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	<title>Indonesien Archive - Geister und Legenden</title>
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	<description>In diesem Blog schreibe und veröffentliche ich jeden zweiten Montag eine neue Legende und Geschichte über Geister oder andere übernatürliche Dinge. Viel Spaß beim Gruseln!</description>
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		<title>Wewe Gombel – Sie kommt dein Kind holen!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 25 Nov 2024 14:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Zwei dunkle Augen, die tief in den Höhlen saßen, starrten zurück. Auch bemerkte ich jetzt ihre ungesund blasse Haut, die unnatürlich dünnen Gliedmaßen und ihren nackten Oberkörper. Ihre großen, tief hinabhängenden Brüste wurden nur durch den Körper meines Sohnes bedeckt …</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.geister-und-legenden.de/wewe-gombel">Wewe Gombel – Sie kommt dein Kind holen!</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.geister-und-legenden.de">Geister und Legenden</a>.</p>
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<p class="wp-block-paragraph">Die Wewe Gombel ist ein <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Geist</a> aus Indonesien, der Kinder entführen soll. Sie ist der Antagonist des Videospiels Pamali 2. Da ich durch die <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Monster</a> und Geister aus Pamali 1 einige neue Leser gewinnen konnte, habe ich mich also entschieden, auch ihr einen Beitrag zu widmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen</strong></summary>
<p>&#8211; Gewalt gegen Kinder<br>
&#8211; Kindesentführung</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Sonne war bereits untergegangen, während ich mit meiner Taschenlampe durch den Urwald stolperte. „Edi! Ediii!“, schrie ich in die Finsternis.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch die einzigen Antworten, die ich bekam, waren das entfernte Schreien eines Tieres und das Zirpen der Zikaden. Wo war er nur? Wo war mein Sohn?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war bereits über eine Stunde her, seit er zuhause sein sollte. Während des Maghrib, dem frühen Abendgebet, das meine Frau und ich während der Dämmerung vollführt hatten, hatte ich noch gezittert. Nicht aber, weil mein Sohn weg war, sondern weil ich Angst hatte, was Aminah, meine Ehefrau, ihm antun würde, wenn er endlich nach Hause kam.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wo steckt der Bengel nur?“, hatte sie nach dem Gebet gefragt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">‚<em>Vielleicht ist er ja weggelaufen, weil er Angst vor dir hat</em>‘, hatte ich gedacht. Aber wie immer hatte ich mich nicht getraut, es auszusprechen, denn ehrlich gesagt, hatte auch ich Angst vor der Reaktion meiner Ehefrau.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem hatte ich es geschafft, sie zu überreden, dass sie zu Hause wartete, während ich losgegangen war, um Edi zu suchen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zuerst hatte ich die Häuser unserer Nachbarn und seiner Freunde abgeklappert. Leider hatte niemand von ihnen meinen Sohn gesehen. Lediglich Arif, sein bester Freund, konnte mir verraten, dass sie vorhin auf dem Sportplatz bei der Schule gewesen waren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich war seinen Schulweg abgelaufen, hatte mich mit meiner Taschenlampe sorgfältig umgesehen. Aber nichts. Und auch auf dem Sportplatz hatte ich – abgesehen von einem Fußball, der einsam auf dem Platz lag – nichts finden können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hatte mit meiner Taschenlampe sogar unter die Tribünen gesehen. Erst, als ich bereits fast aufgegeben hatte, war mir eine rote Jacke aufgefallen, die am Waldrand lag. Edis Jacke. Das wiederum hatte mich in den Urwald geführt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Inzwischen war mein Stolpern in ein Laufen übergegangen. Ich hetzte zwischen den Büschen, Ranken und Wurzeln entlang, während ich wie ein Wahnsinniger den Namen meines Sohnes rief. „Edi! Edi, wo bist du?“, schrie ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was, wenn er in den Wald gegangen war und sich hier draußen verirrt hatte? Er wusste, dass er nicht im Regenwald spielen durfte. Aber welches Kind hielt sich schon an das, was seine Eltern ihm vorschrieben? Vielleicht war er ja auf einen Baum geklettert und hatte sich verletzt. Oder aber, ihm war etwas ganz anderes zugestoßen. Auch wenn ich mich zu diesem Zeitpunkt noch nicht traute, meine leise Vorahnung auszuformulieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also rannte ich weiter. Ich war inzwischen so weit in den Dschungel gerannt, dass ich mir nicht einmal mehr sicher war, ob ich selbst wieder hinausfinden würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Edi?“, brüllte ich erneut.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann blieb ich abrupt stehen. Ich war mir nicht ganz sicher, aber hatte ich da eben eine Antwort gehört? Wie erstarrt stand ich da, während ich angespannt lauschte. Und tatsächlich: Irgendwo unter dem Zirpen der Zikaden hörte ich ein leises Rufen. „Papa“, rief Edi aus der Ferne. Angst lag in seiner Stimme.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Edi!“, schrie ich aus voller Lunge. „Bleib, wo du bist! Ich bin sofort bei dir!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hastete weiter in die Richtung, aus der die Stimme noch immer rief, versuchte dabei, mich an die wenig bewachsenen Wege zu halten. Aber so schnell ich auch rannte, so weit ich auch lief, ich kam seinen Rufen nur langsam näher. Es war, als wenn mein Sohn vor mir weglaufen würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem gab ich nicht auf. Immerhin war Edi mein ein und alles, mein einziges Kind. Erst, als ich seine Stimme fast erreicht hatte, tauchte in der Ferne plötzlich eine Gestalt im Schein meiner Taschenlampe auf. Ich wurde langsamer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es sah aus, wie eine gebückt gehende Frau mit wirren langen Haaren. Als sie mein Licht bemerkte, blieb auch sie stehen. Dann drehte sie sich langsam zu mir um.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als Erstes bemerkte ich die kleine Gestalt, die sie fest an ihre Brust drückte. „Edi!“, schrie ich entsetzt. Dann jedoch fiel mein Blick auf ihre langen klauenartigen Fingernägel und ich zwang mich, ihr ins Gesicht zu blicken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zwei dunkle Augen, die tief in den Höhlen saßen, starrten zurück. Auch bemerkte ich jetzt ihre ungesund blasse Haut, die unnatürlich dünnen Gliedmaßen und ihren nackten Oberkörper. Ihre großen, tief hinabhängenden Brüste wurden nur durch den Körper meines Sohnes bedeckt. Sie sah genauso aus, wie meine Mutter sie früher in ihren Geschichten beschrieben hatte. Für mich bestand kein Zweifel. Diese Frau, dieses Wesen, das da gerade meinen Sohn entführte, war die Wewe Gombel.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich merkte erst, wie sehr meine Knie bei dem Anblick zitterten, als ich einen Schritt auf sie, auf meinen Sohn zumachen wollte. Meine Beine bewegten sich keinen Zentimeter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich fühlte ich mich in meine eigene Kindheit zurückversetzt. Wie oft hatte ich Albträume von der Wewe Gombel gehabt, die Kinder entführte, die zu spät noch draußen waren? Wie oft hatte ihr boshaftes Lächeln mich aus unruhigen Träumen gerissen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sei ja vor dem Maghrib zuhause, Wahyudi!“, hatte meine Mutter mich immer gewarnt. „Sonst kommt die Wewe Gombel dich holen!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und ob ihr es glaubt oder nicht, sie hatte das nicht bloß gesagt, damit ich rechtzeitig nach Hause kam. Nein. Sie hatte selbst Angst gehabt, dass ich von der Wewe Gombel entführt wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Denn hier auf Java gibt es auch viele Erwachsene, die noch an das Übernatürliche glauben. Tief in meinem Inneren wusste ich schon immer, dass die Wewe Gombel wirklich existiert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber vielleicht sollte ich euch erst erzählen, was die Wewe Gombel überhaupt ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Legende nach war sie einst selbst ein Mensch gewesen. Sie lebte damals mit ihrem Ehemann zusammen irgendwo hier auf Java.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie führten jedoch keine glückliche Ehe. Etwas, das ich inzwischen nur zu gut nachempfinden konnte. Sie konnte keine Kinder gebären, was ihrem Mann alles andere als passte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es heißt, dass er eine Affäre einging. Seine Frau, die mit der Zeit etwas ahnte, schlich ihm eines Tages nach und erwischte ihn mit einer anderen Frau im Bett. Die Wewe Gombel soll ihren Ehemann daraufhin im Affekt getötet haben. Auch etwas, dass ich nur zu gut nachempfinden konnte. Nicht, dass meine Frau mir untreu wäre, aber hätte ich vor der Hochzeit gewusst, welches Monster sich hinter der Unschuldsmiene von Aminah verbarg, hätte ich sie wohl nie geheiratet. Wie oft hatte ich mir schon vorgestellt, ihr etwas anzutun, wenn sie Edi mal wieder schlug …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber zurück zu der Wewe Gombel. Es heißt, dass die Leute aus ihrer Nachbarschaft bald herausfanden, was sie ihrem Mann angetan hatte. Sie vertrieben sie aus ihrem Dorf und verfolgten sie danach noch weiter. Irgendwann sah die Frau keinen anderen Ausweg mehr, als sich das Leben zu nehmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihr Geist jedoch fand auch nach ihrem Tod keine Ruhe. Stattdessen blieb er hier auf der Erde, wandelt seitdem nachts durch die Wälder und Dörfer auf der Suche nach dem Einen, das ihr im Leben verwehrt geblieben war: ein eigenes Kind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ganz tief in mir drin hatte ich schon immer an sie geglaubt, aber ich war mir nie 100% sicher gewesen, dass sie wirklich existiert. Bis sie an diesem Abend vor mir stand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einen Moment lang starrten wir einander bloß an, während wir reglos dastanden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann jedoch rief Edi erneut nach mir. „Papa! Papa, hilf mir!