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	<title>Naturgeister Archive - Geister und Legenden</title>
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	<description>In diesem Blog schreibe und veröffentliche ich jeden zweiten Montag eine neue Legende und Geschichte über Geister oder andere übernatürliche Dinge. Viel Spaß beim Gruseln!</description>
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		<title>Die Mittagsfrau – Sie wartet auf dem Feld!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 15 May 2023 13:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Ich wischte mir die Schweißtropfen von der Stirn, während ich zurück zu meinen Freunden blickte. Die Luft flimmerte vor Hitze, sodass ich sie auf die Entfernung nur schlecht erkennen konnte. Ich wollte gerade zu ihnen zurückgehen, als ich eine Stimme hinter mir hörte ...</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.geister-und-legenden.de/die-mittagsfrau">Die Mittagsfrau – Sie wartet auf dem Feld!</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.geister-und-legenden.de">Geister und Legenden</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg09.met.vgwort.de/na/6673b63536ee4a05819d547744482567" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Heute habe ich einen Beitrag über die Mittagsfrau für euch. Es ist eine slawische, zu kleinen Teilen aber auch <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/deutsche-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">deutsche Legende</a> über eine Art Korn<a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/daemonen" target="_blank" rel="noreferrer noopener">dämon</a>, der manchmal mit der deutschen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/die-roggenmuhme" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Roggenmuhme</a> verwechselt wird. Dabei haben die beiden Wesen nur wenige Gemeinsamkeiten. Ich möchte an dieser Stelle aber nicht zu viel verraten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem muss ich euch leider mitteilen, dass übernächste Woche kein neuer Beitrag kommt. Der nächste Beitrag kommt also erst am 12.06.2023 bzw. für <a href="https://www.patreon.com/geisterlegenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Patrons</a> am 05.06.2023.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">„Andreas, nicht so schnell!“, sagte Bjarne hinter mir.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich drehte mich um. Als ich sah, dass ich meinen Freunden ein gutes Stück voraus war, blieb ich stehen, bis sie mich eingeholt hatten. In der Zwischenzeit fächerte ich mir Luft mit der Hand zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war ein heißer Sommertag. Einer dieser heißen Sommertage, an denen man am liebsten den ganzen Tag im Freibad verbringen und sich nur von Eis ernähren würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zumindest einen Teil davon hatten wir uns fest vorgenommen. Ich hatte mich direkt heute Morgen mit Karin und Bjarne getroffen. Wir waren gemeinsam ins örtliche Freibad gefahren, wo wir drei Tageskarten geholt hatten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Lediglich zum Mittagessen, meine Mutter hat meine Freunde zu uns eingeladen, mussten wir wieder zuhause sein. Also schoben wir mit feuchten Haaren, nassen Badesachen und einem Geruch nach Chlor unsere Fahrräder schweigend die Straße zwischen den Feldern entlang.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wind gab es fast keinen. Obwohl die Getreideähren – Gerste, wie ich neulich bei einem Schulausflug gelernt hatte – ab und an sanft hin und her wogen, kam von der angenehmen Brise nichts bei uns an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich warf meinem Fahrrad einen flüchtigen Blick zu. Allein der Gedanke, darauf zu fahren, brachte meine Schweißporen zum Arbeiten. Auch wenn ich bestimmt schon zwei Liter Wasser getrunken hatte, würde ich wahrscheinlich augenblicklich tot umfallen, wenn ich auch nur einmal in die Pedale treten müsste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also schoben wir unsere Fahrräder gemächlich neben uns her, während wir versuchten, unter den Bäumen am Straßenrand schützenden Schatten zu finden. Mehr als einmal hatte ich mich bereits gefragt, warum wir die Fahrräder nicht beim Freibad gelassen hatten. Immerhin wollten wir nach dem Essen eh so schnell wie möglich wieder ins kalte Nass springen. Wir hätten unsere Fahrräder heute Abend mit nach Hause nehmen können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unsere Tageskarten wollten wir jedenfalls voll ausnutzen. Zumindest war das der Plan gewesen. Aber wie das Leben es so wollte, durchkreuzte das Schicksal gerne solche Pläne.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Planänderung kam in Form eines alten Mannes auf uns zu, der ein offenes Hawaiihemd, eine kurze Hose, Sandalen und durchgeschwitzte Tennissocken trug. Er schwankte leicht, als sei er betrunken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Freunde und ich machten bereits einen Bogen um ihn, wechselten extra die Straßenseite, doch der Mann schien entschlossen, uns abzufangen. Zumindest kam er weiter auf uns zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„He! Ihr!“, rief er mit kratziger Stimme. Entweder war er heiser oder sein Hals völlig ausgetrocknet. „Wartet mal!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wir ha’m kein Geld“, erwiderte Bjarne sofort.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Genau. Das haben wir alles für Freibadkarten und Eis ausgegeben“, bestätigte Karin. Sie sagte das völlig ernst, auch wenn wir noch mehr als genug Geld für weiteres Eis in unserem Rucksack hatten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Mann hingegen winkte ab. „Ich will euer Geld nicht“, krächzte er ruhig. „Ich will euch nur warnen. Um diese Uhrzeit treibt die Mittagsfrau ihr Unwesen. Egal, was ihr tut, ihr dürft nicht aufs Feld gehen. Auch nicht, falls es eine Abkürzung sein sollte.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Karin, Bjarne und ich warfen einander fragende Blicke zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bjarne fand als Erster die Worte wieder. „Die Mittagsfrau?“, fragte er. „Wenn eine schöne Frau was von mir will, sag ich doch nicht nein!“ Er grinste den Mann schamlos an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Mann hingegen kam einen Schritt näher. Jetzt erkannte ich den Schweiß, der sich tropfenweise in seinen grauen Haaren, seinem Bart und sogar seinen Brusthaaren gesammelt hatte. Ich versuchte, nicht zu genau hinzusehen, bemerkte aber trotzdem den Sonnenbrand auf seiner Brust und in seinem Gesicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich mein es ernst, Junge!“, rief er plötzlich laut. „Wenn ihr aufs Feld geht, wird die Mittagsfrau euch töten! Ihr müsst mir versprechen, dass ihr auf der Straße bleibt!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Von seinem plötzlichen Ausbruch völlig überrumpelt, starrte ich den Mann sprachlos an. Und auch Karin und Bjarne fanden keine Worte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Versprecht es mir!“, forderte der Mann erneut.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da keiner meiner Freunde sich zu trauen schien, ergriff ich das Wort. „Ja. Klar. Wir versprechen es. Wir müssen sowieso geradeaus.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt starrte der Mann mich an. Sein linkes Auge zuckte nervös. Es wirkte so, als dachte er nach. Jedenfalls dauerte es einige Sekunden, bis er endlich wieder etwas sagte. Er sprach jetzt wieder ruhiger. „Und der Rest? Versprecht ihr es auch?“, fragte er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Karin nickte, während Bjarne ein fast schuldbewusstes „Ja“ nuschelte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Noch einmal musterte der Mann uns. Dann drehte er sich weg und ging weiter seines Weges, als sei nie etwas gewesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir sahen ihm mit offenen Mündern nach. Halb eingeschüchtert, halb verwirrt sah ich Bjarne und Karin an. Plötzlich brach Karin in schallendes Gelächter aus. Es dauerte nicht lange, bis Bjarne und ich uns anschlossen. Wir lachten, als hätten wir ewig nichts so Lustiges erlebt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was war das denn für ein Vogel?“, fragte Bjarne, als er sich weit genug beruhigt hatte. Dann äffte er die kratzige Stimme nach. „Nehmt euch in Acht vor der Mittagsfrau!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mittagsfrau. Was ist das überhaupt für ein Name?“, warf Karin ein. „Was Kreativeres ist ihm wohl nicht eingefallen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sah sie überrascht an. „Moment. Ihr kennt die Mittagsfrau nicht?“, fragte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was? Nein“, meinte Karin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du veräppelst uns“, sagte Bjarne. „Die gibt’s wirklich?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich nickte. „Meine Mama hat mir als Kind manchmal ein Märchen über sie erzählt. Hauptsächlich, wenn ich mich nicht an das gehalten habe, was sie gesagt hat. Die Mittagsfrau ist ein Wesen, das nur in der Mittagshitze zwischen zwölf und ein Uhr auftaucht. Sie erscheint jedem, der es wagt, allein auf ein Feld zu gehen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich machte eine Spannungspause.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Und dann?“, drängte Bjarne. „Was macht sie mit einem?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich grinste. „Sie köpft ihre Opfer mit ihrer Sichel.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Karin machte große Augen. „Und so eine Scheiße hat deine Mutter dir als Kind erzählt!?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nein“, gestand ich. „Sie hat mir nur erzählt, dass die Mittagsfrau ihre Opfer angreift. Bei ihrer Geschichte ging es vielmehr um ein Mädchen, dass der Mittagsfrau entkommen konnte. Sie greift nämlich nicht an, wenn man sie in ein Gespräch über Feldarbeit verwickeln kann. Das Mädchen hat eine Stunde lang mit der Frau nur über die Flachsernte geredet, bis die Mittagsfrau um ein Uhr verschwunden ist.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Und das hat funktioniert?“, fragte sie überrascht. „Als Erziehungsmaßnahme deiner Mutter, meine ich?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich nickte. „Ja, sie hat mir gesagt, dass ich eine Stunde lang nur über langweilige Dinge reden müsste, ohne das Thema wechseln zu dürfen. Um mir zu beweisen, wie langweilig das ist, hat sie einmal angefangen, mit mir über Kartoffeln zu reden. Ich hatte keine zehn Minuten durchgehalten.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Karin schmunzelte, während Bjarne wieder sein schamloses Grinsen aufsetzte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du und deine Mutter, ihr seid manchmal echt bescheuert!“, sagte er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sah ihn gespielt entsetzt an. „Wie? Ihr glaubt nicht an die Mittagsfrau?“, fragte ich dramatisch. „Das solltet ihr.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bjarne rollte sofort mit den Augen. Seit wir Halloween von 2018 gesehen hatten, zitierte ich die Szene viel zu häufig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt grinste ich ihn blöd an. „Aber wenn du mir nicht glaubst, geh doch raus ins Feld. Du wolltest die Mittagsfrau doch kennenlernen. Wie meintest du? Da sagst du nicht nein!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ja, klar“, erwiderte er. „Ich lauf schnell raus in die pralle Sonne. Mir ist ja noch nicht heiß genug.“ Zur Verdeutlichung zog er mehrmals an seinem T-Shirt, um sich Luft zuzuwedeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Awww! Hast du etwa Angst?“, drängte ich ihn. Ich wusste nicht, wieso ich es tat. Vielleicht lag es an der Pubertät. Vielleicht auch an der Hitze, die mir langsam zu Kopf stieg.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bjarne schnaubte verächtlich. „Ich hab keine Angst. Ich hab nur keinen Bock auf einen Sonnenstich. Aber wenn du schon so große Töne spuckst, geh du doch! Oder hast <em>du</em> Angst?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das saß. Als Kind hatte ich tatsächlich Angst vor der Mittagsfrau gehabt. Besonders, nachdem ich rausgefunden hatte, dass sie ihre Opfer köpft. Aber jetzt war ich älter. Ich glaubte nicht mehr an Geister und Spukgestalten. Und selbst <em>falls</em> noch ein klitzekleines bisschen Restangst aus meiner Kindheit übriggeblieben <em>wäre</em>, würde ich das meinen Freunden ganz bestimmt nicht zeigen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Gut“, sagte ich, während ich mein Fahrrad abstellte. „Ich gehe. Wie weit soll ich raus?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Jungs, lasst den Quatsch. Wir sind fast da“, warf Karin ein. Wir ignorierten sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„50 Schritte. Normalgroße, nicht so ein Babykram“, forderte Bjarne.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Abgemacht“, erwiderte ich. Ich ging sofort los.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Andreas, jetzt bleib schon hier!“, forderte Karin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ach. Die paar Sekunden Sonne werden mir schon nichts anhaben. Das heißt … solange die Mittagsfrau nicht auftaucht.