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	<title>Meerjungfrauen Archive - Geister und Legenden</title>
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	<description>In diesem Blog schreibe und veröffentliche ich jeden zweiten Montag eine neue Legende und Geschichte über Geister oder andere übernatürliche Dinge. Viel Spaß beim Gruseln!</description>
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	<title>Meerjungfrauen Archive - Geister und Legenden</title>
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		<title>Selkies – Sie wollen zurück ins Meer</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 22 Sep 2025 13:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Ich betrachtete die Narben, die zwischen meinen Fingern hervorblitzten. Laut meinen Eltern stammen sie von einem Gendefekt. Ich hätte eine Mutation gehabt, die meine Hände entstellt habe. Aber für mich sah das anders aus. Die Narben waren zu gleichmäßig. Sie waren an der Innenseite all meiner Finger und sogar meiner Zehen. Es sah eher danach aus, als hätte ich bei meiner Geburt Schwimmhäute gehabt, die mir wegoperiert wurden …</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.geister-und-legenden.de/selkies">Selkies – Sie wollen zurück ins Meer</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.geister-und-legenden.de">Geister und Legenden</a>.</p>
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<p class="wp-block-paragraph">Selkies sind zur Abwechslung mal <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer">Wesen</a>, die überhaupt nicht gruselig sind. Trotzdem finde ich diese schottischen Meereswesen unglaublich faszinierend. Ich hoffe, sie gefallen euch ebenfalls!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Lesen!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen (Achtung Spoiler!) </strong></summary>
<p>&#8211; Mobbing<br>
&#8211; Trauer</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Tag begann wie jeder andere. Nichts deutete darauf hin, dass ich an diesem Tag einen Menschen verlieren sollte, der mir so unglaublich viel bedeutete …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich saß in meiner Klasse. Unsere Englischlehrerin war noch nicht da, weshalb die anderen Schüler um mich herum noch schrien, lachten und rumalberten. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie zwei Schülerinnen eine Federtasche hin und herwarfen. Wem sie gehörte, wusste ich nicht. Aber das war mir eigentlich auch egal.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Stattdessen starrte ich auf meine Hände. Ich betrachtete die Narben, die zwischen meinen Fingern hervorblitzten. Laut meinen Eltern stammen sie von einem Gendefekt. Ich hätte eine Mutation gehabt, die meine Hände entstellt habe. Aber für mich sah das anders aus. Die Narben waren zu gleichmäßig. Sie waren an der Innenseite all meiner Finger und sogar meiner Zehen. Es sah eher danach aus, als hätte ich bei meiner Geburt Schwimmhäute gehabt, die mir wegoperiert wurden …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und das war nicht das Einzige, das mich mit dem Ozean verband. Ich war der Sohn eines Fischers. Seit mein Dad klein war, hatte er meinen Opa auf seinem Fischerboot begleitet, bis er irgendwann in seine Fußstapfen getreten war und den alten Kutter von ihm übernommen hatte. Er hatte schon immer eine enge Beziehung zum Meer gehabt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war jedoch nichts im Vergleich zu meiner Mum. Sie fuhr nicht mit Dad auf seinem Boot raus. Sie badete sogar nur selten im Ozean. Aber ihr müsstet sie mal sehen, wenn sie draußen auf der Veranda steht und aufs Meer hinausblickt. Die Sehnsucht in ihren Augen, die Überwindung, die es sie kostet, um ihre Augen von dem tiefen Blau abzuwenden. Es war, als wäre sie von der See besessen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber es gab eine Erklärung dafür. Für ihr Verhalten und sogar für meine Schwimmhäute. Es war ein Verdacht, den ich noch nie laut ausgesprochen hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hey, Fischfresse!“, riss mich eine Stimme aus meinen Gedanken. „Sitzt du ganz allein hier? Hat dein einziger Freund jetzt auch endlich erkannt, was du für ein Versager bist?“ Im nächsten Moment traf mich ein unsanfter Schlag am Hinterkopf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich starrte dabei weiter angespannt auf meine Hände und versuchte, Angus zu ignorieren. Er war der größte Bully aus unserer Klasse. Und das meine ich wörtlich. Er überragte die meisten anderen Schüler, mich eingeschlossen, um mindestens einen Kopf. Und zu meinem Pech hatte er mich auf dem Kieker, seit ich angeblich seine Beziehung ruiniert hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es hatte damit angefangen, dass wir in die weiterführende Schule gekommen waren. Damals war Angus mit Ellie zusammen gewesen, einem Mädchen aus unserer Klasse. In den ersten Wochen wurde mir jedoch klar, dass Ellie heimlich ein Auge auf mich geworfen hatte. Eins hatte zum anderen geführt, bis Angus schließlich voller Eifersucht mit ihr Schluss gemacht hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dabei war das nicht meine Schuld gewesen. Oder zumindest nicht meine Absicht. Ich hatte keinerlei Annäherungsversuche gegenüber Ellie unternommen, ihr sogar gesagt, dass ich kein Interesse an ihr hatte. Aber es hatte nichts gebracht. Und so folgten bisher drei Jahre voller Terror, in denen ich nichts anderes tun konnte, als Angus‘ Schikanen auszusitzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hey! Callum! Hat dir deine Mommy nicht beigebracht, dass du antworten sollst, wenn jemand mit dir spricht?“, fuhr Angus mich an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich konnte ein Zusammenzucken nicht unterdrücken. Er stand noch immer hinter mir. Der erwartete Schlag, der erneute Schmerz an meinem Hinterkopf blieb jedoch aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wenn du dich mit jemandem anlegen willst“, hörte ich eine andere Stimme, „such dir jemanden in deiner Größe.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erleichtert atmete ich auf. Da stand Liam und hielt Angus‘ zum Schlag ausgeholte Hand fest. Er zwinkerte mir zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment befreite Angus seine Hand mit einem Ruck. Er funkelte mich an. „Nächstes Mal, Fischfresse“, sagte er nur, ehe er weiter zu seinem Platz ging.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Liam kam einen Schritt näher. Er legte seine Hand auf meine Schulter. „Mach dir nichts draus, Callum. Angus ist ein Arsch.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich widerstand dem Drang, nach seiner Hand zu greifen. Nicht hier. Die anderen durften nichts von uns wissen. Stattdessen lächelte ich ihn schief an „Danke. Aber das wusste ich schon vorher.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment zog er seinen Stuhl zurück und setzte sich neben mich. „Wie sieht es eigentlich mit unseren Wochenendplänen aus? Steht das Zelten noch?“, fragte er neugierig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Fast sofort spürte ich, wie mein Lächeln wärmer wurde. „Meine Eltern sind einverstanden“, erklärte ich. „Ich muss nur unser altes Zelt wiederfinden. Aber das bekomm ich schon hin.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein ganzes Wochenende. Nur Liam und ich. Zwei Tage, an denen wir nicht aufpassen mussten, ob uns jemand sieht, wenn wir Händchen hielten. Wir mussten uns keine Gedanken machen, wenn wir abends zusammen im Gras lagen und den Sternenhimmel beobachteten. Uns nicht vorher umsehen, wenn wir einander einen flüchtigen Kuss geben wollten.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der restliche Schultag verlief ruhig. Zwar sah ich einige Male, wie Angus mir verächtliche Blicke zuwarf, aber da Liam mir nicht mehr von der Seite wich, ließ er mich in Ruhe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als die Glocke schließlich das Ende der letzten Stunde ankündigte, beeilte ich mich, meine Sachen zu packen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wir sehen uns morgen“, sagte ich zu Liam.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Schreib mir, wenn was dazwischenkommt oder du das Zelt nicht findest“, erwiderte er. „Ansonsten hol ich dich um Punkt 10 ab.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich grinste. „Ich schreib dir auch, wenn mir nichts dazwischenkommt“, erklärte ich. Danach berührte ich ihn sanft an der Schulter – die intimste Berührung, die ich mir in der Schule erlaubte –, ehe ich zum Bus rennen musste.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach einer ruhigen Busfahrt, bei der ich hauptsächlich Musik gehört hatte, und etwa drei Minuten Fußweg näherte ich mich unserem Haus. Es stand in Küstennähe und ich konnte von der Straße aus bereits das Rauschen der Wellen hören. Ein schwacher Geruch nach Meerwasser stieg mir in die Nase und ich spürte, wie mich ein wohliger Schauer überkam. Ich liebte den Strand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz darauf sah ich, dass auch Mum wieder auf der Veranda stand und auf das Meer hinaus starrte. Sie tat das häufig. Eigentlich fast täglich, wenn das Wetter gut war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hey Mum“, begrüßte ich sie. „Bin wieder da.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber Mum reagierte nicht. Es wirkte nicht so, als hätte sie mich bemerkt, obwohl ich laut genug gesprochen hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Genau das meinte ich. Es war, als wäre sie in ihrer eigenen kleinen Welt gefangen. In diesen Momenten gab es nur sie und das Meer. Natürlich könnte das eine Form von Autismus sein oder irgendetwas Ähnliches, aber ich hatte etwas anderes im Verdacht. Etwas anderes, das noch so viel mehr erklären würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hier in Schottland gibt es alte Legenden von den sogenannten Selkies – Schottisch für „Robben“. Und genau das waren sie auch. Bei den Selkies soll es sich um große Robben handeln, die manchmal ihr Fell abstreifen, um als Menschen an Land zu wandeln. Wenn sie nun ihr Fell verloren oder es gestohlen wurde, waren sie dazu verdammt, auf ewig Menschen zu bleiben. Es heißt aber, dass sie die tiefe Sehnsucht nach der See, ihrem wahren Zuhause, nie verlieren sollen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und ja, ich weiß, wie das klingt. Mit 15 sollte man nicht mehr an solche Märchen glauben. Am Anfang war es auch bloß eine alberne Idee gewesen, die ich selbst für bescheuert gehalten hatte. Je mehr ich über die Selkies gelesen hatte, desto mehr erinnerten mich die Erzählungen jedoch an Mum. Als ich dann auch noch erfuhr, dass die Kinder von Selkies oft Schwimmhäute zwischen Fingern und Zehen haben … Seit jenem Tag betrachte ich meine Theorie jedenfalls als reelle Möglichkeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich ertappte mich dabei, wie ich wieder meine Narben musterte. Also ließ ich die Hände wieder sinken. Mum hatte mich noch immer nicht bemerkt und ich wollte sie nicht aus ihren Gedanken reißen, also ging ich weiter ins Haus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich bin wieder da!