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	<title>Meer Archive - Geister und Legenden</title>
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	<description>In diesem Blog schreibe und veröffentliche ich jeden zweiten Montag eine neue Legende und Geschichte über Geister oder andere übernatürliche Dinge. Viel Spaß beim Gruseln!</description>
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	<title>Meer Archive - Geister und Legenden</title>
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		<title>Selkies – Sie wollen zurück ins Meer</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 22 Sep 2025 13:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Ich betrachtete die Narben, die zwischen meinen Fingern hervorblitzten. Laut meinen Eltern stammen sie von einem Gendefekt. Ich hätte eine Mutation gehabt, die meine Hände entstellt habe. Aber für mich sah das anders aus. Die Narben waren zu gleichmäßig. Sie waren an der Innenseite all meiner Finger und sogar meiner Zehen. Es sah eher danach aus, als hätte ich bei meiner Geburt Schwimmhäute gehabt, die mir wegoperiert wurden …</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.geister-und-legenden.de/selkies">Selkies – Sie wollen zurück ins Meer</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.geister-und-legenden.de">Geister und Legenden</a>.</p>
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<p class="wp-block-paragraph">Selkies sind zur Abwechslung mal <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer">Wesen</a>, die überhaupt nicht gruselig sind. Trotzdem finde ich diese schottischen Meereswesen unglaublich faszinierend. Ich hoffe, sie gefallen euch ebenfalls!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Lesen!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen (Achtung Spoiler!) </strong></summary>
<p>&#8211; Mobbing<br>
&#8211; Trauer</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Tag begann wie jeder andere. Nichts deutete darauf hin, dass ich an diesem Tag einen Menschen verlieren sollte, der mir so unglaublich viel bedeutete …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich saß in meiner Klasse. Unsere Englischlehrerin war noch nicht da, weshalb die anderen Schüler um mich herum noch schrien, lachten und rumalberten. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie zwei Schülerinnen eine Federtasche hin und herwarfen. Wem sie gehörte, wusste ich nicht. Aber das war mir eigentlich auch egal.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Stattdessen starrte ich auf meine Hände. Ich betrachtete die Narben, die zwischen meinen Fingern hervorblitzten. Laut meinen Eltern stammen sie von einem Gendefekt. Ich hätte eine Mutation gehabt, die meine Hände entstellt habe. Aber für mich sah das anders aus. Die Narben waren zu gleichmäßig. Sie waren an der Innenseite all meiner Finger und sogar meiner Zehen. Es sah eher danach aus, als hätte ich bei meiner Geburt Schwimmhäute gehabt, die mir wegoperiert wurden …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und das war nicht das Einzige, das mich mit dem Ozean verband. Ich war der Sohn eines Fischers. Seit mein Dad klein war, hatte er meinen Opa auf seinem Fischerboot begleitet, bis er irgendwann in seine Fußstapfen getreten war und den alten Kutter von ihm übernommen hatte. Er hatte schon immer eine enge Beziehung zum Meer gehabt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war jedoch nichts im Vergleich zu meiner Mum. Sie fuhr nicht mit Dad auf seinem Boot raus. Sie badete sogar nur selten im Ozean. Aber ihr müsstet sie mal sehen, wenn sie draußen auf der Veranda steht und aufs Meer hinausblickt. Die Sehnsucht in ihren Augen, die Überwindung, die es sie kostet, um ihre Augen von dem tiefen Blau abzuwenden. Es war, als wäre sie von der See besessen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber es gab eine Erklärung dafür. Für ihr Verhalten und sogar für meine Schwimmhäute. Es war ein Verdacht, den ich noch nie laut ausgesprochen hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hey, Fischfresse!“, riss mich eine Stimme aus meinen Gedanken. „Sitzt du ganz allein hier? Hat dein einziger Freund jetzt auch endlich erkannt, was du für ein Versager bist?“ Im nächsten Moment traf mich ein unsanfter Schlag am Hinterkopf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich starrte dabei weiter angespannt auf meine Hände und versuchte, Angus zu ignorieren. Er war der größte Bully aus unserer Klasse. Und das meine ich wörtlich. Er überragte die meisten anderen Schüler, mich eingeschlossen, um mindestens einen Kopf. Und zu meinem Pech hatte er mich auf dem Kieker, seit ich angeblich seine Beziehung ruiniert hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es hatte damit angefangen, dass wir in die weiterführende Schule gekommen waren. Damals war Angus mit Ellie zusammen gewesen, einem Mädchen aus unserer Klasse. In den ersten Wochen wurde mir jedoch klar, dass Ellie heimlich ein Auge auf mich geworfen hatte. Eins hatte zum anderen geführt, bis Angus schließlich voller Eifersucht mit ihr Schluss gemacht hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dabei war das nicht meine Schuld gewesen. Oder zumindest nicht meine Absicht. Ich hatte keinerlei Annäherungsversuche gegenüber Ellie unternommen, ihr sogar gesagt, dass ich kein Interesse an ihr hatte. Aber es hatte nichts gebracht. Und so folgten bisher drei Jahre voller Terror, in denen ich nichts anderes tun konnte, als Angus‘ Schikanen auszusitzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hey! Callum! Hat dir deine Mommy nicht beigebracht, dass du antworten sollst, wenn jemand mit dir spricht?“, fuhr Angus mich an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich konnte ein Zusammenzucken nicht unterdrücken. Er stand noch immer hinter mir. Der erwartete Schlag, der erneute Schmerz an meinem Hinterkopf blieb jedoch aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wenn du dich mit jemandem anlegen willst“, hörte ich eine andere Stimme, „such dir jemanden in deiner Größe.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erleichtert atmete ich auf. Da stand Liam und hielt Angus‘ zum Schlag ausgeholte Hand fest. Er zwinkerte mir zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment befreite Angus seine Hand mit einem Ruck. Er funkelte mich an. „Nächstes Mal, Fischfresse“, sagte er nur, ehe er weiter zu seinem Platz ging.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Liam kam einen Schritt näher. Er legte seine Hand auf meine Schulter. „Mach dir nichts draus, Callum. Angus ist ein Arsch.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich widerstand dem Drang, nach seiner Hand zu greifen. Nicht hier. Die anderen durften nichts von uns wissen. Stattdessen lächelte ich ihn schief an „Danke. Aber das wusste ich schon vorher.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment zog er seinen Stuhl zurück und setzte sich neben mich. „Wie sieht es eigentlich mit unseren Wochenendplänen aus? Steht das Zelten noch?“, fragte er neugierig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Fast sofort spürte ich, wie mein Lächeln wärmer wurde. „Meine Eltern sind einverstanden“, erklärte ich. „Ich muss nur unser altes Zelt wiederfinden. Aber das bekomm ich schon hin.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein ganzes Wochenende. Nur Liam und ich. Zwei Tage, an denen wir nicht aufpassen mussten, ob uns jemand sieht, wenn wir Händchen hielten. Wir mussten uns keine Gedanken machen, wenn wir abends zusammen im Gras lagen und den Sternenhimmel beobachteten. Uns nicht vorher umsehen, wenn wir einander einen flüchtigen Kuss geben wollten.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der restliche Schultag verlief ruhig. Zwar sah ich einige Male, wie Angus mir verächtliche Blicke zuwarf, aber da Liam mir nicht mehr von der Seite wich, ließ er mich in Ruhe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als die Glocke schließlich das Ende der letzten Stunde ankündigte, beeilte ich mich, meine Sachen zu packen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wir sehen uns morgen“, sagte ich zu Liam.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Schreib mir, wenn was dazwischenkommt oder du das Zelt nicht findest“, erwiderte er. „Ansonsten hol ich dich um Punkt 10 ab.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich grinste. „Ich schreib dir auch, wenn mir nichts dazwischenkommt“, erklärte ich. Danach berührte ich ihn sanft an der Schulter – die intimste Berührung, die ich mir in der Schule erlaubte –, ehe ich zum Bus rennen musste.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach einer ruhigen Busfahrt, bei der ich hauptsächlich Musik gehört hatte, und etwa drei Minuten Fußweg näherte ich mich unserem Haus. Es stand in Küstennähe und ich konnte von der Straße aus bereits das Rauschen der Wellen hören. Ein schwacher Geruch nach Meerwasser stieg mir in die Nase und ich spürte, wie mich ein wohliger Schauer überkam. Ich liebte den Strand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz darauf sah ich, dass auch Mum wieder auf der Veranda stand und auf das Meer hinaus starrte. Sie tat das häufig. Eigentlich fast täglich, wenn das Wetter gut war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hey Mum“, begrüßte ich sie. „Bin wieder da.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber Mum reagierte nicht. Es wirkte nicht so, als hätte sie mich bemerkt, obwohl ich laut genug gesprochen hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Genau das meinte ich. Es war, als wäre sie in ihrer eigenen kleinen Welt gefangen. In diesen Momenten gab es nur sie und das Meer. Natürlich könnte das eine Form von Autismus sein oder irgendetwas Ähnliches, aber ich hatte etwas anderes im Verdacht. Etwas anderes, das noch so viel mehr erklären würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hier in Schottland gibt es alte Legenden von den sogenannten Selkies – Schottisch für „Robben“. Und genau das waren sie auch. Bei den Selkies soll es sich um große Robben handeln, die manchmal ihr Fell abstreifen, um als Menschen an Land zu wandeln. Wenn sie nun ihr Fell verloren oder es gestohlen wurde, waren sie dazu verdammt, auf ewig Menschen zu bleiben. Es heißt aber, dass sie die tiefe Sehnsucht nach der See, ihrem wahren Zuhause, nie verlieren sollen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und ja, ich weiß, wie das klingt. Mit 15 sollte man nicht mehr an solche Märchen glauben. Am Anfang war es auch bloß eine alberne Idee gewesen, die ich selbst für bescheuert gehalten hatte. Je mehr ich über die Selkies gelesen hatte, desto mehr erinnerten mich die Erzählungen jedoch an Mum. Als ich dann auch noch erfuhr, dass die Kinder von Selkies oft Schwimmhäute zwischen Fingern und Zehen haben … Seit jenem Tag betrachte ich meine Theorie jedenfalls als reelle Möglichkeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich ertappte mich dabei, wie ich wieder meine Narben musterte. Also ließ ich die Hände wieder sinken. Mum hatte mich noch immer nicht bemerkt und ich wollte sie nicht aus ihren Gedanken reißen, also ging ich weiter ins Haus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich bin wieder da!“, rief ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz darauf steckte Dad seinen Kopf aus dem Wohnzimmer. „Hi Callum“, grüßte er durch seinen vollen Bart. „Wie war die Schule?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„So wie immer“, antwortete ich vage.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Und Liam?“, fragte er weiter. „Wie geht es ihm? Freust du dich schon auf morgen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei dem Gedanken an meinen Freund musste ich sofort lächeln. „Ihm gehts gut. Und ja. Das tu ich. Apropos … Weißt du zufällig, wo unser Zelt ist? In der Garage konnte ich es gestern nicht finden.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dad überlegte einen Moment. „Puh. Es ist schon ewig her, dass wir das benutzt haben. Vielleicht liegt es auf dem Dachboden? Ich kann aber nicht versprechen, dass es nicht inzwischen völlig von Motten zerfressen ist.“ Er lächelte verspielt und zwinkerte mir zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Gesichtsausdruck musste daraufhin so entsetzt gewesen sein, dass Dad lachen musste. Er kam zu mir und wuschelte mir durch die Haare. „Keine Sorge. Wenn das Zelt wirklich kaputt ist, fahre ich persönlich morgen früh in die Stadt und hol dir ein neues. Oder wenn du es nicht finden kannst. Ihr könnt euren kleinen Abenteuerurlaub auf jeden Fall machen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt strahlte ich. „Danke Dad“, sagte ich und gab ihm eine flüchtige Umarmung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„In zwei Stunden gibt es Essen!“, rief er mir nach, während ich auf den Dachboden rannte.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf dem Dachboden roch es nach Staub. Nein, es roch nicht nur danach. Im schwachen Licht, das durch ein einzelnes Fenster fiel, sah ich die Staubpartikel durch die Luft tanzen. Und auch die Möbel, Kisten und anderen Dinge hier oben waren alle von einer dicken Staubschicht bedeckt. Ich war ewig nicht hier oben gewesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Neugierig sah ich mich um. Mein Blick fiel auf einen in sich zusammengesackten Fußball, auf dem das ausgeblichene Gesicht einer Cartoonkatze war. Auch er war von Staub bedeckt. Trotzdem weckte er bei mir sofort Erinnerungen. Meine Eltern hatten ihn mir geschenkt, als ich noch nicht einmal in der Schule war. Wie viele Nachmittage wir ihn hin und her gekickt hatten. Mein Dad hatte extra schlecht gespielt, damit ich überhaupt ein Tor schießen konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder merkte ich, dass ich lächelte, während ich meinen Blick weiterwandern ließ. Hier oben waren so viel Dinge – mir bekannte und unbekannte. Einige mussten von meinen Großeltern stammen. Alte schwarz-weiß Fotos auf einem uralt aussehenden Tisch. Andere von Dad oder von mir. Nur von Mum schien hier nicht wirklich etwas zu liegen. Auch ihre Eltern oder andere Familienmitglieder hatte ich nie kennengelernt. Es gab nicht einmal Fotos von ihnen. Wieder musste ich an meine Selkie-Theorie denken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schüttelte den Kopf. Deswegen war ich nicht hier. Wenn ich vor dem Essen noch irgendetwas erreichen wollte, musste ich mich an die Arbeit machen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem ich grob alles überflogen hatte, ohne dabei etwas zu finden, dass nach einem Zelt aussah, nahm ich mir die Kisten vor. In vielen von ihnen war Ramsch – altes Geschirr, Zeitschriften, aussortierte Wäsche. Ich ignorierte sie. Bei anderen hingegen fiel es mir weniger leicht, sie beiseitezuschieben. In ihnen lagen hauptsächlich alte Dinge von mir. An einer Kiste mit alten Spielsachen und Kuscheltieren verschwendete ich bestimmt eine Viertelstunde, obwohl von vornerein klar war, dass das Zelt nicht darin liegen würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch fand ich Dads alte Angelausrüstung. Sie lag auf einer unbeschrifteten Kiste. Auch hier schwelgte ich in Erinnerungen. Es war Jahre her, dass Dad und ich angeln waren. Warum auch? Fische fangen war immerhin sein Beruf. Da wollte er in seiner Freizeit sicherlich etwas anderes machen. Ich erinnerte mich an ein Lagerfeuer, über dem wir einen viel zu kleinen Fisch gebraten hatten – den einzigen Fisch, den ich an jenem Tag selbst gefangen hatte. Dad hatte mir geholfen, die Gräten zu entfernen, damit ich ihn essen konnte, ehe wir … zurück ins Zelt gegangen waren! Der Angelausflug war ein Campingtrip gewesen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hastig räumte ich die Angelausrüstung beiseite, um an die Kiste zu kommen. Vielleicht war ich dabei etwas unvorsichtig – die Ausrüstung fiel mir mit lautem Gepolter aus der Hand –, aber das war mir gerade egal. Sobald die Kiste frei war, klappte ich die obere Pappe beiseite. Darin lag … etwas Graues, Flauschiges. Unsicher griff ich danach. Es war eine Art dichter, weicher Stoff. Ich holte es aus der Kiste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz darauf lag die Robbenhaut ausgebreitet vor mir auf dem Boden. Sie war grau, mit dunklen Flecken und einem auffälligen hellen Muster in der Mitte – etwa dort, wo der Rücken der Robbe gewesen sein musste. Außerdem war es ungewöhnlich groß.