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	<title>Schiff Archive - Geister und Legenden</title>
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	<description>In diesem Blog schreibe und veröffentliche ich jeden zweiten Montag eine neue Legende und Geschichte über Geister oder andere übernatürliche Dinge. Viel Spaß beim Gruseln!</description>
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		<title>La Mulata de Córdoba</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 01 May 2023 13:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Geschichten]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Zwar verriet sie niemand an die Inquisition, da die Córdobaner sie respektierten und auf ihre Hilfe angewiesen waren, trotzdem musste Soledad auf der Hut sein. Jede falsche Bewegung, jede falsche Person, die von ihren Fähigkeiten erfuhr, hätte ihren Tod bedeuten können ...</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.geister-und-legenden.de/la-mulata-de-cordoba">La Mulata de Córdoba</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.geister-und-legenden.de">Geister und Legenden</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg09.met.vgwort.de/na/cd7af3d00f8b4d2c835e2f3dc5b75248" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Ich habe lange überlegt, ob ich einen Beitrag über „La Mulata de Córdoba“ schreiben soll, da es zwar eine sehr bekannte mexikanische Legende ist, bei ihr jedoch wegen des Namens ein gewisser Rassismus mitschwingt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dabei ist die Geschichte an sich nicht rassistisch, sondern lediglich die Erzählart der meisten Versionen. Während ich es bei den alten Versionen der Legende verstehen kann, da es dem damaligen Zeitgeist geschuldet ist, finde ich es erschreckend, dass der Rassismus selbst in modernen Varianten weiterhin verwendet wird. So wird Soledad – so heißt die Frau, von der die Geschichte handelt – noch immer fast ausschließlich als „la Mulata“ bezeichnet, obwohl ihr Name bekannt ist. Und auch das Problem der rassistischen Fetischisierung schwingt bei vielen modernen Varianten der Legende mit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das beides habe ich natürlich in meiner Geschichte versucht, zu vermeiden. Und auch, wenn es mal wieder eine nicht-gruselige Legende ist, hoffe ich, dass sie euch trotzdem gefällt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viel Spaß beim Lesen!</p>



<details><summary><strong>Triggerwarnungen</strong></summary>
<p>&#8211; Rassismus</p></details>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Kennt ihr die Legende von la Mulata de Córdoba? Sie handelt von einer Frau, die im 17. oder 18. Jahrhundert in der damals kleinen Küstenstadt Córdoba in Mexiko gelebt hat. Ihr Name war Soledad, was auf Deutsch „Einsamkeit“ bedeutet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Soledad war eine Frau, um die sich viele Mysterien ranken. Niemand weiß, wo sie herkam oder wer ihre Eltern waren. Auch ließ sie niemanden zu nahe an sich heran. Sie hatte keine engen Freunde und obwohl sie fast unnatürlich schön war, hatte sie weder einen festen Freund noch einen Ehemann. Aber sie schien nichts daran ändern zu wollen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was sie hingegen hatte, war eine Gabe. Sie war eine Magierin, einige mögen sagen eine Hexe, die ihre übernatürlichen Fähigkeiten genutzt hat, um den Menschen zu helfen. Sie konnte aus Kräutern und anderen Zutaten Heilmittel herstellen, die selbst unheilbare Krankheiten heilen konnten. Mit Ritualen und Zaubertränken befreite sie Leute von Unglück, brachte Arbeitslosen Arbeit und half getrennten Liebenden wieder zusammenzukommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Leute munkelten sogar, dass Soledad das Wetter manipulieren konnte und ihre unbeschreibliche Schönheit und scheinbar ewige Jugend einzig und allein ihrer Magie entsprang.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch während sie allerlei kleine Wunder für die Menschen vollbrachte, hatte niemand ahnen können, wie mächtig Soledad wirklich war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war jedoch nicht alles rosig in ihrem Leben. Soledad lebte in einer Zeit, als Hexen von der Kirche verfolgt wurden. Zwar verriet sie niemand an die Inquisition, da die Córdobaner sie respektierten und immer mal wieder auf ihre Hilfe angewiesen waren, trotzdem musste Soledad auf der Hut sein. Jede falsche Bewegung, jede falsche Person, die von ihren Fähigkeiten erfuhr, hätte ihren Tod bedeuten können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Also führte sie ein ruhiges, unauffälliges Leben. Sie ließ sich nie etwas zu Schulden kommen, ging regelmäßig in die Kirche und behandelte ihre Mitmenschen stets freundlich und respektvoll, wenn auch immer mit einer gewissen Distanz. Wie ich schon sagte, ließ sie niemanden an sich heran. Das galt besonders für Männer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem versuchten viele Männer ihr Glück bei ihr. Egal ob jung, ob alt, ob reich, ob arm. Es war ihrer Schönheit geschuldet, dass sie viele Verehrer hatte. Und nicht alle von ihnen waren ledig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass die Freundinnen und Ehefrauen besagter Verehrer nicht sonderlich begeistert darüber waren. Auch wenn Soledad jeden Verehrer zurückwies, waren viele ihrer Frauen von Eifersucht geplagt. Sie streuten Gerüchte, um Soledad in ein schlechteres Licht zu rücken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Soledad merkte schnell, dass die Leute hinter ihrem Rücken redeten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Meine Mamá hat gesagt, dass sie eine Hexe ist“, tuschelte eines Tages ein Kind hinter vorgehaltener Hand, als sie über den Marktplatz ging.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ja, mein Papá meinte, er hat sie nachts über die Häuser fliegen sehen. Sie hat dabei wie ein altes Weib gekichert!“, erwiderte ein anderes Kind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zweifelsohne war besagter Papá einer der Männer, die Soledad zurückgewiesen hatte. Trotzdem konnte sie nichts tun, außer die Kinder zu ignorieren und ihren Einkauf fortzusetzen. Alles andere hätte bloß noch mehr Aufsehen erregt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber Córdoba war eine kleine Stadt. Solche Gerüchte hielten sich hartnäckig. Sie breiteten sich aus wie eine stinkende Woge und festigten sich in den Köpfen der Bewohner.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Spätestens, als das Gerücht aufkam, dass Soledad dem Teufel versprochen sei und das der Grund dafür wäre, dass sie keine Männer an sich heranließ, spürte Soledad die Auswirkungen des Geschwätzes.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Leute wurden ihr gegenüber allmählich misstrauisch. Immer weniger Menschen kamen zu ihr, um sie um Hilfe zu bitten. Aber obwohl die Gerüchte einige potentielle Verehrer verschreckten – immerhin wollte niemand es mit dem Teufel zu tun bekommen –, gab es andere, die sich nicht davon beeindrucken ließen. Geblendet von Soledads Schönheit versuchten sie ihr Glück trotzdem bei ihr.