“, rief ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz darauf steckte Dad seinen Kopf aus dem Wohnzimmer. „Hi Callum“, grüßte er durch seinen vollen Bart. „Wie war die Schule?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„So wie immer“, antwortete ich vage.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Und Liam?“, fragte er weiter. „Wie geht es ihm? Freust du dich schon auf morgen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei dem Gedanken an meinen Freund musste ich sofort lächeln. „Ihm gehts gut. Und ja. Das tu ich. Apropos … Weißt du zufällig, wo unser Zelt ist? In der Garage konnte ich es gestern nicht finden.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dad überlegte einen Moment. „Puh. Es ist schon ewig her, dass wir das benutzt haben. Vielleicht liegt es auf dem Dachboden? Ich kann aber nicht versprechen, dass es nicht inzwischen völlig von Motten zerfressen ist.“ Er lächelte verspielt und zwinkerte mir zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Gesichtsausdruck musste daraufhin so entsetzt gewesen sein, dass Dad lachen musste. Er kam zu mir und wuschelte mir durch die Haare. „Keine Sorge. Wenn das Zelt wirklich kaputt ist, fahre ich persönlich morgen früh in die Stadt und hol dir ein neues. Oder wenn du es nicht finden kannst. Ihr könnt euren kleinen Abenteuerurlaub auf jeden Fall machen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt strahlte ich. „Danke Dad“, sagte ich und gab ihm eine flüchtige Umarmung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„In zwei Stunden gibt es Essen!“, rief er mir nach, während ich auf den Dachboden rannte.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf dem Dachboden roch es nach Staub. Nein, es roch nicht nur danach. Im schwachen Licht, das durch ein einzelnes Fenster fiel, sah ich die Staubpartikel durch die Luft tanzen. Und auch die Möbel, Kisten und anderen Dinge hier oben waren alle von einer dicken Staubschicht bedeckt. Ich war ewig nicht hier oben gewesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Neugierig sah ich mich um. Mein Blick fiel auf einen in sich zusammengesackten Fußball, auf dem das ausgeblichene Gesicht einer Cartoonkatze war. Auch er war von Staub bedeckt. Trotzdem weckte er bei mir sofort Erinnerungen. Meine Eltern hatten ihn mir geschenkt, als ich noch nicht einmal in der Schule war. Wie viele Nachmittage wir ihn hin und her gekickt hatten. Mein Dad hatte extra schlecht gespielt, damit ich überhaupt ein Tor schießen konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder merkte ich, dass ich lächelte, während ich meinen Blick weiterwandern ließ. Hier oben waren so viel Dinge – mir bekannte und unbekannte. Einige mussten von meinen Großeltern stammen. Alte schwarz-weiß Fotos auf einem uralt aussehenden Tisch. Andere von Dad oder von mir. Nur von Mum schien hier nicht wirklich etwas zu liegen. Auch ihre Eltern oder andere Familienmitglieder hatte ich nie kennengelernt. Es gab nicht einmal Fotos von ihnen. Wieder musste ich an meine Selkie-Theorie denken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schüttelte den Kopf. Deswegen war ich nicht hier. Wenn ich vor dem Essen noch irgendetwas erreichen wollte, musste ich mich an die Arbeit machen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem ich grob alles überflogen hatte, ohne dabei etwas zu finden, dass nach einem Zelt aussah, nahm ich mir die Kisten vor. In vielen von ihnen war Ramsch – altes Geschirr, Zeitschriften, aussortierte Wäsche. Ich ignorierte sie. Bei anderen hingegen fiel es mir weniger leicht, sie beiseitezuschieben. In ihnen lagen hauptsächlich alte Dinge von mir. An einer Kiste mit alten Spielsachen und Kuscheltieren verschwendete ich bestimmt eine Viertelstunde, obwohl von vornerein klar war, dass das Zelt nicht darin liegen würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch fand ich Dads alte Angelausrüstung. Sie lag auf einer unbeschrifteten Kiste. Auch hier schwelgte ich in Erinnerungen. Es war Jahre her, dass Dad und ich angeln waren. Warum auch? Fische fangen war immerhin sein Beruf. Da wollte er in seiner Freizeit sicherlich etwas anderes machen. Ich erinnerte mich an ein Lagerfeuer, über dem wir einen viel zu kleinen Fisch gebraten hatten – den einzigen Fisch, den ich an jenem Tag selbst gefangen hatte. Dad hatte mir geholfen, die Gräten zu entfernen, damit ich ihn essen konnte, ehe wir … zurück ins Zelt gegangen waren! Der Angelausflug war ein Campingtrip gewesen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hastig räumte ich die Angelausrüstung beiseite, um an die Kiste zu kommen. Vielleicht war ich dabei etwas unvorsichtig – die Ausrüstung fiel mir mit lautem Gepolter aus der Hand –, aber das war mir gerade egal. Sobald die Kiste frei war, klappte ich die obere Pappe beiseite. Darin lag … etwas Graues, Flauschiges. Unsicher griff ich danach. Es war eine Art dichter, weicher Stoff. Ich holte es aus der Kiste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz darauf lag die Robbenhaut ausgebreitet vor mir auf dem Boden. Sie war grau, mit dunklen Flecken und einem auffälligen hellen Muster in der Mitte – etwa dort, wo der Rücken der Robbe gewesen sein musste. Außerdem war es ungewöhnlich groß.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Selkies können ihr Robbenfell abstreifen, um als Menschen an Land zu wandeln“, murmelte ich. Konnte es sein? War das Mums Fell?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Gedanken kreisten. Sie wirbelten umher und überschlugen sich. Nehmen wir an, dass Mum tatsächlich eine Selkie ist. Warum lag ihr Fell dann auf dem Dachboden? Soweit ich mich erinnerte, hieß es, dass Selkies immer nach kurzer Zeit ins Wasser zurückgekehrt sind. Außer sie haben ihr Fell verloren. Oder es wurde gestohlen. Aber warum lag es dann hier oben. Dad würde doch nie …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurzerhand packte ich das schwere Fell und ging damit zurück ins Wohnzimmer. Meine Schritte stapften laut über die Holztreppe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Dad? Dad, was ist das?“, stellte ich ihn zur Rede.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst sah er neugierig auf. Dann weiteten sich jedoch seine Augen und er sah flüchtig zum Fenster. „Pack das weg“, flüsterte er leise. „Mum darf es nicht sehen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also war es wahr? „Warum nicht?“, hakte ich nach.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Es ist … Es ist ein Geschenk“, sagte er. Ich erkannte die Lüge sofort. Dad war noch nie ein guter Lügner gewesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ist Mum eine Selkie?“, fragte ich also direkt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Daraufhin klappte Dads Mund auf. Es kam aber kein Ton heraus. Er schloss und öffnete ihn wieder. Er sah aus wie ein Fisch, den man an Land geholt hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das reichte mir als Antwort. Also rannte ich weiter Richtung Haustür. Wenn das Mums Fell war, musste sie wissen, dass es im Haus lag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Callum! Warte!“, rief Dad, während er mir nachstürzt. Aber er war zu langsam. Ich war bereits nach draußen auf die Veranda getreten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dort stand Mum. Sie wandte die Augen vom Ozean ab – wahrscheinlich um zu sehen, was der Tumult sollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als sie mich sah, erstarrte sie. Oder besser gesagt als sie das Fell in meinen Händen sah. Ihre weit aufgerissenen Augen waren starr darauf gerichtet. Ungläubig tat sie einen Schritt auf mich zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich kenne dein Geheimnis, Mum“, sagte ich leise, während ich das Robbenfell hochhielt. Ich spürte, wie sich ein Kloß in meinem Hals bildete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt hatte auch Dad die Tür erreicht. „Selene, ich … Ich kann es erklären!“, sagte er schnell.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch Mum beachtete ihn gar nicht. Sie trat weiter auf mich zu, streckte die Hand nach dem Fell aus, zögerte dann jedoch. Ihre Hand griff stattdessen nach meiner Wange. Ihre dunklen Augen sahen tief in meine. „Und ich kenne dein Geheimnis“, sagte sie ruhig. „Dad und ich sehen doch, wie Liam und du einander anseht. Wir wissen es. Und wir freuen uns für euch.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt lächelte sie. Ich stand bloß da, spürte, wie mir heiß und kalt gleichzeitig wurde. „Ich … Wir …“, stammelte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mum streichelte meine Wange. „Es ist in Ordnung“, sagte sie sanft. Jetzt sah sie auch zu Dad. Auch ihn lächelte sie an. „Ich liebe euch.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann griff sie nach dem Fell, warf es sich über die Schultern und rannte den kleinen Abhang zum Strand hinunter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dad stürzte ihr sofort nach. „Selene! Selene!“, brüllte er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich blieb auf der Veranda stehen, sah dabei zu, wie Mum in die Wellen rannte und elegant wie eine Robbe darin verschwand. Nein. Nicht <em>wie</em> eine Robbe. <em>Als</em> Robbe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dad versuchte noch eine Weile, sie einzuholen, ehe er aufgab und völlig durchnässt aus dem Wasser stapfte. Er sackte am Strand in sich zusammen und weinte. Auch ich weinte jetzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war das letzte Mal, dass ich Mum gesehen habe. Zumindest in ihrer menschlichen Gestalt. Aber oft, wenn ich mit Liam am Strand bin, oder mit Dad auf seinem Kutter, kann ich unweit im Wasser eine Robbe entdecken. Eine Robbe mit einem auffällig hellen Muster auf ihrem Rücken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn ihr mich fragt, ob ich bereue, Mum ihr Fell wiedergegeben zu haben, so kann ich nur sagen, dass es das Richtige war. Klar, ich vermisse sie, aber sie ist ein Wesen des Meeres. Niemand sollte sie an Land gefangen halten. Auch nicht aus Liebe. Und ich denke, das hat auch Dad inzwischen eingesehen.</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Selkies (Schottisch für „Robben“), auch Silkies, Sylkies oder Selchies geschrieben, sind Wesen der keltischen Mythologie. Es handelt sich bei ihnen um Robben, die ihre Haut ablegen und sich so in Menschen verwandeln können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Oft werden sie als keltische Version der Meerjungfrauen-Legende bezeichnet.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In den meisten Geschichten sind sie weiblich, es gibt aber auch <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden">Legenden</a> über männliche Selkies.