“ Ich zwinkerte ihr zu, ehe ich begann, ins Feld zu waten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sobald ich aus dem Schatten der Bäume trat, fühlte ich mich, als wäre ich gegen eine Wand gelaufen. Die Hitze war erdrückend. Ich versuchte, es zu ignorieren. Stattdessen konzentrierte ich mich auf meine Schritte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sieben, acht, neun, zehn Schritte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Gerste, die mir bis über die Knie reichte, war schon fast ausgewachsen. Sie war zwar noch immer grünlich, hatte aber schon voll ausgebildete Köpfe mit kratzigen Härchen, die mich an den Beinen kitzelten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zwanzig Schritte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Irgendwo in den Pflanzen hockten Insekten. Ich konnte sie zwar nicht sehen, aber dafür umso deutlicher hören, wie sie mich mit ihrem Gesang anfeuerten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dreißig Schritte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich weiter durch das Feld ging, wanderten meine Gedanken zurück zur Mittagsfrau. Ich wollte es gar nicht, aber mein Kopf wollte mir nicht gehorchen. Ich erinnerte mich daran, wie ich sie mir als Kind immer vorgestellt hatte. In den Geschichten meiner Mutter war sie eine große, in weiß gekleidete Frau. Ich hatte sie mir immer wie ein gruseliges Gespenst vorgestellt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vierzig Schritte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und als ich dann erfuhr, dass sie eine Sichel bei sich tragen soll, mit der sie Menschen köpft, war der Stoff meiner Kindheitsalbträume geboren. Inzwischen hatte ich das natürlich überwunden. Ich hatte schon seit Jahre nicht mehr von ihr geträumt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Fünfzig Schritte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Grinsen bildete sich auf meinem Gesicht. Ich wischte mir die Schweißtropfen von der Stirn, während ich zurück zu meinen Freunden blickte. Die Luft flimmerte vor Hitze, sodass ich sie auf die Entfernung nur schlecht erkennen konnte. Ich wollte gerade zu ihnen zurückgehen, als ich eine Stimme hinter mir hörte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sag mir, Mensch. Welches Getreide wächst auf diesem Feld, das du so achtlos zertrampelst?“ Es war die Stimme einer Frau. Sie klang jung und schön. Sanft wie ein Windhauch, aber trotzdem laut genug, dass ich mir sie nicht eingebildet haben konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit einem Kloß im Hals drehte ich mich um. Das Bild von ihr, das ich als Kind immer im Kopf hatte, das mich bis in meine Träume verfolgte, wurde ihr nicht gerecht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hatte sie mir immer menschlich vorgestellt. Aber dieses … Ding vor mir, war kein Mensch. Sie hatte menschliche Züge, ja, aber alles an ihr wirkte falsch. Ihre Haut war blass, unterschied sich kaum von dem Weiß ihres Kleides. Ähnlich war es mit ihren blonden Haaren. Ihr Gesicht war völlig abgemagert mit eingefallenen Wangen. Ich hatte eher das Gefühl, als würde eine Leiche vor mir stehen statt eines lebendigen Wesens. Wenn da nicht ihre dunklen Augen gewesen wären, die mich jetzt fixierten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann fiel mein Blick auf die Sichel, die sie in ihrer rechten Hand hielt. Auch sie war anders, als ich sie mir vorgestellt hatte. Sie wirkte alt, sah stellenweise sogar rostig aus. Trotzdem war ich mir sicher, dass sie noch immer verdammt scharf war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vorsichtig versuchte ich, einen Schritt zurückzutreten. Meine Beine gehorchten mir nicht. Sie blieben einfach stehen. Ich konnte meinen Körper nicht mehr bewegen. Das Einzige, über das ich noch Kontrolle hatte, waren mein Hals, mein Kopf, meine Augen und mein Mund.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hilfesuchend sah ich zu Karin und Bjarne zurück, aber sie standen nur da. Sie machten keine Anstalten, zu mir zu kommen. Karin hob sogar die Hand, um mir zu winken. Sie beachteten das Monster gar nicht!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein nächster Blick galt wieder der Mittagsfrau. Sie hatte ihre Sichel zum Schlag erhoben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Gerste!“, schrie ich panisch. „Gerste! Auf dem Feld wächst Gerste!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Herz raste. War das noch rechtzeitig gewesen? Oder schnitt mir die Mittagsfrau in wenigen Sekunden den Kopf ab? Was, wenn sie mehrere Anläufe brauchte? Wenn ihre Sichel doch nicht scharf genug war?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch die Frau legte bloß ihren Kopf schief. Sie kniff die Augen zusammen, musterte mich wieder. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis sie endlich die Sichel sinken ließ.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wann war die Blütezeit der Pflanzen?“, fragte sie weiter. Die Bewegung ihrer Lippen war das Einzige, was halbwegs menschlich wirkte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich spürte, wie der Kloß in meinem Hals wuchs. Er drohte, mich zu ersticken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Juni“, presste ich hervor. „Die Gerste hat Mitte Juni geblüht.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Krampfhaft kratzte ich alles zusammen, was wir auf unserem Schulausflug zum örtlichen Bauernhof gelernt hatten. Wir waren genau zur Blütezeit dort gewesen. Aber viel mehr wusste ich nicht über Gerste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Mittagsfrau würde mich nicht in Ruhe lassen. Sie würde weiterfragen, bis ich eine ihrer Fragen nicht beantworten konnte. Oder bis es 13 Uhr war … Wie spät war es jetzt? Ich konnte meine Armbanduhr nicht erkennen, den Arm noch immer nicht bewegen. Aber da wir um 13 Uhr zuhause sein wollten, konnte es sich nur noch um Minuten handeln!</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wie gut sind die Pflanzen dieses Jahr gewachsen?“, stellte sie ihre nächste Frage. Ihre Stimme klang lieblich. Darin lag nicht ein Hauch Böses.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Flüchtig spähte ich über das Feld. Die schnelle Kopfbewegung ließ Schwindel in mir aufkommen. Auch wurde mir allmählich übel, während die Sonne weiter unerbittlich mit ihren Strahlen auf meinen Kopf knallte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">‚<em>Die Frage!</em>‘, mahnte ich mich in Gedanken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Getreide sah gut aus. Zumindest hoffte ich das. Andererseits war es in den letzten Tagen sehr heiß gewesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich versuchte, möglichst langsam und deutlich zu sprechen, um etwas Zeit zu gewinnen. „Die Pflanzen sind gut gewachsen. Es war ein gutes Jahr. Lediglich die letzten Tage waren etwas heiß, aber ich denke nicht, dass das der Ernte groß schaden wird. Ein gutes Jahr.“ Mehr wagte ich nicht zu sagen. Wenn ich etwas Falsches sagte … Ich wollte gar nicht darüber nachdenken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es folgten noch einige weitere Fragen, die ich mehr schlecht als recht beantworten konnte. Trotzdem saß mein Kopf noch immer auf meinen Schultern. Es musste der Mittagsfrau also genügt haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn da doch nur nicht diese verdammte Sonne gewesen wäre …! Ich wünschte, ich könnte meinen Arm über meinen Kopf halten, irgendwie auch nur ein kleines bisschen Schatten bekommen, aber die lähmende Magie der Mittagsfrau hatte mich voll im Griff. Wenn mich ihre Fragen nicht dahinrafften, würde die Sonne bald ihr Übriges tun.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was wird aus dieser Gerste gemacht?“, stellte die Frau ihre nächste Frage.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Inzwischen war mir speiübel. Ich konzentrierte mich mit aller Kraft darauf, zu antworten. „Bier“, hauchte ich. Ich atmete schwer. Der Schwindel wurde immer schlimmer. Ich konnte kaum noch etwas erkennen. Trotzdem redete ich weiter. „Bier. Das konnte ich mir merken. Die Gerste wird für Bier verwendet. Fast 90 Prozent der Gerste hier wird … wird als Braugerste angebaut. Der Rest wird hauptsächlich zu … Mehl verarbeitet. Der Bauer hat da einen … einen Käufer.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich strauchelte. Mehr fiel mir nicht ein. Inzwischen fühlte mein Kopf sich an, als würde er gleich platzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Insekten, die im Feld hockten, zirpten inzwischen so laut, dass ich kaum etwas anderes hören konnte. Konnten sie nicht einfach still sein?! Ich musste die nächste Frage hören!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und dann war da noch mein Atem. Er ging kurz und stoßweise. Auch er kam mir viel lauter vor, als er hätte sein dürfen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Krampfhaft versuchte ich, die Luft anzuhalten, damit ich die nächste Frage nicht verpasste, aber es kostete mich zu viel Anstrengung. Auf meine Augen konnte ich mich bereits nicht mehr verlassen. Ich sah nicht einmal mehr, wie der Boden auf mich zuraste. Dann verlor ich das Bewusstsein.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Andreas! Scheiße, Andreas wach auf!“, hörte ich eine entfernte Stimme. Gleichzeitig spürte ich etwas Nasses in meinem Gesicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mühsam stemmte ich die Augen auf. Die Sonne war schwächer geworden. Nein, das war etwas anderes … Bjarne hielt ein Handtuch über mich, um mir schützenden Schatten zu spenden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und da war auch Karin. Sie hielt eine offene Wasserflasche in der Hand, während sie mit der anderen Hand meine Stirn fühlte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wie spät ist es?“, fragte ich schwach.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich konnte die Erleichterung in Karins und Bjarnes Gesichtern fast schmecken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Scheiße, du hast uns Angst gemacht!“, sagte Bjarne. „Es ist kurz nach eins.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Keine Sorge. Deine Mutter weiß Bescheid. Sie wird jeden Moment hier sein“, ergänzte Karin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich lächelte schwach. Dann fiel mir etwas anderes ein. „Warum habt ihr mir nicht geholfen?“, fragte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was meinst du?“, erwiderte Karin. „Wir sind sofort zu dir gerannt, als du umgefallen bist!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schüttelte den Kopf. Der Schwindel wurde wieder stärker. „Ich meinte wegen der Frau. Der Mittagsfrau.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Karin und Bjarne warfen einander einen fragenden Blick zu. Dann sahen sie mich besorgt an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Da … Da war keine Frau“, erklärte Karin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bjarne nickte bestätigend. „Du bist rausgegangen, eine Weile stehengeblieben und dann plötzlich umgefallen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darüber nachzudenken, war mir in dem Moment zu anstrengend. Also ruhte ich mich aus, bis meine Mutter auf dem Feldweg ankam. Gemeinsam brachten sie mich ins Auto und fuhren mit mir ins Krankenhaus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zwar durfte ich noch am selben Tag wieder nach Hause, aber ich hatte mich die nächsten zwei Tage hundeelend gefühlt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und was die Mittagsfrau anging … Karin, Bjarne und meine Eltern waren sich einig, dass ich sie mir eingebildet haben musste. Die Hitze, dazu das Erlebnis mit dem alten Mann. Das alles habe meine Fantasie angekurbelt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hingegen war mir da nicht so sicher. Es erklärte nicht, wieso ich mich nicht mehr bewegen konnte. Oder wieso die Mittagsfrau anders aussah, als ich sie mir vorgestellt hatte. Außerdem hatte ich doch bis genau 13 Uhr durchgehalten, oder?</p>



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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Mittagsfrau ist ein Feld<a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister" target="_blank" rel="noreferrer noopener">geist</a> der slawischen Mythologie. Die <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Legende</a> ist fast im kompletten slawischen Raum verbreitet – darunter auch die Gegend um den Spreewald in Brandenburg.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie im Deutschen leitet sich ihr Name auch in anderen Sprachen vom jeweiligen Wort für „Mittag“ ab – z. B. Południca (von „południe“) im Polnischen, Polednice (von „polední“) im Tschechischen oder полу́дница (Poludnitsa) (von „полдень (polden‘)“) im Russischen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt verschiedenste Beschreibungen, wie die Mittagsfrau aussehen soll, generell lassen sie sich aber zu drei verschiedenen Erscheinungen zusammenfassen:</p>



<h4 class="wp-block-heading">Die große Frau:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Die erste und wahrscheinlich am weitesten verbreitete Erscheinung ist das Aussehen einer großen Frau. Während sie manchmal als schön bezeichnet wird, beschreiben andere Quellen sie als abgemagert und fast totenähnlich mit eingefallenen Wangen und blasser Haut.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie trägt weiße Kleidung oder ist in ein weißes Tuch gehüllt, das den traditionellen niedersorbischen Trauertüchern ähnelt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihre Haare werden oft als blond oder schwarz beschrieben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Manchmal werden ihr zudem animalische Züge wie z. B. Pferdehufe oder Wildschweinhauer nachgesagt.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Das junge Mädchen:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Erscheinung sieht aus wie ein etwa 12-jähriges Mädchen. Ebenfalls in weiß gekleidet, wirkt sie so besonders harmlos und unschuldig, ist aber genauso gefährlich wie ihre anderen Formen.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Das alte Weib:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Die letzte Erscheinung ist hingegen die einer alten hässlichen Frau mit grauen oder weißen Haaren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie trägt entweder weiße Kleidung oder alte Lumpen.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Gemeinsamkeiten:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Neben der weißen Kleidung gibt es noch ein paar weitere Gemeinsamkeiten der drei Erscheinungen. So kann die Mittagsfrau je nach Region und Erzählung z. B. eine Bratpfanne, eine Sichel, eine Sense, eine Peitsche oder ein anderes Utensil bei sich haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem wird sie gelegentlich mit einem kleinen Wirbelwind in Verbindung gebracht, auf dem sie entweder reitet oder der sie selbst ist.