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Selkies können ihr Robbenfell abstreifen, um als Menschen an Land zu wandeln“, murmelte ich. Konnte es sein? War das Mums Fell?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Gedanken kreisten. Sie wirbelten umher und überschlugen sich. Nehmen wir an, dass Mum tatsächlich eine Selkie ist. Warum lag ihr Fell dann auf dem Dachboden? Soweit ich mich erinnerte, hieß es, dass Selkies immer nach kurzer Zeit ins Wasser zurückgekehrt sind. Außer sie haben ihr Fell verloren. Oder es wurde gestohlen. Aber warum lag es dann hier oben. Dad würde doch nie …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurzerhand packte ich das schwere Fell und ging damit zurück ins Wohnzimmer. Meine Schritte stapften laut über die Holztreppe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Dad? Dad, was ist das?“, stellte ich ihn zur Rede.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst sah er neugierig auf. Dann weiteten sich jedoch seine Augen und er sah flüchtig zum Fenster. „Pack das weg“, flüsterte er leise. „Mum darf es nicht sehen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also war es wahr? „Warum nicht?“, hakte ich nach.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Es ist … Es ist ein Geschenk“, sagte er. Ich erkannte die Lüge sofort. Dad war noch nie ein guter Lügner gewesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ist Mum eine Selkie?“, fragte ich also direkt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Daraufhin klappte Dads Mund auf. Es kam aber kein Ton heraus. Er schloss und öffnete ihn wieder. Er sah aus wie ein Fisch, den man an Land geholt hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das reichte mir als Antwort. Also rannte ich weiter Richtung Haustür. Wenn das Mums Fell war, musste sie wissen, dass es im Haus lag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Callum! Warte!“, rief Dad, während er mir nachstürzt. Aber er war zu langsam. Ich war bereits nach draußen auf die Veranda getreten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dort stand Mum. Sie wandte die Augen vom Ozean ab – wahrscheinlich um zu sehen, was der Tumult sollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als sie mich sah, erstarrte sie. Oder besser gesagt als sie das Fell in meinen Händen sah. Ihre weit aufgerissenen Augen waren starr darauf gerichtet. Ungläubig tat sie einen Schritt auf mich zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich kenne dein Geheimnis, Mum“, sagte ich leise, während ich das Robbenfell hochhielt. Ich spürte, wie sich ein Kloß in meinem Hals bildete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt hatte auch Dad die Tür erreicht. „Selene, ich … Ich kann es erklären!“, sagte er schnell.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch Mum beachtete ihn gar nicht. Sie trat weiter auf mich zu, streckte die Hand nach dem Fell aus, zögerte dann jedoch. Ihre Hand griff stattdessen nach meiner Wange. Ihre dunklen Augen sahen tief in meine. „Und ich kenne dein Geheimnis“, sagte sie ruhig. „Dad und ich sehen doch, wie Liam und du einander anseht. Wir wissen es. Und wir freuen uns für euch.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt lächelte sie. Ich stand bloß da, spürte, wie mir heiß und kalt gleichzeitig wurde. „Ich … Wir …“, stammelte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mum streichelte meine Wange. „Es ist in Ordnung“, sagte sie sanft. Jetzt sah sie auch zu Dad. Auch ihn lächelte sie an. „Ich liebe euch.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann griff sie nach dem Fell, warf es sich über die Schultern und rannte den kleinen Abhang zum Strand hinunter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dad stürzte ihr sofort nach. „Selene! Selene!“, brüllte er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich blieb auf der Veranda stehen, sah dabei zu, wie Mum in die Wellen rannte und elegant wie eine Robbe darin verschwand. Nein. Nicht <em>wie</em> eine Robbe. <em>Als</em> Robbe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dad versuchte noch eine Weile, sie einzuholen, ehe er aufgab und völlig durchnässt aus dem Wasser stapfte. Er sackte am Strand in sich zusammen und weinte. Auch ich weinte jetzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war das letzte Mal, dass ich Mum gesehen habe. Zumindest in ihrer menschlichen Gestalt. Aber oft, wenn ich mit Liam am Strand bin, oder mit Dad auf seinem Kutter, kann ich unweit im Wasser eine Robbe entdecken. Eine Robbe mit einem auffällig hellen Muster auf ihrem Rücken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn ihr mich fragt, ob ich bereue, Mum ihr Fell wiedergegeben zu haben, so kann ich nur sagen, dass es das Richtige war. Klar, ich vermisse sie, aber sie ist ein Wesen des Meeres. Niemand sollte sie an Land gefangen halten. Auch nicht aus Liebe. Und ich denke, das hat auch Dad inzwischen eingesehen.</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Selkies (Schottisch für „Robben“), auch Silkies, Sylkies oder Selchies geschrieben, sind Wesen der keltischen Mythologie. Es handelt sich bei ihnen um Robben, die ihre Haut ablegen und sich so in Menschen verwandeln können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Oft werden sie als keltische Version der Meerjungfrauen-Legende bezeichnet.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In den meisten Geschichten sind sie weiblich, es gibt aber auch <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden">Legenden</a> über männliche Selkies.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie bereits erwähnt sind sie Gestaltwandler. In ihrer Robbenform sehen sie wie normale Robben aus. Es handelt sich dabei aber normalerweise um größere Arten als z. B. die in Deutschland heimische Kegelrobbe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Menschengestalt hingegen werden sie als besonders schön und anmutig beschrieben. Man sagt, dass sich Menschen aufgrund ihres Aussehens sehr schnell in Selkies verlieben können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Oft heißt es auch, dass sie dunkle Haare und/oder dunkle Augen hätten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die meiste Zeit sollen die Selkies in ihrer Robbengestalt im Meer verbringen. Es kommt jedoch vor, dass sie ihre Robbenhaut ablegen und sich so in einen Menschen verwandeln. In diesem Zustand müssen sie jedoch gut auf ihre Robbenhaut achtgeben. Wenn sie sie verlieren oder sie gestohlen wird, können sie sich nicht mehr in eine Robbe zurückverwandeln, bis sie ihre Haut wiederhaben. In diesem Zustand sollen sie sich intensiv nach dem Meer sehnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie oft bzw. wann sie ihr Robbenfell ablegen können, um sich zu verwandeln, kann je nach Version variieren. So heißt es manchmal, sie können sich nach Belieben verwandeln, andere Male heißt es hingegen, es ginge nur jede siebte oder neunte Nacht, nur bei Vollmond, nur einmal im Jahr (z. B. zur Sommersonnenwende) oder gar nur alle sieben Jahre.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den meisten Geschichten, die von weiblichen Selkies handeln, stiehlt ein Mann das Fell der Selkie, um sie dazu zu zwingen, an Land zu bleiben. Entweder wird die Selkie dadurch an den Mann gebunden oder sie weiß nicht, dass er das Fell besitzt. So oder so gehen die beiden daraufhin oft eine Beziehung ein. In den meisten Fällen heiraten sie und bekommen sogar Kinder. Irgendwann findet die Selkie das Robbenfell, woraufhin sie es überstreift und als Robbe ins Meer zurückkehrt. Im Normalfall kommt sie nie wieder zu ihrem Mann zurück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Kinder von Selkies haben oft Schwimmhäute zwischen den Fingern und Zehen. Auch sollen sie häufig weitere Eigenschaften wie z. B. die Schönheit oder eine Sehnsucht nach dem Meer von ihrem Selkie-Elternteil erben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einigen eher seltenen Legenden habe ich auch davon gelesen, dass Selkies das Wetter kontrollieren und somit Stürme heraufbeschwören können.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Männliche Selkies:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Die Eigenschaften der männlichen Selkies sind an sich identisch mit denen der weiblichen, jedoch unterscheiden sich ihre Legenden häufig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So sind männliche Selkies eher dafür bekannt, einsame oder unglücklich verheiratete Frauen zu verführen. Es heißt z. B., dass ein Selkie auftauchen soll, wenn eine Frau sieben Tränen ins Meer weint. In den Legenden verbringen die beiden daraufhin oft die Nacht zusammen, ehe der Selkie ins Meer zurückkehrt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Hauptsächlich stammen die Legenden über Selkies aus Schottland, besonders von den Orkney- und Shetlandinseln. Aber auch in anderen Küstenregionen Schottlands und an den Küsten Irlands sollen Selkies den Legenden nach anzutreffen sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt sogar einige Selkie-Legenden, die es bis nach Island und auf die Färöer geschafft haben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die ältesten Erwähnungen von Selkies, die ich finden konnte, stammen aus dem 13. Jahrhundert. Abgesehen davon, dass die Legenden aus Schottland stammen, ist über den Ursprung der Selkies jedoch nicht viel bekannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt aber einige Theorien dazu:</p>



<p class="wp-block-paragraph">So vermuten manche Folkloristen, dass es ein Erklärungsversuch für einige Krankheiten gewesen sein könnte, die zu gewissen Verformungen des Körpers von Kindern geführt haben. Als Beispiel wird hierbei Syndaktylie genannt, eine Krankheit, die in einigen Fällen für schwimmhautähnliche Verformungen zwischen zwei Fingern führen kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch besteht die Möglichkeit, dass sie metaphorisch gemeint sein und Frauen beschrieben haben könnte, die sich nicht in die damalige Gesellschaft eingefügt haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am interessantesten finde ich hingegen eine Theorie, die erst im 19. oder 20. Jahrhundert entstanden ist. Darin wird die Vermutung aufgestellt, dass in früherer Zeit, als die Schotten bereits Kontakt zu den Finnen und/oder Samen gehabt hatten, sie einige der Skandinavier in ihren aus Tierhäuten bestehenden Booten gesehen haben könnten. Besagte Boote schwammen nur so lange gut, wie die Tierhäute noch nicht völlig durchnässt waren. Sie mussten also gelegentlich an Land gehen, um ihre Boote und wahrscheinlich auch ihre (häufig aus Robbenpelz) bestehende Kleidung zu trocknen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn ein Finne oder Same also an Land gegangen ist, wo er sein Robbenfell abgelegt hat, hätte es durchaus so aussehen können, als habe er sich gerade von einer Robbe in einen Menschen verwandelt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Selkies in der Popkultur:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Aufgrund ihrer internationalen Bekanntheit gibt es zahlreiche Auftritte von Selkies in der modernen Popkultur.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In dem irischen Fantasy-Abenteuerfilm „Das Geheimnis des kleinen Seehundes“ (1994), der auf dem Roman „Secret of the Ron Mor Skerry“ (Englisch für „Das Geheimnis von Ron Mor Skerry“, 1957) von Rosalie K. Fry basiert, spielen Selkies eine zentrale Rolle.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weitere bekannte Selkie-Filme sind u. a. der irische Animationsfilm „Die Melodie des Meeres“ (2014), der australische Kinder-Abenteuerfilm „Selkie &#8211; Der Seehundmensch“ (2000) oder der irische Dramafilm „Ondine – Das Mädchen aus dem Meer“ (2009).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch gibt es diverse Bücher über Selkies, so z. B. der Fantasyroman „Sealskin“ („Robbenhaut“, 2016) von Su Bristow oder der Young Adult Roman „A Stranger Came Ashore“ („Ein Fremder kam an Land“, 1975) von Mollie Hunter.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von den Selkies? Hat euch die Geschichte gefallen? Und was würdet ihr tun, wenn ihr die Robbenhaut einer Selkie am Strand findet? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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		<title>Die Ningyo – Wirf sie zurück ins Wasser!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 12 Sep 2022 13:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Ich starrte ihn an, dann sah ich wieder zu der Ningyo, die ihren Mund noch immer öffnete und schloss. Öffnete und schloss. Öffnete und schloss. Dann wieder zu Hiroshi. In seinen Augen zeichnete sich keinerlei Wahnsinn ab, während er mich ernst ansah ...</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg09.met.vgwort.de/na/46a48506faed4848a3a01d0bc165751b" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Die Ningyo ist ein japanisches <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wesen</a>, das zum Teil Fisch und zum Teil Mensch ist. Trotzdem unterscheiden sie sich starkt von den westlichen Meerjungfrauen. Warum das so ist, erfahrt ihr in diesem Beitrag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">(Ich muss übrigens gestehen, dass ich nur wenig Ahnung vom Fischen habe. Natürlich habe ich versucht, mich so gut es geht zu informieren, habe über das Fischen mit Netzen jedoch nur sehr wenig Infos gefunden. Daher hoffe ich einfach mal, dass ich nicht allzu viel Müll geschrieben habe und euch die Geschichte trotzdem gefällt! <strong>😅</strong>)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen</strong></summary>
<p>&#8211; Blut<br>