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einer dieser Männer war Don Martin de Ocaña, der Bürgermeister von Córdoba. Er war ein reicher Mann, der es gewohnt war, dass er seinen Willen bekam.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und so klopfte es eines frühen Morgens an Soledads Tür. Für sie war das nichts Ungewöhnliches. Die Leute kamen zu jeder Tages- und Nachtzeit zu ihrem Haus, wann immer sie Hilfe benötigten und sich von ihren Nachbarn unbeobachtet fühlten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als Soledad die Tür jedoch öffnete, fiel das Licht ihrer Lampe auf einen bunten Blumenstrauß. Der bunteste Blumenstrauß, den sie je gesehen hatte. Der Bote, der ihr die Blumen entgegenhielt, wirkte im Vergleich fast klein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Für Sie, Soledad. Mit freundlichen Grüßen von Don Martin de Ocaña“, sagte der Bote überschwänglich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Soledad fand die Blumen wunderschön. Bereits aus der kurzen Distanz konnte sie ihren süßen Duft riechen und ihre Farbpracht bewundern. Am liebsten hätte sie sie angenommen, aber sie wusste, dass ein solches Geschenk nie ohne erwartete Gegenleistung kam. Wenn sie den Blumenstrauß annehmen würde, hätte Don Martin de Ocaña das als Einladung gesehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Danke, aber ich kann das Geschenk nicht annehmen“, erwiderte sie. „Richten Sie dem Bürgermeister bitte aus, dass er sein Glück lieber bei einer anderen Frau versuchen soll.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Bote machte große Augen. „Don Martin wird darüber nicht erfreut sein! Bitte, überdenken Sie es noch einmal!“, flehte er sie an. Wahrscheinlich hatte er Angst, dass der Ärger seines Auftraggebers ihn treffen würde, wenn er mit schlechten Nachrichten zu ihm zurückkehrte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber Soledad ließ sich nicht umstimmen. Wenn sie mit dem Bürgermeister gesehen werden würde, würde das sie nur noch mehr ins Rampenlicht rücken. Und so schickte sie den Boten mitsamt den Blumen zurück zu Don Martin de Ocaña.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Bürgermeister war verwirrt. Er war es nicht gewohnt, abgelehnt zu werden. Also entschied er, es noch einmal zu versuchen. Es dauerte keine Woche, bis ein weiterer Bote vor Soledads Tür stand. Er bot ihr die feinsten Kleider an, die sie je gesehen hatte – mit freundlichen Grüßen von Don Martin de Ocaña. Wieder schickte Soledad den Boten mit den Geschenken fort.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es folgten noch einige weitere Geschenke, doch Soledad lehnte sie alle ab. Also entschied Don Martin, die Sache anders anzugehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8212;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war ein angenehm warmer Morgen. Die Sonne schickte ihre warmen Strahlen über den Marktplatz, auf dem Soledad ihre Einkäufe erledigte. Sie war gerade dabei, frisches Obst an einem der Stände zu begutachten, als plötzlich ein Raunen durch die Menge ging.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schnell sah Soledad sich um. Es konnte ja sein, dass die Inquisition gekommen war, weil sie nach ihr suchten. Fast sofort erkannte Soledad, was los war:</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Blumenstrauß, noch größer und bunter als der erste, schob sich durch die Menge auf Soledad zu. Dahinter konnte sie gerade noch so Don Martin erkennen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Soledad, oh schönste aller Blumen, ich weiß jetzt, warum du meine Geschenke abgelehnt hast“, sagte er, sobald er sie erreicht hatte. „Ich war ein Narr. Ich hätte gleich zu Anfang persönlich zu dir kommen sollen. Bitte, nimmst du diese Blumen als Entschuldigung an?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für einen kurzen Moment war Soledad sprachlos. Sie verstand nicht, wie der Bürgermeister sie so missverstanden haben konnte. Kurz bevor die Stille unangenehm wurde, antwortete sie: „Es tut mir wirklich leid, aber ich kann Ihre Blumen nicht annehmen. Bitte verzeihen Sie, Don Martin de Ocaña. Ich bin mir sicher, Sie finden eine andere Frau.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit diesen Worten machte Soledad auf dem Absatz kehrt und eilte, gerade so schnell, dass es nicht unhöflich war, vom Marktplatz.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihr könnt euch sicher vorstellen, wie beschämend die Situation für Don Martin gewesen sein musste. Wie er mit offenem Mund dastand, die Blumen noch immer in den Händen, während alle Augen auf ihn gerichtet waren. Und dann hatte die Frau, die ihn abgelehnt hatte, auch noch eine dunkle Hautfarbe!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Denn ihr müsst wissen, dass Menschen mit einem schwarzen Elternteil zu damaligen Zeiten in Mexiko weniger Rechte hatten. So traurig es auch ist, waren sie nicht selten in den Augen ihrer nicht-schwarzen Mitmenschen weniger Wert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber Don Martin war nicht Bürgermeister von Córdoba geworden, indem er mit Druck und unerwarteten Situationen nicht umgehen konnte. Sofort setzte er zu einem Lachen an. „Ha! Frauen!“, verkündigte er fröhlich. „Man muss sie nicht verstehen!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Scheinbar gut gelaunt, begann er, die Blumen an die Passanten zu verschenken, um von der unangenehmen Situation abzulenken. Innerlich brodelte er hingegen. Fieberhaft überlegte er, wie er sein Gesicht vor dem Volk wahren konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weniger als 24 Stunden später hatte er einen Plan ausgearbeitet. Einen Plan, der ihn wieder in ein gutes Licht rücken und Soledad zum Verhängnis werden sollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Don Martin ließ überall herumerzählen, dass Soledad ihm einen Liebestrank eingeflößt habe, nur um ihn anschließend in aller Öffentlichkeit bloßzustellen. Sie habe es aus purer Boshaftigkeit getan, um seinem Ruf zu schaden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Gerücht breitete sich schneller aus als ein Waldbrand im Hochsommer. Bald behaupteten auch andere Männer, Soledad habe ihnen einen Liebestrank gegeben. Es war perfekt! Endlich hatten sie einen Grund, eine Ausrede, weshalb sie ihren Frauen untreu gewesen waren. Die armen Männer konnten gar nichts dafür. Es war die dunkle Magie einer Hexe, die ihren Verstand vernebelt hatte!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und so kam es, wie es kommen musste. Das Gerücht schlug so hohe Wellen, dass schließlich auch die Inquisition von der vermeintlich bösen Hexe erfuhr, die in Córdoba ihr Unwesen trieb.