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	<title>Schottland Archive - Geister und Legenden</title>
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	<description>In diesem Blog schreibe und veröffentliche ich jeden zweiten Montag eine neue Legende und Geschichte über Geister oder andere übernatürliche Dinge. Viel Spaß beim Gruseln!</description>
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	<title>Schottland Archive - Geister und Legenden</title>
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		<title>Selkies – Sie wollen zurück ins Meer</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 22 Sep 2025 13:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Ich betrachtete die Narben, die zwischen meinen Fingern hervorblitzten. Laut meinen Eltern stammen sie von einem Gendefekt. Ich hätte eine Mutation gehabt, die meine Hände entstellt habe. Aber für mich sah das anders aus. Die Narben waren zu gleichmäßig. Sie waren an der Innenseite all meiner Finger und sogar meiner Zehen. Es sah eher danach aus, als hätte ich bei meiner Geburt Schwimmhäute gehabt, die mir wegoperiert wurden …</p>
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<p class="wp-block-paragraph">Selkies sind zur Abwechslung mal <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer">Wesen</a>, die überhaupt nicht gruselig sind. Trotzdem finde ich diese schottischen Meereswesen unglaublich faszinierend. Ich hoffe, sie gefallen euch ebenfalls!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Lesen!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen (Achtung Spoiler!) </strong></summary>
<p>&#8211; Mobbing<br>
&#8211; Trauer</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Tag begann wie jeder andere. Nichts deutete darauf hin, dass ich an diesem Tag einen Menschen verlieren sollte, der mir so unglaublich viel bedeutete …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich saß in meiner Klasse. Unsere Englischlehrerin war noch nicht da, weshalb die anderen Schüler um mich herum noch schrien, lachten und rumalberten. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie zwei Schülerinnen eine Federtasche hin und herwarfen. Wem sie gehörte, wusste ich nicht. Aber das war mir eigentlich auch egal.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Stattdessen starrte ich auf meine Hände. Ich betrachtete die Narben, die zwischen meinen Fingern hervorblitzten. Laut meinen Eltern stammen sie von einem Gendefekt. Ich hätte eine Mutation gehabt, die meine Hände entstellt habe. Aber für mich sah das anders aus. Die Narben waren zu gleichmäßig. Sie waren an der Innenseite all meiner Finger und sogar meiner Zehen. Es sah eher danach aus, als hätte ich bei meiner Geburt Schwimmhäute gehabt, die mir wegoperiert wurden …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und das war nicht das Einzige, das mich mit dem Ozean verband. Ich war der Sohn eines Fischers. Seit mein Dad klein war, hatte er meinen Opa auf seinem Fischerboot begleitet, bis er irgendwann in seine Fußstapfen getreten war und den alten Kutter von ihm übernommen hatte. Er hatte schon immer eine enge Beziehung zum Meer gehabt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war jedoch nichts im Vergleich zu meiner Mum. Sie fuhr nicht mit Dad auf seinem Boot raus. Sie badete sogar nur selten im Ozean. Aber ihr müsstet sie mal sehen, wenn sie draußen auf der Veranda steht und aufs Meer hinausblickt. Die Sehnsucht in ihren Augen, die Überwindung, die es sie kostet, um ihre Augen von dem tiefen Blau abzuwenden. Es war, als wäre sie von der See besessen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber es gab eine Erklärung dafür. Für ihr Verhalten und sogar für meine Schwimmhäute. Es war ein Verdacht, den ich noch nie laut ausgesprochen hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hey, Fischfresse!“, riss mich eine Stimme aus meinen Gedanken. „Sitzt du ganz allein hier? Hat dein einziger Freund jetzt auch endlich erkannt, was du für ein Versager bist?“ Im nächsten Moment traf mich ein unsanfter Schlag am Hinterkopf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich starrte dabei weiter angespannt auf meine Hände und versuchte, Angus zu ignorieren. Er war der größte Bully aus unserer Klasse. Und das meine ich wörtlich. Er überragte die meisten anderen Schüler, mich eingeschlossen, um mindestens einen Kopf. Und zu meinem Pech hatte er mich auf dem Kieker, seit ich angeblich seine Beziehung ruiniert hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es hatte damit angefangen, dass wir in die weiterführende Schule gekommen waren. Damals war Angus mit Ellie zusammen gewesen, einem Mädchen aus unserer Klasse. In den ersten Wochen wurde mir jedoch klar, dass Ellie heimlich ein Auge auf mich geworfen hatte. Eins hatte zum anderen geführt, bis Angus schließlich voller Eifersucht mit ihr Schluss gemacht hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dabei war das nicht meine Schuld gewesen. Oder zumindest nicht meine Absicht. Ich hatte keinerlei Annäherungsversuche gegenüber Ellie unternommen, ihr sogar gesagt, dass ich kein Interesse an ihr hatte. Aber es hatte nichts gebracht. Und so folgten bisher drei Jahre voller Terror, in denen ich nichts anderes tun konnte, als Angus‘ Schikanen auszusitzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hey! Callum! Hat dir deine Mommy nicht beigebracht, dass du antworten sollst, wenn jemand mit dir spricht?“, fuhr Angus mich an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich konnte ein Zusammenzucken nicht unterdrücken. Er stand noch immer hinter mir. Der erwartete Schlag, der erneute Schmerz an meinem Hinterkopf blieb jedoch aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wenn du dich mit jemandem anlegen willst“, hörte ich eine andere Stimme, „such dir jemanden in deiner Größe.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erleichtert atmete ich auf. Da stand Liam und hielt Angus‘ zum Schlag ausgeholte Hand fest. Er zwinkerte mir zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment befreite Angus seine Hand mit einem Ruck. Er funkelte mich an. „Nächstes Mal, Fischfresse“, sagte er nur, ehe er weiter zu seinem Platz ging.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Liam kam einen Schritt näher. Er legte seine Hand auf meine Schulter. „Mach dir nichts draus, Callum. Angus ist ein Arsch.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich widerstand dem Drang, nach seiner Hand zu greifen. Nicht hier. Die anderen durften nichts von uns wissen. Stattdessen lächelte ich ihn schief an „Danke. Aber das wusste ich schon vorher.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im nächsten Moment zog er seinen Stuhl zurück und setzte sich neben mich. „Wie sieht es eigentlich mit unseren Wochenendplänen aus? Steht das Zelten noch?“, fragte er neugierig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Fast sofort spürte ich, wie mein Lächeln wärmer wurde. „Meine Eltern sind einverstanden“, erklärte ich. „Ich muss nur unser altes Zelt wiederfinden. Aber das bekomm ich schon hin.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein ganzes Wochenende. Nur Liam und ich. Zwei Tage, an denen wir nicht aufpassen mussten, ob uns jemand sieht, wenn wir Händchen hielten. Wir mussten uns keine Gedanken machen, wenn wir abends zusammen im Gras lagen und den Sternenhimmel beobachteten. Uns nicht vorher umsehen, wenn wir einander einen flüchtigen Kuss geben wollten.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der restliche Schultag verlief ruhig. Zwar sah ich einige Male, wie Angus mir verächtliche Blicke zuwarf, aber da Liam mir nicht mehr von der Seite wich, ließ er mich in Ruhe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als die Glocke schließlich das Ende der letzten Stunde ankündigte, beeilte ich mich, meine Sachen zu packen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wir sehen uns morgen“, sagte ich zu Liam.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Schreib mir, wenn was dazwischenkommt oder du das Zelt nicht findest“, erwiderte er. „Ansonsten hol ich dich um Punkt 10 ab.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich grinste. „Ich schreib dir auch, wenn mir nichts dazwischenkommt“, erklärte ich. Danach berührte ich ihn sanft an der Schulter – die intimste Berührung, die ich mir in der Schule erlaubte –, ehe ich zum Bus rennen musste.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach einer ruhigen Busfahrt, bei der ich hauptsächlich Musik gehört hatte, und etwa drei Minuten Fußweg näherte ich mich unserem Haus. Es stand in Küstennähe und ich konnte von der Straße aus bereits das Rauschen der Wellen hören. Ein schwacher Geruch nach Meerwasser stieg mir in die Nase und ich spürte, wie mich ein wohliger Schauer überkam. Ich liebte den Strand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz darauf sah ich, dass auch Mum wieder auf der Veranda stand und auf das Meer hinaus starrte. Sie tat das häufig. Eigentlich fast täglich, wenn das Wetter gut war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hey Mum“, begrüßte ich sie. „Bin wieder da.