“, rief er verheult.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das löste mich endlich aus meiner Schockstarre. Ich setzte mich wieder in Bewegung, stürmte auf Edi, auf die Wewe Gombel zu. Sie drehte sich ruckartig um und rannte mit meinem Sohn weiter ins Unterholz.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt musste ich auf jeden Fall an ihr dranbleiben. Ich durfte meinen Sohn nicht verlieren. Nicht an sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich rannte ihr nach, stolperte und kletterte über Ranken und Wurzeln. Aber die Wewe Gombel war ein Wesen des Waldes. Sie wohnte hier, kannte wahrscheinlich jeden Baum, jeden Ast. Außerdem wusste sie jetzt, dass sie verfolgt wurde. Ich hingegen war noch nie durch den Regenwald gerannt – zumindest nie so schnell.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich strauchelte, stürzte, mich zwischen dichten Ranken durchkämpfen musste, hörte ich, wie sich Edis Rufe langsam von mir entfernten. Und dann, von der einen auf die andere Sekunde, verstummten sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Verwundert blieb ich stehen. Ich drehte den Kopf, während ich lauschte. Nichts. Mein Sohn hatte aufgehört, nach mir zu rufen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Edi? Ediii?“, brüllte ich wieder seinen Namen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber ich bekam keine Antwort mehr. Edi war weg.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nein, nein, nein“, jammerte ich. Tränen schossen mir in die Augen. Ich blinzelte sie weg, während ich mich weiter umsah. Aber ich würde jetzt ganz sicher nicht aufgeben!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was blieb mir also anderes übrig, als weiter in die Richtung zu gehen, aus der ich ihn zuletzt gehört hatte?</p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Keine Ahnung, wie lange ich weiterging. Ob es fünf Minuten waren oder zehn, ich wusste es nicht. Ich konzentrierte mich nur auf den Weg vor mir, achtete darauf, ja nicht die Richtung zu wechseln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem schwand meine Hoffnung mit jedem Schritt. Edis Stimme kehrte nicht zurück. Ich hatte das Gefühl, meinen Sohn verloren zu haben. Konnte das das Ende sein?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann hörte ich jedoch völlig unerwartet einen leisen Gesang. Es war eine Frauenstimme. Sie sang ein Schlaflied, das meine Mutter mir früher auch immer vorgesungen hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das musste die Wewe Gombel sein. Wer sonst würde um diese Uhrzeit hier singen? Und dann auch noch in völliger Dunkelheit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also richtete ich meine Taschenlampe auf dem Boden. Ich wollte möglichst wenig auffallen, während ich voller neu gewonnenem Tatendrang weiterschlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich kam dem Ursprung des Gesangs näher und näher. Schließlich schaltete ich meine Taschenlampe ganz aus, ehe ich vorsichtig um einen dicken Baum spähte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und tatsächlich: In der Dunkelheit konnte ich die Silhouette einer alten Frau erkennen. Sie kauerte am Boden und wog sich vor und zurück, während sie leise sang.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Geräuschlos zog ich jetzt mein kleines Taschenmesser aus meiner Hosentasche. Es war kaum als Waffe zu gebrauchen, dafür war es viel zu kurz und wahrscheinlich auch zu stumpf, aber es war besser als gar nichts.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als Nächstes schrie ich auf und schaltete meine Taschenlampe wieder ein, während ich mit ausgestrecktem Messer einen Satz nach vorne machte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Wewe Gombel schnappte überrascht nach Luft. Nahezu unnatürlich schnell sprang sie auf ihre Beine, schob Edi hinter ihren Rücken und nahm eine verteidigende Haltung ein. Es sah fast so aus, als ob sie meinen Sohn vor mir schützen wollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich ignorierte es. „Edi! Alles wird gut!“, sagte ich laut. „Komm her. Komm zu Papa! Ich bring dich nach Hause.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch Edi sah mich bloß an, als ob er mich nicht kennen würde. Die Wewe Gombel musste ihn verhext haben!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch erkannte ich jetzt, dass er an irgendetwas knabberte. Ein Stück Mango, wenn ich es richtig sah.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ehe ich ihn jedoch dazu auffordern konnte, es auszuspucken, unterbrach mich eine Stimme. „Mama!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Verwundert wirbelte ich herum. Zu meiner Rechten stand ein kleines Mädchen, vielleicht fünf oder sechs Jahre alt. Und sie war nicht allein. Im Schein meiner Taschenlampe konnte ich noch weitere Kinder sehen, die ganz in der Nähe standen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was will der Mann von dir?“, fragte das Mädchen die Wewe Gombel. Furcht lag in ihrer Stimme.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und auch die anderen Kinder, Jungen und Mädchen in verschiedenstem Alter, sahen mich verängstigt an. Als wäre ich das Monster.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Keine Sorge“, krächzte die Wewe Gombel dem Mädchen zu. „Der Mann wollte gerade gehen. Bevor noch jemand zu Schaden kommt.“ Ihre kratzige Stimme trieb mir einen Schauer über den Rücken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich musste schlucken, zwang mich aber, keinen Zentimeter zurückzuweichen. Stattdessen sagte ich mit möglichst fester Stimme: „Lass die Kinder gehen, die du entführt hast! Lass Edi gehen!“ Vielleicht war das etwas übermütig. Immerhin war sie ein uralter Geist. Aber ich musste an all die Eltern denken, die ihre Kinder sicherlich schrecklich vermissten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Entführt?“, blaffte die Wewe Gombel zurück! „Ich habe sie gerettet! Vor ihren Familien! Vor deiner Frau und dir!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das brachte mich zum Stutzen. „N-nein!“, protestierte ich. „Ich habe Edi nie etwas angetan!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch die Wewe Gombel kniff ihre Augen zu Schlitzen zusammen. „Nein? Was hast du denn getan, als deine Frau ihn geschlagen hat? Was hast du getan, als sie deinen Sohn verprügelt hat, weil er eine schlechte Note geschrieben hat? Oder das angebrannte Essen nicht essen wollte? Hast du ihn da beschützt?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, die Wewe Gombel anzuschreien, aber die Worte blieben mir im Hals stecken. Sie hatte recht. Was hatte ich je getan, wenn Aminah Edi geschlagen hat? Ich hatte doch selbst viel zu viel Angst vor den Fäusten meiner Frau.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich spürte, wie mir Tränen in die Augen stiegen. Wenig später rannen sie über meine Wangen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mama?“, hörte ich Edi plötzlich sagen. „Warum weint der Mann?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es dauerte einen Moment, bis ich realisierte, dass er mit der Wewe Gombel sprach. ‚Mama‘ … Wie lange war es her gewesen, dass er dieses Wort nicht geflüstert oder angsterfüllt geschrien hatte? Ich wusste es nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Durch meinen Tränenschleier blickte ich wieder zu der Wewe Gombel. Doch jetzt sah ich sie mit anderen Augen. Sie war nicht das Monster, für das sie alle hielten. Das wahre Monster saß bei mir zuhause. Vor Aminah musste ich Edi schützen, nicht vor der Wewe Gombel.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann waren die Gerüchte über die Wewe Gombel also wahr. Nicht, dass sie ein schreckliches Monster war, sondern, dass sie sich um die entführten Kinder kümmerte, als seien es ihre eigenen. Hier würde es Edi gutgehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem hieß es, dass, wenn die Eltern sich bessern sollten, die Wewe Gombel die Kinder zurückgeben würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich wieder sprechen wollte, spürte ich einen Kloß in meinem Hals. Mit Mühe schluckte ich ihn hinunter. „Versprichst du, dass du gut auf meinen Sohn achtgeben wirst?“, fragte ich mit brüchiger Stimme.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt wirkte der Blick der Wewe Gombel fast traurig, während sie mich musterte. Sie ließ sogar ihre klauenbesetzte Hand sinken, die sie mir eben noch verteidigend entgegengestreckt hatte, um damit Edi über den Kopf zu streicheln. „Ich verspreche es“, sagte sie ruhig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Atem ging jetzt schnell und stoßweise. Ich zwang mich, ruhiger zu atmen. „Werde ich ihn wiedersehen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder musterte mich die Wewe Gombel. „Das hängt ganz von dir und deiner Frau ab“, antwortete sie ehrlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich nickte. Dann sah ich zu meinem Sohn. Er hatte wieder angefangen, an seiner Mango zu knabbern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schluchzte. Es tut mir so leid, Edi. Aber es ist besser so. „Dann soll mein Sohn bei dir bleiben“, sagte ich und besiegelte damit sein Schicksal.</p>


<p><b>Bleibt auf dem neusten Stand und folgt mir auf:</b></p>