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als die Inquisition schließlich vor Soledads Tür stand, um sie zu verhaften, leistete die Magierin keinen Widerstand. Unter den zufriedenen und spöttischen Blicken der Córdobaner ließ sie sich abführen. Ihre Nachbarn, die noch Wochen zuvor um ihre Hilfe gefleht hatten, hatten nichts als Verachtung in ihren Augen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einige Jugendliche bewarfen Soledad sogar mit faulem Obst, das süßlich stinkende Flecken auf ihrer Kleidung hinterließ. Sie ließen es aber sofort bleiben, als die Inquisitoren sie mit bösen Blicken straften – wahrscheinlich hatten die heiligen Männer Angst, selbst getroffen zu werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was darauf folgten, waren ein schnelles Gerichtsverfahren und eine Verurteilung zum Tod durch Verbrennung. Der Entschluss des Gerichts stand bereits fest, bevor Soledad auch nur einen Fuß in das Gerichtsgebäude gesetzt hatte. Mit Hexen wurde kurzer Prozess gemacht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und so landete sie noch am selben Tag in einer kalten, ungemütlichen Zelle. Aber während die meisten Menschen in ihrer Situation wohl aufgegeben hätten, entschied Soledad, ein letztes Wunder zu vollbringen, eine letzte Demonstration ihrer Macht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wann immer man ihr etwas zu Essen brachte – es gab nur trockenes Brot, manchmal hatte es schon grüne Flecken –, verwickelte sie den Wachmann in Gespräche.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diesmal war es der Mann, der sie auf Distanz hielt. Er war vor ihr gewarnt worden. Trotzdem verfiel bald auch er ihrer Schönheit. Er genoss es, mit ihr zu reden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst waren es nur Kleinigkeiten. Soledad fragte nach dem Wetter, was es Neues aus der Stadt gab oder was der Wachmann zu Mittag gegessen hatte. Später wurde sie persönlicher. Sie erfuhr, dass der Wachmann allein mit seiner kranken Mutter lebte, gab ihm Ratschläge, wie er sie zu pflegen hatte, und redete mit ihm über seinen toten Vater.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So ging es bis zum Tag vor Soledads Hinrichtung weiter. Der Wachmann hatte eine finstere Miene, während er ihr das trockene Brot brachte. Nach einem verstohlenen Blick legte er ihr außerdem einen frischen Apfel hin, den er reingeschmuggelt hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Für dich“, sagte er mit trockenem Hals. Dann wandte er sich zum Gehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Soledad sprang auf. „Bitte warte!“, flehte sie ihn an, blieb aber auf Abstand, um ihn nicht zu verunsichern. „Würdest du mir einen Gefallen tun?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Wachmann wandte sich ihr wieder zu. Misstrauisch sah er sie an. Hatte Soledad ihn noch nicht genug um den Finger gewickelt?</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was willst du?“, fragte er nach einer gefühlten Ewigkeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nicht viel. Nur eine Kleinigkeit. Würdest du mir bitte ein Stück Holzkohle bringen? Sieh es als meinen letzten Wunsch!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Wachmann wusste nicht, was sie damit vorhatte. Er überlegte fieberhaft hin und her. Brauchte sie es für irgendeine Art Zauber? Aber was konnte sie mit einem einzigen Stück Kohle schon ausrichten? Also kam er ihrer Bitte schließlich nach.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Soledad dankte ihm überschwänglich. Sobald der Wachmann fort war, nahm sie das Stück Kohle und hockte sich vor eine Wand, wo sie sofort zu zeichnen begann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie ruhte in jener Nacht nicht eine Sekunde. Wie im Wahn malte sie weiter und weiter. Ein Kohlestrich präziser als der nächste zeichnete sie einen Schiffsbug an die Wand. Dann folgten die Masten, die Segel und schließlich das Lenkrad und die Seile.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als der Wachmann am nächsten Morgen wiederkam, saß Soledad müde lächelnd auf der unbequemen Matratze, die ihr Bett darstellte. Mit einer Gelassenheit, die eine zum Tode Verurteilte nicht haben sollte, stand sie auf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ist es so weit?“, fragte sie den Wachmann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dieser nickte bloß traurig. Man sah ihm an, dass er keine Freude daran hatte, Soledad zu ihrem Scheiterhaufen bringen zu müssen. Dann bemerkte er die Kohlezeichnung an der Wand. Staunend stand er davor. Noch nie in seinem Leben hatte er ein solches Kunstwerk gesehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Fehlt dem Schiff irgendetwas?“, fragte Soledad.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Wachmann war nicht in Eile, während er das Schiff genau betrachtete. Er war froh, dass er Soledad noch ein paar wenige Sekunden Leben schenken konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als er das Schiff schließlich fertig studiert hatte, wandte er sich wieder Soledad zu. „Es ist perfekt. Nicht ein einziges Seil fehlt deinem Schiff. Alles, was ihm jetzt noch fehlen könnte, wäre, dass es die Segel setzt.“ Ein trauriges Lächeln lag auf seinem Gesicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Soledad erwiderte sein Lächeln, nur das ihres sehr viel wärmer und fröhlicher wirkte. „Wenn das dein Wunsch ist, wird das Schiff Segel setzen“, antwortete sie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann trat sie – so besagt es die Legende – in die Wand hinein. Mit einem Satz sprang sie, nun selbst eine Kohlezeichnung, auf das Schiff, wo sie beim Steuerrad landete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ungläubig starrte der Wachmann sie an, wie sie ihren kleinen Kohlearm hob, um ihm zuzuwinken. Die Segel des Schiffes blähten sich auf, als würde ein Wind in sie blasen, und das Schiff segelte langsam davon. Der Wachmann konnte nur zusehen, wie das Schiff in der nächsten Zellwand verschwand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war das letzte Mal, dass Soledad in Córdoba gesehen wurde. Einige Leute sagen, dass sie an jenem Tag zu ihrem Ehemann, dem Teufel zurückgekehrt sei. Aber das glaube ich nicht. Wenn Soledad wirklich dem Teufel versprochen war, wieso war sie dann solch ein gutherziger Mensch? Wieso sollte sie all die Jahre den Leuten aus Córdoba geholfen haben, wenn sie angeblich böse war?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich glaube viel eher, dass sie sich einen neuen Ort zum Leben gesucht hat. Eventuell ist sie zu ihrer Familie zurückgekehrt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und wer weiß, wenn die Gerüchte wirklich stimmen, dass Soledad dank ihrer Magie nicht gealtert ist, vielleicht lebt sie dann ja sogar noch heute unter uns.</p>



