man es hingegen schaffen, den geweihten Boden zu erreichen, lässt der Myling von einem ab, woraufhin man ihn begraben und somit seine Seele befreien kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In anderen Legenden verlangt der Myling einen Namen und es reicht aus, ihm einen zu geben, oder der Myling muss sich an seiner Mutter rächen, um Frieden zu finden.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Mylingar wurden hauptsächlich in Skandinavien gesichtet. Dort können sie überall auftauchen, wo ein ungetauftes Kind gestorben ist bzw. sein Leichnam versteckt oder begraben wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den meisten Geschichten kommen sie in Wäldern oder auf dem Grundstück der Eltern vor.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der Glaube an Mylingar geht wahrscheinlich auf den früher oft begangenen Kindsmord zurück. Die häufigsten Gründe hierfür waren, wie bereits erwähnt, dass die Eltern keine finanziellen Möglichkeiten hatten, das Kind zu ernähren, oder das Kind unehelich war und die Eltern somit von der Kirche bestraft und gesellschaftlich missachtet worden wären.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem war die Aufklärung früher nicht so weit wie heute, Verhütungsmittel waren deutlich weniger verbreitet und Abtreibungen waren verboten. Ungewünschte Kinder kamen also sehr viel häufiger vor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie alt der Glaube an die Mylingar ist, habe ich hingegen nicht herausfinden können. Im Svenska Akademiens Ordboka ist eine Quelle aus dem frühen 17. Jahrhundert aufgelistet, die Legende kann aber natürlich noch deutlich älter sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von den Myling? Hat euch meine Geschichte gefallen? Wie würdet ihr reagieren, wenn ihr nachts Kinderschreie aus dem Wald hört? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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		<title>Draugr – Öffne nicht sein Grab!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 14 Feb 2022 14:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>„Ich bitte Sie“, erwiderte die Fremde in gefasstem Tonfall. „Ich habe schon Dutzende Ausgrabungen geleitet. Bisher hat sich noch kein Toter beschwert.“ Sie lachte leise über ihrem Witz, doch Oddvar schien das gar nicht zu gefallen.<br />
„Du bringst Unheil über das ganze Dorf!“, schrie er sie an. „Du bringst uns alle in Gefahr!"</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg08.met.vgwort.de/na/d96d6961050f44948ef2ca9237ef5823" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Ein Draugr ist ein Untoter der nordischen Mythologie. Vielleicht kennt ihn bereits aus Videospielen, Büchern oder Fernsehserien.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie versprochen hat die Geschichte dieses Mal übrigens Überlänge.<br>Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen (Achtung Spoiler!) </strong></summary>
<p>&#8211; Blut<br>
&#8211; explizite Darstellung körperlicher Gewalt<br>
&#8211; Tod</p></details>



<h2 class="wp-block-heading" id="die-geschichte">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">„Bitte sehr“, sagte ich freundlich, während ich der Fremden an meinem Tresen ein Bier hinstellte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Danke“, erwiderte sie, gefolgt von einem breiten Lächeln. Sie nahm einen großen Schluck.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es kam nicht häufig vor, dass sich Fremde in unseren kleinen Ort verirrten. Noch seltener aber war es, dass jemand meinen Gasthof nicht nur als Kneipe nutzte, sondern tatsächlich hier übernachtete. Meinen Lebensunterhalt verdiente ich jedenfalls an meinen Stammkunden, die allesamt im Ort wohnten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Also“, sagte ich freundlich, „was treibt eine bezaubernde junge Dame wie Sie in unser bescheidenes Örtchen? Besuchen Sie jemanden?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frau lachte über das Kompliment – die Fältchen in ihrem Gesicht und die vereinzelten grauen Haare verrieten mir, dass sie nicht mehr oft ‚junge Dame‘ genannt wurde. „Sie schmeicheln mir“, sagte sie. Ich hörte einen deutschen Akzent heraus, ansonsten war ihr Norwegisch fließend. Sie musterte mich einen Moment abschätzend, bevor sie auf meine Frage antwortete. „Ich bin beruflich hier. Kennen Sie das alte Hügelgrab, das hier kürzlich entdeckt wurde?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Pah! Entdeckt“, meldete sich ein Mann am äußeren Ende des Tresens zu Wort. Das war Oddvar, einer der Stammalkis. Er lallte ein wenig. „Selbst mein Großvater wusste schon, dass das kein einfacher Hügel war!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Fremde sah ihn irritiert an, dann sah sie hilfesuchend zu mir. Scheinbar wusste sie nicht, was sie darauf antworten sollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich lachte freundlich. „Beachten Sie ihn gar nicht. Oddvar ist einer meiner besten Kunden“, erklärte ich mit vielsagendem Blick.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Allerdings wusste auch ich schon seit meiner Kindheit, dass der Hügel in Wirklichkeit eine Grabstätte war. Das war im Ort kein Geheimnis, trotzdem schien es erst kürzlich zur Außenwelt durchgedrungen zu sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sie sind also Archäologin? Ich habe gehört, dass man eine Gruppe herschicken wollte, um das Grab untersuchen zu lassen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frau setzte sich gerade hin und warf sich stolz in die Brust. „Ich bin nicht nur eine Archäologin, ich leite die Ausgrabungen. Wir wollen &#8230;“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weiter kam sie nicht, da Oddvar sich wieder zu Wort meldete. „Ausgrabungen? Du willst das Grab doch wohl nicht ausgraben!?“ Inzwischen war er aufgestanden und torkelte auf sie zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihr bisher so freundliches Lächeln wurde nervös, während sie mir wieder einen hilfesuchenden Blick zuwarf. Ich eilte unterdessen um den Tresen, um Oddvar zu stützen, bevor er hinfallen oder einen Streit anfangen konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Doch“, sagte die Fremde zögerlich. „Deswegen sind wir hier. Gibt es ein Problem?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ein Problem?“, lallte Oddvar laut. „Natürlich habe ich damit ein Problem. Weißt du nicht, was da schlummert? Die Toten sollten in Ruhe gelassen werden!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich bitte Sie“, erwiderte die Fremde in gefasstem Tonfall. „Ich habe schon Dutzende Ausgrabungen geleitet. Bisher hat sich noch kein Toter beschwert.“ Sie lachte leise über ihrem Witz, aber Oddvar fand das gar nicht komisch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du bringst Unheil über das ganze Dorf!“, schrie er sie an. „Du bringst uns alle in Gefahr! Der Draugr, er &#8230;“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Das reicht jetzt! Du hast genug getrunken“, unterbrach ich ihn mit fester Stimme. „Du weißt, ich hab dich immer gerne hier, aber wenn du meine Gäste anbrüllst, musst du gehen!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Oddvar wollte etwas erwidern, aber als er meinen warnenden Blick sah, gab er kleinlaut bei. „Ist ja gut, ist ja gut. Ich geh ja schon.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wollte ihn stützen, während ich ihn nach draußen begleitete, doch er schlug meine Hände weg. Also folgte ich ihm in den Schnee.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wenn du nicht allein nach Hause gehen willst, fahr ich dich schnell“, schlug ich vor. Zwar war seine Hütte, obwohl sie außerhalb des Dorfs lag, nicht zu weit entfernt, aber bei seinem Zustand wollte ich es wenigstens anbieten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Der Tag, an dem ich nicht mehr allein nach Hause komme, ist der Tag, an dem du mich begraben kannst“, lehnte er auf seine schroffe Art ab. „Aber &#8230;“, sagte er etwas ruhiger, während er mich am Hemd packte und grob zu sich zog. „Versprich mir bitte, dass du sie damit nicht durchkommen lässt. Sie darf das Grab nicht öffnen!“ Sein Atem stank nach Alkohol.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich seufzte. „Ich werd’s versuchen“, log ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einen Moment hielt er mich noch fest und atmete mir dabei ins Gesicht. Dann nickte er, ließ mich los und torkelte langsam davon.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich mein Hemd glattstrich, sah ich ihm nachdenklich nach. Ich hasste es, Leute anzulügen, aber anders wäre ich ihn wohl nicht losgeworden. Außerdem hatte er das Gespräch morgen eh wieder vergessen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit einem Seufzen drehte ich mich um und ging zurück nach drinnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Verzeihen Sie bitte sein Benehmen“, entschuldigte ich mich bei der Archäologin. „Er weiß manchmal nicht, wann Schluss ist.