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie bereits erwähnt sind sie Gestaltwandler. In ihrer Robbenform sehen sie wie normale Robben aus. Es handelt sich dabei aber normalerweise um größere Arten als z. B. die in Deutschland heimische Kegelrobbe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Menschengestalt hingegen werden sie als besonders schön und anmutig beschrieben. Man sagt, dass sich Menschen aufgrund ihres Aussehens sehr schnell in Selkies verlieben können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Oft heißt es auch, dass sie dunkle Haare und/oder dunkle Augen hätten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die meiste Zeit sollen die Selkies in ihrer Robbengestalt im Meer verbringen. Es kommt jedoch vor, dass sie ihre Robbenhaut ablegen und sich so in einen Menschen verwandeln. In diesem Zustand müssen sie jedoch gut auf ihre Robbenhaut achtgeben. Wenn sie sie verlieren oder sie gestohlen wird, können sie sich nicht mehr in eine Robbe zurückverwandeln, bis sie ihre Haut wiederhaben. In diesem Zustand sollen sie sich intensiv nach dem Meer sehnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie oft bzw. wann sie ihr Robbenfell ablegen können, um sich zu verwandeln, kann je nach Version variieren. So heißt es manchmal, sie können sich nach Belieben verwandeln, andere Male heißt es hingegen, es ginge nur jede siebte oder neunte Nacht, nur bei Vollmond, nur einmal im Jahr (z. B. zur Sommersonnenwende) oder gar nur alle sieben Jahre.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den meisten Geschichten, die von weiblichen Selkies handeln, stiehlt ein Mann das Fell der Selkie, um sie dazu zu zwingen, an Land zu bleiben. Entweder wird die Selkie dadurch an den Mann gebunden oder sie weiß nicht, dass er das Fell besitzt. So oder so gehen die beiden daraufhin oft eine Beziehung ein. In den meisten Fällen heiraten sie und bekommen sogar Kinder. Irgendwann findet die Selkie das Robbenfell, woraufhin sie es überstreift und als Robbe ins Meer zurückkehrt. Im Normalfall kommt sie nie wieder zu ihrem Mann zurück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Kinder von Selkies haben oft Schwimmhäute zwischen den Fingern und Zehen. Auch sollen sie häufig weitere Eigenschaften wie z. B. die Schönheit oder eine Sehnsucht nach dem Meer von ihrem Selkie-Elternteil erben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einigen eher seltenen Legenden habe ich auch davon gelesen, dass Selkies das Wetter kontrollieren und somit Stürme heraufbeschwören können.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Männliche Selkies:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Die Eigenschaften der männlichen Selkies sind an sich identisch mit denen der weiblichen, jedoch unterscheiden sich ihre Legenden häufig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So sind männliche Selkies eher dafür bekannt, einsame oder unglücklich verheiratete Frauen zu verführen. Es heißt z. B., dass ein Selkie auftauchen soll, wenn eine Frau sieben Tränen ins Meer weint. In den Legenden verbringen die beiden daraufhin oft die Nacht zusammen, ehe der Selkie ins Meer zurückkehrt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Hauptsächlich stammen die Legenden über Selkies aus Schottland, besonders von den Orkney- und Shetlandinseln. Aber auch in anderen Küstenregionen Schottlands und an den Küsten Irlands sollen Selkies den Legenden nach anzutreffen sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt sogar einige Selkie-Legenden, die es bis nach Island und auf die Färöer geschafft haben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die ältesten Erwähnungen von Selkies, die ich finden konnte, stammen aus dem 13. Jahrhundert. Abgesehen davon, dass die Legenden aus Schottland stammen, ist über den Ursprung der Selkies jedoch nicht viel bekannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt aber einige Theorien dazu:</p>



<p class="wp-block-paragraph">So vermuten manche Folkloristen, dass es ein Erklärungsversuch für einige Krankheiten gewesen sein könnte, die zu gewissen Verformungen des Körpers von Kindern geführt haben. Als Beispiel wird hierbei Syndaktylie genannt, eine Krankheit, die in einigen Fällen für schwimmhautähnliche Verformungen zwischen zwei Fingern führen kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch besteht die Möglichkeit, dass sie metaphorisch gemeint sein und Frauen beschrieben haben könnte, die sich nicht in die damalige Gesellschaft eingefügt haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am interessantesten finde ich hingegen eine Theorie, die erst im 19. oder 20. Jahrhundert entstanden ist. Darin wird die Vermutung aufgestellt, dass in früherer Zeit, als die Schotten bereits Kontakt zu den Finnen und/oder Samen gehabt hatten, sie einige der Skandinavier in ihren aus Tierhäuten bestehenden Booten gesehen haben könnten. Besagte Boote schwammen nur so lange gut, wie die Tierhäute noch nicht völlig durchnässt waren. Sie mussten also gelegentlich an Land gehen, um ihre Boote und wahrscheinlich auch ihre (häufig aus Robbenpelz) bestehende Kleidung zu trocknen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn ein Finne oder Same also an Land gegangen ist, wo er sein Robbenfell abgelegt hat, hätte es durchaus so aussehen können, als habe er sich gerade von einer Robbe in einen Menschen verwandelt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Selkies in der Popkultur:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Aufgrund ihrer internationalen Bekanntheit gibt es zahlreiche Auftritte von Selkies in der modernen Popkultur.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In dem irischen Fantasy-Abenteuerfilm „Das Geheimnis des kleinen Seehundes“ (1994), der auf dem Roman „Secret of the Ron Mor Skerry“ (Englisch für „Das Geheimnis von Ron Mor Skerry“, 1957) von Rosalie K. Fry basiert, spielen Selkies eine zentrale Rolle.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weitere bekannte Selkie-Filme sind u. a. der irische Animationsfilm „Die Melodie des Meeres“ (2014), der australische Kinder-Abenteuerfilm „Selkie &#8211; Der Seehundmensch“ (2000) oder der irische Dramafilm „Ondine – Das Mädchen aus dem Meer“ (2009).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch gibt es diverse Bücher über Selkies, so z. B. der Fantasyroman „Sealskin“ („Robbenhaut“, 2016) von Su Bristow oder der Young Adult Roman „A Stranger Came Ashore“ („Ein Fremder kam an Land“, 1975) von Mollie Hunter.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von den Selkies? Hat euch die Geschichte gefallen? Und was würdet ihr tun, wenn ihr die Robbenhaut einer Selkie am Strand findet? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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		<title>Die Ningyo – Wirf sie zurück ins Wasser!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 12 Sep 2022 13:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Ich starrte ihn an, dann sah ich wieder zu der Ningyo, die ihren Mund noch immer öffnete und schloss. Öffnete und schloss. Öffnete und schloss. Dann wieder zu Hiroshi. In seinen Augen zeichnete sich keinerlei Wahnsinn ab, während er mich ernst ansah ...</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg09.met.vgwort.de/na/46a48506faed4848a3a01d0bc165751b" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Die Ningyo ist ein japanisches <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wesen</a>, das zum Teil Fisch und zum Teil Mensch ist. Trotzdem unterscheiden sie sich starkt von den westlichen Meerjungfrauen. Warum das so ist, erfahrt ihr in diesem Beitrag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">(Ich muss übrigens gestehen, dass ich nur wenig Ahnung vom Fischen habe. Natürlich habe ich versucht, mich so gut es geht zu informieren, habe über das Fischen mit Netzen jedoch nur sehr wenig Infos gefunden. Daher hoffe ich einfach mal, dass ich nicht allzu viel Müll geschrieben habe und euch die Geschichte trotzdem gefällt! <strong>😅</strong>)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen</strong></summary>
<p>&#8211; Blut<br>
&#8211; Naturkatastrophe</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Ich stand an der Reling und sah mit einem Lächeln aufs Meer hinaus. Die Sonne glitzerte in den sanft rauschenden Wellen, die das Boot in ein langsames, gemütliches Schaukeln versetzten. Es war ein herrlicher Spätsommerabend knapp vor der japanischen Küste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„André, hilf Naoto mit dem Netz!“, rief Hiroshi von hinten. Er hatte einen befehlenden, fast überheblichen Tonfall, der mir normalerweise nicht gepasst hätte, aber immerhin bezahlte er mich dafür, dass ich ihm diese Woche beim Fischen half.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich also zu ihnen eilte, stand Hiroshi halb im Cockpit und sah mich an. Sein strenger Blick wurde von seinen Falten und den teilweise grauen Haaren untermalt. Naoto hingegen hatte freundliche, dunkle Augen und ein sanftes Gesicht, auch wenn er es gerade vor Anstrengung verzog.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich beeilte mich, ihm zu helfen, das gut gefüllte Fischernetz an Bord zu ziehen. Schnell stieg mir der Geruch von Fisch in die Nase, als das zappelnde Netz vor uns lag. Zwar quoll es nicht über vor Fischen, aber es war ein guter Fang.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hiroshi machte sich sofort daran, die Ausbeute zu inspizieren. Mit geschickten Fingern leerte er das Netz in eine Plastikwanne, durchwühlte die Fische, als wären sie Erde, in der ein Schatz vergraben ist, &#8230; und kippte anschließend den gesamten Fang unter lautem Platschen und Plätschern zurück ins Meer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu Anfang hatte ich ihm noch entsetzt dabei zugesehen, aber inzwischen hatte ich mich daran gewöhnt. Immerhin machte er das schon die ganze Woche so. Zugegeben: Am Montagvormittag hatte er sich noch bemüht, nur die großen Fische zu behalten. Die kleineren – auch die, die bei Weitem groß genug waren, um sie zu verkaufen – warf er allesamt ins Meer zurück. Aber bereits am selben Abend verwarf er seine Prinzipien und kippte alle Fische, ganz egal wie groß oder klein sie waren, in seine große Kühlbox.