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<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">La Mulata de Córdoba ist eine alte <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Legende</a> aus Córdoba in Veracruz, Mexiko. Sie handelt von einer wunderschönen und mächtigen Magierin, die, obwohl sie den Leuten eigentlich nur geholfen hat, als Hexe zu Tode verurteilt wurde.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Kurze Anmerkung zum Wort „Mulata“:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Ich verzichte in diesem Fall auf eine Übersetzung des Wortes, da ich kein rassistisches Vokabular verbreiten möchte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Spanischen sieht es mit dem Wort „Mulata“ jedoch etwas anders aus als in anderen Sprachen. Obwohl sein Ursprung eindeutig rassistisch ist (das Wort kommt von „Mulo“, Spanisch für „Maultier“), nutzen dort viele Mixed People (Leute mit Eltern unterschiedlicher ethnischer Abstammung) das Wort mit Stolz. Sie haben es sich also zu gewissen Teilen angeeignet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem ist das Wort keinesfalls unbefangen und es gibt auch eine Gegenbewegung, die das Wort weiterhin als rassistisch auffasst und aus dem Wortschatz verbannen möchte.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ablauf:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Legende von La Mulata del Córdoba spielt im 17. oder 18. Jahrhundert. Damals lebte eine Frau namens Soledad (Spanisch für „Einsamkeit“) in Córdoba, die von den Leuten jedoch nur „la Mulata“ genannt wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Soledad soll wunderschön gewesen sein. Sie hatte magische Fähigkeiten, mit denen sie den Leuten half. Und auch ihre scheinbar ewig währende Jugend und Schönheit schrieb man ihrer Magie zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gleichzeitig wusste niemand etwas über sie. Man wusste nicht, woher sie kam, wer ihre Eltern waren oder woher sie ihr Wissen und ihre Magie bezog. Es gab sogar Gerüchte, dass sie eine Hexe sei, die mit dem Teufel im Bunde ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem meldete niemand Soledad bei der Kirche oder der Inquisition, da sie ihnen bei ihren Problemen half und ein gutes Leben führte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch wie es oft mit dem Übernatürlichen und Unerklärlichen ist, war Soledads ruhiges Leben nicht von Dauer. Aufgrund ihrer Schönheit hatte sie viele Verehrer, deren Freundinnen und Ehefrauen ihr gegenüber schnell eifersüchtig wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie verbreiteten Gerüchte über sie, dass sie nachts durch die Luft flöge, dabei unheimlich lache und dass Satan in ihrem Haus ein und ausginge. Da sie kein Interesse an den Männern zeigte, die ihr Glück bei ihr versuchten, kam sogar das Gerücht auf, dass sie dem Teufel als Ehefrau versprochen sei.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Mann, der Soledad schließlich zum Verhängnis wurde, war der Bürgermeister von Córdoba: Don Martin de Ocaña. Er umwarb Soledad und beschenkte sie mit teuren Geschenken, um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. Doch Soledad blieb auch ihm gegenüber kalt und gab ihm keine Chance.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das machte Don Martin de Ocaña wütend. So wütend, dass er ihr die Inquisition auf den Hals hetzte. Kurz darauf wurde Soledad wegen Hexerei verhaftet und zum Tod durch Verbrennung verurteilt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als Soledad im Gefängnis saß, wartete sie jedoch nicht tatenlos auf ihre Hinrichtung. Stattdessen bat sie einen Wächter um ein Stück Kohle. In einigen Versionen hat sie sich dafür mit ihm angefreundet, in anderen reichte ihre Schönheit aus und in wieder anderen war das Stück Kohle ihr letzter Wunsch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sobald sie die Kohle hatte, machte sie sich sofort an die Arbeit. Sie begann, ein Schiff an die Wand ihrer Zelle zu malen. Und zwar in solcher Präzision, dass jedes einzelne Stück Stoff, jede Planke und jedes Detail da waren. Sie brauchte hierfür entweder mehrere Tage oder fertigte die komplette Zeichnung in der Nacht vor ihrer Hinrichtung an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als sie schließlich zur Hinrichtung abgeholt werden sollte, zeigte sie dem Wachmann ihr Werk. Sie fragte ihn, ob an der Zeichnung irgendetwas fehle.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Wachmann nahm sich Zeit, die Zeichnung anzusehen. Er betrachtete sämtliche Details, bis er schließlich meinte, dass an dem Schiff alles dran sei. Das Einzige, was fehle, wäre, dass es Segel setzte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Daraufhin erwiderte Soledad, dass, wenn das so wäre, das Schiff Segel setzen solle.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vor den Augen des Wachmanns sprang die Frau plötzlich in die Wand und stand als Kohlezeichnung auf dem Schiff. Das Schiff segelte los und verschwand zusammen mit Soledad in der Zellenwand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Manchmal endet die Geschichte an dieser Stelle. In anderen Fällen heißt es, dass der Wachmann vor Schock gestorben oder wahnsinnig geworden sei. Manchmal sollte statt des Wachmanns auch ein Mitglied der Inquisition Soledad aus ihrer Zelle holen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darüber, ob Soledad nun wirklich eine böse Hexe war, die mit dem Teufel im Bunde war, oder eine gutmütige Frau mit magischen Fähigkeiten, gibt es verschiedene Aussagen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ort des Geschehens:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">La Mulata de Córdoba spielt, wie der Name schon sagt, in Córdoba, einer Stadt in Veracruz, Mexiko.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Zu dem Ursprung von La Mulata del Córdoba habe ich erstaunlich wenig herausfinden können. Zwar gab es zur Kolonialzeit in Mexiko durchaus Hinrichtungen von vermeintlichen Hexen, aber ob eine Frau namens Soledad darunter war, ist nicht bekannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und auch den Namen des Bürgermeisters Don Martin de Ocaña habe ich nur im Zusammenhang mit der Legende gefunden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich weiß nur, dass schriftliche Aufzeichnungen der Legende bereits seit über 200 Jahren existieren. Mündliche Überlieferungen könnten sogar noch älter sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem ist die Legende in der Literatur und Kunst weit verbreitet. So gibt es bereits viele, hauptsächlich mexikanische Kunstschaffende und Schriftstellende, die die Legende in ihren Bildern und Geschichten behandelt haben. Auch gibt es ein Theaterstück und eine Oper, die die Legende nacherzählen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Film „La Mulata de Córdoba“ von 1945 hingegen hat hingegen nichts mit der Legende zu tun.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was vielleicht auch noch interessant ist, ist ein mexikanisches Sprichwort, das sich auf die Legende bezieht. Wenn jemand um etwas Unmögliches gebeten wird oder etwas gefragt wird, das er nicht wissen kann, so kann er antworten: „Yo no soy la Mulata de Córdoba!