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber Mum reagierte nicht. Es wirkte nicht so, als hätte sie mich bemerkt, obwohl ich laut genug gesprochen hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Genau das meinte ich. Es war, als wäre sie in ihrer eigenen kleinen Welt gefangen. In diesen Momenten gab es nur sie und das Meer. Natürlich könnte das eine Form von Autismus sein oder irgendetwas Ähnliches, aber ich hatte etwas anderes im Verdacht. Etwas anderes, das noch so viel mehr erklären würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hier in Schottland gibt es alte Legenden von den sogenannten Selkies – Schottisch für „Robben“. Und genau das waren sie auch. Bei den Selkies soll es sich um große Robben handeln, die manchmal ihr Fell abstreifen, um als Menschen an Land zu wandeln. Wenn sie nun ihr Fell verloren oder es gestohlen wurde, waren sie dazu verdammt, auf ewig Menschen zu bleiben. Es heißt aber, dass sie die tiefe Sehnsucht nach der See, ihrem wahren Zuhause, nie verlieren sollen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und ja, ich weiß, wie das klingt. Mit 15 sollte man nicht mehr an solche Märchen glauben. Am Anfang war es auch bloß eine alberne Idee gewesen, die ich selbst für bescheuert gehalten hatte. Je mehr ich über die Selkies gelesen hatte, desto mehr erinnerten mich die Erzählungen jedoch an Mum. Als ich dann auch noch erfuhr, dass die Kinder von Selkies oft Schwimmhäute zwischen Fingern und Zehen haben … Seit jenem Tag betrachte ich meine Theorie jedenfalls als reelle Möglichkeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich ertappte mich dabei, wie ich wieder meine Narben musterte. Also ließ ich die Hände wieder sinken. Mum hatte mich noch immer nicht bemerkt und ich wollte sie nicht aus ihren Gedanken reißen, also ging ich weiter ins Haus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich bin wieder da!“, rief ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz darauf steckte Dad seinen Kopf aus dem Wohnzimmer. „Hi Callum“, grüßte er durch seinen vollen Bart. „Wie war die Schule?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„So wie immer“, antwortete ich vage.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Und Liam?“, fragte er weiter. „Wie geht es ihm? Freust du dich schon auf morgen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei dem Gedanken an meinen Freund musste ich sofort lächeln. „Ihm gehts gut. Und ja. Das tu ich. Apropos … Weißt du zufällig, wo unser Zelt ist? In der Garage konnte ich es gestern nicht finden.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dad überlegte einen Moment. „Puh. Es ist schon ewig her, dass wir das benutzt haben. Vielleicht liegt es auf dem Dachboden? Ich kann aber nicht versprechen, dass es nicht inzwischen völlig von Motten zerfressen ist.“ Er lächelte verspielt und zwinkerte mir zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Gesichtsausdruck musste daraufhin so entsetzt gewesen sein, dass Dad lachen musste. Er kam zu mir und wuschelte mir durch die Haare. „Keine Sorge. Wenn das Zelt wirklich kaputt ist, fahre ich persönlich morgen früh in die Stadt und hol dir ein neues. Oder wenn du es nicht finden kannst. Ihr könnt euren kleinen Abenteuerurlaub auf jeden Fall machen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt strahlte ich. „Danke Dad“, sagte ich und gab ihm eine flüchtige Umarmung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„In zwei Stunden gibt es Essen!“, rief er mir nach, während ich auf den Dachboden rannte.</p>



<p class="has-text-align-center wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf dem Dachboden roch es nach Staub. Nein, es roch nicht nur danach. Im schwachen Licht, das durch ein einzelnes Fenster fiel, sah ich die Staubpartikel durch die Luft tanzen. Und auch die Möbel, Kisten und anderen Dinge hier oben waren alle von einer dicken Staubschicht bedeckt. Ich war ewig nicht hier oben gewesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Neugierig sah ich mich um. Mein Blick fiel auf einen in sich zusammengesackten Fußball, auf dem das ausgeblichene Gesicht einer Cartoonkatze war. Auch er war von Staub bedeckt. Trotzdem weckte er bei mir sofort Erinnerungen. Meine Eltern hatten ihn mir geschenkt, als ich noch nicht einmal in der Schule war. Wie viele Nachmittage wir ihn hin und her gekickt hatten. Mein Dad hatte extra schlecht gespielt, damit ich überhaupt ein Tor schießen konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder merkte ich, dass ich lächelte, während ich meinen Blick weiterwandern ließ. Hier oben waren so viel Dinge – mir bekannte und unbekannte. Einige mussten von meinen Großeltern stammen. Alte schwarz-weiß Fotos auf einem uralt aussehenden Tisch. Andere von Dad oder von mir. Nur von Mum schien hier nicht wirklich etwas zu liegen. Auch ihre Eltern oder andere Familienmitglieder hatte ich nie kennengelernt. Es gab nicht einmal Fotos von ihnen. Wieder musste ich an meine Selkie-Theorie denken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schüttelte den Kopf. Deswegen war ich nicht hier. Wenn ich vor dem Essen noch irgendetwas erreichen wollte, musste ich mich an die Arbeit machen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem ich grob alles überflogen hatte, ohne dabei etwas zu finden, dass nach einem Zelt aussah, nahm ich mir die Kisten vor. In vielen von ihnen war Ramsch – altes Geschirr, Zeitschriften, aussortierte Wäsche. Ich ignorierte sie. Bei anderen hingegen fiel es mir weniger leicht, sie beiseitezuschieben. In ihnen lagen hauptsächlich alte Dinge von mir. An einer Kiste mit alten Spielsachen und Kuscheltieren verschwendete ich bestimmt eine Viertelstunde, obwohl von vornerein klar war, dass das Zelt nicht darin liegen würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch fand ich Dads alte Angelausrüstung. Sie lag auf einer unbeschrifteten Kiste. Auch hier schwelgte ich in Erinnerungen. Es war Jahre her, dass Dad und ich angeln waren. Warum auch? Fische fangen war immerhin sein Beruf. Da wollte er in seiner Freizeit sicherlich etwas anderes machen. Ich erinnerte mich an ein Lagerfeuer, über dem wir einen viel zu kleinen Fisch gebraten hatten – den einzigen Fisch, den ich an jenem Tag selbst gefangen hatte. Dad hatte mir geholfen, die Gräten zu entfernen, damit ich ihn essen konnte, ehe wir … zurück ins Zelt gegangen waren! Der Angelausflug war ein Campingtrip gewesen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hastig räumte ich die Angelausrüstung beiseite, um an die Kiste zu kommen. Vielleicht war ich dabei etwas unvorsichtig – die Ausrüstung fiel mir mit lautem Gepolter aus der Hand –, aber das war mir gerade egal. Sobald die Kiste frei war, klappte ich die obere Pappe beiseite. Darin lag … etwas Graues, Flauschiges. Unsicher griff ich danach. Es war eine Art dichter, weicher Stoff. Ich holte es aus der Kiste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz darauf lag die Robbenhaut ausgebreitet vor mir auf dem Boden. Sie war grau, mit dunklen Flecken und einem auffälligen hellen Muster in der Mitte – etwa dort, wo der Rücken der Robbe gewesen sein musste. Außerdem war es ungewöhnlich groß.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Selkies können ihr Robbenfell abstreifen, um als Menschen an Land zu wandeln“, murmelte ich. Konnte es sein? War das Mums Fell?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Gedanken kreisten. Sie wirbelten umher und überschlugen sich. Nehmen wir an, dass Mum tatsächlich eine Selkie ist. Warum lag ihr Fell dann auf dem Dachboden? Soweit ich mich erinnerte, hieß es, dass Selkies immer nach kurzer Zeit ins Wasser zurückgekehrt sind. Außer sie haben ihr Fell verloren. Oder es wurde gestohlen. Aber warum lag es dann hier oben. Dad würde doch nie …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurzerhand packte ich das schwere Fell und ging damit zurück ins Wohnzimmer. Meine Schritte stapften laut über die Holztreppe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Dad? Dad, was ist das?“, stellte ich ihn zur Rede.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst sah er neugierig auf. Dann weiteten sich jedoch seine Augen und er sah flüchtig zum Fenster. „Pack das weg“, flüsterte er leise. „Mum darf es nicht sehen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also war es wahr? „Warum nicht?“, hakte ich nach.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Es ist … Es ist ein Geschenk“, sagte er. Ich erkannte die Lüge sofort. Dad war noch nie ein guter Lügner gewesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ist Mum eine Selkie?“, fragte ich also direkt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Daraufhin klappte Dads Mund auf. Es kam aber kein Ton heraus. Er schloss und öffnete ihn wieder. Er sah aus wie ein Fisch, den man an Land geholt hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das reichte mir als Antwort. Also rannte ich weiter Richtung Haustür. Wenn das Mums Fell war, musste sie wissen, dass es im Haus lag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Callum! Warte!“, rief Dad, während er mir nachstürzt. Aber er war zu langsam. Ich war bereits nach draußen auf die Veranda getreten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dort stand Mum. Sie wandte die Augen vom Ozean ab – wahrscheinlich um zu sehen, was der Tumult sollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als sie mich sah, erstarrte sie. Oder besser gesagt als sie das Fell in meinen Händen sah. Ihre weit aufgerissenen Augen waren starr darauf gerichtet. Ungläubig tat sie einen Schritt auf mich zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich kenne dein Geheimnis, Mum“, sagte ich leise, während ich das Robbenfell hochhielt. Ich spürte, wie sich ein Kloß in meinem Hals bildete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt hatte auch Dad die Tür erreicht. „Selene, ich … Ich kann es erklären!“, sagte er schnell.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch Mum beachtete ihn gar nicht. Sie trat weiter auf mich zu, streckte die Hand nach dem Fell aus, zögerte dann jedoch. Ihre Hand griff stattdessen nach meiner Wange. Ihre dunklen Augen sahen tief in meine. „Und ich kenne dein Geheimnis“, sagte sie ruhig. „Dad und ich sehen doch, wie Liam und du einander anseht. Wir wissen es. Und wir freuen uns für euch.