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie lächelte wieder ihr freundliches Lächeln. „Ach, machen Sie sich keine Sorgen. Sie können ja nichts dafür.“ Dann zögerte sie. „Aber eine Frage hätte ich da. Wissen Sie, was dieser Drauger ist, von dem der Mann gesprochen hat?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Draugr ohne e“, korrigierte ich sie. „Aber machen Sie sich darum keine Sorgen: Die Draugar gibt es nur in alten Märchen, die man sich hier in der Gegend erzählt. Ich weiß nur, dass sie &#8230;“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Klingeln eines Telefons schnitt mir das Wort ab.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Archäologin guckte entschuldigend, während sie in ihrer Handtasche kramte. Sie holte ein altes Klapphandy hervor. „Ja bitte? Hmm? Wie bitte?“ Sie hielt sich das andere Ohr zu. „Ich versteh dich ganz schlecht. Hallo? Hallo?“ Mit gerunzelter Stirn klappte sie ihr Handy zu und steckte es zurück in die Handtasche. „Das war unser Techniker“, erklärte sie. „Mein Team übernachtet in Wohnwagen beim Hügelgrab. Irgendetwas ist passiert, aber die Verbindung war zu schlecht. Ich gehe wohl besser nachsehen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich nickte ihr kurz zu. „Alles klar. Lassen Sie ihr Bier ruhig stehen, ich hab ein Auge darauf, bis Sie zurück sind“, bot ich an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie lächelte dankbar. Dann machte sie sich mit einem flüchtigen „hoffentlich bis gleich“ auf den Weg.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als sie weg war, wurde es still in der Bar. Normalerweise unterhielt ich mich um die Uhrzeit mit Oddvar, aber den hatte ich heute ja rausgeschmissen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Stattdessen saßen in meinem Gasthof nur noch zwei Leute: Agnes, die müde in ihr Getränk starrte, und ihr Mann Sven, der mit dem Kopf auf der Tischplatte eingeschlafen war. Er schnarchte leise.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bald hatte Agnes ihr Glas geleert. Sie kam an die Bar, um zu zahlen, und gab mir ein etwas mageres Trinkgeld. Anschließend weckte sie ihren Mann, um mit ihm nach Hause zu gehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt war ich ganz allein. Ich räumte die leeren Gläser weg, während ich wartete. Als ich fertig war, war die Archäologin immer noch nicht zurück. Gelangweilt lehnte ich mich an die Theke und starrte ihr gerade einmal angefangenes Bier an. Ich überlegte bereits, ob ich es wegkippen und ihr dafür morgen ein neues anbieten solle, damit ich endlich ins Bett konnte, als draußen ein Wagen vorfuhr. Es klang so, als hätte er eine Vollbremsung gemacht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann ertönte das Knallen einer Autotür dicht gefolgt von dem hastigen Aufreißen und Schließen meiner Eingangstür. Es war die Archäologin. Ihr schneller Atem und die weit aufgerissenen Augen versetzten mich sofort in Alarmbereitschaft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ist etwas passiert?“, fragte ich, während ich zu ihr rannte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mein Team &#8230; Die Wohnwagen. Es war völliges Chaos! Da war &#8230; Da war &#8230;“, ihre Worte überschlugen sich. Bei ihrem Akzent konnte ich kaum etwas verstehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Immer mit der Ruhe“, sagte ich. „Was ist passiert? Soll ich die Polizei oder einen Arzt rufen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frau schüttelte heftig den Kopf. „Nein &#8230; Nein! Da war &#8230; Ich glaube, da war ein Draugr!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ungläubig starrte ich sie an, während mein Kopf versuchte, das Gesagte zu verarbeiten. Sie war eine Frau der Wissenschaft. Und wie ein Spaßvogel wirkte sie nicht gerade. Hatte ich sie falsch verstanden?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was genau haben Sie gesehen?“, fragte ich möglichst ruhig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ehe die Frau jedoch antworten konnte, hörte ich draußen eine Scheibe zerbersten. Im selben Moment ging ein Autoalarm los.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ohne große Umschweife riss ich die Tür auf. Was ich dort sah, konnte ich nur als furchteinflößend beschreiben: Ein Wesen, das wie ein bleicher, völlig abgemagerter Mann in mittelalterlicher Kleidung aussah, zog gerade ein rostiges Schwert aus der zersplitterten Heckscheibe eines roten PKWs. Im nächsten Moment schlug es mit seiner Faust auf das Dach. Es verbog sich mit einem hässlichen Knirschen und weiterem zerberstendem Glas, als wäre ein ganzer Baum auf das Auto gestürzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann hob das Wesen seinen Kopf und sah uns mit toten Augen an. Ich starrte das abgemagerte Gesicht, die viel zu blasse, leicht bläuliche Haut, die völlig vertrocknet aussah, und die lumpige Kleidung an – ein Draugr. Aber das war nicht möglich!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Augen waren anderer Meinung. Und auch mein restlicher Körper setzte sich sofort in Bewegung, als der Draugr einen Schritt auf uns zukam. Ehe ich wusste, was ich tat, hatte ich die Tür zugeschlagen. Ich packte die Archäologin beim Arm und sprintete mit ihr los. Sie leistete keinen Widerstand. Wir rannten hinter den Tresen, durch die Tür in die leere Küche und weiter zum Hinterausgang. Ein Rumpeln gefolgt von einem lauten Knall war zu hören. Ich konnte nur vermuten, dass das meine Eingangstür gewesen sein musste, die aus den Scharnieren gebrochen wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während wir nach draußen eilten, schlug mir wieder die Kälte entgegen. Der knöchelhohe Schnee knirschte unter unseren Füßen, während wir rannten. Ich hatte kein Ziel im Kopf. Meine Wohnung befand sich im Gasthof und wenn wir zu einem der Häuser rannten, würden wir andere Leute in Gefahr bringen. Zumindest so lange, bis wir den Draugr abhängen konnten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also rannten wir in den Wald, der das Dorf umgab. Zu weit durften wir uns nicht hinaustrauen – abgesehen von Wölfen wartete dort nur der sichere Kältetod – aber wenigstens konnten wir uns dort verstecken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach einigen hundert Metern merkte ich, dass die Archäologin allmählich langsamer wurde. Mehr und mehr musste ich an ihrem Arm ziehen. Anscheinend war sie den tiefen Schnee nicht gewohnt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hier“, zischte ich ihr zu, als wir an einer besonders dicken Tanne vorbeikamen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sanft aber bestimmt zog ich sie unter die tiefhängenden Äste. Schnee rieselte auf uns herab, während wir uns darunter dicht an den Stamm pressten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir gaben keinen Mucks von uns, achteten auf jedes Geräusch. Doch abgesehen vom leisen Heulen des Windes und unseren schnellen, regelmäßigen Atemzügen hatte sich Stille über den Wald gelegt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es vergingen mehrere Minuten, bis sich die Archäologin wieder traute, etwas zu sagen. „Sie sind ja völlig am Zittern“, flüsterte sie mit besorgtem Blick.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt bemerkte ich es auch. Die Kälte hatte sich bis in meine Knochen geschlichen. Meine Hände fühlten sich fast völlig taub an und der dünne Stoff meines Hemdes brachte fast gar keinen Schutz.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort zog die Archäologin einen Arm aus ihrer Jacke und legte sie halb um mich, um mich zu wärmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich zwang mich zu einem schüchternen Lächeln. „Danke“, hauchte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie erwiderte das Lächeln, auch wenn es sehr gezwungen aussah. „Anne“, flüsterte sie knapp. „Mein Name ist Anne.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Henrik“, erwiderte ich genauso leise.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich weiß nicht, wieso wir uns unterhielten – es war ziemlich riskant – , aber ich schätze, wir wollten uns irgendwie ablenken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Weißt du, Henrik, ich arbeite jetzt fast 40 Jahre als Archäologin, aber noch nie zuvor habe ich einen Geist gesehen“, flüsterte Anne.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Draugr sind Untote“, flüsterte ich zurück. „Keine Geister.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du meinst ein Zombie hat mich gerade quer durch das Dorf verfolgt?!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Klingt ein Geist etwa besser?