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die wohl bekannteste Eigenschaft der Mittagsfrau findet sich in ihrem Namen: Sie taucht nur in der Mittagszeit auf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der genaue Zeitpunkt kann sich je nach Region unterscheiden, aber im Normalfall ist es eine feste Uhrzeit, die eine oder zwei Stunden dauert. Am häufigsten habe ich von der Stunde zwischen 12 und 13 Uhr gelesen. Die Mittagsfrau lauert den Menschen auf, die sich zu dieser Zeit auf dem Feld aufhalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Häufig sind das Arbeiter, die ihre Ruhepause ignorieren oder nicht auf die Uhr gesehen haben. Aber sie greift auch Kinder und andere Leute an, die sich aufs Feld verirrt haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Besonders häufig handeln die Geschichten von Mädchen oder Frauen, die zur Mittagsstunde auf Flachsfeldern arbeiten.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Die Methoden der Mittagsfrau:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn jemand das Pech hat, der Mittagsfrau zu begegnen, versucht sie im Normalfall, ihn zu töten. Wie sie dabei vorgeht, kann sich ebenfalls je nach Region und Erzählung stark unterscheiden.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Die redselige Mittagsfrau:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Einige Leute sagen, dass die Mittagsfrau so lange auf ihr Opfer einredet oder es mit Fragen löchert, bis es stirbt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine meiner Meinung nach sinnvollere Version hiervon besagt, dass sie ihr Opfer nur dann tötet, wenn es sich von ihr abwendet, statt ihr weiter zuzuhören.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Alternativ lässt sie einen so lange leben, wie man über seine Arbeit auf dem Feld reden oder ihre Fragen beantworten kann – oft stellt sie hierbei Fragen zur Feldarbeit, seltener Rätsel. Auch kann sie spezifische Fragen zu dem Feld fragen, auf dem man sich gerade befindet: Wann wurde ausgesät? Wann war die Blütezeit? Wie gut wachsen die Pflanzen dieses Jahr? Beantwortet man die Frage falsch oder versucht, das Thema zu wechseln, wird man getötet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die einzige Möglichkeit, der Mittagsfrau in diesen Situationen zu entkommen, ist, wenn man bis 13 Uhr durchhält. Dann verlassen die Mittagsfrau ihre Kräfte und sie verschwindet.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Die mordlustige Mittagsfrau:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">In anderen Versionen ist die Mittagsfrau weniger redselig. Sie greift jeden Menschen an, der sich in ihrer Stunde allein aufs Feld wagt. Dafür taucht sie vor ihren Opfern auf und köpft sie mit ihrer Sichel oder Sense.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sollte sie keine Waffe bei sich haben, bricht sie ihnen das Genick oder tötet mit ihrer bloßen Berührung. Manchmal bewegt sie sich hierbei fort, indem sie auf einem Wirbelwind reitet.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Andere Methoden:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Anderen Versionen zufolge löst sie Mittagsfrau bei den Menschen Wahnsinn oder Verwirrung aus. Sie zerrt an ihren Haaren, wodurch sie Kopf- oder Nackenschmerzen verursacht, lässt sie Halluzinieren, verbrennt ihre Haut oder löst Schwindel aus – alles Symptome, die man heutzutage einem Sonnenstich oder Hitzeschlag zuordnen würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Alternativ schlägt die Mittagsfrau ihre Opfer so lange, dass sie mehrere Tage Schmerzen haben, lähmt sie oder sticht ihnen die Augen aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So oder so möchte man der Mittagsfrau also auf keinen Fall begegnen. Das gilt besonders, wenn man ein Kind ist. Kleinkinder und Babys werden von der Mittagsfrau entführt und durch Wechselbälger ausgetauscht. Dabei ist es egal, ob die Eltern das Kind unbeaufsichtigt auf dem Feld lassen, das Kind von sich aus auf das Feld gegangen ist oder die Mittagsfrau es auf das Feld gelockt hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Älteren Kindern ergeht es hingegen wie den Erwachsenen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch so grausam die Mittagsfrau auch ist, so ist sie nicht nur schlecht. Sie ist auch eine Beschützerin der Felder. Dabei greift sie nicht nur Menschen an, die sich unrechtmäßig auf das Feld wagen, während die Bauern ihre Mittagspause machen, sondern sie schützt auch die Pflanzen vor der sengenden Mittagshitze.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Aufgrund der regionalen Verbreitung der Legende waren die bisherigen Sichtungen hauptsächlich auf Feldern (meist Getreidefeldern) in den slawischen Regionen, seltener auch in Obstgärten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gesichtet werden kann sie angeblich von der Blütezeit der Felder bis zur Ernte, sie taucht jedoch nur in der Mittagsstunde an sonnigen, besonders heißen Tagen auf.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wie ich unter „Eigenschaften“ bereits angedeutet habe, ist die Legende der Mittagsfrau wahrscheinlich aus den natürlichen Phänomenen des Sonnenstichs und des Hitzeschlags entstanden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Früher hatten die Menschen keine Erklärung dafür, wie es zu den plötzlichen Toden, Halluzinationen und anderen Symptomen kam. Sie erfanden die Mittagsfrau, um sie zu begründen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So gesehen ist die Mittagsfrau eine Mahnung, dass Feldarbeiter ihre Ruhestunde, in der die Sonne meist am höchsten steht und die Hitze am schlimmsten ist, ernstnehmen sollen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gleichzeitig dient sie als Kinderschreckfigur. Dank ihr konnten Eltern ihre Kinder überzeugen, nicht bei der sengenden Hitze auf den Feldern zu spielen, und konnten gleichzeitig verhindern, dass die Kinder dabei versehentlich die Ernte zerstörten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Glaube an die Mittagsfrau war dabei so weit verbreitet, dass viele Menschen selbst Anfang des 20. Jahrhunderts noch glaubten, die Mittagsfrau sei real. Und auch, wenn sie seitdem an Bekanntheit verloren hat, ist sie noch heute kein unbekanntes <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wesen</a>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So findet man sie z. B. in der Popkultur wieder – sei es in <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/creepypasta" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Creepypastas</a> oder als ein Wesen mit dem Namen „Mittagserscheinung“ in der Videospielreihe The Witcher.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von der Mittagsfrau? Kanntet ihr die Legende schon? Und hat Andreas sich die Mittagsfrau eurer Meinung nach bloß eingebildet, oder ist ihm wirklich ein Naturgeist erschienen? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Wenn ihr regelmäßig solche Geschichten oder Legenden lesen wollt, unterstützt mich auf <a href="https://www.patreon.com/geisterlegenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Patreon</a>, abonniert meinen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/newsletter" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Newsletter</a> oder folgt mir auf <a href="https://twitter.com/geisterlegenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/geisterlegenden/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Facebook</a> oder <a href="https://www.instagram.com/geisterlegenden/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Instagram</a>!</em></p>
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		<title>Skogsrå – Sie wartet im Wald</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 21 Nov 2022 14:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>„Ich kenne mich hier zufällig ziemlich gut aus“, fuhr sie fort. „Wenn du willst, kann ich dir die schönsten Pilze im ganzen Wald zeigen. Dann müsstest du aber auch etwas für mich tun.“ Mit diesen Worten zog sie ihr Kleid ein Stück hoch und streichelte an ihrem nackten Oberschenkel zärtlich nach oben.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg09.met.vgwort.de/na/d3cd8b8bbe874d9ea980588d26691aef" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Skogsrå sind skandinavische Waldgeister, die nur darauf warten, dass sich einsame Männer in ihren Wald verirren. Was sie dort mit ihnen machen, erfahrt ihr in meinem Beitrag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Kennt ihr das Gefühl, im Wald nicht allein zu sein? Dass jemand oder etwas zwischen den Bäumen lauert und euch beobachtet? Manchmal ist es mehr als nur ein Gefühl …</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Eure Wälder sind wirklich traumhaft“, sagte Dennis. Seine Stimme wurde von den Geräuschen der Natur begleitet. Vögel, die in den Bäumen sangen, Nadeln und Äste, durch die der Wind säuselte und das gelegentliche Knacken und Rascheln im Unterholz. „Besonders die Kiefern. Bei uns in Norddeutschland sterben die Nadelwälder allmählich weg, aber hier …“ Ehrfürchtig trat er an einen Baum heran und legte seine Hand an den Stamm.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich grinste. Seit wir gestern im Wald angekommen waren und unsere Zelte aufgeschlagen hatten, war Dennis nur am Schwärmen. „Das liegt daran, dass eure Nadelwälder künstlich angelegt wurden. Hier in Schweden sind sie hingegen heimisch“, erklärte ich. Unwillkürlich musste ich an letzte Woche denken, als ich bei ihm in Deutschland war. Ich war entsetzt gewesen, wie tot der Nadelwald aussah, in dem wir zum Pilzesammeln waren. Es war, als wären die Bäume ab der Hälfte des Stamms abwärts bereits vertrocknet gewesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich hielt ich inne. „Dennis, warte mal“, meinte ich, während ich meine Taschen abtastete. Ich hatte kontrollieren wollen, ob ich auch wirklich alles dabei hatte. Als ich jedoch auf die Tasche mit dem Kompass klopfte, war sie leer. Wo konnte er nur sein? Vage erinnerte ich mich an gestern Abend. Ich hatte Dennis meine Ausrüstung gezeigt. „Mist. Ich hab den Kompass im Zelt vergessen. Warte hier. Ich hol ihn schnell!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ach, lass das olle Teil doch. Wir wollen nur Pilze sammeln. Den Rückweg finden wir schon.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber ich schüttelte entschieden den Kopf. „Vergiss es. Der Wald erstreckt sich über Kilometer. Außerdem bewegen wir uns abseits der Wege. Wenn wir uns hier verlaufen … Ich will jedenfalls nicht als Wolfs- oder Bärenfutter enden.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das wirkte. Dennis kannte sich mit wilden Tieren, die ihm gefährlich werden konnten, nicht aus. Er kannte höchstens Wildschweine. Vor Wölfen hingegen schien er eine nahezu irrationale Angst zu haben. Dabei hatten die Tiere meist mehr Angst vor ihm als er vor ihnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während Dennis also wartete, beeilte ich mich, zum Zelt zurückzukommen. Zwar war der Weg nicht gerade weit – immerhin waren wir eben erst losgegangen –, aber es dauerte eine Weile, bis ich meinen treuen Kompass unter einem Stapel Wäsche gefunden hatte. Im Nachhinein betrachtet war es dumm gewesen, Dennis so lange im Wald allein zu lassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich mich ihm wieder näherte, konnte ich Stimmen hören. Eine war die von Dennis, ganz eindeutig, die andere hingegen, eine Frauenstimme, hatte ich noch nie zuvor gehört.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Aber was macht so ein schöner Mann ganz allein im Wald?“, säuselte sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Das Gleiche könnte ich dich fragen“, erwiderte Dennis. Dann stockte er. „Also … das … das heißt, wenn du ein Mann wärst. Was macht eine so schöne Frau ganz allein im Wald, meinte ich natürlich?“, korrigierte er sich schnell. Er verhaspelte sich beim Sprechen und klang unbeholfen wie ein Teenager, der noch nie mit einer fremden Frau geredet hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frau hingegen lachte nur. Es war aber kein spöttisches Lachen, sondern ein klares und ehrliches, als habe er einen Witz gemacht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Endlich kamen sie in Sichtweite. Die Frau – sie stand nur wenige Schritte von Dennis entfernt, spielte mit ihren langen blonden Haaren, während sie Dennis mit einem strahlenden Lächeln in die Augen sah. Sie trug ein feines weißes Kleid. Zu fein für einen Spaziergang so tief im Wald, wie ich fand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich mich näherte, sah sie mich erschrocken an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und auch Dennis drehte sich zu mir um. „Ah. Da bist du ja. Ich hab gerade diese sympathische junge Dame getroffen“, erklärte er grinsend.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hej“, begrüßte ich sie. „Was machen Sie ganz allein hier draußen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie spitzte die Lippen, während sie mich einen Moment nur stumm ansah. Ich kann nicht genau sagen, was es war, aber irgendetwas an ihr wirkte falsch. Zudem schien es ihr ganz und gar nicht zu passen, dass ich aufgetaucht war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als die Stille gerade anfing, unangenehm zu werden, antwortete sie endlich. „Ich wollte allein sein, etwas Zeit für mich haben, aber dann habe ich diesen“, sie musterte Dennis mit einem fast hungrigen Blick von Fuß bis Kopf, „attraktiven Mann gefunden. Und ich dachte, ich versuch mal mein Glück.“ Sie zwinkerte ihm zu, woraufhin Dennis noch breiter grinste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hingegen wurde allmählich misstrauisch. Die Frau wirkte völlig fehl am Platze. Das weiße Kleid, ihre Anmachsprüche, sogar ihre Bewegungen, wie sie ihren Körper uns beiden gleichermaßen zuwandte, mich aber kaum eines Blickes würdigte. Langsam ahnte ich, um wen – oder besser gesagt um was – es sich bei der Frau handelte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Und was machst du hier?“, fragte die Fremde Dennis.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wir sammeln Pilze“, antwortete ich schnell für uns beide.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder wurde ich keines Blickes gewürdigt. Stattdessen war die Frau ganz nah an Dennis herangetreten. Sie sah ihm so tief in die Augen, als wolle sie ein Wett-Starren gewinnen, während sie in mit ihren schneeweißen Zähnen weiter breit anlächelte. „Pilze also? Ich mag Pilze. Sie haben so eine schöne … aufrechte Form.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">‚<em>O Gott</em>‘, dachte ich. Die Frau war wirklich mehr als verzweifelt. Aber was noch schlimmer war: Ihre billige Anmache funktionierte. Dennis&#8216; breites Grinsen wirkte inzwischen mehr als nur naiv.