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sobald die Kühlbox voll war, fuhren wir aber nicht zum Hafen. Nein, wir fischten einfach weiter und warfen den Fang zurück ins Meer. Hiroshi sah dann zwar jedes Mal die gesamte Ausbeute durch, aber war nie zufrieden. Es kam mir fast vor, als würde er irgendetwas suchen. Als ich ihn jedoch danach gefragt hatte, hatte er nur schroff gemeint, dass ich sein Angelverhalten nicht in Frage stellen solle und er mich gut bezahle. Anschließend war das Gespräch für ihn beendet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Es wird langsam spät. Wir sollten allmählich umkehren“, warf Naoto ein, nachdem die Plastikwanne wieder leer war. „Ich hab meiner Frau versprochen, dass wir heute Abend gemeinsam essen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hiroshi musterte ihn, als habe er ihm vor die Füße gespuckt, ehe er einen flüchtigen Blick zur Sonne warf, die sich langsam dem Horizont näherte. Schließlich erwiderte er: „Na, meinetwegen. Eine halbe Stunde machen wir noch. Danach können wir zurück zum Hafen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Naoto nickte knapp. Anschließend verschwand Hiroshi im halb offenen Cockpit, startete den Motor, der sofort leise zu summen begann, und das Boot fuhr weiter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wusste nicht, ob er irgendeinem System folgte, während wir durch das offene Meer fuhren, oder ob Hiroshi ziellos durch die Gegend tuckerte, bis sein komisches Gerät irgendetwas anzeigte. Es war eine Art Tablet, das fest neben dem Lenkrad verbaut war. Soweit ich es verstanden hatte, zeigte es ihm, wo sich unter uns Fischschwärme und größere Fische befanden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gelegentlich piepte das Tablet. Das war immer der Moment, wo Hiroshi es aufgeregt ansah. Kurz darauf sah er entweder enttäuscht wieder nach vorn, oder aber er drehte am Lenkrad, steuerte das Boot an eine bestimmte Stelle und befahlt Naoto, das Netz auszuwerfen – ein Befehl, dem Naoto in Windeseile nachkommen musste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So ging das schon die ganze Woche. Die meiste Zeit kam ich mir dabei völlig nutzlos vor. Naoto wurde von Hiroshi wohl angeheuert, weil er Ahnung vom Fischen hatte. Im Notfall könnte er sogar das Boot steuern. Ich hingegen war die größte Landratte, die man sich vorstellen konnte. Abgesehen von meinen Muskeln hatte ich nichts, was mich für den Job qualifizierte. Vielleicht war ich als Weißer auch bloß aus der Masse hervorgestochen, weswegen Hiroshi mich angesprochen hatte. Ein anderer Grund wollte mir jedenfalls nicht einfallen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber was es auch war, ich war froh, hier zu sein. Immerhin wurde ich gut bezahlt, obwohl ich kaum mehr tat, als auf dem Boot zu sitzen und das Meer zu genießen – abgesehen von dem gelegentlichen Einholen des Netzes, heißt das natürlich. Und so störte mich auch Hiroshis Verhalten nicht, als er auch den Inhalt der beiden letzten Netze, die wir vor unserem Heimweg auswarfen, ohne mit der Wimper zu zucken ins Meer zurückwarf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Also gut, Männer“, sagte er mürrisch. „Wir machen uns auf den Rückweg. Hoffentlich haben wir morgen mehr Erfolg.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Naoto und ich warfen einander einen verwirrten Blick zu. Ich kannte mich zwar nicht so gut mit Fischen aus, aber soweit ich es beurteilen konnte, war unser Anglerglück die letzten Tage nahezu überirdisch gewesen. Es war kaum ein Tag vergangen, an dem unsere kleine Kühltruhe am Abend nicht randvoll war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ehe ich Hiroshi jedoch darauf ansprechen konnte, war er bereits im Cockpit verschwunden. Aber wahrscheinlich hätte er eh wieder nur ausweichend darauf reagiert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn er uns doch wenigstens sagen würde, wonach er suchte. Ich mochte keine Ahnung von der See und Fischen haben, aber Naotos Wissen reichte für uns beide aus!</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den nächsten Minuten, in denen die ersten Gebäude in der Ferne auftauchten und langsam größer wurden, beobachtete ich den Himmel. Die Sonne war bereits untergegangen und färbte den Horizont nun in ein warmes, feuriges Rot. Ein gutes Zeichen: Immerhin deutete Abendrot auf gutes Wetter hin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch während ich mich schon darauf freute, bald in meiner kleinen, warmen Wohnung zu sitzen und gemeinsam mit meinem Kater Mr. Fluff fernzusehen, hörte ich plötzlich ein vertrautes Piepen. Es war das komische Tablet, das beim Fischefinden half. Kurz darauf folgte ein ungläubig gemurmeltes „Ich wusste nicht, dass sie so groß werden“ und ein lauteres „Naoto! Mach das Netz bereit! Wir wagen einen letzten Wurf!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Enthusiasmus in Hiroshis Stimme überraschte mich. Und wie ich an Naotos Reaktion sah – er sprang sofort auf und griff, ohne zu murren, nach dem Netz –, ging es ihm ähnlich. Was auch immer Hiroshi auf seinem Fischradar gesehen hatte, vielleicht war es ja das, wonach er suchte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diesmal ließ er den Motor laufen, während Naoto das Netz auswarf. Es bildete platschend einen fast perfekten Kreis auf der Wasseroberfläche, bevor es schnell in der Tiefe verschwand. Aber während Naoto und ich gebannt auf das langsam verschwindende Netz starrten, blieb Hiroshi im Cockpit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Verdammt!“, rief er. „Daneben! Holt das Netz ein! Holt es ein!“ Er sprach dabei schnell und ungehalten. Fast klang es, als wäre er wütend auf Naoto, aber ich war mir sicher, dass es nur die Aufregung war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort sprang ich auf und half Naoto mit dem Netz. Es war nicht sonderlich tief gesunken und hatte keinen einzigen Fisch eingefangen, also war es sehr viel einfacher, es einzuholen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anschließend steuerte Hiroshi das Boot einige Meter weiter und befahl uns, das Netz erneut auszuwerfen. Wieder war er nicht zufrieden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem Naoto das Netz noch ein drittes und viertes Mal ausgeworfen und wir es eingeholt hatten, merkte ich, wie schwer er inzwischen atmete. Es sah so leicht aus, wie er das Netz warf, aber wenn ich bedachte, wie schwer das verdammte Teil war und weit er es werfen musste &#8230;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nochmal!“, rief Hiroshi. „Kommt schon, kommt schon! Wir haben sie gleich!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nur eine kurze Pause“, bat Naoto schnaufend. Er stützte sich am Boot ab, während er versuchte, wieder zu Atem zu kommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das passte Hiroshi jedoch nicht. Er stürmte kurzerhand aus dem Cockpit, packte das Netz und warf es selbst ins Meer. Die Kraft und Geschicklichkeit, die er dabei bewies, hätte ich ihm in seinem Alter nicht mehr zugetraut. Zwar flog das Netz bei Weitem nicht so rund wie bei Naotos Würfen, aber man konnte deutlich erkennen, dass es nicht sein erster Netzwurf war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich jedenfalls hatte nicht ansatzweise so gut geworfen, als ich es vorgestern spaßeshalber unter Naotos Anleitung versucht hatte. Mir war nicht ein einziger Fisch ins Netz gegangen. Und wahrscheinlich könnt ihr euch denken, wie begeistert Hiroshi darüber gewesen war. Im Gegensatz dazu sah er aus wie ein Profi.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Noch bevor das Netz das Wasser berührt hatte, stürmte Hiroshi zurück ins Cockpit, um auf sein Tablet zu sehen. Aber das wäre gar nicht nötig gewesen: Kurz nachdem das Netz untergegangen war, spannte sich das Seil, das das Netz mit dem Boot verband. Ein Ruck fuhr durch das Boot, nicht stark genug, um mich aus dem Gleichgewicht zu bringen, aber er war deutlich spürbar. Was auch immer wir im Netz hatten, es wehrte sich mit Leibeskräften.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Holt es ein!“, schrie Hiroshi, während er aus dem Cockpit gerannt kam. Er packte als Erster das Netz, dann folgten Naoto und ich. Gemeinsam zogen und zerrten wir daran. Stück für Stück, Meter für Meter zogen wir das Netz langsam aber sicher aus dem Wasser, bis es schließlich vor uns an Deck lag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich den Fisch sah, wie er am Boden im Netz zappelte, war ich erst erstaunt über seine Größe. Er war groß wie eine Robbe. Als ich jedoch näher hinsah, überkam mich das Gefühl von Überraschung, Entsetzen und einem Hauch von Ekel. Sein Körper sah aus, wie der eines ganz normalen Fisches mit Flossen und allem drum und dran, der Kopf jedoch &#8230; war menschlich. Er hatte ein Gesicht, einen Hals, kleine Ohren und sogar Haare. Es sah aus, als hätte man einen unförmigen Frauenkopf am Körper eines großen Fisches befestigt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie jeder normale Fisch öffnete und schloss das Wesen panisch den Mund. Aber seine Augen, seine ungewöhnlich menschlichen Augen starrten wild hin und her. Als es sie einen Moment genau auf mich richtete, stolperte ich einen Schritt zurück, rutschte auf dem nassen Boden weg und landete mit einem leisen <em>Fump</em> auf dem Hintern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber was mich noch mehr verstörte, als das merkwürdige Wesen selbst, war Hiroshis Reaktion. Während er es mit einer Hand durch das Netz an seinem „Hals“ zu Boden drückte, streichelte er mit der anderen Hand ganz zärtlich über seine Schuppen. Er musterte es mit einem liebkosenden Blick, als wäre es sein Kind oder seine Geliebte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„E-eine Ningyo!“, stieß Naoto aus. Er starrte Hiroshi mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Eine Meerjungfrau?“, fragte ich verwirrt. Ich wusste nicht, dass „Ningyo“ nicht nur das japanische Wort für Meerjungfrau war, sondern auch dieses seltsame, mir völlig fremde Wesen beschrieb.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Naoto ignorierte meine Frage. Er sah bloß weiter entsetzt zu dem Wesen. „Du musst sie zurückwerfen! Sofort!“, befahl er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hiroshi lächelte ihn an. Da war sie wieder, seine überhebliche Art. „Das werde ich nicht tun“, sagte er ruhig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Naoto griff nach einer Stange, die an der Bootswand hing, und richtete ein Ende, an dem ein metallener Haken befestigt war, auf Hiroshi.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der wiederum sah ihn unbeeindruckt an. „André, steh auf und halt mir diesen Irren vom Leib“, sagte er zu mir. „Dann verdopple ich deinen Lohn.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass sein Angebot nicht verlockend klang, dass ich nicht darüber nachgedacht hätte, aber am Ende gewann mein Gewissen. Naoto hatte mir nichts getan. Er war bisher immer superfreundlich gewesen und aus irgendeinem Grund hatte er Angst vor dem Wesen. Ganz bestimmt hatte er keine bösen Absichten, wenn er wollte, dass Hiroshi es zurückwarf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als Hiroshi jedoch bemerkte, dass ich mich nicht rührte, eskalierte die Situation vollständig. „Ach, ihr könnt mich mal!“, rief er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gleichzeitig tat Naoto einen Schritt auf ihn zu, die Stange weiter auf ihn gerichtet. „Wirf sie zurück, sonst &#8230;“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weiter kam er nicht. Mit geschickten Händen griff Hiroshi plötzlich in seine Jacke und zog eine Pistole hervor, die er auf Naoto richtete. „Sonst was?