&#8211; Naturkatastrophe</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Ich stand an der Reling und sah mit einem Lächeln aufs Meer hinaus. Die Sonne glitzerte in den sanft rauschenden Wellen, die das Boot in ein langsames, gemütliches Schaukeln versetzten. Es war ein herrlicher Spätsommerabend knapp vor der japanischen Küste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„André, hilf Naoto mit dem Netz!“, rief Hiroshi von hinten. Er hatte einen befehlenden, fast überheblichen Tonfall, der mir normalerweise nicht gepasst hätte, aber immerhin bezahlte er mich dafür, dass ich ihm diese Woche beim Fischen half.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich also zu ihnen eilte, stand Hiroshi halb im Cockpit und sah mich an. Sein strenger Blick wurde von seinen Falten und den teilweise grauen Haaren untermalt. Naoto hingegen hatte freundliche, dunkle Augen und ein sanftes Gesicht, auch wenn er es gerade vor Anstrengung verzog.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich beeilte mich, ihm zu helfen, das gut gefüllte Fischernetz an Bord zu ziehen. Schnell stieg mir der Geruch von Fisch in die Nase, als das zappelnde Netz vor uns lag. Zwar quoll es nicht über vor Fischen, aber es war ein guter Fang.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hiroshi machte sich sofort daran, die Ausbeute zu inspizieren. Mit geschickten Fingern leerte er das Netz in eine Plastikwanne, durchwühlte die Fische, als wären sie Erde, in der ein Schatz vergraben ist, &#8230; und kippte anschließend den gesamten Fang unter lautem Platschen und Plätschern zurück ins Meer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu Anfang hatte ich ihm noch entsetzt dabei zugesehen, aber inzwischen hatte ich mich daran gewöhnt. Immerhin machte er das schon die ganze Woche so. Zugegeben: Am Montagvormittag hatte er sich noch bemüht, nur die großen Fische zu behalten. Die kleineren – auch die, die bei Weitem groß genug waren, um sie zu verkaufen – warf er allesamt ins Meer zurück. Aber bereits am selben Abend verwarf er seine Prinzipien und kippte alle Fische, ganz egal wie groß oder klein sie waren, in seine große Kühlbox.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sobald die Kühlbox voll war, fuhren wir aber nicht zum Hafen. Nein, wir fischten einfach weiter und warfen den Fang zurück ins Meer. Hiroshi sah dann zwar jedes Mal die gesamte Ausbeute durch, aber war nie zufrieden. Es kam mir fast vor, als würde er irgendetwas suchen. Als ich ihn jedoch danach gefragt hatte, hatte er nur schroff gemeint, dass ich sein Angelverhalten nicht in Frage stellen solle und er mich gut bezahle. Anschließend war das Gespräch für ihn beendet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Es wird langsam spät. Wir sollten allmählich umkehren“, warf Naoto ein, nachdem die Plastikwanne wieder leer war. „Ich hab meiner Frau versprochen, dass wir heute Abend gemeinsam essen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hiroshi musterte ihn, als habe er ihm vor die Füße gespuckt, ehe er einen flüchtigen Blick zur Sonne warf, die sich langsam dem Horizont näherte. Schließlich erwiderte er: „Na, meinetwegen. Eine halbe Stunde machen wir noch. Danach können wir zurück zum Hafen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Naoto nickte knapp. Anschließend verschwand Hiroshi im halb offenen Cockpit, startete den Motor, der sofort leise zu summen begann, und das Boot fuhr weiter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wusste nicht, ob er irgendeinem System folgte, während wir durch das offene Meer fuhren, oder ob Hiroshi ziellos durch die Gegend tuckerte, bis sein komisches Gerät irgendetwas anzeigte. Es war eine Art Tablet, das fest neben dem Lenkrad verbaut war. Soweit ich es verstanden hatte, zeigte es ihm, wo sich unter uns Fischschwärme und größere Fische befanden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gelegentlich piepte das Tablet. Das war immer der Moment, wo Hiroshi es aufgeregt ansah. Kurz darauf sah er entweder enttäuscht wieder nach vorn, oder aber er drehte am Lenkrad, steuerte das Boot an eine bestimmte Stelle und befahlt Naoto, das Netz auszuwerfen – ein Befehl, dem Naoto in Windeseile nachkommen musste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So ging das schon die ganze Woche. Die meiste Zeit kam ich mir dabei völlig nutzlos vor. Naoto wurde von Hiroshi wohl angeheuert, weil er Ahnung vom Fischen hatte. Im Notfall könnte er sogar das Boot steuern. Ich hingegen war die größte Landratte, die man sich vorstellen konnte. Abgesehen von meinen Muskeln hatte ich nichts, was mich für den Job qualifizierte. Vielleicht war ich als Weißer auch bloß aus der Masse hervorgestochen, weswegen Hiroshi mich angesprochen hatte. Ein anderer Grund wollte mir jedenfalls nicht einfallen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber was es auch war, ich war froh, hier zu sein. Immerhin wurde ich gut bezahlt, obwohl ich kaum mehr tat, als auf dem Boot zu sitzen und das Meer zu genießen – abgesehen von dem gelegentlichen Einholen des Netzes, heißt das natürlich. Und so störte mich auch Hiroshis Verhalten nicht, als er auch den Inhalt der beiden letzten Netze, die wir vor unserem Heimweg auswarfen, ohne mit der Wimper zu zucken ins Meer zurückwarf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Also gut, Männer“, sagte er mürrisch. „Wir machen uns auf den Rückweg. Hoffentlich haben wir morgen mehr Erfolg.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Naoto und ich warfen einander einen verwirrten Blick zu. Ich kannte mich zwar nicht so gut mit Fischen aus, aber soweit ich es beurteilen konnte, war unser Anglerglück die letzten Tage nahezu überirdisch gewesen. Es war kaum ein Tag vergangen, an dem unsere kleine Kühltruhe am Abend nicht randvoll war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ehe ich Hiroshi jedoch darauf ansprechen konnte, war er bereits im Cockpit verschwunden. Aber wahrscheinlich hätte er eh wieder nur ausweichend darauf reagiert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn er uns doch wenigstens sagen würde, wonach er suchte. Ich mochte keine Ahnung von der See und Fischen haben, aber Naotos Wissen reichte für uns beide aus!</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den nächsten Minuten, in denen die ersten Gebäude in der Ferne auftauchten und langsam größer wurden, beobachtete ich den Himmel. Die Sonne war bereits untergegangen und färbte den Horizont nun in ein warmes, feuriges Rot. Ein gutes Zeichen: Immerhin deutete Abendrot auf gutes Wetter hin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch während ich mich schon darauf freute, bald in meiner kleinen, warmen Wohnung zu sitzen und gemeinsam mit meinem Kater Mr. Fluff fernzusehen, hörte ich plötzlich ein vertrautes Piepen. Es war das komische Tablet, das beim Fischefinden half. Kurz darauf folgte ein ungläubig gemurmeltes „Ich wusste nicht, dass sie so groß werden“ und ein lauteres „Naoto! Mach das Netz bereit! Wir wagen einen letzten Wurf!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Enthusiasmus in Hiroshis Stimme überraschte mich. Und wie ich an Naotos Reaktion sah – er sprang sofort auf und griff, ohne zu murren, nach dem Netz –, ging es ihm ähnlich. Was auch immer Hiroshi auf seinem Fischradar gesehen hatte, vielleicht war es ja das, wonach er suchte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diesmal ließ er den Motor laufen, während Naoto das Netz auswarf. Es bildete platschend einen fast perfekten Kreis auf der Wasseroberfläche, bevor es schnell in der Tiefe verschwand. Aber während Naoto und ich gebannt auf das langsam verschwindende Netz starrten, blieb Hiroshi im Cockpit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Verdammt!“, rief er. „Daneben! Holt das Netz ein! Holt es ein!“ Er sprach dabei schnell und ungehalten. Fast klang es, als wäre er wütend auf Naoto, aber ich war mir sicher, dass es nur die Aufregung war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort sprang ich auf und half Naoto mit dem Netz. Es war nicht sonderlich tief gesunken und hatte keinen einzigen Fisch eingefangen, also war es sehr viel einfacher, es einzuholen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anschließend steuerte Hiroshi das Boot einige Meter weiter und befahl uns, das Netz erneut auszuwerfen. Wieder war er nicht zufrieden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem Naoto das Netz noch ein drittes und viertes Mal ausgeworfen und wir es eingeholt hatten, merkte ich, wie schwer er inzwischen atmete. Es sah so leicht aus, wie er das Netz warf, aber wenn ich bedachte, wie schwer das verdammte Teil war und weit er es werfen musste &#8230;</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nochmal!“, rief Hiroshi. „Kommt schon, kommt schon! Wir haben sie gleich!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nur eine kurze Pause“, bat Naoto schnaufend. Er stützte sich am Boot ab, während er versuchte, wieder zu Atem zu kommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das passte Hiroshi jedoch nicht. Er stürmte kurzerhand aus dem Cockpit, packte das Netz und warf es selbst ins Meer. Die Kraft und Geschicklichkeit, die er dabei bewies, hätte ich ihm in seinem Alter nicht mehr zugetraut. Zwar flog das Netz bei Weitem nicht so rund wie bei Naotos Würfen, aber man konnte deutlich erkennen, dass es nicht sein erster Netzwurf war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich jedenfalls hatte nicht ansatzweise so gut geworfen, als ich es vorgestern spaßeshalber unter Naotos Anleitung versucht hatte. Mir war nicht ein einziger Fisch ins Netz gegangen. Und wahrscheinlich könnt ihr euch denken, wie begeistert Hiroshi darüber gewesen war. Im Gegensatz dazu sah er aus wie ein Profi.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Noch bevor das Netz das Wasser berührt hatte, stürmte Hiroshi zurück ins Cockpit, um auf sein Tablet zu sehen. Aber das wäre gar nicht nötig gewesen: Kurz nachdem das Netz untergegangen war, spannte sich das Seil, das das Netz mit dem Boot verband. Ein Ruck fuhr durch das Boot, nicht stark genug, um mich aus dem Gleichgewicht zu bringen, aber er war deutlich spürbar. Was auch immer wir im Netz hatten, es wehrte sich mit Leibeskräften.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Holt es ein!“, schrie Hiroshi, während er aus dem Cockpit gerannt kam. Er packte als Erster das Netz, dann folgten Naoto und ich. Gemeinsam zogen und zerrten wir daran. Stück für Stück, Meter für Meter zogen wir das Netz langsam aber sicher aus dem Wasser, bis es schließlich vor uns an Deck lag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich den Fisch sah, wie er am Boden im Netz zappelte, war ich erst erstaunt über seine Größe. Er war groß wie eine Robbe. Als ich jedoch näher hinsah, überkam mich das Gefühl von Überraschung, Entsetzen und einem Hauch von Ekel. Sein Körper sah aus, wie der eines ganz normalen Fisches mit Flossen und allem drum und dran, der Kopf jedoch &#8230; war menschlich. Er hatte ein Gesicht, einen Hals, kleine Ohren und sogar Haare. Es sah aus, als hätte man einen unförmigen Frauenkopf am Körper eines großen Fisches befestigt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie jeder normale Fisch öffnete und schloss das Wesen panisch den Mund. Aber seine Augen, seine ungewöhnlich menschlichen Augen starrten wild hin und her. Als es sie einen Moment genau auf mich richtete, stolperte ich einen Schritt zurück, rutschte auf dem nassen Boden weg und landete mit einem leisen <em>Fump</em> auf dem Hintern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber was mich noch mehr verstörte, als das merkwürdige Wesen selbst, war Hiroshis Reaktion. Während er es mit einer Hand durch das Netz an seinem „Hals“ zu Boden drückte, streichelte er mit der anderen Hand ganz zärtlich über seine Schuppen. Er musterte es mit einem liebkosenden Blick, als wäre es sein Kind oder seine Geliebte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„E-eine Ningyo!“, stieß Naoto aus. Er starrte Hiroshi mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Eine Meerjungfrau?“, fragte ich verwirrt. Ich wusste nicht, dass „Ningyo“ nicht nur das japanische Wort für Meerjungfrau war, sondern auch dieses seltsame, mir völlig fremde Wesen beschrieb.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Naoto ignorierte meine Frage. Er sah bloß weiter entsetzt zu dem Wesen. „Du musst sie zurückwerfen! Sofort!“, befahl er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hiroshi lächelte ihn an. Da war sie wieder, seine überhebliche Art. „Das werde ich nicht tun“, sagte er ruhig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Naoto griff nach einer Stange, die an der Bootswand hing, und richtete ein Ende, an dem ein metallener Haken befestigt war, auf Hiroshi.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der wiederum sah ihn unbeeindruckt an. „André, steh auf und halt mir diesen Irren vom Leib“, sagte er zu mir. „Dann verdopple ich deinen Lohn.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass sein Angebot nicht verlockend klang, dass ich nicht darüber nachgedacht hätte, aber am Ende gewann mein Gewissen. Naoto hatte mir nichts getan. Er war bisher immer superfreundlich gewesen und aus irgendeinem Grund hatte er Angst vor dem Wesen. Ganz bestimmt hatte er keine bösen Absichten, wenn er wollte, dass Hiroshi es zurückwarf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als Hiroshi jedoch bemerkte, dass ich mich nicht rührte, eskalierte die Situation vollständig. „Ach, ihr könnt mich mal!“, rief er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gleichzeitig tat Naoto einen Schritt auf ihn zu, die Stange weiter auf ihn gerichtet. „Wirf sie zurück, sonst &#8230;“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weiter kam er nicht. Mit geschickten Händen griff Hiroshi plötzlich in seine Jacke und zog eine Pistole hervor, die er auf Naoto richtete. „Sonst was?“ In seinen Augen funkelte Abscheu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erschrocken richtete ich mich auf. Jetzt zeigte der Lauf der Waffe auf mich. Ich hatte noch nie zuvor eine echte Pistole gesehen, die auf jemanden gerichtet wurde. Und schon gar nicht auf mich. Ich kann kaum erklären, wie es sich anfühlte. Plötzlich war ich völlig hilflos. Mein Magen fühlte sich an, als hätte er sich verknotet, während meine Beine zu Eis erstarrten und mein Hirn schrie, dass ich weglaufen solle. Aber ich konnte nirgendwo hin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Naoto ging es ähnlich. Er hob eine Hand, legte bedacht langsam die Stange zu Boden und hob dann auch die andere Hand. Währenddessen trat er vorsichtig einen Schritt zurück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hiroshi hingegen blieb ganz ruhig. Während er die Pistole weiter abwechselnd auf uns richtete, kramte er mit seiner freien Hand ein Fischermesser hervor. Als er es schließlich zum Hals des seltsamen Fischwesens führte, trat Naoto wieder einen Schritt nach vorn, die Hände vor sich haltend, um zu zeigen, dass er Hiroshi nichts tun wollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Panik stand ihm ins Gesicht geschrieben, auch wenn ich das seltsame Gefühl hatte, dass sie jetzt nicht mehr der Pistole galt. „B-bitte. Du musst das nicht tun“, flehte er. „Wirf sie einfach zurück. Dann kommt niemand zu Schaden. Ich habe Frau und Kinder!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich weiß nicht, wie ich genug Mut aufbringen konnte, um zu sprechen. Vielleicht war es die Überforderung, vielleicht der Fakt, dass Hiroshi die Pistole nun wieder auf Naoto gerichtet hatte. „Was ist das für ein Ding? Warum sollte jemand zu Schaden kommen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nun sah Hiroshi mich an, hielt die Pistole aber weiter auf Naoto gerichtet. „Das ist eine Ningyo. Ich suche schon seit Jahren nach einer. Und endlich habe ich sie gefunden. Wenn man ihr Fleisch isst, wird man unsterblich! Ich werde wieder jung sein!