“ Trotz allem, der Kälte, der Angst, meiner völligen Überforderung, musste ich schmunzeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch der kurze Moment der Unbeschwertheit hielt nicht lange an. Er wich sofort wieder Panik, als Anne plötzlich aufhorchte und den Zeigefinger hob. Hatte sie etwas gehört?</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Knirsch</em>, ertönte es leise. <em>Knirsch</em>. Langsame Schritte im Schnee. Schwer und schleppend. <em>Knirsch</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sämtliche Instinkte in mir schrien danach, wegzurennen. Trotzdem zwang ich mich, einen kühlen Kopf zu bewahren. Aus welcher Richtung kamen die Schritte? Wie nah waren sie? Und vor allem: Kamen sie auf uns zu?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es dauerte noch einige Sekunden, bis ich sie zuordnen konnte. Sie kamen von rechts, etwa die Richtung, aus der auch wir gekommen waren. Und ja, sie kamen näher.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Knirsch</em>. Anne und ich hielten fast gleichzeitig den Atem an. <em>Knirsch</em>. Mein Magen krampfte sich zusammen. <em>Knirsch</em>. Die Schritte waren jetzt ganz nah. Ein leicht modriger Geruch, wie von einem verwesenden Tier drang an meine Nase. <em>Knirsch</em>. Anne entfuhr ein ängstliches Winseln, bevor sie aufsprang und losrannte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Anne!“, fluchte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was tat sie denn? Wir durften uns auf keinen Fall aufteilen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Panisch sprang ich hinterher. Als auch ich den Schutz der Äste verlassen hatte, sah ich, wie Anne wie ein ängstliches Reh in Schockstarre verfallen war. Direkt vor ihr stand der Draugr. Er sah sie mit seinen kalten Augen an. Sein rostiges Schwert hob sich zum Schlag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Verstand setzte aus. Ich merkte nicht einmal, wie ich auf Anne zusprintete, um sie aus dem Weg zu stoßen. Erst, als nicht mehr sie dem Draugr gegenüberstand, sondern ich, realisierte ich, was geschehen war. Die rostige Klinge raste auf mich zu. Schützend riss ich die Arme vor mich.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Fump</em>. Ein dumpfes Geräusch ertönte hinter mir. Auch wenn der Draugr nicht eine Miene verzog, hätte ich schwören können, dass seine glanzlosen Augen genauso ungläubig auf den rostigen Schwertstummel in seiner Hand starrten, wie ich. Die Klinge war knapp über dem Griff abgebrochen. Der Großteil von ihr lag jetzt irgendwo hinter mir im Schnee.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Renn los!“, kreischte Anne mich an. Jetzt war es an ihr, mich am Arm zu packen und mit sich zu ziehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während wir rannten, sah ich, wie der Draugr mit einem Röcheln seinen Schwertgriff in den Schnee warf. Dann nahm er die Verfolgung auf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Warte! Wir müssen ins Dorf zurück. Wir überleben die Nacht hier draußen nicht“, rief ich keuchend.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Das ist deine Heimat. Wohin sollen wir?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich dachte fieberhaft nach, aber mir fiel nichts ein. Die Leute würden alle schon schlafen. Außerdem hatte niemand eine Waffe, außer &#8230;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Der alte Oddvar!“, rief ich. „Er wohnt in einer Hütte im Wald!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Der Trunkenbold?“, erwiderte Anne. „Bist du sicher?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Er hat eine Waffe. Und wenn jemand weiß, wie man mit einem Draugr umzugehen hat, dann er.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das schien Anne zu genügen. Sie leistete keine Widerworte mehr, sondern hielt sich – ihre Hand inzwischen krampfhaft in meinen Arm gekrallt – dicht an meinen Fersen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein flüchtiger Blick nach hinten verriet mir, dass der Draugr zwar noch immer hinter uns war, wir aber einen guten Vorsprung bekommen hatten. Wenn wir es bis zu Oddvar schafften, hatten wir eine Chance!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Noch während ich dabei war, meinen Blick wieder nach vorne zu wenden, bemerkte ich, dass der Draugr im Rennen nicht uns, sondern den Schnee vor sich anstarrte. Die Spuren! Aber natürlich: Der Draugr verfolgte unsere Spuren. Wir hätten uns hier draußen nirgends vor ihm verstecken können!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich geriet mehr und mehr außer Atem. An Annes immer unregelmäßiger werdenden Schritten merkte ich, dass es ihr nicht besser ging. Aber noch trieb uns das Adrenalin voran.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hektisch starrte ich in der Dunkelheit hin und her. Schnee, Bäume, noch mehr Schnee. Irgendwo in dieser Richtung musste die Hütte doch sein. Hatten wir sie verfehlt? Aber nein: Es dauerte nicht lange, bis in der Ferne einige Lichter auftauchten. Es war Oddvars Hütte. Und wie es aussah, war er noch wach!</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Oddvar!“, brüllte ich. „Oddvar!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anne schloss sich mir sofort an. Wie zwei Wahnsinnige brüllten wir völlig außer Atem wieder und wieder seinen Namen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst, als wir schon fast bei der Haustür waren, öffnete sie sich. Oddvar stand in nichts als einer weißen Unterhose vor uns, ein Gewehr im Anschlag. Die misstrauischen Augen auf uns geheftet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wer ist da? Was wollt ihr hier?“, rief er. Er klang noch betrunkener als vorhin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anne und ich blieben schlitternd stehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du?!“, sagte er wütend. Er richtete den Lauf auf Anne, die augenblicklich ihre Hände hob.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Bitte! Nicht!“, keuchte sie außer Atem.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Oddvar, wir brauchen Hilfe. Hinter uns &#8230;“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich brauchte den Satz nicht zu beenden. Oddvar riss die Augen auf und seine Waffe herum. Fast sofort fiel ein Schuss.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Knall raubte mir einen Moment die Orientierung. Reflexartig riss ich die Hände an meine klingelnden Ohren. Dann drehte ich mich um.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Draugr stand keine fünf Meter hinter uns. Den Kopf hatte er gesenkt, seinen Blick auf das kleine, unscheinbare Loch in seiner Brust gerichtet. Aus seiner vertrockneten Haut kam kein einziger Tropfen Blut.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Fast ungläubig hob der Untote seine Hand. Er schob seinen knochigen Zeigefinger durch das Loch in der Kleidung einige Zentimeter in seine Brust hinein. Mit einem wütenden Röcheln zog er ihn wieder heraus und hob seinen Kopf. Jetzt starrte er Oddvar direkt an. Ich hatte das Gefühl, Hass in seinen gefühlskalten Augen zu erkennen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bedrohlich ging er auf ihn zu. Schnell feuerte Oddvar noch einen Schuss ab. Dann noch einen. Und noch einen. Selbst in seinem betrunkenen Zustand war er ein verdammt guter Schütze.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch die Schüsse schienen den Draugr nicht einmal zu kümmern. Zwar zuckte er jedes Mal zusammen, wenn eine weitere Kugel ihn traf, aber es war wohl bloß die Wucht des Aufpralls. Er schien keinerlei Schmerz zu empfinden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als der Draugr sich uns nährte, wich ich schnell einige Schritte zurück. Aber er nahm uns gar nicht mehr wahr. Seine ganze Aufmerksamkeit galt nun Oddvar.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es dauerte nicht lange, bis er ihn erreicht hatte. Der alte Mann versuchte noch, die Tür zuzuschlagen, doch der Draugr stieß sie mit einer schnellen Bewegung seines Arms wieder auf, als wäre sie aus Pappe. Er stürzte sich mit ausgestreckten Händen auf Oddvar.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nein!“, schrie ich entsetzt. Ich wusste nicht, was ich erwartet hatte, aber wenn Oddvar jetzt starb, wäre es meine Schuld. Ich hatte den Draugr zu ihm geführt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bevor ich überlegen konnte, welche Gründe dagegen sprachen, nahm ich Anlauf und stürzte mich auf den Untoten. Erst versuchte ich, ihn zu Boden zu werfen. Als das nicht klappte, klammerte ich mich an ihn. Der modrige Geruch nach Verwesung war jetzt so intensiv, dass er mir Tränen in die Augen trieb.