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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Wewe Gombel ist ein Geist aus dem indonesischen Volksglauben, dem man nachsagt, Kinder zu entführen. Sie ist vor allen auf der indonesischen Insel Java bekannt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Entstehung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden">Legende</a> nach war die Wewe Gombel einst eine normale Frau. Sie war verheiratet, führte aber keine glückliche Ehe, da sie keine Kinder bekommen und ihr Ehemann damit nicht umgehen konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aus dem Grund ging ihr Mann eine Affäre ein. Die Frau bekam es mit und brachte ihren Mann voller Schmerz und Wut um.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als die Leute jedoch von dem Mord erfuhren, vertrieben sie sie aus ihrem Dorf. Es heißt, dass sie sie anschließend verfolgt haben. Und als die Frau schließlich keinen anderen Ausweg mehr sah, nahm sie sich das Leben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Seitdem soll ihre ruhelose Seele als Wewe Gombel über die Erde wandeln.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Auch als Geist ist die Wewe Gombel noch immer als Frau zu erkennen. Sie hat wirres langes Haar, blasse Haut und trägt schlichte Kleidung. Manchmal wird sie auch als nackt oder halbnackt beschrieben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihr wohl bekanntestes Merkmal sind hingegen ihre großen Brüste, die bis zum Bauchnabel oder noch weiter herabhängen sollen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darüber hinaus wird ihr oft ein unheimliches Aussehen nachgesagt. Das kann von dünnen Gliedmaßen, über ungewöhnlich große, eingefallene und/oder leuchtende Augen bis hin zu krallenähnlichen Fingernägeln gehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihr genaues Aussehen kann sich von Erzählung zu Erzählung jedoch stark unterscheiden.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Wewe Gombel ist dafür bekannt Kinder zu entführen. Im Gegensatz zu kinderentführenden Schreckgestalten aus anderen Kulturen ist sie jedoch nicht zwangsläufig bösartig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es heißt nämlich, dass sie besonders häufig Kinder entführt, die von ihren Eltern schlecht behandelt werden. Sollten die Eltern daraufhin ihre Fehler einsehen und sich bessern, soll sie die Kinder sogar zurückbringen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Manchmal heißt es zudem, dass sie die Eltern entführter Kinder heimsucht, um sie dazu zu bringen, an ihren Fehlern zu arbeiten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt jedoch auch andere Versionen, in denen sie bösartiger ist. So sagen einige Leute, dass sie die Kinder mit Fäkalien füttern würde. Sie lässt die Kinder dabei auf magische Weise denken, dass sie ihr Lieblingsessen essen würden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder andere Versionen werden hingegen als Kinderschreck erzählt. Hierbei erzählen Eltern ihren Kindern, dass die Wewe Gombel Kinder holen komme, die sich nachts nach draußen schleichen oder während des Maghrib – dem frühen Abendgebet im Islam – noch nicht zuhause sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während sich die verschiedenen Versionen der Legende stark unterscheiden können, haben sie fast alle eine Gemeinsamkeit: Die Wewe Gombel wird oft mit der Arenga pinnata, der Zuckerpalme, in Verbindung gebracht. Es heißt, dass sie in dem Baum wohnen und in der Nähe des Baumes oder sogar in der Baumkrone die Kinder verstecken soll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Glaube, dass Geister Bäume bewohnen, ist im indonesischen Volksglauben weit verbreitet, wie man z. B. auch an der <a href="https://www.geister-und-legenden.de/kuntilanak" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Kuntilanak</a> sieht.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der Mythos der Wewe Gombel ist in Indonesien weit verbreitet. Am bekanntesten ist ihre Legende aber auf der Insel Java – besonders in der Gegend um Semarang, Zentraljava, wo auch der Bukit Gombel, ein Berg, nach dem der Geist benannt sein soll, steht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem soll sie, wie bereits erwähnt, die indonesische Zuckerpalme bewohnen. Die meisten Indonesier meiden es daher, Bäume zu beschädigen oder irgendetwas mit dem Baum zu tun, das den Geist verärgern könnte.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Legende der Wewe Gombel wurde lange Zeit nur mündlich überliefert. Das ist auch der Grund, warum es so viele verschiedene Versionen davon gibt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Besonders als Warnung an Kinder, damit sie sich nicht zu spät noch draußen herumtreiben, ist die Legende viel verbreitet worden. Sie dient aber auch als Warnung an Eltern, dass sie ihre Kinder gut behandeln und niemals als selbstverständlich erachten sollen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie genau die Legende entstanden ist, habe ich hingegen nicht herausfinden können. Es gibt aber die Theorie, dass sie nach dem Bukit Gombel, auf dem es während der niederländischen Kolonialzeit zu viel Leid und Armut gekommen war, benannt wurde. Aufgrund des vielen Leids sollen sich um den Berg einige Geistergeschichten drehen. Die Legende der Wewe Gombel ist eine von ihnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Legende ist inzwischen so weit in den Volksglauben vorgedrungen, dass auf Java noch immer viele Menschen glauben, dass es die Wewe Gombel wirklich gibt. Das reicht von Furcht über Zeugenaussagen von angeblich zurückgekehrten Kindern bis hin zu Beschuldigungen bei Vermisstenfällen und Erwähnungen in den indonesischen Nachrichten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Wewe Gombel in der Popkultur:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Aufgrund ihrer Bekanntheit hat die Wewe Gombel es außerdem geschafft, in die Popkultur einzugehen. So gibt es diverse Filme, Comics, Videospiele und sogar gleichnamige Lieder über sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zwei der bekanntesten Filme sind wohl der 2024 erschienene Film „Marni: The Story of Wewe Gombel“ und der Film „Wewe Gombel“ von 1988.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem gibt es das Android Spiel „Wewe Gombel &#8211; Horror Escape“ und sie wird der Antagonist in dem geplanten Horrorspiel Pamali 2 sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">An dieser Stelle möchte ich ein kleines Update geben, da ich den Film &#8222;Marni: The Story of Wewe Gombel&#8220; inzwischen gesehen habe. Der Anfang war etwas träge, dafür hat mich der Mittelteil voll und ganz in den Bann gezogen, nur um mich mit dem Finale wieder zu verlieren. Insgesamt würde ich den Film nur 6 von 10 Sternen geben, möchte aber trotzdem die Darstellung der Wewe Gombel loben, die mir sehr gefallen hat. Und noch eine kleine Triggerwarnung, da auch dieser Film leider eine kurze Vergewaltigungsszene enthält.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von der Wewe Gombel? Kanntet ihr die Legende bereits? Und was hättet ihr an Wahyudis Stelle getan? Hättet ihr euren Sohn bei der Wewe Gombel gelassen? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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		<title>Babi Ngepet &#8211; Gefährliche Gier</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 03 Jul 2023 13:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Dämonen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Hieß das, dass sie das Babi Ngepet bereits gefunden hatten? Dass sie Adi bereits gefunden hatten? Verfolgten sie ihn schon?<br />
Für den Bruchteil einer Sekunde überlegte ich, ihnen nachzulaufen. Aber wie sollte ich sie davon abhalten, meinen Freund zu erschießen?</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg09.met.vgwort.de/na/392a9828478f4f5f90467ef31b35b0f0" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Das indonesische Babi Ngepet <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/rituale" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Ritual</a> verspricht jedem, der es ausführt, eine Menge Geld. Trotzdem kann es, gerade in Indonesien, ein sehr gefährliches Unterfangen sein. Warum das so ist und was es mit dem Ritual auf sich hat, erfahrt ihr in diesem Beitrag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen</strong></summary>
<p>&#8211; Tod</p>
<p>&#8211; Tod eines Tieres</details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Indonesien ist ein Land mit vielen Legenden. Obwohl ich eine gläubige Muslima bin, haben meine Eltern und Großeltern mir oft Geschichten von übernatürlichen Wesen und Ritualen erzählt, an die die Menschen in Indonesien seit Jahrhunderten glauben. Und auch, wenn ich neben Allah eher den wissenschaftlichen Ansatz verfolgte, hatte ich schon immer das Gefühl, dass es mehr da draußen geben musste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem hatten mich weder mein Glaube noch mein Aberglaube auf jenen Tag vorbereiten können, als ich dem Übernatürlichen das erste Mal begegnete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war ein Tag wie jeder andere. Nichts deutete darauf hin, dass gerade irgendwo in der Nachbarschaft ein schwarzmagisches Ritual durchgeführt wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich war im Anwesen von Mulyadi, erledigte den Haushalt und brachte ihm und seinen Gästen gelegentlich Tee, einen Snack oder was auch immer sie sonst von mir verlangten. Als Dienstmädchen war das meine Pflicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„He, Annisa, sei so gut und bring uns die Zigarren“, forderte Mulyadi mich auf. „Der Kasten steht auf dem kleinen Tisch im Esszimmer.