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich starrte ihn an, dann sah ich wieder zu der Ningyo, die ihren Mund noch immer öffnete und schloss. Öffnete und schloss. Öffnete und schloss. Dann wieder zu Hiroshi. In seinen Augen zeichnete sich keinerlei Wahnsinn ab, während er mich ernst ansah.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Und zu welchem Preis?“, fuhr Naoto dazwischen. „Wenn du sie nicht zurückwirfst, könnte das Unwetter die ganze Stadt zerstören. Bitte, komm zur Vernunft! Meine Familie &#8230;“ Jetzt sah er mich an. „André, bitte. Hilf mir. Wenn man eine Ningyo umbringt oder mitnimmt, hat das verheerende Katastrophen zur Folge. Gemeinsam können wir ihn aufhalten. Gemeinsam können wir &#8230;“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weiter kam er nicht. In genau diesem Moment zog Hiroshi die Klinge durch die Kehle der Ningyo. Blut schoss aus ihrem Hals hervor. Es ergoss sich über das Deck und Hiroshis Hose. Kurz darauf hörte die Ningyo auf, sich zu bewegen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich, noch immer völlig überfordert von der Situation, wieder zu Naoto blickte, sah ich, dass er auf die Knie gesunken war. Er sah aus wie ein Mann, der gerade seinen Lebenswillen verloren hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ungläubig starrte ich wieder zu dem toten Fischwesen in Hiroshis Armen. Das konnte doch nicht ihr Ernst sein. Sie waren zwei erwachsene Männer. Wie konnte auch nur einer von ihnen ein Wort dessen glauben, was sie da von sich gaben? Ein magischer Fisch, der unsterblich machte und Katastrophen herbeirief? Hörten sie sich selbst überhaupt zu?!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ehe ich den Gedanken jedoch laut aussprechen konnte, um die beiden zur Besinnung zu bringen, fegte plötzlich ein heftiger Windstoß über das Deck. Er war so stark, dass er mich straucheln ließ. Kurz darauf folgten die Wellen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mehr und mehr geriet unser Schiff ins Wanken, und als ich zum Himmel sah, weiteten sich meine Augen vor Schreck und Unglauben: Dunkle Wolken zogen auf, so schnell, wie ich einen Wetterumschwung noch nie beobachtet hatte. Erneut starrte ich ungläubig die tote Ningyo an. Wie war das möglich?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du solltest dich lieber beeilen“, rief Hiroshi über das inzwischen sehr laute Rauschen der Wellen Naoto zu. „Wenn wir rechtzeitig an Land sind, kannst du deine Familie noch aus der Stadt bringen!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Naoto sah auf. Jetzt blitze ein Funken Hoffnung in seinen Augen. Ohne auch nur eine weitere Sekunde verstreichen zu lassen, sprang er auf und rannte ins Cockpit. Kurz darauf heulte der Motor auf und das Boot raste los.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Noch nie in meinem Leben war ich mir so klein vorgekommen. Nicht nur, dass die Wellen immer größer wurden – unser Boot kam mir mehr und mehr vor wie ein Spielzeugboot im offenen Meer –, ich befand mich mitten in einem Spiel aus Mächten, die ich nicht verstand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wasser spritze mir ins Gesicht, traf mich im Mund und in meinen Augen. Sofort schmeckte ich das Salz. Gleichzeitig klammerte ich mich mit aller Kraft an dem Geländer der Bootswand fest. Die Wellen und die Geschwindigkeit des Motorboots waren dabei so heftig, dass ich mehrfach schmerzhaft gegen die Bootswand geschleudert wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hiroshi hingegen saß, scheinbar den Regeln der Physik trotzend, zufrieden auf dem Boden. Zwar wurde er auch hin und her geschleudert, während er sich und die Ningyo am Seil des Fischernetzes festhielt, aber es schien ihm überhaupt nichts auszumachen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Weißt du André, ich hätte mehr von dir erwartet!“ Trotzdem er aus voller Lunge brüllte, ging seine Stimme fast in dem Lärm unter. „Ich dachte, als Weißer würdest du mich verstehen. Ich hätte dir sogar etwas von dem Fleisch abgegeben. Du könntest unsterblich sein, wenn du mir hilfst!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich starrte ihn an, wie er dasaß und mich angrinste &#8230; Ich wusste nicht, wie schlimm das Unwetter noch werden würde, aber wir waren nicht das einzige Boot auf dem Meer gewesen. Nicht alle würden es zurückschaffen. Ihr Blut klebte an Hiroshis Händen und da besaß er die Dreistigkeit, mich noch weiter in die Sache hineinziehen zu wollen, als er es ohnehin schon getan hatte?!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Angewidert wandte ich den Blick ab. In dem Chaos aus Wellen sah ich, dass wir uns dem Anleger näherten. Inzwischen waren die Wellen so heftig, dass ich mehr als einmal befürchtete, unser Boot könnte kippen. Trotzdem schafften wir es irgendwie in einem Stück an den Hafen. Naoto versuchte sein Bestes, die Geschwindigkeit zu verringern und das Boot zu drehen. Trotzdem krachten wir mit einem lauten Knall an den Anleger. Ich wurde durchgeschüttelt. Schmerzen zuckten durch meine Finger, als das Metallgeländer durch den Aufprall vibrierte. Trotzdem hielt ich mich eisern fest.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber wenn ich darauf gehofft hatte, dass die Wellen am Hafen nicht ganz so schlimm sein würden, hatte ich mich geschnitten. Sie waren so hoch, dass sie immer wieder über den betonierten Anleger schwappten. Das Boot hob und senkte sich mit den Wellen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Inzwischen stand ich ganz hinten am Boot. Ich müsste nur einen großen Schritt wagen, dann wäre ich an Land. Aber ich traute mich nicht. Vor meinem inneren Auge malten sich Bilder aus, wie ich abrutschte, den Schritt nicht schaffte. Ich würde zwischen das Boot und den Anleger geraten. Vielleicht würden die Wellen mich auch gegen den Beton schleudern. Oder aber ich würde ertrinken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich stürmte Naoto an mir vorbei. Er hatte Anlauf genommen. In dem Moment, als das Boot durch das Wasser nach oben gedrückt wurde, sprang er an Land. Er strauchelte, konnte sich aber auf den Füßen halten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schluckte schwer. Er hatte es geschafft. Dann konnte ich das auch. Außerdem trieb das Boot langsam aber sicher vom Anleger weg. Wenn ich mich jetzt nicht traute &#8230;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich zwang mich, mein Hirn abzuschalten. Dann wartete ich die nächste Welle ab und tat es Naoto gleich. Zwar unterschätzte ich, wie tief ich fallen würde, landete erst schmerzhaft auf meinen Füßen und wurde von der Wucht weiter auf meine Knie geschleudert, aber ich hatte es geschafft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Naoto sah mich mit verzweifeltem Gesicht an, während er mir hoch half. Er hatte abgewartet, ob ich den Sprung schaffen würde. Dann sah er nervös zu den Gebäuden. „Sorry, ich muss &#8230;“, rief er über das Rauschen der tosenden Wellen. Ohne eine Antwort abzuwarten, rannte er los.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eigentlich hatte ich ihm anbieten wollen, ihn mitzunehmen – immerhin war er zu Fuß hier –, aber als ich ihm nachrief, drehte er sich nicht einmal um. Wahrscheinlich konnte er mich nicht mehr hören.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also war ich auf mich allein gestellt. Zum Glück stand mein Auto direkt am Anleger und ich war nach nur wenigen Schritten da.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bevor ich jedoch einstieg, warf ich einen flüchtigen Blick zum Boot zurück. Ich weiß nicht wie, aber Hiroshi hatte es ebenfalls an Land geschafft. Die Ningyo lag schlaff in ihrem Netz, während er sie hinter sich herzog. Aber er war verdammt langsam.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich wusste nicht, dass sie so groß werden“, schoss mir seine Stimme in den Kopf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anscheinend hatte er sich selbst überschätzt. Das geschah ihm recht. Ich würde ihm jedenfalls nicht helfen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf meinem Nachhauseweg setzte schließlich der Regen ein. Er war so heftig, dass ich unter normalen Umständen angehalten hätte, aber ich durfte keine Zeit verlieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Klitschnass kam ich bei meiner Wohnung an. Mr. Fluff wehrte sich mit seinen Krallen, als ich seinen zierlichen Katzenkörper an mein nasses T-Shirt drückte. Ich ignorierte es. Und auch wenn ich wusste, dass es ihm ganz und gar nicht gefiel, wie eng ich ihn an mich presste, während ich nach draußen in den Regen lief, ließ ich nicht zu, dass er sich befreite.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er wandte sich in meinem Griff, schlug mir sogar seine Zähne ins Fleisch, aber ich hielt ihn ganz fest, bis die Autotür hinter uns geschlossen war. Fast sofort zog er sich beleidigt auf die Rücksitzbank zurück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Tut mir leid, kleiner Prinz“, entschuldigte ich mich bei ihm. Aber der Regen prasselte so laut auf das Autodach, dass ich meine eigene Stimme nicht hören konnte. Trotzdem war ich mir sicher, dass er mir eines Tages verzeihen würde – auch wenn er nicht wusste, was ich gerade für ihn getan hatte. Schließlich startete ich meinen Motor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Von der Katastrophe, die diese Nacht meine Heimatstadt verwüstete und unzählige Menschen das Leben gekostet hatte, hörte ich erst am nächsten Tag im Radio.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Naoto – so erfuhr ich einige Jahre später, als ich ihn zufällig im Supermarkt traf – hatte seine Familie retten können. Genau wie ich hatte er seine Wohnung verloren, aber das hatte uns beide nicht aufgehalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was hingegen Hiroshi anging, habe ich keine Ahnung, was aus ihm geworden ist. Vielleicht hat er es ja tatsächlich geschafft, unsterblich zu werden. Aber wenn ich ehrlich bin, hoffe ich insgeheim, dass er es nie lebend aus der Stadt geschafft hat.</p>



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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Ningyo (japanisch für „menschlicher Fisch“ oder „Meerjungfrau“) gelten als japanische Meerjungfrauen, unterscheiden sich jedoch stark von ihren westlichen Verwandten. Sie zählen zu den <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/yokai" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Yōkai</a>.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Bei dem Wort Meerjungfrau denken die meisten von euch sicherlich sofort an eine Frau mit einem Fischschwanz statt Beinen. Doch obwohl diese Variante in den neueren Geschichten über Ningyo durchaus vertreten sein kann, sahen die Ningyo in den ursprünglichen Legenden völlig anders aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ningyo sind generell mehr Fisch als Mensch und werden fast immer als hässlich beschrieben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den meisten Legenden handelt es sich um einen großen Fisch mit einem menschlichen Kopf – meist dem einer Frau – oder einem menschlichen Gesicht. Ihre Zähne sollen fischähnlich, klein und scharf sein. Außerdem haben sie manchmal Hörner auf dem Kopf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch gibt es Erzählungen, in denen die Ningyo den Oberkörper eines Affen und den Unterkörper eines Fisches haben. Diese Beschreibungen sind aber wahrscheinlich den gefälschten Ningyo-Mumien zu verschulden, die sich im 19. Jahrhundert verbreitet haben. Für ihre Herstellung wurde häufig der Oberkörper eines Affen verwendet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was die Größe der Ningyo angeht, habe ich verschiedenste Angaben gelesen. Sie reichten dabei von Kleinkindgröße bis zu einer Länge von 3 Metern.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die wohl bekannteste Eigenschaft der Ningyo ist ihr Fleisch. Es soll nicht nur sehr gut schmecken, sondern jedem, der es isst, auch ein übernatürlich langes Leben – manche reden sogar von Unsterblichkeit und ewiger Jugend – bescheren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Yao Bikuni, einer der bekanntesten Ningyo-Legenden, isst ein junges Mädchen das Fleisch einer Ningyo. Anfangs scheint noch alles normal zu sein, aber als sie erwachsen wird, hört sie plötzlich auf zu altern. Sie lebt ein langes Leben und stirbt erst im Alter von etwa 800 Jahren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber während einige die Ningyo wegen dieser Eigenschaft verehren und versuchen, sie zu fangen, werden sie von anderen Fischern gefürchtet. Jeder Mensch, so heißt es, der eine Ningyo fängt und nicht zurückwirft oder eine Ningyo tötet, soll nämlich von einem fürchterlichen Fluch getroffen werden. Ganze Dörfer sollen schon durch plötzlich aufkommende Unwetter überflutet worden sein, nachdem einer der Bewohner eine Ningyo gefangen und mit nach Hause genommen hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und auch, wenn man die Ningyo nicht selbst tötet, sondern nur ihre Leiche am Strand findet, soll das Unglück bringen. So kann eine Ningyo-Leiche Krieg, Naturkatastrophen oder ein ähnliches Unheil ankündigen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Ningyo leben, wenn man der Verbreitung der Legenden nach urteilt, ausschließlich im Japanischen Meer und dem Pazifischen Ozean. Aber auch, dass sie Flüsse hinaufschwimmen, kann nicht ausgeschlossen werden.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Legende der Ningyo ist eine uralte Legende. Bereits im Nihonshoki, dem zweitältesten Buch der japanischen Geschichte, das im Jahr 720 fertiggestellt wurde, finden sich erste Erwähnungen des Wesens – auch wenn es damals noch nicht „Ningyo“ genannt wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die erste schriftliche Erwähnung ihres Namens ließ sich erst in dem japanisch-chinesischen Wörterbuch Wamyō Ruijūshō (erschienen im Jahr 937) finden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im 19. Jahrhundert tauchten plötzlich unzählige Ningyo-Mumien auf – es waren natürlich Fälschungen –, die der Ningyo zu einer weltweiten Bekanntheit verhalfen. Sie wurden damals sogar unter anderem in europäischen Museen ausgestellt. Und auch heute noch lassen sich in einigen Tempeln und Museen die angeblich mumifizierten Überreste von Ningyo finden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von den Ningyo? Würdet ihr ihr Fleisch essen wollen? Empfindet ihr ewige Jugend eher als Segen oder als Fluch? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Wenn ihr mehr solche Geschichten oder Legenden lesen wollt, abonniert auch gerne meinen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/newsletter" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Newsletter</a>, oder folgt mir auf <a href="https://twitter.com/geisterlegenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/geisterlegenden/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Facebook</a> oder <a href="https://www.instagram.com/geisterlegenden/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Instagram</a>!</em></p>