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für einen Moment hatte ich Hoffnung, dass ich tatsächlich etwas ausrichten konnte, Oddvar genug Zeit zum Fliehen verschaffen würde, aber als der Draugr sich aufrichtete, merkte ich, wie sehr ich mich irrte. Ich war nicht mehr als ein Kleinkind, das es mit einem Bären aufnehmen wollte. Mit einem kräftigen Stoß seines linken Ellenbogens stieß er mich von sich. Ich flog mehrere Meter durch die Luft, bis mein Aufprall vom Schnee gebremst wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anne rannte sofort zu mir. „Henrik, alles in Ordnung?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ohne ihr zu antworten, rappelte ich mich auf. Ich wollte mich ein weiteres Mal auf den Draugr stürzen, auch wenn ich tief in meinem Inneren wusste, dass es nichts bringen würde, doch Anne hielt mich auf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nein! Nicht. Es ist zu spät! Wir müssen hier weg!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst wollte ich sie ignorieren. Ich wollte nicht zulassen, dass Oddvar etwas zustieß. Auch wenn ich dafür mein eigenes Leben in Gefahr brachte. Dann sah ich jedoch das ganze Blut: Die Tür, der Boden, der Schnee, alles war von Blutspritzern übersät.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Draugr schlug in Rage wieder und wieder auf Oddvar ein, der reglos unter ihm lag. Als der Untote dann auch noch seine Hand durch Oddvars Bauchdecke rammte und irgendetwas aus ihm herausriss – wahrscheinlich seinen Darm –, drehte ich mich um. Wir mussten hier weg!</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Versuch, in unsere alten Spuren zu treten. Vielleicht können wir so etwas Zeit gewinnen“, befahl ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anne gehorchte sofort. So schnell sie konnte, lief sie vor mir her, immer darauf bedacht, in meine oder ihre Fußspuren im Schnee zu treten. Ich war ihr dicht auf den Fersen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wir müssen bloß Zeit gewinnen“, erklärte ich, inzwischen wieder völlig außer Atem. „Draugar wagen sich nur nachts aus ihren Gräbern. Bei Tagesanbruch ist der Spuk vorbei.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aus Annes Schweigen deutete ich, dass sie verstanden hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es dauerte nicht lange, bis wir den Gasthof erreichten. Schnee war durch die offene Hintertür hineingeweht und blockierte das Holz. So schnell wir konnten, fegten wir ihn mit Händen und Füßen beiseite, um die Tür zu schließen. Dann gingen wir nach vorn.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einen Moment betrachtete ich entsetzt das Chaos: Die Eingangstür lag einige Meter von ihrem zersplitterten Rahmen entfernt auf dem Boden. Der Schnee, der durch den Eingang geweht war, war größtenteils geschmolzen und bildete nun schlammige Pfützen auf den Holzdielen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schluckte den Schock hinunter und machte mich daran, einen der Tische umzukippen. Zusammen schoben wir ihn vor das Loch am Eingang und stapelten einige Stühle darüber. Das würde zwar nichts gegen die Kälte bringen, aber wenigstens würden wir hören, wenn der Draugr durch den Vordereingang in den Gasthof wollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wo verstecken wir uns?“, fragte Anne nervös. Sie sah sich in der Kneipe um, schien aber keinen geeigneten Ort zu finden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wir gehen nach oben zu den Zimmern“, erklärte ich. „Sollte der Draugr die Treppe hochkommen, können wir den Notausgang nehmen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie folgte mir stumm. Zwar konnte ich ihr ansehen, dass sie nicht sonderlich begeistert von dem ‚Versteck‘ war, aber was hatten wir für andere Optionen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir versteckten uns in Zimmer 5, wo wir uns auf den harten Holzboden direkt neben der Tür setzten. Die Tür ließen wir einen Spaltbreit offen, damit ich in den Flur spähen konnte. Außerdem würden wir so keine Geräusche machen, wenn wir das Zimmer verlassen mussten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann warteten wir. Und warteten. Und warteten. Sekunden fühlten sich an wie Minuten, Minuten wie Stunden, Stunden wie Tage. Irgendwann merkte ich, wie Annes Kopf auf meine Schulter fiel. Sie war eingeschlafen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz betrachtete ich sie lächelnd. Sie war nicht mehr die Jüngste. Um ehrlich zu sein fand ich es erstaunlich, wie jemand in ihrem Alter so lange durchgehalten hatte. Ich ließ sie schlafen. Wache konnte ich auch gut allein halten. So dachte ich zumindest. Aber mein Adrenalin war schon lange verflogen. Erschöpfung und Müdigkeit hatten sich in meinem Körper ausgebreitet und meine einzige Beschäftigung war es, Annes langsamen Atem zu lauschen. Und so dauerte es nicht lange, bis auch meine Augen zugefallen waren.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Rumms</em>. Erschrocken fuhr ich hoch. <em>Rumms</em>. Ich sah zu Anne, die noch immer seelenruhig schlief. <em>Knack</em>. Von hier oben aus klangen die Geräusche unscheinbar, fast ungefährlich, aber ich wusste, dass gerade jemand die Hintertür aufgebrochen hatte – oder besser gesagt etwas.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Anne“, flüsterte ich. Ich schüttelte sanft an ihrer Schulter. „Er ist hier!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihre Augen, die mich eben noch müde angeblinzelt hatten, waren jetzt weit aufgerissen. Angst funkelte in ihnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann hörten wir schwere Schritte. Angestrengt starrte ich in die Dunkelheit im Flur. Waren sie schon auf der Treppe oder noch im Erdgeschoss?</p>



<p class="wp-block-paragraph">So leise es ging, richteten wir uns auf, ohne den Flur aus den Augen zu lassen. Noch war er leer.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Krach</em>. Von unten war ein lauter Knall und Gerumpel zu hören. Kurz herrschte Stille, dann rumpelte es weiter. Holz knackte und splitterte. Es klang, als würde jemand den ganzen Gasthof auseinandernehmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich brachen die Geräusche ab. Kein Gerumpel mehr, kein Knacken, nicht einmal Schritte waren zu hören. Erst jetzt merkte ich, dass ich den Atem angehalten hatte. Mit einem tiefen, langsamen Atemzug atmete ich aus. Ich wollte jetzt bloß keine Geräusche machen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem einige Minuten nichts mehr passiert war, sah ich Anne irritiert an. War der Draugr weg?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vorsichtig zog ich die Tür weiter auf. Ich trat einen Schritt auf den Flur, was Anne ein geflüstertes „Henrik, nicht!“ entlockte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich ignorierte sie. Stattdessen schlich ich den Flur entlang. So leise ich konnte, ging ich zur Treppe und spähte hinunter. Ich sah umgekippte Stühle, ein Tisch, der nur noch drei Beine hatte, sogar ein zerbrochenes Trinkglas, von dem ich keine Ahnung hatte, wo es herkam, aber von dem Draugr fehlte jede Spur.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während Anne oben an der Treppe stehenblieb, schlich ich hinunter, bereit, jede Sekunde umzudrehen. Der Tisch und die Stühle – so erkannte ich jetzt – waren die, die wir vor dem Eingang gestapelt hatten. Der Draugr musste also gegangen sein. Aber wieso?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst, als ich vorsichtig nach draußen ging, erkannte ich es.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Anne!“, rief ich. „Anne! Die Sonne geht auf!“ Tränen schossen mir in die Augen, als ich den hellen Streifen am Himmel sah.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anne eilte sofort zu mir. Sie atmete erleichtert, fast ungläubig aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Noch nie in meinem Leben war ich so froh gewesen, den Sonnenaufgang zu sehen. Wir hatten die Nacht überlebt. Der Draugr war verschwunden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie ich später herausfand, waren wir die einzigen Überlebenden, die den Draugr gesehen hatten. Das restliche Dorf und die Polizei kannten nur die offizielle Variante: Ein Tier hatte das Archäologenteam überfallen und Oddvar getötet. Daran gab es für sie keine Zweifel. Und ich habe die wahre Geschichte bis heute niemandem erzählt. Wer würde mir auch glauben?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Stattdessen haben Anne und ich alles so gut vertuscht, wie wir konnten. Sie hatte versprochen, das Grab wieder zu verschließen und ihre Spuren zu verwischen. Sie wollte dafür sorgen, dass kein anderer Archäologe jemals von dem Hügelgrab erfuhr.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das alles ist jetzt über zehn Jahre her. All die Jahre war es gut gegangen. Aber jetzt, so hatte Anne mir gerade am Telefon gesagt, war ein neues Archäologenteam auf dem Weg in unser kleines Dorf. Sie wollten das Hügelgrab untersuchen.</p>