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt lächelte sie. Ich stand bloß da, spürte, wie mir heiß und kalt gleichzeitig wurde. „Ich … Wir …“, stammelte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mum streichelte meine Wange. „Es ist in Ordnung“, sagte sie sanft. Jetzt sah sie auch zu Dad. Auch ihn lächelte sie an. „Ich liebe euch.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann griff sie nach dem Fell, warf es sich über die Schultern und rannte den kleinen Abhang zum Strand hinunter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dad stürzte ihr sofort nach. „Selene! Selene!“, brüllte er.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich blieb auf der Veranda stehen, sah dabei zu, wie Mum in die Wellen rannte und elegant wie eine Robbe darin verschwand. Nein. Nicht <em>wie</em> eine Robbe. <em>Als</em> Robbe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dad versuchte noch eine Weile, sie einzuholen, ehe er aufgab und völlig durchnässt aus dem Wasser stapfte. Er sackte am Strand in sich zusammen und weinte. Auch ich weinte jetzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war das letzte Mal, dass ich Mum gesehen habe. Zumindest in ihrer menschlichen Gestalt. Aber oft, wenn ich mit Liam am Strand bin, oder mit Dad auf seinem Kutter, kann ich unweit im Wasser eine Robbe entdecken. Eine Robbe mit einem auffällig hellen Muster auf ihrem Rücken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn ihr mich fragt, ob ich bereue, Mum ihr Fell wiedergegeben zu haben, so kann ich nur sagen, dass es das Richtige war. Klar, ich vermisse sie, aber sie ist ein Wesen des Meeres. Niemand sollte sie an Land gefangen halten. Auch nicht aus Liebe. Und ich denke, das hat auch Dad inzwischen eingesehen.</p>


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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Selkies (Schottisch für „Robben“), auch Silkies, Sylkies oder Selchies geschrieben, sind Wesen der keltischen Mythologie. Es handelt sich bei ihnen um Robben, die ihre Haut ablegen und sich so in Menschen verwandeln können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Oft werden sie als keltische Version der Meerjungfrauen-Legende bezeichnet.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In den meisten Geschichten sind sie weiblich, es gibt aber auch <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden">Legenden</a> über männliche Selkies.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie bereits erwähnt sind sie Gestaltwandler. In ihrer Robbenform sehen sie wie normale Robben aus. Es handelt sich dabei aber normalerweise um größere Arten als z. B. die in Deutschland heimische Kegelrobbe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Menschengestalt hingegen werden sie als besonders schön und anmutig beschrieben. Man sagt, dass sich Menschen aufgrund ihres Aussehens sehr schnell in Selkies verlieben können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Oft heißt es auch, dass sie dunkle Haare und/oder dunkle Augen hätten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die meiste Zeit sollen die Selkies in ihrer Robbengestalt im Meer verbringen. Es kommt jedoch vor, dass sie ihre Robbenhaut ablegen und sich so in einen Menschen verwandeln. In diesem Zustand müssen sie jedoch gut auf ihre Robbenhaut achtgeben. Wenn sie sie verlieren oder sie gestohlen wird, können sie sich nicht mehr in eine Robbe zurückverwandeln, bis sie ihre Haut wiederhaben. In diesem Zustand sollen sie sich intensiv nach dem Meer sehnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie oft bzw. wann sie ihr Robbenfell ablegen können, um sich zu verwandeln, kann je nach Version variieren. So heißt es manchmal, sie können sich nach Belieben verwandeln, andere Male heißt es hingegen, es ginge nur jede siebte oder neunte Nacht, nur bei Vollmond, nur einmal im Jahr (z. B. zur Sommersonnenwende) oder gar nur alle sieben Jahre.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den meisten Geschichten, die von weiblichen Selkies handeln, stiehlt ein Mann das Fell der Selkie, um sie dazu zu zwingen, an Land zu bleiben. Entweder wird die Selkie dadurch an den Mann gebunden oder sie weiß nicht, dass er das Fell besitzt. So oder so gehen die beiden daraufhin oft eine Beziehung ein. In den meisten Fällen heiraten sie und bekommen sogar Kinder. Irgendwann findet die Selkie das Robbenfell, woraufhin sie es überstreift und als Robbe ins Meer zurückkehrt. Im Normalfall kommt sie nie wieder zu ihrem Mann zurück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Kinder von Selkies haben oft Schwimmhäute zwischen den Fingern und Zehen. Auch sollen sie häufig weitere Eigenschaften wie z. B. die Schönheit oder eine Sehnsucht nach dem Meer von ihrem Selkie-Elternteil erben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einigen eher seltenen Legenden habe ich auch davon gelesen, dass Selkies das Wetter kontrollieren und somit Stürme heraufbeschwören können.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Männliche Selkies:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Die Eigenschaften der männlichen Selkies sind an sich identisch mit denen der weiblichen, jedoch unterscheiden sich ihre Legenden häufig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So sind männliche Selkies eher dafür bekannt, einsame oder unglücklich verheiratete Frauen zu verführen. Es heißt z. B., dass ein Selkie auftauchen soll, wenn eine Frau sieben Tränen ins Meer weint. In den Legenden verbringen die beiden daraufhin oft die Nacht zusammen, ehe der Selkie ins Meer zurückkehrt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Hauptsächlich stammen die Legenden über Selkies aus Schottland, besonders von den Orkney- und Shetlandinseln. Aber auch in anderen Küstenregionen Schottlands und an den Küsten Irlands sollen Selkies den Legenden nach anzutreffen sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt sogar einige Selkie-Legenden, die es bis nach Island und auf die Färöer geschafft haben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die ältesten Erwähnungen von Selkies, die ich finden konnte, stammen aus dem 13. Jahrhundert. Abgesehen davon, dass die Legenden aus Schottland stammen, ist über den Ursprung der Selkies jedoch nicht viel bekannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt aber einige Theorien dazu:</p>



<p class="wp-block-paragraph">So vermuten manche Folkloristen, dass es ein Erklärungsversuch für einige Krankheiten gewesen sein könnte, die zu gewissen Verformungen des Körpers von Kindern geführt haben. Als Beispiel wird hierbei Syndaktylie genannt, eine Krankheit, die in einigen Fällen für schwimmhautähnliche Verformungen zwischen zwei Fingern führen kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch besteht die Möglichkeit, dass sie metaphorisch gemeint sein und Frauen beschrieben haben könnte, die sich nicht in die damalige Gesellschaft eingefügt haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am interessantesten finde ich hingegen eine Theorie, die erst im 19. oder 20. Jahrhundert entstanden ist. Darin wird die Vermutung aufgestellt, dass in früherer Zeit, als die Schotten bereits Kontakt zu den Finnen und/oder Samen gehabt hatten, sie einige der Skandinavier in ihren aus Tierhäuten bestehenden Booten gesehen haben könnten. Besagte Boote schwammen nur so lange gut, wie die Tierhäute noch nicht völlig durchnässt waren. Sie mussten also gelegentlich an Land gehen, um ihre Boote und wahrscheinlich auch ihre (häufig aus Robbenpelz) bestehende Kleidung zu trocknen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn ein Finne oder Same also an Land gegangen ist, wo er sein Robbenfell abgelegt hat, hätte es durchaus so aussehen können, als habe er sich gerade von einer Robbe in einen Menschen verwandelt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Selkies in der Popkultur:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Aufgrund ihrer internationalen Bekanntheit gibt es zahlreiche Auftritte von Selkies in der modernen Popkultur.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In dem irischen Fantasy-Abenteuerfilm „Das Geheimnis des kleinen Seehundes“ (1994), der auf dem Roman „Secret of the Ron Mor Skerry“ (Englisch für „Das Geheimnis von Ron Mor Skerry“, 1957) von Rosalie K. Fry basiert, spielen Selkies eine zentrale Rolle.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weitere bekannte Selkie-Filme sind u. a. der irische Animationsfilm „Die Melodie des Meeres“ (2014), der australische Kinder-Abenteuerfilm „Selkie &#8211; Der Seehundmensch“ (2000) oder der irische Dramafilm „Ondine – Das Mädchen aus dem Meer“ (2009).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch gibt es diverse Bücher über Selkies, so z. B. der Fantasyroman „Sealskin“ („Robbenhaut“, 2016) von Su Bristow oder der Young Adult Roman „A Stranger Came Ashore“ („Ein Fremder kam an Land“, 1975) von Mollie Hunter.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von den Selkies? Hat euch die Geschichte gefallen? Und was würdet ihr tun, wenn ihr die Robbenhaut einer Selkie am Strand findet? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>


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		<title>Der Gorbals Vampire &#8211; Er lauert in der Dunkelheit!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 03 Apr 2023 13:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Es spielten oft Schulkinder auf dem Friedhof. Von ihnen hatte ich aufgeschnappt, dass es Gerüchte über einen Vampir gab, der hier auf dem Friedhof sein Unwesen treiben soll. Ein riesiges Ungetüm mit Zähnen aus Metall ...</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg09.met.vgwort.de/na/518fc9385d30414491826af1fd394cd4" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Heute widme ich mich mit dem Gorbals Vampire einem der wohl größten Vampirphänomene des letzten Jahrhunderts. Am 23. September 1954 haben sich nämlich über 400 Kinder versammelt, um den Vampir zu jagen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bevor es jedoch losgeht, möchte ich mich noch bei meinen neusten Patrons bedanken: Vielen Dank <strong>MiniGrinsekeksin</strong> und <strong>Thalyanna</strong>, dass ihr mich unterstützt! Wenn es so weitergeht, dauert es bis zum Podcast nicht mehr lange. 😀</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und jetzt viel Spaß beim Gruseln!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen</strong></summary>