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		<title>Der Gonger – Er kommt aus dem Meer</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 22 Nov 2021 14:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Deutsche Legenden]]></category>
		<category><![CDATA[Geister]]></category>
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		<category><![CDATA[Monster und Ungeheuer]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ehe ich jedoch den Anrufverlauf überprüfen konnte, klingelte das Telefon erneut. ‚Kim Handy‘ stand auf dem Display. Ich ging sofort ran.<br />
„Schwesterchen, was ist los?“, fragte ich schnell.<br />
Meine Schwester antwortete mit einem Flüstern: „Marcel. Gott sei Dank! Ich glaube, es ist jemand in meinem Haus. Ich höre Schritte. Scheiße, er kommt her!“</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg08.met.vgwort.de/na/a2e6bd7729cf43318716923a4ac10624" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Der Gonger stammt aus deutschen Legenden von Sylt und Amrum. Wie ihr bei der Geschichte sicher merken werdet, ist sie ruhiger geschrieben, als meine anderen Geschichten. Ich muss gestehen, dass sie mir deutlich schwerer fiel, weil ich darin nicht allzuviel Übung habe, hoffe aber, dass sie euch trotzdem gefällt.</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen</strong></summary>
<p>Trauer</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Mitten in der Nacht riss mich ein Klingeln aus dem Schlaf. Es war mein Festnetztelefon. Müde, verwirrt und etwas erschrocken sah ich zur Uhr. 00:04 leuchtete mir die kleine Digitaluhr auf meinem Nachttisch in roten Ziffern entgegen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kein Wecker hätte mich so schnell aus dem Bett scheuchen können, wie ich heute aufstand. Wer rief mich zu so später Stunde noch an? Mein Handy war nachts ausgeschaltet. Wenn mich jemand um diese Uhrzeit so dringend erreichen wollte, dass er mich über Festnetz anrief, musste es wichtig sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine nackten Füße klatschten über die Fliesen und das Laminat, während ich ins Wohnzimmer hetzte. Genau in dem Moment, in dem ich die Tür aufstieß, hörte das Telefon auf zu klingeln. Ich konnte gerade noch sehen, wie das Displaylicht erlosch, als ich es erreichte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Dunkeln griff ich blind nach dem Telefon. Das Licht einzuschalten hatte ich in der Aufregung vergessen. Meine Hand verfehlte das Telefon knapp, weshalb ich es fast von der Ladestation stieß. Im letzten Moment konnte ich es noch packen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ehe ich jedoch den Anrufverlauf überprüfen konnte, klingelte das Telefon erneut. ‚Kim Handy‘ stand auf dem Display. Ich ging sofort ran.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Schwesterchen, was ist los?“, fragte ich schnell.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Schwester antwortete mit einem Flüstern: „Marcel. Gott sei Dank! Ich glaube, es ist jemand in meinem Haus. Ich höre Schritte. Scheiße, er kommt her!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Spätestens jetzt war ich hellwach.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Versteck dich! Ich komme rüber!“, rief ich ins Telefon, während ich bereits auf dem Weg zum Flur war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schlüpfte in meine Schuhe, griff nach meinem Schlüsselbund, an dem auch der Schlüssel für Kims Haustür war, und rannte im Schlafanzug nach draußen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die kalte Novemberluft schlug mir wie ein Schwall Eiswasser entgegen. Ich ignorierte es und rannte los.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nebel hatte sich wie ein weißes Tuch über die Küste gelegt und hüllte Sylt in eine Kulisse, die einem Horrorfilm glich. Sogar das vertraute Rauschen der Wellen und des Windes hatten heute etwas Unheimliches an sich. Es erinnerte mich an ein Geflüster in irgendeiner uralten, längst vergessenen Sprache.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Haus meiner Schwester stand nur einige Häuser weiter. Ich brauchte keine Minute zu ihr, wenn ich gemächlich ging. Heute war ich in wenigen Sekunden da.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf dem Weg zur Haustür fiel mir eine nasse Spur am Boden ins Auge. Es hatte in letzter Zeit nicht geregnet und trotzdem war der Boden hier klitschnass. Die Spur glänzte im schwachen Licht der Straßenlaternen, sodass ich ihr leicht folgen konnte. Sie führte direkt in den Garten – zu Kims nicht verschlossener Hintertür.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich entschied, dass dies weder der richtige Zeitpunkt war, sich über das Wasser Gedanken zu machen noch darüber, wie oft ich Kim schon gesagt hatte, dass sie die Hintertür abschließen solle. Stattdessen schnappte ich mir einen Spaten, der am Gartenschuppen lehnte und folgte der nassen Spur ins Haus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Haus war es stockdunkel. Mir schlug sofort der vertraute Geruch nach altem Papier entgegen, der meine Schwester und ihr Haus umgab. Auch wenn er heute nicht die gewohnte Ruhe ausstrahlte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Wohnzimmer und Flur brannte kein einziges Licht. Um den Einbrecher nicht auf mich aufmerksam zu machen, beließ ich es dabei. Also tastete ich mich, so leise ich konnte, an der Wand entlang Richtung Kims Schlafzimmer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich mich näherte, sah ich, dass durch die offene Tür ein schwaches Licht drang. Von der Helligkeit her tippte ich auf die Nachttischlampe. Bei der Tür angekommen, bestätigte sich meine Vermutung, auch wenn die Lampe das letzte war, auf das ich jetzt achtete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mitten im Raum stand ein fremder Mann. Er trug altmodische Kleidung, die vor Nässe tropfte, und eine braune Lederjacke. Sein schwarzes Haar klebte als wirre Frisur nass an seinem Kopf und seine Haut hatte eine ungesunde, fast weiße Farbe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann bemerkte ich Kim. Sie saß auf dem Bett und sah den Mann mit großen Augen an. Hätte ich mir einen Moment Zeit genommen, sie genauer zu betrachten, wäre mir wohl aufgefallen, dass keinerlei Furcht in ihren Augen lag, sondern bloß eine tiefe Besorgnis. Doch ich achtete nicht darauf. Das Wichtigste war, dass es ihr gut ging und sie sich in Sicherheit befand. Für Letzteres würde ich sorgen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Leise wie eine Katze trat ich aus dem Flur. Ich hob den Spaten, um damit auf den Eindringling loszugehen, und machte bereits einen Satz auf ihn zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Marcel! Stopp! Fass ihn nicht an!“, schrie Kim, als sie mich bemerkte. Ihre Tonlage klang, als hätte sie Angst um den Mann – oder besser gesagt um mich, wie ich später herausfinden sollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich stoppte in der Bewegung, konnte den Spaten gerade noch anhalten, bevor er den Mann am Kopf traf, und starrte Kim verwirrt an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Mann hingegen hatte sich keinen Zentimeter bewegt. Er drehte nicht einmal seinen Kopf zu mir.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich muss mit dir reden“, sagte Kim ruhig. Sie klopfte auf das Bett neben sich, damit ich mich zu ihr setzte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich blieb reglos stehen, zu verwirrt, um zu reagieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Marcel, bitte. Der Mann ist &#8230;“, sie zögerte, „Verwandtschaft.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Verwirrung wich Unglauben. Es reichte aber, damit ich den Spaten senkte. Kim und ich hatten keine Verwandten. Seit dem Tod unserer Eltern, als ich gerade erwachsen und Kim eine Jugendliche war, hatten wir niemanden mehr – oder etwa doch?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wortlos ging ich zu ihr. Den Spaten behielt ich in der Hand, während ich mich setzte. Dann betrachtete ich den Mann mit gerunzelter Stirn. Er war etwa in meinem Alter. Vielleicht ein Bruder oder Cousin, von dem wir nichts wussten? Oder ein entfernterer Verwandter vom Festland?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was mir außerdem sofort auffiel, jetzt, wo ich ihn von vorne sah, waren seine Augen. Sie waren bleich, fast völlig farblos. War der Mann blind? Das würde zumindest erklären, wieso er sich so gut im Dunkeln zurechtgefunden hatte, ohne das Haus zu kennen. Auch erklärte es, wieso er mich nicht angesehen hatte. Was es hingegen nicht erklärte, war, wieso er völlig durchnässt war – auf dem Teppich hatte sich bereits eine große Pfütze gebildet –, es ihn aber überhaupt nicht zu stören schien.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„H-hallo?“, versuchte ich es unsicher. „Ich bin Marcel.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Keine Antwort.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hilfesuchend sah ich zu Kim. Mir fiel auf, dass sie unruhig hin und her rutschte. Das tat sie sonst nur, wenn sie nervös war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie räusperte sich. „Du kennst doch noch die alten Legenden, von denen Mama uns früher immer erzählt hat“, begann sie. „Erinnerst du dich zufällig noch an die Gonger?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du meinst doch nicht &#8230;?“ Ich glotzte sie mit offenem Mund an. Das konnte nicht ihr Ernst sein. Gonger waren Untote – Zombies, wenn man so will. Sie waren ein Märchen. Eine Gruselgeschichte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Legende nach kehrten Seeleute als Gonger zurück, wenn sie auf hoher See ertranken und ihre Leichen nicht gefunden wurden. Sie stiegen nachts aus dem Meer und suchten ihre Nachfahren heim. Aber sie konnten unmöglich echt sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich weiß, was du jetzt sagen willst“, unterbrach meine Schwester den Schwall an Gedanken, der mir durch den Kopf flutete. „Aber sieh ihn dir doch an. Die nasse Kleidung, die bleiche Haut, die Augen &#8230;“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schüttelte energisch den Kopf. „Das ist doch bloß ein Kostüm!“ Wütend stand ich auf, den Spaten wieder fest in beiden Händen. „Was wollen Sie? Sind Sie ein Perverser? Macht es Ihnen Spaß, Frauen beim Schlafen zu beobachten?“, fuhr ich ihn an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Mann rührte sich nicht. Er stand bloß da – auch wenn er mich jetzt mit seinen kalten, farblosen Augen musterte. Er war also nicht blind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hören Sie mir mal zu &#8230;!“, begann ich, während ich nach seinem Kragen griff. Ehe ich jedoch zupacken konnte, ging Kim wieder dazwischen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Marcel! Lass es! Fass ihn nicht an!“, kreischte sie hysterisch. „Gonger sind Wiedergänger. Hast du das etwa vergessen?! Wenn du ihn berührst, stirbst du!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das wirkte. Wie hatte Mama gesagt? Wenn man einen Wiedergänger anfasst, entzieht er einem die Lebensenergie. Er macht es nicht mit Absicht, aber man wurde todkrank. Zumindest, wenn man nicht das Glück hatte, dass einem bloß die Hand abfaulte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zwar glaubte ich noch immer nicht daran, dass der Mann ein Gonger war, aber war ich bereit, dafür mein Leben zu riskieren? Immerhin war es schon seltsam, dass er klitschnass in ihrem Haus auftauchte. Obwohl es arschkalt draußen war, zitterte er nicht einmal.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also zog ich meine Hand zurück und schob stattdessen den Spaten vor. Ich drückte dem Mann das Metall mit der dünnen Kante an den bleichen Hals.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich bitte Sie jetzt nur einmal darum: Gehen Sie oder ich rufe die Polizei!“, sagte ich mit fester Stimme.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hinter mir seufzte Kim laut. „Bruderherz, bitte lass den Quatsch. Ich finde es wirklich lieb, dass du mich beschützen willst, aber wenn wir ihn nicht anfassen, sind wir nicht in Gefahr.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schnaubte verächtlich. „Ja, klar“, sagte ich sarkastisch. „Weil der Mann ein Gonger ist? Verdammt, es gibt keine Gonger!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sieh dir den Mann noch einmal genau an. Und dann sagst du mir, wie du dich dabei fühlst.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich zögerte, tat dann aber wie geheißen. Ich musterte den Mann von Kopf bis Fuß und Fuß bis Kopf, bis mein Blick wieder an seinen toten Augen hängenblieb. Normalerweise hätte ich wütend sein müssen. Vielleicht auch ängstlich oder angeekelt. Aber ich fühlte mich einfach nur traurig. Ich meine damit kein Mitleid, sondern eine tiefe, einschneidende Traurigkeit – genau wie Mama es in ihren Märchen beschrieben hatte. ‚<em>Gonger strahlen eine unerklärliche Traurigkeit aus</em>‘, hörte ich ihre Stimme in meinem Kopf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unsicher ließ ich den Spaten sinken. Aber das &#8230; Das war unmöglich. Dieser Mann, dieses Ding vor mir, es war tatsächlich ein Gonger. Ich spürte es.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem ich den Schock überwunden hatte, überlegten wir, was wir mit dem Gonger tun sollten. Wenn die Legenden stimmten, wäre heute nicht der letzte Tag, an dem er uns besuchen kommt. Um genau zu sein, würde er fortan jede Nacht bei uns auftauchen. So lange, bis wir herausgefunden haben, wer er zu Lebzeiten war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenigstens wussten wir, dass er ein Vorfahre von uns sein musste. Immerhin suchten Gonger nur ihre Nachfahren heim. Außerdem hieß es, dass sie oft erst zwei oder drei Generationen nach ihrem Tod auftauchten. Wenn das stimmte, musste er also unser Uropa oder Ururopa sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vielleicht fragt ihr euch jetzt, wie wir herausfinden sollten, wer er war, wenn wir keine Familie mehr hatten, die wir fragen konnten. Aber Kim und ich hatten einen entscheidenden Vorteil: Seit dem Tod unserer Eltern erforschte meine Schwester unseren Stammbaum, in der Hoffnung, irgendwo noch lebende Verwandte zu finden. Sie hatte über die Jahre viele Unterlagen gesammelt. Bis auf drei Personen – zwei Ururgroßmütter und einem Ururgroßvater – kannte sie den gesamten Stammbaum der letzten vier Generationen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kim stand sofort auf, um ihre Aufzeichnungen zu holen. Sie ließ mich einen Moment mit dem Gonger allein. Ich musterte ihn, während ich wartete. Wie er so reglos dastand, sah er tatsächlich aus wie eine Leiche. Lediglich seine Augen verrieten, dass er noch nicht 100%ig tot war. Nicht nur, weil sie sich ab und an bewegten, sondern auch, weil diese tiefe Traurigkeit in ihnen lag. Sie sahen aus, als gehörten sie einem Menschen, der aufgegeben hatte. Voller Schmerz und Leid.