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich kenne mich hier zufällig ziemlich gut aus“, fuhr sie fort. „Wenn du willst, kann ich dir die schönsten Pilze im ganzen Wald zeigen. Dann müsstest du aber auch etwas für mich tun.“ Mit diesen Worten zog sie ihr Kleid ein Stück hoch und streichelte an ihrem nackten Oberschenkel zärtlich nach oben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dennis starrte ungeniert hin. Und ich konnte es ihm nicht verübeln. Die Frau forderte ihn geradezu dazu auf. Trotzdem wusste ich, dass er bei Wesen wie ihr vorsichtig sein musste – zumindest, wenn meine Vermutung stimmte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Danke, aber wir wollen die Pilze selbst suchen. Das ist doch der halbe Spaß“, sagte ich schnell, während ich näher an Dennis trat. „Aber ihr könnt eure Nummern austauschen. Dann könnt ihr das nachholen“, schlug ich vor. Dabei beobachtete ich die Fremde sehr genau.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dennis war von der Idee sofort begeistert. Ohne weiter abzuwarten, zog er sein Handy aus der Tasche.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frau hingegen sah mich jetzt das erste Mal richtig an. In ihren geweiteten Augen lag eine Mischung aus Entsetzen und ertappt Fühlens. „Ich … Ich habe kein Telefon“, stammelte sie. Dann ging sie langsam rückwärts. „D-das war ein Fehler. Tut mir leid.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Halt! Warte!“, sagte Dennis schnell, während sie sich mit schnellen Schritten entfernte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dass sie dabei weiterhin rückwärtsging und uns keine Sekunde den Rücken zuwandte, bestätigte meinen Verdacht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dennis hingegen, dem das Ganze nicht völlig seltsam vorzukommen schien, legte die Hände wie einen Trichter an den Mund. „Falls du es dir anders überlegst: Wir sind noch bis morgen hier!“, rief er ihr nach.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch das Einzige, was ihm antwortete, waren die Vögel und der schwache Widerhall seiner Stimme. Die Frau war im Unterholz verschwunden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt wandte sich Dennis mir zu. „Was sollte das?!“, fuhr er mich an. Er hatte ins Deutsche gewechselt. „Du hast ihr Angst gemacht!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sie hat viel eher mir Angst gemacht“, erwiderte ich. Ich hielt seinem Blick stand. „Wie kannst du nur so leichtsinnig sein?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das brachte ihn aus der Fassung. „Leichtsinnig? Wie meinst du das?“, fragte er verwirrt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Findest du nicht, dass die Frau sich etwas seltsam verhalten hat?“, erwiderte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Seltsam? Sie war halt nett!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nett? Sie wäre dir am liebsten um den Hals gefallen!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Lass sie doch! Ich hätte jedenfalls nichts dagegen gehabt!“, sagte er laut.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hob eine Augenbraue. Dann seufzte ich, ehe ich mit der Sprache rausrückte. „Ich glaube, sie ist eine Skogsrå.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dennis blinzelte verwirrt. „Eine was? Ist sie in irgendeiner Sekte oder sowas?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schüttelte den Kopf. „Du weißt doch, dass ich mich viel mit skandinavischer Mythologie beschäftige, oder?“, begann ich zaghaft. Ich hatte keine Ahnung, wie ich es ihm erklären sollte, ohne wie ein durchgeknallter Spinner zu wirken. Aber das Verhalten der Frau war einfach zu eindeutig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dennis nickte, während er mich skeptisch ansah. „Ja. Ich denke schon.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nun, eine Skogsrå ist eine Art … Waldgeist“, erklärte ich. Noch immer suchte ich nach den richtigen Worten. „Sie gehen zu einsamen Männern, die sie im Wald finden, um sie … Nun ja … Um sie ins Bett zu bekommen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dennis starrte mich mit offenem Mund an. „Moment. Du willst mir gerade sagen, dass du eine der hübschesten Frauen, die ich je gesehen habe, vertrieben hast, weil du dachtest, sie sei ein Geist?!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schnell schüttelte ich den Kopf. „Ich mein es ernst: Skogsrå sind keine Menschen. Wenn sie sich umgedreht hätte, hättest du es sofort gemerkt. Ihr Rücken besteht aus Rinde. Außerdem klafft in ihm ein großes Loch. Deswegen ist sie auch rückwärts weggelaufen. Das muss dir doch aufgefallen sein!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dennis hingegen blieb skeptisch. „Weißt du, wie Frauen sich in der Öffentlichkeit fühlen? Meine Schwester hat schon Angst, wenn sie nachts allein auf der Straße ist. Was denkst du, wie eingeschüchtert sie war, als ihr hier, mitten im Nirgendwo, plötzlich zwei fremde Männer gegenüberstanden? Ich an ihrer Stelle hätte uns auch nicht den Rücken zugewandt!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war sinnlos. Sie hatte ihm hoffnungslos den Kopf verdreht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir diskutierten noch eine Weile hin und her, ohne wirklich weiterzukommen. Die Deutschen und ihre Sturheit. Wäre Dennis in seinem Glauben nicht so festgefahren gewesen, dass es keine Waldgeister gibt, hätte ich ihn vielleicht überzeugen können, aber so …?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich bin jedenfalls froh, dass du ihr nicht deinen Namen gesagt hast“, sagte ich. „Solange sie den nicht weiß, hat sie keine Macht über dich.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dennis schwieg. Er hatte alles gesagt, was er zu dem Thema sagen wollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und so hatte auch ich nichts mehr dazu beizutragen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach einer Weile, in der wir schweigend im Wald standen, räusperte ich mich schließlich. „Wir sollten langsam weiter. Wenn wir heute Abend nicht hungrig ins Bett wollen, müssen wir dringend noch einige Pilze finden.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dennis nickte. „Ja. Ist gut“, sagte er knapp. Er klang beleidigt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber so schnell, wie die Stimmung zwischen uns beiden eiskalt geworden war, so schnell taute sie auch wieder auf, als wir uns auf die Suche nach unserem Abendessen machten. Denn Pilze Sammeln war unsere gemeinsame Leidenschaft. Wir hatten uns vor fast zehn Jahren auf einer Fremdsprachen-Website kennengelernt, weil wir an der jeweiligen Sprache des anderen interessiert waren. Eine richtige Freundschaft ist daraus jedoch erst erblüht, als wir auf das Pilzesammeln zu sprechen gekommen waren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und so konnten wir einander – oder eher Dennis mir – nicht lange böse sein. Spätestens, als wir eine Gruppe prächtige Flockenstielege Hexenröhrlinge gefunden hatten, war der Ärger wie weggeblasen. Begeistert machte Dennis mich auf den Fund aufmerksam. Die Speisepilze umringten einen riesigen Fliegenpilz, der an einer Seite angeknabbert war. Die Hexenröhrlinge hingegen waren fast völlig intakt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und es blieb nicht bei dem einen Fund. Wir fanden außerdem jede Menge Kiefernsteinpilze, Maronenröhrlinge und einige Pfifferlinge. Während der letzten Sonnenstrahlen, kurz bevor wir uns auf den Rückweg machten, sammelten wir nicht einmal mehr alles ein, so voll waren unsere Körbe bereits.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dafür, dass wir erst so spät im Jahr sammelten, hatten wir eine regelrechte Glückssträhne. Und das war ein gutes Zeichen. Hätte die Skogsrå irgendeine Macht über uns gehabt, hätte sie uns beim Sammeln Pech beschert. Und wer weiß, welche fiesen Tricks der Waldgeist noch alles im Ärmel ihres hübschen weißen Kleides gehabt hätte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als wir wieder bei unserem Zelt waren, beeilten wir uns, ein Lagerfeuer zu machen, ehe es völlig dunkel wurde. Dennis putzte die Pilze, während ich die Pfannen und das Besteck vorbereitete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz darauf erfüllte der wundervolle Duft von gebratenen Pilzen die Luft. Wir bereiteten zwei Pfannen vor: Die Pfifferlinge als Vorspeise und die Röhrlinge und Steinpilze als Hauptgericht. Vervollständigt wurde das Rezept mit einigen Kräutern und frischer Soße, die wir gestern vor der Abreise vorbereitet hatten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Spätestens bei der Hauptspeise fühlte ich mich wie im siebten Himmel. Es ging nichts über frisch gesammelte Pilze. Und diese hier – so kam es mir zumindest vor – hatten einen besonders intensiven Geschmack.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach dem Essen kümmerten wir uns gemeinsam um den Abwasch. Wir unterhielten uns über alles Mögliche. Auf die Skogsrå kamen wir jedoch nicht mehr zu sprechen. Um ehrlich zu sein, dachte ich nicht einmal mehr an sie, bis ich das Abwaschwasser wegbrachte und Dennis sich um das Feuer kümmerte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie beim Wildcampen üblich, ging ich ein Stück weiter vom Zelt weg, um das Wasser zu entsorgen. Immerhin wollten wir mit den Essensresten keine wilden Tiere anlocken. Als ich mich auf dem Rückweg jedoch wieder dem Zelt näherte, hörte ich ein klares, völlig unschuldig klingendes Lachen. <em>Ihr</em> Lachen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Genau“, sagte Dennis. „In Deutschland hab ich jedenfalls noch nie so einen herrlichen Sternenhimmel gesehen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sah, wie die beiden beim Feuer standen und sich unterhielten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am liebsten hätte ich Dennis den Kopf gewaschen. Ihn gefragt, ob er sich gar nicht wunderte, dass die Frau, die laut ihm vorhin noch solche Angst vor zwei Fremden hatte, jetzt ohne Taschenlampe ganz allein durch den dunklen Wald irrte. Aber ich tat es nicht. Ich wusste genau, dass ich meine nächsten Worte mit Bedacht wählen musste, um die Skogsrå nicht zu verärgern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann bemerkte mich jedoch Dennis und die Situation eskalierte: „Ah. Da ist er ja“, sagte er überlegen. „Du wirst nicht glauben, was mein Freund Erik hier vorhin für einen Schwachsinn gelabert hat. Er meinte doch tatsächlich, dass du ein Waldgeist seist und ein riesiges Loch in deinem Rücken klafft. Magst du dich vielleicht kurz umdrehen, damit er beruhigt ins Zelt gehen kann?“ Er lächelte mich überheblich an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Noch ahnte er ja nicht, welch riesen Fehler er gerade begangen hatte. Nicht nur, dass er sie auf ihren Rücken angesprochen hatte – eine Sache, die man bei einer Skogsrå auf keinen Fall tun durfte –, er hatte ihr auch noch meinen Namen genannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Zwischenzeit war das Lächeln der Skogsrå gefroren. Als mein Freund wieder zu ihr sah, lag in ihrem Blick eine tiefe Enttäuschung, die schnell in Zorn umschlug.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ihr Menschen seid doch alle gleich“, zischte sie ihm zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie tat einen Schritt zurück, ehe sie sich umdrehte und ihm einen giftigen Blick über die Schulter zuwarf. Aber ich war mir nicht einmal sicher, ob er ihren Blick bemerkte. Seine Augen waren entsetzt auf ihren Rücken gerichtet. Im tanzenden Licht des Feuers konnte man darin deutlich das große, klaffende Loch sehen. Der Rest ihres Rückens hingegen erinnerte an einen morschen Baum.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann wandte sie ihren vor Wut funkelnden Blick mir zu. „Ich hoffe, ihr seid jetzt glücklich!“, sagte sie mit bebender Stimme. Eine gefährliche Mischung aus Enttäuschung und Wut schwang in ihrer Stimme mit. Es klang, als sei sie den Tränen nahe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Bitte!“, sagte ich schnell. „Wir wollten dich nicht verletzen! Es stört uns nicht, dass du kein Mensch bist!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber es war zu spät. Wir hatten die Skogsrå verärgert. Sie stieß einen hasserfüllten Schrei aus. Gleichzeitig kam solch ein starker und beißender Wind auf, dass ich meine Augen abschirmen musste. Aus dem Augenwinkel sah ich noch, wie unser Lagerfeuer erlosch. Dann waren wir in Dunkelheit gehüllt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Dennis!“, rief ich sofort, während der Wind sich rasch legte. „Dennis!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich bin hier. Ich bin hier!“, hörte ich seine Stimme ganz in der Nähe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann raschelte unser Zelt. Keine zehn Sekunden später leuchtete unsere Campinglaterne, die wir nachts als Lampe nahmen, in Dennis&#8216; Händen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt, da es wieder hell genug war, sahen wir uns nach der Skogsrå um. Aber um uns herum waren nur Bäume, unser Zelt, das erloschene Lagerfeuer und wirres Gestrüpp. Von dem Waldgeist fehlte jede Spur.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wo ist sie?“, fragte Dennis panisch, während er den Kopf hektisch in verschiedene Richtungen wendete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Keine Ahnung, aber wir müssen hier weg. Der Wald ist ihr Gebiet. Nimm, was du tragen kannst. Den Rest lassen wir hier!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dennis folgte meinen Anweisungen, ohne zu murren. Inzwischen bereute er, dass er mir nicht geglaubt hatte. Aber dafür war es jetzt zu spät.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Schnell, wir müssen weiter“, sagte ich mit einem Blick auf meinen Kompass.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir hatten uns kaum mehr als die Handys, meine Autoschlüssel und die Campinglaterne geschnappt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit raschelnden Schritten rannten wir durch den Wald Richtung Süden. Dennis‘ Schritte ertönten dicht hinter mir. In der einen Hand hielt ich die Campinglaterne, um den Weg zu erleuchten, in der anderen meinen treuen Kompass.