<p>&#8211; Erwähnung häuslicher Gewalt<br>
&#8211; Tod</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Sonne war bereits untergegangen. Ich schlenderte mit langsamen Schritten über den Friedhof, während ich meine Füße fast träge durch das kurze Gras zog. Wenn ihr euch jetzt jedoch einen romantischen Abendspaziergang über einen idyllischen Friedhof mit frischer Luft und dem Zirpen von Grillen vorstellt, muss ich euch leider enttäuschen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Friedhof – die Southern Necropolis in Gorbals – war ein schmutziger Ort. Das ganze Stadtviertel war ein schmutziger Ort, ein Armenviertel, das von der stinkenden Luft der Industrie und des Fortschritts verpestet wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn der Wind aus Süden kam, konnte man auf dem Friedhof selbst an wolkenlosen Tagen manchmal die Sonne nicht sehen. Schuld daran war das Dixon Eisenwerk, das direkt an den Friedhof grenzte. Sogar in der Nacht konnte man seinen Schornstein sehen, wie er unablässig Rauch und in unregelmäßigen Abständen Flammen in den Himmel spie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem erfüllte das Industriegebäude die Luft mit Lärm von aneinanderschlagendem Metall und dem Gestank seiner Abgase. Ich war froh, dass ich diesen Ort, den ich mehr als alles andere verachtete, bald verlassen würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Normalerweise war ich in der Southern Necropolis als Gärtner tätig. Nach dem Zwischenfall vor einigen Tagen hatte mich die Friedhofsleitung jedoch gebeten, nachts nach dem Rechten zu sehen und darauf zu achten, dass sich keine Kinder und Jugendlichen zu so später Stunde noch zwischen all die Gräber und Bäume verirrten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Wahl, mich dazu zu verdonnern, war einleuchtend. Nicht nur, dass ich in meinem Alter nicht mehr der beste Gärtner war und Probleme mit meinen Knien hatte, sie mussten auch keine Angst haben, mich von hier zu vergraulen, wo ich doch eh in wenigen Wochen in Rente gehen würde. Dann würde ich endlich wegziehen aus der stinkenden Stadt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich war in meine Gedanken versunken, ließ das schwache Licht meiner Taschenlampe die Gräber entlangschweifen und achtete mal mehr mal weniger auf die Geräusche, die ich zwischen dem metallischen Geklapper und Geklimper hören konnte. Dabei fiel mein Blick auf einen Ast, der auf dem Weg zu meiner Rechten lag. Kurz überlegte ich, weiterzugehen, aber die zehn Jahre, die ich seit dem Zweiten Weltkrieg als Friedhofsgärtner tätig war, hatten ihre Spuren hinterlassen. Ich brachte es nicht übers Herz, ihn einfach dort liegen zu lassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie automatisch steuerte ich darauf zu. Erst wollte ich ihn bloß mit dem Fuß auf den Rasen kicken, bis plötzlich eine Flamme vom Eisenwerk den Friedhof erhellte. Das war an sich nichts Ungewöhnliches. Denn auch, wenn die Kinder, die sich hier manchmal nachts rumtrieben und einander Gruselgeschichten erzählten, sich wohlig gruselten, immer wenn die Gräber durch die Flammen aus dem Schornstein lange Schatten über den Boden warfen, hatte ich mich schon lange daran gewöhnt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dafür hatte der kurze Lichtblitz meine Aufmerksamkeit auf etwas Anderes gelenkt: Ein Ende des Stocks war mit einem Messer angespitzt worden. Ein Lächeln huschte über mein Gesicht, nur unterbrochen von meiner vor Anstrengung verzerrten Miene, während ich mich nach dem Ast bückte. Prüfend drückte ich den Daumen auf die Spitze. Das Holz war vielleicht ein wenig zu weich, aber an sich war es ein ganz annehmbarer Speer für eine Vampirjagd.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Verzeiht. Hatte ich davon noch gar nicht erzählt? Vielleicht sollte ich mit dem Grund anfangen, wieso ich überhaupt zu meinen nächtlichen Rundgängen über den Friedhof überredet wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Angefangen hatte alles vor einigen Wochen. Es spielten oft Schulkinder auf dem Friedhof, weil er das grünste Stück Land in unserem dreckigen Stadtviertel war. Von ihnen hatte ich aufgeschnappt, dass es Gerüchte über einen Vampir gab, der hier auf dem Friedhof sein Unwesen treiben soll. Ein riesiges Ungetüm mit Zähnen aus Metall.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war natürlich Unfug. Davon abgesehen, dass ich nicht an solche Ammenmärchen glaubte, kannte ich den Friedhof wie meine Westentasche. Wenn sich hier irgendein Monster herumtreiben würde, wüsste ich davon.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem fühlte ich mich an meine Kindheit erinnert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Mr. Ferguson! Mr. Ferguson! Stimmt es, dass ein Vampir mit Eisenzähnen auf dem Friedhof lebt?“, hatte mich eines der Kinder erst neulich gefragt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hatte mir nichts weiter dabei gedacht. Um ehrlich zu sein, musste ich an meinen Bruder denken – Gott hab ihn selig –, der mir früher auch immer Gruselgeschichten erzählt hatte. „Hmm. Ein Vampir sagt ihr?“, hatte ich gefragt. „Gesehen habe ich nichts. Aber manchmal hört man hier schon komische Geräusche. Als würde Metall auf Metall schlagen!“ Ich hatte mehrfach meine Zähne aufeinander geschlagen, um zu verdeutlichen, dass ich auf die Eisenzähne anspielte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Kinder waren schreiend weggelaufen. Genau das wollten sie hören. Ich war mir sicher, dass sie ihren Freunden davon erzählen würden, aber welches Ausmaß ihre Vampirjagd bald erreichen würde, hätte niemand ahnen können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sechs Tage ist es jetzt her, dass der Friedhof am Abend plötzlich von unzähligen Kindern überrannt wurde, die allesamt nach dem Vampir mit den Eisenzähnen suchten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Zeitungen sprachen von über 400 Kindern. Einige von ihnen gerade alt genug, dass sie laufen konnten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich selbst war nicht dabei gewesen. Zum Glück. Auf eine Armee aus schreienden Kindern, die mit spitzen Stöckern, Küchenmessern und Hunden bewaffnet nach einem imaginären Vampir suchten, konnte ich verzichten. Besonders, wenn ich einer der wenigen Erwachsenen gewesen wäre, der erfolglos versucht hatte, für Ordnung zu sorgen. Sogar die Polizei war an der Übermacht an Kindern kläglich gescheitert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">400 Kinder … Eine solch riesige Schar konnte ich mir nicht einmal vorstellen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Kollege von mir meinte, dass der Schulrektor schließlich aufgetaucht war und ihnen Vernunft eingeredet hatte. Das und der plötzlich aufkommende Regen hatte die Kinder schließlich vertreiben können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem ließen sie sich davon ihre Pläne noch nicht durchkreuzen. Eine kleine Kerntruppe kam die folgenden beiden Nächte wieder, ehe auch sie aufgaben. Und auch letzte Nacht hatte ich noch ein paar wenige Jugendliche gefunden, die sich hinter einem Busch versteckt hatten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und so kam es, dass ich in einer meiner letzten Arbeitswochen nachts über den Friedhof streifen durfte, um abenteuerlustige Kinder zu verscheuchen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Andererseits konnte ich sie verstehen. Die Kinder aus Gorbals hatten nicht viele Freuden im Leben. Ich wusste, dass einige Zuhause geschlagen wurden. Aber auch die anderen hatten keine leichte Kindheit umgeben von all dem Schmutz und Gestank.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein plötzlich aufkommender Wind ließ mich frösteln. Als wolle sie meine Gedanken unterstreichen, blies die Brise mir den Gestank der Fabrik entgegen. Es war eine Mischung aus Autoauspuff und Schweißgerät.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit gerümpfter Nase kehrte ich dem Eisenwerk den Rücken zu. Vielleicht war die Luft am anderen Ende des Friedhofs etwas erträglicher.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich meiner Wege ging, musste ich wieder an die Kinder denken. Ich betrachtete die Grabsteine, die von meiner Taschenlampe und den gelegentlichen Flammen des Industrieschornsteins erhellt wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich stockte ich. Dort stand jemand zwischen den Gräbern. Ich hob meine Taschenlampe, um ihn anzuleuchten, doch der Lichtkegel traf nur auf die beiden Gräber und plattgetretenes Gras.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Verwundert sah ich mich um. „Hallo?“, rief ich vorsichtshalber.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch als Antwort ertönte nur das metallische Schlagen aus der Fabrik. <em>Klonk, klonk, klonk</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erschöpft rieb ich mir über die Augen. Kein Wunder, dass die Kinder bei ihrer Vampirjagd nicht nach Hause gehen wollten. Wenn ich bedenke, dass es in der Nacht auch noch neblig gewesen war, hatten sie wahrscheinlich an jeder Ecke einen Schatten gesehen, den sie für ihren Vampir gehalten hatten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann hörte ich etwas in der Dunkelheit: Stimmen. Sie waren leise, aber wenn ich genau hinhörte, konnte ich einzelne Worte ausmachen:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Meint ihr, das ist er?