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ehe ich mich in meinen Gedanken verlieren konnte, ertönte ein Drucker aus Kims Arbeitszimmer. Kurz darauf kam sie mit einem frisch gedruckten Stammbaum zurück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unser Plan war simpel: Kim las die Namen vor, während ich auf jede noch so kleine Reaktion des Gongers achtete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir hatten – wie jeder Mensch – vier leibliche Urgroßväter und acht Ururgroßväter. Einer von ihnen war unbekannt. Also hatten wir elf Namen. Elf Versuche, dem Gonger seinen lang ersehnten Frieden zu bringen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Johann Fischer. Gustav Hansen. Richard Baggendorf“, las Kim langsam vor. Sie machte nach jedem Namen eine kurze Pause, doch der Gonger zeigte keine Reaktion.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach dem sechsten Namen bekam ich erste Zweifel. Und auch Kim warf dem fremden Mann in ihrem Schlafzimmer nach jedem weiteren Namen nervösere Blicke zu. Er blieb reglos.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als sie schließlich den elften und letzten Namen vorlas, geschah &#8230; nichts. Der Gonger hatte bei keinem einzigen Namen auch nur gezuckt oder irgendwelche Emotionen gezeigt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ratlos sahen wir einander an, bis Kim schließlich die Stimme erhob. Sie sprach aber nicht zu mir, sondern zu dem Gonger. „Entschuldigen Sie, mein Herr. Ich weiß, wir waren heute keine Hilfe, aber ich verspreche Ihnen, dass wir herausfinden werden, wer Sie sind. Schließlich sind wir Familie. Wir helfen einander. Kommen Sie in einer Woche zurück, dann wissen wir vielleicht mehr.“ Sie lächelte schüchtern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Gonger musterte sie. Fast hätte ich damit gerechnet, dass er nickte und sich umdrehte. Aber natürlich blieb er stehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kim ignorierte ihn. Stattdessen erklärte sie mir ihren Plan: Wir beide würden uns die nächsten Tage zusammensetzen, um mehr über unsere Ahnen herauszufinden. Sie vermutete, dass es nicht reichte, stumpf die Namen zu sagen. Wir mussten herausfinden, wer der Gonger war, ihm sagen, wie er gestorben war, vielleicht sogar, wie er gelebt hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Natürlich gab es auch die Möglichkeit, dass er unser unbekannter Ururopa war – der einzige Mann der letzten vier Generationen, über den Kim in fast zehn Jahren Recherche nichts herausfinden konnte. Aber über diese Möglichkeit wollten wir lieber nicht nachdenken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als alles geklärt war – der Gonger stand noch immer reglos im Zimmer – schickte Kim mich ins Bett. Ich protestierte, muss aber gestehen, dass ich ziemlich müde war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du musst ausgeschlafen sein, wenn wir die Unterlagen durchgehen“, sagte sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Natürlich hatte sie recht. Wenigstens erlaubte sie mir, im Gästezimmer zu schlafen. Auch wenn von dem Gonger keine Gefahr auszugehen schien, wollte ich sie mit diesem Ding im Haus auf keinen Fall allein lassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am nächsten Morgen wurde ich von Kim geweckt. Der Gonger war weg, also machten wir uns sofort an die Arbeit. Wir hatten genau eine Woche für unsere Recherche Zeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gemeinsam durchforsteten wir die Dokumente und Unterlagen, die Kim über die Jahre gesammelt hatte. Es war eine beachtliche Sammlung aus handschriftlichen Notizen, Briefen, Zeitungsartikeln, Logbüchern, Sterbeurkunden und sogar einem Tagebuch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da das meiste jedoch völlig unsortiert war, verschwendeten wir zwei ganze Tage nur mit Sortieren. Dann begann die richtige Arbeit. Kim nahm sich die väterliche Seite vor, ich mir die mütterliche.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu unserer Überraschung fanden wir recht schnell heraus, dass es nur eine einzige Person in unserer Familie gab, die auf dem Meer verschollen war: August Seemann. Die Tode unserer Vorfahren waren erstaunlich gut dokumentiert. Ein Zweiter war zwar ertrunken, aber seine Leiche konnte geborgen werden. Er kam als Gonger also nicht in Frage.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit unserer Recherche waren wir nach nur fünf Tagen fertig. Wenn wir recht behalten sollten, gab es nur eine einzige Möglichkeit, wer der Gonger sein konnte – zumindest wenn man den unbekannten Ururopa nicht bedachte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gähnend erhob ich mich aus dem Stuhl. „Alles klar, Schwesterchen. Dann mach ich mich mal auf den Heimweg. Wir haben noch zwei Tage, bis August zurückkommt“, sagte ich zuversichtlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie räusperte ich. „Warte!“ Ich sah, wie die auf ihrem Stuhl hin und her rutsche.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was ist?“, fragte ich misstrauisch. Ich merkte sofort, dass sie mir etwas verheimlicht hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Na ja. Du weißt doch, wie ich den Gonger aufgefordert habe, erst nach einer Woche wiederzukommen“, sagte sie kleinlaut. „Er hat sich nicht dran gehalten.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was!?“, fuhr ich sie an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Er war seitdem jede Nacht hier“, gestand sie. Sie traute sich kaum, mir in die Augen zu sehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Aber &#8230; Wieso hast du denn nichts gesagt?“, fragte ich. Kim wusste doch, dass sie mir <em>alles</em> sagen konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich &#8230;“ Kim schluckte. „Ich wollte nicht, dass du herkommst. Wenn du weit genug von ihm weg bist, kannst du ihn nicht aus Versehen berühren. So warst du in Sicherheit.“ Tränen stiegen ihr in die Augen. „Ich kann dich nicht auch noch verlieren!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Heee“, sagte ich. Ich war sofort bei ihr und nahm sie fest in den Arm. Sie verbarg ihr Gesicht in meinem Pulli.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Natürlich machte auch ich mir Sorgen um sie. In meinem Kopf zeichneten sich Bilder ab, wie der Gonger sie versehentlich berührte. Kim hätte in den vergangenen Nächten sterben können. Ich hätte nicht einmal gewusst, was passiert war. Trotzdem schob ich meine Ängste beiseite, um beruhigend auf sie einzureden. „Du wirst mich nicht verlieren, verstanden? Pass auf, wir warten jetzt gemeinsam, bis der Gonger auftaucht. Dann können wir August von seinem Leben erzählen und der Spuk hat endlich ein Ende.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und genau das taten wir. Zum Glück war es schon spät, weshalb wir nicht lange warten mussten, aber es verging genug Zeit, damit Kim einschlief. Ich dachte darüber nach, wie viel sie wohl die letzten Nächte geschlafen hatte. Sie musste eine riesen Angst gehabt haben, wenn der Gonger bei ihr im Haus war. Und dann war da noch die Zeit, die sie wach war, um heimlich den Boden zu trocknen und die Wasserspur aufzuwischen &#8230;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein schmatzendes Geräusch von draußen riss mich aus den Gedanken. Erst war es sehr leise, aber es kam schnell näher: schmatzende Schritte von nassen Schuhen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Kim! Hey Kim!“, weckte ich meine Schwester.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie blinzelte mich müde an, dann hörte sie es auch. Sofort saß sie kerzengerade auf ihrem Sessel.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit einem Quietschen öffnete sich die Hintertür. Der Gonger trat ein, als gehöre das Haus ihm. Er sah sich mit seinen bleichen Augen kurz um, bevor er zu uns ins Wohnzimmer kam.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Guten Abend“, begrüßte ich ihn. Ich zwang mich dazu, möglichst freundlich zu lächeln. „Bist du August Seemann? Der Seefahrer?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er sah mich an, zeigte ansonsten jedoch keine Reaktion. Aber er hatte ja auch letztes Mal schon nicht reagiert, als wir ihm bloß den Namen genannt hatten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kim und ich gaben unser bestes, das Leben und den Tod von August Seemann chronologisch darzustellen. Er war auf einer christlichen Schule gewesen. Seine Eltern waren streng, aber er hatte sie trotzdem sehr geliebt. Mit 19 hatte er schließlich seine zukünftige Frau kennengelernt, die er mit 22 heiratete. Sie hatten eine gemeinsame Tochter, die er jedoch nicht aufwachsen sah, weil er mit 28, als seine Tochter 4 Jahre alt war, auf hoher See verschwand. Seine Leiche wurde nie geborgen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sah den Gonger erwartungsvoll an. Irgendetwas musste er doch tun. Aber er bewegte sich keinen Zentimeter. Das hieß &#8230;: Er war nicht August Seemann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wut kochte in mir hoch. Vor meinem inneren Auge malten sich Bilder aus, wie Kim verängstigt im Bett saß und den Gonger beobachtete, der in ihrem Zimmer stand. Nacht für Nacht würde sie dasselbe erleben. Als ich es nicht länger aushielt, sprang ich auf. „Das ist doch alles Scheiße!“, fluchte ich. „Kannst du nicht jemand anderen heimsuchen? Wir haben alles versucht. Wir wissen nicht, wer du bist! Verschwinde einfach!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber auch darauf reagierte der Gonger nicht. Natürlich reagierte er nicht! Ich begann langsam daran zu zweifeln, ob er überhaupt unsere Sprache sprach.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kim war inzwischen ebenfalls aufgestanden. Sie legte mir beruhigend eine Hand auf die Schulter. „Hey, wir schaffen das schon irgendwie. Wir setzen uns morgen wieder hin und gehen die Unterlagen noch einmal komplett durch. Vielleicht finden wir ja doch irgendeinen Hinweis aus unseren fehlenden Ururopa.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Und wenn er das gar nicht ist?“, fragte ich noch immer aufgebracht. „Wer sagt dir, dass er nicht bloß irgendeine Affäre war. Dann werden wir seinen Namen nie herausfinden!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kim starrte mich mit offenem Mund an. Zuerst dachte ich, sie sei verwundert, weil sie Pessimismus von mir nicht gewohnt war, doch dann fiel sie mir plötzlich um den Hals. „Marcel, du bist genial!“, rief sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während sie ins Arbeitszimmer rannte, starrte ich ihr ungläubig nach. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Es dauerte nicht lange, bis sie mit einem alten Buch in den Händen zurückkam, das aussah, als würde es jeden Moment auseinanderfallen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Das ist das Tagebuch von Margarete Fischer, unserer Ururoma“, erklärte sie. „Ich habe es nicht weiter beachtet, weil ihr Mann, Johann Fischer, an Altersschwäche gestorben ist, aber es gab da noch jemand anderen: einen Jugendfreund namens Kurt Andersen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Genau in dem Moment, als Kim den Namen aussprach, fixierte der Gonger sie mit seinen Augen. Er gab ein leises Röcheln von sich, als versuche er zu seufzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Kurt Andersen war ein Jugendfreund“, wiederholte Kim. „Aber sie waren auch im Erwachsenenalter noch gut befreundet gewesen. Sogar, als Margarete schon verheiratet war. In dem Tagebuch steht zwar nichts von einer Affäre, aber vielleicht hatte sie es bloß nicht erwähnt, aus Angst, dass ihr Mann es lesen könnte. Denn was es auch war, eine Freundschaft oder Beziehung, so wie sie von Kurt schreibt, muss sie ihn sehr geliebt haben. Nachdem sein Schiff mit ihm und seiner gesamten Crew auf hoher See verschollen war, hatte sie lange getrauert.“ Jetzt sah sie dem Gonger fest in die Augen. „Seid ihr &#8230; Bist du Kapitän Kurt Andersen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Gonger verzog das Gesicht. Es sah fast aus wie ein Lächeln. Dann schloss er die Augen, als würde er Margarete und seiner Mannschaft für einen Moment gedenken. Als er sie wieder öffnete, lag noch immer diese Traurigkeit in ihnen, aber da war noch etwas anderes. Ein Gefühl, dass er seit Ewigkeiten nicht mehr gefühlt hatte: Dankbarkeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eigentlich war es unmöglich, zu sagen, bei all dem Wasser, das noch immer aus seinen Haaren tropfte, aber ich glaubte sogar, eine Träne zu sehen, die sich aus seinem Auge löste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vorsichtig tat er einige Schritte auf Kim zu. Ich war so gebannt von der Veränderung, dass ich zu spät reagierte, als er seine Hand hob. Zum Glück war Kim schneller.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nein! Nein, nicht!“, sagte sie schnell, während sie sich an die Rückenlehne presste, weg von der erhobenen Hand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Gonger zog seine Hand sofort zurück. Seine Finger waren nur wenige Millimeter von Kims Schulter entfernt gewesen. Sie entging ihrem Tod im wahrsten Sinne des Wortes um eine Haaresbreite.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz gewann die Traurigkeit in Kurt Andersens Augen wieder die Oberhand, doch sie machte schnell wieder Dankbarkeit Platz. Vorsichtig trat er einen Schritt zurück, um etwas Abstand zwischen sich und Kim zu bringen. Er nickte ihr kurz zu, sah sie ein letztes Mal mit seinen bleichen Augen an, drehte sich zur Tür und verschwand nach draußen in die Dunkelheit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war das letzte Mal, dass wir Kurt Andersen gesehen haben. Aber ich denke noch oft an ihn. Damals war ich noch hauptsächlich verwirrt oder wütend, aber inzwischen bin ich glücklich. Wir hatten seiner ruhelosen Seele geholfen, endlich Frieden zu finden.</p>