“ (Spanisch für: „Ich bin nicht la Mulata de Córdoba!“)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von der Legende? Wie hat euch meine Geschichte dazu gefallen? Denkt ihr, dass Soledad eine böse Hexe war oder zu Unrecht beschuldigt wurde? Was glaubt ihr, ist mit ihr passiert, nachdem sie mit dem Schiff verschwunden ist? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Wenn ihr regelmäßig solche Geschichten oder Legenden lesen wollt, unterstützt mich auf <a href="https://www.patreon.com/geisterlegenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Patreon</a>, abonniert meinen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/newsletter" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Newsletter</a> oder folgt mir auf <a href="https://twitter.com/geisterlegenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Twitter</a>, <a href="https://www.facebook.com/geisterlegenden/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Facebook</a> oder <a href="https://www.instagram.com/geisterlegenden/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Instagram</a>!</em></p>
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		<title>Der Kraken</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jeremie Michels]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 01 Jun 2020 13:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Geschichten]]></category>
		<category><![CDATA[Monster und Ungeheuer]]></category>
		<category><![CDATA[Seeungeheuer]]></category>
		<category><![CDATA[Legende]]></category>
		<category><![CDATA[männlicher Protagonist]]></category>
		<category><![CDATA[Meer]]></category>
		<category><![CDATA[Monster]]></category>
		<category><![CDATA[nordische Legende]]></category>
		<category><![CDATA[Ozean]]></category>
		<category><![CDATA[Schiff]]></category>
		<category><![CDATA[Ungeheuer]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Jetzt brach Panik aus. Ich hörte dumpfe Schreie und einige Angestellte, die lautstark versuchten, die Passagiere zu beruhigen. Es klang nach völligem Chaos. Von den Lektionen der Seenotrettungsübung, die wir kurz vor Beginn der Fahrt mitmachen mussten, war nichts mehr zu sehen ...</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<img decoding="async" src="https://vg08.met.vgwort.de/na/4d3acfe4d08a4ec194deba8a18f1960a" width="1" height="1" alt="" class="wpvgw-marker-image" loading="eager" data-no-lazy="1" referrerpolicy="no-referrer-when-downgrade" style="display:none;" class="skip-lazy"/> 
<p class="wp-block-paragraph">Der Kraken ist mein erster Blogbeitrag über ein <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/seeungeheuer" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Seeungeheuer</a>. Bisher habe ich mich nicht an Seefahrtslegenden herangetraut, da ich mich wenig bis gar nicht mit der Seefahrt oder Schiffen auskenne. Trotzdem werde ich in Zukunft versuchen, mich mehr darüber zu informieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">(Solltet ihr irgendwelche guten Bücher, Internetseiten, Videos oder Dokus über die Seefahrt kennen, würde ich mich sehr über eine Nachricht freuen!)</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Geschichte:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Es war spät am Abend, als ich von einem seltsamen Geräusch geweckt wurde. Erst wusste ich nicht, ob ich es bloß geträumt hatte, doch dann ertönte es erneut: Ein lautes Ächzen, als würde Metall unter großer Spannung stehen, zog durch die gesamte Oceans Pride – das Kreuzfahrtschiff, auf dem mein Mann und ich unsere Flitterwochen verbrachten. Konnte das an dem Sturm liegen, der draußen wütete?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann gab es einen plötzlichen Ruck, der mich fast aus dem Bett schleuderte. Möbel kippten um. Irgendwo in der Kabine ging etwas zu Bruch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Panisch tastete ich nach dem Lichtschalter. Doch als ich ihn betätigte, geschah nichts. Hatten wir Stromausfall?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich merkte bereits, wie mein Puls anstieg, als eine Durchsage startete:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Hier spricht der Kapitän. Wir möchten Sie bitten, Ruhe zu bewahren und sich auf Ihre Kabinen zu begeben. Das Personal wird Ihnen …“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein erneuter Stoß erschütterte das Schiff.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Kap’tän, was ist das?“</em>, ertönte eine andere leisere Stimme durch die Lautsprecher.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Heilige Scheiße!“</em>, hörte ich den Kapitän fluchen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann herrschte Stille – jedoch nur für einen Moment. Kurz darauf war wieder das Ächzen zu hören – dicht gefolgt von einem lauten, metallischen Knacken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt brach Panik aus. Ich hörte dumpfe Schreie und einige Angestellte, die lautstark versuchten, die Passagiere zu beruhigen. Es klang nach völligem Chaos. Von den Lektionen der Seenotrettungsübung, die wir kurz vor Beginn der Fahrt mitmachen mussten, war nichts mehr zu sehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>‚Mein Mann!‘</em>, schoss es mir in den Kopf. Chris war noch mit einigen Freunden an die Bar gegangen, während ich mich auf die Kabine zurückgezogen hatte!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Fieberhaft dachte ich darüber nach, was ich tun sollte. Niemals hätte ich damit gerechnet, dass das Kreuzfahrtschiff während unserer Hochzeitsreise einen Unfall haben würde. Meine schlimmsten Befürchtungen waren homophobe Bemerkungen oder schlechtes Essen gewesen …</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was würde mein Mann tun? Würde er zur Kabine kommen? Aber was, wenn er direkt zu der uns zugewiesenen Musterstation – den Stationen, wo sich die Rettungsboote befanden – rennen würde? Nein. Ich musste ihn suchen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Panisch eilte ich zur Tür. Ich warf mir einen Bademantel über und trat in den Flur.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dort funktionierte der Strom noch. Ruhige klassische Musik mischte sich unter die Schreie, die jetzt nicht mehr gedämpft waren, und erzeugte einen merkwürdigen Kontrast.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch konnte ich jetzt die ersten Leute erkennen, die hektisch durch den Gang rannten. Einer von ihnen wäre direkt in mich hinein gelaufen, wäre ich nicht beiseite gesprungen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann ertönte wieder dieses seltsame ächzende Geräusch. Sein Echo hallte gespenstisch durch die Gänge, während die Lichter flackerten und der Boden begann, sich in eine Schräglage zu bringen. Ich hatte keine Zeit zu verlieren! Ich musste meinen Mann finden!