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann irgendetwas mit „Vampir“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und schließlich ein: „Schhht! Er kommt!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hielt meine Taschenlampe vor mich, während ich den Stimmen folgte. Hinter einem der Grabsteine konnte ich einen blonden Haarschopf erkennen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Kommt raus. Ich seh euch doch hinter den Gräbern!“, rief ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es folgte ein kollektives Aufatmen. „Das ist nur der alte Mr. Ferguson.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenig später standen drei Jungen vor mir. Sie hatten sich der Größe nach aufgestellt. Da waren der junge William, ein blonder Junge, dessen Namen ich nicht kannte, und ein großer schwarzhaariger, der schuldbewusst dreinblickte – Ian, Brian oder so ähnlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Geht nach Hause“, grummelte ich gerade laut genug, dass sie mich verstehen konnten. „Um diese Uhrzeit ist es draußen nicht sicher für ein paar Kinder wie euch. Nicht in Gorbals …“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wieso?“, fragte der blonde Junge, der jetzt einen Schritt auf mich zukam. „Weil sich hier ein gefährlicher Vampir rumtreibt?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ach, so ein Blödsinn“, erwiderte ich sofort. „Die Stadt ist auch ohne Vampire kein sicherer Ort. Für keinen von uns!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Also ist es auf dem Friedhof nachts gefährlich?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich seufzte schwer. „Nicht gefährlicher als in der Stadt. Aber wenn ihr nicht geht, werde ich euch wohl oder übel bei eurem Rektor und euren Eltern anschwärzen müssen.“ Die Friedhofsleitung hatte mir aufgetragen, das zu sagen. Natürlich würde ich weder das eine noch das andere tun. Die Kinder hatten es auch so schon schwer genug.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es überraschte mich nicht, wie unbeeindruckt sich die Kinder zeigten. Ian oder Brian bekam zwar große Augen und wirkte fast sofort einen halben Kopf kleiner, aber der Blonde starrte bloß weiter stur gegen mein Taschenlampenlicht an. Zumindest, bis eine erneute Flamme den Friedhof erhellte. Fast sofort sahen die Jungen zeitgleich ein kleines Stück an mir vorbei. Dann rannten sie schreiend weg.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich zögerte. Mit der Reaktion hatte ich nicht gerechnet. Kurz überlegte ich, ihnen nachzulaufen, aber sie waren zu schnell für mich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also drehte ich mich vorsichtshalber um. Ich schwenkte meine Taschenlampe langsam von links nach rechts. Grabsteine, Grabsteine, ein Baum, noch mehr Grabsteine. Als ich alles abgeleuchtet hatte, leuchtete ich denselben Weg noch einmal zurück. Aber da war nichts.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder zuckte ein helles Licht von einer Flamme über den Friedhof. Moment … stand da nicht jemand? Ich leuchtete die Stelle an. Aber nein. Es war nur ein Grabstein. Bei dem Spiel aus Licht und Schatten musste er kurz wie eine Person ausgesehen haben. Es würde schon kein Vampir sein … Oder?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ach, sei kein Dummkopf. Das ist alles nur kindliche Fantasie!“, murmelte ich mir beruhigend zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem war da dieses Ziehen in meiner Magengegend. Ein Ziehen, das ich nur aus dem Krieg kannte. Und damals hatte ich gelernt, mich auf mein Bauchgefühl zu verlassen …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt kam ich mir sehr klein vor, wie ich allein in fast völliger Dunkelheit auf dem Friedhof stand. Mein Puls beschleunigte sich. Dann folgte mein Atem. Ich versuchte zwanghaft, mich zu beruhigen. Mir einzureden, dass alles gut war.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Knack</em>. Ein plötzliches Knacken hinter mir ließ mich herumfahren. Erst jetzt merkte ich, dass ich den spitzen Stock von vorhin noch in der Hand hielt. Ich hielt ihn schützend vor mich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„S-Seid ihr immer noch da?“, rief ich in die Dunkelheit. „Kommt schon, geht nach Hause. Bitte.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sandte ein Stoßgebet zum Himmel, hoffte, dass ich wieder ein leises Tuscheln hören würde. Vielleicht konnte ich wieder einen Haarschopf hinter einem der Gräber sehen …? Aber nein. Da war absolut gar nichts. Nichts außer dem bekannten Gefühl, beobachtet zu werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">‚<em>Klonk, klonk, klonk</em>‘, ertönte es weiter vom Eisenwerk. Diesmal kamen mir die Schläge ungewöhnlich aggressiv vor. Ich spürte, wie sich allmählich mein Hals zuschnürte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war der Moment, als ich entschied, nach Hause zu gehen. Ich hatte keine Ahnung, ob hier irgendwer oder irgendetwas auf mich lauerte, aber ich wollte nicht riskieren, es herauszufinden. Selbst, wenn es kein Vampir war, gab es mehr als genug zwielichtige Gestalten in den Gorbals, denen ich nachts nicht begegnen wollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem … was konnte die Friedhofsleitung schon machen? Mich rausschmeißen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich nahm denselben Weg Richtung Ausgang, den auch die drei Jungen genommen hatten. Bald merkte ich jedoch, wie meine Schritte mit jedem ‚<em>Klonk</em>‘ des Eisenwerks schneller wurden. Es dauerte nicht lange, bis aus meinem Gehen ein Joggen wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann plötzlich hörte ich etwas hinter mir. Schritte. Sehr schnelle Schritte. Und sie kamen näher.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich weiß nicht, warum ich nicht einfach weitergelaufen war. Vielleicht hätte ich es bis zum Ausgang geschafft. Andererseits hatte der Krieg mir beigebracht, einem potentiellen Feind niemals den Rücken zuzuwenden. Also drehte ich mich um und riss dabei wieder den spitzen Stock vor mich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Leider vergaß ich dabei für einen Moment, wie kaputt meine Knie waren. Ich drehte mich zu schnell, verlor dabei das Gleichgewicht und stürzte zu Boden. Meine Taschenlampe flog in einem hohen Bogen davon.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt saß ich im Gras, musterte panisch die Dunkelheit vor mir, während ich versuchte, irgendetwas zu erkennen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch das einzige Licht kam von meiner Taschenlampe. Sie lag zu weit weg, ihr Lichtkegel erhellte aber ein kleines Stück Rasen vor mir. Und genau in diesen Kegel trat nun eine Person. Ich konnte ihre Beine nur kurz erkennen, aber sie trug große Schuhe. Definitiv kein Kind oder Jugendlicher!</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wer … Wer ist da?“, fragte ich. Ich bemühte mich, eine feste Stimme zu behalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch der Schatten, den ich jetzt in der Dunkelheit ausmachen konnte, antwortete nicht. Stumm trat er bloß weiter auf mich zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Bleib weg!“, rief ich und fuchtelte dabei mit dem Stock. Er war das Einzige, was zwischen mir und dem Schatten stand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Schatten zeigte sich hingegen unbeeindruckt. Er hielt nicht einmal inne.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt stand er über mir. Da ich nicht wusste, was ich anderes tun konnte, stieß ich mit dem Stock zu. Ich hatte dabei so eine Kraft, dass der Stock sich in den Bauch meines Angreifers bohrte. Ich spürte genau, wie die Spitze in sein Fleisch eindrang. Trotzdem folgte kein Schmerzensschrei. Um genau zu sein, folgte gar keine Reaktion. Völlig unbeirrt beugte der Schatten sich über mich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nein. Nein!“, schrie ich. Ich zerrte an dem Stock, versuchte, ihn freizubekommen, aber er steckte zu fest. Also drückte ich doller zu. Ich spürte, wie er noch weiter in die Gestalt eindrang, aber es kümmerte sie gar nicht. Meine Hände zitterten, während ich ungläubig zu dem dunklen Fleck hochsah, wo das Gesicht der Gestalt sein musste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war der Moment, als eine weitere Flamme den Friedhof erhellte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Gütiger Gott“, hauchte ich ungläubig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Licht hatte ich deutlich die Zähne meines Angreifers erkennen können. Sie waren lang, scharf und glänzten wie Metall, während sie auf meinen Hals zu schnellten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war das Letzte, was ich sehen sollte. Doch in den letzten Sekunden meines Lebens bereute ich nur eins: Dass ich es bis zu meinem Tod nicht geschafft hatte, meiner stinkenden Heimatstadt zu entkommen.</p>