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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Gonger (im Plural auch „Gongers“) sind Wiedergänger des nordfriesischen Volksglaubens. Sie steigen nachts aus ihren Gräbern oder dem Ozean, um die Lebenden heimzusuchen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Als Wiedergänger sind Gonger keine Geister, sondern Untote. Sie besitzen also einen Körper. Aus diesem Grund tragen sie die Kleidung, in der sie gestorben sind oder beerdigt wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Handelt es sich um Ertrunkene, die im Meer verschollen sind, sollen sie außerdem nass vom Meerwasser sein, aus dem sie nachts steigen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Entstehung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Gründe, wieso ein verstorbener Mensch als Gonger zurückkehrt, können sich stark unterscheiden. Zum Beispiel kann es daran liegen, dass er nicht fachgerecht bestattet wurde, er ermordet wurde oder er im Leben gesündigt hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So wird ertrunkenen Seemännern, deren Leichen nicht geborgen wurden, sie also nicht beerdigt werden konnten, oft nachgesagt, als Gonger zurückzukehren. Aber auch Selbstmörder, Gotteslästerer, Ungläubige und andere Sünder sollen nach ihrem Tod als Strafe Gottes zu einem Dasein als Gonger verdammt worden sein.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wie sich ein Gonger verhält, hängt stark davon ab, aus welchem Grund er untot auf der Erde wandelt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn der Leichnam falsch bestattet wurde, versucht der Gonger darauf aufmerksam zu machen, damit die Beerdigung im Nachhinein berichtigt werden kann und er seine Ruhe findet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Handelt es sich bei ihm um einen Unschuldigen, der ermordet wurde, kommt er zurück, um sich für seinen Tod zu rächen. Manchmal rächen Gonger sich jedoch nicht bei ihrem Mörder selbst, sondern erst bei dessen Nachkommen. So kann die Familie eines Mörders auch zwei oder drei Generationen später noch in Gefahr sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hierbei töten die Gonger ihre Opfer meist durch eine Berührung – denn wie auch bei anderen Wiedergängern, entzieht ihre Berührung den Lebenden die Lebensenergie. Wenn man einem Gonger die Hand schüttelt, soll die eigene Hand schwarz werden und abfallen, weil sie augenblicklich verbrennt oder verfault. Was eine solche Berührung am Hals, der Brust oder dem Kopf verursachen würde, kann sich wohl jeder selbst ausmalen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die wohl bekannteste Art der Gonger sind hingegen ertrunkene Seeleute. Sie kehren zu ihrer Familie zurück oder besuchen ihre Nachfahren, um ihnen so ihren Tod mitzuteilen. Sie steigen nachts aus dem Meer, gehen zum Haus ihrer Verwandten, wo sie – falls es noch an ist – das Licht löschen und sich zu einem Lebenden auf die Bettdecke legen. Am nächsten Morgen findet man bloß die von Salzwasser Getränke Bettdecke und manchmal nasse Fußabdrücke am Boden vor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei näheren Verwandten wie dem Ehepartner, den Eltern oder den Kindern ist der Spuk schnell vorbei: Es reicht aus, wenn sie verstehen, dass der Seemann tot ist und nicht mehr zurückkommen wird, damit der Gonger seine Ruhe findet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schwieriger wird es hingegen, wenn er sich erst seinen Nachfahren zeigt, denn die Gonger warten manchmal zwei oder drei Generationen, bevor sie aus dem Meer steigen. In diesem Fall müssen die Betroffenen in der Vergangenheit ihrer Familie forschen und herausfinden, wer der Verstorbene war. Erst, wenn sie seinem Tod gedenken, hört der Gonger auf, sie nachts zu besuchen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine weitere Eigenschaft dieser Art von Gonger ist die Traurigkeit, die sie ausstrahlen. Es heißt, dass man sich grundlos traurig fühlt, wenn man sich in ihrer Nähe aufhält.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Sagen um die Gonger sind hauptsächlich auf den norddeutschen Inseln Sylt und Amrum verbreitet. Daher sollen sie auch hauptsächlich dort vorkommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ursprung:</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie bei den meisten deutschen Legenden findet man im Internet nicht allzu viele Informationen zu den Gonger. Den genauen Ursprung habe ich daher nicht herausfinden können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da Legenden um Wiedergänger in Deutschland jedoch sehr verbreitet waren, ist es sehr wahrscheinlich, dass die Gonger-Legende durch die Geschichten der anderen Wiedergänger vom Festland auf die Inseln gelangt ist und sich dort verbreitet hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em><strong>Was haltet ihr von den Gonger? Wie würdet ihr reagieren, wenn plötzlich ein fremder Mann völlig durchnässt in eurem Schlafzimmer auftaucht? Schreibt es in die Kommentare! (Außerdem würde mich ein kurzes Feedback freuen, wie ihr die Geschichte fandet. Seid bitte ehrlich: Ist sie stellenweise langweilig/zu langatmig? ^^&#8216;)</strong></em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em><strong>Wenn ihr mehr solcher Geschichten oder Legenden lesen wollt, abonniert meinen <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.geister-und-legenden.de/newsletter" target="_blank">Newsletter</a> oder folgt mir auf <a rel="noreferrer noopener" href="https://twitter.com/geisterlegenden" target="_blank">Twitter</a>, <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.facebook.com/geisterlegenden/" target="_blank">Facebook</a> oder <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.instagram.com/geisterlegenden/" target="_blank">Instagram</a>!</strong></em></p>
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		<title>Der Kraken</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 01 Jun 2020 13:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Geschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Monster und Ungeheuer]]></category>
		<category><![CDATA[Seeungeheuer]]></category>
		<category><![CDATA[Legende]]></category>
		<category><![CDATA[männlicher Protagonist]]></category>
		<category><![CDATA[Meer]]></category>
		<category><![CDATA[Monster]]></category>
		<category><![CDATA[nordische Legende]]></category>
		<category><![CDATA[Ozean]]></category>
		<category><![CDATA[Schiff]]></category>
		<category><![CDATA[Ungeheuer]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Jetzt brach Panik aus. Ich hörte dumpfe Schreie und einige Angestellte, die lautstark versuchten, die Passagiere zu beruhigen. Es klang nach völligem Chaos. Von den Lektionen der Seenotrettungsübung, die wir kurz vor Beginn der Fahrt mitmachen mussten, war nichts mehr zu sehen ...</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg08.met.vgwort.de/na/4d3acfe4d08a4ec194deba8a18f1960a" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Der Kraken ist mein erster Blogbeitrag über ein <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/seeungeheuer" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Seeungeheuer</a>. Bisher habe ich mich nicht an Seefahrtslegenden herangetraut, da ich mich wenig bis gar nicht mit der Seefahrt oder Schiffen auskenne. Trotzdem werde ich in Zukunft versuchen, mich mehr darüber zu informieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">(Solltet ihr irgendwelche guten Bücher, Internetseiten, Videos oder Dokus über die Seefahrt kennen, würde ich mich sehr über eine Nachricht freuen!)</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Es war spät am Abend, als ich von einem seltsamen Geräusch geweckt wurde. Erst wusste ich nicht, ob ich es bloß geträumt hatte, doch dann ertönte es erneut: Ein lautes Ächzen, als würde Metall unter großer Spannung stehen, zog durch die gesamte Oceans Pride – das Kreuzfahrtschiff, auf dem mein Mann und ich unsere Flitterwochen verbrachten. Konnte das an dem Sturm liegen, der draußen wütete?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann gab es einen plötzlichen Ruck, der mich fast aus dem Bett schleuderte. Möbel kippten um. Irgendwo in der Kabine ging etwas zu Bruch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Panisch tastete ich nach dem Lichtschalter. Doch als ich ihn betätigte, geschah nichts. Hatten wir Stromausfall?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich merkte bereits, wie mein Puls anstieg, als eine Durchsage startete:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Hier spricht der Kapitän. Wir möchten Sie bitten, Ruhe zu bewahren und sich auf Ihre Kabinen zu begeben. Das Personal wird Ihnen …“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein erneuter Stoß erschütterte das Schiff.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Kap’tän, was ist das?“</em>, ertönte eine andere leisere Stimme durch die Lautsprecher.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Heilige Scheiße!“</em>, hörte ich den Kapitän fluchen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann herrschte Stille – jedoch nur für einen Moment. Kurz darauf war wieder das Ächzen zu hören – dicht gefolgt von einem lauten, metallischen Knacken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt brach Panik aus. Ich hörte dumpfe Schreie und einige Angestellte, die lautstark versuchten, die Passagiere zu beruhigen. Es klang nach völligem Chaos. Von den Lektionen der Seenotrettungsübung, die wir kurz vor Beginn der Fahrt mitmachen mussten, war nichts mehr zu sehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>‚Mein Mann!‘</em>, schoss es mir in den Kopf. Chris war noch mit einigen Freunden an die Bar gegangen, während ich mich auf die Kabine zurückgezogen hatte!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Fieberhaft dachte ich darüber nach, was ich tun sollte. Niemals hätte ich damit gerechnet, dass das Kreuzfahrtschiff während unserer Hochzeitsreise einen Unfall haben würde. Meine schlimmsten Befürchtungen waren homophobe Bemerkungen oder schlechtes Essen gewesen …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was würde mein Mann tun? Würde er zur Kabine kommen? Aber was, wenn er direkt zu der uns zugewiesenen Musterstation – den Stationen, wo sich die Rettungsboote befanden – rennen würde? Nein. Ich musste ihn suchen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Panisch eilte ich zur Tür. Ich warf mir einen Bademantel über und trat in den Flur.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dort funktionierte der Strom noch. Ruhige klassische Musik mischte sich unter die Schreie, die jetzt nicht mehr gedämpft waren, und erzeugte einen merkwürdigen Kontrast.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch konnte ich jetzt die ersten Leute erkennen, die hektisch durch den Gang rannten. Einer von ihnen wäre direkt in mich hinein gelaufen, wäre ich nicht beiseite gesprungen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann ertönte wieder dieses seltsame ächzende Geräusch. Sein Echo hallte gespenstisch durch die Gänge, während die Lichter flackerten und der Boden begann, sich in eine Schräglage zu bringen. Ich hatte keine Zeit zu verlieren! Ich musste meinen Mann finden!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf dem Weg stieß ich immer wieder mit Leuten zusammen, die in Gruppen durch die Gänge hetzten und keine Rücksicht auf Gegenverkehr nahmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zweimal begegneten mir Mitarbeiter, die erfolglos in mehreren Sprachen die Leute dazu aufforderten, ruhig zu bleiben und ihre Rettungswesten aus den Kabinen zu holen oder sich zu den Musterstationen zu begeben. Ich ignorierte sie ebenfalls.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann erreichte ich endlich die Bar. Überall lagen zerbrochenes Geschirr und Besteck am Boden. Essen und Flüssigkeiten liefen zusammen und bildeten schleimige Pfützen. Viele der Stühle waren umgekippt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Es tut mir leid. Ich spreche kein Spanisch. Sie müssen die Rettungsweste aus ihrer Kabine holen!“, redete eine Kellnerin wild auf einen Mann ein. Sie war noch sehr jung. Vielleicht sogar noch eine Teenagerin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„¡Pero mi familia! ¿Donde estan mi hijo y mi madre?“, schrie der Mann völlig aufgelöst.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich eilte zu ihnen. „Entschuldigung. Mein Name ist Michael. Haben Sie vielleicht meinen Ehemann Chris gesehen?“, fragte ich schnell. „Groß, braune Haare, braune Augen. Er trägt eine Jeans und ein weißes Hemd!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sir, Sie beschrieben fast ein Drittel der Männer, die sich an Bord befinden“, erwiderte sie schnell, bevor sie sich wieder an den Spanier wandte, der noch immer wild auf sie einredete: „Señor, ich spreche kein Español!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wissen Sie vielleicht, was los ist. Ich will doch nur zu meinem Mann!“, jammerte ich panisch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich bemerkte erst, wie überfordert die Frau selbst war, als sie in Tränen ausbrach. Doch mir blieb keine Zeit, sie zu trösten. Nicht nur, dass das Schiff inzwischen eine solche Schräglage erreicht hatte, dass die Stühle und das kaputte Geschirr anfingen, über den Boden zu rutschen, draußen zuckte auch noch ein Blitz durch die Luft und erhellte für einen kurzen Moment die Terrasse, die zur Bar und dem Restaurant gehörten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„¡Dios mío!“, schrie der Spanier und ergriff die Flucht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich war stocksteif vor Anspannung, den Blick nach draußen in die Dunkelheit gerichtet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sir. Bitte, wir müssen hier weg!“, schrie die Kellnerin mir entgegen, während Sie jetzt an meinem Arm zerrte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Haben Sie eine Taschenlampe?“, fragte ich ganz ruhig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Haben Sie eine Taschenlampe?“, fuhr ich sie an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hinter der Bar, aber …“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Holen Sie sie!“, befahl ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie protestierte nicht weiter, sondern rannte zur Theke. Sofort kam sie mit einer großen, schwarzen Taschenlampe zurück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich nahm sie, schaltete sie ein und leuchtete nach draußen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Das … Das ist nicht möglich …“, hauchte die Kellnerin. Ihr ohnehin schon bleiches Gesicht hatte jetzt sämtliche Farbe verloren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Draußen auf der Terrasse lag ein gigantischer, orange-beiger Tentakel. Riesige Saugnäpfe hatten sich an das Deck geheftet, während die Muskeln angespannt zudrückten. Wie es aussah, hatte sich ein Tintenfisch um das Schiff gewickelt. Es war aber nicht irgendein einfacher Oktopus, es war ein gigantischer Riesenkrake, wie man ihn sonst nur aus Geschichten kannte!</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wir müssen hier weg!“, drängte die Kellnerin, während wir beobachteten, wie der Tentakel sich bewegte. Wieder ertönte das ächzende Geräusch. „Zu welcher Musterstation müssen Sie?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„M7“, sagte ich schnell, „Aber denken Sie, dass das noch irgendwen interessiert?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Haben Sie nicht gesagt, dass Sie ihren Mann suchen? Wo denken Sie sonst, dass er hinrennt? Folgen Sie mir!“, erwiderte die Kellnerin und packte wieder meinen Arm. Diesmal leistete ich keinen Widerstand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während wir durch den Flur stolperten, war die Schräglage des Boots bereits so steil, dass wir uns am Geländer festhalten mussten, um nicht abzurutschen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die klassische Musik spielte noch immer, und jetzt, wo man keine Schreie mehr hören konnte, fühlte ich mich, wie in einem Film, in dem dramatische Szenen mit Mozart oder Beethoven unterlegt wurden. Nur, dass das hier kein Film war, es war die grausame, bittere Realität.