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf dem Weg stieß ich immer wieder mit Leuten zusammen, die in Gruppen durch die Gänge hetzten und keine Rücksicht auf Gegenverkehr nahmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zweimal begegneten mir Mitarbeiter, die erfolglos in mehreren Sprachen die Leute dazu aufforderten, ruhig zu bleiben und ihre Rettungswesten aus den Kabinen zu holen oder sich zu den Musterstationen zu begeben. Ich ignorierte sie ebenfalls.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann erreichte ich endlich die Bar. Überall lagen zerbrochenes Geschirr und Besteck am Boden. Essen und Flüssigkeiten liefen zusammen und bildeten schleimige Pfützen. Viele der Stühle waren umgekippt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Es tut mir leid. Ich spreche kein Spanisch. Sie müssen die Rettungsweste aus ihrer Kabine holen!“, redete eine Kellnerin wild auf einen Mann ein. Sie war noch sehr jung. Vielleicht sogar noch eine Teenagerin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„¡Pero mi familia! ¿Donde estan mi hijo y mi madre?“, schrie der Mann völlig aufgelöst.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich eilte zu ihnen. „Entschuldigung. Mein Name ist Michael. Haben Sie vielleicht meinen Ehemann Chris gesehen?“, fragte ich schnell. „Groß, braune Haare, braune Augen. Er trägt eine Jeans und ein weißes Hemd!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sir, Sie beschrieben fast ein Drittel der Männer, die sich an Bord befinden“, erwiderte sie schnell, bevor sie sich wieder an den Spanier wandte, der noch immer wild auf sie einredete: „Señor, ich spreche kein Español!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wissen Sie vielleicht, was los ist. Ich will doch nur zu meinem Mann!“, jammerte ich panisch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich bemerkte erst, wie überfordert die Frau selbst war, als sie in Tränen ausbrach. Doch mir blieb keine Zeit, sie zu trösten. Nicht nur, dass das Schiff inzwischen eine solche Schräglage erreicht hatte, dass die Stühle und das kaputte Geschirr anfingen, über den Boden zu rutschen, draußen zuckte auch noch ein Blitz durch die Luft und erhellte für einen kurzen Moment die Terrasse, die zur Bar und dem Restaurant gehörten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„¡Dios mío!“, schrie der Spanier und ergriff die Flucht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich war stocksteif vor Anspannung, den Blick nach draußen in die Dunkelheit gerichtet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Sir. Bitte, wir müssen hier weg!“, schrie die Kellnerin mir entgegen, während Sie jetzt an meinem Arm zerrte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Haben Sie eine Taschenlampe?“, fragte ich ganz ruhig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Haben Sie eine Taschenlampe?“, fuhr ich sie an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hinter der Bar, aber …“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Holen Sie sie!“, befahl ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie protestierte nicht weiter, sondern rannte zur Theke. Sofort kam sie mit einer großen, schwarzen Taschenlampe zurück.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich nahm sie, schaltete sie ein und leuchtete nach draußen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Das … Das ist nicht möglich …“, hauchte die Kellnerin. Ihr ohnehin schon bleiches Gesicht hatte jetzt sämtliche Farbe verloren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Draußen auf der Terrasse lag ein gigantischer, orange-beiger Tentakel. Riesige Saugnäpfe hatten sich an das Deck geheftet, während die Muskeln angespannt zudrückten. Wie es aussah, hatte sich ein Tintenfisch um das Schiff gewickelt. Es war aber nicht irgendein einfacher Oktopus, es war ein gigantischer Riesenkrake, wie man ihn sonst nur aus Geschichten kannte!</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wir müssen hier weg!“, drängte die Kellnerin, während wir beobachteten, wie der Tentakel sich bewegte. Wieder ertönte das ächzende Geräusch. „Zu welcher Musterstation müssen Sie?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„M7“, sagte ich schnell, „Aber denken Sie, dass das noch irgendwen interessiert?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Haben Sie nicht gesagt, dass Sie ihren Mann suchen? Wo denken Sie sonst, dass er hinrennt? Folgen Sie mir!“, erwiderte die Kellnerin und packte wieder meinen Arm. Diesmal leistete ich keinen Widerstand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während wir durch den Flur stolperten, war die Schräglage des Boots bereits so steil, dass wir uns am Geländer festhalten mussten, um nicht abzurutschen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die klassische Musik spielte noch immer, und jetzt, wo man keine Schreie mehr hören konnte, fühlte ich mich, wie in einem Film, in dem dramatische Szenen mit Mozart oder Beethoven unterlegt wurden. Nur, dass das hier kein Film war, es war die grausame, bittere Realität.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Hier jetzt links. Wir müssen die Treppe runter“, sagte die Kellnerin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zum Glück war der Gang auf der Seite, auf der sich das Geländer befand. Die Treppen stellten hingegen ein größeres Problem dar: Aufgrund der Neigung, die das Schiff inzwischen erreicht hatte, verlor man auf den Stufen schnell den Halt. Ich klammerte mich mit aller Kraft an das Treppengeländer, während meine Füße wieder und wieder wegrutschten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vor meinem geistigen Auge bildete sich ein gigantischer Krake ab, der das Kreuzfahrtschiff fest umschlungen hatte. Was, wenn das Ungetüm kräftig genug war, um das Schiff entzweizubrechen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich auf der Hälfte der Stufen war, ertönte plötzlich ein erneuter metallischer Knall, der durch das Schiff hallte. Der Ruck, der damit einherging, erwischte mich völlig unerwartet. Ich purzelte und fiel wie ein fallengelassenes Stofftier die Treppen hinunter, knallte schmerzhaft auf jede Stufe, bis ich mit einem dumpfen Knall gegen eine Wand donnerte. Gleichzeitig erlosch das Licht und mich traf etwas Hartes am Kopf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ist alles in Ordnung bei Ihnen?“, schrie die Kellnerin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit jedem Herzschlag raste ein pochender Schmerz durch meinen gesamten Körper, doch es schien nichts gebrochen zu sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ja … Ja, ich denke schon!“, erwiderte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Scheiße, ich hab die Taschenlampe verloren. Eben hatte ich sie noch!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war also das Objekt, mit dem mein Kopf eben Bekanntschaft gemacht hatte …</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Meinen Sie diese hier?“, fragte ich, nachdem ich sie wiedergefunden hatte. Ich schaltete sie ein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Gott sei dank!