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<h2 class="wp-block-heading" id="die-legende">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Draugr (Plural &#8222;Draugar&#8220;) ist ein <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Untoter</a> der skandinavischen Mythologie. Oft handelt es sich um wiederauferstandene Wikinger.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie lassen sich in Landdraugr und in Meerdraugr unterteilen, unterscheiden sich jedoch fast nur in Aussehen und ihrer Grabstätte – entweder einem Grab, Grabhügel etc. oder dem Meer.</p>



<h3 class="wp-block-heading" id="aussehen">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Draugar sehen größtenteils menschlich aus. Je nach Erzählung können ihre Körper jedoch völlig abgemagert oder aufgebläht sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem hat ihre Haut eine ungesunde blau-gräuliche, bleiche oder schwarze Farbe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Den meisten Draugar sieht man ihre Todesursache an. Sind sie in der Schlacht gestorben, ist ihr Körper häufig von blutigen Wunden übersät. Sind sie hingegen ertrunken, sind ihreKörper, ihre Kleidung und ihre Haare nass.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da Draugar oft untote Wikinger waren, wurden sie mit alltagstauglicher Kleidung und ihren Waffen begraben, die sie daher meist mit sich führen.</p>



<h3 class="wp-block-heading" id="entstehung">Entstehung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt verschiedene Möglichkeiten, durch die Verstorbene zu einem Draugr werden sollen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Oft heißt es, dass die Draugar vor ihrem Tod schlechte Menschen oder Unruhestifter waren. In seltenen Fällen reichte es auch, wenn sie bloß unbeliebt waren. Auch egoistische Menschen, die sich geweigert haben, in die Welt der Toten überzugehen, sollen zu einem Draugr geworden sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein weiterer häufiger Grund, wie Draugar entstanden sein sollen, ist, indem sie im Sitzen oder Stehen begraben wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Seltener sollen auch andere Faktoren wie Flüche oder der Tod durch einen anderen Draugr eine Rolle spielen.</p>



<h3 class="wp-block-heading" id="eigenschaften">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Auch hier gibt es verschiedene Arten von Draugar, die sich unterschiedlich verhalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die meisten Draugar werden als Grabwächter beschrieben. Sie bewachen also die Hügelgräber und die Schätze, mit denen sie begraben wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Art von Draugr ist oft harmlos, sofern man das Grab versiegelt lässt oder es zumindest nicht betritt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt aber auch andere Draugar, die es auf Menschen abgesehen haben. Sie sind sehr viel gefährlicher, da sie nachts ihre Gräber verlassen, um nach Menschen zu suchen. Wenn sie einen Menschen finden, treiben sie mit ihm Schabernack, ängstigen ihn, machen ihn im wahrsten Sinne des Wortes wahnsinnig oder versuchen, ihn zu töten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In manchen Sagen werden ihre Opfer dadurch selbst zu einem Draugr, wodurch die Gefahr immer größer wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Generell verfügen Draugar über menschliche Intelligenz und stinken nach Tod und Verwesung. Sie besitzen übermenschliche Stärke, was sie noch bedrohlicher macht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem besitzen sie manchmal magische Fähigkeiten:</p>



<p class="wp-block-paragraph">So soll es Draugar geben, die sich durch Erde und Stein bewegen können, um ihr Grab zu verlassen, aus dem Nichts aufzutauchen oder zu fliehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Manchmal heißt es auch, dass sie gegen herkömmliche Waffen immun seien und zum Beispiel nur mit Waffen aus reinem Eisen verletzt werden können. Zudem fühlen sie keinen Schmerz und sind unerbittliche Kämpfer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Andere, seltener aufgeführte Fähigkeiten sind beispielsweise die Fähigkeit, Menschen zu verfluchen, nach Belieben ihre Körper zu vergrößern oder sich in Tiere verwandeln zu können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und als ob all das es nicht bereits schwer genug machen würde, einen Draugr zu töten, heißt es außerdem, dass sie nur dann sterben, wenn sie – je nach Sage – geköpft werden, verbrannt werden oder beides.</p>



<h3 class="wp-block-heading" id="lebensraum-vorkommen">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Legende</a> der Draugar gibt es hauptsächlich in den skandinavischen Ländern. Um genau zu sein, in Dänemark, Schweden, Norwegen, auf den Färöer und besonders auf Island.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die meisten Draugar wandeln als lebende Tote in ihren Grabhügeln umher. Einige von ihnen verlassen sie nachts und suchen die Gegend heim, während andere ihr Grab niemals verlassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Meerdraugar hingegen schlummern tagsüber im Ozean und kommen nachts an den Strand und in die nahegelegenen Orte.</p>



<h3 class="wp-block-heading" id="ursprung">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Laut altem skandinavischem Glauben bleibt die Lebenskraft auch nach dem Tod im Körper erhalten, sodass theoretisch jeder Tote zu einem Untoten werden könnte. Das könnte der Hauptgrund sein, wie die Legende des Draugr entstanden ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Besonders gefürchtet schienen die Draugar übrigens im Mittelalter gewesen zu sein. In den skandinavischen Grabhügeln aus der Zeit finden sich oft Schutzzauber in Form von Runenschriften an den Wänden, um die Draugar am Wiederauferstehen zu hindern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Andere Methoden hierfür, die man in Gräbern gefunden hat, waren zum Beispiel zusammengebundene große Zehen und Nägel in den Fußsohlen, sodass die Toten nicht mehr aufstehen und umherwandern können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Angst vor einem Draugr, der das Dorf heimsucht, war im Mittelalter also sehr real.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Heutzutage werden Draugar natürlich nicht mehr gefürchtet. Stattdessen findet man sie hauptsächlich in Videospielen wie Skyrim oder Valheim sowie Anspielungen auf sie in Büchern wie Herr der Ringe oder Serien wie Game of Thrones.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von den Draugar? Waren diese Untoten euch neu oder kanntet ihr sie bereits? Wie hättet ihr an Henriks oder Annes Stelle reagiert? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Wenn ihr mehr solcher Geschichten oder Legenden lesen wollt, abonniert meinen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/newsletter" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Newsletter</a> oder folgt mir auf <a href="https://twitter.com/geisterlegenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/geisterlegenden/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Facebook</a> oder <a href="https://www.instagram.com/geisterlegenden/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Instagram</a>!</em></p>
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		<title>Trolle (Mythologie)</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 Apr 2021 13:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Geschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Monster und Ungeheuer]]></category>
		<category><![CDATA[Berge]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>„Riechst du das?“, zischte Maja mir zu.<br />
Es stank wie eine ganze Fußballmannschaft nach einem Spiel im Hochsommer. Wie sollte ich das nicht riechen?<br />
„Damals hat es genauso gestunken!“<br />