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Also? Was ist das für ein Ding?“, fragte Dennis, jetzt, wo er mir endlich zuhörte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sie ist eine Art Hüterin des Waldes“, erklärte ich beim Rennen. „Skogsrå passen auf den Wald auf. Gleichzeitig suchen sie aber auch nach einsamen Männern.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Und dann? Was machen sie mit ihnen? Was hätte sie mit mir gemacht?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich weiß es nicht“, gestand ich. „Über Skogsrå gibt es viele Legenden. Sie hätte mit dir geschlafen, aber was das für Auswirkungen hat …?“ Ich unterbrach, um nach Luft zu schnappen. „Manchmal wachst du allein mitten im Wald auf, ohne Möglichkeit, den Weg zurückzufinden. Oder aber, du wärst völlig introvertiert geworden, hättest kaum noch gesprochen. In dem Fall spricht man davon, dass deine Seele bei der Skogsrå zurückgeblieben sei.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dass es nicht in jeder Legende für den Mann schlecht ausging, verschwieg ich ihm. Manchmal belohnte sie Jäger nach einer gemeinsamen Nacht mit einer guten Jagd. Aber das Risiko, dass Dennis etwas zugestoßen wäre, war mir zu groß gewesen. Dafür war das Übernatürliche zu unberechenbar.</p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Obwohl wir stur dem Kompass folgten, hatte ich das Gefühl, dass wir zu weit rannten. Aber das konnte gar nicht sein. Selbst, wenn wir den Parkplatz verfehlen würden, stießen wir im Süden unweigerlich auf die Straße.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann blieb Dennis abrupt stehen. „Erik, warte mal!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Verwirrt drehte ich mich zu ihm um. „Was ist? Wir müssen weiter!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er sagte nichts, sondern zeigte bloß auf den Boden vor sich, den er mit seiner Handytaschenlampe anleuchtete. Jetzt sah ich es auch: Direkt vor ihm stand ein prächtiger Fliegenpilz, der an einer Seite angeknabbert war. Um ihn herum waren mehrere kleine Löcher im Boden. Es war derselbe Fliegenpilz, den Dennis mir vorhin gezeigt hatte. Der, der von den leckeren Hexenröhrlingen umringt gewesen war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Das … Das ist nicht möglich“, stammelte ich. Wir waren zum Pilzesammeln nach Norden gegangen. Weg von der Straße. Egal, wie ungenau wir dem Kompass gefolgt wären, wir hätten niemals hier landen können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Irritiert sah ich auf meinen Kompass. Die Nadel zeigte weiter stur in die Richtung, aus der wir gekommen waren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Vielleicht ist er kaputt. Hat sich die Nadel verhakt?“, fragte Dennis.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schüttelte erst den Kompass, dann meinen Kopf. „Nein. Er müsste eigentlich nach Norden zeigen!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Vielleicht liest du ihn falsch?“ Dennis trat einen Schritt auf mich zu, um ihn sich selbst anzusehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich erklang ein helles Lachen. „Was ist? Funktioniert euer kleines Spielzeug nicht mehr?“, hallte die Frauenstimme aus dem Wald.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich konnte nicht ausmachen, aus welcher Richtung ihre Stimme kam – es klang, als käme sie aus allen Richtungen gleichzeitig –, aber ihre Tonlage wirkte gehässig und sogar ein wenig amüsiert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was willst du von uns?“, brüllte Dennis in den Wald. „Wir haben dir nichts getan. Bitte! Lass uns einfach in Ruhe!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Angespannt wartete ich, während seine Stimme zwischen den Bäumen verhallte. Von der Skogsrå kam keine Antwort. Ganz im Gegenteil: Der gesamte Wald schien den Atem anzuhalten. Für einen kurzen Moment herrschte Totenstille um uns herum. Es raschelte kein einziger Ast. Kein Windstoß war zu hören, der durch die Bäume pfiff. Nicht ein einziges Tier gab einen Laut von sich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann zerschnitt ein Geheul die Stille. Ich wusste nicht, ob es Zufall war, dass die Wölfe gerade jetzt anfingen zu heulen, oder ob die Skogsrå etwas damit zu tun hatte, aber sie klangen noch weit entfernt. Sie würden wahrscheinlich keine Gefahr für uns darstellen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem war das der Tropfen, der Dennis‘ Fass zum Überlaufen brachte. Ehe ich ihn daran hindern konnte, sprintete er los.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Dennis! Warte!“, brüllte ich, während ich ihm nachrannte. „Sie lockt uns nur noch tiefer in den Wald!“ Dann bemerkte ich meinen Fehler und biss mir auf die Zunge. Fuck! Ich hatte der Skogsrå gerade seinen Namen verraten!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und das war noch nicht alles: Während ich rannte, wurde der Abstand zwischen Dennis und mir immer größer. Er war sportlich, fuhr mit dem Fahrrad zur Arbeit, joggte mehrmals die Woche. Ich hingegen verließ das Haus fast nur zum Einkaufen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es dauerte nicht lange, ehe ich ihn nur noch das Licht seines Handys zwischen den Bäumen sah.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Dennis!“, brüllte ich. „Dennis! Warte auf mich!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch mein Freund blieb nicht stehen. Ich rannte ihm noch eine Weile nach, bis ich auch das Licht aus den Augen verloren hatte. Dann wurde ich langsamer. Mein Körper machte den Sprint nicht länger mit. Keuchend schnappte ich nach Luft, presste die Hand in meine schmerzende Seite und taumelte ihm weiter nach, ehe ich mich auf die Knie fallenließ. Ich hatte Dennis im Wald verloren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Bitte!“, rief ich laut in den Wald. „Er meinte es nicht böse. Er wusste nicht, wer du bist. Tu ihm nichts. Nimm mich an seiner Stelle!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber es kam keine Antwort. Während ich weiter auf dem feuchten Waldboden kniete und mein wild schlagendes Herz sich allmählich beruhigte, geschah nichts. Keine Frau, die aus dem Wald auf mich zutrat. Kein Dennis, der nach mir rief oder zu mir zurückrannte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Schädel pochte, während ich aufstand. Ich machte mir Vorwürfe. Es gab viele Gerüchte darüber, wie man einer Skogsrå entkommen konnte. Ich wusste das. Dennis hingegen war da draußen ganz auf sich allein gestellt. Warum hatte ich ihm nicht vorhin schon gesagt, dass man sich ihrem Zauber entziehen kann, indem man sein Oberteil auf links drehte? Oder wenn man laut betete? Sogar lautes Fluchen konnte helfen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich starrte leer in die Gegend, während ich meine Jacke auszog, die Ärmel nach innen stülpte und sie mit der Innenseite nach außen wieder anzog. Dann blickte ich auf den Kompass. Ich stockte. Die Nadel hatte tatsächlich die Richtung geändert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Funken Hoffnung machte sich in mir breit, während ich wieder in den Wald sah. „Dennis? Dennis? Ich hab den Rückweg gefunden!“, brüllte ich aus voller Lunge.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber auch, wenn ich es so sehr gehofft hatte, bekam ich keine Antwort. Dennis blieb verschwunden. Ich suchte noch eine Weile nach ihm, aber als ich schließlich sehen konnte, wie Nebel zwischen den Bäumen aufkam, brach ich ab. Ich war mir sicher, dass der Nebel keinen natürlichen Ursprung hatte. Also machte ich mich schweren Herzens auf den Weg nach Süden. Diesmal lief ich in die richtige Richtung. Keine fünf Minuten später – der Nebel wurde immer dichter –, stand ich an der Straße.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Inzwischen rannte ich wieder. Immer wieder hatte ich das Gefühl, im Augenwinkel eine Gestalt im Nebel zu erkennen, aber immer, wenn ich sie direkt ansah, war sie verschwunden. Sobald ich mein Auto erreichte, stieg ich hektisch ein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem fuhr ich nicht sofort los. Stattdessen verriegelte ich das Auto und betätigte die Hupe. Wieder und wieder hupte ich. Ich kam mir vor wie in Trance. Doch im Wald um mich herum blieb es still.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich kann nicht sagen, wie lange ich noch dagesessen und wie ein Wahnsinniger gehupt hatte, ehe ich aufgab. Von Dennis oder der Skogsrå habe ich jedenfalls nie wieder etwas gehört. Ich habe keine Ahnung, was aus ihm geworden ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Allerdings war auch nie jemand bei mir gewesen, der nach ihm gesucht hatte. Keine Polizei, die wissen wollte, ob ich etwas über sein Verschwinden weiß, keine Familienmitglieder, die wissen wollten, was passiert war, niemand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Manchmal, um mein Gewissen zu beruhigen, stelle ich mir also vor, dass er es irgendwie aus dem Wald geschafft hatte. Vielleicht konnte er mit der Skogsrå reden, nachdem ich weg war, oder aber, er hatte ein Gebet gesprochen und sich so von ihrem Zauber befreit. Falls er es bis zu einer Straße geschafft hatte, hätte ein vorbeifahrendes Auto ihn mitnehmen können. Oder aber er war in jener Nacht im Wald gestorben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was auch immer mit ihm passiert war, ich sollte es nie erfahren. Für mich blieb Dennis nur eine schmerzliche Erinnerung und eine verlorene Freundschaft.</p>



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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Skogsrå (Schwedisch für „Wald-Rå“), unter anderem auch Skogsråa, Skogsfru (Waldfrau) oder Skogsjungfru (Waldjungfrau) genannt, ist ein weiblicher Naturgeist des schwedischen Volksglaubens.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Anmerkung: Ein Rå ist ein <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Geist</a> der skandinavischen Folklore. Oft sind sie Hüter oder Wächter bestimmter Gebiete und besitzen übernatürliche Fähigkeiten. Die Skogsrå sind also die Hüter des Waldes.</em></p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Skogsrå sind hübsche Frauen, die entweder einen Tierschwanz haben – oft den einer Kuh, eines Pferdes oder eines Fuchses – oder deren Rücken hohl ist und aus (morscher) Rinde besteht. Welches Merkmal sie auszeichnet, hängt stark von der Region ab.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Daher sind sie bemüht, niemals ihren Rücken zu zeigen. Außerdem nutzen sie ihr langes, oft goldenes Haar und ihre Kleidung, um ihren unnatürlichen Rücken oder den Tierschwanz zu verbergen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihre Kleidung wird meist als sehr fein oder edel beschreiben und besteht entweder aus einem Kleid oder einem Oberteil und einem Rock. In seltenen Fällen sind sie nackt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Skogsrå sind die Hüterinnen des Waldes. Sie schützen die Tiere und Pflanzen. Daher sollte man immer respektvoll mit der Natur umgehen, um sie nicht zu verärgern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem sind Skogsrå dafür bekannt, einsame Männer zu verführen und zu Geschlechtsverkehr zu überreden. Sie flirten mit ihnen, machen ihnen Komplimente und berühren sie zärtlich. Ihre Versuche werden dabei immer aufdringlicher, bis sie schließlich, sollte nichts anderes funktioniert haben, ihr Kleid oder ihren Rock anheben, um ihre Genitalien zu entblößen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Lässt sich ein Mann auf eine Skogsrå ein, kann es passieren, dass er daraufhin sehr introvertiert wird, sich zurückzieht und kaum noch spricht. In dem Fall redet man davon, dass seine Seele bei der Skogsrå zurückgeblieben sei.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In anderen Fällen sorgt der Waldgeist dafür, dass der Mann nach der gemeinsamen Nacht tief im Wald aufwacht und den Rückweg nicht finden kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sich auf eine Skogsrå einzulassen, muss allerdings nicht immer schlecht sein. Jäger wurden für die gemeinsame Nacht oft belohnt, indem die Skogsrå ihnen z. B. einen besonders prächtigen Hirsch oder Elch gezeigt hat, oder indem sie in den Lauf ihres Jagdgewehrs gepustet hat, woraufhin die Waffe ihr Ziel nie wieder verfehlt haben soll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es kann sogar passieren, dass sich eine Skogsrå in einen Menschen verliebt. Dann steht ihm ggf. großes Jagdglück bevor und sie schützt ihn, wenn er im Wald ist. So gibt es Geschichten über Liebesbeziehungen zwischen Mensch und Skogsrå, aus denen sogar Kinder hervorgegangen sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem sollte man, auch wenn die Skogsrå freundlich ist, vorsichtig sein, dass man sie nicht verärgert. Bricht man ihr Herz, geht unachtsam mit der Natur um oder kränkt sie, indem man sie auf ihren Tierschwanz oder ihren Rücken anspricht, kann man sie leicht erzürnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann sorgt sie dafür, dass einem in der Natur Unglück widerfährt: Sie löscht das Lagerfeuer oder sorgt dafür, dass man es gar nicht entzünden kann, verscheucht die Beute von Jägern, sorgt dafür, dass man sich im Wald verirrt und greift in seltenen Fällen sogar persönlich an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber auch hier gibt es Methoden, um sich vor ihr zu schützen. So kann man z. B. sein Oberteil auf links gedreht anziehen, laut fluchen, beten oder das Vater Unser sprechen. Das alles soll ihre Magie zerstören. Alternativ kann man vermeiden, ihr den eigenen Namen mitzuteilen, da sie ohne ihn keine Macht über den Menschen haben soll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie ihr seht, können Skogsrå und die Legenden über sie sehr vielseitig sein. Während einige Skogsrå den Menschen schaden wollen, helfen andere ihnen und zeigen verirrten Kindern den Weg nach Hause und wieder andere sind mal gut, mal böse.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wie der Name bereits sagt, leben Skogsrå in den Wäldern Skandinaviens. Gerade in Schweden und Finnland ist das ein sehr großes Gebiet, weil die beiden Länder aus etwa 70% Waldanteil bestehen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Legenden der Skogsrå stammen wahrscheinlich aus der Zeit, als noch Wikinger in Skandinavien lebten und das Christentum noch keine oder nur wenig Einflüsse in der Region hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt die Theorie, dass die koketten Waldgeister den erotischen Fantasien einsamer Männer entsprungen sind, die in den Wäldern gejagt und gearbeitet haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als das Christentum schließlich mehr Einflüsse gewann, hat die Kirche angefangen, die Skogsrå – wie so ziemlich alle <a href="http://geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wesen</a>, die nicht ihrem Glauben entsprachen – zu dämonisieren. Es ist möglich, dass sie erst hierdurch ihre gefährlichen, menschenfeindlichen Eigenschaften bekommen haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch obwohl die Legende schon so alt ist, hat sich der Glaube an die Skogsrå hartnäckig gehalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im 17. und 18. Jahrhundert gab es sogar mehrere Gerichtsverfahren, bei denen Leuten eine Beziehung zu einer Skogsrå vorgeworfen wurde. Viele dieser Leute wurden von der Kirche zum Tode verurteilt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und selbst im 20. Jahrhundert gab es noch viele Menschen, die an die Skogsrå geglaubt haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also wer weiß? Vielleicht sind sie ja tatsächlich irgendwo da draußen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Wie fandet ihr meine Geschichte und die Legende über die Skogsrå? Was denkt ihr, ist mit Dennis geschehen? Hat er es geschafft oder ist er dem Wald zum Opfer gefallen? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Wenn ihr mehr solcher Geschichten oder Legenden lesen wollt, abonniert auch gerne meinen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/newsletter" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Newsletter</a>, oder folgt mir auf <a href="https://twitter.com/geisterlegenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/geisterlegenden/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Facebook</a> oder <a href="https://www.instagram.com/geisterlegenden/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Instagram</a>!</em></p>