“ In seinen Augen funkelte Abscheu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erschrocken richtete ich mich auf. Jetzt zeigte der Lauf der Waffe auf mich. Ich hatte noch nie zuvor eine echte Pistole gesehen, die auf jemanden gerichtet wurde. Und schon gar nicht auf mich. Ich kann kaum erklären, wie es sich anfühlte. Plötzlich war ich völlig hilflos. Mein Magen fühlte sich an, als hätte er sich verknotet, während meine Beine zu Eis erstarrten und mein Hirn schrie, dass ich weglaufen solle. Aber ich konnte nirgendwo hin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Naoto ging es ähnlich. Er hob eine Hand, legte bedacht langsam die Stange zu Boden und hob dann auch die andere Hand. Währenddessen trat er vorsichtig einen Schritt zurück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hiroshi hingegen blieb ganz ruhig. Während er die Pistole weiter abwechselnd auf uns richtete, kramte er mit seiner freien Hand ein Fischermesser hervor. Als er es schließlich zum Hals des seltsamen Fischwesens führte, trat Naoto wieder einen Schritt nach vorn, die Hände vor sich haltend, um zu zeigen, dass er Hiroshi nichts tun wollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Panik stand ihm ins Gesicht geschrieben, auch wenn ich das seltsame Gefühl hatte, dass sie jetzt nicht mehr der Pistole galt. „B-bitte. Du musst das nicht tun“, flehte er. „Wirf sie einfach zurück. Dann kommt niemand zu Schaden. Ich habe Frau und Kinder!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich weiß nicht, wie ich genug Mut aufbringen konnte, um zu sprechen. Vielleicht war es die Überforderung, vielleicht der Fakt, dass Hiroshi die Pistole nun wieder auf Naoto gerichtet hatte. „Was ist das für ein Ding? Warum sollte jemand zu Schaden kommen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nun sah Hiroshi mich an, hielt die Pistole aber weiter auf Naoto gerichtet. „Das ist eine Ningyo. Ich suche schon seit Jahren nach einer. Und endlich habe ich sie gefunden. Wenn man ihr Fleisch isst, wird man unsterblich! Ich werde wieder jung sein!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich starrte ihn an, dann sah ich wieder zu der Ningyo, die ihren Mund noch immer öffnete und schloss. Öffnete und schloss. Öffnete und schloss. Dann wieder zu Hiroshi. In seinen Augen zeichnete sich keinerlei Wahnsinn ab, während er mich ernst ansah.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Und zu welchem Preis?“, fuhr Naoto dazwischen. „Wenn du sie nicht zurückwirfst, könnte das Unwetter die ganze Stadt zerstören. Bitte, komm zur Vernunft! Meine Familie &#8230;“ Jetzt sah er mich an. „André, bitte. Hilf mir. Wenn man eine Ningyo umbringt oder mitnimmt, hat das verheerende Katastrophen zur Folge. Gemeinsam können wir ihn aufhalten. Gemeinsam können wir &#8230;“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weiter kam er nicht. In genau diesem Moment zog Hiroshi die Klinge durch die Kehle der Ningyo. Blut schoss aus ihrem Hals hervor. Es ergoss sich über das Deck und Hiroshis Hose. Kurz darauf hörte die Ningyo auf, sich zu bewegen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich, noch immer völlig überfordert von der Situation, wieder zu Naoto blickte, sah ich, dass er auf die Knie gesunken war. Er sah aus wie ein Mann, der gerade seinen Lebenswillen verloren hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ungläubig starrte ich wieder zu dem toten Fischwesen in Hiroshis Armen. Das konnte doch nicht ihr Ernst sein. Sie waren zwei erwachsene Männer. Wie konnte auch nur einer von ihnen ein Wort dessen glauben, was sie da von sich gaben? Ein magischer Fisch, der unsterblich machte und Katastrophen herbeirief? Hörten sie sich selbst überhaupt zu?!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ehe ich den Gedanken jedoch laut aussprechen konnte, um die beiden zur Besinnung zu bringen, fegte plötzlich ein heftiger Windstoß über das Deck. Er war so stark, dass er mich straucheln ließ. Kurz darauf folgten die Wellen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mehr und mehr geriet unser Schiff ins Wanken, und als ich zum Himmel sah, weiteten sich meine Augen vor Schreck und Unglauben: Dunkle Wolken zogen auf, so schnell, wie ich einen Wetterumschwung noch nie beobachtet hatte. Erneut starrte ich ungläubig die tote Ningyo an. Wie war das möglich?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du solltest dich lieber beeilen“, rief Hiroshi über das inzwischen sehr laute Rauschen der Wellen Naoto zu. „Wenn wir rechtzeitig an Land sind, kannst du deine Familie noch aus der Stadt bringen!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Naoto sah auf. Jetzt blitze ein Funken Hoffnung in seinen Augen. Ohne auch nur eine weitere Sekunde verstreichen zu lassen, sprang er auf und rannte ins Cockpit. Kurz darauf heulte der Motor auf und das Boot raste los.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Noch nie in meinem Leben war ich mir so klein vorgekommen. Nicht nur, dass die Wellen immer größer wurden – unser Boot kam mir mehr und mehr vor wie ein Spielzeugboot im offenen Meer –, ich befand mich mitten in einem Spiel aus Mächten, die ich nicht verstand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wasser spritze mir ins Gesicht, traf mich im Mund und in meinen Augen. Sofort schmeckte ich das Salz. Gleichzeitig klammerte ich mich mit aller Kraft an dem Geländer der Bootswand fest. Die Wellen und die Geschwindigkeit des Motorboots waren dabei so heftig, dass ich mehrfach schmerzhaft gegen die Bootswand geschleudert wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hiroshi hingegen saß, scheinbar den Regeln der Physik trotzend, zufrieden auf dem Boden. Zwar wurde er auch hin und her geschleudert, während er sich und die Ningyo am Seil des Fischernetzes festhielt, aber es schien ihm überhaupt nichts auszumachen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Weißt du André, ich hätte mehr von dir erwartet!“ Trotzdem er aus voller Lunge brüllte, ging seine Stimme fast in dem Lärm unter. „Ich dachte, als Weißer würdest du mich verstehen. Ich hätte dir sogar etwas von dem Fleisch abgegeben. Du könntest unsterblich sein, wenn du mir hilfst!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich starrte ihn an, wie er dasaß und mich angrinste &#8230; Ich wusste nicht, wie schlimm das Unwetter noch werden würde, aber wir waren nicht das einzige Boot auf dem Meer gewesen. Nicht alle würden es zurückschaffen. Ihr Blut klebte an Hiroshis Händen und da besaß er die Dreistigkeit, mich noch weiter in die Sache hineinziehen zu wollen, als er es ohnehin schon getan hatte?!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Angewidert wandte ich den Blick ab. In dem Chaos aus Wellen sah ich, dass wir uns dem Anleger näherten. Inzwischen waren die Wellen so heftig, dass ich mehr als einmal befürchtete, unser Boot könnte kippen. Trotzdem schafften wir es irgendwie in einem Stück an den Hafen. Naoto versuchte sein Bestes, die Geschwindigkeit zu verringern und das Boot zu drehen. Trotzdem krachten wir mit einem lauten Knall an den Anleger. Ich wurde durchgeschüttelt. Schmerzen zuckten durch meine Finger, als das Metallgeländer durch den Aufprall vibrierte. Trotzdem hielt ich mich eisern fest.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber wenn ich darauf gehofft hatte, dass die Wellen am Hafen nicht ganz so schlimm sein würden, hatte ich mich geschnitten. Sie waren so hoch, dass sie immer wieder über den betonierten Anleger schwappten. Das Boot hob und senkte sich mit den Wellen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Inzwischen stand ich ganz hinten am Boot. Ich müsste nur einen großen Schritt wagen, dann wäre ich an Land. Aber ich traute mich nicht. Vor meinem inneren Auge malten sich Bilder aus, wie ich abrutschte, den Schritt nicht schaffte. Ich würde zwischen das Boot und den Anleger geraten. Vielleicht würden die Wellen mich auch gegen den Beton schleudern. Oder aber ich würde ertrinken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich stürmte Naoto an mir vorbei. Er hatte Anlauf genommen. In dem Moment, als das Boot durch das Wasser nach oben gedrückt wurde, sprang er an Land. Er strauchelte, konnte sich aber auf den Füßen halten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schluckte schwer. Er hatte es geschafft. Dann konnte ich das auch. Außerdem trieb das Boot langsam aber sicher vom Anleger weg. Wenn ich mich jetzt nicht traute &#8230;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich zwang mich, mein Hirn abzuschalten. Dann wartete ich die nächste Welle ab und tat es Naoto gleich. Zwar unterschätzte ich, wie tief ich fallen würde, landete erst schmerzhaft auf meinen Füßen und wurde von der Wucht weiter auf meine Knie geschleudert, aber ich hatte es geschafft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Naoto sah mich mit verzweifeltem Gesicht an, während er mir hoch half. Er hatte abgewartet, ob ich den Sprung schaffen würde. Dann sah er nervös zu den Gebäuden. „Sorry, ich muss &#8230;“, rief er über das Rauschen der tosenden Wellen. Ohne eine Antwort abzuwarten, rannte er los.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eigentlich hatte ich ihm anbieten wollen, ihn mitzunehmen – immerhin war er zu Fuß hier –, aber als ich ihm nachrief, drehte er sich nicht einmal um. Wahrscheinlich konnte er mich nicht mehr hören.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also war ich auf mich allein gestellt. Zum Glück stand mein Auto direkt am Anleger und ich war nach nur wenigen Schritten da.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bevor ich jedoch einstieg, warf ich einen flüchtigen Blick zum Boot zurück. Ich weiß nicht wie, aber Hiroshi hatte es ebenfalls an Land geschafft. Die Ningyo lag schlaff in ihrem Netz, während er sie hinter sich herzog. Aber er war verdammt langsam.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich wusste nicht, dass sie so groß werden“, schoss mir seine Stimme in den Kopf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anscheinend hatte er sich selbst überschätzt. Das geschah ihm recht. Ich würde ihm jedenfalls nicht helfen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf meinem Nachhauseweg setzte schließlich der Regen ein. Er war so heftig, dass ich unter normalen Umständen angehalten hätte, aber ich durfte keine Zeit verlieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Klitschnass kam ich bei meiner Wohnung an. Mr. Fluff wehrte sich mit seinen Krallen, als ich seinen zierlichen Katzenkörper an mein nasses T-Shirt drückte. Ich ignorierte es. Und auch wenn ich wusste, dass es ihm ganz und gar nicht gefiel, wie eng ich ihn an mich presste, während ich nach draußen in den Regen lief, ließ ich nicht zu, dass er sich befreite.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er wandte sich in meinem Griff, schlug mir sogar seine Zähne ins Fleisch, aber ich hielt ihn ganz fest, bis die Autotür hinter uns geschlossen war. Fast sofort zog er sich beleidigt auf die Rücksitzbank zurück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Tut mir leid, kleiner Prinz“, entschuldigte ich mich bei ihm. Aber der Regen prasselte so laut auf das Autodach, dass ich meine eigene Stimme nicht hören konnte. Trotzdem war ich mir sicher, dass er mir eines Tages verzeihen würde – auch wenn er nicht wusste, was ich gerade für ihn getan hatte. Schließlich startete ich meinen Motor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Von der Katastrophe, die diese Nacht meine Heimatstadt verwüstete und unzählige Menschen das Leben gekostet hatte, hörte ich erst am nächsten Tag im Radio.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Naoto – so erfuhr ich einige Jahre später, als ich ihn zufällig im Supermarkt traf – hatte seine Familie retten können. Genau wie ich hatte er seine Wohnung verloren, aber das hatte uns beide nicht aufgehalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was hingegen Hiroshi anging, habe ich keine Ahnung, was aus ihm geworden ist. Vielleicht hat er es ja tatsächlich geschafft, unsterblich zu werden. Aber wenn ich ehrlich bin, hoffe ich insgeheim, dass er es nie lebend aus der Stadt geschafft hat.</p>