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich leuchtete ihr, sodass sie zu mir herabsteigen konnte. Dann half sie mir auf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Können Sie laufen?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich belastete nacheinander meine Beine. Auch wenn es wehtat, war der Schmerz erträglich. „Ja. Wir müssen weiter!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als wir in den unteren Gang traten, hörte ich wieder Stimmen in der Ferne. Es waren deutlich weniger, als vorhin, doch ich hörte weiterhin Leute schreien und um Hilfe rufen. Dann bemerkte ich ein anderes Geräusch: ein leises Plätschern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unsicher leuchtete ich den Gang hinab. Das Schiff schien sich langsam mit Wasser zu füllen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Fuck!“, fluchte die Kellnerin. „Wenn das Schiff vollläuft … Oh Gott, was, wenn das Schiff durchbricht?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vor meinem geistigen Auge zeigte sich wieder das Szenario, wie der Riesenkrake das Schiff zerbrach und mir sich in die Tiefe zerrte. Nie hätte ich gedacht, dass das je ein realistischer Gedanke sein könnte, doch jetzt … Hoffentlich hatte Chris es bereits auf eines der Rettungsboote geschafft! Aber was, wenn er zurück zur Kabine gelaufen ist, um mich zu holen …?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein erneutes Ächzen riss mich aus den Gedanken. Wir durften keine Zeit verlieren!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Kellnerin und ich rannten weiter. Jetzt, wo wir die durch die Schräglage entstandene Steigung aufwärts mussten, kamen wir deutlich langsamer voran.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Da liegt einer!“, kreischte die Kellnerin. Ich hatte ihn auch gesehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort rannten wir zu dem Mann. Er war bereits älter, wie ich aus seinen grauen Haaren und den Falten schloss. Seine blauen Augen waren weit aufgerissen und er atmete nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem ich seinen Puls gefühlt hatte, hatten wir Gewissheit: „Er ist tot.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Oh Gott!“, jammerte die Kellnerin. Doch anstatt weiterzulaufen, kauerte sie sich am Boden zusammen. „Wir werden auch sterben, oder?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„N-Nein! Hören Sie … Wie ist Ihr Name?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Kathy.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Kathy. Sie werden nicht sterben! Wir sind fast bei der Musterstation, richtig? Ich verspreche Ihnen, dass wir in ein paar Minuten gemeinsam in einem Rettungsboot sitzen werden. Dann müssen Sie sich nur noch Sorgen darum machen, dass sie es einige Stunden mit mir darin aushalten müssen!“ Ich zwang mich zu einem kurzen Lächeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Okay“, erwiderte Kathy. Sie war stark für ihr Alter. Nachdem sie ihre Tränen weggewischt hatte, stand sie auf und eilte mit mir weiter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Endlich nährten wir uns unserem Ziel. Durch die Fenster hatte ich bereits gesehen, dass bei den Musterstationen Panik ausgebrochen war, doch welches Chaos dort wirklich herrschte, erkannte ich erst, als wir bei Musterstation M7 nach draußen rannten:</p>



<p class="wp-block-paragraph">Von der Ordnung, die uns bei der Seenotrettungsübung beigebracht wurde, fehlte jede Spur. Nicht nur, dass die Leute panisch durcheinanderliefen, -stolperten und -fielen, von den Angestellten nichts zu sehen war und ich sogar einige Menschen sah, die in dem Durcheinander über die Reling gestoßen wurden. Dort, wo die Rettungsboote hingen, zappelte stattdessen die Spitze eines gigantischen Tentakels übers Deck und warf jeden Menschen von Bord, den er packen konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Die Rettungsboote können wir vergessen! Kommen Sie, weiter hinten sind Rettungsflöße, die wir nehmen können!“, schrie Kathy mir über die Schreie zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch ich reagierte nicht. Stattdessen suchte ich fieberhaft nach meinem Mann. „Chris? Chris, wo bist du?“, brüllte ich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kathy packte mich wieder am Arm. „Kommen Sie! Sie müssen sich in Sicherheit bringen. Tot nützen Sie Ihrem Mann auch nichts!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie hatte recht. Bei dem Durcheinander und dem schwachen Licht würde ich Chris niemals finden. Stattdessen redete ich mir ein, dass er sicherlich schon auf einem der Rettungsboote sein würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kathy und ich rutschten mehr über das klitschnasse Deck, als dass wir rannten. Trotzdem kamen wir den Behältern mit den Rettungsflößen immer näher.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir waren fast da, als ein lautes Ächzen ertönte. Es war langgezogener als die bisherigen. Dann bebte plötzlich das gesamte Schiff. Ein lautes Knirschen und mehrere leisere Knalle ertönten, bis ein gewaltiger Ruck durch den Boden fuhr. Die Oceans Pride kippte wieder in eine waagerechte Position zurück und schleuderte mich zu Boden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Blick war starr auf den Fleck gerichtet, wo eben noch die Rettungsflöße waren. Dort war nur noch Luft … Das Schiff war gerade entzweigebrochen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Scheiße, was machen wir jetzt?“, fluchte ich, während ich mich zu Kathy umdrehte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch von Kathy fehlte jede Spur. Sie war eben rechts von mir gewesen, genau an der Stelle, wo das Geländer fehlte. Sie war doch nicht …!</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Kathy!“, brüllte ich und kroch zum Rand des Schiffs.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Wasseroberfläche näherte sich schnell, während sich das Schiff mit Wasser füllte. Dann sah ich Kathy ganz in der Nähe eines treibenden Rettungsboots aus dem Wasser stoßen. Sie strampelte, wurde unter Wasser gerissen, tauchte wieder auf. Sie würde es nicht zum Boot schaffen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Kathy!“, schrie ich erneut. Ich sah sie nicht mehr. Aber was sollte ich tun? Ich konnte sie nicht ertrinken lassen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Magen krampfte sich zusammen, als ich zum Sprung ansetzte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Obwohl es gar nicht so hoch aussah, durchfuhr meine Beine ein heftiger Schmerz, als ich auf die Wasseroberfläche knallte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sofort wurde ich von der Wucht des Aufpralls unter Wasser gerissen. Ich trat um mich, strampelte mit den Armen. Wo war die Oberfläche.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich dachte schon, dass es das Ende wäre, als mein Kopf aus dem Wasser stieß. Gierig schnappte ich nach Luft, während ich hin und her gewirbelt wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Kathy! Kathy, wo sind Sie?