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		<title>Rusalka &#8211; Die nackte Schönheit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 06 Jun 2022 13:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Ehrlich gesagt bemerkte ich es erst, als ein erschrockenes Einatmen vor mir ertönte, das mich aus meinen Gedanken riss.<br />
Ich wischte mir hastig die Tränen aus dem Gesicht, während ich aufsah. Dann stockte ich. Vor mir lag eine Lichtung, die an einen sanft rauschenden Fluss grenzte. Auf einem moosbewachsenen Baumstumpf sah ich eine nackte Frau, die erschrocken zu mir aufsah. Sie hatte langes braunes Haar, das fast ihren gesamten Rücken bedeckte, und erstaunlich blasse Haut ...</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg09.met.vgwort.de/na/dc93e4a821aa4bf5b35dd0089f352685" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Eine Rusalka ist ein ostslawischer Naturgeist. Es heißt, dass sie in der Rusalka-Woche, der Woche nach Pfingsten, besonders aktiv und gefürchtet sind. Warum das so ist, erfahrt ihr in diesem Beitrag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen</strong></summary>
<p>&#8211; Tod</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Kies knirschte unter meinen Füßen, während ich den verlassenen Waldpfad entlangschritt, nur unterlegt mit dem Gesang der Vögel und meinem leisen Schluchzen. Es war das erste Mal, seit ich meinen Job verloren hatte, dass ich mir erlaubte, zu weinen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Last, die auf meinen Schultern lag, war zu groß geworden. Ich wusste, dass ich meine Gefühle nicht ewig zurückhalten konnte. Ich war gerade einmal zwei Wochen arbeitslos und bereits jetzt häuften sich die Schulden, die Ende des Monats auf mich zukamen. Vor meiner Tochter durfte ich meine Zukunftsängste nicht zeigen. Papa musste für sein kleines Mädchen stark sein. Aber jetzt, wo Oma und Opa, die Eltern meiner verstorbenen Frau, sie abgeholt hatten, ließ ich meinen Gefühlen freien Lauf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Normalerweise machte das Spazierengehen mir Spaß. Es bereitete mir Freude, die Natur zu beobachten, die Bäume zu betrachten und zu versuchen, sie zu bestimmen. Manchmal bewunderte ich auch bloß das Spiel von Licht und Schatten, dass die tanzenden Blätter auf den Waldboden warfen. Heute war daran jedoch nicht zu denken. Nicht nur, dass ich mit meinem Kopf ganz woanders war, meine Sicht war von meinen Tränen so verschwommen, dass ich nicht einmal merkte, wie ich mich vom Pfad entfernte und einen eigenen Weg durch den Wald einschlug.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Stur setzte ich einen Fuß vor den andren, ignorierte die kniehohen Pflanzen und das zusätzliche Laub. Nicht einmal das immer lauter werdende Rauschen eines Flusses kam mir verdächtig vor, obwohl ich auf den gekennzeichneten Wegen durch den Wald noch nie an einem Fluss vorbeigekommen war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ehrlich gesagt bemerkte ich es erst, als ein erschrockenes Einatmen vor mir ertönte, das mich aus meinen Gedanken riss.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wischte mir hastig die Tränen aus dem Gesicht, während ich aufsah. Dann stockte ich. Vor mir lag eine Lichtung, die an einen sanft rauschenden Fluss grenzte. Auf einem moosbewachsenen Baumstumpf sah ich eine nackte Frau, die erschrocken zu mir aufsah. Sie hatte langes braunes Haar, das fast ihren gesamten Rücken bedeckte, und erstaunlich blasse Haut.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort wandte ich den Blick ab. „O Gott, das tut mir furchtbar leid!“, stieß ich aus. „Ich habe Sie nicht bemerkt. Ich wollte Sie nicht beobachten.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber der erwartete empörte Ausruf oder die gestammelte Erklärung, wieso sie hier in dem öffentlichen Wald nackt badete, blieben aus. Die Frau schwieg mich an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit gerunzelter Stirn sah ich wieder zu ihr. Sie war inzwischen aufgestanden und einen Schritt auf mich zugekommen. In ihrem Gesicht lag Sorge &#8230; oder war es Mitleid?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schnell sah ich wieder zur Seite. Auch wenn sie sich nicht im Geringsten dafür zu schämen schien, gehörte es sich nicht, eine nackte Frau anzustarren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„I-ich gehe jetzt besser“, stammelte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber ehe ich mich umgedreht hatte, sah ich aus dem Augenwinkel, dass die Frau noch einen Schritt auf mich zukam. Sie streckte eine bleiche Hand nach mir aus, als wolle sie mich aufhalten, hielt dann in der Bewegung inne.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder sah ich sie an. Sie hatte einen fragenden Ausdruck auf dem Gesicht, führte einen Finger an ihre Wange und strich von dem Auge abwärts, als wolle sie eine Träne zeigen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wie bitte?“, fragte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie wiederholte die Bewegung. Konnte sie nicht sprechen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wieso ich weine?“, versuchte ich ihre Geste zu deuten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie schenkte mir ein strahlendes Lächeln, während sie fast schon begeistert nickte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eigentlich rede ich nicht über meine Gefühle, schon gar nicht mit irgendeiner nackten Frau im Wald. Andererseits hatte sie mich bereits weinen gesehen. Wenn ich jetzt ging, würde sie sich sicher Sorgen machen. Ich könnte ihr damit den ganzen Tag ruinieren. Außerdem würde es sicher guttun, es endlich mal rauszulassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich haderte noch einen Moment mit mir, in dem ich die Blätter musterte, die etwas rechts von mir im Gras lagen. Die Frau anzusehen, vermied ich natürlich weiterhin. Dann gab ich mir einen Ruck.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich habe vor etwa zwei Wochen meinen Job verloren“, begann ich. Ich erzählte der Frau, dass ich in einem großen Büro gearbeitet hatte, in dem ich weder Ansehen genossen noch sonderlich viel verdient hatte. Aber es reichte, um meine Tochter Kalyna und mich über die Runden zu bringen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem war es hart, seit meine Frau vor einigen Jahren an Nierenversagen gestorben war. Ich hatte fast kein Erspartes, musste immer Angst haben, dass irgendwelche Kosten auf mich zukamen, die mich aus der Bahn warfen. Dass ich jedoch meinen Job verlieren würde, weil die komplette Führungsabteilung des Büros in irgendwelche illegalen Machenschaften verwickelt war, hätte ich nicht erwartet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Man munkelt, dass es etwas mit Drogen oder illegalem Glücksspiel zu tun hatte. Aber am Ende war es mir eigentlich egal. Für mich zählte nur, dass ich plötzlich ohne Job dastand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als alleinerziehender Vater hatte ich es schon schwer genug: Ich musste den Haushalt, meine Arbeit, die Finanzen und meine Tochter allein stemmen. Dass ich jetzt auch noch einen neuen Job suchen musste, ohne wirkliche Qualifikationen und mit besonderen Ansprüchen, was die Arbeitszeiten anging – immerhin musste ich für meine Tochter da sein –, kam mir wie eine schier unmögliche Aufgabe vor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch erzählte ich von meinen Schwiegereltern. Sie hatten angeboten, Kalyna zu sich zu holen. Ein Angebot, das ich nur schweren Herzens angenommen hatte. Immerhin wohnten sie über zwei Stunden Autofahrt entfernt. Ich würde jedenfalls alles daran setzen, dass ich meine Tochter bald wieder zu mir holen konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die nackte Frau hörte mir die ganze Zeit aufmerksam zu. Sie hatte traurig geguckt, gelegentlich genickt, aber kein einziges Wort gesprochen. Zweimal hatte sie sich sogar in Scharade versucht, um mir ihr Beileid auszudrücken und nach meiner Tochter zu fragen – die beiden einzigen Momente, in denen ich mich getraut hatte, sie anzusehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber obwohl mir die ganze Situation furchtbar seltsam, fast schon surreal vorkam, fühlte ich mich danach deutlich besser. Ich hätte noch Stunden mit der Frau reden können und aus ihrem noch immer interessierten Gesichtsausdruck schloss ich, dass es ihr ähnlich ging. Allerdings hatte ich Kalyna versprochen, dass ich mit ihr telefonieren würde, bevor sie ins Bett musste. Also verabschiedete ich mich von der Frau.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Es war wirklich nett, mit Ihnen zu reden.“ Ich lächelte sie an. „Und danke fürs Zuhören. Es ist selten, dass sich heutzutage noch Leute für die Probleme anderer interessieren.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frau schenkte mir ein strahlendes Lächeln und legte die Hand auf ihr Herz. Ich deute es als „Viel Glück“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder lächelte ich. „Schönen Abend noch. Tut mir leid, dass ich Sie gestört habe.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frau winkte mir. Dann drehte ich mich um und verschwand auf demselben Weg, den ich gekommen war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst lächelte ich noch vor mich hin, fühlte mich befreit. Doch je leiser das sanfte Rauschen des Flusses hinter mir wurde, je weiter ich mich von der Lichtung entfernte, desto schwerer wurde auch mein Herz. Nur darüber zu reden, schaffte meine Probleme leider nicht aus der Welt. Und auch, wenn ich eben einen Moment der Ruhe genießen durfte, lag die kalte, grausame Welt jetzt wieder vor mir.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Innerlich fluchte ich, während ich auf die Uhr sah. Zehn vor sieben. Ich war viel zu lange auf der Lichtung geblieben. So würde ich es niemals rechtzeitig nach Hause schaffen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zum Glück waren die Straßen leer. Etwas schneller, als ich es mich sonst getraut hätte, fuhr ich nach Hause. Dort angekommen, schlug ich die Autotür zu. 19:02 Uhr. Meine Schwiegereltern erlaubten ihr sicher, heute etwas länger wach zu bleiben. Zumindest bis Papa anrief.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So schnell ich konnte, rannte ich ins Haus. Ich sprintete die Treppe hinauf und stürmte in meine Wohnung. Ohne Schuhe oder Jacke auszuziehen, rannte ich zum Telefon und wählte die Nummer.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>‚Tuuuut. Tuuuut‘</em>, ertönte es. <em>‚Tuuuut. Tuuuut.‘</em> Endlich hob jemand ab.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Shevchenko“, erklang eine gebrechliche Stimme. Das war meine Schwiegermutter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Oksana, ich bin‘s, Misha. Ist Kalyna noch wach?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber sie brauchte gar nicht zu antworten. „Papaaa!“, hörte ich Kalynas aufgeregte Stimme im Hintergrund.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich geb dich weiter“, sagte Oksana. An ihrer Tonlage erkannte ich, dass sie schmunzelte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Papa, da bist du ja endlich“, sagte Kalyna, als sie das Telefon am Ohr hatte. Sie klang dabei fast vorwurfsvoll. „Opa meinte schon, du hast es vergessen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was?“, fragte ich entsetzt. Ich war mir sicher, dass er es anders formuliert hatte. Trotzdem schockierte es mich, dass meine Tochter sowas auch nur denken konnte. „Ich bin gerade erst nach Hause gekommen. Ich könnte dich niemals vergessen!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Damit war das Thema für sie auch schon abgehakt. Kalyna fing sofort an, mir von ihrem Tag zu erzählen. Es war ehrlich gesagt nicht sonderlich aufregend. Sie erzählte fast nur von Belanglosem. Trotzdem liebte ich sie für jedes einzelne Wort davon. Als sie schließlich zum Ende kam, spürte ich, wie mein Herz schlagartig schwer wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Warte!“, sagte ich schnell, um sie einen Moment länger in der Leitung zu halten. Es fiel mir nicht schwer, ein geeignetes Thema zu finden. „Ich hab dir noch gar nicht von meinem Tag erzählt. Du wirst nie erraten, wen ich heute im Wald getroffen habe.