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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Ningyo (japanisch für „menschlicher Fisch“ oder „Meerjungfrau“) gelten als japanische Meerjungfrauen, unterscheiden sich jedoch stark von ihren westlichen Verwandten. Sie zählen zu den <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/yokai" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Yōkai</a>.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Bei dem Wort Meerjungfrau denken die meisten von euch sicherlich sofort an eine Frau mit einem Fischschwanz statt Beinen. Doch obwohl diese Variante in den neueren Geschichten über Ningyo durchaus vertreten sein kann, sahen die Ningyo in den ursprünglichen Legenden völlig anders aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ningyo sind generell mehr Fisch als Mensch und werden fast immer als hässlich beschrieben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den meisten Legenden handelt es sich um einen großen Fisch mit einem menschlichen Kopf – meist dem einer Frau – oder einem menschlichen Gesicht. Ihre Zähne sollen fischähnlich, klein und scharf sein. Außerdem haben sie manchmal Hörner auf dem Kopf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch gibt es Erzählungen, in denen die Ningyo den Oberkörper eines Affen und den Unterkörper eines Fisches haben. Diese Beschreibungen sind aber wahrscheinlich den gefälschten Ningyo-Mumien zu verschulden, die sich im 19. Jahrhundert verbreitet haben. Für ihre Herstellung wurde häufig der Oberkörper eines Affen verwendet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was die Größe der Ningyo angeht, habe ich verschiedenste Angaben gelesen. Sie reichten dabei von Kleinkindgröße bis zu einer Länge von 3 Metern.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die wohl bekannteste Eigenschaft der Ningyo ist ihr Fleisch. Es soll nicht nur sehr gut schmecken, sondern jedem, der es isst, auch ein übernatürlich langes Leben – manche reden sogar von Unsterblichkeit und ewiger Jugend – bescheren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Yao Bikuni, einer der bekanntesten Ningyo-Legenden, isst ein junges Mädchen das Fleisch einer Ningyo. Anfangs scheint noch alles normal zu sein, aber als sie erwachsen wird, hört sie plötzlich auf zu altern. Sie lebt ein langes Leben und stirbt erst im Alter von etwa 800 Jahren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber während einige die Ningyo wegen dieser Eigenschaft verehren und versuchen, sie zu fangen, werden sie von anderen Fischern gefürchtet. Jeder Mensch, so heißt es, der eine Ningyo fängt und nicht zurückwirft oder eine Ningyo tötet, soll nämlich von einem fürchterlichen Fluch getroffen werden. Ganze Dörfer sollen schon durch plötzlich aufkommende Unwetter überflutet worden sein, nachdem einer der Bewohner eine Ningyo gefangen und mit nach Hause genommen hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und auch, wenn man die Ningyo nicht selbst tötet, sondern nur ihre Leiche am Strand findet, soll das Unglück bringen. So kann eine Ningyo-Leiche Krieg, Naturkatastrophen oder ein ähnliches Unheil ankündigen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Ningyo leben, wenn man der Verbreitung der Legenden nach urteilt, ausschließlich im Japanischen Meer und dem Pazifischen Ozean. Aber auch, dass sie Flüsse hinaufschwimmen, kann nicht ausgeschlossen werden.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Legende der Ningyo ist eine uralte Legende. Bereits im Nihonshoki, dem zweitältesten Buch der japanischen Geschichte, das im Jahr 720 fertiggestellt wurde, finden sich erste Erwähnungen des Wesens – auch wenn es damals noch nicht „Ningyo“ genannt wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die erste schriftliche Erwähnung ihres Namens ließ sich erst in dem japanisch-chinesischen Wörterbuch Wamyō Ruijūshō (erschienen im Jahr 937) finden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im 19. Jahrhundert tauchten plötzlich unzählige Ningyo-Mumien auf – es waren natürlich Fälschungen –, die der Ningyo zu einer weltweiten Bekanntheit verhalfen. Sie wurden damals sogar unter anderem in europäischen Museen ausgestellt. Und auch heute noch lassen sich in einigen Tempeln und Museen die angeblich mumifizierten Überreste von Ningyo finden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von den Ningyo? Würdet ihr ihr Fleisch essen wollen? Empfindet ihr ewige Jugend eher als Segen oder als Fluch? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Wenn ihr mehr solche Geschichten oder Legenden lesen wollt, abonniert auch gerne meinen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/newsletter" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Newsletter</a>, oder folgt mir auf <a href="https://twitter.com/geisterlegenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/geisterlegenden/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Facebook</a> oder <a href="https://www.instagram.com/geisterlegenden/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Instagram</a>!</em></p>
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		<title>Die Nixen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 15 Mar 2021 14:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Deutsche Legenden]]></category>
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		<category><![CDATA[Monster und Ungeheuer]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Als ich zurück beim Lagerfeuer war, war meine Familie bereits am Essen.<br />
„Wieso hat das so lange gedauert?“, fragte Mama. Dann lachte sie plötzlich. „Nein. Halt. Ich brauche keine Details.“<br />
Wieder musste ich breit grinsen. „Ihr werdet es nicht glauben, aber ich habe die Meerjungfrau getroffen.“</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg08.met.vgwort.de/na/32e3f366612845e6bbbe3242b3d54e61" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Nixen sind eine sehr alte <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/deutsche-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">deutsche Legende</a>. Sie ähneln den Meerjungfrauen, leben jedoch nicht im Meer, sondern in Seen und Flüssen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Mama und ich saßen am Lagerfeuer, als sich in der Ferne schnelle Schritte näherte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Christoph! Christoph! Da war eine Meerjungfrau!“, rief meine kleine Schwester Lilli aufgeregt, während sie auf mich zu rannte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„In der Nähe des Feuers wird nicht gerannt!“, mahnte Mama sie sofort.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Lilli verlangsamte ihre Schritte – wenn auch nur ein wenig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich ließ sie auf meinen Schoß. „Eine Meerjungfrau, ja?“, fragte ich mit gespielter Begeisterung. Ich mochte Lillis ausgeprägte Fantasie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Lilli nickte energisch. „Sie war im Wasser, als Papa und ich geangelt haben. Sie hatte einen Fischschwanz und alles!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Papa, der inzwischen auch bei unserem kleinen Zeltlager angekommen war, stellte seine Angelausrüstung ab. Er hob entschuldigend die Hände. „Ich hab sie nicht gesehen“, erklärte er mit seiner ruhigen Stimme. „Aber“, stolz zeigte er uns seinen Fang, „wir haben einen guten Fang gemacht. Und Lilli hat fleißig mitgeholfen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ist das so? Wie hast du Papa denn geholfen?“, wandte Mama sich an Lilli.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder nickte meine kleine Schwester energisch. „Ich hab die Angel gehalten, bis ein Fisch angebissen hat. Und einen Fisch durfte ich sogar mit einholen!“ Der Stolz stand ihr ins Gesicht geschrieben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Dann bist du ja eine richtige kleine Anglerin“, erwiderte Mama. „Was ist, hilft du mir mit den Kartoffeln?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Oh ja“, rief sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wuschelte ihr durch die Haare, bevor ich sie von meinem Schoß ließ. Wie konnte ein so kleiner Mensch nur so voller Energie stecken?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Und was ist mit dir?“, fragte Papa an mich. Als ich sein breites Grinsen sah, wusste ich sofort, was er von mir wollte. „Hilfst du mir beim Fisch?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich seufzte schwer. Das durfte ich mir bereits seit Jahren anhören. Mit sechs oder sieben hatte ich mich fast übergeben, als ich einen Fisch ausgenommen hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem schämte ich mich nicht dafür. Es war mir egal, ob es einige als unmännlich sahen, dass ich mir nicht gerne die Hände schmutzig machte. Trotzdem schien es Papa einen riesen Spaß zu machen, mich damit aufzuziehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich geh lieber noch schnell auf Toilette. Dann muss ich nicht während des Essens“, entschuldigte ich mich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Papa grinste blöd. Ich ignorierte ihn.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Aber beeil dich. Kalt schmeckt der Fisch nicht“, rief Mama mir nach, als ich mich ins Unterholz kämpfte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was dachte sie denn, wie lange ich brauchte?! Ich ging zwar etwas in den halbdunklen Wald hinein, aber doch nur, um außer Sichtweite zu sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich mich erleichterte, schloss ich die Augen und sog die kühle Abendluft ein. Sie war angenehm. Ganz anders, als in der Stadt. Die fehlenden Abgase machten die Luft nahezu geruchslos, mit einer schwachen Note von Erde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieso ging ich eigentlich nicht häufiger in die Natur? Ich liebte unsere Campingausflüge. Eigentlich war es schade, dass wir sie nur einmal im Jahr machten. Vielleicht sollte ich Papa fragen, ob ich mal auf einen seiner Angelausflüge mitdürfe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Knacken in meiner Nähe riss mich aus meinen Gedanken. Es klang, als wäre jemand auf einen Ast getreten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Leicht unwohl sah ich mich um. Meine Eltern oder meine Schwester konnten es nicht sein. Niemand von ihnen würde mit dem Kochen aufhören, nur um mich zu ärgern.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>‚Wahrscheinlich nur ein Tier oder ein herunterfallender Ast‘</em>, redete ich mir ein. Trotzdem beeilte ich mich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gerade, als ich meinen Hosenstall schloss, ertönte noch ein Knacken. Diesmal klang es näher. Dann ein Rascheln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Obwohl es keine gefährlichen Tiere in der Gegend gab, hatte ich keine Lust, herauszufinden, was es war. Also ging ich schnellen Schrittes zurück in Richtung Camp &#8230; Ich kam nicht weit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als das Mädchen wie aus dem Nichts vor mir auftauchte, erschraken wir uns beide gleichzeitig. Sie wich einen Schritt zurück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Verdammt. Hast du mich erschreckt!