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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Gorbals Vampire (Englisch für „Vampir von Gorbals“) ist eine <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Legende</a> über einen Vampir des letzten Jahrhunderts. Er erregte 1954 in Gorbals, einem Stadtteil von Glasgow, Schottland, eine solche Aufmerksamkeit, dass sich über 400 Schulkinder versammelten, um den Gorbals Vampire zu töten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Über das Aussehen des Gorbals Vampire ist nicht viel bekannt. Die Kinder erzählten 1954 hauptsächlich von einem 7 Fuß (ca. 213 cm) großen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Monster</a> mit Eisenzähnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unter anderem wurden auch Zähne wie bei einem Walross oder rot leuchtenden Augen erwähnt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weitere Vampireigenschaften hat er keine, was daran liegen kann, das nur die wenigsten Kinder aus den Gorbals wussten, was ein Vampir überhaupt ist.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Auch was die Eigenschaften angeht, gibt es nur wenig Informationen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Gorbals Vampire soll aber, im Gegensatz zu herkömmlichen Vampiren, kein Blut gesaugt, sondern seine Opfer – der Legende nach zwei Schuljungen – getötet und gefressen haben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Das Ereignis:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Stellt euch folgende Situation vor: Ihr seid ein Polizist, der gebeten wird, sich eine Unruhe auf dem örtlichen Friedhof näher anzusehen. Aber als ihr dort ankommt, findet ihr eine Armee aus hunderten Kindern. Sie sind mit Stöcken, Küchenmessern, Steinen und Hunden bewaffnet, während sie den Friedhof stürmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das mag zwar völlig an den Haaren herbeigezogen klingen, aber genauso hat es sich am 23. September in den Gorbals zugetragen. Angeblich waren es mehr als 400 Kinder, die sich getroffen haben, um den Gorbals Vampire zu töten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Kinder kamen aus allen möglichen Altersgruppen. Die Jüngsten von ihnen sollen gerade einmal 4 Jahre alt gewesen sein, während die Ältesten bereits Teenager waren. Und auch einige besorgte Eltern sollen auf dem Friedhof gewesen sein. Sie erkundigten sich bei den Polizisten, ob irgendetwas an den Gerüchten über den Gorbals Vampire dran sei.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hinzu kommt, dass es an dem Abend nebelig war. Das Dixon Eisenwerk direkt hinter dem Friedhof hat regelmäßig Feuer gespien, wodurch die Grabsteine und Bäume gespenstische Schatten geworfen haben. Die Kinder sahen an jeder Ecke Silhouetten im Nebel, die sie für den Vampir hielten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Polizei hatte keine Chance, die Kinder aufzuhalten. Erst, als der Schulrektor aufgetaucht war, um die Kinder zurechtzuweisen, und es kurz danach angefangen hatte, zu regnen, kehrten die jungen Vampirjäger nach Hause zurück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Noch waren die Kinder jedoch nicht bereit, aufzugeben. Einige von ihnen setzten die Suche in den folgenden zwei Nächten fort. Erst in der dritten Nacht verloren auch sie das Interesse und gaben die Jagd auf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass das Ereignis für große Aufmerksamkeit gesorgt hat. Es wurde von der Presse behandelt und hat sogar zu einem Gesetz geführt, dass den Verkauf von Horror- und Krimicomics an Kinder verboten hat.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wie der Name schon sagt, soll der Gorbals Vampire in Gorbals, einem Stadtteil in Glasgow, Schottland, leben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dort soll er in der Southern Necropolis (Englisch für „Südliche Nekropole“), einem riesigen Friedhof mit über 250.000 stattgefundenen Begräbnissen, sein Unwesen treiben.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wie bereits angedeutet, wurden Comichefte über Vampire und andere Monster für die Legende des Gorbals Vampire verantwortlich gemacht. Der Grund dafür war wahrscheinlich der 1953 erschienene Comic „The Vampire with the Iron Teeth“ (Der Vampir mit den Eisenzähnen) der Dark Mysteries Reihe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber auch, wenn das auf den ersten Blick logisch klingen mag, wurde dabei nicht bedacht, dass die armen Kinder aus den Gorbals sich im Normalfall keine Comichefte leisten konnten – schon gar keine aus Amerika. Als einige der ehemaligen Kinder 2016 zu der Vampirjagd interviewt wurden, erklärten sie, dass sie damals keine Comics besessen haben. Die meisten von ihnen hatten nicht einmal Fernseher und einige nicht einmal fließend Wasser im Haus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und auch ihre Aussage, dass sie zu damaliger Zeit nicht wussten, was ein Vampir überhaupt ist, sollte man nicht außer Acht lassen. Z. B. wusste niemand von ihnen, dass man einem Vampir einen Pflock ins Herz hämmern müsse, um ihn zu töten. Der Plan der Kinder war stattdessen gewesen, den Vampir zu köpfen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist daher nicht verwunderlich, dass es noch drei weitere, vielleicht sogar wahrscheinlichere Theorien über den Ursprung der Legende gibt.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Weitere Theorien:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">So gab es in Glasgow im 19. Jahrhundert das Kinderschrecklied „Jenny wi‘ the Iron Teeth“ (Jenny mit den Eisenzähnen). Ein Lied über ein Wesen, dass eiserne Zähne hat und Kinder beißt und entführt, wenn sie nicht schlafen wollen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die zweite Theorie ist eine Passage aus der Bibel. So wird in Daniel 7-7 von einem Tier mit eisernen Zähnen berichtet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und die dritte Theorie berichtet von dem „Iron Man“ (Eisenmann), einem Mann mit eisernen Zähnen, von dem einige Eltern in Gorbals geredet haben sollen. Hierzu habe ich jedoch – abgesehen von einer Zeugenaussage eines damals beteiligten Kindes – keine weiteren Informationen finden können.</p>



<h4 class="wp-block-heading">Verbreitung der Legende:</h4>



<p class="wp-block-paragraph">Aber auch, wenn man nicht sagen kann, woher die Legende kommt, weiß man, wie sie sich derart verbreiten konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Friedhof soll damals nämlich einer der wenigen grünen Flecken im schmutzigen Armenviertel Gorbals gewesen sein. Daher hatten sich dort oft Kinder zum Spielen getroffen. Aufgrund der gruseligen Atmosphäre eignete sich der Ort jedoch ebenfalls wunderbar für Gruselgeschichten. Die Kinder trafen sich dort oft, um sich gemeinsam zu gruseln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als unter den Kindern das Gerücht aufkam, dass ein schrecklicher, sieben Fuß großer Vampir mit eisernen Zähnen zwei Jungen getötet und gefressen haben soll, hat sich das unter den Kindern schnell rumgesprochen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es dauerte nicht lange, bis es erste angebliche Augenzeugen gab, die den Fängen des Gorbals Vampire nur knapp entkommen seien.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber anstatt sich ängstlich zu verstecken und den Friedhof zu meiden, hatten die Kinder von Gorbals in den 1950er Jahren eine andere Vorstellung, wie sie mit einem Monster umzugehen hatten: Sie organisierten die riesige Vampirjagd, die dafür sorgen sollte, dass der Gorbals Vampire in die schottische Geschichte eingeht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach der erfolglosen Jagd war die Legende aber längst nicht vergessen. Die Bevölkerung wusste nun von dem Monster, und auch, wenn die meisten Erwachsenen es als Kinderfantasie abgetan haben, soll es andere gegeben haben, die selbst an den Gorbals Vampire glaubten. Dass es die zwei vermissten Schulkinder, die der Vampir auf dem Gewissen haben soll, nie gegeben hat, hat sie dabei anscheinend nicht interessiert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Gorbals Vampire ist solch eine ikonische Figur der Folklore von Glasgow geworden, dass 2016 Schulen in Glasgow der Legende fast ein komplettes Jahr gewidmet haben. 10 Monate lang haben Schülerinnen und Schüler Zeichnungen, Geschichten und sogar ein berühmtes Graffiti erstellt, die von dem Gorbals Vampire und der Jagd auf ihn inspiriert wurden. Abgerundet wurde das Ganze von einem Theaterstück, das die Gemeinde gemeinsam organisiert hatte. Es wurde Ende Oktober 2016 kurz vor <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/halloween" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Halloween</a> im Britannia Panopticon aufgeführt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von dem Gorbals Vampire? Hättet ihr euch als Kind getraut, mit den anderen Kindern auf den Friedhof zu gehen? Und wie hättet ihr euch an Mr. Fergusons Stelle verhalten? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Wenn ihr mehr solche Geschichten oder Legenden lesen wollt, unterstützt mich auf <a href="https://www.patreon.com/geisterlegenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Patreon</a>, abonniert meinen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/newsletter" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Newsletter</a> oder folgt mir auf <a href="https://twitter.com/geisterlegenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/geisterlegenden/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Facebook</a> oder <a href="https://www.instagram.com/geisterlegenden/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Instagram</a>!</em></p>
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		<title>Die Kelpies</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 22 Jun 2020 13:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Geister]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Monster und Ungeheuer]]></category>
		<category><![CDATA[Urbane Legenden]]></category>
		<category><![CDATA[Fluss]]></category>
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		<category><![CDATA[Kinder]]></category>
		<category><![CDATA[Legende]]></category>
		<category><![CDATA[Monster]]></category>
		<category><![CDATA[Pferd]]></category>
		<category><![CDATA[Schottland]]></category>
		<category><![CDATA[Ungeheuer]]></category>