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Natürlich, Bapak Mulyadi“, erwiderte ich höflich, ehe ich mich mit gesenktem Haupt in den Flur begab. Ich hörte noch, wie er bei seinen Freunden damit angab, wie teuer die Zigarren gewesen waren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Flur entfuhr mir ein schweres Seufzen. Wie konnte ein Mensch nur so verdorben sein? Mulyadi hatte mehr Geld, als er im Leben ausgeben konnte. Er ließ sich keine Gelegenheit entgehen, damit anzugeben. Daran, mit dem Geld etwas Gutes oder Sinnvolles zu tun, dachte er hingegen nie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zum Beispiel wusste er, dass ich mit meinem Lohn nicht nur mich versorgen, sondern seit Papas Unfall auch meine Eltern unterstützen musste. Anstatt mir aber als langjähriger Angestellten unter die Arme zu greifen oder mir wenigstens ein faires Gehalt für meine Arbeit zu zahlen, nutzte er aus, dass er der einzig passende Arbeitgeber in der Nähe meiner Eltern war. Er hatte mir unter einem Vorwand den Lohn gekürzt, als er gemerkt hatte, dass ich auf die Stelle angewiesen war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich weiterging, schüttelte ich den Kopf. Nein. Ich sollte mich nicht beschweren. Ich klang schon fast wie Adi, mein fester Freund. Allah hatte mir ein gutes Leben geschenkt. Auch wenn mein Lohn etwas zu niedrig war, kam ich immer über die Runden. Außerdem bekam ich bei Mulyadi immer gutes Essen, war gesund und hatte einen tollen Freund, der mich sehr liebte. Was wollte ich mehr?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Esszimmer angekommen, schaltete ich das Licht ein. Sofort sprangen mir die hellen Wände, der edle Holztisch und ein lebensgroßes Porträt von Mulyadi ins Auge. Auf den zweiten Blick sah ich auch das Zigarrenkästchen. Es lag auf dem ebenfalls hölzernen Beistelltisch. Direkt daneben stand ein kleiner, goldener und &#8211; wenn ihr mich fragt – potthässlicher Kerzenhalter. Mulyadi hatte ihn sich nur geholt, weil er so unverschämt teuer gewesen war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit gemächlichen Schritten ging ich weiter. Ich ließ den Blick durch den Raum schweifen, überprüfte flüchtig, ob alle Stühle ordentlich am Tisch standen, und trat schließlich an den Beistelltisch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich stockte ich. Ich hatte gerade nach dem Zigarrenkästchen greifen wollen, als mein Blick auf den goldenen Kerzenhalter fiel. Oder genauer gesagt den Ort, an dem der Kerzenhalter eben noch gestanden hatte. Der Platz neben dem Zigarrenkästchen war leer. Wie … wie war das möglich?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich mich verwirrt im Zimmer umsah, arbeitete mein Hirn auf Hochtouren. Kurz überlegte ich, ob er die ganze Zeit schon weg gewesen war und ich ihn mir bloß eingebildet hatte. Aber nein, dazu hatte ich ihn eben zu genau angesehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Andererseits lag er nicht auf dem Boden. Auch konnte sich niemand an mir vorbeigeschlichen haben. Das hätte ich bemerkt. Mir fiel keine logische Erklärung ein, wo der Kerzenhalter hin verschwunden sein könnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann kam mir ein anderer Gedanke. Ein Gedanke, der mir so lächerlich vorkam, dass er gar nicht stimmen konnte. Es gibt im indonesischen Volksglauben eine Magie namens Pesugihan. Angeblich konnte man mit dieser Magie über Nacht reich werden – wenn auch nicht unbedingt auf legale Weise. Und rein zufällig hatte ich mit meinem Freund erst vor ein paar Wochen über ein Pesugihan-Ritual gesprochen: dem Babi Ngepet Ritual.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf der Insel Java weiß wahrscheinlich jeder, was ein Babi Ngepet ist. Durch ein Ritual kann sich ein dunkler Magier in eine Art Wildschwein, das Babi Ngepet, verwandeln. Wenn sich der Magier nun in Schweinegestalt an einer Hauswand rieb, verschwanden auf magische Weise Wertgegenstände und Geld aus dem Haus. Genau wie der Kerzenhalter vor mir.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wäre wahrscheinlich nicht einmal auf die Idee gekommen, wäre mir nicht das Gespräch eingefallen, das Adi und ich geführt hatten. Er hatte mich gefragt, ob wir es nicht einfach einmal versuchen sollten. Er kenne da einen Dukun, einen Schamanen, der auf so etwas spezialisiert sei. Wenn ich so drüber nachdachte, war er erstaunlich gut über das Ritual informiert gewesen, auch wenn ich ihn damals nicht ernstgenommen hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hatte ihn abgewiesen, ihm erklärt, dass Allah solche Magie nicht gutheißen würde. Auch hatten wir rumgealbert. Ich hatte gemeint, dass er bestimmt selbst als Wildschwein unverschämt gutaussehen würde. Er hatte daraufhin Grunzgeräusche gemacht und ich hatte das Ganze als Scherz, als fixe Idee abgetan, die wir beide schnell wieder vergessen würden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und trotzdem … Trotzdem wurde ich das unwohle Gefühl nicht los, dass Adi etwas mit dem verschwundenen Kerzenhalter zu tun haben könnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ohne weiter darüber nachzudenken, griff ich nach meinem Portemonnaie. Ich holte einen 50.000 Rupiah-Schein heraus und legte ihn vor mir auf den Beistelltisch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den nächsten Sekunden kam ich mir völlig bescheuert vor, während ich den Schein nicht aus den Augen ließ. Das war jedoch, bevor er sich in Luft auflöste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Kinnlade klappte herunter. Als würde ich noch immer nicht begreifen, was gerade passiert war, starrte ich das nackte Holz vor mir an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gleichzeitig gab es in mir eine Explosion aus Emotionen. Ich war entsetzt darüber, dass der Schein wirklich verschwunden war, an den Ritualen also wirklich etwas dran zu sein schien. Auch überlegte ich kurz, ob ich vielleicht den Verstand verlor oder halluzinierte. Aber vor allem hatte ich Angst. Ich hatte Angst davor, dass Adi das Ritual tatsächlich durchgeführt hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wusste er nicht, wie gefährlich es sein konnte? Wenn nachts im Dorf irgendwo ein Wildschwein gesehen wurde, wurde es sofort vertrieben, oder schlimmer noch, gejagt. Es war in der Vergangenheit oft genug vorgekommen. Und wenn jetzt auch noch jemand den Diebstahl bemerkte …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein plötzlicher Tumult im Haus riss mich aus meiner Starre. Männerstimmen riefen aufgeregt durcheinander. Schritte erklangen aus dem Flur. Türen schlugen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hastig rannte ich zurück in den Flur. Ich sah, wie Mulyadis Gäste wild durcheinander rannten. Die Haustür stand offen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann entdeckte ich Bernard, den Koch, wie er völlig verwirrt dastand. Ich wich einem aufgeregten Mann aus, während ich zu ihm eilte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Bernard? Was ist passiert?“, fragte ich schnell.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Isch weiß es nischt“, erwiderte er mit seinem französischen Akzent. Er wirkte erleichtert, dass jemand mit ihm redete. „Es wurde wohl irgendeine Uhr gestohlen, die auf dem Tisch lag. Danach ‘at irgendwer draußen ein Schwein gesehen. Bapak Mulyadi ‘olt gerade seine Waffe. Annisa, die Männer ‘aben ihren Verstand verloren!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bernards Worte klangen in meinen Ohren nach. Mulyadi holte gerade seine Waffe?!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch entging mir Bernards hoffnungsvoller Gesichtsausdruck nicht, dass ich ihm das Ganze irgendwie erklären konnte. Er wohnte noch nicht lange in Indonesien und kannte sich schon gar nicht mit unseren Legenden aus. Aber so gerne ich ihm auch geholfen hätte, hatte ich dafür keine Zeit. Nicht jetzt. Ich musste Mulyadi und seine Freunde aufhalten!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment sah ich Mulyadi aus dem Wohnzimmer kommen. Der Anblick seiner Pistole, die er fest in der Hand hielt, trieb mir einen eiskalten Schauer den Rücken hinunter. Er hatte sie vor einigen Jahren illegal gekauft, um sich gegen Einbrecher schützen zu können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich musste sämtliche Instinkte und meine komplette Ausbildung ignorieren, um mich ihm in den Weg zu stellen. Er sah mich irritiert an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Bapak Mulyadi, was ist los?“, fragte ich hastig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er runzelte die Stirn, war es nicht gewohnt, dass ich ohne vorherige Aufforderung oder dringendes Anliegen mit ihm sprach. „Vor meinem Haus treibt sich ein Babi Ngepet rum. Ich habe keine Zeit, zu reden!“, erwiderte er schroff, ehe er sich an mir vorbeidrängelte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ein Babi Ngepet?“, fragte ich gespielt überrascht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mulyadi ignorierte mich. Er war im Begriff, nach draußen zu rennen, also griff ich nach seinem Handgelenk – eine Geste, die mich meinen Job kosten konnte. Er blieb verdattert stehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Bapak Mulyadi. Warten Sie“, versuchte ich, Zeit zu gewinnen. „Sie wissen nicht, wie gefährlich das Tier ist. Wildschweine können ziemlich aggressiv werden, wenn sie sich bedroht fühlen. Und wenn das wirklich ein Babi Ngepet ist …“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weiter kam ich nicht. Mulyadi hatte sich mir wieder zugewandt und packte mich mit der freien Hand fest an der Schulter. „Vergiss nicht deinen Platz, Annisa!“, fauchte er mich an. Er sah tatsächlich aus, als wäre er kurz davor, mir zu kündigen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hingegen verengte die Augen. In all den Jahren, die ich für ihn gearbeitet hatte, habe ich einiges über ihn in Erfahrung bringen können. Ich war die wahrscheinlich einzige Person im Dorf, die den wahren Mulyadi kannte. Den Mulyadi, den er vor den anderen Bewohnern und seinen Freunden verbarg. Ich kannte all seine schmutzigen Geheimnisse.