“, sagte sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wunderte mich kurz darüber, dass sie im Wald ein Kleid trug. In der Dämmerung sah es weiß aus. Dafür brachte es ihre braunen Haare zur Geltung, die wiederum ihr bleiches Gesicht betonten. Sie sah wunderschön aus &#8230;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was soll ich denn sagen?“ Ich fasste mir etwas zu dramatisch an die Brust, in der mein Herz nicht nur wegen des Schreckens ein klein wenig schneller schlug. „Ich hatte nicht erwartet, hier draußen jemanden zu treffen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie hatte intelligente Augen, mit denen sie mich jetzt musterte. Im schwachen Licht sahen sie sehr hell aus – vielleicht himmelblau? „Was machst du hier draußen?“, fragte sie. „Ich hab dich hier noch nie gesehen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Meine Familie und ich campen ganz in der Nähe. Wir sind vor wenigen Stunden angekommen“, erklärte ich. „Und du? Wohnst du im Dorf oder machst du auch Urlaub?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie schien entschieden zu haben, dass von mir keine Gefahr ausging. Also lächelte sie mich an. Ein süßes Lächeln, das mehr Wärme ausstrahle, als ich einem Lächeln je zugetraut hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ja. Ich wohne hier“, sagte sie knapp. „Ich war im See schwimmen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt bemerkte ich, dass ihr helles Kleid leicht feucht war. Besonders an den Stellen, wo es ihre Haut berührte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ah &#8230; Die Meerjungfrau“, sagte ich mit einem breiten Grinsen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Mädchen riss die Augen auf. Überrascht starrte sie mich an. „W-was?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich lachte kurz auf. „Ach nichts. Meine Schwester hat vorhin ein Mädchen im See baden sehen und war fest überzeugt, eine Meerjungfrau gesehen zu haben“, erklärte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt lachte auch das Mädchen. Es klang wie kleine Glöckchen, die eine wunderschöne Melodie spielten. „Ach so, na dann. Kinder haben wirklich eine lebhafte Fantasie.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir standen noch einen Moment grinsend da. Wobei es bei ihr eher ein herzliches Lächeln, als ein belustigtes Grinsen war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Christoph? Wo bleibst du denn?“, ertönte die Stimme meiner Mutter in der Ferne.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Geräusch schien das Mädchen erneut zu erschrecken. „Ich &#8230; Ich sollte gehen“, sagte sie. Dann ging sie schnellen Schrittes davon.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Warte!“, rief ich ihr nach. „Wie heißt du eigentlich? Ich bin Chris.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Mädchen blieb stehen. „Serena“, stellte sie sich vor, während sie sich zu mir umdrehte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Serena. Ein schöner Name.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ein guter Name für eine Meerjungfrau!“, sagte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder grinsten wir einander an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Vielleicht sehen wir uns ja noch einmal, Chris“, verabschiedete sich Serena.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Gerne. Wir sind das ganze Wochenende hier.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Serena lächelte. Dann ging sie weiter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich blieb noch einen Moment stehen. „Wow“, hauchte ich, während ich mir durch die Haare fuhr. Es wäre schön, sie noch einmal wiederzusehen. Dann ging auch ich weiter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich zurück beim Lagerfeuer war, war meine Familie bereits am Essen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wieso hat das so lange gedauert?“, fragte Mama. Dann lachte sie plötzlich. „Nein. Halt. Ich brauche keine Details.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder musste ich breit grinsen. „Ihr werdet es nicht glauben, aber ich habe die Meerjungfrau getroffen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mama verschluckte sich fast an dem Bissen, den sie gerade in den Mund genommen hatte, Papa zog eine Augenbraue hoch und Lillis Kinnlade klappte herunter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich hab doch gesagt, dass sie echt ist! Eine echte Meerjungfrau!“, schrie Lilli laut.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Lärm scheuchte einige Vögel auf, die in der Dunkelheit panisch davonflatterten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ja. Nur, dass sie keine Meerjungfrau ist. Ihr Name ist Serena. Und sie hat keinen Fischschwanz, sondern ganz normale Beine“, erklärte ich. „Sie war im See schwimmen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Um die Uhrzeit?“, fragte Mama. Sie klang aber nicht skeptisch, sondern eher besorgt. Sie war nun einmal eine Mutter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Keine Sorge. Sie wohnt im Dorf hier in der Nähe. Sie ist sicher schon zu Hause“, beruhigte ich sie. „Und es kann sein, dass sie uns das Wochenende mal besuchen kommt“, fügte ich hinzu. Wieder konnte ich mir ein breites Grinsen nicht verkneifen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Oh, den Blick kenn ich“, meldete sich Papa zu Wort. „Ist sie hübsch?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was? Nein! Also &#8230; doch, ist sie. A-Aber so ist das nicht!“, stammelte ich. Ich konnte dabei jedoch nicht verhindern, dass ich rot wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann brach völliges Chaos aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was? Was ist so nicht?“, fragte Lilli verwirrt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich glaube, dein großer Bruder ist in diese Serena verliebt“, erklärte Papa.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Oh &#8230; Christoph ist verlie-hiebt. Christoph ist verlie-hiebt!“, rief sie jetzt wieder und wieder.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Papa klatschte im Takt, während Mama daneben saß und das Ganze belustigt beobachtete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es dauerte sicherlich fünf Minuten, bis ich Lilli und Papa wieder beruhigen konnte – fünf Minuten, in denen ich am liebsten im Erdboden versunken wäre.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während wir aßen, kam Serena noch einige Male zur Sprache. Nachdem ich unsere Begegnung geschildert hatte, wandten wir uns aber endlich anderen Themen zu. Wir planten den nächsten Tag – Papa wollte mit der ganzen Familie eine Wanderung machen, bevor er gegen Mittag wieder angeln ging, während Mama sich einen entspannten Tag machen wollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Entspannen kannst du dich auch zu Hause“, warf Papa ein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Stimmt, aber in der Natur ist es viel schöner“, erwiderte Mama.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Eben. Deswegen sollten wir sie möglichst viel genießen – bei einer Wanderung.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es ging noch eine Weile so weiter. Ich hörte ihnen jedoch gar nicht mehr zu. Stattdessen starrte ich ins Feuer und lauschte dem Knistern. Wind raschelte in den dunklen Bäumen. Ab und hörte man auch das Geraschel von Tieren. Grillen zirpten in der Dunkelheit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Gedanken waren bei Serena. Ich war doch nicht wirklich nach der einen Begegnung bereits in sie verliebt, oder? Klar, sie war nett und sieht wirklich toll aus, aber wir hatten uns nicht einmal fünf Minuten gesehen. Außerdem war es dunkel gewesen. Ich wusste ja nicht einmal, ob ich sie tatsächlich noch einmal wiedersah.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es fiel mir den gesamten Abend über schwer, an etwas anderes zu denken. Es war, als wäre sie mit Gewalt in meinen Kopf eingebrochen und hätte alle anderen Gedanken vertrieben. Selbst, als es langsam spät wurde und wir in unsere Zelte gingen – Mama, Papa und Lilli in ein großes, ich in ein kleines eigenes –, spukte sie noch durch meinen Kopf. Ihre braunen Haare, die blauen Augen, das Lächeln ihrer makellosen Zähne.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gott, was war bloß los mit mir? Sonst dauerte es immer einige Zeit, bis ich Gefühle für jemanden entwickelt hatte. Noch nie hatte ich mich so Hals über Kopf verschossen, wie in Serena. Und so kam es, dass ich an jenem Abend mit einem Lächeln einschlief.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das nächste, an das ich mich erinnerte, war, dass jemand mein Zelt von außen öffnete. Das Geräusch des Reißverschlusses war leise, jedoch nicht leise genug, um mich schlafen zu lassen. Verwirrt schaltete ich meine Campinglampe ein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hatte mit vielem gerechnet. Etwa, dass meine Schwester lieber bei mir schlafen wolle oder das Papa eine spontane Nachtwanderung im Sinn habe, aber nicht mit &#8230;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Serena?“, fragte ich überrascht. „Was machst du hier?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mir fiel nur ein einziger Grund ein, warum sie hier vor mir stehen wurde: <em>‚Na toll &#8230; Jetzt träume ich sogar schon von ihr!‘</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch je länger die Situation andauerte, desto mehr wurde mit bewusst, dass ich wach war. Träume waren seltsam, wirr, oft zusammenhangslos. Das hier war nichts davon. Ich war bei vollem Bewusstsein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Serena kam vorsichtig zu mir ins Zelt. Sie hockte sich neben meinen Schlafsack. Zusammen mit ihr kam ein süßlicher Duft nach Blumen zu mir. Vielleicht ein Parfüm?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich hatte Lust, im See schwimmen zu gehen. Und da dachte ich mir, wieso frage ich dich nicht, ob du mitkommst &#8230;?“, flüsterte sie mit ihrer sanften Stimme.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Augen weiteten sich. „J-Jetzt? Mitten in der Nacht?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Serena zuckte unschuldig mit den Schultern, bevor sie mich mit ihrem warmen Lächeln anstrahlte. „Warum nicht?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Aber ich &#8230; Ich habe keine Schwimmsachen dabei!“, protestierte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aus Serenas Lächeln wurde ein herausforderndes Grinsen. „Ich auch nicht“, erwiderte sie zwinkernd.