Ich starrte sie ungläubig an. Konnte an ihrer Trollgeschichte doch etwas dran sein?</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg08.met.vgwort.de/na/827795570c3d42b189d05d303bb778d8" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Die Trolle der nordischen Mythologie sind ein Thema, vor dem ich mich bisher gedrückt habe, weil die Recherche sehr umfangreich ist. Da ich aber ein großer Fan von Skandinavien bin, habe ich mich jetzt entschieden, den Beitrag endlich zu schreiben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem habe ich mich – wie bereits angekündigt –, dazu entschlossen, aus Zeitgründen nur noch jeden zweiten Montag ein Beitrag hochzuladen. Dafür werde ich dann endlich wieder Zeit haben, an meinem Buch zu arbeiten.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">„Bist du sicher, dass wir nicht lieber umkehren sollten?“, fragte ich, als Maja zum dritten Mal die Karte in ihren Händen hin- und herdrehte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie nahm die Taschenlampe aus dem Mund und leuchtete mir ins Gesicht. „Stine, <em>du</em> wolltest mir doch nicht glauben, dass ich als Kind einen echten Troll gesehen habe“, erwiderte sie schnippisch. „Außerdem sind wir fast da. Es muss hier irgendwo sein.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unwohl sah ich mich um, während ich meine pinke Jacke enger um mich schlang. Es war stockdunkel. Ohne unsere Taschenlampen hätten wir wohl nichts als die zahlreichen Sterne am Himmel gesehen. Die Berge hätte man maximal erahnen können. Wieso hatte Maja sich nicht wenigstens eine Vollmondnacht für ihr kleines Abenteuer ausgesucht?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihr mochte es vielleicht nichts ausmachen, sich die halbe Nacht durch die Berge zu schlagen. Sie war für so etwas geboren, hatte als Kind schon immer nur Forscherin oder Kriegerin spielen wollen. Ich hingegen war eher ein Mädchen für Nagellack und Glitzerzeug. Ich brauchte keine Nachtwanderung durch die dunklen Berge, um einen Kick zu bekommen. Ein Shoppingtrip hätte mir völlig gereicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber vielleicht sollte ich erst einmal erzählen, wie ich in diese Situation gekommen war. Es hatte alles mit einem Streit begonnen. Maja, meine Mitbewohnerin, hatte mir beim Frühstück vor der Uni erzählt, wie sie früher mit ihrem Vater häufig in den Bergen war. Bei einer Nachtwanderung hätten die beiden sogar einmal einen echten, lebenden Troll gesehen. Ich glaubte ihr natürlich kein Wort. Trolle gab es nur in Märchen, Kindergeschichten und Filmen. Hätte jemals jemand einen echten Troll gesehen, hätte es davon bestimmt Bilder auf Instagram gegeben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Maja hingegen war von ihrer angeblichen Begegnung so überzeugt, dass sie mich keine Woche später nachts mit in die Berge nehmen wollte, um es mir zu beweisen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie war wie besessen von der Idee. Einen Tag, nachdem ich meine Bedenken geäußert hatte, dass wir uns im Dunklen verirren könnte, hatte sie mir eine Signalpistole auf den Tisch gelegt. Die fallen unter das Waffengesetz! Sie nahm das Thema jedenfalls sehr ernst. Und so bin ich schließlich eingeknickt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Inzwischen war ich mir trotz Signalpistole in meinem Rucksack jedoch ganz und gar nicht mehr sicher, ob das so eine gute Idee war. Obwohl Maja mir versichert hatte, dass sie sich in den Bergen auskenne, irrten wir bereits seit über einer halben Stunde umher.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Lass uns einfach wieder gehen. Bitte“, flehte ich. „Hier sind keine Trolle.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Maja warf mir einen giftigen Blick zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich rollte bloß mit den Augen. Ohne weiter darüber nachzudenken, legte ich die Hände um den Mund und brüllte aus voller Lunge: „Hallooo? Ist hier irgendwo ein Troll? Dann soll er bitte herkommen!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Stille.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Siehst du? Hier sind keine Trolle“, sagte ich schließlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder ein giftiger Blick. Dann machte Maja plötzlich große Augen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein seltsamer Gestank breitete sich um uns herum aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Riechst du das?“, zischte Maja mir zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es stank wie eine ganze Fußballmannschaft nach einem Spiel im Hochsommer. Wie sollte ich das <em>nicht</em> riechen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Damals hat es genauso gestunken!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich starrte sie ungläubig an. Konnte an ihrer Trollgeschichte doch etwas dran sein?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vorsichtshalber schaltete ich die Taschenlampe aus und versteckte mich in einem Gebüsch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Schein von Majas Lampe konnte ich jetzt sehen, wie sie triumphierend grinste. Sie machte keine Anstalten, sich zu verstecken. „Glaubst du immer noch, dass ich mir alles eingebildet habe? Außerdem bringt Verstecken nichts. Trolle können dich riechen. Wenn du ihnen entkommen willst, wirst du sie schon austricksen m-“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mit wem redest du?“, unterbrach sie eine grobe Stimme. Sie war sehr tief und klang, als würde ein Mann betont dümmlich sprechen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erschrocken drehte Maja sich um. Sie leuchtete das Wesen direkt an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich blieb mit offenem Mund völlig reglos im Busch sitzen. Das was dort vor Maja stand, war ein Troll. Anders konnte man es nicht nennen. Es traf genau auf die Beschreibung zu, die Maja mir gegeben hatte: große, knollige Nase, hässlich und mit unintelligentem Gesicht. Davon abgesehen sah er fast wie ein Mensch aus – ein mehrere Meter großer Mensch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„I-ich &#8230;“, stammelte Maja. Dann schien sie sich wieder zu fassen. „Na mit dir“, antwortete sie frech.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du redest mit mir?“, fragte der Troll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ja, wir reden doch gerade miteinander, oder?“, erwiderte Maja gelassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Troll kratzte sich nachdenklich am Kopf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„J-ja“, sagte er leicht verwirrt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich verstand die Welt nicht mehr. Wie konnte Maja nur so ruhig bleiben? Hatte sie mir nicht neulich noch erzählt, dass Trolle Menschen fressen?!</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Aber warum rede ich mit dir?“, dachte der Troll laut. „Mama sagt, ich soll nicht mit dem Essen reden.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mama? Gab es hier in der Gegend eine ganze Trollfamilie?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ach ja? Und machst du immer, was deine Mama dir sagt?“, erwiderte Maja noch immer viel zu entspannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder kratzte der Troll sich am Kopf. „Ja, eigentlich schon. Mama ist eine schlaue Frau. Ich sollte dich einfach essen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Troll bückte sich leicht, als er seine große Hand nach Maja ausstreckte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Warte. Warte!“, schrie Maja, während sie zurückwich, endlich mit etwas Panik in ihrer Stimme. „Du solltest mich lieber mit in deine Höhle nehmen und dort kochen. Roh schmecke ich ganz fürchterlich.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt fiel ich aus allen Wolken. Was zur Hölle hatte sie vor? So dumm, wie der Troll sich anstellte, hätte es tausend andere Möglichkeiten gegeben, Zeit zu gewinnen. Wieso wollte sie sich von ihm entführen lassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Troll dachte nicht einmal erst über ihr Angebot nach. Stattdessen klatschte er und sprang voller Vorfreude von einem Bein auf das andere, sodass der Boden bebte. „Oh ja, oder ich brate dich. Ich liebe gebratenen Mensch.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann schnappte er sich Maja und schwang sie über seine Schulter. Sie wehrte sich nicht einmal.</p>