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wen denn?“, hörte ich Kalyna neugierig fragen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich habe eine Frau getroffen. Und sie war splitterfasernackt“, erklärte ich. Natürlich erlaubte ich mir, die Begegnung etwas auszuschmücken. „Ich glaube ja, es war eine Fee oder eine Elfe.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wirklich?“, fragte meine Tochter begeistert. „Hatte sie spitze Ohren oder Flügel?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nein, das nicht“, gestand ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Oh“, sagte Kalyna. Sie klang traurig. „Dann war es auch keine Fee oder Elfe.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich lachte. „Du bist so schlau, meine Kleine. Aber du hast recht. Dann war es bestimmt eine Waldnymphe. Als ich bei ihr war, hat es sich jedenfalls wirklich magisch angefühlt. Und das, obwohl sie nicht einmal sprechen konnte.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sie konnte nicht sprechen?“, fragte Kalyna.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich nickte stumm und wollte gerade zu einem Vortrag über Menschen mit Behinderung ansetzen, als ich im Hintergrund leise Oksana hören konnte. „Kalyna, Spatz, du musst langsam ins Bettchen. Und Papa muss bestimmt auch noch was tun.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Oma!“, schrie Kalyna begeistert. „Papa hat im Wald eine Waldnüpfe gesehen!“ Dann ertönte ein <em>‚tut tut</em><em> tut tut tut‘</em>. Kalyna hatte aufgelegt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sah mein Telefon traurig an, während ich dem Tuten lauschte. Dann legte auch ich auf und steckte das Telefon zurück in die Ladestation. Oksana hatte recht. Ich hatte heute noch einiges zu erledigen. Ich wollte mindestens noch zwei Bewerbungen abschicken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also setzte ich mich an den Computer. Es dauerte mehrere Stunden, bis ich zwei geeignete Stellenanzeigen gefunden hatte – die eine ging recht schnell, sie war vom örtlichen Supermarkt, die andere hingegen war ein langweiliger Aushilfsjob in einem Büro, den ich im Homeoffice erledigen konnte. Beides nicht gerade ein Traumjob, aber es wäre besser als nichts.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anschließend ging ich ins Bett. Wie jeden Abend dachte ich viel nach, bevor ich endlich einschlafen konnte. Ich dachte an meine Tochter, an meine Arbeit und wie es wohl wäre, im Supermarkt an der Kasse zu sitzen. Unzufrieden wälzte ich mich hin und her. Dann wanderten meine Gedanken zu der Frau aus dem Wald und ich war kurz darauf eingeschlafen.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am nächsten Morgen blieb ich im Bett liegen. Ich sagte mir wieder und wieder, dass ich aufstehen, meinen Arsch hochbekommen und mich an den PC setzen solle, aber mir fehlte die Kraft. So sehr ich es auch versuchte, es gelang mir nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst, als ich gegen Mittag auf Toilette musste, hatte ich genug Antrieb dazu. Dass ich keine einzige neue E-Mail im Postfach hatte, trug jedoch nicht gerade zu meiner guten Laune bei. Und als ich dann beim Einkaufen auch noch nach Kalynas Lieblingssüßigkeit griff, bevor ich meinen Fehler bemerkte, war meine Laune völlig im Keller.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenigstens weigerte sich das Wetter, sich meiner Stimmung anzupassen: strahlendblauer Himmel und eine angenehme Frühsommerwärme. Das perfekte Wetter, um den Kopf freizubekommen. Das perfekte Wetter für einen Spaziergang.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich mein Auto auf dem kleinen Waldparkplatz parkte, wusste ich noch nicht, wo mich der Weg heute hinführen würde. Ich überlegte mir nur selten vorher, welche Route ich nahm. Als ich jedoch an dem Knick vorbeikam, den ich gestern unter Tränen vergessen hatte, zu nehmen, entschied ich, der kleinen Lichtung am Fluss einen zweiten Besuch abzustatten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich glaubte nicht, dass die Frau von gestern wieder da wäre. Wer ging schon am nächsten Tag wieder an derselben Stelle nackt baden, nachdem einen dort ein Fremder überrascht hatte? Aber der Ort hatte eine gewisse Ruhe ausgestrahlt, nach der ich mich jetzt sehnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine schlürfenden Schritte raschelten im Laub, Äste knackten unter meinen Füßen und die Vögel hielten ein wahres Orchester in den Bäumen ab. Einer sang schöner als der andere.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich mich der Lichtung näherte, war es, als würde ich sie das erste Mal sehen. Mir war gestern nicht aufgefallen, wie frisch und bunt hier alles aussah. Die Bäume wirkten grüner, das Gras voller und saftiger und sogar die vereinzelten Wildblumen schienen im Sonnenlicht kräftiger zu strahlen als jede andere Blume im Wald. Ich verstand, wieso die Frau diesen abgelegenen Ort zum Sonnen ausgewählt hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem könnt ihr euch meine Überraschung sicher vorstellen, als ich plötzlich ein leises Summen vernahm. Es war eine Frauenstimme, die eine wunderschöne, wenn auch irgendwie sehnsüchtige Melodie summte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hallo?“, kündigte ich mich vorsichtshalber an, ehe ich auf die Lichtung trat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war dieselbe Frau wie gestern. Wieder saß sie nackt auf dem Baumstumpf, auch wenn sie sich heute ihre haselnussbraunen Haare mit einem wunderschönen muschelartigen Kamm kämmte. Als sie mich hörte, drehte sie sich erschrocken zu mir um, schenkte mir dann aber ein wunderschönes weißes Lächeln und winkte mir. Sie schien nichts dagegen zu haben, dass ich sie ein weiteres Mal besuchte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich wiedersehe“, gestand ich. „Aber die Lichtung ist einfach zu schön, um nicht wieder herzukommen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frau nickte. Sie ließ ihren Blick verträumt über die Bäume wandern, während sie weiter ihre Haare kämmte. Schließlich blieben ihre Augen an mir haften. Sie legte den Kamm neben sich und hielt ihre Hand mit der Handfläche nach unten etwa auf Hüfthöhe vor sich. Dieselbe Geste hatte sie gestern auch verwendet, als sie nach meiner Tochter fragen wollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich lächelte traurig. „Kalyna geht es gut“, erklärte ich. „Sie fühlt sich bei ihren Großeltern wohl, aber ich hoffe wirklich, dass ich sie bald wieder nach Hause holen kann.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich ihr von meiner Tochter und meinen Schwiegereltern erzählte, setzte ich mich ins Gras, um mit ihr zusammen dem rauschenden Fluss zuzusehen. Natürlich saß ich in einigen Metern Abstand zu der Frau. Immerhin wollte ich ihr nicht zu nahe treten. Und schon gar nicht sollte sie sich durch mich bedroht fühlen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich erzählte ihr, dass Kalyna im September eingeschult wird, sie bis dahin also wieder bei mir wohnen musste, ich aber keine Ahnung hatte, wie ich das schaffen sollte. Dass sie eine Schule bei ihren Großeltern besuchte, kam für mich nicht in Frage. Seit dem Tod meiner Frau war sie der einzige Lichtblick in meinem Leben. Ich durfte sie nicht auch noch verlieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder nickte die Fremde gelegentlich, machte einen mitleidigen Gesichtsausdruck oder antwortete mit einer Geste. Sie sprach kein einziges Wort und doch schien sie genau die richtigen Antworten zu finden. Ich hatte das Gefühl, dass sie mich voll und ganz verstand. Ein Gefühl, das mir Trost spendete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Leider verging die Zeit wieder viel zu schnell. Heute hatte ich die Uhr besser im Blick. Ich wollte meine Tochter nicht schon wieder zu spät anrufen. Und so kam es, dass ich mich bald wieder von der Frau verabschieden musste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Bist du morgen wieder hier?“, fragte ich. War das zu aufdringlich? Ich bereute die Frage sofort wieder.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frau jedoch strahle mich an, als könne sie sich nichts Schöneres vorstellen, als mich wiederzusehen. Sie nickte energisch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Alles klar.“ Ich lachte erleichtert. „Dann sehen wir uns morgen?“, fragte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder ein Nicken, dann ein Lächeln, dann ein Winken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich erwiderte das Lächeln und das Winken, bevor ich losging. Als ich die Lichtung verließ, konnte ich die Frau wieder die wunderschöne Melodie summen hören. Ich drehte mich noch einmal um, sah, dass sie sich wieder die Haare kämmte, während sie summend ins Wasser starrte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein zufriedenes Lächeln schlich sich auf mein Gesicht. Mein Herz war noch leichter geworden als am Vortag. Nicht, weil ich mir wieder irgendwelche Probleme von der Seele reden konnte, sondern weil ich endlich wieder etwas hatte, auf das ich mich freuen konnte: Ich würde sie wiedersehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Versteht mich nicht falsch. Ich freute mich täglich auf die Anrufe bei meiner Tochter, aber das war etwas anderes. Meine Tochter war jemand, den ich vermisste, die Telefonate ein Kompromiss, weil ich sie nicht sehen konnte. Das Wiedersehen mit der Frau hingegen war etwas Neues. Kein Kompromiss, sondern etwas, auf das ich mich voll und ganz freuen konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während des gesamten Heimwegs dachte ich darüber nach. Mein Leben fühlte sich plötzlich nicht mehr ganz so trostlos an, wie noch heute Morgen. Sogar, als ich das Telefon zur Hand nahm, musste ich noch immer an die Frau denken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Shevchenko“, meldete sich Oksana am anderen Ende.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich bin’s“, erwiderte ich knapp. „Wie geht’s Kalyna?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ah, Misha. Ihr geht es gut. Ich geb dich auch sofort weiter, aber &#8230; Du, sag mal: Kalyna meinte gestern, dir wäre eine nackte Waldnymphe begegnet. Was hat es damit auf sich?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Komisch, dass sie ausgerechnet jetzt auf sie zu sprechen kam. Ich lachte verlegen. „Ja, ich weiß, wie das klingt. Aber es war die Wahrheit. Zumindest so halb. Ich bin auf einer abgelegenen Lichtung im Wald einer nackten Frau begegnet, die sich gerade gesonnt hat. Ich denke, sie war im Fluss schwimmen und hat nicht erwartet, dass ihr jemand über den Weg läuft.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Oksana räusperte sich. Sie sprach nur zögerlich. „Eine nackte Frau bei einem Fluss also. Ich möchte &#8230; Ich möchte, dass du dich von ihr fernhältst.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was?“, fragte ich ungläubig. Mich von ihr fernhalten? Was sollte das denn jetzt?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Vertrau mir einfach. Sie ist gefährlich“, warnte sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ehe ich jedoch nachfragen konnte, was sie meinte, wurden wir von Kalyna unterbrochen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Oh. Hallo mein Spatz“, sagte Oksana am anderen Ende der Leitung. „Ich wollte gerade zu dir kommen. Rate mal, wer hier für dich am Telefon ist.“ Dann gab sie das Telefon weiter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Papa!“, rief meine Tochter begeistert. Ihr Enthusiasmus, mit dem sie mich begrüßte, zauberte mir sofort wieder ein Lächeln auf die Lippen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hey Kleine“, begrüßte ich sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kalyna plapperte sofort drauf los und begann, mir von ihrem Tag zu erzählen. Sie hatte mit Oma und Opa in der Sandkiste im Garten gespielt. Was sie damit meinte, war, dass sie in der Sandkiste spielte, Opa den Gartenschlauch geholt hatte, damit sie mit dem nassen Sand Sandburgen bauen kann, und Oma saß auf ihrem Stuhl am Gartentisch und hat zugesehen. Das machten sie häufiger. Und trotzdem war es für Kalyna jedes Mal ein richtiges Highlight.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als sie davon erzählte, dass sie eine Sandprinzessin vor einem bösen Eimerdrachen gerettet hatte, hörte ich aber nur noch mit halbem Ohr zu. Meine Gedanken waren wieder bei der nackten Frau und bei den Worten von Oksana. „Sie ist gefährlich.“ Was meinte sie damit? Kannte sie die Frau? Aber wieso sollte sie gefährlich sein? Sie war nackt. Es war nicht gerade so, dass sie eine Waffe bei sich tragen konnte. Und besonders muskulös war sie auch nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Papa? Bist du noch da?“, riss Kalyna mich aus den Gedanken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ja. Natürlich Kleines“, sagte ich schnell.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Gut. Oma will mir noch vorlesen.“, erklärte sie. „Ich hab dich lieb!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich hab dich auch lieb. Soooo doll“, erwiderte ich. „Wir telefonieren morgen wieder.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Tschüss“, sagte Kalyna nur knapp. Dann hatte sie aufgelegt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Tschüss“, murmelte ich leise, bevor ich das Telefon in die Ladestation steckte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eigentlich hatte ich heute wieder vor, mindestens zwei Bewerbungen rauszuschicken, aber während ich durch die Stellenanzeigen scrollte, war ich nicht richtig bei der Sache. Immer wieder schweiften meine Gedanken ab. „Ich möchte, dass du dich von ihr fernhältst. Sie ist gefährlich“, hallte Oksanas Stimme in meinem Kopf. Ich wurde daraus einfach nicht schlau.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und selbst, als ich im Bett lag – Bewerbungen hatte ich heute keine rausgeschickt –, schwirrten die beiden Sätze noch durch meinen Kopf. Ich war mir inzwischen sicher, dass Oksana sich irrte. Vielleicht verwechselte sie die Frau? Ich würde sie morgen Abend darauf ansprechen, wenn ich wieder mit Kalyna telefonierte.