		<category><![CDATA[urbane Legende]]></category>
		<category><![CDATA[weibliche Protagonistin]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>„Was … was ist mit seinen Augen?“, frage ich, während ich spürte, wie sich ein unangenehmes Gefühl in meinem Bauch breitmachte. Sie waren schneeweiß. Hatten keine Pupille, keine Iris!</p>
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<p class="wp-block-paragraph">Der Wunsch, einen Beitrag über Kelpies zu schreiben, kam von einem meiner Leser. Solltet ihr einen Wunsch haben, über welche <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">urbane Legende</a>, welches <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Wesen</a> oder welchen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Geist</a> ich einen Beitrag verfassen soll, könnt ihr mir gerne einen Kommentar schreiben (auch wenn ich natürlich nicht versprechen kann, dass tatsächlich ein Beitrag darüber kommen wird).</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">„Schnell Ailie, komm! Das Einhorn rennt zum Fluss!“, rief Grace mir zu, während wir dem imaginären Wesen hinterherrannten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir spielten, dass wir zwei Prinzessinnen seien, die aus ihren Schlössern geflohen waren, um einen bösen Drachenprinzen aufzuhalten. Jetzt verfolgten wir gerade ein Einhorn, das uns helfen würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Manchmal hatte ich Angst, dass Grace meine Spiele albern fand. Dass sie zu alt wurde. Aber obwohl sie häufig etwas Zeit brauchte, bis sie richtig mitmachte, hatte sie als meine große Schwester noch nie nein gesagt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als wir uns einem kleinen Waldstück näherten, das zwischen uns und dem Fluss lag, wurde ich langsamer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Grace, warte!“, rief ich. „Mama hat gesagt, dass ich nicht zum Fluss darf. Die Strömung ist zu stark!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie drehte sich zu mir um. „Ach komm. Wir gehen ja nicht in den Fluss“, erwiderte sie. „Das Einhorn ist hier entlang!“ Dann rannte sie weiter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich zögerte. Was, wenn Mama irgendwie davon Wind bekam? Würde sie mit mir schimpfen? Andererseits wollte ich keine Spielverderberin sein. Ich biss die Zähne zusammen und rannte Grace nach.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während wir uns in dem kleinen Waldstück durch einige Büsche kämpften, wurde das Rauschen des Flusses immer lauter. Dann blieb Grace plötzlich stehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hörst du das?“, fragte sie leise. „Da hat eben ein Pferd gewiehert!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich dachte, dass sie sich auf unser Spiel bezog, und lauschte angestrengt. „Da! Wieder ein Wiehern! Das Einhorn muss ganz in der Nähe sein!“, sagte ich aufgeregt nach einigen Sekunden Stille.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nein, Ailie! Das meinte ich nicht!“, fuhr sie mich an, als hätte ich etwas Falsches gesagt. „Ich habe eben wirklich ein Pferd gehört!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann hörte ich es auch: Über das Rauschen des Flusses hinweg, war jetzt ein klares, deutliches Wiehern zu hören!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Neugierig schlich Grace weiter. Ich hielt mich direkt hinter ihr.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als wir die letzten Äste beiseitegeschoben hatten und aus dem Gebüsch getreten waren, sahen wir es: Ein wunderschönes schwarzes Pferd stolzierte den Fluss entlang, bevor es stehenblieb, um zu grasen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sieh mal! Ein echtes Einhorn!“, flüsterte Grace mir zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort schüttelte ich den Kopf. „Nein! Es hat gar kein Horn. Außerdem sind Einhörner rosa!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Grace schmunzelte. „Wollen wir trotzdem näher rangehen?“, fragte sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt glotzte ich sie mit großen Augen an. „Mama hat verboten, dass ich zu fremden Tieren gehe!“, mahnte ich Grace.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ach Ailie. Wir sind doch vorsichtig. Außerdem hat Mama nicht immer recht!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wollte ihr widersprechen, ihr sagen, dass das nicht stimmte. Andererseits wusste ich selbst nicht, warum ein Tier plötzlich böse sein soll, nur, weil es keinen Besitzer hatte. Vielleicht brauchte es ja nur ein paar Freunde!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während wir auf das Pferd zu schlichen, bewegte Grace sich sehr vorsichtig und langsam. Sie erinnerte mich ein wenig an einen Indianer, den ich aus einer Fernsehserie kannte. Ich versuchte, ihre Schritte so gut es ging, nachzuahmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schließlich waren wir nur noch wenige Meter von dem Pferd entfernt, als es zu Grasen aufhörte. Es hob den Kopf und sah uns direkt an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was … was ist mit seinen Augen?“, frage ich, während ich spürte, wie sich ein unangenehmes Gefühl in meinem Bauch breitmachte. Sie waren schneeweiß. Hatten keine Pupille, keine Iris!</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hmm, vielleicht ist es blind“, sagte Grace völlig unbekümmert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich bewunderte sie, wie sie so ruhig bleiben konnte. Andererseits wirkte das Pferd auch völlig friedlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es stand einfach nur reglos da und beobachtete uns – sofern es überhaupt sehen konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sah, wie sich sein Bauch bewegte, während es atmete. Die Sonne glänzte in dem Fell und mir fiel auf, dass die Mähne nass an ihm klebte. Es musste eben ein Bad genommen haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als das Pferd dann jedoch auf uns zukam, versteifte ich mich. Und auch Grace schien sich kurz zu erschrecken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ruhig. Ruhig!“, sagte sie leise. Ich wusste jedoch nicht, ob sie mich oder das Pferd meinte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann stand das Tier direkt vor uns. Seine weißen Augen schienen uns direkt anzustarren, während es vorsichtig an Grace schnupperte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Siehst du?“, fragte sie leise. „Es ist ganz friedlich.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich beobachtete, wie Wasser von seiner Mähne tropfte und geräuschlos im saftigen Gras verschwand, als ich plötzlich eine Bewegung von Grace wahrnahm. Sie streckte ihre Hand vorsichtig nach dem Pferd aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Grace, nicht!“, flüsterte ich ihr zu. „Mama hat gesagt, dass wir fremde Tiere niemals anfassen dürfen!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie warf mir einen genervten Blick zu, bevor sie sie sich wieder dem Pferd zuwandte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich zitterte vor Anspannung, während sich ihre Hand näher und näher zu dem Tier bewegte. Als sie es schließlich berührte, hielt ich sogar den Atem an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann gefror sie in ihrer Bewegung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was … Was ist das?“, fragte sie. Leichte Panik lag in ihrer Stimme. „Ich kann meine Hand nicht bewegen. Irgendetwas hält sie fest!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der kurze Schock, der in meinen Körper fuhr, machte sofort Wut platz. Grace ärgerte mich wieder! Sie wusste genau, dass ich das nicht mag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Du bist so doof!“, rief ich. „Ich weiß, dass du mich nur ärgern willst. Wenn du nicht aufhörst, sag ich das Mama!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nein, Ailie! Du verstehst nicht! Meine Hand klebt irgendwie fest!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Grace, Stopp!“, schrie ich sie an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Plötzlich setzte sich das Pferd in Bewegung. Grace packte sofort nach meinem Arm.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich wollte mich schon wütend losreißen, als ich in ihr Gesicht blickte. Das war nicht der normale Gesichtsausdruck meiner sonst so ruhigen Schwester. Es auch kein fieses Grinsen auf ihren Lippen, wie sie es immer tat, wenn sie mich ärgerte. Nein. In ihren Augen lag einfach nur Angst.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als das Pferd einen Schritt auf den Fluss zu tat, wurden sie mit ihm gezogen. Grace krallte sich in meine Schulter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ailie! Hilf mir!“, kreischte sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt packte ich nach ihrem Arm. Wir wurden von dem Pferd mit kräftigen Schritten Richtung Fluss gezogen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Grace, jetzt lass endlich das Pferd los!“, kreischte ich panisch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich versuch es ja!“, kreischte Grace genauso panisch zurück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Lage war ernst. Das war kein Scherz. Das Pferd zerrte uns direkt auf das Wasser zu! Was hatte es bloß vor?!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Grace und ich versuchten mit aller Kraft, uns zu wehren. Wir stemmten unsere Füße in den Boden, doch der Kies, der am Flussufer lag, bot uns keinen Halt. Wir rutschten weiter und weiter auf das Wasser zu, während das Pferd seelenruhig weiterging.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt hatten wir das Wasser erreicht. Doch das Pferd hielt nicht an, es zog Grace mit sich in die Strömung!