<p class="wp-block-paragraph">War das irgendeine Art Zauber? Konnten Trolle Menschen gefügig machen? Oder hatte sie einen Plan?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was es auch war, ich musste hinterher. Ich durfte den Troll nicht mit meiner Mitbewohnerin entkommen lassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich stolperte mehr, als dass ich rannte. Das Licht von Majas Taschenlampe, die sie immer noch in der Hand hielt, reichte so gerade aus, damit ich die gröbsten Umrisse vor mir erkennen konnte. Zum Glück ging der Troll nicht sonderlich schnell. Sein Gang erinnerte mich eher an die langsame, aber bedrohliche Gangart eines Filmbösewichtes.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach ein paar Metern räusperte Maja sich schließlich. Doch anstatt etwas zu sagen, damit der Troll sie gehen ließ, verwirrte sie mich bloß noch mehr.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Weißt du, Herr Troll, wenn mich jemand suchen sollte, braucht er sich keine Sorgen machen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Troll blieb verwirrt stehen, um das fast reglose Bündel auf seiner Schulter zu betrachten. „Was? Wieso sollte er sich keine Sorgen machen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Na ja, ich werde doch eh bald von dir gegessen“, erwiderte sie völlig gleichgültig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Stimmt.“ Dann ging der Troll entspannt weiter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">War das eine Botschaft für mich gewesen? Es musste eine Botschaft sein. Aber was wollte Maja mir damit sagen? Dass sie einen Plan hatte? Ich wünschte, ich hätte sie fragen können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach einigen weiteren Metern ergriff sie erneut das Wort. „Herr Troll? Stimmt es eigentlich, dass Trolle Gold und Silber sammeln?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Heh“, gab der Troll dümmlich von sich. „Alles, was glänzt. Ich habe eine beachtliche Sammlung zu Hause.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Augen weiteten sich. War das Majas Plan? Wollte sie dem Troll seine Wertsachen stehlen? Dafür würde sie doch nicht ernsthaft ihr Leben aufs Spiel setzen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„So, wir sind gleich da“, erklärte der Troll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Noch immer wehrte sich Maja nicht. War sie wirklich so leichtsinnig? Oder stand sie doch unter irgendeinem Zauber?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Inzwischen hatte ich Probleme, dem Troll zu folgen. Der Boden war so uneben und felsig geworden, dass ich mich mehr auf meine Bewegungen, als auf ihn konzentrieren musste. Ich kletterte, rutschte und stolperte langsam voran.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als der Troll schließlich in einer Felsspalte im Berg verschwand, bemerkte ich es erst daran, dass der Schein von Majas Taschenlampe aus einer großen, aber unauffälligen Höhle kam. Wenn sie ihre Taschenlampe nicht noch in der Hand gehabt hätte, hätte ich sie spätestens jetzt verloren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vorsichtig spähte ich in die Höhle. Das Licht wurde immer schwächer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich glaub, ich grill dich über dem Feuer. Sodass du schön knusprig bist. Mhmmm &#8230;“, hallte die tiefe Stimme des Trolls aus der Höhle. Ich hoffte, dass es am Hall lag, dass sie so weit entfernt klang.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem wagte ich es nicht, noch mehr Zeit zu verlieren. Schnell schlitterte ich einen kleinen Abhang hinunter. Hoffentlich war der Troll zu abgelenkt, um den Lärm zu bemerken, den ich dabei machte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich auf das Licht zu rannte, achtete ich darauf, leiser zu sein. Zum Glück war der Troll mit Maja in ein Gespräch vertieft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du solltest mich lieber kochen“, erklärte Maja ruhig. „Gekocht schmecke ich viel besser. Ich warte auch hier, während du das Wasser holst.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Troll schnaubte verächtlich. „Für wie blöd hältst du mich eigentlich? Bis ich das Wasser den Berg raufgeschleppt habe, ist es Tag. Ich habe keine Lust, mich in Stein zu verwandeln.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Stimmt. Davon hatte Maja auch erzählt. Wenn ein Troll Sonnenlicht abbekam, verwandelte sich sein ganzer Körper in einen leblosen Felsen. War das ihr Plan?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„N-Na gut, das verstehe ich. Vielleicht möchtest du aber einige Kräuter sammeln, damit du mich etwas würzen kannst?“, schlug Maja vor. Ich merkte, dass ihre Gelassenheit langsam schwand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hm. Nein. Grünzeug verdirbt nur den Geschmack“, erklärte der Troll. Dabei leckte er sich über die Lippen, während er Maja gierig ansah. „Vielleicht sollte ich dich doch roh essen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Maja wollte etwas erwidern, doch der Troll hatte bereits nach ihr gepackt. Diesmal wehrte sie sich mit Händen und Füßen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er war bereits dabei, sie zu seinem vor seinem vor Speichel triefenden Mund zu führen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nein. Nein!“, kreischte sie. Sie konnte sich nicht befreien!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ehe ich wusste, was ich tat, sprang ich aus meinem Versteck. „Warte!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Troll sah sich verdutzt um. Es dauerte einen Moment, bis sein Blick auf mich fiel. Ich hatte unterdessen die Signalpistole aus dem Rucksack gekramt und richtete sie auf ihn.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Noch ein Mensch? Das wird ja ein richtiges Festmahl.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt, wo er mir direkt gegenüberstand, die großen Augen auf mich gerichtet, kam er mir noch riesiger vor. Wie der Tannenbaum, der im Winter im Shoppingcenter stand – bloß, dass dieser Tannenbaum sich jeden Moment auf mich stürzen könnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Keinen Schritt weiter!“, brüllte ich leicht hilflos. Ich wusste, dass die Signalpistole den Troll kaum verletzen würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann ergriff Maja das Wort. „Du solltest besser auf sie hören“, empfahl sie. Sie wirkte wieder gelassener.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sah sie kurz verwirrt an, bis ich meinen Blick wieder möglichst selbstbewusst auf den Troll richtete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Das ist eine Sonnenpistole“, erklärte sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Eine S-Sonnenpistole?“, fragte der Troll. Man merkte sofort, dass ihm bereits das Erwähnen der Sonne Angst zu machen schien.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Stine, schieß doch mal in den Gang da vorne“, sagte Maja.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber sie wusste doch, dass ich nur einen Schuss hatte? Andererseits schien sie einen Plan zu haben – ich hoffte nur, dass er besser war, als ihr letzter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach kurzem Zögern und einem bestätigenden Zunicken von Maja, wandte ich mich schließlich dem Gang zu, auf den sie gezeigt hatte. Ich zielte mit der Signalpistole und betätigte den Abzug.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit einem Zischen schoss das Signalfeuer in den Gang, wo der Lichtschein sich rasch entfernte. Gleichzeitig hörte ich, wie der Troll ängstlich aufschrie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er ließ Maja fallen, die sich sofort wieder aufrichtete. Mit schmerzverzerrtem Gesicht rieb sie sich den Hintern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ganz recht“, sagte sie leicht gequält. „Meine Freundin hier kann Sonnenlicht verschießen. Willst du etwa, dass der nächste Schuss in deine Richtung geht?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Troll wurde sofort kreidebleich. „N-Nein, bitte!“, flehte er. „Ich will noch nicht sterben!“ Es war erschreckend, wie menschlich seine Emotionen wirkten. Ich hatte fast Mitleid.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Dann rennst du jetzt sofort aus dieser Höhle“, forderte Maja. „Du wirst dir diese Nacht einen anderen Platz zum Schlafen suchen müssen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ließ sich der Troll nicht zweimal sagen. Er nahm seine Beine in die die Hand und sprintete ich Richtung Höhleneingang.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem er weg war, rannte ich sofort zu Maja und schloss sie fest in den Arm. „Verdammt. Ich dachte schon, das war’s mit dir. Lass uns von hier abhauen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch Maja machte keine Anstalten, mitzukommen. Stattdessen begann sie, sich im Raum umzusehen. „Was meinst du, wo er sein Gold versteckt hat?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich starrte sie mit offenem Mund an. Das konnte nicht ihr Ernst sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Guck nicht so. Der Troll ist weg. Wenn du mit suchst, finden wir es schneller.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wir hätten tot sein können!“, schimpfte ich. Sie war also doch bloß hinter seinem Schatz her. „Ich gehe jetzt. Wenn du noch hierbleiben willst, ist das deine Sache.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Maja ließ sich davon nicht beirren. Selbst, als ich in Richtung Ausgang ging, in der Hoffnung, dass sie mir leicht beleidigt folgen würde, blieb sie stur.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz, bevor ich die Höhle tatsächlich verließ, blieb ich stehen. Was sollte ich tun? Ich konnte sie nicht einfach zurücklassen. Außerdem würde ich ungern allein durch die dunklen Berge irren. Sollte ich ihr doch beim Suchen helfen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich hörte ich Stimmen von draußen. Fluchtartig rannte ich in einen der Seitentunnel.