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort merkte ich, wie mein Gesicht heiß wurde. Ich musste knallrot geworden sein. Serena schien es nicht zu stören. Im Gegenteil: Es schien ihr zu gefallen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Spätestens jetzt hatte ich kein Argument mehr im Kopf, das dagegen sprach. Serena hatte mich voll in ihren Bann gezogen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als sie nach meiner Hand griff, um mich aus dem Zelt zu ziehen, wehrte ich mich nicht gegen sie. Ich wusste, dass es nicht richtig war. Ich sollte nicht einfach einer fremden Frau folgen. Doch mein Kopf ignoriere die Vernunft. Ich <em>wollte</em> mit ihr gehen. Ich <em>musste</em> mit ihr gehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit nichts als meiner Unterhose und meinem T-Shirt folgte ich Serena durch den Wald. Immer wieder piksten mich Stöcker und Steine in die Fußsohlen. Ich stolperte über Wurzeln, trat in weiches Moos. Doch das alles bemerkte ich kaum. Meine Augen waren nur auf Serena gerichtet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im schwachen Mondlicht konnte man kaum mehr als ihre groben Umrisse erkennen, doch trotzdem sah ich, wie wunderschön sie war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als wir den See erreichten, war er sehr ruhig. Der schwache Wind, den man am Ufer spüren konnte, sorgte kaum für Wellen auf der fast völlig flachen Wasseroberfläche. Man konnte sogar die Spiegelung des Halbmondes deutlich erkennen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Serena machte sie sich nicht einmal die Mühe, ihr Kleid auszuziehen. Sie sprang ins Wasser, ohne meine Hand loszulassen. Ich ließ es geschehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Wasser war eiskalt. Es legte sich wie ein feuchter Mantel aus Eis um meinen gesamten Körper. Obwohl ich mir dabei unmännlich vorkam, konnte ich einen kurzen Aufschrei nicht vermeiden. Zum Glück schien Serena es nicht bemerkt zu haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie hielt noch immer meine Hand, während sie weiter und weiter auf den See hinausschwamm. Wäre ich nicht völlig in ihren Bann gezogen gewesen, hätte ich wohl bemerkt, wie unnatürlich schnell sie war. Wie sie fast ohne ihre Arme zu benutzen mehrere Meter pro Sekunde schwimmen konnte. Mir wäre aufgefallen, wie ihre Haare im weißen Mondlicht grünlich schimmerten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als sie schließlich anfing, auf der Stelle zu schwimmen, mussten wir etwa in der Mitte des Sees sein. Sie drehte sich zu mir. Erst jetzt bemerkte ich, dass ihr Kleid verschwunden war. Sie war nackt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hätte ich einen Moment darüber nachgedacht, hätte ich mich wohl gewundert, wie sie das Kleid ausziehen konnte, ohne meine Hand loszulassen. Aber ich dachte nicht darüber nach. Ich bemerkte nicht einmal, wie ich vor Kälte am ganzen Körper zitterte. Vielleicht bemerkte ich es auch und es war mir bloß egal &#8230; Für mich zählte gerade nur Serena.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Liebevoll legte sie eine Hand auf meine Wange. Sie streichelte sie vorsichtig mit ihrem Daumen, während sie mich näher zu sich zog.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>‚Sie wird mich gleich küssen‘</em>, dachte ich. Und es gab nichts, was ich gerade lieber tun würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihre Hand wanderte von meiner Wange an meinen Hinterkopf. Sie fuhr mir sanft durch die Haare. Gott, wie schön sie war!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch sie zog meinen Kopf nicht weiter zu sich heran. Sehnsüchtig wartete ich darauf, dass sie mich in eine liebkosende Umarmung hüllte, ihre Lippen auf meine drückte, ihren Körper gegen meinen. Doch es passierte nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Stattdessen merkte ich, wie sie mich bei den Haaren packte. Plötzlich war alles Sanfte aus ihrer Bewegung verschwunden. Sie packte so fest zu, dass es wehtat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Verwirrt blickte ich ihr ins Gesicht. Wo war ihr Lächeln? Das Funkeln in ihren Augen? Das Gesicht, das mir entgegenblickte, war jetzt kalt und grausam. Es fehlte die so vertraute Wärme.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie packte meine Haare noch fester. Ich wollte einen Schrei ausstoßen, als sie meinen Kopf plötzlich unter Wasser drückte. Ich wehrte mich, trat um mich, schlug auf ihre Hand ein, um ihren Griff zu lösen. Doch es half nichts. Sie hatte mich fest im Griff.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Stattdessen merkte ich, wie sie sich in Bewegung setzte. Sie zerrte an meinen Haaren, zog mich weiter in die Tiefe. Etwas Schleimiges, Kräftiges streifte mich im Rhythmus ihrer Bewegungen. Ihr Fischschwanz!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich war umgeben von endloser Schwärze. Das Wasser hatte sämtliches Mondlicht geschluckt. Schnell hatte ich die Wasseroberfläche aus den Augen verloren. Dass wir tiefer und tiefer schwammen, merkte ich nur an dem immer stärker werdenden Druck auf meinen Ohren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es heißt immer, dein Leben würde an dir vorbeiziehen, wenn du stirbst. Bei mir das nicht der Fall. Meine Gedanken waren auch nicht bei meinen Freunden oder meiner Familie, sie waren bei Serena. Als ich die Luft nicht mehr anhalten konnte, Wasser in meine Lungen strömte, konnte ich nur an Serena denken. Daran, wie sie mich verraten hatte. Wie sie jetzt aber trotzdem bei mir war. Wie ich an ihrer Seite sterben würde &#8230;</p>



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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Nixen sind <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/seeungeheuer" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wasserwesen</a> der <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/deutsche-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">deutschen Mythologie</a>. Aufgrund ihres Äußeren werden sie häufig mit den Meerjungfrauen verwechselt. Zwischen ihnen gibt es jedoch entscheidende Unterschiede.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Skandinavien sind außerdem sehr ähnliche Wesen bekannt. Darunter z. B. die Nøkken in Dänemark , die Näck in Schweden oder die Nykk in Norwegen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Hinweis: Da sich der männlichen Nix in seinen Eigenschaften stark genug von der weiblichen Nixe unterscheiden, sodass ich einen eigenen Beitrag inkl. Geschichte darüber schreiben kann, werde ich den Nix in einem zukünftigen Beitrag separat behandeln.</em></p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn sich eine Nixe im Wasser aufhält, sieht sie den Meerjungfrauen sehr ähnlich: Sie besitzt den Oberkörper einer Frau und den Unterkörper eines Fisches.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Manchmal soll ihre Haut leicht grünlich sein oder sie soll grün schimmernde bis grüne Haare besitzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Verlässt eine Nixe das Wasser, verschwinden ihre unmenschlichen Eigenschaften jedoch. Sie sieht dann aus, wie eine völlig normale Frau – entweder eine wunderschöne junge Frau oder eine sehr alte Frau. Der einzige Unterschied ist, dass der Saum ihrer Kleidung immer nass sein soll. In anderen Geschichten hat sie auch feuchte Haut, Kleidung oder Haare.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sowohl in ihrer jungen menschlichen Gestalt als auch in ihrer natürlichen Form wird den Nixen eine außergewöhnliche, teilweise betörende Schönheit nachgesagt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Nixen sind dafür bekannt, dass sie Menschen – hauptsächlich junge Männer oder Kinder – in das Wasser locken und ertränken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es heißt, dass sie Musik, Tanz und Gesang lieben. Ihr betörender Gesang soll – ähnlich wie bei den Sirenen – die Fähigkeit haben, Männer in seinen Bann zu ziehen, um sie in den See oder Fluss zu locken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine der bekanntesten Nixen ist wohl die <a href="https://www.geister-und-legenden.de/loreley" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Loreley</a>, über die ich bereits einen Beitrag verfasst habe. Sie soll mit ihrem zauberhaften Gesang viele Schiffe im Rhein zum Sinken gebracht haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem sollen Nixen in einigen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Legenden</a> das Wetter kontrollieren können. So handelt eine Legende von einer Nixe, die sich in eine alte Frau verwandelt hat. Sie ist bei einem Unwetter zu einer Burg geflüchtet, um dort Schutz vor dem Wetter zu suchen. Als ihr der Einlass jedoch verweigert wurde, soll sie starken Regen beschworen haben, der die gesamte Burg überflutet hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die meisten Nixen sind bösartig. Es gibt aber auch Geschichten von Nixen, die harmlos, freundlich oder hilfsbereit waren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einige von ihnen sollen z. B. die Zukunft voraussagen können und die Menschen warnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem soll es Nixen gegeben haben, die sich in Menschen verliebt haben. Manche von ihnen haben sogar geheiratet und Kinder bekommen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Im Gegensatz zu den Meerjungfrauen leben Nixen nicht im Ozean. Sie bevorzugen Flüsse, Seen und Bäche, können sich aber auch an Land aufhalten. Trotzdem kehren sie immer wieder zu ihrem Gewässer zurück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Laut einigen Legenden besitzen manche Nixen außerdem eine Art Haus am Grund ihres Sees.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Erzählungen von Nixen gibt es schon seit tausenden von Jahren. So wurden z. B. bereits in germanischen Stämmen Geschichten über sie erzählt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch werden sie in der Nibelungensage erwähnt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Leider konnte ich nicht sonderlich viel über die frühere Darstellung der Nixen herausfinden. Es ist jedoch bekannt, dass sie in der kulturgeschichtlichen Epoche der Romantik (ca. 1795–1848) einen gewissen Wandel durchgemacht haben. Aus den vorher fast ausschließlich boshaften Nixen wurden in dieser Zeit immer häufiger freundliche und hilfsbereite Wesen.</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<p class="wp-block-paragraph">Was haltet ihr von den Nixen? Wusstet ihr, dass es zwischen ihnen und den Meerjungfrauen einen Unterschied gibt? Und was glaubt ihr, treibt die Nixen an? Aus welchem Grund hat Serena Christoph im See ertränkt? Schreibt es in die Kommentare!</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Wenn ihr mehr solche Geschichten oder Legenden lesen wollt, abonniert auch gerne meinen <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.geister-und-legenden.de/newsletter" target="_blank">Newsletter</a>, oder folgt mir auf <a rel="noreferrer noopener" href="https://twitter.com/geisterlegenden" target="_blank">Twitter</a>, <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.facebook.com/geisterlegenden/" target="_blank">Facebook</a> oder <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.instagram.com/geisterlegenden/" target="_blank">Instagram</a>!</em></p>
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