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie gerne würde ich ihm das an den Kopf werfen. Ich könnte Zeit für Adi gewinnen, falls das Babi Ngepet tatsächlich er war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich jedoch in Mulyadis Augen sah, merkte ich, wie sinnlos das wäre. Die Gier in ihnen war zu groß. Er würde sich bloß unsanft losreißen und mir zu verstehen geben, dass wir das später klären würden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also ließ ich sein Handgelenk los. Ich zog leicht den Kopf ein, wollte ihm mit allen Mitteln zu verstehen geben, dass mein Verhalten mir leidtäte, und nuschelte eine Entschuldigung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mulyadi ging nicht weiter darauf ein. Schnell rannte er nach draußen zu seinen Freunden. „Ich werde dieses Mistvieh töten!“, hörte ich ihn schreien, ehe er die Tür hinter sich zuzog.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Augen weiteten sich. Ich hatte ihn falsch eingeschätzt. Mulyadi war nicht getrieben von Gier, sondern von Wut. Wenn er das Babi Ngepet tötete, war sein Geld verloren. Aber das kümmerte ihn gar nicht. Er fühlte sich in seinem Stolz verletzt, in seiner Ehre, weil jemand es gewagt hatte, ihn zu bestehlen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Annisa? Was ist ’ier los? Was ist dieses Babi Ngepet, von dem ihr gesprochen ’abt?“, fragte Bernard.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit der Situation völlig überfordert, starrte ich ihn an. „Ich erklär dir alles später. Vorher muss ich erst was erledigen“, rief ich ihm eine halbherzige Entschuldigung zu, während ich bereits auf dem Weg nach draußen war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Annisa! Warte!“, rief Bernard mir nach.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich ignorierte ihn. Adi schwebte in Lebensgefahr!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Letzte, was ich hörte, war ein genervtes „’at denn ’ier jeder den Verstand verloren?“, ehe die Tür auch hinter mir ins Schloss fiel.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Draußen sah ich mich flüchtig um. Zu meiner Überraschung war von Mulyadi und seinen Freunden bereits nichts mehr zu sehen. Obwohl es dunkel war, konnte ich nirgends die Lichter ihrer Taschenlampen oder Handys erkennen. Das Einzige, was noch auf sie hindeutete, waren aufgeregte Rufe in der Ferne. Sie hatten in der kurzen Zeit eine beachtliche Strecke zurückgelegt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hieß das, dass sie das Babi Ngepet bereits gefunden hatten? Dass sie Adi bereits gefunden hatten? Verfolgten sie ihn schon?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für den Bruchteil einer Sekunde überlegte ich, ihnen nachzulaufen. Aber wie sollte ich sie davon abhalten, meinen Freund zu erschießen? Was konnte ich schon ausrichten?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wo ich hingegen etwas ausrichten konnte, war Adis Haus. Er hatte mir damals erklärt, dass es bei dem Ritual einen Notfallplan gäbe, eine Reißleine, die ich ziehen konnte, falls es für ihn brenzlich wurde. Es sei idiotensicher.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Seiner Erklärung nach, brauchte man zwei Menschen für das Ritual. Eine Person, die sich in das Babi Ngepet verwandelt, und eine andere Person, die eine brennende Kerze in ein Wasserbecken legt und sie nicht aus den Augen lässt. Sollte die Kerze zu flackern beginnen, war das Babi Ngepet in Gefahr. In dem Fall hätte ich sofort die Kerze auspusten sollen, um Adi in Sicherheit zu bringen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie genau das funktionierte, wusste ich nicht. Aber ich vertraute Adi. Normalerweise wusste er, was er tat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nur gab es ein Problem: Wen hatte Adi damit beauftragt, auf die Kerze aufzupassen, nachdem ich abgelehnt hatte? War es jemand, dem er sein Leben anvertrauen konnte, oder war es ein geldgieriger Schamane, dem er nichts bedeutete?</p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich endlich Adis Haus im Halbdunkel erkennen konnte, legte ich einen Endspurt ein. Im Inneren brannte kein einziges Licht. Trotzdem klingelte ich Sturm und hämmerte gegen die verschlossene Haustür, während ich völlig aus der Puste nach Luft rang.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Bitte, wer auch immer da drin ist, Sie müssen die Kerze auspusten!“, rief ich, als ich endlich wieder halbwegs atmen konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einen Moment stand ich schweigend da, betete zu Allah, dass die Tür sich öffnete. Im Haus blieb es still.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder klingelte ich mehrmals. „Bitte! Ein Mann hat eine Waffe! Sie werden ihn umbringen!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Noch einmal hielt ich inne, hielt sogar den Atem an, um besser zu hören. Nichts. Wer auch immer da drinnen war, hatte keine Intentionen, die Tür zu öffnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also rannte ich zum nächsten Fenster. Es war das Küchenfenster. Ich presste mein Gesicht an die Scheibe, versuchte, etwas zu erkennen. Aber drinnen war nichts als Schwärze.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz machte ich mir Hoffnung. Vielleicht war das Babi Ngepet ja gar nicht Adi. Vielleicht war es jemand anderes aus unserem Dorf!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment hallte jedoch ein Knall durch die Luft. Trotz der Entfernung konnte ich ihn deutlich hören. Natürlich hätte das alles Mögliche sein können. Ein Motor, zum Beispiel. Aber nein, ich war mir sicher, dass Mulyadi gerade geschossen hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">All meine Hoffnung, dass Adi vielleicht gar nicht in Gefahr war, bröckelte vor meinem geistigen Auge weg. Ich sah nur noch eine Zukunft vor mir, die ich ohne ihn verbringen musste. Bilder einer Beerdigung kamen mir in den Kopf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war der Moment, als mein Hirn aussetzte. Wie eine Wahnsinnige hämmerte ich gegen das Glas. Ich warf mich dagegen, aber es half nichts. Also nahm ich den erstbesten größeren Stein, den ich am Boden finden konnte, und versuchte es damit.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Knack!</em> Risse bildeten sich in dem Fenster. Beim zweiten Schlag zersprang die Scheibe. Ich schnitt mir dabei in die Finger, aber ignorierte die Wunden und den Schmerz.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit einem letzten Funken Geistesgegenwärtigkeit schlug ich die gröbsten Scherben aus dem Rahmen, ehe ich mich am Fensterbrett hochzog und mir dabei weiter die Hände zerschnitt. Schnell kletterte ich über die Arbeitsplatte. Ich hatte es ins Haus geschafft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Hände fest zu Fäusten ballend, um die Blutungen zu stoppen, eilte ich Richtung Wohnzimmer. Ich hämmerte mit der Faust auf den Lichtschalter, konnte mich gerade noch bremsen, bevor ich in die geschlossene Wohnzimmertür rannte. Seltsam. Die Tür stand sonst immer offen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem ich die Klinke heruntergedrückt hatte, erkannte ich, warum die Tür geschlossen war. Dort auf dem Boden, wo sonst die so gemütliche Couch stand, war jetzt eine große Schüssel mit Wasser. In dem Wasser schwamm eine Kerze. Adi hatte das Ritual also wirklich durchgeführt. Aber was viel wichtiger war: Die Kerze brannte noch. Er war am Leben! Und ich würde alles daransetzen, dass es so blieb.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich also zur Kerze lief, fiel mir auf, dass außer mir niemand hier war. Von der zweiten Person, die die Kerze bewachen sollte, fehlte jede Spur. Das Wohnzimmer war menschenleer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">‚<em>Oh, Adi, du Dummkopf!</em>‘, dachte ich, während ich Luft holte und mich zur Kerze bückte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er war noch leichtsinniger, als ich gedacht hatte: Nachdem ich angedeutet hatte, das Ritual nicht zu unterstützen, musste er entschieden haben, es allein durchzuziehen. Adi hatte nicht den Dukun um Hilfe gebeten, der ihm bei den Vorbereitungen geholfen haben musste. Er hatte niemanden um Hilfe gebeten. Zum Glück war ich jetzt da.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich jedoch im Begriff war, die Kerze auszupusten – ich musste nur noch kräftig ausatmen –, hallte ein zweiter Schuss durch die Nacht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die kleine Flamme flackerte vor meinen Augen, ehe sie sich geräuschlos in einen dünnen Faden aus Rauch verwandelte. Es war zu spät. Ich hatte es nicht rechtzeitig geschafft. Die Kerze war erloschen. Adi war tot.</p>