“, schrie ich aus voller Lunge.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch sie war fort. Ich hoffte so sehr, ihren Ruf zu hören, erinnerte mich an mein Versprechen, mit ihr gemeinsam im Rettungsboot zu sitzen … Das Rettungsboot!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch wenn ich Kathy nicht mehr retten konnte, würde ich wenigsten mich selbst retten können!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich versuchte, loszuschwimmen, merkte ich, dass mein Bein sich in etwas verfangen hatte. Es fühlte sich weich an, wie eine Art Tuch oder Plane.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst, als der Kraken mit seinem Tentakel zudrückte, erkannte ich, was es wirklich war …</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Legende:</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Kraken (altnorwegisch für „Krake“ oder „Oktopus“), häufig auch Riesenkrake genannt, ist eine alte Seefahrtslegende, die seit Jahrhunderten in vielen verschiedenen Mythologien existiert.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aussehen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Anders, als der Name vermuten lässt, handelt es sich bei dem Kraken bzw. Riesenkraken nicht immer um einen Oktopus, sondern häufig auch um einen Riesenkalmar.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihre Größe kann stark variieren. So wurden sie früher teilweise als mehrere Kilometer lang bezeichnet oder gar mit schwimmenden Inseln verglichen, bis sie mit der Zeit deutlich kleiner gemacht wurden – jedoch immer noch groß genug, um Schiffe zu umschlingen und zu versenken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem wurden dem Kraken manchmal noch weitere Merkmale, wie z.B. Hörner oder ein riesiges, mit spitzen Zähnen besetztes Maul nachgesagt, die man normalerweise nicht bei den uns bekannten Kopffüßlern findet.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eigenschaften:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der Kraken ist dafür berüchtigt, große Schiffe zu zerstören und mit sich in die Tiefe zu ziehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das bekannte Bild eines Riesenkraken, der ein Schiff umschlingt, wie wir es aus Filmen, Videospielen, Büchern und von Bildern kennen, entspricht ziemlich genau dem Verhalten, das man dem Kraken zuschreibt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Neben großen Schiffen soll der Kraken aber auch kleinere Boote angegriffen haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In anderen <a href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/urbane-legenden" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Legenden</a> heißt es, dass der Kraken die Schiffe gar nicht selbst versenken würde, sondern einen riesigen Malstrom erzeugen könne, der die Schiffe nach unten ziehe. Hin und wieder wird auch behauptet, der Malstrom entstehe immer, wenn der Kraken abtauche.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Motivation dafür, warum der Kraken die Schiffe versenkt, wurde in den meisten Erzählungen hingegen ausgelassen. Wenn sie jedoch erwähnt wurde, heißt es fast immer, dass der Kraken die Seeleute an Bord des Schiffes fressen wollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Kraken wird aber nicht immer nur als böse bezeichnet. In einigen Legenden heißt es, dass er stets von gewaltigen Fischschwärmen begleitet wurde. So würden Fischer, die mutig genug waren, sich dem Seeungeheuer zu nähern, mit einem reichen Fang belohnt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie bei vielen Legenden, die so als und so weit verbreitet sind, wie die Legende der Riesenkraken, gibt es natürlich auch einige Geschichten, die völlig absurd klingen. So soll z.B. die Kirche im Mittelalter das Gerücht verbreitet haben, dass der Kraken erst wieder abtauchen würde, nachdem man auch seinem Rücken eine vollständige Messe abgehalten habe.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Lebensraum/Vorkommen:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der hauptsächliche Lebensraum des Kraken soll der Atlantische Ozean sein. Besonders vor den Küsten Norwegens und Grönlands – was wahrscheinlich auf den nordischen Ursprung der Legende zurückzuführen ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn man jedoch nach den Riesenkalmaren – einer tatsächlich lebenden Kalmarenart – geht, wäre der Kraken in allen Ozeanen der Erde anzutreffen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprung:</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Legende des Kraken ist bereits sehr alt. Bereits im 7. Jahrhundert vor Christi berichtete Homer in seiner Odyssee von einem Wesen – der Skylla –, das viele Arme besitzt und Seeleute frisst. Jedoch soll die Skylla – im Gegensatz zum Kraken – Köpfe an ihrem Armen besessen haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem kommen derartige Geschichten als Ursprung des Kraken in Erwägung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch wäre es möglich, dass der Kraken bloß eine Abwandlung normaler Tintenfische oder Oktopoden ist, die im Stil des klassischen Seemannsgarns zu gewaltigen <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.geister-und-legenden.de/geschichten/monster-und-ungeheuer" target="_blank">Monstern</a> herangewachsen sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Andererseits besteht auch die Möglichkeit, dass es sich bei dem Kraken um eine reale Kreatur handelt. So gibt es z.B. Risenkalmare, die eine Länge von mindestens 13 Metern erreichen können. Diese können sogar Wale töten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und auch, wenn Riesenkalmare wahrscheinlich nicht in der Lage wären, ein Schiff zu versenken, könnte ein an Land gespülter Kadaver eines solchen Tieres der Stoff von Legenden geworden sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Außerdem kann niemand so genau sagen, welche tatsächlichen Seeungeheuer noch unentdeckt in den Weltmeeren lauern …</p>



<hr class="wp-block-separator"/>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was haltet ihr von der Legende des Kraken? Denkt ihr, dass es bloßer Seemannsgarn ist, oder glaubt ihr, dass solche Kraken tatsächlich existieren oder existiert haben? Wie findet ihr Seefahrtslegenden generell? Schreibt es in die Kommentare!</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Wenn ihr mehr solche Geschichten oder Legenden lesen wollt, abonniert auch gerne meinen&nbsp;<a rel="noreferrer noopener" href="https://www.geister-und-legenden.de/newsletter" target="_blank">Newsletter</a>, oder folgt mir auf&nbsp;<a rel="noreferrer noopener" href="https://twitter.com/geisterlegenden" target="_blank">Twitter</a>,&nbsp;<a rel="noreferrer noopener" href="https://www.facebook.com/geisterlegenden/" target="_blank">Facebook</a>&nbsp;oder <a rel="noreferrer noopener" href="https://www.instagram.com/geisterlegenden/" target="_blank">Instagram</a></em>.</p>
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