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am nächsten Tag war ich voller Tatendrang. Nicht nur, dass ich mich wie ein kleines Kind auf meinen Waldspaziergang freute, ich hatte auch noch eine Einladung zu einem Bewerbungsgespräch im Posteingang: Es war für die Stelle als Verkäufer im Supermarkt. Vielleicht war die Welt ja doch nicht ganz so kalt und grausam, wie ich es die letzten Wochen gedacht hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch dachte ich nicht mehr an die Worte von Oksana. Sie schossen mir erst am Nachmittag wieder in den Kopf, als ich bereits tief im Wald war und mich der Lichtung näherte. Ich schnaubte verächtlich. Gefährlich &#8230; So ein Schwachsinn. Was sollte die Frau schon tun? Mich mit ihren langen Haaren erwürgen? Und selbst dafür sahen ihre Arme zu zierlich aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich die Lichtung erreichte, sank mein Herz mir jedoch in die Hose. Der Baumstumpf, auf dem sie die beiden Tage gesessen hatte, war leer. Das Einzige, was auf ihm saß, war das weiche grüne Moos. Und auch sonst konnte ich die Frau nirgends auf der Lichtung entdecken. Ob sie noch kommen würde?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich überlegte gerade, ob ich ausprobieren solle, wie bequem der Baumstumpf war, als ein Plätschern, gefolgt von einem glockenähnlichen Lachen, meine Aufmerksamkeit auf den Fluss zog.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war die Frau. Sie schwamm mitten in der Strömung und hatte eine Hand erhoben, um mir zu winken. Ihre nassen Haare klebten seitlich an ihrem Kopf, während sie mich mit ihrem engelsgleichen Lächeln ansah.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hallo“, rief ich ihr zu. Ich musste das Lächeln unwillkürlich erwidern. „Du wirst es nicht glauben, aber ich habe nächste Woche ein Bewerbungsgespräch!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frau strahlte über das ganze Gesicht über die Neuigkeiten. Sie schwamm ans Flussufer, blieb aber im Wasser liegen, während sie zu mir aufsah. Dann winkte sie mich zu sich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unsicher, wenn auch von ihrer immer fröhlichen Art verzaubert, ging ich auf sie zu. Wollte sie mir etwas zeigen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich jedoch vor ihr stand, sah sie mich bloß weiter an und winkte mich noch näher.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Irritiert, wenn auch neugierig, hockte ich mich vor sie. Sie streckte mir ihre Hand entgegen. Kalte Finger fassten an meine Wange, die sie mit ihrem Daumen zärtlich streichelte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schloss die Augen und lehnte mich sanft in die Berührung. Es tat gut, in solch schweren Zeiten etwas Zärtlichkeit zu spüren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach einem Moment, in dem die Zeit still zu stehen schien, öffnete ich die Augen und sah die Frau verliebt an – denn, so musste ich es mir eingestehen, das war ich. Ich hatte mich in diese geheimnisvolle Frau, die noch kein Wort mit mir gesprochen hatte, verliebt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich stockte ich. Es war das erste Mal, dass ich sie länger ansah. Ihr Gesicht war so sanft, während sie mich anlächelte, aber ihre Augen lächelten nicht mit. Nein, es war nicht nur, dass sie nicht mitlächelten. Sie waren falsch. Nicht nur im übertragenen Sinne. Sie sahen falsch aus. In ihren stechendgrünen Iris hatte sie keine Pupillen. Der kleine schwarze Kreis in ihren Augen fehlte!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was zur Hölle war hier los? Wieder schossen mir Oksanas Worte in den Kopf: „Sie ist gefährlich!“ Aber als ich aufspringen, den Kopf zurückreißen wollte, war es bereits zu spät. Blitzschnell rutschte ihre Hand an meiner Wange nach hinten und packte mich an den Haaren. Ich versuchte, mich loszureißen, aber die Frau, dieses &#8230; Ding war zu stark für mich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie riss an meinem Kopf, zerrte ihn ins Wasser, wo mein Aufschrei sofort in einem Gurgeln erstickt wurde. So hing ich nun da, der Kopf unter Wasser, meine Arme auf das Gras am Ufer gestützt, während ich mit aller Kraft versuchte, mich hochzudrücken. Aber außer, dass die Erde unter meinen Händen weg bröckelte, meine linke Hand ins Wasser rutschte, geschah nichts. Auch wenn es sich anfühlte, als würde ich mir gleich die Kopfhaut abreißen, gewann ich nicht einen Zentimeter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also änderte ich meine Taktik, statt zu versuchen, mich zu befreien, versuchte ich, meine Angreiferin abzuwehren. Ich schlug nach ihr, wieder und wieder. Aber obwohl ich mich nicht zurückhielt, spürte, wie ich sie hart mit meinen Fäusten traf, zuckte sie nicht einmal. Sie hielt mich weiter eisern fest, hielt meinen Kopf erbarmungslos unter Wasser.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schließlich schaffte ich es nicht länger, die Luft anzuhalten. Es fühlte sich an, als stünden meine Lungen in Flammen, während das Wasser in sie eindrang. Meine Tränen vermischten sich mit dem Flusswasser, während ich ein letztes Mal erfolglos versuchte, mich zu wehren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich dachte an meine Tochter, wie sie ohne mich aufwachsen musste, wie ich ihre Einschulung verpassen würde, ihre Pubertät und ihren ersten Freund. Mein letzter Gedanke jedoch galt meiner Ehefrau. Gleich würde ich sie endlich wiedersehen.</p>



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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Rusalka (u. a. russisch für „Meerjungfrau“), Plural Rusalken oder Rusalki, ist ein <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Geist</a> der ostslawischen Mythologie. Es heißt, dass sie hauptsächlich in der Rusalka-Woche (die Woche nach Pfingsten) auftauchen sollen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Name leitet sich von dem altslawischen Wort „Русалия“ („rusalija“) ab und bedeutet übersetzt „Rosenfest“ also Pfingsten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Entstehung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der am weitesten verbreitete Glaube besagt, dass eine Rusalka entsteht, wenn eine Frau oder ein Mädchen gewalttätig ertränkt wird – entweder durch Mord oder Selbstmord. In vielen Geschichten spielt hierbei auch ein Ehemann oder Geliebter eine Rolle, der die Frau betrogen hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Manchmal heißt es außerdem, dass die Ertränkte eine Jungfrau gewesen oder kurz vor ihrer Hochzeit verstorben sein müsse.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Andere Quellen besagten, dass Rusalki entstehen, wenn ein ungetauftes Kind ertrinkt. Der Glaube ist wahrscheinlich aus ungewollten Kindern entstanden, die früher häufig ertränkt wurden.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Bei dem Aussehen der Rusalki gibt es große regionale Unterschiede. Häufig hängt das Aussehen davon ab, wie schön oder friedlich die Gegenden sind. Je idyllischer der Ort, desto freundlicher sehen die Rusalki aus. Je weiter man jedoch nach Norden kommt, wo die Natur unbarmherziger und gefährlicher ist, desto unansehnlicher werden auch die Rusalki.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch werden sie in modernen Darstellungen gelegentlich mit einem Fischschwanz gezeigt, was jedoch nicht auf der ursprünglichen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Legende</a> beruht, sondern westlichen Einflüssen zuzuschreiben ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gemeinsamkeiten, die fast alle Rusalki betreffen, sind Beschreibungen von bleicher, manchmal weißer Haut und ihren grünen, grünlichen, blonden oder hellbraunen Haaren, die sie immer offen tragen. Offene Haare waren in den slawischen Regionen früher eher unüblich und häufig ein Zeichen des Bösen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem sollen sie sehr häufig nackt sein oder – wenn sie in Ausnahmen Kleidung tragen – zerrissene Sommerkleider oder weiße Roben, die aussehen, als bestünden sie aus Nebel, tragen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die häufigste Darstellung einer Rusalka ist die einer wunderschönen nackten Frau. Auf Bildern kämmt sie sich oft die Haare mit einem Kamm aus Gräten oder einer Muschel. In seltenen Fällen ist auch von einer männlichen Rusalka die Rede.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In anderen Darstellungen sehen die Rusalki aus wie Kinder. Manchmal werden sie mit Puppen verglichen, sind also ggf. durchaus gruselig, aber sehen nicht hässlich oder unmenschlich aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anders ist es – wie bereits erwähnt – z. B. in Nordrussland. Dort versteht man unter dem Wort Rusalka oft den Geist einer alten, hässlichen und buckligen nackten Frau mit großen Brüsten und struppigem Haar. Sie gelten als unansehnlich und furchteinflößend.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Andere Merkmale, die man den Rusalki gelegentlich zuschreibt, sind ihre besonderen Augen. So haben sie in einigen Erzählungen keine Pupillen und/oder ihre Augenfarbe soll ein stechendes Grün sein.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Rusalka ist ein Naturgeist, der hauptsächlich mit Gewässern, aber auch mit Wäldern und Feldern in Verbindung gebracht wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Früher waren sie noch dafür bekannt, für eine gute Ernte zu sorgen. Heutzutage ist ihr Hauptmerkmal hingegen, dass sie junge Männer verführen, um sie zu ertränken oder zu Tode zu kitzeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Besonders gefürchtet sind sie in der Rusalka-Woche, die auf die Woche nach Pfingsten fällt. In dieser Zeit heißt es, dass sie ihre Gewässer verlassen sollen, um auf Trauerweiden und Birken zu klettern. In der Nacht tanzen sie dann im Schein des Mondes in Kreisen um die Bäume herum.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn ein Mensch sie bei diesem Tanz beobachtet, so heißt es, muss er mit ihnen tanzen und kann erst damit aufhören, wenn er tot ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Rusalka-Woche ist es außerdem strengstens verboten, in Flüssen oder Seen zu baden, da man sonst von einer Rusalka unter Wasser gezogen und ertränkt werden soll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber auch das restliche Jahr über sollte man diese Naturgeister nicht unterschätzen, da sie jede sich bietende Gelegenheit nutzen sollen, einen Mann in ihrem Gewässer zu ertränken – entweder, indem sie ihn mit ihrer übernatürlichen Schönheit betören, oder indem sie ihn gewalttätig in den Fluss zerren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einigen Versionen besitzen Rusalki zudem übernatürliche Fähigkeiten. Sie sollen schneller schwimmen als jeder Fisch, schneller rennen als jedes Pferd und teilweise sogar ihre Gestalt ändern können. Hierbei verwandeln sie sich z. B. in ein Eichhörnchen, eine Ratte, einen Hasen, einen Frosch, einen Vogel oder gar ein Nutz- oder Haustier wie eine Kuh, ein Pferd oder einen Hund.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem sollen sie in der Lage sein, Unwetter wie Stürme, starken Regen oder Hagel heraufbeschwören und Flüsse zum Überlaufen bringen können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber obwohl sie heutzutage hauptsächlich gefürchtet werden, muss eine Rusalka nicht zwangsläufig schlecht sein. Es heißt z. B., dass sie Kinder lieben und sie verteidigen, wenn sie in Gefahr geraten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es heißt auch, dass sie sehr verspielt sind und gerne Tanzen, viel lachen und Kränze aus Blumen und Zweigen basteln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Des Weiteren gibt es Geschichten, in denen Rusalki Leute vor dem Ertrinken retten oder sich in einen Menschen verlieben. Die Liebe einer Rusalka endet in den meisten Geschichten jedoch tragisch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine weitere Besonderheit im Gegensatz zu anderen Naturgeistern ist, dass die Rusalki nicht unsterblich sind. Es heißt, dass sie nur so lange existieren können, bis ihre Lebzeit abgelaufen wäre, wenn sie als Mensch nicht ermordet worden wären oder Selbstmord begangen hätten. In anderen Versionen finden sie ihre Ruhe, sobald ihr Tod gerächt wurde.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Rusalki sollen hauptsächlich im ostslawischen Raum vorkommen. Dort werden sie hauptsächlich in und an Gewässern wie Flüssen, Bächen, Seen oder Sümpfen sowie gelegentlich auf Feldern und in Wäldern gesichtet.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Ursprünglich entstand die Idee der Rusalka wohl aus einem Konzept der slawischen Heiden, bei denen junge Frauen als ein Zeichen der Fruchtbarkeit galten. Der Name „Rusalka“ existiert hingegen erst seit etwa dem 16. Jahrhundert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Damals galten sie noch als friedliche Naturgeister, die für reiche Ernten sorgten. Ihre Darstellung als boshafte Geisterwesen kam erst im 19. Jahrhundert auf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Glauben an die Rusalki war in der Region damals so weit verbreitet, dass am Ende der Rualka-Woche häufig Feste gefeiert wurden, mit denen man die Naturgeister um gute Ernten bitten oder sie in ihre Gewässer verbannen wollte. Das endete jedoch in den 1930er Jahren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Heutzutage kennt man die Rusalki eher aus der Literatur und Kunst. So gibt es von ihnen unzählige Zeichnungen und Gemälde, Gedichte, Bücher und sogar eine bekannte Oper mit dem Namen „Rusalka“.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von der Rusalka? Wie würdet ihr reagieren, wenn euch eine solch merkwürdige nackte Frau im Wald, an einem Fluss oder einem See begegnen würde? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Wenn ihr mehr solche Geschichten oder Legenden lesen wollt, abonniert auch gerne meinen <a label=" (öffnet in neuem Tab)" href="https://www.geister-und-legenden.de/newsletter" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Newsletter</a>, oder folgt mir auf <a href="https://twitter.com/geisterlegenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/geisterlegenden/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Facebook</a> oder <a href="https://www.instagram.com/geisterlegenden/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Instagram</a>!</em></p>
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