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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Das Babi Ngepet ist ein Wildschwein der indonesischen Mythologie. Um genau zu sein, ist es ein Mensch, der sich während eines speziellen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/rituale" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Rituals</a> in ein Wildschwein verwandelt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Das Ritual:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Das Babi Ngepet Ritual ist eine Form von Pesugihan – dunkle Magie, die den Anwendern schnelles Geld bringen soll. Das Wort kommt von dem javanischen Wort „sugih“, was „wohlhabend“ bedeutet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie das Ritual genau abläuft, habe ich nicht herausfinden können, aber man benötigt dazu zwei Personen, eine schwarze Robe oder einen schwarzen Umhang, eine schwimmfähige Kerze, ein kleines Wasserbecken und passende Opfergaben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem muss man ggf. den Kontakt zu einem Schweine<a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/daemonen" target="_blank" rel="noreferrer noopener">dämon</a> oder Satan herstellen können, weshalb die Leute, die das Ritual durchführen wollen, oft zu einem Dukun, einem indonesischen Schamanen, gehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was die Opfergaben betrifft, habe ich verschiedenste Dinge gelesen. Mal soll es ausreichen, dass man während des Rituals seinen Körper und seine Menschlichkeit aufgibt, andere Male muss einer der Ausführenden Schweinekot essen und wieder andere Male wird sogar das Leben eines geliebten Menschen oder Blutsverwandten als Opfer gefordert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem das Ritual entsprechend vorbereitet und die Opfergaben erbracht wurden, müssen die beiden Ausführenden sich nachts treffen. Einer von ihnen zieht die schwarze Robe bzw. den schwarzen Umhang an, während der andere die Kerze in das gefüllte Wasserbecken legt und sie anzündet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anschließend verwandelt sich die Person in der schwarzen Robe in das Babi Ngepet. Es begibt sich nach draußen, um durch die Straßen zu ziehen und die Wertsachen der Anwohner zu stehlen. Ob der Mensch dabei die Kontrolle über seinen verwandelten Körper behält, ist nicht bekannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während das Babi Ngepet fort ist, muss die zweite Person die gesamte Zeit wachsam die Kerze im Auge behalten. Sollte die Flamme anfangen, zu flackern oder zu schrumpfen, ist das Babi Ngepet und somit auch die verwandelte Person in Gefahr, da es z. B. entdeckt wurde oder gejagt wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wird die Kerze nun so klein oder flackert so sehr, dass sie fast erlischt, sollte sie sofort ausgeblasen werden, da sich die verwandelte Person in Lebensgefahr befindet. Daraufhin verwandelt sie sich zurück in einen Menschen und kehrt – wenn man einigen Versionen glaubt – zum Verwandlungsort zurück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ohne Fremdeinwirkung erlischt die Kerze hingegen nur dann, wenn das Ritual beendet wurde, das Babi Ngepet sich also selbstständig zurückverwandelt hat, oder wenn es stirbt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Das Babi Ngepet sieht wie ein Wildschwein aus. Manchmal wird es als ungewöhnlich groß beschrieben, aber ansonsten lässt es sich optisch nicht von einem völlig normalen Wildschwein unterscheiden.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem der Mensch sich in das Babi Ngepet verwandelt hat, läuft es im Schutz der Dunkelheit durch die Nachbarschaft. Es reibt sich an den Hauswänden und Haustüren, woraufhin Geld, Schmuck und andere Wertsachen aus dem Haus oder der Wohnung auf magische Weise verschwinden sollen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Selten ist auch davon die Rede, dass sich das Babi Ngepet in die Häuser schleichen muss, um sich dort an den Schränken und Zimmertüren zu reiben, woraufhin die Wertsachen verschwinden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sobald die Nacht sich dem Ende nähert oder das Babi Ngepet entscheidet, dass es genügend Leute bestohlen hat, kehrt es an den Verwandlungsort zurück, wo es sich wieder in einen Menschen verwandelt. Die gestohlenen Wertsachen befinden sich nun in seinem schwarzen Umhang.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das alles klingt jedoch einfacher, als es tatsächlich ist. In Indonesien ist der Glaube an die Babi Ngepet nämlich noch immer weit verbreitet. Wird dort also nachts ein Wildschwein gesichtet, das um die Häuser streift, wird es oft gejagt. Nicht selten werden die Tiere dabei, oder nachdem sie gefangen genommen wurden, getötet.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Berichte von Babi Ngepet kommen meist, wahrscheinlich aufgrund der lokalen Bekanntheit, von der indonesischen Insel Java. Auf den anderen indonesischen Inseln sind sie weniger bekannt und werden daher seltener gesichtet.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden">Legende</a> der Babi Ngepet ist wahrscheinlich im Zeitraum zwischen 1830 und 1870 entstanden. Damals wurde in Indonesien das System Tanam Paksa (die Pflanzpflicht) eingeführt. Bauern mussten fortan, statt Pachtgebühren zu zahlen, auf 20% ihres Landes Pflanzen für den Staat anbauen oder 60 Tage im Jahr auf staatlichen Plantagen arbeiten. Außerdem wurde ihnen teilweise vorgegeben, welche Pflanzen sie anzubauen hatten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was darauf folgte, war eine Zeit der Hungersnöte und Armut, während die niederländischen Kolonialherren in kurzer Zeit sehr reich wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Um den plötzlichen Reichtum zu erklären, wurde den Kolonialherren daher schwarze Magie vorgeworfen. Darunter fielen zahlreiche Pesugihan-Rituale wie auch das Babi Ngepet Ritual.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber auch, wenn sich an der Gesellschaftsstruktur in Indonesien seitdem einiges geändert hat, blieben die Legenden über die Rituale erhalten. So findet man ein Babi Ngepet z. B. in dem indonesischen Videospiel DreadOut. Und auch im sonstigen Volksglauben haben Babi Ngepet noch immer einen festen Platz.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Kürzliche Sichtungen:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Noch heute gibt es zahlreiche Gerüchte über die übernatürlichen Schweine. So sorgte Ende April 2021 ein Fall für nationale Aufregung, als in dem kleinen Dorf Badahan ein vermeintliches Babi Ngepet gesichtet wurde. Am Montag, den 26. April trafen sich zwölf Männer, zogen sich nackt aus – aus irgendeinem Grund waren sie der Meinung, dass sie nur so das übernatürliche Schwein sehen könnten – und machten Jagd auf ein Wildschwein. Sie erlegten es, schnitten ihm den Kopf ab und begruben beides an separaten Orten. Der Fall erfreute sich bei der Presse solch großer Beliebtheit, dass das Lembaga Ilmu Pengetahuan Indonesia (Indonesisches Institut für Wissenschaft) öffentlich verkündet hat, dass es keine Babi Ngepet gäbe, um eine Menschenansammlung zu Coronazeiten zu vermeiden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein weiterer Fall ist gerade einmal zwei Monate alt. Ebenfalls Ende April, diesmal jedoch 2023, kam es in Pondok Aren, South Tangerang City, zu einem Aufschrei, als in einer WhatsApp-Gruppe ein Video eines vermeintlichen Babi Ngepet geteilt wurde. Die Bewohner vereinbarten daraufhin, nachts in der Straße wache zu halten und es herrschte eine Menge Aufruhr. Später stellte sich heraus, dass das Tier auf dem Video nichts weiter als ein streunender Hund war. Auch dieser Fall erlangte nationale Bekanntheit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihr seht also: Auch wenn es keinerlei Beweise für ihre Existenz gibt, sind die Babi Ngepet in den Köpfen zahlreicher Menschen aus Indonesien noch immer mehr als real.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von dem Babi Ngepet Ritual? Würdet ihr ein solches Ritual durchführen, um reich zu werden? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>



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		<title>Sundel Bolong</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 29 Jun 2020 13:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Geister]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Urbane Legenden]]></category>
		<category><![CDATA[Geist]]></category>
		<category><![CDATA[Indonesien]]></category>
		<category><![CDATA[weibliche Protagonistin]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Irgendetwas an ihrem Blick beunruhigte mich. Sie sah weder eingeschüchtert, noch wütend aus. Ihre Augen waren kalt und leer – völlig emotionslos ...</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg08.met.vgwort.de/na/364cd1a739cd4b039d546ee491450c4c" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Sundel Bolong sind rachsüchtige indonesische Geister, die nachts einsam durch die Straßen ziehen, während sie nach neuen Opfern suchen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">„Hey, du hast langsam genug getrunken!“, brüllte ich Dian über die Musik zu. Er war mein Kakak – mein älterer Bruder.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hier in Indonesien war es üblich, seine Familie mit Titeln anzusprechen. So stand z.B. Kakak für ältere Geschwister und Adik für jüngere.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Adik! Komm, tanz doch auch ein wenig!“, brüllte er zurück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sein Tanzen war inzwischen vollkommen unrhythmisch geworden, weswegen es eher nach einem wilden Rumgehampel aussah.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Genervt stapfte ich auf ihn zu. „Kakak! Ich bin müde. Außerdem trau ich mich nicht, alleine nach Hause zu gehen …“, log ich. In Wirklichkeit wollte ich nur verhindern, dass er sich weiter lächerlich machte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Seit unsere Eltern gestorben waren, war er immer derjenige gewesen, der auf mich aufgepasst hatte. Doch nun, wo wir älter waren, hatte ich eher das Gefühl, dass ich auf ihn aufpassen musste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ohhh, will die kleine Kadek keinen Spaß mehr haben?“, fragte er gespielt mitleidig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Das reicht!“ Ich funkelte ihn an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war in Indonesien äußerst unhöflich, seine Familie ohne den passenden Titel mit direkten Namen anzusprechen – selbst, wenn es die eigene Schwester war. Er hatte das als Kind schon immer getan, um mich zu ärgern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wenn du jetzt nicht sofort mitkommst, kannst du heute Nacht auf der Straße schlafen!