</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Grace! Ich kann nicht schwimmen!“, kreischte ich, als ich spürte, wie kaltes Wasser in meine Schuhe lief.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt wandte sich Grace mir zu. Für einen Moment war es, als würde die Zeit stehen bleiben, während sie mir direkt in die Augen sah.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ailie. Es tut mir leid. Ich hab dich lieb“, hauchte sie gerade laut genug, dass ich es über die Strömung hinweg hören konnte. Tränen glänzten in ihren Augen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst wusste ich nicht, was sie meinte, bis sie mich plötzlich an sich zog und mit voller Kraft in Richtung Ufer stieß.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich verlor den Halt. Ihr Arm glitt aus meinen Fingern, während ich nach hinten stürzte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich auf dem Kies aufschlug, fiel ich auf den Rücken, kratzte mir an den Steinen die Arme auf, doch ich konnte meinen Blick nicht von meiner Schwester abwenden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das schwarze Pferd mit den weißen Augen war jetzt bis zu den Schultern unter Wasser und es machte keine Anstalten, stehenzubleiben. Grace schlug währenddessen wild um sich. Nein, sie schlug nicht. Sie strampelte. Sie versuchte mit aller Kraft, über Wasser zu bleiben, während ich völlig hilflos am Ufer stand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt war das Pferd komplett im Wasser verschwunden. Man konnte nur noch die weißen Augen gespenstisch unter der Wasseroberfläche leuchten sehen, während es tiefer und tiefer sank. Doch meine Aufmerksamkeit lag bei Grace.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihre Schreie hallten in meinem Kopf noch nach, nachdem sie bereits verstummt waren. Noch immer konnte ich ihr von Panik verzerrtes Gesicht sehen, das unter der Wasseroberfläche verschwand. Selbst, als es bereits nicht mehr zu sehen war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Grace! Grace!“, kreischte ich wie am Spieß.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch von meiner Schwester und dem Pferd fehlte inzwischen jede Spur. Sie waren beide Unterwasser verschwunden. Es wirkte jetzt fast so, als wären sie niemals da gewesen …</p>



<p><b>Bleibt auf dem Neusten Stand und folgt mir auf:</b></p>
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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Kelpies sind keltische Wasser<a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/geister" target="_blank" rel="noreferrer noopener">geister</a>, die die Fähigkeit der Gestaltwandlung beherrschen. Sie sind häufig als Pferd, teilweise aber auch als Mensch anzutreffen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Da Kelpies Gestaltwandler sind, lässt sich ihr Aussehen nicht hundertprozentig festlegen. Häufig sehen sie jedoch wie ein Pferd aus, dessen Fell meistens schwarz, in selteneren Fällen weiß sein soll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Kelpie unterscheidet sich von einem normalen Pferd dadurch, dass seine Mähne immer klitschnass ist und es komplett weiße Augen besitzen soll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Selten ist auch davon die Rede, dass es nur zur Hälfte Pferd sei und einen Fischschwanz oder Flossen besitzen würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn Kelpies eine menschliche Gestalt annehmen, treten sie häufig als Mann auf, wobei es auch Legenden von als Frauen getarnte Kelpies gibt – diese sind jedoch deutlich seltener.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei der menschlichen Form heißt es mal, dass es keinen Unterschied zu richtigen Menschen gäbe, mal heißt es jedoch auch, dass die Kelpies ihre Hufe an den Beinen behalten würden oder sich Wasserpflanzen in ihren Haaren verfangen hätten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Kelpies sind dafür berüchtigt, Menschen in Flüssen zu ertränken und anschließend zu fressen. Lediglich die Eingeweide sollen sie an die Ufer zurückbringen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Um ihre Opfer in den Fluss zu locken, können sie unterschiedliche Methoden und Eigenschaften nutzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn ein Kelpie sich als Pferd zeigt, tut es häufig so, als wäre es besonders zutraulich und zahm. Es bietet müden Wanderern oder Leuten, die einen Fluss überqueren wollen, an, auf ihren Rücken zu steigen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Lässt man sich darauf ein, ist man jedoch so gut wie tot, weil man nicht mehr in der Lage ist, von dem Kelpie abzuspringen. Hat man ein Kelpie erst einmal angefasst, soll man seine Hand nämlich nicht mehr lösen können. Als Erklärung hierfür wird häufig Magie oder ein klebriges Sekret genannt, dass die Kelpies absondern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kelpies können daher einfach in den Fluss zurück spazieren und ihre Reiter ohne große Anstrengungen ertränken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da Kelpies Wassergeister sind, sind sie im Wasser sehr wendig und flink. Es heißt sogar, dass sie im Wasser noch schneller rennen können, als an Land.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hat ein Kelpie hingegen die Gestalt eines Menschen angenommen, verändert sich sein Verhalten drastisch. Zwar ist es weiterhin meist bösartig, ändert jedoch seine Taktik.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn ein Kelpie menschliche Gestalt annimmt, zeigt es sich in den meisten Fällen als attraktiver oder hilfsbereiter Mann. Es tut entweder so, als würde es einem helfen wollen – so gibt es eine Legende, in der ein großer, kräftiger Mann anbietet, einen Reisenden über einen Fluss zu tragen, dessen Brücke eingestürzt ist – oder aber es versucht, eine Frau zu verführen und in den Fluss zu locken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In diesen Fällen folgen die Personen den Kelpies also freiwillig in den Fluss, bevor sie ertränkt werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die gestaltwandlerischen Fähigkeiten sind jedoch nicht alles, was man den Kelpies nachsagt. So soll in Pferdegestalt ihr Schweif mit einem lauten Knall, der an das Donnern eines Gewitters erinnert, auf das Wasser schlagen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem sollen sie die Fähigkeit besitzen, eine Flut herbeizubeschwören, mit der sie Leute in den Fluss reißen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Kelpies haben jedoch nicht nur schlechte Seiten. Neben den wenigen Legenden, die von gutartigen Kelpies handeln, soll es auch die Möglichkeit geben, ein Kelpie einzufangen und als Nutztier zu halten. Sie sind dabei besonders wertvoll, da ein Kelpie die Kraft von zehn normalen Pferden besitzen soll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie man ein Kelpie zähmen kann, ist umstritten. Häufig heißt es jedoch, dass man es schaffen müsse, das Kelpie aufzuzäumen – ihm also Zaumzeug anlegen. Selten wird auch behauptet, dass es sich um ein bestimmtes Zaumzeug handeln muss oder das Zaumzeug z.B. mit einem Kreuz versehen sein muss.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine andere Theorie besagt, dass Kelpie bereits Zaumzeug tragen würden und man es schaffen müsse, ihnen das Zaumzeug abzunehmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als einzige andere Möglichkeit, ein Kelpie zu stoppen, muss man es wahrscheinlich töten. Dies kann man angeblich nur erreichen, indem man es mit einer Silberkugel erschießt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Auch wenn es im Internet häufig heißt, dass Kelpies in allen Gewässern Schottlands vorkommen würden – darunter auch viele Seen wie z.B. Loch Ness – scheint es sich hierbei um eine Verwechslung mit dem recht ähnlichen mythologischen Wasserpferd Each Uisge zu handeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Tatsächlich sollen Kelpies nämlich nur in der Nähe von fließenden Gewässern vorkommen, während Each Uisge Seen und das Meer bewohnen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt Vermutungen, die besagen, dass der keltische Glaube an Wasserpferde generell aus ehemaligen Ritualen hervorgegangen sei, bei denen Menschen als Opfer für die Wassergötter dargebracht wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In späteren Zeiten spielte ein gewisser Lehreffekt sicherlich eine größere Rolle.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So soll die Legende der Kelpies z.B. Kinder davon abbringen, sich Gewässern oder wilden Tieren zu nähern und erwachsene Frauen davor warnen, blind fremden Männern zu vertrauen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wann die Legende der Kelpie selbst entstanden ist, ist jedoch nicht bekannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die erste schriftliche Bezeichnung des mythologischen Wesens als Kelpie (damals noch Kaelpie) soll in einem Manuskript von William Collins gefunden worden sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das genaue Datum habe ich nicht herausfinden können, jedoch ist Collins bereits 1759 im Alter von 37 Jahren gestorben. Das Manuskript muss also irgendwann in den Jahren vor 1759 entstanden sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die mündliche Tradition der Legende könnte jedoch sehr viel älter sein.</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von den Kelpies? Würdet ihr euch trauen, euch einem wilden Pferd zu nähern, wenn es zahm ist? Hätten die weißen Augen euch abgeschreckt? Und wie würdet ihr reagieren, wenn euch ein freundlicher fremder Mann seine Hilfe anbietet? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>



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