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wenn auch nur eines meiner Goldkettchen weg ist, dann kannst du was erleben!“, schimpfte eine Frauenstimme. Sie erinnerte mich an Donnergrollen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„J-ja, Mama“, sagte der Troll kleinlaut. Ich erkannte seine dümmliche Stimme sofort wieder.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sonnenpistole, so ein Schwachsinn“, schimpfte sie weiter. „Menschen können keine Sonnenstrahlen erschaffen!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie schien jedenfalls deutlich schlauer zu sein, als ihr Sohn. Aber das Schlimmste war, dass ihre Schritte sich schnell näherten. Sie kamen in die Höhle.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den nächsten Sekunden hielt ich die Luft an. Ich wünschte, ich hätte Maja warnen können. Aber das wäre nicht gegangen, ohne auf mich selbst aufmerksam zu machen oder mit ihr zusammen in der Falle zu sitzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Schritte waren jetzt fast bei mir. Dann entfernten sie sich wieder – in die Richtung, in der Maja jetzt in der Falle saß.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Na sowas, wen haben wir denn hier?“, ertönte die Stimme der Trollfrau hallend.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich ergriff die Gelegenheit, um aus der Höhle zu fliehen. Draußen angekommen, dachte ich darüber nach, etwas in die Höhle zu brüllen, um die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Aber was sollte ich dann tun? Ich hatte vorhin schon Probleme gehabt, mit dem Troll mitzuhalten, als er gemütlich gegangen war. Jetzt würden sie rennen. Außerdem waren sie zu zweit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schweren Herzens entschloss ich, meine Mitbewohnerin zurückzulassen. Ich rannte bergabwärts, versuchte grob, dem Weg zu folgen, den wir gekommen waren, musste aber irgendwo falsch abgebogen sein. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich durch die Berge geirrt war, bis ich schließlich zu einem Wanderweg kam.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Maja habe ich nie wieder gesehen. Ihren Eltern und der Polizei erzählte ich, sie sei allein in die Berge gefahren. Zu sehr schämte ich mich, dass ich nicht versucht hatte, sie zu retten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und so habe ich noch nie jemandem von jener Nacht erzählt – bis heute jedenfalls. Daher hoffe ich, dass ihr euch diese Geschichte zu Herzen nehmt. Vielleicht könnt ihr aus Majas und meinen Fehlern ja etwas lernen.</p>



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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Trolle sind nicht nur ein bekanntes Internetphänomen, sondern auch Teil der nordischen Mythologie. Dort existieren sie schon seit über 1.000 Jahren.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Trolle der nordischen Mythologie können stark in ihrem Aussehen variieren. Einige von ihnen sind groß wie Berge, andere bloß wie sehr große Menschen und wieder andere sehr klein, wie Zwerge. Sie alle sollen jedoch eine verhältnismäßig große Nase und – sofern sie Haare haben – eine wilde, ungepflegte Frisur besitzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In früheren Erzählungen waren Trolle noch sehr menschenähnlich. In der Neuzeit haben sie jedoch vermehrt Tiermerkmale wie spitze Ohren, Fell oder Tierschwänze bekommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber auch die eher menschenähnlichen Trolle können unmenschliche Merkmale wie mehrere Köpfe (in der alten Liedersammlung Edda ist sogar von einem vierköpfigen Troll die Rede), spitze, raubtierartige Zähne, klauenartige Fingernägel oder nur ein Auge besitzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem wird Trollen meist eine außergewöhnliche Hässlichkeit zugeschrieben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Auch wenn es einige Geschichten über gute oder hilfreiche Trolle gibt, sind die meisten von ihnen bösartig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie fressen für ihr Leben gerne Menschen – besonders Kinder. Dabei haben sie einen sehr guten Geruchssinn, der ihnen bei der Jagd hilft. Zudem sie sind übernatürlich stark und ihre Verletzungen heilen unglaublich schnell.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem ist es nicht allzu schwierig, einem Troll zu entkommen. Sie können sich zwar mit Menschen verständigen und unsere Sprache sprechen, sind ansonsten aber sehr dumm.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Man muss sich also nur einen Trick einfallen lassen, um den Troll zu überlisten, oder ihn solange hinhalten, bis die Sonne aufgeht. Es heißt nämlich, dass sich Trolle sofort zu Stein verwandeln, wenn ein Sonnenstrahl sie berührt. Daher sind Trolle ausschließlich nachtaktiv.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Alternativ gibt es einige Erzählungen, die davon berichten, dass Trolle bei Kontakt mit Sonnenlicht zerplatzen. Die Versteinerung ist jedoch deutlich weiter verbreitet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt in Skandinavien ganze Gebirge und Berge, die nach Trollen benannt sind. Z. B. heißt der Felsvorsprung „Trolltunga“ in Norwegen übersetzt „Trollzunge“ und soll laut Legende die versteinerte Zunge eines Trolls sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch nicht immer können sich Trolle einfach überlisten lassen. Einige von ihnen sollen sogar über magische Kräfte verfügen, mit denen sie Lawinen oder Unwetter auslösen können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem heißt es, dass Trolle Gold und Silber lieben, weswegen manche Trollhöhlen große Reichtümer bergen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Um an diese Reichtümer zu gelangen, reicht es jedoch nicht immer aus, einen einzelnen Troll zu überlisten. Denn obwohl viele Trolle allein leben, gibt es auch einige, die sich ihr Zuhause mit ihrer Familie teilen. Und die Trollfamilie wäre nicht sonderlich erfreut, wenn sie einen Menschen in ihrer Höhle bemerken oder herausfinden, dass er eines ihrer Familienmitglieder getötet hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Andere Dinge, die man Trollen nachsagt, sind, dass sie sehr naturverbunden seien – teilweise sollen sie sogar bedürftige Tiere und Bäume pflegen – und, dass sie Angst vor Kirchenglocken haben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Trolle der nordischen Mythologie leben sehr abgeschieden. Meist leben sie in Höhlen in Wäldern, den Bergen oder unter der Erde. Seltener bewohnen sie Hütten oder Burgen. Einige von ihnen sollen sogar im Ozean leben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In anderen Versionen leben sie in Utgard, einer Welt, die fast ausschließlich von Trollen und Riesen bewohnt sein soll.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die erste bekannte schriftliche Erwähnung von Trollen stammt aus dem 9. oder 10. Jahrhundert aus den Schilderungen der Skalden. Seither – und wahrscheinlich auch schon davor – wurden Trolle als beliebter Kinderschreck in Skandinavien genutzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im 18. oder 19. Jahrhundert entstand schließlich eine teilweise freundlichere Form des ursprünglich gefürchteten Trolls, als er erstmals als <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wesen</a> in Märchen aufgetaucht ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem sorgte J. R. R. Tolkien Anfang des 20. Jahrhundert mit seinem inzwischen weltberühmten Buch „Der Hobbit“, in dem drei Trolle vorkommen, für einen Bekanntheitsschub der Wesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Seit 1945, als die Schriftstellerin Tove Jansson die Mumins – freundliche, nilpferdartige Trollwesen – erfunden hat, wurden Trolle zudem vermehrt niedlich dargestellt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber obwohl in den größten Teilen Skandinaviens der Glaube an echte Trolle nur bis ins 19. Jahrhundert andauerte, gibt es auf Island noch heute viele Menschen, die an die Trolle der nordischen Mythologie glauben. Schuld daran könnten u. a. <a href="https://www.geister-und-legenden.de/gryla" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Grýla</a> und ihre <a href="https://www.geister-und-legenden.de/die-yule-lads" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Yule Lads</a> sein, um die sich das isländische Weihnachtsfest dreht.</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von der Geschichte? Ich muss gestehen, dass sie mir persönlich nicht ganz so gut gefällt, aber vielleicht bin ich auch bloß zu selbstkritisch. Wie hättet ihr an Stines Stelle reagiert? Wärt ihr auch weggerannt, um euch in Sicherheit zu bringen, oder hättet ihr versucht, Maja zu retten? Schreibt es in die Kommentare.</em></p>



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