“, zischte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das wirkte. Sein breites Grinsen verwandelte sich sofort zu einem entsetzten Starren. Seitdem er einmal bei einer Party seine Schlüssel verloren hatte, hatten wir die Regelung, dass er keine Schlüssel mehr mitnahm, wenn wir gemeinsam feiern waren. Mit anderen Worten: Ohne mich kam er nicht in unsere Wohnung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ach komm, nur noch fünf Minuten“, jammerte er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Und dann sind es noch einmal fünf Minuten, und dann noch einmal. Nein! Du kommst <em>jetzt</em> mit!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ohne abzuwarten, packte ich ihn am Arm und zerrte ihn zwischen den anderen Leuten hindurch Richtung Eingang.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Obwohl es sehr schwül draußen war, hatte ich endlich wieder das Gefühl, einigermaßen atmen zu können. Die stickige Luft aus der Disko bereitete mir schnell Kopfschmerzen. Um ehrlich zu sein, war ich nur mitgekommen, um auf Dian aufzupassen. Wenn er betrunken vor ein Auto laufen würde, oder sich mit den falschen Leuten anlegte … Ich konnte ihn nicht auch noch verlieren! So anstrengend Dian auch sein konnte, er war trotzdem mein Kakak!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hätte ich geahnt, dass er trotz meiner Gesellschaft die falschen Leute anmachen würde, hätte ich ihn wohl dazu gezwungen, heute mit mir Zuhause zu bleiben. Aber wie hätte ich das wissen sollen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich die Frau das erste Mal sah, verhielt sie sich völlig unauffällig. Sie wirkte weder eingeschüchtert, noch trat sie sonderlich selbstbewusst auf, während sie ganz alleine mitten in der Nacht durch die Straße ging.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihr Kleid hingegen zog meine gesamte Aufmerksamkeit auf sich. Es war weiß. So weiß, dass es im sanften Licht der Straßenlaternen zu leuchten schien.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Kontrast dazu standen ihre schwarzen Haare, die ihr bis über die Hüfte reichten und mit jedem Schritt hin und her wippten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hey Süße, heute Abend schon was vor?“, lallte Dian.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie angewurzelt blieb ich stehen, während mir das Blut in den Adern gefror. Das konnte er doch nicht tun! Egal, wie besoffen er war!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort drehte ich mich zu ihm um und knallte ihm meine Hand an den Hinterkopf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er zuckte zusammen und rieb sich die schmerzende Stelle.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Au! Adik, bist du bescheuert?“, fuhr er mich an.<br>„Das Gleiche könnte ich dich fragen. Hast du denn gar keinen Respekt vor der armen Frau?“, schimpfte ich leise mit ihm. Dann wandte ich mich zu ihr. „Das tut mir wirklich leid! Mein Kakak hat nur etwas viel getrunken. Er ist sonst nie so. Ich verspreche Ihnen, dass er Sie nicht weiter belästigen wird!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frau reagierte nicht. Sie stand reglos da, hatte ihre Augen auf Dian gerichtet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Irgendetwas an ihrem Blick beunruhigte mich. Sie sah weder eingeschüchtert, noch wütend aus. Ihre Augen waren kalt und leer – völlig emotionslos.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ist … ist alles in Ordnung?“, fragte ich vorsichtig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Keine Antwort. Die Frau wandte ihren Blick kurz von Dian ab, um mich anzusehen, bevor ihre Augen sich wieder auf ihn hefteten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit einem leichten Unwohlsein zog ich meinen Kakak weiter – wir wechselten sogar die Straßenseite, um die Frau nicht weiter zu bedrängen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem wir einige Schritte gegangen waren, traute ich mich, einen kurzen Blick über die Schulter zu werfen. Die Frau hatte sich uns zugewandt. Sie starrte uns nach!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gänsehaut zog sich über meinen Rücken. Wieso ging sie denn nicht weiter?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Kakak, sieh jetzt bitte nicht hin, aber die Frau beobachtet uns“, flüsterte ich Dian zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Natürlich versuchte er, sich umzudrehen. Ich hielt ihn davon ab.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Vielleicht findet sie mich ja auch heiß“, lallte er mit einem breiten Grinsen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dian war echt unmöglich! „Das glaube ich nicht. Du bist gerade ein ganz schönes Ekel!“, schimpfte ich, während ich ihn weiterzog.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bevor wir um eine Ecke bogen, drehte ich mich ein weiteres Mal um. Die Frau stand noch immer reglos da. Sie starrte uns an. Dann waren wir endlich außer Sichtweite.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während des gesamten restlichen Weges hatte ich das Gefühl, beobachtet zu werden. Bei jeder Hecke, jeder Gasse, sogar bei den Zwischenräumen zwischen den Autos fürchtete ich, dass dort jemand stand. Doch immer wenn ich hinsah, war dort niemand zu sehen. Auch die Straße hinter uns blieb leer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann waren wir endlich Zuhause. Dian hatte in seinem Zustand ziemliche Probleme, die Treppen nach oben zu steigen. Ich musste ihn dabei die ganze Zeit stützen. Als wir am oberen Treppenabsatz waren, sah ich mich ein letztes Mal um, um sicherzugehen, dass uns niemand folgte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anschließend brachte ich Dian ins Bett, wünschte ihm eine gute Nacht und verzog mich selbst auf mein Zimmer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem ich mich ebenfalls hingelegt hatte, schwirrte mir die ganze Zeit die gruselige Frau von vorhin im Kopf herum. Wieso trug sie überhaupt so ein auffällig weißes Kleid und solch lange Haare? Wollte sie Aufmerksamkeit erregen? Und wieso hatte sie uns die ganze Zeit angestarrt? Machte sie sich einen Spaß daraus, Leute zu erschrecken?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich drehte mich unruhig auf die Seite und versuchte, an etwas anderes zu denken. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich endlich einschlief.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich wieder wach wurde, war es stockdunkel in meinem Zimmer. Ich hatte irgendetwas Seltsames geträumt … da war ein lauter Knall oder ein Klappern … Müde wischte ich mir über die Augen. Wie spät war es?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann hörte ich Schritte. Sie klangen, als würden sie direkt aus dem Flur kommen! Sofort saß ich kerzengerade im Bett. Hatte ich die Geräusche doch nicht bloß geträumt?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Angespannt lauschte ich, während die Finsternis um mich herum sich plötzlich sehr bedrückend anfühlte. Wenn jemand im Haus war, konnten wir uns nicht verteidigen. In Dians Zustand war er nicht in der Lage, sich zu wehren. Und ich war nicht stark genug, um einen Einbrecher aufzuhalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Oder war ich bloß zu paranoid? Kamen die Schritte von der Wohnung über uns?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich zwang mich, ruhig zu atmen, damit meine eigenen Atemgeräusche nicht die leisen Schritte übertönten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">‚<em>Ieeeekkk</em>‘, ertönte ein Geräusch. Ich kannte das Geräusch. Ich hatte es selbst schon häufig genug gehört. Immerhin hatte ich Dian schon vor Wochen darum gebeten, die Tür zu seinem Zimmer zu ölen …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vor lauter Anspannung traute ich mich nicht mehr, zu atmen, versuchte auszumachen, wer oder was die Geräusche verursachte. Doch einzig mein immer schneller schlagendes Herz durchbrach die Stille. <em>Bum bum, bum bum, bum bum</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">War Dian vielleicht nur kurz auf Toilette gewesen? Hatte er sich zurück ins Bett gelegt? Aber warum war dann kein Licht durch den Türspalt unter meiner Tür zu sehen gewesen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dians Schrei schnitt völlig unerwartet durch die Stille. „Aaaaaaaaaaaaahhhhhhh!“ Ich hatte ihn noch nie so schmerzerfüllt schreien hören! „Aaaaaaahhhhhhh! Aaaaaahhhhhhh!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Kakak!“, schrie ich und sprang aus dem Bett.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ohne auch nur einen Moment an meine eigene Sicherheit zu denken, sprinte ich aus meinem Zimmer in den Flur. Dians Tür stand offen! Sofort stürmte ich hinein und betätigte den Lichtschalter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Kakak! Alles in Ord…“ Die Frage blieb mir im Hals stecken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich erkannte die Frau vor mir sofort an ihren langen, schwarzen Haaren und dem weißen Kleid. Nur, dass ich jetzt sehen konnte, dass es überhaupt keine normale Frau war:</p>