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hier jetzt links. Wir müssen die Treppe runter“, sagte die Kellnerin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zum Glück war der Gang auf der Seite, auf der sich das Geländer befand. Die Treppen stellten hingegen ein größeres Problem dar: Aufgrund der Neigung, die das Schiff inzwischen erreicht hatte, verlor man auf den Stufen schnell den Halt. Ich klammerte mich mit aller Kraft an das Treppengeländer, während meine Füße wieder und wieder wegrutschten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vor meinem geistigen Auge bildete sich ein gigantischer Krake ab, der das Kreuzfahrtschiff fest umschlungen hatte. Was, wenn das Ungetüm kräftig genug war, um das Schiff entzweizubrechen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich auf der Hälfte der Stufen war, ertönte plötzlich ein erneuter metallischer Knall, der durch das Schiff hallte. Der Ruck, der damit einherging, erwischte mich völlig unerwartet. Ich purzelte und fiel wie ein fallengelassenes Stofftier die Treppen hinunter, knallte schmerzhaft auf jede Stufe, bis ich mit einem dumpfen Knall gegen eine Wand donnerte. Gleichzeitig erlosch das Licht und mich traf etwas Hartes am Kopf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ist alles in Ordnung bei Ihnen?“, schrie die Kellnerin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit jedem Herzschlag raste ein pochender Schmerz durch meinen gesamten Körper, doch es schien nichts gebrochen zu sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ja … Ja, ich denke schon!“, erwiderte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Scheiße, ich hab die Taschenlampe verloren. Eben hatte ich sie noch!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war also das Objekt, mit dem mein Kopf eben Bekanntschaft gemacht hatte …</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Meinen Sie diese hier?“, fragte ich, nachdem ich sie wiedergefunden hatte. Ich schaltete sie ein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Gott sei dank!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich leuchtete ihr, sodass sie zu mir herabsteigen konnte. Dann half sie mir auf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Können Sie laufen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich belastete nacheinander meine Beine. Auch wenn es wehtat, war der Schmerz erträglich. „Ja. Wir müssen weiter!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als wir in den unteren Gang traten, hörte ich wieder Stimmen in der Ferne. Es waren deutlich weniger, als vorhin, doch ich hörte weiterhin Leute schreien und um Hilfe rufen. Dann bemerkte ich ein anderes Geräusch: ein leises Plätschern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unsicher leuchtete ich den Gang hinab. Das Schiff schien sich langsam mit Wasser zu füllen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Fuck!“, fluchte die Kellnerin. „Wenn das Schiff vollläuft … Oh Gott, was, wenn das Schiff durchbricht?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vor meinem geistigen Auge zeigte sich wieder das Szenario, wie der Riesenkrake das Schiff zerbrach und mir sich in die Tiefe zerrte. Nie hätte ich gedacht, dass das je ein realistischer Gedanke sein könnte, doch jetzt … Hoffentlich hatte Chris es bereits auf eines der Rettungsboote geschafft! Aber was, wenn er zurück zur Kabine gelaufen ist, um mich zu holen …?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein erneutes Ächzen riss mich aus den Gedanken. Wir durften keine Zeit verlieren!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Kellnerin und ich rannten weiter. Jetzt, wo wir die durch die Schräglage entstandene Steigung aufwärts mussten, kamen wir deutlich langsamer voran.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Da liegt einer!“, kreischte die Kellnerin. Ich hatte ihn auch gesehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort rannten wir zu dem Mann. Er war bereits älter, wie ich aus seinen grauen Haaren und den Falten schloss. Seine blauen Augen waren weit aufgerissen und er atmete nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem ich seinen Puls gefühlt hatte, hatten wir Gewissheit: „Er ist tot.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Oh Gott!“, jammerte die Kellnerin. Doch anstatt weiterzulaufen, kauerte sie sich am Boden zusammen. „Wir werden auch sterben, oder?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„N-Nein! Hören Sie … Wie ist Ihr Name?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Kathy.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Kathy. Sie werden nicht sterben! Wir sind fast bei der Musterstation, richtig? Ich verspreche Ihnen, dass wir in ein paar Minuten gemeinsam in einem Rettungsboot sitzen werden. Dann müssen Sie sich nur noch Sorgen darum machen, dass sie es einige Stunden mit mir darin aushalten müssen!“ Ich zwang mich zu einem kurzen Lächeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Okay“, erwiderte Kathy. Sie war stark für ihr Alter. Nachdem sie ihre Tränen weggewischt hatte, stand sie auf und eilte mit mir weiter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Endlich nährten wir uns unserem Ziel. Durch die Fenster hatte ich bereits gesehen, dass bei den Musterstationen Panik ausgebrochen war, doch welches Chaos dort wirklich herrschte, erkannte ich erst, als wir bei Musterstation M7 nach draußen rannten:</p>



<p class="wp-block-paragraph">Von der Ordnung, die uns bei der Seenotrettungsübung beigebracht wurde, fehlte jede Spur. Nicht nur, dass die Leute panisch durcheinanderliefen, -stolperten und -fielen, von den Angestellten nichts zu sehen war und ich sogar einige Menschen sah, die in dem Durcheinander über die Reling gestoßen wurden. Dort, wo die Rettungsboote hingen, zappelte stattdessen die Spitze eines gigantischen Tentakels übers Deck und warf jeden Menschen von Bord, den er packen konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Die Rettungsboote können wir vergessen! Kommen Sie, weiter hinten sind Rettungsflöße, die wir nehmen können!“, schrie Kathy mir über die Schreie zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch ich reagierte nicht. Stattdessen suchte ich fieberhaft nach meinem Mann. „Chris? Chris, wo bist du?“, brüllte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kathy packte mich wieder am Arm. „Kommen Sie! Sie müssen sich in Sicherheit bringen. Tot nützen Sie Ihrem Mann auch nichts!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie hatte recht. Bei dem Durcheinander und dem schwachen Licht würde ich Chris niemals finden. Stattdessen redete ich mir ein, dass er sicherlich schon auf einem der Rettungsboote sein würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kathy und ich rutschten mehr über das klitschnasse Deck, als dass wir rannten. Trotzdem kamen wir den Behältern mit den Rettungsflößen immer näher.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir waren fast da, als ein lautes Ächzen ertönte. Es war langgezogener als die bisherigen. Dann bebte plötzlich das gesamte Schiff. Ein lautes Knirschen und mehrere leisere Knalle ertönten, bis ein gewaltiger Ruck durch den Boden fuhr. Die Oceans Pride kippte wieder in eine waagerechte Position zurück und schleuderte mich zu Boden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Blick war starr auf den Fleck gerichtet, wo eben noch die Rettungsflöße waren. Dort war nur noch Luft … Das Schiff war gerade entzweigebrochen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Scheiße, was machen wir jetzt?“, fluchte ich, während ich mich zu Kathy umdrehte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch von Kathy fehlte jede Spur. Sie war eben rechts von mir gewesen, genau an der Stelle, wo das Geländer fehlte. Sie war doch nicht …!</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Kathy!“, brüllte ich und kroch zum Rand des Schiffs.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Wasseroberfläche näherte sich schnell, während sich das Schiff mit Wasser füllte. Dann sah ich Kathy ganz in der Nähe eines treibenden Rettungsboots aus dem Wasser stoßen. Sie strampelte, wurde unter Wasser gerissen, tauchte wieder auf. Sie würde es nicht zum Boot schaffen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Kathy!“, schrie ich erneut. Ich sah sie nicht mehr. Aber was sollte ich tun? Ich konnte sie nicht ertrinken lassen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Magen krampfte sich zusammen, als ich zum Sprung ansetzte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Obwohl es gar nicht so hoch aussah, durchfuhr meine Beine ein heftiger Schmerz, als ich auf die Wasseroberfläche knallte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort wurde ich von der Wucht des Aufpralls unter Wasser gerissen. Ich trat um mich, strampelte mit den Armen. Wo war die Oberfläche.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich dachte schon, dass es das Ende wäre, als mein Kopf aus dem Wasser stieß. Gierig schnappte ich nach Luft, während ich hin und her gewirbelt wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Kathy! Kathy, wo sind Sie?“, schrie ich aus voller Lunge.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch sie war fort. Ich hoffte so sehr, ihren Ruf zu hören, erinnerte mich an mein Versprechen, mit ihr gemeinsam im Rettungsboot zu sitzen … Das Rettungsboot!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch wenn ich Kathy nicht mehr retten konnte, würde ich wenigsten mich selbst retten können!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich versuchte, loszuschwimmen, merkte ich, dass mein Bein sich in etwas verfangen hatte. Es fühlte sich weich an, wie eine Art Tuch oder Plane.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst, als der Kraken mit seinem Tentakel zudrückte, erkannte ich, was es wirklich war …</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Kraken (altnorwegisch für „Krake“ oder „Oktopus“), häufig auch Riesenkrake genannt, ist eine alte Seefahrtslegende, die seit Jahrhunderten in vielen verschiedenen Mythologien existiert.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Anders, als der Name vermuten lässt, handelt es sich bei dem Kraken bzw. Riesenkraken nicht immer um einen Oktopus, sondern häufig auch um einen Riesenkalmar.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihre Größe kann stark variieren. So wurden sie früher teilweise als mehrere Kilometer lang bezeichnet oder gar mit schwimmenden Inseln verglichen, bis sie mit der Zeit deutlich kleiner gemacht wurden – jedoch immer noch groß genug, um Schiffe zu umschlingen und zu versenken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem wurden dem Kraken manchmal noch weitere Merkmale, wie z.B. Hörner oder ein riesiges, mit spitzen Zähnen besetztes Maul nachgesagt, die man normalerweise nicht bei den uns bekannten Kopffüßlern findet.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der Kraken ist dafür berüchtigt, große Schiffe zu zerstören und mit sich in die Tiefe zu ziehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das bekannte Bild eines Riesenkraken, der ein Schiff umschlingt, wie wir es aus Filmen, Videospielen, Büchern und von Bildern kennen, entspricht ziemlich genau dem Verhalten, das man dem Kraken zuschreibt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Neben großen Schiffen soll der Kraken aber auch kleinere Boote angegriffen haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In anderen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Legenden</a> heißt es, dass der Kraken die Schiffe gar nicht selbst versenken würde, sondern einen riesigen Malstrom erzeugen könne, der die Schiffe nach unten ziehe. Hin und wieder wird auch behauptet, der Malstrom entstehe immer, wenn der Kraken abtauche.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Motivation dafür, warum der Kraken die Schiffe versenkt, wurde in den meisten Erzählungen hingegen ausgelassen. Wenn sie jedoch erwähnt wurde, heißt es fast immer, dass der Kraken die Seeleute an Bord des Schiffes fressen wollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Kraken wird aber nicht immer nur als böse bezeichnet. In einigen Legenden heißt es, dass er stets von gewaltigen Fischschwärmen begleitet wurde. So würden Fischer, die mutig genug waren, sich dem Seeungeheuer zu nähern, mit einem reichen Fang belohnt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie bei vielen Legenden, die so als und so weit verbreitet sind, wie die Legende der Riesenkraken, gibt es natürlich auch einige Geschichten, die völlig absurd klingen. So soll z.B. die Kirche im Mittelalter das Gerücht verbreitet haben, dass der Kraken erst wieder abtauchen würde, nachdem man auch seinem Rücken eine vollständige Messe abgehalten habe.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der hauptsächliche Lebensraum des Kraken soll der Atlantische Ozean sein. Besonders vor den Küsten Norwegens und Grönlands – was wahrscheinlich auf den nordischen Ursprung der Legende zurückzuführen ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn man jedoch nach den Riesenkalmaren – einer tatsächlich lebenden Kalmarenart – geht, wäre der Kraken in allen Ozeanen der Erde anzutreffen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Legende des Kraken ist bereits sehr alt. Bereits im 7. Jahrhundert vor Christi berichtete Homer in seiner Odyssee von einem Wesen – der Skylla –, das viele Arme besitzt und Seeleute frisst. Jedoch soll die Skylla – im Gegensatz zum Kraken – Köpfe an ihrem Armen besessen haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem kommen derartige Geschichten als Ursprung des Kraken in Erwägung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch wäre es möglich, dass der Kraken bloß eine Abwandlung normaler Tintenfische oder Oktopoden ist, die im Stil des klassischen Seemannsgarns zu gewaltigen <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer" target="_blank">Monstern</a> herangewachsen sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Andererseits besteht auch die Möglichkeit, dass es sich bei dem Kraken um eine reale Kreatur handelt. So gibt es z.B. Risenkalmare, die eine Länge von mindestens 13 Metern erreichen können. Diese können sogar Wale töten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und auch, wenn Riesenkalmare wahrscheinlich nicht in der Lage wären, ein Schiff zu versenken, könnte ein an Land gespülter Kadaver eines solchen Tieres der Stoff von Legenden geworden sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem kann niemand so genau sagen, welche tatsächlichen Seeungeheuer noch unentdeckt in den Weltmeeren lauern …</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von der Legende des Kraken? Denkt ihr, dass es bloßer Seemannsgarn ist, oder glaubt ihr, dass solche Kraken tatsächlich existieren oder existiert haben? Wie findet ihr Seefahrtslegenden generell? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Wenn ihr mehr solche Geschichten oder Legenden lesen wollt, abonniert auch gerne meinen&nbsp;<a rel="noreferrer noopener" href="https://www.geister-und-legenden.de/newsletter" target="_blank">Newsletter</a>, oder folgt mir auf&nbsp;<a rel="noreferrer noopener" href="https://twitter.com/geisterlegenden" target="_blank">Twitter</a>,&nbsp;<a rel="noreferrer noopener" href="https://www.facebook.com/geisterlegenden/" target="_blank">Facebook</a>&nbsp;oder <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.instagram.com/geisterlegenden/" target="_blank">Instagram</a></em>.</p>
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