<p class="wp-block-paragraph">In ihrem Rücken klaffte ein gewaltiges, tiefes Loch. Ihr Kleid hing an der Stelle in Fetzen, der Stoff rot verfärbt. In dem Loch glänzte frisches Blut. Außerdem konnte ich ihre blutverschmierte Wirbelsäule, Gerippe und sogar einige Organe erkennen. Kein normaler Mensch hätte eine solche Verletzung überleben, geschweige denn damit noch laufen können!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann fiel mein Blick auf Dian. Er lag auf dem Bett, wand sich vor Schmerzen, während er noch immer so fürchterlich schrie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Kakak!“, schrie ich panisch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt sah er mich an. In seinen Augen schimmerte eine Mischung aus Tränen und Todesangst. „Adik! Renn wenn!“, schrie er mir gepresst entgegen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann sah ich wieder die Frau an – oder was auch immer sie war –, die jetzt ihren Kopf zu mir gedreht hatte. Ihr Gesicht war völlig wutverzerrt. Von ihrer Gleichgültigkeit von vorhin war nichts mehr zu sehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als sie sich schließlich vollständig umdrehte, war ich hin- und hergerissen. Ein Teil in mir wollte gegen sie kämpfen, meinen Bruder retten, während ein anderer Teil mich innerlich anbrüllte, dass ich wegrennen solle.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unsicher wich ich zurück. Sie kam einen Schritt auf mich zu. Und noch einen. Was sollte ich nur tun?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich fieberhaft überlegte, wich ich weiter und weiter zurück – immer so weit, dass ich etwa denselben Abstand zu ihr beibehielt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich spürte ich etwas in meinem Rücken. Ich musste einen Aufschrei unterdrücken, als ich gegen die Wand stieß.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt konnte ich nicht weiter zurückweichen. Ich blickte zur Tür, dann wieder zu Dian. Ich konnte ihn doch nicht einfach zurücklassen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schließlich stand die Frau direkt vor mir. Ich hatte die Arme gehoben und hielt sie halb schützend, halb zum Angriff bereit vor mich. Doch die Frau blieb stehen. Sie sah mir tief in die Augen. Schweiß rann meinen ganzen Körper hinab, während mein Herz unkontrolliert in meiner Brust hämmerte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und dann … ging die Frau an mir vorbei Richtung Tür.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ungläubig sah ich ihr nach. Ihre langen Haare hingen jetzt wieder über ihren Rücken, sodass von der klaffenden Wunde nichts mehr zu sehen war. Sie verschwand im Flur.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann bemerkte ich etwas anderes: Dian hatte aufgehört, zu schreien!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich ihn ansah, spürte ich, wie sich mein Magen umdrehte. Mir wurde schwindelig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dian lag auf dem Rücken, die blutverschmierten Hände hingen schlaff vor seinem ebenfalls blutverschmierten Becken. Doch das war nicht das Schlimme: Ich sah, dass seine Unterhose in Fetzen hing. Da war überall Blut! Es fehlte etwas! Die Frau hatte ihm seinen Penis abgeschnitten!</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Scheiße! Kakak!“, rief ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich rannte zu ihm. Er reagierte nicht. Sein Atem war flach und unregelmäßig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Dian!“, kreischte ich seinen Namen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dian bedeutete Kerze auf Indonesisch. Und genau das war er für mich: Egal, wie kalt und grausam die Welt manchmal war, er war immer meine Kerze in der Dunkelheit gewesen. Wie damals, als unsere Eltern ihren Autounfall hatten … Was, wenn er ihnen jetzt folgte?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nein! Ich durfte so nicht denken! Solange er noch lebte, gab es Hoffnung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Entschlossen griff ich nach seinem Handy, das auf dem Nachttisch lag, und wählte den Notruf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich würde nicht zulassen, dass meine letzte Kerze in der Dunkelheit auch noch erlosch!</p>



<p><b>Bleibt auf dem Neusten Stand und folgt mir auf:</b></p>
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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Sundel Bolong ist ein rachsüchtiger <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister" target="_blank" aria-label="undefined (opens in a new tab)" rel="noreferrer noopener">Geist</a> der indonesischen Mythologie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sundel“ ist Javanisch für „Prostituierte“, während „Bolong“ „Loch“ bedeutet. Frei übersetzt heißt Sundel Bolong daher „Prostituierte mit einem Loch“.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Sundel Bolong werden fast immer als wunderschöne indonesische Frauen mit langen, schwarzen Haaren bezeichnet, die ein langes, weißes Kleid tragen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aufgrund ihrer starken Ähnlichkeit werden Sundel Bolong häufig mit den ebenfalls indonesischen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/kuntilanak" target="_blank" aria-label="undefined (opens in a new tab)" rel="noreferrer noopener">Kuntilanak </a>verwechselt. Sie besitzen jedoch einen entscheidenden Unterschied:</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sundel Bolong haben ein großes, blutiges Loch in ihrem Rücken, das ihnen auch ihren Namen verliehen hat. Häufig heißt es, dass man Rippen, die Wirbelsäule oder Gedärme in dem Loch erkennen kann. Außerdem ist das Kleid an der Stelle zerrissen und blutig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sundel Bolong tun jedoch alles, um das blutige Loch zu verstecken. So heißt es häufig, dass ihre Haare bis zur Hüfte oder gar noch tiefer hängen, sodass das Loch darunter verborgen ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In seltenen Fällen heißt es auch, dass Sundel Bolong nackt seien, oder, dass sie so furchteinflößend aussähen, dass jeder Mann vor ihnen die Flucht ergreift.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Entstehung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Darüber, wie Sundel Bolong entstehen, gibt es verschiedene Theorien.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die wahrscheinlich häufigste besagt, dass sie eine durch eine Vergewaltigung schwangere Prostituierte war, die kurz vor der Geburt gestorben ist. Als sie begraben wurde, wusste man nicht, dass das Baby in ihr noch lebte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es heißt, dass das Kind bei der Geburt unter merkwürdigen Umständen durch den Rücken seiner toten Mutter herausgekommen ist, wodurch das grässliche Loch entstanden ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine andere – meiner Meinung nach realistischere – Theorie besagt, dass die Prostituierte von einem Mann vergewaltigt und mit mehreren Messerstichen in den Rücken getötet wurde.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Aufgrund der verschiedenen Einflüsse der Inseln des malaiischen Archipels, können sich die Eigenschaften der Sundel Bolong von Aussage zu Aussage unterscheiden – besonders, da die <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden" target="_blank" aria-label="undefined (opens in a new tab)" rel="noreferrer noopener">Legende</a> wahrscheinlich eine ganze lange Zeit in rein mündlicher Form weitergegeben wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zum einen heißt es, dass Sundel Bolong dafür bekannt seien, Neugeborene und Kinder zu stehlen, zum anderen besitzen sie einen extremen Hass auf Männer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Besonders, wenn ein Mann zudringlich wird, soll er in Gefahr vor einer Sundel Bolong sein. So heißt es, dass die Sundel Bolong nachts alleine durch die Straßen zieht. Wenn ein Mann sie anspricht oder gar sexuell belästigt, soll sie ihn kastrieren und blutend zurücklassen. Manchmal wird hinzugefügt, dass der Mann daraufhin gelähmt sei und langsam ausblutet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine andere Version besagt, dass die Sundel Bolong selbst versucht, Männer zu betören. Je nach Legende wird behauptet, dass jeder Mann kastriert wird, der sie entweder ablehnt, oder auf ihre Angebote eingeht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Generell ist es also empfehlenswert, sich in auf Indonesien als Mann nachts von einsamen Frauen fernzuhalten, da man nicht weiß, ob es sich bei ihnen um eine Sundel Bolong handelt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Sundel Bolong sollen hauptsächlich auf Indonesien vorkommen, wurden aber angeblich auch bereits in anderen Teilen des malaiischen Archipels gesichtet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie sollen dort nachts alleine durch die Straßen wandern, während sie nach neuen Opfern oder ihrem Baby suchen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Über den Ursprung der Sundel Bolong Legende gibt es ebenfalls verschiedene Theorien.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es heißt, dass ihre Legende verbreitet wurde, um Frauen zu schützen, die nachts alleine unterwegs sind. Man hat dabei wahrscheinlich gehofft, dass Männer mit bösen Absichten die Frauen in Ruhe lassen würden, wenn sie befürchten, dass es sich um eine Sundel Bolong handeln könnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine andere Theorie besagt, dass man damit damals versucht hat, Prostitution zu unterbinden, indem versucht wurde, potentielle Kunden mit der Legende abzuschrecken.</p>



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<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von den Sundel Bolong? Wie hättet ihr an Kadeks stelle reagiert, als sie das Loch im Rücken der Frau gesehen hat? Hättet ihr versucht, euren Bruder zu retten oder die Flucht ergriffen? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Wenn ihr mehr solche Geschichten oder Legenden lesen wollt, abonniert auch gerne meinen&nbsp;<a rel="noreferrer noopener" href="https://www.geister-und-legenden.de/newsletter" target="_blank">Newsletter</a>, oder folgt mir auf&nbsp;<a rel="noreferrer noopener" href="https://twitter.com/geisterlegenden" target="_blank">Twitter</a>,&nbsp;<a rel="noreferrer noopener" href="https://www.facebook.com/geisterlegenden/" target="_blank">Facebook</a>&nbsp;oder <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.instagram.com/geisterlegenden/" target="_blank">Instagram</a></em>.</p>
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